Logo weiterlesen.de
JULIA SAISON BAND 29

IMAGE

Weiße Rosen zum Valentinstag

1. KAPITEL

Rachel Ellis hasste den vierzehnten Februar, doch das hätte sie vor ihren Kunden, die schon seit dem späten Vormittag in Scharen in ihren Blumenladen strömten, natürlich niemals zugegeben. Der Valentinstag brachte zwar viel Stress mit sich, bescherte ihr dafür aber hohe Einnahmen, auf die Rachel natürlich nicht verzichten wollte.

„Kannst du mir mal sagen, warum die meisten Männer immer auf den letzten Drücker kommen?“, schimpfte sie entnervt, als sie zu ihrer besten Freundin und Geschäftspartnerin Holly Kendrick kurz nach hinten in den Arbeitsraum ging, um ein wenig durchzuatmen. „Die wissen doch, wann Valentinstag ist, da könnten sie die Blumen auch vorbestellen.“

„Tun sie aber nicht.“ Holly zuckte mit den Schultern. „So sind Männer eben.“

„Vielleicht sollten wir nächstes Jahr einen Rabatt für rechtzeitige Bestellungen anbieten, dann haben wir weniger Stress“, meinte Rachel missmutig.

„Das würde auch nichts ändern, die meisten würden doch wieder auf den letzten Drücker kommen.“

„Wahrscheinlich.“ Rachel ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken. „Ich will nur fünf Minuten meine Füße hochlegen, bevor der nächste Ansturm kommt, okay?“

Nach nicht einmal drei Minuten läutete die Türglocke erneut und kündigte die nächsten Kunden an, und um zwei erschien die Studentin Trish, die stundenweise im Buds & Blooms aushalf. Sie würde Holly ablösen, die nachher ein Date mit ihrem Freund Shane hatte. Rachel hatte keine Pläne für den Abend und wollte bis zum Ladenschluss um sechs bleiben.

Um Viertel vor sechs war der Verkaufsraum endlich leer. Rachel atmete erleichtert auf und freute sich schon auf ihren wohlverdienten Feierabend. Doch dann ging die Tür erneut auf, und Rachels Müdigkeit verflog im Nu, als sie sah, wer der nächste und wahrscheinlich letzte Kunde für heute war: Andrew Garrett, dieser wahnsinnig gut aussehende Typ mit den ausdrucksvollen grünen Augen und dem dichten dunklen Haar, der Rachels Herz jedes Mal höher schlagen ließ, wenn er ihren Laden betrat. Leider war das bisher nur dreimal im Jahr der Fall, und zwar am Valentinstag, am zehnten August und am zweiundzwanzigsten November.

Rachel kannte diesen Man nicht wirklich, sondern eigentlich nur seinen Namen, weil er immer mit Kreditkarte zahlte. Als er vor drei Jahren zum ersten Mal ins Buds & Blooms gekommen war und sie so nett angelächelt hatte, hatte sie sofort Schmetterlinge im Bauch gespürt. Dann hatte sie jedoch gesehen, dass er einen Ehering trug – natürlich, wie sollte ein so attraktiver Mann wie er auch Single sein!

Ein Dutzend weißer Rosen hatte er an diesem Tag gekauft, und das tat er seitdem jedes Jahr dreimal. Und immer, wenn er ihr seine Kreditkarte gab und seine Finger dabei ihre streiften, spürte Rachel ein elektrisierendes Prickeln.

Denk daran, dass er verheiratet ist, ermahnte sie sich insgeheim, und das bedeutete, dass sie die Finger von ihm lassen musste. Die Erfahrungen der letzten Jahre hatten sie gelehrt, dass es unklug war, sich auf Männer einzulassen, die gebunden waren.

Rachel zog die Summe für die Blumen ab und gab ihm die Karte zurück. „Vielen Dank, Mr Garrett. Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“

„Nein, danke, das war alles“, erwiderte er lächelnd. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Valentinstag.“

„Danke gleichfalls.“

Rachel sah ihm noch bewundernd nach, dann schloss sie hinter ihm die Tür ab. So, jetzt war endlich Feierabend! Rachel überlegte, was sie heute Abend machen sollte. Wenn sie einen Freund hätte, würde sie sicher mit ihm ausgehen, doch sie hatte keinen. Wieder dachte sie an Andrew Garrett. Warum waren die tollsten Männer bloß immer schon vergeben?

Privat mochte Rachel den Valentinstag zwar nicht, aber als Geschäftsfrau wusste sie ihn sehr zu schätzen. In den vergangenen acht Stunden hatten sie mehr Blumen und Gestecke verkauft als sonst in einem ganzen Monat. Die Mühe hatte sich also gelohnt. Während Trish die Theke säuberte, räumte Rachel auf und schrieb zum Schluss noch auf, was sie für die nächste Woche alles brauchten.

„Hast du heute Abend schon was vor?“, fragte Rachel schließlich, als sie mit allem fertig waren. „Wenn du Lust hast, könnten wir zusammen etwas essen gehen.“

Trish biss sich auf die Lippe. „Lust hätte ich schon, aber …“

„Du bist schon verabredet, stimmt’s?“

Trish nickte bedauernd.

„Warum hast du nichts gesagt, dann hätte ich dich früher gehen lassen. Ich hätte auch alleine aufräumen können.“

„Ach, das macht nichts, Doug muss heute sowieso bis acht Uhr arbeiten.“

„Doug? Ist das nicht dieser Werbetyp, von dem du dich vor Kurzem erst getrennt hast?“

Trish nickte. „Genau der, er arbeitet im Marketing. Und ja, ich hatte mich von ihm getrennt, aber dann … dann hab ich’s mir doch anders überlegt, und jetzt sind wir wieder zusammen.“

Rachel kannte Doug nicht persönlich, sondern nur von Trishs Erzählungen, deshalb hielt sie sich mit Kommentaren oder Ratschlägen zurück. Außerdem war sie noch nicht so viel älter als die zwanzigjährige Studentin, dass sie nicht mehr wüsste, wie es war, verliebt zu sein. Oder zumindest in dem Glauben zu sein, dass es sich um Liebe handelte.

In ihren eigenen Beziehungen hatte Rachel bisher keine allzu guten Erfahrungen gemacht. Und es hatte viel zu lange gedauert, bis sie begriffen hatte, dass es schlimmer war, in einer Beziehung einsam zu sein als allein zu leben. Zwar hatte sie die Hoffnung auf die große Liebe noch nicht aufgegeben, im Moment aber keine Lust, nach dem sogenannten Richtigen zu suchen.

„Ich bin morgen früh um sieben wieder hier, dann kann ich dir mit den Lieferungen helfen“, versprach Trish.

„Das krieg ich auch alleine hin, es reicht, wenn du erst um zehn kommst.“

„Echt?“

„Echt, das ist kein Problem.“

„Danke, Rachel, du bist ein Schatz!“

Rachel lächelte warm. „Dann wünsche ich euch viel Spaß heute Abend.“

„Den haben wir bestimmt!“

Nachdem Trish gegangen war, schloss Rachel ihren Laden ab und machte sich auf den Heimweg. Da sie ganz in der Nähe wohnte, ging sie stets zu Fuß und aß für gewöhnlich zu Hause. Heute war sie zum Kochen jedoch viel zu müde und beschloss deshalb, sich von ihrem Lieblingsitaliener etwas mitzunehmen. Einen freien Tisch würde sie im Valentino’s bestimmt nicht mehr ergattern, denn da heute Valentinstag war, war sicher alles ausgebucht.

Als sie das Restaurant betrat, stieg ihr sofort der köstliche Duft von Tomaten, Basilikum und frisch geschmolzenem Käse in die Nase. Maria, die hinterm Tresen stand, blickte lächelnd auf.

„Hallo, Rachel. Ich bringe nur schnell die Bestellung in die Küche, dann sag ich Gemma Bescheid, dass du da bist, ja?“

„Warte, das ist nicht …“

Ehe Rachel ihren Satz beenden konnte, war Maria schon verschwunden, und gleich darauf kam Gemma Palermo aus der Küche.

„Hi, Rachel, schön, dich zu sehen!“ Gemma umarmte sie herzlich und küsste sie auf beide Wangen. „Bist du allein?“

„Ja.“

„Aber heute ist doch Valentinstag, da …“

„Ich weiß, und ich halte dich auch gar nicht lange auf. Ich wollte nur schnell was zum Essen mitnehmen.“

„Um dann alleine daheim zu sitzen?“

Rachel lächelte schräg. „Das ist doch nicht verboten, oder?“

Sie war es gewohnt, allein zu essen, und normalerweise machte ihr das auch gar nichts aus. Rachel war eine junge unabhängige Frau, die keinen Mann brauchte, der sich ständig um sie kümmerte. Wenn sie hier allerdings die vielen Pärchen sah, die einander verliebt in die Augen blickten, fühlte sie sich doch ein bisschen einsam.

„Ach, weißt du, ich bin den ganzen Tag schon auf den Beinen“, erwiderte sie matt. „Ich will mich …“

„… einfach nur hinsetzen und ein gutes Essen und ein Glas Wein dazu genießen, stimmt’s?“

Rachel lächelte erneut. „Ja, das wäre schön.“

Gemma drückte herzlich ihren Arm. „Uns geht’s genauso, Rachel. Tony und ich werden auch völlig erledigt sein, wenn der Tag zu Ende ist. Reservierungen haben wir aber nur bis einundzwanzig Uhr angenommen, damit wir nicht ganze Nacht durcharbeiten müssen.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

Rachel kannte Gemma und ihren Mann Tony schon von der High School und war eng mit den beiden befreundet. Tony hatte das Restaurant, ein Familienunternehmen, von seinen italienischen Großeltern übernommen und setzte diese Tradition begeistert fort.

„Heute steht Marco an der Bar.“ Gemma wies mit dem Kopf auf ihren jüngsten Schwager. „Sag ihm einfach, was du trinken willst, und ich kümmere mich solange um das Essen. Was hättest du denn gern – deine geliebten Cannelloni?“

„Klar!“

Während Gemma in die Küche ging, setzte Rachel sich an die Bar und bestellte ein Glas Valpolicella.

„Wie kommt’s, dass du heute arbeitest?“, erkundigte sie sich, da sie Marco gut kannte und wusste, dass der gut aussehende junge Mann an solchen Tagen normalerweise gern ausging.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich hatte heute keine Lust auf Party.“

„Siehst du Tammy nicht?“

„Wir sind nicht mehr zusammen.“

„Oh, das tut mir leid.“

„Halb so wild. Und was ist mit dir? Warum bist du allein, anstatt mit irgendeinem tollen Typen durch die Kneipen zu ziehen oder die Nacht durchzutanzen?“

Rachel lächelte matt. „Tanzen ist gut. Ich bin heute so kaputt, dass ich froh bin, wenn mich meine Füße noch nach Hause tragen.“

Marco grinste schelmisch. „Dem könnte ich leicht abhelfen. Ich könnte dich nach Hause tragen …“

Rachel lachte. Marco war wirklich süß, aber mit seinen zweiundzwanzig Jahren definitiv zu jung für sie. „Pass auf, sonst nehme ich dich irgendwann noch ernst.“

„Das will ich auch hoffen. Ich bin um zehn hier fertig, also, wenn du Lust hast, könnten wir nachher zusammen …“

„Hör auf, meine Freundin anzubaggern“, fiel Gemma, die gerade wieder aus der Küche kam, ihm ins Wort.

„Wieso denn? Rachel ist genau mein Typ.“

„Aber du nicht ihrer, sie steht auf etwas reifere Männer.“ Gemma schüttelte den Kopf und wandte sich erneut an Rachel. „Komm, du kannst dich zu uns in die Küche setzen.“

„Lass nur, das ist nicht nötig“, wehrte Rachel ab. „Ich wollte einfach …“

„Nun komm schon, bei uns zu essen ist doch viel schöner als allein zu Hause im stillen Kämmerlein.“

Da musste Rachel ihrer Freundin recht geben. Also nahm sie ihr Weinglas und folgte Gemma in die gemütlich eingerichtete Küche. Dort setzte sie sich an den kleinen Tisch, und kurz darauf wurde ihr auch schon ein knackiger gemischter Salat und ein Körbchen mit hausgemachtem Knoblauchbrot serviert.

„Ich sehe draußen nur schnell nach dem Rechten, dann bin ich gleich wieder da, okay?“, sagte Gemma.

„Kein Problem, ich komm hier schon allein zurecht“, erwiderte Rachel lächelnd und begann mit dem Salat.

„Kommen Sie ruhig mit“, hörte sie schon wenige Minuten später ihre Freundin sagen, die hinter ihr stand. „Rachel hat bestimmt nichts dagegen, wenn Sie ihr Gesellschaft leisten.“

„Das ist wirklich nett von Ihnen, aber …“

„Na, kommen Sie schon, setzen Sie sich einfach zu ihr an den Tisch.“

Diese angenehme dunkle Stimme kam Rachel gleich bekannt vor, und als der Mann, dem sie gehörte, dann plötzlich vor ihr stand, begann ihr Herz ganz wild zu schlagen, denn es war Andrew Garrett!

Zunächst hatte Andrew sich nur widerstrebend in die Küche führen lassen, doch als er die hübsche junge Frau aus dem Blumenladen hier sitzen sah, schlug sein Herz sofort ein bisschen schneller. Was machte sie denn hier? Wieso saß sie in der Küche?

„Oh … hallo“, sagte Rachel aufgeregt. „Das … ist aber eine Überraschung.“

Andrew lächelte. „Finde ich auch.“

Gemma blickte verwundert von einem zum anderen. „Ihr beide kennt euch?“

„So könnte man es nennen“, antwortete Andrew, und Rachel sagte gleichzeitig: „Nur flüchtig.“

„Alles klar“, meinte Gemma und verdrehte die Augen.

„Mr Garrett kauft hin und wieder bei mir Blumen“, klärte Rachel ihre Freundin auf.

„Andrew“, sagte er und reichte ihr die Hand.

„Rachel Ellis, angenehm.“

„Warum sitzen Sie denn in der Küche?“

„Ich hab sie dazu überredet“, erklärte Gemma. „Weil ich finde, dass am Valentinstag niemand allein sein sollte.“

Rachel wurde rot. Musste Gemma immer so direkt sein? „Nein, so ist es nicht“, meinte sie verlegen. „Draußen ist kein Tisch mehr frei, deshalb bin ich hier.“

Andrew lächelte. „Dieses Schicksal hat mich auch getroffen. Ist es okay für Sie, wenn ich mich zu Ihnen setze?“

„Natürlich, kein Problem.“

Kaum hatte Andrew Platz genommen, wurde ihm auch schon ein Salatteller serviert. „Wow, das geht aber schnell – hier ist der Service ja noch besser als im Speisesaal“, scherzte er, und Gemma lachte.

Nachdem er seine Bestellung aufgegeben und Gemma sich erneut zurückgezogen hatte, aßen er und Rachel eine Weile schweigend ihren Salat. Andrew konnte sich schon denken, welche Frage ihr jetzt durch den Kopf ging.

„Na los, spucken Sie’s schon aus“, sagte er schmunzelnd.

Rachel blickte verwundert auf. „Was denn? Ich meine, was soll ich ausspucken?“

„Sie haben sich doch gerade gefragt, warum ich jetzt nicht mit der Frau hier bin, für die ich vorhin die Blumen gekauft habe, stimmt’s?“

Wieder wurde Rachel rot – konnte er Gedanken lesen? „Stimmt“, gab sie verlegen zu. „Aber das geht mich ja nichts an.“

Andrew wurde wieder ernst. „Kein Problem, Sie dürfen es ruhig wissen. Die Blumen sind für meine Frau. Sie ist vor drei Jahren verstorben.“

„Oh, das tut mir aber leid“, erwiderte Rachel betroffen, denn damit hatte sie nicht gerechnet. „Wie lange waren Sie denn verheiratet?“

„Fünf Jahre.“

Ein Kellner räumte die leeren Salatteller ab und brachte kurz darauf die warmen Speisen. Wie Rachel hatte auch Andrew Cannelloni bestellt.

„Hm, das duftet herrlich.“ Sie schob sich genussvoll eine Gabelvoll in den Mund.

„Und wie steht’s mit Ihnen?“, erkundigte sich Andrew. „Warum Sind Sie heute Abend allein?“

„Ich mache gerade Männerpause.“

Andrew hob überrascht die Brauen. „Männerpause – wieso denn das?“

„Im Moment hab ich einfach keine Lust auf einen Freund, weil ich schlechte Erfahrungen gemacht habe. Also habe ich beschlossen, mal für eine Weile Single zu sein.“

„Und wie lange geht das schon?“

„Sechzehn Monate.“

„Sechzehn Monate! Soll das heißen, dass Sie sich seit sechzehn Monaten mit keinem Mann mehr getroffen haben?“

„So ist es. Aber davon abgesehen, mag ich Dates am Valentinstag sowieso nicht.“

„Und warum nicht?“

„Ganz einfach, weil an diesem Tag die Erwartungen zu hoch sind. Die Leute setzen sich unter Druck, was ganz Besonderes daraus zu machen, und wenn es dann nicht klappt, sind sie enttäuscht. Wussten Sie, dass zehn Prozent aller Heiratsanträge am Valentinstag gemacht werden?“

„Nein.“

„Und Hochzeiten gibt es sogar noch mehr. Wahrscheinlich wollen das die Männer so, weil sie dann den Hochzeitstag nicht so leicht vergessen“, fügte sie leicht spöttisch hinzu.

„Das kann gut sein. Ich gehöre auch dazu – ich habe auch am Valentinstag geheiratet.“

2. KAPITEL

„Oh …“

Rachel hätte sich ohrfeigen können. Wie konnte sie nur so etwas Dummes sagen!

Doch Andrew lachte nur vergnügt. „Keine Angst, das war nur ein Scherz.“ Wie süß sie war, wenn sie rot wurde! „Nina und ich haben am zweiundzwanzigsten November geheiratet. Und ich habe unseren Hochzeitstag noch nie vergessen.“

Rachel lächelte verlegen. „Na dann …“

Weiter kam sie nicht, denn im nächsten Augenblick kehrte Gemma zurück und streckte Rachel demonstrativ die Hand entgegen, an der ein funkelnder Diamantring steckte. „Guck mal, ist der nicht toll?“

Rachel runzelte die Stirn. „Schon, aber du bist doch schon verheiratet. Wieso schenkt dir …“

Gemma verdrehte die Augen. „Der ist doch nicht für mich. Einer unserer Gäste will seiner Freundin gleich einen Heiratsantrag machen.“

„Und warum hast du dann den Verlobungsring?“

„Na, weil ich ihn auf den Nachtisch stecken soll, und zwar aufs Tiramisu. Das haben die beiden bei ihrem allerersten Date gegessen, hier in unserem Restaurant. Stell dir nur mal vor, wie dieser funkelnde Diamant auf der dunklen Schokolade aussehen wird, einfach toll!“

Doch Rachel schüttelte dazu nur den Kopf. „Unglaublich, auf was für verrückte Ideen manche Leute kommen. Für mich wär das nichts – der Ring ist doch dann so klebrig, wenn man ihn aus der Schokolade zieht.“ Dann sah sie Andrew an. „Wo und wie haben Sie Ihrer Frau denn einen Heiratsantrag gemacht?“

„Oh, das war ganz spontan, ich hatte nichts Besonderes geplant.“

„Dann war’s bestimmt im Bett!“, platzte Rachel heraus, und ihre Augen strahlten.

Wie schön sie ist, ging es Andrew durch den Sinn, und er spürte wieder dieses Prickeln. Rachel Ellis war ihm schon damals vor drei Jahren aufgefallen, als er zum ersten Mal ins Buds & Blooms gekommen war. Nur hatte er bisher noch nicht so sehr darauf geachtet, weil er …

„Haben Sie ihr dann auch gleich einen Ring geschenkt?“, fragte sie gespannt und riss ihn aus seinen Gedanken. Dann aß sie ein Stückchen von dem Schokoladenkuchen, den Gemma als Dessert serviert hatte.

„Nicht sofort, aber ein paar Tage später.“

Andrew hatte plötzlich das Gefühl, dass es gar nicht mehr so schmerzte, an Nina zu denken. Nach ihrem schnellen, unerwarteten Tod war er zutiefst verzweifelt gewesen, doch allmählich wurde ihm klar, dass er nicht ewig um sie trauern konnte. Er musste den Blick nach vorn richten und seine Zukunft ohne Nina planen.

„Ich hasse es, am Valentinstag allein zu sein“, gab Rachel unumwunden zu, „aber für Sie muss das noch viel schlimmer sein. Sicher denken Sie dann umso mehr an Ihre Frau.“

Doch Andrew schüttelte den Kopf. „Für mich macht es keinen Unterschied, ob Valentinstag ist oder nicht. Ich bin an jedem Tag im Jahr allein.“

„Hm, stimmt auch wieder …“ Rachel überlegte kurz, bevor sie weitersprach. „Was mich betrifft, ich bin eigentlich mit meinem Single-Leben ganz zufrieden, außer an Tagen wie heute, weil ich da so viele Liebespaare sehe, die sich gegenseitig eine Freude machen. Als ich vorhin nach dem letzten Kunden den Laden abgeschlossen habe, habe ich mir vorgestellt, wie er jetzt nach Hause geht und seiner Liebsten diese Blumen schenkt. Und da fühlte ich mich ziemlich einsam und irgendwie auch leer, verstehen Sie, was ich meine?“ Dann lächelte sie wieder. „Diese Leere hab ich jetzt mit Cannelloni und Schokoladenkuchen gefüllt, und nun geht’s mir wieder besser!“

Andrew lachte, denn ihm gefiel Rachels Art von Humor. „Na, dann sollten wir jetzt etwas tun, um die vielen Kalorien abzuarbeiten, was meinen Sie?“

„Und was schlagen Sie vor?“ Rachels Herz schlug schon wieder schneller, denn das hörte sich so an, als wolle dieser attraktive Mann noch etwas mit ihr unternehmen.

„Sich regen bringt Segen, sagt meine Mutter immer.“

Rachel lächelte. „Da hat sie sicher recht. Und an was für eine Art von Bewegung hätten Sie gedacht?“

„Lassen Sie sich überraschen.“

Nachdem Andrew die Rechnung bezahlt hatte, verließen sie zusammen das Lokal. Normalerweise stieg Rachel nie mit einem fremden Mann ins Auto, vor allem, wenn sie nicht einmal wusste, wohin die Fahrt gehen sollte. Doch bei Andrew Garrett hatte sie keinerlei Bedenken, denn er machte nicht den Eindruck, als wolle er ihr etwas antun. Außerdem hatte Gemma mitbekommen, dass sie zusammen weggegangen waren.

Als sie gleich darauf in Richtung Ridgemount fuhren, fiel Rachels Blick auf Andrews Hände, die auf dem Lenkrad ruhten. Er trug noch immer seinen Ehering, was wohl bedeutete, dass seine Trauer noch nicht abgeschlossen und er noch nicht bereit für eine neue Beziehung war. Das störte Rachel nicht, denn nach der herben Enttäuschung mit ihrem Exfreund Eric suchte sie keine neue Beziehung. Zumindest jetzt noch nicht.

Dennoch musste sie sich eingestehen, dass sie Andrew Garrett ausgesprochen attraktiv fand, ja sogar ein bisschen für ihn schwärmte. Wenn er in ihren Laden kam, begann ihr Herz sofort viel schneller zu schlagen, und wenn er lächelte, spürte Rachel Schmetterlinge im Bauch …

„So, da wären wir.“

Rachel sah verwundert aus dem Fenster. Sie standen vor einem großen Gebäude mit der leuchtenden Neonaufschrift Ridgemount Lanes. Das war ein Bowlingcenter – Andrew wollte mit ihr bowlen gehen!

„Also ich … ich glaube, das ist keine so gute Idee“, sagte sie verunsichert, denn sie hatte schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gebowlt.

„Warum denn nicht?“

„Weil ich mich nicht erinnern kann, wann ich zum letzten Mal bowlen war. Ich glaube, da war ich noch in der Highschool.“

„Und wie lange ist das her?“

„Puh … zehn Jahre.“

„Dann müssten Sie jetzt etwa … achtundzwanzig sein?“

Rachel lachte. „Raffinierte Art und Weise, nach dem Alter einer Frau zu fragen. Aber stimmt, ich werde im Juli achtundzwanzig.“ Sie blickte ihn neugierig an. „Und was ist mit Ihnen? Wie lange sind Sie schon aus der Highschool raus?“

„Ich war schon fertig, bevor Sie angefangen haben.“

„Oh, dann sollten wir die Sache wirklich noch mal überdenken. Bowlen ist vielleicht zu anstrengend für einen Mann in so fortgeschrittenem Alter.“

Andrew lachte und öffnete die Autotür. „Kommen Sie, das werden wir schon sehen.“

Das Bowlingcenter war von innen noch viel größer, als es von außen den Anschein hatte. Es verfügte über zweiunddreißig Bahnen, von denen fast die Hälfte von verschiedenen Teams belegt war, die Turniere spielten. Dann waren noch einige Gruppen Teenager da sowie mehrere Paare.

Andrew ging mit Rachel an die Rezeption. Dort stand ein ziemlich beleibter Mann mit Dreitagebart, der ein T-Shirt mit dem Emblem des Bowlingcenters und einem Schildchen mit dem Namen Grover trug.

„Welche Schuhgröße hast du?“, fragte Andrew Rachel, wobei er wie selbstverständlich zum vertraulichen Du überging.

„Achtunddreißig.“

„Einmal Größe achtunddreißig und einmal zweiundvierzig. Und natürlich eine Bahn“, sagte er zu Grover.

„Sie kriegen Nummer sechs“, erwiderte Grover mit einem trägen Grinsen. „Wir vermieten pro Stunde, das heißt, Sie können in der Zeit so viele Runden spielen, wie Sie wollen.“

Andrew blickte auf die Uhr. „Jetzt haben wir halb zehn – wollen wir zwei Stunden spielen?“

Rachel nickte eifrig, denn das bedeutete, dass sie zwei volle Stunden mit diesem tollen Mann verbringen konnte!

Grover stellte zwei Paar Sportschuhe auf den Tresen und gab dann den Betrag in die Kasse ein.

Rachel rümpfte leicht die Nase, als sie die rot-blauen Schuhe mit den weißen Schnürsenkeln betrachtete, denn sie waren völlig abgetragen und sahen schrecklich aus. Nachdem sie sie jedoch angezogen hatte und einige Meter darin gegangen war, lächelte sie zufrieden. „Die sehen zwar schrecklich aus, passen aber wie angegossen.“

Andrew lachte. „Na, dann ist es ja gut. Komm, du darfst anfangen.“

„Wieso ich?“

„Weil meine Eltern mir beigebracht haben, dass man Damen aus Höflichkeit den Vortritt lassen muss.“

„Aber ich weiß doch gar nicht, wie …“

„Mach erst mal ein paar Probewürfe, bevor wir richtig loslegen. Keine Angst, das kriegst du hin.“

Rachel begutachtete die verschiedenen Kugeln, die zur Verfügung standen, und entschied sich für eine pinkfarbene. Dann nahm sie Stellung ein, zielte einige Sekunden und machte schließlich ihren ersten Wurf.

Als sie sich vornüberbeugte, fiel Andrew auf, wie wohlgeformt ihr Po war, und nicht nur das: Rachel hatte lange, schlanke Beine und derart sexy Kurven, dass Andrew plötzlich heiß wurde. Sein Herz schlug schneller, denn es war das erste Mal seit Ninas Tod, dass er so auf eine Frau reagierte.

Als Rachel sich ihm jedoch wieder zuwandte, sah sie alles andere als begeistert aus, denn sie hatte nicht getroffen. Sie nahm die nächste Kugel, zielte wieder mehrere Sekunden und machte ihren zweiten Wurf. Die Kugel lief zunächst gerade, doch auf halber Strecke driftete sie ab, um schließlich zu verschwinden, ohne einen Kegel umzuwerfen.

„Mist, was mach ich denn bloß falsch?“, rief Rachel ärgerlich.

„Du verdrehst dein Handgelenk, dadurch rollt die Kugel schief.“

„Das tu ich doch gar nicht.“

„Doch. Wirf noch mal, dann wirst du’s sehen.“

Rachel tat, wie ihr geheißen, und wieder lief die Kugel schief. „Also gut, du hast ja recht“, gab sie missmutig zu. „Was soll ich anders machen?“

„Komm, ich zeig’s dir.“

Andrew trat hinter sie und umfasste ihr Handgelenk, um es in die richtige Position zu bringen. Und als Rachel die Kugel schließlich warf und Andrew dabei leicht ihren Po berührte, verstärkte sich sein Ziehen in der Leistengegend.

Dann drehte sie sich zu ihm um und lächelte so strahlend, dass er das Gefühl hatte, als ginge die Sonne auf. „Hast du’s mitbekommen, gleich drei sind umgefallen!“

Rachel sah in dem Moment so reizend aus, dass Andrew den Impuls verspürte, sie zu küssen. Doch er beherrschte sich – was sollte sie sonst von ihm denken? „Na, siehst du, ist doch gar nicht schwer“, sagte er lächelnd. „Versuch’s gleich noch mal.“

Sie machte den nächsten Wurf, und diesmal fielen sogar fünf Kegel um.

„Ich glaub, jetzt hab ich den Dreh raus“, rief sie begeistert. „Wollen wir anfangen?“

Ihr Enthusiasmus legte sich jedoch ganz schnell, als sie sah, mit welcher Leichtigkeit Andrew zuerst sieben und dann sogar alle neun abräumte. Trotzdem ließ sie sich nicht unterkriegen und steigerte sich im Lauf des Spieles immer mehr, bis sie es sogar auf sechs Kegel schaffte.

Als der Endstand schließlich angezeigt wurde, blickte sie zum ersten Mal an diesem Abend auf die Uhr. „Ach herrje, die zwei Stunden sind ja schon um! Ich hab gar nicht gemerkt, wie spät es schon geworden ist.“

„Wieso spät? Wann gehst du denn normalerweise schlafen? Etwa mit den Hühnern“, neckte Andrew sie.

„So ungefähr“, gab Rachel zu. „Meistens bin ich die Erste im Laden. Und morgen früh kommt eine neue Lieferung, da muss ich schon um sieben da sein.“

„Oh, dann hätten wir wohl besser nicht noch bowlen gehen sollen.“

„Doch, doch, das ist schon in Ordnung“, versicherte Rachel. „Hat mir Riesenspaß gemacht.“

„Mir auch, aber ich will nicht, dass du meinetwegen morgen hundemüde bist. Komm, lass uns die Schuhe abgeben, dann fahre ich dich heim.“

„Das brauchst du nicht, ich kann mir auch ein Taxi nehmen.“

„Es ist fast Mitternacht, da lasse ich dich doch nicht mit dem Taxi fahren.“

„Ich möchte aber nicht, dass du dir meinetwegen so viel Mühe machst.“

„Wieso Mühe, wo wohnst du denn?“

Rachel nannte ihm ihre Adresse, und Andrew nickte. „Das ist doch nicht weit von hier, ich fahr dich nach Hause.“

Eine Viertelstunde später hielt Andrew direkt vor ihrem Haus und begleitete Rachel sogar noch bis zur Haustür. Mit hinein ging er jedoch nicht, da er auf keinen Fall aufdringlich wirken wollte.

„Also dann …“, sagte er, nachdem Rachel aufgeschlossen hatte.

Sie lächelte warm. „Danke für den schönen Abend, Andrew. Ich habe glatt vergessen, dass heute Valentinstag ist.“ Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn spontan auf die Wange.

Andrew blieb so lange stehen, bis sie hineingegangen war und die Tür hinter sich geschlossen hatte. Ja, er hatte auch vergessen, wie einsam er sich sonst am Valentinstag fühlte, vor allem, wenn seine kleine Tochter nicht bei ihm war.

Und das hatte er nur Rachel zu verdanken.

Am nächsten Morgen war Rachel zwar ziemlich müde, weil sie so spät ins Bett gegangen war, aber das machte ihr nichts aus. Sie liebte ihren Blumenladen und ging in ihrer Arbeit auf. Heute erwartete sie eine große Lieferung, um den Bestand, der durch den Valentinstag stark abgenommen hatte, neu aufzustocken. Gerade war sie dabei, Pflanzen zu sortieren, als Holly kam – zwei Stunden früher als geplant.

„Nanu, was machst du schon hier?“, fragte Rachel verwundert. „Wolltest du nicht erst um zehn kommen?“

Holly hängte ihren Mantel auf und machte sich gleich an die Arbeit. „Ich bin nicht so spät ins Bett gegangen. Es war ein Desaster gestern Abend.“

„Wieso, was ist denn passiert?“

„Er hat für mich gekocht – ein romantisches Dinner bei Kerzenschein, Musik und edlem Wein. Und dann hat er mir einen Heiratsantrag gemacht.“ Holly nahm ein Bündel Gerbera aus dem Karton und begann energisch, sie zurechtzuschneiden. „Das hat mich glattweg umgehauen.“

„Heißt das, du hast Nein gesagt?“

„Natürlich hab ich Nein gesagt, was denkst du denn?“ Holly schüttelte gereizt den Kopf. „Und selbst wenn ich irgendwann mal heiraten sollte, dann bestimmt nicht einen Mann wie Shane.“

„Und wieso triffst du dich dann mit ihm, wenn er nicht dein Typ ist?“

„Na, weil ich bei solchen Typen sicher sein kann, dass ich mich nicht in sie verliebe.“

„Nur dumm, dass Shane das nicht weiß“, bemerkte Rachel trocken. Auch wenn sie die Haltung ihrer Freundin respektierte, tat ihr der arme Shane richtiggehend leid.

„Er hätte es wissen müssen“, beharrte Holly. „Ich meine, wer in aller Welt ist so naiv und macht einer Frau einen Heiratsantrag, die die berühmten drei Worte noch nie ausgesprochen hat?“

Rachel zuckte mit den Schultern. „Immerhin seid ihr schon zwei Jahre zusammen, da ist er wohl davon ausgegangen, dass du ihn liebst.“

„Quatsch, er liebt mich doch auch nicht. Wahrscheinlich hat er nur gedacht, dass das der nächste logische Schritt in unserer Beziehung wäre.“

„Siehst du, darum habe ich auch aufgehört, neue Bekanntschaften zu schließen“, erklärte Rachel. „Einer will immer mehr als der andere, und zum Schluss steht man mit gebrochenem Herzen da.“

„Ich hätte besser mit dir nach Hause gehen und fernsehen sollen“, meinte Holly verdrossen.

„Ich war gestern Abend nicht zu Hause.“

„Nicht? Wo warst du dann?“

„Bowlen.“

„Bowlen?“, wiederholte Holly verblüfft. „Allein?“

„Nein, mit Andrew Garrett.“

„Mit Andrew Garrett – diesem supersexy Typen, der immer weiße Rosen bei uns kauft?“

Rachel nickte.

„Der mit dem Ehering am Finger?“

„Er ist nicht mehr verheiratet, sondern verwitwet.“

„Oh. Seit wann?“

„Seit drei Jahren.“

„Und trotzdem trägt er immer noch den Ring?“

„Ja. Anscheinend braucht er das, um seine Trauer zu bewältigen.“

„Und wie bist du dazu gekommen, mit ihm bowlen zu gehen?“

„Wir haben uns zufällig im Valentino’s getroffen, haben zusammen gegessen, und dann hat er mich gefragt, ob ich Lust hätte, noch was mit ihm zu unternehmen. Ich hab Ja gesagt, und ehe ich es mich versah, bin ich im Bowlingcenter gelandet.“

„Und wie war’s?“, fragte Holly gespannt und hielt mit dem Schneiden inne. „Ich meine, wie ging’s dann danach weiter? Hat er dich geküsst?“

Rachel lächelte verlegen. „Jein.“

„Was heißt jein? Hat er oder hat er nicht?“

Ich habe ihn geküsst. Aber nur ganz kurz und nur auf die Wange.“

„Ach so“, sagte Holly enttäuscht. „Das kann man wohl kaum als Küssen bezeichnen.“

„Dann hab ich ihn eben nicht geküsst.“

„Aber du hast doch was gespürt, oder? Ich meine, hattest du nicht Schmetterlinge im Bauch?“

Und ob sie Schmetterlinge im Bauch gehabt hatte, ihre Knie waren sogar weich geworden, doch das brauchte Holly nicht zu wissen. „Kundschaft“, sagte Rachel stattdessen, als die Tür aufging und die erste Kundin hereinkam.

„So kommst du mir nicht davon, wir reden später weiter“, warnte Holly, bevor sie sich der Kundin zuwandte.

Später ergab sich jedoch nicht mehr die Gelegenheit, was Rachel ganz recht war. Denn wie sehr sie für Andrew Garrett schwärmte, wollte sie vorerst noch für sich behalten.

3. KAPITEL

Es war Sonntagnachmittag, und Andrew arbeitete gerade in seiner Werkstatt an einem neuen Möbelstück, als sein jüngerer Bruder Nathan hereinkam.

„Sieht gut aus, sehr elegant“, stellte er anerkennend fest. „Für wen ist denn der Schrank?“

„Für Ed und Carol, sie wollen was Besonderes fürs Esszimmer haben“, erklärte Andrew. Ed und Carol Wakefield waren die Eltern seiner verstorbenen Frau.

„Wieso machst du das denn selbst? Wissen deine Schwiegereltern denn nicht, dass du dafür eigentlich gar keine Zeit hast? Schließlich bist du nicht einfach nur ein Schreiner, sondern der leitende Produktdesigner eines Großunternehmens.“

„Weil’s mir Spaß macht. Ich arbeite gerne in der Werkstatt.“

„Hast du das Stück selbst entworfen?“

„Klar. Ed will seiner Frau was ganz Besonderes zum Hochzeitstag schenken, da hab ich mir was ausgedacht.“

„Und wann ist ihr Hochzeitstag?“

„Erst im Oktober. Aber jetzt hab ich grade Zeit, darum hab ich schon mal angefangen.“

„Apropos Hochzeitstag – du hast doch nicht vergessen, dass Mom und Dad im Mai ihren vierzigsten feiern, oder? Mom hat schon verkündet, dass sie eine große Party will.“

„Das kann ich mir vorstellen. Denk nur an Mauras ersten Geburtstag, da hat sie sechzig Leute eingeladen.“

„Schon, aber diesmal müssen wir die Feier organisieren, das hat sie mir bereits gesagt. Daniel meint, wir sollten einen professionellen Eventplaner dafür engagieren.“

„Gute Idee“, stimmte Andrew zu.

„Find ich auch.“

Nathan nahm zwei Bierdosen aus dem Kühlschrank, öffnete sie und reichte eine davon Andrew. „Übrigens, ich wollte gestern Abend noch zu dir, aber du warst nicht daheim. Wo bist du denn gewesen?“

„Wieso … hatten wir was ausgemacht?“

„Nein, aber gestern war Valentinstag, da dachte ich, ich schau mal kurz vorbei, damit du nicht so einsam bist.“

„Mach dir darüber keine Gedanken, Nate. Da Maura bei Ed und Carol war, bin ich ins Valentino’s gegangen. Dort hab ich jemanden getroffen, wir haben zusammen gegessen und sind danach noch bowlen gegangen.“

Nathan grinste. „War dieser jemand etwa eine Frau?“

„Ja, es war eine Frau, aber es war kein Date, wenn du das meinst.“

„Ich hab ja nichts dagegen, ganz im Gegenteil. Du hast lange genug getrauert, Andrew. Ich würde mich freuen, wenn du wieder jemand Nettes kennenlernen würdest. Seit Ninas Tod hast du keine einzige Beziehung mehr gehabt, und das ist schon drei Jahre her.“

„Ich hatte in paar Dates.“

„Aber daraus ist nie was geworden. Du hast dich mit keiner Frau mehr als ein einziges Mal getroffen.“

„Es war eben noch keine dabei, die mich begeistert hätte, warum sollte ich mich dann mehrmals treffen?“, wandte Andrew ein, doch dabei musste er sofort an Rachel denken. An ihr süßes Lächeln, ihre sexy Figur und den Kuss, den sie ihm vor ihrer Haustür gegeben hatte …

„Und was ist mit der Frau, mit der du gestern bowlen warst?“, hakte Nathan nach. „Woher kennst du sie?“

„Sie ist die Inhaberin vom Buds & Blooms – dem Blumenladen in der Innenstadt, wo ich hin und wieder Blumen kaufe.“

„Sag bloß, du kaufst immer noch Blumen für Nina? Findest du nicht …“

„Sag mal, hast du nichts zu tun?“, unterbrach Andrew seinen Bruder nun gereizt, da ihm die Fragerei allmählich auf die Nerven ging. Dass er die halbe Nacht an Rachel gedacht hatte, würde er Nathan bestimmt nicht auf die Nase binden.

„Wieso willst du mir denn nichts von ihr erzählen? Ist sie etwa hässlich?“

Andrew verschluckte sich fast an seinem Bier, denn genau das Gegenteil traf auf Rachel zu – sie war bildschön. „Du meine Güte, Nate, jetzt lass mal gut sein! Aber wenn es dich beruhigt – sie ist nicht hässlich, ganz und gar nicht.“

Nathan grinste triumphierend. „Hab ich’s doch gewusst. Nun sag schon, wie sieht sie aus?“

Andrew sah Rachel nun im Geiste vor sich: mit ihrem seidig glänzenden langen Haar, das sie bei der Arbeit stets zu einem Pferdeschwanz gebunden trug, den schönen blauen Augen, die ihn an einen klaren Sommerhimmel erinnerten, den süßen Sommersprossen auf der Nase, dem kleinen Grübchen, das sich auf ihrer Wange bildete, wenn sie lächelte, dem sinnlichen Mund und ihren sexy Kurven. Würden er sie Nathan so beschreiben, dann würde der gleich wissen, dass sie bei Andrew wie eine Bombe eingeschlagen hatte.

„Ach, sie ist … einfach wie das nette Mädchen von nebenan“, sagte er deshalb ausweichend und wechselte dann schnell das Thema, bevor sein Bruder ihn noch weiter nerven konnte. „Und was ist mit dir? Triffst du dich noch mit dieser Stewardess? Wie hieß sie doch gleich – Mallory?“

„Ja, aber seit sie auf die San-Francisco-Tokio-Route gewechselt hat, sehen wir uns kaum noch, das ist echt Mist.“

„Ach, deshalb hast du mich am Valentinstag besucht – weil du allein warst und einen Lückenbüßer brauchtest.“

„Unsinn“, wehrte Nathan ab. „Aber davon abgesehen, stört es mich schon sehr, dass wir uns so selten sehen“, gab er missmutig zu, bevor er von seinem Handy unterbrochen wurde, weil eine SMS gekommen war. „Von Mallory. Sie hat vier Tage frei und geht gleich an Bord.“ Nathans Miene hellte sich schlagartig auf. „Wo ist noch mal dieser Blumenladen, wo du immer hingehst?“

Normalerweise liebte Maura es, in der Pause mit ihrer besten Freundin Kristy auf dem Schulhof herumzutoben, doch heute hatte sie dazu einfach keine Lust. Sie saß nur auf der Schaukel und wartete darauf, bis es endlich klingelte und sie wieder reingehen konnten.

„Ich hab gestern gesehen, wie Simon ein Valentinsgeschenk in dein Fach gelegt hat“, sagte Kristy. „Ich glaub, der mag dich.“

Maura zuckte mit den Schultern. Ihr war es egal, ob Simon sie nun mochte oder nicht.

„Meine Mom hat von ihrem Freund einen schönen Ring bekommen“, fuhr Kristy fort. „Bald heiraten sie, und dann wird Greg mein neuer Daddy.“

„Aber du hast doch schon einen Daddy.“

„Schon, aber meine Mom hat gesagt, der taugt nichts, und Greg wird ein besserer Vater für mich sein als Dad.“

Maura runzelte die Stirn. Sie fand es ungerecht, dass Kristy bald zwei Daddys hatte und sie noch nicht mal eine Mummy. Nicht, dass Maura einen anderen Daddy wollte, denn ihrer war der Beste auf der Welt. Sie wünschte sich nur eine neue Mummy, weil ihre doch gestorben war, als sie noch ganz klein gewesen war.

„Und ich darf auf der Hochzeit Blumenmädchen sein“, verkündete Kristy stolz. „Tiffany wird Brautjungfer, weil sie älter ist als ich, und wir kriegen beide neue Kleider. Ich wünsche mir ein lilafarbenes Kleid, das ist nämlich meine Lieblingsfarbe.“

Maura biss sie auf die Lippe. Kurz vor Weihnachten war sie auf der Hochzeit ihres Onkels Jack gewesen, das hatte ihr sehr gut gefallen. Dass Kristy bald die Hochzeit ihrer Mutter feiern durfte, machte Maura schon ein bisschen neidisch, auch wenn sie es nicht zugeben wollte. Dad hatte mal gesagt, Neid sei das grüne Monster, das man in sich spürte, wenn man etwas haben wollte, was ein anderer hatte und man selber nicht. Und dieses Monster müsse man bekämpfen.

Wie sollte sie das aber machen? Es war einfach nicht fair, dass Kristy bald zwei Daddys hatte, und sie, Maura, nicht mal eine Mummy!

Zwei Wochen nach ihrem schönen Abend mit Andrew hatte Rachel noch immer nichts von ihm gehört. Zwar hatte er ihr nicht versprochen, sich bei ihr zu melden, aber dennoch hoffte sie darauf, weil sie das Gefühl gehabt hatte, dass ihm der gemeinsame Abend genauso gut gefallen hatte wie ihr.

Obwohl sie Andrew nur flüchtig kannte, hatte Rachel sich so wohl mit ihm gefühlt, als wären sie schon lange Zeit befreundet. Und nicht nur das, als er ihr beim Bowlen nähergekommen war, war ihr gleich ganz heiß geworden. Andrew zog sie ungeheuer an, doch sie wusste nicht, ob das auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Auf ihren Kuss an der Haustür hatte er jedenfalls nicht reagiert, und Rachel fragte sich, warum. Fand er sie denn gar nicht attraktiv?

Seit sechzehn Monaten war Rachel nun schon Single, und allmählich fühlte sie sich wirklich einsam. Sie sehnte sich danach, von einem Mann begehrt und natürlich auch geliebt zu werden. Und wie mochte das bei Andrew sein? Hatte er solche Bedürfnisse denn nicht, oder er ließ sich nur nichts davon anmerken?

Rachel schüttelte die Gedanken ab und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Es hatte keinen Sinn, über einen Mann nachzugrübeln, mit dem sie nur ein einziges Mal ausgegangen war und der allem Anschein nach noch viel zu sehr um seine verstorbene Frau trauerte, um sich auf eine neue Beziehung einzulassen.

Wenigstens hatte Holly jetzt mehr Zeit, nachdem sie sich von Shane getrennt hatte. Rachel wollte sich mit ihr am Nachmittag ein Basketballspiel ansehen, deshalb würde Trish ab Mittag im Geschäft sein, um sie zu vertreten. Bevor sie jedoch gehen konnten, mussten Rachel und Holly erst noch den Strauß für den neunzigsten Geburtstag von Hollys Großmutter binden. Sie waren fast fertig damit, als Holly eine SMS bekam.

„BA5521 15.40, holst du mich ab?“, las sie laut vor und runzelte dabei die Stirn. „Was soll denn das bedeuten?“

„Vom wem ist denn die Nachricht?“, fragte Rachel.

„Von meinem Bruder Gary.“

„Aha!“ Rachel wusste, dass Gary in London studierte. Vielleicht wollte er Holly besuchen.

„Ach, jetzt weiß ich’s – das sind Flugdaten!“, rief Holly aufgeregt. „Und ich soll ihn vom Flughafen abholen!“

„Will er zur Phoebes Geburtstagsfeier kommen?“

„So wie’s aussieht, ja. Mensch, das wäre toll, wir haben uns schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen!“

„Und wann, sagst du, kommt er an?“

„Um fünfzehn Uhr vierzig, und er …“ Holly brach unvermittelt ab und machte ein betretenes Gesicht. „Ach, Rachel, so ein Mist! Dann kann ja gar nicht mit dir zum Basketballspiel gehen.“

„Das macht doch nichts. Dein Bruder ist wichtiger als ein Basketballspiel.“

„Aber du hast doch die Tickets schon gekauft.“

„Wird sich schon jemand finden, der mitgeht. Und wenn nicht, geh ich auch nicht hin, das ist kein Problem.“

„Soll ich meinen Cousin fragen, ob er Zeit hat?“

„Lass nur, Holly, das macht mir echt nichts aus. Ich freue mich, dass du Gary wiedersiehst, das ist viel wichtiger.“

Da lächelte Holly wieder. „O Rachel, du bist echt ein Schatz!“

Die Türglocke läutete, und Rachel ging zurück in den Verkaufsraum, um den nächsten Kunden zu bedienen – es war Andrew Garrett!

„Oh … Mr Garrett … hi …“

Andrew lächelte. „Ich dachte, wir wären schon beim Du gewesen.“

„Ja … natürlich … Andrew“, verbesserte sich Rachel aufgeregt. „Was … kann ich für dich tun?“

„Welche Blumen würdest du empfehlen, wenn man sich bei jemandem entschuldigen will?“

Rachel entspannte sich und lächelte. „Hast du denn was Schlimmes ausgefressen?“

„Das kannst nur du mir sagen.“

„Ich?“

„Na ja, ich konnte mich zuerst nicht entscheiden, ob ich dich nun anrufen soll oder nicht. Und als ich mir dann eingestanden habe, dass ich dich unbedingt wiedersehen will, habe ich gemerkt, dass ich deine Telefonnummer gar nicht habe. Aber da mittlerweile schon eine ganze Woche vergangen war, dachte ich, es hat wohl keinen Sinn, deine Nummer rauszusuchen, weil du mich bestimmt schon abgeschrieben hast. Als dann aber noch mal eine Woche verging und ich noch immer an dich denken musste, habe ich beschlossen, direkt hierherzukommen. Und jetzt bin ich hier.“

„Du … du bist nur meinetwegen hergekommen?“

„So ist es. Aber wie ich sehe, bist du sehr beschäftigt, deshalb will ich dich nicht lange stören. Wenn du mir deine Telefonnummer gibst, könnte ich dich später anrufen, und wir könnten überlegen, ob wir vielleicht … zusammen etwas unternehmen wollen?“

Mit Andrew etwas unternehmen – das wäre fast zu schön, um wahr zu sein! Rasch schrieb Rachel ihre private Telefonnummer auf die Rückseite ihrer Visitenkarte, und just in dem Moment, als sie ihm die Karte reichte, kam Holly mit dem Strauß in den Händen dazu.

„Ich bin jetzt fertig, Rachel, und wir …“ Sie hielt unvermittelt inne. „Oh, entschuldige, du hast ja einen Kunden …“

Rachel verdrehte die Augen – als wüsste Holly nicht, wer dieser Kunde war! „Holly, das ist Andrew Garrett. Andrew, das ist Holly Kendrick, meine Geschäftspartnerin und zugleich beste Freundin.“

„Hallo, Andrew.“ Holly legte den Strauß ab und gab Andrew lächelnd die Hand. „Aber jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss meinen Bruder vom Flughafen abholen. Also, Rachel, wie schon gesagt, es tut mir furchtbar leid, dass ich nicht mit dir zum Basketballspiel kommen kann, aber mein Bruder geht vor. Auf Wiedersehen, Andrew, und bis morgen, Rachel!“

Andrew blickte ihr amüsiert nach. „Wollte deine Freundin mir vielleicht durch die Blume zu verstehen geben, dass du jemanden suchst, der dich zum Basketball begleitet?“

Rachel seufzte. „Genau das wollte sie, und das ist wieder mal typisch Holly. Aber ich muss nicht unbedingt zu diesem Spiel, das ist mir nicht so wichtig.“

„Ich mag Basketball. Wenn du mir das Ticket verkaufst, würde ich dich gern begleiten.“

Rachels Herz machte einen Sprung. „Wirklich?“

„Klar, ich hätte heute Nachmittag Zeit.“

„Also dann … dann kannst du das Ticket gerne haben, aber du brauchst nichts dafür zu zahlen. Kauf mir nachher einfach eine Tüte Popcorn, und wir sind quitt, okay?“

Andrew lachte. „Einverstanden. Und wann beginnt das Spiel?“

„Um sechzehn Uhr.“

„Dann hole ich dich um halb drei ab.“

Punkt halb drei stand Andrew vor dem hohen Mietshaus, in dem Rachel wohnte, und drückte auf den Klingelknopf. Nachdem er sich durch die Fernsprechanlage gemeldet hatte, öffnete sich die Tür, und er trat ins Foyer.

Andrew blickte sich aufmerksam um. Er hatte noch nie zur Miete gewohnt und fragte sich, ob er sich in einem solchen Haus wohlfühlen könnte. Wahrscheinlich nicht. Dann fuhr er mit dem Aufzug in den siebten Stock, wo sich Rachels Wohnung befand.

„Hi“, begrüßte sie ihn lächelnd. „Ich hole nur schnell meine Tasche, dann können wir los.“

Andrews Blick blieb wie gebannt an Rachel hängen, denn sie sah fantastisch aus. Anstatt der praktischen Kleidung, die sie immer bei der Arbeit trug, hatte sie nun eng anliegende schwarze Jeans an, einen schicken lilafarbenen Pulli, der ihre weiblichen Formen toll zur Geltung brachte, und dazu elegante schwarze Stiefeletten. Ihr langes Haar, das sie diesmal offen trug, umrahmte weich ihr Gesicht, und die zart geschminkten Lippen sahen so verlockend aus, dass …

Wieder spürte Andrew dieses Prickeln, doch es war nicht nur ein sexueller Reiz, den Rachel auf ihn ausübte, sondern sehr viel mehr. Rachel hatte etwas an sich, das ihn unwiderstehlich anzog, und das hatte er seit Ninas Tod bisher bei keiner Frau gespürt.

„Ich bin fertig, wir können gehen.“

Rachel hatte ihren Mantel angezogen und stand nun vor Andrew, der sich immer noch nicht rührte.

„Was ist? Worauf wartest du?“

Darauf, dachte er und zog sie an sich.

4. KAPITEL

Andrews Kuss war pure Leidenschaft. Und Rachel – sie öffnete die Lippen und ließ seine Zunge wild mit seiner spielen, als hätten sie einander schon hundertmal geküsst.

Es war unglaublich, so hatte sie noch nie auf einen Mann reagiert. Andrew zog sie enger an sich, und bereits nach zehn Sekunden war sie so erregt, dass sie ihn am liebsten gleich ins Bett gezerrt hätte.

Dann beendete er jedoch den Kuss und ließ Rachel wieder los. „Das musste sein, danach hab ich mich schon seit dem Valentinstag gesehnt“, gestand er heiser. „Schon an der Kegelbahn wollte ich dich küssen.“

Ich dich auch, dachte sie, sprach die Gedanken aber nicht aus. Rachel hatte keine Ahnung, wohin das zwischen ihr und Andrew führen sollte, sie wollte doch gar keinen neuen Freund. Oder etwa doch?

„Also ich … ich glaube, wir sollten jetzt besser gehen“, sagte sie deshalb verunsichert. „Wir wollen doch zum Basketballspiel.“

Andrew lächelte. „Stimmt, das hätte ich glatt vergessen.“

Rachel war froh, als sie schließlich draußen waren, denn die winterliche Kälte kühlte ihr erhitztes Gemüt. Doch gleich darauf wünschte sie, sie hätte wärmere Schuhe angezogen, denn ihre Füße wurden sofort kalt. Dann rutschte sie auch noch auf einer vereisten Stelle aus, und Andrew fing sie geistesgegenwärtig auf.

„Deine Schuhe sind zwar schön, für dieses Wetter aber ungeeignet“, meinte er lächelnd. „Du hättest besser warme Stiefel angezogen.“

„Stimmt, aber ich wollte unbedingt schick aussehen, wenn ich mit dir ausgehe. Praktisch angezogen bin ich ja sonst immer bei der Arbeit.“

„Das ist dir auch gelungen. Hab ich dir schon gesagt, dass du toll aussiehst?“

Rachel lachte. „Nicht mit Worten, aber dein Kuss hat so was angedeutet.“

„Tut mir leid, das kam so über mich“, entschuldigte sich Andrew leicht verlegen. „Es … ist ziemlich lange her, seit ich zum letzten Mal ein Date mit einer Frau hatte. Vor allem mit einer so hübschen wie dir.“

„Danke.“ Rachel fühlte sich geschmeichelt. Andrew war natürlich nicht der erste Mann, der ihr Komplimente machte, doch seines wirkte mehr als alle anderen.

Er öffnete ihr die Beifahrertür, und Rachel stieg in seinen Wagen. Dann drehte er die Heizung an, und nach wenigen Minuten waren Rachels Füße wieder warm.

„Wie kommt’s, dass du auf Basketball stehst?“, erkundigte er sich nach einer Weile. „Das interessiert nicht viele Frauen.“

„Durch meinen Bruder, er hat auf dem College Basketball gespielt. Du auch?“

„Nein, mir war Football lieber. Ich bin übrigens in Duke aufs College gegangen.“

Dass Andrew Footballspieler gewesen war, überraschte Rachel nicht, denn seine sportlich-muskulöse Figur ließ auf eine Sportart schließen, die viel Kraft und Schnelligkeit erforderte.

Sie lächelte. „In Duke? Da waren Holly und ich auch.“

„Habt ihr euch dort kennengelernt?“

„Nein, wir kennen uns schon seit der zweiten Klasse. Nach der Scheidung ihrer Eltern sind Holly und ihr Bruder zu ihrer Großmutter nach Charisma gezogen. Und als wir in der fünften Klasse waren, haben wir beschlossen, zusammen ein Unternehmen zu gründen. Dass es ein Blumenladen werden würde, wussten wir damals aber noch nicht.“

„Und wie seid ihr dann darauf gekommen?“

„Wir haben beide Betriebswirtschaft studiert, aber Holly hat nebenbei noch viele andere Dinge ausprobiert. Einmal hat sie an einem Kurs für florale Gestaltung teilgenommen, und das hat ihr so viel Spaß gemacht, dass sie mir vorgeschlagen hat, einen Blumenladen zu eröffnen.“

„Dann seid ihr beide also die Buds von Buds & Blooms – clevere Idee.“

„Genau. Buds steht sowohl für Knospen als auch für Buddys, also Kumpels. Das hat uns gut gefallen.“ Rachel sah ihn an. „Und was ist mit dir? Was machst du beruflich?“

„Och, nichts Besonderes.“

„Du meinst, du bist nicht bei der NASA oder etwa ein Geheimagent?“

Andrew lachte. „Nein, beileibe nicht. Ich bin Schreiner.“

„Aha.“ Rachel sah auf seine großen, kräftigen Hände und stellte sich vor, wie es wäre, sie auf ihrer nackten Haut zu spüren. „Und was tust du da genau?“

„Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Möbeldesign. Und oft fertige ich auch selbst Möbelstücke an.“

Andrew fuhr auf den Parkplatz der Sportarena, der schon ziemlich voll war. „So, da wären wir. Am besten steigst du gleich hier aus und gehst dann schon mal rein, während ich einen Parkplatz suche. Wir treffen uns dann in der Eingangshalle, okay?“

„Einverstanden.“

Andrew gefiel Rachel immer besser. Er sah nicht nur blendend aus, sondern schien auch noch ein richtiger Kavalier zu sein. Trotzdem musste sie sich davor hüten, allzu sehr für ihn zu schwärmen, sonst verliebte sie sich noch in ihn.

Und das wollte sie auf keinen Fall.

Er hätte sie nicht küssen dürfen.

Nicht, dass es ihm nicht gefallen hätte, im Gegenteil. Andrew war völlig überrascht gewesen, dass Rachel gleich so leidenschaftlich darauf reagiert hatte. Das Dumme dabei war nur, dass er jetzt ständig daran denken musste. Und nicht nur das – er malte sich sogar schon aus, mit ihr ins Bett zu gehen!

Nachdem er den Wagen geparkt hatte, ging Andrew in die Eingangshalle, wo Rachel bereits auf ihn wartete. Wie schön sie heute aussah! Klar, attraktiv hatte er sie schon von Anfang an gefunden, nur hatte er bisher noch nicht daran gedacht, etwas mit ihr anzufangen. Und jetzt? Hatte dieser Kuss etwas geändert?

„So, da bin ich“, sagte er lächelnd. „Soll ich uns jetzt Popcorn kaufen?“

„Gerne.“

Andrew besorgte eine große Tüte und dazu zwei Flaschen Coca-Cola, dann gingen sie zu ihren Plätzen. Dabei fiel ihm ein, dass er zum letzten Mal mit Maura hier gewesen war, um sich ein Eishockeyspiel mit ihr anzusehen.

Ein unbehagliches Gefühl kam in ihm auf, als er daran dachte, dass er Rachel noch gar nichts von Maura erzählt hatte. Natürlich wollte er ihr nicht verschweigen, dass er eine kleine Tochter hatte, aber jetzt schon damit anzufangen erschien ihm noch zu früh. Andrew wollte erst mal nur ganz unbeschwert mit Rachel flirten, ohne familiäre Dinge anzusprechen. Vielleicht verdrängte er das Thema aber auch, weil er bei seinen letzten Dates in puncto Kind eher unerfreuliche Erfahrungen gemacht hatte. Sobald er erwähnt hatte, dass er allein erziehender Vater war, war die Stimmung irgendwie gekippt, und er hatte das Gefühl gehabt, als würde das die meisten Frauen eher abschrecken.

Natürlich wusste Andrew, dass Maura eine Mutter fehlte, und deshalb war er auch sehr froh, dass ihre beiden Großmütter sich oft und liebevoll um sie kümmerten. Auch Andrews drei Cousinen unternahmen hin und wieder etwas mit dem kleinen Mädchen, sodass es Maura an weiblichen Kontaktpersonen eigentlich nicht mangelte. Aber eine Mutter war natürlich etwas anderes, das war Andrew völlig klar. Das Problem war nur, dass er sich keine der Frauen, die er bisher getroffen hatte, als Mutter für Maura vorstellen konnte.

Und Rachel? Würde sie vielleicht die Erste sein?

Andrew verdrängte die Gedanken und lächelte ihr zu. Dies war sicher nicht der richtige Ort, um solche Dinge anzusprechen.

Das Spiel begann, und Andrew betrachtete Rachel bewundernd von der Seite. Ihr Pulli hatte einen V-Ausschnitt, der ihr sexy Dekolleté betonte. Wieder erfasste Andrew das Verlangen, sie zu küssen. Ja, er brauchte diese Frau nur anzusehen und schon wurde ihm ganz heiß. Was hatte das nur zu bedeuten?

Warum hatte er bisher nicht so auf hübsche Frauen reagiert? Weil er noch nicht bereit gewesen war für eine neue Beziehung? Oder lag es nur an Rachel? Hatte sie vielleicht was ganz Besonderes an sich, das ihn magisch anzog?

Als Andrew in die Popcorntüte griff, streiften seine Finger ihre, und wieder spürte er ein elektrisierendes Prickeln. Da sah Rachel ihn auf eine Art und Weise an, die Bände sprach. Ja, sie spürte es auch, dieses erotische Knistern, das zwischen ihnen herrschte!

Schnell wandte Andrew sich ab und versuchte sich von nun an auf das Spiel zu konzentrieren, was ihm jedoch nicht gelang, denn er musste ständig nur an Rachel denken. Als das Match schließlich zu Ende war und sie die Sportarena verließen, überlegte er, wie er Rachel dazu bringen konnte, noch ein bisschen Zeit mit ihm zu verbringen.

„Hast du Lust, mit mir essen zu gehen?“, schlug er deshalb vor. „Oder willst du gleich nach Hause?“

„Lust hätte ich schon, aber ich hab gerade erst eine halbe Tüte Popcorn verdrückt. Wenn ich jetzt noch mit dir essen gehe, hältst du mich noch für verfressen.“

Andrew musste lachen. „Keine Sorge, ich mag Frauen mit gesundem Appetit. Na komm, lass uns ins O’Reilly’s gehen.“

Draußen schlug ihnen erneut die Eiseskälte entgegen, und Andrew legte Rachel schützend den Arm um die Schultern. Es war schön, ihm so nahe zu sein, und Rachel hatte dabei das Gefühl, als würde jeder Zentimeter, an dem ihre Körper sich berührten, von Wärme durchflutet. So hatte sie bisher noch nie bei einem Mann empfunden.

Trotzdem nahm Rachel sich vor, nichts zu überstürzen. Sie wollte nicht das Risiko eingehen, einmal wieder ihr Herz zu verlieren und dann enttäuscht zu werden. Außerdem fehlte ihr ohnehin die Zeit für einen festen Freund, weil sie von morgens bis abends und fast jedes Wochenende im Laden stand. Holly hatte ihr schon vorgeworfen, dass sie das mit Absicht täte, nur um nicht Gefahr zu laufen, sich wieder zu verlieben.

Und damit hatte sie bestimmt nicht unrecht.

Die gescheiterte Beziehung zu Eric hatte Wunden bei Rachel hinterlassen, die noch nicht verheilt waren. Sie war sehr verliebt und davon überzeugt gewesen, dass Eric eine gemeinsame Zukunft mit ihr plante. Dass dem nicht so war, hatte sie erst nach Monaten begriffen, als ihr bewusst geworden war, dass seine Exfrau Wendy immer noch die erste Geige bei ihm spielte. Ein weiteres Problem war seine kleine Tochter Summer, für die er sich das Sorgerecht mit Wendy teilte.

Als Rachel nach über einem Jahr dann endlich klar geworden war, dass Eric seine Exfrau immer noch liebte und gar nicht daran dachte, die Verhältnisse zu ändern, hatte Rachel sich von ihm getrennt, denn so hatte sie nicht weitermachen können.

Auch Andrew war nicht unbelastet, das hatte Rachel gleich gemerkt. Dass er drei Jahre nach dem Tod seiner Frau noch seinen Ehering trug, war ein Zeichen dafür, dass er noch immer um sie trauerte, und deshalb hätte eine neue Frau auch keine Chance, sein Herz zu gewinnen. Zumindest jetzt noch nicht.

Nein, Rachel dachte nicht daran, sich Hals über Kopf in eine Beziehung zu stürzen, die ähnliche Probleme mit sich brachte, wie sie sie mit Eric gehabt hatte.

O’Reilly’s war ein traditioneller irischer Pub mit dunklem Mobiliar, gedämpftem Licht und vielen Stammkunden, die gemütlich an der Bar saßen und Bier und Whiskey tranken.

Andrew führte Rachel an einen der runden Holztische und nahm ihr den Mantel ab. Nachdem sie Platz genommen hatten, kam eine hübsche blonde Kellnerin herbei und beugte sich zu Rachels Verwunderung spontan zu Andrew herunter, um ihn auf die Wange zu küssen.

„Meine Güte, Jordyn, muss das sein?“, schimpfte Andrew und wischte sich die Wange ab. „Du siehst doch, dass ich nicht allein bin.“

Die junge Frau lachte jedoch nur vergnügt. „Ja, das sehe ich in der Tat, ich kann es bloß nicht glauben!“

Andrew verdrehte die Augen und wandte sich an Rachel. „Ich muss mich für meine Cousine entschuldigen, sie ist immer furchtbar impulsiv. Hätte ich gewusst, dass sie heute Dienst hat, wäre ich gar nicht erst hierhergekommen.“

Jordyn streckte Rachel fröhlich die Hand entgegen. „Ich bin Jordyn, Andrews Cousine, wie er schon gesagt hat. Freut mich, Sie kennenzulernen.“

Rachel schüttelte ihr die Hand und erwiderte dabei ihr Lächeln. „Und ich heiße Rachel, freut mich ebenso.“

Jordyns Augen leuchteten nun noch mehr. „Wow, jetzt kann ich dem Rest der Familie erzählen, dass ich die Erste bin, die Andrews neue Freundin zu Gesicht bekommen hat!“

„Oh, ich bin nicht … ich meine, es ist nicht …“ Rachel sah Andrew hilflos an, doch der zuckte nur mit den Schultern.

„Lass nur, es ist zwecklos, Jordyn irgendetwas zu erklären. Sie glaubt immer das, was sie gerne glauben will.“

Jordyn lachte schallend. „Das kannst du laut sagen. Also, was darf ich euch zu trinken bringen? Und wollt ihr auch was essen?“

„Beides.“

„Okay, dann nehme ich erst die Getränke auf und bringe euch dann die Speisekarte.“

Andrew bestellte für Rachel einen Radler und für sich ein Guinness. Wenig später hatten sie auch die Speisen ausgesucht – Rachel nahm das traditionelle Cottage Pie und Andrew ein Lammragout.

Obwohl es im Pub sehr voll war, hatte Rachel das Gefühl, ganz allein mit Andrew hier zu sein. Ihr Essen schmeckte ganz vorzüglich, doch sie schaffte nicht einmal die Hälfte, weil sie sich Andrews Nähe viel zu sehr bewusst war. Auch fragte sie sich schon die ganze Zeit, warum er überhaupt mit ihr hierhergekommen war. Weil er sich für sie interessierte und sie näher kennenlernen wollte?

Nach dem Essen bestellte er noch zwei Tassen Kaffee, und schließlich zahlte er die Rechnung.

„Musst du morgen arbeiten?“, erkundigte er sich, als sie kurz darauf im Auto saßen.

Rachel schüttelte den Kopf. „Nein. Trish und Elaine machen morgen Dienst, weil Holly und ich zu Hollys Großmutter fahren. Sie heißt Phoebe und feiert morgen ihren neunzigsten Geburtstag.“

„Du meinst die Großmutter, zu der sie gezogen ist, nachdem ihre Eltern sich getrennt hatten?“

„Genau. Und weil ich als Kind ständig mit Holly zusammen war und meine Großeltern weit weg wohnten, hat Phoebe mich quasi adoptiert – als ihre zweite Enkelin.“

„Wohnen deine Eltern in der Nähe?“

„Nein, sie sind bereits Rentner und vor ein paar Jahren nach Arizona gezogen.“

„Und hast du noch mehr Geschwister außer diesem Bruder, der früher Basketball gespielt hat?“

„Ja, ich hab noch einen anderen Bruder. Er heißt Rick und lebt mit seiner Frau und den zwei Söhnen in Raleigh.“

Sie hatten Rachels Straße erreicht, und Andrew hielt direkt vor ihrem Haus. „Wie alt sind denn deine Neffen?“

„Fünf und sieben.“

„Hast du regelmäßigen Kontakt zu ihnen?“

„Ja, ich sehe sie so oft wie möglich.“ Sie schnallte sich ab und stieg aus. „Du brauchst mich nicht bis an die Wohnungstür zu bringen“, meinte sie dann, als Andrew ebenfalls ausstieg.

„Doch, das muss ich, das hat meine Mutter mir so beigebracht.“

Rachel musste lachen. „Deine Mutter hat dir aber vieles beigebracht, du bist ein richtiger Kavalier.“ Sie holte ihre Schlüssel aus der Tasche und schloss die Haustür auf. „Wohnen deine Eltern in Charisma?“

„Ja. Und meine zwei Brüder, Tanten und Onkel und unzählige Cousins und Cousinen auch.“

Rachel hätte gern noch mehr über Andrews Familie erfahren, doch als er sie nicht nur bis zur Haustür, sondern auch noch in den Aufzug begleitete, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Ob er sie jetzt wieder küssen würde?

Und er tat es. Zuerst ganz sanft und dann immer fordernder. Als der Aufzug schließlich oben war und sich die Türen öffneten, beendete Andrew den Kuss und verschränkte dabei seine Finger mit ihren. Und da kam Rachel die Ernüchterung. Sie spürte seinen Ring, und ihr wurde klar, dass sie Andrew nicht für sich gewinnen konnte. Sie hatte einfach keine Chance, solange er sich innerlich noch an seine verstorbene Frau gebunden fühlte.

„Danke für den schönen Abend“, sagte Rachel und gab ihm noch einen Kuss. Dann ging sie in ihre Wohnung und schloss die Tür.

5. KAPITEL

Andrew konnte sich schon denken, warum sich Rachel so abrupt zurückgezogen hatte – es lag an seinem Ring. Rachel hatte ihn gespürt und sich daran gestört.

Bisher war es ihm noch gar nicht in den Sinn gekommen, den Ring abzunehmen, denn er verband ihn mit Nina und gab ihm das Gefühl, ihr noch immer nah zu sein. Doch war das wirklich gut für ihn? Wurde es nicht langsam Zeit, sich von der Vergangenheit und seinem Schmerz zu lösen und ein neues Leben anzufangen? Mit einer neuen Frau?

Andrew konnte gut verstehen, dass der Ring die Frauen, die er kennenlernte, irritierte, das hatte er schon bei einigen gemerkt. Und wie war das bei Rachel? Sie hatte seine Küsse leidenschaftlich erwidert – wollte sie nur Sex oder war sie an einer ernsthaften Beziehung interessiert? Suchte sie einen festen Partner, vielleicht sogar einen, mit dem sie Kinder haben konnte, oder nur eine unverbindliche Beziehung? Und warum stellte er sich diese Fragen überhaupt, er kannte sie doch kaum.

Weil ich sie faszinierend finde und ständig an sie denken muss, gab er sich dann selbst die Antwort. Aber warum war das so? Nathan würde sagen, er, Andrew, bräuchte dringend Sex, aber war das wirklich alles? Sex hätte er auch schon mit anderen Frauen haben können, doch nur auf Rachel reagierte er so stark. Keine andere hatte Andrew bisher so gereizt, dass er mit ihr hätte schlafen wollen, nur Rachel zog ihn derart an, dass er sich das sehnlich wünschte.

Ja, es war wirklich an der Zeit, sein Leben zu verändern und die Zukunft neu zu planen. Vielleicht sogar mit einer neuen Frau.

Phoebe Lamontagne stand im Buy The Book, ihrer Buchhandlung, die sie schon seit über fünfzig Jahren führte und die trotz des digitalen Zeitalters immer noch florierte. Vor einigen Jahren hatte die hochbetagte Dame ihrer Enkelin die Leitung übertragen, ging aber trotzdem noch fast täglich für mehrere Stunden ins Geschäft, um ihre Kunden zu bedienen.

Im hinteren Teil des Ladens befand sich ein kleiner Raum, in dem die alte Dame leidenschaftlich ihrem Hobby nachging – dem Kartenlegen und Handlesen. Und dazu lud sie regelmäßig Freunde und sogar auch ihre Stammkunden ein.

Holly und Rachel hatten während ihrer Kindheit sehr viel Zeit in diesem Raum verbracht. Sie waren fasziniert gewesen von den bunten Karten, Kristallkugeln und vielen anderen kuriosen Dingen, mit denen Phoebe sich beschäftigte. Als die Mädchen jedoch älter wurden, hatte Holly sich vom Hobby ihrer Großmutter distanziert und es als Hokuspokus abgetan. Rachel aber machte es bis heute Spaß, sich von Phoebe die Zukunft vorhersagen zu lassen.

Nun bahnte sie sich ihren Weg durch den Laden, in dem sich bereits zahlreiche Menschen eingefunden hatten, um Phoebes neunzigsten Geburtstag zu begehen. Schließlich fand Rachel die alte Dame in der Kinderbuchecke, wo sie gänzlich ungeniert mit einem Mann flirtete, der mindestens vierzig Jahre jünger war als sie.

„Hallo, Gram, darf ich dich kurz stören?“, fragte Rachel und küsste Phoebe herzlich auf die Wange.

„Natürlich“, erwiderte Phoebe strahlend. „Rachel, darf ich vorstellen, das ist Calvin, mein Chiropraktiker. Ich wollte gerade einen neuen Termin mit ihm vereinbaren.“

„Und ich habe dich schon viel zu lange aufgehalten“, meinte Calvin lächelnd. „Ruf mich einfach in den nächsten Tagen an – und viel Spaß beim Feiern!“

Dann verabschiedete er sich mit einem Kuss auf Phoebes Wange und verschwand.

„Seit wann brauchst du denn einen Chiropraktiker?“, fragte Rachel verwundert.

„Brauch ich nicht, ich nehme seine Dienste nur in Anspruch, weil das für eine Frau in meinem Alter die einzige Chance ist, die Hände eines Mannes auf der Haut zu spüren.“

Rachel lachte, denn das war wieder mal typisch Phoebe. „Also, wenn das so ist, wirst du hundert!“

Phoebe stimmte in ihr Lachen ein. „Mindestens, das hab ich schon geplant!“ Sie drückte herzlich Rachels Hand. „Schön, dass du gekommen bist, mein liebes Kind. Ich weiß ja, wie viel Arbeit du in deinem Laden hast, deshalb freue ich mich ganz besonders, dass du Zeit für mich gefunden hast.“

„Das ist doch selbstverständlich.“ Rachel überreichte ihr ein kleines Päckchen. „Hier, das ist für dich. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Gram.“

Die alte Dame strich bedächtig mit den Fingern über das Geschenk. „Hm, die ist aus dem Sweet Spot – da sind Belgische Pralinen drin.“

„Du kannst wirklich hellsehen, Phoebe.“

Phoebe lachte wieder und bedeutete Rachel, sich auf den freien Stuhl neben ihr zu setzen. „Das war nicht schwer zu erraten, schließlich weißt du doch, wie sehr ich diese Süßigkeiten liebe.“ Sie blickte kurz an Rachel vorbei. „Warum bist du denn alleine gekommen?“

„Bin ich nicht, Holly kommt sicher auch gleich.“

„Ich meine, warum hast du deinen Freund nicht mitgebracht?“

„Ich habe keinen.“

„Warum denn nicht?“

„Ich habe einfach keine Zeit für einen Mann. Außerdem genieße ich mein Singleleben, ich vermisse nichts.“

Phoebe schüttelte den Kopf. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Auf Holly mag das ja noch halbwegs zutreffen, sie will immer frei und ungebunden sein. Aber du bist anders, Rachel. Ich weiß, dass du dir einen festen Partner und eine eigene Familie wünschst.“

Rachel biss sich auf die Lippe. Sah man ihr so deutlich an, wonach sie sich am meisten sehnte? „Also gut, du hast recht“, gab sie schließlich zu. „Einen Partner zu haben, auf den ich mich verlassen kann, das wäre schon schön. Aber ich gerate scheinbar immer an den Falschen.“

Phoebe kniff die Augen zusammen und sah Rachel prüfend an. „Und wie ist es im Moment? Gibt’s da denn nicht schon einen, der zu dir passen könnte?“

Rachel spürte, wie sie rot wurde, denn es gab tatsächlich einen – Andrew. „Ach, Gram, heute ist dein neunzigster Geburtstag“, erwiderte sie ausweichend. „Du solltest mit deinen Gästen feiern, anstatt über meine Wünsche und Probleme nachzudenken.“

„Es gibt ihn, stimmt’s?“, fragte Phoebe mit einem Funkeln in den Augen. „Nun sag schon, seit wann kennst du ihn?“

„Ja, da gibt’s einen, der mir wirklich gut gefällt“, gestand Rachel schließlich. „Du kannst doch hellsehen, Phoebe. Sag du mir, ob er der Richtige für mich ist.“

Die alte Dame lächelte versonnen. „Das kann ich nicht, mein Kind. Diese Frage kannst nur du selbst beantworten.“

„Kannst du mir nicht wenigstens einen Hinweis geben? Mich zum Beispiel warnen, wenn die Gefahr besteht, dass er mir das Herz bricht?“

Phoebe legte ihre Hand auf Rachels. „Höre auf dein Herz, dann wird alles gut. Aber eins darfst du nicht vergessen: Das, was wirklich wertvoll ist, ist schwierig zu erlangen …“

„Ah, da steckt ihr zwei, das hätte ich mir denken können!“ Holly schüttelte missbilligend den Kopf. „Bitte keinen Hokuspokus heute, Gram. Wir sind hier, um deinen Geburtstag zu feiern, und nicht, um uns von deiner Zauberei die Sinne vernebeln zu lassen.“

„Wir machen keinen Hokuspokus, sondern unterhalten uns nur“, entgegnete Rachel ärgerlich. Musste Holly ausgerechnet jetzt dazwischenfunken, wo es spannend wurde?

Phoebe stand auf und lächelte. „Na kommt, ihr beiden, schneiden wir die Torte an. Meine Gäste warten bereits.“

Seit seine Frau gestorben war, aß Andrew mittags für gewöhnlich bei ihren Eltern, wenn er Maura von einem Wochenendbesuch dort abholte. Normalerweise unterhielt er sich dann immer angeregt mit ihnen, doch heute schweiften seine Gedanken ständig ab – zu Rachel.

„Andrew?“

Er blickte auf und sah seinen Schwiegervater an. „Ja?“

„Reichst du mir bitte mal die Soße?“

„Natürlich, gern.“

So ging es schon die ganze Zeit. Andrew bemühte sich, den beiden zuzuhören, aber es gelang ihm einfach nicht. Als sie schließlich mit dem Essen fertig waren, gab Carol ihm einen Briefumschlag.

„Was ist das?“

„Eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier, für Maura.“

„Die ist von Jolene“, erklärte Maura eifrig. „Sie hat nächste Woche Geburtstag, und am Samstag feiert sie.“

Andrew wusste, dass Jolene die Enkelin der Haushälterin seiner Schwiegereltern war, die im Haus nebenan wohnte. Maura hatte sich im letzten Sommer mit dem Mädchen angefreundet, was Carol jedoch nicht so recht zu passen schien, weil sie wohl der Meinung war, die Enkelin einer Haushaltshilfe sei nicht der richtige Umgang für Maura.

„Ich darf doch auf die Party, Daddy, oder?“

Andrew überlegte kurz. „Hm, da muss ich erst in meinen Terminkalender schauen, ob das geht.“

„Sie kann am nächsten Wochenende auch bei uns übernachten, wenn du keine Zeit hast“, bot Carol an.

Doch Andrew schüttelte den Kopf, denn er wollte nicht, dass Maura zwei ganze Wochenenden hintereinander weg von zu Hause war. „Danke, das ist nett von euch, aber wir kriegen das schon hin.“

Zu Hause angekommen, steckte Andrew seine kleine Tochter zuerst in die Badewanne, und nach dem Zähneputzen las er ihr noch eine Gutenachtgeschichte vor. Dann deckte er sie liebevoll zu, gab ihr einen Kuss und knipste das Licht aus.

Andrew genoss das Zusammensein mit Maura sehr, aber dennoch fühlte er sich häufig einsam. Ruhelos ging er ins Wohnzimmer, schenkte sich einen Scotch ein und setzte sich dann auf die Couch.

Ihm fehlte einfach eine Frau, mit der er seine Abende verbringen konnte. Eine Frau, die nicht nur das Bett, sondern auch das Leben mit ihm teilte. Ob das vielleicht Rachel sein könnte? Andrew dachte an ihr Lächeln, das sein Herz erwärmte, und an ihren sexy Körper …

„Daddy?“

Maura öffnete die Tür und streckte den Kopf herein.

„Was ist, mein Schatz, kannst du nicht schlafen?“

Das kleine Mädchen kam zu ihm getappt und setzte sich dann auf seinen Schoß. „Ich muss dir noch was sagen.“

„Was denn?“

„Ms Patterson …“ Maura biss sich auf die Lippe. „Sie hat … für dich was in mein Heft geschrieben.“

Andrew unterdrückte einen Seufzer. Schon seit geraumer Zeit gab es mit Maura in der Schule einige Probleme, und vor zwei Wochen war er sogar angerufen worden, weil sie einem Klassenkameraden die Nase blutig geschlagen hatte. Ms Patterson, die Klassenlehrerin, hatte gemeint, sie würde durchaus verstehen, dass es schwer für Maura sei, ohne Mutter aufzuwachsen, und dass es sicher gut für das Mädchen wäre, wenn es mehr Kontakt zu weiblichen Personen hätte. Andrew hatte den Wink mit dem Zaunpfahl sofort verstanden und sich höflich, aber bestimmt von Ms Patterson verabschiedet.

„Was hast du denn angestellt?“, erkundigte er sich. „Hast du Tyler Buckle schon wieder verdroschen?“

„Ich hab ihn nicht verdroschen, ich hab ihm bloß eins auf die Nase gegeben, weil er mich geärgert hat.“

„Das spielt keine Rolle, Maura. Man löst Konflikte nicht mit Schlägen.“

„Aber er hat Waisenkind zu mir gesagt.“

Andrews Herz zog sich zusammen, denn es ging immer wieder um das gleiche Thema. „Was nur zeigt, dass er keine Ahnung hat, was ein Waisenkind überhaupt ist.“

„Aber ich weiß es, und ich bin ein halbes Waisenkind. Ich hab nur einen Daddy, aber keine Mummy, ich kann mich kaum an sie erinnern.“

„Ich weiß, mein Schatz.“ Andrew strich Maura zärtlich übers Haar. Es tat ihm jedes Mal weh, wenn sie dieses Thema ansprach. Er gab zwar viele Fotos von Nina in der Wohnung, doch das war natürlich kein Ersatz.

„Krieg ich denn irgendwann mal wieder eine Mummy?“

Mit dieser Frage hatte Andrew schon gerechnet, denn Maura hatte ihm erzählt, dass ihre beste Freundin Kristy bald einen neuen Vater bekam.

„Ich weiß es nicht“, antwortete er ehrlich. „Man kann sich eine neue Mummy nicht einfach so aussuchen wie ein Spielzeug aus dem Laden, weißt du?“

Maura nickte. „Klar. Dazu müsstest du zuerst mal eine Frau finden, die dir gefällt. Und wenn du sie dann heiratest, ist sie meine neue Mummy.“

Andrew lächelte. „So ungefähr.“

„Gefällt dir Ms Patterson?“

Nein, hätte Andrew fast gesagt, obwohl die junge Lehrerin wirklich alles andere als hässlich war. Sie war nur einfach nicht sein Typ. Dafür gab es eine andere, die Andrew mehr als attraktiv fand – Rachel, mit ihren schönen blauen Augen und dem seidig glänzenden langen Haar.

„Nicht so gut wie Rachel“, sagte er, ohne groß darüber nachzudenken.

Maura sah ihn überrascht an. „Rachel? Wer ist denn das?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Saison Band 29" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen