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JULIA SAISON BAND 5

PENNY JORDAN

Die Braut des Scheichs

Düster, geheimnisvoll, sinnlich: Wie ein orientalischer Traumprinz kommt Blaize der hübschen Xenia vor. Und als sie ihm ein unmoralisches Angebot macht, trifft sie seinen Stolz als Mann. Genau das will sie! Wenn er sie verführt, ist sie vor einer arrangierten Ehe mit Scheich Rashid sicher. Xenia ahnt nicht, wen sie da zum Liebesspiel aufgefordert hat …

Nacht der Versuchung

In diesen wunderschönen, türkisfarbenen Augen könnte er ertrinken – wenn Scheich Xavier Al Agier nicht genau wüsste, dass Mariella eiskalt, berechnend und skrupellos ist! Je schneller sie sein Land wieder verlässt, desto besser. Doch wie kann es sein, dass sein Verstand das genau weiß und sein Körper trotzdem vor Verlangen brennt, sie zu besitzen?

Das Geheimnis des Scheichs

„Sie darf nicht erfahren, wer ich wirklich bin“, beschwört sich Scheich Allessandro. Dabei weiß er: Bald schon muss er Katrina die Wahrheit verraten! In welches gefährliche Komplott er verwickelt ist, warum er sie in der Wüste entführt hat – und warum er sie am liebsten für immer auf den seidenen Kissen seines Beduinenzeltes festhalten möchte …

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Die Braut des Scheichs

1. KAPITEL

„Hast du dich eigentlich an den Windsurfing-Lehrer herangemacht, den ich so sexy fand?“

„Ja! Du hast wirklich nicht übertrieben – er ist mehr als sexy! Er will nachher zu mir aufs Zimmer kommen. Allerdings meinte er, er müsse sehr vorsichtig sein. Offensichtlich hat er schon eine Abmahnung erhalten von diesem Sheikh Rashid, der einer der Mitinhaber des Hotels ist … wegen zu engen Umgangs mit den Gästen.“

„Und euer Umgang war bereits mehr als eng, richtig?“

„O ja, das darfst du glauben!“

Xenia Connor wurde ungewollt Zeuge dieses kleinen Gesprächs. Sie saß unter einem der schützenden Sonnenschirme in der Dachterrassenbar des Marina Restaurants und hatte gerade ihr Mittagessen beendet, als die beiden jungen Frauen auf dem Weg hinaus in der Nähe ihres Stuhls stehen blieben. Und auch im Weitergehen schwärmten die beiden Bikinischönheiten immer noch in den höchsten Tönen von den erotischen Attributen des Windsurfing-Lehrers der luxuriösen Ferienanlage von Zuran.

Ein Lächeln huschte über Xenias Gesicht. „Vielen Dank“, flüsterte sie zufrieden. Obwohl es den beiden natürlich nicht bewusst war, hatten sie ihr gerade die Information in die Hand gespielt, nach der sie seit zwei Tagen suchte! Sie stand auf und nahm ihr Strandtuch von der Rückenlehne ihres Stuhls. Nun blickte sie sich suchend nach dem Ober um.

„Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wo ich die Windsurfer finde?“

Eine halbe Stunde später lag Xenia auf einer Sonnenliege mit bestem Blick auf die malerische, künstliche Bucht, in der die Wassersportvergnügungen der Ferienanlage stattfanden … und natürlich auch auf besagten Windsurfing-Lehrer.

Sie konnte verstehen, warum die beiden jungen Frauen so von ihm geschwärmt hatten. Xenia war den Anblick gut aussehender, athletischer Männer durchaus gewöhnt. Sie hatte an einer amerikanischen Universität studiert und zudem ihren Patenonkel auf ausgedehnte Reisen durch Europa und Australien begleitet. John Feinnes war ein hochrangiger britischer Diplomat und der beste Freund ihrer Eltern gewesen. Deshalb war er auch Xenias Vormund geworden, als sie nach dem Tod ihrer Eltern mit siebzehn zur Vollwaise geworden war. In Begleitung ihres Patenonkels hatte sie die schönsten Strände der Welt kennengelernt und war daher mit dem Typ Strandmacho durchaus vertraut, der sich für Gottes Geschenk an die Frauen hielt. Und dieser Mann war ein Prachtexemplar seiner Spezies!

Er hatte die Figur eines Modellathleten und hätte sich seinen Lebensunterhalt ohne weiteres als Model für Bademoden verdienen können. Aber Xenia räumte widerwillig ein, dass er bei genauerer Betrachtung über seinen ansehnlichen Körper hinaus noch ein gewisses Etwas besaß, das ihren Blick fesselte. Er war mit den weißen Shorts bekleidet, die zur üblichen Uniform der Hotelangestellten gehörten, bei ihm jedoch sexy wie bei keinem anderen wirkten. Selbst über die Entfernung hinweg glaubte Xenia seine männlich-erotische Ausstrahlung zu spüren. Er war gerade damit beschäftigt, einige Surfbretter vom Strand einzusammeln, und seine Bewegungen erinnerten Xenia an die kraftvolle Anmut eines Panthers.

Sein gebräunter, muskulöser Oberkörper glänzte in der Sonne, die frische Meeresbrise zauste ihm das dichte schwarze Haar. Xenia hätte wetten mögen, dass, getarnt hinter unzähligen Designer-Sonnenbrillen, die Blicke aller weiblichen Wesen am Strand gebannt auf ihm ruhten. Er besaß eine so unmittelbare, unwiderstehliche erotische Wirkung, dass es einem buchstäblich den Atem raubte.

Ja! Während Xenia ihn aus der Entfernung fasziniert beobachtete, war sie sich einer Sache sicher: Er war genau das, was sie brauchte!

Über eine Stunde später schmiedete Xenia auf dem Weg in ihre luxuriöse Hotelsuite eifrig Pläne. Als sie über den Souk kam, den eigens auf dem Hotelgelände angelegten Basar, blieb sie kurz stehen, um bewundernd einem der Kunsthandwerker zuzusehen.

Es war nicht verwunderlich, dass dieser Hotelkomplex weltweit Anerkennung gefunden hatte. Hier vereinte sich eine maurisch inspirierte Architektur samt exotisch blühender, verwunschener Gärten mit extravaganten exklusiven Boutiquen in prachtvollen Einkaufsgalerien und einem traditionellen orientalischen Souk zu einem unnachahmlichen Zauber aus Tausendundeiner Nacht und unvorstellbarem Luxus. In der weitläufigen Anlage waren mehr als zwanzig verschiedene Restaurants untergebracht, die Spezialitäten aus aller Herren Länder servierten.

Doch im Moment hatte Xenia es relativ eilig, in ihre Suite zu kommen. Von ihrem Schlafzimmerfenster aus hatte sie den Strand gerade noch im Blick. Der aufregende Windsurfer war im weiteren Verlauf des Nachmittags in einem schnittigen und zweifellos sehr schnellen Motorboot davongebraust. Nun, da sich die Sonne dem Horizont zuneigte, war er zurück. Gelassen und systematisch sammelte er die über den ansonsten menschenleeren Strand verstreuten, liegengebliebenen Surfbretter ein.

Das war die ideale Gelegenheit, das zu tun, wozu sie sich entschlossen hatte, als sie das Gespräch der beiden jungen Frauen belauschte. Xenia nahm ihre Jacke und ging zur Tür, ehe sie der Mut verlassen würde.

Unten am Strand wurde es bereits dunkel … und empfindlich kühl, wie es für Wüstenregionen nach der Hitze des Tages typisch war. Xenia spähte angestrengt in die zunehmende Abenddämmerung und glaubte schon, zu spät gekommen zu sein. Ihr Herz pochte enttäuscht.

Ganz in Gedanken vertieft, bemerkte sie erst, dass sie nicht mehr allein war, als ein dunkler Schatten vor ihr auf den Strand fiel. Erschrocken fuhr sie herum … und stellte fest, dass das Ziel ihrer Wünsche vor ihr stand, nur einen Schritt entfernt!

Ihr erster Impuls war natürlich, zurückzuweichen. Aber ihr eigensinniger Stolz, den sie angeblich von ihrem Großvater geerbt hatte, veranlasste sie standzuhalten. Sie atmete tief ein und blickte auf … und hielt den Atem sofort wieder an, denn da der Mann vor ihr größer war, als sie erwartet hatte, ruhte ihr Blick auf seinem Mund. Und der war so sündhaft sinnlich, dass es sie heiß durchzuckte.

Xenia schluckte. Welcher Nationalität mochte dieser aufregende Surflehrer angehören? Italienisch? Griechisch? Sein Haar war schwarz und dicht, sein Teint tief gebräunt. Trotz seiner zwanglosen Kleidung – weißes T-Shirt, Jeans und Turnschuhe – wirkte er unerwartet respekteinflößend.

Inzwischen war es fast vollständig dunkel. Ringsum leuchteten kleine Lichter auf, die die Marina romantisch illuminierten. Xenia bemerkte ein Aufblitzen in den Augen ihres Gegenübers, der sie von Kopf bis Fuß betrachtete … zunächst fast geringschätzig, dann plötzlich aufmerkend, als hätte irgendetwas sein Interesse geweckt. Und seinen Jagdinstinkt! Sie hätte wetten mögen, dass es ihm Spaß gemacht hätte, wenn sie jetzt davongelaufen wäre.

Ihr Herz pochte nervös. Obwohl sie mit Jeans und T-Shirt völlig ausreichend bekleidet war, hatte sie plötzlich das Gefühl, als würde er sie mit seinen Blicken ausziehen und ihre letzten Geheimnisse ergründen. Sie hatte Derartiges so noch nie erlebt und fühlte sich unglaublich verletzlich.

„Wenn Sie wegen Einzelunterricht gekommen sind, dann sind Sie zu spät dran, fürchte ich.“

Der spöttische Ton, gepaart mit einem unmissverständlichen Blick, ließ Xenia erröten. „Ich brauche keinen Unterricht“, antwortete sie stolz. Ihr Gegenüber konnte ja nicht wissen, dass sie tatsächlich als Teenager in Amerika Surfen gelernt und Wettkampfreife erlangt hatte.

„Wirklich? Was brauchen Sie denn?“, entgegnete er bedeutsam.

Es war wirklich kein Wunder, dass die beiden jungen Frauen so von ihm geschwärmt hatten! Seine erotische Ausstrahlung war derart dominant und greifbar, dass Xenia Mühe hatte, einen klaren Gedanken zu fassen, und er war sich zweifellos bewusst, welche Gefahr er für das weibliche Geschlecht darstellte. Genau aus diesem Grund war er ja auch geradezu perfekt für ihre Pläne, wie Xenia sich energisch ins Gedächtnis rief.

Ihre eigene Schwäche ärgerte sie maßlos, und sie weigerte sich, ihr nachzugeben. Er war doch nicht der erste attraktive Mann, der ihr mehr oder weniger eindeutige Avancen machte, und sie hatte ihnen bisher immer standgehalten. Warum sollte es bei diesem anders sein? Auch wenn er zugegebenermaßen der erste Mann war, in dessen Nähe ihr der Atem stockte, weil er mit seiner geballten Männlichkeit die Atmosphäre förmlich zum Knistern brachte.

Tapfer versuchte Xenia, ihre Gefühle zu ignorieren, und sagte fest: „Ich möchte Ihnen ein Angebot machen.“

Er schwieg einen Moment, was ihr die Gelegenheit gab, ihn genauer zu betrachten. Am Nachmittag hatte sie aus der Ferne ausgiebig seinen athletischen Körper bewundern können, nun aber stellte sie fest, dass auch seine markanten Gesichtszüge der Marmorstatue eines griechischen Gottes würdig gewesen wären. Lediglich die Farbe seiner Augen konnte sie im Zwielicht nicht genau erkennen. Doch sie vermutete, dass er braune Augen hatte, und atmete insgeheim erleichtert auf. Denn braunäugige Männer hatten sie noch nie besonders reizen können … aus irgendeinem Grund hatte sie sich schon als Teenager immer ausgemalt, dass der Held ihrer Träume einmal klare silbergraue Augen haben würde.

„Ein Angebot?“, wiederholte ihr Gegenüber nun so desinteressiert, dass es sie fast kränkte. „Wissen Sie, ich habe es nicht nötig, mit Frauen ins Bett zu gehen, die mir eindeutige Angebote machen. Als Mann ziehe ich es vor, meine Beute selber zu jagen. Wenn Sie es aber sehr nötig haben, könnte ich Ihnen vielleicht eine Empfehlung geben, wo Sie mehr Glück haben werden.“

Xenia kribbelte es in den Fingern, ihm für diese Beleidigung eine Ohrfeige zu versetzen. Aber obwohl ihr dies vermutlich eine gewisse Genugtuung verschafft hätte, wäre es für ihre konkreten Pläne bestimmt nicht zuträglich gewesen. Und seine aggressiv männliche Haltung bestätigte nur, dass er für ihre Zwecke genau der Richtige war. Ein Schürzenjäger, den kein zukünftiger Ehemann gern in der Gesellschaft seiner zukünftigen Ehefrau sehen würde.

„Es handelt sich nicht um diese Art von Angebot“, sagte sie deshalb.

„Ach nein? Um was für eine Art von Angebot denn?“, fragte er herausfordernd.

„Die Art, die gut bezahlt wird und trotzdem nicht illegal ist“, antwortete Xenia prompt und hoffte, damit sein Interesse zu wecken.

Er bewegte sich ein wenig zur Seite, sodass das Licht der Marinabeleuchtung nun mehr auf ihr Gesicht fiel. Anscheinend wollte er nun seinerseits sie genauer in Augenschein nehmen. Xenia war nicht besonders eitel, aber sie wusste, dass sie gemeinhin als attraktiv galt. Wenn dieser Mann allerdings auch dieser Ansicht war, dann verriet seine Miene nichts davon. Völlig unbewegt begutachtete er sie derart intensiv, dass sie sich zusammennehmen musste, um nicht zurückzuweichen. Unwillkürlich legte sie ihre Arme schützend um die Taille.

„Klingt faszinierend“, sagte er dann spöttisch. „Und was müsste ich tun?“

Xenia entspannte sich etwas. „Sie müssten mich umwerben und verführen … und das in aller Öffentlichkeit.“

Nicht ohne Genugtuung bemerkte Xenia das kurze Aufblitzen in seinen Augen. Es war ihr tatsächlich gelungen, ihn zu überraschen. Doch er hatte sich schnell wieder im Griff. „Verführen?“, wiederholte er scharf und mit einem unüberhörbar eisigen Unterton.

„Nicht wirklich“, erklärte sie rasch. „Genau genommen möchte ich, dass Sie so tun, als würden Sie mich verführen.“

„So tun, als ob? Warum?“, fragte er sofort und lächelte verächtlich. „Haben Sie einen Liebhaber, den Sie eifersüchtig machen wollen?“

„Nein, keineswegs!“, wehrte Xenia mühsam beherrscht ab. „Ich möchte einfach dafür bezahlen, dass Sie dafür sorgen, dass ich … meinen guten Ruf verliere.“

Ihr Gegenüber schien zu erstarren, und ein seltsamer, nachdenklicher Ausdruck huschte über sein Gesicht, den sie nicht deuten konnte. „Darf ich fragen, warum Sie Ihren Ruf verlieren wollen?“, erkundigte er sich dann.

„Sie dürfen fragen“, antwortete Xenia unverblümt, „aber ich werde es Ihnen nicht verraten.“

„Nicht? Nun, in dem Fall werde ich Ihnen nicht helfen.“ Er wandte sich bereits ab.

Xenia geriet in Panik. „Ich bin bereit, Ihnen fünftausend Pfund zu zahlen“, rief sie ihm nach.

Er blieb stehen und drehte sich langsam wieder um. „Zehntausend, und wir kommen vielleicht … und nur vielleicht … ins Geschäft“, erwiderte er gelassen.

Zehntausend Pfund! Xenia schluckte. Ihre Eltern hatten ihr zwar einen durchaus beachtlichen Treuhandfonds hinterlassen, aber bis sie fünfundzwanzig war, kam sie an eine derart große Summe ohne die Zustimmung der Treuhänder nicht heran, von denen einer ihr Patenonkel war. Und der war nicht zuletzt mit schuld, dass sie überhaupt zu diesen Mitteln greifen musste! Geschlagen ließ sie den Kopf sinken.

Der Surflehrer hatte sich wieder abgewandt und ging davon. Er hatte schon fast das Ende des Strandes erreicht. In wenigen Sekunden würde er außer Sichtweite sein. Xenia schluckte deprimiert und wandte sich ebenfalls ab.

2. KAPITEL

Xenia gab der Versuchung nicht nach, sich noch einmal nach ihm umzusehen, sondern blickte starr aufs Meer hinaus.

Ihr langes, glänzendes dunkelbraunes Haar, die ebenmäßigen, fast aristokratischen Gesichtszüge und ein sanft gebräunter Teint verleiteten viele Leute, sie auf den ersten Blick für eine Spanierin oder Italienerin zu halten. Lediglich die leuchtend grünen Augen und ihr leidenschaftliches Temperament waren Hinweis darauf, dass tatsächlich über die irischen Vorfahren ihres amerikanischen Vaters keltisches Blut in ihren Adern floss. Und kaum einer kam auf die Idee, dass sie ihr exotisches Aussehen der Tatsache verdankte, dass ihre Mutter Beduinin gewesen war.

Die kühle Brise vom Meer strich ihr durchs Haar und ließ sie frösteln. Doch im nächsten Moment durchzuckte es sie wie elektrisiert, als sie eine Männerhand im Nacken spürte.

„Fünftausend … und den Grund“, flüsterte ihr jemand ins Ohr, dessen Stimme sie sofort erkannte.

Er war zurückgekommen! Xenia wusste nicht, ob sie sich freuen oder entsetzt sein sollte.

„Das ist mein letztes Wort“, warnte er sie leise. „Fünftausend und der Grund. Oder wir kommen nicht ins Geschäft.“

Xenia schluckte. Hatte sie eine Wahl? Außerdem, was war schon Schlimmes dabei, es ihm zu erzählen? „Also gut“, sagte sie so fest wie möglich.

„Sie zittern“, sagte er, denn seine Hand lag immer noch in ihrem Nacken. „Warum? Haben Sie Angst? Oder sind Sie erregt?“, fügte er bedeutsam hinzu und ließ den Daumen über ihren Hals gleiten.

Entschlossen befreite sich Xenia aus seinem Griff. „Weder noch! Mir ist einfach nur kalt.“

Ein spöttisches Lächeln zuckte um seine Mundwinkel. „Aber natürlich. Sie möchten also, dass ich Sie öffentlich umwerbe und verführe? Warum? Verraten Sie es mir!“

Sie atmete tief ein. „Es ist eine ziemlich lange und komplizierte Geschichte …“

„Ich bin ganz Ohr.“

Xenia schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln. Dann blickte sie auf und begann zu erzählen: „Mein Vater war ein amerikanischer Diplomat. Er lernte meine Mutter kennen und lieben, als er hierher nach Zuran versetzt wurde. Aber ihr Vater war gegen die Verbindung, denn er hatte andere Pläne. Abu Assad hielt es für die Pflicht einer Tochter, sich als Faustpfand für die Erweiterung des Familienimperiums benutzen zu lassen.“ Xenia konnte ihre Verbitterung nicht verhehlen. „Als meine Mutter dann gegen seinen Willen mit meinem Vater durchbrannte, wollte mein Großvater nichts mehr mit ihr zu tun haben. Und er verbot auch ihren Brüdern und deren Ehefrauen jeglichen Kontakt mit ihr.“

Ein wehmütiger Ausdruck huschte über Xenias Gesicht. „Meine Eltern wurden sehr glücklich miteinander, aber als ich siebzehn war, kamen sie bei einem Unfall ums Leben. Mein Patenonkel holte mich zu sich nach England. John Feinnes ist ebenfalls Diplomat und war der beste Freund meines Vaters. Die beiden hatten sich damals in Zuran kennengelernt, als sie in ihren jeweiligen Botschaften hier stationiert waren. Wie auch immer, ich habe in England mein erstes Studium abgeschlossen und bin mit meinem Patenonkel um die Welt gereist. Eine Zeit lang habe ich für eine Hilfsorganisation vor Ort gearbeitet und hatte eigentlich vor, noch ein Studium zum Master anzuschließen, aber dann kam mein Onkel Hassan, einer der Brüder meiner Mutter, unerwartet nach London und setzte sich mit meinem Patenonkel in Verbindung. Er sagte ihm, mein Großvater wolle mich sehen und wünsche, dass ich nach Zuran komme. Ich wollte natürlich nichts mit meinem Großvater zu tun haben, denn ich wusste ja, wie sehr er meine Mutter verletzt hatte. Sie hatte nie aufgehört zu hoffen, dass er ihr verzeihen und ihre Briefe beantworten würde … doch es kam nie eine versöhnliche Geste von ihm. Nicht einmal nach dem tödlichen Unfall. Keiner von der Familie meiner Mutter kam zur Beerdigung. Mein Großvater hat es nicht erlaubt!“

Xenia blinzelte zornig gegen die aufsteigenden Tränen an. „Mein Patenonkel bat mich, noch einmal in Ruhe darüber nachzudenken. Er meinte, die Versöhnung der Familie entspräche sicher dem Wunsch meiner Eltern. Ich erfuhr, dass mein Großvater einer der Hauptteilhaber dieser Ferienanlage war und mich eingeladen hatte, zusammen mit meinem Patenonkel herzukommen und eine Weile zu bleiben, sodass wir uns kennenlernen könnten. Am liebsten hätte ich abgelehnt … aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich meiner Mutter zuliebe herkommen musste. Wenn ich allerdings den wahren Grund geahnt hätte, warum man mich hierherlocken wollte …“

„Der wahre Grund?“, hakte der attraktive Windsurfer aufhorchend nach.

„Ja“, bekräftigte sie verächtlich. „Gleich am Tag unserer Ankunft haben mein Onkel Hassan und seine Frau Soraya uns mit ihrem Sohn Saud hier im Hotel aufgesucht. Sie entschuldigten meinen Großvater, dass er nicht persönlich zu meiner Begrüßung gekommen sei, aber er habe ein sehr schwaches Herz, und der Arzt habe ihm strenge Bettruhe verordnet. Ich war so naiv, ihnen zu glauben. Aber als ich mit meinem Cousin allein war, ließ er die Katze aus dem Sack. Saud ist erst fünfzehn und völlig unbefangen. Er hatte keine Ahnung, dass ich nicht eingeweiht war.“ Xenia schüttelte den Kopf und fuhr mit zittriger Stimme fort: „Es war nämlich keineswegs der vordringliche Wunsch meines Großvaters, mich kennenzulernen und das Unrecht, das er meinen Eltern angetan hatte, wiedergutzumachen. Nein, Abu Assad will mich vor allem mit einem seiner reichen Geschäftspartner verheiraten! Und mein Patenonkel hält das unglaublicherweise auch noch für eine gute Idee.“

Xenias Stimme überschlug sich fast vor Empörung. Sie atmete tief ein, um sich ein wenig zu beruhigen. „Zuerst hat er zwar versucht, abzuwiegeln und mir einzureden, dass ich Saud missverstanden hätte. Tatsächlich aber ist er von der Idee so angetan, dass er sich inzwischen unerreichbar auf eine wichtige diplomatische Mission in den Fernen Osten begeben und meinen Reisepass mitgenommen hat! Vorher gab er mir noch den Rat: ‚Sieh dir den Burschen doch wenigstens mal an, Kindchen.‘“ Sie ahmte den blasierten britischen Tonfall ihres Patenonkels geringschätzig nach. „‚Das kann doch nicht schaden, oder? Und wer weiß? Vielleicht gefällt er dir ja sogar! Nimm den britischen Adel … die Ehen sind fast ausnahmslos arrangiert, und die Ergebnisse können sich im Großen und Ganzen sehen lassen. All das Getue um Liebe! Gleiches zu Gleichem … das ist meine Auffassung, und laut deinem Onkel Hassan scheinen dieser Sheikh Rashid und du ziemlich viel gemeinsam zu haben. Ein ähnliches kulturelles Erbe. So etwas kommt in obersten diplomatischen Kreisen immer gut an. Mir ist jedenfalls zugetragen worden, dass sowohl die britische wie die amerikanische Regierung von der Idee sehr angetan ist.‘“

„Sie wollen behaupten, dass Ihr Großvater Sie mit einem seiner Landsleute und Geschäftspartner verheiraten will, weil es als kluger Schachzug zu diplomatischen Zwecken gefeiert werden würde?“, unterbrach der Windsurfer sie scharf und ungläubig.

„Nun, mein Patenonkel möchte zumindest, dass ich dies für das einzige Motiv meines Großvaters halte … aber ich denke, dass Abu Assad keineswegs so uneigennützig ist“, erwiderte Xenia verächtlich. „Nach allem, was ich Saud entlocken konnte, möchte mein Großvater mich vor allem mit diesem Sheikh verheiraten, weil der nicht nur ebenfalls Teilhaber an dieser Ferienanlage ist, sondern auch über die allerbesten Beziehungen verfügt … anscheinend ist er sogar mit der königlichen Familie von Zuran verwandt! Und meine Mutter sollte ursprünglich einen entfernten Cousin aus der königlichen Familie heiraten, bevor sie sich in meinen Vater verliebte. Mein Großvater hatte sich zweifellos viele Vorteile von einer derartigen Prestigeheirat versprochen und findet es jetzt sicher nur angemessen, dass ich sozusagen die Stelle meiner Mutter einnehme als Opfer seiner Ambitionen!“

„Haben Sie Probleme mit Ihrer gemischten Abstammung?“

Diese unerwartete Frage erwischte Xenia etwas auf dem falschen Fuß. „Probleme?“ Sie spürte, wie ihr Stolz erwachte. „Nein! Warum sollte ich? Ich bin stolz darauf, das Ergebnis der Liebe meiner Eltern zu sein … und stolz darauf, das zu sein, was ich bin.“

„Sie haben mich missverstanden. Die Probleme, die ich meinte, beziehen sich auf die Mischung völlig unterschiedlicher Temperamente … die Kälte des Nordens mit der Hitze der Wüste, angelsächsisches Blut mit Beduinenblut, der Wunsch nach tiefer Verwurzelung im Gegensatz zu dem Drang der Nomaden, von Ort zu Ort zu ziehen. Fühlen Sie sich nie zwischen zwei so unterschiedlichen Kulturen hin- und hergerissen? Einerseits ein Teil beider, andererseits ihnen beiden fremd?“

Seine Worte fassten ihre Gefühle so treffend zusammen, dass Xenia für einen Moment verblüfft schwieg. Wie konnte dieser Surflehrer wissen, was sie empfand? Unwillkürlich jagte ihr ein Schauer über den Rücken.

„Ich bin, was ich bin“, sagte sie fest und versuchte energisch, sich von der Faszination dieses Mannes zu befreien.

„Und was ist das?“

Ihre grünen Augen blitzten auf. „Eine moderne, unabhängige Frau, die sich nicht dazu manipulieren oder benutzen lässt, den Zwecken eines alten Familienpatriarchen zu dienen.“

Ihr Gegenüber zuckte die Schultern. „Wenn Sie den Mann, den Ihr Großvater für Sie ausgesucht hat, nicht heiraten wollen, warum sagen Sie es ihm nicht einfach?“

„So einfach ist das leider nicht“, räumte Xenia ein. „Ich habe meinem Patenonkel natürlich gesagt, dass ich auf keinen Fall einwilligen werde, den Mann auch nur kennenzulernen, geschweige denn, ihn zu heiraten. Aber das war, bevor mein Patenonkel in den Fernen Osten verschwunden ist und meinen Pass mitgenommen hat. Um mir Zeit zu geben, meinen Großvater kennenzulernen und mein kulturelles Erbe wiederzuentdecken, wie John es ausdrückte, aber ich weiß genau, worauf er wirklich hofft. Indem er mich hier praktisch auf Gedeih und Verderb meinem Großvater ausliefert, hofft er, mich zum Einlenken zu bewegen. Mein Patenonkel geht nächstes Jahr in den Ruhestand und spekuliert zweifellos darauf, dass die Queen ihn als Belohnung für seine Dienste in den Adelsstand erhebt. Dazu wäre es sicher hilfreich, wenn er seine Beteiligung am Zustandekommen der auf diplomatischer Ebene so zuträglichen Heirat seiner Patentochter mit Sheikh Rashid vorweisen könnte. Und nach allem, was ich von meinem Cousin Saud erfahren habe, ist die Familie meiner Mutter sowieso einmütig der Ansicht, dass ich restlos begeistert sein sollte, dass dieser Sheikh mich überhaupt heiraten will!“

„In diesen Kreisen ist es durchaus üblich, dass sich Gleiches mit Gleichem verbindet“, antwortete der Surflehrer. „Ich kann nachvollziehen, was Sie über die diesbezüglichen Motive Ihres Großvaters sagen. Aber was ist mit Ihrem möglichen Ehemann? Warum sollte dieser …“

„Sheikh Rashid“, ergänzte Xenia wütend. „Es ist übrigens derselbe Sheikh Rashid, der, wie ich höre, nicht viel von Ihrem Umgang mit den weiblichen Gästen seines Hotels hält.“ Sie bemerkte seinen fragenden Blick und fügte hinzu: „Ich habe zufällig ein Gespräch zwischen zwei jungen Frauen mitgehört, die über ihren tollen Surflehrer sprachen. Und was Ihre Frage betrifft, warum Sheikh Rashid mich zur Frau wählen sollte …“ Xenia atmete tief ein. „Die ist sicher berechtigt, aber wie es aussieht, haben wir beide durchaus etwas gemeinsam. Wir stammen beide aus Mischehen, nur dass in seinem Fall, soweit ich weiß, der Vater aus Zuran kommt. Darüber hinaus würde die königliche Familie von Zuran diese Heirat begrüßen. Wie mein Patenonkel sagt, wäre es ein großer Affront, wenn Sheikh Rashid die Heirat unter diesen Voraussetzungen ablehnen würde, so wie es auch ein großer Affront gegenüber der Familie meiner Mutter wäre, wenn er mich ablehnte. Aber ich habe genug über die zuranische Kultur gelernt, um zu wissen, dass Sheikh Rashid unter Wahrung seiner Ehre eine Heirat mit mir ablehnen könnte, wenn er Grund hätte, mich für moralisch unwürdig zu halten, seine Frau zu werden.“

„Ich habe den Eindruck, dass hier ziemlich viele Mutmaßungen und Spekulationen im Raum stehen“, meinte ihr Gegenüber lakonisch.

Xenia sah ihn herausfordernd an. „Soll das heißen, dass Sie das alles für Einbildung halten? Dann sollten wir hier nicht länger unsere Zeit verschwenden!“

„Immer langsam“, sagte er beschwichtigend. „Ich verstehe jetzt also die Beweggründe. Aber warum haben Sie mich ausgewählt?“

Sie zuckte spöttisch die Schultern. „Wie schon gesagt, ich habe mit angehört, wie zwei Frauen über Sie sprachen, und daraus den Eindruck gewonnen, dass …“

„Dass was?“, hakte er nach, als sie ein wenig befangen verstummte.

„Dass Sie den Ruf haben, hoch in der Gunst der weiblichen Hotelgäste zu stehen“, fuhr sie trotzig fort. „So sehr sogar, dass Sie dafür bereits eine Abmahnung von Sheikh Rashid erhalten haben und befürchten müssen, Ihren Job zu verlieren.“

Ihr Gegenüber betrachtete sie eindringlich. „Sie wollen also weder eine arrangierte Heirat noch ein flüchtiges sexuelles Abenteuer mit mir, richtig? Was wollen Sie denn?“

„Nichts!“ Xenia bemerkte das skeptische Aufleuchten in seinen Augen und fügte rasch hinzu: „Ich meine, nichts, bis ich einem Mann begegne …“

„… der Ihren hohen Wertmaßstäben gerecht wird?“, ergänzte er spöttisch.

Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. „Legen Sie mir nichts in den Mund! Ich wollte sagen, bis ich einem Mann begegne, den ich lieben und respektieren kann und dem ich mich gefühlsmäßig in jeder erdenklichen Hinsicht hingeben will. So war es bei meinen Eltern“, sagte sie leidenschaftlich, „und genau diese Art von Beziehung wünsche ich mir auch für mich … und eines Tages auch für meine Kinder.“

„Ein hochgegriffenes Ziel heutzutage“, lautete die unverblümte Antwort.

„Mag sein, aber ich denke, es ist es wert, darauf zu warten“, antwortete Xenia entschieden.

„Haben Sie keine Angst, wenn Sie diesen Ausbund an Tugend eines Tages finden sollten, dass ihn möglicherweise die Tatsache abschrecken könnte, dass Ihr guter Ruf inzwischen beeinträchtigt ist?“

„Nein“, widersprach sie sofort. „Denn wenn er mich liebt, wird er mich akzeptieren und meine Wertvorstellungen begreifen. Außerdem …“ Sie verstummte, als ihr klar wurde, dass sie fast verraten hätte, dass ihre Unberührtheit für sich sprechen würde, wenn es irgendwann einem Mann gelingen sollte, ihre Liebe zu gewinnen. „Warum stellen Sie mir eigentlich all diese Fragen?“, fragte sie scharf.

„Nur so“, antwortete er lakonisch. Xenia glaubte, im Zwielicht zu erkennen, wie er versuchte, sich ein Urteil über sie zu bilden. „Schön“, sagte er schließlich, „Sie bieten mir also fünftausend Pfund dafür, dass ich Sie in aller Öffentlichkeit umwerbe und verführe und Ihren Ruf ruiniere.“

„Dafür, dass Sie so tun!“, verbesserte sie ihn rasch.

„Was ist los?“, spottete er. „Kommen Ihnen etwa Bedenken?“

„Ganz sicher nicht!“, wehrte sie empört ab und hielt den Atem an, als er im nächsten Moment ganz dicht an sie herantrat und sie in die Arme nahm. „Was … was tun Sie da?“

Wie gebannt blickte sie zu ihm auf, als er sich langsam herabbeugte und sie mit dem Blick seiner funkelnden Augen hypnotisierte. „Wir haben einen Pakt geschlossen“, flüsterte er fast schon an ihren Lippen. „Und nun müssen wir ihn besiegeln. In vergangenen Zeiten hat man hier in der Wüste derartige Dinge mit Blut besiegelt. Soll ich unsere Haut anritzen und unser Blut miteinander mischen, oder genügt dir dies …?“

Ehe Xenia protestieren konnte, küsste er sie auf den Mund und presste sie an sich. O ja, sie hatte recht gehabt, seine Leidenschaft und Sinnlichkeit zu fürchten. Dieser Mann war noch viel gefährlicher als der Panther, an den er sie erinnert hatte. Nur mit großer Mühe gelang es ihr, den Wunsch zu bezwingen, seine unrasierten Wangen zu streicheln und die Finger in sein dichtes schwarzes Haar zu krallen. Als er sich von ihr löste, schien sie ganz und gar nicht bereit, ihn freizugeben. Von Scham und Panik überwältigt, biss sie ihn trotzig in die Lippe … und erstarrte, als er zusammenzuckte und aufblickte.

„In dir schlummert mehr Wüstentemperament, als ich dachte!“

Und dann küsste er sie erneut mit einer Leidenschaft, wie Xenia sie noch nie erlebt hatte. Heiße Erregung durchzuckte sie, brachte ihr Blut in Wallung und ihr Herz zum Pochen, bis sie glaubte, es müsse zerspringen.

Im nächsten Moment ließ er sie los und blickte auf. Und im schwachen Licht der Marinabeleuchtung erkannte Xenia zum ersten Mal die Farbe seiner Augen. Sie waren nicht braun, wie sie vermutet hatte, sondern von einem klaren Silbergrau.

„Wir haben den ganzen Morgen zu unserer Verfügung, Xenia. Ich dachte, ein kleiner Einkaufsbummel würde dir vielleicht gefallen. Ganz in der Nähe ist ein exklusives Einkaufszentrum mit einigen erstklassigen Designer-Boutiquen, und …“

Xenia gab sich alle Mühe, sich darauf zu konzentrieren, was ihre Tante Soraya ihr sagte. Die Frau ihres Onkels Hassan hatte sie am Abend zuvor angerufen und ihr für diesen Vormittag einen gemeinsamen Stadtbummel vorgeschlagen. Und mochte Xenia ihrem Großvater gegenüber auch noch so viele Vorbehalte hegen, Soraya war wirklich lieb. Man musste sie einfach mögen, auch wenn sie – zweifellos im Auftrag der Familie – bereits vorsichtig versucht hatte, ihr den Sheikh schmackhaft zu machen.

„Deinem Großvater ist klar, dass du sehr enttäuscht sein musst, weil er dich wegen seines Gesundheitszustandes noch nicht sehen kann, Xenia“, hatte sie etwas befangen vorgebracht. „Deshalb hat er auch dafür gesorgt, dass ein … Freund der Familie, der … der an dem Hotelkomplex ganz wesentlich beteiligt ist, dir in den nächsten Tagen eine ganz persönliche Führung durch die Anlage geben und dir auch etwas von unserem Land zeigen wird. Du wirst Rashid mögen. Er ist ein sehr charmanter und hochgebildeter Mann.“

Xenia hatte sich eine spitze Bemerkung verkniffen, denn schließlich wusste sie ja längst, wer Rashid war und welche Pläne ihr Großvater hegte … dank Sauds argloser Enthüllungen!

Nach dem gestrigen Vorfall am Strand hatte sie die halbe Nacht wach gelegen, die Szene immer wieder neu durchlebt und sich fassungslos gefragt, wie es überhaupt hatte passieren können. Wie, in aller Welt, hatte sie nur so dumm sein können, sich von einem Mann küssen zu lassen, dessen Namen sie noch nicht einmal kannte?

Übermüdet und gereizt, stand ihr an diesem Morgen überhaupt nicht der Sinn nach einem Einkaufsbummel. Und was, wenn der Surflehrer versuchen würde, sich mit ihr in Verbindung zu setzen? Oder würde er vielmehr erwarten, dass sie am Strand auftauchte und sich ihm an den Hals warf, wie er es von den anderen weiblichen Hotelgästen anscheinend gewohnt war? Bei dem Gedanken wurde ihr übel. Nein, ihre Abmachung lautete, dass er ihr nachsteigen und sie verführen sollte!

Verführen … unwillkürlich jagte ihr ein Schauer der Erregung über den Rücken. Was ihre Tante veranlasste, sich besorgt zu erkundigen, ob es ihr kalt sei.

„Kalt? Hier unter der Wüstensonne?“, erwiderte Xenia lachend.

„Dein Großvater hofft wirklich, dass es ihm bald gut genug geht, dich zu empfangen“, fuhr Soraya fort. „Er freut sich sehr darauf, dich kennenzulernen, Xenia. Ständig fragt er Hassan und mich, ob du deiner Mutter ähnlich siehst.“

Xenia versuchte, sich von den freundlichen Worten ihrer Tante nicht beeindrucken zu lassen. „Wenn ihn das wirklich interessieren würde, hätte er es längst feststellen können … als meine Mutter noch lebte“, bemerkte sie kühl. Die Versuchung war groß, ihrer Tante zu sagen, dass sie ganz genau wusste, warum ihr Großvater sie nach Zuran eingeladen hatte. Aber sie wollte ihren jungen Cousin nicht in Schwierigkeiten bringen.

Soraya wechselte taktvoll das Thema. „Wie gefällt dir denn die Hotelanlage?“

Warum hätte sie lügen sollen? „Sie ist wirklich beeindruckend“, räumte sie ehrlich ein. „Allerdings habe ich es noch nicht geschafft, alles zu erkunden. Es ist ja fast wie eine kleine Stadt. Aber das, was ich bisher gesehen habe, ist atemberaubend.“

Vor allem gefiel ihr der traditionelle Entwurf der miteinander verbundenen Hotel- und Nebengebäude, die zahlreiche geschützte Gartenhöfe einschlossen. Die exotische Obst- und Blütenpracht hier und die sprudelnden Marmorbrunnen erinnerten Xenia an die maurische Architektur Südspaniens und an die Fotos, die ihre Mutter ihr von ihrer Kinderzeit in arabischen Palästen gezeigt hatte.

„Das musst du Rashid sagen, wenn er dich herumführt. Er wird sich freuen. Allerdings kann das noch einige Tage dauern. Dein Großvater hat heute früh Nachricht von ihm erhalten, dass er in einer geschäftlichen Angelegenheit der königlichen Familie fortmusste. Es geht da um ein weiteres Projekt in der Wüste, an dem er arbeitet.“

„Er arbeitet?“, fragte Xenia erstaunt. Nach allem, was Saud ihr erzählt hatte, war sie davon ausgegangen, der für sie ausgewählte zukünftige Gatte wäre zu reich und vornehm, um sich zu einer richtigen Arbeit herabzulassen.

„Aber natürlich!“, erwiderte ihre Tante. „Er ist nicht nur finanziell an dem Hotelkomplex beteiligt, sondern hat ihn auch entworfen, denn er ist ein hoch qualifizierter und gefragter Architekt. Es war der Wunsch seiner Mutter, dass er in England studieren würde, und nach ihrem Tod ehrte sein Vater ihr Andenken, indem er ihr diesen Wunsch erfüllte.“

Ein Architekt! Xenia ermahnte sich, dass es wohl kaum sinnvoll war, Interesse an einem Mann zu zeigen, den sie längst abzulehnen entschlossen war. „Klingt, als wäre er ein viel beschäftigter Mann“, sagte sie deshalb beiläufig. „Dann sollte er seine knapp bemessene Zeit ganz bestimmt nicht damit vergeuden, mir die Hotelanlage zu zeigen. Ich kann sie genauso gut allein erkunden.“

„Aber nein, auf keinen Fall!“, protestierte ihre Tante sofort.

„Nicht? Na, dann könnte Saud mich vielleicht begleiten, oder?“ Xenia konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihre Tante ein wenig zu necken.

„Nein! Es ist wirklich das Beste, dass Rashid dich herumführt. Schließlich hat er die Anlage entworfen und kann dir alle Fragen beantworten.“

„Und was ist mit seiner Frau?“, erkundigte sich Xenia betont arglos. „Macht es ihr nichts aus, wenn er seine kostbare Zeit mit mir verbringt?“

„Oh, er ist nicht verheiratet“, versicherte Soraya ihr rasch. „Er wird dir gefallen, Xenia. Ihr beide habt so viel gemeinsam, und …“ Das Läuten ihres Handys ließ sie verstummen. Sie langte unter ihre Gewänder und zog es hervor.

Xenia lauschte dem ihr unverständlichen arabischen Wortschwall ihrer Tante, bemerkte jedoch, dass Sorayas Gesicht wachsende Besorgnis ausdrückte. „Was ist los?“, fragte sie, sobald ihre Tante das Gespräch beendet hatte. „Geht es um Großvater? Ist er …?“ Sie presste die Lippen zusammen, ärgerlich, ihre Sorge preisgegeben zu haben.

„Das war dein Onkel“, sagte Soraya sanft. „Dein Großvater hat einen Rückfall erlitten. Der Arzt hatte ihm strenge Bettruhe verordnet, aber er hält sich einfach nicht daran! Ich fürchte, wir müssen unseren Einkaufsbummel abbrechen, Xenia. Ich muss sofort nach Hause.“

Für einen Moment war Xenia versucht, ihre Tante zu bitten, sie mitzunehmen, damit sie ihren Großvater kennenlernen würde, den nächsten Verwandten, den sie noch besaß. Aber sie beeilte sich, diese ungebetenen Gefühle zu unterdrücken. Ihr Großvater bedeutete ihr gar nichts. Sie durfte nicht vergessen, was er ihrer Mutter angetan hatte und welche Pläne er jetzt für sie hegte. Nein, sie würde ganz bestimmt nicht darum betteln, ihn sehen zu dürfen!

Ein Taxi setzte Xenia wieder vor dem Hotel ab, und sie machte sich ohne Eile auf den Weg ins Foyer. Wie es aussah, hatte sie nun den Rest des Tages für sich, aber sie fürchtete keineswegs, sich zu langweilen.

Die Hotelanlage bot wirklich genügend Abwechslung für jedermann. Es war zum Beispiel immer wieder spannend und interessant, über den Souk zu bummeln und den einheimischen Kunsthandwerkern bei ihrer Arbeit zuzusehen. Wenn man etwas Ruhe suchte, boten sich die zahlreichen Gärten zu einem Spaziergang an, oder man genoss eine romantische Gondelfahrt durch die künstlich angelegten Kanäle, die die weitläufige Hotelanlage durchzogen. Und nicht zuletzt luden verschiedene kunstvoll gestaltete Pools und mehrere idyllische Privatstrände ganz einfach zum Faulenzen ein.

Die Pools und Strände erreichte man entweder zu Fuß oder mit einem der hoteleigenen Strandbuggys durch künstlich angelegte Höhlengänge unterhalb der Hotellobby. Sobald man dort ankam, wurde man von dienstbeflissenen Helfern umsorgt, die einem das Badetuch zur gewünschten Liege trugen, den Sonnenschirm ausrichteten oder einen Ober herbeiriefen. Nichts, was das Wohlbefinden der Gäste betraf, wurde hier dem Zufall überlassen. Xenia hatte zuerst mit ihren Eltern, dann mit ihrem Patenonkel und schließlich auch allein die ganze Welt bereist, aber sie musste zugeben, dass sie noch an keinen Ort gekommen war, wo die Urlauber derart in Luxus gebettet wurden wie hier.

Nur dass sie hier leider nicht in Urlaub war – auch wenn ihre beiden besten Freundinnen in England sie in der Woche vor ihrer Abreise durch die exklusivsten Läden von London geschleift hatte, damit sie sich für die Reise mit einer angemessenen Garderobe ausstattete. Von Natur aus eher zurückhaltend und im Hinblick auf die Sitten des Landes, das ihr Ziel sein würde, hatte sie sich dabei erfolgreich gegen die freizügigeren Modelle gewehrt, zu denen ihre lebenslustigen Freundinnen sie hatten überreden wollen. Wenn Xenia sich allerdings jetzt unter den weiblichen Hotelgästen umblickte, hätte sie durchaus den spärlichsten Bikini wählen und sich immer noch vergleichsweise „zu angezogen“ fühlen können.

Unwillkürlich ließ Xenia die Fingerspitzen über ihren flachen Bauch zu ihrem Nabel gleiten, wo unter ihrer Kleidung der kleine Diamantstecker versteckt war, den sie sich noch kurz vor ihrer Abreise gekauft hatte, nachdem die Piercing-Wunde verheilt war. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Nicht einmal ihre beiden Freundinnen wussten von diesem Piercing, das sie sich in einer Art Trotzreaktion hatte machen lassen an dem Tag, nachdem ihr Patenonkel ihren Widerstand gebrochen und sie überredet hatte, der Reise nach Zuran zuzustimmen. Inzwischen gestand sie sich ein, dass es schon etwas erregend Lüsternes hatte, wie der kleine Diamant auf ihrer nackten Haut im Licht funkelte … aber das würde so schnell natürlich niemand zu Gesicht bekommen.

Sie dachte an ihren Großvater. Wie schlecht war es um ihn wirklich bestellt? War er tatsächlich so krank, wie ihre Tante zu glauben schien? Oder war sein „schwaches Herz“ nur ein Trick, ein weiteres Mittel, sie zu manipulieren und unter Druck zu setzen? Xenia war fest entschlossen, gegenüber diesem Despoten, der ihrer Mutter so viel Leid verursacht hatte, nicht nachzugeben, und neigte eher zu der Vermutung, dass er augenblicklich mit ihr genau das Katz- und Mausspiel versuchte, das er nach den Erzählungen ihrer Mutter so meisterhaft beherrschte. Aber was, wenn sie sich irrte? Wenn ihr Großvater wirklich ernsthaft krank war?

Andererseits, hatte sie nicht allen Grund, ihm zu misstrauen und ihn abzulehnen? Warum aber fühlte sie sich dann so verlassen und zurückgewiesen … ausgeschlossen aus dem Kreis der besorgten Familie, die sich schützend um ihn scharte? Ihr Onkel und ihre Tante, die sie wirklich sehr liebevoll hier in Zuran willkommen geheißen hatten, würden sie im Hotel anrufen, wenn sie es für nötig hielten, das wusste Xenia. Trotzdem war das nicht das Gleiche wie selber dabei und als Mitglied der Familie akzeptiert zu sein.

Wieder überkam Xenia ein erdrückendes Gefühl des Verlusts, und sie verdrängte es energisch. Das war schon immer ihr Problem gewesen: Sie war viel zu verletzlich; ihr keltisches Erbe. Gegen ihren Willen dachte sie daran, wie oft sie als Kind unter dem Gefühl gelitten hatte, anders zu sein. Sie hatte den Schmerz ihrer Mutter gespürt und war hilflos dagegen gewesen, und sie hatte die anderen Kinder beneidet, die so selbstverständlich von ihren liebenden Großeltern erzählten.

Und schon wieder ließ sie zu, dass ihre Gefühle ihre Vernunft untergruben! Ihr Großvater hatte sie nur aus einem Grund herkommen lassen, und der hatte nichts mit „Liebe“ zu tun. Für Abu Assad war sie lediglich ein wertvolles Faustpfand in jenem Spiel um Macht und Einfluss, das er so genoss.

Wenn er allerdings wirklich krank war, wenn ihm etwas passierte, bevor sie die Möglichkeit bekam, ihn kennenzulernen? Xenia schluckte, blickte sich im Foyer um und ging zu den Aufzügen. Sie würde erst einmal nach oben in ihr Zimmer fahren und sich dann in Ruhe überlegen, wie sie den Rest des Tages verbringen sollte.

Die Suite, die ihre zuranische Familie für sie reserviert hatte, war elegant und luxuriös eingerichtet und hätte einer ganzen Familie Platz geboten. Zu den Zimmern gehörten selbstverständlich ein riesiges Bad mit einer großen Dusche und einem in den Boden eingelassenen Whirlpool, ein geräumiges Ankleidezimmer und ein Schlafzimmer mit dem größten Bett, in dem Xenia je geschlafen hatte. Ein zusätzlicher Luxus war eine private Dachterrasse mit einem hinreißenden Blick auf einen der exotischen Gärten des Hotels.

Noch ganz in Gedanken, schloss Xenia die Suite auf, betrat das Schlafzimmer und legte ihre Handtasche auf der Frisierkommode ab. Sie blickte auf und erstarrte, denn sie sah im Spiegel das Bett – und vor allem den Mann, der sich darauf rekelte: ihren Möchtegern-Verführer und Komplizen!

Er hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt und beobachtete sie aufmerksam, wobei er bis auf ein Handtuch um die Hüften völlig nackt war. Kleine Wassertropfen glitzerten auf seiner samtenen gebräunten Haut und zeugten von der Tatsache, dass er offenbar erst kurz zuvor aus der Dusche gekommen war … aus ihrer Dusche! Fassungslos und ungläubig drehte sie sich zu ihm um.

Ihre Suite war wie die übrigen auf dieser Etage und wie die feudale Eigentümersuite ein Stockwerk darüber nur mit einem Privataufzug zu erreichen, für den man eine eigene Sicherheitskarte brauchte. Aber für einen Mann wie ihn war vermutlich alles möglich! Mit großen Augen sah sie zu, wie er nun langsam die Beine aus dem Bett schwang und aufstand. Wenn das Handtuch um seine Hüften heruntergleiten würde … Xenia schluckte und ließ nervös die Zungenspitze über ihre Lippen gleiten. Wie gebannt hing ihr Blick an seinem sinnlichen Mund. Erregende Erinnerungen tauchten auf … wie er sie geküsst hatte, wild und leidenschaftlich. Hatte jemand die Klimaanlage ausgeschaltet? Xenia wurde es plötzlich ungemein heiß.

Er kam langsam auf sie zu. In wenigen Sekunden … unwillkürlich wich sie zurück.

3. KAPITEL

Xenia riss sich zusammen und kämpfte die aufsteigende Panik nieder. „Was … was machst du hier?“

Ihre Nervosität schien ihn zu belustigen. Seine grauen Augen blitzten unverkennbar amüsiert, als er gelassen antwortete: „Ich warte natürlich auf dich.“

„Hier und … so?“ Ihre Stimme bebte vor Empörung. „Was, wenn ich nicht allein gekommen wäre? Wenn mich zum Beispiel meine Tante begleitet hätte?“

„Dann hättest du genau das erreicht, was du wolltest, oder nicht? Außerdem haben wir beide noch einiges zu besprechen, und ich brauchte unbedingt eine Dusche, deshalb fand ich es nur vernünftig, beides miteinander zu verbinden.“

Er schien sich in ihrer Suite tatsächlich so zu Hause zu fühlen, dass Xenia sich wie der Eindringling vorkam. „Du hättest in deiner Unterkunft duschen können“, sagte sie irritiert. „Und was das Reden betrifft: Ich wollte später sowieso noch zum Strand kommen.“

„Später wäre zu spät gewesen“, erwiderte er ungerührt. „Heute ist mein freier Nachmittag. Was meine Unterkunft angeht, glaubst du wirklich, dass das Hotelpersonal so luxuriös untergebracht ist wie die Gäste?“

Xenia schluckte. „Wie hast du mich überhaupt gefunden? Ich habe dir meinen Namen doch gar nicht genannt, und deinen weiß ich auch noch nicht.“

„Das war nicht so schwierig. Dein Großvater ist hier ein bekannter Mann.“

Xenia sah ihn erstaunt an. „Du kennst ihn?“

„Wäre es einem bloßen Saisonarbeiter überhaupt gestattet, einen Millionär zu ‚kennen‘?“

Xenia ignoriert die spöttische Frage. „Wie heißt du eigentlich?“, erkundigte sie sich stattdessen. Täuschte sie sich, oder zögerte er länger als nötig mit der Antwort?

„Blaize“, sagte er schließlich.

„Blaize?“, wiederholte sie überrascht.

„Stimmt etwas nicht mit dem Namen?“, fragte er schroff.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Ich hatte nur einfach angenommen, dass du Südeuropäer wärst … Italiener, Grieche oder Spanier. Aber dein Name klingt so … englisch.“

„Meine Mutter stammte aus Cornwall“, lieferte Blaize ihr die nötige Erklärung und fügte ironisch hinzu: „Nach allem, was ich von ihr weiß, gehörten ihre Vorfahren zu einer Bande Strandräuber.“

Strandräuber. Piraten. Das passte zu seinem Äußeren und zu seiner verwegenen Ausstrahlung. Wurde den kornischen Strandräubern nicht nachgesagt, von den Galeonen der besiegten spanischen Armada nicht nur das Gold geraubt zu haben, sondern auch die edlen spanischen Damen, die in Begleitung ihrer Ehemänner segelten? Blaize. Der Name passte zu ihm.

„Nachdem wir uns nun vorgestellt sind, könnten wir uns vielleicht einigen praktischen Dingen zuwenden, die deinen Plan betreffen?“

„Ich will jetzt nicht darüber sprechen“, wehrte Xenia rasch ab. „Würdest du dich bitte anziehen und gehen?“ Seine Anwesenheit in diesem überaus spärlich bekleideten Zustand machte sie zunehmend nervös.

„Was ist los?“, fragte Blaize aufhorchend. „Hast du deine Meinung geändert? Ist es deiner Familie vielleicht gelungen, dich zu überreden, eine Verbindung mit dem Mann, den man für dich gewählt hat, doch ins Auge zu fassen? Immerhin gibt es ja Schlimmeres als eine Heirat mit einem sehr reichen Mann.“

„Für mich nicht!“, widersprach Xenia scharf. „Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen als eine Heirat ohne Liebe“, fügte sie leidenschaftlich hinzu.

„Bist du schon jemals verliebt gewesen?“ Blaize sah sie herausfordernd an und beantwortete seine Frage im nächsten Moment selber: „Nein, natürlich nicht, andernfalls …“

„Ob ich schon einmal verliebt war oder nicht, hat nichts mit unserer geschäftlichen Abmachung zu tun“, fiel Xenia ihm missbilligend ins Wort.

„Wann sollst du eigentlich Rashid vorgestellt werden?“

Sie zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Offiziell weiß ich ja noch gar nichts von den Plänen meines Großvaters. Meine Tante hat zwar einige diskrete Andeutungen über Rashid fallen lassen, wobei sie so tat, als wäre er nur ein Freund der Familie, der sich angeboten hätte, mir den Hotelkomplex zu zeigen, aber …“ Sie bemerkte Blaizes fragenden Blick und fügte erklärend hinzu: „Anscheinend ist er nicht nur finanziell an der Anlage beteiligt, sondern auch an der Planung. Laut meiner Tante ist er nämlich Architekt.“ Xenia gab sich Mühe, jegliche Bewunderung aus ihrer Stimme fernzuhalten.

„Und wann wird er dich herumführen?“

„Keine Ahnung. Soweit ich von meiner Tante weiß, ist Sheikh Rashid gerade in einer geschäftlichen Angelegenheit verreist.“

„Und du hoffst natürlich, bis zu seiner Rückkehr deinem guten Ruf genügend Schaden zugefügt zu haben, dass du als Frau für ihn nicht mehr in Frage kommst, ja? Schön, in dem Fall sollten wir keine Zeit verschwenden“, sagte Blaize energisch. „Gegenwärtig trifft sich hier in Zuran alles, was sehen und gesehen werden will, im ‚The Venue‘, einem Restaurant in dieser Hotelanlage. Es kann einen Küchenchef mit Michelin-Stern vorweisen und einen separaten Musiksaal, wo die Gäste tanzen können. Ich denke, wir beide sollten dort heute Abend unseren ersten öffentlichen Auftritt machen. Abendkleidung ist vorgeschrieben, und der Einlass ist streng geregelt, aber da du ein Gast des Hotels und dazu eine Frau bist, dürfte das für uns kein Problem sein.“

„Das klingt ziemlich teuer“, meinte Xenia zweifelnd.

„Ist es auch“, bestätigte er. „Aber du hast mir doch gesagt, dass du auf Einladung deiner Familie und als deren Gast hier bist, und die Kosten für das Essen in allen Restaurants in der Anlage kannst du auf deine Zimmerrechnung schreiben lassen, also …“

„Nein! Auf keinen Fall!“, wehrte Xenia pikiert ab, was Blaize zu amüsieren schien.

„Und warum nicht? Du musst doch schließlich etwas essen, oder?“

„Ja, natürlich, aber ich kann unmöglich erwarten, dass meine Familie bezahlt, wenn ich …“ Sie verstummte und suchte nach den passenden Worten.

Blaize winkte ungeduldig ab. „Entweder es war dir ernst mit diesem Plan, oder es war nur eine kindische Trotzreaktion, die du bereits bedauerst. In dem Fall verschwendest du nicht nur deine, sondern auch meine Zeit.“

„Es ist mir ernst“, fiel sie ihm ins Wort.

„Schön, hier in Zuran isst man spät. Wir treffen uns also um halb zehn unten im Foyer. Es sei denn, du möchtest, dass ich dich etwas früher hier in deiner Suite abhole, was uns Zeit geben würde …“

„Nein!“, unterbrach sie ihn errötend und ärgerte sich sehr über seinen amüsierten Blick.

„Der Inbegriff einer nervösen Jungfrau! Bist du wirklich noch eine?“

Ihre Wangen färbten sich noch dunkler. „Du hast kein Recht, mir eine derartige Frage zu stellen!“

Blaize schüttelte lachend der Kopf. „Wer hätte das gedacht? Jetzt hast du mich wirklich in Erstaunen versetzt! Eine nervöse Jungfrau, die in der Öffentlichkeit als leichtes Mädchen gelten will. Du willst diese Heirat wirklich um jeden Preis verhindern, stimmt’s?“

„Habe ich dir nicht gerade gesagt, dass ich nicht bereit bin, mein Privatleben mit dir zu diskutieren?“

„Obwohl du von mir erwartest, dass ich alle Welt davon überzeuge, dass ich Teil deines Privatlebens bin – ein sehr wesentlicher Teil sogar?“

Sein unmissverständlicher Blick ließ sie erstarren. Wie konnte dieser Surflehrer es wagen, sich über sie lustig zu machen? Irgendwie war es ihm gelungen, ihre Beziehung umzukehren, sodass jetzt er und nicht sie die Fäden in der Hand zu halten schien. Unwillkürlich jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken, und sie hatte die dumpfe Vorahnung, dass sie möglicherweise in der Gefahr stand, sich auf eine Situation einzulassen, die sie letztendlich nicht mehr würde kontrollieren können. Ehe sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, läutete es an der Tür ihrer Suite, und sie zuckte erschrocken zusammen.

„Schon gut“, meinte Blaize gelassen. „Das wird der Zimmerservice sein. Ich habe etwas zu essen bestellt.“

„Du hast was?“ Xenia sah ihn entgeistert an. Im nächsten Moment läutete es erneut, und sie blickte zur Tür. „Du kannst doch nicht einfach …“ Sie verstummte errötend, als ihr klar wurde, dass Blaize sie auslachte.

„He, ich glaube, das wird ein richtiger Spaß“, sagte er gut gelaunt. „Hast du eine Ahnung, wie reizvoll es ist, dich zu schockieren, Miss Etepetete?“

Immer noch lachend, beugte er sich vor, umfasste ihr Gesicht und küsste sie zart auf den Mund. Dann ließ er sie los und verschwand im Bad genau in dem Moment, als der Zimmerservice die Tür zur Suite öffnete und das bestellte Essen hereintrug.

„Na, Panik überstanden?“

Xenia drehte sich unwillkürlich zu Blaize um, als er wieder aus dem Bad kam. Er trug immer noch nur das Handtuch um die Hüften, hielt in einer Hand einen elektrischen Rasierapparat und strich sich mit der anderen über das jetzt glatt rasierte Kinn. Rasch wandte Xenia den Blick ab. Ihr Herz pochte. Was war nur mit ihr los?

„Mm, ich könnte mich daran gewöhnen“, bemerkte er nun anerkennend, als er den mit zahllosen Köstlichkeiten beladenen Servierwagen betrachtete. Dann wandte er sich zurück ins Bad und rief Xenia noch über die Schulter zu: „Gieß mir eine Tasse Kaffee ein, ja? Schwarz, ohne Zucker.“

Sie sollte ihm Kaffee eingießen? Wofür hielt der Kerl sich?

„Ach ja …“ Er war auf der Schwelle zum Bad stehen geblieben und drehte sich um. „Ich habe bereits einen Tisch im ‚The Venue‘ reservieren lassen. Wir hatten Glück, die waren praktisch schon ausgebucht. Bist du sicher, dass du die Dinge nicht abkürzen möchtest? Ich könnte einfach hier einziehen und …“

„Nein!“

Ihre heftige Ablehnung schien ihn im höchsten Maß zu amüsieren. Gelassen lehnte er sich gegen den Türrahmen und sagte spöttisch: „Weißt du, ich habe das Gefühl, es könnte mir richtig Spaß machen, diese Verführung Wirklichkeit werden zu lassen … wenn du es möchtest.“

„Nein!“ Ihre grünen Augen funkelten warnend. „Niemals!“

„Ach ja, natürlich … ich hatte vergessen, dass du dich für den Mann deiner Träume aufhebst. Nun, pass auf, dass er sich nicht als Albtraum entpuppt! Ist das mein Kaffee?“ Er war mit zwei Schritten bei ihr, um zu verhindern, dass die Tasse, die sie gerade einschenkte, überlief.

Wütend auf sich, weil sie tatsächlich seiner Auforderung gefolgt war und ihm Kaffee eingegossen hatte, nahm Xenia ihm die Tasse sofort wieder aus der Hand. „Nein, die ist für mich. Du kannst dir selber Kaffee einschenken.“

Gleichmütig langte er nach der Kaffeekanne, um sich zu bedienen, und Xenia blieb nichts anderes übrig, als den bitteren schwarzen Kaffee ohne Zucker, den sie für sich beansprucht hatte, auch zu trinken. Missmutig beobachtete sie, wie er sich mit sichtlichem Genuss über die Köstlichkeiten hermachte, die er bestellt hatte. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, als sie sich mit ihrem Plan an ihn gewandt hatte. Sie hatte an einen offenen Flirt am Strand gedacht, an einige gemeinsame Ausflüge in aller Öffentlichkeit und vielleicht das eine oder andere gemeinsame Essen in einem Restaurant.

„Komm, setz dich, und iss auch etwas. Ich habe genug für uns beide bestellt“, lud Blaize sie unverfroren ein.

„Das sehe ich!“, erwiderte Xenia spitz. Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass die Familie ihrer Mutter auch noch für die Kosten aufkam, die Blaize zusätzlich verursachte. Glücklicherweise hatte sie ihre Kreditkarte und genügend Travellerschecks dabei. Außerdem hatte ihr Patenonkel sie großzügig mit Geld versorgt, bevor er in den Fernen Osten abgereist war … vermutlich aus schlechtem Gewissen. „Müsstest du nicht eigentlich bei der Arbeit sein?“, wandte sie sich an Blaize.

„Keine Sorge.“ Er winkte ab. „Mit stand sowieso noch Urlaub zu, also habe ich mir ein paar Tage freigenommen. Auf diese Weise kann ich dir ganz zur Verfügung stehen. Wenn unser Rashid gewillt ist, dich sozusagen unbesehen zu nehmen, dann wird es vermutlich ein hartes Stück Arbeit werden, ihn umzustimmen. Wir beide müssen also schon sehr überzeugend sein. Bist du sicher, dass ich nicht doch bei dir einziehen soll?“, fragte er mit einem wehmütigen Blick auf das große Bett.

„Ganz sicher“, antwortete Xenia mühsam beherrscht. „Und sobald du fertig gegessen hast, möchte ich, dass du dich anziehst und gehst.“

„Gehen? So bald? Ich dachte, wir könnten die Zeit nutzen und uns etwas besser kennenlernen.“ Er warf einen Blick in ihr entsetztes Gesicht und lachte. „He, du musst aber noch viel besser werden, wenn du je irgendjemand davon überzeugen willst, dass wir beide eine Affäre miteinander haben.“

„Ich bezahle dich ja gerade deshalb, weil dein Ruf schlecht genug ist, um für uns beide überzeugend zu wirken“, entgegnete Xenia kühl.

Xenia zuckte zusammen, als das Telefon in ihrer Suite läutete. Sie war fast fertig mit ihren Vorbereitungen für die abendliche Verabredung und trug einen eleganten Hosenanzug aus cremefarbenem Satin. Zögernd griff sie nach dem Telefon und atmete erleichtert auf, als sich ihre Tante Soraya am anderen Ende der Leitung meldete.

„Ich wollte dich schon früher anrufen“, sagte Soraya entschuldigend. „Ist alles in Ordnung? Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dich heute früh allein lassen zu müssen. Wenigstens geht es deinem Großvater etwas besser, obwohl der Arzt ihm immer noch Bettruhe verordnet hat. Er möchte dich so gern sehen, Xenia, und …“

Für Xenias Geschmack klang das wenig überzeugend. Aber sie hatte nicht vor, ebenfalls zu lügen und zu behaupten, auch sie könne es nicht erwarten, den alten Mann zu sehen. Augenblicklich hatte sie keine Ahnung, was genau er mit seiner Hinhaltetaktik erreichen wollte, außer sie derart zu isolieren, dass sie sich Sheikh Rashid allein aus Dankbarkeit an den Hals werfen würde, weil er sie aus ihrer Einsamkeit befreite!

„Es ist so schade, dass meine eigene Familie, meine Schwestern und deren Kinder, im Moment verreist sind, sodass sich keiner richtig um dich kümmern kann“, fuhr ihre Tante fort. „Aber sobald Rashid zurück ist …“

„Mach dir meinetwegen keine Sorgen“, unterbrach Xenia sie rasch. „Ich kann mich gut selber beschäftigen. Und außerdem …“ Sie zögerte, weil sie sich nicht sicher war, wie viel sie ihrer Tante schon andeuten sollte.

Doch Soraya war sowieso zu sehr mit ihren eigenen Überlegungen beschäftigt, um richtig zuzuhören. „Von der Hotelanlage aus werden einige begleitete Ausflüge angeboten, an denen du Spaß haben könntest, solange du auf Rashids Rückkehr wartest. Zum Beispiel ein Ausflug zum Gold-Souk. Oh … dein Großvater ruft nach mir. Ich muss leider Schluss machen.“

Als Xenia sich wieder dem Spiegel zuwandte, um den Lippenstift aufzutragen, bemerkte sie, dass ihre Hand leicht zitterte. Vor Wut, sagte sie sich sofort, und keineswegs weil sie die Vorstellung nervös machte, den Abend mit Blaize zu verbringen. Sie war wütend, weil sie spürte, dass ihre Tante nicht ganz ehrlich mit ihr war.

Wie mochte ihr Großvater aussehen? Aus den Beschreibungen ihrer Mutter und ihrem eigenen Eindruck von den stolzen Beduinen mit ihren langen, wallenden Roben, die sie im Hotel-Foyer gesehen hatte, versuchte Xenia, sich ein Bild von ihm zu machen. Typisch für diese Einheimischen waren der Bart und das scharfe Profil … und sie stellte sich zusätzlich vor, dass Abu Assad sie mit einem unnachgiebigen, ablehnenden Ausdruck betrachten würde, weil sie das Kind jener Ehe seiner Tochter war, die er vergeblich versucht hatte zu verhindern.

Es wollte Xenia einfach nicht in den Kopf, was einen liebenden Vater dazu bringen konnte, sich derart drastisch von seiner Tochter abzuwenden, dass nicht einmal mehr ihr Name in seiner Gegenwart ausgesprochen werden durfte, nur weil sie den Mann geheiratet hatte, den sie liebte. Nachdenklich betrachtete sie sich im Spiegel. Zu Hause in England kam sie sich des Öfteren exotisch und fremd vor – aber hier im Land ihrer Mutter fühlte sie sich merkwürdigerweise sehr keltisch. Ihre Mutter! Was würde sie vom Plan ihrer Tochter halten? Was würde sie von Blaize halten?

Xenia nahm ihre Abendtasche und hielt es für klüger, derart beunruhigende Gedanken erst gar nicht aufkommen zu lassen.

In der Hotellobby herrschte reger Betrieb. Vor dem Eingang zur Pianobar stand eine größere Gruppe exklusiv gekleideter Damen mit ihren männlichen Begleitern, und Xenia machte große Augen, als sie die funkelnden Juwelen der Frauen bemerkte. Sie selbst erntete einige abschätzende Blicke von den Damen und unverhohlen bewundernde von den Herren, während sie sich nach Blaize umsah.

„Da bist du ja! Ich wollte gerade nach oben kommen und dich abholen.“

Xenia drehte sich um und erstarrte überrascht. Blaize war unbemerkt hinter ihr aufgetaucht und trug einen maßgeschneiderten Abendanzug, der zweifellos ein kleines Vermögen gekostet haben musste. Kein Wunder, dass die mit Diamanten behangenen Damen vor der Pianobar ihn so lüstern begutachteten! Von dem Lohn eines Surflehrers konnte er sich eine derartige Kleidung unmöglich leisten, was bedeutete … Xenia beschlich ein unangenehmes Gefühl bei der Erkenntnis, dass sie vermutlich nicht die erste Frau war, die Blaize für seine „Dienste“ bezahlte. Wobei sie natürlich etwas ganz anderes von ihm erwartete, als die Frauen es üblicherweise taten.

„Was ist los? Du siehst aus, als wäre dir eine Laus über die Leber gelaufen.“

Sein Scharfblick warnte sie, sich in Zukunft mehr im Griff zu haben. „Nein, nein, ich habe nur überlegt, was heute Abend wohl auf der Speisekarte steht“, antwortete sie betont gleichmütig. Heute Abend würde sie auf der Hut sein und keinen Zweifel daran lassen, dass sie beabsichtigte, die Zügel in der Hand zu halten!

„Du wirst feststellen, dass die Restaurants in Zuran heutzutage den internationalen Vergleich nicht scheuen müssen“, antwortete Blaize und nahm sie beim Arm, um sie durch das Foyer zu geleiten. Xenia unterdrückte den Wunsch, sich seinem Griff zu entziehen, denn schließlich war es ja Sinn und Zweck der ganzen Übung, sich mit ihm in aller Öffentlichkeit sehen zu lassen.

Anstatt sie jedoch wie erwartet zum Ausgang zu führen, geleitete Blaize sie zu den großen Glastüren, die einen direkten Zugang zu jenem Gartenhof bildeten, hinter dem sich das ausgedehnte Netz von Wasserkanälen erstreckte, das den gesamten Komplex durchzog.

„Ich dachte, wir würden zum Essen ausgehen“, sagte Xenia zögernd, als zwei Hotelangestellte in Livree ihnen die Türen aufhielten.

„Das werden wir auch“, versicherte Blaize ihr und schob sie hinaus. „Was ist los?“, fragte er dabei neckend. „Hast du gedacht, ich würde dich in den Hof entführen, um mir eine kleine private Übungsstunde zu gönnen, bevor wir uns in die Öffentlichkeit wagen?“ Leise lachend zog er sie ein wenig näher an seine Seite, als sie in die warme Nacht hinaustraten. „Doch nicht in einem Garten, wo uns jedermann sehen kann … Nein, wenn das meine Absicht gewesen wäre, hätte ich uns einen viel ungestörteren Ort gesucht.“

„Wie zum Beispiel deine offizielle Unterkunft?“, warf Xenia spöttisch ein. Er sollte nicht meinen, dass sie sich von ihm beeindrucken ließ!

„Du erinnerst mich an eine kleine Katze, die stets in Abwehr die Krallen zeigt. Pass auf, dass ich nicht versucht werde, dir beizubringen, vor Vergnügen zu schnurren und deine Krallen nur in der Hitze der Leidenschaft zu benutzen!“

Xenia war froh, dass die Dunkelheit ihre geröteten Wangen verbarg. „Wir befinden uns noch nicht in der Öffentlichkeit. Du kannst dir deine Verführungskünste also aufheben, bis es so weit ist.“

Sie hatten den Garten jetzt fast durchquert und näherten sich dem Ufer des Kanals. Blaize winkte einem der Gondolieri, die dort in ihren Booten warteten.

„Dies ist vielleicht nicht der schnellste Weg zum Restaurant, aber bestimmt der entspannendste“, meinte Blaize vielsagend, als er Xenia in die Gondel half.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als einzusteigen, wobei sie sich unwillkürlich fragte, ob man sich etwas Romantischeres vorstellen konnte. Eine ausgetüftelte Beleuchtung verwandelte die Ferienanlage bei Nacht in eine geheimnisvolle, zauberhafte Märchenwelt aus Tausendundeiner Nacht. Duftende Dunstwolken schwebten über ihren Köpfen, in der Ferne erhellte gerade ein farbenprächtiges Feuerwerk den Nachthimmel. Als die Gondel an dem Souk vorbeifuhr, zeigte ein Feuerschlucker vor staunendem Publikum seine Kunst, und Xenia beobachtete mit sehnsüchtigem Blick, wie einer der Händler seine Waren auf eine Kamelkarawane auflud.

Vielleicht das Einzige, was sie sich während ihres Aufenthalts in Zuran wirklich von ganzem Herzen wünschte, war ein Ausflug in die Wüste. Mochte ihre Tante ihr auch noch so sehr von Einkaufszentren und dem sagenhaften Gold- und Diamanten-Souk vorschwärmen, es war die Wüste, die Xenia lockte. Es schien ihr Schicksal, sie kennenzulernen.

Tief in Gedanken versunken, zuckte Xenia zusammen, als Blaize sie am Arm berührte. Die Gondel legte gerade an einem kunstvoll verzierten Landungssteg an, von dem aus ein roter Teppich auf ein Gebäude zuführte, das unverkennbar dem Pariser Baustil nachempfunden war. Vor dem Eingang des Restaurants standen bereits einige Leute in Abendkleidung.

Sie erstarrte in Ablehnung, als Blaize ihr die Hände um die Taille legte, um ihr aus der Gondel zu helfen. Dann beugte er sich vor und strich ihr auch noch mit einer vertraulichen Geste das Haar aus dem Gesicht. „Lass das!“, protestierte sie. „Die Frau, die deinen Anzug bezahlt hat, hat sich vielleicht gern in aller Öffentlichkeit begrapschen lassen, aber ich tue das nicht!“

Das eisige Funkeln in seinen Augen verriet ihr, dass sie zu weit gegangen war. „Zu deiner Information: Keine Frau hat mir jemals meine Kleidung bezahlt“, entgegnete er bedrohlich leise. „Und was das ‚Begrapschen‘ angeht, sei froh, dass deine Unschuld dich vor den Konsequenzen einer solchen Bemerkung bewahrt. Fürs Erste jedenfalls!“

Ohne etwas darauf zu erwidern, drehte Xenia sich um und betrat mit hoch erhobenem Kopf den roten Teppich. Um nichts in der Welt hätte sie zugegeben, dass sie jetzt dankbar für Blaizes schützende Hand an ihrem Arm gewesen wäre, als sie langsam auf das Restaurant zuging und beobachtete, wie vor ihr die elegant gekleideten Gäste in beneidenswert selbstbewusster Haltung eintraten.

„Noch etwas Wein?“

Blaize sah sie fragend an, während der Ober dienstbeflissen in der Nähe des Tisches mit der Weinflasche wartete. Xenia schüttelte sofort den Kopf. Sie hatten soeben ein ausnehmend köstliches Mahl genossen, und bei jedem Bissen hatte sie sich an ihr erstes, richtiges großes Essen in Paris erinnert, eine Geburtstagseinladung von ihren Eltern. Dieses Restaurant hier war vom Dekor und Ambiente bis hin zu den Duftkerzen auf den Tischen ein Spiegelbild der elegantesten Restaurants in Paris, und es hätte Xenia nicht verwundert, wenn man hier tatsächlich Französisch gesprochen hätte.

„Dann Kaffee?“ Blaize gab dem Ober einen entsprechenden Hinweis, als sie nickte, und er zog sich zurück.

Den ganzen Abend schon spielte Blaize die Rolle des aufmerksamen und rücksichtsvollen Kavaliers, sodass Xenia sich nicht zum ersten Mal insgeheim warnte, nicht auf ihr eigenes Szenario hereinzufallen. Zweifellos hatte er in diesen Dingen mehr als reichlich Erfahrung! Während sie darauf wartete, dass der Kaffee serviert wurde, fiel ihr plötzlich auf, dass sie von einem Tisch in der Nähe, an dem drei Paare saßen, aufmerksam begutachtet wurde. Da in diesem Moment der Ober kam und den Kaffee servierte, wurde sie kurz abgelenkt. Doch als sie wieder aufblickte, hätte sie schwören können, dass Blaize kaum merklich warnend den Kopf schüttelte, als einer der drei Männer Anstalten machte, aufzustehen und an ihren Tisch zu kommen.

Sobald der Ober fort war, fragte sie: „Wer ist das?“

„Wen meinst du?“, erwiderte Blaize.

„Den Mann, den du gerade angesehen hast. Es sah aus, als wollte er an unseren Tisch kommen, aber du …“

„Ich habe niemanden angesehen“, fiel Blaize ihr ins Wort.

„Doch, das hast du!“, beharrte Xenia. „Ich habe ganz genau gesehen, wie du …“

„Du bildest dir das nur ein“, unterbrach er sie. „Welchen Mann meinst du? Zeig ihn mir.“

Xenia kam seiner Aufforderung ärgerlich nach, doch als Blaize den von ihr bezeichneten Mann ansah, begegnete der gleichmütig seinem Blick, bevor er sich wieder seinen Tischnachbarn zuwandte. Blaize lächelte Xenia spöttisch zu, die errötete. Offensichtlich hatte sie sich tatsächlich geirrt, aber sie gönnte ihm nicht die Genugtuung, dies einzugestehen.

„Vielleicht möchtest du ja tanzen, wenn du den Kaffee getrunken hast“, schlug Blaize nun vor. „Schließlich sollen wir ja als ein Liebespaar gelten, trotz deines jungfräulichen Gehabes.“

Xenia presste die Lippen zusammen. „Das genügt!“, sagte sie gereizt. „Von jetzt an werde ich dir jedes Mal, wenn du meine … meine … das Wort ‚Jungfrau‘ erwähnst, fünf Pfund von deinem Honorar abziehen. Ich bezahle dich, damit du mir hilfst, einer Heirat zu entkommen, die ich nicht will, und nicht, um auf etwas herumzureiten, das mit unserer geschäftlichen Abmachung nicht das Geringste zu tun hat!“

„Ach nein? Da bin ich anderer Meinung“, widersprach Blaize sanft. „Ich soll den Eindruck schaffen, dass ich dich verführe. Wer wird das glauben, wenn du dich weiterhin gebärdest wie eine …“

„Fünf Pfund!“, warf Xenia warnend ein.

„Wie eine Frau, die keine Ahnung hat, wie es ist, Leidenschaft in den Armen eines Mannes zu erleben?“, vollendete er ungerührt seinen Satz.

Xenia trank schweigend ihren Kaffee aus, und Blaize winkte dem Ober. Sofort griff Xenia nach ihrer Handtasche und zog ihre Kreditkarte heraus.

„Was soll das?“, fragte Blaize schroff.

„Ich kann unmöglich zulassen, dass die Familie meiner Mutter für dieses Essen bezahlt. Das wäre unmoralisch.“

„Unmoralisch? Aber es ist nicht unmoralisch, sie glauben zu lassen, dass du mit mir schläfst … einem Mann, den du am Strand aufgegabelt hast?“

„Mein Körper gehört mir. Ich kann damit tun, was ich will“, erwiderte Xenia in gedämpftem Ton, als der Ober mit der Rechnung zurückkam. Ehe sie jedoch ihre Kreditkarte auf das Tablett legen konnte, hatte Blaize nach der Rechnung gegriffen.

„Ich kümmere mich darum“, sagte er kühl. „Du kannst es mir ja später zurückgeben.“ Ohne einen weiteren Einwand zuzulassen, wandte er sich dem Ober zu, wechselte leise ein paar Worte mit ihm, die Xenia nicht verstehen konnte, und reichte dem Ober die Rechnung zurück, der sofort damit verschwand.

Als sie kurz darauf aufstanden und in den angrenzenden Tanzsaal gingen, hatte Xenia das Gefühl, dass alle sie beobachten würden. Aber sie war sicher nur überempfindlich. Und dass die Blicke der anwesenden Frauen Blaize folgten, war ja nichts Besonderes!

Auf der gedämpft beleuchteten Tanzfläche bewegten sich bereits einige Paare selbstvergessen zu der leisen, romantischen Musik. Xenia wich unwillkürlich zurück. Das war nicht Tanzen, sondern ein öffentliches Liebesspiel, und sie konnte auf keinen Fall zulassen, dass Blaize sie so in den Armen hielt!

Andererseits, warum nicht? Worin bestand die Gefahr? Blaize war doch überhaupt nicht ihr Typ, und sosehr er auch mit ihr flirtete, ihr war klar, dass er nichts für sie empfand. Sie waren hier, um einen ganz bestimmten Eindruck zu erwecken, und je eher das geschafft war, desto eher würde sie frei sein, um nach Hause zurückzukehren. Sie nahm also all ihren Mut zusammen und ließ sich von Blaize auf die Tanzfläche führen.

Einen Augenblick später hielt er sie in den Armen, drückte ihren Kopf an seine breite Schulter und ließ die Hand langsam ihren Rücken hinunter zu ihren wohl gerundeten Hüften gleiten. War sie vielleicht etwas zu vorschnell in ihrem Urteil gewesen, was die Beeinflussbarkeit ihrer Gefühle betraf? Dieser Mann war ein geübter Verführer!

„Entspann dich. Vergiss nicht, wir wollen als ein Liebespaar gelten.“

„Ich bin entspannt“, zischte sie ihm zu.

„Nein, das bist du nicht“, widersprach er. „Du hast eine panische Angst, dass ich so etwas tun könnte …“ Bei diesen Worten ließ er seine Hand sacht in ihr Haar gleiten und liebkoste ihr Ohr mit den Lippen. Xenia erschauerte verräterisch. „Hast du eine Ahnung, wie sehr ich dich begehre?“ Angesichts dieser zärtlich geflüsterten Worte, blickte Xenia erstaunt auf, bis ihr einfiel, dass Blaize ja nur die Rolle spielte, für die sie ihn bezahlte. „Soll ich dich zurück ins Hotel begleiten und dir in deinem Zimmer zeigen, wie sehr? Soll ich deinen aufregenden Körper von allen Kleidungsstücken befreien und ihn küssen und streicheln, bevor wir …“

Xenia stockte der Atem, als er nach ihrer Hand griff und sagte: „Fühl selber, was du mir antust.“ Ehe sie sich befreien konnte, drückte er schon ihre Hand an seinen Körper, sodass sie das heftige Pochen seines Herzens fühlen konnte. „Komm näher …“ Er presste sie an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Noch näher! So nahe, dass ich mir vorstellen kann, ich hielte dich nackt in den Armen …“

Xenia wusste, dass die Hitze, die in ihr aufwallte, nicht an der mangelnden Luft in dem Saal lag. Doch sie weigerte sich, darüber nachzudenken, was genau das sehnsüchtige Verlangen in ihr hervorrief, das sich ihrer Kontrolle zu entziehen drohte. Mit größter Mühe gelang es ihr, Blaize etwas fortzuschieben und aufzublicken. „Ich möchte gehen“, sagte sie heiser.

„Jetzt schon? Es ist doch erst kurz nach Mitternacht.“

Xenias Panik wuchs. Wenn er sie noch ein wenig länger so in den Armen hielt … sosehr ihre Vernunft ihr auch sagte, dass er nur eine Rolle spielte, ihr Körper schien den Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit nicht zu kennen. Sie reagierte, als würde sie ihn wirklich begehren! „Es war ein langer Tag, und meine Tante wird morgen vermutlich sehr früh anrufen, um mich über den Gesundheitszustand meines Großvaters auf dem Laufenden zu halten.“

„Ich dachte, du wärest nicht an seinem Gesundheitszustand interessiert.“

„Das bin ich auch nicht!“

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