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Leidenschaft im Lichterglanz / Im Himmelbett des Prinzen / Weihnachtsmänner küssen besser

Jacqueline Diamond

Leidenschaft im Lichterglanz

1. KAPITEL

Marnie Afton packte gerade für eine Kundin einen Liebesroman als Geschenk ein, als plötzlich das Telefon klingelte. Sie nahm den Hörer ab und warf einen Blick auf die Wanduhr. Noch eine Stunde bis Ladenschluss.

„Afton Bücher – Schreibwaren – Geschenke, was kann ich für Sie tun?“ Sie klemmte sich den Hörer zwischen Schulter und Wange, während sie das Päckchen mit einer Silberschleife und zwei kleinen Teddybären verzierte.

Ihre Großmutter am anderen Ende der Leitung kam ohne Umschweife zur Sache. „Er ist hier.“

Marnie stieß vor Schreck gegen den Lesezeichenständer neben der Kasse und richtete ihn hastig wieder auf. „Was? Jetzt schon?“

„Er hat sich am Flughafen in Nashville ein Auto gemietet und ist sofort losgefahren“, antwortete Jolene Afton.

„Aber er sollte doch noch auf Onkel Norbert und Tante Linda warten, um sie mitzunehmen!“ Nervös ließ Marnie den Blick durch ihre Buchhandlung schweifen. Ihre einzige Kundin war die Frau, die gerade vor ihr an der Kasse stand. Gott sei Dank. Dann konnte sie den Laden heute etwas früher schließen.

„Er hatte es offensichtlich eilig“, fuhr ihre Großmutter fort. „Du wirst dich ihm gegenüber doch hoffentlich zusammenreißen, oder?“

„Natürlich. Ich bin nur …“ Marnie schluckte. Bis zu diesem Augenblick hatte sie sich eingeredet, dass sie ihrem Exmann vier Jahre nach der Scheidung völlig gleichmütig gegenübertreten konnte, aber offensichtlich war das ein Irrtum.

Unwillkürlich sah sie ihn vor sich: die leuchtend blauen Augen, die gebräunte Haut und das unbändige dunkelblonde Haar. Für einen flüchtigen Moment glaubte sie sogar sein Aftershave riechen zu können, von dem sie immer weiche Knie bekam.

Allerdings war sie auch nicht mehr das naive junge Mädchen von früher, das bei seinem bloßen Anblick Herzklopfen bekommen hatte. Mit ihren zweiunddreißig Jahren hatte sie sich inzwischen gut im Griff.

„Ich glaube, Sie haben das Geschenk jetzt reichlich dekoriert“, sagte ihre Kundin, eine Lehrerin an der örtlichen Grundschule, mit einem nachsichtigen Lächeln.

„Oh!“ Marnie senkte den Blick und stellte fest, dass sie gerade eine zweite Schleife an dem Geschenk befestigen wollte. „Na ja, frohe Weihnachten. Ihrer Schwester wird das Buch bestimmt gefallen. Es ist eins meiner Lieblingsbücher.“

„Ich mag es auch sehr. Schöne Feiertage bei Ihrer Großmutter.“ Die Frau nahm das Geschenk und den Kassenbeleg an sich und verschwand durch die Milchglastür.

„Marnie?“, dröhnte Jolenes ungeduldige Stimme aus dem Hörer. „Du weißt doch genau, wie schlecht es für mein Herz ist, mich so lange warten zu lassen!“

„Nur die Ruhe, ich bin gerade dabei, den Laden zu schließen.“ Marnie trat einen Schritt zurück und stieß dabei aus Versehen gegen das Regal hinter sich. Irgendetwas Großes und Pelziges landete auf ihrem Kopf.

Als sie den Teddybären auffing, hätte sie aus Versehen fast das Telefon fallen lassen. „Granny? Entschuldige bitte!“

„Diese ganze Aufregung ist einfach zu viel für mich!“, jammerte Jolene.

„Ich muss nur noch die Kasse schließen und den Computer runterfahren“, versuchte Marnie sie zu beruhigen und legte den Bären ins Regal zurück.

„Ich schwöre, der arme Kerl sieht von Minute zu Minute besser aus!“ Jolene kam immer mehr in Fahrt. „Wenn du dich nicht beeilst, schnappt ihn dir womöglich noch eine andere weg!“

Marnie warf einen Blick in den Spiegel hinter dem Regal. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, einen geblümten Rock und eine Bluse anzuziehen? Viel zu provinziell. Tom war schließlich ein Mann von Welt. Wenn er sie so sah, dachte er bestimmt, dass aus ihr eine Landpomeranze geworden war.

„Ich komme so schnell ich kann, aber ich muss noch mal kurz nach Hause.“

„Lass dir ruhig Zeit“, antwortete ihre Großmutter sarkastisch. „Wen interessiert schon mein hoher Blutdruck?“

Marnie war normalerweise sehr gutmütig, aber auch sie hatte ihre Grenzen. Außerdem wusste sie nach all den Jahren des Zusammenlebens mit ihrer Großmutter, wie gerne diese immer übertrieb.

„Ich komme, wenn ich so weit bin, Jolene“, sagte sie gereizt.

Ihre Großmutter schwieg einen Moment brüskiert. „Na ja, ich will mich nicht zwei Tage vor Weihnachten mit dir streiten“, sagte sie großmütig. „Du kommst doch zum Abendessen, oder?“

„Natürlich, schließlich habe ich es selbst vorbereitet! Nimm gefälligst deine Medizin oder ruf Dr. Spindler an, wenn es dir wirklich so schlecht geht. Und warum lässt du dich nicht endlich von mir zu einem Spezialisten nach Nashville fahren?“

„Dr. Spindler ist seit fünfzig Jahren mein Arzt“, antwortete Jolene mit bewundernswerter Willenskraft für jemanden, dessen Gesundheit angeblich so angegriffen war. „Er hat meine beiden Kinder zur Welt gebracht und wird eines Tages meinen Totenschein ausstellen. Alles andere ist überflüssig.“

Marnie stöhnte genervt auf. „Schon gut, schon gut!“, sagte sie. „Dann bis nachher.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, ging sie noch einmal rasch durch den Laden, um ein paar verrutschte Buchumschläge und Preisschilder gerade zu rücken. Ansonsten sah alles so tadellos aus wie immer.

Nach ihrer Scheidung vor vier Jahren war Marnie in ihre Heimatstadt Ryder’s Crossing in Tennessee zurückgekehrt und hatte dort von der Erbschaft ihrer Eltern die einzige Buchhandlung des Ortes gekauft. Später erwarb sie auch noch den Laden nebenan und konnte dadurch die Verkaufsfläche und das Sortiment um Papierwaren und Geschenkartikel erweitern.

Trotz der Konkurrenz durch das Internet und das vierzig Meilen entfernte Nashville lief das Geschäft ausgezeichnet. Ihre Kunden wussten den persönlichen Service, das umfangreiche Angebot, das behagliche Ambiente und die unkonventionellen Artikel, die Marnie auf Messen erwarb, zu schätzen.

Was Tom wohl zu dem Laden sagen wird? fragte Marnie sich unwillkürlich. Aber er würde ihn sich bestimmt nicht ansehen. Er verbrachte nur deshalb die Weihnachtsfeiertage mit ihnen, weil er Marnies Großmutter sehen wollte und nicht seine Exfrau. Der Mann, den Marnie seit der Highschool geliebt hatte, war inzwischen ein Fremder.

Marnie verschloss die Kassenbelege im Safe und schaltete den Anrufbeantworter ein. In den nächsten beiden Tagen – es waren die letzten zwei vor Weihnachten – würde ausnahmsweise ihre Angestellte und Freundin Betty den Laden übernehmen, da Marnie sich auf ausdrücklichen Wunsch ihrer Großmutter freigenommen hatte.

Marnie streifte sich ihre Jacke über, schloss die Ladentür ab und ging durch den Hinterausgang nach draußen, wo der Geruch von Schnee in der Luft lag.

Vor einem Jahr hatte sie das große Glück gehabt, das charmante altmodische Haus gleich auf der anderen Straßenseite kaufen zu können. Früher hatte sie immer davon geträumt, einmal mit Tom in einem solchen Haus zu leben. Nie hätte sie gedacht, mit zweiunddreißig Single und kinderlos zu sein, während Tom in Rom lebte und arbeitete.

Dass es so weit gekommen war, lag Marnies Meinung nach an seiner schwierigen Kindheit: Sein Vater war Alkoholiker gewesen, und seine Mutter hatte die Familie schon früh verlassen.

Nachdem Tom und Marnie sich auf der Highschool angefreundet hatten, hatte Granny ihm angeboten, bei ihnen einzuziehen und auf der Farm auszuhelfen, bis er mit der Schule fertig war.

Nach ihrem Highschoolabschluss gingen er und Marnie dann gemeinsam an die University of Tennessee in Knoxville und verliebten sich dort ernsthaft ineinander. Oder zumindest Marnie.

Mit dem Sex warteten sie bis nach ihrer Hochzeit, so schwer es ihnen auch fiel. Es war für sie beide das erste Mal – eine sehr leidenschaftliche und wunderschöne Erfahrung.

Nach dem Studium begleitete Marnie Tom dann nach Washington, wo er vom Auswärtigen Amt zum Diplomaten ausgebildet wurde. Die ersten Stationen seiner Laufbahn waren Tokyo und Stockholm.

Sie hatten es genossen, gemeinsam die neuen Länder und Kulturen zu entdecken, und der Sex war einfach fantastisch. Für eine Weile hielt Marnie ihre Ehe für perfekt.

Doch dann, nach vier Jahren Ehe, sprach sie zum ersten Mal das Thema Kinder an. Tom reagierte so abweisend, dass er ihr damit einen echten Schock versetzte. Er lehnte es rigoros ab, Kinder zu bekommen, weder jetzt noch in Zukunft.

Zwei Jahre brauchte sie dafür, zu akzeptieren, dass er seine Meinung niemals ändern würde – dass er zwar eine Gefährtin wollte, aber keine Familie. Irgendwann waren die Fronten zwischen ihnen so verhärtet, dass Marnie beschloss, sich von ihm zu trennen, bevor sie einander irgendwann nur noch hassten.

Also kehrte sie nach Tennessee zurück und ließ sich von ihm scheiden. Leider fiel es ihr sehr schwer, über ihn hinwegzukommen, ganz zu schweigen davon, jemand Neues zu finden. In den vier Jahren seither war ihr niemand begegnet, der auch nur ansatzweise die Lücke füllen konnte, die Tom hinterlassen hatte.

Soweit sie wusste, war er ebenfalls noch Single, aber das hatte ihrer Meinung nach überhaupt nichts zu bedeuten. Schließlich war er schon immer ein Einzelgänger gewesen.

Marnie schloss ihre Haustür auf und ging an den antiken Möbeln vorbei, die sie von den Vorbesitzern übernommen hatte. Ihre persönlichen Gegenstände wie Fotos, Bücher und Teddybären verliehen dem Haus eine individuelle Note und machten es sehr behaglich. Im Grunde genommen fehlte nur noch der Klang heller Kinderstimmen und männlicher Schritte, um alles perfekt zu machen.

Marnie ging ins Schlafzimmer und probierte erst ein Kostüm und dann ein elegantes Kleid an, bevor sie sich doch wieder für den Rock und die Bluse entschied. Wozu sich die Mühe machen, Tom zu beeindrucken? Er wusste schließlich, dass sie vom Land kam. Außerdem war er vor nicht allzu langer Zeit selbst ein Landjunge gewesen.

Marnie holte die Tasche mit ihren Geschenken für ihre Großmutter, Tom, ihre Tante Linda, deren Mann Norbert und ihren Cousin Mike, der sich vor einigen Jahren mit seinen Eltern zerstritten hatte. Seitdem hatte ihn niemand aus der Familie zu Gesicht bekommen. Jolene hatte ihn dennoch ausdrücklich hergebeten, in der Hoffnung, dass die drei sich über die Feiertage wieder versöhnen würden.

Jetzt fehlte nur noch Marnies schon vorbereitete Zucchini-Lasagne. Mit Baguette und Salat würde sie bestimmt auch einem Kosmopoliten wie Tom schmecken.

Nachdem sie ihr Gepäck im Auto verstaut hatte, ging es endlich los.

Sie freute sich schon auf die nächsten vier Tage bei ihrer Großmutter. Schließlich gab es nichts Schöneres, als am Weihnachtsmorgen in seinem alten Kinderbett aufzuwachen und sich im Erdgeschoss zu seiner Familie zu gesellen.

Und diesmal ist auch Tom wieder dabei, dachte Marnie wehmütig. Sie nahm sich vor, freundschaftlich mit ihm zu verkehren, auch wenn er nicht mehr zur Familie gehörte.

Sie würde ihm gegenüber einfach neutral und sachlich bleiben. Auf keinen Fall würde sie wieder den Fehler machen, seine aufmerksame Art mit Liebe zu verwechseln.

Nachdem sie die Stadt hinter sich gelassen hatte, überquerte sie einen Fluss und fuhr einige Meilen durch Wälder, die schließlich in winterlich kahle hügelige Felder und Wiesen übergingen.

Als sie an dem einem Nistkasten ähnelnden Briefkasten ihrer Großmutter ankam, dämmerte es bereits. Vor Jahren hatte mal jemand die Briefklappe offen stehen lassen, und tatsächlich hatte daraufhin ein Vogel darin genistet. Bis die Jungvögel flügge wurden, hatte ihr Großvater provisorisch einen anderen Briefkasten aufgestellt.

Marnie bog in die Zufahrt des Hofes ein, auf dem sie den Großteil ihrer Kindheit verbracht hatte. Sie kannte hier alles in- und auswendig – vom Ententeich bis hin zum Bauerngarten, der gerade im Winterschlaf lag. Die Felder hinter dem Haus wurden inzwischen von einem Nachbarn bewirtschaftet, der zum Ausgleich die auf dem Hof anfallenden Reparaturen erledigte.

Das dreistöckige graue Farmhaus aus Holz und die wettergegerbte Scheune waren die beiden Hauptgebäude. Hier hatten mehrere Generationen von Aftons ein bescheidenes, aber friedliches Leben geführt.

Neben Grannys Kombi entdeckte Marnie ein unbekanntes hellblaues Mietauto. Sie parkte ihren Wagen und stieg aus. Als sie gerade den Kofferraum aufklappen wollte, spürte sie, dass sie beobachtet wurde. Instinktiv wusste sie, dass es sich um Tom handelte.

Unwillkürlich lief ihr ein Schauer über den Rücken. Sich zu einem Lächeln zwingend, drehte sie sich um, um ihren Exmann zu begrüßen.

Er stand vor der Garage und sah in der Holzfällerjacke und mit dem ihm unordentlich in die Stirn fallenden Haar gerade alles andere als weltmännisch aus. Er trug enge Jeans, die seine muskulösen Beine betonten.

Wie oft hatte sie früher diese schmalen Hüften und harten Schenkel berührt …

Marnie spürte, dass ihre Brustwarzen bei seinem Anblick unwillkürlich hart wurden und ihr das Blut in den Unterleib schoss. Als habe ihr Körper in den letzten vier Jahren eine Art Winterschlaf gehalten und erwache erst jetzt wieder zu neuem Leben.

Sie konnte hören, dass er scharf einatmete. Offensichtlich ging es ihm ebenso wie ihr. Die Chemie zwischen ihnen stimmte also noch immer, aber Marnie wusste aus schmerzlicher Erfahrung, dass das nichts mit echter Liebe zu tun hatte.

„Du hast dir die Haare schneiden lassen“, stellte er fest.

„Stimmt, die langen Haare haben mich irgendwann genervt.“ Unwillkürlich fasste Marnie sich an den Kopf. Sie hatte ihr Haar früher hüftlang getragen, nach der Scheidung jedoch auf Schulterlänge kürzen lassen. „Hilfst du mir, die Sachen hier ins Haus zu tragen?“

„Eigentlich wollte ich mich erst unter vier Augen mit dir unterhalten“, antwortete Tom und legte den Kopf schief – eine alte Angewohnheit, wenn er unsicher war.

Plötzlich kam Marnie sich selbst wie ein schüchterner Teenager vor. Am liebsten wäre sie davongelaufen, aber sie zwang sich, stehen zu bleiben und seinem Blick standzuhalten. „Na schön, reden wir“, antwortete sie kurz angebunden. „Wie geht es dir?“

„Gut.“ Tom öffnete den Mund, als wolle er noch mehr sagen, zögerte dann jedoch. Was war bloß los mit ihm? Er beherrschte drei Sprachen und hatte während des Studiums einen ersten Preis im Debattierclub gewonnen. Normalerweise war er also nicht so auf den Mund gefallen.

Fieberhaft suchte Marnie nach einem neutralen Gesprächsthema. „Die Konferenz in Malta letzten Sommer muss ja ganz schön aufregend gewesen sein“, sagte sie. Tom hatte dort nämlich bei einer Wirtschaftskonferenz mitgearbeitet.

„Dann hat Granny dir also davon erzählt?“

„Nein, es stand in der Zeitung.“

„Wirklich?“ Tom schnaubte geringschätzig. „Ich hätte nicht gedacht, dass den hohen Tieren hier meine Existenz überhaupt bewusst ist.“

„Wieso? Du bist immerhin einer unserer erfolgreichsten Highschoolabsolventen“, wandte Marnie ein, doch Tom schüttelte nur den Kopf.

„Wie läuft eigentlich deine Buchhandlung?“, wechselte er das Thema.

„Ich kann gut davon leben.“ Nach Abzug ihres Gehalts blieb Marnie meistens noch genug Gewinn für Neuinvestitionen übrig. „Granny freut sich übrigens sehr, dass du wieder da bist. Sie redet schon seit Wochen über nichts anderes mehr.“

„Das war doch selbstverständlich“, antwortete Tom irritiert. „Nachdem sie mir gesagt hat, dass dieses Weihnachten ihr letztes sein könnte, habe ich sofort einen Flug reserviert.“

„Hat sie das wirklich gesagt?“, fragte Marnie betroffen.

„Ja. Wusstest du das etwa nicht?“

„Nein, sie klagt schon so lange über Herzbeschwerden, dass ich das gar nicht mehr richtig ernst nehme.“ Marnie hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen.

„Sie hat mir geschrieben, dass ihr Zustand sich verschlechtert hat“, antwortete Tom.

Unwillkürlich schossen Marnie die Tränen in die Augen. Doch sie wollte nicht in seiner Gegenwart weinen, nahm sich zusammen und schlang die Arme um sich.

„Also deshalb kommen Tante Linda und Onkel Norbert extra aus Chicago“, sagte sie. Normalerweise blieb ihr Onkel, ein Pastor, Weihnachten immer bei seiner Gemeinde.

„Hast du schon gehört?“ Als Tom auf sie zukam, um die Sachen aus dem Kofferraum zu holen, stieg Marnie unwillkürlich sein männlicher Duft in die Nase, halb Aftershave und halb sein eigener unverwechselbarer Geruch. „Der O’Hare-Flughafen ist wegen eines Schneesturms gesperrt. Wahrscheinlich geht der Flugverkehr erst morgen wieder los.“

„Na hoffentlich tut er das dann.“ Marnie hatte noch keine Wetternachrichten gesehen. „Und wie sieht es in Santa Fe aus? Mein Cousin Mike wollte nämlich auch kommen.“

„Weiß ich nicht.“

Tom griff an Marnie vorbei nach dem Koffer und der Tüte mit Geschenken, wobei er sie aus Versehen streifte. Sofort überlief es sie heiß, doch falls er etwas Ähnliches empfand, gelang es ihm gut, es zu verbergen. „Willst du etwa Weihnachtsmann spielen?“, fragte er. „Das ist ja ein Riesenberg Geschenke.“

„Ich habe einen Laden, schon vergessen?“, antwortete Marnie, wobei sie sich um einen lockeren Tonfall bemühte. „Du hast doch bestimmt auch eine Menge mitgebracht.“

„Nur ein paar Kleinigkeiten.“ Tom stand so dicht vor ihr, dass sie ihn geradezu schmecken konnte. Plötzlich beugte er sich gefährlich dicht über sie und senkte verführerisch die Lider.

Ob er sie jetzt küssen würde? Marnie spürte, dass sie nicht die Kraft dazu hatte, ihn daran zu hindern – und sie wollte es auch gar nicht.

Doch unvermittelt richtete er sich wieder auf und nahm das Gepäck aus dem Auto. „Ich muss dir noch etwas sagen, Marnie. Es hat sich einiges verändert.“

Marnie empfand seinen abrupten Rückzug wie einen Schlag ins Gesicht. „Ach, wirklich?“, sagte sie schroff und nahm die Tasche mit dem Abendessen aus dem Kofferraum. „Nach vier Jahren Unabhängigkeit bin ich auch nicht mehr dieselbe wie früher.“

„Das brauchst du mir nicht zu sagen“, murmelte er.

Für ein paar Sekunden sprach niemand von ihnen ein Wort.

„Es wird allmählich kalt“, sagte Marnie schließlich. Der Wind hatte aufgefrischt, doch die innere Kälte, die sie empfand, hatte nichts mit dem Wetter zu tun. „Lass uns reingehen.“

„Ich wollte dir nur noch kurz sagen, dass …“

„Das kann warten“, unterbrach Marnie ihn und floh Richtung Haus.

2. KAPITEL

Tom hatte eigentlich vorgehabt, Marnie bei der Garage sofort auf das anzusprechen, was sie im Haus erwartete, anstatt sie nur stumm anzustarren. Aber irgendwie war er in ihrer Gegenwart total befangen gewesen. Er hatte einfach Angst gehabt, das Falsche zu sagen – falls es überhaupt möglich war, die richtigen Worte zu finden.

Außerdem hatte er zu seinem Entsetzen feststellen müssen, dass er auf ihren Anblick sofort körperlich reagierte und ihre Nähe fast so intensiv spürte wie eine Berührung.

Anscheinend hatte er sie doch noch nicht überwunden.

Dass er sie – wenn auch unbeabsichtigt – hintergangen hatte, machte die Situation nicht leichter.

Unwillkürlich musste er daran denken, wie sie sich zum ersten Mal an der Highschool begegnet waren. Sie hatte gerade vor ihrem Spind gestanden, als er bei ihrem Anblick ins Stolpern gekommen war und seine Bücher fallen gelassen hatte.

Marnie hatte ihm nur einen überraschten Blick zugeworfen und war in ihr Klassenzimmer gegangen. Tom hatte mehrere Monate gebraucht, bis er den Mut aufgebracht hatte, sie anzusprechen.

Um sie mit seiner Sportlichkeit zu beeindrucken, war er in den Turnverein der Schule eingetreten, und selbst nachdem er bei ihr und ihrer Großmutter eingezogen war, hatte er in ihrer Gegenwart nie das Gefühl der Ehrfurcht ablegen können – er hatte sie immer als etwas sehr Seltenes und Kostbares empfunden, das wie durch Zauberhand in sein Leben getreten war.

Dass sie ihn verlassen hatte – seiner Meinung nach der Beweis, dass sie ihn nicht so liebte, wie er war –, hatte ihn daher noch stärker getroffen als der Auszug seiner Mutter. Es war das Schlimmste, was ihm je zugestoßen war.

Ob er deshalb gerade ein so starkes Verlangen empfunden hatte, sie in die Arme zu nehmen und sich mit ihr zu versöhnen? Aber vermutlich hatte er ohnehin keine Chance bei ihr. Die hatte er sich gründlich vermasselt, wenn auch unbeabsichtigt.

Als er sah, wie Marnie die Stufen zur Veranda hochstieg und die Haustür öffnete, lief er unwillkürlich los. „Warte!“, rief er und rannte kurz nach ihr durch die Tür – seitlich, damit ihr Koffer und die Tasche mit den Geschenken hindurchpassten. „Es gibt da etwas, dass ich dir unbedingt noch …“

In der Diele blieb Marnie so abrupt stehen, dass er fast in sie hineingerannt wäre. Über ihren Kopf hinweg sah er Cody aus Jolenes Zimmer kommen.

Der blonde Junge sah Marnie interessiert an. „Hi!“

Nervös hielt Tom die Luft an.

„Hallo! Wer bist du denn?“, fragte Marnie gleichzeitig belustigt und verwirrt.

„Cody“, antwortete der Kleine.

„Also, ich heiße Marnie. Lässt du mich mal vorbei, damit ich diese Sachen hier in der Küche abstellen kann? Dann schüttle ich dir gern die Hand.“ Vorsichtig ging sie um das Kind herum, blieb dann jedoch stehen. „Wo ist denn deine Mutter?“, fragte sie. „Seid ihr neu in der Gegend?“

„Habe keine Mutter“, antwortete der kleine Junge und rannte auf Tom zu. „Das ist mein Daddy!“

Marnie glaubte zunächst, sich verhört zu haben. „Was hast du gesagt?“

Tom hielt es für klug, sich jetzt einzuschalten. „Ich wollte es dir eigentlich schon eher sagen, aber ich wusste nicht, wie“, gestand er. „Ich habe Granny vor einem halben Jahr geschrieben, dass ich einen Sohn habe, aber offensichtlich fehlten ihr ebenfalls die richtigen Worte, um es dir zu sagen.“

Ein Kind? Tom hatte ein Kind?

Marnie starrte den Jungen wie betäubt an. Sein Haar war heller als das von Tom, aber die Ähnlichkeit zwischen den beiden war unverkennbar.

Wie war das nur möglich? Sie und Tom waren doch erst seit vier Jahren geschieden. Der Junge sah aus, als sei er etwa zweieinhalb. Tom musste also schon kurz nach der Trennung eine andere Frau gefunden haben.

Marnie hätte sich gern eingeredet, dass diese Frau nur eine Art Trostpflaster für ihn gewesen sein konnte, aber sie wollte sich nichts vormachen. Sie hatte immer gewusst, dass er seine Meinung zu Kindern ändern würde, sobald er die Richtige fand.

Kein Wunder, dass Granny ihr nichts von dem Kind erzählt hatte. Es tat verdammt weh, dass der Mann, den sie so sehr geliebt hatte, so schnell neues Glück gefunden hatte.

Und es auf diesem Wege zu erfahren, war einfach grausam. „Warum hast du mir nicht geschrieben, dass du verheiratet bist?“, fragte sie mit zitternder Stimme. „Ist das denn zu viel verlangt?“

„Ich bin nicht verheiratet“, murmelte Tom, während sein Sohn in die Küche marschierte.

„Hält deine … deine Freundin etwa nichts von der Ehe?“

„Es gibt keine Freundin.“

Als Tom die Hände in die Hosentaschen schob, sah er plötzlich wieder so aus wie früher als Jugendlicher. „Cody war sozusagen ein Unfall.“

Marnie unterdrückte das in ihr aufsteigende Gefühl der Erleichterung. Andererseits geschahen Unfälle nicht einfach so, schon gar nicht erwachsenen Männern, denen es in ganzen sechs Jahren Ehe perfekt gelungen war, kein Kind zu zeugen. „Was meinst du damit?“

„Ich war etwas leichtsinnig geworden“, gestand Tom. „Glaub mir, es war nie meine Absicht, ein Kind zu bekommen.“

Trotz seines schuldbewussten Gesichtsausdrucks glaubte Marnie ihm kein Wort. „Er ist ein total süßer kleiner Junge!“, sagte sie wütend. „Sprich bitte nicht über ihn, als sei er eine streunende Katze!“ Sie folgte Cody in die Küche.

Der vor einigen Jahren modernisierte Raum erstreckte sich über die gesamte Rückseite des Hauses. Vom Fenster aus konnte man den Rosengarten sehen, hinter dem sich winterkahle Felder erstreckten.

Von Jolene fehlte jede Spur. „Wo ist Granny?“, fragte Marnie Tom, der ihr in die Küche gefolgt war.

„Sie ruht sich gerade etwas aus.“

„Als sie mich vor einer halben Stunde anrief, klang sie noch ganz munter!“

„Okay, sie versteckt sich vor dir“, gab Tom zu. „In ihrem Schlafzimmer. Das ist doch kein Verbrechen, oder?“

Wütend knallte Marnie die Auflaufform mit der Lasagne auf den Tisch und stellte den Backofen an. Die Küche war wirklich verdammt eng. Zumindest zu eng für sie und einen Mann, den sie am liebsten gerade auf den Mond geschossen hätte.

„Ich will vino“, sagte Cody.

„Was?“ Fassungslos wirbelte Marnie zu Tom herum. „Du gibst dem Kind Wein zu trinken?“

„Warum nicht? Wir leben doch in Italien.“ Toms Augen funkelten belustigt auf.

„Unfassbar! Absolut unglaublich!“, stammelte Marnie wutentbrannt.

„Beruhige dich.“ Tom ging an ihr vorbei zum Kühlschrank und holte eine Flasche mit einer roten Flüssigkeit heraus. „Er meint nur Traubensaft.“

Vino ist italienisch für Wein! Damit bringst du ihn doch nur auf dumme Gedanken! Warte nur, bis mein Onkel hier eintrifft!“ Als Pastor hatte Norbert Galloway ziemlich rigide Moralvorstellungen.

„Was soll er denn mit mir anstellen?“, fragte Tom mit einem nachsichtigen Lächeln, während er Traubensaft in einen Plastikbecher goss und ihn seinem Sohn reichte.

Grazie.“ Mit beschwingtem Schritt ging Cody zum Küchentisch. Er bewegt sich schon fast wie sein Vater, dachte Marnie voller Schmerz.

„Ach, vergiss es einfach!“ Ihre Bemerkung war sowieso total blöde gewesen. „Du solltest deinem Sohn ein gutes Vorbild sein.“ Wütend riss Marnie die Folie von der Auflaufform. „Kinder sind sehr leicht zu beeindrucken. Sie merken sich alles, was du tust oder sagst.“

Tom lehnte sich gegen die Arbeitsfläche, als Marnie die Auflaufform in den Ofen schob. „Woher soll ich das wissen? Meine Eltern waren nicht gerade perfekte Vorbilder. Olivia sagt auch immer, dass ich nicht viel besser bin als ein ragazzaccio. Ein ungezogener Lümmel.“

Olivia. Beim Klang des Namens musste Marnie unwillkürlich wieder an die andere Frau denken – Codys Mutter. Auch wenn sie von Tom getrennt zu leben schien, waren die beiden durch den Jungen unlösbar miteinander verbunden. „Sie ist bestimmt attraktiv, oder?“

„Wer?“

„Na, Olivia!“ Mit einer heftigen Bewegung riss Marnie den Beutel mit den Salatzutaten auf und schüttete den Inhalt in eine Schüssel. Dann begann sie, Tomaten zu schneiden.

„Eigentlich ist sie ziemlich übergewichtig.“

„Wie redest du denn über sie? Nach der Geburt haben viele Frauen Gewichtsprobleme.“ Marnie erwartete ja nicht gerade, dass er von Codys Mutter schwärmte, aber ein bisschen Respekt der Mutter seines Kindes gegenüber war ja wohl nicht zu viel verlangt, oder?

„Olivias letzte Geburt liegt schon fast dreißig Jahre zurück“, antwortete Tom lachend. „Und ihr Übergewicht verdankt sie ausschließlich der vielen hausgemachten Pasta.“

Nonna Olivia mi ama“, warf Cody vom Tisch aus ein.

„Das heißt: ‚Großmutter Olivia liebt mich‘“, erklärte Tom. „Natürlich ist sie nicht wirklich seine Großmutter, sondern nur meine Haushälterin.“

„Ach so.“ Marnie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. „Willst du mir nicht trotzdem endlich sagen, wer seine Mutter ist? Oder ist das ein großes Geheimnis?“

„Nicht in Codys Gegenwart. Das wäre etwas indiskret, und ich soll meinem Sohn doch ein gutes Vorbild sein, nicht wahr?“ Scherzhaft hob Tom eine Augenbraue.

Ragazzaccio passt wirklich ausgezeichnet, dachte Marnie.

Das alles ergab einfach keinen Sinn. Nichts von dem, was er ihr erzählt hatte, passte zu dem Mann, den sie kannte. Ein Unfall? Ha! Der Kerl war doch ein totaler Kontrollfreak!

Aber zumindest hatte er den Jungen bei sich aufgenommen und schien ihn sogar zu lieben. Ein Teil von ihr freute sich über Toms Verantwortungsbewusstsein und Fürsorglichkeit, aber gleichzeitig hätte sie ihm am liebsten die Salatschüssel ins Gesicht geworfen.

Sie sehnte sich doch so sehr nach einem Kind! Danach, ein süß duftendes Baby im Arm zu halten, das mit strahlenden Augen zu ihr auflächelte. Nach einem niedlichen kleinen Jungen wie diesem hier. Und nach einem Mann, der sie beide voller Liebe ansah.

Was hätte sie nicht alles dafür gegeben. Aber die Jahre vergingen, und ihre Arme waren immer noch leer.

Geschähe Tom ganz recht, wenn sie einfach die Salatschüssel über seinem Kopf ausleerte! Aber wenn sie damit in seine Richtung ging, würde er sie unter Garantie sofort durchschauen. Wutentbrannt schnitt sie die Tomaten weiter.

„Und?“, fragte er nach einer Weile.

„Was ‚und‘?“

„Wirst du mich gleich mit dem Messer da erstechen, oder verzeihst du mir?“

Was bildete er sich eigentlich ein? Klar war es kein schöner Charakterzug, nachtragend zu sein, aber trotzdem …

Leider musste sie wohl oder übel damit leben, dass Tom ein Kind hatte, ganz egal, wie betrogen sie sich deswegen fühlte. Schon allein dem Jungen zuliebe. Er konnte ja schließlich nichts dafür. Aber Tom verzeihen, dass er ein Kind mit einer anderen Frau hatte? Nein, das war wirklich zu viel verlangt!

„Freu dich, dass du noch am Leben bist“, antwortete sie wütend. „Fordere dein Schicksal lieber nicht heraus.“

Tom brach in schallendes Gelächter aus. Am Anfang ihrer Freundschaft war er so ernst gewesen, dass sie sich sogar jetzt insgeheim über sein Lachen freute.

Sie konnte sich noch genau daran erinnern, wie er als Sechzehnjähriger an einem regnerischen Herbstabend völlig durchnässt und verzweifelt an Grannys Hintertür geklopft hatte, da sein betrunkener Vater ihn nach einem Streit hinausgeworfen hatte.

Grandpa Ewell war damals noch nicht lange tot gewesen, und Marnie und die zweiundsechzigjährige Jolene hatten sich in dem leeren Haus ganz verloren gefühlt.

Ein Blick auf die nasse Elendsgestalt vor der Tür, und Granny holte Tom sofort ins Haus und nahm ihn unter ihre Fittiche. Sie war so fassungslos über die Grausamkeit von Toms Vater, dass sie ihm kurz entschlossen anbot, bei ihnen einzuziehen und als Gegenleistung auf der Farm auszuhelfen. Tom hatte die Chance dankbar ergriffen.

Seine Vitalität hatte Wärme ins Haus gebracht, genau das, was die beiden Frauen damals gebraucht hatten.

Als Marnie mit dem Salat fertig war, stellte sie fest, dass die Lasagne vermutlich noch eine halbe Stunde brauchen würde. „Ich sehe mal nach Granny“, sagte sie.

Eigentlich wollte sie damit signalisieren, dass sie mit ihrer Großmutter allein sein wollte, doch Tom ignorierte ihren Wink. „Gute Idee! Ich wollte sowieso möglichst viel Zeit mit ihr verbringen.“

„Wenn es ihr wirklich so schlecht geht, wie du sagst, sollten wir lieber nicht zusammen reingehen.“

„Je mehr, desto besser die Stimmung, oder?“, erwiderte Tom mit gespielter Unschuld.

„Willst du mir eigentlich jedes Mal widersprechen, wenn ich etwas sage?“, fragte Marnie erbost.

„Wer, ich?“

Marnie seufzte genervt auf. „Lass uns nicht vor ihr streiten, okay?“, sagte sie.

„Ich bin nicht derjenige, der sich hier streitet.“ Toms Blick war so intensiv, dass Marnie sofort wieder Herzklopfen bekam. Rasch drehte sie sich um.

„Nicht streiten“, mischte Cody sich vom Tisch aus ein. „Seid doch Freunde!“

„Ganz der künftige Diplomat.“ Tom nahm seinem Sohn den leeren Becher aus der Hand und nahm ihn auf den Arm.

Als er den jauchzenden Jungen in die Luft warf, wirkten die beiden so harmonisch, dass Marnie sie am liebsten gefilmt hätte. So hatte sie sich das Familienleben mit Tom immer vorgestellt.

Marnie war so fasziniert von dem Anblick, dass sie ihre Wut für einen Augenblick komplett vergaß. Sie freute sich einfach, dass Tom endlich die Freuden der Vaterschaft entdeckt hatte, ganz egal, auf welchem Wege.

Ob er sich auch sonst verändert hatte? Um das zu beurteilen, musste sie erst mehr über seine Beziehung zu Codys Mutter wissen.

„Spielt ihr zwei ruhig weiter“, sagte sie. „Ich werfe schon mal einen Blick in Grannys Zimmer.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, verließ sie die Küche. Sie sehnte sich danach, endlich allein zu sein, um die vielen Neuigkeiten verarbeiten zu können: den Schock darüber, dass Tom einen Sohn hatte, ihre eigenen unerwartet starken Gefühle für ihn und die Tatsache, dass er sich anscheinend verändert hatte.

Sie nahm sich vor, mit ihrer Großmutter darüber zu reden, aber die hatte immer einen solchen Narren an Tom gefressen, dass Marnie nicht mit einer objektiven Meinung über ihn rechnen konnte. Immerhin kannte sie ihn besser als jeder andere.

Jolene war vor einigen Jahren in das ehemalige Arbeitszimmer ihres Mannes im Erdgeschoss gezogen, von wo man einen guten Überblick über alles hatte, was auf dem Hof passierte und wer im Haus ein und aus ging. Die perfekte Kommandozentrale also. Krankes Herz hin oder her, diese Weihnachten würde Jolene bestimmt die Chance nutzen, ihre endlich mal wieder um sie versammelte Sippe nach Herzenslust herumzudirigieren.

Leise klopfte Marnie an die Tür. Für einen flüchtigen Moment glaubte sie, ein gedämpftes Rascheln zu hören, doch dann war alles still. Kurz darauf drang Jolenes zittrige Stimme durch die Tür: „Komm rein.“

Marnie öffnete die Tür einen Spalt und lugte ins Zimmer. Ihre Großmutter lag matt in ihrem Doppelbett, das weiße Haar auf dem Kissen ausgebreitet. Ihre Gesichtsfarbe war allerdings erstaunlich gesund, und sie atmete ziemlich rasch für jemanden, der sich gerade ausruhte.

Ob sie wirklich so krank war, wie sie Tom gesagt hatte? Sie war doch erst letztes Wochenende mit dem in der Nachbarschaft wohnenden Dr. Spindler in die Stadt gefahren. Und nach dem Gottesdienst hatte sie bei Marnie gegessen und sich genauso munter mit ihr unterhalten wie immer. Allerdings hatte sie sich auch beklagt, sich etwas schwach zu fühlen.

Marnies Blick wanderte durch den Raum, um nach Anzeichen für eine ernsthafte Erkrankung zu suchen, Medizinfläschchen auf dem Nachttisch zum Beispiel oder ein Atemgerät, konnte aber nichts entdecken.

Sie setzte sich auf die Bettkante und küsste ihrer Großmutter die Wange. Teures französisches Parfum stieg ihr in die Nase. „Du riechst gut. Mir zu Ehren oder für Tom?“

„Ach, für euch alle“, antwortete Jolene wegwerfend und strich Marnie das Haar hinters Ohr. „Ich verstehe einfach nicht, warum du dir die Haare hast schneiden lassen. Mit dem Haarknoten hast du früher immer ausgesehen wie Audrey Hepburn.“

Marnie fand nicht, dass sie auch nur die geringste Ähnlichkeit mit der Lieblingsschauspielerin ihrer Großmutter hatte, aber Widerrede war sowieso zwecklos.

Sie beschloss, direkt zur Sache zu kommen. „Warum hast du mir eigentlich nicht erzählt, dass Tom ein Kind hat?“, fragte sie.

Jolene ließ die Hand sinken. „Das hätte ich tun sollen, ich weiß. Aber ich war einfach zu feige.“

„Wovor hattest du Angst?“

„Davor, dir wehzutun“, gestand Jolene. „Eine Zeitlang habe ich sogar mit der Versuchung gekämpft, nach Rom zu fliegen und den Kerl eigenhändig zu erwürgen, aber dazu bin ich natürlich zu schwach. Also habe ich beschlossen, dass er gefälligst herkommen und sich von dir höchstpersönlich erwürgen lassen soll.“

„Bist du denn wirklich so krank, wie Tom gesagt hat? Seiner Meinung nach liegst du praktisch im Sterben.“

Errötend nestelte Jolene an einem losen Faden ihres Quilts. „Es könnte doch wirklich mein letztes Weihnachtsfest sein. Du weißt, dass es mir nicht gut geht.“

„Warum lässt du dich dann nicht endlich von mir zu einem Spezialisten nach Nashville fahren?“

Anstatt zu antworten, funkelte ihre Großmutter sie nur erbost an. „Ich will dir doch nur helfen!“, verteidigte Marnie sich. „Weil ich dich so lieb habe.“

„Ich hab dich auch sehr lieb.“ Beschwichtigend tätschelte Jolene Marnie den Arm. „Vielleicht geht es mir ja besser, sobald die Familie wieder um mich versammelt ist, wer weiß?“

„Hoffentlich.“ Irgendwie konnte Marnie das Gefühl nicht abschütteln, dass Jolene ihr nicht die ganze Wahrheit sagte, aber bevor sie darüber nachdenken konnte, kam Cody durch die Tür geschossen. „Nonna Jola!“, strahlte er.

Nonna Jola?“ Skeptisch hob Marnie eine Augenbraue.

„Wir haben entschieden, dass das eine passende Anrede für mich ist“, antwortete ihre Großmutter.

Kurz darauf gesellte sich auch Tom zu ihnen, sein Handy ans Ohr gepresst. Er drückte eine Taste und steckte es wieder in die Tasche. „Die Wetterlage in Chicago ist unverändert. Sämtliche Flüge von dort aus wurden storniert. Sieht so aus, als bekäme Onkel Norbert heute keine Chance mehr, mir meine Unarten auszutreiben.“

„Wie bitte?“, fragte Granny irritiert.

„Onkel Norbert hält nichts von unehelichen Kindern“, antwortete Marnie hastig. Warum hatte sie bloß damit angefangen? „Aber ich glaube kaum, dass er Tom vor versammelter Mannschaft zur Schnecke machen wird.“

„Das sollte er auch hübsch bleiben lassen. Sein Sohn ist nämlich nicht viel besser.“ Erschrocken schlug Granny sich mit der Hand vor den Mund. „Vergiss bitte, was ich gerade gesagt habe“, flüsterte sie ihrer Enkelin zu.

„Jolene, was hast du wieder ausgeheckt?“, fragte Marnie scharf. „Hast du etwa auch eine Überraschung für mich parat? Falls ja, erzähl es mir lieber jetzt gleich, damit ich mich schon mal darauf einstellen kann!“

Tom begann plötzlich schallend zu lachen.

„Ich darf doch sehr bitten, junger Mann!“, wies Jolene ihn streng zurecht. „Was ist so komisch daran, dass meine Tochter und mein Schwiegersohn im Schneesturm feststecken?“

„Nichts, aber eure Auseinandersetzungen sind einfach zum Totlachen“, antwortete Tom grinsend. „Erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr ich das vermisst habe. Mit dir ist es wirklich nie langweilig, Granny.“

Da hat er Gott sei Dank recht, dachte Marnie. Ihr fiel nämlich gerade auf, dass sie noch nicht einmal im Schlafzimmer ihrer Großmutter und in Gegenwart eines Zweieinhalbjährigen den Blick von Toms breiten Schultern und seinem jungenhaften Grinsen losreißen konnte.

Je mehr Chaos ihre Großmutter also verbreitete, desto besser. Hauptsache, sie konnte Tom aus dem Weg gehen. Schon sein bloßer Anblick erregte sie nämlich mehr als die Abschiedsküsse der Männer, mit denen sie nach ihrer Scheidung ausgegangen war.

Nicht auszudenken, was alles passieren konnte, wenn sie sich allein mit ihm in einem Zimmer befand.

Plötzlich klingelte das Telefon auf Jolenes Nachttisch. „Hoffentlich sind das gute Nachrichten von deinem Onkel oder Cousin“, sagte die alte Dame und hob ab.

Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, waren es jedoch schlechte. „Mike, wo steckst du?“, hörte Marnie sie fragen. „Was? Irgendwo muss doch eine offene Werkstatt aufzutreiben sein!“ Und: „Ich verstehe einfach nicht, warum die Autohersteller nicht gleich Ersatzteile mitliefern, damit man nicht zwei Tage vor Weihnachten nach einer Wasserpumpe suchen muss!“

„Mikes Wagen ist in der Nähe von Memphis liegen geblieben“, teilte Jolene Marnie und Tom mit, nachdem sie aufgelegt hatte.

Memphis? Das bedeutete, dass Mike auf keinen Fall noch heute ankommen würde. Anscheinend musste Marnie vorerst auf ihre Verwandten als Puffer zwischen sich und Tom verzichten.

Was bedeutete, dass sie quasi allein mit ihm war.

Hoffentlich brachten sie sich in diesem Zeitraum nicht gegenseitig um!

3. KAPITEL

Natürlich wünschte Tom niemandem einen Motorschaden, aber insgeheim war er erleichtert über Mikes Verspätung. So hatte er zumindest die Chance, mit Marnie allein zu sein.

Wieder in Grannys Haus zu wohnen, weckte die Erinnerung daran, wie sie ihn damals aus seiner pubertären Wut und Langeweile gerissen hatte. Sie hatte sein Interesse an Sprachen, fremden Ländern und Geschichte geweckt und ihm die Macht der Poesie nahegebracht. Erst durch sie hatte er sein wahres Potenzial entdeckt.

Doch eine Beziehung mit ihr wäre ihm damals nie in den Sinn gekommen, obwohl er natürlich große Lust gehabt hatte, mit ihr zu schlafen – ein Verlangen, das er allerdings unterdrückt hatte, um ihre Freundschaft nicht zu gefährden.

Auf dem College waren sie schließlich zusammengekommen und hatten später sogar geheiratet – etwas, das er damals als echtes Wunder empfunden hatte.

Doch seitdem hatte sich viel verändert. Mit der Trennung von ihm hatte Marnie ihn so tief verletzt, dass er eine Zeitlang nicht hatte weiterleben wollen. Dass es ihm endlich wieder gut ging, hatte er vor allem Cody zu verdanken, aber gerade dessen Existenz machte eine Versöhnung mit Marnie äußerst unwahrscheinlich.

Trotzdem, er würde die Feiertage nutzen, so gut es ging. „Scheint, als seien wir dieses Jahr allein für die Vorbereitungen des Weihnachtsfests verantwortlich“, sagte er betont locker zu Marnie.

„Das stimmt leider.“ Matt ließ Jolene sich zurück ins Kissen sinken. „Es bleibt jetzt an euch hängen, das Haus zu schmücken, ganz zu schweigen von der Zubereitung des Truthahns.“

„Oh Gott!“ Hastig sprang Marnie auf. „Das erinnert mich an die Lasagne. Ich hätte sie schon vor fünf Minuten aus dem Ofen nehmen müssen!“

„Brauchst du vielleicht Hilfe?“ Tom zwinkerte Jolene verschwörerisch zu und folgte Marnie in die Küche, während Cody bei seiner Ersatzoma blieb.

Marnie zog die Auflaufform aus dem Ofen. Der Käse war am Rand schon dunkelbraun, aber ansonsten war zum Glück kein Schaden entstanden.

Als sie Tom sah, drehte sie ihm den Rücken zu. „Ich komme hier auch allein zurecht!“, sagte sie brüsk.

Tom verlor allmählich die Geduld. „Marnie, dreh dich bitte um und sieh mich an“, sagte er.

„Das werde ich nicht!“

Offensichtlich nahm sie ihm die Sache mit Cody sehr übel. Wenn er doch nur aus ihrem Tonfall schlau werden würde. War sie einfach nur gereizt oder wirklich verletzt?

„Als du mich verlassen hast, hast du doch selbst gesagt, dass wir einfach nicht zusammenpassen“, sagte er. „Und dass unsere Hochzeit ein Fehler war.“

„Das habe ich allerdings!“, sagte sie fast schon schrill.

„Warum bist du dann so wütend auf mich?“

„Bin ich gar nicht!“ Marnie zerschnitt das Baguette in Scheiben und bestrich diese mit Butter.

„Worauf denn dann? Auf den Auflauf etwa?“

„Auf das blöde Wetter in Chicago!“, antwortete sie aufbrausend. „Auf Grannys krankes Herz! Und auf Mikes dämlichen Motorschaden!“

Tom ging auf sie zu. Ihre Bluse war hinten etwas ausgeschnitten, sodass ihr Nackenwirbel zu sehen war. Er wusste genau, wie sehr es sie immer erregte, wenn er sie dort küsste, aber bei ihrer jetzigen Laune war das vermutlich zu riskant.

Als er jedoch den Perlohrring an ihrem Ohrläppchen sah, konnte er nicht länger widerstehen. Er berührte ihn mit dem Zeigefinger.

Marnie zuckte unwillkürlich zurück. „Was soll das?“, fragte sie scharf.

Tom ließ die Hand sinken, ohne auf ihre Frage einzugehen. Stattdessen sagte er: „Ganz schön viel Gründe, wütend zu sein, oder? Soweit ich weiß, verbirgt sich hinter so vielen Erklärungen meistens ein tieferer Grund.“

„Tu doch nicht so, als wüsstest du nicht genau, warum ich so wütend auf dich bin!“ Marnie trug das leere Backblech so schnell zum Ofen, dass sie Tom unterwegs fast mit dem Ellenbogen gerammt hätte, doch er wich ihr gerade noch rechtzeitig aus. „Dein Sohn sollte Weihnachten nicht getrennt von seiner Mutter feiern. Warum hast du sie nicht mitgebracht?“

„Das ging leider nicht“, antwortete Tom. „Sie ist tot.“

Marnie zuckte erschrocken zusammen. „Das tut mir leid“, sagte sie nach einer Weile.

„Sie starb an einer Gehirnblutung. Sie war erst dreißig Jahre alt.“

Marnie bückte sich und schob das Blech in den Ofen. Als sie sich wieder aufrichtete, schimmerten Tränen in ihren Augen. „Aber das ist ja furchtbar! Du musst sie schrecklich vermissen.“

„Ich kannte sie eigentlich kaum.“ Das sprach vermutlich nicht gerade für ihn, aber er wollte Marnie nicht belügen.

Elise war eine temperamentvolle junge Schwedin mit breiten Wangenknochen und blondem Haar gewesen, die er kurz nach der Trennung in einem Stockholmer Männerbekleidungsgeschäft kennengelernt hatte.

„Aber warum …“ Marnie verstummte und riss die Besteckschublade auf. „Ach, ist ja auch egal. Es geht mich schließlich nichts an.“

Tom reagierte bewusst nicht, da er es nicht einsah, ihr aus der Verlegenheit zu helfen. Er wusste zwar genau, wie schwer es ihr fiel, über ihre Gefühle zu reden, wenn sie verletzt war, aber seiner Meinung nach konnte sie ruhig mal über ihren Schatten springen.

Verdammt, was wollte er eigentlich von ihr? Was auch immer es war, er würde es doch sowieso nicht bekommen! Halbherzige, nur an bestimmte Bedingungen gebundene Liebe reichte ihm nämlich nicht, und mehr hatte Marnie ihm nicht zu bieten.

„Granny hat gesagt, dass du ihr von Cody geschrieben hast“, sagte Marnie, während sie den Tisch deckte.

„Das stimmt.“ Tom nahm ein Glas aus dem Schrank und füllte es für seinen Sohn mit Wasser. Glas war zwar nicht kindersicher, aber der Kleine wurde von Tag zu Tag geschickter.

Trotz seines anstrengenden Jobs versuchte Tom, so viel Zeit wie möglich mit Cody zu verbringen. Er war vielleicht nicht gerade der beste Koch und manchmal ein wenig ungeschickt beim Herumtollen, aber der Junge schien seine Bemühungen trotzdem zu genießen.

Tom empfand das Kind inzwischen als echtes Geschenk. Das größte Geschenk seines Lebens stand jedoch genau vor ihm.

Als Marnie die Papierservietten auf dem Tisch verteilte, streifte sie Tom versehentlich. Die Versuchung, sie zu berühren, wurde so übermächtig, dass er einfach nicht länger widerstehen konnte und von hinten die Arme um ihre Taille schlang. Marnie erstarrte.

Sie fühlte sich genauso schlank und gleichzeitig fraulich an wie früher. Nur mühsam widerstand Tom dem Impuls, die Hände zu ihren Brüsten gleiten zu lassen.

Marnie stand noch immer stocksteif da. Behutsam, um sie nicht zu verschrecken, drehte Tom sie zu sich herum und strich ihr das Haar aus dem Gesicht.

In ihren Augen stand die blanke Panik, doch dann wurde ihr Blick weich, und ihre Lippen öffneten sich, als ob sie mit einem Kuss rechnete.

Und Tom war nicht der Typ, der eine Frau enttäuschte.

Marnies Kopf war plötzlich wie leergefegt. Sie empfand nur noch Toms körperliche Nähe, seine Hand auf ihrer Wange und seinen zärtlichen Blick.

Und dann küsste er sie. Marnie wusste genau, dass sie ihn eigentlich davon abhalten sollte, aber sie brauchte es so sehr.

Seine Schultern fühlten sich herrlich muskulös an. Als sich ihre Zungen berührten, hörte sie ihn scharf einatmen.

Was soll’s, in wenigen Tagen würden er und Cody sowieso zurück nach Italien gehen und ihr Leben weiterleben – ohne sie. Warum also nicht einfach die Arme um seinen Hals legen und seinen Kuss zumindest halbwegs erwidern? Dann hätte sie hinterher zumindest eine schöne Erinnerung.

Marnie hatte ihre Gefühle für Tom so lange verdrängt, dass sie von ihrer Intensität ganz überwältigt war. Sie hatte total vergessen, dass Liebe nicht nur aus Schmerz und Enttäuschung bestand, sondern auch aus Glück.

Aber nach einem wundervollen, langen Kuss gewann ihre Vernunft doch die Oberhand, und sie machten sich widerstrebend voneinander los. „Das war sehr schön“, sagte er. „Findest du nicht?“

Marnie wollte nicht lügen. „Doch. Aber mehr wird zwischen uns nicht laufen.“

„Bist du dir da sicher?“ Ein Schatten glitt über sein Gesicht. „Wird es nicht allmählich Zeit, unseren Streit zu begraben, Marnie? Unsere Beziehung war etwas ganz Besonderes. Ich möchte das wiederhaben.“

„Ist es nicht ein bisschen zu spät für Reue?“ Marnie zog eine Serviette glatt, die sie vor dem Kuss zerknüllt hatte.

„Du bist einfach zu stolz, um mich zu fragen, oder?“

„Was fragen?“ Marnie wusste zwar, was er damit meinte, wollte es jedoch nicht zugeben.

Schließlich hatte sie ihren Stolz schon einmal heruntergeschluckt – damals, als sie Tom gebeten hatte, seinen Standpunkt zum Thema Kinder noch einmal zu überdenken. Sie hatte ihm zwei Jahre Zeit gegeben und immer wieder versucht, ihm ihre starke Sehnsucht nach einem Kind zu vermitteln.

Doch mit ihrem Drängen hatte sie schließlich das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich bezwecken wollte. Je öfter sie das Thema ansprach, desto größer wurde sein Widerstand. Irgendwann waren sie an einem Punkt angelangt, an dem die Atmosphäre in ihrer Wohnung in Stockholm so eisig geworden war, dass sie es einfach nicht länger hatte ertragen können.

Doch das Schlimmste war, dass einer anderen offensichtlich gelungen war, woran sie gescheitert war. Und das schon kurze Zeit nach ihrer Trennung!

Marnie presste die Lippen zusammen. „Das Essen ist fertig“, sagte sie und legte die Baguettescheiben auf eine Servierplatte.

„Marnie, hör doch endlich damit auf, dich so zu quälen!“, sagte Tom und ging wieder auf sie zu. „Ich erzähle dir gern von Elise, wenn du mehr über sie erfahren willst.“

Da Tom ihr damit entgegenkam, beschloss sie, ebenfalls ein Stück auf ihn zuzukommen. „Na schön. Ehrlich gesagt brenne ich darauf, alles zu erfahren.“

Erleichtert legte Tom seine Stirn gegen ihre. „Danke“, sagte er.

„Wofür?“

„Dass du das zugegeben hast.“

„Es fiel mir nicht gerade leicht.“

„Wir sind beide ganz schön stur, oder?“, fragte er.

„Fast so starrköpfig wie meine Großmutter“, stimmte sie zu.

„Echt? So schlimm?“

Plötzlich mussten sie beide lachen. Marnie spürte, wie ihre innere Anspannung etwas nachließ. Bereitwillig ließ sie sich von Tom zu einem Stuhl führen.

„Kurz nachdem du mich verlassen hast …“, Tom räusperte sich verlegen, „… habe ich eine Verkäuferin kennengelernt. Elise war total lebenslustig und flirtete gern. Sie hat mir versichert, dass sie nicht an einer ernsthaften Beziehung interessiert ist.“

„Wie sah sie aus?“

„Sie hatte blonde Zöpfe und graue Augen.“

„Eher der ländliche Typ? Oder sinnlich?“

„Irgendetwas dazwischen.“

„So etwas gibt es nicht!“, brauste Marnie auf. „Drück dich gefälligst etwas genauer aus.“

Toms Mundwinkel zuckten. „Was willst du denn alles wissen? Größe, Gewicht und Handschuhgröße?“

„Letzteres kannst du gern auslassen.“

„Sie war größer und schwerer als du und sah dir in keinerlei Hinsicht ähnlich.“

Marnie hatte keine Ahnung, was sie von dieser Bemerkung halten sollte. „War sie etwa hässlich?“, fragte sie.

„Nein, ziemlich hübsch sogar. Willst du noch mehr Details erfahren, oder kann ich langsam zum eigentlichen Punkt kommen?“

„Nein, ist schon okay.“ Falls Tom mit Elise durch das zauberhafte Stockholm spazieren gegangen oder mit ihr Straßencafés oder das Königliche Ballett besucht hatte, wollte sie das gar nicht wissen.

Das waren nämlich alles Dinge, die sie und Tom in ihren zwei gemeinsamen Jahren in der schwedischen Hauptstadt unternommen hatten. Marnie konnte sich zum Beispiel noch gut an ein wunderschönes romantisches Wochenende ganz allein auf einer kleinen Insel erinnern. Schreckliche Vorstellung, dass er mit Elise vielleicht etwas Ähnliches gemacht hatte.

Tom lehnte sich gegen den Kühlschrank. „Ein paar Wochen nachdem ich sie kennengelernt habe, bin ich nach Rom versetzt worden“, fuhr er fort und sah plötzlich wieder verschlossen aus.

„Hast du sie nicht gebeten, mitzukommen?“, fragte Marnie impulsiv und hielt erschrocken die Luft an. Wollte sie wirklich hören, was jetzt kam?

„Nein.“

„Warum nicht?“

Tom hüstelte. „Hätte ich das deiner Meinung nach tun sollen?“

„Klar, wenn du sie geliebt hast.“

„Aber das habe ich nicht. Und sie mich auch nicht.“ Er zuckte die Achseln. „Für mich war damals klar, dass wir einfach eine schöne gemeinsame Zeit haben, aber beide weiterziehen wollten. Und komm mir jetzt bitte nicht mit Onkel Norbert!“

„Dann war sie also schwanger, als du weggezogen bist?“

Tom sah plötzlich ganz reumütig aus. „Scheint so. Ich hatte keine Ahnung davon“, antwortete er. „Ich hatte Elise zwar meine neue Adresse gegeben, aber sie hat mir nie geschrieben. Dabei wäre ich sofort zurückgekehrt, wenn ich von der Schwangerschaft gewusst hätte. Ich hätte sie unterstützt. Vielleicht hätte ich sie sogar geheiratet, auch wenn wir wahrscheinlich unglücklich geworden wären.“

So wie wir, meinst du wohl? schoss es Marnie durch den Kopf. Dabei hatte sie selbst ihre Ehe bis auf die letzten Monate eigentlich als die glücklichste Zeit ihres Lebens empfunden.

„Hast du sie denn nie besucht, nachdem du weggezogen bist?“, fragte sie.

„Nein. Sie hat es mir nie vorgeschlagen, und ich ihr auch nicht.“

Draußen war es inzwischen dunkel geworden, was zu Marnies düsterer Stimmung passte.

„Ich schäme mich ein bisschen dafür, das sagen zu müssen, aber ich habe kaum an sie gedacht“, erklärte Tom.

Marnie war es unbegreiflich, wie er mit einer Frau ins Bett gehen konnte, die ihm so wenig bedeutete, aber Männer waren vermutlich einfach so. Außerdem war es als Single schließlich sein gutes Recht gewesen.

„Letztes Jahr bekam ich dann plötzlich einen Brief von einem Stockholmer Anwalt“, fuhr Tom fort. „Darin stand, dass Elise an einer Gehirnblutung gestorben war. Da mein Name auf der Geburtsurkunde ihres Sohns stand, wollte er wissen, ob ich das Sorgerecht übernehmen will.“

„Das muss ja ein gewaltiger Schock für dich gewesen sein.“

„Allerdings. Zuerst wollte ich es gar nicht wahrhaben. Ich hatte gehofft, dass Elises Eltern Cody übernehmen, aber das ging aus gesundheitlichen Gründen nicht.“

Marnie wurde von Mitleid mit dem allein zurückgebliebenen Jungen überwältigt. Niemand schien ihn wirklich gewollt zu haben. „Wie alt war er damals?“, fragte sie.

„Anderthalb. Und ich hatte absolut keine Ahnung von Kindern in diesem Alter.“

„Trotzdem hast du ihn aufgenommen.“

„Ich sah es einfach als meine Pflicht an, meinem Sohn ein Zuhause und eine gute Ausbildung zu bieten“, antwortete er. „Das ist immerhin mehr, als ich von meinen Eltern bekommen habe.“

„Ich habe auch den Eindruck, dass ihr euch sehr nahesteht.“

„Stimmt, Cody ist mir irgendwie ans Herz gewachsen.“ Tom lächelte schief. „Vielleicht, weil er mir dabei geholfen hat, eine Leere in meinem Leben auszufüllen …“, er suchte nach Worten, „… von der ich gar nicht wusste, dass sie existiert. Aber er ist doch sowieso unheimlich süß.“

Marnie spürte tiefe Wehmut in sich aufsteigen. Gleichzeitig empfand sie so etwas wie Genugtuung. Hatte sie nicht schon immer gewusst, dass Tom ein toller Vater wäre, schlechte Vorbilder hin oder her?

Sie war inzwischen davon überzeugt, dass seine schwere Kindheit ihn stark gemacht hatte. Er hatte gelernt, sich durchzusetzen und etwas aus sich zu machen.

Plötzlich fiel ihr auf, dass sie ihm ihre eigentliche Frage noch gar nicht gestellt hatte – aus Angst vor der Antwort. Anscheinend war sie noch immer sehr verletzlich, was das Thema anging, aber das durfte Tom auf keinen Fall merken. Sie würde daher versuchen, die Frage ganz beiläufig klingen zu lassen.

„Da du inzwischen so verrückt nach Cody bist“, sagte sie nonchalant, „willst du doch jetzt bestimmt ein ganzes Haus voller Kinder, oder? Natürlich nur mit der richtigen Frau.“

So, jetzt war es raus. Sie hatte es tatsächlich geschafft. Nervös hielt Marnie die Luft an.

„Ein Haus voller Kinder?“, fragte Tom entgeistert und sah sie an, als habe sie den Verstand verloren. „Warum um alles in der Welt sollte ich noch mehr Kinder haben wollen?“

„Ich dachte …“

Ungeduldig schnitt er ihr das Wort ab. „Marnie, Cody und ich sind einfach nur zwei einsame Seelen, die zufällig zusammengeworfen wurden. Dass wir uns so gut verstehen, ist bloßes Glück. Ansonsten bin ich noch derselbe Mann wie früher, mach dir da bloß nichts vor!“

Marnie sprang auf und beschäftigte sich damit, das Essen auf den Tisch zu stellen, damit er ihre Tränen nicht sah.

Wie naiv von ihr zu glauben, dass er sich verändert hatte! Nichts hatte sich geändert. Er wollte heute genauso wenig eine Familie mit ihr wie vor vier Jahren.

„Danke, dass du mir von Elise erzählt hast“, sagte sie, während sie die Lasagne zum Tisch trug. „Würdest du bitte Granny und Cody Bescheid sagen, dass das Essen fertig ist?“

„Marnie …“ Tom machte keine Anstalten, die anderen zu holen. „Ich wünschte …“

„Was?“, fragte Marnie scharf, die Augen starr auf die Käsekruste gerichtet.

„Ich wünschte, du würdest dich nicht ständig von mir abkapseln. Sieh mich doch wenigstens mal an!“

Marnie schluckte die bösen Worte hinunter, die ihr auf der Zunge lagen: Du glaubst also, ich kapsle mich von dir ab? Und was machst du mit mir? Aber es hatte ohnehin keinen Zweck, sich mit ihm zu streiten. „Ich tue, was ich kann.“

Tom seufzte ungeduldig. „Das haben wir anscheinend gemeinsam“, sagte er und verließ die Küche.

Zu ihrer großen Erleichterung hörte Marnie kurz darauf die Schritte ihrer Großmutter. Endlich würden sie über etwas anderes reden.

Jolene setzte sich wie immer ans Kopfende. „Nach dem Essen werde ich Cody etwas vorlesen“, verkündete sie.

„Das wird ihm bestimmt gefallen“, erwiderte Tom, der ihr in Begleitung seines Sohns gefolgt war.

„Und ihr zwei“, fuhr Jolene an ihn und Marnie gewandt fort, „geht in der Zwischenzeit auf den Dachboden und holt den Christbaumschmuck. Aber passt gut auf. Irgendetwas treibt da oben nämlich sein Unwesen. Vielleicht ein Waschbär oder eine Eule.“

„Das kann ich doch auch allein machen“, antwortete Marnie. „Tom muss seinen Sohn ins Bett bringen.“

„Das übernehme ich“, beharrte Jolene, während sie ein Stück Baguette auf Codys Teller legte. „Wir sollten es ausnutzen, endlich mal wieder einen Mann im Haus zu haben.“

„Okay, dann holt Tom eben den Schmuck, und ich räume so lange die Küche auf.“

Jolene sah ihre Enkelin missbilligend an. „Das übernehmen Cody und ich schon. Du holst den Christbaumschmuck, und damit basta. Ich habe meine Gründe.“

„Und die wären?“

„Solange du in meinem Hause wohnst, junge Dame, befolgst du gefälligst meine Anordnungen, ohne sie zu hinterfragen! Das gilt übrigens auch für dich, Tom Jakes.“

Marnie warf ihrem Exmann einen verstohlenen Blick zu. Das war doch eindeutig ein abgekartetes Spiel! Doch Tom salutierte nur gehorsam. „Zu Befehl, Ma’am!“

„Und was ist mit dir?“ Die alte Dame sah Marnie mit gespielter Strenge an. „Ist Tom etwa der Einzige hier, der Respekt vor meinem hohen Alter hat?“

Marnie hob trotzig das Kinn. „Ganz wie du willst, Jolene!“

Es nervte sie extrem, dass Tom das Spielchen ihrer Großmutter mitmachte. Seinem selbstgefälligen Lächeln nach zu urteilen, genoss er ihre gereizte Reaktion sogar.

Okay, wenn er einen Machtkampf will, soll er einen haben, beschloss sie wütend.

Den würde er nämlich haushoch verlieren!

4. KAPITEL

„Es ist doch total verrückt, dass wir im Dunkeln hier hochgehen müssen“, schimpfte Marnie, als sie und Tom auf dem Dachboden ankamen. „Hier ist es stockfinster.“

„Ich kann alles gut erkennen“, murmelte Tom, der offensichtlich fest entschlossen war, sie zu provozieren.

„Irgendwo muss ein Lichtschalter sein“, sagte Marnie und tastete die Wand ab. Tom fand ihn vor ihr und knipste den Kristallleuchter an der Decke an. Der Lichtschein fiel allerdings nur in die Mitte des Raums und tauchte die Ecken in dunkle Schatten.

Unwillkürlich blieb Marnies Blick dort hängen, als sie sich nach dem Christbaumschmuck umsah. Bei der Vorstellung, dass in der Dunkelheit irgendetwas Unbekanntes nistete, lief ihr ein Schauer über den Rücken.

„Ist dir kalt?“, fragte Tom.

„Wie bitte?“

„Du zitterst.“

„Ich bin ein wenig ängstlich.“

„Du hast Angst vor mir?“ Aufmerksam sah er sie an.

„Nein, nur vor dem Tier, das hier oben sein soll. Lass uns einfach den Schmuck suchen und dann verschwinden, okay?“

„Ist mir recht.“

Marnie ging auf ein paar Tische und Stühle zu und entdeckte einen Schrankkoffer mit einem glänzenden Schloss. Sie fummelte daran herum, bekam es jedoch nicht auf. „Hast du eine Ahnung, was hier drin ist?“, fragte sie Tom.

„Nein.“ Er kniete sich hin und versuchte es ebenfalls vergeblich.

„Na ja, ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass Granny den Weihnachtsschmuck hier einschließen würde“, sagte Marnie unschlüssig und ging rastlos auf ein paar Einbauschränke zu. Plötzlich fiel ihr auf, dass es hier oben erstaunlich sauber war. „Mrs Wheedles scheint hier ab und zu mal Staub zu saugen“, sagte sie.

Mrs Wheedles war eine rundliche Dame, die in der Stadt wohnte und für ihre Fähigkeiten als Putzfrau berühmt war. Marnie bezahlte sie dafür, einmal die Woche bei Granny zu putzen.

„Ging ihre Tochter nicht in unsere Klasse?“, fragte Tom. Er knipste eine Taschenlampe an und leuchtete damit in die Schränke.

„Stimmt, Bethany Wheedles. Sie sieht aus wie eine jüngere Version ihrer Mutter. Erstaunlich, wie viele Kinder sich in ihre Eltern verwandeln, wenn sie älter werden.“

Tom versteifte sich unwillkürlich. „So wie du denken vermutlich viele.“

„Ich meinte doch nicht dich damit!“

Marnie fand nicht, dass er seinem verstorbenen Vater ähnelte, der die meiste Zeit arbeitslos und ständig cholerisch gewesen war.

Nachdem Furnell Jakes sich in seiner Hütte außerhalb der Stadt zu Tode gesoffen hatte, waren Tom und Marnie vom College aus zu seiner Beerdigung gefahren. Sie waren die einzigen Trauergäste gewesen.

„Ich weiß, dass du nicht auf mich anspielen wolltest“, antwortete Tom mit belegter Stimme. „Aber die anderen … Du hast nie wirklich mitbekommen, wie sie mich behandelt haben.“

In dem diffusen Licht hier oben sah sein Gesicht plötzlich wieder so angespannt aus wie zu Highschoolzeiten. Wütend und misstrauisch. Nur in ihrer Gegenwart war er anders gewesen.

Marnie wandte den Blick von einem der Kartons. „Was meinst du damit?“, fragte sie.

„Erinnerst du dich noch, wie überrascht alle waren, als ich im Abschlussjahr eine Auszeichnung für meine Hausarbeit in Geschichte bekommen habe?“

„Die Lehrer nicht“, wandte Marnie ein. „Und soweit ich mich erinnere, hat auch sonst niemand behauptet, dass du sie nicht verdient hättest.“

„Zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und schon gar nicht in deiner Gegenwart.“ Tom knallte eine Schranktür zu und ging zum nächsten Schrank weiter.

„Hat denn jemand etwas zu dir gesagt? Wann?“

„Erinnerst du dich noch an die Abschlussfeier?“

„Na klar. Ist da irgendetwas passiert, was ich noch nicht weiß?“

Für sie war es ein wunderschöner Tag gewesen, aber wenn sie es recht bedachte, hatte Tom sich anschließend extrem in sein Schneckenhaus zurückgezogen. Sie hatte damals angenommen, dass die vielen Menschen ihm einfach zu viel geworden waren.

„Bei der Abschlusszeremonie selbst war noch alles in Ordnung.“ Als Tom einen weiteren Karton durchsuchte, hörte Marnie Metall klirren. „Ich war erleichtert, dass Dad nicht aufgetaucht war, und deine Großmutter hat mir mindestens genauso laut zugejubelt wie dir.“

Marnie musste bei der Erinnerung daran unwillkürlich lächeln. „Ja, sie ist wirklich klasse.“

Ein Schatten glitt über Toms Gesicht. „Als du kurz darauf weggegangen bist, um dich mit deinen Freundinnen fotografieren zu lassen, kamen Luke Skerritt und Robby Jones auf mich zu.“

Luke war damals Schulsprecher gewesen und sein Freund Robby Chefredakteur der Schulzeitung – zwei ziemlich eingebildete Typen.

Marnie bekam plötzlich ein ungutes Gefühl. „Und was haben sie zu dir gesagt?“

„Erst haben sie mir in sarkastischem Tonfall gratuliert.“ Tom zog eine Werkzeugkiste aus dem Schrank, überprüfte den Inhalt und stellte sie dann wieder zurück. „Doch dann unterstellten sie mir, dass du meine Hausarbeiten geschrieben hast.“

„Das ist doch total lächerlich!“ Marnie war dieses Gerücht zwar auch zu Ohren gekommen, aber sie hatte nur darüber gelacht. „Ich schreibe nicht halb so gut wie du!“

„Du hast meine Rechtschreibung und Grammatik korrigiert“, widersprach Tom.

„Das ist richtig, aber du hattest total faszinierende Ideen und hast die ganze Recherche übernommen. Du hattest die Auszeichnung hundertprozentig verdient!“

Tom klappte eine weitere Schranktür zu. „Robby hat mir geraten, lieber gar nicht erst zu versuchen, in Ryder’s Crossing beruflich Fuß zu fassen. Er hat durchblicken lassen, dass er mich für einen Betrüger hält und mich eines Tages in der Zeitung seines Vaters bloßstellen würde, wenn ich die Dreistigkeit besäße, hierzubleiben.“

„Er war bestimmt nur eifersüchtig auf dich.“ Doch Marnie wusste genau, dass das nur die halbe Wahrheit war.

Tom war seinen Mitschülern gegenüber immer so verschlossen gewesen, dass sie einfach nicht mitbekommen hatten, wie er sich von einem Schulversager zu einem brillanten Schüler entwickelte.

Lukes und Robbys Verhalten bei der Abschlussfeier war natürlich das Letzte, aber Marnie gestand ihnen zumindest zu, dass sie sich im Recht gefühlt hatten. Egal, wie aufgeblasen die beiden damals gewesen waren – sie hatten einen stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit gehabt und bei Betrügern keine Gnade gekannt.

„Dass wir beide, du und ich, danach aufs selbe College gingen, machte die Sache bestimmt nicht besser“, fuhr Tom fort. „Die beiden glauben doch unter Garantie, dass du auch dort meine Arbeiten geschrieben hast.“

„Und was ist mit der Aufnahmeprüfung für das Auswärtige Amt?“, wandte Marnie ein. „Die hast du doch ganz allein geschafft. Und die Ausbildung zum Diplomaten ebenfalls.“

Bewerber für den Auswärtigen Dienst wurden nach strengsten Kriterien ausgesucht. Sie mussten gut kommunizieren können und Teamfähigkeit, Fremdsprachen und Kenntnisse in den Sitten und Gebräuchen fremder Länder mitbringen. Die Konkurrenz war enorm.

„Wer weiß?“ Tom zuckte die Achseln. „Für sie werde ich bestimmt immer Furnell Jakes’ Sohn bleiben. Aber im Nachhinein bin ich ihnen sehr dankbar für ihren Rat. Sollen sie ihre kostbare Stadt doch für sich behalten – ich übernehme stattdessen den Rest der Welt!“

Marnie lag es auf der Zunge, ihn darauf hinzuweisen, dass Ryder’s Crossing auch ihre Heimat war, ganz egal, wie klein und unbedeutend die Stadt auch sein mochte. Aber wozu?

Welche Ironie, dass der Mann, den sie liebte, mit ihrer Hilfe über ihre Stadt hinausgewachsen war – und dabei auch über sie.

Wenn sie nur nicht immer dieses Verlangen danach hätte, ihn zu berühren, die Wange an seine Brust zu schmiegen und seine Arme um sich zu spüren. Am liebsten wollte sie seine Wut wegküssen. Und nicht nur das …

In ihrem Herzen waren sie beide immer noch Mann und Frau. Nur nicht in seinem.

Toms Worte bestätigten nur, was sie im Grunde genommen schon lange wusste – dass es Zeit wurde, ihn endlich gehen zu lassen. Vermutlich war das der Sinn dieses gemeinsamen Wochenendes: endlich Frieden mit ihm schließen und weiterziehen zu können. Denn das war ihre einzige Chance, einen anderen Mann zu finden und Kinder zu bekommen.

Trotzdem konnte sie nicht darüber hinwegsehen, dass er die Einwohner dieser Stadt in einem völlig falschen Licht sah. „Das war vor vierzehn Jahren“, sagte sie. „Du würdest die beiden heute nicht wiedererkennen.“

...

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