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Julia Sommerliebe, Band 19

ROSALIE ASH

Heiß wie der Wind der Ägäis

Nie hat er seine schöne Frau vergessen können: Becky, die ihn – wie er glaubt – raffiniert in die Ehefalle gelockt hat. Seit zwei Jahren sind sie getrennt, und seitdem sehnt er sich nach ihr. Und dann das überraschende Wiedersehen: Matt nimmt sie sofort mit auf seine Jacht: Er will sich rächen, aber schon nach ihrem ersten Kuss ist es erneut um ihn geschehen ...

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Rosalie Ash

Heiß wie der Wind der Ägäis

1. KAPITEL

Rebecca sah von der Terrasse des Restaurants hinunter und zitterte.

Er war es. Matt Hawke konnte man nicht so leicht verwechseln. Selbst von hier oben, geblendet von der Abendsonne und den violetten Schatten der Dämmerung auf den weißen Mauern, wusste sie, dass er es war. Zu allem Überfluss steuerte er genau auf sie zu. Groß, schlank und sonnengebräunt in einem lockeren weißen T-Shirt und abgeschnittenen Jeans, nahm er mit vertrauter Lässigkeit jeweils zwei Stufen der steilen Steintreppe.

Krampfhaft umklammerte Rebecca den Rand des Tabletts. In einem plötzlichen Anflug von Panik sah sie bereits die Teller mit Speiseresten auf dem Boden der gut besuchten Terrasse landen. Sie zwang sich, das Tablett festzuhalten, und verschwand in der Küche, um es auf einem der Arbeitstische abzustellen.

„Was ist los? Du siehst aus, als hättest du einen Schock bekommen.“ Sofie sah Rebecca verwundert an, während sie mit geübter Hand frische Estragonzweige auf vier Teller mit Hühnchen in Weißweinsoße verteilte. „Ich habe doch gesagt, dass du uns nicht helfen musst, Becky! Du sollst dich erholen und nicht auf der Terrasse der Alten Mühle Tabletts schleppen!“

Er ist hier“, flüsterte Becky. Ihre Stimme klang melodramatisch, und sie war selbst erschrocken über ihre nervöse Anspannung.

Er?“, stichelte ihre Schwester, aber es klang Neugier in ihrer Stimme mit. „Wer ist er? König Konstantin selbst? Der Aga Khan?“

„Matt.“

„Oh.“ Sofies Lippen formten eine tonlose Antwort. Mit einem Blick gen Himmel nahm sie das Tablett mit den Hühnchengerichten und bahnte sich einen Weg zu den wartenden Gästen. „Wenn es genauso wird wie damals, dann ist es wohl mit Ruhe und Frieden vorbei“, fügte sie trocken hinzu.

Wütend blieb Becky zurück und ballte frustriert die Fäuste. Sie liebte ihre Schwester über alles, aber manchmal hätte sie Sofie erwürgen können. Und in diesem Augenblick war es mal wieder so weit. Konnte sie sich nicht vorstellen, wie es für sie sein musste, nach zwei Jahren Matt wieder gegenüberzustehen?

Einer der Kellner drängte sich hinter Becky vorbei, und sie trat zögernd auf die Terrasse zurück. Wie war es nur möglich, dass Furcht ein derartiges körperliches Unwohlsein hervorrief?

Sie fühlte sich wie ein gehetztes Reh, als sie zu den Tischen hinübersah, die inzwischen fast alle besetzt waren. Der Abendhimmel hatte die samtig violette Farbe angenommen, die für die griechischen Inseln so typisch war. In einer Viertelstunde würde es stockfinster sein, und die Lichter der Cafés, Bars und Jachten im Hafen von Skopelos würden wie Glühwürmchen in der Dunkelheit leuchten.

Saß er hier oben? War er es wirklich gewesen? Vielleicht hatte sie nur halluziniert. Zugegeben, sie hatte in den letzten Monaten oft genug von ihm geträumt. Es waren bittersüße und verwirrende Träume gewesen, voller Verlangen und Hass, die sie aufwühlten und verstörten. Zitternd strich sie eine Strähne ihres honigblonden Haars hinters Ohr.

Eine plötzliche Berührung an ihrem Arm ließ Becky so heftig zusammenfahren, dass sie fast gefallen wäre.

„Hallo, Becky“, neckte eine verführerische Stimme. „Überempfindlich wie immer, wie ich sehe.“

Sie atmete tief durch. „Matt! Was um alles in der Welt machst du hier?“

„Ich hoffe, dass ich etwas zu essen bekomme. Was sonst? Das ist doch das berühmte Restaurant Alte Mühle, oder? Die beste französische Küche der nördlichen Sporaden.“

„Wir sind vollständig ausgebucht“, entgegnete sie heiser.

„Dann nehme ich einen Ouzo und warte“, antwortete er weich.

Sprachlos starrte sie ihn an, während er sie aus dunkelblauen Augen musterte. Um sie herum lachten und redeten die Restaurantgäste, Gläser klirrten und Bestecke klapperten. Eine Gruppe Deutscher alberte herum und schoss Erinnerungsfotos, eine englische Familie beklagte das Ende der Ferien. Sie machten Scherze darüber, dass sie vielleicht das Flugzeug verpassen sollten, um bleiben zu können …

Die entspannte Atmosphäre hätte wohltuend sein können. Aber Becky spürte eine solche Spannung zwischen sich und Matt, dass sie zu ersticken glaubte.

Sie wusste, dass sie mit ihren schwarzen Shorts, dem schwarzen T-Shirt und dem frisch gewaschenen Haar, das ihr weich auf die Schultern fiel, durchaus passabel aussah. Doch in Matts Augen sah sie, dass er bemerkt hatte, wie blass und dünn sie geworden war. Amüsierte Missbilligung blitzte darin auf.

„Ist das jetzt der letzte Schrei in der Modewelt – verhungertes Waisenkind?“, murmelte er. Sein Lächeln ließ ihren Puls in die Höhe schnellen. Doch hinter seiner Belustigung verbarg sich ein unterdrückter Zorn, der sie erschauern ließ. War er wütend auf sie? Warum? Was gab ihm das Recht dazu? Hatte sie ihm nicht einen Gefallen getan, indem sie diese zum Scheitern verurteilte Beziehung beendet hatte und ihm damit die Peinlichkeit ersparte, es selbst zu tun?

Eine Mischung aus Trotz, Stolz und Beschämung trieb ihr die Röte ins Gesicht. Entschlossen vergrub sie die Hände in den Hosentaschen. „Ich arbeite nicht mehr als Model.“

„Nein? Mit 22 bist du doch wohl nicht schon zu alt?“

„Du weißt genau, warum ich aufgehört habe.“

„Stimmt. Aber ich dachte, du hättest wieder angefangen.“

„Habe ich aber nicht.“ Sie starrte auf seine dunklen Bartstoppeln und das zerzauste schwarze Haar, das ihm in widerspenstigen Wellen bis tief in den Nacken fiel. Er sah aus wie einer dieser sonnenverbrannten Typen auf den Taucherbooten von Lemnos. Ein Pirat, geradewegs von seiner Galeone gesprungen … Der Anblick sandte ihr einen Schauer über den Rücken, und ihr Magen zog sich zusammen. Und trotzdem: Matt Hawkes fesselnde Ausstrahlung hatte nichts mit seinem großen, muskulösen Körper oder den markanten Gesichtszügen zu tun. Es waren seine dunkelblauen Augen, die sie ansahen und nicht mehr loszulassen schienen.

„Ist das der neueste Look des skrupellosen Unternehmenssanierers?“, fragte sie schroff. „T-Shirt, Jeans und Dreitagebart?“

„Ich mache Urlaub“, erklärte er lässig und schmunzelte über ihren scharfen Tonfall. „Gefällt dir der raue Anblick etwa nicht, Becky?“

Wenn es um dich geht, ist mir jeder Anblick zuwider, wollte sie sagen. Stattdessen presste sie die Lippen zusammen und wandte sich zu Vangelis, einem der jungen griechischen Kellner. „Würdest du diesem Gentleman hier bitte einen Ouzo bringen?“

Nichts als frostige Herablassung lag in ihren Worten. Leider wurde dieser Effekt sofort wieder von Sofie zunichtegemacht, die mit einem leeren Tablett auf die beiden zugeeilt kam.

„Matt, wie schön, dich wiederzusehen!“ Wütend beobachtete Becky, wie ihre Schwester sich auf die Zehenspitzen stellte, um Matt voll übersprudelnder Herzlichkeit auf die dunkle Wange zu küssen. Ihre kurzen aschblonden Locken wippten dabei, und sie lachte. „Wo hast du dich die letzten zwei Jahre versteckt? Richard und ich haben dich vermisst!“

„Schön, das wenigstens von euch zu hören.“ Sein Lächeln war schwer zu deuten. „Ich war die meiste Zeit in Hongkong.“

„Um ein paar überschuldete Unternehmen vor dem Untergang zu retten?“, erkundigte sich Sofie.

„So ungefähr.“

„Wohl eher, um sie in den Abgrund zu stoßen und den Gewinn einzustreichen“, korrigierte Becky süß.

„Vielleicht ist das die genauere Beschreibung“, räumte Matt ohne Umschweife ein.

„Also, wenn ihr beiden euch streiten wollt, tut es bitte nicht hier“, bat Sofie, die schon wieder in Richtung Küche eilen wollte. „Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist ein Kleinkrieg zwischen den Tischen.“

Sofie!“ Becky hätte am liebsten vor Wut laut aufgeschrien.

„Sie hat recht.“ Matt nickte kurz. Sein Humor war plötzlich verschwunden. „Es gibt eine Menge zu besprechen, Becky. Kommst du auf einen Drink mit mir runter zum Hafen?“

„Lieber verdurste ich.“

„Sei nicht kindisch.“

„Ich arbeite heute Abend hier“, fügte sie schnell hinzu und errötete leicht unter dem scharfen, prüfenden Blick ihrer Schwester. „Ich habe also keine Zeit …“

„Nimm den Rest des Abends frei“, bemerkte Sofie leise. Auch ihre Fröhlichkeit war geschwunden. Die Spannung zwischen ihnen schien fast greifbar. „Geh und rede mit Matt, Becky. Er ist immerhin noch dein Ehemann.“

Es entstand eine beklemmende Pause.

„Das bin ich.“ Matts lässiger Tonfall wirkte fast provozierend.

Becky spürte, wie ihre Kehle trocken und die Handflächen feucht wurden. Ein untrügliches Zeichen von Panik.

Matt schien ihren aufgewühlten Zustand sofort zu erfassen, als hätte es die lange Trennung zwischen ihnen gar nicht gegeben. Sein Blick war jetzt eine Spur weicher, als er die Hand ausstreckte und ihre Wange berührte.

„Komm schon, Becky.“

Seine Worte rissen sie aus ihrer Angststarre.

„Fass mich nicht an“, zischte sie. „Und spar dir deine Bevormundungen. Ich komme seit unserer Trennung ganz gut allein zurecht.“

„Vielleicht – vielleicht aber auch nicht“, sinnierte er und sah sie nachdenklich an. In seinen Augen lag etwas Rätselhaftes, doch in dem tiefen, schattigen Blau ahnte sie einen Schimmer von Gefühl, der ihr Herz höher schlagen ließ. Genau davor hatte sie sich gefürchtet. Deshalb hatte sie es immer wieder vor sich hergeschoben, den Brief zu schreiben und eine Entscheidung zu treffen. Der Grund war das quälende Wissen, dass er in der Lage war, sie auf diese Weise zu berühren.

Schweigend folgte sie ihm die lange gewundene Steintreppe hinunter. Der violette Abendhimmel hatte sich inzwischen in ein tiefes Blaurot verwandelt. Als sie die letzte Stufe erreichte, wurde ihr plötzlich schwindlig, und sie musste sich an der Mauer festhalten.

„Ist alles in Ordnung?“ In seiner kühlen, tiefen Stimme schwang ein Hauch von Anteilnahme mit. Sie biss die Zähne zusammen und nickte stumm.

„Alles bestens, danke. Ich hatte eine Viruserkrankung, das ist alles …“

Nur aus diesem Grund bin ich hier, wollte sie hinzufügen. Ansonsten wäre sie noch am anderen Ende der Welt geblieben, an einem Ort, wo selbst der allmächtige Matt Hawke sie nicht finden konnte …

„Ein Virus! Wann war das?“

Sie hatten inzwischen die endlose Reihe von Straßencafés am Hafen erreicht. Die Lokale lagen so dicht nebeneinander, dass man unmöglich erkennen konnte, wo das eine aufhörte und das nächste anfing.

„Als ob dich das kümmern würde!“, konterte sie herausfordernd. Sie blieben vor einem Café mit niedrigen Glastischen, gepolsterten Korbsesseln und einer golden leuchtenden Markise stehen.

„Becky …“ Der vernünftige Ton, den er anschlug, verhieß nichts Gutes. Inzwischen hatten sie sich für einen Tisch nahe am Wasser entschieden, und er setzte sich ihr gegenüber. „Langsam bin ich irritiert. Vor zwei Jahren hast du mich verlassen. Seitdem bist du im Nichts verschwunden und hast jeden Kontakt zu mir gemieden. Wie in Teufels Namen willst du also wissen, ob es mich kümmert oder nicht?“

Für einen Moment, der ihr endlos vorkam, trafen sich ihre Blicke. Ein gefährliches Funkeln trat in Matts Augen.

„Ich möchte nicht darüber sprechen“, sagte sie fest. „Ich wusste, dass es so kommen würde. Die Art, wie du – wie du alles unter Kontrolle behalten und verhandeln willst, als ginge es hier um einen von deinen verwünschten Geschäftsdeals …“

„Becky.“

„Nein, das stimmt nicht“, fügte sie hinzu, unfähig, ihre Verbitterung zu verbergen. „Deine Geschäftsangelegenheiten waren dir immer weitaus wichtiger als jede persönliche Beziehung, nicht wahr, Matt?“

Ein junger Kellner war aufgetaucht und fragte höflich nach ihren Wünschen, nicht ohne seine dunklen Augen anerkennend über Beckys gebräunte schlanke Beine wandern zu lassen.

„Für mich Wasser, bitte.“

Matt zog spöttisch eine Braue hoch. „Bringen Sie uns bitte eine Flasche Mineralwasser und zwei Ouzos“, wies er den Kellner an.

„Arrogant wie eh und je!“, bemerkte sie kalt, nachdem der junge Grieche sich entfernt hatte.

„Selbstverständlich.“ Matts breiter Mund wirkte grimmig. Die Linien zwischen seiner Nase und seinen Mundwinkeln hatten sich tiefer eingegraben, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Sie unterstrichen den Anschein von zynischer Erfahrenheit, den er sich gab. Eine Flut von Erinnerungen überkam sie – die verschlingende, ungehemmte Leidenschaft seines Mundes auf ihren Lippen, die dunkle Kraft seiner sexuellen Ausstrahlung, die all ihre Widerstände hinwegfegte und ihre Sinne gefangen nahm …

Trotz der warmen Temperatur schlang sie fröstelnd die Arme um sich.

„Du wirfst mir vor, im Nichts verschwunden zu sein“, nahm sie den Gesprächsfaden wieder auf und spürte, wie sie sich von ihm dazu aufstacheln ließ, sich zu verteidigen. „Aber behaupte nicht, dass du mich nicht hättest finden können, wenn du gewollt hättest. Es hat dich einfach nicht interessiert, wo ich war!“

„Hättest du denn gewollt, dass ich dich finde?“ Seine kühle Reaktion schockierte sie.

„Nein“, gab sie beherrscht zurück. „Warum auch?“

Matt schwieg. Trotzig starrte sie ihn an. Der Kellner brachte die Getränke, und während er sie servierte, dehnte sich das Schweigen. Becky konnte die Augen nicht von Matt abwenden.

Das weiße T-Shirt betonte die breiten, muskulösen Konturen seiner Schultern und seiner Brust und verschwand unter dem flachen, festen Bauch im Bund der Jeansbermudas. Deren ausgewaschener Stoff schmiegte sich eng um die männliche Wölbung und die festen Oberschenkel. Darunter ließen sich muskulöse und von der Sonne braun gebrannte lange Beine sehen. Schwarze Segeltuchschuhe komplettierten sein Outfit. Über sein Schienbein zog sich eine fast verheilte Schnittwunde.

„Hier.“ Sein Blick hatte etwas Herausforderndes, als er sich vorbeugte, um den Ouzo mit Wasser aufzufüllen. „Wenn du damit fertig bist, meinen modischen Geschmack zu begutachten, nimm einen Schluck und entspann dich einfach.“

Sie funkelte ihn an, dann sah sie auf den milchigen Anisdrink vor sich. Sicherlich würde er wirken wie ein K.-o.-Schlag. Zitternd vor Wut griff sie nach dem Glas und nahm einen Schluck.

„Ich warne dich. Wenn ich mich entspanne, sage ich vielleicht etwas, das ich später bereue.“

„Hört sich interessant an. Ich nehme an, etwas zu meinen Gunsten?“

Sie beschloss, diese Frage zu ignorieren, und lehnte sich in dem Korbsessel zurück. Während sie die Beine übereinanderschlug, sah sie ihn verunsichert über den Rand ihres Glases hinweg an.

„Was ist mit deinem Bein passiert?“ Die Frage war ihr so herausgerutscht. Seine Augen starrten einen Moment ins Leere, bevor er an sich hinabblickte. Dann schien er sich zu erinnern.

„Ich bin vor drei Wochen bei Sturm an Deck ausgerutscht. Der Meltemi-Wind hatte mich überrascht. Normalerweise kommt er erst einen Monat später –“

„Du bist drei Wochen lang um die Inseln gesegelt?“, fiel sie ihm ins Wort und runzelte fassungslos die Stirn.

„Ein bisschen länger“, entgegnete Matt ruhig. Er lehnte sich zurück, und das Zucken in seinem Mundwinkel verriet ihr, dass er ihre Verwirrung bemerkt hatte.

„Aber ich dachte –“ Sie hielt inne. Was hatte sie eigentlich gedacht? Dass er aufgrund des Briefes gekommen war? Das hatte sie zunächst angenommen, obwohl das Schreiben einfach, geradeheraus und unmissverständlich gewesen war – und mit Sicherheit nicht um einen persönlichen Besuch bat …

Aber wenn er die ganze Zeit mit dem Segelboot unterwegs gewesen war, hatte er den Brief vielleicht noch gar nicht bekommen.

„Ja?“, fragte er sanft nach. „Was dachtest du?“

„Ich – ich dachte, du machst nie Urlaub!“, erklärte sie wenig überzeugend.

Matt verengte die Augen, aber er schien ihr die Entgegnung zu glauben.

„Als ich dich vor drei Jahren kennenlernte, habe ich mir auch freigenommen“, erinnerte er sie ruhig. „Oder hast du das schon vergessen?“

„Das ist keine Erinnerung, an der ich besonders hänge“, log sie und bemühte sich, gelassen zu klingen.

„Nein? Das kann ich mir vorstellen.“ Eine Spur Bitterkeit lag in seiner Stimme. Oder irrte sie sich?

Verzweifelt nahm sie einen weiteren großen Schluck Ouzo und schloss die Augen. Der Alkohol brannte ihr in der Kehle und hinterließ eine Feuerspur bis zu ihrem Magen.

„Warum bist du hier, Matt?“, wagte sie schließlich zu fragen. „Warum wolltest du mich sehen?“

Es entstand eine kurze Pause.

„Es gab keinen besonderen Grund“, entgegnete er rundweg. „Ich hatte geschäftlich in Athen zu tun. Während ich hier auf den Sporaden war, habe ich beschlossen, Sofie und Richard zu besuchen. Und wen sehe ich da auf der Terrasse Kellnerin spielen? Meine kleine entflohene Ehefrau!“

„Mach dich nicht lustig über mich, Matt.“

Sein Lächeln war nur ein weißes Blitzen in seinem dunklen Gesicht, ohne eine Spur von Humor.

„In Ordnung. Ich werde mich nicht über dich lustig machen. Wo hast du dich in den letzten zwei Jahren versteckt, Becky?“

„Ich habe mich nicht versteckt“, erwiderte sie steif. „Ich – ich habe im Ausland gearbeitet.“

„Aber nicht als Model?“

Sie schüttelte den Kopf und sah, wie er fieberhaft darüber nachdachte, was sie wohl sonst gemacht haben könnte. Für ihn war sie immer das dumme kleine Häschen gewesen, und er hatte sie wie ein Kind behandelt, das man als intelligenter Erwachsener nicht ernst nehmen musste.

„Hier bist du jedenfalls nicht gewesen – ich habe von Zeit zu Zeit bei Sofie nachgefragt.“

„Warum?“ Ihre Frage schien ihn zu verärgern.

„Warum?“, wiederholte er abrupt. „Weil du meine Frau bist, Becky!“

„Und du möchtest gerne wissen, wo sich dein Besitz befindet?“

Sein Mund wurde schmal, und seine Miene verdüsterte sich. „Genau“, stimmte er ausdruckslos zu.

„Sag mal“, begann sie mit zitternder Stimme, „bist du ganz allein um die Inseln gesegelt?“

„Nicht die ganze Zeit.“

„Hattest du männliche oder weibliche Begleitung?“

„Beides. Was nicht bedeutet, dass ich plötzlich bisexuell geworden bin“, stichelte er spöttisch. Ihre Wangen erglühten, obwohl sie sich bemühte, gelassen und ruhig zu bleiben. Der Ausdruck seiner Augen rührte etwas in ihr an, und sehnsüchtige Erinnerungen wurden wach.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du einen ganzen Monat auf See verbringst, ohne dass eine liebestolle Frau mit dir die Koje teilt“, entgegnete sie beißend.

„Wenn du nicht wolltest, dass ich bei einer anderen Trost suche, warum hast du mich dann verlassen, Becky?“

„Du weißt, warum ich gegangen bin!“ Sie kochte plötzlich vor Wut. Wie konnte er es wagen, hier einfach so aufzutauchen, sie zu verspotten und ihr solche Fragen zu stellen?

„Ich weiß, wir hatten ein lächerliches Telefongespräch. Du hast mir mindestens zwei Dutzend Anschuldigungen entgegengeschleudert, nur wegen des verwirrten Geschreibsels irgendeiner idiotischen Frau, mit der ich kaum ein Wort gewechselt hatte …“

Becky schüttelte wütend den Kopf und schloss die Augen.

„Hör auf – hör auf! Hör auf, alles wieder aufzuwärmen, als ob … als ob es sich im Nachhinein erklären lässt, nur weil zwei Jahre vergangen sind! Du weißt, dass du in Hongkong gefeiert und geflirtet hast … das weißt du ganz genau! Du und Su-Lin, ihr wolltet heiraten, bevor ich aufgetaucht bin. Ich war nur ein unglücklicher … Ausrutscher!“

Matt sah sie einen langen Moment an, sein gebräuntes Gesicht zeigte keine Regung. Schließlich schüttelte er langsam den Kopf.

„Was soll man noch sagen, wenn man mit so überzeugter Eifersucht konfrontiert wird?“

Zitternd vor Wut funkelte sie ihn an.

„Hör zu, Matt. Ich weiß nicht, was du willst. Ich verstehe nicht, warum du hierhergekommen bist –“

„Und ich habe nie verstanden, was du eigentlich möchtest“, schnitt er ihr kühl das Wort ab. „Was geht in deinem kleinen, wankelmütigen Kopf vor sich, Rebecca?“

Sie ertappte sich dabei, wie sie nervös eine ihrer honigbraunen Locken um den Finger zwirbelte.

„Nichts natürlich“, erinnerte sie ihn mit großen, unschuldigen Augen. „Hast du vergessen, dass du ein hirnloses Dummchen geheiratet hast, das töricht genug war, schwanger zu werden, als die heiße Affäre in Langeweile umschlug?“

„Warum tust du das immer?“, fragte er sanft. Der Ton seiner Stimme täuschte, das wusste sie. Er strafte seinen harten, angespannten Ausdruck um den Mund Lügen.

Was tue ich immer?“, entgegnete sie süß. „Mit meinen Haaren herumspielen, was du mir ja immer verboten hast?“

„Nein. Ich meine, dich so kleinzumachen und so zu tun, als wärst du ein einfältiges Püppchen. Du weißt genau, dass du intelligent bist und beinahe unbegrenztes Potenzial hast.“

„Spar dir deine gönnerhaften Komplimente!“, fauchte sie und nahm einen weiteren Schluck Ouzo, bevor sie das Glas auf den Tisch zurückstellte und es weit von sich schob. Seit der schlimmen Virusattacke und der darauf folgenden langwierigen Genesung hatte sie kaum Alkohol getrunken. Nun spürte sie seine Wirkung dreimal so stark.

Ähnlich war es ihr am Anfang ihrer Schwangerschaft ergangen, als sie nicht wusste, warum ihr Hormonsystem so durcheinander war. „Entschuldige mich“, fügte sie fest hinzu, schob ihren Stuhl zurück und stand auf. „Ich werde früh müde und muss ins Bett.“

„Becky …“ Sie spürte seinen unterdrückten Zorn, während er ein paar Münzen auf den Tisch warf und polternd seinen Stuhl zurückstieß, um ihr zu folgen.

Im Seitenspiegel eines geparkten Autos sah sie flüchtig ihr angespanntes Gesicht. Es war blass geworden, und die vielen Sommersprossen auf ihrer Nase stachen aus dem Weiß hervor. Ihre braunen Augen wirkten groß – wie dunkle Seen über den hohen Wangenknochen, die ihr als Model immer viel Bewunderung eingetragen hatten.

„Becky, warte.“ Matt ergriff ihren nackten Arm und zwang sie, stehen zu bleiben. Seine Stimme klang rau und ungeduldig. Abrupt drehte er sie zu sich um, und sie blickten sich einen Moment lang starr an, während um sie herum gut gelaunte Menschen in Grüppchen am Hafen entlangspazierten. Becky versuchte, ihren Arm zu befreien, aber seine Finger drückten nur noch fester zu und bohrten sich in das weiche Fleisch. Sie biss sich auf die Unterlippe und holte tief Luft.

„Lauf mir nicht davon“, fuhr er sie an, als sie sich verärgert losriss.

„Hör auf, mich herumzukommandieren“, gelang es ihr zu kontern. Nur ihre heisere Stimme verriet, wie sehr ihre Nerven blank lagen.

Er stand so dicht neben ihr, dass sie seine Hitze fühlen und den leichten Moschusduft seiner Seife riechen konnte. Auch er schien angespannt zu sein, das sah sie an der pochenden Halsschlagader.

Ihre Blicke trafen sich für einen langen Augenblick. Ein Schauer lief Becky über den Rücken, als sein Blick langsam nach unten glitt und über ihren schlanken Hals, die schmalen Schultern und die sanfte Wölbung ihrer Brust unter dem T-Shirt wanderte. In Matts Miene zeigte sich keine Regung. Ihr stockte der Atem. Fast meinte sie, den Blick spüren zu können wie kühne, männliche Hände, die in Besitz nahmen, was ihnen so lange verwehrt worden war. Ihr wurde plötzlich heiß, und die widerstreitenden Gefühle in ihr ließen sie zittern.

„Ich werde dich begleiten“, sagte er knapp. „Ich nehme an, du wohnst bei Sofie und Richard?“

„Ich finde den Weg schon allein zurück“, erklärte sie beißend. Er ignorierte ihren Einwand und lief neben ihr her. Als er ihr locker den Arm um die Schulter legte und auf ihren ungläubigen Blick hin nur spöttisch die Mundwinkel verzog, wäre sie fast explodiert. Der Mann an ihrer Seite, der sie um mehr als zehn Zentimeter überragte und sie besitzergreifend umfasst hielt, weckte schmerzhafte Erinnerungen. Erinnerungen, die ihr die Kehle zuschnürten.

Augenblicklich war alles wieder da: wie ihr Herz damals einen Sprung gemacht hatte, als er sie das erste Mal berührte. Diese idiotische Woge von Erregung und Scheu, die sie ergriffen hatte, als er mit ernstem Ausdruck ihre Hand nahm und begutachtete. Er hatte seine Finger mit den ihren verschränkt, sodass ihre Handflächen auf unbeschreiblich intime, sinnliche Art aneinanderlagen. Sie hätte sich niemals träumen lassen, dass die einfache Berührung zweier Hände ein solches Gefühl auslösen könnte …

Becky schluckte, um das trockene Gefühl im Hals loszuwerden. Einen Moment lang schloss sie die Augen. Wie hatte sie nur glauben können, dass sie nichts mehr für Matt Hawke empfand? Zwar war sie seiner magnetischen Ausstrahlung entronnen und hatte sich zwei Jahre vor ihm versteckt. Aber über ihn hinweggekommen war sie nicht. Kaum stand er wieder vor ihr, lief sie auch schon Gefahr, erneut schwach zu werden.

„Matt …“ Sie standen vor der dunkelgrünen Tür von Sofies und Richards Haus.

„Ja?“

„Bitte …“

Er nahm den Arm von ihrer Schulter. An seinem Gesichtsausdruck konnte sie nichts ablesen, zu kompliziert waren die Gefühle, die sich darin spiegelten.

„Bitte was?“

Ein sinnlicher Schimmer lag in seinen Augen, der ihr mehr zu schaffen machte, als ihr lieb war. Gleichzeitig musterte sein Blick sie unverfroren und kühl, sodass sie sich fühlte wie ein Insekt unter dem Mikroskop. Und schließlich entdeckte sie darin eine Spur von Belustigung, die sie verwirrte.

Sie zwang sich, das Kinn zu heben und seinem eindringlichen Blick standzuhalten.

„Bitte mach nicht alles noch schwieriger, als es schon ist“, gelang es ihr in nüchternem, geschäftsmäßigem Tonfall zu bemerken.

„Auf die Gefahr hin, wie ein Papagei zu klingen – was soll ich nicht noch schwieriger machen, als es schon ist, Becky? Etwa mit meiner rechtmäßigen Gattin das Ehebett zu teilen? Geht es hier darum?“

Hitze flammte durch ihren Körper. Mit zusammengebissenen Zähnen rang sie sich ein Lächeln ab.

„Nein, Matt“, sagte sie, auf einmal ruhig. „Den Bedingungen für unsere Scheidung zuzustimmen. Darum geht es hier!“

2. KAPITEL

„Unsere Scheidung?“ Matts Gesicht hatte den harten Ausdruck angenommen, den sie so gut kannte – diese zynische, verschlossene Miene, die nichts über seine wirklichen Gefühle verriet.

„Ist es das, was du willst, Becky? Die Scheidung?“

„Was glaubst du? Ich sehe keinen Grund … offiziell weiter mit dir verbunden zu sein. Ich dachte, du wärst deshalb nach Skopelos gekommen! Hast du nicht den Brief meines Anwalts bekommen?“

Er schüttelte den Kopf. Sein eisiger Blick ließ sie erschauern und einen Schritt auf die Tür zu machen. Feige oder nicht, sie hasste Matt, wenn er sich so herrisch aufführte. Das war einer der Gründe, warum sie diesen gefürchteten Moment hinausgeschoben hatte und sich stattdessen Monat für Monat in einer Art Schwebezustand hatte treiben lassen.

„Nein. Ich habe keinen Brief bekommen“, bekräftigte er. Sie hatte das unangenehme Gefühl, dass er in Gedanken blitzschnell die Tatsachen und seine Handlungsmöglichkeiten durchging. Diese Fähigkeit hatte ihm in der Geschäftswelt den Ruf eines Retters in höchster Not eingetragen, wie ihr jemand mal erklärt hatte. In internationalen Vorstandskreisen rief man Matt immer dann zur Hilfe, wenn es darum ging, einen Konzern durch kluge Analyse der Situation aus der finanziellen Krise zu führen.

Vermutlich kalkulierte er in diesem Moment kühl, welche finanziellen Verpflichtungen mit einer Scheidung auf ihn zukämen …

„Ich war eine Weile schwer erreichbar“, fügte er ruhig hinzu. „Aber wenn du die Scheidung willst, sollst du sie auch bekommen, mein Liebling.“ In seiner gedehnten Sprechweise lag etwas Spöttisches.

Becky gefror das Blut in den Adern. Warum war sie so erschüttert? Hatte sie etwa erwartet, dass er anfangen würde zu streiten? Bitterkeit stieg in ihr hoch. Was für eine erbärmliche Närrin sie doch war!

„Danke“, brachte sie heraus. „Mach dir keine Sorgen. Es sind keine Kinder im Spiel, und ich bin nicht hinter deinem Geld her. Ich möchte nur meine Freiheit.“

„Hast du jemand anderen gefunden?“ Matts Blick beunruhigte sie. Sie hatte alles erwartet, aber nicht dieses irritierende Wohlwollen.

„Das geht dich nichts an.“

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass du zwei Jahre lang treu gewesen bist.“

„Versuch nicht, mich auf dein Niveau runterzuziehen.“

Matt atmete tief aus und packte sie an den Schultern. Augenblicklich verspannte sie sich und wollte ihn von sich stoßen, doch bevor sie die Kraft dazu aufbrachte, zog er sie nah an sich. Viel zu nah.

„Mein Niveau? Ich habe nie ganz verstanden, was das in deinen Augen sein soll“, sagte er rau. Er fasste sie am Kinn, sodass sie ihn ansehen musste. Sein Blick schien ihr durch und durch zu gehen, als könnte er damit ihre geheimsten Gedanken erforschen. „Warst du immer so ein Unschuldslamm? Was ist mit Ted Whiteman …?“

Ihr stockte der Atem. Ted war Inhaber der Modelagentur gewesen, für die sie gearbeitet hatte. Aber die Annahme, dass sie mehr als eine berufliche Beziehung zu ihm unterhalten hatte, war absurd.

„Matt, deine Arroganz …“

Er beugte sich zu ihr und erstickte ihre Worte mit einem Kuss.

Seine Lippen fühlten sich fest und warm an und entflammten ihren ganzen Körper. Während Becky noch versuchte sich zu wehren, wurde sein Kuss leidenschaftlicher. Verlangen und Zorn mischten sich in ihr, sodass sie anfing, haltlos zu zittern.

Besitzergreifend drückte Matt sie an sich. Sein Mund liebkoste ihre Lippen mit unersättlicher Lust. Becky spürte ein Prickeln in den Brüsten, deren erregte Spitzen gegen seinen Oberkörper gepresst wurden. Ungeahntes Verlangen durchströmte sie und erzeugte Gefühle in ihr, die sie schon fast vergessen hatte.

Heftig riss sie sich los und starrte ihn an. Doch er hielt immer noch ihre Schultern umfasst und streichelte ihr über die nackten Oberarme. Seine Augen kamen ihr jetzt noch dunkler vor.

„Becky … wir müssen reden“, murmelte er, noch ganz überwältigt von seinem Verlangen. „Das ist Wahnsinn …“

„Du hast recht. Es ist Wahnsinn. Denn ich will weder mit dir reden noch mit dir ins Bett gehen!“

„Das kann ich mir vorstellen, schließlich willst du ja die Scheidung.“ Sein sarkastischer Ton ließ sie erröten. „Aber wir müssen reden. Verflucht, du bist weggegangen, ohne ein Wort zu sagen. Findest du nicht, dass du mir eine Erklärung schuldest?“

„Wir sollten von jetzt an das Reden lieber den Anwälten überlassen.“ Die Unsicherheit in ihrer Stimme machte sie wütend.

Ob er sich seiner Wirkung auf sie bewusst war? Ihr Herz pochte wie wild. Auch nach ihrer Hochzeit hatten sie nur wenig Zeit zusammen verbracht, da er ständig geschäftlich in der Welt herumreiste. Trotzdem wusste er ihre Körpersprache sehr wohl zu deuten, das erkannte sie nun. Er mochte vornehmlich seine Geschäfte im Kopf haben, aber wenn er wollte, konnte er äußerst einfühlsam sein.

„Ich sehe hier weit und breit keine Anwälte, du vielleicht?“, entgegnete er mit einem leichten Lächeln. „Wie wäre es, wenn wir morgen Abend zusammen essen, Becky?“

„Mittags wäre mir lieber“, schlug sie nüchtern vor. „Ein Abendessen ist mit zu vielen Erinnerungen verbunden.“

Aus zusammengekniffenen Augen betrachtete er sie einige Augenblicke lang durchdringend, und Becky wurde rot.

„Wem misstraust du eigentlich? Mir oder dir selbst?“

Sie wagte nicht, darauf einzugehen. „Also, Mittagessen oder nicht?“

„Ich muss morgen nach Athen“, wandte er ein, „aber zum Abendessen bin ich zurück.“

„Eine Geschäftsreise, nehme ich an?“, bemerkte sie sarkastisch.

„Natürlich. Die Katze lässt doch das Mausen nicht.“ In Matts Blick lag Spott.

„Wohl nicht. Okay, zum Abendessen.“ Sie zwang sich, kühl und gelassen zu klingen. Schnell entwand sie sich seinem Griff.

Es war sicher besser, ihm nachzugeben, als sich auf einen sinnlosen Kampf einzulassen. Je mehr sie protestierte, umso schneller würde er durchschauen, wie verletzlich sie war. Außerdem war sie ohnehin nicht in Gefahr, erneut seinem tödlichen Charme zu erliegen, auch wenn er sie zum Dinner ausführte. Sollte sie dennoch in Versuchung geraten, müsste sie sich nur in Erinnerung rufen, wie ihr letzter gemeinsamer Beziehungsversuch geendet hatte …

„Ich reserviere uns einen Tisch in der Alten Mühle für neun Uhr, okay?,“ sagte sie.

„Schön. Wir sehen uns dort.“ Während sie schon den Hausschlüssel aus der Tasche zog, fügte sie sarkastisch hinzu: „Solltest du wegen unerwarteter Geschäftsverpflichtungen nicht erscheinen, wird mich das nicht im Geringsten wundern. Es wird wie in alten Zeiten sein! Gute Nacht, Matt.“

Sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu und lehnte sich innen erschöpft gegen die Wand. Nur unter Aufbietung all ihrer Kräfte gelang es ihr, zu ihrem Schlafzimmer zu laufen, sich auszuziehen und bettfertig zu machen.

Sie hatte sich bereits schwach gefühlt, bevor Matt heute Abend aufgetaucht war, aber er hatte ihr die letzten Widerstandskräfte geraubt. Sie hoffte nur, dass sie sich diesmal schneller erholte als während der Monate in Afrika, als sie sich die Virusinfektion geholt hatte!

Ein Abendessen mit Matt. Warum nur hatte sie eingewilligt? Schon wieder hatte er es geschafft, sie in die Enge zu treiben und seine starke Persönlichkeit wie eine Waffe gegen sie einzusetzen, so wie er es immer getan hatte …

Den nackten Körper nur von einem leichten Baumwolllaken bedeckt, lag sie unruhig im Bett und versuchte krampfhaft, Matts Bild aus ihrem Kopf zu verdrängen. Es funktionierte nicht; sie sah ihn nur noch deutlicher, bis ins letzte Detail. Wie war es möglich, dass er so attraktiv, entspannt und voll Selbstvertrauen wirkte, während sie sich fühlte, als sei sie die letzten zwei Jahre durch die Hölle gegangen?

Sie öffnete die Augen, und überall in der Dunkelheit stand ihr Matts Bild vor Augen. Das Stimmengemurmel und die Geräusche vorbeieilender Schritte auf der Straße draußen lösten Erinnerungen aus, die sie am liebsten ein für alle Mal auslöschen wollte …

Sie war gerade neunzehn gewesen, als sie sich kennenlernten. Es war Frühsommer, und sie war nach einem Fotoshooting auf den griechischen Inseln nach Skopelos gekommen, um hier in diesem Haus Ferien zu machen und Sofie und Richard gelegentlich im Restaurant zu helfen. Genau wie jetzt, nur dass sie noch ein anderer Mensch gewesen war. Damals hatte sie geradezu übergesprudelt vor Glück über ihren Job als Model und ihr Leben als Psychologiestudentin an der Londoner Universität.

Während eines Jobs als Kellnerin war sie von einem Stylisten der berühmten Ted-Whiteman-Agentur entdeckt und im Nu aus ihrem bescheidenen Leben herausgerissen worden. Auf einmal fand sie sich in der extravaganten Welt der Modefotografie wieder und verdiente ihr Geld auf dem Laufsteg, in der Kosmetikwerbung und sogar in einigen Fernsehspots. Gleichzeitig hatte sie weiterhin Vorlesungen und Seminare besucht.

In jenem Sommer hatte Matt Hawke gerade einen Auftrag für eine Reederei in Athen abgeschlossen und war von den zwei Geschäftsführern zu einem einwöchigen Segeltörn um die Inseln eingeladen worden.

Er hatte die beiden zur Alten Mühle auf Skopelos geführt, um sie mit Sofie und Richard bekannt zu machen. Während Becky gedankenverloren den Tisch abräumte, verschüttete sie einen Rest Suppe auf Matts Schoß.

„Gut, dass sie kalt war“, sagte er und erduldete amüsiert ihre verzweifelten Versuche, die Flüssigkeit von seiner Jeans zu wischen. „Vielleicht sollte ich das lieber selber machen, was meinen Sie?“

Sie erstarrte mit der Serviette in der Hand, als ihr plötzlich bewusst wurde, an welcher intimen Stelle die Suppe gelandet war. Zum ersten Mal sah sie ihm in die Augen. Sein unverschämt selbstbewusster Blick vernichtete den kläglichen Rest ihres Selbstvertrauens. Sie wurde puterrot.

„Es tut mir wirklich sehr leid“, sagte sie mit dünner Stimme.

Sein Lächeln wurde breiter. Gelassen hielt er ihr die Hand entgegen.

„Matt Hawke. Und Sie sind Becky, Sofies kleine Schwester. Wahrscheinlich erinnern Sie sich nicht an mich.“

„Matt Hawke …?“ Nachdem sie ihn einige Sekunden verständnislos angestarrt hatte, kehrte ihr Gedächtnis mit einem Mal zurück und ließ sie noch mehr erröten.

In Jeans und legerem Hemd sah er ganz anders aus als der Mann mit Frack und Zylinder, dem sie sieben Jahre zuvor das erste Mal begegnet war. Trotzdem erkannte sie ihn nun wieder. Aber ihr Stolz verbot ihr, das zu erkennen zu geben, denn sie war damals nach der Hochzeit ihrer Schwester ein paar Monate sehr in ihn verliebt gewesen.

Die Bilder von damals standen ihr sofort wieder vor Augen – das feuchte Festzelt an einem regnerischen Samstag im Juni irgendwo in der Grafschaft Somerset. Champagner und eine Menge gut gekleideter Menschen. Ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr …

Deutlich erinnerte sie sich an ihr unangenehm steifes Brautjungfernkleid aus pfirsichfarbenem Taft und die Unsicherheit einer Zwölfjährigen mit Zahnspange, glatt herunterhängendem Haar und einer noch kindlichen Figur. Ihre Brüste wollten sich einfach nicht so entwickeln wie bei ihren Freundinnen und gaben ihr das Gefühl, besonders klein und unbedeutend zu sein.

„Ich war Richards Trauzeuge und Sie die erste Brautjungfer. Erinnern Sie sich?“

Trotz ihrer wichtigen Rolle hatte sie sich bei der Hochzeit alles andere als bedeutend gefühlt, denn Richards Schwestern und Cousinen, die anderen Brautjungfern, waren süße kleine Mädchen mit goldenen Locken, die ihr in ihren identischen pfirsichfarbenen Kleidchen die Show stahlen. Becky dachte daran, wie sie von dem großen dunklen Trauzeugen angezogen wurden, der auf mühelose Art mit ihnen scherzte.

„Hm – ja … ich glaube, ich erinnere mich, obwohl sieben Jahre eine lange Zeit sind. Sie müssen ein gutes Gedächtnis für Gesichter haben.“

„Vor ein paar Wochen habe ich in der Sonntagszeitung ein Foto von Ihnen gesehen.“

„Wirklich?“ Sie war vollkommen gefangen von seiner Ausstrahlung und spürte immer noch die Wärme seines Händedrucks.

„Sie haben eine Art Wunder-BH getragen, den Sie ganz bestimmt nicht nötig haben“, sagte er mit so viel Humor in den Augen, dass sie völlig dahinschmolz und trotz ihrer Befangenheit laut loslachte. Anders als bei ihrer letzten Begegnung hatte sie jetzt genügend Selbstbewusstsein, um zu wissen, dass seine Bemerkung keine Kritik bedeutete.

„Ich kann sicher besser modeln als servieren.“

„Das bezweifle ich nicht …“

Die beiden dunkeläugigen Griechen sahen Becky mit unverhohlener Bewunderung an, doch ihre ganze Aufmerksamkeit galt Matt. Er zog sie dermaßen in seinen Bann, dass für sie nur noch seine spöttisch zusammengekniffenen blauen Augen und sein leichtes Lächeln existierten.

Seine zurückhaltende, aber merkliche Bewunderung löste ein Prickeln in ihr aus. Ihr wurde ganz schwach, und ihr Herz fing an, heftig zu klopfen, während er seinen Blick ungeniert über ihren Körper in dem weiten grünen Sommerkleid wandern ließ. Noch nicht einmal dieses Gefühl konnte sie davor bewahren, eine Dummheit zu begehen …

Danach entschied sich Matt, noch einige Tage länger auf Skopelos zu bleiben, während seine griechischen Partner zurück zum Festland segelten. Er fand ein Zimmer in einem Luxushotel in der Nähe der Bucht, mietete einen offenen Jeep und machte sich daran, Becky den Kopf zu verdrehen.

Drei Tage lang unternahmen sie Ausflüge zu abgelegenen Höhlen, machten Picknick unter Pinienbäumen, schwammen im glasklaren Wasser der Ägäis, spazierten an kühleren Abenden hinauf zu Kapellen und verwunschenen Heiligengräbern. Sie aßen in kleinen, in den Bergen versteckten Tavernen Omelettes mit Schafskäse oder griechischen Salat mit frischem Brot und tranken Weißwein oder Ouzo.

Sofie lieferte Becky eine kurze Zusammenfassung von Matts kometenhafter Karriere und seinem Liebesleben, das weithin durch die Klatschpresse gegangen war. Sie riet ihrer kleinen Schwester, Matts Aufmerksamkeiten nicht zu ernst zu nehmen.

Er war erst achtundzwanzig, hatte es aber bereits vom Investmentbanker in New York zum Finanzchef einer großen internationalen Grundstücksgesellschaft mit diversen Aufsichtsratsposten gebracht. In seiner Welt wurde mit harten Bandagen gekämpft. Inzwischen war er bekannt dafür, so viele Frauenherzen gebrochen zu haben, wie er Firmen um des Profits willen zerschlagen hatte.

Drei Tage verbrachten Becky und er miteinander und redeten in dieser Zeit über alles Mögliche: vom Studentenleben bis zur Oper, vom Segeln bis zur Rockmusik, von ihrem Psychologiestudium bis zu Matts Streben nach Wohlstand und Macht. Am Ende dieser Zeit konnte sie kaum noch ihr Verlangen nach einer Berührung und nach einem Kuss von ihm unterdrücken. Sie wünschte sich sehnlich, dass sein Körper das einlöste, was seine Augen schon die ganze Zeit versprochen hatten.

Jedes Mal, wenn seine Hand ihren Arm streifte oder sie die Wärme seines Schenkels spürte, erstarrte sie äußerlich, während in ihrem Innersten ein Aufruhr tobte.

Am vierten Abend brachte Matt sie zurück zum Haus von Sofie und Richard in Skopelos-Stadt. Doch statt ihr ruhig Gute Nacht zu wünschen, drehte er sich im Fahrersitz zu ihr um und betrachtete sie eine Weile, bevor er mit der Hand zärtlich über ihren Arm strich.

Plötzlich schien sie keine Luft mehr zu bekommen, so als hätte sie vergessen, wie man atmet. Starr wie eine Statue saß sie auf dem Beifahrersitz, während Matt ihren Arm streichelte und seine Hand langsam hinauf zu ihrer Schulter und zu ihrem Hals wandern ließ, die feine Linie ihres Kiefers nachzeichnete und schließlich spielerisch ihr Ohrläppchen erkundete.

Becky glaubte, ein leichtes Zittern seiner Hand zu spüren. War er ähnlich aufgewühlt wie sie, weil auch ihm diese Zärtlichkeiten etwas bedeuteten? Oder spielten ihr ihre überreizten Sinne einfach nur einen Streich?

Matt ließ seine Hand nach unten gleiten und streifte dabei leicht ihre Brüste, deren Spitzen sich erregt aufgerichtet hatten. Dann ergriff er ihre Hand und musterte Becky mit einem ironischen Ausdruck in den Augen. Seine Finger verflochten sich mit ihren, und er presste seine warme Handfläche gegen ihre, was ihr vorkam wie die intimste Liebkosung und ihr Begehren geradezu unerträglich anstachelte.

„Gute Nacht, Becky.“ Seine tiefe Stimme klang heiser. Becky bebte vor Verlangen.

„Geh nicht, Matt“, hauchte sie, ohne zu wissen, woher sie den Mut dazu nahm. Ihre Bitte ließ einen kurzen Moment der Stille eintreten, bis Matt plötzlich auflachte und sie in die Arme nahm.

„Mein Gott, du bist zu jung“, murmelte er, gab ihre Hand frei und streichelte ihr Gesicht.

Sie schmiegte ihre heißen Wangen in seine Handflächen, und die Berührung schickte ein erregtes, angstvolles Prickeln durch ihren ganzen Körper. „Sofie wird mich umbringen …“

„Das hat nichts mit Sofie zu tun“, entgegnete Becky schwach, bevor sein Mund ihre Lippen bedeckte und seine Zunge die ihre fand. Ungeduldig wanderten seine Hände über ihren Körper und steigerten ihr Begehren ins Unermessliche. „Und außerdem … seit wann wird Küssen mit dem Tode bestraft?“ Sie versuchte humorvoll zu sein, sobald Matt sie wieder atmen ließ.

„Seit es zu dem führt, was ich jetzt am liebsten mit dir tun würde, meine kleine Becky.“ Seine Stimme zitterte vor Belustigung und Begierde.

„So klein bin ich nun auch nicht“, gab sie zurück. Der unsichere Blick aus ihren geweiteten haselnussbraunen Augen offenbarte ihm ihre ganze Unerfahrenheit und Verletzlichkeit.

„Nein, das bist du nicht.“ Er klang nicht überzeugt. Schnell begleitete er sie ins Haus. Am nächsten Morgen erfuhr sie von Sofie, dass er abgereist war.

Die Erinnerung an ihren restlichen Aufenthalt auf Skopelos verschwamm grau in grau. Die Insel kam Becky unendlich trostlos vor, trotz des blauen griechischen Himmels und des strahlenden Sonnenscheins.

Und so war ihr Leben weitergegangen, bis Matt acht Wochen später vor der Tür ihres möblierten Zimmers in Hampstead stand und ihr verkündete, dass er es nicht länger aushielt. Trotz seiner tiefen Bräune wirkte er abgezehrt, und ein Hauch von Whiskey umwehte ihn. Trotzdem sah er umwerfend attraktiv aus …

In der warmen Dunkelheit lag Becky in dem kleinen, weiß getünchten Schlafzimmer in Sofies Haus und versuchte, sich nicht von der Woge der Erinnerungen hinwegspülen zu lassen. Obwohl es heiß war, fröstelte sie. Niemals würde sie die Nacht damals vergessen …

Verzweifelt wälzte sie sich im Bett herum und vergrub ihr Gesicht im Kissen. Sie wollte endlich die Bilder aus ihrem Kopf verbannen. Irgendwo im Raum ertönte ein schrilles Summen. Erschrocken fuhr sie hoch und schaltete das Licht an. Sie hatte vergessen, den elektrischen Mückenschutz einzuschalten, und nun wimmelte das Zimmer von den kleinen saugenden Quälgeistern. Das fehlte ihr gerade noch nach einem solchen Abend!

An Schlaf war jetzt nicht zu denken. Entschlossen schwang sich Becky aus dem Bett, fand ein weites weißes T-Shirt und schwarze Leggings sowie ein Paar Slipper, in die sie hineinschlüpfte. Die Haare band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Bevor sie den Raum verließ, steckte sie den kleinen blauen Apparat in die Steckdose, besprühte sich mit Mückenschutzmittel und warf einen letzten Blick auf die ungebetenen fliegenden Gäste im Zimmer.

„Zur Hölle mit euch!“, flüsterte sie und verließ leise das Haus. Sofie und Richard waren erst vor einer Stunde nach Hause gekommen und wären sicher nicht begeistert, aus ihrem wohlverdienten Schlaf gerissen zu werden. Sie dagegen war froh, die drückende Hitze im Haus hinter sich zu lassen und in die nächtliche Kühle einzutauchen.

Die frühen Morgenstunden in Skopelos-Stadt waren ruhig. Seltsamerweise flößte die geheimnisvolle Dunkelheit der schmalen Straßen, des alten Kopfsteinpflasters und der tiefschwarzen, verwinkelten Gassen Becky überhaupt keine Angst ein.

Sie erreichte das Hafenviertel und ging langsam unter den Platanen an den geschlossenen Cafés vorbei. Eine Fledermaus schoss zum Dach eines der hohen Gebäude hinauf, während eine angenehm erfrischende Brise vom Meer herüberwehte hin zu den pinienbewaldeten Hügeln.

Ob Matts Boot hier irgendwo vor Anker lag? Gedankenverloren lief Becky weiter auf das Wasser zu. Auf welcher der weißen Jachten er jetzt wohl schlief?

Die Ägäis glitzerte silberschwarz im Mondlicht. Am Kai knarrten und schaukelten die Boote leicht auf den sanften Wellen, während weit entfernt eine Fähre in der Dunkelheit Kurs aufs Festland nahm.

Plötzlich wurde die Stille von dem gedämpften Geräusch langsamer Schritte hinter ihr durchbrochen. Beckys Nackenhaare sträubten sich, obwohl sie sich gleich dafür schalt. Lächerlich! Sie befand sich auf Skopelos und nicht in irgendeinem Großstadtslum und musste nicht gleich das Schlimmste befürchten, nur weil vielleicht ein anderer Zeitgenosse genau wie sie unter Schlaflosigkeit litt …

Obwohl sie versuchte, unbeeindruckt weiterzulaufen, beschleunigte sie unwillkürlich ihren Schritt. Vielleicht war ein nächtlicher Spaziergang doch keine so gute Idee gewesen. Sollte sie lieber schnell den Rückzug antreten und in ihrem Zimmer tote Mücken zählen?

Jemand war hinter ihr. Das gedämpfte Geräusch der Schritte ließ auf Sportschuhe schließen. Angespannt warf sie einen Blick über die Schulter.

Eine große, dunkle Gestalt schlich hinter ihr her. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Wahrscheinlich handelte es sich nur um jemand, der zu einem der Boote gehörte und Lust auf einen Nachtbummel hatte. Trotzdem war ihr Vertrauen, dass auf Skopelos nichts passierte, auf einmal dahin, und sie fühlte sich schutzlos allein hier draußen …

Wenn sie jetzt anfing zu rennen, würde er es dann auch tun? Sie hatte lange Beine und war beim Hundertmeterlauf in der Schule immer die Beste gewesen, doch seit ihrer Viruserkrankung hatte sie eine Menge Energie verloren.

Ihr panisches Gefühl erlaubte keinen logischen Gedanken. Als sie sich umdrehte und sah, dass der Mann näher kam, rannte sie los. Er tat es ihr nach. Wie sehr sie auch in der Vergangenheit mit ihren sportlichen Leistungen geglänzt haben mochte, ihr Verfolger gehörte eindeutig zu einer anderen Liga. Mühelos holte er sie ein, und höllische Angst ergriff sie, als Sekunden später eine kräftige Hand sie am Arm packte.

Sofort versuchte sie sich zu befreien und schlug blindlings um sich, bis eine tiefe, heisere Stimme tadelnd auf sie einredete: „Beruhige dich, Becky. Glaubst du etwa ernsthaft, ich würde dich vergewaltigen oder umbringen?“

Becky drehte sich um und sah Matt atemlos an. Sie fühlte sich ertappt, was sie nur noch wütender machte.

Du bist es!“, fauchte sie ihn an. Es ärgerte sie maßlos, dass er sich perfekt unter Kontrolle hatte, während sie nach Luft rang, am ganzen Körper bebte und weiche Knie bekam. „Dachtest du, mich zu Tode zu erschrecken wäre billiger für dich als eine Scheidung?“

„Hm, auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen“, entgegnete er lächelnd. „Ich habe an Deck bei einem letzten Drink gesessen und gesehen, wie du allein herumspazierst. Da habe ich mich moralisch verpflichtet gefühlt, dich im Auge zu behalten.“

„Tausend Dank! Wie ist es mir nur gelungen, die letzten zwei Jahre ohne deine Bewachung zu überleben?“

Ihr Sarkasmus schien ihn ungerührt zu lassen.

„Konntest du nicht schlafen?“, erkundigte er sich ruhig.

„Scheint ganz so. Aber da bin ich ja in bester Gesellschaft.“

Er neigte nachdenklich den Kopf, als er ihre plötzliche Blässe bemerkte und sah, welche Schmerzen ihr das Atmen bereitete.

„Was ist los, Becky? Du siehst krank aus.“

„Es ging mir wunderbar, bis du aufgetaucht bist“, erklärte sie schnippisch und merkte, wie ihr Gleichgewichtssinn durcheinandergeriet. Die Kaimauer, das dunkle Meer und die Reihen der Bootsmasten fingen an, sich zu drehen und zu schwanken, was ihr Übelkeit verursachte. „Um ehrlich zu sein … ich glaube, es geht mir nicht so gut …“

Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Mit Entsetzen spürte sie, wie ihre Beine wegknickten. Doch bevor sie auf den steinigen Boden fallen konnte, beugte sich Matt blitzschnell vor und fing sie auf.

Er hob sie hoch und trug sie auf sein Boot wie ein Pirat seine Beute.

3. KAPITEL

„Was immer in unserer Ehe auch schiefgelaufen ist, Becky, unsere Trennung scheint dir nicht gutgetan zu haben.“ Matts spöttischer Unterton war nicht zu überhören, als er sie auf einer Sitzbank in der Kajüte absetzte.

„Deine Überheblichkeit kannst du dir sparen.“

„Du siehst verdammt schlecht aus.“ Er setzte sich ihr gegenüber und betrachtete mitfühlend ihr bleiches Gesicht.

„Danke für das Kompliment.“ Sie war wütend auf ihn, doch sie fühlte sich wirklich miserabel. Das Rennen, die Panik und der Adrenalinstoß, als sie Matt erkannte, hatten sie erschöpft.

Seit sie aus Afrika zurück nach Hause geschickt worden war, hatte sie sich immer wieder so gefühlt. Sie sei selbst ihr schlimmster Feind, hatte Sofie ihr erklärt. Sie solle sich mehr ausruhen und entspannen. Doch das Problem von Ruhe und Entspannung war, dass sie dabei viel zu viel nachdachte. Nachdachte über die Vergangenheit, das Desaster ihrer Beziehung zu Matt – diese Grübelei war der wirkliche Feind …

„Es geht mir gut. Jedenfalls bin ich auf dem Weg der Besserung“, fügte sie leise hinzu. Matt schien über diese Aussage nachzudenken. Sie spürte, wie sein Blick über ihren Körper wanderte, von ihrem sportlichen Pferdeschwanz hin zu dem weiten T-Shirt und den Leggings. Unter der Musterung zuckte sie unmerklich zusammen, weil ihr einfiel, dass sie gar keine Unterwäsche trug. Dazu war sie zu verschlafen und spontan aufgebrochen.

Schutzsuchend verschränkte sie die Arme über der Brust. Trotz ihrer Benommenheit spürte sie deutlich Matts Nähe. Aber war es nicht immer so gewesen? Matt hatte es immer geschafft, sie durch seine bloße Anwesenheit in seinen Bann zu ziehen.

Wie er jetzt auf dieser leise knarrenden Jacht ihr gegenübersaß, ging etwas Beunruhigendes von ihm aus. Sie konnte sich plötzlich gar nicht mehr vorstellen, mit ihm verheiratet gewesen zu sein – es sogar immer noch zu sein. Er wirkte kühl und verschlossen wie ein Fremder. Aber so war Matt immer gewesen …

„Sofie kann nicht ganz bei Trost sein, dass sie dich in diesem Zustand in der Alten Mühle arbeiten lässt.“

„Halt dich bitte da raus!“ Sie war plötzlich wütend. „Ich will Sofie und Richard helfen. Sie haben finanzielle Schwierigkeiten in diesem Sommer und verdienen jede Hilfe, die sie bekommen können!“

Reumütig biss sie sich auf die Lippe. Er hatte sie dazu gebracht, etwas Vertrauliches auszuplaudern, obwohl sie dazu kein Recht hatte. Doch nun war es zu spät.

Matt strich sich langsam mit dem Daumen über das stoppelige Kinn. Das kratzende Geräusch hatte etwas sehr Männliches. Gleichzeitig sah er sie durchdringend an.

„Was ist das Problem?“

Es war sinnlos zu lügen. Das Geheimnis war ja jetzt gelüftet. „Der Pachtvertrag des Restaurants läuft bald aus. Entweder sie kaufen alles, oder sie müssen raus. Es ist so unfair … jetzt, nachdem sie das Geschäft gerade aufgebaut haben.“

„Bis wann müssen sie unterzeichnen?“

„Am Ende der Saison.“ Becky musste gähnen. Sie fühlte sich unendlich erschöpft.

„Und was nützt es ihrer finanziellen Situation, wenn du dich völlig verausgabst und ein paar Tische abräumst?“

„Hast du je von moralischer Unterstützung gehört?“, schoss sie verächtlich zurück. Das hatte er bestimmt nicht. Sonst hätte sie nach ihrer Fehlgeburt nicht diese schreckliche Einsamkeit empfunden. Sie hätte sich nicht so verlassen und unerwünscht gefühlt wie ein nicht mehr benötigtes Anhängsel im dynamischen Leben von Matt Hawke …

„Du bist am Ende deiner Kräfte“, stellte Matt ausdruckslos fest. „Du solltest lernen, früh zu Bett zu gehen und gesund zu leben.“

„Seit wann spielst du dich als Gesundheitsapostel auf?“ Ihr wütender Blick verfehlte jedoch seine Wirkung, da sie gleichzeitig kämpfen musste, die Augenlider offen zu halten. „Ausgerechnet du als typischer Jetlag-geplagter und gestresster Geschäftsmann?“

Matt ignorierte ihre Bemerkung. „Du kannst dich für den Rest der Nacht hier hinlegen.“

Nein!“

„Warum nicht?“ Er half ihr auf die Beine und führte sie zu einer Kabine am Ende der Jacht. „In deinem Zustand kannst du unmöglich zurück zu Sofies Haus laufen. Wenn du glaubst, dass das nur eine raffinierte Verführungsnummer ist, dann sei unbesorgt. Sex mit farblosen Mäuschen ist nicht meine Sache.“ Der bissige Spott traf sie an einer empfindlichen Stelle.

„Ah, ganz der Gentleman“, bemerkte sie bitter. „Nie um eine galante Bemerkung verlegen.“

„Hier ist die Toilette“, sagte er gedehnt und öffnete eine Mahagonitür, hinter der sich ein elegantes kleines Badezimmer verbarg. Es war bis hin zu goldenen Wasserhähnen perfekt ausgestattet. „Wirst du vernünftig sein, oder muss ich dich einschließen?“

„Matt …“

„Okay, nur keine Panik.“ Er warf ihr einen ironischen Blick zu, während sie sich auf den Rand der Doppelkoje setzte und vor Erschöpfung zitterte.

„Schlaf ein bisschen. Das ist ein Befehl!“

Es lag an ihrer extremen Müdigkeit, dass sie diese letzte arrogante Bemerkung unbeantwortet ließ. Sobald er gegangen war, ließ sie sich zur Seite sinken, und fast sofort umgab sie Dunkelheit.

Völlig verwirrt schlug sie die Augen auf. Nichts schien vertraut, nichts erkannte sie wieder. Sie hatte geträumt zu fliegen: Schwerelos war sie weit oben am Himmel dahingeschwebt. Und jetzt, da sie flach auf dem Rücken lag und sich immer noch schwerelos fühlte, versuchte sie herauszufinden, wo sie war – wo der merkwürdige Traum endete und die Wirklichkeit begann.

Die Erinnerung kehrte schnell zurück: Durch das dunkel getönte Glas des Oberlichts schien die Morgensonne, und das Boot hob und senkte sich, als ob Seegang herrschte. Wurden die Wellen nur durch eine vorüberfahrende Fähre verursacht, oder hatte das Boot abgelegt?

Becky schlüpfte aus der Koje, zog mit zittriger Hand das Gummi aus dem Haar und ging leicht schwankend zu dem Mini-Badezimmer, um sich ausgiebig kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Trotzdem fühlte sie sich zerzaust und schmuddelig, als sie die Kajütentür aufstieß.

Vor ihr lag der Salon mit seinem Mahagonitisch und den dunkelblau gepolsterten Sitzbänken. Die Leiter dahinter führte zum Cockpit. Durch die Luke erspähte sie Matt, der ruhig am Steuerrad saß. In Segeltuchschuhen, Jeans und einem kragenlosen weißen Leinenhemd, die schwarzen Haare vom Wind zerzaust, sah er entspannt und unbekümmert aus, während er mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne blinzelte.

Sie war fassungslos. Wie konnte er es wagen …? Wutentbrannt stolperte Becky durch den Raum und stieß dabei mit dem Oberschenkel gegen die Tischkante. Sie biss die Zähne zusammen, aber der Schmerz fachte ihren Zorn noch weiter an. Sie marschierte weiter durch die enge Kombüse und stieg die Leiter hoch zum Cockpit, um Matt zur Rede zu stellen. Doch er sah nur kurz zu ihr herunter, um sich dann ungezwungen weiter auf den Kurs zu konzentrieren. Seine Lässigkeit verschlug ihr vor Wut fast den Atem.

„Was tust du?“, stieß sie hervor. Sie musste ihre gesamte Selbstbeherrschung aufbringen, um ihn nicht wie eine Verrückte anzuschreien.

„Segeln.“

„Das sehe ich.“ Sie stieg ins Cockpit hoch und starrte ihn fassungslos an. Der Wind fuhr ihr ins Haar und wirbelte es um ihr Gesicht wie einen braunen Vorhang. Ungeduldig strich sie sich die Strähnen aus den Augen und blickte wütend um sich. Sie befanden sich auf hoher See, obwohl auf mehreren Seiten von ferne die hügeligen Umrisse von Inseln sichtbar waren.

Sarkastisch fragte Becky: „Vielleicht hast du vergessen, dass ich an Bord bin?“

„Nein.“

Matts Gesicht war regungslos wie eine Maske. Aber der entschlossene Zug um seinen Mund ließ ihr Herz sinken. Sie kannte diese Miene – sie sprach von purer, rücksichtsloser Sturheit.

„Vielleicht könntest du dieses Boot wenden und mich nach Skopelos zurückbringen?“

Er schüttelte nur den Kopf. Um seinen Mund erschien ein ironisches Lächeln.

„Matt, das ist nicht witzig!“

„Es soll auch kein Witz sein.“

„Wohin fahren wir?

„Ich habe beim Inselhopping eine schöne Stelle entdeckt.“

Ihre Augen in dem blassen Gesicht waren weit aufgerissen. „Und was ist mit mir? Ich habe keine Lust zum ‚Inselhopping‘, falls es dich interessiert. Und was fällt dir eigentlich ein? Loszusegeln, ohne mich zu fragen, ob ich überhaupt Lust dazu habe!“

„Becky, halt den Mund und mach uns lieber Frühstück, okay?“

„Ich werde ganz und gar nicht den Mund halten! Mach dir doch dein verdammtes Frühstück selbst! Wenn ich aus der Dusche komme und dieses Boot immer noch nicht auf dem Rückweg nach Skopelos ist, dann …“

„Dann was?“ Er schmunzelte überheblich. Es traf sie tief, wie sehr Matt es offenbar genoss, sie so arrogant zu behandeln. Langsam schlug ihre Wut in Verzweiflung um.

„Ich werde das Boot selbst wenden!“, warf sie ihm bitter entgegen, bevor sie sich umdrehte und mit zittrigen Beinen in die Kabine zurückmarschierte.

Eine etwas zu forsche Drohung, musste sie sich eingestehen, während sie sich auszog und in die kleine Dusche zwängte. Von der Decke hing eine grüne Flasche mit Duschgel, das auch als Shampoo diente. Es roch beruhigend nach Zitronen und Kräutern – diesem berauschenden Duft, der über den sonnenverwöhnten Berghängen griechischer Inseln lag. Aber sie wollte sich davon nicht einlullen lassen. Empörung war ein heftiges Gefühl, und im Augenblick war sie so empört, dass sie glaubte zu explodieren.

Sie seifte Körper und Haare reichlich mit dem Gel ein. In einem kleinen Regal über dem Waschbecken fand sie flauschige weiße Handtücher und begann sich mit energischen Bewegungen abzutrocknen. Eine Tube Zahnpasta steckte zusammen mit Matts Zahnbürste ordentlich in einem Halter. Innerlich kochend vor Wut, drückte Becky einen erbsengroßen Tupfer von der pfefferminzduftenden Paste auf den Finger und putzte sich die Zähne.

Ich bin gekidnappt worden, dachte sie rebellisch. Ganz eindeutig. Kidnapping war definitiv ein Verbrechen. Könnte sie ihn dafür hinter Gitter bringen? Die Vorstellung, wie Matt von einem griechischen Polizisten in Handschellen abgeführt wurde, spendete ihr einen Moment lang Genugtuung. Aber wie sie Matt kannte, wäre er aufgrund seiner einflussreichen Kontakte schon nach kürzester Zeit wieder auf freiem Fuß …

Während sie sich anzog, bemerkte sie, dass die Bewegung des Boots ihren Rhythmus verändert hatte. Offenbar hatte Matt die Fahrt gestoppt. Hatte er sich besonnen und würde umkehren?

Mit so viel Würde, wie sie nur aufbringen konnte, stolzierte Becky hinaus, um die Lage zu erkunden. An Deck blickte sie durch Matt hindurch und sah, dass sie in einer einsamen Bucht ankerten. Eine flache, felsige Insel lag einige Hundert Meter vor ihnen, nur bewachsen von wilden Olivenbäumen und flachem Gestrüpp. Der Duft wilden Thymians wehte ihr entgegen, als sie über das kristallklare Wasser hinüberschaute.

„Ein prima Platz zum Frühstücken“, erklärte Matt leise. Er war in der Bordküche untergetaucht und durchforstete den kleinen Kühlschrank. „Du scheinst nicht wild auf Kochen zu sein, also werde ich improvisieren. Möchtest du etwas essen? Ich habe einen Bärenhunger.“

„Ich könnte keinen Bissen runterkriegen. Matt, das geht zu weit! Bring mich zurück! Jetzt!“

Er richtete sich auf und begegnete ihrem wütenden Funkeln mit einem kühlen Blick aus zusammengekniffenen Augen.

„Auf keinen Fall. Sieh es als notwendige Kur, Becky. Du verlässt die Zivilisation, bis du etwas zugenommen hast und wieder Farbe in dein Gesicht zurückkehrt.“

„Wie bitte? Bist du verrückt? Erst kidnappst du mich, und dann willst du mich auch noch zwangsernähren!“ Sie musste fast lachen angesichts der absurden Situation. Matt Hawke – gab er wirklich vor, sich um ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu sorgen? Sie musste wohl träumen. Allerdings fühlte sie sich eher wie in einem Albtraum gefangen.

„Die Zwangsernährung könnte ein Problem werden“, räumte er trocken ein. Ein ironisches Zucken umspielte seine Mundwinkel. „Aber das Kidnapping war einfach. Nimm es mit Würde, Becky.“

„Lieber sterbe ich!“, fauchte sie völlig außer sich. „Warte, bis meine Anwälte davon erfahren …!“

„Scheidung ist ein anstrengendes Geschäft“, entgegnete Matt ruhig und warf vier Speckscheiben in eine heiße Pfanne. Das Aroma, das sich sofort im ganzen Raum verbreitete, ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie war.

„Wovon sprichst du?“

„Du musst fit sein, um damit klarzukommen“, erklärte er. „Im Moment bist du ja sogar zu schwach, ein Ei zu kochen.“

Sie setzte sich auf die unterste Stufe der Leiter, die zum Cockpit führte, und sah ihn voller Panik an. Er meinte es ernst. Matt Hawke, ihr Nochehemann, befand sich auf irgendeinem verrückten Machttrip, hielt sie auf seinem Boot gefangen und weigerte sich, sie in die Zivilisation zurückzubringen.

„Warte mal. Hattest du nicht gesagt, dass du heute geschäftlich nach Athen musst?“, fragte sie und versuchte, ihrer Stimme einen charmanten Ton zu geben. Vielleicht war er wirklich übergeschnappt. Vielleicht hatte er eine besondere Art Nervenzusammenbruch. Wilde Möglichkeiten schwirrten ihr im Kopf herum, während sie ihn anstarrte.

„Das habe ich verschoben. Möchtest du ein oder zwei Eier?“

Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und schloss verzweifelt die Augen.

„Gar keins“, murmelte sie in sich hinein. Als sie den Kopf wieder hob, sah sie vier Eier in der Pfanne brutzeln.

„Matt …“, versuchte sie es erneut, „Sofie wird sich bestimmt Sorgen um mich machen.“

„Darum habe ich mich schon gekümmert und eine Nachricht gefunkt. Der Hafenmeister wird sie anrufen.“

„Sehr vorausschauend. Und wie lange willst du dieses Spiel noch treiben?“

„So lange wie nötig. Tee oder Kaffee?“

„Morgens trinke ich gewöhnlich Tee. Aber wie solltest du das auch noch wissen?“

„Milch und Zucker?“ Es war kaum zu übersehen, dass er sie provozierte, aber sie war so empört, dass sie trotzdem darauf ansprang.

„Ich nehme immer noch Milch und keinen Zucker, Matt“, erwiderte sie mit ausgesuchter Höflichkeit.

Er stellte den Kocher aus, bugsierte geschickt das heiße Frühstück auf zwei Teller und trug sie zum Tisch hinüber, während er Becky einen verstohlenen Blick zuwarf.

„Wenn man jemanden verlässt und zwei Jahre nichts von sich hören lässt, kann man nicht erwarten, dass der andere noch weiß, wie man seinen Tee am liebsten trinkt.“

Sie stand auf und sah ihn argwöhnisch an. Beklemmendes Schweigen erfüllte plötzlich den Raum.

„Die Vergangenheit ist vergangen“, sagte sie schließlich und beobachtete, wie er Messer und Gabel aus einer Schublade hervorholte, sich lässig hinsetzte und anfing, die appetitlich aussehenden Eier mit Speck zu essen. „Es ist sinnlos, das alles wieder aufzurollen.“

„Vielleicht nicht.“ Er zuckte die Schultern. „Komm und iss.“

Becky spielte mit dem Gedanken, ihm das Frühstück in das arrogante Gesicht zu schleudern, doch der Hunger besiegte ihren Stolz. Sie war nicht einfach nur hungrig, sie hatte das Gefühl, seit mindestens einer Woche nichts gegessen zu haben. Als sie an dem schmalen Tisch ihm gegenüber Platz nahm, wurde ihr bewusst, dass dies die erste gemeinsame Mahlzeit mit Matt seit zwei Jahren war.

„Also erzähl: Was hast du gemacht?“, forderte er sie auf, nachdem sie in angespannter Stille gegessen hatten. „Wo hast du dich vor mir versteckt?“

„Vor dir versteckt?“ Sie hatte die Mahlzeit fast beendet und musste zugeben, dass Matt sie überrascht hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass er jemals etwas gekocht hätte, und es schmeckte herrlich.

Ungläubig starrte sie ihn an. „Fang nicht an, mir weiszumachen, dass du dir Gedanken darüber gemacht hättest, wohin ich gegangen bin und ob ich mich vor dir versteckt habe oder nicht. Es überrascht mich, dass du meine Abwesenheit überhaupt bemerkt hast. Es gab keinen Grund, mich vor dir zu verstecken. Ich habe dich während unserer ganzen Ehe ja nur ein paar Mal zu Gesicht bekommen!“

„Das …“, er hielt inne, um genüsslich den letzten Bissen in den Mund zu stecken und das Besteck auf den Teller zu legen, „… ist wohl leicht übertrieben, meine liebe Becky.“

„Ist es nicht! Soweit ich mich erinnere, hatten wir eine verrückte, stürmische Liebesaffäre zwischen deinen Trips nach New York, Hongkong und – und irgendeinem anderen Planeten. Ich wurde schwanger, und wir haben geheiratet. Und als ich das Baby verloren habe, hat sich – schwups! – der berühmte Ehemann auch schon wieder aus dem Staub gemacht!“

Einen Augenblick lang meinte sie, in seinen Augen einen Anflug von Gefühl zu entdecken, doch sie vermochte seine Gedanken nicht zu lesen. Ja, das war es, was ihr bei Matt so auf die Nerven ging: Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was in ihm vorging. Falls sie den Mann, den sie auf die Schnelle geheiratet hatte, je verstanden haben sollte – jetzt war er jedenfalls ein Buch mit sieben Siegeln für sie.

„Ich habe mich nicht aus dem Staub gemacht; ich bin geschäftlich ins Ausland gereist“, bemerkte er ruhig. „Du hättest mitkommen können.“

„O ja, sicher. Wohl um für dich und Su-Lin den Anstandswauwau zu spielen!“

Er stand unvermittelt auf, um die Teller in das kleine Spülbecken zu stellen und mit zwei Tassen Tee zurückzukommen.

„Stattdessen hast du es vorgezogen, zu Hause zu bleiben und die verlassene, neurotische Ehefrau zu spielen!“

Fassungslos sah sie ihn an. Sie hatte das Gefühl, als sei ihr alle Farbe aus dem Gesicht gewichen.

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