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Julias Versprechen

Über die Autorin

Marcia Willett, in Somerset geboren, studierte und unterrichtete klassischen Tanz, bevor sie ihr Talent für das Schreiben entdeckte und sich zu einer außergewöhnlichen Erzählerin entwickelte, die THE TIMES als »eine authentische Stimme ihrer Zeit« feierte.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Südengland, dem Schauplatz vieler ihrer Romane.

Marcia Willett

Julias
Versprechen

Roman

Aus dem Englischen
von Christa Prummer-Lehmair
und Rita Seuß

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

Februar 1976

»Nach Westen.« Die Straße machte eine scharfe Kurve, bevor sie sich plötzlich gabelte. Das verwitterte Verkehrsschild, fast verdeckt von den ausladenden kahlen Zweigen einer alten Weißdornhecke, war kaum zu entziffern, aber sie fuhr unbeirrt weiter. Sie kannte die Straße und das Schild mit dem Hinweis »Nach Westen«. Diese Worte hatten sie schon immer in prickelnde Erregung versetzt. Seit ihrer Kindheit beschworen sie Bilder geheimnisvoller Hügellandschaften, hoher Zinnen und Türme herauf, überstrahlt von goldenem Licht, umspült von den glänzenden Fluten des aquamarinblauen Meers, Bilder von einem magischen Ort, der ihr Zuflucht bot vor dem Unglück ihrer kleinen Welt. Die romantischen Minnesagen aus den Burgen und Schlössern Shropshires und Herefordshires sowie der Walisischen Marken und die aufwühlenden Erzählungen von erbitterten Schlachten und blutigen Hinterhalten in den Festungen kannte sie von ihrem Großvater, einem Nachkommen des großen Roger de Mortimer, Baron von Wigmore, Markgraf und Herr von Brecon, Radnor und Ludlow. Ältere Geschichten spielten noch weiter westlich, in Tintagel an der wilden Nordküste Cornwalls. Sie handelten von König Artus und seinen Rittern, von Guinevere, seiner Königin, und dem Zauberer Merlin.

Unwillkürlich warf sie einen Blick auf die kleine Bronzefigur neben sich auf dem Beifahrersitz: der Knabe Merlin mit dem Falken auf dem Handrücken. Sie hatte ihn zu ihrem Talisman erkoren; er würde sie und den Terrier auf dieser langen Fahrt in den Westen Englands beschützen.

»Nimm den kleinen Merlin mit!«, hatte Großmutter gesagt, als ihre Enkelin die Gobelinreisetasche in den Campingbus gehoben und den Hund auf seine Decke gesetzt hatte. »Nimm ihn, bitte! Er hat dir doch immer so gefallen.«

Glatt und schwer lag die Bronzefigur in ihrer Hand. Mit einem feinen Gespür fürs Detail hatte der Bildhauer dem Knaben denselben zielstrebigen Ausdruck verliehen wie dem Falken. Das Kinn furchtlos gereckt und mit wirbelndem Gewand wirkte Merlin wie in der Bewegung erstarrt; es war, als ziehe es ihn in die Ferne, einem unbekannten Ziel entgegen. Ihr Herz schlug schneller bei dem Gedanken an die bevorstehende Fahrt. Die Bronzefigur würde ihr Mut machen. Dennoch zögerte sie.

»Mir zuliebe.« Die alte Frau keuchte vor Anstrengung. Sie war schnell noch einmal ins Haus zurückgerannt, um die entzückende kleine Figur zu holen. Ihre Stimme klang fast flehentlich.

»Sie gehört doch meinem Vater«, antwortete die junge Frau abwehrend.

»Alles gehört ja jetzt deinem Vater!«, rief die Großmutter aufgebracht. »So hat es dein Großvater vor Jahren verfügt, und ich habe mir damals keine Gedanken darüber gemacht, was das für dich bedeuten könnte, wenn er einmal nicht mehr da ist. Wie hätte ich ahnen können, dass schon kurz nach seinem Tod auch deine Mutter sterben und dein Vater wieder heiraten würde? Ich muss froh sein, dass er mir überhaupt erlaubt, hier zu wohnen. Als Hüterin seiner Schätze, die einmal samt und sonders an seinen Sohn aus seiner Ehe mit dieser Französin übergehen werden. Also nimm wenigstens den Merlin! Er steht schon seit Jahren im Roten Zimmer auf dem Regal. Niemand wird ihn vermissen. Bitte, Tegan, nimm ihn!«

Großmutter sagte immer Tegan zu ihr, nie »Tiggy« wie ihre Freunde.

Tiggy nahm das Geschenk schließlich an. Sie öffnete die Beifahrertür und legte die kaum fünfzehn Zentimeter hohe Figur zu den anderen Sachen – eine Decke, Landkarten, Schokolade – auf dem Sitz. Merlin lugte zwischen den Falten der warmen Decke hervor, das Profil so gebieterisch und eindrucksvoll wie das ihrer Großmutter. Tiggy drückte ihn noch etwas fester in die Decke, warf die Beifahrertür zu und schloss die gebrechliche alte Frau in die Arme.

»Vielen Dank«, sagte sie. »Du passt gut auf dich auf, ja? Ich werde eine Weile nicht kommen können.«

Die alte Frau umarmte ihre Enkelin fest und innig, küsste sie und trat einen Schritt zurück. Sie war es nicht gewohnt, Gefühle zu zeigen, und dass sie so nachdrücklich darauf bestanden hatte, ihrer Enkeltochter den Merlin zu schenken – eine spontane und zugleich seltsam zwingende Geste –, überraschte sie selbst am meisten.

»Ich bin froh, dass du Julia besuchst«, sagte sie. »Eine so gute Freundin. Sag ihr herzliche Grüße!«

»Das tu ich. Ich gebe dir Bescheid, sobald ich angekommen bin, aber vielleicht übernachte ich unterwegs irgendwo. Mach dir also keine Sorgen um mich!«

»Ich habe es mir schon lange abgewöhnt, mich um meine Familie zu sorgen«, war die scharfe Antwort. »Auf Wiedersehen, mein Schatz.« Damit drehte sie sich um und verschwand über den Kiesweg in Richtung Haus.

Tiggy stieg in den VW-Bus und fuhr die Auffahrt hinunter. Sie war keineswegs gekränkt über diesen abrupten Abschied, der ihnen beiden nicht leichtgefallen war. Sie wusste sehr wohl, dass ihre Großmutter den Tränen nahe war, auch wenn sie das niemals zugegeben hätte.

Ob Großmutter die Wahrheit ahnte? Tiggy schüttelte den Kopf. Bestimmt nicht. Nichts deutete darauf hin, keine Veränderung in ihrem Verhalten. Nur dass sie so darauf beharrt hatte, dass Tiggy die Bronzefigur mitnahm, war ganz und gar nicht typisch gewesen. Tiggy hatte das Geschenk unmöglich zurückweisen können, obwohl sie damit gegen ihren inneren Drang handelte, alles ausnahmslos abzulehnen, was von ihrem Vater kam. Aber schließlich, so versuchte sie sich nun einzureden, war es durchaus möglich, dass die Merlin-Figur ursprünglich ihrem Großvater gehört hatte. Das Rote Zimmer war voll gewesen mit schönen und außergewöhnlichen Sammlerstücken, und sein Sohn hatte das Werk des Vaters fortgesetzt. Der Gedanke an ihren Großvater machte es ihr leichter, dieses kleine Objekt aus der großen Sammlung anzunehmen. Er hatte ihr so viele Geschichten über Merlin und den Hof des Königs Artus erzählt und hätte ihr gerade dieses Stück ganz bestimmt nicht missgönnt. Seltsam, dass sie ausgerechnet jetzt, im Augenblick ihrer größten Not, in den Westen Englands fuhr! Julia lebte nur wenige Kilometer von Tintagel entfernt.

»Natürlich kommst du zu uns«, hatte sie gesagt. »Ach, es ist so furchtbar. Schlimm genug, Tom zu verlieren, aber … Du kommst am besten so bald wie möglich … Pete? Pete hat nichts dagegen. Er fährt nächste Woche für drei Monate zur See und wird sich freuen, wenn mir jemand Gesellschaft leistet. Sei also unbesorgt, Tiggy, und komm, wann immer du möchtest!«

Oswestry, Shrewsbury, Ludlow, Leominster – unter den rollenden Reifen schmolzen die Kilometer langsam dahin. Am Wenlock Edge machte Tiggy Rast, kochte sich einen Kaffee und ließ kurz den Hund raus. In Hereford hielt sie noch einmal, um zu tanken. Im gewundenen Tal des Wye legte sie direkt neben dem Fluss eine kleine Mittagspause ein und musste die ganze Zeit an die wilde, kahle Landschaft im Westen und Norden bis hinauf nach Snowdonia denken, wo Tom vor vier Wochen tödlich verunglückt war, als er den verschneiten Horseshoe besteigen wollte. Auf den Black Mountains und den Brecon Beacons lag immer noch Schnee, und sogar hier, tief unten im Tal, fehlte der Februarsonne am grau verschleierten Himmel die wärmende Kraft, und es wehte ein eisiger Wind.

Tom. Sie sah ihn so klar und deutlich vor sich, als stünde er neben ihr – wie er den kleinen Gaskocher anzündete, den Wasserkessel füllte oder wie er an der Tür des VW-Busses lehnte, groß und kräftig von Gestalt, die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben, und leise vor sich hinpfiff. Er liebte das Reisen. Im kurzen Wintersemester schmiedete er bereits Pläne für die langen Sommerferien. Auf dem Fußboden seiner kleinen Wohnung auf dem Campus der Universität hatte er Landkarten ausgebreitet, ihr die Route gezeigt und mit ihr besprochen, wo sie zelten würden.

»Warum bist du eigentlich Lehrer geworden?«, hatte sie ihn einmal gefragt.

Er überlegte eine Weile und fuhr sich mit den langen, gebräunten Fingern durch das kurze dunkle Haar. Seine hellgrauen Augen blickten nachdenklich. »Vermutlich, weil ich mein ganzes Leben in irgendwelchen Internaten verbracht habe«, antwortete er. »Ich habe nichts anderes gekannt. Und wie war es bei dir?«

»Ich liebe Kinder«, sagte sie. »Vielleicht liegt es daran, dass du und ich nie selbst eine Familie hatten, zumindest keine richtige. Wir haben gern Leute um uns herum, je mehr, desto besser.«

»Nicht immer«, sagte er. »Manchmal habe ich das Bedürfnis, allein zu sein oder mich zumindest etwas zurückzuziehen. Deshalb gehe ich auch so gern bergsteigen.«

Tiggy fröstelte, als sie den Terrier wieder ins Auto verfrachtete. Der Dandie Dinmont sah sie mit seinen großen dunklen Augen an, als verstehe er sie. Tiggy beugte sich hinunter und vergrub das Gesicht in seinem struppigen Fell. Ob dieser brennende Schmerz nie wieder vergehen wird?, fragte sie sich. Aus der dumpfen, lähmenden Benommenheit, die zunächst von ihr Besitz ergriffen hatte, war im Laufe der Tage und Wochen eine Beklemmung geworden, die sich in ihrem Innern festgesetzt hatte wie ein dicker Knoten. Wie kam man über so einen Schmerz hinweg? Wer konnte ihr das sagen?

Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie sich anderen Kindern gegenüber jahrelang immer irgendwie unterlegen gefühlt. Die anderen wussten Dinge, von denen sie keine Ahnung hatte, und machten Anspielungen, die ihr unverständlich blieben. Manchmal, wenn sie arglos eine Frage stellte, lachten die anderen nur übertrieben laut vor Verlegenheit. Doch mit der Zeit hatten sich ihre Erfahrungen und Erlebnisse zu einem in sich schlüssigen Ganzen gefügt. Die unerklärliche häufige Abwesenheit ihres Vaters, die Tränen ihrer Mutter, die bitteren Worte und das lange Schweigen ergaben allmählich ein Muster. Erst viel später, als ihr wieder einfiel, wie oft sie aufgewacht war und seine Schritte draußen im Flur gehört hatte, fügte sich auch dieser Erinnerungssplitter in ein Gesamtbild ein. Er hatte das Schlafzimmer des Au-pair-Mädchens angesteuert, und einige dieser Mädchen hatten gehen müssen. Sie protestierten, in Tränen aufgelöst, flehten, bleiben zu dürfen, und sprachen von Eheversprechen. Die einen hatten wütend Drohungen ausgestoßen, andere hatten ein erschrockenes Gesicht gemacht und waren ohne Ankündigung davongerannt. Tiggy hatte nie verstanden, warum, und einige von ihnen hatte sie schrecklich vermisst. Aber ihr Vater hatte die Mädchen achselzuckend aus dem Haus gewiesen und nur den Kopf geschüttelt. Aus Frauen werde man eben nicht schlau, es gebe keinen Grund zur Beunruhigung. Da war es eine Erleichterung, als sie alt genug war und kein Au-pair-Mädchen mehr brauchte. Ohnehin verbrachte sie dann die meiste Zeit des Jahres fern von zu Hause, in der Schule, und einen Großteil der Ferien bei ihrer Großmutter in Herefordshire.

Eines Nachts kam er in ihr Zimmer, ein Glas Whisky in der Hand. Er torkelte leicht und beobachtete von der Tür aus, wie sie sich das Haar kämmte.

»Du bist groß geworden, kleine Tegan«, sagte er. »Komm, gib deinem alten Pa einen Kuss!«

Es folgte eine entwürdigende und verwirrende Szene, und am Ende zog er sich leise fluchend zurück, die Kleider nass vom Whisky, den er verschüttet hatte. Sie beschloss, nicht mehr daran zu denken, und schrieb das merkwürdige Verhalten ihres Vaters seiner Einsamkeit und seinem exzessiven Alkoholkonsum zu. Ein andermal schenkte er ihr zum Abendessen Wein ein, und diesmal war das Gerangel von erbitterter, beängstigender Entschlossenheit. Beim dritten Mal schlug er sie und warf sie zu Boden, aber sie konnte sich ihm entwinden und sperrte sich im Badezimmer ein. Dort blieb sie die ganze Nacht, und als er am nächsten Morgen zur Arbeit in die Galerie ging, packte sie ein paar Sachen in einen Koffer und rief Julia an, ihre beste und liebste Freundin.

»Natürlich kommst du zu uns«, hatte sie gesagt, ohne zu zögern. »Du kannst unmöglich allein in London bleiben. Warte einen Augenblick!« Und während Julia mit ihrer Mutter sprach, hörte Tiggy im Hintergrund die beruhigenden Geräusche des fröhlichen Alltagslebens von Julias Familie im ländlichen Hampshire: das Rufen und Quengeln der Geschwister, Hundegebell und die warme Stimme der praktisch denkenden Mutter. »Selbstverständlich kann sie kommen. Erkundige dich gleich mal nach den Zügen, Julia!«

Und Tiggy hielt den Hörer umklammert, mit weichen Knien und schlotternd vor Angst, dass ihr Vater früher als erwartet zurückkehren könnte.

Nur Julia kannte die Wahrheit, obwohl Tiggy vermutete, dass auch ihre Großmutter etwas ahnte. Tiggy hatte sich von da an nie mehr allein in der Londoner Wohnung aufgehalten, und kaum ein Jahr später verkaufte ihr Vater die Galerie in London, heiratete seine Partnerin von der Galerie in Paris und zog nach Frankreich. Sechs Monate später wurde ihr gemeinsamer Sohn geboren.

Tiggy schloss die Schiebetür des Campingbusses und stieg ein, eingehüllt in den langen Lammfellmantel, den Tom ihr in der King’s Road gekauft hatte. Die wohltuende Wärme des Fells rief erneut die Erinnerung an ihn wach. Ihr Leben schien eigentlich erst mit Tom so richtig begonnen zu haben. Selbst so natürliche Dinge wie das Atmen bekamen plötzlich eine völlig neue Qualität. Und der Liebesakt, den sie seit den Handgreiflichkeiten ihres Vaters gefürchtet hatte, wurde mit Tom zu einer erfüllenden, beglückenden Erfahrung. Tom zu begegnen, in dem alten orangeroten Campingbus mit ihm zu verreisen und ihn zu lieben, all das hatte in ihr die gleichen Empfindungen ausgelöst wie die warme helle Sonne, die plötzlich aus dunklen, regenschweren Wolken hervorbricht. Tiggy hatte sich aus ihrer körperlichen Erstarrung gelöst, sie fühlte sich leicht und frei und im Einklang mit sich selbst. Die Liebe, die Tom ihr geschenkt hatte, verlieh ihr Kraft und Lebensmut; niemals hatte er sie beherrschen wollen. Durch die Freundschaft mit ihm hatte sie ganz neue, aufregende Erfahrungen gemacht, mit ihm hatte sie die Welt neu entdeckt. Und nun musste sie lernen, ohne ihn zu leben.

Der kleine Merlin hielt den Blick entschlossen nach vorn gerichtet und wies den Weg. Tiggy schaltete den Motor ein, nahm die Straße nach Chepstow und zur Brücke über den Severn, Richtung Westen.

Es dauerte gut eine Stunde, bis sie Bristol hinter sich gelassen hatte. Erleichtert fuhr sie am Stadtausgang wieder auf die A38, und sie fragte sich, wo sie wohl die dringend notwendige Rast einlegen könnte. Schließlich hielt sie zweimal an, um Tee zu kochen und sich die Beine zu vertreten, das erste Mal auf einer kleinen Landstraße nördlich von Taunton, das zweite Mal an einem Reitweg zwischen Whiddon Down und Sticklepath auf der kurvigen A30 westlich von Exeter. Dort röstete Tiggy nach einem kurzen Spaziergang Toast auf dem Grill, während der Terrier die Umgebung erkundete und dabei aufgeregt mit dem Schwanz wedelte, der wie ein Türkensäbel geschwungen war. Es war inzwischen fast vier Uhr nachmittags. Die Nordflanken des Dartmoor waren mit feinem Schnee bedeckt. Die Sonne hatte sich längst hinter dichte Wolken zurückgezogen, und Graupelschauer gingen auf die Windschutzscheibe nieder.

»Pete meinte, die Fahrt könne gut sieben bis acht Stunden dauern«, hatte Julia am Telefon besorgt gesagt. »Wäre es nicht besser, du fährst in zwei Etappen?«

»Ich werde sehen, wie ich vorankomme«, antwortete Tiggy. »Wenn ich frühzeitig aufbreche, müsste ich es schaffen. Ich würde es lieber an einem Tag hinter mich bringen.«

Jetzt, den Becher mit wohltuend heißem Tee mit beiden Händen umfassend, überlegte sie, ob es nicht doch vernünftiger wäre, sich einen guten Campingplatz zu suchen, solange es noch hell war, und dort zu übernachten. Ihr Rücken schmerzte, und sie war sehr müde, aber die Aussicht darauf, irgendwo allein zu übernachten, machte sie ganz verzagt, und sie spürte eine neue Entschlossenheit. Sie würde weiterfahren. Der Terrier war wieder da und bellte. Er wollte ins Auto. Tiggy warf einen letzten Blick auf die Karte und stieg ein.

»Bis Okehampton ist es nicht mehr weit, und von da geht es direkt nach Launceston. In eineinhalb Stunden müssten wir bei Julia sein«, sagte sie laut, um sich zu trösten, aber auch um den Terrier zu beschwichtigen. Sie konnte es kaum erwarten, endlich mit Julia am warmen Kaminfeuer zu sitzen und von der langen Autofahrt zu erzählen.

»Es wird dir bei uns gefallen«, hatte Julia gesagt. »Trescairn ist schon seit Generationen im Besitz von Petes Familie, die im Bergbau tätig war. Man hat einen weiten Blick. So allmählich fühlen wir uns hier wohl, auch wenn es etwas abgelegen ist. Pete meint, das ist es wert, und die Kinder sind begeistert, weil sie so viel Platz haben. Nach der Militärunterkunft in Gosport ist es hier einfach himmlisch.«

Tiggy berührte den kleinen Merlin, ihren Glücksbringer, gab Gas und schaltete die Scheibenwischer ein. Bei einem Halt an der Tankstelle außerhalb von Sticklepath merkte sie, dass die Temperatur stark gesunken war.

»Wir kriegen noch mehr Schnee«, meinte der Tankwart gut gelaunt. »Haben Sie’s noch weit?«

»Ich muss runter nach Cornwall, in die Nähe von St Breward.«

Er zog die Mundwinkel nach unten und schüttelte bedenklich den Kopf. »Das könnten Sie gerade noch schaffen, bevor es richtig anfängt«, sagte er. »In den höheren Lagen schneit es schon kräftig.«

Als sie die Lichter von Okehampton hinter sich gelassen hatte und den nördlichen Rand des Moors umfuhr, klarte der Himmel auf und weit im Westen brach die untergehende Sonne durch die dichten Wolken und berührte mit den letzten Strahlen die geheimnisvollen Gipfel und das Hochland am fernen Horizont, die sich jetzt in ihrer ganzen Schönheit zeigten. Ein Bild wie aus einer fernen Erinnerung, die aufgeflammt war, als sie das Hinweisschild »Nach Westen« gesehen hatte. Die Strophe eines Kirchenlieds ging ihr durch den Kopf, und sie sang sie laut dem Terrier vor, der mit dem Schwanz höflich auf seine Decke schlug:

Das gold’ne Licht im Westen erstrahlt im Abendschein und lässt auch bald, ach, balde die Krieger müde sein.
Süß ist die Ruhe im Paradies der Sel’gen dein.

Der Anblick der Landschaft und die berühmten Verse gingen Tiggy zu Herzen, während sich die Wolken nun wieder zusammenballten und vor das Abendrot schoben. Bald hatte sie die Hügel des Dartmoor mit seinen Tors, den eiszeitlichen Felsformationen, hinter sich gelassen. Sie fuhr durch Launceston und dann weiter in Richtung Five Lanes und Altarnun. Als Tiggy unterwegs am Straßenrand anhielt, um noch einmal einen Blick in Petes Karte zu werfen, begann es zu schneien. Sie wusste, wie sie zu fahren hatte: hinter dem Jamaica Inn nach rechts abbiegen, dann weiter durch Bolventor und die nächste Abzweigung nach rechts, der Beschilderung nach St Breward folgen. Schließlich über das Viehgitter hinein ins offene Moor.

Die Dämmerung brach schon herein, und Wind kam auf, doch Tiggy sah das Straßenschild ganz deutlich. Sie lenkte den Campingbus von der A30 herunter und fuhr über das rasselnde Gitter. Auf der schmalen Landstraße durch das Moor war der Schnee bereits liegen geblieben, und jetzt wurde ihr etwas mulmig zumute. Über der wilden, weiten Landschaft lag ein unheimlicher eisiger Schimmer. Kleine Stechginsterbüsche zeichneten sich hier und da schmutzig braun gegen die dünne Schneedecke ab. Ein größerer dunkler Fleck setzte sich plötzlich Richtung Straße in Bewegung. Tiggy hielt erschrocken die Luft an und atmete erleichtert auf, als ein Pony davontrottete. Sie fuhr nun sehr langsam, das Gesicht nah an der Windschutzscheibe, um besser sehen zu können. Ein Straßenschild wies nach links, aber sie erinnerte sich, dass sie sich rechts halten und der Beschilderung nach St Breward folgen musste.

Die Straße entfernte sich jetzt vom Moor und verlief zwischen hoch aufragenden Felswänden. Durch die wirbelnden, tanzenden Schneeflocken glitten die Scheinwerfer über große Granitbrocken und beleuchteten das Wurzelwerk von Weißdorn. Das Lenkrad fest umklammernd, folgte Tiggy der kurvenreichen Strecke bergauf. Ihr war bewusst, wie leicht sie vom Weg abkommen und im Moor landen könnte. Plötzlich verlief die Fahrbahn so abrupt nach links, dass Tiggy fast gegen eine Hausmauer geprallt wäre. Sie riss das Steuer herum und spürte, wie der Campingbus ins Rutschen geriet. Gleichzeitig wurde sie von einer tiefen, fast urtümlichen Angst gepackt, der dunklen Ahnung, dass gleich etwas Schreckliches geschähe. Minuten zuvor war sie an einem hell erleuchteten Telefonhäuschen vorbeigekommen, auf dessen Dach bereits eine dicke Schneehaube lag. Ob sie zurückfahren und Julia anrufen sollte? Aber wie könnte sie Julia mit den drei kleinen Kindern bitten, ihr in einer solchen Nacht zu Hilfe zu eilen?

Derweil wurde der Wind immer stärker, er erfasste den vw-Bus von der Seite und trieb den Schnee vor sich her, der an den Felswänden verwehte. Erleichtert entdeckte sie den Granitpfeiler mit dem Wegweiser nach rechts, und sie fuhr stockend weiter, kaum mehr fähig, im Zwielicht des Schneegestöbers die Straße vom rauen Moor zu unterscheiden. Immer wieder holperten die beiden linken Räder über den unebenen, grasbewachsenen Seitenstreifen. Vor ihr tauchten die Umrisse einer Brücke auf, die in ihrer Wegbeschreibung als Delford Bridge erwähnt wurde. Vorsichtig lenkte sie den Wagen zwischen den Eisengeländern über die Brücke und warf einen ängstlichen Blick hinunter in das wirbelnde schwarze Wasser des De Lank River. Bei dem plötzlichen Gerüttel, als die Räder über ein Viehgitter rollten, zuckte Tiggy zusammen. Aber endlich funkelten die Lichter von St Breward in der Dunkelheit, und sie bog erneut nach rechts ab. Das Dorf lag hinter ihr, jetzt war es nicht mehr weit bis zum Ziel.

Die panische Angst ließ sie jedoch nicht mehr los, krampfte ihr das Herz zusammen und fuhr ihr in den Magen. Mit der Vorahnung drohenden Unheils zockelte sie die schmale Straße zwischen der hohen Böschung entlang – ein schwarzer Tunnel, der den letzten Rest Dämmerlicht schluckte. Die tanzenden Schneeflocken reflektierten das Licht der Scheinwerfer, sodass Tiggy fast geblendet wurde. Noch ein Viehrost, eine hoch aufragende Felswand linkerhand und dann eine schneebedeckte Böschung mit mächtigen Felsbrocken. Fast zu spät entdeckte sie die Abzweigung nach rechts. Hastig riss sie das Lenkrad herum. Sie spürte, wie sie die Kontrolle über den schwerfälligen Campingbus verlor, trat auf die Bremse und schrie entsetzt auf, als das Fahrzeug gegen einen Granitbrocken schrammte.

Heftig zitternd und unfähig, den kläglich winselnden Hund zu beruhigen, schlug Tiggy die Hände vors Gesicht. Sie war wie gelähmt vor Schreck und wagte nicht weiterzufahren, damit nicht noch etwas Schlimmeres passierte. Gleichzeitig glaubte sie Julia neben sich zu spüren, die sie tröstete und ihr Mut zusprach. Als sie schließlich den Kopf hob, sah sie durch den Schneesturm, der über das Hochmoor hinwegfegte, ein fernes Licht: Trescairn.

Vorsichtig streckte sie die verkrampften Muskeln, holte tief Luft und redete beruhigend auf den Hund ein. Der Motor lief noch. Mit zitternden Händen legte sie den Rückwärtsgang ein und trat sanft, ganz sanft aufs Gaspedal. Der Wagen vibrierte, als die Reifen durchdrehten, bevor sie griffen und der Bus sich langsam in Bewegung setzte. Behutsam fuhr Tiggy bis ans Ende der Straße, hinein in den blendenden Schnee. Das Holzgatter stand weit offen, und mit einem Seufzer der Erleichterung hielt sie auf die geräumte Auffahrt zu und fuhr bis vor das Haus.

Als sie neben einer offenen Scheune zum Stehen kam, wurde die Haustür aufgerissen, Licht fiel auf den verschneiten Hof, und im nächsten Augenblick war Julia am Wagen, öffnete die Fahrertür, zog Tiggy fast vom Sitz und umarmte sie.

»O mein Gott, ich habe mir solche Sorgen gemacht«, rief sie erleichtert. »Ich dachte, du steckst irgendwo fest … Ich hatte gehofft, du würdest anrufen, dann hätte ich dich vor dem Schnee warnen können.«

Julia hatte den Arm fürsorglich um Tiggys Schultern gelegt und flüsterte ihr tröstende Worte ins Ohr. Plötzlich hatte Tiggy das intensive Gefühl, diese Situation schon einmal erlebt zu haben. Alles kam ihr seltsam vertraut vor.

»Los, gehen wir rein!«, sagte Julia. »Du musst dich erst mal stärken. Du bist heil angekommen, das ist die Hauptsache. Oh, da ist ja der Terrier. Braver Hund! Also los!« Sie überquerten den Hof, die Köpfe geduckt gegen Wind und Schnee, und gingen ins Haus.

Das kleine Zimmer war in ein gespenstisches Licht getaucht. Schneelicht. Es wurde von den blassen Wänden zurückgeworfen und ergoss sich über das schmale Bett, in dem Tiggy unter der Steppdecke kuschelte, den schlafenden Hund zu ihren Füßen. Tiggy stützte sich auf einen Ellbogen und blickte mit gerunzelter Stirn zum Fenster, verwirrt von der tiefen Stille und dem eigentümlichen Licht. Sie schlug die Bettdecke zurück und trat fröstelnd ans Fenster, schob die Vorhänge ein Stück zur Seite und blickte staunend auf die Landschaft, die sich vor ihr ausbreitete. Gleich hinter dem Haus begann das Moor. Es brandete wie eine schneebedeckte Flutwelle gegen die grauen Granitberge und schwappte gegen die grünschwarzen Tannen. Beinahe versteckt in einer Senke, hob sich der gedrungene Kirchturm von St Breward deutlich konturiert gegen die kahlen Baumwipfel ab, und in der Ferne schlängelte sich das silbrige Band eines Wasserlaufs dem Meer entgegen.

Die Stille und die Schönheit der Szenerie schlugen Tiggy sofort in ihren Bann und erfüllten sie mit Frieden und Glück. Hier, in dieser gewaltigen Landschaft, schienen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen den Toten und den Lebenden aufgehoben. In dem berauschenden Gefühl dieses neuen Bewusstseins überkam sie die Ahnung einer tiefen Wahrheit: die Gewissheit, dass sie die Kraft finden werde, die kommenden Monate durchzustehen. Als sie die Vorhänge noch weiter zurückzog, fiel ihr plötzlich auf, dass sie zum ersten Mal seit Toms Tod nicht mit einem Gefühl der Verzweiflung erwacht war. Dieser Gedanke rief ihr erneut ins Bewusstsein, was sie verloren hatte. Ihr Seelenfrieden war wieder dahin, die alte Angst kehrte zurück. Noch immer den Blick aus dem Fenster gerichtet, beschloss sie, sich ganz diesem Ort der Ruhe und des Glücks zu öffnen. Doch der Zauber war gebrochen, und jetzt wurde auch die friedliche Ruhe gestört. Eine Tür ging auf, Stimmen waren zu hören, zwei protestierende, einschmeichelnde hohe Kinderstimmen und eine dritte, Julias Altstimme, die sich besänftigend, aber nachdrücklich einmischte.

Der Terrier sprang vom Bett herunter, lief zur Tür und winselte; er wollte raus. Tiggy zog den Morgenmantel fester um die Schultern, öffnete die Tür und streckte den Kopf in den Flur. Augenblicklich verstummten die Stimmen, zwei butterblonde Wuschelköpfe wirbelten herum, zwei Paar blaue Augen starrten sie an. Tiggy lächelte den Zwillingen zu, Andrew und Olivia, Andy und Liv. Julia hob hilflos die Hand.

»Entschuldige«, sagte sie. »Tut mir leid, dass sie dich geweckt haben. Dabei hatte ich ihnen gesagt, sie sollen dich ausschlafen lassen. Aber sie können es einfach nicht erwarten, dich zu begrüßen. Seht ihr?«, wandte sie sich an die Zwillinge. »Ihr habt Tiggy geweckt.«

»Sie haben mich nicht geweckt. Ich war schon auf.« Tiggy beobachtete, wie sich die Zwillinge niederkauerten, um den Hund zu streicheln, und lächelte Julia an. »Wenn ich rausschaue auf das Moor und den vielen Schnee, kann ich kaum glauben, dass ich es geschafft habe.«

Julia erschauderte leicht. »Ich war außer mir vor Sorge«, sagte sie. »Es hätte zu einem Desaster werden können … Ich habe den Zwillingen versprochen, dass wir mit dem Campingbus einen Ausflug machen, aber daraus wird wohl heute nichts.«

Hinter einer Tür ein Stück weiter den Flur entlang war jetzt noch eine Stimme zu hören, die immer lauter wurde.

»Charlie fühlt sich ausgeschlossen und schlägt Krach.« Julia sah Tiggy hoffnungsvoll an. »Könntest du vielleicht schon mal Kaffee kochen, während ich ihn aus dem Bett hole? Die Zwillinge zeigen dir, wo was ist.« Sie zögerte und drehte sich dann im Gehen noch einmal zu ihrer Freundin um. »Geht es dir … du weißt schon … so weit gut?«

»O ja. Alles bestens.«

»Prima«, sagte Julia unsicher und wandte sich an die Zwillinge: »Also los, ihr helft Tiggy beim Kaffeekochen. Und vergesst nicht, Bella rauszulassen!«

Die Zwillinge liefen die Treppe hinunter und stritten sich, wer von ihnen die Hunde hinauslassen durfte. Tiggy folgte ihnen langsamer. Instinktiv legte sie die Hand auf ihren Bauch, in dem sich Toms Baby trotz des gestrigen Schreckens wohlzufühlen schien. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Julia und Pete miteinander diskutiert hatten, wie Julia ihre Freundin in Schutz genommen und an Petes Mitgefühl appelliert hatte; und wie Pete, nachdem sein Beschützerinstinkt geweckt war, etwas ungeduldig überlegte, wie das Problem am besten zu lösen sei.

»Ist ja alles schön und gut, Liebling, aber wie soll Tiggy mit einem Baby ohne Vater zurechtkommen? Sie hätten heiraten sollen, statt den ganzen Sommer lang in diesem VW-Bus kreuz und quer durch Europa zu gondeln.« So etwas Ähnliches hatte er vermutlich gesagt.

»Sie wollten doch die ganze Zeit schon heiraten, Pete. Typisch Tom und Tiggy. Sie haben in ihrer eigenen Welt gelebt. Ja, wirklich … O mein Gott, der arme Tom!«

»Aber sei doch mal ehrlich, Julia, wie will sie das bloß schaffen?«

»Wir waren uns einig, dass sie erst einmal hier wohnen kann. Und wenn das Baby erst da ist, kann sie wieder unterrichten …«

Während Tiggy den Zwillingen die Treppe hinunter folgte, fragte sie sich, ob Pete wohl den Schwachpunkt an der ganzen Sache erkannt hatte. Die Direktorin ihrer kleinen Schule jedenfalls hatte sofort den Finger auf den wunden Punkt gelegt. Mrs Armstrong hatte sich von der fatalen Verkettung der Umstände kein bisschen beeindrucken lassen. Da war einerseits die schockierende Nachricht von Toms Tod und andererseits Tiggys morgendliche Übelkeit, die sie überhaupt erst dazu bewogen hatte, ein Geständnis abzulegen. Tiggys Beteuerung, sie und Tom hätten zu Ostern heiraten wollen, hatte die Direktorin nicht erweicht. Die Vorschriften seien klar, hatte sie gesagt. Als unverheiratete Mutter sei Tiggy für ihre kleinen Schützlinge kein gutes Vorbild mehr, und deshalb müsse sie die Schule verlassen. Tiggy wusste, dass die Geburt des Babys an diesen unverrückbaren Vorschriften nichts ändern würde.

»Ich kann doch mein Baby nicht weggeben«, hatte sie an jenem Abend unter Tränen am Telefon zu Julia gesagt, überwältigt von Dankbarkeit und Erleichterung über das großzügige Angebot ihrer Freundin, das Tiggy erst einmal eine Verschnaufpause gewähren würde. Sie durfte vorerst nicht weiter denken als bis zur Geburt des Kindes, doch das gelang ihr nicht immer. Die Wirklichkeit zerrte mit Macht an ihr. Wie sollte sie sich und das Baby ernähren?

Die schmale Treppe führte in ein geräumiges Wohnzimmer mit einem Kamin aus Granit, der fast eine ganze Wand einnahm. Tiggy zog die Vorhänge auf und schaute sich um. Hier, vor dem knisternden Feuer, hatten sie und Julia den Abend verbracht, wie sie es sich unterwegs ausgemalt hatte. Der Kamin mit dem beiderseits aufgestapelten Brennholz war jetzt kalt, graue Asche häufte sich um angekohlte Scheite, doch im Kern der Asche musste noch warme Glut verborgen sein. Tiggy hockte sich hin, schichtete etwas Holz darauf und blies mit dem Blasebalg vorsichtig in die Asche, die aufwirbelte wie der Schnee am Vorabend. Aber nach einer Weile glommen auf einem verkohlten Stück Holz Funken auf, die zu einer Flamme emporwuchsen, und bald brannte ein gleichmäßiges Feuer. Tiggy legte noch ein paar Scheite nach, stellte den Kaminschirm davor und ging in die Küche.

Julias schöner brauner Field Spaniel Bella begrüßte sie, der Terrier dagegen folgte den Zwillingen zur Hintertür und ließ ein ungeduldiges Winseln hören, als die beiden Kinder Schloss und Riegel nicht aufbekamen. Tiggy half ihnen und öffnete die Tür zu einer ihr unbekannten Welt, in die die beiden Hunde einfach hinausstürmten. Sie und die Zwillinge standen da und betrachteten stumm den strahlenden blaugrünen Himmel, über den rosarote Wolken zogen, gebannt von den Millionen winziger glitzernder Lichtpunkte, die das verschneite Moor reflektierte. Für einen Augenblick spürte Tiggy noch einmal jenes unbändige Glücksgefühl. Dann wehte ein eisiger Wind von der felsigen Erhebung des Rough Tor herbei und strich über ihre Beine, und die Zwillinge fröstelten und kuschelten sich an ihren Morgenrock.

Tiggy scheuchte sie in die warme Küche und stellte ihnen einen Becher warme Milch hin. Sie rüttelte den Ascherost des Rayburn-Herds, füllte ihn mit Kohle und setzte den Wasserkessel auf. Als Julia mit Charlie auf dem Arm hereinkam, war der Kaffee fertig. Der Kleine sah Tiggy verwundert an, und in einer Anwandlung von Schüchternheit drückte er sein Gesicht an Julias Hals, während er mit einem Auge auf Tiggy schielte – ein Verhalten, das ihm niemand so ganz abnahm.

»Du weißt doch genau, wer das ist«, sagte Julia mit Entschiedenheit und setzte ihn in sein Stühlchen, obwohl er versuchte, sich an ihr festzuklammern. »Sag deiner Patin Hallo; ich hol inzwischen deine Milch.«

»Hallo, Tiggy!«, riefen die Zwillinge ermunternd im Chor und kicherten ausgelassen, während Julia Charlie sein Fläschchen reichte, bevor sie sich Kaffee einschenkte. Wenig später stürmten die Hunde herein, das Fell voller Schnee. Julia griff nach einem alten Handtuch, ging in die Hocke und rubbelte sie trocken. Sie musste über die Hunde lachen, und ihr dickes blondes Haar fiel ihr ins Gesicht.

Tiggy betrachtete sie mit inniger Zuneigung, überrascht, wie sehr sie ihre Freundin plötzlich beneidete. Wie gern wäre sie an Julias Stelle – schön, geliebt und geborgen, mit drei wunderbaren Kindern in einem entzückenden alten Haus. Stattdessen war sie auf die Großzügigkeit ihrer klugen und schönen Freundin angewiesen. Tiggy fühlte sich gedemütigt und sehr allein. Erschrocken über dieses ungewohnte Gefühl, sagte sie schnell etwas, um es zu verdrängen.

»Ein wunderbares Haus! Was für ein Glück, dass Petes Onkel und Tante ausgezogen sind!«

»Ich kann es selbst kaum glauben.« Julia beendete den Kampf mit dem Terrier, hängte das Handtuch neben der Hintertür auf und kam an den Tisch zurück. »Es ist ihnen alles ein bisschen zu viel geworden, obwohl ihnen der Abschied schwergefallen ist, vor allem Onkel Archie. Tante Em ist wohl ganz froh, in einem kleinen, gemütlicheren Haus zu wohnen. Pete und sein Bruder hätten es ohnehin einmal geerbt, und Onkel Archie hat beschlossen, es ihnen schon jetzt zu überschreiben. Zum Glück hatte Robert nicht den Wunsch, im Bodmin Moor zu leben, und so haben wir eine Hypothek aufgenommen und ihn ausbezahlt. Pete und mir gefällt der asymmetrische Schnitt des Hauses. Es bestand, glaube ich, ursprünglich aus drei Cottages. Im Laufe der Jahre wurde immer wieder etwas verändert und umgebaut, aber man kann die ursprüngliche Anlage noch gut erkennen.«

Während Julia redete, wurde Tiggy sich ihrer eigenen Situation erneut schmerzlich bewusst. Was verband sie mit den plappernden Zwillingen? Mit Charlie, der an seinem Fläschchen nuckelte und sie dabei keine Sekunde aus den Augen ließ, und mit Julia, die fortfuhr zu erzählen? Diese schlichte Szene eines harmonischen Familienlebens schien einzig und allein dazu angetan, ihr die eigene Einsamkeit noch deutlicher vor Augen zu führen.

Andy schaute sie an und lächelte voll süßem Ernst. »Mami meint, wir könnten in deinem Campingbus einen Ausflug machen«, sagte er schüchtern. »Sie meint, es gibt einen kleinen Kocher, auf dem wir uns etwas zu essen machen können.«

Sein kleines Gesicht, erwartungsvoll und doch zurückhaltend, war so rosig, so perfekt, dass Tiggy es am liebsten mit Küssen bedeckt hätte.

»Natürlich machen wir einen Ausflug«, antwortete Tiggy. »Aber erst, wenn der Schnee geschmolzen ist. Dann fahren wir an den Strand und essen Käsetoast zu Mittag. Würde dir das gefallen? Und wir kochen uns Tee. Glaubst du, dass es Charlie auch gefallen würde?«

Andy und Liv schauten über den Tisch hinweg erwartungsvoll Charlie an. Er hatte sein leeres Fläschchen gerade mit einem tiefen Seufzer des Wohlbehagens abgesetzt. Er schien satt zu sein. Jetzt winkte er Tiggy zu. Dabei hob er den ganzen Arm – eine geradezu segnende Geste – und strahlte sie freundlich an. Tiggy lächelte zurück, seltsam gerührt und mit dem Gefühl, sie sei tatsächlich gesegnet worden. Ihr Schmerz ließ ein wenig nach, und die Zuversicht gewann wieder die Oberhand.

Julia wischte Charlie den Milchbart ab und drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel.

»Charlie wird es sehr gefallen«, sagte sie überzeugt. »Uns allen wird es gefallen. Aber heute müssen wir uns damit begnügen, einen Schneemann zu bauen. Geht rauf und zieht euch an, damit wir frühstücken können!«

Die Zwillinge rutschten von ihren Stühlen und rannten kreischend die Treppe hoch. Julia sammelte die beiden Milchbecher ein und stellte sie auf die Spüle. Tiggy stand auf und schob ihre Hand in die Armbeuge ihrer Freundin.

»Danke, Julia«, sagte sie.

Julia drückte zur Antwort ihren Ellbogen fest an den Körper. »Wir werden eine schöne Zeit haben.«

Erst nach mehr als einer Woche war der Schnee so weit geschmolzen, dass Julia fand, Tiggy könne es wagen, mit dem Campingbus über die engen, kurvenreichen Straßen ans Meer zu fahren.

»Die Hauptstraßen sind bestimmt frei«, sagte sie, »aber auf die Nebenstraßen würde ich mich noch nicht trauen.« Tiggy widersprach ihr nicht, die Rutschpartie mit dem Campingbus war ihr noch in frischer Erinnerung. Zum Glück war beim Aufprall nicht viel passiert, eine kleine Delle und ein geringer Lackschaden, nichts Gravierendes.

»Tom hat den Wagen immer ganz schön strapaziert«, sagte Tiggy zu Julia, »er hätte es mit Humor abgetan. Sein Cousin, bei dem er aufgewachsen ist, war da und hat bis auf den Campingbus alles mitgenommen. Tom und ich hatten den Wagen gemeinsam gekauft, und sein Cousin meinte, ich könne ihn ruhig behalten.«

Es war kalt, bitterkalt. Julia war froh, dass Pete in treu sorgender Voraussicht reichlich Kohle für den Rayburn und Holz für den Kamin herangeschafft hatte. Wenigstens in den Schlafzimmern hätte sie lieber eine Zentralheizung. Abends zogen sich die Zwillinge vor dem Kaminfeuer im Wohnzimmer um, rannten dann schnell die Treppe hoch und schlüpften unter ihre Steppdecken mit den Wärmflaschen und zusätzlichen Wolldecken. Charlie hatte das einzige elektrische Heizgerät in seinem Zimmer. Bella und der Terrier durften sich am Fußende von Julias beziehungsweise Tiggys Bett zusammenrollen.

»Wenn es weiter so kalt ist«, sagte Julia, »werde ich mir noch einen zweiten Hund anschaffen. Tante Em und Onkel Archie leben dermaßen spartanisch, dass ich es niemals wagen würde, mich bei ihnen über die Kälte zu beklagen.«

Tiggy übernahm die Aufgabe, die Hunde auszuführen. Sie studierte Julias Generalstabskarte, wie Tom es ihr beigebracht hatte, und wagte sich jeden Tag ein Stück weiter hinein in die wilde Landschaft. Der Schnee lag nicht besonders hoch. Unaufhörlich strich der Wind über das Grasland und die Tors aus Granit und fegte den pudrigen Schnee in Rinnen und Täler. In höheren Lagen blieb nur eine dünne Schicht zurück, und unter ihren Stiefeln knackte und knisterte das Eis. Von hier oben konnte Tiggy die grauen Schemen der Schafe erkennen, die im Schutz der Hügel weiter unten umherstreiften, während der Wind ihr mit eisigen Fingern in die Wangen kniff und an den Felsen riss und zerrte. Sie entdeckte kleine Wassertümpel mit schrundiger Oberfläche, deren Wasser schnell zu einer faltigen Haut gefror, sobald es vom kalten Atem des Windes berührt wurde. Einmal, als sie auf dem Alex Tor stand, hörte sie harten Hufschlag, und plötzlich tauchte eine Gruppe gescheckter Ponys auf, die zwischen den Felsen davonjagten, verfolgt von den bellenden Hunden.

Das Land senkte sich wogend zu den Pyramiden von St Austell im Süden, wo Porzellanerde gewonnen wurde, und verlor sich in nördlicher Richtung im Meer, das silbrig-golden das Festland säumte. Die ungeheure Weite und der Eindruck der Unendlichkeit erfüllten Tiggy mit Trost. Hier hatte sie das Gefühl, dass Tom an ihrer Seite ging. Hier konnte sie mit ihm stumme Zwiesprache halten und sich mit ihm austauschen. Dann verflog all ihr Kummer, und was blieb, war die tiefe Gewissheit, dass nichts sie jemals von ihm trennen würde.

Doch im Einerlei der kleinen alltäglichen Verrichtungen wurde ihr immer wieder schmerzlich bewusst, was sie verloren hatte: wenn sie Kaffee kochte, Scones in den Ofen schob, Charlies zappelnden warmen Fuß festhielt, um ihm ein Söckchen anzuziehen, oder wenn sie die Hunde fütterte. Später einmal, wenn sie allein mit ihrem eigenen Baby sein würde, wären all diese einfachen, monotonen Verrichtungen ohne Tom sinnlos und leer – nicht mehr als einfache Tätigkeiten, um den Tag zu füllen. Wenn die lähmenden Gedanken übermächtig zu werden drohten, versuchte sie sich ihre Spaziergänge in den Hügeln in Erinnerung zu rufen und richtete ihre Gedanken ganz auf das Baby, das sie unter dem Herzen trug. Toms Baby, der einzige Grund für ihre Zuversicht. Die Zwillinge und Charlie hielten sie tagsüber in Atem, und abends saß sie mit Julia am Kamin. Dann sahen sie fern oder unterhielten sich, schmiedeten Pläne für die warmen Frühlingstage und all das, was sie dann gemeinsam unternehmen wollten.

Obwohl sich jeden Tag eine strahlende Sonne am klaren blauen Himmel zeigte, blieb die Temperatur weiter unter null. Die Kleidungsstücke der Kinder, die Julia optimistisch an die Wäscheleine im Freien hängte (»Heute wird es bestimmt etwas wärmer!«), gefroren brettsteif wie die Papierkleidchen für Livs Ankleidepuppen aus Karton und mussten hereingeholt werden, damit sie auf dem hölzernen Gestell über dem Rayburn trockneten.

Dann, eines Nachmittags, drehte der Wind nach Westen, wo dicke graue Wolkenbänke am Horizont standen. Die Eiszapfen tropften, die gefrorenen Pfützen tauten auf, Wasser plätscherte über den Moorboden, ergoss sich in die Feldwege und ließ die Flüsse anschwellen. Vom Eis befreit, zeigten sich die ersten zaghaften Vorboten eines kalten, süßen Frühlings.

Teil eins

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KAPITEL EINS

April 2004

Der kalte, süße Frühling. Efeublätter zitterten am Stamm eines alten Baums, und die Eschen mit den klebrigen schwarzen Knospen zeichneten ihre markanten Silhouetten in den strahlenden Himmel. Im Hochmoor, inmitten von fahlem Gras, wo die Lerchen brüteten, schimmerten kleine, mit Wasser gefüllte Tümpel wie die blaue Iris eines Auges, das jedes Mal zwinkerte, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schob. Geschützt und versteckt im Wurzelgeflecht von Weißdorn und Eichen leuchteten Primeln und Schöllkraut an steilen, felsigen Böschungen.

Liv, im Auto zwischen Port Isaac und Blisland unterwegs, genoss diesen herrlichen Anblick. Ein so strahlender Tag nach den langen regnerischen Wochen und dem kalten Wind war ein Geschenk, das sie dankbar annahm. Sie fuhr gemächlich, das Fenster heruntergekurbelt, und sang leise vor sich hin. Als ein paar Schafe vor ihr auftauchten und auf dem schmalen Sträßchen in Panik gerieten, bremste sie scharf. Die Lämmer blökten ängstlich, und die Mutterschafe steuerten auf ein Gatter zu und drückten ihre wolligen Flanken gegen die unnachgiebigen Holzlatten.

Liv fuhr im Schritttempo an den Schafen vorbei und beobachtete im Rückspiegel, wie sie die morastige Böschung hinaufkletterten, zurück ins Feld, und sich zwischen dem zerrissenen Zaundraht hindurchzwängten. Sie konnte ihren Freiheitsdrang gut verstehen. Dieser Tag war wie geschaffen, um auszubüchsen.

»Ich fahr mal eben rüber zu Tante Em«, hatte sie zu Chris gesagt, ihren Computer ausgeschaltet und ihren Stuhl zurückgeschoben. »Bin bald wieder da.«

Er grinste sie über den Schreibtisch hinweg an. »Du hast dich kein bisschen verändert«, sagte er. »Genau wie damals zu Uni-Zeiten: Beim ersten Sonnenstrahl gibt’s für dich kein Halten mehr.«

Sie überhörte geflissentlich die Anspielung auf ihre einstige Vertrautheit. Das lag lange zurück. »Warum, glaubst du, habe ich zugesagt, dir und Val zu helfen?«, hatte sie erwidert. »Ich bin sonnenhungrig, das habt ihr mitgebucht. Außerdem habe ich im Moment nichts zu tun, was nicht warten könnte. Du solltest es dir auch ein bisschen gutgehen lassen. Den Ansturm der ersten Feriengäste haben wir glücklich überstanden. Also dann, bis später!«

Sie hatte seine Antwort gar nicht erst abgewartet. Sie musste raus ins Freie, musste den frischen Aprilwind und die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut spüren. Schnell lief sie in den Anbau und holte ihre Jacke und die Tüte mit dem Kuchen für Tante Em, bevor sie in ihr kleines Auto stieg und nach St Teath fuhr. Sofort war sie in Hochstimmung. Die Fahrt durch diese Landschaft, die ihr seit zweiunddreißig Jahren vertraut war, erfüllte sie mit einem fast beängstigenden Glücksgefühl.

Prüfend lenkte sie erneut ihre Gedanken auf Chris. Wie viel von diesem Glücksgefühl verdankte sie der Tatsache, dass sie mit ihm zusammenarbeiten, beinah Tür an Tür mit ihm wohnen und ihn jeden Tag sehen konnte?

»Meinst du wirklich, das funktioniert, mein Kind?«, hatte ihre Mutter besorgt gefragt. »Du und Val, ihr seid zwar auch gut befreundet, aber mit Chris warst du in Durham richtig zusammen. Eine Zeitlang dachten wir wirklich, es wäre von Dauer.«

»Glaub mir, Mum, es ist alles ganz unproblematisch«, hatte sie fast ungehalten geantwortet. »Wir sind gute Freunde, mehr nicht. Seit damals sind zehn Jahre vergangen. Er und Val hatten einfach die Nase voll von London und wollten aufs Land ziehen. Als sie dieses Haus in Port Isaac entdeckt hatten, kam ihnen die Idee mit den Ferienwohnungen. Und ich helfe ihnen bei der Konzeption und Organisation, das ist alles.«

Und wie sie ihnen geholfen hatte! Inzwischen konnten die drei kleinen modernisierten Scheunen rings um das alte Bauernhaus als Ferienwohnungen vermietet werden. Von ihr stammte die Idee mit dem kleinen Café-Restaurant samt Verkaufsladen, das dank seiner erstklassigen Lage am Ortsrand von Port Isaac von vielen Urlaubern auf der Durchreise angesteuert wurde. Penharrow, das eigentliche Bauernhaus, in dem Val und Chris wohnten, verfügte über einen Anbau mit einem Apartment, das Liv für sich allein hatte.

»Hör auf, dir ständig Sorgen um mich zu machen«, hatte sie zu ihrer Mutter gesagt. »Dasselbe gilt für Dad. So etwas wie Penharrow wollte ich immer schon machen. Natürlich hätte ich es besser gefunden, wenn es mein eigenes Projekt wäre, aber es ist eine Herausforderung für mich und macht mir großen Spaß. Dad wäre es natürlich lieber, wenn ich Rechtsanwältin oder Ärztin oder sonst was geworden wäre, womit er ein bisschen angeben kann. Aber ich wollte nie etwas anderes, als hier in Cornwall zu bleiben, so wie Charlie schon immer auf Onkel Roberts Bauernhof in Hampshire mit Pferden arbeiten und Zack zur Marine wollte. Von uns vieren ist nur Andy ein Stadtmensch, aber auch mit ihm ist Dad nicht zufrieden.«

»Er möchte doch nur, dass ihr glücklich werdet und eine gesicherte Existenz habt. Er hat auch gar nichts gegen deinen Job, er möchte nur nicht, dass du den Rest deines Lebens mit Chris und Val in Penharrow verbringst.« Und zögernd hatte sie hinzugefügt: »Es kann gefährlich sein, wenn zwei sich wiederbegegnen, die einmal ein Paar waren.«

Jetzt, im Auto nach Blisland, gingen Liv diese mahnenden Worte durch den Kopf. Ihr schien, als hätte ihre Mutter aus eigener schmerzlicher Erfahrung gesprochen.

Ich bin doch gar nicht mehr in Chris verliebt, sagte sie sich jetzt. Trotzdem beschlich Unbehagen sie, denn sie fühlte sich sehr zu ihm hingezogen – und Chris ging es umgekehrt genauso, das wusste sie. Sie freute sich schon darauf, später bei einem Glas Wein an dem großen Esstisch mit ihm zusammenzusitzen und die Geschehnisse des Tages Revue passieren zu lassen. Vals Anwesenheit störte sie nicht weiter.

Die frische, milde Luft war geradezu berauschend, und Liv nahm eine Hand vom Lenkrad und hob ihr dickes blondes Haar im Nacken an, damit die kühle Brise über die Haut streichen konnte. Bei der Erinnerung daran, wie Chris’ Hand vor ein paar Tagen flüchtig ihren Nacken berührt hatte, überlief sie ein wohliger Schauder. Es war eine eher beiläufige Geste gewesen, als er hinter ihrem Stuhl vorbeiging, um ihr Wein einzuschenken. Dabei machte er gleichzeitig eine Bemerkung zu Val, die sich, glühend rot im Gesicht, zur offenen Ofentür hinuntergebeugt hatte. Als Val sich wieder aufrichtete, war dieser Augenblick vorüber und Chris schenkte sich sein eigenes Glas voll. Mit pochendem Herzen saß Liv da, in den Bann geschlagen von seiner Berührung. Wollte er ihr zu verstehen geben, dass sie mehr waren als nur gute Freunde? Er beließ es jedoch bei dieser kleinen Geste, und später kam sie zu dem Schluss, dass sie dieser letztlich doch rein freundschaftlichen Berührung viel zu viel Bedeutung beimaß.

Woher dann diese ungekannte, wilde Euphorie? Vielleicht weil er die Erinnerung an andere, intimere Berührungen in ihr wachgerufen hatte?

»Es kann gefährlich sein«, das waren die mahnenden Worte ihrer Mutter gewesen.

Liv schüttelte heftig den Kopf. Nein, sie würde niemals etwas tun, was Val verletzen könnte.

Wenn sie ehrlich war, musste sie allerdings sagen, dass Val sich im Augenblick selbst keinen Gefallen tat. Die Ferienwohnungen bis Ostern bezugsfertig zu machen verlangte Val viel ab und überforderte sie. Sie verlor bei der geringsten Kleinigkeit die Nerven, war aufbrausend und bekam oft rasende Kopfschmerzen. Nur um sie zu entlasten, hatte sich Liv noch enger mit Chris zusammengetan und sich kaum eine freie Minute gegönnt. Und während sie und Chris sich nach getaner Arbeit gemeinsam entspannten, lag Val, vollgepumpt mit Schmerztabletten, im abgedunkelten Schlafzimmer im Bett.

Liv wusste nicht, ob sie Beklemmung, ein schlechtes Gewissen, Trotz oder alles drei zugleich empfinden sollte. Pipi, popo, pups. Ihr fiel wieder der alberne Kindervers ein, den sie und Andy heute noch trällerten, wenn sie frustriert waren. Liv grinste still in sich hinein. Alles nur Einbildung, dachte sie. Die Anstrengungen der vergangenen Wochen machten sie offensichtlich ganz wirr im Kopf. Sie nahm die Abzweigung nach Blisland, umrundete gemächlich den Dorfanger, wo unter den Bäumen schon Osterglocken blühten, und stellte den Wagen vor Tante Ems schmuckem Häuschen ab.

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