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JULIA SAISON BAND 19

STACY CONNELLY

Die schönste Braut bist du!

Nur noch wenige Tage bis zur glamourösen High-Society- Wedding: Hochzeitsplanerin Kelsey Wilson steht vor dem wichtigsten Job ihres Lebens. Wozu leider auch gehört, dass sie Connor McClane, den Ex der Braut, in Schach hält. Ein motorradfahrender Traummann, dem die Herzen aller Frauen zufliegen. Leider auch das der Braut – und sogar Kelseys …

CARA COLTER

Lass dieses Glück für immer sein

Liebe ist nur ein Märchen, glaubt Self-Made Millionär Houston Whitford. Aber als er Molly begegnet, ist er sich plötzlich nicht mehr so sicher. Denn sie trägt ein bezauberndes Brautkleid – und sie fleht ihn an, den Reißverschluss zu öffnen, der sich verfangen hat. Als seine Hände ihre warme Haut berühren, fährt ein Blitz durch sein vorsichtiges Herz …

AMANDA BERRY

Cinderella sagt Ja

Die schüchterne Natalie ist unendlich viel liebenswerter und verführerischer als jede andere Frau, die Hollywoodstar Chase Booker jemals gedatet hat. Am liebsten würde er sie neben sich haben – als seine Braut vor dem Altar. Wenn Natalie ihm in einer schwachen Stunde nur nicht gestanden hätte, dass ein Leben im Rampenlicht für sie niemals in Frage kommt …

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Die schönste Braut bist du!

1. KAPITEL

Ich kann nicht glauben, dass ich das hier tue.

Kelsey Wilson hastete in Rock und Pumps durch das Flughafengebäude. Die übergroße Handtasche schlenkerte bei jedem Schritt hin und her. Eine Locke ihres roten Haars hatte sich unter dem Schulterriemen verfangen. Sie hatte das Gefühl, jemand würde sich in ihrem Haar festkrallen. Um sie von der Aufgabe abzuhalten, die sie zu erledigen hatte.

Deine Familie zählt auf dich, Kelsey, hörte sie die Stimme ihrer Tante. Du weißt, was passieren kann, wenn eine Frau sich in den falschen Mann verliebt.

Kelsey brauchte Tante Charlenes Ermahnung nicht. Schließlich hatte sie ihre eigene Mutter als schlechtes Vorbild.

Olivia Wilson, Kelseys Mutter, hatte alles für einen Mann aufgegeben, der sie dann sitzen ließ. Sie war gerade achtzehn, als sie Donnie Mardell – Kelseys Vater – traf. Donnie hatte Olivia ewige Liebe geschworen und ihr den Himmel auf Erden versprochen. Und sie hatte ihm jedes Wort geglaubt. Als ihr Vater sie vor die Entscheidung stellte, zwischen Donnie und ihrer Familie zu wählen, hatte sie sich für Donnie entschieden. Für Olivia war es die große Liebe, aber für Donnie ging es nur ums Geld. Als die Wilsons ihm Bares anboten, damit er die Stadt verließ, hatte er es genommen, ohne sich weiter um Olivia und das ungeborene Kind zu kümmern.

Kelseys Cousine Emily dagegen hatte sich den Richtigen ausgesucht. Sie war mit Todd Dunworthy verlobt, dem einzigen Sohn einer reichen Familie aus Chicago. Er hatte sich in Scottsdale niedergelassen, um ein eigenes Unternehmen aufzubauen und sein ohnehin schon beachtliches Vermögen zu vergrößern. Todd sah gut aus und war charmant. Der Traum von einem Schwiegersohn für Tante Charlene.

Kelsey hatte die letzten zwei Monate rund um die Uhr gearbeitet, um die perfekte Hochzeit zu organisieren. Das Kleid, die Blumen, die Musik, die Torte – jedes Detail war aufeinander abgestimmt. Kelsey wusste, wie diffizil das Ganze war: Ging auch nur eine Kleinigkeit schief, konnte alles auseinanderbrechen. Und das durfte auf keinen Fall passieren.

Diese Hochzeit musste einfach gelingen. Kelseys Ruf hing davon ab. Sie hoffte, die Hochzeit ihrer Cousine würde das Highlight, das ihr Geschäft ankurbelte. Und sie war sich dessen so sicher, dass sie bereits einen Großteil ihres Ersparten in einen kleinen Laden in Glendale investiert hatte. Dieser Schritt hatte ihre Zuversicht gestärkt. Denn schließlich waren ihre Tante und ihr Onkel gut situierte und einflussreiche Leute mit ebenso wohlhabenden Freunden. Wenn ihre Arbeit bei den Hochzeitsgästen Anerkennung fand, dann würde ihre Firma Weddings Amour so richtig in Schwung kommen.

Noch wichtiger war, dass ihre Tante und ihr Onkel mitbekamen, dass auch sie erfolgreich sein konnte. Dass sie nicht nur die arme Verwandte war, die sie bei sich aufgenommen hatten. Sie war sechzehn gewesen, als ihre Mutter starb. Und Kelsey hatte erfahren, dass Olivia kein Einzelkind war, wie sie zuvor geglaubt hatte. Ihre Mutter hatte einen älteren Bruder, eine Schwägerin und zwei Nichten. Wildfremde Menschen, die mit einem Mal Kelseys einzige Familie waren.

Versprich mir, dass du immer aufrecht durchs Leben gehst, hatte die Mutter Kelsey zugeflüstert, nur Tage bevor sie starb. Ihr Gesicht war blass und ausgezehrt, ihr blondes Haar ausgefallen, aber in ihren Augen leuchtete noch der Stolz, mit dem sie ihre Familie verlassen hatte, als sie mit achtzehn schwanger war. Du magst zwar nicht als eine der reichen Wilsons aufgewachsen sein, aber du wirst ihnen beweisen, dass du deine Qualitäten hast.

Unter Tränen hatte Kelsey ihrer Mutter das Versprechen gegeben. Sie hatte keine Vorstellung, wie schwierig, ja fast unmöglich es werden würde.

Nun endlich, nach acht Jahren, hatte sie die Gelegenheit, ihr Versprechen einzulösen. Als Hochzeitsplanerin hatte Kelsey ihre Nische gefunden. Sie war gut organisiert, tüchtig und gewissenhaft. Das Leben hatte sie geschult. Sie hatte die ganze Zeit die Arztbesuche ihrer Mutter koordiniert, sich um ihre Medikamente und die Versicherungen gekümmert. Ihr ganzes Organisationstalent kam ihr nun zugute, wenn sie sich mit Lieferanten, Musikern, Fotografen und gelegentlich durchgedrehten Bräuten herumschlagen musste.

Dass Emily nun vor den Altar treten würde, bedeutete Kelsey mehr als alle Hochzeiten davor. Aber bevor Emily ihr Jawort geben konnte, hatte Kelsey noch ein unerwartetes Problem zu lösen.

Und das Problem hieß Connor McClane.

Kelsey kramte aus ihrer Handtasche ein Foto hervor, mit welligen Rändern und geknickten Ecken. Das Bild sei zehn Jahre alt, hatte ihre Tante gemeint, doch Kelsey wusste eine andere Erklärung für den Zustand des Fotos. Wie oft hatte Emily es sich wohl angesehen und darüber gegrübelt, was gewesen wäre, wenn …

Kelsey hatte Emilys Exfreund nie kennengelernt. Er war nicht gerade ein Chorknabe – der Schnappschuss von ihm sprach Bände. Connor lehnte an einem Motorrad, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Lederstiefel, enge Jeans und ein T-Shirt, das sich über seiner muskulösen Brust spannte. Mit verschränkten Armen blickte er trotzig in die Kamera. Das zerzauste Haar, der Dreitagebart und die verspiegelte Sonnenbrille vervollständigten den Gesamteindruck.

Kelsey konnte dem Bild alles entnehmen, was sie über Connor wissen musste – mit Ausnahme der Farbe seiner Augen. Der Mann war ein Taugenichts, ein ebenso schlimmer Finger, wie es Donnie Mardell gewesen war. Das spürte Kelsey sofort. Genau, wie sie auch wusste, dass Connor allein schon nur vom Foto her besser aussah als jeder andere Mann, der ihr im Leben je begegnet war.

Sie stopfte das Foto in die Handtasche zurück und eilte hinüber in den Wartebereich der Ankunftshalle, wo sie jeden Mann musterte. Connor müsste jetzt neunundzwanzig sein, dachte sie, vier Jahre älter als sie. Insgeheim hoffte Kelsey, dass er sichtbar gealtert war oder wenigstens vorzeitig Haar verloren hatte.

Ein Bierbauch. In Gedanken kreuzte sie die Finger. Bitte, lass ihn einen Bierbauch haben.

Doch beim Anblick des dunkelhaarigen Mannes, der lässig den Gang heruntergeschlendert kam, begann ihr Herz zu klopfen. Ihre Hoffnung war dahin – keine Spur von Übergewicht, Alter oder Haarausfall. Nur pure Männlichkeit. Ihr Mund wurde trocken.

Das Foto von Connor McClane war zum Leben erwacht. Das T-Shirt, das seinen Oberkörper betonte, die verwaschenen Jeans, die Stiefel, die Sonnenbrille, die seine Augen verbarg – jedes Detail war wie auf der alten Fotografie.

Kelsey versuchte zu schlucken. Einmal, zweimal. Dann gab sie es auf und fragte krächzend: „Mr McClane?“

„Ja?“ Er blieb stehen und schaute sie an. Kelseys einziger Gedanke war, dass sie immer noch nicht wusste, welche Farbe seine Augen hatten. Braun vielleicht? Das würde zu seinem dunkelbraunen Haar und seiner Sonnenbräune passen. Oder doch blau? Als lebendiger Kontrast zu der Farbe seines Haars.

Er hob eine Augenbraue, was sie daran erinnerte, dass sie ihm eine Antwort schuldete. Ein Hitzeschwall ließ ihre Wangen erröten. „Also, Mr McClane …“

„Ja, das bin ich. Und wer sind Sie?“

„Mein Name ist Kelsey Wilson.“

Er warf ihr ein Lächeln zu, das ihren Puls hochjagte. Er neigte den Kopf, und sie spürte, wie er sie musterte. Ihr rotes Haar, das sie kaum bändigen konnte, die Sommersprossen, die sie versuchte zu verbergen, und das eine oder andere Kilo, das sie mit dem khakifarbenen Rock und der weiten Hemdbluse kaschierte.

Kelsey war nicht nach Lächeln zumute.

Hätte sie geahnt, mit was ihre Tante sie da beauftragt hatte, dann hätte sie sich etwas anderes angezogen. Der Gedanke, was Emily vermutlich getragen hatte, wenn sie sich mit ihrem Exfreund traf, geisterte Kelsey durch den Kopf.

„Da schau einer an.“ Connor stand einfach im Gang und ließ sich von den Menschen, die um ihn herumwuselten, nicht stören. „Die Wilsons schicken ein Empfangskomitee. Hätte ich gewusst, dass man mich so begrüßt, dann wäre ich schon früher gekommen.“

„Das bezweifele ich“, murmelte Kelsey.

Connor McClane hatte seine Rückkehr perfekt getimt, genau richtig, um Emilys Hochzeit zu stören. Tante Charlene war sich dessen sicher. Kelsey wusste nur, dass sich ihre Cousine seinetwegen um ein Haar ihre Zukunft verbaut hätte.

„Unterschätzen Sie Ihre Reize nicht“, sagte er. Ihr war so, als würde er ihr hinter den verspiegelten Brillengläsern zuzwinkern.

Kelsey straffte die Schultern. „Meine Reize stehen hier nicht zur Debatte. Ich bin hier, um …“

Ihn von Emily fernzuhalten. Ist mir völlig egal, wie du das anstellst, Kelsey, aber halt diesen Menschen von meiner Tochter fern!

„Um was, Kelsey Wilson?“

Seine rauchige Stimme ließ ihren Namen wie eine Verführung klingen. Auf einmal musste sie an alles Mögliche denken, das rein gar nichts mit der Bitte ihrer Tante zu tun hatte. Oder vielleicht doch? Wie weit sollte sie ihrer Tante nach denn gehen, um Connor von Emily abzulenken?

„Sie vom Flughafen abzuholen“, antwortete sie zuckersüß. „Dahinten geht es zur Gepäckausgabe.“

Connor warf sich seine seesackähnliche Tasche über die Schulter. „Ich hab alles dabei.“

Angesichts der ausgebeulten Tasche fragte sich Kelsey, wie ein Anzug solch sorglosen Umgang überstehen könnte. Oder hatte er vor, in Jeans und Lederjacke auf dem Motorrad vor der Kirche vorzufahren, genau so, wie er die Stadt vor zehn Jahren verlassen hatte?

„Viel ist es ja nicht. Sie bleiben wohl nicht lange?“

Etwas in ihrer Stimme hatte ihre aufflammende Hoffnung verraten, denn Connor grinste. Er rückte die Tasche zurecht und marschierte mit großen Schritten den Gang hinunter, sodass Kelsey rennen musste, um ihn einzuholen.

„Ich bleibe, so lange es nötig ist.“ Er warf ihr einen Seitenblick zu. „Aber das wird wohl nur ein paar Tage dauern.“

Ein paar Tage? Kelsey atmete tief durch, teils, um Luft zu holen, teils, um Mut zu sammeln. „Ein paar Tage, um was zu tun?“

„Um Emily davor zu bewahren, den Falschen zu heiraten.“

Connor hatte nicht gewusst, was ihn erwartete, als er aus dem Flugzeug stieg. Er hatte Emily seine Ankunftszeit in der Hoffnung mitgeteilt, dass sie ihn am Flughafen treffen würde. Er wollte einfach nur in Ruhe mit ihr reden, fernab ihrer Familie. Eigentlich hatte er damit gerechnet, am Gate den gesamten Wilson-Clan stehen zu sehen, aufgereiht wie ein Erschießungskommando. Aber auf solch einen zierlichen Rotschopf war er nicht vorbereitet. Und er hätte auch nie angenommen, dass die Familie Wilson eine solche Schönheit hervorbringen könnte.

„Also, wer sind Sie jetzt noch mal?“ Er stellte fest, dass sie gar nicht mehr an seiner Seite war, und drehte sich um.

Kelsey war mitten im Gang stehen geblieben. Verblüfft starrte sie ihn mit ihren braunen Augen an, ihr Mund stand auf anziehende Weise leicht offen. Sie war so gar nicht nach den anderen Wilsons geraten, was seine Neugier nur anstachelte. Er konnte sich nicht vorstellen, wie sie in die vornehme Gesellschaft, die die Wilsons so liebten, hineinpasste. Genauso wenig wie er selbst. Sie erschien ihm wie eine Außenseiterin, die nicht wirklich zur Familie gehörte.

Ihre Blicke trafen sich, und für einen Moment schien es, als würde sie etwas Gemeinsames verbinden. Er schob den Gedanken beiseite und ging zu ihr zurück. „Was ist denn?“

Ihre Wangen waren so stark errötet, dass man kaum noch ihre Sommersprossen erkennen konnte. „Sie können nicht ernsthaft glauben, nach zehn Jahren zurückzukommen und einfach da weiterzumachen, wo Sie aufgehört haben! Sie haben damals nicht zu Emily gepasst, und Sie passen auch heute nicht zu ihr.“

Wie sehr sie ihn auch beleidigte, in ihrer Ausdrucksweise hielt sie sich zurück. Aber sie irrte sich. Es war nicht so, dass er an der alten Beziehung wieder anknüpfen wollte. Er hatte genug Fehler gemacht, und davon wollte er keinen wiederholen. Wie etwa die Annahme, er und Emily hätten noch eine Chance. Sie hatte damals nur jemanden gebraucht, mit dem sie dem Leben, das ihre Eltern für sie vorgeplant hatten, entfliehen konnte. Und er war naiv genug gewesen, zu glauben, dass er ihr Retter sein könnte.

Inzwischen wusste Connor es besser. Er konnte niemanden retten.

Aber Kelseys Bemerkungen hatten alte Wunden wieder aufgerissen. Dieser Nichtsnutz. Ein Versager. Ein Rowdy. Das war Gordon Wilsons Reaktion gewesen, als er herausfand, dass sich seine jüngste Tochter heimlich mit Connor traf. Er kannte sich mit solchen Wutausbrüchen ganz gut aus, weil ihn sein eigener Vater als Kind ständig angebrüllt hatte. Daher konnte er Emilys Vater selbstbewusst gegenübertreten.

Charlene Wilsons knapper, beherrschter Kommentar hatte ihn viel mehr erschüttert. „Von klein auf hat Emily immer nur das Allerbeste gekriegt“, hatte sie ihm eisig verkündet. „Wir haben ihr die Welt zu Füßen gelegt. Was kann jemand wie Sie ihr da schon bieten?“

Er wollte ihr Freiheit bieten, die Chance, auf eigenen Füßen zu stehen und nicht das tun zu müssen, was ihre Familie erwartete. Hätte jemand seiner Mutter diese Möglichkeit gegeben, so hätten sich die Dinge anders entwickelt. Und vielleicht wäre sie immer noch am Leben.

Aber Emily traf ihre Wahl und entschied sich gegen ihn. Sie ging den leichteren Weg. Was er vermutlich auch getan hätte, wenn er darüber nachdachte. Schuldgefühle stiegen in ihm hoch. Aber diesmal würde er nicht versagen. Er war gekommen, um Emily zu helfen. Ganz gleich, was diese kesse Rothaarige, die sich wie eine Barrikade vor ihm aufgebaut hatte, auch dachte.

„Wer immer Sie sind, Sie haben mich damals nicht gekannt, und Sie kennen mich auch jetzt nicht. Also erlauben Sie sich bitte kein Urteil über mich.“

Er beugte sich zu ihr herunter und senkte die Stimme, weil er keine Aufmerksamkeit erregen wollte. Nichtsdestotrotz klangen seine Worte herausfordernd – und verführerisch. Er stand nahe genug, um einen Hauch von Zimt an ihrer Haut wahrzunehmen. Sie wurde ein bisschen blass, was ihre Sommersprossen deutlich zum Vorschein brachte, und er spürte den Drang, die kleinen Punkte spielerisch anzutippen. Doch er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans. Wie würde Kelsey wohl reagieren, wenn er sie berühren würde? Würde sie vor Schreck zusammenzucken? Oder würde er in ihren braunen Augen eine gewisse Erwiderung sehen?

Im Moment sah sie jedoch verärgert aus. „Ich weiß alles, was es zu wissen gibt. Sie tun Emily nicht gut.“

„Offenbar hat Charlene Wilson Sie ganz schön aufgehetzt.“

„Tante Charlene hat mich gar nicht aufgehetzt.“

Tante Charlene also. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass Emily eine Cousine erwähnt hatte, aber sie hatten auch nicht viel Zeit damit verbracht, über den Stammbaum ihrer Familie zu reden. „Komisch, Sie hören sich genauso an wie sie.“

„Vermutlich, weil wir beide Emily beschützen wollen.“

Er rückte die Tasche auf seiner Schulter zurecht und marschierte in Richtung des Parkhauses. „Das will ich auch.“

„Okay.“ Kelsey bemühte sich, mit ihm Schritt zu halten, wo­rauf Connor sein Tempo verlangsamte. „Und vor wem wollen Sie sie beschützen?“

„Vor ihrer Mutter. Aber vor allem vor Todd.“

„Vor Todd? Das ist doch lächerlich. Er liebt Emily.“

Ja, klar. Connor hatte erlebt, was ein Mann einer Frau antun konnte – angeblich aus Liebe. Er hatte es hilflos mit ansehen müssen und konnte nichts dagegen unternehmen … Schnell verdrängte er die Gedanken an seine Mutter und an Cara Mitchell. „Todd ist nicht der Sonnyboy, für den ihn die Wilsons halten. Der Kerl wird noch für Kummer sorgen.“

„Und woher wissen Sie das?“ Kelseys Tonfall klang herausfordernd. Sie traten in die Mittagssonne hinaus. Autoabgase und Gehupe begleiteten die glühende Hitze. „Mein Wagen steht da hinten.“

Connor folgte Kelsey zu den Kurzzeitparkplätzen. „Das habe ich von der ersten Sekunde an gemerkt.“

Sie blieb so abrupt stehen, dass er sie fast umrempelte. Als sie sich umdrehte, streifte ihre Schulter kurz seine Brust. Der alberne Gedanke, dass sie perfekt in seine Arme passen könnte, schoss ihm durch den Kopf.

Misstrauisch blickte sie ihn an. „Sie kennen Todd doch gar nicht.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Weil Emily mir davon erzählt hätte.“

Trotz ihrer Worte bemerkte Connor einen Hauch von Zweifel in ihrem Gesicht. Sie gingen zu einem viertürigen grauen Wagen hinüber. Ihr schlichtes Auto und ihre unscheinbare Aufmachung ließen bei Connor den Eindruck entstehen, dass sie am liebsten auch unsichtbar wäre.

Aber er hätte ebenso wetten können, dass ihr schimmerndes Haar, das sie zu einem Knoten gebunden trug, länger und unbändiger war, als es den Anschein hatte. Ebenso wie sie offenbar versuchte, durch die unförmige Kleidung ihre sicherlich bewundernswerten Formen zu verbergen.

„Wenn Emily Ihnen alles erzählt hat, dann wissen Sie sicher auch, dass sie mit Todd vor ein paar Wochen in San Diego war.“ Kelsey nickte, und er fuhr fort. „Ich habe mich dort mit ihnen getroffen. Zum Essen. Hat Ihnen Emily das nicht gesagt?“

„Äh … nein“, gab Kelsey unwillig zu.

„Da frage ich mich, warum nicht? Sie nicht auch?“

Nicht dass es da viel zu erzählen gäbe. Aber das musste sie ja nicht so genau wissen.

Nachdem er damals Scottsdale verlassen hatte, hätte er nie gedacht, Emily jemals wiederzusehen. Aber als ihm zu Ohren gekommen war, dass sie heiraten wollte, schien es ihm wichtig zu sein, sie zu sehen und ihr zu gratulieren. Um so mit der Vergangenheit ein für alle Mal abzuschließen. Nie hätte er damit gerechnet, dass Emily ihn einladen würde, sie und ihren Verlobten zu besuchen, während sie in Kalifornien Urlaub machten. Er hatte sich darauf eingelassen – in der Hoffnung, so seine Schuldgefühle loszuwerden. Nach alldem hatte Emily endlich ihren Traummann gefunden, und vielleicht war es daher ja auch gut so, dass er sie damals verlassen hatte.

Als Connor dann jedoch Emily in San Diego traf, hatte er gesehen, dass Emily weder erwachsen und frei war noch ihren Platz im Leben gefunden hatte. Stattdessen bemerkte er in ihrem Blick Verzweiflung. Die gleiche Verzweiflung, die in ihren Augen stand, als sie sich das erste Mal begegnet waren. Und diesen Blick konnte und wollte er nicht vergessen.

Kelsey umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen und blickte starr auf die Straße. Aber sie war sich viel zu sehr bewusst, dass Connor neben ihr saß, um auf die Umgebung zu achten. Die Klimaanlage blies den Duft seines Aftershaves in ihr erhitztes Gesicht – ein Duft, der sie an Sonne, Strand und Meer erinnerte. Bei seiner Körpergröße passte er kaum auf den Beifahrersitz des kleinen Wagens. Schon zwei Mal hatte sein Arm den ihren gestreift, und jedes Mal begann ihr Puls schneller zu schlagen.

„Ich fasse nicht, wie sich diese Stadt entwickelt hat. Diese ganzen neuen Autobahnen und Siedlungen …“ Er beugte sich vor, um ein Straßenschild besser lesen zu können. „Nehmen Sie die Abfahrt hier.“

Kelsey fuhr nach seinen Anweisungen und wünschte sich, ihn endlich an seinem Hotel absetzen zu können und damit ihre Aufgabe erfüllt zu haben. Dummerweise ging es nicht nur darum, ihn herumzukutschieren. Connor hatte geradewegs seine Absicht zugegeben, Emilys Hochzeit zu sabotieren. Schaffte sie es nicht, ihn daran zu hindern, dann würde das den Ruin ihres Geschäfts bedeuten. Denn was wäre sie für eine Hochzeitsplanerin, die nicht einmal die Hochzeit ihrer eigenen Cousine zustande bringen könnte?

Bei dem Gedanken verkrampften sich ihre Hände am Lenkrad. „Wo fahren wir eigentlich hin?“

„Die Familie meines Kumpels Javy betreibt hier ein Lokal. Das beste mexikanische Essen, das Sie je gegessen haben.“

„Ich mag kein mexikanisches Essen.“

Er schüttelte den Kopf. „Arme Kelsey. Sie mögen wohl nichts Scharfes?“

Sie hielten an einer Ampel, und Kelsey riskierte einen Blick auf ihn. Er trug immer noch diese dämliche Sonnenbrille, aber sie brauchte seine Augen nicht zu sehen, um seine Gedanken zu erraten. Er war hier, um Emily zurückzuerobern und den Wilsons und dem Rest der Welt zu beweisen, dass man ihn all die Jahre unterschätzt hatte. Und bis es so weit war, konnte er seine Zeit damit verbringen, mit ihr zu flirten.

Kelsey konnte gar nicht sagen, warum der Gedanke für sie so schmerzhaft war. Immerhin war es nicht das erste Mal, dass man probiert hatte, über sie an ihre attraktive, begehrenswerte Cousine heranzukommen.

Die Ampel sprang auf Grün, und Kelsey trat das Gaspedal stärker durch als nötig. „Sagen wir mal so, ich bin ein gebranntes Kind.“

Schweigen setzte ein. Als Connor wieder sprach, klang seine Stimme höflich und ungezwungen und war frei von jedem verführerischen Unterton. „Sie werden den Laden mögen.“ Er grinste. „Ich weiß nicht, wie häufig ich da schon gegessen habe. Señora Delgados Küche ist einfach toll.“

Kelsey wunderte sich über die plötzliche Wärme in seiner Stimme. Etwas sagte ihr, dass Connor nicht nur wegen Tacos und Buritos in Erinnerungen schwelgte. Neugier machte sich in ihr breit, als sie auf den Parkplatz einbogen. Das Lokal sah wie eine klassische Hazienda aus, mit einem flachen Dach und Torbögen vor dem Eingang. Die Wände waren in einem einladenden orangegelben Farbton gestrichen. Lichtergirlanden hingen unter dem Dach der Veranda, und in großen Tonkübeln blühten unzählige Blumen.

Während sie noch sitzen blieb, um alles zu betrachten, war Connor um den Wagen herumgegangen und hielt ihr nun die Tür auf. Erstaunt über seine Manieren, nahm sie ihre Handtasche und ergriff seine Hand. Als sie ausstieg, hoffte sie insgeheim, dass Connor nicht bemerken würde, wie überrascht sie über seine Geste war. Anstatt sie danach loszulassen, hielt er sie weiter fest und führte sie über die bunten Pflastersteine, die einen Weg durch den Vorgarten bildeten. Seine Handfläche fühlte sich warm und männlich an.

Als er die Tür für sie aufhielt, legte er ihr eine Hand auf den Rücken. Ein Schauder durchlief sie. Seine Berührung durchdrang im Nu jede Faser ihres Körpers. Und auf einmal gingen ihr Bilder durch den Kopf, wie er mit der Hand an ihrem nackten Rücken herunterglitt …

Erpicht, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, schaute sie sich in dem Lokal um: ein Dutzend Tische in der Mitte des Raumes, Sitznischen längs der Wände. Der Duft von gebratenen Paprikaschoten und exotischen Gewürzen ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.

„Ganz nett hier, oder?“ Connor deutete auf die in hellen Farbtönen gestrichenen Wände, die Piñatas, die von der Decke baumelten, und die Wandteppiche.

Er nahm die Sonnenbrille ab, um sich umzusehen, und Kelseys Blick war jetzt völlig auf seine Augen gerichtet. Sie waren weder braun noch blau, sondern von einem strahlenden Grün. Sie ließen an Frühling denken, an die Verheißung taubenetzter Wiesen und die ersten frischen Tage, bevor der heiße Sommer begann. Ohne die Brille, die seine Augen verborgen hatte, wirkte Connor viel jünger, viel zugänglicher und viel weniger ruppig.

„Und hat sich hier irgendwas verändert?“

„Nein, alles noch genauso wie früher. So, wie es sein soll.“

Eine junge Frau, die eine rote Bauernbluse und einen Rüschenrock trug, erschien mit den Speisekarten. „Buenas tardes. Ein Tisch für zwei?“

„Sí. Dónde está Señora Delgado?“

Überrascht hörte Kelsey zu, wie sich Connor fließend auf Spanisch unterhielt. Sie verstand zwar kein einziges Wort, aber seine tiefe Stimme ging ihr wie ein warmer Schauer durch Mark und Bein.

Reiß dich zusammen! Connor McClane ist nur aus einem einzigen Grund in der Stadt. Nur, dass sie nicht der Grund war.

Die Kellnerin führte sie zu einer Sitzecke. Kelsey hatte kaum auf der roten Kunstlederbank Platz genommen und einen Blick auf die Karte geworfen, da ertönte auch schon eine laute, männliche Stimme: „Sieh einer an, wen haben wir denn da?“

Ein gut aussehender Mann in weißem Hemd und Khakihosen kam zu ihnen herüber. Connor erhob sich und klopfte ihm kumpelhaft auf den Rücken. „Javy! Schön, dich zu sehen, Mann.“

„Wie läuft’s in L. A.?“

„Ganz gut. Wie geht’s deiner Mutter? Ist sie heute nicht da?“

„Sie hat sich ein bisschen aus dem Geschäft zurückgezogen. Was heißt, dass sie nur noch halb so oft hier ist, um mir in den Hintern zu treten.“ Javy lachte.

„Hätte ich nie gedacht, dass du deine Mutter überreden kannst, kürzerzutreten.“

„Der Laden ist ihr Ein und Alles. Ich weiß immer noch nicht, wie ich dir jemals danken kann.“

„Schwamm drüber. Das ist doch nichts im Vergleich zu dem, was eure Familie für mich getan hat.“

Wie bescheiden er doch wirkt, dachte Kelsey. So hätte sie Connor nie eingeschätzt. Sie konnte in seinem Gesicht nicht die leiseste Arroganz entdecken, eher sah er schuldbewusst aus.

„Kommt gar nicht infrage. Ich finde schon eine Möglichkeit, wie ich mich revanchieren kann“, erwiderte Javy. „Hey, du kannst bei mir unterkommen, solange du hier bist.“

„Danke, aber ich habe ein Zimmer im Hotel gebucht.“

Connor wandte sich an Kelsey. „Javy, ich möchte dich jemandem vorstellen. Javier Delgado, Kelsey Wilson.“

Beim Erwähnen von Kelseys Nachnamen wirkte Javy irritiert, dann warf er Connor einen warnenden Blick zu. „Echt, du lernst es nie, oder?“

Seine Augen strahlten jedoch, und in seinem Gesicht deutete sich ein Lächeln an, als er sich an sie wandte. „Nett, Sie kennenzulernen, Señorita. Passen Sie gut auf den auf. Der ist nämlich nicht halb so tough, wie er selbst glaubt.“

„Das reicht.“ Connor stieß Javy freundschaftlich gegen die Schulter und nahm gegenüber Kelsey Platz. „Wir haben jetzt Hunger. Ich hätte gerne ein paar von den Enchiladas à la Maria.“ Er gab Javy die Karte zurück, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben. „Und was möchten Sie, Kelsey?“

„Weiß noch nicht so recht.“ Die Speisekarte war zweisprachig, in Englisch und Spanisch, aber auch mit Übersetzung hatte sie keine Ahnung, was sie nehmen sollte.

„Dann für sie die Quesadillas mit Huhn und Guacamole und Sour Cream dazu. Und für uns beide Margaritas.“

„Bitte meinen alkoholfrei“, warf Kelsey ein. Es reichte, dass er für sie das Essen ausgesucht hatte. Da musste er nicht auch noch bestimmen, was sie trinken sollte. Vor allem nicht etwas mit jeder Menge Tequila drin, der ihr in den Kopf stieg.

„Zwei Margaritas, einmal mit und einmal ohne“, sagte Connor mit einem Zwinkern, das Kelsey erröten ließ.

„Schon unterwegs.“

Als sein Freund in der Küche verschwand, lehnte sich Connor zurück und ließ den Blick durch das Lokal schweifen. Erinnerungen an alte Zeiten brachten ein Lächeln in sein Gesicht. „Mann, den Laden habe ich echt vermisst.“

„Und warum sind Sie nicht schon mal früher wieder hierhergekommen?“ Kelsey war neugierig, aber eine innere Stimme sagte ihr, sie solle dennoch nicht zu vertraulich werden.

Er zuckte mit den Schultern. „Es gab dafür keinen Anlass.“

„Bis heute. Wo Sie jetzt Emily die Hochzeit verderben wollen.“

Sein Lächeln verschwand. „Zunächst einmal: Es wird gar keine Hochzeit geben. Und wenn es eine gäbe, dann würde ich die nicht verderben. Immerhin bin ich ja eingeladen.“

„Eingeladen?“ Sie war irritiert und verwirrt. „Wer …“ Sie seufzte, als ihr ein Licht aufging. „Was um alles in der Welt hat sich Emily nur dabei gedacht?“

„Vermutlich genau das Richtige.“

Connor griff in seine hintere Hosentasche und zog eine Einladungskarte hervor. Provozierend hielt er sie Kelsey vor die Nase. Sie schnappte sich die Karte, besorgt, was ihre Cousine geschrieben haben könnte. In Emilys Mädchenhandschrift stand dort auf dem cremefarbenen Pergamentpapier:

Bitte nimm die Einladung an. Ich kann mir meine Hochzeit ohne Dich nicht vorstellen.

Herr im Himmel, das war schlimmer, als sie angenommen hatte. Sie hatte ihn ja förmlich gedrängt, hier aufzutauchen. Hoffte sie, dass er ihre Hochzeit verhindern würde? Wie hieß es so schön? Möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen.

„Na schön“, sagte sie in der Hoffnung, die Situation noch entschärfen zu können. „Dann hat Emily Sie halt eingeladen.“

„Das ist keine Einladung, sondern ein Hilferuf.“

„Nein, sie will nur endlich einen Schlussstrich ziehen.“ Sie wusste, dass sie nach einem Strohhalm griff. „Emily führt ihr eigenes Leben und hofft, dass Sie das auch tun.“

Er runzelte die Stirn. „Wie kommen Sie darauf, dass ich das nicht tue?“

„Sind Sie verheiratet? Verlobt? Ist da jemand Ernsthaftes?“, stieß Kelsey hervor. Er schüttelte den Kopf. Kelsey hatte recht, er war noch nicht über Emily hinweg.

Verübeln konnte sie es ihm nicht. Ihre Cousine war in jeder Hinsicht ein wundervoller Mensch. Und aus Erfahrung wusste Kelsey, wie weit ein Mann gehen konnte, um ein Teil von Emilys Leben zu werden.

Behutsam zog Connor ihr die Einladung aus den Fingern. „Ich habe also jedes Recht, hier zu sein.“

Die Kellnerin kam mit den Cocktails, sodass es Kelsey erspart blieb, Connor darauf zu antworten. Er erhob sein Glas. „Auf neue Freundschaften.“

Sie ging auf seine Neckerei ein und stieß mit ihm an. „Und alte Liebschaften?“

Sie hatte gehofft, ihm damit einen kleinen Dämpfer zu verpassen, aber der Schuss ging nach hinten los. Mit einem Lächeln fügte er hinzu: „Vielleicht doch besser: Auf alte Freunde und neue Liebe.“

Sein strahlender Ausdruck ließ sie nicht los, als er noch einmal sein Glas erhob. Ohne den Strohhalm zu beachten, trank er einen Schluck und brummte genießerisch. Der Klang schien wie ein Dröhnen von seinem Körper zu ihrem überzugehen. Ein tiefer Ton, der sie bis ins Mark erbeben ließ.

Er setzte das Glas ab und leckte sich mit der Zungenspitze Tequila, Salz und Limettensaft von der Unterlippe. „Sie wissen gar nicht, was Sie versäumen.“

O doch, sie wusste es. Den Geschmack, von einem Mann geküsst zu werden, den Duft eines Aftershaves auf seiner Haut wahrzunehmen, das Gefühl, einen starken, muskulösen Körper auf sich zu spüren. Wie lange war es her, dass ihr ein Mann den Atem geraubt und sie um den Verstand gebracht hatte? Wie viele Wochen, Monate? Seltsam nur, dass Kelsey diese Dinge nicht vermisst hatte – bis zu dem Augenblick, an dem Connor durch das Flughafengate gekommen war.

„Wollen Sie nicht probieren?“

Sie starrte auf seinen Mund, und für einen Moment stellte sie sich vor, wie sie sich über den Tisch beugte und den Tequila direkt von seinen Lippen kostete …

„Was ist denn?“, fragte er. Das Feuer in seinen Augen zeigte, dass er genau wusste, dass ihr plötzlicher Durst nichts mit den Margaritas zu tun hatte.

Am besten, sie stürzte das ganze Glas in einem Zug herunter, dann würde der Kälteschmerz vielleicht ausreichen, um ihren erhitzten Körper abzukühlen. Sie saugte kräftig am Strohhalm, doch die eiskalte Flüssigkeit zeigte kaum Wirkung. Frozen Drinks ohne Alkohol konnten gegen einen Connor McClane nichts ausrichten.

Dennoch knallte sie das Glas entschlossen auf den Tisch. „Sie können nicht einfach ankommen und sich in Emilys Entscheidungen einmischen. Und es ist egal, dass Sie Todd nicht mögen. Schließlich wollen ja nicht Sie ihn heiraten, sondern Emily. Und was sie möchte, ist das Einzige, was zählt.“

Connor stieß ein lautes Lachen aus. „Na klar doch. Was glauben Sie eigentlich, wie sehr das, was sie wollte, gezählt hatte, als wir beide noch zusammen waren?“

„Das war doch etwas anderes.“

„Genau. Weil ich ja ein Niemand aus der Gosse war und nicht so ein gut situierter Unternehmertyp, mit dem die Wilsons einverstanden waren.“

Ein Niemand aus der Gosse. Kelsey verbarg ihre Bestürzung darüber, wie sehr sie seine Worte getroffen hatten. Was würde Connor denken, wenn er wüsste, dass sie mit ihm mehr gemeinsam hatte als mit ihrer reichen Cousine?

Kelsey schüttelte den Gedanken ab. Ganz gleich, ob sie etwas gemeinsam hatten oder nicht, sie standen auf verschiedenen Seiten.

„Haben Sie jemals bedacht, dass Emilys Eltern besorgt waren, weil sie noch viel zu jung war? Sie hatte gerade erst die Highschool beendet, und sie redete von nichts anderem, als mit Ihnen durchzubrennen.“

Er verzog den Mundwinkel zu einem Lächeln. „Damals war ich vielleicht ein wenig blind dafür, aber mittlerweile habe ich ein paar Dinge gelernt. Emily ist immer ein braves Mädchen gewesen. Nie hat sie ihren Eltern Kummer gemacht. Sie hat nicht geraucht, nicht getrunken, keine Drogen genommen. Tattoos oder Piercings waren nichts für sie.“

„Sicher nicht.“

„Emily hatte dieses ganze Zeug nicht nötig. Sie hatte mich. Die Beziehung mit mir war ihre Art zu rebellieren.“

Kelsey versuchte, einen eingebildeten Unterton bei ihm herauszuhören, aber seine Worte waren frei von jeder Arroganz. Stattdessen nahm sie eine leichte Verbitterung wahr. „Niemand mag es, ausgenutzt zu werden“, murmelte sie. Die Erinnerung an ihren Exfreund stieg in ihr hoch.

Matt Moran hatte sie während der gesamten sechs Monate, die sie miteinander verbracht hatten, hintergangen. Mit seinem zaghaften Charakter und seinem eigenwilligen Sozialverhalten hatte er sie anfangs nicht gerade umgehauen. Aber er schien nett und einfühlsam zu sein und war überdies auch sehr interessiert an ihr.

Nicht für einen Moment hätte sie vermutet, dass er heimlich in ihre Cousine verliebt war und er sie lediglich benutzt hatte, um an Emily heranzukommen. Kelsey konnte daher gut nachempfinden, wie sich Connor gefühlt hatte. Für einen Moment fühlte sie sich mit ihm verbunden, auch wenn sie das nie zugeben würde.

Er schaute sie fragend an, aber sie wollte nicht darauf eingehen. Er sollte keinen Einblick in ihr Inneres haben. „Wogegen hat Emily denn rebelliert?“, wollte sie wissen.

Connor zögerte und antwortete schließlich. „Es ging um die Wahl ihres Colleges. Sie wollte nicht auf diese Privatschule gehen, aber Charlene hat darauf bestanden. Vermutlich sind Sie ebenfalls dorthin gegangen.“

„Bin ich nicht. Ich war auf einer öffentlichen Schule.“ Connor hob eine Augenbraue, und Kelsey wurde nervös. Am Ende wollte er noch wissen, warum ihr Leben ganz anders verlief als das ihrer Cousine. Daher fuhr sie rasch fort: „Und nach ihrem Abschluss dort wollte Onkel Gordon, dass sie sich an einer der Elite-Unis einschreibt. Das wollte sie nicht, aber ihre Eltern hatten einfach das Sagen.“

Aus seinem Gesicht waren das Lächeln und sein spöttischer Blick verschwunden. Kelsey spürte in ihrem Bauch ein unruhiges Gefühl. Wusste Connor etwas über Todd, wodurch er die Hochzeit verhindern konnte? Etwas, was Kelseys Träume, Erfolg zu haben und sich vor den Augen ihrer Familie zu beweisen, zunichtemachen konnte?

„Emily hat mich gebeten zu kommen, weil ihre Eltern sie zu dieser Heirat zwingen. Sie sieht nur einen Weg, da rauszukommen. Sie will, dass ich die Hochzeit verhindere.“

„Was für ein Unsinn. Wissen Sie, dass Emily gerade bei der Anprobe ihres Hochzeitskleids ist? Und dass wir morgen ins Hotel fahren, um dort letzte Vorbereitungen für den Empfang zu treffen? Sie liebt Todd und möchte mit ihm ihr Leben verbringen.“

Er beugte sich herausfordernd vor. „Wenn Sie recht haben, und Emily ist so verrückt nach ihm, dann brauchen Sie sich ja meinetwegen keine Sorgen zu machen.“

Kelsey wusste, dass sie jeden Grund hatte, sich Sorgen zu machen. Denn am Abend des College-Abschlussballs, nachdem Emily kunstvoll frisiert und meisterhaft geschminkt worden war und ein wunderschönes Kleid trug, hatte sie den von ihren Eltern ausgewählten Begleiter einfach stehen lassen – um mit Connor auf seinem Motorrad davonzubrausen.

Jetzt, da Kelsey Connor kennengelernt hatte, verstand sie, wie er ihre Cousine herumgekriegt hatte. Mit seinem Aussehen, seinem Charme und seiner ausgesprochen maskulinen Ausstrahlung – wie konnte eine Frau da lange widerstehen?

Und daher fragte sich Kelsey, ob Emily möglicherweise nicht die einzige Frau war, um die sie sich Sorgen machte musste.

2. KAPITEL

„Ehrlich, Kelsey, warum klingelst du denn?“, begrüßte sie Aileen, als sie ihr die Haustür öffnete. Sie zog Kelsey am Arm in den Hausflur.

„Ich wohne ja schließlich nicht mehr hier“, erinnerte Kelsey ihre Cousine.

Aileen verdrehte die Augen. „Du hast immer geläutet. Selbst als du noch hier gewohnt hast.“

„Stimmt gar nicht“, widersprach Kelsey und wurde rot. Ihre Cousine hatte sie nur necken wollen, aber ganz falsch lag sie nicht. Kelsey hatte sich in dem Haus ihrer Tante und ihres Onkels in Scottsdale nie richtig wohlgefühlt, mit einem Leben zwischen Country Club und Golfplatz. Bevor sie bei ihren Verwandten eingezogen war, war ihr Zuhause eines von vielen billigen Miet­apartments gewesen. Sie vermisste die kleinen, aber gemütlichen Wohnungen, in denen sie und ihre Mutter gelebt hatten.

„Ich wollte nicht einfach so reinplatzen.“

„Nicht dein Ernst. Wir alle brennen doch darauf, zu erfahren, wie es gelaufen ist. Hast du Connor abgeholt? Sieht er noch aus wie früher?“

Kelsey ignorierte die Fragen. „Wo sind Emily und Tante Charlene?“

„Emily ist bei der Anprobe.“

„Das Kleid würde ich zu gerne mal sehen.“ Eine Freundin von Kelsey war Modedesignerin und hatte das Kleid für Emily genäht. Bisher hatte Kelsey allerdings nur Entwürfe und Stoffmuster zu Gesicht bekommen.

„Glaub nicht, dass du dich einfach verdrücken kannst, ohne mir jede Kleinigkeit zu erzählen. Ich will alles wissen.“ Emilys große Schwester hob die Augenbrauen. „Wo hast du ihn abgeladen?“

„In einem Restaurant“.

„Und jetzt ist er alleine?“

„Was sollte ich tun? Mit ihm zu seinem Hotel fahren und fragen, ob ich mit hochkomme?“

„Das hätte es einfacher gemacht, ihn im Auge zu behalten.“

„Aileen!“

Aileen machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand. „Das war doch nur ein Scherz. Und er hat ja auch kein Auto, oder?“

„Das hält den doch nicht ab. Weißt du noch, als man ihn einmal eingebuchtet hat, weil er sich für eine Spritztour ein Auto ‚ausgeborgt‘ hatte?“ Sie war nicht dabei gewesen, aber ihre Tante hatte sich noch lange über Connors Sünden aufgeregt, selbst als er schon lange die Stadt verlassen hatte.

„Denkst du, er ist immer noch in kriminelle Machenschaften verstrickt?“

„Keine Ahnung.“ Kelsey unterdrückte die Stimme in sich, die eine solche Idee strikt verneinte. Dass sie so instinktiv Connor verteidigen wollte, beunruhigte sie. Sie sollte ihn doch aufhalten und sich nicht für ihn einsetzen.

„Besser, du findest das raus“, sagte Aileen auf dem Weg zum Arbeitszimmer. Der Raum mit den Bücherregalen, Ledersesseln und MahagoniMöbeln war das Reich ihres Onkels, aber auch hier hatten die Vorbereitungen für die Hochzeit Einzug gehalten. Stapelweise lagen Fotoalben auf dem Couchtisch.

„Warum ich?“

„Du willst doch Emily helfen, oder?“

„Natürlich.“

„Und du wünschst dir sicher auch, dass die Hochzeit perfekt wird?“ Aileen kannte die Antwort darauf und wartete Kelseys Reaktion erst gar nicht ab. „Ich weiß ja, dass Mama zu Übertreibungen neigt, aber nicht, wenn es um Connor geht. Mich würde es nicht überraschen, wenn er wieder versucht, Emily zu entführen. So wie damals. Also, lass dich nicht von ihm täuschen.“

Das hatte Connor gar nicht nötig, sie zu täuschen. Er schien sich so sicher darin, die Hochzeit verhindern zu können, dass es ihm egal war, ob man seine Absichten kannte.

Aileen ging zum Couchtisch und nahm einen Stapel Fotos in die Hand. „Das sind die Bilder, die Mutter auf dem Empfang zeigen möchte.“

„Danke.“ Kelsey warf einen Blick auf die Schnappschüsse aus dem Leben ihrer Cousine. Auf allen Bildern war ihr Haar stets makellos in Ordnung. Auf keinem hatte sie irgendeinen Pickel. Und selbst mit geflochtenen Zöpfen und Zahnspange sah Emily bezaubernd aus. Kelsey verstaute die Fotos in ihrer Handtasche. „Lass uns mal nachsehen, was Emily macht.“

Emily stand mitten in ihrem Schlafzimmer mit dem Himmelbett und den Möbeln im Landhausstil. Sie streckte die Arme seitlich aus, während die Schneiderin die mit Perlen bestickte Korsage absteckte, damit sie perfekt saß. Das Make-up betonte ihre großen blauen Augen, die makellosen Wangenknochen und den lächelnden Mund.

„Was meinst du, Mom? Ob Todd das gefällt?“ Emily beugte sich vor, um den Sitz des Kleides zu überprüfen.

„Aber sicher doch. Audra ist eine tolle Designerin. Sie hat das Kleid ganz speziell für dich entworfen. Ist es nicht ein Traum?“, fragte Tante Charlene.

Charlene Wilson war zwar nicht von solcher Schönheit wie ihre Töchter, aber sie war eine schlanke und aparte Frau, die mit ihrem zeitlosen Stil beeindrucken konnte. Alles musste nach ihrem Sinn perfekt sein. Sie trug ein beigefarbenes Kleid aus Seide, das absolut faltenfrei saß. Das braune Haar hatte sie zu einem eleganten Knoten gebunden.

Beim Betrachten ihrer eigenen Kleidung, die ein einziges Desaster aus Knitterfalten war, wusste Kelsey, dass ihre Tante darüber entsetzt wäre. Glücklicherweise war Charlene viel zu beschäftigt, um sie zu bemerken. Kelsey zog die Tür, durch die sie einen Blick ins Zimmer geworfen hatte, wieder zu und ging mit Aileen zur Empfangshalle zurück.

„Ich weiß ja, dass alle Bräute herausgeputzt werden“, meinte Aileen in einer Mischung aus schwesterlicher Zuneigung und Neidgefühl, „aber der Aufwand ist doch lächerlich.“

„Komm schon. Ich habe mir deine Hochzeitsbilder angeschaut. Du hast genauso umwerfend ausgesehen.“

Aileen stöhnte theatralisch auf. „Schon wahr. Aber ich hatte nicht das Glück, jemanden wie dich zu haben, der alles organisiert. Ich habe mich damit total abgestrampelt. Aber für dich scheint das alles ein Klacks zu sein.“

Kelsey lachte, obwohl sie vor Verlegenheit auch ein bisschen rot wurde. „Das kommt daher, weil ich die Hochzeit nur planen muss. Anstrengender ist es doch, die Braut zu sein.“

„Trotzdem, du machst das großartig. Mom denkt genauso, auch wenn sie es dir nicht gesagt hat. Mit dieser Hochzeit kommt dein Geschäft ganz groß raus.“

Genau das war Kelseys Ziel, und bei diesem Gedanken kehrte ihre Begeisterung zurück. „Ich weiß. Ich habe schon die Miete für den Laden in Glendale im Voraus bezahlt.“

Aileen schlang freudestrahlend die Arme um Kelsey. „Das finde ich klasse. Wurde ja auch Zeit. Du hättest schon längst mal einen Laden eröffnen sollen, anstatt von zu Hause aus zu arbeiten.“

„Bisher konnte ich mir das nicht leisten.“

„Du hättest einfach meinen Vater um ein Darlehen bitten können.“

Kelsey schluckte. „Das ging nicht.“ Sie wusste, dass weder Aileen noch Onkel Gordon es verstanden hätten. Ihr eigenes Geschäft aufzuziehen war etwas, was sie ganz ohne fremde Hilfe schaffen musste.

Aileen schüttelte den Kopf. „Du bist ganz schön starrsinnig, ehrlich. Aber ich denke, genau diese Beharrlichkeit brauchst du gerade jetzt.“

„Um Connor von Emily fernzuhalten? Das weiß ich. Aber wenn Emily so vernarrt in Todd ist, dann ist es doch egal, ob Connor in der Stadt ist, oder?“

Diese Frage war Kelsey nicht aus dem Kopf gegangen. Ihrer Meinung nach konnte Todd Dunworthy zwar in keinem Fall mit Connor mithalten. Aber wenn ihre Cousine Todd so sehr liebte, dann sollte er wohl alle anderen Männer ausstechen – selbst eine alte Flamme wie Connor.

„Kelsey, wir sprechen über Connor McClane. Ich weiß, du hast seit der Sache mit Matt keinen Mann mehr angeguckt. Aber erzähl mir bitte nicht, dass dieser Connor jetzt deinen Hormonhaushalt durcheinandergebracht hat.“

Selbst zwei Jahre danach zuckte Kelsey beim Gedanken an ihren Exfreund noch immer zusammen. Nicht, weil er ihr Herz gebrochen, sondern weil er sie so gedemütigt hatte. Trotzdem warf sie ein: „Ich möchte Connors Charme ja gar nicht infrage stellen.“ Oder seinen wachen Verstand, sein sinnliches Lächeln und natürlich sein umwerfendes Äußeres. „Aber würde ich nächste Woche heiraten und wäre in meinen Verlobten unsterblich verliebt, dann wäre mir egal, ob Connor da ist oder nicht. Wenn Emily und Todd füreinander bestimmt sind, dann sollte Connors Anwesenheit keine Rolle spielen.“

„Tut es aber. Du hast Emily und Connor nicht als Paar erlebt. Er ist der Typ Mann, der eine Frau dazu bringt, das Morgen zu vergessen und ausschließlich für den Moment zu leben. Für Emily gab es nur noch Connor. Das hatte keine Zukunft. Aber ihre Beziehung mit Todd ist etwas, was von Dauer sein kann.“ Aileen lächelte Kelsey an. „Du bist schon häufig mit solchen Problemen vor einer Hochzeit fertiggeworden. Alles, was du tun musst, ist, Connor fernzuhalten. Das schaffst du doch, oder?“

Connor ging die Dateien auf seinem Notebook durch. Irgendetwas in seinen Informationen über Dunworthy musste er übersehen haben.

Fluchend erhob er sich von seinem Schreibtisch in der Hotelsuite und ging unruhig im Zimmer auf und ab. Wenigstens folgte ihm zum Glück nicht Kelsey Wilson auf Schritt und Tritt. Ungewollt musste er beim Gedanken an sie lächeln.

Am Tag zuvor hatte er sie überzeugen können, ihn im Lokal zurückzulassen, weil er mit seinem Freund Javy über alte Zeiten plaudern wollte. Das stimmte zwar, aber dennoch hatte er das Misstrauen in ihren Augen gesehen. Sie hatte wenig Ähnlichkeit mit den Wilsons. Schon gar nicht mit Emily, so viel stand fest. Im Vergleich mit Kelseys roten Locken, den dunkelbraunen Augen und weiblichen Kurven erschien Emily auf einmal wie ein blondes, blauäugiges Püppchen.

Aber ganz gleich, wie seine Neugier durch Kelsey angestachelt wurde, er durfte sich nicht ablenken lassen.

Nachdem mit Emily Schluss war, hatte sich Connor in Südkalifornien herumgetrieben. Als er in einem Club eine Schlägerei schlichtete, bekam er dort seinen ersten Job als Türsteher. Er hatte einige Jahre in der Sicherheitsbranche gearbeitet, bevor er die Chance ergriff, sich als Privatdetektiv selbstständig zu machen.

Bis vor drei Monaten hätte er sich als einer der Besten der Branche angesehen. Als jemand, der ein Gespür für Menschen hat und einen Instinkt dafür, ob jemand lügt. Auf sein Bauchgefühl zu hören hatte ihm mehr als einmal die Haut gerettet. Dann hatte er ein Mal nicht darauf gehört – und beinahe wäre eine Frau ums Leben gekommen.

Vom ersten Moment an hatte Connor bei Todd Dunworthy ein schlechtes Gefühl gehabt. Und dieses Mal würde er auf jeden Fall auf seinen Instinkt hören. Bisher hatten seine Ermittlungen aber nur wenig zutage befördert. Dunworthy war der jüngste Spross einer wohlhabenden Chicagoer Familie. Man sah ihn in unzähligen Zeitungen – in der Oper, auf einem Benefizkonzert, einer Ausstellungseröffnung. Und immer hatte Todd den gleichen Typ Frau im Arm – groß, blond und attraktiv. Zweifelsohne war Emily genau seine Kragenweite.

„Und du bist dir sicher, dass du den Kerl nicht nur hasst, weil die Wilsons von ihm begeistert sind?“, hatte Javy gefragt, als er Connor zum Hotel fuhr.

Connor konnte ihm die Frage nicht verdenken. Vermutlich war es so, dass er niemanden leiden könnte, den die Wilsons mögen würden. Aber das änderte nichts an seiner Meinung. Dunworthy war nicht der Mann, für den ihn alle hielten.

Connor hatte versucht, mit einigen Angestellten der Familie Dunworthy zu reden, aber keiner hatte ihm etwas erzählt. Offenbar wurden sie nicht nur dafür bezahlt, ihre Arbeit zu verrichten, sondern auch dafür, den Mund zu halten.

Die meisten standen schon seit Jahrzehnten im Dienste der Familie. Aber eine Frau war die Ausnahme – ein ehemaliges Dienstmädchen namens Sophia Pirelli. Sie hatte zwei Jahre lang für die Familie gearbeitet, bis sie dann kündigte. Oder ihr gekündigt wurde. So genau wusste das niemand. Das Schweigen darüber kam Connor sehr verdächtig vor, und so wollte er die ehemalige Angestellte aufspüren. Vielleicht wäre sie ja bereit zu reden.

Vor ein paar Tagen hatte er einen Hinweis auf Sophias Aufenthaltsort entdeckt. Da er Todd im Auge behalten wollte, bat er seinen Freund und Kollegen Jake Cameron, zu überprüfen, ob sich das ehemalige Dienstmädchen in St. Louis bei Freunden aufhalten würde.

Er nahm sein Handy und wählte Jakes Nummer. Sein Freund kam gleich zur Sache. „Du hast recht gehabt. Sie ist hier.“

Endlich, das klang doch vielversprechend. „Und, schon was rausgefunden?“

„Noch nicht. Das braucht seine Zeit.“

„Die Zeit haben wir aber nicht.“

„Ich weiß“, sagte Jake geduldig. „Aber sie ist keine Frau, die einem gleich beim ersten Treffen alles auf die Nase bindet.“

Connor hätte wissen müssen, dass er sich keine Sorgen zu machen brauchte. Sein Freund war erst zwei Tage in St. Louis und hatte bereits ein Treffen mit Sophia zustande gebracht. „Ruf mich an, wenn du mehr herausbekommen hast.“

„Klar doch.“

Connor beendete den Anruf. Er konnte nicht einfach herumsitzen und auf Jakes Ergebnisse warten. Er musste irgendetwas über Dunworthy herausfinden – einen unwiderlegbaren Beweis, dass der Kerl nicht der liebende Ehemann in spe war, wie er vorgab.

Verdammt, er brauchte einen Insider. Jemanden, dem die Wilsons vertrauten und der ihn mit Informationen versorgen könnte. Jemanden aus ihren Reihen. Er brauchte … Kelsey.

Connor musste bei der Vorstellung auflachen. Aber es könnte funktionieren. Kelsey war damals, als er und Emily zusammen waren, noch gar nicht dabei gewesen. Sie war die ideale Person für diese Sache – unvoreingenommen wie kein anderer. Und für sie stand ja nichts auf dem Spiel bei Emilys Hochzeit, wenn er seinen Einwand gegen das Jawort erheben würde.

Ja, Kelsey war seine beste Option.

Am nächsten Abend drehte sich Emily mitten im Lichthof des Hotels um die eigene Achse und streckte die Arme aus. „Du hast recht, Kelsey. Das hier ist perfekt für den Empfang. Oder, Mom?“ Bei Emilys unverstellter Fröhlichkeit fiel Kelsey ein Stein vom Herzen. Connor hatte unrecht, so vollkommen unrecht: Emily und Todd waren füreinander bestimmt.

„Traumhaft“, meinte Charlene, ohne wirklich hinzusehen. „Auf Kelsey ist eben Verlass.“

„Ich habe mir gedacht, dass dieser Lichthof sich einfach großartig für einen Hochzeitsempfang eignet.“ Die Deckenfenster und die Palmen schufen den Eindruck eines tropischen Paradieses. Kelsey hatte sofort gewusst, dass dieser Ort perfekt war für sie.

Perfekt für Emily, korrigierte sie sich.

Aber da Emily einverstanden war, dass Kelsey ihr die meisten Entscheidungen abnahm, und viele von Kelseys Freundinnen an den Vorbereitungen beteiligt waren, fühlte sich das Ganze manchmal mehr wie ihre eigene Hochzeit an, von der sie immer geträumt hatte.

Bis auf die Wahl der Bräutigams …

Der Gedanke war gemein, aber tatsächlich ging ihr Connor nicht aus dem Kopf. Sein lässiger Gang, sein selbstsicheres Lächeln, einfach alles an ihm.

„Hoffentlich gefällt es Todd.“ Emily runzelte die Stirn. „Meinst du, es gefällt ihm?“

„Das ist ein Fünfsternehotel. Das beste der Stadt“, erwiderte Charlene gebieterisch.

„Ich weiß. Aber Todd und seine Familie kommen aus Chicago. Wo es all diese schönen, alten Häuser gibt. Und Todd kann manchmal ziemlich wählerisch sein.“

Kelseys Hände verkrampften sich bei Emilys zögernder Stimme. Ihre Cousine wollte bei allen beliebt sein, daher war sie natürlich besorgt, was Todd denken könnte. „Er war doch einverstanden, dass du alles, was die Hochzeit angeht, entscheidest. Also wird er dir schon vertrauen.“

„Ich weiß, aber …“ Emily blickte sich in der Hotelhalle um, diesmal ohne die Begeisterung, die sie noch wenige Augenblicke zuvor gezeigt hatte.

„Was aber?“, fragte Kelsey ruhig.

„Nichts, gar nichts.“ Emily schüttelte den Kopf. „Ich möchte ja nur, dass alles perfekt ist. Das verstehst du doch, oder?“

„Natürlich. Und die Hochzeit wird perfekt sein“, versicherte Kelsey ihrer Cousine. In dem Moment erklang eine ihr wohlbekannte männliche Stimme, die ihr Gänsehaut verursachte.

„Hallo, Em! Wie geht es der zukünftigen Braut denn so?“

„O Gott, Connor!“ Emily schrie auf und rannte zu ihm, um ihn zu begrüßen. Er grinste breit, dann packte er sie und wirbelte sie herum.

„Was machst du denn hier?“, fragte sie.

Er warf Kelsey einen Blick zu. „Kelsey hat gesagt, du bist hier. Und da wollte ich dich einfach sehen.“

Kelsey wurde rot. Schlimm genug, dass Connor sie ausgetrickst hatte. Aber musste er das ausgerechnet noch vor ihrer Tante tun? Er war nicht einmal einen Tag in der Stadt, und schon beschlich sie das Gefühl, versagt zu haben.

„Du hast ihm erzählt, dass wir hier sind?“ Das Lächeln ihrer Tante war wie eingefroren. Charlene würde ihr niemals in aller Öffentlichkeit eine Szene machen. Selbst wenn sie einen Mann anlächeln musste, der beinahe die Zukunft ihrer Tochter ruiniert hätte.

„Hab ich nicht.“ Und doch hatte sie ihm erzählt, dass Emily Vorbereitungen für den Empfang treffen wollte. Und in welchem Hotel, hatte er sich dann denken können. Aber schließlich war er auch eingeladen. „Jedenfalls wollte ich das nicht“, stammelte sie.

Mit entschlossenem Blick übernahm Charlene nun die Kont­rolle. Sie unterbrach Emilys und Connors Gespräch. „Mr McClane, Sie entschuldigen uns bitte. Emily muss sich um die Hochzeit kümmern.“

„Mom! Connor ist den ganzen Weg gekommen, um mich zu sehen. Es gibt so viel zu erzählen. Kann das andere nicht mal warten?“

„Wir sprechen hier von deiner Hochzeit, Emily! Der wichtigste Tag in deinem Leben.“

„Du hast ja recht.“ Emily drehte sich lächelnd zu Connor um. „Tut mir leid. Es ist nicht mehr viel Zeit bis zur Hochzeit, und es gibt noch so viel zu erledigen.“

„Mach dir keine Sorgen. Wir finden schon Zeit, miteinander zu reden. Ich wohne in Zimmer 415.“

„Sie wohnen hier?“, platzte Kelsey entsetzt heraus.

Connors Grinsen machte einen verrückt. Es war auch beunruhigend verführerisch. „Ich fand das praktisch.“

„Praktisch. Na sicher.“ Auf diese Weise konnte er bequem alle Feierlichkeiten, die sie geplant hatte, stören und sie damit in den Wahnsinn treiben!

„Kelsey, Emily und ich machen jetzt weiter. Und du erledigst jetzt … diese andere Angelegenheit.“

Der Blick ihrer Tante sprach Bände. Charlene würde sich um die letzten Details der Hochzeit kümmern. Und Kelseys Job wäre es jetzt, sich um Connor zu kümmern.

Kelsey konnte nachempfinden, warum ihre Tante zu Recht empört war, und nickte ihr kaum merklich zu. Zufrieden ging Charlene mit Emily davon.

Emily warf einen langen Blick zurück über ihre Schulter. Die Ungewissheit, die Kelsey in ihrem Gesicht ablesen konnte, ließ sie nur eins denken: Emily hatte kalte Füße bekommen. Ihre Sorgen über ein Leben als Ehefrau und zukünftige Mutter ließen sie an Zeiten denken, als alles einfacher war. Zeiten, in denen sie sich für Connor und seine lockere Lebensweise völlig aufgegeben hatte. Ihre Cousine würde es bereuen, wenn sie ihre Zukunft für einen Mann wie Connor wegwarf.

Aber Kelsey würde nicht zulassen, dass Emily denselben Fehler machen würde wie ihre eigene Mutter.

3. KAPITEL

„Wissen Sie, Kelsey, bisher hat sich noch nie jemand zuvor um mich gekümmert.“

Connor konnte Kelseys Entschlossenheit deutlich spüren, auch wenn sie ihm den Rücken zugewandt hatte, um Emily und ihrer Mutter nachzuschauen. Mit gestrafften Schultern und erhobenem Kopf schien sie sich für einen Streit zu wappnen.

Trotzdem – als sein Blick auf eine Locke ihres Haars fiel, die aus dem Knoten heraushing, war er fast geneigt, ihr die Strähne hinters Ohr zurückzustreichen und dabei ihre weiche Haut zu liebkosen. Er atmete durch, um sich zu beruhigen, aber die Luft war erfüllt von einem Duft von Zimt und von Kelsey, was seinen Wunsch nur noch verstärkte. Bemüht, diese Gedanken hinter seiner vorwitzigen Art zu verstecken, murmelte er: „Irgendwie freue ich mich schon darauf.“

„Ich weiß gar nicht, was Sie meinen.“

„Glauben Sie, ich weiß nicht, was Ihre Tante mit dieser ‚anderen Angelegenheit‘ gemeint hat?“

„Sie haben recht. Meine Tante möchte, dass ich Sie von Emily fernhalte.“

„Charlene will, dass ich verschwinde, damit Emily in Ruhe heiraten kann. Da gibt es nur ein Problem.“

„Nämlich Sie, oder? Das wäre ja leicht gelöst, wenn Sie wieder abreisen.“

„Wenn ich abfahre, werden Emilys Probleme erst richtig anfangen.“

„Und das ist Ihre ganz objektive Meinung?“

„Na sicher. Aber weder Ihre Tante noch Ihr Onkel wollen was davon hören.“

„Können Sie es ihnen verdenken?“

Nein, und das war ja das Verflixte daran. Connor wusste, dass er sich selbst Vorwürfe machen musste. Er wusste, was die Wilsons über ihn dachten, und auch, warum. Er hatte immer noch das Gesicht von Gordon Wilson vor Augen, als dieser ihm Geld angeboten hatte, damit er mit Emily Schluss machte. In Gordons Blick lag keinerlei Zweifel. Er war sich sicher gewesen, dass der nichtsnutzige Versager Connor das Geld einstreichen würde.

Connor hätte dem selbstgefälligen Dreckskerl am liebsten das Geld um die Ohren gehauen. Stattdessen hatte er seinen Stolz herunterschlucken müssen.

„Die Wilsons wollen mir einfach nicht zuhören. Aber jetzt kommen Sie ins Spiel.“

Kelsey runzelte die Stirn. „Ich bin auch eine Wilson.“

„Aber Sie sind anders.“

„Ganz recht, ich bin anders“, gab sie zurück. In ihrem Gesicht war ein kurzes Zucken zu sehen, als hätte Connor ihr mit seiner Bemerkung wehgetan.

„Jetzt warten Sie mal.“ Er zog sie in eine Nische. „Das sollte keine Herabsetzung sein. Als Ihre Tante und Ihr Onkel mich damals kennenlernten, haben sie ihre Nase so hoch getragen – die wären bei Regen glatt ertrunken. Ich war für sie ein Penner. Das Letzte, was sie sich für ihre Tochter vorstellen konnten. Wenn ich daher behaupte, dass Sie überhaupt nicht so sind wie die, dann ist das ein Kompliment. Und dafür dürfen Sie sich ruhig bedanken.“

Er hätte noch viel mehr sagen, ihr noch weiter schmeicheln können. Aber so trotzig, wie sie ihr Kinn reckte, wusste er, dass sie ihm nicht zuhören würde. Irgendwer aus ihrer Familie oder irgendein Kerl musste ihr einmal übel zugesetzt haben.

„Falls Sie es vergessen haben“, bemerkte sie mit heiserer Stimme, die ihm bewies, dass sie gegen seinen Charme durchaus nicht immun war. „Glaubt man meiner Tante, dann haben Sie Emily damals gekidnappt.“

„Das war kein Kidnapping.“ Er hatte zwar ganz schön Ärger mit der Polizei bekommen, aber glücklicherweise hatte Emily seine Version der Geschichte bestätigt und die Polizei überzeugt, dass sie freiwillig mit ihm gegangen war. Emily war achtzehn gewesen, offiziell volljährig, und konnte selbst entscheiden. Natürlich nicht, wenn es nach ihren Eltern gegangen wäre. „Aber genau das habe ich gemeint. Die wollen nicht hören, was ich zu sagen habe. Und daher sind Sie jetzt an der Reihe.“

„Ich?“

„Richtig. Wir könnten Partner sein.“

„Partner?“

„Na klar. Wir sind doch auf der derselben Seite.“

„Sind Sie verrückt? Das sind wir nicht!“

„Ich will, dass Emily glücklich wird. Und was wollen Sie?“

Er grinste sie herausfordernd an. Die Falle war zugeschnappt, und da Kelsey keinen Ausweg aus dieser Zwickmühle wusste, gab sie zu: „Natürlich möchte ich auch, dass sie glücklich wird.

„Das dachte ich mir doch. Kelsey, dieser Kerl wird Emily nicht glücklich machen. Er ist nicht das, was er vorgibt zu sein. Und das will ich beweisen. Die Wilsons werden mir keinen Glauben schenken. Aber bei Ihnen ist das anders. Ihnen werden sie zuhören.“

Kelsey hätte ihn am liebsten abgewiesen. Sie traute ihm nicht, nicht eine Sekunde lang. Sicher, seine Geschichte hörte sich gut an, aber Dreck über Todd aufzuwühlen? Da ging es wohl weniger um Emily als um Connors persönliche Interessen.

Wenn er irgendein schmutziges Geheimnis zutage beförderte und Emily überzeugen könnte, die Hochzeit abzublasen, dann wäre er nicht nur der Held, der sie vor einer katastrophalen Ehe bewahrt hätte, sondern er wäre auch gleich zur Stelle, sie darüber hinwegzutrösten.

Und wenn er in Todds Vergangenheit graben und nichts finden würde? Würde ihn das abhalten, sich irgendetwas auszudenken? Wenn sie sich mit ihm zusammentun würde, dann könnte er sie nicht so einfach anlügen. Und sie könnte ihn auf diese Weise immer im Auge behalten.

Connor streckte die Hand aus. „Abgemacht?“

Sie seufzte und ergriff seine Hand. „Okay.“

Seine schlanken Finger umschlossen ihre Hand. Ein warmer Schauer durchfuhr sie, gerade so, als würde man aus einem Kühlhaus in die glühende Mittagshitze hinaustreten.

„Also schön, Partner.“

„Nicht so voreilig.“ Sie hatte nicht umsonst bei ihrem Onkel gelebt, der ein Geschäftsmann war, ohne sich ein paar Dinge abzuschauen, was Verhandlungen betraf. „Vielleicht hören Sie ja erst mal meine Bedingungen.“

„Bedingungen?“

Kelsey nickte. Solange, wie Connor glaubte, dass er auf sie angewiesen war, konnte sie sicherlich das eine oder andere Zugeständnis herausschlagen.

„Schießen Sie los.“

„Erstens: Wir sind gleichberechtigte Partner. Ich will immer umgehend Bescheid wissen. Und nicht im Nachhinein erzählt bekommen, was Sie herausgefunden haben.“

„Kein Problem. Von jetzt an sind wir wie siamesische Zwillinge miteinander verbunden. Was beim Schlafengehen etwas problematisch wäre …“

„Zweitens: Alles ist rein geschäftlich.“ Sie unterbrach ihn, ehe sich Bilder in ihrem Kopf einstellen konnten. Doch sie waren schon da: sinnliche und unwiderstehliche Gedanken, wie sie beide sich wild küssten und sich nackt auf seidenen Laken rekelten … Sie wurde rot. Hoffentlich würde Connor ihre Gedanken nicht erraten.

„Und drittens?“

Sie räusperte sich. „Drittens: Sie bleiben Emily fern. Falls wir irgendetwas über Todd herausfinden, dann teile ich ihr das mit. Bis dahin möchte ich nicht, dass Sie ihr irgendeinen Unsinn in den Kopf setzen.“

Kelsey erwartete Widerspruch und war überrascht, dass Connor einfach zustimmte. „Gut, ich bleibe auf Distanz.“

„Also schön, dann sind wir jetzt Partner.“ Eigentlich sollte sie diesen Augenblick des Triumphs genießen, aber Kelsey dachte nur, dass sie soeben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte.

Und doch – als Connor sie anlächelte, war er die Versuchung in Person.

„Das muss man Ihnen lassen, Kelsey. Sie können ganz schön hart verhandeln. Zwei von drei sind doch gut.“

Erst als Connor ging, wurde Kelsey bewusst, dass er ihrer zweiten Bedingung gar nicht zustimmt hatte.

Connor legte den Hörer auf, nachdem er Frühstück bestellt hatte, und rieb sich das Gesicht. Er hoffte, das Essen würde den Albtraum aus seinem Gedächtnis verdrängen. Es war nicht das erste Mal, dass die verstörenden Bilder ihm den Schlaf geraubt hatten.

Der Traum fing immer gleich an. Connor beobachtete durch eine Kamera seinen Klienten Doug Mitchell, wie dieser das Haus seiner Frau betrat. Doch von dem Moment an, als der Mann seine Frau zu attackieren begann, und Connor einschreiten wollte, verlief der Traum immer anders: Mal war Connor wie angewurzelt und konnte sich nicht rühren. Ein anderes Mal lief Connor wie durch zähen Morast und kam nicht von der Stelle. Aber eins war immer gleich: Connor kam nie rechtzeitig, um Doug aufzuhalten.

Das Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Das Hotel war ohne Zweifel das beste am Platz, aber selbst hier konnte der Zimmerservice niemals so schnell sein. Er ahnte, wer draußen stand.

Er öffnete die Tür und lächelte die Frau an. „Guten Morgen.“

Emily strahlte. Sie sah in ihrem gelben Kleid, über dem sie einen Sommerpullover und einen Schal trug, aus wie eine Hollywoodgöttin aus vergangenen Tagen. „Connor, schön, dass du hier bist. Ich weiß, ich hätte vorher anrufen sollen.“

„Komm rein.“

Sie kam in das Zimmer geschwebt und stellte ihre Handtasche neben sein Notebook. Connor war dankbar, dass auf dem Display der Bildschirmschoner lief. Emily musste ja nicht das Dossier über ihren Verlobten zu sehen bekommen.

„Was machst du denn hier?“

„Ich wollte dich sehen.“ Sie errötete genauso wie früher, als sie achtzehn war, aber auf Connor hatte es nicht mehr die gleiche Wirkung.

Connor hatte plötzlich Kelsey vor Augen. Und er konnte nicht anders, als Emily und ihre Cousine zu vergleichen. Es war wie der Vergleich zwischen einer alten Sepiafotografie mit ihren weichen Rändern und verblassten Farben und einem Bild in HD-Qualität, mit satten Farben und scharfen Konturen. Als Teenager war Emily sein unerreichbarer Traum gewesen. Aber jetzt war es Kelsey und ihre bodenständige Art, die ihm durch den Sinn gingen.

Wie gestern Abend, als er vom Balkon aus den Sonnenuntergang betrachtet hatte. Als das blendende Licht langsam am Horizont versank, dachte er daran, wie wohl das Sonnenlicht Kelseys rote Locken erstrahlen lassen würde …

„Ich habe mich heimlich rausgeschlichen. Wie in alten Zeiten.“

Ihrem schelmischen Grinsen nach genoss Emily die Erinnerung an ihre rebellische Jugend. Schade nur, dass diese Reise in die Vergangenheit für ihn nicht so angenehm war. Mit einem ironischen Lächeln fragte er: „Kannst dich wohl immer noch nicht mit mir in der Öffentlichkeit blicken lassen, Em?“

Bestürzt machte sie große Augen. „Aber nein, so ist es ganz und gar nicht.“ Sie umklammerte seinen Arm. Ihr verzweifeltes Gesicht erinnerte ihn an früher. An das Mädchen, das es allen anderen immer recht machen wollte und daran selbst verzweifelte.

Er hockte sich auf die Armlehne des Sofas. „Wir sind keine Kinder mehr. Wir sind zu alt für Versteckspielchen.“

„Ich weiß.“ Verlegen zupfte sie an ihrem Verlobungsring. „Aber ich wollte dich sehen. Und ich wollte nicht, dass irgendwer deswegen böse wird.“

„Du meinst Todd?“

„Das musst du verstehen. Er ist sehr beschützend. Tut mir leid, dass ihr beide euch nicht verstanden habt, als wir uns neulich zum Essen in San Diego getroffen haben.“

Dass er und Todd sich nicht verstanden hätten, war eine Untertreibung. Am Ende des Abends hätten sie sich beide um ein Haar geprügelt. Connor gestand sich ein, dass er nicht ohne Vorurteile gewesen war. Schon allein aus Prinzip konnte er keinen Mann mögen, den die Wilsons akzeptierten. Aber nach nur einer Viertelstunde mit Todd hatte er sich um Emilys Zukunft ernsthafte Sorgen gemacht.

In dieser kurzen Zeitspanne hatte Todd Dunworthy mit seinem großzügigen Loft in Scottsdale geprahlt, mit seinem neuen Luxus-Geländewagen und seinen Ferienwohnungen an allen möglichen Orten auf der Welt. Das wäre ja noch erträglich gewesen, hätte er nicht über Emily in ähnlicher Weise gesprochen.

Sie war für Todd etwas Neues und Schönes, so wie sein schicker Wagen. Connor wurde das Gefühl nicht los, dass Dunworthy ohne Zögern auch Emily irgendwann gegen ein neueres Modell austauschen würde.

„Tut mir auch leid, Em.“ Er meinte es ehrlich. Er wollte, dass sie glücklich wurde, und es tat ihm leid, dass Dunworthy nicht der Mann war, den sie und ihre Eltern in ihm sahen.

Irgendwas in seiner Stimme musste seine Zweifel verraten haben, denn Emily antwortete steif: „Todd ist ein wunderbarer Mann. Ich liebe ihn wirklich. Und ich kann es kaum abwarten, endlich seine Frau zu werden.“

Wie häufig hatte Emily wohl diesen Spruch wiederholt, bevor sie begonnen hatte, selbst daran zu glauben? Ihre Worte klangen wie ein Mantra.

„Ich gehe wohl besser“, murmelte sie.

„Einen Moment, Emily.“ Das Klopfen an der Tür unterbrach die bedrückte Stimmung. „Das ist der Zimmerservice. Bleib doch, wir frühstücken zusammen.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er zur Tür. Der Kellner rollte einen Servierwagen herein. Im Raum verbreitete sich der Duft von Rühreiern mit Schinken.

„Das geht nicht“, erwiderte sie mit einem wehmütigen Blick auf das Frühstück. „Ich muss aufpassen, was ich esse, sonst passe ich nicht in mein Kleid.“

Connor versuchte zu lächeln. Diät zu halten für ein solches Ereignis gehörte wohl für die meisten Frauen dazu. Aber er glaubte nicht daran, dass Emily wirklich das Hochzeitskleid meinte. Er erinnerte sich daran, wie Dunworthy mit einem arroganten Grinsen beim Essen den Kellner mit dem Nachtisch weggeschickt und dabei grinsend gesagt hatte: „Ich muss doch meine zukünftige Frau hübsch in Form halten.“

„Komm schon“, versuchte Connor sie zu überreden. „Soll ich etwa alleine frühstücken?“

Mit einem Seufzen ließ sie sich auf einen Stuhl fallen und gestand: „Köstlich riecht es ja.“

„Greif zu. Es gibt doch nichts Besseres, als den Tag mit Kohlenhydraten und Cholesterin zu beginnen.“

Das Funkeln in ihren Augen erinnerte ihn an die Emily von früher. Trotzig warf sie den Kopf in den Nacken und schnappte sich eine Gabel. „Danke, Connor.“

„Jederzeit, Em.“ Er wusste, dass sie nicht nur für das Frühstück dankbar war.

„Was macht Kelsey denn heute so?“

Die Frage kam ihm über die Lippen, ehe er noch darüber nachdenken konnte, und brachte eine Neugier zum Vorschein, die er weder leugnen noch zugeben wollte. Er schob sich eine Gabel voller Rührei in den Mund, ehe ihm noch weitere Fragen rausrutschen würden.

Emily trank einen Schluck Orangensaft. „Vermutlich wird sie wieder pausenlos arbeiten, um sicher zu sein, dass alles nach Plan verläuft.“

Bei ihren Worten wurde er hellhörig. Bei einer bescheidenen Hochzeit im kleinen Rahmen würde sich die Cousine der Braut vermutlich um alles kümmern, würde sichergehen, dass alles nach Plan verläuft. Aber ganz bestimmt nicht, wenn eine Wilson und ein Dunworthy heiraten würden. Da würden doch Profis sämtliche Details klären.

„Und was genau hat Kelsey denn mit der Hochzeit zu tun?“

Emily sah ihn fragend an. „Hat sie dir das nicht erzählt? Sie ist meine Hochzeitsplanerin.“

Er legte die Gabel ab. „Nein, davon hat sie nichts gesagt.“

„Ich bin so froh darüber, dass sie sich um die Hochzeit kümmert. Sie ist großartig im Organisieren. Und sie kümmert sich wirklich um alles.“

Um alles? Das schließt mich bestimmt auch ein, dachte Connor und musste innerlich lächeln.

4. KAPITEL

So viel dazu, sie sei unparteiisch, und so viel dazu, einen Komplizen im feindlichen Lager zu haben, dachte Connor. Kelsey steckte bis zum Hals mit in der Hochzeit drin.

„Sie hat vor einem Jahr mit ihrem Geschäft begonnen“, erzählte Emily. „Mein Vater wollte sie unterstützen, aber sie wollte kein Darlehen von ihm. Sie ist schon immer etwas komisch gewesen, was Geld betrifft.“

Gegen seinen Willen bewunderte er Kelsey für ihre Entscheidung, aber er fragte sich, ob sie von dem Namen Wilson profitierte. „Die Hochzeit ist wohl für Kelsey sehr wichtig?“

„Und ob! Sie hofft, dass sie durch meine Feier mit Weddings Amour den großen Durchbruch erzielt. Sie hat in diesem Geschäft ein echtes Händchen und geht völlig darin auf. Sie meint, es gibt ihr das Gefühl, wie eine Märchenfee dem Eheglück anderer Paare auf die Sprünge zu helfen.“

Connor schnaubte ungläubig.

„Was?“, wollte Emily wissen.

„Nichts weiter.“ Er stocherte in seinem Rührei. „Das Ganze ist doch albern. Märchenfeen, Eheglück und all das.“

In seinem Job als Privatdetektiv hatte er zu viele Ehen zerbrechen sehen. Diese Paare hatten auch alle ihre Traumhochzeiten gehabt, aber der Traum konnte der Realität nicht standhalten. Und manchmal – wie bei Cara Mitchell – hatte sich der Traum vom Glück sogar in einen realen Albtraum verwandelt.

„Erzähl Kelsey bloß nicht, dass du ihr Geschäft für Unfug hältst. Sie betreibt es wirklich äußerst gewissenhaft.“

„Darauf wette ich.“

So gewissenhaft, dass Kelsey sich von ihrer Tante hatte einspannen lassen, um auf ihn ein Auge zu haben.

„Warum willst du denn so viel über Kelsey wissen?“

„Reine Neugier. Ich kann mich nicht erinnern, dass du etwas von ihr erzählt hast, als wir beide zusammen waren.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Damals kannte ich sie doch noch nicht.“

Er besann sich auf sein eigentliches Ziel. „Was macht Todd denn heute? Er muss ja viel freie Zeit haben, wenn du und deine Mutter und Kelsey sich um alle Belange der Hochzeit kümmern?“

„Nein, er hat ein Meeting heute Morgen. Und dann wird er den ganzen Tag im Büro sein.“

„Tatsächlich? Was denn für ein Meeting?“

„Keine Ahnung.“ Emily runzelte die Stirn. „Todd redet nicht viel über seine Arbeit.“ Dann lächelte sie. „Vermutlich würde es mich eh nur langweilen.“

„Das bezweifle ich. Du bist doch klug. Klüger, als du selbst denkst.“

„Danke, Connor.“

„Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt? Ich glaube, das hast du noch gar nicht erzählt.“

„In einem Kaufhaus. Wir haben beide nach Weihnachtsgeschenken für unsere Mütter gesucht. Er wusste nicht genau, was, und da hat er mich um meine Meinung gefragt. Irgendwie war das süß.“

„So süß wie bei uns?“

„Du meinst, in dieser schäbigen Kneipe, wo mich diese Biker angemacht haben und du dich mit ihnen geprügelt hast?“

„Eine Kneipe, in der du offiziell gar nicht hättest sein dürfen.“

„Ein Glück, dass du da warst, um mich zu retten.“ Sie erhob ihr Glas, um mit ihm anzustoßen.

„Ja, ein wahres Glück“, stimmte Connor zu und stieß mit ihr an.

Emily konnte nicht ahnen, dass er hier war, um sie erneut zu retten.

Als Kelsey die Lobby des Hotels betrat, verkrampfte sich ihr Magen. Es war völlig verrückt gewesen, sich mit Connor auf einen Pakt einzulassen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, ihm ihre Seele verkauft zu haben.

Auch wenn sie an diesem Morgen nicht miteinander verabredet waren, war es doch das Beste, Connor im Auge zu behalten. Als sie auf die Aufzüge zuging, öffneten sich die Türen eines Lifts. Kelsey schnappte nach Luft und versteckte sich schnell in einer Nische. Von hier aus starrte sie ungläubig ihrer Cousine nach, als diese vorbeilief.

Was tat Emily in Connors Hotel?

Es war gerade mal neun Uhr. Was wollte Emily so früh hier? Oder war sie etwa über Nacht geblieben? Kelsey schnürte es bei dem Gedanken die Kehle zu. Nicht auszudenken, wenn ihre Cousine Connors Charme erlegen wäre.

Emily wirkte nicht so, als wäre sie gerade aus Connors Bett gekrabbelt, andererseits hatte Kelsey nie erlebt, dass Emily nicht wie aus dem Ei gepellt aussah. Egal, unter welchen Umständen.

Als ihre Cousine die Lobby verlassen hatte, ging Kelsey auf dem kürzesten Weg zu den Aufzügen. „So viel zu seinem Versprechen“, murmelte sie, als sie auf den Aufzugknopf hämmerte. „Aber überrascht es mich wirklich?“

Im vierten Stock stürmte sie aus dem Lift. Hatte sie tatsächlich geglaubt, dass Connor sein Wort halten würde? Vielleicht. Was bewies, dass manche Leute eben nie auslernten. Sie klopfte lauter als nötig an Connors Tür.

„Kelsey?“ Connor öffnete und begrüßte sie mit einem fragenden Blick. Keine Spur von Scham in seinem Gesicht. Er stützte sich mit einem Arm am Türpfosten ab. „Wie schön, Sie zu sehen.“

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