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Und plötzlich werden Wunder wahr / Ein Geschenk des Himmels / Im warmen Glanz der Kerzen

Catherine George

Und plötzlich werden Wunder wahr

1. KAPITEL

Die Hauptstraße von Chastlecombe sah seltsam unwirklich aus mit ihrer festlichen Weihnachtsbeleuchtung, die nur schemenhaft in dem dichten Nebel zu erkennen war. Während der langen Fahrt durch die Landschaft Cotswolds hatte Gideon Ford sich so sehr konzentrieren müssen, dass seine Augen brannten, als er sein Ziel endlich erreicht hatte.

Sobald er die breite Straße verließ und in den Privatweg zu seinem Landhaus einbog, schien er direkt in eine eisige Nebelwand einzutauchen.

Kurz vor der Einfahrt verringerte Gideon die Geschwindigkeit auf dem holprigen Pflaster und hielt abrupt an. Im Nachbarhaus schimmerte Licht. Die Maynards waren über Weihnachten in Australien. Wer in aller Welt war im Haus? Entschlossen stellte er den Motor ab und stieg aus, um nachzusehen.

Langsam ging Gideon den Pfad zur Haustür hinauf und läutete. Wütendes Hundegebell war die Antwort. Er entspannte sich ein wenig. Wenn die Hunde da waren, mussten die Maynards aus irgendeinem Grund zurückgekehrt sein.

Felicia Maynard war auf dem Weg von der Diele zu ihrem Schlafzimmer, als das Läuten der Türglocke sie fast zu Tode erschreckte. Für die Kinder, die traditionell von Haus zu Haus zogen und Weihnachtslieder sangen, war es zu spät. Andererseits würde ein Einbrecher kaum klingeln. Sie biss die Zähne zusammen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, allein hier zu übernachten.

Sie eilte in die Küche zurück, fasste die protestierenden Retriever mit festem Griff am Halsband und ließ sich von ihnen durch die Diele ziehen. Ohne die Hunde loszulassen, öffnete sie die Tür und blieb wie angewurzelt stehen. Fassungslos blickte sie in ein Gesicht, das sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte und das ihr doch immer noch seltsam vertraut schien.

Welliges dunkles Haar umrahmte die wie gemeißelt scheinenden Züge, die mit den Jahren schärfer und prägnanter geworden waren. In den Winkeln der haselnussbraunen Augen zeigten sich erste Fältchen. Trotzdem war der große, mit einem Businessanzug bekleidete Besucher immer noch der bestaussehende Mann, der ihr jemals begegnet war.

Gideon Ford rührte sich nicht und betrachtete verblüfft die barfüßige Gestalt im offenen Türrahmen. Kastanienbraune Locken umspielten Felicia Maynards Schultern. Sie trug einen grünen Morgenmantel und blickte ihn mit ihren dunklen, beinahe mandelförmigen Augen fassungslos an. Sie stand absolut still. Endlich begannen die keuchenden schwarzen Retriever ungeduldig an ihren ledernen Halsbändern zu zerren, als erwarteten sie den Befehl, sich auf den Besucher zu stürzen.

„Hallo, Flick“, sagte Gideon endlich. „Tut mir leid, dass ich dir Angst gemacht habe.“

„Ich hatte keine Angst“, versicherte Felicia ihm rasch, während ihr Puls sich allmählich beruhigte. „Kein Geringerer als Gideon Ford! Das ist ja eine Überraschung.“

„Deine Eltern erzählten mir, dass ihr Haus über Weihnachten leer stehen würde. Deshalb wollte ich nach dem Rechten sehen, als ich Licht bemerkte. Ich komme gerade aus London. Das ganze Land scheint vom Nebel verschluckt zu werden“, fügte er hinzu und fröstelte plötzlich.

„Scheußliche Fahrt bei diesem Wetter“, bestätigte Felicia. „Okay, Jungs“, wandte sie sich an die Hunde und ließ sie los. „Die Gefahr ist vorbei.“

Nachdem sie ihre Beschützeraufgabe erledigt hatten, eilten die Hunde schwanzwedelnd zu Gideon. Zu Felicias Erstaunen begrüßten sie ihn überschwänglich und ließen sich von ihm hinter den Ohren kraulen. Erst auf ihr scharfes Kommando machten sie sofort kehrt und liefen durch die Diele in die Küche zurück.

„Du siehst total verfroren aus. Möchtest du einen Kaffee?“, hörte Felicia sich zu ihrer eigenen Verblüffung fragen. Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, schien Gideon sogar noch erstaunter zu sein.

„Ich habe mich die letzten dreißig Meilen auf nichts anderes gefreut“, antwortete er nach einer Weile.

„Ich vermute, das ist ein Ja“, sagte Felicia und ärgerte sich, weil er zögerte. Sie öffnete die Tür weiter, um Gideon einzulassen, und führte ihn in die warme einladende Küche. Dort schob sie ihre Füße in die Hausschuhe, die unter dem Tisch standen, und lächelte ihm höflich zu.

„Nimm Platz, während ich Mutters neue wundersame Kaffeemaschine in Gang setze. Oder bist du in Eile und möchtest schnell nach Hause?“

„Nein.“ Er hatte es absolut nicht mehr eilig, nachdem er Felicia Maynard wiedergetroffen hatte. Aufmerksam verfolgte er jede ihrer Bewegungen.

Felicia spürte es und war froh, als der Kaffee endlich fertig war. Sie nahm das Tablett, das sie mit unsicheren Händen beladen hatte, und trug es zum Tisch. „Mutter erzählte mir, dass du ‚Ridge House‘ gekauft hast“, begann sie so unbekümmert wie möglich. „Dann wirst du demnächst ja direkt neben meinen Eltern wohnen. Die ganze Stadt scheint gespannt darauf zu warten, ob du mit einer Ehefrau und Kindern dort einziehen wirst.“

Gideon schüttelte den Kopf. „Keine Ehefrau und keine Kinder. Und was ist mit dir?“

Felicia warf ihm einen wütenden Blick zu. „Wenn du Kontakt zu meinen Eltern hast, weißt du sicher, dass ich ebenfalls unverheiratet bin.“

Aber liiert. Gideon trank einen großen Schluck Kaffee und stellte die Tasse befriedigt zurück. „Etwas Heißes ist jetzt wunderbar. Danke, Flick.“

„Nicht viele Leute nennen mich heute noch so.“

„Ist dir die amtliche Version lieber?“

Sie schüttelte den Kopf und setzte sich ihm gegenüber. „Ich fühle mich gleich wieder jung.“

Seine Augen funkelten vergnügt. „Ich weiß genau, wie alt Sie sind, Miss Maynard. Nämlich zwei Jahre jünger als ich.“

„Dafür haben Sie eine ganze Menge mehr aufzuweisen als ich, Mr. Ford“, antwortete sie nachdrücklich.

Er zuckte die Schultern. „Ich habe gehört, dass du als Büroleiterin bei der Unternehmensberatung Harley Street arbeitest. Das klingt ziemlich eindrucksvoll, finde ich.“

„Während dir eine Kette von Drogerien gehört, die über ganz England verteilt sind. Ein wahrer Quantensprung, den du von einem einzigen Laden in Chastlecombe aus gemacht hast.“ Sie prostete ihm mit ihrer Tasse zu. „Gratuliere.“

„Danke.“ Er zog eine Augenbraue in die Höhe. „Deine Eltern sagten, du seiest über Weihnachten nicht da. Hast du deine Pläne geändert?“

„Morgen heiratet Poppy Robson, erinnerst du dich noch an sie? Wir sind seit der Schulzeit eng befreundet, und ich bin eine ihrer Brautjungfern. Eigentlich wollte ich bei ihr übernachten, aber sie hat schon so viele Gäste, dass ich beschlossen habe, hier zu schlafen.“

„Wissen deine Eltern, dass du hier allein bist?“

Felicia schüttelte heftig den Kopf. „Nein, natürlich nicht! Sie sind nach Australien geflogen, um ihr erstes Enkelkind kennenzulernen – den kleinen Sohn meines Bruders. Ich käme nicht im Traum auf die Idee, ihnen diese Reise mit solch einer Nachricht zu verderben.“

Gideon wurde neugierig. „Weshalb ist dein Lebensgefährte nicht hier?“

Sie senkte den Blick. „Sein Boss hat ihn und einige weitere Angestellte in ein Chalet nach Klosters in der Schweiz eingeladen. Ich sollte ebenfalls mitkommen, aber ich wollte Poppys Hochzeit nicht verpassen. Charles hat der Braut sein Bedauern ausgesprochen und ist allein in seinen Traum-Weihnachtsurlaub gefahren. Tagsüber Ski zu fahren und abends beim Essen seine ehrgeizigen Pläne zu verfolgen – das war ihm wichtiger.“

„Was schwebt ihm vor?“

„Eine Partnerschaft in der Kanzlei, für die er arbeitet.“

Gideons schöne Augen blitzten verächtlich. „Der Kerl ist ein absoluter Idiot, wenn er deshalb auf ein gemeinsames Weihnachtsfest mit dir verzichtet.“

Felicia freute sich aufrichtig über diese Bemerkung. „Danke für das Kompliment. Nimm noch etwas Kaffee.“

„Ja gern. Ich hoffe, der Kerl hat dir nicht das ganze Weihnachtsfest verdorben, Flick“, fügte er hinzu.

„Nicht im Geringsten. Ohne ihn werde ich die Hochzeit weit mehr genießen.“ Verdammt, das hätte sie nicht sagen sollen.

„Was glaubt er, wo du jetzt bist?“

„Auf der Farm der Robsons. Eigentlich hatte ich bis zur Hochzeit bei Poppy wohnen sollen. Ich war auch einige Tage dort. Aber dann tauchten unangemeldet Verwandte auf, und es wurde zu eng. Deshalb habe ich mich hier einquartiert. Poppy und ihre Eltern machten sich Sorgen, weil ich nachts allein im Haus sein würde. Um sie zu beruhigen, holte ich die Retriever aus der Hundepension zurück.“ Meine Güte, hör auf zu plappern und halt den Mund, schalt Felicia sich stumm.

„Sehr vernünftig“, stimmte Gideon ihr zu. „Wird man dort wieder Platz für die Tiere haben, wenn du nach London zurückkehrst? Ich werde eine ganze Weile hier sein und könnte sie zu mir nehmen, falls du Probleme bekommst.“

Felicia sah überrascht auf. „Das ist sehr nett von dir.“ Sie zögerte einen Moment und zuckte dann mit den Schultern. Gideon konnte ruhig auch den Rest erfahren. „Ehrlich gesagt, es wird keine Probleme geben, denn ich werde bleiben, bis meine Eltern zurück sind. Ich habe mir frei genommen, um ernsthaft über meine Zukunft nachzudenken.“

Er kniff die Augen leicht zusammen. „Du willst deine Stellung wechseln?“

„Möglicherweise. Meine Mitbewohnerin hat geheiratet, und allein kann ich die Wohnung nicht halten. Ich finde, das ist ein guter Zeitpunkt für eine komplette Veränderung.“

Felicia lebte also nicht mit ihrem Anwaltsfreund zusammen. Sehr gut. Gideon lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Hast du etwas Bestimmtes im Sinn?“

„Noch nicht. Wahrscheinlich werde ich London verlassen und mir hier etwas aufbauen.“

„Und was hält dein Anwalt davon?“

„Er ist wütend. Die Aussicht auf eine Fernbeziehung gefällt ihm nicht.“

„Dann wird es für euch beide kein glückliches neues Jahr geben?“

Sie zuckte erneut mit den Schultern. „Ich versichere dir, es werden keine gebrochenen Herzen zurückbleiben – auf beiden Seiten nicht.“

Gideon trank seine Tasse aus und stand auf. „Ich muss dich endlich schlafen gehen lassen. Danke für den Kaffee. Er hat mir das Leben gerettet.“ Er holte seine Brieftasche hervor und reichte ihr seine Visitenkarte. „Falls du Schwierigkeiten hast, ruf mich an. Jederzeit!“

„Ich komme schon zurecht“, antwortete sie.

Er lächelte. „Da bin ich mir sicher. Aber ich habe deinen Eltern versprochen, das Haus im Auge zu behalten. Und nachdem ich jetzt weiß, dass du hier bist, werde ich doppelt wachsam sein.“

„Dad hat ‚The Lodge‘ dem früheren Besitzer von ‚Ridge House‘ abgekauft, Gideon. Ich bin also nicht deine Mieterin.“

„Sehr schade.“ Gideons Augen blitzten so feurig, dass Felicia unwillkürlich zurückwich. „Vielleicht ist es dir trotzdem recht, wenn ich gelegentlich vorbeischaue. Gute Nacht, Flick.“

„Gute Nacht.“ Felicia schloss die Tür, verriegelte sie, löschte das Licht und ging nach oben. Sehr zu ihrem Ärger fiel ihr das Alleinsein erheblich leichter, seit sie wusste, dass Gideon in „Ridge House“ übernachten würde. Was absolut kindisch und unlogisch war. „Ridge House“ lag eine gute halbe Meile von „The Lodge“ entfernt. Trotzdem fühlte sie sich viel sicherer. Obwohl seine Abschlussbemerkung ihr in die Glieder gefahren war – und in noch einige weitere Körperteile.

Gideon Ford legte die kurze Strecke nach „Ridge House“ in bester Stimmung zurück. Bei seinen zahlreichen Aufenthalten in Chastlecombe die letzten Monate war Felicia nie zufällig bei ihren Eltern zu Besuch gewesen. Der heutige Abend hatte ihm bewiesen, was er tief im Innern immer wusste. Ein einziger Blick auf diese Frau hatte all die Gefühle wieder geweckt, die jahrelang in ihm schlummerten und nur darauf gewartet zu haben schienen, bei der ersten erneuten Begegnung mit ihr wieder ans Licht zu kommen.

Felicia war ein sehr hübscher Teenager gewesen, als er sie kennenlernte, und von einer Zurückhaltung, die sie von den kichernden und ewig flirtenden Gleichaltrigen unterschied. Das junge Mädchen war zu einer reifen Frau herangewachsen, deren Schönheit umso reizvoller war, als man die Intelligenz dahinter spürte. Trotzdem hatte der Mann in ihrem Leben sie über Weihnachten allein gelassen. Gideons Augen blitzten. Felicia mochte allein in dem großen Haus sein. Aber er würde persönlich dafür sorgen, dass sie nicht einsam war.

Während Gideon eine halbe Meile entfernt die Tür von „Ridge House“ öffnete, machte Felicia sich, tief in Gedanken, für das Bett zurecht. Der Anblick von Gideons Gesicht, das sie niemals vergessen hatte, schien die vergangenen Jahre fortgewischt zu haben und versetzte sie in ein wahres Gefühlschaos. Der Schock hatte sie zunächst stumm werden lassen und anschließend das Gegenteil bei ihr ausgelöst und ihre Zunge gelockert.

Wie peinlich! Während sie pausenlos über sich selber geredet hatte, war Gideon äußerst zurückhaltend geblieben. Ein erfolgreicher Unternehmer mit seinem Aussehen musste einfach zahlreiche Frauen in seinem Leben haben – oder sogar eine ganz bestimmte.

Unsanft verteilte Felicia etwas Feuchtigkeitscreme in ihrem Gesicht. Vielleicht wohnte die Lady schon in „Ridge House“. Nein, das hätte Poppys Mutter, die Nachrichtenquelle des Ortes, garantiert gewusst. Verärgert betrachtete Felicia ihr Spiegelbild. Gideon Fords Privatleben ging sie absolut nichts an.

Fröstelnd schlüpfte sie ins Bett. Morgen musste sie unbedingt eine Wärmflasche kaufen. Sie hatte überall danach gesucht, aber keine im Haus gefunden. Allerdings war morgen Heiliger Abend, im ganzen Ort würde sie keinen Parkplatz finden. Zum Glück wurde sie erst mittags bei Poppy erwartet.

Ein Gang zu Fuß in die Stadt war vermutlich der beste Zeitvertreib bis dahin. Trotzdem musste sie früh aufstehen, um als Erstes die Hunde auszuführen – und dabei sorgfältig darauf achten, dass sie „Ridge House“ nicht zu nahe kam, nachdem sein Besitzer jetzt anwesend war.

Felicia versuchte eine ganze Weile, nicht mehr an Gideon Ford zu denken. Doch die Erinnerung ließ ihr keine Ruhe. Unerbittlich kehrten ihre Gedanken zu ihren Teenagerjahren zurück, und schließlich gab sie seufzend nach.

Gideon Ford war größer gewesen als seine meisten Freunde – ein ausgezeichneter Sportler, der nicht nur Muskelkraft und einen scharfen Verstand besaß, sondern so gut aussah, dass alle Mädchen ihm sehnsüchtig nachblickten. Er war sowohl ein geschickter Kricketspieler als auch ein hervorragender Rugby-Außenverteidiger gewesen. Doch da die meisten Spiele gegen andere Schulen am Sonnabend stattfanden, hatte er sich nicht für die Mannschaft aufstellen lassen.

Jeden Sonnabend während des Schuljahres und jeden einzelnen Tag während der Ferien hatte er in der Drogerie gearbeitet, gemeinsam mit seinem Vater, der ihn beinahe von Geburt an allein aufgezogen hatte. Zur größten Überraschung aller hatte er in der Oberstufe keine feste Freundin gehabt, obwohl fast jedes Mädchen des Jahrgangs glücklich gewesen wäre, von ihm erwählt zu werden.

Folglich hatte es eine gewaltige Aufregung gegeben, als er beim Vorsprechen für die Weihnachtsfeier aufgetaucht war. Um die Eltern zu beeindrucken, hatten neben den üblichen musikalischen Darbietungen diverser Solisten und dem Schulchor auch Szenen von Shakespeare auf dem Programm gestanden.

Nachdem sie, Felicia, als Julia ausgewählt wurde und Gideon als Romeo, war der Neid ihrer Freundinnen beinahe ebenso groß gewesen wie Felicias klammheimliche Freude über die Wahl. Gideon hatte eine Menge Neckereien und anzügliche Sprüche der Jungen einstecken müssen, die ihn heftig um seine Chance beneideten, Flick Maynard zu lieben – wenn auch nur in einer Shakespeareszene vor versammelter Zuhörerschaft.

Felicia lächelte stumm in der Dunkelheit. Ihr „Spion“ im Jungenlager war Andy Robson gewesen, der Bruder ihrer besten Freundin Poppy. Aus dieser Quelle hatte sie erfahren, dass die Jungen sie als Eisprinzessin bezeichneten. Mit diesem Titel konnte sie leben.

Seit ihrem ersten Tag auf der Secondary School hatte sie heimlich so für Gideon Ford geschwärmt, dass kein anderer Junge jemals die geringste Chance bei ihr erhielt. Allerdings war er zwei Jahre älter gewesen als sie und daher in ihren Augen unerreichbar. Deshalb hatte sie sich damit abgefunden, dass ihre Schwärmerei nicht nur heimlich bleiben musste, sondern absolut hoffnungslos war.

Als das Wunder geschah und sie für die Rolle der Julia mit Gideon als Romeo ausgewählt wurde, hätte die Eisprinzessin am liebsten triumphierend gejubelt und Rad schlagend den Campus umkreist, anstatt nur zuzugeben, dass sie ganz zufrieden mit dem Ergebnis des Castings sei.

Die Proben hatten nach dem Unterricht und für jede Szene getrennt stattgefunden. Der junge Schauspiellehrer war hoch erfreut gewesen, als er feststellte, dass sein Romeo und seine Julia nicht nur von Anfang an textsicher waren, sondern ihm eine Menge Lob einbringen würden.

Schon nach wenigen Anweisungen hatten Gideon und Felicia die Balkonszene mit der ganzen Inbrunst junger Liebender gespielt und gleichzeitig mit einer Unschuld, die geradezu umwerfend war, wie Paul Johnson seinen erstaunten Kollegen im Lehrerzimmer anvertraute.

Für Felicia war es vollkommen einfach gewesen, ein wahnsinnig verliebtes junges Mädchen zu spielen. Mit Gideon in der Rolle des Romeo hatte sie sich kein bisschen zu verstellen brauchen.

Ihre Kostüme waren von einem Theaterverleih gekommen. Felicias Kleid war aus perlfarbener Seide geschneidert. Das eng anliegende Oberteil endete in einem tiefen eckigen Ausschnitt, die langen engen Ärmel bauschten sich an den Schultern und am Ellbogen. Mr. Johnson hatte das Kleid genehmigt. Allerdings hatte er die Reaktion geahnt, wenn seine Stars zum ersten Mal vor die Zuschauer traten. Deshalb hatte er darauf bestanden, dass Romeo und Julia sich erst in letzter Minute umziehen sollten, bevor sie zur Kostümprobe auf der Bühne erschienen.

Bei der Szenenprobe davor hatte Poppy erstaunt die festen Zöpfe ihrer Freundin betrachtet, während ihr Bruder Andy als Bottom in „Ein Sommernachtstraum“ lautes Gelächter erzeugte. „Dein Make-up ist fabelhaft, Flick. Aber was ist mit deinem Haar?“

„Ich werde es gleich auskämmen und einige Perlen von meiner Großmutter darin befestigen. Aber vorher wollte ich unbedingt Andy als Star erleben.“

„Leah Porter war total sicher gewesen, dass Gideon den Oberon spielen und ihr Partner in der Rolle als Titania sein würde. Sie schäumt immer noch vor Wut, weil er dein Romeo ist“, erzählte Poppy. „Natürlich hat Andy ihr erklärt, dass sie heilfroh sein könne, ihn als Bottom bekommen zu haben.“

„Ja, das stimmt. Die beiden passen wunderbar zusammen.“

„Leah ist ziemlich sauer, weil sie euch beiden nicht bei den Proben zusehen durfte. Weshalb lässt Mr. Johnson niemanden in eure Nähe?“

„Weil wir nicht so gut sind wie die anderen, nehme ich an.“

Poppy verdrehte die Augen. „Als ob das so wäre.“

Felicia lachte mit den anderen über die hübsche blonde Leah, die Andy im „Sommernachtstraum“ heftig den Kopf verdrehte. Kurz bevor die Szene zu Ende ging, schlüpfte sie davon, um sich umzuziehen.

Miss Nesbitt, die junge Englischlehrerin, zog ihr das glitzernde Kleid über den Kopf und ließ es in Falten bis zu ihren Füßen fallen. Felicia löste ihre Zöpfe und strich mit einem Kamm durch das Haar, damit es in glänzenden kastanienbraunen Wellen über ihren Rücken floss. Die junge Lehrerin half ihr, die Perlen darin zu befestigen, und schlang ein einzelnes Band um ihre Stirn.

„Das wär’s, Julia“, erklärte sie befriedigt.

Felicia lächelte nervös. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als Miss Nesbitt die Tür für eine hoch gewachsene Gestalt in Wams und Strumpfhose öffnete.

„Sehr hübsch, Romeo. Wirklich. Ihre Julia ist bereit und erwartet Sie schon.“

Und bekommt bei seinem Anblick kaum noch Luft, fügte Felicia stumm hinzu.

„Du siehst fantastisch aus, Flick“, sagte Gideon in einem Ton, bei dem ihr Puls zu rasen begann.

„Ja, das stimmt. Ebenso wie Sie.“ Miss Nesbitt winkte sie weiter. „Hals- und Beinbruch für Sie beide.“

Gideon fasste Felicias Hand und hielt sie fest, während sie schweigend die verlassenen Korridore entlang schlichen, um in der Diele hinter der Bühne zu warten.

„Sie sehen beide fantastisch aus“, flüsterte der Schauspiellehrer bei ihrer Ankunft. „Sobald der Wald von Athen sich in einen Obstgarten in Verona verwandelt hat, steigen Sie auf den Balkon, Julia. Schaffen Sie das in diesem Kleid?“

Felicia strahlte ihn an und nickte. Heute Abend würde ihr alles gelingen. Gideon drückte ihr aufmunternd die Hand. Kurz darauf begann sie auf das Signal der Souffleuse, vorsichtig die Leiter hinaufzusteigen – Gideon zu ihren Füßen bereit, sie aufzufangen, falls sie ausrutschte. Sie erreichte ihr „Zimmer“ und blieb halb hinter dem Fenster verborgen, während der Vorhang sich öffnete und Romeo durch den „Obstgarten“ über die Bühne schritt.

Die Strumpfhose umschloss seine muskulösen Sportlerbeine wie eine zweite Haut, und das kurze Brokatwams betonte seinen fantastischen Oberkörper. Alle jungen Mädchen im Saal seufzten heimlich, während er sehnsüchtig zu dem Balkon hinaufblickte.

„Doch still, was schimmert durch das Fenster dort? Es ist der Ost, und Julia ist die Sonne.“

Julia betrat den Balkon, beugte sich hinab und lächelte Romeo zu. Sie war zurückversetzt in das Verona des fünfzehnten Jahrhunderts, riskierte den Zorn ihrer Familie und hieß ihren Geliebten willkommen. Kein Laut war zu hören, während sie die berühmte Szene spielten. Doch als Romeo das Spaliergitter zum Balkon hinaufkletterte und Julia in seine Arme schloss, brach wilder Jubel los.

Ruhelos warf sich Felicia jetzt in ihrem Bett hin und her und überlegte, ob die Szene wirklich so perfekt gewesen war, wie sie sich erinnerte. Beide waren stilecht gekleidet gewesen. Sie besaß immer noch Fotos, die es bewiesen.

Keiner von ihnen war mit seinem Text stecken geblieben oder hatte die sorgfältigen Regieanweisungen des Lehrers missachtet. Doch am nächsten Abend, der Vorführung für die Eltern, hatte Gideon etwas hinzugefügt. Als Romeo seine Julia auf dem Balkon in die Arme schloss, hatte er sie vor allen geküsst. Die Wirkung sowohl auf Felicia wie auf die Zuschauer war umwerfend gewesen.

Immer noch verwirrt, war sie wieder auf die Bühne hinabgestiegen, Hand in Hand mit Romeo vor den Vorhang getreten und hatte den Beifall entgegen genommen. Gideon hatte sich mit der natürlichen Anmut eines Athleten verbeugt, und sie, Felicia, war in einen tiefen Knicks gesunken, den sie wochenlang vor dem Drehspiegel ihrer Mutter geübt hatte.

Anschließend hatte sie sich rasch wieder umgezogen und war zum gemeinsamen Weihnachtsliedersingen mit dem Chor und den Zuschauern ins wirkliche Leben zurückgekehrt. Die nächste Woche war ihr furchtbar leer vorgekommen ohne die Proben. Der einzige Lichtblick war die bevorstehende Weihnachtsparty gewesen.

Die Tage erschienen ihr wie eine einzige Kraftprobe. Ihre Freundinnen hatten sie mit Adleraugen beobachtet und waren sicher gewesen, dass Gideon die Eisprinzessin „aufgetaut“ habe. Doch zu Felicias Enttäuschung hatte er nicht den geringsten Versuch unternommen, Kapital aus dem zu schlagen, was die Balkonszene in solch einen Triumph verwandelt hatte.

Am Tag vor der Party hatte Gideon sie gefragt, ob er sie nach dem Fest nach Hause fahre dürfte, und ihr Herz hatte vor Aufregung schneller geschlagen. Sie hatte gewusst, dass er den Wagen seines Vaters regelmäßig nutzen durfte, um Medikamente für Patienten auszuliefern, die das Haus nicht verlassen konnten. Trotzdem war ihr der Gedanke, dass er sie nach Hause bringen könnte, nie gekommen. Glücklich hatte sie eingewilligt und sich plötzlich riesig auf die Party gefreut, die bisher keinen Reiz für sie gehabt hatte.

Der Weihnachtsball wurde ein großer Erfolg, den sie allein Gideon verdankte. Er war den ganzen Abend an ihrer Seite geblieben, ob sie tanzten oder nicht. Als sie zum Abschluss gemeinsam ihre Mäntel holten, war Poppy völlig außer sich gewesen angesichts der Nachricht, dass Gideon Felicia nach Hause bringen würde.

„Ich muss mich beeilen – Tom wartet schon. Du musst mir morgen unbedingt alles erzählen“, flüsterte sie. „Jede Einzelheit!“

Doch die Heimfahrt und die wenigen Minuten im Wagen vor „The Lodge“ waren zu intim gewesen, um mit jemandem darüber zu reden. Als Gideon sie zum Abschied küsste, war Felicias Glück perfekt.

„Du hast heute Abend kaum mit einer anderen getanzt“, flüsterte sie atemlos.

„Ich hatte keine Lust.“ Mit beiden Händen strich er durch ihr Haar und küsste sie mit einer Wärme, auf die sie zunächst nur zögernd reagierte. Doch dann wurde sie mutiger und antwortete scheu und doch so voller Leidenschaft, dass Gideon sich erregt losriss, auf seinen Sitz zurücksank und ihre Hände festhielt.

„Ich muss sofort aufhören“, keuchte er. „Sonst will ich gleich eine ganze Menge mehr als nur Küsse.“

Felicia glühte vor Freude. Der Musterknabe war also doch ein Mensch. „Sehen wir uns über Weihnachten?“, fragte sie gespannt.

Er seufzte tief. „Du weißt, wie das läuft, Flick. Weihnachten ist in der Drogerie am meisten los. Nachdem ich Dad davon überzeugt habe, das Geschäft auszuweiten und auch Geschenke in sein Angebot aufzunehmen, ist es nur gerecht, wenn ich bei ihm einspringe. Neben den Auslieferungsfahrten.“

„Ja, natürlich. Kein Problem.“ Felicia sprang aus dem Wagen und eilte schon den Pfad zum Haus hinauf, bevor er ein weiteres Wort sagen konnte. Als sie ihren Eltern anschließend versicherte, sie habe einen wunderbaren Abend verbracht, gab sie eine noch bessere Vorstellung ab als in ihrer Rolle als Julia.

Felicia lächelte kläglich in der Dunkelheit. Wie jung und unschuldig wirkte das alles aus heutiger Sicht. Dabei war sie tatsächlich unschuldig gewesen – oder wenigstens total unerfahren. Im Gegensatz zu den meisten anderen Mädchen in ihrer Klasse.

Sie war an jenem Abend furchtbar verletzt gewesen. Nachdem Gideon sie fast um den Verstand geküsst hatte, war er gegangen und hatte sie aufs Höchste erregt von ihrer ersten Begegnung mit der Lust allein gelassen. Allerdings nicht lange, um bei der Wahrheit zu bleiben.

Am nächsten Morgen hatte ihre Mutter sie gerufen. „Besuch für dich, Liebling!“

Felicia zog sich rasch an und eilte die Stufen hinab in der Annahme, es sei Poppy. Verzweifelt versuchte sie, ihre Freude beim Anblick von Gideon zu verbergen, der mit ihrer Mutter am Küchentisch saß und Kaffee trank.

Er sprang auf und lächelte kläglich. „Hi, Flick. Du bist gestern Abend verschwunden, bevor ich dich etwas fragen konnte. Ich muss heute Morgen einige Bestellungen für Dad ausliefern. Hast du Lust mitzukommen? Ich würde mich sehr über deine Gesellschaft freuen“, fügte er hinzu.

Doch Felicia war entschlossen, nicht so leicht nachzugeben, und schüttelte den Kopf. „Ich muss mit Mutter zum Einkaufen.“

Das war neu für Jess Maynard, doch sie begriff sofort. „Das hat Zeit, bis ihr zurück seid oder sogar bis morgen. Es ist ein wunderschöner Tag für eine Ausfahrt.“

Nachdem sie ihren Stolz gewahrt hatte, holte Felicia nun rasch ihre Jacke und tänzelte buchstäblich den Pfad zu dem weißen Lieferwagen hinab.

„Du hast mich gestern Abend nicht ausreden lassen“, begann er, sobald sie losfuhren. „Ich hatte dir sagen wollen, dass ich jede freie Minute mit dir verbringen möchte, die ich habe.“

„Aha.“

Er legte eine Hand auf ihr Knie. „Am liebsten wäre ich dir nachgelaufen, um es dir zu sagen.“

Sie berührte flüchtig seine Hand. „Ich wünschte, du hättest es getan.“

„Im Ernst?“ Er sah sie einen Moment an und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. „Dann sind wir wieder Freunde?“

„Ja.“

„Aber eines muss völlig klar sein“, fuhr er in einem Ton fort, bei dem es sie glühend heiß durchrieselte. „Ich möchte eine Menge mehr sein als nur dein Freund.“

O nein, was nun? Felicia drehte sich mit glänzenden Augen zu ihm. „Du hast bestimmt schon gemerkt – oder vielleicht auch nicht – , dass ich noch nie einen Freund hatte.“

„Das ist das Thema in den Umkleideräumen“, versicherte Gideon ihr. „Und weißt du, dass ich noch nie eine Freundin hatte?“

Natürlich wusste sie es. „Weshalb eigentlich nicht, Gideon?“

Er lächelte breit. „Ich treibe zu viel Sport und arbeite zu viel in der Drogerie, um mir Gedanken über Mädchen machen zu können.“ Er zögerte kurz und warf ihr einen Seitenblick zu. „Ich hatte bisher keine Freundin, weil ich darauf wartete, dass du erwachsen wurdest.“

Felicia sah ihn verwundert an und traute ihren Ohren nicht.

Er nickte. „Es ist wahr. Ich schwöre es.“

Sie schluckte trocken. „Ich hatte keine Ahnung davon.“

„Wem sagst du das. Du weißt nicht, was für eine Wirkung du auf uns arme hilflose Männer hast.“

„Auf dieselben Männer, die mich als Eisprinzessin bezeichnen?“

Er lachte leise und legte erneut besitzergreifend die Hand auf ihr Knie. „Halt dich von ihnen fern, und spar deine Wärme für mich auf. Alles klar?“

Felicia betrachtete argwöhnisch sein Profil. „Was genau?“

„Du und ich.“

„Du meinst, dass wir offiziell zusammen sind?“

„Ja, Felicia Maynard. Und dass wir hin und wieder gemeinsam bei mir den Abend verbringen. Einverstanden?“

Sie nickte heftig. „Ich könnte für deinen Dad und dich das Abendessen kochen, wenn du zu beschäftigt bist. Wenn er nichts dagegen hat. Gegen mich, meine ich.“

„Dad wird äußerst zufrieden sein. Er fordert mich ständig auf, mehr Zeit mit Freunden zu verbringen. Alles, was ich für ihn oder gemeinsam mit ihm tue, geschieht völlig freiwillig, musst du wissen. Nicht weil er es von mir verlangt.“

„Das glaube ich dir aufs Wort. Dein Dad ist immer sehr nett. Meinst du, dass er mich mag?“

„Natürlich mag er dich. Er sagte, du seist eine wunderbare Julia gewesen.“

„Aber nur, weil ich dich als Romeo hatte!“

Das war der Beginn der romantischsten Zeit meines Lebens, überlegte Felicia und drückte ihren Kopf tief in das Kissen. Jede freie Minute hatten Gideon und sie in den Weihnachtsferien gemeinsam verbracht – zur großen Freude von Richard Ford, der seine Befriedigung über ihre Freundschaft offen zeigte.

Als sich die Kunden in der Drogerie drängten, um noch in letzter Minute Geschenke zu kaufen, hatte Felicia ausgeholfen und solch ein Talent beim Anbieten von teuren Kosmetikartikeln und Parfüms bewiesen, dass er darauf bestanden hatte, ihr eine Prämie zu zahlen.

Ein Traum schien wahr geworden zu sein. Wunderbare Wochen mit Kinobesuchen, langen Spaziergängen und stundenlangen Gesprächen waren gefolgt, in denen jeder glücklich in der Gesellschaft des anderen war.

Am Abend vor den Osterferien hatten die Eltern ihr vorgeschlagen, dass Gideon zu ihr kommen könne, während sie selber zu einem Charity Dinner mit Ball in London waren. Obwohl sie viele Stunden gemeinsam in seinem oder ihrem Zimmer verbracht hatten, war es Felicia glühend heiß bewusst geworden, dass sie zum ersten Mal völlig allein sein würden.

Als Gideon an jenem Abend eintraf, hatte sie es vor Aufregung kaum noch ausgehalten. Beide waren so voller Erwartung gewesen, dass sie nicht viel von dem essen konnten, was Jess Maynard für sie vorbereitet hatte. Anschließend hatte Gideon sie im Wohnzimmer auf das Sofa dirigiert und wie ein Mann geküsst, der am Ende seiner Beherrschung war.

Wochenlang hatte es nur sehnsüchtige Gute-Nacht-Küsse und verstohlene Liebkosungen zwischen ihnen gegeben, die das Feuer gegenseitigen Verlangens schürten. Doch das Wissen, dass sie allein waren und von niemandem gestört werden konnten, ließ das Feuer jetzt außer Kontrolle geraten, sobald sie sich berührten.

Sie lagen sich in den Armen, und beide atmeten schwer, als Gideon die Hände unter ihren Pullover schob. Leidenschaftlich fanden sich ihre Lippen zum Kuss, während er mit unsicheren Fingern ihren BH öffnete. Stöhnend löste er sich von ihrem Mund, schob ihren Pullover höher und küsste ihre Brüste.

„Warte“, keuchte Felicia und zog das Kleidungsstück über den Kopf. „Zieh dein Hemd aus“, forderte sie Gideon auf, und er gehorchte. Ungeduldig riss er sie wieder an sich, küsste sie verzehrend und reizte sie derart mit den Lippen und der Zunge, dass sie es nicht erwarten konnte, zum ersten Mal das höchste Glück zu erleben und eins mit ihm zu werden.

Sie spürte den Beweis seiner Erregung, der sich an sie drängte. Instinktiv hielt sie die Luft an und strich herausfordernd an seinen Schenkeln entlang.

„Lass das“, forderte er sie unwirsch auf. „Ich bin nicht aus Stein!“

„Ich auch nicht. Liebe mich richtig, Gideon. Bitte“, bat sie.

Seine dunklen Augen glühten. „Bist du sicher? Wirklich sicher?“

Sie nickte stumm und sah ihn so flehentlich an, dass er sie erneut verzehrend küsste. Er zog sie auf die Füße und suchte mit unsteten Fingern in seinen Jeanstaschen, während sie ihre restlichen Kleider abstreifte. Die Hände auf dem Rücken, stand sie mit gerötetem Gesicht da und wurde plötzlich schüchtern, weil Gideon sie einen Moment ehrfürchtig betrachtete.

Stöhnend zog er sie wieder an sich, hielt sie mit einer Hand fest und zerrte mit der anderen Hand an seinen Jeans. Von Kopf bis Fuß bebend, sanken sie gemeinsam zu Boden und pressten ihre nackten Körper aneinander.

Dann begann Gideon, Felicia ganz gezielt zu verwöhnen. Mit den Händen und den Lippen liebkoste er verlangend ihre Brüste. Lustvolle Schauder durchrieselten ihren Körper, gefolgt von einem brennenden Stich, als er die Hand tiefer schob, um sich zu vergewissern, dass sie ihn wirklich begehrte. Als Felicia ihm fieberhaft klarmachte, dass sie in tausend Stücke zerspringen würde, wenn er das Feuer nicht augenblicklich löschte, das er entfacht hatte, forderte er sie auf, für einen Moment die Augen zu schließen.

„Meine Hände zittern“, klagte er und brauchte so lange, dass sie ungeduldig die Finger in seinen Rücken krallte.

„Bitte!“, keuchte sie. „Mach endlich!“

Doch in seiner verzweifelten Eile verdarb Gideon alles. Das verlängerte Vorspiel hatte ihn derart erregt, dass er die Kontrolle verlor, sobald ihre Körper sich vereinten. Er fiel in einen wilden Rhythmus und steigerte sich aus mangelnder Erfahrung zu einem frenetischen Höhepunkt, der zu viel war für den Schutz, an den er fürsorglich gedacht hatte.

Ihr Liebesspiel hatte nichts von der Romantik als Romeo und Julia. Zurück blieben zwei Teenager, deren erste sexuelle Erfahrung in einem völligen Desaster geendet hatte.

Nein, nicht ganz, überlegte Felicia und zog die Decken höher. Nackt in Gideons Armen zu liegen, während er sie streichelte, und seinen festen Körper zu spüren, der vor Begehren bebte, war so wunderbar gewesen, wie sie es sich immer erträumt hatte.

Doch nach den ersten Wochen voller Erwartung hatte der eigentliche Liebesakt für sie nichts als Schmerz und Enttäuschung und für Gideon nur tiefe Demütigung und elende Schuldgefühle gebracht. Der Gedanke an die möglichen Folgen war ihnen beiden gleichzeitig gekommen. Schluchzend hatte Felicia ihre Kleider eingesammelt. Als Gideon entsetzt seine Entschuldigung stammelte, hatte sie ihn verzweifelt unterbrochen. „Geh einfach. Bitte!“

Seitdem hatte Felicia Maynard Gideon Ford nie wiedergesehen – bis heute Abend, als er wie ein Geist aus der Vergangenheit aus dem Nebel aufgetaucht war.

2. KAPITEL

An Ausschlafen war am nächsten Morgen nicht zu denken. Als sie von den Hunden geweckt wurde, schien es Felicia, als habe sie erst vor wenigen Minuten die Augen geschlossen. In einer idealen Welt könnte ich nach solch einer schlimmen Nacht liegen bleiben, dachte sie bitter. Stattdessen war sie gezwungen, nach unten zu taumeln, lange bevor es draußen hell wurde.

Mit klappernden Zähnen öffnete sie die Küchentür. Bran und Jet schossen hinaus in den Garten und ließen sich nur dadurch wieder ins Haus locken, dass Felicia mit den gefüllten Fressnäpfen der Tiere auf den Küchenboden klopfte.

Während die Hunde schwanzwedelnd mit gesenktem Kopf ihr Frühstück verschlangen, kochte Felicia Tee. Sie füllte eine Tasse, setzte sich an den Küchentisch und stellte eine Liste der Dinge auf, die sie in der Stadt erledigen musste, bevor sie sich in den Hochzeitstrubel im Haus der Robsons stürzte. In diesem Moment läutete das Telefon.

„Bist du schon auf?“, wollte Poppy wissen.

„Natürlich bin ich auf“, antwortete Felicia gähnend. „Dafür haben die Hunde längst gesorgt. Was ist passiert, junge Braut?“

„Nichts. Ich war nur zu aufgeregt, um länger zu schlafen. Bist du sicher, dass die Friseurin dein Haar nicht richten soll, Flick? Sie kommt um 10 Uhr.“

„Mein Haar ist keine große Sache. Ich werde es selber frisieren, wenn ich aus der Stadt zurück bin.“

„Du willst heute Morgen doch nicht in die Stadt? Ich brauche dich hier!“

„Ich muss vorher ein paar Sachen einkaufen“, erklärte Felicia. „Aber keine Sorge. Ich werde pünktlich um 12 Uhr geschminkt und gekämmt bei dir auftauchen.“

„Ich wünschte, du wärst geblieben“, seufzte Poppy. „Andererseits kannst du von Glück sagen. Es war vorher schon schlimm genug. Aber seit Andy eingetroffen ist und sämtliche Kusinen verrückt macht, herrscht hier das reinste Irrenhaus.“

„Stattdessen habe ich eine wunderbar friedliche Nacht in meinem eigenen Bett verbracht. Übrigens …“

„Ich muss Schluss machen. Meine Mutter rauscht mit dem Brautfrühstück die Treppe herauf. Komm nicht zu spät!“

Felicia legte den Hörer auf und lächelte kläglich. Poppy hatte das Gespräch beendet, bevor sie ihr von Gideon Ford erzählen konnte.

Am dringendsten brauche ich in diesem Haus eine Wärmflasche, erinnerte sie sich und kehrte zu ihrer Einkaufsliste zurück. Im Wetterbericht war weiterer eisiger Nebel angekündigt und für morgen weiße Weihnachten vorhergesagt worden. Aber das machte nichts. Solange der Schnee heute ausblieb, war Felicia das Wetter gleichgültig.

Nach der Aufregung um Poppys Hochzeit würde sie es sich mit den Hunden und einem Stapel Bücher gemütlich machen und vielleicht gelegentlich den Fernseher einschalten. Die Aussicht war so verlockend, dass sie liebevoll die glänzenden Köpfe der Retriever tätschelte, die sich jetzt an ihre Beine schmiegten.

Bei einem Blick in den Gefrierschrank stellte sie fest, dass noch etwas von der Kräuterpastete ihrer Mutter vorhanden war. Deshalb beschloss sie, ein Hähnchen zu kaufen, sobald die Läden geöffnet waren, und sich ein traditionelles Weihnachtsessen mit Brotsoße zu bereiten. Bran und Jet konnten ausnahmsweise ein paar Leckerbissen davon abbekommen. Den Rest würde sie für den zweiten Weihnachtsfeiertag aufbewahren.

Felicia trank ihren restlichen Tee und überlegte, wie Gideon wohl das Weihnachtsfest in „Ridge House“ vorbereitete. Sicher hatte er jemanden, der ihm dort oben half. Es war ihr ein Rätsel, weshalb er ohne Ehefrau und Kinder solch ein großes Haus gekauft hatte. Vor allem, weil sie einem Zeitungsartikel der örtlichen Presse entnommen hatte, dass er ein Apartment direkt an der Themse in London als Hauptwohnsitz besaß. Nicht schlecht für einen Mann, der seine Jugend in einer Wohnung über einer Drogerie verbracht hatte.

„Ich muss mich anziehen“, erklärte Felicia den Hunden. „Und weil es dank euch beiden noch früh ist, werde ich als Erstes einen Spaziergang mit euch machen. Nein, nein“, fuhr sie lachend fort, weil die Tiere sofort freudig um sie herum sprangen. „Später.“

Der Gang mit den Hunden wurde zu einer Kraftprobe. Bran und Jet wollten frei auf dem Grundstück vor „The Logde“ herumrennen, wie sie es am Vortag getan hatten. Sie zerrten an den Leinen, als Felicia sie entschlossen auf dem Weg hielt. Trotz des hochgeschlagenen Kragens ihres gefütterten weißen Parkas über einem dicken Pullover fröstelte sie. Es fiel ihr schwer, geduldig mit den Hunden zu bleiben, die neugierig an jedem Zweig und Blatt zu schnüffeln begannen. Endlich machte sie kehrt und trat den Rückweg an.

„He, ich bin der Rudelführer“, erklärte sie. „Also, vorwärts.“

Wieder zu Hause, tauschte Felicia Jeans und Laufschuhe gegen einen kurzen Tweedrock und kniehohe Lederstiefel. Sie setzte eine curryfarbene Strickkappe auf den Kopf, schlang einen Schal im gleichen Ton um den Hals und eilte mit raschen Schritten aus dem Haus. Ihre Laune besserte sich erheblich, als die blasse Sonne durch den Nebel brach.

Es überraschte sie nicht, dass die Stadt bereits voller Menschen war. Sie kam nur langsam voran. Zahlreiche Leute begrüßten sie auf dem Weg zum Marktplatz, wo einige Jungen aus dem Kirchenchor vor dem hell erleuchteten Christbaum Weihnachtslieder sangen.

Felicia legte einige Münzen in den Spendenkorb, dessen Erlös für die Reparatur des Kirchendaches bestimmt war, und tauchte in die Wärme der überfüllten Buchhandlung ein, um ein paar Taschenbücher für ihr geruhsames Weihnachtsfest zu kaufen. Einem spontanen Entschluss folgend fügte sie ein mit wunderschönen Aquarellen illustriertes Buch über die Geschichte von Chastlecombe für den Geburtstag ihres Vaters im Januar hinzu.

Nach einem Blick auf ihre Armbanduhr eilte sie hinüber zu den Arkaden und zwang sich, nicht in die verlockenden Schaufenster mit den handgestrickten Pullovern und den klassischen Kleidungsstücken zu schauen. Die Wärmflasche, ermahnte sie sich energisch, und lief zu Ford’s Drugstore – einst ein bescheidener Laden, der inzwischen längst vergrößert worden war und nun über die Fläche zweier Rundbögen reichte.

Neben Medikamenten, Hustenbonbons und Verbandsmaterial im hinteren Teil führte er ein breites Angebot an Kameras und elektronischen Geräten aller Art sowie Haushaltswaren. Außerdem hatte Gideon eine Lizenz für den Verkauf teurer Kosmetikartikel erworben. In einem Schaufenster warben junge Models auf erotischen Fotos für Parfüms, während reifere Schönheiten auf anderen Plakaten wundersame Anti-Falten-Cremes anpriesen.

Felicia blickte an ihnen vorüber und versuchte zu erkennen, ob Gideon im Laden war. Wenn – falls – sie sich erneut begegneten, war sie entschlossen, Haltung zu bewahren und bei seinem Anblick nicht zur Salzsäule zu erstarren. Erleichtert stellte sie fest, dass er nirgends zu sehen war. Sie drängte sich durch die engen Gänge, ergriff zwei Wärmflaschen mit Fleece-Überzug und reihte sich in die Kassenschlange ein.

Die Schlange war so lang, dass eine Verkäuferin über die Lautsprechertaste Hilfe anforderte. Felicias Herz tat einen Sprung, als Gideon Ford in einem teuren und dennoch lässig wirkenden Nadelstreifenanzug eine der Kassen übernahm. Langsam rückte sie vor und ergab sich in ihr Schicksal. Wenn sie sich nicht unverzüglich an die Kasse nach rechts wandte, würde Gideon ihr Geld annehmen.

Er sah auf und lächelte wie bei jedem Kunden. Doch als sie ihm ihre Waren über die Theke reichte, trat eine ganz besondere Wärme in seine Augen. „Hallo, Flick. Du bist ja schon früh auf den Beinen.“

„Hi“, antwortete sie fröhlich. „Ich hatte nicht erwartet, dass der Boss hier selber die Kasse bedient.“

„In der Weihnachtszeit nehmen wir jede Hilfskraft, die wir bekommen können“, erwiderte er lachend. „Hast du Lust, mitzumachen? Ich zahle einen guten Stundenlohn.“

„Tut mir leid, Poppy wartet. Und vorher muss ich noch etwas für mein Weihnachtsessen einkaufen.“

„Ziemlich spät dafür“, stellte er fest und reichte ihr das Wechselgeld.

„Stimmt. Beim Metzger ist eine kilometerlange Schlange. Ich hoffe, der Supermarkt hat noch ein paar Hähnchen.“ Sie lächelte ihm zu. „Fröhliche Weihnachten, Gideon.“

„Dir ebenfalls, Flick.“

Felicia eilte zum Supermarkt und ärgerte sich jetzt, dass sie nicht mit dem Auto gefahren war. Anstatt einen Einkaufswagen durch den Laden zu schieben, nahm sie einen Drahtkorb, um auf keinen Fall mehr einzukaufen, als sie nach Hause tragen konnte. Sie war ohnehin schon mit einer Tragetasche voller Bücher und den beiden Wärmflaschen beladen. Nachdem sie ein großes Maishähnchen und etliche Lebensmittel besorgt hatte, kam sie sich wie ein Packesel vor.

„Taxi gefällig?“, fragte eine vertraute Stimme, als sie den Laden verließ.

Felicia fuhr herum und entdeckte Gideon, der aus seinem Wagen stieg. „O ja, bitte“, sagte sie erleichtert und strahlte ihn an. „Ich bin zu Fuß gekommen, weil ich befürchtete, das Parken wäre heute ein Albtraum.“

„Womit du Recht hast“, bestätigte er und nahm ihr die Sachen ab. „Hast du dir nicht ein bisschen zu viel vorgenommen, unmittelbar vor der Hochzeit?“

Sie nickte kläglich. „Ja. Aber ich musste sowieso früh aufstehen wegen der Hunde und war schon mit ihnen unterwegs. Wahrscheinlich war es dumm, anschließend gleich in die Stadt zu laufen. Natürlich habe ich mehr eingekauft, als ich wollte.“ Sie sah ihn fragend an, während er in den Wagen stieg. „Ich habe dich im Supermarkt nicht gesehen.“

„Ich war auch nicht dort. Ich stellte mir vor, wie du mit all deinen Einkäufen zu Fuß nach Hause laufen müsstest, und habe meine Kasse kurzfristig geschlossen, um dich zu fahren.“

Felicia sah ihn verblüfft an. „Das ist ja toll. Danke, Gideon. Dann hast du für heute Schluss gemacht?“

„Nein.“ Er lenkte den Wagen in den Verkehrsstrom. „Ich werde dich absetzen und anschließend noch eine Stunde oder so im Laden aushelfen.“

„Du bist sehr nett.“

„Ein wahrer Ausbund an Tugend“, stimmte er spöttisch zu.

Felicia lachte leise. „So haben wir Mädchen dich in der Schule immer genannt – neben anderen schmeichelhaften Bezeichnungen.“

„Was für andere Bezeichnungen?“

„Ich werde mir nicht die Zunge verbrennen, indem ich sie wiederhole.“

Gideon lachte fröhlich. „Du liebe Güte! Ich wünschte, ich hätte es gewusst.“

„Wie hättest du dich dann verhalten?“

„Nicht anders als sonst.“ Er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Du warst das einzige Mädchen, das ich jemals wollte.“

Felicia bekam keinen Ton heraus angesichts seines unverblümten Geständnisses. Sie wurde sich derart seiner Nähe und des Dufts seiner warmen, makellos gepflegten Gestalt in der Enge des Wagens bewusst, dass sie sich kaum noch rühren konnte. Gideon half ihr hinaus, nahm ihre Tragetaschen und trug sie zum Haus.

„Danke“, sagte sie atemlos, während sie die Tür aufschloss.

In seinen Augen brannte ein Feuer, das sie früher nie bemerkt hatte.

„Wir hatten uns übrigens nicht vorab über den Fahrpreis geeinigt“, äußerte er leise.

„Stimmt. Ich hoffe, deine Preise sind nicht zu hoch“, entgegnete sie und nahm an – wünschte? – , dass er sie um einen Kuss bitten würde.

Er lachte aufreizend träge. „Das hängt von deiner Betrachtungsweise ab. Ich wüsste eine Gegenleistung. Aber bist du bereit, sie zu zahlen?“

Felicia sah ihn misstrauisch an. „Was meinst du genau?“

„Informationen. Ich möchte, dass du einige Lücken bei mir füllst. Ich weiß, dass du heute mit der Robson-Hochzeit beschäftigt bist. Aber was machst du morgen?“

„Morgen ist Weihnachten!“

Seine Lippen zuckten. „Das habe ich gehört. Wo wirst du es verbringen?“

„Hier.“

„Allein?“

„Ja“, antwortete sie trotzig. „Mrs. Robson wollte, dass ich zum Lunch zur Farm zurückkehre. Aber ich habe dankend abgelehnt. Ihr Haus ist jetzt schon voller Leute. Außerdem wäre es dort ohne Poppy ein bisschen merkwürdig für mich. Deshalb entschloss ich mich zu einem friedlichen Tag mit Bran und Jet.“

„Weshalb hat Poppy ausgerechnet den Heiligen Abend für ihre Hochzeit gewählt? Die Fahrt in die Flitterwochen muss eine echte Herausforderung sein.“

„Tom und sie fahren nirgendwohin, sondern kehren zu dem Haus zurück, in das sie vor einem Monat gezogen sind. Sie haben es gerade erst eingerichtet, und Poppy möchte das erste gemeinsame Weihnachtsfest dort mit Tom allein verbringen.“ Felicia lächelte verschmitzt. „Er hat nichts dagegen.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Gideon sah sie fest an. „Wir beide, du und ich, sind morgen ebenfalls allein, Flick. Verschieb das Hähnchenessen auf den nächsten Tag und komm zum Lunch zu mir nach ‚Ridge House‘. Dort kannst du dann meine Wissenslücken füllen, von denen ich gesprochen habe. Ich hole dich gegen elf Uhr ab.“

Sie sah ihn verblüfft an. „Meinst du das ernst?“

Er lächelte und ähnelte in diesem Moment derart dem Teenager, den sie einst angehimmelt hatte, dass sich ihr Herz schmerzlich zusammenzog. „Todernst. Was hältst du davon?“

„Nun – einverstanden, wenn es dir recht ist“, antwortete sie zögernd und überschlug kurz ihre Einkäufe. „Aber du solltest lieber zum Essen zu mir kommen – wegen der Hunde.“

„Mit größtem Vergnügen“, versicherte er. „Also Weihnachtsessen in ‚The Lodge‘. Obwohl ich dir gern mein Haus zeigen würde.“

„O ja, ein andermal unbedingt“, antwortete Felicia erfreut. „Komm bitte gegen Mittag. Bis dahin dürfte alles bereit sein.“

3. KAPITEL

Felicia ging ins Haus und ließ die kläffenden Hunde in den Garten. Benommen räumte sie ihre Einkäufe fort und war nicht sicher, was sie bei dem Gedanken empfand, den ersten Weihnachtstag mit Gideon Ford zu verbringen.

Was genau meint er mit der Wissenslücke, die ich füllen soll?, überlegte sie, während sie nach oben lief, um sich in eine vorzeigbare Brautjungfer zu verwandeln. Verglichen mit dem eindrucksvollen Imperium, das Gideon sich aufgebaut hatte, war ihr Leben ziemlich ereignislos verlaufen.

Schule, College, Arbeit, ein paar unbedeutende Freundschaften mit Männern, aber keine Beziehung, die diesen Namen verdiente – nicht zuletzt, weil es ihr ungeheuer schwerfiel, über ihren Romeo hinwegzukommen. Alle Männer, die sie die nächsten Jahre kennenlernte, eingeschlossen Charles Beattie, hatten Gideon Ford nicht das Wasser reichen können.

Jetzt als Erwachsener war Gideon ein sehr eindrucksvoller Mann, gab Felicia seufzend zu und war nicht sicher, ob es klug gewesen war, in das Weihnachtsessen mit ihm einzuwilligen. Andererseits – weshalb eigentlich nicht? Sie war niemandem Rechenschaft schuldig, schon gar nicht Charles. Außerdem war es keine große Sache, wenn zwei alte Freunde das Weihnachtsfest gemeinsam verbrachten.

Auf der Robson-Farm herrschte genau das Chaos, das Felicia erwartet hatte. Andy eilte, seine kleine Tochter im Schlepptau, bei ihrer Ankunft herbei und umarmte sie so heftig, dass sie um ihre Rippen fürchtete. Weihnachtsmusik klang aus dem Haus, während die aufgeregte Mrs. Robson Felicia zu sich winkte.

„Bin ich froh, dass du da bist! Ich kann Poppy nicht aus der Scheune bekommen. Sie verdirbt garantiert ihre Frisur. Ich wollte unbedingt, dass der Empfang in einem Hotel stattfindet. Aber meinst du, meine Tochter hätte auf mich gehört? Der Catering-Service hat uns ein paar Snacks hingestellt. Bitte, lockt Poppy ins Haus, damit sie etwas isst, bevor sie sich ankleidet. Und du ebenfalls, meine Liebe. Ich möchte verhindern, dass jemand auf dem Weg zum Altar ohnmächtig wird.“

Felicia küsste die aufgeregte Frau, die sie schon seit Kindertagen kannte, auf die Wange. „Keine Sorge, ich werde Ihre Tochter herholen.“ Sie streckte dem kleinen Mädchen die Hand hin. „Komm, Kleines. Kapern wir Tante Poppy, und entführen wir sie ins Haus.“

„Meine Frau sollten wir gleich mit einfangen“, sagte Andy und hob seine Tochter auf den Arm. „Sie ist ebenfalls in der Scheune, um die letzten Handgriffe zu erledigen. Keine Ahnung, weshalb. Für mich sah schon vor Stunden alles perfekt aus.“

„Gestern war es das ganz sicher“, versicherte Felicia ihm. „Nachdem die Dekoration angebracht war, haben wir noch stundenlang die Tischkarten neu platziert.“

Die Braut stand in ihren alten Jeans und einem Pullover, der absolut nicht zu ihrem elegant aufgesteckten Haar passte, nahe dem Scheunentor neben einem riesigen, üppig geschmückten Weihnachtsbaum und unterhielt sich angeregt mit ihrer Schwägerin, deren Frisur ebenfalls perfekt wirkte.

„Los, ihr beiden“, rief Felicia. „Hier ist alles fertig. Kommt ins Haus und esst etwas.“

Poppy drehte sich erleichtert um. „Es wird auch langsam Zeit, dass du kommst, Brautjungfer“, erklärte sie vorwurfsvoll.

„Hi, Leah“, sagte Felicia und umarmte Andys Frau herzlich. „Ihr beide habt eine tolle Frisur. Kann meine selbst gemachte daneben bestehen?“

Poppy warf einen Blick auf das lockige kastanienbraune Haar, das die Freundin zu einem loseren Knoten aufgesteckt hatte als gewöhnlich. Winzige Strähnen lösten sich daraus und machten die Frisur für diesen besonderen Tag weicher. „Sie ist entzückend.“

Andy gab Leah einen Kuss. „Komm, Liebling. Mutter ist davon überzeugt, dass ihr Mädchen in der Kirche ohnmächtig werdet, wenn ihr nicht vorher einen Hummersnack oder sonst etwas vertilgt.“ Mit einem bewundernden Blick in die festlich geschmückte Scheune stellte er fest: „Ihr habt wirklich eine fantastische Arbeit geleistet.“

Grüne Girlanden mit rotem und goldenem Weihnachtsschmuck wanden sich die alten Steinwände entlang. Weiterer Weihnachtsschmuck glitzerte zwischen den Stechpalmen und den Mistelzweigen, die von den Deckenbalken hingen. Die Tische waren mit leuchtendrotem Tuch bedeckt, in der Mitte jeder Tafel prangte ein festliches Gesteck mit einer dicken roten Kerze.

Getreidegarben mit Lichterketten standen paarweise in den Ecken und an den Wänden, und als Höhepunkt stapelten sich Holzscheite in einem Feuerkorb unter dem großen gusseisernen Rauchfang des Kamins, die später entzündet werden sollten.

„Flick hat mir unwahrscheinlich geholfen“, sagte Poppy und umarmte ihre Brautjungfer dankbar. „Du hättest sehen sollen, wie sie gestern die Leiter hinauf- und hinabgeklettert ist, um die Stechpalmen und Mistelzweige aufzuhängen.“

„Offensichtlich hätte Andy das sehr gern gesehen“, erklärte Leah lachend und gab ihrem Mann einen Stoß. „Sag jetzt ja nichts, Robson.“

Die Brautmutter trug ein elegantes lilafarbenes Kostüm mit einem eleganten Hut und hatte sich, ebenso wie ihre beiden Schwestern, mit einem dicken Pelzmantel gegen die Kälte gewappnet. Die drei älteren Damen fuhren im ersten Wagen los. Andy und Leah folgten mit ihrer Tochter sowie drei jungen Kusinen. In der plötzlichen Stille, die nun eintrat, versuchte Felicia gerade, den Reißverschluss des Brautkleides hochzuziehen, als Poppy beiläufig erwähnte, dass sie einen weiteren Hochzeitsgast erwarteten.

„Du rätst nie und nimmer, wen Tom heute Morgen in der Stadt getroffen hat, als er die Medikamente für seine Großmutter abholen wollte.“ Sie sah ihre Brautjungfer erwartungsvoll im Spiegel an. „Gideon Ford war im Laden und bediente eine Kasse. Kannst du dir so etwas vorstellen?“

Felicia hielt einen Moment inne. „Ja, das kann ich. Er war auch da, als ich vorhin zwei Wärmflaschen kaufte. Beweg dich bloß nicht, Poppy. Dies ist eine heikle Sache. Ich möchte die Spitze nicht zerreißen.“

„Dann hast du ihn schon getroffen“, stellte ihre Freundin enttäuscht fest.

„Ja, gestern Abend. Er tauchte bei mir auf, weil er gesehen hatte, dass im Haus Licht brannte. Mum und Dad hatten ihm gesagt, über Weihnachten sei niemand da. Ich war vielleicht überrascht, als er plötzlich auf der Türschwelle stand.“ Genau genommen war sie wie gelähmt gewesen.

Poppy wirbelte herum, und ihr Rock schwang dramatisch mit. „Du hast mir kein Wort davon gesagt“, warf sie der Freundin vor.

„Du hast mir keine Gelegenheit dazu gegeben.“

„Also, was ist passiert?“

„Nichts Besonderes. Er kam direkt aus London und sah total verfroren aus. Deshalb bot ich ihm eine Tasse Kaffee an.“

„Tatsächlich? Er war ein paar Mal in Chastlecombe, um sich um ‚Ridge House‘ zu kümmern. Aber nie, wenn ich bei meinen Eltern war. Wie sieht er heute aus?“, fragte Poppy neugierig.

„Gut“, antwortete Felicia knapp.

„Tom sagte, er hätte sich sehr über die Einladung gefreut.“

„Hast du etwa heute mit deinem Bräutigam gesprochen?“

„Solange wir uns vor der Trauung nicht sehen, ist alles in Ordnung. Ein Telefongespräch zählt nicht.“ Poppy setzte sich, damit Felicia eine kleine Krone aus Rosenknospen und Efeu auf ihrem Haar befestigen konnte. Anschließend stand sie wieder auf und betrachtete sich im Spiegel. „Okay, das wär’s. Wie sehe ich aus?“

„Sensationell!“

Das entsprach der Wahrheit. Poppys Brautkleid war ein Traum. Das Oberteil bestand aus schwerer weißer Spitze. Mit seinem tiefen Ausschnitt und den eng anliegenden Ärmeln bildete es einen eindrucksvollen Kontrast zu dem dunkelroten Samtrock.

„Danke, Felicia. Du siehst auch toll aus.“

Felicia trug ein efeugrünes langes Samtkleid mit schmalem Rock. Poppy befestigte drei Rosenblüten im Haarknoten ihrer Brautjungfer, trat zurück und betrachtete ihre Freundin und sich glücklich lächelnd im Spiegel.

„Wir sehen beide verflixt gut aus“, stellte sie befriedigt fest.

Felicia half ihr in die Samtjacke, die den Brautstaat ergänzte. Nach einem letzten Blick in den Spiegel ergriff Poppy ihren Brautstrauß, der aus dunkelroten Rosen, Schleierkraut und frischem Efeu bestand. Sie war schon auf dem Weg zur Tür, als ihr Vater verkündete, der Wagen stehe für sie bereit.

„Ich sollte nicht im selben Wagen mit dir fahren“, erklärte Felicia, während sie die Treppe hinuntergingen. „Man erwartet, dass du würdevoll an der Seite deines Vaters vor der Kirche erscheinst.“

„Poppy und ich möchten gern, dass du bei uns bist, meine Liebe“, sagte George Robson und blinzelte verdächtig beim Anblick seiner Tochter. „Meine Güte, Mädchen. Du bist eine wahre Bilderbuchschönheit“, erklärte er gerührt.

„Danke, Dad.“ Poppy küsste ihren Vater liebevoll auf die Wange.

Er räusperte sich verlegen. „Wehe, wenn Tom Henshawe nicht gut für dich sorgt.“

„Das wird er bestimmt“, versicherte Felicia ihm.

Die Glocken läuteten, als sie die Kirche erreichten, begleitet von fröhlich winkenden Passanten, die ihre Einkäufe unterbrochen hatten, um die Braut zu sehen.

Felicia stieg aus dem Wagen, um Poppy mit ihrem Rock zu helfen. Anschließend folgte sie George Robson, der seine Tochter stolz den Pfad hinauf zum mit Girlanden geschmückten Kirchenportal führte. Dort wartete Andy mit seiner Tochter auf die drei. Die Kleine sah als Blumenmädchen wie eine lebendige Puppe aus mit ihrem grünen Samtkleid und den grünen Samtschuhen.

Ein Kranz aus Rosenknospen schmückte ihre goldblonden Locken. Sie hielt einen kleinen Samtmuff in der einen Hand, mit der anderen umklammerte sie stolz und aufgeregt den Henkel eines Weidenkörbchens voller Rosenblüten. Andy übergab seine kleine Tochter in Felicias Obhut und küsste seine Schwester.

„Ein letzter Kuss, solange du noch nicht die Frau eines anderen bist“, scherzte er. Dann betrat er gemeinsam mit seinen Freunden, die bei der Ankunft der Gäste geholfen hatten, die Kirche und setzte sich zu seiner Frau.

Felicias Hals zog sich schmerzlich zusammen, als George Robson seine Tochter zu den vertrauten Klängen von Mendelsohns Hochzeitsmarsch den Mittelgang hinab zum Altar führte. Der Bräutigam begrüßte seine strahlende Braut mit einem solch zärtlichen Lächeln, dass seine Mutter in der Bank hinter ihm hörbar schniefte. Felicia hatte Gideon entdeckt, sobald sie die Kirche betrat. Sie lächelte ihm kurz zu, als sie an ihm vorbeikam.

Als das Brautpaar die Altarstufen erreicht hatte, verstummte die Orgel. Poppy reichte ihrer Brautjungfer ihren Brautstrauß, während das Blumenmädchen beschloss, lieber auf den Knien seiner Mutter zu sitzen.

Mit feierlichen Weihnachtsliedern und einer wunderschönen Ansprache des Pfarrers begann die Trauung. Spätestens als der kleinste Junge des Kirchenchores mit glockenreiner Stimme allein „Stille Nacht, heilige Nacht“ sang, waren alle Gäste zu Tränen gerührt. Zu Richard Wagners triumphierendem „Treulich geführt …“ schritt das Brautpaar schließlich freudestrahlend den Mittelgang wieder hinab.

Wegen des schwindenden Lichts war der Fototermin vor der Kirche nur kurz, und der Fotograf machte sich auf den Weg zum Empfang. Nachdem Braut und Bräutigam unter einem Konfettiregen davongefahren waren, suchte Mrs. Robson nach einer Mitfahrgelegenheit für Felicia.

„Ich habe jede Menge Platz in meinem Wagen, Mrs. Robson“, sagte Gideon und trat vor. „Miss Maynard kann gern mit mir fahren.“

„Das wäre sehr nett“, antwortete die Brautmutter. „Es ist dir doch recht, Felicia? Es wäre ein Jammer, dein Kleid zu zerknautschen, indem du dich in unseren voll beladenen Wagen hineinzwängst. Vielen Dank, Mr. Ford.“

„Nennen Sie mich bitte Gideon“, antwortete er freundlich.

„Es ist mir ein Vergnügen, Sie wiederzusehen“, erklärte Mrs. Robson warmherzig. „Ich bin so froh, dass Tom Sie heute Morgen getroffen hat.“

„Bist du es auch?“, fragte Gideon, während er Felicia die Tür offen hielt.

„Ob ich was bin?“, erwiderte sie mit bebender Stimme.

„Froh, dass Tom mich heute Morgen getroffen und eingeladen hat.“

„Natürlich freue ich mich darüber.“ Sie lächelte ihn an, als er die Heizung weiter aufdrehte. „Danke. Mir wurde ein bisschen kalt.“

„Das habe ich gemerkt. Deshalb bot ich mich als Fahrer an, bevor du Frostbeulen bekamst.“

Ob er den frohlockenden Blick bemerkt hat, den Mrs. Robson und Leah bei seinem Angebot gewechselt haben?, überlegte Felicia. „Fühlst du dich an alte Zeiten erinnert? Dieses Fest gleicht beinahe einer Schulparty.“

„Es ist schön, so viele alte Freunde wiederzutreffen“, stimmte er zu.

„Manche Leute haben sich ziemlich verändert.“

„Ja. Einige sind schlanker als damals, andere dicker. Alle sind älter geworden. Aber im Grunde sind sie gleich geblieben.“ Er lächelte versonnen. „Ich wusste, dass Tom Henshawe verrückt nach Poppy war. Dass Andy Robson mit Leah Porter verheiratet ist, hat mich dagegen überrascht. Ich dachte, sie wollte Schauspielerin werden.“

„Das wollte sie auch. Nach ihrem Collegeabschluss besuchte sie sogar eine Schauspielschule. Doch nach einer Weile stellte sie fest, dass es nicht das Richtige für sie war. Sie arbeitete als Lehrerin und traf sich wieder mit Andy.“

Gideon sah Felicia kurz an, während sie die Stadt hinter sich ließen. „Ist dir jetzt wärmer?“

„Ja, natürlich. Außerdem gibt es gleich Glühwein.“ Sie lächelte zu ihm hinüber. „Sobald du die Scheune betrittst, wirst du verstehen, weshalb Poppy am Heiligen Abend heiraten wollte.“

„Das kam schon bei der Liedauswahl in der Kirche deutlich zum Ausdruck.“

„Poppy mag diese Lieder. Obwohl sie scherzhaft meinte, ‚Herbei, o ihr Gläubigen‘ sei ein Wink für Tom gewesen. Als wenn er den gebraucht hätte. Seit dem Kindergarten hat es nie eine andere Frau für ihn gegeben.“

„Weshalb dauerte es dann so lange, bis sie den letzten Schritt getan haben?“

„Sie leben zusammen, seit sie sich letztes Jahr offiziell verlobt haben. Poppy war wild entschlossen, nichts an diesem Zustand zu ändern. Frei nach dem Motto: ‚Weshalb etwas anrühren, das problemlos funktioniert?‘ Doch als sie begann, immer konkreter von Kindern zu reden, machte Tom Nägel mit Köpfen. ‚Heirate mich, oder aus einer Familiengründung wird nichts‘, erklärte er. Da gab sie nach. Weißt du noch, wie man zur Farm kommt?“, fragte sie plötzlich.

„Ja, natürlich“, antwortete Gideon in einem Ton, der sie erstaunt aufhorchen ließ. „Ich erinnere mich an jede Kleinigkeit aus der Zeit, als ich hier lebte.“

„Darf ich dich um einen Gefallen bitten?“, fragte Felicia und unterdrückte den Schauder wohliger Erregung, der sie bei seiner Bemerkung überkam. „Ich muss unbedingt die Hunde hinauslassen, bevor ich zu dem Empfang gehe. Könnten wir einen Umweg über ‚The Lodge‘ machen? Es fängt an zu schneien.“

„Hast du die Hausschlüssel dabei?“

Sie nickte und deutete auf ihre mit Rosen bestickte Samthandtasche.

„Dann setze ich dich bei der Farm ab, fahre zurück und führe die Tiere selber aus.“

„Das kann ich unmöglich von dir verlangen.“

„Natürlich kannst du das. Du bist nicht richtig angezogen für einen Gang mit den Hunden.“

Gideon fuhr den Weg hinauf zur Farm und hielt unmittelbar vor dem Scheunentor an. Er ging um den Wagen herum, hob Felicia trotz ihres Protests auf die Arme und trug sie durch die sanft fallenden Schneeflocken in die hell erleuchtete warme Scheune.

„He, das ist das Vorrecht der Braut“, erklärte der Bräutigam, als Gideon Felicia neben Poppy absetzte.

„Ich vermute, du hättest etwas dagegen, wenn ich Poppy dieselbe Ehre erweisen würde“, antwortete Gideon lachend. Er schüttelte Tom die Hand und küsste Poppy auf die Wange. Anschließend richtete er einige Worte an die beiden Elternpaare und entschuldigte sich mit der Bemerkung, dass er noch etwas zu erledigen habe und zum Abendessen zurück sein werde.

„Meine Güte, das war ja romantisch“, murmelte Poppy.

„Gideon wollte nur meine teuren Samtschuhe retten“, antwortete Felicia. „Lächeln!“, rief sie, weil der Fotograf in diesem Moment seine Arbeit wieder aufnahm, und war froh, dass sie die Aufmerksamkeit von sich ablenken konnte.

Nachdem die offiziellen Fotos geschossen waren, wurden die Gäste ausgiebig mit Glühwein bewirtet, der zusammen mit der Wärme des lodernden Holzfeuers die festliche Stimmung rasch ansteigen ließ.

Poppy hatte sich am Vortag lange Gedanken über die Sitzordnung gemacht, weil ihre Brautjungfer keinen männlichen Partner hatte. Der Brautführer, der normalerweise dafür infrage gekommen wäre, hatte eine Ehefrau, deren Platz natürlich neben ihm war. Doch Felicia hatte das Problem gelöst, indem sie darum bat, bei Andy und Leah am Tisch sitzen zu dürfen.

Als der Brautführer die Anwesenden mit schallender Stimme bat, ihre Plätze einzunehmen, damit der Pfarrer das Tischgebet sprechen konnte, ...

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