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JULIA SOMMERLIEBE BAND 24

SARAH MORGAN

Unter der goldenen Wüstensonne

Obwohl die Eventmanagerin Avery eine heiße Affäre mit Kronprinz Malik hatte, plant sie seine Hochzeitsfeier wie jeden anderen Job. Jetzt ist die Braut verschwunden – und Averys Hilfe gefragt. Sie versucht professionell zu bleiben. Doch als sie mit Malik in die Wüste reist, strömt unerwartete Hitze durch ihren Körper und weckt heimliche, verbotene Sehnsüchte …

FIONA MCARTHUR

Auf Bali will ich glücklich sein

Bonnie schwebt auf rosa Wolken, als sie am Hotelpool auf Bali den faszinierenden Harry St Clair trifft. Während er ihr die schönsten Seiten der Tropeninsel zeigt, kommt sie ihm immer näher und ist bald von Leidenschaft überwältigt. Dabei ahnt sie nicht, dass Harry sie täuscht: Er ist zwar unwiderstehlich attraktiv – aber nicht der, für den sie ihn hält …

CHANTELLE SHAW

Küsse, süß wie griechischer Wein

Ausgerechnet Dimitri Kalakos! Der skrupellose Milliardär kann Louise als Einziger helfen, das Leben ihrer Mutter zu retten. Doch es ist ein Spiel mit dem Feuer. Dimitri war Louises erste große Liebe, sie aber hatte ihm nichts bedeutet – wie sie später schockiert herausfinden musste. Doch gegen jede Vernunft begehrt sie ihn immer noch wie am ersten Tag …

TITEL4

TEXT AUS DEM INH-PDF

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Unter der goldenen Wüstensonne

1. KAPITEL

Sie träumte von der Wüste.

Von Dünen, die sich in der flimmernden Hitze Rotgold färbten, und vom Persischen Golf, dessen klares blaues Wasser sich über weiche Sandstrände ergoss. Sie träumte von majestätischen Bergen. Von einem Pool, auf den Palmen zarte Schatten warfen. Und sie träumte von einem Prinzen – einem mächtigen Prinzen, dessen Augen dunkel wie die Nacht waren.

„Avery!“ Er rief ihren Namen, doch sie ging weiter und schaute nicht zurück. Der Boden unter ihren Füßen gab nach. Sie fiel tiefer und tiefer …

„Avery, wach auf!“

Langsam verzogen sich die Wolken, mit denen der Schlaf sie umgeben hatte. Die Stimme passte nicht zum Bild in ihrem Kopf. Sie klang nicht tief und männlich, sondern weiblich und sehr fröhlich.

„Mm?“, murmelte Avery.

Kaffeeduft stieg ihr in die Nase. Benommen setzte sie sich auf und entdeckte die Tasse auf ihrem Tisch. „Wie spät ist es?“

„Sieben. Du hast gestöhnt. Muss ja ein toller Traum gewesen sein.“

Avery strich sich die langen Haare aus dem Gesicht. Sie träumte jede Nacht dasselbe. Zum Glück befand sie sich nach dem Aufwachen nicht in der Wüste, sondern in London. Draußen verkündeten Taxihupen schrill den Start des Berufsverkehrs. Hier gab es weder Berge noch schattige Oasen – bloß Jenny, ihre beste Freundin und Geschäftspartnerin, die jetzt gerade einen Knopf drückte, um die Jalousie hochzufahren.

Durch die Fensterscheiben fiel Sonnenlicht in das exklusive Büro. Avery war erleichtert, wach zu sein und festzustellen, dass der Boden unter ihren Füßen fest und sicher war. Sie hatte also doch nicht alles verloren. Das hier gehörte ihr, und sie hatte wahrhaftig hart dafür gearbeitet. „Vor unserer Besprechung gehe ich noch schnell duschen.“

„Als du die Couch für dein Büro bestellt hast, wusste ich nicht, dass du darauf übernachten willst.“ Jenny deponierte ihre Kaffeetasse auf Averys Schreibtisch und schlüpfte aus den Pumps. „Falls du es nicht wissen solltest: Normale Menschen gehen am Ende des Arbeitstages nach Hause.“

Der verstörende Traum haftete an Avery wie ein Spinnennetz. Sie war irritiert, weil er sie so stark berührte. Nicht der Traum ist mein Leben, sondern dies hier, rief sie sich zur Ordnung.

Barfuß schlenderte sie durch das Büro und schaute sich ihre Wirklichkeit an. Durch die langen Fenster glitzerte die Stadt im Sonnenschein. Dunst lag über der Themse wie ein feiner Brautschleier. Vertraute Londoner Wahrzeichen ragten auf, während zu ihren Füßen winzige Figuren auf den Bürgersteigen entlangeilten und Autos sich auf den Straßen stauten, die im Zickzackmuster um Averys Büro verliefen.

Ihre Augen brannten vor Schlafmangel. Das kannte sie inzwischen, denn die Ruhelosigkeit begleitete sie seit Monaten – genau wie die Leere in ihrem Herzen.

Jenny musterte ihre Freundin. „Willst du drüber reden?“

„Es gibt nichts zu reden.“ Avery wandte sich vom Fenster ab und setzte sich an ihren Schreibtisch. Arbeit, dachte sie. Arbeit war alles für mich, bis das Chaos über mich hereingebrochen ist. Irgendwie muss ich das Gefühl von früher wiederfinden. „Gute Nachrichten“, kam sie zur Sache. „Ich habe das Angebot für unser Projekt in Hongkong ausgearbeitet. Die Party wird das Gesprächsthema sein.“

„Das sind deine Partys doch immer.“

Averys Handy klingelte. Sie streckte die linke Hand danach aus, doch als sie den Namen auf dem Display las, hielt sie inne. Schon wieder, dachte sie bestürzt. Das ist mindestens sein fünfter Anruf. Ich kann nicht drangehen. Nicht so kurz nach dem Traum.

Sie ignorierte das Telefon und schaltete stattdessen den Computer ein. Ihr Herz klopfte, als würde eine Herde Wildpferde hindurchgaloppieren. In die Panik mischte sich Schmerz. Schmerz darüber, dass er sie absichtlich derart verletzt hatte.

„Das ist deine Privatnummer. Warum gehst du nicht ran?“ Jenny spähte auf die Anzeige und zog die Augenbrauen hoch. „Malik? Der Prinz ruft dich an?“

„Offensichtlich.“ Avery rief die Tabelle auf, die sie bearbeiten wollte. Ärgerlich registrierte sie, dass ihre Fingerspitzen bebten. Er hat kein Recht, mich privat anzurufen. Ich hätte meine Nummer ändern sollen. Sicherstellen, dass er mich nur noch über das Büro erreichen kann. Vorbei sollte eigentlich genau das heißen … Leider hat er mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.

„Es reicht.“ Jenny setzte sich auf den Stuhl vor Averys Schreibtisch. „Ich habe viel zu lange geschwiegen. Hör mal, ich mache mir Sorgen um dich.“

„Brauchst du nicht. Mir geht’s gut.“ Avery hatte die letzten drei Worte in den vergangenen Monaten so oft wiederholt, dass sie ihr schon wie von selbst aus dem Mund purzelten.

„Dein Ex heiratet. Wie kann es dir da gut gehen? Ich an deiner Stelle würde herumbrüllen, heulen, zu viel essen und mich betrinken. Du tust nichts davon.“

„Weil ich ihn nicht geliebt habe. Es war eine Affäre, und die ist vorbei. Das passiert unzähligen Leuten jeden Tag. Jetzt lass uns arbeiten.“

„Es war mehr als eine Affäre“, beharrte Jenny. „Du hast ihn geliebt.“

„Guter Sex ist keine Liebe. Warum denken so viele Menschen das bloß?“ Avery fragte sich, ob sie klang, als würde es ihr wirklich nichts ausmachen. Sie wusste, dass man sie mit Argusaugen beobachtete, um herauszufinden, wie sie auf die bevorstehende Hochzeit des Kronprinzen reagierte. Als würde die ganze Welt darauf warten, dass sie schluchzend zusammenbrach.

Pech gehabt, dachte sie grimmig. Eher werfe ich meine Stilettos in den Müll, als dass ich wegen eines Mannes weine. Erst recht wegen eines Mannes wie Malik. Sein Ego ist auch ohne meine Tränen stark genug.

Das Handy verstummte. Gleich darauf klingelte Averys Bürotelefon.

Jenny betrachtete es, als wäre es ein gereiztes Tier. „Soll ich?“

„Nein.“

„Der Mann ist hartnäckig.“

„Ein Prinz halt.“ Avery drückte den Anruf weg. „Malik sieht sich entweder als Prinzen oder als General. Wie auch immer, er gibt Befehle.“ Kein Wunder, dass wir aneinandergeraten sind. In einer Beziehung kann es nicht zwei Chefs geben.

Es klopfte kurz. Chloe, die neue Empfangssekretärin, riss die Tür auf. „Avery, du rääätst nicht, wer am Telefon ist!“ Sie machte eine Kunstpause. „Der Kronprinz von Zubran.“

Als keine der beiden Frauen reagierte, wiederholte Chloe eindringlich: „Der Kronprinz von Zubran! Ich wollte ihn zu dir durchstellen, aber du hast nicht abgenommen.“

„Wie gesagt: hartnäckig“, murmelte Jenny. „Du wirst mit ihm reden müssen.“

„Nicht jetzt. Richte ihm aus, dass ich nicht erreichbar bin, Chloe.“

„Es ist der Prinz persönlich! Nicht sein Assistent oder Berater, sondern er selbst. Er hat eine tolle tiefe Stimme und einen echt vornehmen Akzent.“

„Sag ihm bitte, dass es mir aufrichtig leidtut und ich ihn möglichst bald zurückrufe.“ Sobald ich eine Strategie habe, ergänzte Avery stumm. Und sicher bin, dass ich nichts sage, was ich später bereue. So ein Telefonat muss sorgfältig geplant werden.

Chloe starrte ihre Chefin an. „Du klingst, als ob es völlig normal ist, jemanden wie ihn am Telefon zu haben. Ich kann es nicht fassen, dass du ihn kennst. Auf Fotos sieht er immer dermaßen fantastisch aus! Einfach männlich, wenn ihr wisst, was ich meine. So, wie Typen heute nicht mehr sein dürfen, weil es politisch unkorrekt ist. Man merkt gleich: Der fragt nicht um Erlaubnis, bevor er dich küsst.“

Erstaunt musterte Avery ihre neue Mitarbeiterin. Allem Anschein nach war Chloe einer der wenigen Menschen, die nicht wussten, dass Avery Scott eine wilde und ziemlich öffentliche Affäre mit Kronprinz Malik von Zubran gehabt hatte.

Nein, um Erlaubnis hatte er beim ersten Kuss tatsächlich nicht gebeten, erinnerte sie sich. Das tat Malik nie. Eine Weile hatte es ihr gefallen, einen Geliebten zu haben, den weder ihr Selbstbewusstsein noch ihr Erfolg einschüchterten. Dann war ihr klar geworden, dass eine Beziehung zwischen zwei starken Partnern scheitern musste. Der Prinz glaubte nämlich zu wissen, was am besten für seine Mitmenschen war. Auch für Avery.

Jenny tippte ungeduldig mit der linken Fußspitze auf den Boden. „Chloe, geh ins Bad und halt deinen Kopf unter kaltes Wasser. Wenn das nicht hilft, versuch es mit dem Rest deines Körpers. Hauptsache, du begreifst, dass der Prinz dich in absehbarer Zeit nicht küssen wird, ob mit Erlaubnis oder ohne. Jetzt rede mit ihm, bevor er annimmt, dass du ohnmächtig geworden oder tot umgefallen bist.“

„Und wenn sein Anliegen nicht warten kann? Immerhin organisiert ihr seine Hochzeit“, fügte Chloe hinzu.

Avery fühle sich, als würde eine scharfe Klinge durch ihre Haut schneiden. „Nicht seine Hochzeit, sondern die Party am Abend“, stellte sie klar und fragte sich, weshalb diese Worte sie solche Mühe kosteten. Sie hatte die Beziehung aus freien Stücken beendet. Warum tat es trotzdem weh, dass er heiraten würde? „Und ich glaube kaum, dass er deswegen anruft. Er wird erst wissen, was auf den Kanapees ist, wenn er eins in den Mund steckt. Um Details kümmert sich sein Personal. Ein Prinz hat jemanden, der sein Auto fährt, jemanden, der für ihn kocht, ein Bad für ihn einlässt …“

„Und seinen Rücken schrubbt, wenn er in der Badewanne sitzt“, fuhr Jenny fort. „Avery kann jetzt nicht mit ihm telefonieren, weil ich dringend mit ihr über die Party des Senators sprechen muss.“

„Oh. Der Senator.“ Beeindruckt von den berühmten Namen, die im Büro fielen, ging Chloe rücklings zur Tür. Ihre endlosen Beine steckten in engen Jeans. Die Armbänder an ihren Handgelenken klimperten. „Alles klar. Aber ich vermute, Seine Hoheit ist kein Mann, der gern wartet oder das Wort Nein mag.“

„Dann sollten wir ihm zu etwas Übung darin verhelfen.“ Avery verdrängte Erinnerungen an die anderen Gelegenheiten, bei denen Malik nicht hatte warten wollen. Wie damals, als er ihr Kleid mit der Spitze seines Zeremonienschwertes aufgeschlitzt hatte, weil es ihm zu umständlich gewesen war, all die Knöpfe zu öffnen. Oder damals, als er … Nein, beschloss sie. Daran werde ich ganz bestimmt nicht denken.

Während Chloe die Tür hinter sich schloss, zog Avery ihre Kaffeetasse zu sich heran. „Sobald wir ihr etwas mehr Selbstvertrauen eingeimpft haben, wird sie ihren Job großartig machen.“

„Sie ist taktlos. Warum zum Teufel tust du dir das an?“

„Mitarbeiter ohne Berufserfahrung einzustellen? Weil jeder Mensch eine Chance verdient. Chloe hat Potenzial, und …“

„Ich meine nicht deine Personalentscheidungen, sondern die Sache mit dem Prinzen. Warum hast du zugestimmt, die Hochzeit deines Ex-Freundes zu organisieren? Das macht dich doch fertig.“

„Unsinn. Es ist ja nicht so, als ob ich ihn hätte heiraten wollen. Außerdem arrangiere ich nicht die Hochzeit selbst.“ Ein Foto der Wüste bei Sonnenuntergang erschien auf ihrem Computer. Avery nahm sich vor, es auszutauschen. Womöglich war dieses Bild der Grund für ihren wiederkehrenden Traum. „Ich bin für die Party am Abend verantwortlich, das ist alles.“

„Alles? Auf keiner Gästeliste der letzten zehn Jahre stehen so viele einflussreiche Leute wie auf dieser.“

„Darum muss auch alles perfekt sein. Und es macht doch Spaß, die Party zu planen. Partys sind fröhliche Veranstaltungen mit fröhlichen Leuten.“

„Heißt das, es ist dir egal?“ Jenny wackelte mit den nackten Zehen. „Du warst ein Jahr mit diesem scharfen Prinzen zusammen. Seitdem bist du mit keinem Mann mehr ausgegangen.“

„Weil ich damit beschäftigt bin, mein Unternehmen aufzubauen. Übrigens war es kein Jahr. Keine meiner Beziehungen hat so lange gedauert.“

„Es war ein Jahr, Avery. Zwölf Monate.“

„Na gut, wenn du meinst. Zwölf Monate der Lust.“ Es tat gut, die Sache herunterzuspielen und ihr ein Etikett zu verpassen. „Ich wünschte, die Leute würden guten Sex nicht dauernd romantisch verklären. Dann würden auch weniger Ehen scheitern.“

„Wenn der Sex so gut war, warum habt ihr euch dann getrennt?“

Averys Brustkorb fühlte sich plötzlich eng an. Sie wollte nicht über Jennys Frage nachdenken. „Er will heiraten. Ich nicht. Ich habe Schluss gemacht, weil unsere Beziehung keine Zukunft hatte.“ Und weil er arrogant und manipulativ war. „Die Ehe ist einfach nichts für mich.“

„Also haben deine Träume nichts damit zu tun, dass du dir deinen Ex zusammen mit seiner jungfräulichen Prinzessin vorstellst?“

„Natürlich nicht.“ Avery zog eine Schachtel Tabletten gegen Sodbrennen aus ihrer Handtasche. Nur noch zwei waren übrig. Sie musste Nachschub kaufen.

„Trink weniger Kaffee, dann brauchst du die nicht“, empfahl Jenny.

„Du klingst wie meine Mutter.“

„Nein. Nichts gegen deine Mutter, aber sie würde etwas sagen wie: Kaum zu glauben, dass du wegen eines Mannes so schlecht drauf bist, Avery. Genau davor habe ich dich gewarnt, als du fünf warst und ich dir beigebracht habe, dass du für dein Leben selbst verantwortlich bist – auch für deinen Orgasmus.“

„Fünf war ich nicht mehr, als sie mir das beigebracht hat.“ Avery kaute die Tablette. Der dumpfe Schmerz im Kiefer zeigte ihr, dass sie nachts wieder mit den Zähnen geknirscht hatte. Stress.

„Willst du wissen, warum ich den Auftrag angenommen habe? Aus Stolz. Als Malik anrief und sagte, dass er so bald nach unserer Trennung heiraten würde, habe ich nicht nachgedacht.“ Es hatte furchtbar wehgetan. Schlimmer als jemals etwas anderes zuvor in ihrem Leben. „Er wollte wissen, ob es mir unangenehm wäre, die Party zu organisieren. Ich war drauf und dran, Ja zu sagen. Ja, du unsensibler Mistkerl, selbstverständlich wäre es das. Dann hat sich mein Stolz gemeldet, und plötzlich hörte ich mich antworten, dass es kein Problem wäre.“

„Du solltest deinen Mund umprogrammieren. Das habe ich mir schon oft gedacht.“

„Danke. Jedenfalls wurde mir klar, dass Malik mich vermutlich engagiert hat, um mich zu bestrafen.“

Jenny kehrte beide Handflächen nach oben. „Wofür denn?“

„Ach, egal.“ Avery neigte nicht dazu, zu erröten, doch jetzt stieg ihr das Blut in die Wangen. „Unsere Firma ist die erste Wahl für so eine Party. Hätte ich abgelehnt, würden die Leute sagen, dass ich immer noch nicht über Malik hinweg bin.“ Und dann hätte er es gewusst. Er hätte gewusst, wie sehr er sie verletzt hatte. Obwohl er das bestimmt sowieso wusste. Avery war deprimiert von dem Gedanken, was aus der Beziehung geworden war.

„Delegier den Auftrag.“ Jenny schlüpfte wieder in ihre Schuhe. „Ich kenne keine coolere Frau als dich, aber die Hochzeitsparty zu planen für den Mann, den du geliebt hast …“

„Mit dem ich tollen Sex hatte“, korrigierte Avery ihre Freundin.

„Nenn es, wie du willst: Es macht dich krank. Wir arbeiten seit sechs Jahren zusammen, aber wenn du so weitermachst, muss ich kündigen. Wegen meiner Gesundheit. Diese ständige Anspannung bringt mich noch um.“

„Tut mir leid.“ Aus dem Augenwinkel heraus registrierte Avery, dass ihr Bildschirmschoner wieder aufgetaucht war. Hastig drückte sie ein paar Tasten und ersetzte das Wüstenfoto durch eins von der Arktis. „Lass uns über die Arbeit reden. Danach geh ich duschen.“

„Ach ja, Arbeit. Die goldene Hochzeit des Senators. Der wählerischste Kunde, den wir je hatten.“ Jenny schlug ihr Notizbuch auf und überflog die Einträge.

Avery nahm die Kaffeetasse in beide Hände. Die Wärme war irgendwie tröstlich. „Warum nimmst du immer noch dieses Ding, obwohl ich dir die neuste Technologie zur Verfügung stelle?“

„Ich mag mein altmodisches Notizbuch. Außerdem kann ich darin herumkritzeln und Karikaturen von Kunden zeichnen. Wie auch immer, der Senator verlangt 50 Schwäne als Überraschung für seine Frau. Offenbar sind Schwäne ein Symbol für Treue.“

„Der Mann hatte mindestens drei außereheliche Affären. Ich finde nicht, dass er seine Treue feiern sollte. Du?“

„Nein, aber mir ist bisher keine taktvolle Möglichkeit eingefallen, ihm das zu sagen.“

„Hol das bitte schnell nach, Jenny. Wenn er seiner Frau gegenüber das Wort Treue in den Mund nimmt, verwandelt sich die Party in einen Kriegsschauplatz. Keine Schwäne. Abgesehen davon, dass sie Treue symbolisieren, haben sie nämlich ein unberechenbares Temperament. Was noch?“

„Er will für jedes Jahr seiner Ehe einen Ballon steigen lassen. Nicht diese kleinen Dinger, die man an einem Faden hält, sondern die großen, mit denen Menschen in die Lüfte steigen.“

Avery senkte in gespielter Verzweiflung ihre Stirn auf die Tischplatte. „Manchmal wäre ich gern tot.“

„Bloß nicht. Dann hätte ich den Senator ja allein am Hals.“

Langsam hob Avery den Kopf wieder. „Keine Ballons. Erstens sind sie nicht überall erlaubt, und zweitens arbeitet der Senator doch gerade mit Umweltschützern zusammen. Schlag ihm vor, Tauben zu nehmen. Die Gäste können sie fliegen lassen und sich naturverbunden fühlen.“ Sie lehnte sich zurück und versuchte, sich zu konzentrieren. „Allerdings nicht 50 Tauben. Zwei reichen. Sonst leidet die teure Kleidung der Gäste unter dem, was die Vögel fallen lassen.“

Jenny zog die Stirn kraus. „Er wird mich fragen, was zwei Tauben symbolisieren.“

„Viel weniger Dreck als 50 Schwäne. Okay, entschuldige, das kannst du ihm natürlich nicht sagen. Lass mich nachdenken.“ Avery nippte an ihrem Kaffee. „Sag ihm, sie repräsentieren Frieden und Harmonie. Nein, besser nicht. In der Ehe des Senators gibt es weder das eine noch das andere. Partnerschaft. Ja, das ist es. Die Tauben stehen für den gemeinsamen Lebensweg des Senators und seiner Frau.“

Grinsend schrieb Jenny die Stichworte auf.

„Nimm Chloe zur Party mit“, fuhr Avery fort. „Wir müssen sie von ihrer Schwärmerei für Prominente kurieren. Es wird eine wertvolle Erfahrung für sie sein, sich unter die Gäste zu mischen. Außerdem kann sie helfen, falls die Tauben inkontinent werden.“

„Warum lässt du uns die Zubran-Hochzeit eigentlich nicht ohne dich erledigen?“

„Weil es dann heißen würde, dass ich ihr nicht gewachsen bin. Und Malik wird es ebenfalls denken.“ Avery nagte an ihrer Unterlippe. Ob er immer noch sauer auf sie war? Damals war er ja unglaublich wütend. Seine schwarzen Augen … Sie dachte, gleich würde ein Sturm losbrechen. Und sie war genauso zornig wie er. Keiner von beiden wollte nachgeben.

Jenny betrachtete ihre Freundin. „Du vermisst ihn, richtig?“

Ja. „Ich vermisse den Sex. Und das Streiten.“

„Wie bitte?“

Avery zuckte die Schultern. „Streiten kann anregend sein. Malik ist sehr klug. Manche Menschen lösen Kreuzworträtsel, um geistig fit zu bleiben. Ich mag eben einen guten Streit. Bestimmt, weil meine Mutter Anwältin ist. Wir haben beim Abendbrot nicht geredet, sondern debattiert.“

„Ich weiß. Einmal hattest du mich zum Tee eingeladen.“ Jenny schüttelte sich. „Es war beängstigend, erklärt aber, warum du nicht zugeben kannst, dass dir der Prinz viel bedeutet hat. Schließlich beendet deine Mutter leidenschaftlich gern Ehen.“

„Die sind längst kaputt, wenn meine Mutter auf der Bildfläche erscheint.“

Jenny schlug ihr Notizbuch zu. „Dein Stolz wird dich noch ins Verderben reißen, weißt du das? Dein Stolz und dein unermesslicher Ehrgeiz – noch etwas, wofür ich deiner Mutter die Schuld gebe.“

„Ich danke ihr dafür, denn sie hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin.“

„Eine Perfektionistin mit einem gestörten Verhältnis zu Männern?“

„Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich ehrgeizig bin, und ich habe kein gestörtes Verhältnis zu Männern. Nur, weil ich das Kind einer alleinerziehenden starken Mutter bin …“

„Avery, ich mag dich wirklich“, unterbrach Jenny ihre Geschäftspartnerin. „Aber du bist ziemlich daneben. Als ich damals zu euch zum Tee kam, hat deine Mutter ein flammendes Plädoyer für die Abschaffung sämtlicher Männer gehalten. Hat sie mit dir eigentlich jemals über deinen Vater gesprochen?“

Die Gefühle trafen Avery völlig unvermittelt. Sie sah sich plötzlich als kleines Mädchen auf dem Spielplatz, umringt von Kindern, die zu viele Fragen stellten.

Sie wusste, wer ihr Vater war. Sie erinnerte sich noch genau an den Abend, an dem ihre Mutter ihr die Wahrheit gesagt hatte. Auch daran, wie die Kraft aus ihrem Körper gewichen war und nur noch Übelkeit zurückgelassen hatte.

„Mein Vater war nie ein Teil meines Lebens“, erwiderte sie, ohne Jenny anzusehen.

„Wahrscheinlich, weil deine Mutter nicht wollte, dass er ihr in die Quere kommt. Sie hat ihn vertrieben, oder? Die Frau ist superklug und trotzdem verrückt. Red dir bitte nicht ein, dass du diesen Auftrag annehmen musstest. Du hast die Eröffnungsparty für das Zubran Ferrara Spa Resort organisiert. Damit hast du ja wohl bewiesen, dass du dem Prinzen nicht hinterhertrauerst.“

Der Knoten in Averys Magen zog sich fester zusammen. Gleichzeitig war sie erleichtert, dass es nicht mehr um ihren Vater ging. „Es gab keinen Grund, den Job abzulehnen. Ich wünsche Malik nichts als Glück mit seiner jungfräulichen Prinzessin.“

In ihrem Kopf summte es. Sie musste aufhören, über Malik zu sprechen, es tat ihr nicht gut. Sie bekam schon Ohrensausen davon. Sie betreute die Hochzeitsparty, und damit hatte es sich. Dann würde endlich niemand mehr glauben, dass Malik ihr das Herz gebrochen hatte.

„Ruf ihn bitte zurück, Jen. Sag, dass ich im Ausland bin oder so. Finde heraus, was er will, und kümmere dich darum.“

„Muss seine Braut wirklich Jungfrau sein?“

Avery schluckte. „Ich glaube schon. Unberührt und gehorsam. Er verfügt über sie.“

„Wie um alles in der Welt konntest du je mit dem Prinzen zusammen sein?“, fragte Jenny lachend.

„Sagen wir, unsere Beziehung war … hitzig. Ich kann besser Befehle geben als sie empfangen.“ Das Summen in ihrem Kopf wurde lauter. Jetzt erkannte sie, dass es nicht an ihr lag, sondern von draußen kam. „Jemand steuert den Hubschrauberlandeplatz an. Heute fliegt doch keiner unserer Kunden ein, oder?“

Jenny schüttelte den Kopf. Avery blickte aus dem Fenster, konnte den Hubschrauber aber nicht sehen, weil er über dem Bürogebäude flog. „Dann muss es jemand für eine der anderen Firmen hier im Haus sein.“

Mit langen Schritten ging Malik vom Hubschrauber zur Eingangstür, flankiert von bewaffneten Bodyguards. „Welche Etage?“

„Die oberste, Eure Hoheit. Vorstandsetage, allerdings …“

„Ich gehe allein. Sie warten hier auf mich.“

„Eure Hoheit, Ihr könnt doch nicht …“

„Diese Firma organisiert Partys“, schnitt Malik seinem Begleiter das Wort ab. „Wer sollte da ein Risiko für meine Sicherheit darstellen? Glauben Sie, man wird mich mit Luftballons bewerfen? Oder in Champagner ertränken? Beruhigen Sie sich. Falls ich auf der Treppe in Gefahr geraten sollte, werde ich damit fertig.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, betrat er das Gebäude.

Unsere Trennung hat nichts an Averys beruflichem Erfolg geändert, dachte er. Dies hat sie also unserer Beziehung vorgezogen. Der dumpfe Schmerz in ihm wurde ein wenig stärker, genau wie die Wut.

Malik rief sich zur Ordnung. Er konnte es sich nicht erlauben, darüber nachzudenken. Schon vor langer Zeit hatte er akzeptiert, dass zwischen Wünschen und Pflicht oftmals eine Kluft lag. Nachdem er einige Jahre seinen Wünschen gewidmet hatte, konzentrierte er sich nun ganz auf die Pflicht. Deshalb war dieser Besuch auch nicht persönlich, sondern geschäftlich.

Wenn er Avery richtig einschätzte, würde ihr Stolz sie davon abhalten, ihn bei seinem Anblick zu ohrfeigen oder aus dem Büro zu werfen. Vielleicht war er ihr inzwischen auch gleichgültig geworden. Möglicherweise hatte er ihr nie etwas bedeutet, und er hatte es sich nur eingebildet – wie viele andere Dinge, die Avery betrafen.

Im Treppenhaus war niemand außer ihm. Er ging bis zum obersten Stockwerk und öffnete die Glastüren zu Avery Scotts Unternehmen Dance and Dine. Hier drehte sich alles um Vergnügen, und zwar mit geradezu militärischer Präzision. Von hier aus organisierte Avery Partys für die Reichen und Berühmten. Sie hatte ihre Firma aus dem Nichts aufgebaut und besaß den Mut, Aufträge abzulehnen, die nicht ihrer Vision entsprachen. Deshalb stand sie für Exklusivität. Ihre Dienste waren inzwischen so begehrt, dass manches Fest schon Jahre im Voraus bei ihr gebucht wurde. Eine von Avery Scott organisierte Party glich einem Statussymbol.

Malik war noch nie in der Firma gewesen. Er sah auf den ersten Blick, dass die Umgebung die Chefin widerspiegelte: modern und elegant. In diesen Räumen residierte eine selbstbewusste Frau, die niemanden brauchte.

Jedenfalls nicht mich. Ein harter Zug erschien um seinen Mund.

Das Foyer glich einem gläsernen Atrium. Sonnenlicht flutete durch die Scheiben auf exotische Pflanzen und niedrige Sofas. Eine hübsche junge Mitarbeiterin saß hinter dem geschwungenen Tisch am Empfang. Obwohl Malik einen Anzug trug statt der traditionellen Gewänder seines Landes, erkannte Chloe ihn sofort. Sie schnellte aus ihrem Stuhl hoch. „Eure Hoheit! Sie sind … Ach du lieber Gott …“

„Nicht Gott“, korrigierte Malik. Er runzelte die Stirn, weil seinem Gegenüber plötzlich die Farbe aus dem Gesicht wich. „Alles in Ordnung?“

„Nein. Ich habe noch nie einen leibhaftigen Prinzen getroffen. Mir ist so …“ Chloe schwankte leicht.

Malik reagierte schnell und fing sie auf, bevor sie zu Boden ging. Er wusste nicht, ob er belustigt oder verärgert sein sollte, als er sie auf den Stuhl bugsierte. „Beugen Sie sich vor. Atmen Sie. Genau. Sie werden sich gleich besser fühlen. Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?“

„Nein“, quiekte Chloe. „Danke, dass Sie mich festgehalten haben. Sie sind genauso stark, wie Sie aussehen. Hoffentlich haben Sie sich nicht verhoben.“

Jetzt musste Malik wirklich lachen. „Keine Sorge.“

„Das ist mir echt peinlich. Ich sollte knicksen, nicht bewusstlos werden. Sie wollen bestimmt Miss Scott sprechen. Ob Sie wohl bitte nicht erwähnen würden, was mir eben passiert ist? Ich soll nämlich gelassen bleiben, wenn ich mit berühmten Leuten zu tun habe. Wie Sie sehen, muss ich noch daran arbeiten.“

„Meine Lippen sind versiegelt“, versicherte Malik. „Bleiben Sie sitzen und erholen Sie sich. Ich finde Miss Scott schon selbst.“

Er richtete sich auf. Wenigstens tat die Empfangsdame nicht so, als wäre ihre Chefin außer Haus. Maliks Sicherheitsteam hatte bereits herausgefunden, dass Avery heute in der Firma war. Ihre Weigerung, seine Anrufe entgegenzunehmen, schürte zwar seinen Ärger, doch den mochte er nicht an Chloe auslassen. Er kämpfte nur gegen ebenbürtige Gegner, und die traf er selten.

Glücklicherweise konnte Avery einstecken, was Malik austeilte. Er kannte keine stärkere Frau. Nichts konnte ihre Selbstbeherrschung erschüttern. Nicht einmal die Tatsache, dass er bald eine andere Frau heiraten würde.

Malik vergegenwärtigte sich, in welcher Richtung die Themse lag. Bestimmt hatte die Chefin ein Büro mit Blick auf den Fluss. Am Ende des Atriums befand sich eine große Tür. Er stieß sie auf.

Seine frühere Geliebte saß hinter einem gläsernen Schreibtisch, redete mit jemandem und sah wie immer perfekt aus. Ihre glänzenden blonden Haare fielen offen über eine perlenfarbene Seidenbluse. In den wenigen Sekunden, die es dauerte, bis sie ihn wahrnahm, fühlte Malik seine Brust eng werden – etwas, das er nur in Averys Gegenwart kannte.

Auch heute präsentierte sie sich der Welt als glamouröse und kompetente Geschäftsfrau. Wer sie traf, war sofort davon überzeugt, dass sie jeden Auftrag einwandfrei erledigte. Ihre Kontakte trieben ehrgeizigen Angehörigen der oberen Zehntausend Tränen des Neids in die Augen. Doch nur wenige Leute kannten den Menschen hinter der Fassade.

Sie hat mich ausgeschlossen, dachte Malik. Je näher ich ihr kommen wollte, desto entschiedener hat sie sich zurückgezogen. Das nennt man wohl Ironie des Schicksals. Mein Leben lang habe ich Frauen davon abgehalten, mir zu nahe zu kommen. Bei uns hat sie die Mauer aufgebaut. Und als ich die einreißen wollte, ist Avery einfach gegangen.

Ein Jahr waren sie ein Liebespaar gewesen, und doch kam es Malik an manchen Tagen vor, als würde er sie gar nicht kennen.

Zugegeben, es gab einige Dinge, die er über sie wusste. Zum Beispiel, dass sich an ihrem linken Mundwinkel ein Grübchen bildete, wenn sie lächelte. Oder wie ihre Lippen schmeckten. Prompt antwortete Maliks Körper mit einer Regung, von der er geglaubt hatte, sie unter Kontrolle zu haben.

Averys Selbstbewusstsein und ihre Art, Chancen beim Schopf zu packen, hatten Malik schon bei der ersten Begegnung angezogen. Er bewunderte ihre Strebsamkeit, ihren Erfolg und ihren Glauben an sich selbst. Genau diese Eigenschaften waren allerdings auch Gründe für die Trennung gewesen. Avery Scott war extrem unabhängig. Sie scheute alles, von dem sie befürchtete, es könnte ihre Unabhängigkeit bedrohen.

Und Malik hatte in der Tat eine Bedrohung dargestellt – ebenso wie das, was sie füreinander empfanden. Also hatte Avery einen Schlussstrich gezogen und alles zwischen ihnen zerstört, bis nur noch Schmerz blieb.

Die Leute glaubten, Männer wie der Kronprinz von Zubran könnten sich jeden Wunsch erfüllen. Sie wissen ja nicht, wie sehr sie sich irren, dachte Malik bitter. Einen Moment lang stand er einfach nur da und spürte der Mischung aus Bedauern und Wut in ihm nach. Da blickte die Frau aus seiner Vergangenheit hoch – und sah ihn.

Er suchte nach einem Zeichen dafür, dass sein unerwarteter Besuch sie aus dem Konzept brachte. Fehlanzeige. Gelassen stand sie auf und legte dieselbe Ruhe an den Tag, die sie in Krisen auszeichnete.

„Was für eine Überraschung. Kann ich dir helfen, Malik?“ Avery klang geschäftsmäßig. Niemand hätte vermutet, dass sie sich einmal nahegestanden hatten. Dass sie zum Kreis seiner wenigen engen Freunde gezählt hatte, dessen Mitglieder nichts auf das Geld und den Status des Prinzen gaben und ihn wie einen Mann behandelten, nicht wie den künftigen Herrscher von Zubran. Eine Weile hatte er sogar in der Gegenwart dieser Frau Dinge wie Pflicht und Verant­wortung vergessen.

Malik wollte das Gespräch nicht auf eine persönliche Ebene ziehen. Schließlich stand er kurz vor der Hochzeit. „Du bist nicht ans Telefon gegangen“, erwiderte er, ohne sich mit Begrüßungsfloskeln aufzuhalten.

„Ich war in einer Besprechung. Du bist doch ein Experte in der Kunst der Diplomatie. Deshalb verstehst du sicher, dass ich meinen Gesprächspartner nicht unterbrechen durfte.“

Sie spricht mit mir wie mit einem schwierigen Kunden, erkannte Malik. Ihm war, als würden seine Nerven Funken sprühen. Er musste an die Wortgefechte mit Avery denken – für sie beide die zweitschönste Art, Zeit miteinander zu verbringen. Was die schönste Art anging … Maliks Libido meldete sich. Er wandte sich an Jenny: „Lassen Sie uns bitte allein.“

Jenny stand sofort auf. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, musterte Avery ihren Gast eisig. „Du kannst es nicht lassen, oder? Immer musst du den Leuten sagen, was sie tun sollen.“

„Ich habe nicht vor, diese Unterhaltung anders als unter vier Augen zu führen.“

„Dies ist mein Büro, in meiner Firma. Du gibst meinen Angestellten keine Anweisungen. Und was auch immer dich herführt: Du kannst nicht einfach hereinplatzen und mein Gespräch unterbrechen.“

Auf einmal schien die Luft elektrisch geladen zu sein. Sie knisterte förmlich, als könnte sie die beiden Menschen im Raum versengen. Malik war ärgerlich, und er wusste, dass es Avery ebenso ging. „Warum hast du meine Anrufe nicht entgegengenommen?“

Ihre Wangen färbten sich einen Ton dunkler. „Weil sie ungelegen kamen.“

„Hast du etwa gute Erfahrungen damit gemacht, Anrufe von Kunden zu ignorieren? Ich dachte, guter Service sei in deiner Branche unerlässlich.“

„Du hast nicht geschäftlich angerufen.“

„Und du hast nicht professionell gehandelt, als du meine Telefonate ignoriert hast. Also tun wir doch nicht so, als ob wir nicht wüssten, was hier vor sich geht.“ Die Wucht, mit der ihn seine Gefühle trafen, ärgerte Malik. Er schlenderte zur Fensterfront und rief sich in Erinnerung, warum er hier war. Nicht wegen der Beziehung, die er mit dieser Frau gehabt hatte. Die war unwichtig. Musste es sein. „Nette Aussicht. Du bist offenbar außergewöhnlich erfolgreich. Dein Unternehmen wächst, während Konkurrenten aufgeben.“

„Warum findest du das außergewöhnlich? Ich arbeite hart, und ich kenne den Markt.“

Er verzog keine Miene. „Wir sind noch keine fünf Minuten zusammen, und schon suchst du Streit.“

„Du bist mit einem Hubschrauber auf meinem Dach gelandet und in mein Büro geplatzt. Ich würde sagen, du suchst Streit, Malik.“

Zum ersten Mal seit Wochen spürte er die Energie von früher in sich fließen. Er hätte nur wenigen Menschen gegenüber zugegeben, wie gut es sich anfühlte, dass jemand offen mit ihm diskutierte und ihn herausforderte. „Ich wollte dir lediglich gratulieren, weil dein Unternehmen trotz der schwierigen Wirtschaftslage floriert.“

„Das hättest du auch per E-Mail erledigen können. Ich weiß nicht, warum du hier bist und mich alle zwei Minuten anrufst. Aber ich schätze, du möchtest nicht über Gästelisten oder Tischschmuck reden.“

„Ich habe nicht das geringste Interesse an solchen Einzelheiten. Das ist dein Job.“

„Endlich sind wir einer Meinung. Jetzt wäre ich dir dankbar, wenn du dich verabschieden würdest, damit ich meinen Job auch machen kann.“

Malik drehte sich vom Fenster weg und sah Avery an. „Niemand außer dir wagt es, so mit mir zu sprechen.“

„Dann kündige mir doch.“ Sie hielt seinem Blick stand. „Nur zu, geh zur Konkurrenz.“

Er fragte sich, warum sie auf die beträchtliche Summe verzichten wollte, die sein Auftrag in ihre Kasse spülen würde. Ihm entging nicht, dass sie unter dem dezenten Make-up müde aussah. Auch nicht, dass sie nervös an dem Füller in ihrer Hand nestelte. Avery pflegte nicht zu nesteln. Sie pflegte auch nicht nervös zu sein.

„Ich kündige dir nicht“, sagte Malik schließlich.

„Dann komm bitte zur Sache. Warum bist du hier?“

„Weil die Party nach jetzigem Stand der Dinge nicht stattfinden kann. Etwas Entscheidendes fehlt.“

Bei der Andeutung, sie könnte etwas übersehen haben, sträubten sich Averys Nackenhaare – wie immer, wenn jemand ihre Kompetenz anzweifelte. Im Geiste hakte sie einen Punkt nach dem anderen auf der Checkliste für das Projekt ab. „Es fehlt nichts, Malik, das kann ich dir versichern. Ich habe den Ablaufplan sorgfältig durchgesehen und alles überprüft.“

Sie vertraute ihren Fähigkeiten hundertprozentig. Und sie hatte Grund dazu, denn sie übersah nie etwas. Ihr Sinn für Details war unter den Angestellten ebenso berühmt wie berüchtigt. Er hatte auch Malik verrückt gemacht, und doch nötigte ihm ihre Einstellung Respekt ab. Avery arbeitete unermüdlich. Sie war nie eine Schmarotzerin gewesen, hatte nie jemanden um etwas gebeten. Malik kannte keine andere Frau, die sich – wie Avery – nicht für die Annehmlichkeiten interessierte, die er bieten konnte.

In ihm keimte so etwas wie Schuldbewusstsein auf – ein Gefühl, dass er sich nicht leisten durfte. Deshalb hielt er sich auch nicht lange damit auf. „Du verstehst mich falsch. Ich bin sicher, dass dein Plan wie immer tadellos ist.“

„Was um alles in der Welt kann dann fehlen?“

Malik zögerte. Noch hatte er keiner Menschenseele davon erzählt. Er fragte sich, ob es ein Fehler gewesen war, herzukommen. „Das Wichtigste“, antwortete er widerstrebend. „Meine Braut.“

2. KAPITEL

„Deine Braut?“, stieß Avery hervor. Ihr Mund fühlte sich trocken an. Ach du Schande. Schlimm genug, dass er hier ist. Jetzt will er auch noch mit mir über seine Verlobte sprechen. Hat der Mann denn gar kein Taktgefühl? Ich muss nachdenken. Aber wie bitteschön soll ich das? Ich kann ihn ja schlecht übersehen mit seinem dunklen Anzug und den breiten Schultern …

Es ärgerte Avery, dass sie überhaupt einen Gedanken an Maliks Körper verschwendete. Noch mehr ärgerte sie sich allerdings über die Reaktion ihres Körpers. Dieses Büro war ihr Revier. Es fühlte sich nicht gut an, dass Malik hier so mir nichts, dir nichts eingedrungen war. Sie hätte nur zu gern festgestellt, dass ihr die Anwesenheit ihres Ex-Liebhabers gleichgültig war. Avery Scott pflegte sich im Griff zu haben. Und als sie merkte, dass sie in diesem Moment den Überblick verlor, kroch Panik in ihr hoch.

Seit einem Jahr schaltete sie den Fernseher aus, wenn Nachrichten über Zubran kamen. Obwohl sie Maliks Hochzeits­party ausrichten sollte, mied sie Artikel über die Hochzeit selbst. Wenn sie dem Kronprinzen bei Festen über den Weg lief, die sie organisiert hatte oder bei denen sie Gast war, beschränkte sie sich auf ein kurzes Nicken – obwohl er der einzige Mensch war, den sie sah, egal, wie voll der Saal sein mochte. All das tat sie, um ihr Leben und ihre Gefühle wieder unter Kontrolle zu bekommen. Sie musste sich schützen, denn Malik hatte sie zutiefst verletzt. So tief, dass sein Besuch sie völlig aus der Bahn warf.

Was sie am meisten einschüchterte, waren weder die Macht noch die Autorität, die Malik ausstrahlte. Es war auch nicht sein blendendes Aussehen, obwohl die Kombination von herber Männlichkeit und durchtrainiertem Körper sogar glücklich verheiratete Frauen mit dem Gedanken an einen Seitensprung spielen ließ. Nein. Aus der Fassung brachte sie das sinnliche Schimmern in seinen nahezu schwarzen Augen. Kein Mann konnte es an erotischer Ausstrahlung mit Malik aufnehmen.

So sieht er mich absichtlich an, erkannte sie niedergeschlagen. Er will mich an die Vergangenheit erinnern, dabei muss ich die unbedingt vergessen! Wie soll ich das schaffen, wenn er mich anschaut, als gäbe es zwischen uns noch eine intime Beziehung? Er heiratet bald eine andere Frau. Das ist eine Tatsache. Hier geht es nicht um mich, sondern um seine Braut.

Trotz ihres inneren Aufruhrs und des Instinkts, sich selbst zu schützen, machte sie sich Sorgen um Maliks Verlobte. Sie kannte Kalila flüchtig als freundliche, wenn auch schüchterne junge Frau, die den Prinzen seit Jahren kannte und trotzdem von ihm überwältigt zu sein schien.

„Kalila ist weg?“, vergewisserte Avery sich. „Wie meinst du das? Hat man sie etwa entführt?“

„Nein.“

„Bist du sicher? Immerhin ist sie eine Prinzessin. Es gibt Leute, die …“

„Ich habe etwas erhalten. Keine Lösegeldforderung, sondern eine Botschaft von Kalila.“

Avery versuchte fieberhaft, sich zu konzentrieren. Wenn sie Malik ansah, tauchten Bilder in ihrem Kopf auf, die sie normalerweise nur im Schlaf verfolgten. „Ich verstehe nicht.“

„Sie ist durchgebrannt.“

Entgeistert starrte Avery ihn an.

Malik machte eine ungeduldige Handbewegung: „Ihre Beweggründe spielen keine Rolle.“

„Wieso nicht? Du kannst die Gründe doch nicht einfach ignorieren.“

„Das tue ich auch nicht, aber sie sind nachrangig. Jetzt geht es darum, Kalila zurückzuholen.“

„Meinst du nicht, dass die Ursachen ihrer Flucht dafür wichtig sind? Warum ist sie durchgebrannt? Ein zurückhaltender, fügsamer Mensch wie sie tut so etwas doch nicht ohne Anlass.“

„Sie will diese Hochzeit nicht“, räumte Malik ein.

Avery war nicht sicher, was der Auslöser für die Anspannung in seiner Stimme war: Wut auf Kalila oder darüber, dass seine Pläne durchkreuzt worden waren. Der Prinz war immer selbstsicher gewesen. Er konnte geschickt verhandeln und behielt auch in schwierigen Situationen die Nerven. Avery wusste aus Erfahrung, dass es bei ihm nicht gut ankam, wenn man ihm Kontra bot. „Ach du Schande“, sagte sie. „Das ist allerdings ungünstig. Ohne Braut kann man natürlich schwer heiraten.“

„Es ist weit mehr als ungünstig. Die Hochzeit muss stattfinden.“

„Weil Kalilas Vater es will?“

„Weil ich es will. Ich muss sie davon überzeugen, dass unsere Ehe funktioniert und dass ich anders bin als ihr Vater. Ich kann sie beschützen.“

Hat er mich eigentlich jemals beschützt, fragte sich Avery. Nein, natürlich nicht. Das hätte ich auch gar nicht gewollt, schließlich kann ich auf mich selbst aufpassen.

Trotzdem kränkte es sie, dass Malik den Übergang von einer Frau zur anderen derart mühelos vollzog. „Also wirst du dich auf dein Pferd schwingen und das Schwert ziehen, um sie zu verteidigen. Gut. Das ist … gut. Bestimmt weiß Kalila deinen Einsatz zu schätzen.“

Bisher hatte Avery sich eingeredet, dies sei keine Liebesheirat, sondern eine politische Verbindung. Offenbar hatte sie sich getäuscht. Malik musste viel für Kalila empfinden, sonst wäre er nicht so entschlossen, sie zurückzugewinnen. Avery schluckte. Zum Glück merkte Malik ihr die Enttäuschung nicht an.

„Sie ist sehr verletzlich. Ich erwarte nicht, dass du das verstehst“, sagte er spitz. „Dieses Wort kommt ja nicht in deinem Wortschatz vor, oder?“

Du hast ja keine Ahnung! „Ich kann nachvollziehen, warum du den Drachentöter spielen willst.“

„Wohingegen du es sicher besser fändest, wenn ein Mann dir einen Drachen schenken würde, damit du ihn selber töten kannst.“

„Ich bin tierlieb. Hättest du mir einen Drachen geschenkt, hätte ich ihn als Haustier behalten.“

Früher wäre ein Wortwechsel wie dieser von Gelächter beendet worden. Malik hätte sie provoziert, sie hätte es ihm mit gleicher Münze heimgezahlt, und schließlich wären sie im Schlafzimmer gelandet – oder an irgendeinem anderen Ort, der ihnen Abgeschiedenheit bot.

„Meiner Meinung nach wäre es klüger, wenn Kalila lernen würde, sich selbst zu beschützen“, meinte Avery.

„Nicht jede Frau ist wie du.“

Sein bitterer Unterton riss die alten Wunden wieder auf. Allmählich befürchtete sie, dass sie niemals heilen würden. Sie hatte sich selten derart unter Druck gefühlt wie jetzt. Ihr Kiefer tat weh, weil sie die Zähne zusammenbiss. Ihr war übel. Sie wünschte, sie hätte weniger Kaffee getrunken. „Ich verstehe dein Problem. Ohne Braut keine Hochzeit. Allerdings ist mir nicht klar, was ich damit zu tun habe. Ich lagere hier zwar Vorräte von allen möglichen Dingen, aber Bräute sind leider nicht darunter.“

„Kalila mag und bewundert dich. Jemand in ihrer Position kann nur schwer Freundinnen finden, aber du kommst dem Ideal ziemlich nahe. Ich bitte dich um deine Hilfe.“

„Was kann ich denn ausrichten?“ Avery fühlte sich unterlegen. Sie war zwar nicht klein, aber Maliks Größe und Statur beunruhigten sie. Sie fragte sich, wie sie es überhaupt geschafft hatten, so lange ein Paar zu bleiben. Dieser Mann strotzte vor Macht und Einfluss. Geradezu beängstigend. Keine Spur von jenem Malik, mit dem sie gelacht und bis in die Nacht hinein diskutiert hatte. Wie er sie ansah – als könnte er ihre Gedanken lesen. Und das wollte sie nun wirklich nicht!

„Ich organisiere Partys“, fuhr sie fort. „Und wie ich aus sicherer Quelle weiß, führe ich ein ungezügeltes, frivoles Leben. Da kann ich wohl kaum helfen.“

Maliks Blick bewies, dass er sich an die Auseinandersetzung erinnerte, aus der das Zitat stammte. Averys Firma war nur einer der Streitpunkte gewesen. Er ignorierte die Anspielung. „Du bist einfallsreich, und du kennst Kalila. Hast du eine Idee, wo sie sein könnte?“

Sie hatte sich redlich bemüht, die Gespräche mit der Prinzessin zu vergessen. Dachte sie an Kalila, sah sie sie in Maliks Armen vor sich. Dieses Bild war so schmerzhaft, dass Avery ihre Augen schließen und schreien wollte. Sie spürte, dass ihre Hände bebten, und verschränkte sie auf dem Rücken. „Ich weiß nicht.“

„Denk nach! Worüber habt ihr geredet? Ihr habt euch auf mehreren Partys getroffen. Du hast ihr geholfen, ein Kleid auszusuchen für das Wohltätigkeitsdinner, dessen Schirmherrin sie war. Du hast den Kontakt zu dem Designer vermittelt, der ihr Hochzeitskleid schneidert. Kalila bewundert dich. Sie will wie du sein.“

„Wirklich?“ Avery musste lachen. „Na, ich schätze, du hast sie schnell eines Besseren belehrt.“

„Hat sie denn überhaupt nichts gesagt, was jetzt wichtig sein könnte?“

„Nein.“ Geh doch endlich! Aber nein, der Kronprinz wartet natürlich, bis er seinen Willen durchgesetzt hat. „Ehrlich, ich habe keine Ahnung, wo sie sein könnte.“

Allmählich war sie ernsthaft beunruhigt. Sie beschloss, die Braut anzurufen, sobald Malik sich verabschiedet hatte. Vielleicht meldete Kalila sich nicht, aber einen Versuch war es wert.

„Hat sie einen besonderen Ort erwähnt?“, bohrte Malik und schaute Avery in die Augen, um seiner Frage Nachdruck zu verleihen. Stattdessen erreichte er, dass die Chemie zwischen ihnen mit einem Schlag noch deutlicher zu spüren war.

Avery trat einen Schritt zurück, weil sie zu ihrem Entsetzen den Impuls fühlte, den Mann aus ihrer Vergangenheit zu berühren. Ihre Reaktion entging ihm nicht. Die Spannung im Raum ließ eine heiße Welle durch Averys Körper in ihr Becken strömen. Der Blickkontakt verband sie intensiver mit Malik, als Worte es hätten tun können.

„Deine Sicherheitsleute sind mit der neuesten Technik ausgerüstet“, bemerkte sie, heilfroh darüber, dass ihre Stimme den Tumult in ihrem Innern nicht verriet. „Damit müssten sie Kalila doch finden können.“

„Bisher waren wir erfolglos. Vielleicht hat sie sich verkleidet. Aber ich kann niemanden fragen, ohne Misstrauen zu wecken, und ich will die Sache so diskret wie möglich aufklären.“

„Hast du mit ihren Freunden gesprochen?“

„Sie durfte keine haben. Kalila ist sehr behütet aufgewachsen.“

Die Prinzessin hatte etwas in dieser Richtung erzählt, erinnerte sich Avery. Sie selbst hatte die Vorstellung merkwürdig gefunden, als Gefangene im Luxus zu leben, weggesperrt von der Realität. „Du willst sie heiraten, Malik. Du bist derjenige, der wissen sollte, wo sie sich aufhält.“

„Wir haben sehr wenig Zeit miteinander verbracht.“ Malik drehte sich wieder zum Fenster und kehrte Avery den Rücken zu. „Mein Fehler. Ich bin von falschen Voraussetzungen ausgegangen.“

„Wie du es ständig tust. Du glaubst zu wissen, was für andere Menschen am besten ist.“

„Das ist jetzt unwichtig. Ich muss Kalila finden. Sollte die Hochzeit platzen, würde das ernsthafte diplomatische Folgen haben.“

„Diplomatische Folgen.“ Sie schlug die Augen zum Himmel. „Sehr romantisch. Wundert mich gar nicht, dass deine Verlobte durchgebrannt ist.“

„Und mich wundert es, dass du weißt, was Romantik ist.“

„Warum? Weil ich selbst keine Romantikerin bin? Um mich geht es hier nicht. Hat Kalila nie angedeutet, was in ihr vorgeht? Ich meine, ihr beide kennt euch doch schon seit Jahren.“

„Wir haben kaum ein Dutzend Sätze gewechselt.“

Avery verbarg ihre Überraschung. „Ach so“, sagte sie nur. Kann man eine Unbekannte lieben? Warum will er Kalila so rasch heiraten, wenn er sie nicht liebt? Moment mal. Wegen mir? Er war zornig, weil ich ihm den Laufpass gegeben habe. Vielleicht wollte er mich auch auf diese Weise kränken.

„Bei unseren wenigen Gesprächen hat Kalila mir stets beigepflichtet.“

Sie dachte daran, wie Malik und sie über alle möglichen Themen diskutiert hatten, von Wirtschaft bis hin zu Menschenrechten. Schwer vorstellbar, dass ein Mann wie er mit einer Frau glücklich sein konnte, die ihm ständig zustimmte. Avery vermutete, dass Malik sich in einer solchen Ehe unendlich langweilen würde. Sie gönnte es ihm. Falls er sich tatsächlich verlobt hatte, um sie zu treffen, sollte er ruhig leiden. „Wenn sie so gehorsam ist, hättest du ihr vielleicht einen Befehl geben sollen: Platz.“

„Dein Sarkasmus ist unangebracht. Ich bin hergekommen, weil ich hoffte, du wüsstest etwas über Kalilas Aufenthaltsort.“

„Tu ich nicht. Und ich finde es befremdlich, dass du dich ausgerechnet bei mir erkundigst.“

„Du und ich – wir waren Freunde.“ Malik wandte seinen Kopf, um Avery anzusehen. „Ich frage dich als Freund. Es gibt nur wenige Menschen, denen ich vertrauen kann, und du gehörst dazu. Trotz allem, was zwischen uns passiert ist. Würdest du noch etwas für mich empfinden, hätte ich dich nicht behelligt. Da du aber Schluss gemacht hast, gehe ich davon aus, dass ich dir nichts mehr bedeute. Oder irre ich mich?“

Was sollte sie dazu sagen? Dass sie jede Nacht von ihm träume? Dass sie unkonzentriert war und doppelt so lange für einfache Aufgaben brauchte wie sonst? Dass sie sich nach der Trennung kaum wiedererkannt hatte und im Spiegel auch heute noch eine Fremde sah?

Ihr Herz schlug so heftig gegen die Rippen, dass sie fast glaubte, Malik müsse es sehen. Würdest du noch etwas für mich empfinden, hatte er gesagt. Kein Wort über seine eigenen Empfindungen.

„Nein, du hast dich nicht geirrt“, bestätigte sie in dem frostigen Ton, mit dem sie aufdringliche Männer abblitzen ließ. „Unsere Vergangenheit hat nichts damit zu tun, dass ich dir nicht weiterhelfen kann.“

„Worüber habt Kalila und du euch unterhalten?“

„Das weiß ich nicht mehr genau.“ Avery wollte sich nicht damit beschäftigen. Für sie war jede der Unterhaltungen eine Tortur gewesen. Da Malik sich mit dieser Antwort jedoch nicht begnügen würde, ergänzte sie: „Schuhe, Kleider, Schulbildung für Frauen. Solche Sachen. Kalila hat nie auch nur angedeutet, dass sie weglaufen wollte.“

Oder doch? Avery runzelte die Stirn.

Malik reagierte sofort: „Was?“

„Nichts.“

„Dein Nichts ist meine einzige Spur.“

„Also gut. Könnte sie in der Wüste sein?“

„Ausgeschlossen. Kalila hasst die Wüste.“

„Ich weiß.“ Avery hatte nicht begriffen, warum eine junge Frau, die in der Wüste aufgewachsen war, eine solche Abneigung dagegen hatte. Und noch weniger, warum diese Frau jemanden heiraten wollte, der die Wüste liebte. „Sie hat mir erzählt, dass sie dort Angst bekommt.“

Malik registrierte ihre schuldbewusste Miene. Seine Augen verengten sich. „Und was hast du ihr daraufhin geraten?“

„Nun … Wir haben darüber geredet, wie man mit Ängsten umgehen soll. Allerdings nur ganz kurz.“

„Und?“

„Und nichts. Jeder weiß, dass es am besten ist, den Stier bei den Hörnern zu packen, wenn man Angst vor einer Sache hat. Mehr habe ich nicht gesagt. Natürlich war damit nicht speziell Kalila gemeint.“ Aber was, wenn sie es so aufgefasst hat?

„Du hast ihr gesagt, dass sie in die Wüste gehen soll?“, fragte Malik ungläubig.

Avery fühlte sich entschieden unwohl in ihrer Haut. „Selbstverständlich nicht! Nur, dass es manchmal sinnvoll ist, etwas zu tun, wovor man sich fürchtet. Zu lernen, dass man sich überwinden und hinterher stärker sein kann.“

„Oder tot. Weißt du, wie gefährlich die Wüste für jemanden ist, der nicht gelernt hat, dort zu überleben?“

„Ja doch! Und ich finde es ungerecht, dass du mir die Schuld gibst. Ich habe Kalila nicht in die Wüste geschickt!“

„Dann lass uns hoffen, dass sie auch nicht dort ist. Sie würde nämlich keine fünf Minuten überleben.“ Malik zog sein Handy aus der Hosentasche und telefonierte auf Arabisch. Mit seinem Sicherheitsteam, vermutete Avery. Sie stand kleinlaut da und fühlte sich schrecklich, weil sie mit ihren Worten möglicherweise etwas Schlimmes ausgelöst hatte. Außerdem war es nicht schön, Malik so besorgt zu erleben.

Hatte Kalila Averys Bemerkungen etwa wörtlich genommen? Bestimmt nicht. Oder doch? Avery presste ihre Fingerspitzen gegen die Schläfen, als ließen sich dadurch ihre Gedanken ordnen. „Vielleicht kann ich …“

„Du hast bereits mehr als genug getan“, unterbrach Malik sie und steckte das Handy wieder ein. „Danke für deine Unterstützung. Du hast mir alles gesagt, was ich wissen muss.“

So abweisend hatte sie ihn noch nie erlebt. Malik trat immer sehr bestimmt auf. Viele Leute fanden ihn sogar einschüchternd. Avery nicht. Ebenso wenig, wie Malik sich von ihr einschüchtern ließ. Für ihn war ihr beruflicher Erfolg kein Problem gewesen. Das hatte ihr gefallen.

„Es ist nicht meine Schuld“, verteidigte sie sich, hörte jedoch selbst, dass sie wenig überzeugend klang. Zweifel nagte an ihr. „Und falls sie es doch getan haben sollte, ist es vielleicht gar nicht schlecht. Kann doch sein, dass sie dadurch selbstbewusster wird. Falls Kalila tatsächlich in die Wüste gereist ist, finde ich das sehr mutig von ihr.“

„Mutig?“, brauste Malik auf. „Wirst du sie auch noch für mutig halten, wenn sie von einem Skorpion gestochen wird? In einen Sandsturm gerät oder in einer Blitzflut ertrinkt?“

Vor lauter schlechtem Gewissen ging Avery zum Angriff über: „Vielleicht überrascht Kalila dich ja! Diese Erfahrung könnte ihr Leben verändern. Ihr Mut machen, für sich einzustehen und dir endlich zu sagen, was sie will. Überhaupt solltest du dich fragen, warum sie weniger Angst vor der Flucht hat als vor der Hochzeit. Sie ist vor dir weggelaufen, Malik!“

Er sah Avery finster an. „Du glaubst, dass ihr Verschwinden etwas über unsere Beziehung aussagt.“

„Allerdings.“

„Kalila hat zugestimmt. Sie wollte diese Hochzeit.“

„Woher weißt du das? Hast du sie irgendwann gefragt? Oder hast du einfach gedacht, du wüsstest Bescheid – wie immer? Vielleicht wollte sie gar nicht heiraten und hatte Angst, es dir zu sagen.“ Das reicht, bremste Avery sich. Sei still, bevor du etwas sagst, was du später bereust.

„Nicht jede Frau betrachtet die Ehe als Gefängnis.“

Plötzlich ging es gar nicht mehr um die Prinzessin. Sie kämpften, genau wie früher. Nur, dass dieser Kampf nicht mit einer leidenschaftlichen Versöhnung enden würde. Die senkrechte Falte zwischen Maliks Augenbrauen signalisierte, dass er in dieselbe Richtung dachte wie Avery.

„Die Rede war von Kalila“, erinnerte sie ihn und versuchte, möglichst kühl zu wirken.

„Ja.“

„Vielleicht konnte sie ihren Standpunkt nicht anders ausdrücken als durch Flucht. Ich weiß nichts Näheres darüber, und ich will es auch gar nicht. Aber du hast mich nach meiner Meinung gefragt, und …“

„Nein, habe ich nicht. Ich kenne deine Einstellung zur Ehe, also ist jede Frage dazu überflüssig. Wie wir beide wissen, haben wir zu dem Thema entgegengesetzte Ansichten.“

Avery stöhnte innerlich. Warum fing er immer wieder davon an?

„Wie du ganz richtig angemerkt hast, ist es unwahrscheinlich, dass ich Kalilas Gefühle kenne“, fuhr Malik fort. „Allerdings liegt es auf der Hand, dass sie sich vor der Hochzeit fürchtet.“

Womöglich liegt sie halb verdurstet in der Wüste, schoss es Malik durch den Kopf. Oder sie ist bewusstlos, und die Aasgeier hacken schon mit ihren Schnäbeln nach ihr. „Ich vermute, sie ist deinem Rat gefolgt“, kam er wieder zur Sache. „Das würde erklären, warum wir in der Stadt keine Spur von ihr finden.“ Seine Augen blitzten. „Du weißt wohl nicht, wohin genau sie wollte? Hast du ihr einen angeblich geeigneten Ort empfohlen, an dem sie sich ihrer Furcht stellen kann?“

„Nein! Aber vielleicht könnte ich …“

„Nicht nötig.“ Malik ging zur Tür. „Danke für deine Zeit. Ich weiß ja, wie wertvoll sie ist. Schick mir einfach eine Rechnung für diese Besprechung.“

Das war es dann also. Er ging. Der Druck in ihrer Kehle verstärkte sich. „Malik …“

„Ich muss los. Ich lasse nicht zu, dass diese unschuldige junge Frau ausgeliefert wird – weder den Launen der Wüste noch jenen des Mannes, der unglücklicherweise ihr Vater ist.“

Seine Worte trafen Avery ins Mark. Sie beneidete Kalila, weil Malik sich derart um sie sorgte. Als gelernter Soldat und Diplomat war er hart im Nehmen und neigte nicht zu Sentimentalitäten. Während seiner Zeit mit Avery hatte er sich ihr niemals von einer weichen Seite gezeigt. Heute aber tat er es in Bezug auf eine andere Frau.

Die Spannung zwischen ihnen hatte sich verflüchtigt. „Ich lasse dich wissen, ob die Party stattfindet“, sagte Malik kühl. „In der Zwischenzeit kannst du deine Arrangements auf Eis legen und mir alle bisherigen Kosten in Rechnung stellen.“

„Hör bitte auf, über Geld zu reden! Das Geld ist mir egal. Ich mache mir Sorgen um Kalila. Warte.“

„Ich muss sofort mit der Suche beginnen.“

„Dann suche ich mit dir!“

Malik hielt inne, eine Hand auf der Türklinke. „Wie bitte?“

Sie wusste nicht, wer von ihnen beiden überraschter war. Eben konnte sie es kaum abwarten, dass er sich endlich verabschiedet, und jetzt verkündete sie, dass sie ihn begleiten wollte! Sie riss freiwillig die alten Wunden auf, damit Malik eine andere Frau heiraten konnte. Was zum Teufel machte sie hier eigentlich?

Am liebsten hätte sie ihre Worte zurückgenommen, doch ihr Sinn für Anstand ließ das nicht zu. „Hätte Kalila gedacht, dass sie mit dir reden kann, dann hätte sie es getan. Falls du sie findest …“

Wenn ich sie finde“, korrigierte Malik mit drohendem Unterton. Seine Augen versprachen alle möglichen Strafen, falls er bei der Suche keinen Erfolg haben würde.

„Natürlich, genau das meinte ich“, lenkte Avery rasch ein. „Wenn du sie findest, werdet ihr beide Klartext reden müssen. Aber was machst du, wenn sie sich weigert? Bisher hat sie sich dir doch auch nicht anvertraut. Es ist viel wahrscheinlicher, dass sie mit mir spricht.“

Malik zögerte. „Verstehe ich dich richtig? Du willst mir bei der Suche nach meiner Braut helfen und sie anschließend überreden, mich zu heiraten?“

„Genau.“ Diese beiden Silben kosteten Avery gehörige Überwindung.

Er blickte sie an, als wollte er die Fassade, die sie ihm zeigte, Schicht um Schicht abtragen.

„Dagegen spricht doch nichts“, ergänzte sie, weil sie seinen forschenden Blick nicht ertrug.

„Ich dachte, es wäre möglicherweise problematisch für dich, dass ich eine andere Frau heirate.“

„Problematisch?“ Sie hoffte, dass ihr Lachen in seinen Ohren echter klang als in ihren eigenen. „Warum? Unsere Beziehung ist vorbei, Malik. Niemand gönnt dir diese Hochzeit mehr als ich. Warum sonst organisiere ich wohl die Party? Na los, machen wir uns auf den Weg.“

3. KAPITEL

„Okay, jetzt weiß ich, dass du übergeschnappt bist.“ Jenny lag auf dem Bett in Averys Apartment und schaute ihrer Freundin beim Packen zu. „Du reist in die Wüste, um eine feige Prinzessin zu finden, damit sie den Mann heiraten kann, den du mal geliebt hast? Hört sich an wie eine Szene aus einer miesen Seifenoper. Es wird mit Heulen und Zähneklappern enden – und zwar für dich.“

„Ich habe noch nie wegen eines Mannes geheult. Und behaupte bitte nicht ständig, ich hätte ihn geliebt.“ Geschickt rollte Avery zwei Blusen zusammen, damit sie in der Reisetasche keine Falten bekamen. „Kalila ist nicht feige. Sie kann nichts dafür, dass ihr Vater sie ihr Leben lang unterdrückt hat. Mir tut sie leid. Besser keinen Vater als so einen.“

„Lass uns deinen Vaterkomplex für eine Weile vergessen. Es gibt Wichtigeres.“

„Ich habe keinen Vaterkomplex.“

Jenny stopfte sich ein Kissen in den Rücken. „Ich kapier nicht, warum der Prinz dich um so etwas bittet. Der Mann hat echt Nerven.“

„Er hat mich nicht gebeten. Es war mein eigener Vorschlag. Ohne Braut kann er nicht heiraten, und ich will, dass er möglichst bald einen Ehering am Finger hat.“

„Du willst, dass er heiratet?“

„Klar.“ Avery legte zwei Hosen in die Reisetasche. Eins war für sie völlig klar: Sobald Malik verheiratet war, gab es kein Zurück mehr. Mit seiner Hochzeit würden sich sämtliche Gefühle erledigen, die sie noch für ihn hatte. Endlich wäre Schluss. „Abgesehen davon will ich, dass die Party steigt. Es ist schlecht fürs Geschäft, wenn ein Projekt abgesagt wird.“

„Heißt das, du machst es fürs Geschäft?“

„Ich mache es, weil ich mich um Kalila sorge. Du hättest Maliks Gesicht sehen sollen. Als hätte ich seine Verlobte in einen Löwenkäfig geschoben und die Tür hinter ihr zugesperrt. Dabei mag ich sie.“

„Wirklich? Sie klingt verdächtig nach einem Waschlappen.“

Avery kramte in der Lade mit ihrem Make-up nach ein paar Produkten, ohne die sie sich nicht gesellschaftsfähig fühlte. „Kalila ist reizend, aber ein Opfer der Umstände. Jedenfalls fühle ich mich verantwortlich. Und schuldig leider auch. Ich werde nie wieder jemandem raten, sich mit seinen Ängsten zu konfrontieren.“

Jenny nahm einen Lippenstift und probierte ihn auf dem Handrücken aus. „Du bist nicht verantwortlich, wenn sie einen Fehler macht. Toller Farbton übrigens.“

„Vielleicht bin ich es doch.“ Avery nahm ihrer Freundin den Lippenstift weg und steckte ihn in die Reisetasche. „Immerhin habe ich Kalila auf die Idee gebracht.“ Sie blickte auf ihr Handy, dessen Display eine Liste mit den Sachen zeigte, die noch eingepackt werden mussten. Auf keinen Fall wollte sie eine böse Überraschung erleben, nur weil sie falsch ausgerüstet war. Also entschied sie sich für Kleidungsstücke, die möglichst viel Haut bedeckten – nicht nur als Schutz gegen die Sonne, sondern auch, weil sie nichts tragen wollte, was Malik auch nur ansatzweise als provokativ auffassen konnten. Das fehlte noch, dass er glaubte, sie würde um seine Aufmerksamkeit buhlen.

„Du leitest ein Unternehmen“, beharrte Jenny. „Dir fehlt die Zeit, um mit deinem Ex-Freund hinter einer Frau herzujagen, die du kaum kennst. Du hättest … Was sind das denn für Dinger?“ Entsetzt zeigte sie auf die Wanderstiefel, die Avery gerade aus dem Schrank holte.

„Diese Dinger sorgen dafür, dass mich kein Skorpion sticht und keine Schlange beißt.“

„Kein Wunder, dass die Prinzessin durchgebrannt ist. Ich würde auch niemanden heiraten, in dessen Land ich so grottenhässliche Stiefel tragen müsste.“

„Die Wüste ist traumhaft schön, Jenny. Wild und faszinierend.“

„Du bist echt in Schwierigkeiten. Das weißt du doch, oder?“

Ja, ich weiß es, dachte Avery. Doch sie sagte nur: „Quatsch. Ich habe alles im Griff.“

Jenny seufzte. „Dann darf ich wohl den Senator anrufen, um ihm die Schwäne und Ballons auszureden.“

„Genau. Im Notfall kannst du mich per Handy erreichen. Falls es dafür ein Netz gibt. Aber Malik hat ein Satellitentelefon, das darf ich sicher benutzen, um dich anzurufen. Und erzähl bitte niemandem, wo wir sind. Sobald wir Kalila gefunden haben, lassen wir uns eine Geschichte einfallen, um ihre Abwesenheit zu erklären. Falls jemand nach mir fragt, sag einfach, dass ich mit einer Freundin unterwegs bin und in spätestens drei Tagen zurückkomme … Warum guckst du so komisch?“

„Du gehst davon aus, dass Kalila sich besinnt und Malik heiratet. Aber wenn sie nicht will? Immerhin ist sie vor ihm geflohen.“

„Malik und sie müssen bloß anfangen, miteinander zu reden. Es wird schon klappen.“ Dafür werde ich sorgen, dachte Avery entschlossen.

„Hoffentlich hast du recht.“ Jenny hob eine Flasche Sonnenmilch auf, die aus der Reisetasche gefallen war. „Du bist reichlich optimistisch für jemanden, der nicht mal genau weiß, wo er suchen soll.“

„Wir haben ein paar Ansätze. Ich habe vorhin mit Kalilas Schwester telefoniert. Sie meint, Kalila könnte in einer Oase sein, in der sie als Teenager einige Zeit verbracht hat.“

„Hoffentlich gibt es da keine Skorpione.“

Mein Problem ist kein Skorpion, sondern Malik. Und das, was ich immer noch für ihn empfinde. „Du übertreibst“, sagte Avery leichthin. „Man muss morgens bloß daran denken, seine Stiefel auszuschütteln, bevor man sie anzieht. Und man sollte nicht ohne guten Grund einen Stein hochheben.“

„Du weißt alles darüber, wie man eine gute Party schmeißt. Wann bitteschön hast du auch alles über Skorpione gelernt?“

„Als ich mit Malik in der Wüste war“, antwortete Avery knapp. Sie mochte nicht an die Zeit zurückdenken.

„Als Kronprinz hatte er sicher juwelenbesetzte Zelte und etliche Diener dabei. Skorpione sind in königlicher Gesellschaft garantiert nicht erlaubt.“

„Sein Vater wollte, dass er ein Jahr bei einem Stamm in der Wüste lebt, damit er versteht, wie diese Leute ticken. Außerdem war Malik nach seinem Abschluss an der Uni von Cambridge beim Militär. Er kennt die Wüste. Heute ist es allerdings etwas anders, denn wir reisen nicht nach Zubran, sondern nach Arhmor, in Kalilas Heimat. Welchen soll ich nehmen?“ Sie hielt zwei Sonnenhüte hoch und ließ den in die Reisetasche fallen, auf den Jenny zeigte. „Wir werden uns als Touristen ausgeben.“

„Aber wird man Malik nicht erkennen? Und was ist mit dir? Mit deinen blonden Haaren und blauen Augen fällst du doch auf.“

„Darum nehme ich ja den Hut mit. Außerdem rechnet niemand damit, dass der Kronprinz von Zubran in einem schlichten Geländewagen herumfährt. Und weil die Leute ihn nicht erwarten, werden sie ihn auch kaum erkennen.“

Jenny schüttelte skeptisch den Kopf. „Trotzdem. Durch die Wüste zu reisen, noch dazu mit dem Mann, den du mal geliebt hast …“

„Ich habe ihn nicht geliebt. Wie oft muss ich das noch sagen, bis du es glaubst?“

„Sehr oft. Ich mache mir halt Sorgen um dich.“

„Brauchst du nicht. Diese Reise wird mich endgültig kurieren.“ Avery zog den Reißverschluss der Tasche zu. „Ich werde alles Menschenmögliche tun, damit Malik heiratet. Vielleicht schiebe ich Kalila sogar eigenhändig zum Altar.“

Sie treibt mich zur Weißglut. Malik fragte sich, wie Avery und er es zwölf Monate zusammen ausgehalten hatten. Keine andere Frau hatte diese Wirkung auf ihn – ganz sicher nicht jene Frau, die er heiraten sollte. Er fragte sich, ob er Kalila die Flucht verübeln konnte. Schließlich gab es weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart etwas, was sie beide verband.

Malik hatte nicht gelogen: Man konnte die Unterhaltungen zwischen ihm und seiner Braut tatsächlich an den Fingern einer Hand abzählen. Allerdings lag dies nicht an Kalilas strenger Erziehung, sondern daran, dass sie sich schlicht nichts zu sagen hatten.

Bei der Hochzeit ging es ausschließlich um Pflicht. Malik hatte seine Wahl bewusst getroffen und war davon ausgegangen, dass Kalila seine Haltung teilte. Nur einmal in seinem Leben hatte er geglaubt, Pflicht und Neigung könnten übereinstimmen, doch das war Vergangenheit. Nur, dass diese Vergangenheit gerade ihre Reisetasche von der Schulter gleiten ließ. Ich bin ein Narr, sagte er sich. Hätte ich sie bloß nicht mitgenommen.

„Ich fahre.“ Avery deponierte ihre Tasche auf dem Rücksitz des Geländewagens. Elegant sah sie aus in der Leinenhose und dem Hemd, das ihre Arme vor der Sonne schützte. Die langen Haare hatte sie zu einem strengen Zopf geflochten, der zwischen ihren Schulterblättern endete.

Ihre Haut war wie immer makellos, genau wie das dezente Make-up. Kein Anzeichen, dass sie sich gestresst fühlte. Warum auch, dachte Malik grimmig. Schließlich hat sie Schluss gemacht. Offenkundig bereut sie ihre Entscheidung nicht.

Ich fahre“, widersprach Malik. Er wollte sich auf etwas konzentrieren, das nicht den Namen Avery Scott trug. „Das ist unauffälliger.“

Sie funkelte ihn an, als wäre er persönlich verantwortlich für Erderwärmung und Wirtschaftskrise. „Der Fahrer erregt mehr Aufsehen als der Beifahrer. Du sollst nicht erkannt werden, also fahre ich“, beharrte sie.

„Hast du vor, über jedes Detail dieser Reise zu streiten?“

„Hängt ganz von dir ab. Übrigens: Wenn du als Tourist durchgehen willst, solltest du auch wie einer aussehen. Hier.“ Sie warf ihm eine Baseballkappe zu.

Malik fing sie auf und las die Worte auf der Vorderseite. „I love London?“

„Ich wollte noch ein passendes T-Shirt besorgen, aber deine Größe war ausverkauft. Wenigstens siehst du mit der Kappe eher wie ein Tourist aus. Jetzt brauchst du nur noch damit aufzuhören, mich herumzukommandieren.“

Ein Außenstehender hätte sich nichts dabei gedacht, dass Averys Blick kurz zu Maliks Schultern glitt. Doch für Malik war es ein Signal – ebenso wie die Tatsache, dass sie einen Schritt zurückwich. „Ich habe dich nie herumkommandiert“, stellte er klar. „Du hast schon immer getan, was du wolltest.“

Malik glaubte zu erkennen, wie die Gelassenheit in ihrer Miene wich. Avery schien etwas sagen zu wollen. Doch dann lächelte sie nur flüchtig und meinte: „In dem Fall wirst du nichts dagegen haben, dass ich fahre.“

Sie öffnete die Fahrertür und wollte einsteigen, da legte Malik eine Hand auf ihren Arm. Diese Berührung reichte, um die unterschwellige Anziehungskraft zwischen ihnen jäh aufflammen zu lassen. Malik zog seine Hand zurück, doch es war zu spät. Sein Körper wollte keinen Abstand halten. Avery war so nah, dass Malik ihr Parfum riechen konnte. Der Duft überlagerte seine Sinne und rief Erinnerungen wach, die das Denken ausschalteten. Plötzlich hatte er keine Ahnung mehr, was er sagen wollte. Er wusste nur noch, wie sehr er diese Frau begehrte.

Ihr Atem ging schnell und flach. Sein Blick senkte sich auf ihre Lippen. Er kannte diesen Mund so gut, und er wollte ihn. Als er Avery wieder in die Augen schaute, nahm er dort einen ungewohnten Ausdruck wahr, doch bevor Malik ihn richtig deuten konnte, verschwand er wieder.

Avery schaute zur Seite. „Na gut, dann fahr halt, wenn dir so viel daran liegt.“

In ihrer Stimme hörte Malik eine Mischung aus Langeweile und Belustigung. Nur das, wonach er suchte, hörte er nicht: Liebeskummer oder Schmerz. Das habe ich mir eben wohl nur eingebildet, folgerte er.

Avery ging um den Wagen herum und zog die Beifahrertür auf. „Wenn du deine Männlichkeit beweisen willst, indem du dich ans Steuer setzt, nur zu. Vielleicht kannst du ja auch mit dem Speer eine Antilope für unser Mittagessen erlegen oder eine Klapperschlange mit bloßen Händen erwürgen. Oder du kochst eine leckere Skorpionsuppe?“ Als sie einstieg, schwang der blonde Zopf wie ein schimmerndes goldenes Seil über ihren Rücken. „Fahr bitte zügig, okay? Nichts regt mich mehr auf, als ein zögerlicher Fahrer.“

Malik biss die Zähne zusammen. Einen Moment lang spielte er mit der Idee, Avery einfach zurückzulassen. Dummerweise brauchte er sie vielleicht als Vermittlerin. Also stieg er widerstrebend ein. „Zuerst fahren wir zum Wüstencamp. Morgen früh müssten wir ankommen.“

Falls der Gedanke an die bevorstehende Nacht Avery verunsicherte, ließ sie es sich nicht anmerken. „Warum fliegst du nicht mit dem Hubschrauber dorthin?“, fragte sie.

„Weil dann jeder wüsste, dass meine Braut weggelaufen ist.“ Er schnallte sich an und startete den Wagen. „Ich versuche, Kalila zu schützen. Ihr Vater soll möglichst nicht von ihrer Flucht erfahren.“

„Ich verstehe. Ein Artikel mit der Überschrift Braut des Prinzen brennt durch wäre keine gute Werbung für dich.“ Avery hielt sich mit beiden Händen am Sitz fest, als das Auto auf der staubigen Straße durch ein Schlagloch fuhr. „Sag mir, wenn ich dich ablösen soll.“

„Du bist eine schreckliche Beifahrerin.“

„Ich nehme die Dinge halt gern selbst in die Hand. Wenn ich schon sterben muss, will ich wenigstens über Zeit und Ort entscheiden. Eigentlich auch gern über meinen Begleiter, aber der Spatz in der Hand ist bekanntlich besser als die Taube auf dem Dach.“

Er unterdrückte ein Grinsen. „Du weißt genau, dass ich ein ausgesprochen guter Fahrer bin.“

„Um das zu sein, bräuchtest du Übung. Du wirst doch ständig von einem Chauffeur herumkutschiert.“

„Ich fahre oft selbst, wenn ich während der Fahrt nicht arbeiten muss. Außerdem habe ich den Pilotenschein – wie du ebenfalls weißt.“ Malik schaute sie von der Seite an.

„Guck bitte auf die Straße. Du musst unversehrt sein, wenn du deine jungfräuliche Prinzessin findest.“

„Was stört dich eigentlich mehr? Dass sie Prinzessin ist – oder Jungfrau?“

„Mich stört überhaupt nichts.“

„Nun, deine Wortwahl ist interessant. Magst du Kalila nicht?“

„Im Gegenteil, ich mag sie sehr.“ Avery setzte ihre Sonnenbrille auf. „Sie passt perfekt zu dir.“

„Wie meinst du das?“

„Sie wird keine deiner Entscheidungen hinterfragen, weil es für sie ausgeschlossen ist, dass du unrecht haben könntest.“

„Vielleicht, weil ich nie im Unrecht bin.“ Malik sah aus dem ...

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