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JULIA SOMMERLIEBE BAND 27

JULES BENNETT

Zeig mir das Paradies, Traumprinz!

Nach einem Unfall kann Millionär Luc Silva sich an nichts erinnern – nur daran, dass er mit der hübschen Kate verlobt ist. Gemeinsam verbringen sie ihren Sommerurlaub am Meer. Romantischen Tagen am Strand folgen heiße Nächte in Lucs Bett. Alles scheint perfekt! Da kehrt sein Gedächtnis allmählich zurück, und Luc ahnt: Kate ist nicht die, für die er sie hält …

CATHY WILLIAMS

Karibische Küsse

„Du willst die Scheidung?“ Geschäftsmagnat Dio Ruiz ist außer sich! Denn noch immer schuldet seine Frau Lucy ihm eine Hochzeitsnacht! Trotzdem erklärt er sich bereit, sie freizugeben – aber nur unter der Bedingung, dass sie verspäteten Flitterwochen in der Karibik zustimmt. Dios Plan: Lucy im tropischen Inselparadies endlich zu der Seinen zu machen!

RACHAEL THOMAS

Sommerzauber der Liebe

Wild pocht Serenas Herz, als sie Nikos Petrakis auf Santorini wiedertrifft. Nie hat sie jene schicksalhafte Sommernacht mit ihm vergessen, nie zuvor hat ein Mann derart heftige Gefühle in ihr geweckt. Und doch erscheint ihr der reiche Reeder jetzt wie ein Fremder! Serena ist verunsichert: Soll sie Nikos wirklich sagen, was sie ihm schon so lange verheimlicht?

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Zeig mir das Paradies, Traumprinz!

1. KAPITEL

Er hätte in die Berge flüchten sollen, statt sich auf seinem neu erworbenen Anwesen auf einer Insel vor der portugiesischen Küste zu verstecken. Auf jeden Fall aber hätte er seine Assistentin nicht mitnehmen dürfen.

Selbst voll bekleidet hätte Kate Barton jeden Mann schwach gemacht. Doch in diesem atemberaubend knappen Bikini mit einem fast durchsichtigen, über den tollen Brüsten verknoteten Nichts von einem Überwurf brachte sie Luc Silva vollkommen aus der Fassung. Die Frau hatte Kurven. Sie war nicht spindeldürr wie ein Model, sondern ihr mörderisch attraktiver Körper besaß genau die richtigen Rundungen und Mulden. Dabei stellte Kate sich keineswegs bewusst zur Schau. Es war einfach nicht zu übersehen, dass die Natur sie sündhaft verschwenderisch ausgestattet hatte. Selbst im Kostüm schlug die Frau jedes Designermodel.

Mit einer Verwünschung brauste Luc zur Anlegestelle zurück und sicherte den Jet-Ski. Er war hier, um den Medien zu entrinnen – vor allem aber jener Frau, die ihn getäuscht hatte. Warum bestrafte er sich dann mit dem nervenaufreibenden Anblick dieser wandelnden Versuchung?

Um für sich allein zu sein, hatte er Kate im Gästehaus untergebracht. Doch der Teufel wollte, dass der kleine Bungalow und das Haupthaus einen gemeinsamen Strand hatten. Luc hatte es für eine geniale Idee gehalten, diesen unberührten Zufluchtsort auf einer Privatinsel zu kaufen. Ohne Internetzugang und nur mit einer gelegentlichen Mobilnetzverbindung, war das Anwesen ein ideales Versteck für ein Mitglied der Königsfamilie von Ilha Beleza. Er wollte niemanden um sich haben, der wusste, wer er war. Genau das hatte er gesucht: einen Ort, an dem er völlig ungestört war. Doch nun war er hier ausgerechnet mit dieser besserwisserischen Sexbombe von Assistentin gelandet.

Und nicht nur das – die Renovierungsarbeiten auf dem Anwesen waren noch nicht abgeschlossen. Er hatte es einfach nicht mehr abwarten können, dem Trubel bei Hof zu entrinnen.

So weit konnte eine verlogene Verlobte einen Mann bringen!

„Ihr Gesicht ist ziemlich rot – hoffentlich haben Sie sich keinen Sonnenbrand geholt.“

Luc hielt auf Kate zu und ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten. Hatte sie sich absichtlich so aufreizend auf der Strandliege ausgestreckt, oder hatte sie einfach ein natürliches Talent dafür, Männer zu foltern? Sie hatte den Überwurf abgenommen und bot ihren üppigen Körper unverhüllt im leuchtend roten Bikini dar, der nur aus Spaghettiträgern und winzigen Stoffdreiecken zu bestehen schien.

„Ich habe keinen Sonnenbrand.“ Betont gemächlich stapfte Luc durch den heißen Sand heran.

„Haben Sie wenigstens Sonnencreme benutzt?“ Um nicht geblendet zu werden, hielt Kate eine Hand vor die Stirn, sodass ihre Brüste sich hoben.

Das fehlte ihm gerade noch – sich mit der beachtlichen Oberweite seiner Assistentin auseinandersetzen zu müssen! Er hatte sie begehrt, als er sie vor einem Jahr eingestellt hatte. Und – verflixt! – daran hatte sich nichts geändert.

Aber zweifellos war Kate die beste Assistentin, die er je gehabt hatte. Ihre Eltern arbeiteten schon lange für seine Familie, sodass es sich fast von selbst ergeben hatte, Kate einzustellen.

Eine Entscheidung, die er jedes Mal infrage stellte, wenn seine Hormone bei ihrem Anblick verrücktspielten.

Dabei ließ er sich mit Angestellten grundsätzlich nicht ein. Seine Eltern und er hielten gesellschaftliche und geschäftliche Verbindungen stets auseinander, um Medienspekulationen oder Skandalen vorzubeugen. Darauf achteten sie streng, nachdem vor Generationen ein Eklat und peinliche Gerüchte die Runde gemacht hatten, als eine Bedienstete angeblich Familiengeheimnisse ausgeplaudert hatte, die besser hinter verschlossenen Türen geblieben wären.

So hatte Luc sich vor einiger Zeit mit Alana verlobt, um zu verdrängen, wie stark er sich zu Kate hingezogen fühlte.

Vor drei Monaten hatte er mit seiner Verlobten endgültig vor den Traualtar treten wollen, vor allem, nachdem Alana ihm eröffnet hatte, schwanger zu sein. Außerdem musste er endlich heiraten, um die Krone von Ilha Beleza beanspruchen zu können.

Nun, nach der Trennung von Alana, musste er um jeden Preis versuchen, seinen Anspruch auf den Titel durchzusetzen. Das Problem war, dass ihm nur wenige Monate blieben, um dem Volk eine neue Heiratskandidatin vorzustellen. Sobald er an der Regierung war, würde er das veraltete Gesetz ändern. Er ging jetzt auf fünfunddreißig zu, doch eine feste Bindung war das Letzte, was ihm vorschwebte. Mit dem heiligen Stand der Ehe hatte er nichts im Sinn … schon gar nicht jetzt, nachdem seine Verlobte ihn hintergangen hatte.

„Durch Stirnrunzeln dürfte die Rötung kaum besser werden“, rief Kate ihm zu, als er an ihr vorbeiging.

Manchmal fand Luc es großartig, dass sie ihn nicht als Royal, sondern wie einen ganz normalen Mann behandelte. Im Moment allerdings nicht.

Vor den Stufen zu der breiten Terrasse mit den bequemen Loungemöbeln drehte er sich um. „Haben Sie das Interview mit dem amerikanischen Journalisten abgesagt?“

Gelöst legte Kate sich zurück, ließ den Arm sinken und schloss die Augen, um ihre Haut von der Sonne küssen zu lassen.

„Ich habe die Medientermine für die Hochzeit und alles, was mit Alana zu tun hat, abgeblasen“, informierte sie ihn, „und Ihre Exklusivinterviews auf später im Jahr nach der Krönung verlegt. Bis dahin dürften Sie alles bewältigt und die Zügel fest in der Hand haben.“

Luc schluckte. Kate war nicht nur seine rechte Hand, sondern auch seine beste Stütze und Public-Relations-Beraterin. Zuverlässig kümmerte sie sich um alles, was ihn bei den Medien ins beste Licht rücken konnte. Und gelegentlich beschönigte oder frisierte sie die Wahrheit auch ein bisschen, um das Image der Königsfamilie mit möglichst viel Sympathie und Glanz zu umgeben.

„Ich habe den Medienvertretern erklärt, Sie machten im Moment eine schwierige Zeit durch. Vor allem habe ich auf Ihren Schock über die Fehlgeburt hingewiesen und um Zurückhaltung und Rücksichtnahme auf den Schicksalsschlag gebeten, der Ihre Familie getroffen hat.“

Kate hob ein Knie, sodass ihr Bikinihöschen einen Streifen helle Haut freigab. Wie magnetisch angezogen flog Lucs Blick zu der nackten Stelle. Am liebsten wäre er auf die Knie gesunken, um sie aus der Nähe zu erkunden.

„Wenn Sie mich genug angestarrt haben, sollten Sie ins Haus gehen und Après-Lotion auftragen“, riet sie ihm, ohne die Augen zu öffnen.

„Wenn Sie sich etwas anziehen würden, käme ich gar nicht auf den Gedanken zu starren.“

Ihr amüsiertes Lachen übertönte die Meeresbrise und machte ihn verrückt. „Dann könnte ich nicht braun werden. Seien Sie froh, dass ich immerhin den Bikini anhabe. Ich hasse weiße Streifen.“

Luc presste die Lippen zusammen und versuchte, das Bild aus seiner Fantasie zu verbannen. Ohne Erfolg. Beim Anblick von Kate, die sich nackt sonnte, würde ihr jeder Mann zu Füßen liegen. Er unterdrückte ein Stöhnen und stapfte die Stufen zum Haupthaus hinauf. Natürlich forderte Kate ihn bewusst heraus. Und er ließ es zu, weil er an einem Schwachpunkt seines Lebens angekommen war. Außerdem musste er sich eingestehen, dass seine Assistentin ihn gefährlich durcheinanderbrachte. Teufel noch mal, er hatte einer anderen Frau die Ehe versprochen – trotzdem hatte er selbst nach seiner Verlobung mit Kate schlafen wollen.

Es war völlig unmöglich, sich mit Angestellten einzulassen. In diese Falle zu tappen, konnte er sich nicht leisten. Außerdem stand er voll hinter der Hausregel der königlichen Familie, nie etwas mit dem Personal anzufangen.

Kate und er lagen geschäftlich auf einer Wellenlänge. So musste er es sehen. Ihre Beziehung war rein beruflicher Natur, und dabei würde es bleiben. Punkt. Kate arbeitete für ihn, sie stand ihm zur Seite und machte sich für ihn stark, egal was kam. Auf keinen Fall durfte er diese Zusammenarbeit gefährden, indem er mit ihr ins Bett ging.

Sie war ebenso schockiert gewesen wie er, als Alanas Schwindel mit dem Baby aufgeflogen war. Damals hatte Kate ausnahmsweise keine spitze Bemerkung gemacht oder versucht, witzig oder ironisch zu sein. Prompt war sie zur Tat geschritten, hatte alle Anrufe entgegengenommen und überaus feinfühlig Gründe für die Auflösung der Verlobung angeführt.

So war es dann auch Kates geniale Idee für die offizielle Pressemitteilung gewesen, mit der er seinen Stolz retten konnte. Sie hatte die Medien informiert, Alana habe eine Fehlgeburt erlitten und das Paar habe sich in freundschaftlichem Einvernehmen getrennt. Anfangs hatte Luc einfach mit der Wahrheit herausrücken wollen, doch er war so verletzt gewesen über die Lüge seiner Verlobten, dass er sich für diese Variante entschieden hatte, um das Gesicht zu wahren.

Trotz seiner ständigen Wortgefechte mit Kate war ihm in dem Dilemma bewusst geworden, dass er ohne sie nicht auskam.

Und selbst vor dem Debakel mit seiner Verlobten hätte er oft genug am liebsten die Flucht ergriffen, um als Royal kritischen Situationen zu entrinnen. Da war ihm der Geistesblitz gekommen, die Inselvilla zu kaufen, obwohl sie umfassend modernisiert werden musste. Schon der atemberaubende Blick aufs Meer hatte ihn auf Anhieb überzeugt. Der riesige Pool und die üppigen Gartenanlagen verrieten, dass die einstigen Besitzer es geliebt haben mussten, sich im Freien aufzuhalten. Und endlich hatte Luc hier nun auch eine Anlegestelle für seinen Jet-Ski und das Boot.

Dumm nur, dass die ungeplante Auszeit ihn gezwungen hatte herzukommen, ehe die Umbauten beendet waren. Mit der Begründung, er wolle sich in der Villa aufhalten, hatte Kate die Arbeiter für zwei Wochen beurlaubt. Glücklicherweise hatte die Baufirma bereits einige Räume fertiggestellt, darunter auch das Hauptschlafzimmer.

Luc streifte die nasse Badehose ab und betrat die gläserne Duschkabine. Sie war von tropischen Pflanzen umgeben, die das Gefühl vermittelten, im Freien zu duschen. Das Bad war direkt an das Schlafzimmer angeschlossen und gehörte zu den Annehmlichkeiten, die er besonders schätzte. Hier fühlte er sich mitten in der Natur und genoss die Privatsphäre, die sein Neuerwerb garantierte.

Unwillkürlich stellte Luc sich vor, er stünde gemeinsam mit Kate in der geräumigen Dusche – und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Zum Beispiel daran, dass sie zehn Jahre jünger war als er … Sie hatte sich noch im Kindergarten getummelt und ihren ersten Zahn verloren, während er bereits den Führerschein machte. So. Das sollte ihm klarmachen, wie lächerlich es war, sich in sexuelle Fantasien über seine Assistentin zu verlieren … oder?

Wasserströme rannen ihm über den Körper, während er sich an die Glaswand stemmte und Gründe durchging, warum er auf keinen Fall mit seiner Assistentin schlafen durfte. Damit würde er nicht nur ihre Arbeitsbeziehung gefährden, sondern auch seine Thronfolge – falls die Medien von der Sache Wind bekamen. Ganz zu schweigen von der königlichen Hausregel, sich nie mit Angestellten einzulassen. Er konnte es nicht riskieren, den Ruf der Familie aufs Spiel zu setzen. Ein Megaproblem genügte im Moment vollauf.

Er durfte seinem Verlangen nicht nachgeben, sondern musste einen Weg finden, sich von Kate fernzuhalten. Wenn sie hier weiter halb nackt herumlief, würde er es nicht durchstehen, zwei Wochen lang mit ihr allein zu sein.

Kate scrollte die Termine der nächsten Wochen herunter und notierte sich die wichtigsten. Bei einigen würde sie im Internet nachfassen müssen, sobald sie wieder im Palast auf dem Festland waren. Luc mochte eine Weile abgetaucht sein, doch diesen Luxus konnte sie sich nicht leisten. Da er offenbar noch unter dem Schock der peinlichen Trennung von Alana stand und vor den Medien floh, musste sie die Dinge in die Hand nehmen. Wichtig war, den Entwicklungen stets einen Schritt voraus zu sein, sodass Luc in den Augen der Öffentlichkeit als reinster Unschuldsengel dastand, wenn der Wirbel sich gelegt hatte. Für sie als Assistentin war Schadensbegrenzung oberstes Gebot.

Schon als Kind hatte sie davon geträumt, für die königliche Familie zu arbeiten. Und Luc war schließlich nicht irgendein Royal, sondern der nächste König von Ilha Beleza …

Ursprünglich hatte Kate Modeschöpferin werden wollen. Oft hatte sie ihrer Mutter bei der Arbeit zugesehen, die bei Hof als kreative Designerin geschätzt wurde. Irgendwann hatte Kate jedoch entdeckt, dass sie ein besonderes Talent besaß, zu organisieren und im Dickicht der Geschäftswelt als Friedensstifterin und Vermittlerin aufzutreten. Die Arbeit verschaffte ihr Anerkennung und vermittelte ihr das zufriedenstellende Gefühl, etwas zu bewirken.

Nach dem Studienabschluss hatte es für sie nur eins gegeben: Sie wollte für die königliche Familie arbeiten, die sie seit der Kindheit kannte und bewunderte. Hier eine Vertrauensstellung einzunehmen, war ihr großer Wunsch gewesen.

Mit sechs war Kate Luc zum ersten Mal begegnet. Damals war er sechzehn gewesen. Danach hatte sie ihn nur gelegentlich zu Gesicht bekommen, wenn sie ihre Eltern zur Arbeit begleitete. Als Teenager hatte sie für Luc geschwärmt, doch er war zum Mann geworden und hatte sie gar nicht beachtet. So hatte Kate nur von ihm träumen können, während er mit den faszinierendsten Frauen im Palast auftauchte.

Eigentlich hatte sie sich nie vorstellen können, dass er heiraten würde. Doch als kurz vor seinem fünfunddreißigsten Geburtstag seine Krönung herannahte, schien Alana mit ihrer angeblichen Schwangerschaft genau den richtigen Zeitpunkt getroffen zu haben.

Pech für die verwöhnte junge Frau aus den besten Kreisen der Gesellschaft, dass ihre Hoffnungen auf ein Leben als Königin platzen mussten. Alana hatte Luc ausgetrickst und behauptet, ein Baby von ihm zu erwarten. Was letztlich dumm war, weil die Lüge sich nur kurz aufrechterhalten ließ. Die Verlobte hatte nicht damit gerechnet, dass Luc sich als verantwortungsvoller werdender Vater gebärden und sie zum Arzt begleiten würde – wo schnell herauskam, dass sie gar nicht schwanger war.

So blieb es Kate neuerdings erspart, Anrufe für „Lukey“ entgegenzunehmen, wenn er in Besprechungen oder sonst nicht greifbar war. Und natürlich war Kate froh, dass Miss Sexbombe unerwartet aus dem Rennen war – weniger, weil sie selbst so mehr Chancen bei Luc hatte, sondern weil die Frau ihr monatelang auf die Nerven gegangen war.

Während Kate Lucs Terminplan für die nächsten Wochen durchging, entdeckte sie lediglich Besprechungen mit Würdenträgern oder Mitarbeitern, die bevorstehende Hochzeit seines besten Freundes Mikos und „spontane“ Auftritte, bei denen die Reporter Fotos schießen, Luc jedoch nicht nahe genug kommen würden, um Fragen zu stellen. Ein kurzer Medienrummel beim Betreten eines Gebäudes, Schnappschüsse, die sein Grübchenlächeln einfingen – und schon würde die Fotoausbeute die Paparazzi mit begeisterten Schlagzeilen jubilieren lassen.

Im Laufe des Jahres hatte Kate versucht, Luc für wohltätige Projekte zu gewinnen, weil er als Thronfolger etwas bewirken und Projekte anstoßen konnte, die Menschen wirklich weiterhalfen. Was nützten Macht und Geld, wenn man sie nicht für weniger Schicksalsbegünstigte einsetzte?

In der Hauptsache oblagen Luc als Kronprinz Repräsentationspflichten und Auftritte zur Imagepflege seines Landes. Er war ein kluger Kopf, doch die Sorgen und Probleme der kleinen Leute interessierten ihn nicht, sodass Kate oft Mühe hatte, ihn als selbstlosen Wohltäter des einfachen Volkes und als strahlenden Ritter darzustellen.

Dabei hatte es auch viele Vorteile, für die Königsfamilie zu arbeiten. Sie hätte tot sein müssen, um nicht zu merken, wie sexy ihr Chef war. Mit einem schlichten Lächeln konnte Luc jede Frau zum Träumen bringen. Doch der Mann mochte noch so attraktiv sein, Kate legte Wert darauf, professionell zu bleiben.

Sie hatte einmal davon geträumt, ihn zu küssen. Na gut, zugegeben, einmal am Tag … Aber es wäre ein gewaltiger Fehler, sich davon leiten zu lassen, dass sie sich stark zu ihm hingezogen fühlte. Jeder kannte die Hausregeln der Royals, sich nie mit dem Personal einzulassen. Wenn sie ihre Grenzen vergaß, liefen sie und auch ihre Eltern Gefahr, die Stellung bei Hof zu verlieren. Und das durfte sie nicht riskieren, egal, was sie sich wünschte.

Seufzend stand Kate auf und legte den Terminplaner beiseite. Luc hatte sie gewarnt, das Gästehaus sei nur primitiv eingerichtet. Doch es besaß einen urtümlichen Charme und gefiel ihr. Die Räume waren nur spärlich möbliert, die vernarbten Hartholzböden mussten dringend repariert werden, und die Küche war sicherlich über dreißig Jahre alt − aber Kate hatte ihre Privatsphäre, fließendes Wasser, Strom und vor allem einen Strand für sich. Außerdem arbeitete sie hier längst nicht so viel, es ging nicht so chaotisch zu wie während der Hochzeitsvorbereitungen im Palast. Die aufreibenden Medieninterviews waren abgesagt oder verschoben worden.

Sie befand sich mit ihrem umwerfenden Chef allein auf einer einsamen Insel.

Alles in allem war sie gar nicht übel dran.

Kate verließ das kleine Haus durch die Hintertür und atmete die frische, salzige Seeluft tief ein. Beschwingt folgte sie dem von Büschen gesäumten Steinpfad zum Haupthaus und war froh, Luc herbegleitet zu haben, obwohl er sich hier gereizter, launischer und irgendwie brummig gab. Natürlich hatte er Grund genug, über Alanas Täuschung wütend und verletzt zu sein, obwohl er es nie zugegeben hatte. Aber Luc hatte von jeher den harten Kerl herausgekehrt und sich nie Empfindlichkeiten gestattet.

Zwar durchschaute Kate ihn, doch sie versuchte, möglichst nicht auf den Schwindel mit der Schwangerschaft zu sprechen zu kommen. Die Dinge sachlich professionell anzugehen, ohne sich von Gefühlen leiten zu lassen, war die einzig sichere Methode, für Luc zu arbeiten.

Kurz nachdem er sie eingestellt hatte, waren sie einmal so temperamentvoll aneinandergeraten, dass es fast zu einem Kuss gekommen wäre. Im letzten Moment hatte Luc sich zurückgenommen und ihr zu verstehen gegeben, dass er sich nie mit einer Angestellten einlassen, mit ihr ausgehen oder gar schlafen durfte.

Dennoch war es bei der gemeinsamen Arbeit, an langen Abenden, auf Auslandsreisen oder im Büro gelegentlich zu heißen Blicken und zufälligen Berührungen gekommen. Die Anziehungskraft zwischen ihnen war zweifellos gegenseitig.

Dann hatte Luc begonnen, mit Miss Sexbombe auszugehen, und das unbestreitbare Knistern zwischen Chef und Assistentin hatte sich verflüchtigt – jedenfalls, was Luc betraf. Typisch Playboy. Kate war sich lächerlich vorgekommen, auch nur mit dem Gedanken gespielt zu haben, ihren Gefühlen irgendwann nachzugeben.

Doch nun hatte das Schicksal sie unerwartet auf dieser einsamen Insel wieder zusammengewürfelt – und beide waren sie noch unverheiratet. Da hieß es für sie mehr denn je, unnahbar und professionell zu bleiben, obwohl sie Luc am liebsten das Designer-Outfit vom Leib gerissen hätte, um zu sehen, ob sich darunter von der Sonne unerreichte Stellen oder geheime Tattoos befanden. Die einzig sichtbare Tätowierung auf seinem muskulösen Nacken hatte genügt, um ihre Hormone jedes Mal auf Hochtouren zu bringen, wenn er sich das Hemd abstreifte.

Die Versuchung war groß, ihrem Verlangen nachzugeben, doch zu viel stand auf dem Spiel: die Stellung ihrer Eltern, und natürlich auch ihr eigener Job, wenn sie als Verführerin ihres Chefs dastand. Das würde sich in ihrem Lebenslauf nicht sehr gut machen.

Kate ließ das Handy liegen und überlegte, ob sie sich umziehen sollte. Doch da sie nur eine Minute – na ja, vielleicht fünf – mit Luc zusammen sein würde, verzichtete sie darauf. Sie wollte erneut versuchen, ihm ein Anliegen schmackhaft zu machen, das ihr seit einem Jahr auf der Seele brannte. Nach den jüngsten Turbulenzen in seinem Leben war er jetzt vielleicht etwas empfänglicher dafür.

Während Kate auf Sandalen über den Steinweg zum Haupthaus tappte und am Pool vorbeikam, legte sie sich nochmals zurecht, was sie Luc sagen wollte.

Vor dem Hintereingang breitete sich strahlend blau das Meer aus. Eigentlich bot sich hier von jedem Fenster oder Balkon ein atemberaubender Blick. Auch ihr Gästehaus war eine Unterkunft, wie man sie sich malerischer kaum erträumen konnte. Zwar waren auf dem Anwesen immer noch erhebliche Reparaturarbeiten notwendig, doch wenn alles fertig war, würde Luc hier ein wahres Paradies besitzen.

An den Glastüren blieb Kate stehen und klopfte an den Rahmen. Die Brise, die vom Meer herüberwehte, spielte mit ihrem Haar, ließ es um ihre Schultern tanzen und kitzelte sie. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass Wind aufgekommen war und dunkle Wolken herantrieb.

Sturm … wunderbar! Endlich! Erwartungsvoll blickte Kate zum düster werdenden Himmel auf. Stürme hatten etwas Kraftvolles, sinnlich Aufpeitschendes an sich.

Erneut klopfte sie. Als Luc sich nicht meldete, schirmte sie die Augen mit den Händen ab und spähte durch die Fensterscheibe ins Haus. Von Luc nichts zu sehen. Der Knauf ließ sich leicht drehen, und sie betrat den geräumigen Salon. Von dort ging es direkt in die Küche, die etwas moderner als ihre eigene war. Mehr oder weniger entsprach der Stil im Haupthaus dem des Gästehauses, nur war alles sehr viel größer und weitläufiger. Die gesamte Rückfront bestand fast nur aus großen Fenstern und Türen.

„Luc?“, rief Kate, um ihn nicht unvorbereitet zu überfallen.

Hatte er sich hingelegt? Duschte er?

Ja, das war’s wohl. Sicher stand er unter der Dusche und ließ Wasser über seine kraftvollen Muskeln rinnen.

Stopp, Mädchen!

Sie war nicht hier, um ihren Chef zu verführen, sondern um ihn für ein Wohltätigkeitsprojekt zu erwärmen, das ihr sehr wichtig war. Wenn sie ihre Vorschläge so formulierte, dass Luc das Gefühl hatte, sie stammten von ihm, würde er sich hoffentlich dafür erwärmen und sich für Spenden an ein amerikanisches Waisenhaus stark machen, mit dem sie in seinem Namen schon länger in Verbindung stand. Aus Gründen, die er nicht zu kennen brauchte, lag ihr dieses Waisenhaus besonders am Herzen. Doch sie wollte nicht, dass er es aus Mitleid besuchte, sondern er sollte es aus eigenem Antrieb fördern, weil er erkannte, dass es eine gute Sache war.

Kate konnte die Zwillinge Carly und Thomas, die dort lebten, nicht vergessen und sorgte sich um sie. Im Moment war es ihr nicht möglich, etwas für die Kinder zu tun. Erst musste sie Luc dafür gewinnen, Gelder und Freiwillige für das Projekt zusammenzutrommeln. Beides war für Luc ein Klacks. Gerade jetzt müsste es ihm ein Leichtes sein, die erforderliche Zeit und genügend Spenden aufzutreiben, um den Kindern eine neue Welt zu eröffnen.

„Luc?“ Kate steuerte auf die breite, geschwungene Treppe mit dem schmiedeeisernen Geländer zu. Als sie sich daran lehnte, wackelte es unter ihren Fingern. Auch ein Posten für die Renovierung, merkte sie sich im Stillen vor. „Sind Sie dort oben?“, rief sie etwas lauter.

Sie wusste nicht einmal, in welchem Schlafzimmer er sich einquartiert hatte. Es gab eins im Erdgeschoss, ein zweites oben.

In Sekundenschnelle erschien Luc auf dem Treppenabsatz. Er trug nur seine Bräune und ein Handtuch. Kate hatte ihn oft genug in der Badehose gesehen und wusste, wie athletisch er gebaut war. Dennoch brachte sein Anblick ihre Hormone in Wallung, einmal mehr musste sie sich klarmachen, dass sie nur seine Assistentin war.

Eins stand fest: Ihr Chef war ein toller Mann!

„Entschuldigung“, sagte sie und blickte ihm ins Gesicht. Er durfte nicht ahnen, was sein Anblick in ihr auslöste. „Ich warte lieber, bis Sie sich angezogen haben.“

Schnell wandte sie sich ab und eilte in den Wohnbereich. Dort ließ sie sich auf ein altes Sofa sinken, über das eine gelbe Decke gebreitet war, bis die Renovierungsarbeiten abgeschlossen und die neuen Möbel geliefert waren.

Aufstöhnend legte sie den Kopf an die Sofalehne.

Lucas Silva war ein atraente príncipe – ein hochgradig attraktiver Prinz. Nachdem sie nun schon ein Jahr in Ilha Beleze lebte, gewöhnte sie sich zunehmend daran, portugiesisch zu denken.

Reiß dich zusammen, rief Kate sich zur Ordnung.

Ein Jahr lang riss sie sich nun schon zusammen und durfte sich nicht anmerken lassen, was sie für Luc empfand. Das könnte ihm so passen! Sie war nicht wie die anderen Frauen, die den Playboyprinzen umgarnten.

Kate strich sich das geblümte Neckholder-Kleid glatt, schlug ein Bein übers andere und setzte eine gleichmütige Miene auf, als sie das Tappen seiner nackten Füße auf dem Holzboden hörte.

„Tut mir leid, dass ich Sie beim Duschen gestört habe“, erklärte sie ihm, als er den tiefer liegenden Wohnbereich betrat. „Ich wollte eine Weile spazieren gehen, würde vorher aber gern noch etwas mit Ihnen besprechen.“

Er hatte sich in schwarze Shorts und ein rotes T-Shirt geworfen, doch Kate sah ihn immer noch halb nackt vor sich. Gefährliche Gedanken …

„Zurzeit arbeite ich nicht, falls Sie mit mir über Termine sprechen wollen.“ Luc ging durch den Raum und stieß die Terrassentüren weit auf, um die frische Brise hereinzulassen. Entschlossen stand Kate auf. Sie wollte ihn nicht verärgern, doch ihr Projekt war einfach zu wichtig, um es aufzuschieben.

„Da ist etwas, an das ich Sie erinnern möchte“, begann sie vorsichtig und folgte ihm. „Ich weiß, wir haben oft genug über Wohltätigkeitsprojekte gesprochen …“

Luc drehte sich um und hob abwehrend die Hand. „Auf so etwas lasse ich mich erst nach der Krönung ein. Im Moment will ich nicht mal daran denken. Mit Problemen bin ich randvoll eingedeckt.“

Kate verschränkte die Arme vor der Brust und stellte sich seinem Blick – der prompt zu ihrem Dekolleté wanderte. Na gut. Also war er gegen ihre Reize doch nicht ganz immun.

„Ich bin Ihre Termine für die nächsten Monate durchgegangen und habe eine Lücke entdeckt, wo sich etwas einschieben ließe … aber natürlich müssten Sie einverstanden sein.“

Luc schien angestrengt darüber nachzudenken, während Kate auf seine Antwort wartete. Wenn er sie so starr ansah, ahnte sie nie, was in ihm vorging.

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, ließ Luc eine Fingerspitze über ihre nackte Schulter gleiten. Kate brauchte ihre ganze Willenskraft, um nicht zu erschauern.

„W-was soll das?“, brachte sie stockend hervor.

Als Luc den Finger über ihren Hals und den Nacken tanzen ließ, konnte sie ihn nur verwirrt ansehen. Was hatte er vor? Falls er sie verführen wollte, brauchte er sich nicht anzustrengen. Wenn er sie weiter so ansah, lief sie Gefahr, alle guten Vorsätze über Bord zu werfen.

Ein kleiner Ruck am Neckholder, und ihr Kleid würde zu Boden gleiten.

Unwillkürlich hielt Kate den Atem an und wartete: Jede Sekunde konnten ihre Träume wahr werden …

2. KAPITEL

Luc ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten. Was, zum Teufel, war über ihn gekommen, Kate so zu berühren? Er war ein tolo – ein Narr –, der Versuchung auch nur einen Moment zu erliegen.

Beim Anblick ihrer nackten Haut hatte es ihn einfach übermannt, um seine Willenskraft war es geschehen gewesen. Widerstrebend musste er sich eingestehen, dass er seelisch und körperlich überfordert war. Er brauchte ein sexuelles Ventil, jemanden, mit dem er sich austoben konnte. Aber natürlich nicht mit seiner Assistentin. Unabhängig davon, wie groß die Versuchung war …

Er hatte sich nicht beherrscht, das war das Problem. Als Kate so unerwartet am Fuß der Treppe stand, hatte sie ausgesehen, als würde sie gleich zu ihm heraufstürmen und sich ihm in die Arme werfen, wenn er ihr zu verstehen gäbe, dazu bereit zu sein. Und, misericórdia, er war reif für ein unverbindliches kleines Abenteuer. Aber nicht mit einer Angestellten. Wie hatte er die eiserne Regel vergessen können?

„Sie haben sich einen Sonnenbrand geholt.“ Erstaunlich, wie kraftvoll seine Stimme trotzdem klang. „Wie es aussieht, hätten Sie eine Sonnencreme dringender gebraucht als ich.“

Typisch, dass Kate den Kopf zurückwarf und die Hände in die Hüften stemmte, woraufhin sich der Stoff über ihren Brüsten gefährlich spannte. Langsam, aber sicher brachte die Frau ihn um.

Das Tabu, nicht mit Angestellten auszugehen, schloss natürlich auch ein, nicht mit ihnen zu schlafen. Teufel noch mal, nach der Geschichte mit Alana befand er sich in einer Zwickmühle. Gerade jetzt durfte er den Ruf seiner Familie auf keinen Fall gefährden. Außerdem stand sein Ansehen als Thronfolger auf dem Spiel, wenn er mit Kate ins Bett ging. Ein Augenblick der Schwäche konnte ihn alles kosten. Noch dazu würde er dann auch seine tüchtige Assistentin verlieren. Auf keinen Fall könnte er Kate nach einer solchen Eskapade weiter für sich arbeiten lassen. Und wenn sie sich gegen ihn stellte und auspackte, hätte sie den Medien eine Menge zu erzählen …

Schon deshalb musste er die Hände von seiner Assistentin lassen.

„Vielleicht können wir uns morgen gegenseitig eincremen“, schlug Kate ihm mit einem spöttischen Lächeln vor. „Jetzt sollten wir aber über das Charity-Projekt sprechen.“

Wohltätigkeit … das geringere von zwei Übeln. Sehr viel lieber hätte Luc ihre üppigen Kurven mit Sonnenmilch verwöhnt.

Jedenfalls hatte er im Moment keine Lust, sich wieder einmal mit ehrenamtlicher Arbeit zu beschäftigen. Finanziell unterstützte er mehrere Organisationen, doch seine Zeit war zu kostbar, die spendete er nicht. Es gefiel ihm sowieso nicht, wenn mächtige Leute Wohltätigkeit dafür benutzten, um ihr Image in der Öffentlichkeit aufzupolieren. So ein König wollte er nicht sein … falls er überhaupt gekrönt wurde.

„Erst müssen wir eine Strategie entwickeln, um mir den Thron zu sichern“, erklärte er Kate. „Alles andere kann warten.“

Einen Moment schien sie angestrengt nachzudenken, dann nickte sie. Offenbar steckte sie zurück, was er bei ihr nicht gewohnt war. Auseinandersetzungen ging sie leider nie aus dem Weg.

„Sie planen doch etwas.“ Argwöhnisch betrachtete er sie. „Kommen Sie, Kate, raus mit der Sprache.“

„Aber nein … ich plane nichts.“ Ihr übertrieben freundliches Lächeln bestätigte seinen Verdacht. „Natürlich habe ich schon über Ihre Krönungszeremonie nachgedacht, aber bisher ist mir nichts Unschlagbares eingefallen … bis auf eine Blitzhochzeit, heißt das.“

Kate drehte sich um und wollte auf die Terrasse hinausgehen, doch Luc hielt sie am Arm zurück. Vorwurfsvoll blickte sie auf seine Hand, dann in sein Gesicht, doch er gab sie nicht frei.

„Wieso ist ausgerechnet dieses Wohltätigkeitsprojekt Ihnen so wichtig?“, stellte er sie zur Rede. „Sie haben es oft genug zur Sprache gebracht. Hören Sie, Kate, nennen Sie mir den Namen der Einrichtung, dann überweise ich den gewünschten Betrag.“

Ihr Gesichtsausdruck wurde weich, fast traurig. So kannte er sie gar nicht. „Mit Geld ist es da nicht getan.“

Geschickt entzog sie sich seinem Griff und eilte über die Stufen zum Strand hinunter. Sie wollte kein Geld? Das hatte er noch bei keiner Frau erlebt. Außerdem war eine großzügige Spende jeder Organisation hoch willkommen.

Kate überraschte ihn immer wieder. Wie er gab sie sich nicht so leicht geschlagen. Doch etwas an dem Projekt, auf das sie beharrlich immer wieder zu sprechen kam, gab ihm zu denken. Es musste sich um etwas handeln, das ihr wirklich am Herzen lag. Aus irgendeinem Grund schien sie sich ihm in dieser Sache nicht anvertrauen zu wollen. Seit einem Jahr arbeitete Kate für ihn, aber er kannte sie sehr viel länger, obwohl sie nicht in denselben Kreisen verkehrten.

Traute sie ihm nicht?

Kopfschüttelnd beobachtete Luc, wie Kate am Strand entlangschlenderte. Eine tolle Frau, wenn auch manchmal undurchschaubar. Schade, dass sie seine Assistentin war. Mit ihr als Bettgefährtin würde er die bevorstehende Krönung sehr viel zuversichtlicher angehen.

Luc blickte zum Himmel hinauf und bemerkte, dass sich dunkle Wolken zusammenballten. Am Horizont zog ein Sturm auf. Und Kate hatte ihm verraten, dass Mutter Natur sie in ihrer Urgewalt von jeher fasziniert hatte. Das passte zu Kate: Sie setzte sich durch und überrollte jeden wie ein Gewittersturm.

Besorgt überlegte Luc. Sollte er sie zurückrufen? Ach was, bestimmt kehrte sie jetzt um und kam wieder. Vielleicht verfolgte sie das Unwetter inzwischen schon fasziniert von ihrem Balkon aus.

Er beschloss, sich auf die Terrasse zu setzen und dort auf Kate zu warten. Sie wollten ja noch über das Wohltätigkeitsprojekt sprechen. Was war damit? Was hatte es mit der geheimnisvollen Institution auf sich? Und warum machte es Kate traurig, fast wortkarg, darüber zu sprechen?

Neben dem weitläufigen Pool ließ Luc sich auf eine Polsterbank sinken. Wie herrlich, sich an der frischen Luft aufzuhalten. Überhaupt war alles hier so, wie er es sich nur wünschen konnte: vom urigen steinernen Grillbereich bis zu den breiten Polsterbänken und Liegen am Pool, der unendlichen Weite, die sich überall um ihn auftat.

Zum x-ten Mal blickte Luc zum Strand, den Kate entlanggestapft war, aber er konnte sie nirgends ausmachen. War sie zurückgelaufen? Die Wolken türmten sich mittlerweile bedrohlich auf und bedeckten den Himmel nun völlig. Während eben noch friedliche Stille geherrscht hatte, hörte er jetzt ein Donnergrollen.

Als der erste dicke Regentropfen Luc auf die Wange platschte, blickte er erneut angestrengt in die Richtung, in der Kate verschwunden war. Die Sache gefiel ihm nicht … gefiel ihm ganz und gar nicht.

Teufel noch mal, er war der Nächste in der Thronfolge. Wie konnte er seine Hormone von einer zierlichen kurvigen Frau völlig durcheinanderwirbeln lassen und sie nach all den Monaten immer noch begehren?

Er fühlte sich extrem zu Kate hingezogen, das stand fest. Aber er musste stark bleiben. Hier war kein Platz für lustvolle Regungen. Er durfte den Ruf seiner Familie oder die Krönung nicht aufs Spiel setzen, nur weil er scharf auf seine Assistentin war.

Die orkanartige Urgewalt des Sturms war fantastisch gewesen. So etwas hatte Kate lange nicht mehr erlebt. Eigentlich hatte sie zu Hause sein wollen, ehe das Unwetter losbrach, doch dann hatte sie am Strand eine Höhle entdeckt, in der sie Schutz fand. Sie hatte der Versuchung nicht widerstehen können, fürs Erste dort zu bleiben. Vor dem schlimmsten Kräfteringen der Elemente hatte sie sich retten können, war jedoch völlig durchnässt.

Das Kleid klebte ihr am Körper, als sie sich endlich auf den Rückweg zum Gästehaus machen konnte. Nass, wie sie war, fror sie. Die Luft hatte sich abgekühlt, der Wind brauste noch immer, doch das konnte ihrer Stimmung nichts anhaben. Um zum Bungalow zu gelangen, musste sie an Lucs Terrasse vorbei. Erst jetzt fiel ihr auf, dass jemand am Anlegesteg eine Lampe und auch die Beleuchtung beiderseits der Terrasse eingeschaltet hatte. Inzwischen war es dunkel geworden. Sie war länger als beabsichtigt fort gewesen.

„Wo, zum Teufel, waren Sie?“

Lucs scharfer Ton ließ Kate zusammenfahren. Fast drohend stand er an der Tür des Wohnbereichs und fuhr sich mit den Fingern durch das zerzauste Haar. Ihr fiel auf, dass er immer noch die Kleidung vom Nachmittag trug.

„Wie bitte?“ Beim Näherkommen wurde Kate bewusst, dass er außer sich war. „Ich hatte Ihnen doch gesagt, dass ich spazieren gehe. Mir war nicht klar, dass ich mich zurückmelden muss, Dad.“

Wütend presste Luc die Lippen zusammen. „Der Sturm hat sich schnell zum Orkan entwickelt, und ich war sicher, dass Sie zurückkommen würden. Was haben Sie sich dabei gedacht, einfach fortzubleiben?“

Es tat Kate gut, dass er sich Sorgen um sie gemacht und auf sie gewartet hatte. Allerdings gefiel es ihr nicht, dass er aussah, als würde er sie am liebsten erwürgen.

„Ich habe vom Palast und dem ganzen Rummel Reißaus genommen, um hier zur Ruhe zu kommen“, fuhr Luc sie aufgebracht an. „Sie sind hier, um mir zu helfen, wieder Tritt zu fassen und zu mir selbst zu finden. Wenn Sie das nicht können, verschwinden Sie wieder in den Palast. Ich habe keine Lust, die Wachen herzubestellen, weil Sie Aufpasser brauchen.“

Nun musste Kate lachen. „Das ist doch lächerlich. Ich bin erwachsen und brauche niemanden, der mich kontrolliert. Als Nächstes rufen Sie wohl noch meine Eltern an.“

Da Kates Vater Sicherheitschef und ihre Mutter die maßgebliche Designerin bei Hofe war, hatte Kate ihr Leben unter Adligen verbracht. Und inzwischen war sie Lucs Assistentin … fast so glamourös wie eine Königin, Prinzessin oder Herzogin.

Besonders gefiel ihr an dem Job, dass sie hinter den Kulissen unauffällig, aber wirkungsvoll aktiv werden konnte. Als Assistentin des Thronfolgers kam ihr eine wichtige Rolle als Reisebegleiterin und Public-Relations-Beraterin zu. Sie verdiente ausgezeichnet und konnte Gutes bewirken, ohne selbst im Rampenlicht zu stehen. Jetzt hoffte sie, Luc als Sponsor für das Waisenhaus zu gewinnen, das ihr so am Herzen lag. Dort hatte man sich ihrer einst liebevoll angenommen, sie betreut und gefördert, bis sie adoptiert worden war. Jetzt war es ihr möglich, sich für diese Liebe und Großherzigkeit auf ihre Weise erkenntlich zu zeigen.

„Ihr Vater würde mir recht geben.“ Luc kam näher und packte sie beim Arm. „Gehen Sie nie mehr ohne Handy aus, Kate. Was ist, wenn Ihnen etwas zustößt?“

„Ihre Sorge um mich in Ehren, Euer Hoheit, aber deshalb brauchen Sie sich nicht wie ein Neandertaler auf mich zu stürzen.“ Sie versuchte, sich aus Lucs Griff zu befreien, doch er ließ sich nicht beirren. „Wo liegt das Problem? Ich bin spazieren gegangen und nun wieder da. Machen Sie nicht so ein Theater. Sie wollen nur nicht zugeben, dass Sie Angst hatten.“

„Angst?“ Er beugte sich so nahe zu ihr vor, dass sie die Goldpünktchen in seinen Augen sehen konnte. „Von Angst kann nicht die Rede sein. Ich rege mich nur über Ihren Leichtsinn auf.“

Kate hatte keine Lust, sich von ihrem Chef herunterputzen zu lassen, nur weil er wütend auf sich selbst war.

Im Moment wollte sie nur noch das nasse Kleid loswerden und sehnte sich nach einem heißen Schaumbad. Direkt neben ihrem Schlafzimmer gab es eine in den Boden eingelassene Badewanne. Hoffentlich funktionierte die Warmwasserversorgung. Kate hatte sie noch nicht ausprobiert, und die Spüle in ihrer Küche leckte ein bisschen …

„Ich gehe jetzt ins Gästehaus hinüber.“ Mit einer abschließenden Handbewegung versuchte sie, das läppische Wortgefecht zu beenden. „Wir können morgen weiterreden, wenn Sie sich beruhigt haben.“

Kate wollte sich abwenden, doch wieder hielt Luc sie zurück.

„Ich bin es leid, mich von Ihnen grob behandeln zu lassen …“ Weiter kam sie nicht.

Luc riss sie an sich, umfasste ihr Gesicht und küsste sie. Sie konnte nichts tun außer einfach nur zu genießen, dass Prinz Lucas Silva ein kraftstrotzender Mann war und besser küsste, als sie es sich in ihren wildesten Träumen ausgemalt hatte.

Es war unglaublich. Er hielt sie umfangen, während er ihre Zunge mit seiner zu einem feurigen Tanz herausforderte. Unwillkürlich tastete Kate nach seinen Handgelenken, sie wusste nicht genau, ob sie Luc abwehren oder sich einfach in seinen Küssen verlieren sollte, nach denen sie sich so lange gesehnt hatte.

Verlangend bog sie sich ihm entgegen und spürte seinen muskulösen Körper, der wunderbare Dinge mit ihr machte. Ihr wurde heiß, von Frösteln konnte keine Rede mehr sein …

Völlig unerwartet gab Luc sie frei und wich zurück. Kate ließ die Hände sinken. Auf Portugiesisch brummelte er eine Verwünschung, rieb sich den Nacken und blickte zu Boden.

Kate war völlig durcheinander. Was sollte sie jetzt tun? Etwas sagen? Wortlos davongehen?

Was tat eine Frau, nachdem sie von ihrem Chef angebrüllt und gleich darauf geküsst wurde, als brauchte er sie dringender als die Luft zum Atmen – um sie dann ebenso unvermittelt mit einem Fluch wegzustoßen, der ihrer Mutter das Blut in die Wangen getrieben hätte?

Kate räusperte sich und legte schützend die Arme um sich. „Ich weiß nicht, warum Sie das getan haben, aber schieben wir das auf die Hitze des Augenblicks. Morgen lachen wir darüber.“

Und träumen heute Nacht davon …

„Sie haben mich dazu getrieben.“ Mit einem seltsamen Ausdruck sah Luc sie an und hielt sie weiter auf Abstand. „Seit einem Jahr liege ich immer wieder mit Ihnen im Clinch, aber ich konnte mich stets auf Sie verlassen. Mir ist klar, dass Sie sich häufig eingemischt und für mich stark gemacht haben, ohne dass ich davon wusste. Eine bessere Angestellte hätte ich mir nicht wünschen können.“

Verwirrt fuhr Kate sich über die regennassen Arme. Es war nicht nur die kühle Meeresbrise, die ihr Schauer über die Haut jagte. „Na gut. Und wohin soll das alles führen?“

„Nirgendwohin“, erwiderte Luc heftig und breitete die Arme aus. „Was eben war, darf sich nicht wiederholen. Sie arbeiten für mich. Mit Angestellten zu schlafen, kommt für mich nicht infrage. Sex darf grundsätzlich nicht ins Spiel kommen.“

Nun musste Kate lachen. „Sie haben mich geküsst. Von Sex war gar nicht die Rede.“

Sein intensiver Blick wirkte heißer als jedes Schaumbad. „Darüber müssen wir nicht reden. Wenn ich Sie ansehe, denke ich an Sex … und nach diesem Kuss fühle ich ihn.“

Falls Luc sie damit abschrecken wollte, kannte er sie schlecht.

Kühn tat Kate einen Schritt auf ihn zu, und wieder wich er zurück.

„Nicht“, wehrte er ab. „Gehen Sie einfach ins Gästehaus, und wir vergessen das Ganze.“

Sie strich sich das nasse Haar aus der Stirn und schüttelte den Kopf. „Oh nein, mein lieber Luc. Sie können die Bombe nicht zünden und mir dann einfach den Kopf tätscheln und mich schlafen schicken, nachdem Sie mich innerhalb von zwei Minuten abgekanzelt, geküsst und Sex ins Spiel gebracht haben. Entschuldigen Sie, aber heute Abend komme ich mit ihren Hormonschwankungen beim besten Willen nicht mit.“

Um Lucs Mund zuckte es, er ballte die Hände zu Fäusten und schien nicht zu wissen, ob er gereizt, frustriert oder wütend reagieren sollte. Daran war er selbst schuld, fand Kate und dachte nicht daran, sich in seinen inneren Kampf verwickeln zu lassen.

„Eine idiotische Situation“, stellte sie seufzend fest. „Wie die Dinge liegen, können wir es uns beide nicht leisten, etwas zu sagen, das wir nicht meinen.“

„Was ich sage, meine ich“, trumpfte Luc auf. „Sonst würde ich es nicht behaupten.“

Kate verdrehte die Augen und wedelte mit der Hand. „Na gut. Sie meinen also tatsächlich, was Sie gesagt haben – dass Sie mit mir schlafen wollen?“

„Drehen Sie mir nicht die Worte im Mund um“, murrte er.

Kate hielt seinem Blick stand. Ihr war bewusst, dass sie ihn gefährlich reizte. „Sagten Sie nicht gerade, Sie könnten den Sex sogar fühlen?“

Er ging an ihr vorbei und steuerte auf die Stufen zum Strand zu. „Diese Unterhaltung ist beendet. Gehen Sie nach Hause, Kate.“

Sekundenlang sah sie ihm verblüfft nach, dann folgte sie ihm. Weil er der Thronfolger und sie nur seine Assistentin war, hieß das noch lange nicht, dass er sie einfach wegschicken konnte. Das war unhöflich, unabhängig von seinem gesellschaftlichen Stand.

Kate sah, wie Luc mit langen Schritten auf den Anlegesteg zustürmte. Bei dem Wetter würde er doch nicht mit dem Jet-Ski losbrausen? Na gut, das Meer hatte sich beruhigt, der Sturm war abgeflaut, aber es war dunkel.

Und Luc war außer sich …

Gerade wollte Kate ihm eine Warnung zurufen, als er auf dem glitschigen Steg ausrutschte, stürzte und reglos liegen blieb. Sie begann zu rennen, stolperte verzweifelt durch den schweren nassen Sand, der das Laufen nahezu unmöglich machte. Als sie den schlammigen Steg erreichte, kam auch sie ins Schliddern und stolperte über ein lockeres Brett, das etwas überstand.

Offensichtlich war die Anlegestelle noch nicht repariert worden.

Besorgt kauerte Kate sich neben Luc und entdeckte die Beule an seiner Schläfe. Er musste mit dem Kopf gegen einen Pfosten geprallt sein.

„Luc.“ Bebend strich sie ihm das Haar aus der Stirn, wagte jedoch nicht, ihn zu bewegen. Vielleicht hatte er nur kurz das Bewusstsein verloren. „Können Sie mich hören?“

Vorsichtig betastete sie seine Wange, um festzustellen, ob er weitere Verletzungen davongetragen hatte. Wieso war er sofort bewusstlos geworden?

Kate bekam es mit der Angst zu tun, als sie merkte, dass sie ihr Handy nicht dabei hatte.

Unverantwortlich ……

Aber damit konnte sie sich später herumschlagen. Sie wusste ja nicht einmal, wie ernst Lucs Verletzungen waren. Es versetzte sie in Panik, dass er sich nicht mehr rührte.

Hilflos setzte sie sich zu ihm auf den Steg und tätschelte ihm das Gesicht. „Kommen Sie, Luc. Wachen Sie auf. Streiten Sie mit mir!“

Sollte sie nicht lieber zum Haus rennen und telefonisch Hilfe anfordern? Suchend tastete sie seine Shorts ab. Vielleicht hatte Luc sein Handy dabei …

Die erste Hosentasche war leer. Ehe Kate die andere durchsuchen konnte, stöhnte Luc auf und versuchte, sich zu rühren.

„Warten Sie!“ Sanft drückte sie ihn wieder auf den Anlegesteg, als er sich aufrichten wollte. „Nicht bewegen. Sind Sie verletzt?“

Benommen sah Luc sie an. Im Schein der Pfostenlampe konnte sie seine Züge erkennen.

Befremdet zog er die Brauen zusammen. „Warum tasten Sie mich ab?“

Erleichterung durchflutete Kate. Sie legte einen Arm um ihn und half ihm, sich aufzurichten. „Ich habe Sie nicht abgetastet, sondern nach Ihrem Handy gesucht. Sie sind gestürzt und mit dem Kopf auf den Pfosten geschlagen. Ich habe mir Sorgen gemacht, weil Sie minutenlang bewusstlos waren.“

Betroffen tastete Luc nach der Beule am Kopf, die sich bläulich zu färben begann. „Verdammt, das tut weh.“

„Ich bringe Sie erst mal ins Haus.“ Vorsichtig half Kate ihm aufzustehen und legte stützend den Arm um ihn. „Alles in Ordnung, Luc? Fühlen Sie sich benommen oder schwindlig?“

Wieder sah er sie nur so seltsam an, blinzelte und runzelte die Stirn. „Das ist verrückt“, brummelte er.

„Was ist verrückt?“

Er rieb sich die Augen und drückte eine Hand an die Stirn. Bestimmt hatte er fürchterliche Kopfschmerzen. Ein Grund mehr, diesen großen Mann irgendwie ins Haus zu schaffen. Wenn Luc erneut bewusstlos wurde, konnte sie ihn auf keinen Fall tragen.

„Ich kenne Sie“, brummelte er. „Ich kann Sie nur nicht … verflixt, mir fällt Ihr Name nicht ein.“

Stocksteif blieb Kate stehen. „Sie kennen meinen Namen nicht?“ Ein böses Zeichen. Nun bekam sie es wirklich mit der Angst zu tun.

Kopfschüttelnd legte Luc ihr den Arm um die Schultern und begann, mit ihr auf das Haupthaus zuzuwanken. „Ich muss mich schlimmer am Kopf verletzt haben, als ich dachte. Wieso fällt mir Ihr Name nicht ein?“

Kate blieb stehen und blickte ihm in die Augen. Sie war keine Ärztin, hatte nur den Erste-Hilfe-Kursus für die Führerscheinprüfung gemacht und keine Ahnung, was Kopfschmerzen und Gedächtnisschwund nach einem Unfall bedeuten konnten.

„Sehen Sie mich an, Luc“, forderte sie. „Sie kennen mich. Wie heiße ich?“

Er atmete tief ein und senkte den Kopf. „Ich … es liegt mir auf der Zunge. Teufel noch mal, wieso kann ich mich nicht daran erinnern?“ Besorgt sah er sie an.

Es hatte keinen Zweck. Die Sache sah nicht gut aus. Irgendwie musste sie Luc zum Haupthaus zurückbringen und den Palastarzt anrufen. Offensichtlich hatte Luc Gedächtnislücken. Aber er durfte nicht in Panik geraten.

„Mein Name ist Kate.“ Sie beobachtete ihn scharf, hoffte, dass es ihm wieder einfiel. „Ich bin Ihre …“

„Verlobte …“ Luc lächelte verklärt, ihm schien ein Licht aufzugehen. „Jetzt weiß ich, wer du bist.“

Dann beugte er sich vor und küsste sie verlangend.

3. KAPITEL

„Verlobte? Wie soll ich …?“

Es kostete Kate alle Willenskraft, sich von Lucs Lippen zu lösen und ihn fortzuschieben, als ihr bewusst wurde, was er da gesagt hatte.

„Gehen wir ins Haus“, entschied sie. Er musste eine böse Kopfverletzung haben, denn er war eindeutig nicht richtig bei sich. „Die Beule gibt mir zu denken, Luc. Vielleicht hast du eine Gehirnerschütterung. Ich muss sofort deinen Arzt anrufen. Da der Sturm vorbei ist, funktionieren die Handys hoffentlich wieder.“ Unbewusst war auch sie dazu übergegangen, ihn zu duzen.

Einen Augenblick lang sah Luc sie wieder nur starr an, dann nickte er, legte ihr den Arm um die Schultern und ließ sich von ihr zum Haus führen. Etwas stimmte tatsächlich nicht mit ihm. Der Luc, den sie noch vor zwanzig Minuten erlebt hatte, würde empört von sich weisen, einen Arzt zu brauchen. Und ganz sicher hätte er sich nicht Halt suchend auf sie gestützt.

Kate wagte nicht einmal daran zu denken, dass Luc sich tatsächlich einbildete, mit ihr verlobt zu sein. Falls er glaubte, sie hätten bereits miteinander geschlafen, würde die Situation rasant eskalieren.

Natürlich war die Vorstellung höchst verlockend. Aber wie lange würde seine Wahnvorstellung anhalten? Wie würde Luc sich verhalten, falls er sie für seine zukünftige Frau hielt?

Sobald Kate ihn sicher ins Haus gebracht und auf ein Sofa gebettet hatte, richtete sie sich erleichtert auf. Luc war ein großer, athletischer Mann. Natürlich hatte sie ihn oft genug am Strand erlebt, aber dass er so muskulös und schwer war …

Beim Laufen hatte er sich auf sie gestützt und ihr Kleid verschoben. Während Kate sich den Stoff zurechtzupfte und tief durchatmete, bemerkte sie, dass Luc sie beobachtete. Panik stieg in ihr auf, weil ihr bewusst wurde, in welcher Situation sie sich befanden.

„Wieso bist du völlig durchnässt?“, erkundigte er sich unvermittelt.

Kate schüttelte den Kopf und zog am Rock des nassen Kleides, der ihr an den Schenkeln klebte. „Der Orkan und die Regengüsse haben mich unterwegs überrascht.“

Immer noch betrachtete Luc sie so seltsam. „Mit diesem Kleid, unter dem sich dein Körper abzeichnet, und dem nassen Haar siehst du unerhört sexy aus.“

Kate schluckte. Was sollte sie dazu sagen? Eine Lüge konnte sie sich nicht leisten. Meine Güte, Luc war ihr Chef, er durfte in ihr keinesfalls mehr als seine Assistentin sehen. Schließlich war er der Kronprinz, und sie nur seine Angestellte.

„Wo ist dein Handy?“ Sie musste jetzt um Himmels willen sachlich bleiben. Luc sah sie weiterhin genüsslich an. Aber natürlich … augenblicklich war er nicht ganz klar im Kopf. „Ich muss deinen Arzt anrufen. Hoffentlich funktioniert dein Handy.“

Er blickte sich um und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Keine Ahnung. Ich weiß nicht mal mehr, dass ich draußen gewesen bin.“ Gereizt schlug er auf ein Sofakissen. „Wieso kann ich mich an nichts erinnern?“

Sein verstörter Ton ängstigte Kate fast noch mehr als der Schock darüber, dass er sie für seine Verlobte hielt. Luc Silva fiel nie aus der Rolle. Selbst die Aussicht auf einen drohenden Thronverzicht hatte den starken, selbstbewussten Mann nicht aus der Fassung bringen können. Was wohl auch einer der Gründe war, warum sie sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen fühlte. Oder lag es mehr daran, dass sie ihn nicht haben konnte?

„Schon gut“, versuchte sie, ihn zu beruhigen, und tätschelte seine Schulter. „Ich finde dein Handy. Wenn der Arzt da ist, wissen wir mehr. Nur keine Panik. Vielleicht dauert der Gedächtnisverlust ja nur einige Minuten.“

Mit diesem Optimismus wollte Kate sich Mut machen, weil sie selbst allmählich panisch wurde. Sie hatte keine Ahnung, was es mit Lucs plötzlichen Gedächtnislücken auf sich haben könnte. Es machte ihr Angst, dass er sich an entscheidende Dinge nicht erinnerte. Was mochte jetzt in ihm vorgehen?

Suchend ging Kate durch den eleganten Wohnbereich, dann in die altmodische Küche und zurück in den Salon. Auf einem verschrammten Tisch in der Nähe der Terrassentüren, den vermutlich die einstigen Besitzer zurückgelassen hatten, entdeckte sie endlich Lucs Handy.

Nur gut, dass sie seinen Zugangscode kannte. „Ich bin gleich wieder da“, versicherte sie ihm und verschwand auf die Terrasse hinaus.

Luc durfte nicht mitbekommen, wie besorgt sie war, wenn sie dem Arzt schilderte, was geschehen war. Doch die Sache mit der „Verlobten“ würde sie fürs Erste lieber gar nicht erwähnen.

Kate war erleichtert, als der Arzt sich gleich am Telefon meldete und ihr zusicherte, in einer knappen Stunde auf der Insel zu sein. Mindestens bis dahin würde Luc sie wohl für seine Verlobte halten – und sie musste mitspielen.

Lucs Zufluchtsort vor der portugiesischen Küste befand sich nicht weit vom Festland entfernt. So konnte er notfalls schnell in den Palast zurückkehren oder Besuch empfangen.

Mit einem Privatschiff würde der Arzt ohne Verzögerung auf der Insel ankommen. Eine Flugzeuglandebahn gab es nicht, die einzige Verkehrsverbindung war das Schiff. Am Vortag hatte Kates Vater sie klammheimlich hier abgesetzt, damit niemand erfuhr, wo Luc sich versteckte.

Als Kate ins Haus zurückkam, lehnte Luc mit geschlossenen Augen an den Sofakissen und rieb sich die Schläfen.

„Der Arzt ist unterwegs.“

Luc nickte nur, ohne die Augen zu öffnen.

„Ich weiß, du hast Schmerzen“, fuhr Kate fort, „aber solange Dr. Couchot nicht da ist, möchte ich dir keine Tabletten geben.“

Und wenn seine Verletzungen ernster waren, als sie dachte? Vorübergehender Gedächtnisausfall war nicht das Schlimmste, mit dem man rechnen musste. Nach einem harmlos erscheinenden Sturz war schon mancher gestorben. Selbst wenn jemand sich im Moment gut fühlte, konnten schwere innere Verletzungen vorliegen, ohne bemerkt zu werden.

Hilflos stand Kate da. Eine Flut von Möglichkeiten schoss ihr durch den Kopf. Sollte Luc sich lieber hinlegen, oder musste sie ihn wach halten? Im Moment konnte sie nur hoffen, das Richtige zu tun. Wenn Luc etwas zustieß, würde sie sich nie verzeihen, dass sie nach dem Streit einfach davongestürmt war. Hätte sie ihn nicht immer wieder herausgefordert, wäre es zu dem Unfall gar nicht gekommen.

Und auch nicht zu dem leidenschaftlichen Kuss, den sie nie vergessen würde …

In der nächsten halben Stunde riss Kate sich zusammen und beobachtete Luc. Seine Augenlider flatterten leicht, dann schien er einzuschlafen.

„Luc“, sagte sie leise, „bitte nicht einschlafen.“

„Bestimmt nicht“, murmelte er. „Aber die Beleuchtung ist zu hell, da ist es angenehmer, die Augen geschlossen zu halten.“

Kate schaltete die Lichter im Salon aus, sodass nur die Küchenlampe brannte, in deren Schein sie Luc gerade noch ausmachen konnte.

„Besser?“, erkundigte sie sich und setzte sich zu ihm auf die Couch.

Luc öffnete ein Auge, dann das andere und rückte näher an sie heran. „Ja. Danke.“

Als er ihre Hand nahm, verkrampfte Kate sich unwillkürlich. Er wollte sich ihr nicht nähern, sondern suchte nur Trost bei ihr, weil er verwirrt war – und glaubte, mit ihr verlobt zu sein.

Ach, wären sie doch wirklich verlobt! Dann hätte Kate seine Hand halten, ihn in die Arme nehmen und liebkosen können und …

Nein. Sie war nicht seine Verlobte. Davon zu träumen, brachte sie keinen Deut weiter.

Aber im Moment konnte sie wenigstens so tun als ob. Sie durfte ihre Finger mit seinen verschränken und sich all die Empfindungen erlauben, die sie sich normalerweise verbot. Für wenige Augenblicke war sie nicht seine Angestellte. Als Luc sie so verlangend geküsst hatte, war eine gefährliche Schwelle zwischen ihnen überschritten worden …

„Mir geht’s gut“, versicherte er ihr und lächelte sie so zufrieden an wie selten zuvor. „Bleib einfach hier bei mir.“

Beherrscht nickte Kate. „Ich gehe nirgendwohin.“ Sie versuchte, nicht daran zu denken, dass Luc ihren Handrücken mit dem Daumen liebkoste, sodass ihr Schauer über die Haut liefen, und dass er sie ansah, als wären sie sehr viel mehr als Chef und Angestellte.

Stopp! Nichts von alldem war wirklich. Luc war verwirrt und litt unter Halluzinationen. Durch den Sturz hatte er sich eine schwere Kopfverletzung zugezogen und konnte nicht mehr klar denken …

Die Stunde schien sich endlos hinzuziehen. Als Dr. Couchot endlich an den Hintereingang klopfte, atmete Kate erleichtert auf, und Luc zuckte zusammen.

„Schon gut.“ Sie stand auf und tätschelte sein Bein. „Der Arzt wird dich untersuchen, und alles wird gut.“

Dr. Couchot trat geschäftig ein, stellte die Arzttasche ab und setzte sich Luc gegenüber.

„Erzählen Sie mir, was passiert ist“, forderte er Kate besorgt auf. Der Mediziner hatte sich schon um Luc gekümmert, als dieser noch in den Windeln gelegen hatte. Er kannte alle medizinischen Geheimnisse der Royals.

Kate erstattete dem Arzt ausführlich Bericht. Allerdings erwähnte sie vorsichtshalber nicht, dass Luc sie für seine Verlobte hielt. Schweigend sah sie zu, wie der Doktor den Patienten untersuchte, Lucs Pupillen mit einem Lichtstrahl prüfte und die bläulich angelaufene Beule vorsichtig abtastete.

Schließlich richtete Dr. Couchot sich seufzend auf. „Erinnern Sie sich nach dem Sturz an irgendetwas?“, fragte er stirnrunzelnd.

Luc schüttelte den Kopf. „Ich kenne Kate, aber sie musste mir erst sagen, wer sie ist. Ich weiß, dass ich zur königlichen Familie gehöre und der Kronprinz bin. Und ich erinnere mich, dass ich dieses Anwesen kürzlich gekauft habe und es umbauen lasse, die Bauarbeiten aber noch nicht abgeschlossen sind.“

Alles das stimmte. Kate begann zu hoffen. Vielleicht war das Ganze doch nicht so ernst, wie sie befürchtet hatte.

„Soweit ich sagen kann, leiden Sie unter vorübergehender Amnesie“, erklärte der Arzt. „Keine Anzeichen einer Gehirnerschütterung. Die Pupillen reagieren.“ Er wandte sich Kate zu. „Um ganz sicherzugehen, müssten wir intensivere Untersuchungen machen. Aber wie ich Luc kenne, wird er sich dagegen sperren.“

„Ich will keine Untersuchungen.“ Entschlossen blickte Luc von einem zum anderen. „Zu Hause würde man mir zu viele Fragen stellen. Solange es nichts Ernstes zu sein scheint, bleibe ich hier.“

Kate wechselte einen Blick mit dem Arzt. „Und wenn ich verspreche, ein wachsames Auge auf ihn zu haben …? Sie schließen eine Gehirnerschütterung aus, Dr. Couchot. Das ist doch ein gutes Zeichen.“

„Meinetwegen“, gab der Arzt nach. „Dem will ich mich nicht widersetzen, Luc. Aber in den nächsten Tagen wird Kate Sie rund um die Uhr überwachen und Kontakt mit mir halten. Achten Sie auf alles, was Ihnen ungewöhnlich erscheint. Beim ersten Anzeichen von etwas Beunruhigendem muss Kate dafür sorgen, dass Sie schleunigst in den Palast zurückgebracht werden, wo wir Sie behandeln können. Keine Ausnahmen.“

Schicksalsergeben nickte Luc. „Einverstanden.“

Nachdem der Arzt Kate genaue Anweisungen und Verhaltensmaßregeln erteilt hatte, begleitete sie ihn hinaus.

Auf der Terrasse, außerhalb von Lucs Hörweite, drehte Dr. Couchot sich zu Kate um. „Versuchen Sie auf keinen Fall, seinem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge zu helfen. Es ist wichtig, dass Lucs Gedächtnis sich von allein wieder meldet, sonst wird er noch verwirrter, und sein Zustand könnte sich verschlechtern. Immerhin ist es ein gutes Zeichen, dass er sich an so vieles erinnert. Ich denke, ihm fehlen nur einige Monate in seiner Erinnerung.“

Einige Monate …

Das würde erklären, wieso Luc seine wirkliche Verlobte und die vorgetäuschte Schwangerschaft vergessen zu haben schien.

„Ich werde darauf achten, sein Gedächtnis nicht zu strapazieren“, versicherte Kate dem Arzt und strich sich das Haar zurück, das sie notdürftig zusammengebunden hatte. „Darf er sich wenigstens Fotos ansehen oder Musik hören, die ihn aufheitert? Nur harmlose Dinge, die ihn ablenken?“

„Ja, ich denke, das wäre gut. Nur überfordern Sie ihn nicht mit zu viel auf einmal. Lassen sie ihm Zeit. Vielleicht wacht er morgen auf, und der Spuk ist vorbei. Andererseits könnte sein Zustand auch noch ein paar Wochen andauern. Möglich ist alles. Wir müssen also abwarten.“

Kate dankte dem Arzt für sein schnelles Kommen und sah zu, wie er zum Schiff hinunterging, wo die Palastwache auf ihn wartete – glücklicherweise nicht ihr Vater.

Winkend verabschiedete sie die Männer und atmete auf. Meinte der Arzt mit ungewöhnlichem Verhalten die Verlobung mit der falschen Frau?

Müde und beunruhigt kehrte Kate in die Villa zurück. Ihre Sachen befanden sich ausnahmslos im Gästebungalow, doch in dieser kritischen Situation blieb ihr nichts anderes übrig, als fürs Erste bei Luc im Haupthaus zu übernachten.

Als sie den Salon betrat, sah er sie verlangend an, und ihr Herz schlug schneller. So durfte es nicht weitergehen, sonst konnte sie ihm nicht widerstehen. Und dem begehrenden Kuss vor dem Sturz nach zu urteilen, würde er sich wohl nicht mehr lange zurückhalten.

Die Warnung des Arztes fiel Kate wieder ein. Sie durfte Luc nicht helfen, sich zu erinnern. Also musste sie ihn annehmen lassen, was er wollte, bis sein Gedächtnisvermögen zurückkehrte.

„Setz dich zu mir“, flüsterte er und streckte die Hand nach ihr aus.

Kate wand sich innerlich. Sie wünschte sich so viel mehr als Händchenhalten und neben ihm zu sitzen. „Ich muss mir einige Sachen holen“, versuchte sie, ihn abzulenken.

Luc ließ die Hand sinken und runzelte die Stirn. „Wo sind denn deine Sachen?“

Nun hieß es, ausweichend, aber ehrlich zu antworten. „Drüben im Gästehaus. Ich gehe sie holen, dann gehöre ich ganz dir.“

Na gut, Letzteres hätte sie nicht hinzufügen müssen, es war ihr einfach herausgerutscht. Bis Luc sich wieder an alles erinnerte, würde sie jedes Wort auf die Waagschale legen, einfach mitspielen und ihn dennoch auf Abstand halten müssen, damit es für sie kein böses Erwachen gab, wenn Luc wieder bei klarem Verstand war. Es wäre zu gefährlich, sich in seine Fantasien verwickeln zu lassen, sei es auch nur für kurze Zeit.

Aber natürlich würde Luc sie während der kritischen Zeit brauchen. Sie waren allein auf einer einsamen Insel. Würde sie der Versuchung widerstehen können … besonders, wenn er sie berühren und küssen wollte?

„Wieso hast du Dinge im Gästehaus?“, hakte er befremdet nach.

„Ich war dort … beschäftigt.“ Auch das war noch keine Lüge. „Gib mir fünf Minuten. Ich bin gleich wieder da.“

Kate flüchtete durch die Hintertür, um Lucs verständnislose Miene nicht länger sehen zu müssen. Wenn sie ihm sagte, dass sie im Nebengebäude schlief, müsste sie ihm zu vieles erklären, das er noch nicht verkraften konnte.

In aller Eile warf Kate Sachen zum Wechseln und die wichtigsten Toilettenartikel in die Reisetasche. Alles andere würde sie nach und nach ins Haupthaus hinüberschmuggeln – falls sie dort länger bleiben musste.

Ihr größtes Problem war, dass sie keinen Pyjama dabei hatte, weil sie angenommen hatte, im Gästehaus zu wohnen. Unschlüssig blickte Kate auf den Stapel Seidenblusen in verschiedenen Farben. Unter ihren Sachen befand sich nicht einmal ein altes T-Shirt, das sich als Nachthemd geeignet hätte.

Ihr blieb keine andere Wahl. Kurz entschlossen stopfte sie ein pinkfarbenes Seidenhemd in die Reisetasche und machte sich auf den Rückweg zum Haupthaus. In dem Hemd dürfte sie sich Luc eigentlich gar nicht zeigen. Aber wie sollte sie einem Mann aus dem Weg gehen, der sich einbildete, mit ihr verlobt zu sein – und garantiert annahm, dass sie Sex miteinander hatten?

Unterwegs blieb Kate stehen. Auf keinen Fall durfte sie mit Luc schlafen. Wenn sie zu ihm ins Bett stieg, würde sie schwach werden.

Während das Mondlicht den Pfad zum Haupthaus erhellte, musste Kate sich der Erkenntnis stellen, dass die Dinge sich in beängstigendem Tempo zu komplizieren begannen.

4. KAPITEL

Prüfend blickte Kate in den Salon, um sicherzugehen, dass sie allein auf der Terrasse war, ehe sie ihre Mutter anrief. Manchmal brauchte sie mütterlichen Rat, und hier stand sie vor einer echten Notsituation.

„Darling“, meldete ihre Mutter sich nach dem zweiten Klingeln. „Gerade habe ich an dich gedacht.“

„Ach Mama.“ Kate stand am äußersten Rand der Terrasse und blickte nochmals zur Tür, um sicherzugehen, dass Luc ihr nicht gefolgt war und Dinge hörte, die er nicht wissen durfte. „Bist du sehr beschäftigt?“

„Für dich nie zu sehr. Du klingst so komisch. Alles in Ordnung?“

„Absolut nicht.“ Seufzend strich Kate sich das Haar hinters Ohr. „Ich sitze in der Patsche und brauche deinen Rat.“

„Was ist denn los, Katelyn?“, fragte ihre Mutter besorgt.

Kate riss sich zusammen. Mit Tränen kam sie nicht weiter und würde sich höchstens eine geschwollene Nase und gerötete Augen einhandeln. Nicht der beste Aufzug, um mit seinem Chef ins Bett zu gehen.

„Luc ist gestürzt.“

„Ach je, Liebes! Ist er verletzt?“

„Na ja … er hat eine dicke Beule am Kopf und leidet an vorübergehender Amnesie.“

„Amnesie?“ Der Ton ihrer Mutter wurde schrill. „Katelyn, kommt sofort in den Palast zurück. Wissen seine Eltern schon davon?“

„Ich habe sie gerade angerufen. Dr. Couchot war hier und hat uns beruhigt. Er meint, Luc habe keine Gehirnerschütterung oder andere ernstliche Verletzungen. Allerdings weiß er nicht, wann Lucs Erinnerungsvermögen zurückkehrt, aber er hofft, dass es sich nur um eine vorübergehende Ausfallerscheinung handelt.“

„Ich kann mir vorstellen, dass du es mit der Angst zu tun bekommen hast“, gab ihre Mutter zu. „Was kann ich jetzt für dich tun?“

„Fürs Erste bleiben Luc und ich hier – wie geplant.“ Prüfend blickte Kate zu den Terrassentüren, wo Luc kurz erschien, aufs Meer hinausblickte und wieder verschwand. „Der Arzt meint, es sei am besten, zunächst dafür zu sorgen, dass er ruhig und entspannt bleibt. Und da Luc unbedingt auf die Insel wollte, dürfte er sich hier am wohlsten fühlen.“

„Da magst du recht haben. Aber dich bedrückt doch noch etwas anderes. Nachdem der Arzt meint, der Gedächtnisschwund würde sich wieder geben, hast du offenbar noch etwas auf dem Herzen.“

Kate atmete tief durch. „Luc denkt, wir wären verlobt.“

Drückendes Schweigen folgte.

Kate hielt das Handy etwas vom Ohr ab. War die Verbindung unterbrochen?

„Ich bin noch dran“, sagte ihre Mutter schließlich. „Die Mitteilung musste ich erst verarbeiten, Darling“, gestand sie. „Wieso glaubt er, mit dir verlobt zu sein?“

„Ihm fehlen in der Erinnerung einige Monate. Luc hat mich erkannt, konnte mich aber anfangs nicht einordnen. Als ich ihm meinen Namen nannte, nahm er an, wir wären verlobt. Und aus Angst um ihn habe ich es dabei belassen. Ich wollte abwarten, was der Arzt meint. Dr. Couchot hat mich davor gewarnt, Luc dabei zu helfen, sich zu erinnern, weil ihn das nur noch mehr verwirren könnte.“

Kate sprach viel zu schnell, aber sie musste sich alles von der Seele reden, ohne dass Luc etwas mitbekam, und hören, was ihre Mutter dazu sagte.

„Der Arzt und Lucs Eltern haben keine Ahnung von der eingebildeten Verlobung mit mir“, fuhr Kate fort. „Deshalb brauche ich dringend deinen Rat, Mom. Was soll ich tun? Ich will den Arzt nicht übergehen, aber Luc soll uns natürlich nicht für ein Paar halten. Er weiß nicht einmal mehr, dass ich für ihn arbeite. Und wie seine Familie über persönliche Kontakte zu Angestellten denkt, brauche ich dir nicht zu sagen.“

„Ach, Katelyn.“ Ihre Mutter seufzte. „Ich würde erst mal abwarten, wie der heutige Abend verläuft. Falls die Amnesie nur vorübergehend ist, wacht Luc morgen vielleicht auf, und alles ist wieder in Ordnung. Natürlich darfst du dich über die Anweisungen des Arztes nicht hinwegsetzen, aber zu lange würde ich die Scharade nicht aufrechterhalten. Wenn Luc dich auf die Dauer für seine Verlobte hält, könnte er Grenzen überschreiten wollen, die tabu bleiben müssen.“

Grenzen? Zu spät. Kate dachte an den leidenschaftlichen Kuss …

„Danke, Mom. Das Ganze muss unbedingt unter uns bleiben. Du bist die Einzige, die weiß, dass Luc glaubt, wir würden heiraten. Auf keinen Fall möchte ich, dass für ihn alles noch peinlicher wird. Ich brauchte einfach dringend deinen Rat.“

„Tja, Darling, ich glaube nicht, dass ich dir wirklich helfen kann. Aber ich bin immer für dich da. Bitte halte mich auf dem Laufenden. Ich mache mir Sorgen um dich.“

Erleichtert löste Kate sich von der Balustrade und kehrte zur Terrassentür zurück. „Das weiß ich. Ich rufe dich morgen an, falls es mit der Verbindung klappt.“

„Ich hab dich sehr lieb, Kleines.“

„Ich dich auch, Mom.“

Kate beendete das Gespräch und atmete tief durch. Jetzt brauchte sie Kraft, Weisheit und mehr Selbstbeherrschung als je zuvor.

Sie musste sich vor Augen halten, dass Luc verletzt und verwirrt war. Für Gefühle oder erotische Fantasien war nach dem Kuss kein Platz. Ihren Wunschträumen so nahe zu sein und sie dennoch unerfüllt lassen zu müssen, würde eine einzige lange Folter werden.

Zufrieden stand Luc in seinem geräumigen Schlafzimmer. Ganz offensichtlich hatten seine Privaträume und das Luxusbad ganz oben auf seiner Renovierungsliste gestanden. Die großzügige Dusche vermittelte den Eindruck, sich in der freien Natur zu befinden. Diese Umgebung war wie geschaffen für Romantik. Und Kate hatte besonders sexy gewirkt, als sie sich Sorgen um ihn gemacht und versucht hatte, ihn zu beruhigen.

Ihre liebevollen Beteuerungen hatten ihn beruhigt und waren ihm ans Herz gegangen. Obwohl er merkte, dass sie sich ehrlich um ihn sorgte, hatte sie versucht, tapfer zu sein. Ja, Kate war wunderbar. Genau die richtige Frau für ihn. Natürlich hatte er Angst, wie es mit seinem Gedächtnisverlust weitergehen sollte. Sich an Einzelheiten seines Lebens nicht zu erinnern, war beängstigend und geradezu unheimlich. Was in ihm vorging, hätte er nicht beschreiben können. Aber er würde nicht aufgeben. Er wusste, dass seine schöne Verlobte bei ihm war und alles tat, um ihn aufzuheitern.

Sein Blick wanderte zu dem großen Bett hinüber. Warum stand es eigentlich mitten im Raum? Wahrscheinlich hatte er es für Kate so stellen lassen. Erwartungsvoll malte er sich aus, wie sie ihr Haar über die Kissen gebreitet hatte und auf den leuchtend blauen Satinlaken auf ihn wartete, um ihn zu lieben.

Verflixt, wieso konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wie sie sich geliebt hatten? Wie Kate sich anfühlte und schmeckte, wenn er sie küsste? Aber wenn sie miteinander schliefen, würde ihm bestimmt alles wieder vertraut sein.

Luc wand sich innerlich. Nein, als Heilmittel durfte er Sex mit Kate nicht sehen. Er wollte sich einfach daran erinnern, wie sie sich geliebt hatten. Und heute Nacht würde er sie im Schlaf neben sich spüren – Haut an Haut – und sich in Träumen mit ihr verlieren. Vielleicht erwachte er morgen ganz normal, und die Amnesie wäre nur ein kurzer Albtraum gewesen. Sein Erinnerungsvermögen würde wieder funktionieren, und er könnte mit Kate einer gemeinsamen Zukunft entgegensehen.

An irgendetwas musste er sich doch orientieren können – ein Funken, an dem sein Gedächtnis sich entzündete. Soweit er den hässlichen alten Möbeln in den meisten Räumen entnehmen konnte, hatte er keine persönlichen Gegenstände mitgebracht. Aber es musste doch etwas geben, das die Erinnerung wieder in die richtigen Gänge brachte: seine Kleidung oder ein Detail, das den Knoten in seinem Kopf löste.

Grimmig wühlte Luc in den Fächern, fand jedoch nichts Bedeutendes. Auch in der Unterwäscheschublade entdeckte er nur Beweise, dass er Boxershorts trug.

Luc schob die Schublade zu und durchsuchte die nächste. Nachdem er mit der Kommode fertig war und das Bad durchforstet hatte, schwankte er zwischen Enttäuschung und Wut. Keine neuen Erkenntnisse …

Zumindest auf seinem Handy müssten sich doch Hinweise befinden.

Als Luc das Schlafzimmer verlassen wollte, stieß er mit Kate zusammen.

„Entschuldige“, sagte sie und wich unwillkürlich vor ihm zurück. „Ich habe meine Sachen herübergeholt und deine Eltern angerufen … ihnen berichtet, was passiert ist. Sie machen sich Sorgen. Ich habe ihnen gesagt, es gehe dir so weit gut und du würdest dich morgen melden. Auch meine Mutter habe ich angerufen. Ich hatte dich nicht so lange allein lassen wollen. Gehst du jetzt schlafen?“

Merkte er, dass ihre Stimme bebte? Kate blickte zu dem riesigen Bett und wieder zu Luc. Sie sprach viel zu schnell, ihre Nerven lagen blank. Nur wegen Lucs Gedächtnisstörung?

„Geht es dir gut?“

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