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JULIA SAISON BAND 4

ALEXANDRA SELLERS

Tausend und eine Nacht

Wie in einem orientalischen Märchen lebt Jana, seit sie die Töchter von Prinz Omar unterrichtet. Schade nur, dass der Prinz ihr aus dem Weg geht! Bis sie bei einem Ausflug in Gefahr gerät. Omar kommt, um sie zu retten – und sie tausend und eine Nacht lang zu lieben …

Glühende Blicke

Entführt! Im Privatjet bringt Scheich Ishaq Ahmadi Anna in sein fernes Land unterm Sichelmond. Was hat er vor? Kennt sie ihn etwa von früher? Ihr Gedächtnisverlust hat jede Erinnerung ausgelöscht. Der einzige Hinweis sind die glühenden Blicke, die Ishaq ihr zuwirft …

Der stolze Scheich

Nur eine einzige Nacht hat Lana mit Scheich Arash in London verbracht. Aber die Erinnerung daran ist so süß und quälend, dass Lana kurzentschlossen in das Scheichtum Parvan fliegt. Sie will dem stolzen Herrscher ihres Herzens ein verführerisches Angebot machen …

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Tausend und eine Nacht

1. KAPITEL

Der schwarze Hengst galoppierte über den harten Wüstensand. Weithin war das Donnern seiner Hufe in der Stille zu hören. Die Strahlen der frühen Morgensonne verfingen sich in den Goldfäden der Satteldecke und den glänzenden Knöpfen des schwarzen Geschirrs.

Die aufrechte Gestalt des Reiters schien mit dem anmutigen Tier verschmolzen zu sein, das geradewegs auf einen tosenden Fluss zustürmte. Es sah ganz so aus, als wollten Reiter und Pferd über den Fluss setzen, der ihnen jetzt den Weg versperrte.

Ein solcher Sprung über den wilden Strom schien unmöglich. Dennoch drängte der Reiter das Pferd vorwärts, und das Tier gehorchte. Im letzten Moment aber zügelte der Mann den Hengst. Das Pferd stieg hoch und schnaubte. Es landete mit den Vorderhufen dicht am Flussufer.

Der Reiter ließ seinen Blick über den Horizont gleiten, während das Pferd nervös aufstampfte und leise wieherte. Kummer und Bitterkeit zeichneten sich auf dem Gesicht des Mannes ab, das von einem kurz gestutzten Vollbart umrahmt war. Der Reiter sah sich mit einem Stirnrunzeln um. Weder der Anblick der Wüste in der aufgehenden Sonne schien ihm Freude zu bereiten noch das strahlende Blau des kühlen Flusses oder die wilden Berge mit ihren weißen Spitzen. Er schaute über den Fluss hinüber zum Meer, das, wenn auch jetzt nicht sichtbar, dahinter lag.

Er befand sich im Land seines Bruders. Der Fluss markierte die Grenze des Reichs, das sein Vater ihm hinterlassen hatte. Alles, was er auf der anderen Seite sah, einschließlich des kilometerlangen Strandes, gehörte einem seiner Brüder. Ritt er nach Westen, so gelangte er nach etlichen Kilometern an die Grenze zum Land seines zweiten Bruders.

Seine Brüder. Sie waren für ihn verloren. Sein Vater und seine Mutter waren tot, und seine Frau war tot. Was war ihm auf der Welt geblieben? Ein Land mit viel Wüste und Gebirge, zumeist unwirtlich, über das ihm obendrein ein Bandit die Herrschaft streitig machte und nichts unversucht ließ, ihm die Macht zu entreißen. Zwei kleine Töchter, die er kaum kannte und nicht lieben konnte.

Ich liebe niemanden, ging es ihm durch den Sinn. Seinen Vater hatte er geliebt, aber der war tot. Außerdem hatte er ihn noch im Sterben betrogen und ihm dieses unwirtliche Land hinterlassen. Falls er seine Mutter jemals geliebt hatte, so war diese Liebe durch ihren unsinnigen Ehrgeiz für ihn erstickt worden. Sie hatte ihn als König sehen wollen, ohne jemals an sein persönliches Glück zu denken. Sie hatte ihm jegliche Chance darauf genommen, als sie ihn gezwungen hatte, eine Frau zu heiraten, die er unmöglich lieben konnte. Und als Lohn für diesen Ehrgeiz hatte seine Frau ihm nur Töchter geboren.

Früher einmal hatte er seine Brüder geliebt. Aber sie hatten ihn im Stich gelassen und das letzte Gebot ihres Vaters missachtet. Dadurch war seine Frau gestorben, und obwohl er sie nicht so geliebt hatte, wie er es sich für die Partnerin seines Lebens erträumt hatte, so hatte er doch unter ihrem Verlust gelitten.

Sein Herz war erkaltet, und das spiegelte sein Gesichtsausdruck wider. Er verspürte nicht den Wunsch, jemanden zu lieben. Alles, was er noch besaß, war die eiserne Entschlossenheit, das Land, so unwirtlich es auch sein mochte, zu behalten und seinen Töchtern zu vermachen.

Er hatte keinen Sohn, und es war natürlich möglich, dass seine Töchter von den Wüstenstämmen abgelehnt würden. In dem Fall würde sein Land unter den Erben seiner Brüder aufgeteilt werden und sein Name für immer in Vergessenheit geraten. Aber er wollte keine zweite Frau, nur um einen Erben bekommen zu können. Nein, er wollte gar nichts mehr vom Leben.

Das Geräusch von Pferdehufen riss ihn aus seinen Gedanken. Ein leichter Druck seiner Knie hieß das Pferd wenden, und gleich darauf schalt der Mann sich einen Narren. Er hatte nicht bemerkt, dass sich sechs feindliche Reiter am Fuß der Bergkette verteilten. Ihre weißen Burnusse flatterten im Wind. Sie schwangen ihre Gewehre über dem Kopf und stießen das hohe Angriffsgeheul der Wüstenvölker aus.

Das Pferd schüttelte die Mähne, sodass dem Reiter beinahe das Gewehr, das er rasch aus der Satteltasche zog, aus der Hand gefallen wäre. Er galoppierte auf die Krieger zu, steuerte seinen Hengst nur mit den Knien, ließ die Zügel locker und feuerte sein Gewehr rasch hintereinander ab, ohne es bis an die Schulter zu heben. Ebenso schnell schrien drei der Männer auf. Zwei Gewehre und ein Mann stürzten zu Boden, aber drei Pferde kamen auf ihn zu.

Er wusste, dass sie ihn nicht umbringen wollten. Das war sein Vorteil. Sie wollten ihn gefangen nehmen. Aber es war ihm gleichgültig, ob einer von ihnen am Leben blieb oder nicht. Er wollte keine Rebellen in seinen Gefängnissen, die nur andere Unglückliche aufhetzten.

Als sie ihn fast erreicht hatten, feuerte er erneut. Ein Pferd stieß mit einem anderen zusammen. Beide Reiter stürzten zu Boden. Er galoppierte an dem letzten Mann vorbei und drängte seinen Hengst umzukehren, sodass er seinen Angreifern gegenüberstand.

Es saß nur noch ein Mann im Sattel.

„Wir sehen uns wieder, Sohn des Daud!“, rief der Bandit, und da erkannte der Mann den Reiter inmitten des zersprengten Trupps.

„Zum letzten Mal“, pflichtete Prinz Hajji Omar Durran ibn Daud ibn Hassan al Quraishi ihm grimmig bei und hob sein Gewehr. Doch der Angreifer warf seine Waffe in den Staub. „Mein Gewehr ist unbrauchbar!“, rief er.

Einen Moment lang musterten sich die beiden Männer auf ihren keuchenden Pferden. Omar sah den Mann vor sich, der seinen Thron begehrte, und dessen Versuch, ihn zu bekommen, seiner Frau das Leben geraubt hatte. Sein Griff um den Abzugshahn wurde fester.

„Du bist ein Krieger, kein Henker, Prinz des Volkes!“

Ohne die Haltung des Gewehres zu verändern, schaute Prinz Omar auf. Die beiden Männer waren sich nah genug, um sich in die Augen zu blicken.

Schließlich senkte Omar sein Gewehr. „Jalal, Sohn des Banditen, sei gewarnt!“, rief er. „Bei unserem nächsten Treffen kannst du nur auf die Gnade Gottes hoffen. Ich werde keine zeigen!“ Dann wendete er sein Pferd und drängte es erneut zum Galopp.

„Schatz, nimm den Rolls“, bat Janas Mutter. „Es wird heiß werden, und du findest bestimmt keinen Parkplatz. Lass dich von Michael fahren.“

„Michael wird es ebenso warm werden wie mir“, erwiderte Jana. „Warum soll er sich ebenfalls durch die Hitze quälen?“

„Weil Michael ein Chauffeur ist“, bemerkte ihre Mutter ungerührt. „Es ist sein Job.“

Nun, das stimmte zwar, aber Jana sah die Dinge etwas anders. In den ersten sieben Jahren ihres Lebens, bis ihre Eltern sich getrennt hatten, waren die Fahrten mit der Limousine für Jana selbstverständlich gewesen. Aber dann waren sie nach Calgary gezogen, wo ihre Mutter eine Arbeit gefunden hatte, und dort hatte Jana, abgesehen von dem Besuch einer Privatschule, ein völlig normales Leben geführt. Zehn Jahre später versöhnten ihre Eltern sich wieder – ein Ereignis, das Jana in dieser Zeit tagtäglich herbeigesehnt hatte. Aber es war für sie nicht so leicht, sich wieder an das alte Leben in dem schottischen Herrschaftshaus, das bereits seit Generationen in der Familie ihres Vaters war, zu gewöhnen. All die Einschränkungen, die beide Eltern ihr jetzt aufdiktieren wollten, hingen mit ihrer Position als Tochter eines Viscounts, der dem Königsgeschlecht der Stewarts entstammte, zusammen. Und sie waren für Jana kaum zu ertragen.

Im Anschluss an die Universität war Jana nach London gegangen, um an einer Schule für sozial schwache Kinder zu unterrichten. Sie wollte etwas mehr tun, als nur Wohltätigkeitsveranstaltungen zu eröffnen. Zunächst hatten ihre Eltern keinen Einspruch erhoben. Es gab erst Ärger, als sie herausfanden, dass Jana in der Nähe der Schule zur Miete wohnte. Sie konnten nicht verstehen, dass Jana freiwillig auf den Luxus von Haushälterin und Chauffeur verzichtete. Doch mit der Zeit, da ihr nichts passierte, verstummten die Einwände.

Vergangene Woche war das Schuljahr zu Ende gewesen und damit auch Janas Karriere, die sie einmal mit so viel Eifer begonnen hatte. Leider hatte es zu viel Kummer und Frust in ihrem Beruf gegeben.

Ihre Mutter war jetzt bei ihr, um mit ihr über die Zukunft zu sprechen. Schockiert musste sie feststellen, dass Jana bereits fast alles entschieden hatte. Sie bereitete sich gerade auf ein letztes Vorstellungsgespräch für einen Job als Privatlehrerin im Ausland vor.

Janas Mutter war noch immer mit der Frage „Chauffeur oder nicht“ beschäftigt. „Michael wird es nicht heiß werden. Der Rolls hat eine Klimaanlage.“

Jana seufzte. „Warum ist das so wichtig, Mutter?“

„Wenn du unbedingt einen Job bei einem orientalischen Machthaber annehmen willst, sollte er wissen, wer du bist.“

„Er weiß, wer ich bin. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht so gründlich überprüft worden. Wahrscheinlich hat er die Ahnenreihe bis Robert Bruce zurückverfolgt“, bemerkte Jana. „Wie kommst du überhaupt darauf, dass er ein Machthaber ist? Mir wurde gesagt, es handele sich um eine reiche Familie mit Beteiligungen an Minenvorkommen.“

„Schatz, alle wichtigen Familien im Orient stehen mit dem jeweiligen Herrscherhaus in Verbindung. Das ist einfach so.“

Jana unterließ es, ihr zu erklären, dass es in England nicht anders war. „Niemand hat etwas davon gesagt.“

Ihre Mutter zuckte mit den Achseln. „Trotzdem verstehe ich nicht, dass du glaubst, du würdest dort weniger eingeschränkt leben, Jana, als hier. In der Hälfte der Länder dort werden die Frauen gezwungen, wieder den Schleier zu tragen.“

„Man hat mir versichert, dass die Familie und auch das Land liberal denken, was Frauenrechte betrifft. Meine Aufgabe wird es sein, der siebenjährigen und der neunjährigen Tochter des Hauses Englisch beizubringen. Dabei werde ich mich weniger eingeengt fühlen, als wenn mir verboten wird, nach einer Methode zu unterrichten, die funktioniert“, fügte Jana mit leichter Verbitterung hinzu.

Ihre Mutter runzelte besorgt die Stirn. „Du bist einfach zu impulsiv. Bitte, Schatz, denk noch einmal darüber nach.“

„Ich will von hier weg, Mutter“, erklärte sie bedrückt.

Was hatte der Untersuchungsausschuss erklärt? „Es wird Ihnen nicht ausdrücklich verboten, diese Lehrmethode anzuwenden, Miss Stewart.“ Jana hatte gewusst, dass damit ihre Karriere zu Ende war. „… aber Sie dürfen nicht den nationalen Lehrplan missachten. Zuallererst müssen Sie sich nach den bewährten Methoden richten. Ihre Methode können Sie als Unterstützung hinzuziehen.“

„Es ist aber nicht möglich, nach beiden Methoden zugleich zu unterrichten“, hatte Jana sich gewehrt. Der Schulrat hatte sich zwar ihre leidenschaftlichen Argumente angehört, war jedoch nicht von seiner Entscheidung abgewichen und schien sichtlich erleichtert, als sie ihre Kündigung einreichte.

Natürlich hatten die Medien für sie Partei ergriffen. Es war die Geschichte, die ihnen gefiel. Doch mit Zeitungsartikeln und Auftritten in Talkshows ließ sich der nationale Lehrplan nicht ändern.

Vielleicht hätte sie kämpfen sollen. Aber Jana war die berühmte Energie der Stewarts dafür ausgegangen. Sie fühlte sich eher wie ihr entfernter Verwandter, Bonnie Prinz Charlie, nach der Schlacht von Culloden: geschlagen.

Die Anzeige, in der eine Privatlehrerin für eine „angesehene Familie in den kleinen, aber wohlhabenden Emiraten von Barakat“ gesucht wurde, hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Stelle war für ein Jahr ausgeschrieben und schien Jana genau richtig, um sich zu erholen.

„Es gibt andere Möglichkeiten, von hier wegzugehen, als eine Stelle in den Emiraten von Barakat anzutreten“, bemerkte ihre Mutter.

Jana hob die Achseln. Sie kannte die Vorschläge ihrer Mutter, eine Segeltour in den Malediven oder ein Urlaub in Griechenland. Beides reizvoll, das musste Jana zugeben, aber nicht unter den Umständen, wie ihre Mutter sich das vorstellte, nämlich in Begleitung von Peter, dem Mann, den die ganze Familie verehrte.

„Mutter, darüber haben wir bereits gesprochen.“

„Jana, ich finde wirklich, dass ein paar Wochen in …“

„Mutter.“

„Ja, Schatz.“

„Ich werde Peter nicht heiraten“, erklärte Jana nachdrücklich.

„Aber, Schatz, warum sagst du das? Er ist so …“

Jana musste lachen. Ihre Mutter konnte sich nicht verstellen. Ihre Eltern hielten Peter für den idealen Mann. Er käme wunderbar mit ihren jüngeren Geschwistern aus. Das wusste sie auch. Leider war er nicht der richtige Mann für Jana. In nichts stimmten sie überein.

Auf ihr Lachen hin verstummte ihre Mutter. Sie schaute Jana nur an und machte eine resignierte Geste. „Dann nimm wenigstens den Rolls“, drängte sie.

Jana gab nach. Sie wusste, dass ihre Mutter sie manipuliert hatte, aber ihre Widerstandskraft war gering, und wenn die ganze Familie auf sie eingeredet hätte, Peter zu heiraten … Jana biss die Zähne aufeinander. Sollte ihr die Stelle angeboten werden, würde sie sie annehmen, selbst wenn es sich um einen orientalischen Machthaber handelte.

2. KAPITEL

Eine Stunde später kletterte Jana anmutig vom Rücksitz des dunkelblauen Rolls und wirkte trotz der Hitze in der Stadt frisch.

In den vergangenen sechs Wochen hatte sie drei Vorstellungsgespräche mit Beauftragten der Familie geführt und glaubte, eine gute Chance zu haben. Sie besaß die richtige Erfahrung für den Job und wusste, dass drei oder vier Bewerber in die engere Auswahl gekommen waren. Heute war der Vater der Kinder, die sie unterrichten sollte, in der Stadt, und sie würde ihm zum ersten Mal begegnen. Man hatte ihr gesagt, dass die Mutter verstorben war.

Sie lächelte dem Portier zu, als er ihr die Tür aufhielt. Mit einem anerkennenden Blick bedachte er ihre schlanke Gestalt, ihr feuerrotes Haar, ihre großen Augen und ihr selbstbewusstes Auftreten.

An der Rezeption wurde sie von einem streng wirkenden, gut aussehenden Mann aus Barakat in Empfang genommen. Er führte sie zum Aufzug und bat sie, als die Türen sich geschlossen hatte: „Verzeihung, aber kann ich Ihre Handtasche sehen?“

Jana verspannte sich. „Wie bitte?“

„Ich will Ihre Handtasche durchsuchen, Miss Stewart.“

Sie warf ihm einen ablehnenden Blick zu. „Kommt nicht infrage!“

Der Bedienstete zuckte mit den Achseln. „Es tut mir leid, Madame, aber ich muss darauf bestehen.“

„Mir wurde aber nichts davon gesagt, dass ich durchsucht werden würde!“

Der Aufzug hatte die vorgesehene Etage erreicht und hielt an, aber der Mann hatte den Schlüssel, der in der Anzeigetafel steckte, herumgedreht, sodass die Türen sich nicht öffneten.

„Ich sage es Ihnen, Madame.“

„Und wer sind Sie?“

„Ich bin Ashraf Durran, Cousin und Tafelgefährte von Omar Durran ibn Daud ibn Hassan al Quraishi“, erwiderte er und nickte herablassend. „Bitte, Miss Stewart, erlauben Sie mir, Sie zu durchsuchen. Er wartet auf Sie.“

Jana hatte nicht den starren Regeln ihres Elternhauses den Rücken gekehrt, um jetzt für jemanden zu arbeiten, der seine Mitarbeiter durchsuchen ließ und offenbar Angst vor einem Attentat hatte.

Irritiert erkundigte sie sich. „Was glaubt er, von wem ich bezahlt werde?“

„Es gibt viele Wahnsinnige auf der Welt, Miss Stewart“, antwortete Ashraf Durran. „Bitte“, fügte er beschwichtigend hinzu.

Sie umklammerte ihre Handtasche. Es wäre geradezu verrückt, dieser Aufforderung nachzukommen. „Ich bin zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden, und niemand hat mir etwas davon gesagt, dass ich durchsucht werden würde. Das muss ein Irrtum sein“, beharrte sie.

Ashraf Durran griff in seine Tasche. Im ersten Moment glaubte Jana, das schwarze Ding, das er da herausholte, sei eine Waffe. Doch sie sah erleichtert, dass es ein Handy war. Er sprach eine Weile hinein, dann sagte er: „Baleh, baleh“, und steckte es wieder in die Tasche.

„Ich muss Sie und Ihre Handtasche durchsuchen, Madame“, erklärte er.

„Oder?“

„Oder Sie nach unten zurückbringen.“

Sie warf ihm einen wütenden Blick zu. „Nun, dann tun S…“, begann sie, brach jedoch sofort ab. Denn unwillkürlich musste sie an Peter denken und an den Urlaub, zu dem ihre Mutter sie überreden würde, falls sie diesen Job nicht annähme.

Entschlossen reichte sie Ashraf Durran ihre Handtasche. Er durchsuchte sie und gab sie ihr zurück. „Entschuldigung“, sagte er, und Jana schnappte nach Luft, als er seine Hände ausstreckte und sie unpersönlich abtastete.

„Danke“, sagte er anschließend. „Es tut mir leid, dass es sein musste.“ Dann betätigte er den Schlüssel und die Türen öffneten sich.

Jana trat in eine große, möblierte Eingangshalle und sah sich gleich in einem riesigen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Erleichtert sah sie, dass man ihr die Empörung der vergangenen Minuten nicht anmerken konnte. In ihrem weißen Kostüm wirkte sie adrett und kühl. Mehrere Männer, alle in westlichen Anzügen, manche auch mit Burnus, hielten sich hier auf. Sie alle sahen ihr nach, als Ashraf Durran sie auf eine Tür zuführte. Vermutlich wussten sie ganz genau, dass sie gerade durchsucht worden war.

Ashraf Durran klopfte an und öffnete die Tür, hinter der sich eine elegante Suite befand. Zwei Männer wandten sich ihr zu und standen sofort auf. Den älteren, schlanken, großen Mann mit dem grauen Haar hatte sie bereits bei einem der vorherigen Gespräche kennengelernt. Hadi al Hatims dunkle Augen leuchteten auf.

Der jüngere Mann – etwa Mitte bis Ende Dreißig – war ein wenig größer, hager und gut gebaut. Er hatte meergrüne Augen, kräftige Wangenknochen, eine breite Stirn, dichtes, schwarzes Haar und einen kurz gestutzten Bart. Sein Gesichtsausdruck wirkte jedoch distanziert und verschlossen.

„Miss Jana Stewart, Durchlaucht“, stellte Hadi al Hatim sie vor und reichte ihr die Hand. „Miss Stewart, nett Sie wiederzusehen. Das ist Seine Königliche Hoheit Scheich Omar ibn Daud, der Prinz von Zentralbarakat.“

„Prinz?“, wiederholte sie betroffen. „Meine Mutter hatte also doch recht. O verflixt!“

Natürlich hätte sie das nicht sagen sollen. Das Gesicht Seiner Königlichen Hoheit wurde noch verschlossener, falls das möglich war, und er musterte sie abweisend.

„Was ist denn, Miss Stewart?“ Er sprach mit einem leichten Akzent. Seine tiefe Stimme klang hart und unnachgiebig.

„Sie wurden mir als einflussreiche Familie aus Barakat mit Minenbesitz geschildert“, erwiderte sie.

Er bejahte arrogant. „Wir besitzen die Gold- und Smaragdminen in den Bergen von Noor.“

„Meinen Glückwunsch“, versetzte Jana trocken und fühlte sich von seiner herablassenden Art irritiert. Sie wusste nicht einmal, wie man einen Scheich begrüßte. Etwa mit einem Knicks? Nein, das war bestimmt eine westliche Tradition. Im Orient musste man sich zur Ehrenbezeigung, soweit sie sich erinnerte, Prinzen zu Füßen werfen. Das jedoch erschien ihr selbst im Dorchester übertrieben.

„Aber ich will nicht in einem Palast arbeiten. Ich finde, es wäre besser gewesen, man hätte …“

Mich vorgewarnt, wollte sie sagen, aber er schnitt ihr das Wort ab. „Warum nicht?“ Seine Stimme klang tonlos. Nicht mal Neugier schien er zu empfinden.

Sie ärgerte sich über die Unterbrechung. „Zum Beispiel aus dem Grund, der Sie dazu veranlasst, mich zu unterbrechen, wann es Ihnen passt.“

Er musterte sie erstaunt. „Miss Stewart, ich verstehe Ihre Feindseligkeit nicht. Mein Wesir hatte den Eindruck, Sie möchten die Arbeit annehmen.“ Er sah Hadi al Hatim an, aber der ältere Mann schwieg. „Was ist der Grund für Ihre veränderte Haltung?“

„Ich bin eben im Aufzug durchsucht worden“, entgegnete Jana und deutete zur Tür. „Sie haben eine Armee von Leibwächtern bei sich, weil Sie ein Prinz sind. Das ist der Grund.“

„Ich habe keine Armee von Leibwächtern“, widersprach er ihr gleichmütig. „Sie gehören noch nicht zu meinem Haushalt. Sobald das der Fall ist, werden Sie nicht mehr durchsucht werden, wenn Sie sich mir nähern.“

Mir nähern. Er redete wie ein Adliger aus dem Mittelalter! „Darum geht es nicht. Es ist vielmehr so, dass mir nicht gesagt wurde, dass es sich um eine Stelle bei einer königlichen Familie handelt.“

„Jetzt wissen Sie es aber. Wollen Sie die Stelle nicht?“

So vor die Entscheidung gestellt, begann Jana plötzlich zu überlegen. War das die richtige Vorgehensweise? Verwandte und Freunde warfen ihr nicht umsonst vor, sie sei impulsiv.

Eines war sicher, ihre Mutter und Peter würden die Situation ausnutzen, wenn sie die Stelle nicht annähme.

„Nun ja …“ Sie nagte an ihrer Unterlippe.

Der Wesir mischte sich ein. „Miss Stewart, vor diesem Treffen, haben Seine Hoheit und ich entschieden, dass Sie die geeignetste Bewerberin für die Stelle sind. Falls Sie die Arbeit jetzt nicht annehmen wollen, gibt es nichts weiter zu besprechen. Wenn Sie unschlüssig sind, nehmen Sie doch bitte Platz, damit wir über die Sache reden können.“

Das war ein zuvorkommendes Angebot.

„In Ordnung“, stimmte sie erleichtert zu.

Prinz Omar deutete auf das Sofa, und sie setzten sich, der Prinz in einen Sessel schräg ihr gegenüber, und Hadi al Hatim zog sich in eine Fensternische zurück.

„Bei Ihrem letzten Gespräch, glaube ich, wurde Ihnen mitgeteilt, dass Sie bei uns wohnen und zwei Mädchen unterrichten sollen“, begann der Prinz. „Das Alter und der Stand ihrer Ausbildung ist Ihnen bekannt.“ Obwohl er sich in Englisch ausdrücken konnte, schien ihm die Sprache nicht sehr geläufig.

„Das Einzige, was man mir nicht gesagt hat, ist, dass sie Prinzessinnen sind.“ Jana schaute ihm in die Augen und fühlte sich von einem Blick gebannt, der sie gleichzeitig anzog und abstieß. Eine verwirrende Mischung unterschiedlicher Gefühle durchflutete sie. „Das ist doch richtig? Es sind Ihre Töchter?“

„Ja, sie sind es“, antwortete er ohne den geringsten väterlichen Stolz. „Falls Sie Fragen haben, können Sie die jetzt stellen.“

„Inwieweit wollen Sie persönlich den Rahmen meines Unterrichts abstecken?“

„Den Rahmen?“, wiederholte er und runzelte die Stirn. „Wir haben keinen Zeitrahmen. Die Prinzessinnen werden ausschließlich von Privatlehrern unterrichtet. Die meisten sind den Sommer über nicht da. Mir wäre es daher lieb, wenn Sie gleich mit dem Unterricht beginnen, denn die Prinzessinnen haben schon ein paar Monate kein Englisch mehr gehabt.“

Sie lachte über das Missverständnis. „Nein, nein, das meinte ich nicht …“ Sie suchte nach einer Möglichkeit, es ihm zu erklären, erschrak dann aber, als er sie zornig musterte.

„Mein Englisch ist alles andere als perfekt, Miss Stewart. Ich hoffe, Sie werden nicht über jeden Fehler lachen, den ich mache.“

Jana richtete sich gerade auf. „Ich habe nicht über irgendeinen Fehler gelacht!“

Prinz Omar zog ungläubig die Brauen hoch. „Nicht? Über was dann?“

Jana musste an sich halten, um nicht aufzubrausen. „Über das gegenseitige Missverständnis!“

„Ich verstehe.“

„Ist Lachen im Palast verboten?“

Einen Augenblick lang musterte er sie schweigend. Eine solche Resignation hatte sie noch bei keinem Menschen gesehen.

„Nein, es ist nicht verboten“, erklärte er schließlich. Aber Jana ahnte, dass dort selten gelacht wurde, und im Stillen taten ihr die beiden Mädchen leid.

„Wie heißen Ihre Töchter?“, fragte sie unwillkürlich.

Sein Blick glitt kurz zu Hadi al Hatim hinüber. „Masha und Kamala sind ihre Taufnamen.“

„Ka-ma-la“, wiederholte sie bedächtig. „Masha. Das sind beides sehr hübsche Namen.“ Sie lächelte. „Masha. Ist das nicht Russisch?“

„Masha ist die Kurzform für Mashouka, was in Parvani, meiner Muttersprache, ‚Geliebte‘ bedeutet. Ich habe ein paar Jahre in Russland gelebt, dort ist es die Kurzform für Maria. Aber ich habe meiner Tochter nicht absichtlich einen russischen Namen gegeben.“

Er sagte das, als wäre es das Letzte, was ihm einfallen würde. „Wenn Sie es so sehr gehasst haben, warum waren Sie dann dort?“, wollte Jana wissen, ohne lange zu überlegen, wie es nun einmal ihre Art war.

„Ich habe nicht gesagt, dass ich es gehasst hätte.“ Wieder ließ er einen stummen Blick zu seinem Wesir gleiten. „Ich habe dort die Univer…“

„Aber Sie haben es gehasst.“

Er senkte seine Lider, als müsse er seine Reaktion vor ihr verbergen. Da sein Blick Jana nicht mehr fesselte, fiel ihr auf, wie attraktiv er war. Gesicht und Kopf waren wohlgeformt. Die gesenkten Lider wie auch die volle Unterlippe deuteten auf Sinnlichkeit hin. Mit seinem Bart sah er aus wie ein Pirat aus Hollywood. Aber die Kälte, die in seinem Blick lag, machte die Wirkung seiner Vorzüge zunichte.

Er seufzte ungeduldig. „Ja, ich habe es gehasst. Warum wollen Sie das unbedingt hören, Miss Stewart?“

Plötzlich stieg Jana Hitze in die Wangen. „Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich.

Er musterte sie interessiert. „Haben Sie eine Verbindung zu Russland?“

„Absolut keine“, erwiderte sie hastig. Hoffentlich blieb er nicht hartnäckig. Sie wollte ihm nicht gestehen, dass sie einfach nur hören wollte, ob er Gefühle besaß. Das ging sie schließlich nichts an.

„Haben Sie ein Bild von ihnen?“, fragte sie.

„Von den Prinzessinnen?“ Er runzelte die Stirn, als wäre das eine ungewöhnliche Frage. „Ich weiß nicht …“ Er wandte sich zu seinem Wesir um. „Haben wir ein Foto, Khwaja?“

Lächelnd trat Hadi al Hatim an den Tisch, holte eine Akte aus einer Tasche und entnahm ihr ein großes Farbfoto, das er dem Prinzen reichte. In dem Augenblick erschien der Tafelgefährte, der sie durchsucht hatte, und der Wesir verließ mit ihm zusammen den Raum.

Ohne einen Blick auf das Foto zu werfen, reichte Omar es ihr. Verwundert, wie distanziert er ein Foto seiner Töchter behandelte, beugte Jana sich vor, um es anzunehmen. Ungeschickterweise bewegten sie sich beide ein Stück zu weit vor, sodass ihre Hände sich berührten. Jana hielt betroffen den Atem an.

Zwei kleine Mädchen, die sich umarmt hielten, lächelten in die Kamera. Sie waren sehr hübsch und würden mit zunehmendem Alter wunderschön werden, doch mangelte es ihnen offenbar an Selbstbewusstsein. Große dunkle Augen, zart geschwungene Brauen und die sinnlichen Lippen hatten sie vom Vater. Scheu blickten sie in die Kamera, und ihr Lächeln wirkte zaghaft. Bei Jana weckten sie ebenso ein mütterliches Gefühl wie ihre Schüler und Schülerinnen aus problematischen Elternhäusern. Reichtum und gesellschaftliches Ansehen bewahrten Kinder nicht vor Kummer, rief sie sich ins Gedächtnis. Diese beiden Mädchen hier hatten ihre Mutter verloren, und der Haltung Seiner Königlichen Hoheit nach zu urteilen, nie einen richtigen Vater gehabt.

Und doch war eine von ihnen „Geliebte“ genannt worden. Wer mochte den Namen wohl ausgewählt haben?

„Sie sind beide sehr hübsch. Sie müssen doch richtig stolz auf sie sein.“

„Sie kommen nach ihrer Mutter, die als große Schönheit galt“, erwiderte er, als spreche er über Vertragsbedingungen.

„Was bedeutet Kamala?“, fragte sie und bemerkte, als sie aufsah, dass er sie beobachtete.

„Das bedeutet ‚vollkommen‘, Miss Stewart.“ Er verstummte, und in der Stille fiel ihnen mit einem Mal auf, dass sie allein im Raum waren. Prinz Omar strich sich über den Bart, und Jana verfolgte seine Geste.

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Verlegen blickte sie auf seine vollen Lippen, die er fest aufeinandergepresst hatte. Als er sie bewegte, hielt sie unwillkürlich den Atem an.

„Ihr Name hat übrigens eine Bedeutung in unserer Sprache“, meinte er. „Jana.“ Er dehnte das erste ‚a‘, und ihr Name klang mehr wie Jahneh.

Jana schluckte. „Und was bedeutet das?“

„Seele“, antwortete er. „Eigentlich ‚Seele von‘ … es ist unvollständig. Jan-am bedeutet ‚meine Seele‘. Wie heißen Sie mit zweitem Namen?“

Jana erschauerte. Seine tiefe Stimme klang jetzt etwas weicher, und er schaute ihr unentwegt in die Augen.

„Roxane.“

„Das Wort gibt es in Parvani auch. Roshan bedeutet ‚Licht‘. Zusammengesetzt bedeutet ihr Name dann ‚Licht der Seele‘ oder ‚Seelenlicht‘.“

Jana nickte ein wenig beklommen. „Ich verstehe“, sagte sie. „Danke.“

Einen Moment lang entstand eine Pause. Der Prinz betrachtete die Unterlagen in seiner Hand. Sie merkte, dass er ihren Lebenslauf und ihre Bewerbung vor sich hatte, aber das Übrige war in Arabisch geschrieben.

„Sie stammen aus der königlichen Familie von Schottland.“

„Die Schlacht haben wir vor vielen Generationen verloren, Durchlaucht.“

„Aber Sie werden ein anderes Verständnis für das Leben eines Königshauses mitbringen als die übrigen Bewerberinnen. Meistens begreifen die ausländischen Lehrer nämlich nicht die Einschränkungen. Sie, denke ich, werden das kennen.“

Aber ja, dachte sie. Ich kenne das zur Genüge und habe mich immer dagegen gewehrt. Sie blickte auf das Foto mit den beiden fragenden, verunsicherten Gesichtern, und Mitleid überkam sie.

„Ja“, gab sie laut zu.

„Und da Sie an den Schulen für sozial Schwache gearbeitet haben, ist Ihnen klar, was Pflicht bedeutet. Die Prinzessinnen müssen nämlich begreifen lernen, was ihre Pflicht ist.“

Die armen kleinen Prinzessinnen. Sie blickte erneut auf das Foto in ihrer Hand. Er wollte ihr die Stelle geben. Und trotz allem, was sich abgespielt hatte, wollte Jana sie annehmen. Nicht nur wegen der verloren wirkenden Prinzessinnen, sondern auch aus Eigennutz. Selbst wenn der Scheich kühl war und Einschränkungen galten, so würde sie die Arbeit nur für ein Jahr machen. Eine Heirat mit Peter jedoch würde viel länger währen.

Sie schaute Prinz Omar an und entschied, ihn nicht auf die prägende Bedeutung ihrer zehn Lebensjahre in Calgary aufmerksam zu machen. „Ich verstehe.“

„Diese Methode, mit der Sie Kindern das Lesen beibringen, haben Sie die selbst entwickelt?“

„Nur zum Teil. Eigentlich ist es eine Abwandlung des alten Lautsystems, nach dem jeder hier im Land, der über vierzig ist, gelernt hat. Aber diese Methode wurde verworfen, und man unterrichtet heute Englisch, als wäre es Chinesisch, und als hätten wir kein Alphabet, sondern nur Bilder, die die Wörter darstellen.“ Sie spürte, wie sie in Fahrt kam und zwang sich, den Mund zu halten.

„Die Prinzessinnen …“ Jana fiel auf, dass er nicht etwa ‚meine Töchter‘ sagte, „… sprechen ziemlich gut Englisch. Aber sie können es nicht lesen, wie etwa Arabisch, Parvani und Französisch. Sie sind intelligent, aber sie sagen, sie können nichts in Englisch lesen. Was könnte der Grund sein?“

„Nun, ohne zu wissen, wer meine Vorgänger waren …“ Sie hob bedauernd die Schultern.

„Diese Kinder, die Sie unterrichtet haben … ihre Muttersprache war nicht Englisch?“

Jana bejahte.

„Welche Sprache war es dann?“

„Es waren alle möglichen Sprachen darunter.“ Sie lächelte. „Ich kann ‚sehr gut‘ in vierzehn Sprachen sagen.“

Khayli khoub“, meinte Prinz Omar.

Jana hob ihre Brauen.

„Das war ‚sehr gut‘ in Parvani, Miss Stewart. Ich hoffe, Sie werden allen Grund haben, den Prinzessinnen das oft zu sagen.“

3. KAPITEL

Eine Woche später füllte die fürstliche Gruppe fast die gesamte Kabine erster Klasse des Royal Barakat Air Jet. Nur ein halbes Dutzend Sitze waren frei geblieben, einer davon neben Jana. Das gab Jana die Gelegenheit, noch einmal über ihren erstaunlichen Schritt nachzudenken. Doch kurz darauf setzte sich jemand neben sie und riss sie aus ihren Gedanken. Sie schaute auf. Es war der alte Wesir.

Sie lächelte freundlich, und ein paar Minuten unterhielten sie sich über Belangloses. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte der alte Mann sie sehr beeindruckt. Er wirkte in gewisser Weise demütig, aber man durfte ihn nicht unterschätzen. Auf seine ruhige Art vermochte er rasch menschliche Beweggründe zu durchschauen.

Schließlich sprach er mit ihr über Masha und Kamala und den tragischen Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren. Wäre sie zum Krankenhaus gebracht worden … aber Prinz Omar war leider nicht da gewesen, und in seiner Abwesenheit hatte es niemand gewagt, die Verantwortung zu übernehmen.

Jana runzelte die Stirn. „So schwer kann das doch nicht sein, eine kranke Frau in ein Hospital zu bringen!“, versetzte sie.

„Sie wollte nicht. Und niemand besaß die Autorität, über sie zu bestimmen.“

„Sie meinen, niemand wollte das Risiko auf sich nehmen, einer kranken Königin zu widersprechen, um ihr das Leben zu retten?“, fragte sie ungläubig.

„Hätten Sie das getan?“

„Nun, das hoffe ich aber doch! Hält man sich dort so sehr ans Protokoll? Wie hat Prinz Omar denn reagiert? Er muss ja außer sich gewesen sein.“

„Er war sehr niedergeschlagen. Aber niemandem konnte man die Schuld dafür geben.“

Jana überlegte, warum er ihr das wohl erzählte. Etwa damit sie die beiden Prinzessinnen besser verstand oder … den Prinzen?

Bedächtig wollte sie wissen: „War … war Prinz Omar sehr in seine Frau verliebt?“

Der Wesir lächelte hintergründig. „Wer kann in solchen Dingen in die Herzen der Männer blicken?“, fragte er. Jana hatte das Gefühl, er könne es. „Er hat gesagt, er werde nicht wieder heiraten.“

Jana starrte ihn an. „Soll das …?“, begann sie, aber Hadi al Hatim stand schon auf und nickte ihr grüßend zu. Verwundert sah sie ihm nach. Beinahe hätte sie gefragt: „Soll das etwa eine Warnung sein?“ Aber der Gedanke, sie hätte es auf Prinz Omar abgesehen, war einfach albern. Der Prinz war so kalt wie … aber warum hatte der Wesir ihr das erzählt?

Prinz Omar saß während des ganzen Flugs vorn in der Kabine. Die Leute gingen an ihm vorbei, verneigten sich, küssten ihm die Hand, reichten ihm Unterlagen und unterhielten sich mit ihm. Einmal stand Jana auf und ging zur Toilette, die vorn in der Kabine war. Sie kam an Omars Platz vorbei, als er gerade allein dasaß und ein paar Unterlagen sichtete. Er musste sie bemerkt haben, denn als sie aus der Kabine kam, schaute er auf und sprach sie an.

Ergeben blieb sie bei ihm stehen. „Durchlaucht“, flüsterte sie.

Es war das erste Mal, dass sie ihn seit dem Gespräch im Dorchester wiedersah. Sie war innerlich aufgebracht und verwirrt gewesen, aber heute war sie gelassener, und in seinen Augen sah sie einen trostlosen Ausdruck, der ihr vorher nicht aufgefallen war. Oder lag es an dem, was Hadi al Hatim ihr erzählt hatte?

„Ich bin gerade mal drei Stunden von England weg, und schon höre ich kein Englisch mehr“, meinte er. „Setzen Sie sich zu mir, damit wir uns unterhalten können.“

Wie viel netter hätte sein Befehl geklungen, wenn er dazu gelächelt hätte. Etwas unsicher, wie sie mit ihm umgehen sollte, nahm Jana neben ihm Platz.

„Warum sollten Sie jemanden Englisch sprechen hören?“, fragte sie.

Erstaunt über die Frage antwortete er: „Das ist eine Sprache, die ich immer gut beherrschen wollte.“

„Sie sprechen sie aber doch ziemlich flüssig.“

Prinz Omar schüttelte den Kopf. „Nein, verglichen mit meinen Brüdern ist mein Englisch armselig.“

„Dann muss es für Ihre Brüder die Muttersprache sein“, bemerkte Jana lächelnd.

Dazu sagte er nichts. „Einer hat in den Vereinigten Staaten studiert, der andere in Frankreich. An beiden Orten hatten sie hinreichend Gelegenheit, ihr Englisch zu vervollkommnen.“

„Während Sie Russisch gelernt haben?“, mutmaßte sie.

„Ja, ich habe Russisch gelernt. Mein Vater war der Ansicht, dass ein kleines Land in der Lage sein sollte, mit den mächtigen Nationen in ihrer eigenen Sprache zu verhandeln.“

„Sicherlich kann man ihm das nicht verübeln. Woher sollte er wissen, was aus der Sowjetunion wurde.“ Auch wenn das stimmte, war das wohl nur ein schwacher Trost für ihn.

„Ich nehme meinem Vater das nicht übel. Aber es war nicht …“ Er brach plötzlich ab und musterte sie, als verstünde er nicht, dass er sich so vertraulich mit ihr unterhielt. „Nun, das spielt keine Rolle.“

„Wo haben Sie denn Englisch gelernt?“, fragte Jana. Die unpersönliche Frage half ihm aus der Verlegenheit.

„Von der ersten Frau meines Vaters. Er hatte eine Ausländerin geheiratet. Sie hat Arabisch gelernt, nachdem sie meinen Vater geheiratet hatte, aber sie meinte, Englisch sei eine nützliche Sprache, und hat mit uns nur Englisch gesprochen.“

„Kein Wunder, dass Sie so fließend sprechen.“

Prinz Omar senkte seine Lider. „Wenn mehrere Leute zugleich reden, fällt es mir schwer, ihnen zu folgen. Sehr schwer sogar.“

Er war so ein verschlossener Mensch, dass sie kaum glauben wollte, was sie da hörte. Dennoch bot sie ihm an: „Wenn Sie etwas Übung wollen …“ Sie zuckte mit den Achseln. „… kann ich Ihnen gern Konversation anbieten.“

Im Stillen rechnete sie mit einer Ablehnung, doch stattdessen sah er sie verwundert an. „Werden Sie dafür Zeit haben?“

Sie hatten sich geeinigt, dass sie die Prinzessinnen unterrichten und gelegentlich beaufsichtigen sollte, damit sie die Gelegenheit bekamen, sich im Alltag in Englisch zu verständigen. „Ich nehme an, es hängt davon ab, wann Sie Zeit haben. Wir können uns vielleicht unterhalten, wenn die Prinzessinnen einen anderen Unterricht haben.“

„Ja“, räumte Prinz Omar nachdenklich ein. „Ja, das werde ich mir überlegen. Danke.“

„Hatten Sie mit den vorherigen Englischlehrern keine solche Vereinbarung?“, wollte Jana wissen.

„Nein.“

Mit einem Mal wirkte er wieder förmlich und königlich, aber Jana hatte einen Blick hinter die Fassade werfen können, wenn auch nur einen kurzen, und sie würde sich nicht leicht abschrecken lassen. „Wollen Sie damit sagen, sie haben abgelehnt?“

„Das Thema wurde nie erwähnt.“ Er hielt inne. „Nur bei Ihnen.“

Auf eine eigenartige Weise erhielten die Worte eine tiefere Bedeutung. Das Schweigen zwischen ihnen wurde nur vom Dröhnen der Flugzeugmotoren unterbrochen. Jana klopfte das Herz bis zum Hals. „Ich verstehe“, sagte sie schließlich, nur um etwas zu sagen.

In dem Moment kam Ashraf Durran zu Prinz Omar, und Jana kehrte an ihren Platz zurück, als wäre nie etwas zwischen ihr und Prinz Omar geschehen.

Am Flughafen in Barakat al Barakat wurde die Gruppe von Limousinen abgeholt. Während Jana wartete, bis ihr Gepäck verstaut war, bemerkte sie, dass Prinz Omar sich von der Gruppe entfernte und allein über das Rollfeld schritt. Er ging zu einem Hubschrauber hinüber, den er sehr sachkundig überprüfte.

Als sich schließlich der Konvoi in Bewegung setzte, hörte Jana das Knattern der metallenen Rotorblätter und sah vom Wagenfenster aus, wie der Hubschrauber über ihnen aufstieg und Richtung Wüste davonflog.

Der Palast sah so aus, als hätte ein Flaschengeist Jana den Wunsch nach einem Zauberschloss erfüllt. Torbögen, Minarette, Terrassen, Kuppeln … alles in Weiß,Blau und Terrakotta … schienen über den felsigen Hang, auf dem sie standen, herabstürzen zu müssen. Die späte Nachmittagssonne warf ihren goldenen Glanz über den ganzen Horizont, sodass die Wüste glühte.

Der Palast und die Stadt waren umringt von großartigen Bergen mit weißen Gipfeln, die sich in der Ferne von Norden nach Osten um die Weite der Wüste spannten.

Jana rieb sich die Augen und betrachtete die Landschaft erneut. Hier würde sie also im kommenden Jahr wohnen! Sie hatte zehn Jahre im Schatten der kanadischen Rockies gelebt, aber diese Landschaft wirkte rauer und zerklüfteter.

Sie entdeckte einen Helikopterlandeplatz, als sie die gewundene Einfahrt des Palastes hinauffuhren, aber von einem Hubschrauber war nichts zu sehen. Ashraf Durran kam zu ihr und bat sie, ihr Gepäck herauszusuchen. Ein paar Minuten später, als sie dem Diener auf ihr Zimmer folgte, nutzte sie die Gelegenheit, so beiläufig wie möglich zu fragen: „Prinz Omar ist nicht in den Palast zurückgekehrt?“

„Aber nein. Er hat … andere Geschäfte, um die er sich kümmern muss. Ein paar Tage wird er wahrscheinlich weg sein.“

Also wollte er sich nicht die Mühe machen, seinen Töchtern die neue Englischlehrerin vorzustellen. Es wäre albern gewesen, sich enttäuscht zu fühlen, und das war bei ihr auch nicht der Fall. Aber sie grübelte trotzdem, wohin er gegangen sein mochte.

Ihr „Zimmer“ entpuppte sich als wunderschönes Apartment mit einer großen Terrasse, von der aus man einen Blick über die Wüste hatte. Auf der linken Seite zog sich in der Ferne schützend das Gebirge um sie herum, auf der rechten waren die Stadt und ein langer, glitzernder Strom zu sehen.

In den Räumen gab es zahlreiche orientalische Kunstschätze – Teppiche, bronzene Gefäße, Miniaturgemälde und wunderschön geschnitzte Möbel. Ashraf Durran stellte sie einer Frau vor, die dort wartete.

„Das ist Ihre persönliche Dienerin, Salimah. Sie spricht Englisch. Salimah, das ist Miss Stewart.“

„Hallo“, sagte Jana, als Salimah sich verneigte und die Begrüßung etwas förmlicher erwiderte.

„Salimah wird Ihnen beim Auspacken behilflich sein. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Ich würde gern die Prinzessinnen kennenlernen“, meinte Jana.

Lächelnd hob er eine Hand. „Dafür wird Salimah sorgen. Wenn Sie möchten, zeigt Sie Ihnen auch den Palast. Aber vorher möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee oder Kaffee oder etwas anderes Erfrischendes. Ich lasse Sie in guten Händen zurück, Miss Stewart.“

Damit verneigte er sich und ging. Seine Haltung wirkte unbeschreiblich formell, demütig und herablassend zugleich.

Als die Tür hinter ihm zugefallen war, lächelte Salimah. „Soll ich Ihnen beim Auspacken helfen?“, fragte sie und führte Jana durch einen breiten Türbogen in das Schlafzimmer, in dem ein breites Himmelbett mit wunderschönen, blaugrünen Vorhängen stand.

Nachdem sie ausgepackt, geduscht und etwas Kühles getrunken hatte, bat Jana Salimah: „Jetzt möchte ich gern Masha und Kamala kennenlernen.“

Salimah verneigte sich. „Ja, Miss. Ich werde Sie zu ihrem Kindermädchen bringen.“

Sie führte Jana durch eine Reihe Flure und Zimmer. Und Jana konnte sich nicht vorstellen, jemals allein hier ihren Weg finden zu können. Dabei fiel ihr etwas auf. In den verschiedenen Räumen fanden sich verblasste Rechtecke an den Wänden, und einige Vitrinen, in denen zumeist Familienerbstücke aufbewahrt wurden, wiesen leere Fächer auf. In England gab es meistens nur einen Grund dafür – wegen der Erbschaftssteuer mussten solche Schätze verkauft werden. Was aber mochte Prinz Omar in finanzielle Bedrängnis gebracht haben?

„Wo sind denn die Gemächer der Prinzessinnen?“, fragte Jana, als sie erneut um eine Ecke bogen.

„Sie liegen natürlich direkt neben denen des Kindermädchens.“

Neben denen des Kindermädchens und wohl einen guten Kilometer von denen ihrer Englischlehrerin entfernt. Jana runzelte die Stirn, aber mit Salimah konnte sie schlecht darüber reden.

Umm Hamzah, eine alte Frau, die bereits, wie Salimah erklärte, die persönliche Dienerin der Mutter der Prinzessinnen gewesen war und die Aufgabe des Kindermädchens übernommen hatte, war eine untersetzte, rundliche dunkelhäutige Person mit dichtem grauem Haar, das sie im Rücken zum Zopf geflochten hatte. Sie hatte ein breites, ernstes Gesicht und dunkle, misstrauische Augen. Sie besaß noch etwa die Hälfte ihrer Zähne, und ihr runzliges Gesicht hatte schon viele Sommer sengender Sonne gesehen.

Sie begrüßte Jana auf Arabisch und ließ ihr durch Salimah erklären, dass es im Augenblick nicht angebracht wäre, die Prinzessinnen kennenzulernen.

Jana nickte. „Wo sind die Prinzessinnen denn?“

„Ich glaube, sie baden gerade, Miss“, meinte Salimah verlegen.

Freundlich lächelnd fragte Jana, wann sie zurückkehren solle.

„Es wird nachher jemand die Prinzessinnen zu Ihnen bringen“, übersetzte Salimah.

Das geschah jedoch nicht. Jana bekam ein köstliches Abendessen in ihrem Apartment serviert. Dann beobachtete sie, wie die letzten Sonnenstrahlen verblassten und der Himmel sich verdunkelte, der Mond aufstieg und sich in dem dunklen Strom spiegelte.

Zwei Tage lang war es „nicht angebracht“, dass Jana die Prinzessinnen zu Gesicht bekam. Salimah geriet mehr und mehr in Verlegenheit. Sie wusste keine Erklärung mehr abzugeben, während Umm Hamzah immer abweisender wurde, als mache sie der Sieg in diesem sinnlosen Kampf geradezu unhöflich.

„Die Prinzessinnen sind krank, Miss Stewart“, bot Salimah ihr an und senkte ihren Blick. „Sie liegen im Bett.“

„Das macht mir nichts. Führen Sie mich zu ihnen.“

La, la!“, rief die alte Frau und winkte mit beiden Händen ab, als Salimah den Vorschlag weitergab.

„Sie sagt, es sei … möglich für jemand anders, auch krank zu werden“, übersetzte Salimah.

„Etwas Ansteckendes also“, folgerte Jana automatisch. „Das macht nichts.“ Sie hatte längst begriffen, was sich hier abspielte, aber sie wusste nicht recht, wie sie mit der Feindseligkeit der alten Frau umgehen sollte. „Ich habe mich noch nie angesteckt. Ich habe keine Angst davor. Bringen Sie mich zu ihnen.“

Erneut wehrte Umm Hamzah energisch ab. „Sie sind zu krank, um Besuch zu empfangen, Miss.“

Jana spürte, wie sie innerlich zu kochen begann. „Nun, in dem Fall …“, entgegnete sie bedächtig und versuchte es mit einem Bluff. „… werde ich Prinz Omar umgehend über sein Handy verständigen und bitten, dass er in den Palast zurückkehrt. Er muss sich zwar um dringende Geschäfte kümmern, aber unter so kritischen Umständen will er sicher benachrichtigt werden.“

Wenn die alte Frau den Bluff durchschaut, was soll ich dann machen?, überlegte Jana. Sie wusste nicht mal, ob Prinz Omar ein Handy besaß. Jedenfalls hatte sie keine Nummer, unter der sie ihn hätte erreichen können. Aber Umm Hamzah wirkte sichtlich erschrocken, als sie hörte, was Jana gesagt hatte. Wie viel Einfluss mochte die alte Frau auf die Entscheidung der Königin, nicht ins Krankenhaus zu gehen, gehabt haben?

Eine halbe Stunde später wurden Jana die Prinzessinnen gesund und munter von einem Bediensteten gebracht. Die beiden hübschen Mädchen musterten sie in gebanntem Entsetzen, als sie Jana vorgestellt wurden. Sobald sie mit ihnen allein war, fragte Jana: „Was ist denn?“

„Bist du wirklich die Dienerin des Teufels?“, fragte Masha mit großen Augen.

4. KAPITEL

Jana bewahrte die Ruhe. „Nein“, erwiderte sie. „Das bin ich nicht. Hat euch das jemand erzählt?“

Masha nickte stumm. Sie war nur achtzehn Monate älter als ihre Schwester, wie Jana wusste, aber bis auf einen kleinen Größenunterschied hätten die beiden vom Aussehen Zwillinge sein können.

Jana war klar, wer ihnen das erzählt hatte. „Derjenige hat sich geirrt“, bemerkte sie gelassen. „Wisst ihr nicht, was mein Name bedeutet? Mein vollständiger Name lautet ‚Jahn-eh Roshan‘“, erklärte sie und sprach ihn so aus, wie Prinz Omar es getan hatte.

Beide runzelten nachdenklich die Stirn. „Seelenlicht!“, rief Masha, und Kamala wiederholte das Wort, als hätte sie es selbst herausgefunden.

„Genau. Wie kann ich da die Dienerin des Teufels sein?“

Logisch betrachtet, war es nicht besonders überzeugend. Aber die beiden Prinzessinnen schienen beeindruckt. Sie nickten und lächelten erleichtert. „Aber dein Name ist Parvani“, meinte Masha einen Augenblick später. „Nana spricht nicht Parvani, sondern nur Arabisch.“

Die beiden nannten Umm Hamzah „Nana“.

„Nun ja, deshalb hat sie sich auch geirrt“, erwiderte Jana mitfühlend. „Die arme Umm Hamzah. Sie hat es nicht gewusst.“

Die beiden gaben sich damit zufrieden, und Jana entschied sich, es dabei zu belassen.

In den nächsten Tagen stellte sich heraus, dass Umm Hamzah eine abergläubische und ungebildete Analphabetin war. Sie erzählte Kamala und Masha Geschichten, bei denen sich Jana die Haare sträubten. Die Gedanken der alten Frau kreisten hauptsächlich um Sünde, Tod und Teufel. Das konnte nicht gut für die Entwicklung der beiden Mädchen sein. Deshalb bemühte Jana sich, behutsam Umm Hamzahs Einfluss abzubauen.

Die Prinzessinnen besaßen grundlegende Englischkenntnisse, sodass Jana im Anschluss an den Sprachunterricht etwas mit ihnen unternehmen konnte. Sie spielten miteinander, gingen spazieren, fütterten die Pferde des Scheichs mit Äpfeln, schauten den Wüstenfrauen zu, wie sie ihre Kleider im Fluss wuschen, und gingen im Pool des Palastes schwimmen.

„Das Wasser hier ist nicht so …“ Kamala suchte nach einem passenden Wort. „… gut wie das am Lieblingsort meines Vaters“, erklärte das Mädchen verträumt.

„Nicht so klar wie das Wasser am Lieblingsort deines Vaters?“, wiederholte Jana. „Wo ist denn das?“

Beide Mädchen seufzten sehnsüchtig. „In den Bergen“, erwiderte Masha. „In den Bergen von Noor.“ Sie streckte die Hand aus, und Jana wandte sich zu den Bergen in der Ferne um.

Bestimmt gab es dort so etwas wie einen Landsitz. Warum auch nicht? Der Sommer hier in der Wüste wäre ohne die Klimaanlage im Palast mitunter fast unerträglich gewesen. Janas Haut hatte nach wenigen Tagen bereits eine leichte Bräune bekommen.

„Fahrt ihr im Sommer dorthin?“

Die beiden Mädchen schüttelten ernst ihre Köpfe. „Nein“, antwortete Masha und seufzte erneut. „Zweimal waren wir dort. Es ist sehr schön, Jana. Wunderschön. Wir haben so viel Spaß gehabt.“

„Wir haben unseren Vater jeden Tag gesehen. Es war nicht so wie hier im Palast. Hier sehen wir Baba nie.“

„Er hat mit uns gesprochen, hat uns zum Reiten mitgenommen und uns vieles mehr gezeigt.“

„Er ist nicht weggegangen und hat uns die ganze Zeit allein gelassen.“

Ganz eifrig berichteten sie von ihren Ferien und waren sichtlich traurig über den Verlust dieses Glücks. Jana fühlte mit ihnen. Die armen kleinen Prinzessinnen, die nie ihren Vater für sich hatten!

„Vielleicht fährt euer Vater wieder mit euch hin“, meinte Jana und wollte sie damit trösten.

Die Mädchen lächelten, hoben ihre Schultern und seufzten. Daraus schloss Jana, dass sie die Hoffnung auf solche Freuden bereits aufgegeben hatten.

„Steht das Haus denn noch?“

„Aber ja.“

„Baba ist jetzt dort“, erwiderte Masha.

Jana war überrascht. „Tatsächlich?“

„Wir haben den ‚halikuptar‘ gesehen. Wenn er damit fliegt, will er zu dem See“, behauptete Masha, als wäre das eine klare Sache. „Aber wir fliegen nicht hin.“

„Soll ich ihn mal danach fragen?“, bot Jana ihnen an. Sie war bereits neugierig auf den Ort und auf den Grund, warum sie ihre Ferien nicht mehr dort verbrachten.

Die beiden schauten sie an, als hätte sie sich in eine Magierin verwandelt. „Kannst du das?“, hauchte Kamala.

„O Jana!“, rief Masha aus.

„Ich kann es versuchen“, versprach sie ihnen.

Von dem Augenblick an war sie ein wahrer Engel in ihren Augen.

Schon zwei Tage später kehrte Prinz Omar zurück. Das merkte Jana, als sie den Helikopter hörte und von ihrer Terrasse aus sehen konnte, wie er auf dem Hubschrauberplatz landete. Sie sah Prinz Omar aussteigen, und ihr Herz machte einen Satz. So wie seinen Töchtern erschien auch ihr der Palast ohne ihn leer.

Sie erinnerte sich an ihre Unterhaltung mit ihm und wartete darauf, zu ihm gerufen zu werden. Aber die Stunden und Tage vergingen, ohne dass sie eine Nachricht erhielt.

Dann, an einem sehr warmen Abend, nachdem die Prinzessinnen zu Bett gegangen waren, wollte Jana, wie sie es sich angewöhnt hatte, noch ein wenig schwimmen gehen. Sie traf Prinz Omar im Pool an. Er war allein und schwamm zügig eine Bahn nach der anderen. Nach kurzem Zögern streifte Jana ihren Bademantel ab und stieg in den Pool.

Nachdem sie gemütlich ein paar Runden geschwommen war, hielt sie am tiefen Ende inne und sah, dass Prinz Omar nicht weit von ihr entfernt am Rand saß. Das Wasser rann noch an ihm herunter.

„Guten Abend, Durchlaucht“, grüßte sie und blinzelte, bis sie nicht mehr so viel Wasser in den Augen hatte.

„Guten Abend, Miss Stewart.“

„Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich den Pool benutze. Ich habe oft abends noch ein paar Runden gedreht, und niemand hat mir gesagt …“

„Das ist schon in Ordnung. Ich habe niemandem etwas von meinem Vorhaben gesagt.“

Seine Stimme klang ein wenig abweisend. Es störte ihn wohl doch. Da er ein Scheich war und befehlen konnte, was er wollte, wunderte sie sich, dass er sie nicht wegschickte. Stattdessen sprang er auf und wollte ganz offensichtlich gehen.

„Durchlaucht“, rief Jana leise, und es schwang ein eindringlicher Unterton in ihrer Stimme mit.

Er blieb stehen und wandte sich ihr zu. „Ja?“, fragte er herablassend, jeder Zoll ein Monarch, wie er im Buche stand.

Er sah fantastisch aus, stellte Jana im Mondlicht fest. Muskulöse Schenkel, starke Arme und eine breite Brust. Hoch aufgewachsen und schlank. Seine Hüften waren schmal, seine Badehose klein und eng, sodass Jana ungewollt eine Körperpartie sah, auf die sie noch nie beim anderen Geschlecht gestarrt hatte. Nur mühsam vermochte sie ihren Blick zu lösen und zu ihm aufzuschauen.

„Sie sind bereits ein paar Tage im Palast“, stellte sie fest. „Aber Sie haben mich noch nicht um eine englische Konversation gebeten.“

„Ach so!“ Er runzelte die Stirn. „Ja, ich … hatte das vergessen.“

Sie war überzeugt, dass das nicht stimmte und er aus irgendeinem Grund seine Meinung geändert hatte. Eine seltsame Art von Panik erfasste sie. „Nun, wenn Sie jetzt Zeit haben, ich bin frei. Vielleicht möchten Sie ja …“

Jana verstummte, stieg aus dem Wasser und stand triefend vor ihm. Ohne dass sie merkten, wie die Zeit verstrich, verharrten sie eine Weile so, und Omar betrachtete sie eingehend.

Sie besaß eine anmutige, wohlgeformte Figur, sah sexy aus mit ihren weiblichen Rundungen an den Schultern, der Taille und den Hüften. Der schlichte weiße Einteiler, den sie trug, umschloss ihre Brüste, und ihre Knospen zeichneten sich deutlich unter dem dünnen nassen Stoff ab.

Jana war einfach wunderschön, aber er hatte nicht die Absicht, mit der Englischlehrerin seiner Töchter zu schlafen, gleichgültig wie gut sie aussah. Omar wählte seine zeitweiligen Gefährtinnen sorgfältig aus und achtete darauf, dass sie genau wussten, auf was sie sich einließen, wenn sie sein Angebot annahmen.

In dem Licht des Mondes, der gerade am schwarzen Himmel erschien, schimmerte Janas Haut feucht. Ihr rotes Haar glänzte dunkel, ihr weißer Badeanzug leuchtete, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Hätte er geahnt, dass er heute Abend Verlangen nach einer Frau verspüren würde, hätte er seine derzeitige Geliebte in den Palast bringen lassen.

Wortlos sahen sie einander an, und Jana fühlte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg.

Sie wandte sich ab und bückte sich nach ihrem Bademantel. Dann schlüpfte sie hinein und band den Gürtel um die Taille, während er ihr dabei zusah. Nachdenklich betrachtete sie die Weite der Wüste. Die Umgebung schien voll Schatten und wie verzaubert. Eine Vielzahl von Sternen, wie Jana sie noch nie gesehen hatte, bedeckte den Nachthimmel.

„Wie herrlich“, flüsterte sie und seufzte. „Es ist wie in einem Märchen, nicht wahr? Kein Wunder, dass die Menschen die Wüste lieben.“

Omar zog sich einen großen, gestreiften Bademantel an, den er in der Taille mit einem Gürtel zuband. Bei ihren Worten knirschte er innerlich mit den Zähnen, aber sie schaute zu den Dünen in der Ferne hinüber und merkte es nicht. „Finden Sie?“

Der zynische, unglückliche Unterton in seiner Stimme erschreckte sie. „Sie nicht?“

„Ich habe die Wüste noch nie geliebt“, antwortete er resigniert.

Jana war überrascht. Die Menschen, die hier geboren waren, mussten doch die Wüste lieben. Einen Moment lang musterte sie ihn im Sternenlicht. Zu ihren Füßen plätscherte leise das Wasser im Pool. „Was lieben Sie dann?“

Er lachte laut auf. „Sie sagen das, als ob jeder irgendetwas lieben müsse.“

„Jemand, der für nichts Liebe im Herzen hat, müsste ja restlos verhärtet sein“, erwiderte sie sanft. „So verhärtet, dass derjenige kein Mensch mehr wäre.“

Er hob seine Brauen. „Ich liebe die Berge. Ich bin nur zur Hälfte Araber, Miss Stewart. Das Volk meiner Mutter lebt in den Bergen. Die Liebe zu den Bergen liegt mir im Blut. Selbst das Meer ist mir lieber als die Wüste. Dennoch gefiel es meinem Vater, mir das Drittel seines Königreichs zu vermachen, das überwiegend Wüste ist.“

Darauf erwiderte Jana nichts. Sie standen nebeneinander und schauten in die Nacht hinaus. Als der Mond höher stieg, glänzte der Schnee auf den Bergspitzen. Violette und schwarze Schatten zogen sich in dramatischen Kurven und Bögen über ihre Oberfläche.

„Warum?“, fragte sie.

„Ich habe es nie erfahren.“ Er redete mit ihr, wie er noch mit keiner Frau gesprochen hatte. Das letzte Mal, als er das getan hatte, war er achtzehn gewesen und unglücklich.

„Haben Sie denn keinen Küstenstrich, keinen Zugang zum Meer und kein Gebirge in Ihrem Reich?“, erkundigte sie sich.

„Der Gebirgsstrang im Norden gehört mir. Die Berge vor Ihnen gehören zu Ostbarakat. Die Grenze zwischen Zentral- und Ostbarakat liegt in dem Gebiet …“ Er trat hinter sie und wies über ihre Schulter auf einen dunklen Streifen, der sich wie ein Einschnitt durch das Gebirge zog. „Der Fluss Sa’adat entspringt dort. Sein Verlauf ist zugleich die Ost- und Südgrenze des Reiches. Er gewährt meinem Volk den Zugang zum Meer, aber eine Küste haben wir nicht.“

Sie spürte seine Körperwärme im Rücken und die seines Armes neben ihrem Ohr. Dabei merkte sie, dass er seine linke Hand hob, als wollte er sie ihr auf die Schulter legen. Es dauerte einen Moment, ehe er es wirklich tat. Dann zwang er sie, sich umzudrehen, sodass sie den Verlauf des Flusses verfolgen konnte. Er glitzerte im hellen Mondlicht, das stärker wurde, je höher der Mond stieg.

„Ohne den Fluss wäre dieses Land nichts.“

Die Hitze seiner Hand drang durch den dünnen Stoff ihres Bademantels, als Jana seiner Aufforderung nachkam. In der Nähe der Stadt war die Breite des Stroms besser zu erkennen. „Wir haben den Frauen gestern zugesehen, wie sie ihre Kleidung in dem Fluss gewaschen haben“, berichtete sie ihm. „Es war so ähnlich wie es in der Bibel beschrieben wird. Vermutlich haben die Frauen das seit Jahrtausenden getan.“

„Viele meiner Untertanen leben in solch primitiven Verhältnissen“, erklärte er. Bei der Bitterkeit in seiner Stimme wandte sie sich ihm zu. Sein Gesicht war dem ihren jetzt ganz nahe. „Es ist mein Ziel, diese während meiner Herrschaftszeit zu verbessern.“

„Waschmaschinen bringen nicht die Zivilisation, Durchlaucht“, stellte sie leise fest. „Sie haben nur etwas mit Technik zu tun, mehr nicht.“

Er starrte sie an. Dabei war er ihr so nah, dass ihr der Duft seines Shampoos und seines Rasierwassers in die Nase stieg. „Glauben Sie?“, fragte er.

Sie überlegte, über was sie sich eigentlich unterhielten, und stellte fest, dass es ihr schwerfiel, den roten Faden ihres Gesprächs bewusst zu verfolgen. Die Gefühle, die ein Blick in seine Augen bei ihr weckten, waren so stark, dass ihr Verstand davon getrennt zu sein schien.

„Die Frauen, die wir gesehen haben, waren trotz harter Arbeit fröhlich. Für einen Außenseiter wirken Ihre Untertanen ebenso glücklich wie die Menschen im Westen, die den Fortschritt der Technik besitzen. Masha erzählte mir, dass einige Frauen den Kindern bei der Arbeit Geschichten aus vergangenen Zeiten und von früheren Königen erzählen. Manchmal sind es Geschichten über Tiere und Zauberei. Wenn Sie allen Haushalten Strom verschaffen, wird diese schöne Sitte irgendwann vom Fernsehen abgelöst werden. Glauben Sie wirklich, dass sei eine Verbesserung?“

Er straffte sich und drehte sie so zu sich um, dass sie ihn anschauen musste. Da fühlte er, wie stark sein sexuelles Verlangen heute Abend war. Aber das war es nicht allein.

„Was meinen Sie damit?“, fragte er und begegnete ihrem Blick.

Jana war sich selbst nicht ganz sicher. Zu sehr fühlte sie sich zu Prinz Omar hingezogen und vom Zauber der Nacht überwältigt. Seine dunklen Augen nahmen sie gefangen. Jana schluckte. Sein Griff um ihre Schultern verstärkte sich.

Ein Diener erschien hinter ihnen im Bereich des Pools und sprach Omar an. Der Prinz ließ sie sogleich los und wandte sich ihm zu.

Baleh“, erwiderte er und bedeutete ihm herrisch zu gehen. Nachdem der Diener verschwunden war, fragte er: „Haben Sie schon zu Abend gegessen, Miss Stewart?“

„Meistens bekomme ich nachher noch etwas auf meinem Zimmer“, antwortete Jana.

„Es wäre gut, wenn Sie mit mir zusammen essen würden. Dann können wir uns noch etwas unterhalten“, bemerkte Prinz Omar in seinem üblichen herablassenden Ton.

„Gern, Durchlaucht“, erwiderte sie betont gleichmütig.

„Bitten Sie Ihre Dienerin, Sie in einer halben Stunde zu meinem persönlichen Speisesaal zu geleiten“, befahl er ihr.

Jana schürzte die Lippen. Alles hatte seine Grenzen. „Mein Haar ist nass, Durchlaucht“, wandte sie leise ein. „Wollen wir sagen, in vierzig Minuten?“

Überrascht reckte er sein Kinn. Niemand widersprach ihm. Obwohl sie, da es eigentlich nur eine Bitte war, das Recht dazu hatte.

Prinz Omar verneigte sich knapp. „Also in vierzig Minuten“, stimmte er zu.

„Bis dann.“ Jana hob grüßend die Hand und verschwand.

5. KAPITEL

„Guten Abend.“

Prinz Omars privater Speisesaal war eine überdachte Terrasse mit Blick über die Wüste und auf die Berge. Der Boden war mit Keramikfliesen in einem aufwendigen orientalischen Muster belegt. Die Wände waren weiß wie die Säulen, die das Dach trugen. Blumen und Kletterpflanzen, wohin Jana auch blickte. In der Mitte stand ein mit Silber und Kristall gedeckter Tisch. Windlichter sorgten für Licht.

Prinz Omar stand am Geländer und rauchte. Er trug ein Jackett, in dem er gleichermaßen elegant und geheimnisvoll wirkte. Er starrte in die Landschaft hinaus, als die Tür geöffnet wurde, aber er reagierte sofort und begrüßte Jana.

„Guten Abend“, erwiderte sie. Sie hatte sich für das Abendessen besonders sorgfältig gekleidet und trug eine weitschwingende dunkelgrüne Kreation aus Seide und Baumwolle, die aus einem taillenlosen, wadenlangen Kleid über einer Wickelhose bestand. Dazu hatte sie einen passenden Seidenschal umgelegt. Das Kleid hatte einen festen, hohen Kragen, darunter jedoch einen dreieckigen Ausschnitt, in dem die leicht gebräunte Haut ihrer Brustansätze zu sehen war.

Ihr rotes Haar hatte sie hinten im Nacken zusammengedreht und festgesteckt. Ein paar Strähnen hatten sich gelöst und umrahmten ihr Gesicht. Sie trug an den Ohren und um das Handgelenk Goldschmuck, der mit Jadesteinen besetzt war. Ihre Füße steckten in eleganten Ledersandalen.

Prinz Omar nickte schweigend, als sie näher kam. Jana blieb neben ihm am Geländer stehen. Sie vermochte seine Ausstrahlung aus ein paar Schritt Entfernung zu fühlen. War das die Aura der Macht? Ein Diener brachte ein Tablett mit Getränken, und Jana betrachtete die Auswahl.

„Er wird Ihnen einen Cocktail mixen, wenn Ihnen das lieber ist“, bot Prinz Omar ihr an. Er rauchte eine schwarze russische Zigarette und holte ein vergoldetes Zigarettenetui aus der Tasche, um ihr auch eine anzubieten.

„Danke. Kann ich einen Wodka Martini bekommen?“, bat sie und blickte auf die Zigaretten, während Omar ihre Bitte weitergab.

Wie die meisten Mädchen hatte auch sie als Teenager nicht der Versuchung widerstehen können, etwas Verbotenes zu tun. Ein paar Wochen hatte sie sich während der Pausen mit Schulkameraden in verschiedenen Garagen und Gassen aufgehalten, um Zigaretten zu probieren, bis ihr bewusst wurde, dass sie ihr eigentlich nicht schmeckten. Seither hatte sie nicht mehr geraucht.

Eine von diesen eleganten schwarzen Zigaretten hatte sie jedoch nie probiert, und nach kurzem Zögern nahm sie deshalb an. Sie beugte sich vor und ließ sie sich von Prinz Omar anzünden. Als ihr plötzlich die Erotik des Rituals bewusst wurde, sog sie unwillkürlich etwas heftiger an der Zigarette und musste prompt husten.

Omar verspürte für einen Moment heftige Begierde, als sie die Zigarette zwischen ihre vollen, rot geschminkten Lippen nahm und sich von ihm Feuer geben ließ. „Sie sind ein wenig stark, wenn Sie den amerikanischen oder englischen Tabak gewohnt sind“, meinte er und ließ seinen Blick wieder über die Wüste schweifen.

Nicht nur die Wüste lag in seinem Blickfeld, bemerkte Jana überrascht, sondern auch das weiche Licht des Pools unter ihnen. „Ehrlich gesagt, bin ich gar keinen Tabak gewohnt.“ Sie lächelte. „Ich rauche sonst nicht.“

Hatte er gewusst, dass sie im Allgemeinen abends noch ein paar Runden schwamm? Bei dem Gedanken, dass er womöglich zum Pool gekommen war, um ihr zu begegnen, machte ihr Herz einen freudigen Sprung.

Er warf ihr einen Seitenblick zu und zog ein wenig die Brauen zusammen. Irgendwie schaffte diese Frau es jedes Mal, ihn zu überraschen. „Nicht? Warum rauchen Sie dann jetzt?“

Jana lachte und nahm den Martini entgegen. „Wahrscheinlich, weil ich immer schon gern wissen wollte, wie diese schwarzen russischen Zigaretten schmecken. Bisher hatte ich keine Gelegenheit, das herauszufinden.“

In der Öffentlichkeit rauchte Omar selten, dennoch hatte er nicht nur betroffene Blicke von anderen geerntet, sondern auch so manche Belehrungen, besonders von Frauen. Diese Frau schien jedoch ungewöhnlich, nicht vorhersehbar. War sie auch in anderer Hinsicht so? „Und wie finden Sie ihn, den Geschmack?“, fragte er, aber es kam ihm so vor, als ginge es um etwas vollkommen anderes.

„Sehr stark. Das Aroma gefällt mir, aber ich würde nicht wagen, es zu inhalieren“, gestand Jana ihm.

Auch ihre Worte schienen doppeldeutig, aber er vermochte den hintergründigen Sinn nicht zu verstehen. Prinz Omar lachte. Das war ein Klang, den sie bisher noch nicht aus seinem Mund gehört hatte und der ihn sinnlich attraktiv machte.

„Rauchen Sie diese Sorte regelmäßig?“, fragte sie und unterdrückte ein weiteres Hüsteln.

Der Prinz lächelte. „Ein Mann, der regelmäßig raucht, besitzt keine Selbstbeherrschung mehr. Ich ziehe es vor, auch beim Vergnügen Disziplin walten zu lassen.“

Bei den Gedanken, die diese Worte weckten, stieg Jana Hitze in die Wangen. Ihr fiel keine Erwiderung ein. Hastig wandte sie sich der Landschaft zu.

Schweigend genossen sie eine Weile den herrlichen Ausblick über die Berge und die fast endlos weite Wüste bei Mondschein.

Jana seufzte. Schon lange hatte sie nicht mehr so etwas Erbauendes erlebt, und sie fühlte, wie ihre Seele sich daran labte. „Sie müssen zugeben, sie hat etwas sehr Faszinierendes an sich“, sagte sie schließlich.

Sie sprach von der Wüste. Prinz Omar wandte sich ihr zu und war wie gebannt. Etwas sehr Faszinierendes. War das nicht das, was er verspürte? Sollte er sie nicht besser auf der Stelle entlassen, ehe er noch mehr in Versuchung geriet?

Ein Diener trat heran und erkundigte sich, ob er die Hors d’œuvre servieren sollte. Da führte Prinz Omar Jana zu Tisch.

Etwas sehr Aromatisches wurde ihm angeboten, aber er bedeutete dem Kellner, zuerst Jana zu bedienen, und so bekam sie einen Teller mit zwei kleinen Scheiben, bei denen es sich um gefüllte Auberginen zu handeln schien. Danach erhielt Omar seine Portion.

Er beobachtete, wie sie den ersten Bissen nahm. „Das ist köstlich!“, lobte sie. „Wie heißt das?“

Omar befragte den Kellner. Der Mann verneigte sich und antwortete ihm. „Das ist Imam Bayaldi“, erklärte Omar. „Das bedeutet ‚Imam wurde fast ohnmächtig‘. Haben Sie das schon mal gegessen?“

„So etwas habe ich bestimmt schon in einem der asiatischen Restaurants in London probiert, aber es hat nie so geschmeckt!“, erklärte Jana. „Jetzt verstehe ich, wie es zu dem Namen kommt.“

Ein schwaches Lächeln zeigte sich auf Omars Gesicht. „Es wird erzählt, dass Imam nicht wegen des Geschmacks fast ohnmächtig wurde, sondern weil seine Frau ihm gestand, wie viel Olivenöl dazu benötigt wird. Imam war vermutlich nicht sehr reich.“

Jana lachte belustigt auf. „Ist Olivenöl so teuer?“

„Nicht für mich. Aus den Hainen meiner Brüder bekomme ich, was ich brauche“, antwortete er trocken.

Der Kellner entkorkte eine Flasche. Janas Augen leuchteten auf. „Champagner?“ Sie strich mit der Zunge über ihre Lippen, und Omar wurde plötzlich klar, wie nahe er daran war, jegliche Vernunft außer Acht zu lassen. Mit purer Willenskraft gebot er seiner Fantasie Einhalt.

„Um die neue Englischlehrerin willkommen zu heißen“, erklärte er kühl. Nachdem die Gläser gefüllt waren, prostete er ihr zu. „Ich hoffe, Sie genießen Ihren Aufenthalt bei uns, Miss Stewart.“

Er sprach so reserviert, und ihr fiel unwillkürlich ein, dass sie nicht zum Abendessen mit ihm verabredet war, sondern für englische Konversation. Plötzlich schwand ihre Begeisterung. Jana griff nach ihrem Glas. „Ich hoffe, mein Englischunterricht stellt Sie zufrieden, Durchlaucht“, antwortete sie.

„Lassen Sie uns über wirtschaftliche Themen sprechen“, bat er, und es wurde deutlich, dass es ihm trotz der stimmungsvollen Umgebung ums Geschäftliche ging. „Ich werde an ein paar Konferenzen dieses Jahr teilnehmen, und mein Wortschatz in dem Bereich ist mangelhaft.“

„Wahrscheinlich umfangreicher als meiner, Durchlaucht“, versetzte sie trocken.

Omar hatte die Gabel bereits angehoben. Er hielt inne und musterte sie verblüfft. „Was sagten Sie?“

„Ich möchte keine Wette darauf abschließen, dass ich Ihr Wirtschaftsvokabular bereichern kann, es sei denn, Sie besorgen eine Financial Times und lassen sich etwas daraus von mir vorlesen.“

Er hob seine Brauen. „Wie meinen Sie das?“

„Ich befasse mich nicht mit Handelsgesprächen, wissen Sie, ich unterrichte Kinder. Und Ihr Englisch ist wesentlich besser als Sie glauben.“

Er warf ihr einen herablassenden Blick zu.

„Wenn es Ihnen um eine spezielle Thematik geht, sagen Sie mir besser, was Sie genau wollen. Worum wird es bei diesen Verhandlungen gehen?“

„Ein paar unserer Handelsabkommen müssen bis zum Herbst überarbeitet werden.“

„Was exportieren Sie denn?“

„Öl, kostbare Steine, Stoffe, Kleidung, verzierte Glaswaren, Keramik, Holzkohle, Töpferei- und andere Handwerksgüter“, zählte er auf. „Möbel, Holzkohlenpfannen und Zuliefererteile für die Elektronikindustrie.“

„Nicht schlecht für ein kleines Land“, bemerkte Jana überrascht.

„Mein Vater hat mit dem Gewinn vom Ölexport in den Siebzigern kleine örtliche Industriebetriebe gegründet, die von dem jeweiligen Clanführer nach dem Muster der Handwerksgilden geführt werden. Er hat darauf bestanden, dass wir, abgesehen vom Öl, kein Rohmaterial verkaufen. Obwohl viele ihn für einen Narren hielten, hat sich seine Strategie wirtschaftlich als günstig erwiesen. Unsere Umweltverschmutzung ist nicht groß, wir haben eine hohe Beschäftigungsrate, während die Größe der Stämme konstant geblieben ist. Die Städte bleiben klein, die Menschen werden nicht entwurzelt.“

Jana fand das interessant. Eine halbe Stunde hörte sie sich seinen Bericht an und unterbrach ihn nur gelegentlich mit einer Frage.

Plötzlich hielt Prinz Omar verblüfft inne. „Aber so geht das doch nicht!“, behauptete er. „Sie haben mich nicht ein einziges Mal korrigiert.“

Jana war so sehr in seine Erzählung vertieft, dass sie im ersten Moment nicht verstand, was er meinte. „Nicht korrigiert?“

„Mein Englisch, meine Fehler!“

„Durchlaucht, alles, was Sie bisher erläutert haben, war vollkommen verständlich.“

„Aber doch nicht immer fehlerfrei!“

„Nicht immer. Na und?“

Er starrte sie entgeistert an. Sie lachte. Sie konnte nicht anders.

„Was ist Sinn und Zweck der Sprache, Durchlaucht? Soll sie immer korrekt sein oder Inhalte vermitteln?“

„Sprache muss korrekt sein.“

„So betrachtet, ist ein quadratisches Rad besser als eines, das zwar rund, aber ein wenig unregelmäßig gebaut ist. Mit welchem wird Ihr Karren weiterkommen?“

Er schwieg nachdenklich. „Unterrichten Sie nach diesem Prinzip?“, fragte er schließlich.

„Die Prinzessinnen beschäftigen sich nicht mit Handelsgesprächen.“

„Korrigieren Sie ihre Fehler, Miss Stewart?“, beharrte er, als würde sie ihm ausweichen.

Jana vermochte im letzten Moment noch eine erzürnte Erwiderung zurückzuhalten und erläuterte ihm stattdessen gelassen ihre Vorgehensweise.

„Fehler in der Aussprache müssen korrigiert werden“, bemerkte er starr. „Oder wie sollen sie …“

Jana legte ungeduldig ihre Gabel beiseite. Vermutlich war es nicht üblich, einen Prinzen zu unterbrechen, aber Jana war zu hitzig, um sich daran zu halten. „Ich muss Sie daran erinnern, dass Sie sich nicht in meine Unterrichtsmethoden einmischen wollten!“, wehrte sie sich und hob ihr Kinn.

„Fehler korrigieren hat nichts mit Methode zu tun. Wie sollen sie gutes Englisch von schlechtem unterscheiden lernen, wenn sie nicht …“

„Die Prinzessinnen sind nicht in der Pubertät und können mit ausreichender Übung flüssig sprechen lernen. Man kann in einer Zweitsprache nicht ständig Fehler korrigieren. Das ist wenig produktiv“, unterbrach Jana ihn.

Er zeigte sich überrascht. „Warum sprachen Sie von der Pubertät?“

„Weil Kinder in diesem Alter noch die Fähigkeiten für das Erlernen einer Fremdsprache besitzen, die Erwachsene leider nicht mehr haben. Sie können so gut werden wie in ihrer Muttersprache.“

„Und ich nicht mehr?“

„Sie machen ein paar kleine Fehler, die sich möglicherweise nie mehr ganz beheben lassen. Sie beeinträchtigen jedoch nicht die Bedeutung und deshalb …“

„Welche Fehler?“

Damit waren sie wieder dort, wo sie angefangen hatten.

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