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JULIA SAISON BAND 2

TERESA SOUTHWICK

Zärtliche Nächte in El Zafir

Noch nie hat Rafiq eine Frau wie seine neue Assistentin Penny kennengelernt: bildhübsch und erfrischend natürlich – ganz anders als die überspannten Damen des Jet-Sets. Diese Frau mit Prinzipien, die sich weigert, teure Geschenke von ihm anzunehmen, bringt den bisher nur als Playboy bekannten Prinzen auf eine völlig neue Idee …

Küsse unterm Wüstenhimmel

Nicht nur seine mutterlosen Zwillinge lieben die neue Nanny –auch Fariq fühlt sich stark zu Crystal hingezogen: Ein wunderbares Mädchen, und dass sie keine strahlende Schönheit ist, spricht nur für sie. Mit gut aussehenden Frauen hat er schließlich genug schlechte Erfahrungen gemacht. Warum bloß ist sie nach dem innigen Kuss so panisch vor ihm geflüchtet?

Werde meine Königin

Als künftiger König ist Prinz Kamal bereit, auf die Liebe seines Lebens zu verzichten. Bevor er eine „passende“ Prinzessin heiratet, möchte er aber wenigstens einmal noch seine Gefühle ausleben, will Lust und Leidenschaft mit der hinreißenden Ali genießen. Er macht ihr ein Angebot – das Ali ablehnt: Geliebte auf Zeit will sie bestimmt nicht sein.

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Zärtliche Nächte in El Zafir

1. KAPITEL

Penelope Colleen Doyle glaubte nicht an Märchen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich ein Frosch in einen hübschen Prinzen verwandelte, wenn man ihn küsste. Die Männer, die sie küsste, blieben Frösche – oder schlimmer noch – sie verwandelten sich in noch hässlichere Kröten. Als sie jetzt jedoch durch den Königspalast von El Zafir wanderte, wollte sie nur allzu gerne an diese Dinge glauben.

„Sind wir bald da?“

Sie richtete die Frage an ihren Begleiter mit den schwarzen Augen und der olivbraunen Haut.

„Ja, Miss“, erwiderte er mit sanftem Akzent. Er warf einen Blick über seine Schulter. „Wir sind fast da.“

Sie hatte seinen Namen vergessen. Normalerweise verfügte sie über ein ausgezeichnetes Gedächtnis, doch diese Situation war alles andere als normal. Dies hier war El Zafir – ein magisches Land voller Verzauberung und Romantik. Sie befand sich im Königspalast, einem Schloss mit schimmernden Marmorhallen, elegant geschwungenen Türbögen und Räumen, angefüllt mit unendlich kostbaren Möbeln. Und mit verwirrend langen Gängen wie in einem Labyrinth.

Endlich stoppten sie vor einer imposanten Doppeltür aus Mahagoni.

„Dies hier ist der Flügel des Palastes, in dem sich die Büros befinden“, erklärte ihr Führer.

„Gibt es vielleicht einen Plan, mit dem ich mich orientieren kann?“, fragte sie. „Irgendetwas mit einem Kreuz, das sagt ‚Sie sind hier‘ und ein allgemeiner Grundriss der gesamten Anlage?“

„Nein, Miss.“

Der Mann zeigte nicht den Hauch eines Lächelns. Wenn niemand in diesem kleinen, aber aufstrebenden, ölreichen Land einen Sinn für Humor hatte, würden es zwei lange Jahre werden.

Er öffnete die rechte Tür und gab damit den Blick frei auf eine Halle, die mit einem Teppich ausgelegt war, der am Ende in einer T-Form auslief. Wenn sie ihrer geringen Kenntnis von exquisiter Einrichtung trauen konnte, dann musste es ein Berberteppich sein.

„Folgen Sie mir, Miss.“

„Okay.“

Ihr Begleiter durchschritt mehrere Türen, wandte sich dann nach rechts und ging durch eine weitere Tür in ein offenes Büro. Allein dieser Raum war größer als ihre gesamte Wohnung zu Hause.

Er deutete auf ein kleines Ledersofa an der Wand. „Setzen Sie sich. Sie werden in Kürze über Ihre Aufgaben instruiert werden.“

„Von Prinzessin Farrah Hassan?“

„Nein.“

Von wem dann, wollte sie fragen, während sie sich nach einem Hinweis umsah. Sie konnte keinerlei Namensschilder an den Türen entdecken. Dabei würde man doch davon ausgehen, dass ein so reiches Land ein paar Dollars für so etwas würde erübrigen können.

Ohne weitere Erklärung verschwand ihr Führer, und Penelope sah sich weiter neugierig um.

Der Raum war beeindruckend. Vor ihr stand ein imposanter Kirschbaumschreibtisch, derart auf Hochglanz poliert, dass sie ihn als Spiegel für ihre Haare hätte benutzen können. Obwohl sie auch ohne Spiegel keine Schwierigkeiten hatte, ihr taillenlanges Haar in einen einfachen Knoten zu schlingen. Auf dem Schreibtisch befanden sich ein Computer mit Drucker, Scanner und Fax. An der Wand dahinter stand eine Kopiermaschine. Sie fragte sich, ob alle Büros hier so gut ausgestattet waren.

Mit einem müden Seufzer ließ sie sich auf das Sofa fallen. Eine Sekunde später seufzte sie aus einem ganz anderen Grund. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine so behagliche Weichheit gespürt. Wer hätte gedacht, dass Leder nicht kalt war und sich derart luxuriös anfühlen konnte? Sie machte es sich bequem, während sie auf ihre Instruktionen wartete und darum kämpfte, die Augen offen zu halten. Die lange Reise hatte sie doch erschöpft.

Rafiq Hassan, Prinz von El Zafir und Innen- wie Außenminister, öffnete die Tür zu seinem Büro, um einige Dinge mit seinem Sekretär zu besprechen. Der Anblick des leeren Schreibtischs erinnerte ihn jedoch schlagartig daran, dass er keinen Sekretär mehr hatte. Sein Vater, König Gamil, hatte den tüchtigen jungen Mann heute Morgen für sich selbst beansprucht. Allerdings hatte seine Tante Farrah versprochen, ihm einen Ersatz zu besorgen. Während er nach links schaute, entdeckte er eine junge Frau, die auf dem Sofa saß. Wobei es dieser Ausdruck nicht ganz traf. Die Frau hatte sich auf der Ledercouch eher hingefläzt. Sollte das der Ersatz sein?

Er ging zu ihr hinüber und betrachtete sie. Sie trug ein unförmiges, khakifarbenes Kleid, das sie vom Hals bis kurz unterhalb der Knie bedeckte und ihre sehr schlanken Fußgelenke freiließ. Ihre Füße steckten in einfachen, flachen Schuhen. Sie hätte ein Kind sein können, wären da nicht diese sanften Rundungen gewesen, die das Oberteil des wenig schmeichelhaften Kleides auszufüllen schienen. Sie war sehr klein, wie er bemerkte. Leider konnte man das nicht von der altmodischen schwarzrandigen Brille behaupten, die in ihrem ovalen Gesicht saß.

Im Moment brauchte sie diese Brille nicht, denn ihre Augen waren fest geschlossen. Er kam sich vor wie in diesem Märchen, dem von Rapunzel, das er seiner Nichte und seinem Neffen vorgelesen hatte. Ihr Haar war golden, und sie schlief tief und fest.

Er beugte sich zu ihr hinunter und räusperte sich: „Entschuldigung?“

Ihre langen, dichten Wimpern flatterten. Sahen sie nur deshalb so lang und dicht aus, weil die hässlichen Gläser der Brille sie vergrößerten? Wirkten Dinge hinter dicken Linsen enormer? Als sie ihre Lider aufschlug, fragte er sich das erneut, denn er blickte in sehr große blaue Augen.

„Hm?“

„Miss?“

„Hi.“ Sie blinzelte mehrmals, setzte sich dann auf und schaute sich etwas desorientiert im Raum um. Schließlich begegnete sie seinem Blick. „Ich schätze, ich bin nicht mehr in Kansas.“

„Das stimmt.“

Bevor sie ihr Gähnen hinter einer schlanken Hand versteckte, bemerkte er, dass sie sehr weiße, gerade Zähne hatte.

„Sie sind also Amerikanerin?“, fragte er unnötigerweise, denn ihr Akzent verriet sie ganz eindeutig.

„Genau“, antwortete sie. „Komme direkt aus einem Flugzeug aus Texas.“

„Davon habe ich schon gehört.“

Sie lächelte. „Es würde mich auch wundern, wenn es anders wäre. Arbeiten Sie auch hier?“

„Ja.“

„Das muss ein sehr großes Büro sein, wenn es genug Arbeit für zwei Assistenten gibt.“

Assistent? Sie hielt ihn für einen Assistenten? Er öffnete den Mund, um sie zu korrigieren, doch genau in diesem Moment rutschte sie an den Rand des Sofas, dehnte und streckte sich so, dass ihre Brüste verführerisch gegen den Stoff des Kleids gepresst wurden.

„Könnten Sie mir sagen, wo ich eine Tasse Kaffee herbekommen könnte?“, fragte sie, ohne zu bemerken, sie sehr sie mit dieser unbedachten Bewegung ihr Gegenüber aus der Fassung gebracht hatte.

„Ich kann welchen bestellen“, entgegnete Rafiq abwesend, während sein Blick noch immer auf ihrem Busen lag.

„Das wäre wunderbar.“

Er ging zu dem Schreibtisch hinüber und nahm den Telefonhörer ab. „Bringen Sie bitte etwas Kaffee, möglichst stark.“

„Danke.“

Als er wieder zu ihr hinüberschaute, musterte sie ihn eindringlich durch ihre hässliche Brille, und zwar ganz ähnlich, wie er sie betrachtet hatte.

„Stimmt etwas nicht?“, wollte er wissen.

„Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht anstarren. Es ist nur so, dass …“

„Sprechen Sie weiter.“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie werden mich für seltsam halten. Wenn wir miteinander arbeiten werden, wäre das keine gute Basis.“

„Ich verspreche Ihnen, nichts dergleichen zu denken.“ Jetzt war er neugierig geworden. „Warum haben Sie mich so komisch angeguckt? Habe ich eine Warze auf der Nase? Schmutz im Gesicht?“

„O nein, Sie sind sehr attraktiv.“ Sie senkte den Kopf verlegen. „Ich meine, wenn der Rest der Männer in Ihrem Land Ihnen nur halbwegs ähnlich ist …“ Auf ihre Wangen hatte sich eine bezaubernde Röte geschlichen. „Es tut mir leid, ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, dass ich das gesagt habe. Es ist nur so – ich hatte ja keine Ahnung. In meinen Recherchen über El Zafir habe ich nichts gesehen in Bezug auf – es tut mir leid. Aber Sie haben gefragt.“

„Ja, das habe ich.“ Ihre erhitzte Art machte ihm klar, dass sie es nicht geplant hatte, das zu sagen. Das Kompliment war ehrlich, originell und auf bezaubernde Weise unschuldig. Er war schon fast bereit, ihr dafür zu vergeben, dass sie ihn für einen Assistenten gehalten hatte.

„Da wo ich herkomme, sind Cowboys der männliche Standard. Die meisten Frauen würden bei Büropersonal nicht an Machos denken. Aber die meisten Frauen waren ja auch noch nicht in El Zafir.“

Er konnte sich nicht entscheiden, ob er sich geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte. Seltsamerweise wollte er jedoch, dass sie weiterredete. „Also sind Sie eine Assistentin?“

Sie nickte, nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Er erwartete, schwarzes Make-up zu sehen, verlaufene Wimperntusche, doch nichts dergleichen geschah. Sie war ungeschminkt, und dennoch sah ihre makellose Haut sehr glatt und sehr weich aus.

„Ich bin erst heute Morgen in El Zafir angekommen“, erklärte sie. „Ich hätte eigentlich schon vor zwei Tagen hier sein sollen, aber die gesamten Flüge aus Nordtexas wurden wegen des schlechten Wetters verschoben.“

„Und was führt Sie hier her, Miss …?“

„Doyle. Penelope Colleen Doyle. Sie können mich Penny nennen.“

„Penny“, murmelte er langsam vor sich hin. Es war derselbe Name, den man auch der niedrigsten amerikanischen Geldmünze gegeben hatte.

„Ich wurde von Prinzessin Farrah Hassan eingestellt. Haben Sie sie schon einmal getroffen?“

Um seine Mundwinkel zuckte es, doch er unterdrückte ein verräterisches Lächeln. „Ein- oder zweimal.“

„Sie ist die Schwester des Königs. Ich soll ihre Assistentin werden.“

„Wann haben Sie die Zusage dafür bekommen?“

„Vor einem Monat.“

„Und Sie sind gerade erst angekommen?“

Sie nickte. „Ich musste meine Wohnung untervermieten und meine Sachen lagern.“

Sie sah sehr jung dafür aus, dass sie schon alleine lebte. „Wie alt sind Sie?“, fragte er neugierig.

Sie hob eine Augenbraue. „Wenn Sie eine solche Frage in den Staaten stellen, können Sie in Schwierigkeiten geraten. Es gilt als politisch nicht korrekt, eine Frau nach ihrem Alter zu fragen.“

„Ich kenne mich aus mit Politik.“ Und mit Frauen, fügte er innerlich hinzu. „Sie sehen zu jung aus, um …“

„Ich bin zweiundzwanzig.“ Sie setzte sich aufrechter hin. „Nicht, dass es Sie etwas anginge, aber ich habe einen Abschluss in Kindererziehung und Betriebswirtschaft. Beides mit Auszeichnung. Ich brauchte einen Job. Mit gutem Gehalt. Ich war bei einer exklusiven Agentur, die Kinderbetreuung für reiche Familien vermittelt. Nachdem sie sich meine Qualifikationen und Fotos angesehen hatte, wählte die Prinzessin mich aus, unter mehreren anderen. Laut der Agentur suchte sie ein schlichtes, unscheinbares Kindermädchen.“

„Tatsächlich?“

„Ich habe mich nicht getraut zu fragen, aber was glauben Sie, warum hat die Prinzessin ausdrücklich nach jemandem mit diesen Eigenschaften gesucht?“

Es gab keinen Grund, warum er ihr verraten sollte, dass er daran schuld war. „Ich habe keine Ahnung.“

Sie zuckte die Schultern. „Ich auch nicht. Aber ich war mir sicher, dass ich den Qualifikationen entsprechen würde und genau das war, wonach sie suchten.“

„Ich verstehe.“

„Ich gehe sehr praktisch ans Leben heran. Es ist das Beste, sich mit den Fakten abzufinden und nicht an Märchen zu glauben. Meinen Sie nicht auch?“

Er wusste nicht, was er antworten sollte. Es war wohl besser, das Thema zu wechseln. „Sie hatten also ein Vorstellungsgespräch bei meiner – bei der Prinzessin?“

„Ja, man hat mir ein Ticket für den Flug nach New York zugeschickt. Es war das erste Mal, dass ich in einem Flugzeug gesessen habe. Sehr aufregend. Aber es gab ein Problem.“

„Nämlich?“

Die Tür öffnete sich, und eine weibliche Angestellte schob einen kleinen Wagen mit einem teuren Porzellanservice und einer silbernen Kaffeekanne herein. „Vielen Dank, Salima.“

„Gern geschehen, Euer …“

„Stellen Sie es beim Schreibtisch ab“, unterbrach er sie rasch. „Ich kümmere mich darum.“

„Jawohl.“ Sie knickste leicht und verschwand aus dem Raum.

Penny beobachtete sie mit großen Augen. „Wow. Ist hier jeder so ehrerbietig? Da könnten wir in den Staaten uns einiges abgucken. Sie müssen mir helfen. Ich möchte niemanden beleidigen. Wenn ich irgendetwas Respektloses tue, dann nehmen Sie mich bitte beiseite und sagen es mir.“

„Sie sind Amerikanerin“, erwiderte er, als wenn das Antwort genug wäre. Dann wandte er sich der Kaffeekanne zu und schenkte eine Tasse ein.

„Milch oder Zucker?“

„Schwarz, bitte.“

Er reichte ihr die Tasse. „Wovon sprachen Sie gerade?“

Sie nahm einen Schluck und überlegte einen Augenblick. „Oh, ja. Ich war in New York, um die Prinzessin zu treffen. Und wissen Sie, was passiert ist? Mein Flug hatte Verspätung.“

„Schlechtes Wetter in Nordtexas?“

Sie nickte. „Sie hören wirklich gut zu. Außerdem herrschte in New York unglaublicher Verkehr. Als ich endlich in der Suite ihres Hotels ankam, hatte sie schon jemand anders eingestellt.“

„Ein unscheinbares Kindermädchen?“

„Ja.“ Sie runzelte die Stirn. „Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, warum das ein Kriterium für eine Einstellung sein sollte. Aber wie dem auch sei, die Prinzessin war so nett und verständnisvoll. Sie hat mich zum Mittagessen eingeladen, und spätestens beim Nachtisch hatten wir ein richtiges Frauengespräch.“

Ein Frauengespräch?“

„Sie wissen schon. Wenn Frauen sich Dinge erzählen, die sie einander näher bringen.“

„Ah. Beim Nachtisch sagten Sie?“

Sie nickte erneut. „Es gab Kaffee und köstliche Schokolade. Sehr lecker. Wie auch immer, sie mochte mich, und sie brauchte eine Assistentin. Also hat sie mich eingestellt. Außerdem war das Angebot so verlockend, dass ich nicht widerstehen konnte. Aber schließlich wissen Sie ja, wie gut ein Job im Königspalast von El Zafir bezahlt ist.“

„Das weiß ich in der Tat.“

„Kost und Logis ist auch noch inklusive.“

„Ein wirklich gutes Angebot.“

„Das können Sie laut sagen – Wie war noch mal Ihr Name?“, fragte sie, während sie einen weiteren Schluck Kaffee trank. „Wie unhöflich von mir, ihn zu vergessen. Ich kann zu meiner Entschuldigung nur hervorbringen, dass ich wirklich müde bin.“

„Ich habe meinen Namen nicht erwähnt.“

Sie gefiel ihm. Für eine Frau, die erschöpft war, verfügte sie über eine erstaunliche Menge Energie. Ausgeruht würde sie der reinste Wirbelwind sein. Er konnte es sich nicht verkneifen, sich zu fragen, ob ihre Dynamik nur der Arbeit galt. Oder ob sich das auch auf ihr Privatleben ausstreckte – bis zu dem Mann in ihrem Leben.

„Sie sehen mich ganz seltsam an. Habe ich Schmutz im Gesicht? Eine Warze auf der Nase?“, neckte sie ihn.

„Ganz und gar nicht.“

„Also, wie heißen Sie? Da wir wohl zusammen arbeiten werden, wäre es vielleicht ganz günstig, wenn Sie ihn mir nennen würden.“

Er räusperte sich. „Ich bin Rafiq Hassan, Prinz von El Zafir, Innen- und Außenminister.“

Entsetzt ließ sie die Tasse fallen, sah ihn erschrocken an und öffnete langsam den Mund – aber es kam kein Wort heraus. Ein wahrer Sieg. Er hatte sie endlich sprachlos gemacht.

Rafiq klopfte an die Tür, die zu der Suite von Prinzessin Farrah führte. Auf ihr gedämpftes „Herein!“, trat er ein. Seine Schritte klackten auf dem glatten Marmorboden des Foyers, während er ins Wohnzimmer ging, dessen komplett verglaste Fensterfront einen atemberaubenden Ausblick auf das Meer bot.

Er blieb neben dem cremefarbenen Sofa stehen und blickte auf seine Tante hinab, die einige Papiere um sich herum ausgebreitet hatte. „Ich würde gerne mit dir reden, Farrah.“

„Natürlich. Worum geht es, Rafiq?“

„Um Penny.“

Sie lächelte, und die Jahre schmolzen dahin. Seine Tante, in ihren Fünfzigern, war immer noch eine attraktive und lebhafte Frau. Ihr dunkles Haar fiel in elegantem Schnitt auf den Kragen ihres maßgeschneiderten Chanel-Kostüms.

„Sie ist wundervoll, nicht wahr?“

„Nun, sie ist so einiges.“

„Warum? Was stimmt denn nicht?“, fragte sie stirnrunzelnd. Sie legte ihre Arbeit zur Seite.

„Sie ist auf der Couch in meinem Büro eingeschlafen.“

„Das arme Ding. Zu ihrer Verteidigung muss ich allerdings hervorbringen, dass das wirklich eine bequeme Couch ist.“ Sie schüttelte mitfühlend den Kopf. „Eine anstrengende Reise. Man hat mir gesagt, dass das Kind darauf bestanden hat, ihre Arbeit zum vereinbarten Termin zu beginnen. Sie wollte nichts davon hören, das Ganze auch nur um einen Tag zu verschieben.“

„Ich möchte, dass sie geköpft wird.“

„Das ist sicherlich eine angemessene Strafe für ihren Einsatz und ihre Hingabe.“

„Ich habe einen Scherz gemacht.“

„Das freut mich zu hören.“ Farrah lachte. „Die Regierung hat diese Art der Bestrafung schon vor etlichen Jahren abgeschafft, bereits vor meiner Geburt.“

„Es wäre sowieso wesentlich sinnvoller, ihr die Zunge herauszuschneiden.“ Rafiq lief nervös hin und her. „Ja, eine exzellente Idee, wenn ich mir das so überlege. Die richtigen Konsequenzen für ihr Verbrechen.“

„Nun, mein lieber Neffe, welches Verbrechen hat sie denn begangen?“

„Sie ist …“ Er unterbrach sich, unfähig, die richtigen Worte zu finden, um seine Gefühle zu beschreiben. „Eine Frau.“

„Aha“, murmelte seine Tante, als wenn das alles erklären würde. „Sie verwirrt dich.“

„Ganz sicher nicht. Ich habe niemals eine Frau getroffen, die ich nicht verstehen konnte.“ Das war nur eine kleine Lüge. Er hatte niemals eine Frau getroffen, die er nicht verstand. Bis heute.

„Dann gefällt sie dir.“

„Unsinn.“ Er schüttelte den Kopf und blickte durch die Balkontüren auf die großzügige Terrasse. „Das ist ja absolut lächerlich.“

„Rafiq, warst du jemals verliebt?“

Er wusste nicht, wie er auf diese Frage antworten sollte. Natürlich hatte es schon viele Frauen gegeben, die ihn irgendwie gereizt, manchmal sogar bezaubert hatten. Aber verliebt?

„Was soll das, Farrah? Wenn die Zeit reif ist, werde ich mir eine geeignete Frau suchen und heiraten. Mehr kann man doch wohl nicht verlangen. Und was jetzt diese kleine Amerikanerin anbelangt …“

„Penny. Ich habe sie als erfrischend natürlich in Erinnerung. Aber es ist wahrscheinlich ganz gut, dass sie dir nicht gefällt.“

Er drehte sich zu ihr um und wappnete sich gegen den wissenden Ausdruck auf dem Gesicht seiner Tante. Er erinnerte sich daran, dass sie eine Frau war, älter als er, ein geliebtes Mitglied seiner Familie und dass sie seinen Respekt, seine Ehrerbietung und seinen Schutz verdiente. Der Funke in ihren Augen ließ ihn sich allerdings fragen, ob es nicht er war, der Schutz brauchte.

„Warum ist es dir so wichtig, was ich von ihr halte? Sie ist eine kleine, unbedeutende junge Frau aus Texas.“ Er verschränkte die Hände auf dem Rücken. „Penny. Sogar ihr Name ist unbedeutend.“

„Kennst du das Sprichwort: ‚Finde einen Penny, steck ihn ein, und du wirst den ganzen Tag Glück haben‘?“

Er bemerkte das amüsierte Funkeln ihrer schwarzen Augen, während sie leise hüstelte. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er den Eindruck gehabt, dass sie über ihn lachte.

„Geht es dir gut?“, erkundigte er sich irritiert.

„Mir geht es wunderbar.“

„Gibt es dafür einen besonderen Grund?“

„Deine Reaktion auf Penny ist genau so, wie ich es mir erhofft hatte. Jetzt muss ich dich nicht warnen, Abstand von ihr zu halten.“

„Wenn du dir darum Sorgen machst, warum hast du dann zugelassen, dass mein Vater meinen eigenen Sekretär abgezogen und gegen eine Frau ersetzt hat?“

Farrah rutschte leicht auf dem Sofa hin und her. Bei jedem anderen hätte es so ausgesehen, als wenn er sich vor Verlegenheit wand. „Er brauchte jemand mit Erfahrung. Und er ist der König. Penny ist ideal für deine … Bedürfnisse. In geschäftlicher Hinsicht“, fügte sie hinzu.

„Also gut. Aber es verletzt mich, dass du es für nötig erachtest, mein Verhalten anzumahnen.“

„Abgesehen von deinem Ruf in Bezug auf Frauen, bin ich um Penny besorgt.“

„Warum? Sie kann mit ihrem Geschnatter jeden Mann zur Verzweiflung treiben“, meinte er wenig galant.

„Sie ist sehr schlecht von einem Mann behandelt worden.“

Rafiq zog die Stirn kraus. „Ach?“

„Sie hat mir die Geschichte in New York erzählt. Ihre Mutter starb, als Penny zwölf oder dreizehn war. Die Frau war allein erziehend und Lehrerin. Dennoch hat sie es geschafft, ihrer Tochter ein Erbe in Form eines Treuhandvermögens zu hinterlassen. Penny wollte gerade eine Vorschule für Kinder eröffnen, als dieser verantwortungslose Mensch sie verführte, um dann mit ihrem Geld abzuhauen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das arme Ding einem Mann noch einmal vertrauen wird“, schloss sie.

„Das ist kein Mann. Ein wirklicher Mann würde eine Frau nicht so behandeln. Besonders keine Frau wie …“

„Keine Frau wie?“, fragte seine Tante mit erhobenen Augenbrauen.

„Ach, nichts weiter. Ich würde den Mann gerne treffen“, stieß er zwischen zusammengepressten Lippen hervor. „Auspeitschen wäre noch zu gut für ihn.“

„Ich stimme dir zu.“ Sie nickte grimmig, doch nach einer Sekunde wurde der Ausdruck von einem zuversichtlichen Lächeln abgelöst. „Jetzt ist Penny ja hier, und wir werden uns um sie kümmern. Das heißt, ich werde mich um sie kümmern. Meiner Ansicht nach könnten die Dinge nicht besser stehen. Zumal du bei den Vorbereitungen für den ersten Wohltätigkeitsball in El Zafir Hilfe brauchst. Und zwar von einer Frau.“

„Du bist eine Frau – und die Mitgastgeberin der Veranstaltung“, wandte er ein. „Reicht das nicht?“

„Penny wird mit uns beiden arbeiten.“

Rafiq gefiel das ganz und gar nicht. Er musste eine andere Taktik versuchen. „Ist das ihr gegenüber gerecht? Auch noch für mich arbeiten zu müssen? Du allein bist als Chefin schon mehr als anspruchsvoll.“

„Aber nicht unverhältnismäßig. Außerdem glaube ich, dass Penny sehr hart arbeitet.“

„Wenn sie ihren Mund lange genug halten kann“, bemerkte er böse.

„Ich finde sie sehr charmant.“

„Ist das ihre einzige Qualifikation? So wie sie es mir erzählt hat, hat sie sich eigentlich als Kindermädchen für Fariqs Sprösslinge beworben.“

„Ja. Aber sie war so … energiegeladen und sehr intelligent. Sie hat jeweils einen Abschluss mit Auszeichnung in Kindererziehung und Betriebswirtschaft. Außerdem hält Sam Prescott große Stücke auf sie.“

Sam Prescott stammte aus einer wohlhabenden texanischen Familie. Seit frühester Kindheit waren Rafiq und er befreundet. Ihre Väter kannten sich gut und machten häufig Geschäfte miteinander.

„Woher kennt Sam sie?“, wollte Rafiq jetzt wissen.

„Prescott International vergibt Stipendien an sozial benachteiligte, aber talentierte Studenten. Penny wurde ausgewählt, und die Familie nahm regen Anteil an ihrem Leben und ihrer Karriere. In ihren BWL-Kursen war sie immer an der Spitze, und sie gewann ein Praktikum in der Hauptfiliale von Prescott International in Dallas. Wir wissen also aus sicherer Quelle, dass Penny intelligent ist, über eine rasche Auffassungsgabe verfügt und hart arbeitet.“

„Alles schön und gut, aber da ist immer noch die Sache mit dem Kaffee“, versuchte Rafiq es erneut.

„Was ist mit dem Kaffee?“, fragte Farrah.

„Er ist ihr aus der Hand gefallen.“

„Hast du etwas getan, damit es dazu kam?“

„Ich habe mich lediglich vorgestellt.“

Nachdem er sie in dem Glauben gelassen hatte, er wäre ein Assistent. Und nachdem er sie dazu gebracht hatte zuzugeben, dass sie ihn attraktiv fand. Um ehrlich zu sein, hatte er die Verwechslung als befreiend empfunden. Er bezweifelte, dass sie ähnlich offen gesprochen hätte, wenn sie gewusst hätte, wer er war. Er war an Schmeicheleien von Frauen gewöhnt. Da Penny seine wahre Identität jedoch nicht gekannt hatte, war ihr Kompliment ehrlich gewesen.

„Wo ist sie jetzt?“, fragte seine Tante mit einem Stirnrunzeln.

„In der Suite, die du ihr im Gästeflügel zugewiesen hast. Ich habe ihr geraten, sich den Rest des Tages freizunehmen, um sich von der anstrengenden Reise zu erholen.“

Sie nickte zustimmend. „Gut. Und ich bin froh, dass wir miteinander geredet haben. So kann ich dich ein letztes Mal daran erinnern, Rafiq, dass du dich nicht an Penny heranzumachen hast. Bis anderes arrangiert werden kann, ist sie deine Assistentin – und nicht mehr“, fügte sie hinzu. „Wir können es uns nicht leisten, dass die Abläufe in El Zafir gestört werden, nur weil du schon wieder ein weibliches Mitglied des Personals verführt hast.“

„Vielen Dank, Tante Farrah“, erwiderte er, wobei er es nicht schaffte, ein Lächeln zu unterdrücken.

„Das war nicht als Kompliment gemeint. Ich sage es noch einmal: Verhalte dich korrekt. Ich habe eine junge Frau gefunden, die meiner Ansicht nach eine exzellente Assistentin abgeben wird. Jemand Kluges und Erfrischendes, den ich lange in meinem Hause haben möchte. Ich will, dass du absolut nichts tust, was ihre Rückkehr in die USA beschleunigen würde.“

„Das käme mir nie in den Sinn.“

Sie schaute ihn missbilligend an. Und bevor Rafiq protestieren konnte, fuhr sie fort: „Spar dir deine Beteuerungen. Ich kenne dich schon viel zu lange.“

Er unterdrückte einen langen Seufzer und verneigte sich leicht aus Respekt vor ihrem Alter und ihrer Position innerhalb der Familie.

Als er Farrahs Gemächer verließ, wandten sich seine Gedanken wieder der jungen Amerikanerin zu. Klug und erfrischend? Er war sich nicht sicher, dass er diese Seite an Penny Doyle gesehen hatte. Vielleicht sollte er noch einmal mit ihr reden. Nur um zu prüfen, ob er seine neue Assistentin unterschätzt hatte oder nicht. Oder aus dem einfachen Grund, sie besser kennen zu lernen.

Damit die Abläufe in El Zafir nicht gestört wurden.

2. KAPITEL

Penny wanderte wie ein gefangener Tiger durch ihre Suite. Angespannt und voll gepumpt mit Coffein, das sie vor dem ganzen Desaster zu sich genommen hatte, gelang es ihr einfach nicht zu entspannen. Wenn sie nur schlafen könnte. Sie wollte einfach nur vergessen. Sie schwankte ständig zwischen dem Entsetzen darüber, dass sie so dumm hatte sein können und der Empörung darüber, dass Prinz Rafiq Hassan sie derart vorgeführt hatte.

Aber es war ja nicht das erste Mal, dass ein Mann sie zum Narren gehalten hatte. Beim letzten Mal hatte der Mann ihr Geld genommen und war dann verschwunden. Dieses Mal hatte man jedoch ihr gesagt, sie solle verschwinden. Seine exakten Worte: sie solle sich den Rest des Tages freinehmen. Um sich zu akklimatisieren. Drückte man das in El Zafir so aus, wenn man wegen Hoheitsbeleidigung angeklagt wurde?

Wenn sie morgen früh ihren letzten Atemzug machen sollte, so musste sie zugeben, dass dieser Palast ein hervorragender Ort war, um ihre letzten Stunden zu verbringen. Die Wände waren weiß, doch sowohl im Wohnzimmer, wie im Speise- und Schlafzimmer hingen bunte Teppiche. Ein niedriges, weiches Sofa nahm die Ecke des Raumes ein, die dem üppigen, farbenfrohen Garten gegenüberlag. Blumen und Grünpflanzen wuchsen unterhalb ihrer Fenster. Sie konnte zwar das Meer nicht sehen, aber auf dem Balkon konnte sie den Geruch des Ozeans, gemischt mit dem Duft der Blumen, riechen. Zusammen ergab das ein exotisches Aroma, dem sie nie zuvor begegnet war.

Jetzt fragte sie sich allerdings, wie lange sie das Ganze noch würde genießen können. Wäre es nicht einfacher gewesen, sie direkt zum Flughafen zu schicken? Der Prinz würde ihr doch sicher nicht gestatten, weiter hier zu bleiben, nachdem sie ihn so beleidigt hatte.

Ein unerwartetes Klopfen an der Tür ließ sie auffahren. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Jetzt ist es so weit, dachte sie ängstlich.

Sie öffnete die Tür. Er stand davor! Zum zweiten Mal an diesem Tag fand sie sich in der ungewohnten Situation, keinen Ton herauszubringen.

„Darf ich eintreten?“, fragte er.

„Natürlich.“ Sie öffnete die Tür weiter und trat zurück, so dass er hereinkommen konnte. Was sollte sie auch sonst tun? Schließlich war das immer noch sein Palast.

Er starrte sie an. „Sie haben sich umgezogen.“

Sie folgte seinem Blick bis zu ihren nackten Füßen, den Jeans und ihrem Texas-T-Shirt. Als sie ihm wieder ins Gesicht schaute, las sie in seinen Augen etwas, das sie nicht verstand. Etwas Geheimnisvolles.

Bei ihren Nachforschungen über das Land im Allgemeinen und die königliche Familie im Speziellen hatte sie herausgefunden, dass sein Nachname Hassan „gut aussehend“ bedeutete, und dem machte er mit Sicherheit alle Ehre. Sein volles, schwarzes Haar war kurz geschnitten. Sein Gesicht war eine Kombination aus hohen Wangenknochen, gerader Nase und energischem Kinn, was insgesamt beängstigend nah an männliche Perfektion grenzte.

„Ich habe nicht …“

„Ja?“, meinte er.

„Wie soll ich Sie anreden?“, stieß sie hervor. „Euer Majestät? Euer Hoheit? Euer Gnaden? Das Mitglied der königlichen Familie, das man einst und immer noch als Prinz kennt?“

Sie war schon wieder aufsässig, aber sie konnte es nicht ändern. So war sie nun einmal. Außerdem, was hatte sie denn noch zu verlieren? Er war vermutlich ohnehin gekommen, um sie zu feuern. Von hieraus konnte sie nur noch zum Flughafen gehen.

„Sie können mich Euer Hoheit, Prinz Rafiq Hassan, Minister Innerer wie Äußerer Angelegenheiten, der Großzügige und Wohltätige nennen.“

Sie hatte das Bedürfnis, nach einem Schreibblock zu greifen und die ellenlange Anrede zu notieren, als sie endlich bemerkte, wie sich seine sinnlichen Lippen zu einem Grinsen verzogen. „Sie machen Spaß“, warf sie ihm vor.

„Ja.“

„Oh, Gott sei Dank.“

„Was?“

„Sie haben tatsächlich einen Sinn für Humor.“

„Natürlich. Warum zweifeln Sie daran?“

„Bei unserer ersten Begegnung haben Sie nicht den Hauch eines Lächelns gezeigt“, rief sie ihm in Erinnerung.

„Deshalb bin ich hier.“

„Um mir zu zeigen, dass Sie lächeln können?“

„Nein. Um … noch mal von vorn zu beginnen.“

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, er würde sich dafür entschuldigen, dass er sie so vorgeführt hatte.

Sie blickte zu ihm auf und rückte dabei ihre Brille zurecht. „Und ich habe mich schon gefragt, ob ich im Morgengrauen wegen Hoheitsbeleidigung angeklagt werde“, sagte sie.

„Na ja, um genau zu sein, kam als mögliche Strafe die Idee des Köpfens auf.“

Sie verschluckte sich. „Nein!“

„Doch. Dann dachte ich an die Vorzüge, Ihnen die Zunge herausschneiden zu lassen.“

Sie wich einen Schritt zurück, bis sie sein unwiderstehliches Grinsen bemerkte. „Sie nehmen mich auf den Arm!“

„Ja.“

„Nun, das ist eine Erleichterung. Obwohl Sie eins zugeben müssen: Wenn Sie mir von Anfang an gesagt hätten, wer Sie sind, dann gäbe es jetzt nicht einen riesigen Kaffeefleck auf dem Teppich in Ihrem Büro.“

„Ich muss gar nichts zugeben“, widersprach er. „Ich bin der Prinz.“

„Natürlich.“ Genau das war ja auch der Grund, weshalb sie sich dagegen entschieden hatte, ihm weitere Vorwürfe zu machen. Es war wohl kaum besonders klug, den Löwen in seinem eigenen Revier anzugreifen. „Und ein Prinz ist der Herr all seiner Untertanen?“

„So in der Art“, meinte er mit einem Funkeln in den Augen, das ihr zeigte, dass er sich amüsierte.

„Wenn Sie nicht hier sind, um irgendetwas zuzugeben, warum sind Sie dann hier?“

„Um Sie anständig in El Zafir willkommen zu heißen.“

„Danke …“ Sie neigte den Kopf zur Seite und erinnerte ihn: „Sie haben mir immer noch nicht gesagt, wie ich Sie anreden soll.“

„In der Öffentlichkeit Prinz Rafiq. Privat, wenn wir arbeiten, genügt mein Vorname.“

Rafiq. Der Name ließ ihr Schauer über Arme, Brust und Bauch laufen. Er war anders als jeder Mann, den sie zuvor getroffen hatte. Schon allein sein Name rief Bilder von Magie, Romantik und Exotik wach. Zum ersten Mal glaubte sie die Dinge, die Reiseplakate über dieses Land verkündeten.

„Prinz Rafiq“, probierte sie seinen Namen laut.

„Da es mir zugefallen ist, Sie einzuweisen …“

„Aber ich soll doch für Prinzessin Farrah arbeiten.“

„Der Plan hat sich geändert. Mein Vater hat meinen Sekretär für sich selbst in Anspruch genommen, und meine Tante …“

„Prinzessin Farrah?“

Er nickte. „Die Schwester meines Vaters. Sie hat Sie mir sozusagen überlassen.“

„Also werde ich mit Ihnen zusammenarbeiten?“

Er nickte erneut. „Wenn Sie wollen, kann ich uns etwas Schokolade kommen lassen, und Sie können mir Dinge erzählen, die uns einander näher bringen.“

„Sie unterscheiden sich wirklich von anderen Männern“, brach es aus ihr heraus.

Guter Gott! Sie konnte nicht glauben, dass sie das wirklich gesagt hatte. Es war vollkommen unangemessen, grenzte ja schon fast an Flirten, was ihr überhaupt nicht entsprach. Lag es an El Zafir? Oder hatte es mit dem Mann ihr gegenüber zu tun, der diese unbekannte Seite ihrer Persönlichkeit freilegte?

„Unterscheiden?“, fragte er. Er wirkte weder schockiert noch beleidigt, eigentlich nur neugierig.

„Da wo ich herkomme, gibt es Talk-Shows, die sich damit beschäftigen, dass die meisten Männer nicht zuhören, geschweige denn sich erinnern“, erklärte sie.

„Vielleicht lassen Cowboys doch noch etwas zu wünschen übrig, was den männlichen Standard in Ihrem Land anbelangt?“

Er hatte wirklich zugehört, dachte sie, während ihr die Röte auf die Wangen kroch. „Vielleicht sind Zuhören und Erinnern vollkommen überschätzte Eigenschaften.“

Er lächelte. Waren seine Zähne wirklich so weiß, dass er für Bleichmittel hätte werben können? Oder sah das nur so aus, weil seine Haut so braun gebrannt war?

„Bei allem Respekt“, entgegnete er, „die Frau muss ich erst noch kennen lernen, die es bevorzugt, wenn ein Mann sie ignoriert.“

Sie konnte es sich nicht verkneifen, sich zu fragen, wie viele Nachforschungen über Frauen er wohl angestellt hatte. Eine ganze Menge, wenn sie dem glauben sollte, was sie über die königliche Familie gelesen hatte. Sie hatte in der Klatschpresse detaillierte Artikel über Prinz Rafiqs romantische Eskapaden verfolgt. Sie hatte sogar Fotos von ihm gesehen, weshalb sie sich noch dümmer vorkam, dass sie ihn nicht gleich erkannt hatte. Doch in Wirklichkeit hatte der Mann in Fleisch und Blut keinerlei Ähnlichkeit mit dem eindimensionalen Don Juan, der er den Presseberichten zufolge war.

Mit wie vielen Frauen war er zusammen gewesen? Zehn? Zwanzig? Hundert? Und wie viele Cowboys hatte sie gehabt? Null. Zero. Nada. Wer war also besser dazu geeignet zu urteilen?

„Okay, Sie bekommen Punkte fürs Zuhören und Erinnern“, erklärte sie.

„Vielen Dank.“ Er blickte sich in der Suite um, dann wandte er sich wieder ihr zu. „Erzählen Sie mir von sich, Penny.“

Diese Aufforderung überraschte sie. Sie wusste nicht so genau warum, nur dass es ihr seltsam vorkam, dass ein Mitglied der königlichen Familie sich für jemand wie sie interessieren sollte, die angeheuerte Assistentin. Doch dann fiel ihr Blick auf ein Pflaster an seinem Finger. Auch er war nur ein Mann aus Fleisch und Blut, und daraus schöpfte sie Mut. „Möchten Sie sich setzen?“, bot sie ihm an.

Er zögerte nur einen Moment, bevor er dankend annahm. Mit katzenhafter Anmut ließ er sich auf dem Sofa nieder und deutete dann auf den Platz neben ihn. „Bitte.“

Sie tat wie geheißen, ließ aber einen deutlichen Abstand zwischen ihnen beiden. „Also, was würden Sie denn gerne über mich wissen?“

„Warum haben Sie Ihr eigenes Land verlassen und einen Job am anderen Ende der Welt angenommen?“

Da gab es so viele Gründe. „Ihr Land ist sehr fortschrittlich.“

Er nickte. „Wir arbeiten hart, damit dem so ist. Was noch?“

Es war, als wenn er ihre Gedanken lesen konnte. „Ich denke, wir sind uns bereits einig, dass ein Job im Palast sehr gut bezahlt wird“, meinte sie lächelnd.

Er erwiderte das Lächeln mit einem Grinsen. „Ja, ich denke, da waren wir uns tatsächlich einig. Ist Geld für Sie wichtig?“

„Nur jemand, der sich darum nie Gedanken machen musste, kann eine solche Frage stellen.“

„Ist das ein Ja?“ Er zog eine Augenbraue hoch.

„Ja, das ist es.“

„Warum?“

„Das interessiert Sie nicht wirklich.“

„Ganz im Gegenteil.“

„Geld ist für mich wichtig, weil meine Mutter sehr hart arbeiten musste, um es zu bekommen.“

„Und Ihr Vater?“

„Ich habe ihn nie kennen gelernt. Es gab immer nur meine Mutter und mich. Sie starb, als ich noch sehr jung war.“

Er sah sie sehr ernst an. „Meine Mutter auch. Tante Farrah schloss die Lücke, die sie hinterließ.“

„Dann haben Sie Glück gehabt. Ich hatte niemanden, der die Leere gefüllt hätte. Ich wuchs in einem Waisenhaus auf.“

„Ich verstehe.“

Sie fand seine nüchterne Reaktion seltsam angemessen. „Es tut mir leid“ war so eine nichts sagende Floskel, die wenig Trost schenkte. „Mit achtzehn sagt der Staat, dass man erwachsen ist und auf eigenen Füßen zu stehen hat.“

„Der Staat irrt sich“, entgegnete er. „In diesem Alter ist man immer noch ein Kind.“

Sie zuckte die Schultern. „Vielleicht. Aber ich war fest entschlossen, einen Abschluss zu machen.“

„Und das haben Sie ja auch – in Kindererziehung und BWL. Meine Tante hat mir erzählt, dass Sie ein Praktikum bei Sam Prescott gemacht haben.“

„Ja. Die Prescotts waren sehr gut zu mir. Es war sogar Sam, der mir geraten hat, eine Arbeit in El Zafir in Betracht zu ziehen.“

Weil sie ihre eigene Vorschule hatte eröffnen wollen und dummerweise ihr ganzes Erbe weggegeben hatte. Doch so wohl sie sich auch in Rafiqs Gesellschaft fühlte, sie glaubte nicht, dass er die ganze Geschichte hören wollte. Oder vielleicht lag es mehr daran, dass sie nicht zugeben wollte, wie naiv sie gewesen war. Sie würde sich nie wieder von einem gut aussehenden Mistkerl täuschen lassen.

„Ich kenne Sam Prescott, seit wir Kinder waren. Gibt es einen speziellen Grund, warum es so wichtig für Sie ist, viel Geld zu verdienen?“, wollte Rafiq wissen.

Weil ein Versprechen ein Versprechen war. Der Eid, den sie vor langer Zeit abgelegt hatte, bedeutete ihr alles. Doch das würde ihn nicht interessieren. Er war ein Geschäftsmann. „Es ist mein Traum, eine Vorschule zu eröffnen.“

„Warum das?“

„Nun ja, ich mag Kinder.“ Sie begegnete seinem Blick und war überrascht, dass er nicht gelangweilt wirkte. Tatsächlich machte er sogar den Eindruck, mehr hören zu wollen, und das gab ihr den Mut fortzufahren. „Ich denke, das ist erblich bedingt. Meine Mutter hat es geliebt zu unterrichten. Aber bevor ich eingeschult wurde, musste sie horrende Summen für meine Betreuung ausgeben. Sie sagte immer, dass eine Mutter in der Lage sein sollte, ihr Kind an einen sicheren Ort zu schicken, der es aber gleichzeitig auch positiv stimulierte.“

„Und eine Vorschule würde beides ermöglichen?“

„Ja. Solange Frauen berufstätig sind, ist qualifizierte Kinderbetreuung ein Thema.“

„Auch in meinem Land.“

„Wirklich?“

Rafiq beobachtete, wie sie es sich auf dem Sofa gemütlicher machte. Sie lehnte sich zurück, und obwohl die Couch niedrig war, berührten ihre Füße den Boden nicht. Sie legte die Beine zur Seite und stützte den Ellenbogen auf der Sofalehne auf. Ihr goldenes Haar war nicht länger in einem Knoten streng zurückgekämmt. Die hüftlangen Locken umspielten ihr ovales Gesicht und forderten jeden Mann auf, mit den Fingern durch sie hindurchzustreifen.

Seit sie ihm die Tür geöffnet hatte, kämpfte er mit seiner Reaktion auf sie. Und dabei war schon das unförmige khakifarbene Kleid, das sie zuvor getragen hatte, genug Ablenkung gewesen. Aber Jeans betonten ihre schmale Taille und die schlanken Beine. Sie blickte ihn aus großen, blauen Augen an und erwartete offensichtlich, dass er die Unterhaltung fortführte, und das würde er auch. Sobald er sich daran erinnerte, wovon sie gesprochen hatten.

„Ich dachte, nur wenige Frauen in El Zafir würden außerhalb des Haushalts arbeiten“, sagte sie.

Ah, dachte er. Vorschulen. „Es gibt immer mehr ausgebildete Frauen, die eine berufliche Karriere verfolgen. Wir haben diese qualifizierte Ergänzung unserer Arbeitskraft viel zu lange ignoriert.“

„Dann wird Kinderbetreuung ein Problem.“

„Exakt.“

„Ich frage mich immer noch, warum Ihr Bruder ein unscheinbares Kindermädchen gefordert hat.“

Wie konnte er sie nur dazu bringen, diese spezielle Frage zu vergessen? Sein Blick fiel auf ihren Mund. Vorher, als sie so viel geredet hatte, war ihm gar nicht aufgefallen, wie voll und sinnlich ihre Lippen waren. Er verspürte den plötzlichen Drang, sie zu kosten. Das würde sie vielleicht dazu bringen, alles über unauffällige Kindermädchen zu vergessen. Doch er zwang sich dazu, den Gedanken beiseite zu schieben. Sie war seine Assistentin. Nicht mehr. Und er würde gut daran tun, sich dessen zu erinnern und zu vergessen, wie sexy sie in Jeans aussah.

„Ich muss gehen.“ Er stand auf. „Was die Arbeit angeht.“

„Ja?“

Sie stand ebenfalls auf. So klein. Ihr Kopf reichte kaum bis zu seiner Schulter. Ein plötzlicher Beschützerinstinkt überkam ihn. Penny war verletzt worden. Da seine Tante ihm davon erzählt hatte, erkannte er den Schmerz in Pennys Augen, als sie von ihren Träumen gesprochen hatte. Wieder wollte er den Mistkerl, der diese Unschuld ausgenutzt hatte, dazu bringen, für seine Sünden bezahlen zu müssen.

„Was ist mit der Arbeit?“

„Ja, die Arbeit.“

„Wann möchten Sie, dass ich ins Büro komme?“

„Neun.“

Sie lächelte. „Zumindest werde ich nicht im Verkehr stecken bleiben.“

„Nein.“ Er räusperte sich. „Was Ihre Kleidung angeht …“

„Ihre Tante hat mich darüber schon aufgeklärt. Keine Hosen in der Öffentlichkeit. Sie sagte, in diesem Land bedeckt eine Frau ihre Arme, und Röcke müssen bis gut übers Knie gehen.“

„Ja.“

Er sollte erleichtert sein, dass sie sich dessen bewusst war. Aber er fühlte sich seltsam enttäuscht, dass Jeans unangemessen waren und Penny dies wusste.

„Dann bis morgen“, meinte sie.

„Ja. Morgen.“

„Ich freue mich darauf.“

Genauso wie er. Mehr als er sollte.

3. KAPITEL

Penny schloss die Tür zu ihrer Suite und machte sich auf den Weg zum Dinner. Zu ihrer eigenen Überraschung freute sie sich darauf. Sie würde mit der gesamten königlichen Familie speisen, jedem einzelnen von ihnen. Alle an einem Ort, alle zur selben Zeit.

Nach etwas mehr als einer Woche in El Zafir fand sie sich mittlerweile sehr gut im Palast zurecht. Wie weit mochte sie allerdings mit Beinen kommen, die wie Espenlaub zitterten? Wenn die Einladung von jemand anderem als Prinzessin Farrah gekommen wäre …

Dann hätte sie abgelehnt? Als ob sie sich das hätte erlauben können!

Wenn sie nur nicht so nervös wäre.

Vorsichtig öffnete sie die Doppeltüren zu dem Speisesaal und nahm sich fest vor: „Ich werde nicht zu viel reden.“

Ihr blieb fast das Herz stehen, als sie sah, dass die königliche Familie bereits komplett anwesend war. War sie zu spät?

Penny warf einen raschen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie hatte sich genug Zeit genommen, um zehn Minuten eher da zu sein und noch mal tief Luft zu holen, bevor die anderen erschienen. Aber nein. Sie musste mit der einzigen königlichen Familie auf diesem Planeten verabredet sein, die noch pünktlicher war als sie selbst.

Ihr Blick fiel auf ihren Chef. Er unterhielt sich mit seinen Brüdern und lächelte ganz plötzlich. Im Bruchteil einer Sekunde verschwand der ernste, autoritäre Mann, an den sie sich mittlerweile gewöhnt hatte und verwandelte sich von gut aussehend in einfach absolut unwiderstehlich. Ihre Knie fingen wieder an zu zittern. Sie erkannte, dass sie mit ihrem Boss, dem Prinzen, wesentlich besser umgehen konnte als mit diesem Mann, der lächelte.

Sie schaute zu Boden und seufzte über ihr langärmliges, hochgeschlossenes schwarzes Strickkleid, das ihr bis zu den Knöcheln reichte. Sie erinnerte sich daran, wie sie es gekauft hatte und die blutjunge Verkäuferin ihr gesagt hatte, mit Schwarz könne man nie etwas falsch machen. Ihr erster Fehler war es gewesen, auf eine Teenagerin mit pinkfarbenen Haaren zu hören. Penny hatte einiges falsch gemacht. Aber sie verfügte einfach nicht über das Budget, um das Richtige zu kaufen.

„Ah Penny, da sind Sie ja.“ Prinzessin Farrah, in dunkelgrüne Seide gehüllt mit dazu passenden Diamanten an Ohren und Hals, kam auf sie zu, um sie zu begrüßen.

„Guten Abend, Euer Hoheit.“ Penny schaute sich unsicher um. „Ich hoffe, ich bin nicht zu spät. Sie sagten sieben …“

„Sie sind genau richtig, meine Liebe. Nicht wahr, Gamil?“, meinte sie zu dem König.

Zwei Schritte von ihnen entfernt drehte sich der Angesprochene zu ihnen um. Er gesellte sich zu ihnen und verbeugte sich leicht. „Miss Doyle. Ich bin sehr erfreut, dass Sie heute mit uns zu Abend essen können.“

„Es war sehr freundlich von Ihnen, mich einzuladen.“ Sie ließ ihren Blick über die anderen schweifen, bis sie schließlich wieder zu Prinzessin Farrah hinüberschaute. Bevor sie sich selbst stoppen konnte, fragte sie: „Ziehen Sie sich jeden Abend so zum Essen an?“

Die Prinzessin lachte. „Drei- oder viermal die Woche. An den anderen Abenden haben einer oder auch mehrere von uns eine offizielle Veranstaltung, die formelle Abendgarderobe erfordert.“

„Das hier ist nicht formell?“, schoss es aus Penny heraus.

„Guter Gott, nein“, entgegnete die Prinzessin.

Penny sank der Mut. Wahrscheinlich machten sie sich schon heimlich über sie lustig. Ihr wenig schickes Kleid ließ sie wie das hässliche Entlein zwischen den wunderschönen Schwänen wirken.

Als sie zu dem König hinüberblickte, bemerkte sie, dass Rafiq seinem Vater sehr ähnlich sah. König Gamil war Mitte fünfzig, wirkte jedoch keinen Tag älter als vierzig. Er erinnerte sie an einen eleganten Filmhelden. Und sie konnte nicht umhin, sich zu fragen, warum er nicht verheiratet war. Ebenso wenig wie Prinzessin Farrah.

„Wir möchten Sie gerne offiziell in unserem Land willkommen heißen“, sagte er zu ihr.

Die Prinzessin nippte an ihrem Champagnerglas und fügte hinzu: „Ich hatte erwartet, dass Rafiq Sie unmittelbar nach Ihrer Ankunft einladen würde. Als deutlich wurde, dass es ihm entfallen war, musste ich die Situation in Ordnung bringen.“

Penny vermutete, dass er es absichtlich vergessen hatte, weil er fürchtete, sie würde etwas über seinen teuren Armani-Anzug kippen.

Genau in diesem Augenblick gesellte sich Rafiq zu ihnen. „Guten Abend, Penny.“ Auch er verbeugte sich leicht wie sein Vater.

„Hallo.“ Ihre Stimme klang seltsam atemlos, und sie wünschte sich von ganzem Herzen, sie könnte es auf das Treppensteigen schieben.

„Darf ich Ihnen ein Glas Champagner anbieten?“, meinte er höflich.

„Gerne. Vielen Dank. Ich habe noch nie zuvor Champagner probiert.“ Es fing schon an. Sie konnte fühlen, wie es sich aufbaute – der Drang, endlos draufloszuplappern. Sie holte einmal tief Luft, schaute zu ihm auf und sagte: „Ich warne sie im Voraus – vielleicht wollen Sie besser Abstand halten.“

„Und warum sollte ich das tun?“ Die Intensität seines Blicks richtete sich ganz auf sie. „Am Tag Ihrer Ankunft haben sie ganz offensichtlich nicht zum ersten Mal Kaffee getrunken, was nichts daran änderte, dass meinen Teppich jetzt ein großer Fleck ziert.“

„Ich schätze, es war zu viel erhofft, dass Sie das vergessen hätten.“

„Wie Sie so passend bemerkt haben – ich höre zu und erinnere mich.“ Seine Mundwinkel zeigten ein schiefes Grinsen. „Also werde ich einfach auf mein Glück vertrauen, während Sie Ihren ersten Champagner versuchen.“

„Mein Sohn hat das Herz eines Löwen“, meinte der König zwinkernd.

Rafiq grinste seinen Vater an, dann winkte er einem livrierten Diener zu, der ein silbernes Tablett balancierte. Penny griff nach einer der filigranen Kristallflöten mit der perlenden, goldenen Flüssigkeit.

Dabei konnte sie nicht anders – sie kam sich wie die Gouvernante in einem romantischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts vor. Die Art Frau, die bei wichtigen Anlässen auf den Speicher gesperrt werden sollte.

Die Prinzessin berührte ihren Arm. „Entschuldigen Sie uns, meine Liebe. Gamil und ich müssen Johara mit Fariqs Zwillingen helfen.“

„Soweit ich das erkenne, hat sie alles im Griff“, äußerte der König.

Farrah sah ihn eindringlich an. „Hana und Nuri sind süße Kinder, aber du weißt genauso gut wie ich, dass sie schnell ungeduldig werden.“

Gamil begegnete ihrem Blick, und seine Augen weiteten sich vor plötzlichem Verstehen, während er langsam nickte. Er verbeugte sich noch einmal. „Meine Schwester hat recht. Wenn Sie uns bitte entschuldigen.“

Penny schaute zu Rafiq hinüber, und sie wurde zusehends nervöser. Bei der Arbeit fühlte sie sich sicher und gewöhnte sich allmählich daran, mit ihrem Boss umzugehen. Er gab ihr eine Aufgabe, und sie erledigte sie so effizient wie möglich. Er schien mit ihrer Leistung zufrieden. Genau genommen hatte sie nicht den Eindruck, dass er ein Mann war, der es für sich behielt, wenn ihn etwas störte.

Sie hatte ihm erzählt, dass sie während ihres Studiums als persönliche Assistentin für Sam Prescott gearbeitet hatte, der ihr dabei viel beigebracht hatte. Und auch wenn El Zafir ein kleines Land war, so fand sie viele der Aufgaben vergleichbar und hatte keinerlei Probleme. In dieser Situation war das anders. Ihr Magen verkrampfte sich.

Wieder blickte sie zu Rafiq, in der Hoffnung, dass er etwas sagen würde. Sie tat ihr Bestes, um nicht zu viel zu reden, doch in diesem Fall war das Schweigen einfach unangenehm, und sie suchte krampfhaft nach einem Gesprächsthema.

Schließlich hielt sie es nicht länger aus. „Auf die Gefahr hin zu untertreiben, darf ich sagen, dass Sie es hier wunderschön haben?“

„Vielen Dank.“

„Die Leuchter sind atemberaubend. Es müssen mindestens tausend Kristalle sein, und jeder funkelt wie ein Diamant. Der Effekt ist unbeschreiblich.“

„Ja“, meinte er, während er sie anstarrte.

Was hatte das zu bedeuten? Im Büro war er ganz nüchtern und geschäftsmäßig. Der Ausdruck in seinen Augen jetzt aber war eindringlich, dunkel, als wenn er jedes Geheimnis, das sie hatte, erkennen könnte.

Rasch sah sie sich in dem riesigen Speisesaal um und erkannte seine Brüder, Prinz Fariq und Kronprinz Kamal. Seine Schwester, Prinzessin Johara, trug ein schokobraunes Samtkleid, das ihr dunkles Haar und die großen schwarzen Augen betonte. Sie kümmerte sich um die fünfjährigen Zwillinge von Prinz Fariq. Nuri, in einem Anzug wie sein Vater, und Hana, in einem roten Satinkleid, sahen einfach entzückend aus.

Sogar die Kinder waren angemessener gekleidet als sie. „Ich bin froh, dass dies nur ein kleines, intimes Familienessen ist“, seufzte sie.

„Warum das?“

Sie blickte auf ihr einfaches, billiges Kleid hinunter. „Ich bin nicht passend …“

Bevor sie den Satz zu Ende bringen konnte, klimperte Prinzessin Farrah leise gegen ein Kristallglas. „Bitte nehmt Platz“, forderte sie die Anwesenden auf. „Das Essen wird gleich serviert werden. Penny, Sie sitzen neben Rafiq und Hana und Nuri.“

Bitte lass mich nichts verschütten, betete sie inständig.

Rafiq atmete den Duft von Pennys Parfum ein, als er ihr den Stuhl zurechtrückte. Ihr Kleid schmiegte sich sanft an ihre schmale Taille, den Rücken und die Hüften und brachte ihre Kurven vollendet zur Geltung. Seit dem Tag ihrer Ankunft hatte er sie nur in sackartigen Kleidern gesehen, die neben ihren Jeans wenig schmeichelhaft waren. Aber dieses Strickkleid stellte eine deutliche Verbesserung dar. Seine Blicke folgten ihr bewundernd, als sie sich graziös auf dem Stuhl niederließ.

Zu seiner Enttäuschung hatte sie ihr goldenes Haar hochgesteckt, doch einige Locken kringelten sich vorwitzig in ihrem Nacken. Er verspürte das absurde Verlangen, seine Lippen auf einen besonders zart wirkenden Punkt unterhalb ihres Ohrs zu pressen. Was für ein alberner Gedanke, ermahnte er sich selbst. Völlig unangemessen.

Er räusperte sich. „Was halten Sie denn nun von Champagner?“, fragte er, als sie einen weiteren Schluck nahm.

„Ich bin natürlich keine Expertin, aber ich mag ihn sehr gern.“

Er mochte es, sie zu necken. Allerdings nicht im Büro. Was bedeutete, dass er seit ihrer Ankunft keine Gelegenheit mehr dazu gehabt hatte. Heute Abend empfand er die Möglichkeit jedoch als genauso angenehm wie beim ersten Mal. Ihre Augen weiteten sich, die Wangen nahmen Farbe an, doch das Beste war die Vorfreude auf ihre schlagfertige Antwort.

In diesem Moment hob der König sein Glas. „Ich möchte Euch alle bitten, mit mir zusammen unsere neueste Mitarbeiterin herzlich in unserem Land willkommen zu heißen. Ich denke, Ihr habt sie bereits alle kennen gelernt. Penny, möge Ihr Aufenthalt bei uns anregend und harmonisch sein.“

„Vielen Dank, Euer Hoheit“, erwiderte sie und nahm einen weiteren Schluck Champagner.

In den nächsten paar Minuten servierten Diener den ersten Gang, eine delikate Hummersuppe. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Rafiq, wie Penny sich verstohlen umsah. Er konnte die Spannung, die von ihr ausging, förmlich spüren. Als jeder sonst anfing zu essen, berührte sie vorsichtig alle Teile des goldenen Bestecks und nahm dann den Löffel, der von dem Teller am weitesten entfernt lag.

„Penny, sagen Sie, sind Sie bislang zufrieden?“, wollte der König wissen.

Warum sollte sie das nicht sein, dachte Rafiq. Sie verdiente gutes Geld, hatte ein Dach über dem Kopf und genug zu essen.

Und dennoch plagten ihn jedes Mal, wenn er sein Büro verließ, Gedanken an Penny Doyle.

Sie sah zu seinem Vater auf. „Ich bin sehr zufrieden, Euer Hoheit.“

„Was halten Sie von unserem Land?“, fragte nun Fariq.

„Ich hatte noch keine Gelegenheit, mir viel anzusehen, aber ich kann vollkommen ehrlich behaupten, dass dies“, sie machte eine Geste durch den Saal, „schöner ist, als alles, was ich zuvor gesehen habe.“

„Erzählen Sie uns von den Vereinigten Staaten“, bat Johara sie aufgeregt. Und auch die anderen sahen sie erwartungsvoll an.

Sie blickte in die Runde, ehe sie schüchtern antwortete. „Sie wollen sicher nichts von meinem langweiligen Leben hören.“

„Ganz im Gegenteil“, widersprach Prinzessin Farrah, während sie sich elegant mit einer Damastserviette den Mund betupfte. „Wir möchten alles über Sie erfahren.“

Rafiq hörte ihr genauso aufmerksam zu wie der Rest der Familie, als sie von ihrem Hintergrund, ihrer College-Ausbildung, durch Stipendien, Fördergelder und Studentenkredite finanziert, erzählte. Währenddessen wurde das Entree serviert.

„Ich würde unglaublich gerne in Amerika studieren“ schwärmte Johara.

„Es ist zu weit weg“, entgegnete ihr Vater.

„Aber Kamal, Fariq und Rafiq durften auch dorthin“, protestierte sie.

„Das ist etwas anderes“, erklärte der König. Und es war klar, dass er keinen Widerstand duldete.

„Ich wüsste nicht, wieso“, erklärte Johara streitsüchtig.

Es war ein leidiges Thema, das die starrsinnige Jugendliche immer wieder aufbrachte, egal, wie oft ihr Vater die Bitte abschlug. Trotz ihres aufrührerischen Verhaltens wandte Johara sich automatisch zu Nuri hinüber und schnitt dem kleinen Jungen das Fleisch klein. Und im nächsten Augenblick bemerkte Rafiq auch schon, dass Penny für Hana dasselbe tat.

„Danke, Penny“, flüsterte das Mädchen schüchtern.

„Gern geschehen“, wisperte sie zurück.

„Wie kommt ihr mit den Vorbereitungen für den Wohltätigkeitsball voran?“, wandte Gamil sich an seine Schwester.

„Wir stellen gerade die Gästeliste zusammen“, erwiderte Farrah. „Nur die Crème de la Crème wird eingeladen. Unser Ziel ist es, mehr Geld als jemals zuvor zu sammeln, um die Welthungerhilfe unterstützen zu können.“

„Es ist ein sehr ehrenwertes Unterfangen“, stimmte Penny zu. „Ich habe während meines Studiums einen Kurs besucht, der sich mit Faktoren beschäftigte, die das Lernen erschweren. Eine ganz einfache Wahrheit tauchte dabei auf – hungrige Schüler können sich nicht konzentrieren. Das Gehirn braucht Nahrung, um richtig zu funktionieren und Informationen aufzunehmen.“

Rafiq mischte sich interessiert in das Gespräch ein. „Es geht um mehr als nur um die richtige Ernährung. Kinder müssen sich sicher fühlen können, und zwar in jedem Bereich ihres Lebens.“

Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte er eine Bewegung unter der Tischdecke. Penny hatte eine Serviette so um ihre Hand gewickelt, dass die Enden hochstanden wie die Ohren eines Hasen. Sie spreizte die Finger, so dass es aussah, als würde der Hase hoppeln. Die Kinder jauchzten vor Vergnügen.

Er betrachtete Penny. Ein zartes Lächeln spielte um die Winkel ihres vollen Mundes. Auf ihre Wangen hatte sich eine zarte Röte gelegt, was ihr sehr gut stand.

„Guck mal, Penny hat ein Häschen gemacht“, erzählte Hana ihrem Vater und brach dann in mädchenhaftes Gekicher aus.

„Wo haben Sie das gelernt, meine Liebe? In einem Ihrer Kurse?“, fragte Farrah.

Penny schüttelte den Kopf. „Eine der Sozialarbeiterinnen hat es mir beigebracht. Ich war zu alt, um noch adoptiert zu werden, aber alt genug, um mit den Neuankömmlingen im Waisenhaus auszuhelfen. Es war eine Möglichkeit, sie zum Lachen zu bringen.“

Auch Rafiq lächelte, was allerdings nichts mit der kleinen Hasenfigur zu tun hatte, sondern mit der Frau, die das Tier geschaffen hatte.

Als alle mit dem Essen fertig waren, wurden das Geschirr abgeräumt und Kaffee und Dessert serviert. Die Zwillinge verschlangen begeistert Eiscreme, die mit bunten Zuckerstreuseln besprenkelt war.

„Es braucht nicht viel, um diese beiden zum Lachen zu bringen“, bemerkte der stolze Großvater.

Hatte irgendjemand je Penny zum Lachen gebracht? fragte Rafiq sich. Es war nicht schwer zu erkennen, dass Penny sich in Gesellschaft von Kindern wesentlich wohler zu fühlen schien als bei Erwachsenen. Und wer konnte ihr daraus einen Vorwurf machen, nachdem dieser Mistkerl ihr Herz und ihr Geld gestohlen hatte? Ein ungewohnter Drang sie zu beschützen stieg in ihm auf, sie vor jedem Schmerz in der Zukunft zu bewahren.

Als die Kleinen das letzte Restchen Eis aus ihren Schalen gekratzt hatten, blickte Fariq auf die Uhr. „Es ist Zeit fürs Bett, Ihr beiden.“

„O nein“, protestierte Nuri.

„Wir wollen bei Penny bleiben“, fügte Hana hinzu.

Ihr Vater stand auf. „Ich bringe euch zurück zu Crystal.“

„Wie macht sich das neue Kindermädchen?“, fragte Kamal.

Fariq runzelte die Stirn. „Sie entspricht den Anforderungen. Und bislang zeigt sie keine Anzeichen, sich zu Rafiq ins Bett zu legen wie die letzte. So weit, so gut.“

Dennoch entging Rafiq der seltsame Ausdruck im Gesicht seines Bruders nicht oder die Tatsache, dass er darauf bestand, die Kinder selbst nach oben zu bringen und nicht Johara, die das üblicherweise tat. Das war wirklich interessant.

Als sein Bruder und die Zwillinge verschwunden waren, stand auch Penny auf. „Es wird spät. Ich denke, auch ich sage Gute Nacht.“

Rafiq erhob sich. „Ich hoffe, Sie haben den Abend genossen.“

„Sehr“, erwiderte sie schüchtern.

„Penny, hat Rafiq erwähnt, dass der diplomatische Attaché Ihres Landes in ein paar Wochen zu Besuch nach El Zafir kommt?“, wollte Prinzessin Farrah wissen.

„Ja, ich habe es im Terminkalender gesehen. Rafiq soll mit ihm eine Stadtführung machen und ihm die neuesten Entwicklungen in der Ölbohrtechnik zeigen.“

Farrah nickte. „Ich plane einen formellen Empfang zu dem Anlass.“

Pennys Wangen verloren jegliche Farbe. „Wird von mir erwartet, dass ich daran teilnehme?“ Ihre Stimme klang sehr geschäftsmäßig.

„Sie sind herzlich eingeladen, dabei zu sein.“

„Ist es eine Jobanforderung?“

Rafiq blickte auf sie herab. „Es ist nicht verpflichtend, wenn Sie das wissen wollen.“

Penny schien noch blasser zu werden. „Ich … Ich weiß Ihre Einladung sehr zu schätzen“, erklärte sie der Prinzessin. „Aber mit allem Respekt möchte ich ablehnen.“ Sie nickte allen zum Abschied zu. „Wenn Sie mich entschuldigen würden, dann ziehe ich mich jetzt zurück.“

Rafiq hatte sich schon in Bewegung gesetzt, um ihr zu folgen, als er eine Hand auf seinem Arm spürte. Er schaute auf seine Tante hinunter. „Warum stoppst du mich?“

„Lass sie gehen, Rafiq.“

„Aber ich will wissen, warum sie sich weigert, an dem Empfang teilzunehmen. Ich wünsche ihre Anwesenheit.“ Hoffentlich bemerkte niemand, wie übereifrig er plötzlich klang.

„Warum das?“, fragte seine Tante mit interessiertem Funkeln in den Augen.

„Es wird seltsam aussehen, wenn eine Amerikanerin, die in unserem Land arbeitet, nicht an einer Veranstaltung für einen ihrer Landsmänner teilnimmt.“ Gut gerettet, dachte er.

„Ich kann dir sagen, warum sie die Einladung ausgeschlagen hat.“

Rafiq rieb sich ungeduldig über den Nacken. „Dann bitte ich dich mit allem Respekt, dass du das tust, sonst werde ich ihr folgen und es selbst herausfinden.“

„Du würdest das arme Kind in Verlegenheit bringen?“, meinte sie mit hochgezogener Augenbraue.

„Natürlich nicht. Ich will nur die Gründe kennen.“

Seine Tante seufzte. „Das arme Ding hat nicht die passende Garderobe für eine solche Veranstaltung.“

Rafiq war vollkommen perplex. Welchen Unterschied machte es, was sie trug?

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