Logo weiterlesen.de
JULIA SAISON BAND 31

IMAGE

Komm mit mir auf mein Schloss, Daisy!

PROLOG

„Oh nein!“

Daisy Huntingdon-Cross stand zitternd auf dem zugeschneiten Parkplatz und starrte ungläubig auf ihren Wagen. Wie ärgerlich!

Nein, ärgerlich war zu tief gegriffen. So fühlte man sich, wenn man Kaffee verschüttete oder eine nagelneue weiße Bluse mit Rotwein bekleckerte. Daisys Herz fing an wie verrückt zu hämmern, als sie die Schneeberge betrachtete, die sich um das Auto türmten. Das hier, dachte sie in wachsender Panik, ist eine ausgewachsene Katastrophe.

Als Hintergrund für die Hochzeitsfotos, die sie in den vergangenen Stunden geschossen hatte, mochte die Schneelandschaft ideal sein. Doch ihrem winzigen Stadtauto, das bis über die Räder eingeschneit war, versetzte dieses Wetter den Todesstoß.

Vorsichtig verlagerte Daisy das Gewicht der bleischweren Tasche auf ihre andere Schulter und sah sich um. Ihr Wagen war der einzige auf dem Parkplatz des Schlosses. Und sie selbst war der einzige Mensch hier weit und breit!

Ein Schauder rieselte ihren Rücken hinunter – und das lag nicht allein daran, dass sie in aufgeweichten Halbschuhen in der Eiseskälte stand.

Hawksley Castle war ein herrlich romantischer Ort für Veranstaltungen jeder Art, doch nur bei Tageslicht und wenn es im Dunkeln von farbigen Spots beleuchtet wurde. Ganz anders sah es aus, wenn man unterhalb der Brüstungsmauern stand, der große Wehrturm schroff über einem in den düsteren Nachthimmel ragte, und die einzige Form von Beleuchtung aus einer einzigen jämmerlichen Lampe am anderen Ende des Parkplatzes bestand.

Unter diesen Umständen wirkte der Ort nicht mehr romantisch, sondern eher wie die Kulisse für einen Horrorfilm.

„Was immer du auch tust – flüchte niemals in den Wald“, zitierte sie flüsternd eine Weisheit aus einem Gruselstreifen, der ihr in Erinnerung geblieben war. Nervös schaute sie über ihre Schulter zurück. Verflixt! War die ganze Situation nicht schon schlimm genug, auch ohne dass sie noch übersinnliche Kräfte mit ins Spiel brachte?

Erneut lief ein Zittern durch ihren Körper. Ihre Füße waren jetzt nicht mehr einfach nur kalt – sie glichen Eiszapfen. In der verzweifelten Hoffnung, durch Bewegung wieder ein wenig Leben in ihre gefrorenen Zehen zu bekommen, stapfte Daisy auf und ab. Dabei schalt sie sich innerlich.

Warum nur war sie zurückgeblieben, um zu fotografieren, wie die Hochzeitsgäste sich verabschiedeten und mit ihren Minibussen in Richtung Ortschaft davonfuhren? Sie hätte schon vor drei Stunden, als die Feier noch in vollem Gange war, verschwinden können. Lange bevor aus vereinzelt vom Himmel taumelnden Flöckchen ein regelrechter Schneesturm geworden war.

Aber nein, sie hatte es ja unbedingt noch eine Stufe weiter treiben müssen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, hatte Daisy einige Extras im Angebot. Dazu gehörte auch ihr Blog, auf dem sie bis Mitternacht eine Auswahl von Bildern des heutigen Events präsentieren wollte. Das zumindest hatte sie versprochen. Doch bis Mitternacht war es nicht mehr lange hin …

„Okay.“ Ihre Stimme klang erschreckend dünn. Dennoch erweckte es einen Anschein von Normalität, ihre Gedanken laut auszusprechen. „Möglichkeit eins – ich kann einfach bis in den Ort laufen. Es sind schließlich nur ein paar Meilen.“ Und vielleicht würde ein strammer Fußmarsch dabei helfen, ihre tiefgekühlten Zehen aufzutauen. „Möglichkeit zwei – ich versuche, den Wagen so gut es geht vom Schnee zu befreien.“ Zweifelnd ließ sie ihren Blick über den Parkplatz schweifen. Der immer stärker werdende Schneefall hatte bereits ihre Fußspuren zugedeckt. Es war, als würde sie auf einem dicken, sehr kalten weißen Teppich stehen. Einem knöcheltiefen Teppich, um genau zu sein. „Möglichkeit drei …“ Ihr fiel nichts mehr ein. Laufen oder schaufeln. Das war’s.

„Möglichkeit drei, ich besorge Ihnen ein paar Schneeketten.“

Überrascht keuchte sie auf, als eine – eindeutig männliche – Stimme hinter ihr die Stille durchdrang. Hastig wirbelte Daisy auf dem eisglatten Boden herum, verlor ihren Halt und taumelte direkt in zwei starke, in dickes Fleece gehüllte Arme.

Nun, zumindest hatte sie es nicht mit einem Geist zu tun. Vermutlich auch mit keinem Werwolf oder Vampir. Soweit sie wusste, trugen übersinnliche Kreaturen kein Fleece …

„Wo kommen Sie denn plötzlich her?“, fragte sie atemlos. „Sie haben mich zu Tode erschreckt.“ Daisy trat einen Schritt zurück und funkelte ihren potenziellen Retter ärgerlich an.

„Ich wollte gerade das Tor abschließen. Eigentlich dachte ich, alle Hochzeitsgäste wären längst fort.“ Er betrachtete Daisy skeptisch. „Sie sind für das Wetter nicht unbedingt angemessen gekleidet.“

„Ich war für eine Hochzeitsfeier gekleidet.“ Sie zupfte am Saum ihres Seidenkleids. „Allerdings bin ich kein Mitglied der Hochzeitsgesellschaft, sondern die Fotografin.“

Seine Mundwinkel zuckten. Das angedeutete Lächeln ließ seine so ernst wirkende Miene wärmer erscheinen. Attraktiver. Dieser Mann war groß. Größer als Daisy, die mit ihren eins achtzig die meisten ihrer männlichen Bekannten überragte. Sein dunkles Haar wirkte zerzaust und fiel ihm ins Gesicht.

„Fotografin oder Gast – ich vermute, Sie sind nicht unbedingt erpicht darauf, die Nacht hier draußen zu verbringen“, stellte er fest. „Ich werde also zusehen, dass ich ein Abschleppseil besorge, um diese Blechdose, die Sie Auto nennen, auf die Straße zu bekommen.“ Er hob eine Braue. „Sie sollten sich wirklich Winterreifen anschaffen.“

„Mein Wagen ist keine Blechdose, und in London besteht für Winterreifen kein besonders großer Bedarf.“

„Nun, Sie sind nicht in London“, entgegnete er sanft.

Daisy biss sich auf die Lippe. Wo er recht hatte, hatte er recht. Und davon abgesehen befand sie sich kaum in der Position, mit ihm zu diskutieren. „Vielen Dank.“

„Keine Ursache. Ich kann Sie schließlich schlecht auf dem Anwesen erfrieren lassen. Allein der Papierkram, den das mit sich bringen würde … Aber wo wir gerade vom Erfrieren sprechen – Sie zittern ja wie Espenlaub. Kommen Sie rein und wärmen Sie sich auf. Ich kann Ihnen ein Paar Socken und einen Mantel leihen. So durchnässt können Sie schlecht nach Hause fahren.“

Daisy öffnete den Mund, um dankend abzulehnen, schloss ihn aber wieder. Dieser Mann wirkte auf sie nicht wie ein irrer Axtmörder, und außerdem wurde ihr von Sekunde zu Sekunde kälter. Sie hatte die Wahl, hier draußen langsam zu Eis zu erstarren oder es mit ihrem neuen Bekannten drinnen zu probieren. Wenn sie recht darüber nachdachte, tendierte sie stark zu Letzterem. Und außerdem …

„Wie spät ist es?“, fragte sie.

„Ungefähr elf, warum?“

Sie würde es niemals rechtzeitig nach Hause schaffen, um den Blog vor Mitternacht zu aktualisieren. „Könnte ich vielleicht …“ Daisy versuchte sich an ihrem gewinnendsten Lächeln, doch angesichts der Kälte waren ihre Wangen völlig taub. „Also, ich wäre Ihnen furchtbar dankbar, wenn ich vorher kurz Ihr WLAN benutzen könnte. Ich muss dringend etwas erledigen.“

„Um diese Zeit?“

„Es gehört zu meinem Job. Und es wird auch ganz sicher nicht lange dauern.“ Sie blickte zu ihm auf und hoffte inständig, dass sie die richtige Mischung aus flehend und hoffnungsvoll mit einer Prise Professionalität ausstrahlte – nicht halb erfroren und erbarmungswürdig.

Ihre Blicke begegneten sich, und für einen Moment stockte ihr regelrecht der Atem.

Der Unbekannte zuckte mit den Schultern. „Warum nicht? Sie können es benutzen, während Sie sich aufwärmen.“ Dieses winzige Lächeln umspielte noch immer seine Mundwinkel, und sein Blick allein reichte aus, um ihr Herz vor Aufregung schneller schlagen zu lassen. Wenn dieser Mann sie weiter so anschaute, würde sie weder Jacke noch Socken brauchen – ihr körpereigenes Heizsystem lief bereits auf Hochtouren.

Er streckte ihr seine Hand entgegen. „Ich heiße Seb“, sagte er. „Ich kümmere mich um das Anwesen.“

Daisy schlug ein, und ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, als ihre Finger sich berührten. „Ich bin Daisy. Freut mich, Seb.“

Er antwortete nicht. Stattdessen griff er nach ihrer Tasche, schulterte sie mühelos und schritt durch den immer dichter werdenden Schnee zum Schloss zurück.

Gedankenverloren schaute Daisy ihm einen Moment hinterher, ehe sie sich selbst in Bewegung setzte und ihm durch den Schnee nachfolgte. Ausgerechnet am Valentinstag kam ihr ein großer, attraktiver Mann zur Rettung.

Das war beinahe schon zu gut, um wahr zu sein.

1. KAPITEL

Sechs Wochen später

Es war wie ein Déjà-vu. Alles erschien ihr so vertraut und doch so fremd.

Als Daisy das letzte Mal in Hawksley gewesen war, hatte noch Schnee das Schloss und die umliegenden Ländereien bedeckt. Ein Winter-Wunderland, das geradewegs aus einem kitschigen Kinofilm zu stammen schien. Jetzt war der Schnee längst verschwunden. Stattdessen erstrahlte die Rasenfläche auf dem Schlosshof in zartem Grün, und Primeln und Krokusse streckten ihre Köpfe vorsichtig aus dem kalten Boden der Sonne entgegen.

Der alte normannische Burgfried ragte majestätisch zu ihrer Linken in die Höhe. Die ehrwürdigen Granitpfeiler bildeten einen krassen Gegensatz zum heimeligen Charme der im Tudorstil erbauten Wohngebäude auf der rechten Seite. Und geradeaus, direkt vor ihr, befand sich das georgianische Herrenhaus.

Daisy schluckte. Alles in ihr schrie danach, sich umzudrehen und davonzulaufen. Sie konnte noch ein paar Wochen warten und es danach noch einmal versuchen. Oder einfach einen Brief schreiben. Schließlich war sie ja noch immer in einem ganz frühen Stadium …

Nein, sagte sie zu sich selbst und straffte die Schultern. Das wäre feige, und ihre Eltern hatten keine Memme großgezogen.

Davon abgesehen brauchte sie wirklich jemanden, mit dem sie reden konnte. Sie wollte sich ihrer Familie nicht offenbaren – noch nicht. Und ihre Freunde würden sie einfach nicht verstehen. Er war der einzige Mensch, den diese Angelegenheit ebenso betraf wie sie.

Die Entscheidung war getroffen. Sie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen und machte sich auf die Suche.

Das Schloss wirkte irgendwie verwaist. Der kleine Ticketschalter war geschlossen, und ein Schild verkündete, dass das Anwesen seine Tore erst zu Pfingsten wieder öffnen würde. Suchend schaute Daisy sich um, doch nirgends war auch nur eine Menschenseele zu entdecken.

Die kleine graue Tür am Ende des georgianischen Flügels erkannte sie von ihrem vorherigen Aufenthalt wieder. Sie konnte ebenso gut hier anfangen wie sonst irgendwo.

„Toll.“ Fest verschlossen, und es gab keine Klingel.

Daisy klopfte so fest, wie sie konnte. Dann trat sie zurück und wartete. Die Anspannung verursachte ihr ein flaues Gefühl in der Magengrube.

Endlich schwang die Tür auf. Langsam. Daisy holte tief Luft und hielt den Atem an. Erinnerte er sich überhaupt an sie? Würde er ihr glauben?

Eine Gestalt erschien im Türrahmen, und Daisy spürte, wie Enttäuschung und Erleichterung sie zu gleichen Teilen durchströmte. Sofern Seb nicht um etwa fünfundzwanzig Jahre gealtert, etwa dreißig Zentimeter geschrumpft war und zudem auf magische Weise sein Geschlecht gewechselt hatte, handelte es sich eindeutig nicht um ihn.

Sie warf ihre Kapuze zurück und schenkte der ernst dreinblickenden Frau, die im Türrahmen stand, ein freundliches Lächeln. „Entschuldigung, ich bin auf der Suche nach Seb.“

Die andere Frau verschränkte die Arme vor der Brust. „Seb?“ In ihrer Stimme schwang so etwas wie Ungläubigkeit mit.

„Ja.“ Daisy biss sich auf die Unterlippe. Sie erinnerte sich doch wohl richtig an seinen Namen, oder? Diese ganze Nacht glich für sie einem verschwommenen Nebel. „Der Hausmeister“, fügte sie erklärend hinzu. Daran erinnerte sie sich wenigstens noch.

„Eine Wartungscrew kümmert sich um das Anwesen.“ Die ältere Frau rümpfte die Nase. „Aber keiner von denen heißt Seb. Könnte es vielleicht sein, dass Sie hier am falschen Ort sind?“ Sie musterte Daisy von oben bis unten auf eine Art und Weise, die ziemlich deutlich machte, dass die Besucherin in ihren Augen definitiv am falschen Ort war.

Daisy zuckte unter den Blicken zusammen. Lag es vielleicht am Lippenstift? Tiefrot war keine Farbe, die jedem gefiel, weil sie eben … nun, sehr rot war. Aber für gewöhnlich fühlte sie sich sicher und selbstbewusst, wenn sie diese Farbe auftrug. Bereit, es mit allem und jedem aufzunehmen. Selbst heute.

Sie atmete tief durch. Sie hatte das alles mindestens tausendmal in ihrem Kopf durchgespielt. Doch sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass sie Seb überhaupt nicht hier antreffen würde.

Was, wenn er am Ende ein Geist war?

Nein, ganz sicher nicht. Geister waren nicht aus warmem Fleisch und harten Muskeln gemacht.

Hastig rief sie sich selbst zur Ordnung, als ihre Fantasie abzuschweifen drohte. Jetzt war nicht der Zeitpunkt, um über Muskeln nachzudenken. Oder über Wärme.

Sie räusperte sich. „Das hier ist doch Hawksley Castle, oder nicht?“

Natürlich war es das. Nirgendwo sonst gab es dieses Zusammenspiel von normannischer Festung, Tudor-Fachwerk und georgianischem Landsitz. Nicht umsonst rangierte das Schloss ganz oben in der Liste der beliebtesten Herrenhäuser des Landes.

Allerdings war Daisy nicht an den historischen Besonderheiten dieses Anwesens interessiert. Sie begehrte einfach nur Zutritt zum jüngsten Flügel des Schlosses, in dem sich die Privatgemächer befanden.

„Ja, das hier ist Hawksley Castle, aber wir öffnen erst wieder nach Pfingsten. Ich schlage also vor, dass Sie dann wiederkommen und sich ein Ticket kaufen, Miss.“

So langsam wurde es Daisy wirklich zu bunt. „Ich bin nicht hergekommen, um mir das Schloss anzusehen. Vor sechs Wochen war ich anlässlich der Porter-Halstead-Trauung hier und wurde eingeschneit. Seb hat mir geholfen, und ich muss ihn unbedingt wiedersehen. Um mich zu bedanken“, fügte sie rasch hinzu. Keine besonders geistreiche Erklärung, das war ihr schon klar. Aber sie würde dieser Person auf keinen Fall den wahren Grund ihres Besuchs nennen.

Die ältere Frau hob eine Braue. „Sechs Wochen später?“

„Hören Sie, ich bin nicht hier, um mir von Ihnen Lektionen in Sachen Benehmen erteilen zu lassen.“ Sie hatte den Satz kaum ausgesprochen, da bedauerte sie ihn auch schon. „Ich war … beschäftigt. Aber lieber spät als nie. Ich dachte, er sei der Hausmeister. Er …“ Konnte gut mit seinen Händen umgehen, brachte sie den Satz in Gedanken zu Ende und errötete. Mühsam räusperte sie sich. „Er schien sich auf jeden Fall gut auszukennen.“ Oh, ja, das tat er allerdings. Sie unterdrückte ein Zusammenzucken. „Er arbeitet auf jeden Fall hier. Groß, dunkelhaarig?“

Dunkelgrüne Augen, zum Dahinschmelzen. Wangenknochen, so scharf geschnitten, dass man sich daran verletzen konnte. Und ein Mund, wie geschaffen zum Küssen

Energisch zwang Daisy ihre Gedanken ins Hier und Jetzt zurück. „Er hatte eine Schaufel und Schneeketten, deshalb dachte ich, dass er der Hausmeister ist. Aber er könnte auch der Gutsverwalter sein.“ Sie wusste nicht, was sie sonst sagen sollte – bis sie plötzlich etwas Nasses und Kaltes an ihrer Hand spürte. „Monty!“

Da war er, der Beweis, dass sie nicht auf dem besten Weg war, den Verstand zu verlieren. Der Beweis dafür, dass Seb hier irgendwo sein musste.

Sie beugte sich herunter und kraulte den braunen Cockerspaniel hinter den Ohren. „Wie geht es dir, mein Hübscher? Wie schön, dich wiederzusehen. Wenn du jetzt auch noch diese nette Dame hier überzeugen könntest, dass ich wirklich dringend dein Herrchen sehen muss, wäre das einfach wunderbar.“

Sie konnte es sich nicht verkneifen, ihrer Kontrahentin einen triumphierenden Blick zuzuwerfen.

„Monty! Hierher, mein Junge! Monty!“ Die herrische Stimme hallte über den Burghof, und Daisys Herz fing an, wie verrückt zu hämmern. Langsam drehte sie sich halb herum und lächelte.

„Hi, Seb.“

Es war ein langer, anstrengender Morgen gewesen. Nicht, dass Seb für seine kostspielige Ausbildung, seinen akademischen Abschluss und seine Doktortitel keine Dankbarkeit zeigte. Aber manchmal fragte er sich, was es ihm brachte, lateinische Gedichte rezitieren zu können. Ein Wirtschaftsstudium, elementare Buchhaltungskenntnisse und die Fähigkeit, eine altertümliche Geldfressmaschine zu reparieren, zu beheizen und zu erhalten, wären im Augenblick sehr viel hilfreicher gewesen.

Er brauchte einen Businessplan. Das bisschen, was vom ursprünglichen Vermögen noch übrig war, würde ihn nicht weit bringen. Das Schloss musste in der Lage sein, sich selbst zu unterhalten – und zwar sehr bald.

Und nun war sein Hund auch noch ungehorsam und machte einer Blondine in Shorts und Weste schöne Augen.

Shorts. Im März.

Andererseits … Er ließ den Blick bewundernd über ihre langen, schlanken Beine wandern. Sein Hund hatte wirklich Geschmack.

Als die schöne Unbekannte sich umdrehte, fehlten Seb mit einem Mal die Worte. Sein Herz fing an zu hämmern, als er das lange blonde Haar, die blauen Augen, die kleine Nase und den unvergesslichen Mund erblickte. Sechs Wochen lang hatte ihn dieser Anblick nicht losgelassen.

„Daisy?“, fragte er überrascht.

„Hallo, Seb. Du hast dich nicht gemeldet …“ Ein humorvoller Unterton lag in ihrer Stimme, und er musste sich zwingen, das Lächeln, das in seinen Mundwinkeln zuckte, zu unterdrücken.

Was, in Gottes Namen, hatte die Hochzeitsfotografin wieder vor seine Tür geführt? In den ersten Tagen hatte er heimlich darauf gewartet, dass Daisy sich bei ihm meldete. Und in den Wochen danach hatte Seb immer wieder überlegt, ob er nicht versuchen sollte, Kontakt aufzunehmen …

„Du hast dich auch nicht gemeldet.“

„Nein.“ Ihre Lider flatterten, und sie senkte den Blick. Trotz des grellen Lippenstifts und der knappen Shorts wirkte sie seltsam verletzlich. „Seb, könnten wir uns wohl kurz unterhalten?“

Sie klang ernst, und Seb versteifte sich. Wie von selbst ballten sich seine Hände zu Fäusten. „Na klar, komm rein.“ Er bedeutete ihr, ihm durch die Tür zu folgen. „Danke, Mrs. Suffolk“, sagte er. „Ich übernehme hier.“ Er schenkte der ehrenamtlichen Mitarbeiterin ein Lächeln, und sie gab den Weg mit unübersehbarem Widerwillen frei.

„Ich glaube, sie mag mich nicht“, stellte Daisy flüsternd fest.

„Sie mag überhaupt niemanden. Schon gar nicht, wenn man unter dreißig und weiblich ist.“ Er schien noch einmal über seine Worte nachzudenken. „Eigentlich niemanden, der unter dreißig oder weiblich ist.“

Seb führte sie durch einen schmalen Durchgang, Monty dicht an seiner Seite. Der Hofeingang führte direkt zu den früheren Dienstbotenquartieren. Ein Labyrinth zugiger Korridore, kleiner Räume und enger Treppenhäuser, die so angelegt waren, dass die Diener und Zofen vergangener Zeiten ihren Pflichten nachkommen konnten, ohne dabei ihre Herrschaften zu belästigen.

Nun befanden sich darin Büros und Arbeitsräume. Die wenigen Mitarbeiter bewohnten Cottages außerhalb der Schlossmauern. Seb schlief allein in einem Schloss, das früher Dutzende beherbergt hatte.

Es wäre sinnvoll, eine Etage mit ungenutzten Schlafzimmern umzubauen und Übernachtungen für diejenigen anzubieten, die den Tudorsaal für Hochzeiten buchten. Bisher wurden diese nämlich auf nahegelegene Hotels und Gasthäuser in der Umgebung verfrachtet.

Die Kosten waren es nicht, die Seb abschreckten. Er konnte auch damit leben, den zugigen Tudorsaal an Hochzeitsgesellschaften zu vermieten und zu fest geregelten Zeiten Touristen auf dem Anwesen zu dulden. Aber der georgianische Flügel war sein Zuhause. Riesig, altertümlich, bis zur Dachkante gefüllt mit Antiquitäten, Geistern und staubigen Ecken und Winkeln.

Zu Hause.

Und neben ihm ging die letzte Person, die mit ihm hier die Nacht verbracht hatte.

„Willkommen zurück.“ Seb bemerkte, dass Daisy, obwohl sie eine Aura von Unbekümmertheit umgab, nervös die Hände rang. „Nette Shorts.“

„Danke.“ Sie hob eine Hand und strich verlegen darüber. „In Hosen fühle ich mich einfach wohler als in Röcken.“

„In deinem Kleid schienst du dich beim letzten Mal aber auch recht wohl gefühlt zu haben – wenn man einmal davon absieht, dass es nicht recht zur Witterung gepasst hat.“

Unwillkürlich wanderten seine Gedanken sechs Wochen zurück in die Vergangenheit. Daran, wie der seidige Stoff des Kleids an ihrer Haut hinunterglitt. Ihre Haut, die golden im Kerzenschein schimmerte. Die Wangen gerötet von Champagner … und Erregung.

Seb atmete tief durch und versuchte das Hämmern seines Herzens zu ignorieren, während er sein Vorhaben überdachte. Das alte Büro war eine seltsame Mischung aus antikem Schreibtisch, Sofa und Teppich, kombiniert mit Aktenschränken aus Blech und Regalen voller Dinge, die niemand brauchen konnte, die aber trotzdem zu schade waren, um sie wegzuwerfen. Jetzt, da Daisy wieder aufgetaucht war, könnten jedoch ganz eigene Geister im Büro zum Leben erwachen: Geister mit samtiger Haut und klaren blauen Augen. Gedämpfte Laute der Lust schienen plötzlich die Luft zu erfüllen.

Er schüttelte den Kopf. Nein, sie wieder dorthin zu bringen, wäre ein Fehler.

Stattdessen öffnete er eine versteckte Tür, die ins Vorderhaus führte. „Lass uns in die Bibliothek gehen.“

Ein Lächeln ließ seine Mundwinkel zucken. „Wie du sicher schon bemerkt hast, ist die Nachricht vom wärmsten Frühling des Jahrzehnts hier noch nicht angekommen. Es dauert Monate, bis die Kälte aus den alten Mauern verschwunden ist. Die Bibliothek ist der wärmste Raum im ganzen Schloss – vermutlich, weil er bisher jeder Renovierung entgangen ist. Die Samtvorhänge mögen alt und staubig sein, aber sie halten zuverlässig die Kälte draußen.“ Er stieß die schwere Holztür auf und trat zur Seite, um Daisy einzulassen. „Um ehrlich zu sein, bin ich ziemlich überrascht.“

Sie errötete. „Angenehm, hoffe ich.“

Er merkte, dass sie seinem Blick auswich. Forschend musterte er sie. Irgendetwas ging hier vor – und es hatte nichts mit ihrem Wunsch zu tun, ihn wiederzusehen.

Daisy trat in den mit Eichenvertäfelungen ausgestatteten Raum und schaute sich neugierig um. Seb blieb im Türrahmen stehen und versuchte, das Zimmer mit ihren Augen zu sehen. Fand sie es schäbig? Einschüchternd? Vermutlich ein bisschen von beidem. Übervolle Bücherregale bedeckten zwei Wände. Eine andere Wand wurde von einem gewaltigen Kamin eingenommen, groß genug, um einen ganzen Ochsen darin zu braten. Und darüber hingen düstere Familienportraits oder Jagdszenen.

Sie ging zu einem der Regale und zog ein Buch hervor. Staub wirbelte auf. „Gut zu wissen, dass der Eigentümer ein begeisterter Leser ist“, sagte sie.

Er lächelte. „Die meisten der englischen Bücher sind gelesen worden – das ist die lateinische Abteilung.“

Sie reckte das Kinn. „Latein hin oder her, sie könnten trotzdem mal abgestaubt werden.“

„Ich werde die Bediensteten sogleich darüber in Kenntnis setzen.“ Er deutete auf einen Polstersessel. „Nimm doch Platz. Möchtest du etwas trinken?“

„Wird einer der Bediensteten es bringen?“

„Nein.“ Er lächelte. „Da drüben in der Ecke auf dem Tisch steht ein Wasserkocher. Der Weg zur Küche ist weit.“

„Praktisch. Tee, bitte. Hast du Earl Grey?“

„Mit Zitrone oder Milch?“

Sie setzte sich in einen der mit Samt bezogenen Stühle, das staubige Buch noch immer in der Hand, und hob eine Braue. „Zitrone? Wie kultiviert. Könnte ich einfach heißes Wasser und Zitrone bekommen?“

„Natürlich.“

Es dauerte einen Moment, die Getränke zuzubereiten, doch Seb brauchte die Zeit. Daisy hier in seinen privaten Räumen zu haben, brachte ihn vollkommen aus dem Gleichgewicht. Ihr blumiger Duft, die langen Beine, der unglaublich rote Lippenstift, der die Aufmerksamkeit auf ihren vollen, sinnlichen Mund lenkte …

Dein Problem ist, dass du dich rund um die Uhr in deiner Arbeit vergräbst, sinnierte er, während er eine Scheibe Zitrone abschnitt. Da ist es doch kein Wunder, wenn man den Umgang mit anderen Menschen völlig verlernt.

Ganz besonders den mit weiblichen Menschen …

„Eine richtige Tasse und Untertasse. Du bist gut erzogen worden.“ Sie musterte das mit einem zarten Muster dekorierte Porzellan. „Wedgwood?“

Er zuckte mit den Achseln. „Vermutlich“, antwortete er und setzte sich ihr gegenüber, als wolle er ein Bewerbungsgespräch mit ihr führen. Er lehnte sich zurück und bemühte sich, ruhig und gelassen zu wirken. So, als hätte ihr plötzliches Auftauchen ihn nicht völlig aus der Bahn geworfen. „Nun, wie laufen die Geschäfte?“

Daisy nahm einen vorsichtigen Schluck von ihrem Getränk. „Bestens, vielen Dank. Ich bin ausgelastet.“

„Das verwundert mich nicht.“ Er betrachtete sie kritisch. „Fotoshootings, Fünfzehn-Stunden-Tage, Blogs. Wenn du deinen Stundenlohn ausrechnest, verdienst du vermutlich nicht einmal den Mindestsatz.“ Nicht, dass ausgerechnet er sich ein Urteil erlauben durfte.

„Das wird erwartet.“ Es klang wie Selbstverteidigung. „Heutzutage kann jeder x-beliebige Hochzeitsgast Fotos mit seiner Digitalkamera schießen. Ein professioneller Fotograf muss mehr bieten.“

„Und was genau?“

Sie überlegte einen Moment. „Er muss die Seele des Paares einfangen und sicherstellen, dass keine Sekunde dieses ganz besonderen Tages undokumentiert bleibt.“

„Hochzeiten!“ Seb schüttelte den Kopf. „Gibt es denn gar keine einfachen Trauungen mehr? Nicht, dass ich mich beschwere. Wir sind bereits für die kommenden zwei Jahre ausgebucht. Es ist verrückt. So viel Geld, nur für diesen einen Tag.“

„Aber es ist der glücklichste Tag ihres Lebens.“

„Na, ich hoffe doch sehr, dass dem nicht so ist. Es ist schließlich nur der erste Tag“, entgegnete er. „Solche romantischen Fantasien sind das Schlimmste, was einer Ehe passieren kann. Die Leute stecken all ihre Energie und ihr Geld in einen einzigen Tag – stattdessen sollten sie lieber über ihre gemeinsame Zukunft nachdenken. Sie gemeinsam planen.“

„Bei dir klingt das so geschäftsmäßig.“

„Es ist geschäftsmäßig“, korrigierte er sie. „Eine Ehe kann nur dann funktionieren, wenn beide Beteiligten dieselben Ziele verfolgen. Wenn sie genau wissen, worauf sie sich einlassen. Bei einem Paar, das mit einer Zeremonie im kleinen Kreis und einem stabilen Lebensplan in die Ehe geht, sind die Erfolgsaussichten sehr viel besser als bei den Narren, die sich in Schulden stürzen, um ihren ganz besonderen Tag zu erleben.“

„Nein, da täuschst du dich.“ Daisy lehnte sich vor. Ihre Augen blitzten. „Zwei Menschen, die sich gefunden haben und sich trauen, vor ihren Familien und Freunden den Bund fürs Leben zu schließen – was könnte romantischer sein als das?“

Ihre Stimme klang abwesend, ihre blauen Augen wirkten wehmütig.

Seb konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. „Den Bund fürs Leben schließen? Schreibst du so etwas auch in deinen Blog?“

„Meine Paare sagen immer, dass mein Blog für sie einer der romantischen Höhepunkte ihres besonderen Tages ist.“ Sie errötete. „Deshalb mache ich auch die Verlobungs-Fotos. Auf diese Weise lerne ich jedes Paar individuell kennen. Und nur um das klarzustellen.“ Sie funkelte ihn an. „Selbst mit all diesen Extras, die ich leiste, verdiene ich mehr als den Mindestlohn – und es hat sich nie jemand beschwert. Einige Paare haben mich sogar bereits gebeten, auch die Schwangerschaft zu dokumentieren und die ersten Bilder von ihren Babys zu machen.“

„Natürlich haben sie das.“ Er schaffte es nicht, den Sarkasmus aus seiner Stimme zu verbannen. „Das Einzige, das eine noch größere Geldverschwendung ist als eine Hochzeit, ist ein Baby.“

Ihre ohnehin schon blasse Haut wurde noch fahler. Die Lippen schimmerten bläulich. „Dann … wirst du vermutlich nicht gerne hören, dass du Vater wirst“, sagte sie. „Um dir das zu sagen, bin ich hergekommen. Ich bin schwanger, Seb. Von dir.“

Daisy hatte die Worte kaum ausgesprochen, da bereute sie es auch schon. Auf diese Weise hatte sie es ihm nicht sagen wollen. Doch ihre schöne, sorgsam ausformulierte Rede war im Eifer des Gefechts einfach unter den Tisch gefallen. Nun, wenigstens hatte sie es geschafft, Seb von seinem hohen Ross herunterzuholen. Er hatte sich kerzengerade aufgerichtet. Seine grünen Augen wirkten kalt, seine Lippen waren zusammengepresst.

„Bist du dir sicher?“, fragte er heiser.

Oh ja, das war sie. So sicher, wie man nach zwei Tests pro Tag innerhalb der vergangenen Woche nur sein konnte. „Ich habe einen Test in meiner Tasche. Ich kann ihn hier und jetzt machen, wenn du willst.“ Es war nicht das, was sie einem fast Wildfremden üblicherweise anbot. Aber die ganze Situation war auch so schon furchtbar erniedrigend, da machte das auch nicht mehr viel aus.

„Nein, das wird nicht nötig sein.“ Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Aber wir haben doch … Ich meine, wir waren doch vorsichtig.“

Es war beinahe zum Lachen, dass sie und der Mann, der ihr gegenübersaß, sich so nah gekommen waren, wie zwei Menschen sich nur nahekommen konnten. Sie hatten den Körper des anderen erforscht, ihn geschmeckt und berührt. Hatten sich einander ganz hingegeben, völlig schamlos und ohne Scheu. Und doch kannten sie sich im Grunde überhaupt nicht. Zum Teufel, Seb brachte es ja nicht einmal über sich, das Wort Kondom in ihrer Gegenwart zu benutzen.

„Waren wir.“ Sie zwang sich, ihre Haltung zu bewahren, als sie seinem Blick kühl und gefasst begegnete. Ihr Herz hämmerte, und ihre Finger zitterten, doch sie schaffte es, jegliches Beben aus ihrer Stimme zu verbannen, als sie sagte: „Zumindest beim ersten und zweiten Mal. Ich bin mir nicht sicher, ob wir danach noch bei klarem Verstand gewesen sind.“

Nicht, dass sie davor bei klarem Verstand gewesen wären. Offensichtlich nicht. Es war leicht, dem Schnee die Schuld zu geben, der märchenhaften Landschaft und dem Champagner. Die Tatsache, dass Seb sie praktisch gerettet hatte, durfte man auch nicht vergessen. Aber das alles brachte es nicht auf den Punkt. Denn in Wirklichkeit war es schlicht und ergreifend die unglaublichste und intensivste Nacht ihres ganzen Lebens gewesen.

„Woher weißt du, dass es von mir ist?“

Sie war auf diese Frage vorbereitet gewesen. Er besaß guten Grund, sie zu stellen – und doch trafen seine Worte sie wie ein Stich mitten ins Herz.

„Es kann nur deines sein.“ Sie reckte herausfordernd das Kinn. „Außer dir hat es niemanden gegeben. Seit langer Zeit schon nicht mehr. Ich habe immer nur längerfristige Beziehungen geführt. Von meinem letzten Freund habe ich mich vor neun Monaten getrennt.“ Sie musste es ihm wirklich begreiflich machen. „Jene Nacht … das war ungewöhnlich für mich. Normalerweise benehme ich mich nicht so.“

„Okay.“

„Du kannst es überprüfen, einen Vaterschaftstest machen lassen. Aber erst nach der Geburt. Das ist einfach sicherer.“

Sein Blick hielt ihren fest. „Du willst es also behalten?“

Eine weitere durchaus vernünftige Frage – und doch eine, die sie sich bisher gar nicht gestellt hatte. „Ja, das will ich. Hör zu, Seb, du musst jetzt nichts übers Knie brechen. Ich bin nicht hier, um irgendwelche Forderungen zu stellen. Ich dachte einfach nur, dass du es wissen solltest, aber …“

„Moment.“ Er stand auf und brachte sie mit einer Handbewegung zum Verstummen. „Ich muss nachdenken. Du bleibst hier, versprichst du mir das? Es wird nicht lange dauern. Ich … ich brauche einfach nur etwas frische Luft. Komm, Monty.“

„Warte!“, rief sie noch, doch da war er schon zur Tür hinausgestürmt – der Cockerspaniel ihm unmittelbar auf den Fersen. Daisy, die sich bereits halb aufgerichtet hatte, sank in die weichen Polster ihres Sessels zurück, als die schwere Eichentür mit einem vernehmlichen Schlag zufiel.

„Das ist ja gar nicht so schlecht gelaufen“, murmelte sie zu sich selbst. Okay, er war nicht unbedingt vor ihr auf die Knie gefallen, um ihr und dem Baby immerwährende Liebe zu schwören. Aber immerhin hatte er sie auch nicht gleich wieder achtkantig vor die Tür gesetzt.

Und war seine Reaktion nicht auch vollkommen normal? Zweifel? Unglauben? Nachdenklich ließ sie die Hand über ihren Bauch wandern, staunend darüber, wie flach und straff er noch immer war. Nicht das geringste Anzeichen dafür, dass sich etwas verändert hatte. Und doch war sie weder erschrocken noch entsetzt gewesen. Ebenso wenig wie sie auch nur eine einzige Sekunde darüber nachgedacht hatte, das Baby nicht zu bekommen.

Die Art und Weise, wie es zustande gekommen war, mochte für die meisten Menschen ein unglücklicher Unfall gewesen sein. Aber nicht für sie. Für sie war es etwas vollkommen anderes. Ein Wunder.

Eine Stunde, eine Tasse heiße Zitrone und dreiunddreißig Seiten einer herrlichen Erstausgabe von Stolz und Vorurteil später gestand Daisy sich ihre Niederlage ein. Seb hatte sie gebeten zu warten. Aber wie lange? Sie hatte ihm ohnehin nichts versprochen; er war verschwunden, ehe sie auch nur ein Wort hatte sagen können.

Doch was sollte sie tun? Einfach gehen? Ohne ihm eine Möglichkeit zu geben, mit ihr in Kontakt zu treten? Das letzte Mal hatte sie nicht daran gedacht. Hatte ihm nicht mit einem Lächeln ihre Visitenkarte in die Hand gedrückt. Aber da war ein Funken Hoffnung gewesen, dass er sie trotzdem ausfindig machen würde. Verantwortlich dafür war wohl eindeutig die Romantikerin in ihr.

Die Romantikerin, die nie dazugelernt hatte.

Aber hier ging es um so viel mehr als das. Hastig wühlte sie in ihrer Tasche und kramte eine Visitenkarte hervor. Ihre Nummer und ihre Webseite standen darauf. Sie atmete kurz durch und legte die Karte mit zitternden Fingern auf das Teetablett. Jetzt war es an ihm.

Einen Moment lang schloss sie die Augen. Daisy war auf Wut und Ablehnung vorbereitet gewesen, ja. In ihrer grenzenlosen Naivität hatte sie gehofft, dass er ein bisschen aufgeregt sein würde. Damit, dass er einfach ging, hatte sie nicht gerechnet.

Ihr Auto stand noch immer dort, wo Daisy es zurückgelassen hatte. Wäre sie nicht zu stolz gewesen, hätte sie das Angebot ihres Vaters angenommen und damals den Range Rover genommen. Sie wäre nicht eingeschneit worden und …

Daisy schüttelte den Kopf, versuchte die Tränen zu vertreiben, die in ihren Augen brannten. Es war ihr alles so perfekt vorgekommen. Wie eine Szene aus einer der Romantikkomödien, die sie so liebte. Als klar war, dass sie feststeckte, hatte Seb aus den Überresten des Hochzeitsbüffets ein Picknick aus Champagner und Kanapees für sie improvisiert. Sie hatten sich gemeinsam auf dem schäbigen Sofa in seinem Büro zusammengerollt und geredet und getrunken. Sie hatte ihm vertraut, sich ihm verbunden gefühlt. Und irgendwann hatte sie ihn geküsst.

Sie hob die Hand und berührte ihre Lippen. Nur zu gut erinnerte Daisy sich daran, wie sanft dieser Kuss gewesen war. Nun, zumindest am Anfang …

Aufhören! Sofort aufhören!

Indem sie in Gedanken den Kuss noch einmal durchlebte, änderte sie überhaupt nichts. Sie musste nach vorne blicken. Es war die Zukunft, die zählte – nicht die Vergangenheit.

Sie schloss ihren Wagen auf, blickte noch einmal zurück zum alten Burgfried, dessen Zinnen im Glanz der Frühlingssonne weniger schroff und abweisend wirkten.

„Daisy!“

Wie angewurzelt blieb sie stehen, als Sebs Stimme hinter ihr erklang. Noch einmal atmete sie tief durch, dann drehte sich um. In einem verzweifelten Versuch, gelassen zu wirken, lehnte sie sich gegen ihren Wagen. Ihr Herz hämmerte heftig.

Eigentlich war er ganz und gar nicht ihr Typ. Sie stand nicht auf Männer, die sie ständig anschauten, als würden sie sich entweder über sie lustig machen oder sie kritisieren. Männer, die Daisy attraktiv fand, trugen ihr dunkles Haar nicht zu lang und völlig ungestylt, und liefen auch nicht in alten, mit Schlamm bespritzten Jeans herum – obwohl sie zugeben musste, dass die von Seb an genau den richtigen Stellen durchgewetzt waren.

Warum also brachte sein Anblick ihren Puls trotzdem zum Rasen? Warum fühlte sie sich in seiner Gegenwart nervös und zittrig und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen?

„Komm wieder rein“, sagte er. „Unser Gespräch war noch nicht beendet.“

Es war keine Frage, sondern eine Anweisung.

Das Flattern in ihrem Bauch erstarb, stattdessen verspürte sie nun Entrüstung. „Wir haben noch nicht einmal angefangen, uns zu unterhalten. Ich habe eine Stunde auf dich gewartet.“

„Ich weiß“, erwiderte er und klang dabei kein bisschen zerknirscht oder gar schuldbewusst, sondern vollkommen nüchtern. „Ich kann draußen einfach besser denken.“

„Und?“ Sie wollte das Wort am liebsten zurücknehmen, kaum dass es aus ihr hervorgebrochen war. Es klang so, als hätte sie die ganze Zeit wie auf heißen Kohlen gesessen und darauf gewartet, dass er ihr Schicksal verkündete. Aber war das wirklich so abwegig oder steckte nicht mehr als nur ein Körnchen Wahrheit in diesem Gedanken?

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Die Geste war unerwartet jungenhaft und unsicher. „Das hier wäre leichter, wenn wir wieder reingingen.“

Sie hob eine Braue. „Sagtest du nicht, du kannst draußen besser denken?“

Er lächelte, und seine ganze Miene hellte sich auf. Es veränderte ihn vollkommen. Ließ ihn sanfter, wärmer wirken. „Ja, schon. Aber gilt das auch für dich?“

„Für mich?“

„Ich habe dir ein Angebot zu machen, und dafür wirst du einen klaren Kopf brauchen. Bist du bereit dafür?“

Nein. War sie nicht. Offen gestanden wusste sie nicht einmal, ob sie seit dem ersten Glas Champagner mit ihm überhaupt noch einen klaren Gedanken gefasst hatte.

„Absolut“, sagte sie trotzdem mit fester Stimme.

Er wirkte skeptisch, nickte aber. „Nun, dann … Ich denke, du solltest mich heiraten, Daisy.“

2. KAPITEL

Seb hatte nicht unbedingt erwartet, dass Daisy sich vor Dankbarkeit vor ihm in den Staub werfen würde. Es hätte ihm auch, offen gestanden, nicht wirklich behagt. Aber er war schon davon ausgegangen, dass sein Angebot sie irgendwie berührte. Dass sie vielleicht sogar dankbar dafür war.

Damit, dass sie ihn auslachen würde, hatte er nicht gerechnet. Es traf ihn wie ein Stich – selbstverständlich nicht mitten ins Herz, sondern in sein Ego.

„Ehrlich, Seb? Wir befinden uns nicht in einem Regency-Roman. Du hast meine Ehre nicht beschmutzt, und es gibt auch keinen Grund, sich ehrenhaft zu verhalten.“

Wie verächtlich sie darüber sprach! Es gab keinen Grund? Falsch, es gab jeden Grund! „Warum bist du hergekommen, Daisy? Ich dachte, du wolltest meine Hilfe. Oder willst du Geld? Ist es das?“

Vielleicht war die ganze Situation eine clevere Art von Falle. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er atmete tief durch und bemühte sich, den in ihm aufsteigenden Zorn nicht nach außen hin zu zeigen.

„Natürlich nicht.“ Ihre Empörung wirkte überzeugend, und er spürte, wie er sich wieder ein wenig entspannte. „Ich dachte, du solltest es als Erster erfahren“, fuhr sie fort. „Ich bin ganz sicher nicht hier, weil ich Geld oder einen Antrag von dir erwartet habe.“

„Du willst das also allein durchziehen, ja? Und was für eine Rolle soll ich dabei spielen? Erwartest du, dass ich sonntags auftauche, um mit dem Baby im Park spazieren zu gehen? Und einmal im Monat darf es dann bei mir übernachten?“ Er hörte selbst, wie seine Stimme zunehmend schärfer und verächtlicher wurde. Daisy wurde bleich.

„Ich habe ehrlich gesagt noch nicht so weit gedacht.“

Erneut holte Seb tief Luft. Er tat sein Bestes, um ruhig und vernünftig zu klingen. „Du arbeitest … wie viel? Fünfzehn Stunden am Tag an den Wochenenden? Nicht nur an den Wochenenden, nein! Leute heiraten heutzutage an jedem x-beliebigen Wochentag. Wie hast du dir die Betreuung unseres Kindes denn vorgestellt?“

„Ich werde mir schon etwas einfallen lassen.“ Ihre Worte klangen trotzig, doch ihr Blick sagte etwas anderes. Er sah wachsende Besorgnis darin.

„Das ist nicht nötig.“ Er versuchte so viel Überzeugungskraft wie möglich in seine Stimme zu legen. „Heirate mich einfach.“

Ihre Augen weiteten sich. Sie wirkte irritiert. „Warum? Warum, um Himmels willen, solltest du jemanden heiraten wollen, den du kaum kennst? Und warum sollte ich in so etwas Verrücktes einwilligen?“

Seb vollführte eine alles umfassende Geste, die das Schloss, den See, die Wälder und Felder mit einschloss. „Weil dieses Baby mein Erbe ist.“

Daisy starrte ihn an. „Wie bitte?“

„Das Baby ist mein Erbe“, wiederholte er. „Unser Baby. Von Hawksley.“

„Sei nicht albern. Was hat das Schloss mit dem Baby zu tun?“

„Nicht nur das Schloss – das Anwesen, der Titel. Einfach alles.“

„Aber …“ Sie schüttelte den Kopf. „Du bist doch der Hausmeister, oder nicht?“

„Der Hausmeister?“ Im ersten Moment war er überrascht, doch dann begriff er, was sie meinte. Wenn seine Kollegen ihn jetzt sehen könnten! Es war ein langer Weg von seinem ruhigen Büro an der Fakultät von Oxford bis hierher gewesen. „Nun, in gewisser Weise bin ich das wohl auch. Besitzer, Hausmeister, Manager und Veranstaltungs-Planer. So ein Anwesen zu betreiben ist heutzutage ein ziemlich praxisnaher Job.“

„Und du bist dann was? Ein Ritter?“

„Ein Earl. Der Earl of Holgate.“

„Ein Earl?“ Sie lachte. Es klang leicht hysterisch. „Soll das ein Witz sein? Ist hier irgendwo eine Kamera versteckt?“

„Meine Eltern sind vor sechs Monaten gestorben. Ich habe das Schloss von ihnen geerbt.“ Das Schloss und einen riesigen Schuldenberg – aber das wollte er für den Moment lieber unerwähnt lassen. Daisy war auch so schon angespannt genug.

„Du meinst das wirklich ernst, oder?“

Er konnte förmlich mit ansehen, wie sie langsam begriff – dennoch schüttelte sie den Kopf. „Titel bedeuten nichts“, murmelte Daisy. „Heute nicht mehr.“

„Für mich schon. Und für Hawksley Castle.“ Er seufzte. „Du bist hergekommen, weil du wusstest, dass es das Richtige ist. Und mich zu heiraten ist ebenfalls das Richtige. Das Baby könnte der nächste Earl of Holgate werden. Das willst du ihm doch bestimmt nicht vorenthalten, oder? Uneheliche Kinder sind von der Erbfolge nämlich ausgeschlossen.“

„Und wenn es ein Mädchen wird?“ Sie war offenbar nicht bereit, so einfach nachzugeben.

„Unwichtig. Das Königshaus ist schließlich auch nicht mehr an die männliche Erbfolge gebunden, warum sollte es sich beim Rest der Aristokratie anders verhalten?“ Er streckte die Hand nach ihr aus. „Bitte, komm wieder mit rein. Wir reden in Ruhe über alles.“

Einen langen Moment blieb sie still, und er spürte, dass sie innerlich schwankte und am liebsten davonlaufen wollte. Er rührte sich nicht, wartete mit angehaltenem Atem. Schließlich holte sie tief Luft und nickte.

„In Ordnung, ich komme mit rein. Wir sprechen über das Baby. Aber ich werde dich nicht heiraten. Es ist mir egal, ob du ein Earl oder ein Hausmeister bist. Ich kenne dich nicht.“

Erleichterung durchflutete Seb. Alles, was er brauchte, war Zeit. Sie musste ihm einfach nur eine Chance geben, sie zu überzeugen. „Na, dann komm.“

Daisy stieß sich von ihrem Wagen ab, und sie gingen schweigend nebeneinander zurück zum Haus. Als sie den Innenhof erreichten, schlug sie erneut die Richtung zur Hintertür ein, vor der Mrs. Suffolk noch immer Wache stand. Seb hakte sich bei Daisy unter und führte sie zur anderen Seite des Hauses.

„Die Vordertür und ein neuer Anfang“, sagte er, als sie die erste Stufe der Treppe erreichten. „Hallo, ich bin Sebastian Beresford, Earl of Holgate.“

„Sebastian Beresford?“ Ihre Augen wurden schmal. „Ich kenne den Namen. Du bist kein Earl, du bist dieser Historiker.“

„Ich bin beides. Selbst Earls haben heutzutage einen Beruf.“ Auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er es in Zukunft schaffen sollte, seine akademischen Pflichten und Hawksley unter einen Hut zu bringen.

Er reichte ihr seine Hand. „Willkommen in meinem bescheidenen Heim.“

Daisy starrte seine Hand einen Moment lang an, bevor sie sie schließlich ergriff. „Daisy Huntingdon-Cross. Ist mir ein Vergnügen.“

Wie bitte? Jetzt fielen so einige Puzzleteile an den richtigen Platz, und Seb wusste plötzlich, warum Daisy ihm von Anfang an so bekannt vorgekommen war. „Huntingdon-Cross? Die Tochter von Rick Cross und Sherry Huntingdon?“

Mit einem Rockstar als Vater und einer Landadeligen als Mutter waren die Huntingdon-Cross-Schwestern sowohl für ihr reizvolles Äußeres als auch für ihren Lebenswandel berüchtigt. Jede von ihnen war irgendwann in der Klatschpresse gelandet. Und ihre Eltern waren so etwas wie Legenden. Reich, talentiert und unglaublich verliebt.

Sebs Herz fing an zu hämmern, und seine Kehle war mit einem Mal wie zugeschnürt. Das hier verlief ganz und gar nicht nach Plan, entwickelte sich nicht zu der ruhigen, geschäftsmäßigen Verbindung, die ihm vorschwebte.

Nein, das roch eindeutig nach Ärger.

Wenn er diese Frau heiratete, würden die Klatschzeitungen sich vor Begeisterung überschlagen. Ein Beresford und eine Huntingdon-Cross, das wäre ein gefundenes Fressen für die Regenbogenpresse. So wie alles, was seine Eltern betraf. All seine Mühe, sich aus den Medien herauszuhalten, wäre schneller zunichtegemacht, als er „Ich will“ sagen konnte.

Aber sie nicht zu heiraten würde bedeuten, dem Baby sein Erbe zu nehmen.

Er unterdrückte ein Seufzen. Was also sollte er tun?

Daisy konnte förmlich mit ansehen, wie es Seb langsam dämmerte.

„Huntingdon-Cross“, wiederholte er, und in seiner Stimme schwang Bestürzung und Entsetzen mit.

Einen Moment überlegte sie, ob sie vorgeben sollte, nicht eine von diesen Huntingdon-Cross’ zu sein, sondern eine Cousine. Eine weit, weit entfernte Cousine. Aus dem Norden. Seb musste ja nicht wissen, dass sie überhaupt keine Verwandtschaft im Norden hatte.

Aber was sollte das bringen? Er würde die Wahrheit ohnehin herausfinden. Außerdem – ihre Familie mochte wild und berüchtigt sein und einen manchmal in den Wahnsinn treiben. Aber sie gehörte zu ihr. Und ganz gleich, wie viele Titel und illustre Vorfahren Seb auch hatte, es gab ihm nicht das Recht, auf ihre Eltern und ihre Schwestern hinabzublicken.

Daisy legte eisige Kälte in ihre Stimme und reckte hochmütig das Kinn. „Ja. Ich bin die Jüngste. Ich glaube, die Klatschmagazine nennen mich die Wildkatze, wenn du es wissen willst.“

Der Blick seiner herrlichen grünen Augen wurde sanfter, und seine Mundwinkel zuckten. Sie spürte, wie ihr daraufhin sofort heiß und kalt zugleich wurde. Es war so unfair. Dieses winzige Lächeln ließ ihn geradezu unwiderstehlich attraktiv werden.

„Die, die von der Schule geflogen ist?“

Klar, dass er ausgerechnet das ansprechen musste. Daisys Wangen brannten. Er, als Oxford-Professor, hatte wahrscheinlich noch nie jemanden kennengelernt, der einer Schule verwiesen worden war.

„Ich bin genau genommen nicht geflogen.“

Er blickte auf. „Sondern?“

„Man hat mich gebeten, zu gehen.“

„Klingt nach einem Verweis für mich“, murmelte er.

„Die Schule war geradezu lächerlich streng. Es war fast schon unmöglich, nicht rauszufliegen. Außer man ist so clever und fleißig wie meine Schwestern.“ Okay, das war jetzt acht Jahre her. Und Daisy hatte seitdem jede Minute damit verbracht, zu beweisen, dass ihre Lehrer im Unrecht gewesen waren. Doch die Sache hing ihr immer noch nach. Und es tat immer noch weh. „Die Mutter Oberin war ständig auf der Suche nach einer Möglichkeit, Dummköpfe wie mich loszuwerden. So musste sie sich keine Sorgen machen, dass die Durchschnittsleistungen bei den Prüfungen in den Keller gingen.“ Sie starrte ihn an, herausfordernd. Vermutlich hatte er von der Mutter seines Kindes eine andere Vorstellung gehabt.

„Du meinst also, dass du rausgeworfen wurdest, weil du nicht begabt genug warst?“

„Nun, vielleicht nicht ganz. Sie haben mich vor die Tür gesetzt, weil ich die Regeln gebrochen habe und zum Feiern nach London gefahren bin. Aber die Strafe war viel zu hart. Nehme ich zumindest an“, fügte sie hinzu, denn sie wusste genau, dass sie nicht ganz fair war. „Ein paar Bilder zierten das Titelbild von The Planet, und ich glaube, einige der Eltern waren ein wenig besorgt.“

„Ein wenig?“ Sein Lächeln wurde breiter.

„Ich war sechzehn. Eine Weile lang wurde ich regelrecht von den Medien gejagt – bis sie festgestellt haben, wie langweilig ich eigentlich bin. Aber ich könnte vermutlich hundert Jahre alt werden und mein Leben damit verbringen, armen Witwen und Waisen zu helfen, und in meinem Nachruf würde trotzdem stehen: Daisy Huntingdon-Cross, früher auch bekannt als die Wildkatze, die mit sechzehn von der Schule verwiesen wurde …“

„Vermutlich.“ Seine Stimme klang jetzt wieder kühl, und sein Lächeln war verflogen, so als wäre es nie da gewesen. „Komm, lass uns reingehen. Es wird kalt, und einer von uns beiden ist mal wieder alles andere als passend für die Witterungsverhältnisse gekleidet.“

Tatsächlich war es, nachdem die Dämmerung hereingebrochen war, nun auch mit der Wärme vorbei. Ein Zittern durchlief Daisy, als der kühle Wind über ihre nackten Beine und Arme strich. Aber die Kälte allein war nicht schuld daran.

Wenn ich mit Seb zurück ins Schloss gehe, wird sich alles verändern.

Der Gedanke ließ sie unruhig werden. Aber warum eigentlich? Veränderte sich nicht ohnehin alles? Vielleicht wurde alles einfacher, wenn sie die Last der Verantwortung nicht allein auf ihren Schultern trug.

Es mochte nicht der Antrag oder die Ehe ihrer Träume sein, aber es war an der Zeit, erwachsen zu werden. Zu akzeptieren, dass Märchen ins Kinderzimmer gehörten und dass Prinzen in allen Formen und Größen vorkamen – ebenso wie Earls.

Nicht, dass Sebs Form oder Größe irgendwie ein Problem darstellte, oh nein. Bewundernd ließ Daisy den Blick über ihn wandern. Die abgewetzten Jeans saßen tief auf seinen schmalen Hüften und schmiegten sich an seine starken Schenkel. Sein muskulöser Oberkörper wurde von einem locker sitzenden Shirt und der Fleecejacke mit Hawksley Castle-Logo verdeckt. Aber sie erinnerte sich noch gut daran, wie er sie hochgehoben hatte, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Wie sich das Spiel seiner Muskeln unter ihren Fingern angefühlt hatte.

Nein, seine Form war definitiv kein Problem.

Und trotzdem … so sehr Daisy auch versuchte, das ungute Gefühl zurückzudrängen, es wollte einfach nicht weichen. Sie hatte hart dafür gearbeitet, unabhängig zu sein. Hatte weder das Geld ihrer Eltern akzeptiert, noch ihren Namen für sich benutzt. Wenn sie jetzt seinen Antrag annahm, tat sie dann nicht genau das, was sie nie hatte tun wollen? Machte sie sich dann nicht abhängig von ihm? Von einem Mann, den sie kaum kannte?

Aber hier ging es nicht mehr nur noch um sie selbst, sondern auch um ihr Kind. Dennoch … Sie holte tief Luft. Eine Ehe ohne Liebe kam für Daisy nicht infrage. Das musste sie Seb klarmachen, damit sie sich endlich darauf konzentrieren konnte, was das Beste für ihr Baby war.

Daisy hatte angenommen, dass sie wieder in die Bibliothek zurückkehrten, doch stattdessen hatte Seb sie durch ein Labyrinth von Gängen und Korridoren in die Küche geführt. Sie würde eine Menge Brotkrumen brauchen, um den Weg zurück zu finden.

Das ganze Haus war ein Renovierungsprojekt, das nur darauf wartete, in Angriff genommen zu werden. Die Küche bildete da keine Ausnahme. Doch Daisy fand die alten Holzeinbauschränke auf rustikale Weise gemütlich.

Wie von selbst setzte sie es in Szene, suchte in Gedanken den richtigen Filter und den besten Standpunkt aus, um ein Foto zu schießen. Jeder ihrer Freunde würde ohne mit der Wimper zu zucken die Schränke herausreißen, eine Kücheninsel, eine Frühstücksbar und gläserne Schiebetüren installieren und damit zweifellos etwas Großartiges schaffen. Doch dann würde der Raum sein Herz verlieren. Seine Seele.

Seb deutete auf einen der Stühle beim Herd. „Willst du dich nicht dort hinsetzen? Es ist die wärmste Stelle im Raum. Und falls du dich wunderst – hier ist sonst niemand außer mir. Einmal am Tag kommt eine Reinigungskraft vorbei, aber ich lebe allein.“ Er öffnete er eine Tür und trat in eine Vorratskammer, die größer war als Daisys ganze Küche. „Irgendetwas, auf das du … besonders Lust hättest?“ Er klang schrecklich nervös.

Daisy spürte, wie ihre Wangen warm wurden, als sie begriff, worauf er hinauswollte. „Oh, du meinst, ob ich Heißhunger auf irgendetwas habe? Nein. Zumindest bisher noch nicht. Aber sollte ich ein Verlangen nach Rote Beete und verkohltem Risotto verspüren, werde ich es dich wissen lassen.“

Seine grünen Augen blitzten. „Tu das.“

Daisy war einfach nur müde. Eine lange Woche lag hinter ihr. Eine Woche voller Aufregung und Schock, Freude und Sorge. Schlaf war dabei definitiv zu kurz gekommen. Und es fühlte sich einfach nur herrlich an, sich in dem bequemen Polstersessel zurückzulehnen und die Wärme des Ofens in ihre steifen Glieder sickern zu lassen. Monty legte seinen Kopf auf ihren Füßen ab, während sie Seb dabei beobachtete, wie er geschickt Zwiebeln hackte und Steaks briet.

„Vom Gutshof des Anwesens“, erklärte er, als er etwas Öl in einer Pfanne erhitzte. „Ich bin praktisch Selbstversorger. Dank meiner Pächter, die einen Teil ihrer Abgaben in Naturalien entrichten.“

Daisy nickte stumm. Keiner von ihnen sprach die Sache an, die zwischen ihnen hing. Und doch konnte Daisy kaum an etwas anderes denken. Immer wieder und wieder gingen ihr seine Worte durch den Kopf. Ich denke, du solltest mich heiraten, Daisy …

Ob ihr Zusammenleben wohl so aussehen würde? Gemütliche Abende in der Küche? Seb kochte, während sie es sich in einem Sessel bequem machte? Vielleicht sollte sie anfangen zu stricken …

„Hast du das vorhin ernst gemeint, was du in der Bibliothek gesagt hast?“, fragte sie plötzlich. „Dass die Ehe eine Art Geschäft ist?“

Er drehte sich nicht um, doch sie sah, wie seine Haltung steif wurde. „Absolut. Nur so kann es funktionieren.“

„Warum?“

Er ließ den Rührbesen sinken und warf ihr einen kurzen Blick zu. „Was meinst du?“

Daisy lehnte sich in ihrem Sessel zurück, die Augen halb geschlossen. Seb ließ seinen Blick über sie schweifen. Die grelle Weste und der knallige Lippenstift wirkten seltsam im Kontrast zu ihrer Blässe. Sie war bleich. Bleicher sogar, als es am Ende eines langen Tages vermutlich zu erwarten war. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. Sie wirkte erschöpft.

Ein geradezu übermächtiges Bedürfnis, sie zu beschützen, stieg in ihm auf. Er hatte das alles so nicht geplant. Aber das hier war jetzt seine Verantwortung. Sie war seine Verantwortung. Vermutlich verdiente Daisy etwas Besseres. Mehr als er ihr bieten konnte. Echte, tiefe Gefühle.

„Warum denkst du so über die Ehe?“, fragte sie nach einer Weile.

Er antwortete nicht sofort. Stattdessen nahm er die Steaks aus der Pfanne, legte sie auf einen Servierteller und stellte ihn auf den Tisch.

Nachdem er je ein Gedeck, Besteck, Brot und Butter hinzugefügt hatte, sagte er: „Komm, setz dich zu mir an den Tisch. Wir können uns nach dem Essen unterhalten.“

Es war wie ein erstes Date. Schlimmer noch – ein Blind Date. Ein furchtbares Blind Date, mit angespanntem Schweigen und unbehaglichen Blicken. Sah so ihre gemeinsame Zukunft aus?

„Meine Großeltern haben jede Mahlzeit im großen Speisesaal eingenommen, selbst als sie nur noch zu zweit waren“, sagte er, nur um die Stille zu durchbrechen. „Mein Großvater saß am Kopf der Tafel, meine Großmutter am Fuße. Selbst ohne die Ausziehteile finden an dem Tisch locker dreißig Personen Platz.“

Daisy legte ihre Gabel ab und starrte ihn an. „Konnten sie auf die Entfernung überhaupt eine Unterhaltung führen?“

„Nun, sie hatten beide ziemlich durchdringende Stimmen. Ich weiß allerdings nicht, ob das erst nach fünfzig Jahren so geworden ist, die sie sich über fünfzehn Fuß poliertes Mahagoni hinweg angebrüllt haben.“

Er lächelte versonnen bei dem Gedanken daran, wie entschlossen seine Großeltern sich die Rituale und Formalitäten ihrer Jugendzeiten bewahrt hatten, während sich die Welt um sie herum weiterdrehte.

„Und was ist mit deinen Eltern? Haben sie mit den Regeln gebrochen und hier gegessen, oder hielten sie auch lieber etwas Abstand?“

„Ach, meine Eltern. Wie es aussieht, haben sie den größten Teil ihres Lebens damit verbracht, weit über ihren Möglichkeiten zu leben. Wenn ich es nicht schaffe, dass sich Hawksley innerhalb der kommenden fünf Jahre von allein trägt …“ Seine Stimme verklang. Er brachte es einfach nicht über sich, seine größte Angst auszusprechen.

Die Angst, dass er der Beresford sein würde, der Hawksley Castle verlor.

„Du brauchst meine Schwestern. Rose hält sich zurzeit in New York auf, aber sie ist ein echter PR-Vollprofi, und Violet versteht mehr von Management als jeder andere. Ich wette, die beiden würden sich etwas Geniales für Hawksley einfallen lassen.“

Aber er brauchte mehr als das. Er brauchte ein Wunder. „Meine Großeltern haben ihr Leben lang die Regeln befolgt. Sie kümmerten sich um das Anwesen und die Menschen, die darauf lebten. Sie wurden ihren Verantwortungen und Pflichten gerecht. Meine Eltern waren das genaue Gegenteil. Sie haben nicht viel Zeit hier verbracht, außer, wenn sie eine Party feiern wollten. Sie bevorzugten London. Oder die Karibik.“

Ihr Blick wirkte warm. „Was ist passiert?“

„Du hat sicher von ihnen gelesen.“ Er schob seinen halbleeren Teller von sich. Aller Appetit war ihm vergangen. „Während deine Eltern für ihre unerschütterliche Liebe bekannt sind, machten meine eher durch ihr wildes Partyleben von sich reden. Du weißt schon, Drogen, Affären, exotische Urlaubsreisen. Sie waren praktisch immer auf irgendeiner Titelseite zu finden. Zweimal haben sie sich scheiden lassen, zweimal haben sie wieder geheiratet – und immer auf noch spektakulärere Art und Weise als zuvor.“ Er nahm hastig einen Schluck Wasser, doch sein Mund fühlte sich noch immer staubtrocken an. Was konnte es Schlimmeres geben als diese elende Mischung aus Groll und Trauer? Wann würde es aufhören, ihn von innen zu zerfressen?

„Ja, ich erinnere mich wieder“, riss Daisy ihn aus seinen Gedanken. „Es tut mir so leid. Es war ein Flugzeugabsturz, oder?“

„Man hat sie gewarnt, bei den Wetterverhältnissen zu starten – aber Regeln galten für sie ja nicht. Das dachten sie zumindest.“

Daisy schob ihren Stuhl zurück, stand auf und räumte das Geschirr ab. Als er seine Hilfe anbot, winkte sie lediglich ab. „Nein, du hast gekocht, ich kümmere mich um den Rest.“

Einen Moment saß er einfach nur da und beobachtete, wie sie das schmutzige Geschirr neben dem Ausguss stapelte und dann anfing, die Teller abzuspülen. Er musste ihr irgendwie begreiflich machen, was genau er ihr da in Aussicht stellte. „Die Ehe ist ein Geschäft.“

Daisy spülte weiter. „Früher einmal, vielleicht …“

„Ich muss heiraten, Kinder kriegen. Es gibt keine anderen unmittelbaren Erben, und es besteht die Gefahr, dass der Titel ausstirbt, wenn ich nicht für einen Nachfolger sorge. Aber ich will nicht …“ Er schloss die Augen und zwang seinen rasenden Puls, sich zu beruhigen. „Ich verzichte dankend auf diesen ganzen emotionalen Irrsinn, der automatisch mit romantischen Erwartungen einhergeht.“

Sie legte das Geschirrtuch ab und drehte sich zu ihm. „Seb, deine Eltern waren nicht normal, das weißt du, oder? Ein solches Ausmaß an Drama ist unüblich.“

Er lachte. „Sie waren extrem, sicher. Aber unnormal? Sie haben ihre Krisen einfach nur konsequent an die Öffentlichkeit getragen, anders als der Rest der Welt es tut. Aber schau dir doch an, wie es üblicherweise läuft. Anfangs sieht jedes Paar seine Beziehung durch eine rosarote Brille. Aber später … Ich habe längst aufgehört, mitzuzählen, wie viele Beziehungen in meinem Bekanntenkreis in Verachtung und Wut endeten. Nein, vielleicht wussten meine Vorfahren ganz gut, was sie taten, indem sie geschäftsmäßige Arrangements eingingen. Einvernehmen, Regeln, Frieden.“

„Meine Eltern lieben sich heute noch mehr als an dem Tag, an dem sie geheiratet haben.“ Ein versonnenes Lächeln umspielte Daisys Lippen. „Manchmal ist es, als würde es nur sie beide geben, auch wenn die ganze Familie um sie herum ist. Sie schauen sich einfach an, und in dem Moment ist es, als wären sie ganz allein im Zimmer.“

„Und wie fühlst du dich in solchen Momenten?“

Sie senkte den Blick. „Manchmal ein wenig einsam, aber …“

„Sieh mal, Daisy. Ich werde dir keine romantische Liebesgeschichte versprechen, weil ich einfach nicht daran glaube. Aber ich kann dir Respekt und Zuneigung versprechen. Ich kann versprechen, dass wir, wenn wir das hier durchziehen und gemeinsam Eltern werden, unser Kind von ganzem Herzen lieben werden.“

„Das hoffe ich. Aber wir müssen nicht verheiratet sein, damit du für dein Kind da sein kannst.“

„Nein“, gab er zu.

„Ich habe wirklich hart dafür gearbeitet, um auf eigenen Beinen zu stehen.“ Ihre blauen Augen wurden hart. „Ich bin von niemandem abhängig.“

„Aber es geht jetzt nicht mehr länger nur um dich, oder?“

„Ich komme schon zurecht, dafür werde ich Sorge tragen. Und dass ich dich nicht heiraten will, bedeutet nicht, dass ich dich nicht im Leben des Babys haben will. Ich bin schließlich hier, oder?“

Seb lehnte sich zurück. Er war ein wenig verblüfft. Sein Titel und das Schloss hatten immer das Interesse eines gewissen Frauenschlags geweckt. Seine akademische Laufbahn und seine sich gut verkaufenden Geschichtsbücher, deren Bekanntheitsgrad immer größer wurde, erreichten wiederum einen anderen Typ. Daher hatte er nicht erwartet, dass er eine Frau überreden musste, ihn zu heiraten. Stattdessen war er – zugegebenermaßen ein wenig arrogant – davon ausgegangen, einfach nur seine Wahl treffen zu müssen.

Dummerweise schien Daisy das anders zu sehen.

„Wenn wir nicht heiraten, wird das Baby illegitim sein. Ich weiß …“ Er hob seine Hand, als sie zum Protest ansetzte. „Ich weiß, dass das heute im Grunde nicht mehr von Bedeutung ist. Aber für mich ist es wichtig. Ich brauche einen Erben. Und wenn das Baby illegitim ist, dann kann es nicht erben. Wie wird er oder sie sich fühlen, wenn ich jemand anderen heirate und ein jüngeres Geschwisterteil an seiner Stelle erbt?“

Sie erbleichte. „Das würdest du tun?“

„Wenn ich einen jüngeren Bruder hätte, nein. Aber ich bin der Letzte in meiner Linie. Ich habe keine Wahl.“

„Was, wenn ich es nicht kann?“ Daisy schüttelte den Kopf. „Was, wenn mir das nicht reicht?“ Sie drehte sich um und nahm das Geschirrtuch wieder auf. Sie stand ein wenig vorgebeugt, ihre Haltung starr, so als versuchte sie verzweifelt, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. „Ich müsste wirklich eine Menge aufgeben, Seb. Ich wollte immer das, was meine Eltern hatten. Jemanden, der mich komplettiert. Den ich komplettiere.“ Sie lachte leise auf. „Ich weiß, es klingt schrecklich sentimental, aber wenn man mit diesem Bild vor Augen aufwächst …“

„Warum versuchst du es nicht einfach?“ Seb war überrascht darüber, wie sehr er wollte, dass sie Ja sagte – und nicht nur wegen des Kindes, das sie in ihrem Bauch trug. Nicht, weil sich auf einen Schlag das Erben-Problem lösen und er damit endlich die Stabilität erreichen würde, die er brauchte, um die entscheidende Wende für Hawksley Castle zu bringen.

Aber das waren wichtige Gründe, und er schob die Erinnerungen an jene Nacht, den Drang, sie in seine Arme zu ziehen, zu berühren, harsch beiseite.

„Wenn es nicht funktioniert oder du unglücklich bist, werde ich dich nicht davon abhalten, zu gehen.“

„Scheidung?“ Ihre Stimme stockte, und ihr ganzer Körper schien sich allein bei der Nennung des Wortes zusammenzukrampfen.

Er stand auf, nahm ihr das Geschirrtuch ab und warf es auf den Küchentresen. Dann legte er ihr einen Finger unters Kinn und hob ihr Gesicht an, bis sie ihm in die Augen blickte. „Wenn es das ist, was du willst, dann ja. Eine freundschaftliche, einvernehmliche Scheidung. Allerdings hoffe ich, dass du uns eine echte Chance gibst. Dass du mir mindestens fünf Jahre schenkst.“

Das war ein annehmbarer Zeitrahmen. Der Familienname war in der Vergangenheit bereits genug durch den Schmutz gezogen worden.

„Ich weiß nicht.“ Sie trat einen Schritt zurück, und seine Hand fiel herab – doch er glaubte, das seidige Gefühl ihrer Haut noch immer an seinen Fingerspitzen zu fühlen. „Zu heiraten und dabei schon von vorne herein einen Ausweg zu vereinbaren, kommt mir irgendwie falsch vor.“

„Jede Ehe hat einen solchen Ausweg.“ Sebs Hände ballten sich zu Fäusten. Er war dabei, sie zu verlieren. Und in gewisser Weise beeindruckte ihn ihre Hartnäckigkeit. Für die meisten Frauen waren ein Titel und ein Schloss genug Anreiz.

Es war an der Zeit, die großen Geschütze aufzufahren.

„Hier geht es nicht um uns. Es geht um unser Kind. Um seine Zukunft. Wir schulden es ihm, verantwortlich zu handeln. Das Richtige zu tun.“

Daisys Gedanken drehten sich im Kreis. Sie war schrecklich müde, ihre Glieder fühlten sich bleischwer an, und ihre Schultern drückten unter der Last der Entscheidung, mit der sie konfrontiert worden war.

Sie würde schon bald Mutter sein. Was hatte sie geglaubt, was das bedeutete? Schaukeln im Park und Eiscreme am Strand? Wenn sie ehrlich war, hatte sie noch nicht über die Geburt hinaus gedacht. Hatte keinen Gedanken an Kinderbetreuung, lange Arbeitstage und schlaflose Nächte verschwendet.

Es wäre gut, jemanden zur Unterstützung zu haben. Nicht jemanden, von dem sie abhängig war, sondern jemanden, dem das Baby genauso viel bedeutete wie ihr.

Und wenn sie ihn nicht heiratete, dann würde er eine andere heiraten. Das sollte es für sie eigentlich leichter machen, seinen Antrag abzulehnen. Aber es führte ihr auch vor Augen, wie geradlinig er war.

Sie fuhr sich durchs Haar. Was sollte sie den Leuten sagen? Dass sie wieder einmal alles verpfuscht hatte? Der Gedanke daran, ihrer Familie die Wahrheit zu sagen, ließ Übelkeit in ihr aufsteigen. Wie sollte sie sich vor ihre Eltern und ihre Schwestern stellen und ihnen sagen, dass sie nach einem One-Night-Stand schwanger war?

Es war nicht einmal so sehr die überstürzte Heirat, die ihre Eltern entsetzen würde. Schließlich hatten die beiden einander auch gerade einmal achtundvierzig Stunden gekannt, bevor sie sich in Las Vegas in einer Hochzeitskapelle das Jawort gaben. Dieses geschäftsmäßige Arrangement allerdings … Aber vielleicht mussten sie davon ja gar nichts erfahren.

„Wie genau stellst du dir das vor?“, fragte sie nach einer Weile.

Er zögerte nicht. „Die Familie steht an erster Stelle, Hawksley an zweiter. Diskretion ist eine Selbstverständlichkeit. Ich bevorzuge ein eher zurückgezogenes Leben. Keine Reporter, um ihnen unser schönes Heim vorzuführen, keine skandalösen Schlagzeilen.“

Das hörte sich vernünftig an. Und sie war, wenn sie ehrlich sein wollte, nicht unglücklich darüber, das Leben in der Öffentlichkeit hinter sich zu lassen. Aber ihre vordringlichste Frage war noch immer nicht beantwortet. Sie wappnete sich.

„Was ist mit … Intimität?“

Seb holte tief Luft. „Da richte ich mich ganz nach dir. Wir …“ Er machte eine kurze Pause. „Wir haben recht gut … harmoniert. Und es wäre … nett, eine richtige Ehe zu führen. Aber die Entscheidung überlasse ich dir.“

Gut harmoniert? Nett? In ihren Augen war es spektakulär gewesen. Konnte sie das wirklich tun? Jemanden heiraten, der Liebe durch Regeln ersetzte, Diskretion durch Zuneigung? Der dachte, dass Respekt der Höhepunkt einer jeder Beziehung war? Aber unter den gegebenen Umständen blieb ihr kaum eine andere Wahl.

Daisy schluckte hart. So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt.

„Ich habe eine Bedingung.“ War das wirklich ihre Stimme? Sie klang so selbstsicher.

Seb begegnete ihrem Blick. „Nur zu.“

„Wir sagen niemandem, warum wir heiraten. Wenn wir das hier durchziehen, dann werden wir dem Rest der Welt vormachen, dass wir bis über beide Ohren ineinander verliebt sind. Wenn du das kannst, dann …“

„Ja?“

„Dann haben wir einen Deal.“

3. KAPITEL

„Hi.“

Wie hieß man seinen Verlobten willkommen, wenn man a) schwanger war, b) im Begriff stand, eine Vernunftehe einzugehen, und c) vorgab, verliebt zu sein?

Ein Kuss auf die Wange war ja wohl das Mindeste. Daisy begrüßte so gut wie jeden mit einem Kuss auf die Wange. Aber bei dem Gedanken, ihre Lippen auf Sebs Wange zu pressen und seinen männlichen Duft nach Regen und Erde einzuatmen, flatterten Schmetterlinge in ihrem Bauch.

Stattdessen trat sie zur Seite und hielt die Tür auf, deren Griff sie so fest umklammert hielt, als wäre er ein Rettungsanker. „Komm rein. Ich bin fast fertig.“

Seb trat ein und blieb stehen. Sie sah, wie er sich aufmerksam umblickte, und versuchte, das Loft mit seinen Augen zu sehen.

Stahlträger und nacktes Mauerwerk. Eine Wand, die von einem riesigen Fenster eingenommen wurde, das vom Boden bis zur Decke reichte. Eine kleine Küche. Regale voller Bücher, Kram und Kitsch. Ein altes, mit blauem Samt bezogenes Sofa und ein kleiner Bistrotisch mit Stühlen. Das war die gesamte Einrichtung des Untergeschosses. Der größte Teil ihrer persönlichen Besitztümer befand sich oben auf der Empore, wo sich auch ihr Schlafzimmer befand.

Daisy liebte ihr von Licht durchflutetes Studio mit den weiten Räumen und hohen Decken. Dennoch – im Vergleich zu Sebs Zuhause, durchdrungen von Geschichte und bis zur Dachkante mit Antiquitäten vollgestopft, wirkte ihre Wohnung irgendwie nüchtern. Kalt.

„Nett.“

Seb fügte sich besser in die Umgebung ein, als sie es für möglich gehalten hätte. Vielleicht lag es daran, dass er sein Fleecehemd gegen ein langärmeliges graues Shirt und neue, nicht mit den obligatorischen Schlammspritzern befleckte Jeans getauscht hatte. Vielleicht aber auch, weil er so selbstsicher wirkte, während er sich neugierig umschaute und die Fotos betrachtete, die jedes Stück freier Wandfläche bedeckten.

„Hochzeitsfotografen müssen besser verdienen, als mir klar war“, bemerkte er.

„Bedauerlicherweise gehört mir das Loft nicht. Ich habe es von einem Freund gemietet. Vorher habe ich ein Stockwerk höher zusammen mit vier anderen Studenten gewohnt. Es wurde im Laufe der Zeit zu eng, und ich war erleichtert, als John mich fragte, ob ich das Studio von ihm mieten möchte.“

„Zum Freundschaftspreis?“

„Nicht wirklich.“ Daisy bemühte sich, nicht automatisch in Verteidigungshaltung zu verfallen. Ihre Eltern wären mit Freuden bereit gewesen, sie mit allem auszustatten, was das Herz begehrte. Doch sie war entschlossen gewesen, es allein zu schaffen – ganz gleich, wie schwierig es auch sein mochte, ein bezahlbares Studio zu finden. Johns Angebot war die perfekte Lösung für sie gewesen. „Ich zahle ihm natürlich Miete“, sprach sie weiter, „aber ich erledige außerdem auch all seine Angelegenheiten hier in London, weil er ein zurückgezogenes Leben bevorzugt. Es funktioniert gut für uns beide.“

„Praktisch. Lässt du das alles hier?“ Er nickte in Richtung der Studiobeleuchtung.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich werde das hier weiterhin als Arbeitsplatz benutzen.“ Daisy seufzte. Sie mochte zugestimmt haben, gleich bei Seb einzuziehen, aber sie war nicht bereit, alle Brücken hinter sich abzubrechen. Noch nicht. Nicht, ehe sie wusste, ob dieses neue Leben für sie funktionieren würde. „Es ist nur eine Stunde Fahrt. Mein Gepäck steht da drüben.“

Viel war es nicht. Ein Koffer, in dem sich die Kameras und Objektive befanden, mit denen sie am liebsten arbeitete. Ihr Laptop. Zwei kleine Taschen mit Kleidung und Kosmetik. Alles andere konnte sie später immer noch nachholen. Ihre Bücher, Kunstdrucke, Dekoartikel …

Seb musterte den kleinen Haufen. „Bist du sicher, dass du sonst nichts mitnehmen willst? Ich möchte, dass du dich zu Hause fühlst. Ich lasse dir freie Hand, Veränderungen vorzunehmen. Dekoriere um, was du willst.“

„Sogar die Bibliothek?“

Seine Mundwinkel zuckten. „Solange sie warm bleibt …“

Daisy atmete tief durch. Sie war so weit.

„Erster Stopp – Standesamt“, sagte Seb und nahm ihr Gepäck, während Daisy nur ihre Laptoptasche schulterte.

Sie drehte sich noch einmal um und ließ ihren Blick durch das kahle Loft schweifen. Morgen bist du ja wieder hier, sagte sie zu sich selbst. Trotzdem fühlte es sich wie ein monumentaler Schritt an, durch die Tür hinauszutreten. Wie ein Schritt in ein unbekanntes neues Leben.

Tief durchatmen. Und schon gar nicht anfangen, zu heulen. Reiß dich zusammen und denk daran, die Tür abzuschließen.

Ob auch Seb mit Zweifeln zu kämpfen hatte? Falls ja, dann verbarg er es gut. Er war der Inbegriff der Ruhe, als sie das Gebäude verließen und zu seinem Wagen gingen. Er hatte einen Land Rover genommen, der zum Schloss gehörte. Zwischen den übrigen Geländewagen am Straßenrand wäre er vielleicht gar nicht so sehr aufgefallen, wären da nicht die Schlammspritzer gewesen, die das Auto eindeutig als Nutzfahrzeug auswiesen.

„Sobald wir das Aufgebot bestellt haben, müssen wir noch sechzehn Tage warten. Zumindest brauchen wir uns über den Veranstaltungsort keine Gedanken machen. Freitag in zwei Wochen im Tudorsaal. Willst du jemanden einladen?“

Daisy fühlte sich wie erstarrt. Wie konnte er nur so sachlich bleiben? Sie sprachen gerade immerhin über ihre Hochzeit! Okay, sie waren praktisch Fremde, aber es sollte doch trotzdem etwas bedeuten, oder?

Sie schluckte. „Können wir drei Wochen daraus machen? Nur um sicherzugehen? Außerdem möchte ich meine Eltern und meine Schwestern dabei haben, und ich muss Rose genug Zeit lassen, um aus New York zurückzukommen.“

„Du willst, dass deine ganze Familie anwesend ist?“ Er hielt ihr die Beifahrertür auf und schaute sie überrascht an.

Zögernd drehte Daisy sich um. „Du hast versprochen, dass wir zumindest vorgeben, eine echte Ehe zu führen. Und ohne meine Familie würde ich nie heiraten.“

Das war nicht verhandelbar.

Er nickte. „Also schön.“

Daisy hatte bereits den Mund geöffnet, um ihren Standpunkt zu verteidigen, und hielt jetzt inne. Seine so knapp formulierte Zustimmung überraschte sie. Ja, sie war beinahe enttäuscht über seine Nachgiebigkeit. Er war so furchtbar beherrscht. Sie fragte sich, was wohl unter der Oberfläche vor sich gehen mochte …

Sie setzte sich auf den Beifahrersitz, und Seb schloss die Tür hinter ihr. Kurz darauf ließ er sich hinters Lenkrad sinken und startete den Motor.

Daisy ließ ihr Fenster ein Stück hinunter und lehnte sich zurück. Gedankenverloren schaute sie Seb zu, wie er den Wagen durch die schmalen Straßen und Gassen lenkte, während ihr Zuhause immer weiter und weiter hinter ihr zurückfiel.

In etwas über drei Wochen würde sie eine verheiratete Frau sein. Eine stürmische Romanze, das war es, was die Leute denken würden.

„Das war aber ein tiefes Seufzen.“

Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

Daisy zwang ein Lächeln auf ihre Lippen. „Entschuldige, es ist nur …“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ich wusste immer schon ganz genau, ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Saison Band 31" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen