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JULIA SAISON BAND 18

JESSICA HART

Glück im Doppelpack

Seine süßen Zwillingstöchter bedeuten Alistair die Welt. Niemals könnte er zulassen, dass seine Exfrau ihm die beiden wegnimmt! Um ihr zu zeigen, wie gut die Mädchen bei ihm aufgehoben sind, stellt er die entzückende Morgan als seine Verlobte vor – nur gespielt natürlich! Bald wünscht er sich allerdings, dass aus dem Spiel Ernst wird …

ELIZABETH POWER

Traummann, wem gehört dein Herz?

Zunächst ist Brant schockiert, als er erfährt, dass sein Sohn im Krankenhaus vertauscht wurde. Als er jedoch sieht, wie liebevoll sich Annie um den Jungen kümmert, ist er ganz hingerissen von der jungen Mutter. Wenn sie ihn einfach heiraten würde, könnten sie alle zusammen als Familie glücklich werden. Kann er sie davon überzeugen, seinen Antrag anzunehmen?

MARY J. FORBES

Die Leidenschaft siegt

Nach einer enttäuschenden Ehe will Rianne mit ihren Kindern einen Neuanfang wagen. Schnell fühlt sie sich zu ihrem neuen Nachbarn Jon hingezogen, dabei kommt eine Affäre für sie nicht infrage. Eines Abends siegt die Leidenschaft, und sie erlebt zärtliche Stunden an seiner Seite. Doch am nächsten Morgen wird das Glück getrübt: Jon will mit Kindern nichts zu tun haben!

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Glück im Doppelpack

1. KAPITEL

Alistair musterte den Hund auf seinem Behandlungstisch und seufzte. Das war mal wieder so ein Tag …

Es hatte am frühen Morgen damit angefangen, dass er zu Jim Marshs Farm gerufen worden war, weil sich eine seiner Kühe mit dem Kalben schwertat. Von da an war so ziemlich alles schiefgegangen. Er hatte das Kalb nicht retten können. Als er wieder in seine Praxis kam, fand er eine ausgesprochen unangenehme E-Mail seiner Exfrau vor, die ihren Besuch ankündigte. Er war von einem Papagei gebissen und von einem Kaninchen blutig gekratzt worden. Ein Pferd hatte ausgeschlagen und ihn am Oberschenkel getroffen, und er hatte die geliebte Katze einer alten Dame einschläfern müssen.

Das Letzte, was ihm an diesem Tag noch gefehlt hatte, war, sich mit einem vollgefressenen, übertrieben getrimmten Pudel abzugeben, der ein mit Strass geschmücktes Halsband trug!

Oder vielmehr mit seinem wahrscheinlich neurotischen Frauchen.

Alistair warf einen Blick auf die Besucherin. Er musste zugeben, dass sie nicht neurotisch oder exaltiert aussah. Sie war groß und schlank, hatte lange, glänzende schwarze Haare und ein Gesicht, das eher beeindruckend als hübsch war. Sie trug eine elegante, weich fallende Hose, hochhackige Schuhe und eine Seidenbluse. Sie sah kühl, intelligent und gestylt aus – und schien in der ländlichen Tierarztpraxis völlig fehl am Platz.

Sie machte nicht den Eindruck einer Frau, die sich für Hunde begeistern konnte, vor allem nicht für Hunde, die mit einem pinkfarbenen und mit falschen Diamanten besetzten Halsband herumliefen. Aber Alistair hatte im Laufe seiner Zeit als Tierarzt gelernt, dass Menschen manchmal komisch sein konnten, wenn es um ihre Vierbeiner ging.

Er schaute wieder auf den Hund, der ihn nervös und ängstlich ansah. Tallulah war der Name der Hündin, hatte deren Frauchen gesagt. Was für ein Name für einen Hund! dachte Alistair.

„Dem Hund fehlt nichts, was man nicht mit ein bisschen Bewegung und richtiger Ernährung ändern könnte, Mrs … äh …“, sagte Alistair und schaute auf den Bildschirm seines Computers, um den Namen seiner Besucherin abzulesen.

„Miss, bitte“, sagte Morgan kurz. Sie hasste es, wenn andere Leute sich verpflichtet fühlten, Frauen stets als verheiratete Frauen anzusprechen, auch wenn sie ledig waren. Und da sie nach dem Scheitern ihrer letzten Beziehung wieder Single war, wollte sie keinen falschen Eindruck erwecken.

Sie merkte, dass der Arzt wegen ihrer scharfen Antwort leicht irritiert war. Er verdrehte weder die Augen, noch machte er eine Bemerkung, aber sie wusste genau, was er dachte.

„Ich bin Morgan Steele“, sagte sie und fragte sich, ob der Name ihm etwas sagte.

Offensichtlich war das nicht der Fall. In seinen Augen und seiner Haltung war kein Anzeichen dafür zu entdecken.

Morgan wusste nicht, ob sie darüber erfreut oder enttäuscht sein sollte. Sie war zwar nicht wirklich prominent, aber ihr Name war ziemlich bekannt, und die Lokalzeitung hatte bereits ein Interview mit ihr gebracht.

Aber vielleicht liest Dr. med. vet. Alistair Brown nur das wöchentliche Mitteilungsblatt der Viehzüchter, dachte Morgan und schaute ihn mit einem Anflug von Missachtung an. Sie hatte erwartet, einen freundlichen, humorvollen, jovialen Landarzt zu treffen, so einen, wie er immer in Fernsehserien zu sehen war, aber Dr. Brown schien kein bisschen diesem Klischee zu entsprechen. Stattdessen hatte er ein ruhiges, fast ausdruckloses Gesicht, das jedoch durch die grauen Augen belebt wurde. Sein Mund war streng und fest, und er ließ Anzeichen von Ungeduld er­kennen.

„Nun, Miss Steele“, sagte er ironisch. „Ich kann Ihnen versichern, dass Ihre Hündin nur unter extremem Übergewicht leidet.“ Er zog Tallulahs Lefzen zur Seite, um sich die Zähne anzuschauen, und strich dem Tier beruhigend über das Fell. Was für ein Unterschied zwischen der schlanken, eleganten Besitzerin und dem verfetteten Tier!

„Es grenzt an Tierquälerei, ein Tier dermaßen verfetten zu lassen“, sagte Alistair. „Wenn man sich ein Tier anschafft, sollte man sich darüber im Klaren sein, wie man es richtig behandelt.“

Morgan fand seinen Tonfall anmaßend. Es war lange her, dass es jemand gewagt hatte, so mit ihr zu reden.

„Tallulah gehörte meiner Mutter“, sagte sie schmallippig. „Die Unterstellung, sie könnte das Tier gequält haben, hätte sie entsetzt. Sie hat den Hund über alles geliebt.“

„Aber offensichtlich nicht genug, um dafür zu sorgen, dass er auch genügend Auslauf bekommt“, meinte Alistair.

„Meine Mutter war in den letzten Jahren sehr krank und konnte sich selbst kaum bewegen“, sagte Morgan scharf. „Tallulah war die ideale Gesellschaft für sie, aber vielleicht hat sie nicht verstanden, dass der Hund andere Bedürfnisse hatte als sie selbst. Als meine Mutter vor ein paar Monaten starb, habe ich den Hund zu mir genommen.“

„Aber Sie haben ja offensichtlich keine Probleme mit den Beinen“, meinte Alistair. Er warf einen Blick auf ihre Beine und fand sie bemerkenswert wohlgeformt. „Sie hätten ja Spaziergänge mit dem Hund machen können“, sagte er. „Es war doch offensichtlich, was ihm gefehlt hat.“

„Tallulah geht nicht gern spazieren“, sagte Morgan etwas hilflos. „Sie hasst Regen und Matsch an den Pfoten. Sie ist ein richtiger Stadthund, kein Typ fürs Land.“

„So sieht es aus“, entgegnete Alistair. Der trockene Ton seiner Stimme ließ Morgan erröten. Er warf einen Blick auf ihre Seidenbluse und die hochhackigen Schuhe. „Sein Frauchen offenbar auch nicht, habe ich recht?“

„Nein, das haben Sie nicht“, schnappte Morgan, die sich durch den ironischen Blick seiner grauen Augen herausgefordert fühlte. „Ich bin gerade dabei, mich hier niederzulassen. Und es gibt ja wohl keine Vorschrift, dass man hier auf dem Land grüne Gummistiefel und grobe Baumwollhemden tragen muss.“

„Nein, eine solche Vorschrift gibt es nicht“, gab Alistair zu. „Aber es wäre sicher praktischer als das, was Sie tragen.“

Morgan sog scharf die Luft ein und zählte bis zehn. Sie war mit Vorständen von Firmen fertig geworden, mit ungeduldigen Investoren und angriffslustigen Journalisten – und sie würde sich nicht von einem Landtierarzt dazu bringen lassen, ihre Ruhe zu verlieren.

„Tut mir leid, dass Ihnen meine Kleidung nicht gefällt“, sagte sie kühl. „Aber ich bin nicht zur Modeberatung hergekommen. Tallulah ist seit einigen Tagen nicht gut drauf, sie keucht und winselt. Vielleicht wäre etwas mehr Diagnose und weniger Kritik empfehlenswert?“

Morgan war es gewohnt, dass Leute beeindruckt waren, wenn sie so mit ihnen sprach. Aber Alistair Brown war es eindeutig nicht.

„Meine Diagnose habe ich Ihnen bereits mitgeteilt“, erwiderte er und schaute Morgan über den Tisch hinweg an, auf dem Tallulah mit schlaffem Schwanz und durchhängendem Bauch nervös zitternd stand. Seine Stimme war jetzt genauso eisig wie ihre. „Es steht Ihnen frei, sich anderswo eine zweite Meinung zu holen, aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, was jeder seriöse Tierarzt Ihnen raten wird. Der Hund ist einfach zu dick, er muss auf Diät gesetzt werden und viel Bewegung haben.“

„Diät?“, fragte Morgan. Ihre Mutter hatte den Hund den ganzen Tag lang mit kleinen Leckerbissen verwöhnt und darauf bestanden, dass Tallulah beim Nachmittagskaffee ebenfalls ihr Stück Kuchen abbekam.

„Ich gebe Ihnen ein spezielles Trockenfutter mit“, sagte Alistair. „Sorgen Sie dafür, dass immer genügend frisches Wasser da ist, aber geben Sie dem Hund auf keinen Fall noch etwas zusätzlich.“

Morgans Laune sank. „Tallulah hasst Trockenfutter. Sie wird es nicht essen.“

„Sie wird – wenn sie richtig Hunger hat“, sagte Alistair hart.

Er tastete Tallulah noch einmal sorgfältig ab, und Morgan ertappte sich dabei, dass sie dachte, wie stark und sicher seine Hände waren. Sie schaute rasch weg und auf sein Gesicht, aber nur, um festzustellen, dass seine Backenknochen und sein ruhiger, aber trotzdem ausdrucksvoller Mund seinem Gesicht einen entschlossenen Ausdruck verliehen.

„Es fehlt ihr sonst wirklich nichts“, sagte er. „Es ist nur das Übergewicht.“ Er kraulte Tallulah hinter den Ohren und schaute dann wieder Morgan an.

Sein Blick war scharf und doch angenehm und ließ bei Morgan, die von dem Effekt selbst überrascht war, den Pulsschlag steigen.

„Geben Sie ihr nur das Trockenfutter, keine Leckerbissen, auch wenn sie danach bettelt. Und machen Sie wenigstens einmal am Tag mit ihr einen längeren Spaziergang. Nicht nur mal eben um die Ecke und dann wieder nach Hause.“ Er sah Morgan forschend an. „Ich schlage vor, Sie besorgen sich ein Paar solide Laufschuhe, es kann hier staubig werden oder auch schlammig, wenn es regnet.“

Alistair sah ihr an, dass sie von dem Vorschlag nicht begeistert war. „Es nimmt nicht mehr als höchstens eine Stunde Zeit am Tag in Anspruch. Die werden Sie wohl aufbringen können, nicht wahr?“, meinte er. „Sie machen sich doch Sorgen um den Hund, sonst wären Sie nicht zu mir gekommen.“

Morgan schaute auf die zitternde Hündin auf dem Tisch. Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie sich nie viel Zeit für Tallulah genommen hatte. Ihre Mutter hatte den Hund wie ein Kind behandelt. Morgan hatte sich oft darüber gewundert.

„Ich fühle mich für den Hund verantwortlich“, sagte Morgan. „Ich würde lügen, wenn ich sagte, ich hätte unbedingt einen Hund haben wollen, aber ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich mich um Tallulah kümmern werde.“

„Verantwortung bedeutet, dass Sie sich unbedingt an meine Ratschläge halten müssen“, sagte Alistair trocken. „Aus Tallulah kann ein netter, fröhlicher Hund werden, wenn sie wieder fit wird.“ Alistairs Blick glitt über Morgan, verweilte Sekunden auf ihrem perfekten Make-up und den polierten Fingernägeln. „Geben Sie dem Hund einen kleinen Teil der Aufmerksamkeit, die Sie für sich selbst in Anspruch nehmen, und kommen Sie in einem Monat wieder.“ Er lächelte knapp. „Mal sehen, ob Sie dann immer noch diese Schuhe tragen.“

Morgan schäumte innerlich vor Zorn, als sie bei der jungen Sprechstundengehilfin mit dem frischen, rosigen Gesicht ihre Rechnung bezahlte. Dafür, dass sie sich von einem Landtierarzt hatte belehren und sogar beleidigen lassen, musste sie auch noch bezahlen.

So viel zum Thema Landleben!

„Wir werden es ihm zeigen“, sagte Morgan zu Tallulah, als sie ihr auf den Beifahrersitz half. „Wenn wir in einem Monat wieder herkommen, dann zeigen wir ihm, wie fit du inzwischen bist. Er wird dich nicht wiedererkennen.“

Am besten ist, ich fasse die Sache mit der Abmagerungskur für Tallulah als ein Projekt auf, dachte Morgan, als sie den Porsche startete. Sie liebte das tiefe Röhren des starken Motors. Bei zwischenmenschlichen Beziehungen mochte sie ihre Schwächen haben, aber in Geschäftsdingen war sie stets sehr erfolgreich gewesen. Jedenfalls hatte sie genügend Geld verdient, um sich einen teuren Wagen wie diesen leisten zu können. Die elegante Linie der Karosserie, die duftenden Lederpolster und der leistungsstarke Motor gefielen ihr.

Alistair Brown würde bestimmt sagen, der Wagen sei unpraktisch fürs Land. Aber Morgan würde sich nicht von diesem Wagen trennen. Vielleicht würde sie nach Askerby fahren und ein paar Gummistiefel kaufen. Sie hatte die Absicht, ihr Leben zu ändern, aber sie wollte auf keinen Fall alles aufgeben, was sie schätzte.

Es wird eine Herausforderung sein, Tallulah in Form zu bringen, aber Herausforderungen habe ich ja immer gesucht, dachte Morgan, als sie den Wagen vom Parkplatz des Tierarztes steuerte. Sie hatte Erfahrung darin, sich Ziele zu stecken und diese dann entschlossen anzusteuern. Das war das Geheimnis ihres geschäftlichen Erfolges gewesen. Und jetzt, da sie sich aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen hatte, würden ihr die Herausforderungen fehlen.

War es vielleicht ein Fehler gewesen, nach Ingleton in North Yorkshire zu ziehen? Die Idee und der Zeitpunkt waren ihr so richtig erschienen. Sie hatte ihre Firma für einen sehr hohen Betrag verkaufen können, ihre Mutter war gestorben, ihr Lebensgefährte Paul hatte sie verlassen – hätte es einen besseren Moment geben können, um ihr Leben grundlegend zu ändern?

Sie hatte sich in London nicht mehr wohlgefühlt. Das einfache Leben auf dem Lande war ihr nach den Jahren großer beruflicher Anspannung als sehr erstrebenswert erschienen. Sie hatte sich vorgenommen, endlich viele Dinge zu tun, zu denen sie vorher nie gekommen war, zu lesen, zu kochen, einen Garten anzulegen und Teil einer richtigen Dorfgemeinschaft zu werden.

Aber wenn alle Mitglieder der Gemeinschaft so waren wie Alistair Brown, würde es nicht besonders lustig werden. Sie hoffte, dass die anderen Einwohner freundlicher sein würden. Schade eigentlich, dass er so garstig war – er hatte eine gewisse Anziehung auf sie ausgeübt, das musste sie zugeben. Hätte er nicht mal ein freundliches Wort für sie erübrigen können?

Wie auch immer!

Ich habe ein sehr schönes Haus und ein ebenso schönes Auto, sagte sich Morgan, um das aufkommende Gefühl von Deprimiertheit zu unterdrücken. Was war in sie gefahren? Hatte sie nicht alles, wovon sie geträumt hatte?

Der Wagen schnurrte leise die lange Lindenallee entlang, an deren Ende das Haus auf sie wartete, das sie erst kürzlich gekauft hatte. Ingleton Hall war ein Schmuckstück aus Jakobinischer Zeit, das nach einem Brand mehrere Jahre leer gestanden hatte. Aber als Morgan es zum ersten Mal gesehen hatte, war sie absolut sicher gewesen, dass sich die hohen Kosten für eine Renovierung lohnen würden.

Sie war so in Gedanken versunken, dass sie zuerst die beiden kleinen Gestalten fast nicht bemerkt hätte, die neben der Straße mit ihren Fahrrädern beschäftigt waren. Morgan bremste und öffnete das Fenster. „Kann ich euch helfen?“, fragte sie. Die beiden sahen auf, als sie den Wagen hörten, und Morgan schaute in die Gesichter von zwei ungefähr zehn oder zwölf Jahre alten Mädchen, die offensichtlich Zwillinge waren.

Die beiden schauten Morgan neugierig an. „Wir wollten nach Ingleton Hall, um Morgan Steele zu besuchen“, sagte eins der Mädchen. „Sind Sie das vielleicht?“

„Ja, das bin ich“, sagte Morgan überrascht und fragte sich, was die beiden wohl von ihr wollten.

„Sie sehen ganz anders aus als auf dem Bild in der Zeitung“, sagte das andere Mädchen. Sie kramte in der Tasche auf ihrem Gepäckträger und zog einen Ausschnitt der Lokalzeitung heraus, warf einen Blick darauf und nickte. „Ja, sie ist es“, sagte sie zu ihrer Schwester.

„Nun, jetzt wisst ihr, wer ich bin – sagt ihr mir auch, wer ihr seid?“

„Ich bin Polly. Und das ist Phoebe“, sagte die, die zuerst gesprochen hatte, und fügte unnötigerweise hinzu: „Wir sind Zwillinge.“

„Das sieht man“, sagte Morgan.

Die beiden sahen sich sehr ähnlich, wenngleich nicht zum Verwechseln. Morgan und ihre Zwillingsschwester Minty hingegen sahen so verschieden aus, dass sie normalerweise niemand für Zwillinge hielt.

„Wohnt ihr im Dorf?“, fragte Morgan.

Die beiden nickten. „Wir sind den ganzen Weg mit dem Rad gefahren“, sagte Phoebe. „Wir wollten Sie fragen, ob Sie uns ein Interview geben.“

Das hatte Morgan nicht erwartet. „Ein Interview?“, fragte sie überrascht.

„Ja, für die Schülerzeitung“, meinte Polly.

„Das hört sich ziemlich interessant an“, meinte Morgan. „Aber warum wollt ihr mich interviewen?“

„Wir haben das Interview mit Ihnen in der Lokalzeitung gelesen“, erklärte Phoebe. „Dort stand jedenfalls, dass Sie berühmt sind.“

„Und reich“, ergänzte Polly. „Also haben wir uns gedacht, wir würden auch gern etwas über Sie schreiben.“

Die beiden schauten sie hoffnungsvoll an.

„Ich glaube nicht, dass meine Lebensgeschichte sehr interessant wäre für Schulkinder“, meinte Morgan. „Ich habe weder etwas besonders Aufregendes getan, noch kenne ich irgendwelche berühmten Leute.“

„Oh.“ Die Zwillinge schienen etwas verunsichert. „Aber in der Zeitung stand, dass Sie einen eigenen Swimmingpool in Ihrem Haus haben und auch sonst alles.“

Für Polly schien ein eigener Swimmingpool das Glamouröseste zu sein, was sie sich vorstellen konnte. Es berührte Morgan, dass diese Mädchen so beeindruckt waren.

„Ja, ich habe einen eigenen Pool“, sagte sie. „Wollt ihr ihn sehen?“

„Ja, bitte“, sagten sie zweistimmig.

„Und können wir auch das Interview machen?“, fragte Phoebe.

Morgan hatte schon gemerkt, dass Phoebe die Praktischere, Direktere der beiden Schwestern war. Jedenfalls versuchte sie das, weswegen sie zu ihr hatten kommen wollen, durchzusetzen. Die Zwillinge machten auf Morgan den Eindruck, als ob sie es gewohnt waren, das zu bekommen, was sie wollten.

Das kam Morgan irgendwie bekannt vor.

Was kann es schon schaden? fragte sie sich. Sie hatte ja die Absicht, sich möglichst rasch in die Dorfgemeinschaft zu integrieren. Deshalb hatte sie trotz früherer schlechter Erfahrungen mit Reportern zugestimmt, mit den Redakteuren der Lokalzeitung zu sprechen. Es hatte sie ein wenig irritiert, dass die Journalisten offenbar an ihrem Haus mehr interessiert gewesen waren als an ihr.

Aber es handelte sich ja jetzt nur um eine Schülerzeitung. Vielleicht würde es ihre Aufnahme in die Gemeinde erleichtern, wenn dort etwas über sie zu lesen war. Wer weiß, es könnte ja sein, dass sogar der ungehobelte Dr. Brown es lesen würde, dachte Morgan.

„Also gut“, sagte sie. „Ich bin einverstanden.“

Sie bot den beiden an, sie in ihrem Wagen mitzunehmen, aber Phoebe und Polly wollten lieber mit ihren Rädern zu dem Haus fahren. Also fuhr Morgan voraus. Sie wusste, dass Kinder für Architektur gewöhnlich keine besondere Vorliebe hatten, aber sie selbst liebte das alte Haus sehr und hoffte, dass es die beiden Mädchen wenigstens ein bisschen beeindrucken würde.

Sie hätte sich darüber keine Sorgen machen müssen. Die „Ahs“ und „Ohs“ der beiden wollten gar nicht wieder aufhören. Und wie zu erwarten gewesen war, schienen die Mädchen von dem Gebäudeflügel, in den Morgan einen wunderschönen Swimmingpool und einen Fitnessraum hatte einbauen lassen, besonders beeindruckt.

Phoebe war, wie sich herausstellte, ein Computerfreak und riss erstaunt die Augen auf, als sie die modernsten elektronischen Geräte in Morgans Büro sah.

„Das ist ein sehr schönes Haus“, stellte Phoebe fest, als sie den Rundgang beendet hatten und auf die Terrasse hinausgingen. Von dort hatte man einen herrlichen Blick auf den gepflegten Garten und den sich anschließenden weitläufigen Park.

„Sie könnten hier Ponys halten“, meinte Polly bewundernd.

„Ich habe leider nie Reiten gelernt“, gestand Morgan.

„Mein Vater könnte es Ihnen beibringen.“

Morgan murmelte etwas Undefinierbares. Sie hatte ein wenig Angst vor großen Tieren wie Kühen und Pferden. Aus der Entfernung waren sie ja ganz nett anzuschauen …, aber wenn man näherkam …

Wenn Alistair Brown das wüsste, würde er sich sicher in seiner Auffassung, sie passe nicht hierher aufs Land, bestätigt fühlen.

Das Interview fand in der Küche statt. Sie bot den Mädchen ein Glas Limonade an und brühte sich selbst einen Tee auf. Dann setzten sich alle drei an den Küchentisch.

„Wir dachten, Sie hätten Hausangestellte“, sagte Polly. „Sie wissen schon, einen Butler und eine Köchin.“

„Da muss ich euch enttäuschen“, sagte Morgan. „Aber überlegt doch mal selbst – wären ein Butler und eine Köchin nicht für mich allein glatte Verschwendung? Ich habe jemanden, der mir ab und zu im Garten hilft, und einmal in der Woche kommt eine Putzfrau für einen Tag.“

„Mrs Bolton, das wissen wir“, sagte Polly. „Sie war früher immer als Babysitter bei uns, als wir noch klein waren. Sie hat uns gesagt, wie toll Ihr Haus ist. Aber wir wollten es selbst sehen.“

„Nun, ich hoffe, ihr seid nicht enttäuscht.“

„Oh, nein“, beeilte sich Phoebe zu sagen. „Wir würden auch gern in so einem Haus leben, nicht wahr, Polly?“

Polly nickte eifrig. „Ja, wenn es nicht verhext ist.“

„Es ist nicht verhext“, sagte Phoebe tadelnd. „Das ist doch nur eine dumme Geschichte.“ Sie wandte sich an Morgan. „Hier gibt es doch nicht so etwas wie Geister, oder?“

„Ich glaube nicht“, sagte Morgan ernsthaft.

„Aber ich hätte doch Angst, hier allein zu leben“, wandte Polly ein. „Fühlen Sie sich nicht einsam?“

Nun, das war eine gute Frage. Morgan nahm nicht an, dass die Mädchen in diesem Alter Verständnis dafür haben würden, wenn sie ihnen erzählte, dass sie sich plötzlich am Rande eines dunklen Abgrundes gefühlt hatte, als Paul sie verließ. Und dass sie seitdem dieses schreckliche Gefühl der Einsamkeit nicht mehr loswurde.

„Tallulah leistet mir Gesellschaft“, sagte sie. „Sie wird mich vor Geistern beschützen.“

„Ist das Ihr Hund?“, fragte Polly. Sie und Phoebe hatten Tallulah mit offensichtlicher Abneigung gemustert. „Er ist unglaublich fett.“

„Ich weiß“, seufzte Morgan. „Ich muss sie auf eine strenge Diät setzen. Also gebt ihr bitte keinen Keks ab, auch wenn sie bettelt.“

Sie hatte sich schon gewundert, dass Phoebe und Polly ihr bisher nichts gegeben hatten, obwohl Tallulah alles versucht hatte, um sie umzustimmen. Sie hatte sich an ihren Beinen gerieben, Sitz gemacht, mit den Pfoten an den Stühlen gekratzt – aber die Mädchen hatten gar nicht darauf geachtet.

„Unser Dad würde damit leicht fertig“, sagte Phoebe. „Er ist sehr streng.“

„Streng mit euch?“, fragte Morgan.

„Ja, auch mit uns.“ Sie nickten beide, schienen aber nicht sehr beunruhigt zu sein. „Sollen wir mit dem Interview anfangen?“

Phoebe würde die Fragen stellen, die die beiden vorbereitet hatten, und Polly die Antworten mitschreiben.

„Okay“, sagte Phoebe und warf einen Blick auf das vorbereitete Papier. „Also, wie alt sind Sie?“

Morgan war von dieser direkten Frage ziemlich überrascht. Aber was sollte es? Der Artikel in der Schülerzeitung würde sicher nicht in der Times nachgedruckt oder von den Nachrichtendiensten in der Welt verbreitet.

Und hatte sie etwas zu verbergen?

„Ich bin neununddreißig“, sagte sie.

Die Mädchen warfen sich einen Blick zu. „Genauso alt wie unser Dad“, meinte Phoebe.

„Wann haben Sie Geburtstag?“, fragte Polly.

„Am dritten September“, sagte Morgan.

Polly schrieb das Datum auf.

Phoebe stellte die nächste Frage. „Wären Sie gern verheiratet?“

Die ganze Sache wurde persönlicher, als Morgan es sich vorgestellt hatte. Aber sie wusste nicht, wie sie die Antwort auf die Frage verweigern sollte, ohne unhöflich zu erscheinen.

„Wieso meint ihr, ich wäre nicht verheiratet?“

„Nun, in der Lokalzeitung stand, sie seien alleinstehend.“

„Man muss nicht alles glauben, was in der Zeitung steht.“

„Aber Mrs Bolton hat auch gesagt, dass Sie nicht verheiratet sind“, meinte Polly.

„Also gut, es stimmt. Ich bin nicht verheiratet“, gab Morgan zögernd zu. „Aber so etwas findet ein guter Journalist vorher heraus und muss nicht danach fragen.“

„Unverheiratet“, wiederholte Polly und schrieb es auf.

„Warum sind Sie nicht verheiratet?“, fragte Phoebe.

Morgan seufzte. Wenn sie darauf die Antwort wüsste, wäre ihr Leben um einiges leichter. Minty war der Ansicht, sie mache den Männern Angst. Morgan selbst war der Ansicht, dass sie leider immer wieder nur Männer traf, die schwach genug waren, um vor ihr Angst zu haben.

Paul war anders gewesen. Aber er hatte sie nicht heiraten wollen.

„Irgendwie hat es sich nicht ergeben“, meinte Morgan. „Ich war wohl nie zum richtigen Zeitpunkt mit dem richtigen Mann bekannt.“

„Vielleicht finden Sie ja hier einen Mann zum Heiraten“, meinte Phoebe altklug. Morgan musste lachen.

„Ihr glaubt also nicht, ich sei zu alt zum Heiraten?“

„Neununddreißig ist ziemlich alt“, stellte Phoebe fest. „Aber es gibt Leute, die sind noch älter, wenn sie heiraten. Unsere Lehrerin hat voriges Jahr geheiratet, und sie war schon siebenundvierzig“, fügte Polly hinzu.

„Dann gibt es bei mir ja noch Hoffnung“, scherzte Morgan.

Polly stieß nun Phoebe an, mit den Fragen fortzufahren. Phoebe schaute auf ihre Notizen. „Wie muss der Mann sein, den Sie heiraten würden?“

Wie Paul, dachte Morgan. Aber dann schüttelte sie die Erinnerung ab. Sie musste endlich lernen, nicht ständig an ihn zu denken. Es war vorbei, und sie war wieder allein auf sich gestellt, so, wie es die meiste Zeit in ihrem Leben gewesen war.

„Also, mal überlegen“, sagte Morgan lächelnd. Sie wollte nicht, dass die Zwillinge bemerkten, wie einsam sie war. „Er müsste Humor haben und freundlich sein und liebevoll und treu …, jemand, mit dem ich gut reden kann.“

„Und wie sollte er aussehen?“, wollte Phoebe wissen. „Muss er gut aussehen?“

Paul war attraktiv gewesen. So attraktiv, dass Morgan sich manchmal gefragt hatte, warum er mit ihr zusammen war. Er schien zu gut auszusehen, um einer einzigen Frau treu zu sein.

„Aussehen ist nicht so wichtig wie der Charakter“, sagte Morgan.

„Nicht so wichtig“, notierte Polly.

„Würden Sie einen Mann heiraten, der Kinder hat?“, fragte Phoebe wie beiläufig.

Morgan dachte nach. „Ich weiß wenig über Kinder“, meinte sie. Das war wohl das persönlichste und intimste Interview, das sie jemals gegeben hatte. Aber sie hatte nun einmal damit angefangen und würde es zu Ende bringen. „Ich hätte grundsätzlich nichts gegen einen Mann mit Kindern.“

Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Polly schrieb „grundsätzlich nichts dagegen“.

„Gut“, sagte Phoebe. Nach einer kleinen Pause schauten beide Mädchen Morgan an.

„War es das?“, fragte Morgan. „Braucht ihr sonst nichts mehr für euren Artikel?“

„Hm …, mögen Sie eigentlich gern in Ingleton leben?“, fragte Polly plötzlich.

„Ich bin erst eine Woche hier“, sagte Morgan. „Ich habe das Städtchen und die Leute bisher kaum kennengelernt.“ Außer einen rüden Tierarzt, dachte sie. „Aber ich bin sicher, dass es mir hier gefallen wird. Ich muss versuchen, die Gegend schnell besser zu erkunden“, meinte sie. „Zum Beispiel suche ich einen guten Spazierweg, auf dem ich mit Tallulah laufen kann.“

„Wir können Ihnen alle Spazierwege zeigen“, bot Phoebe an. „Wir kennen uns hier sehr gut aus.“

„Das ist sehr nett von euch“, sagte Morgan. „Aber eure Eltern werden euch schon vermissen und es vielleicht nicht gut finden, wenn ihr zu lange mit jemandem zusammen seid, der fremd ist. Ihr solltet sie besser vorher fragen.“

„Sie könnten ja zum Tee zu uns kommen, dann sind Sie keine Fremde mehr“, sagte Phoebe.

Morgan lächelte. „Tee wäre eine wunderbare Idee. Aber ihr solltet erst eure Mutter fragen.“

„Die ist in Spanien. Unser Dad kümmert sich um uns.“

„Oh.“ War das der Hintergrund all dieser persönlichen Fragen gewesen? wunderte sich Morgan plötzlich. Hatten die beiden dabei einen ganz bestimmten Hintergedanken? Nun, sie war nicht der Typ Hausmütterchen und konnte sich nicht vorstellen, dass sie etwas an einem geschiedenen Vater von zwei Töchtern finden könnte. Sie war sich absolut nicht sicher, ob sie eine gute Stiefmutter abgeben würde. Eine Beziehung, in der sich zwangsläufig alles um die Kinder drehen würde, war nicht nach Morgans Geschmack.

Aber die beiden Mädchen waren so herzerfrischend, dass sie es nicht fertigbrachte, ihnen den Wunsch einfach abzuschlagen. Sie würde nur auf eine Tasse Tee bleiben – was für ein Risiko ging sie schon ein?

„Kommen Sie doch am Samstagnachmittag“, drängte Phoebe. „Dad ist bestimmt einverstanden. Er hat es gern, wenn wir Freunde nach Hause einladen.“

Morgans Misstrauen legte sich. Sie war gerührt, dass die Zwillinge sie als Freundin ansahen. Vielleicht würde ihr Vater genauso reagieren. Nicht alle Einheimischen mussten so harsch sein wie Alistair Brown.

„Also gut. Aber ihr klärt erst einmal zu Hause, dass es mit eurer Einladung in Ordnung geht. Dann komme ich gern zum Tee zu euch.“

2. KAPITEL

Das große Haus erschien ihr sehr leer, nachdem Morgan die Zwillinge verabschiedet hatte und ihnen nachschaute, wie sie auf ihren Rädern die lange Allee hinunterfuhren. Ein wenig missmutig drehte sie sich um, ging zurück ins Haus und wanderte durch die Räume, die sie mit so viel Aufwand und Enthusiasmus hatte renovieren lassen.

Zum ersten Mal fühlte sie sich in dem ruhigen Haus unwohl. Sie war unruhig und deprimiert. Gleichzeitig hatte sie ein Gefühl von Schuld, weil sie doch eigentlich viel Grund gehabt hätte, sich zu freuen und zufrieden zu sein. Sie hatte viele Jahre hart gearbeitet, um ihre Softwarefirma zu einem preisgekrönten, erfolgreichen Unternehmen auszubauen. Beim Verkauf hatte sie einen fantastischen Preis erzielt, der sie zu einer reichen Frau gemacht hatte, die sich über finanzielle Dinge keine Sorgen mehr zu machen brauchte. Das zu erreichen war ihr Ziel gewesen, nachdem sie in ihrer Jugend miterlebt hatte, wie schwer es für ihre Mutter gewesen war, allein ihre beiden Töchter großzuziehen.

Was sie nicht richtig eingeschätzt hatte, war das nagende Gefühl der Nutzlosigkeit, die ständig schwebende Frage „Und was nun?“, die nicht aus ihrem Kopf verschwand, nachdem sie sich aus dem Geschäft zurückgezogen hatte.

„Du hast eine kleine Krise“, hatte Minty sie zu beruhigen versucht. „Das ist ganz normal in einer solchen Situation. Bald hast du einen runden Geburtstag, und das ist Anlass genug, Bilanz zu ziehen und nach einem neuen Sinn im Leben zu suchen.“

„Du scheinst nicht auf der Suche zu sein“, hatte Morgan gesagt. „Aber du wirst am selben Tag vierzig wie ich.“

„Mit drei Kindern und einem Haushalt, den du allein versorgen musst, hast du nicht viel Zeit für die Sinnsuche“, hatte Minty erwidert. „Ich hatte meine Krise, als Rick mich verließ. Ich musste erst lernen, mit der Tatsache, allein für alles verantwortlich zu sein, fertig zu werden. Bei dir war es genau umgekehrt. Du hättest weiter deinen Job machen, Geld verdienen und dir Zeit nehmen können, herauszufinden, was du wirklich willst.“

„Ich habe gefunden, was ich gesucht habe“, hatte Morgan ihr versichert. Minty hatte zweifelnd die Stirn gerunzelt. „Ich wollte Erfolg, Unabhängigkeit und finanzielle Sicherheit. Und all das habe ich bekommen.“

„Ach, Geld“, hatte Minty wegwerfend geantwortet. „Was ist mit einer erfolgreichen und zufriedenstellenden Partnerschaft und mit emotionaler Sicherheit? Hast du die auch bekommen?“

„Was das angeht, habe ich wohl auf der ganzen Linie versagt“, hatte Morgan seufzend zugegeben.

„Paul ist nicht der einzige Mann auf der Welt“, hatte Minty geantwortet. „Irgendwo ist genau der richtige Mann für dich, Morgan. Halte die Augen offen und versuche, ihn zu finden. Behandele die Sache nicht wie ein Geschäftsvorhaben. Sei entspannt und genieße es, wenn du dich verliebst.“

Morgan dachte an diese Unterhaltung mit ihrer Zwillingsschwester zurück, während sie die obligatorischen zwanzig Runden in ihrem Pool schwamm. Minty hatte gut reden – wie sollte sie den richtigen Mann finden, wo sollte sie suchen? Sie hatte ihr Leben total umgekrempelt und war in diese ländliche Gegend gezogen. Aber der einzige Mann, den sie bisher kennengelernt hatte, war grob und unfreundlich zu ihr gewesen.

Und besonders attraktiv war er auch nicht, der Doktor Alistair Brown. Nun, das war nicht ganz richtig. Auf seine Art war Dr. Brown mit den grauen Augen und dem ausdrucksvollen Mund schon recht eindrucksvoll, wenn man eine Schwäche für kühle, verschlossene Männer hatte.

Morgan ging an diesem Abend leicht deprimiert ins Bett, aber als sie wach wurde, schien draußen die Sonne, und sie fühlte neue Zuversicht.

Es war Zeit, dass sie aktiv wurde. Sie war nicht der Typ, sich hängen zu lassen und ewig über ihren Problemen zu brüten. Wenn es ein Problem gab, dann musste es gelöst werden. So hatte sie es immer gehalten.

Also, wo liegt denn mein Problem? fragte sich Morgan, als sie ihre fabelhafte neue Espressomaschine in Gang setzte. Ganz einfach – sie fühlte sich einsam und unruhig, ihr fehlte eine Beziehung, ein Partner.

Was war die Lösung? Nun, sie musste ausgehen, Leute kennenlernen, vor allem Männer, und Bekanntschaften knüpfen. Sie musste offen und charmant sein, sich aber gleichzeitig sanft, verletzlich und zurückhaltend geben und unbedingt versuchen, den Leuten nicht zu viel Respekt oder gar Angst einzuflößen. Anderen gelang das doch auch, warum ihr nicht?

Es würde ihr gelingen, nahm sich Morgan vor. Sie musste nur konsequent sein und es immer wieder versuchen.

Die ersten Schritte, mit Leuten in Kontakt zu kommen, hatte sie bereits getan. Sie hatte eine Einladung des Verwaltungsrats der Schule in Ingleton angenommen, und sie würde am Wochenende zum Tee bei Phoebe und Polly sein und den verlassenen Vater kennenlernen. Es hatte nicht geklungen, als ob er ein besonders aufregender Mann sei, schließlich hatte seine Frau ihn und die beiden Töchter verlassen und sich nach Spanien abgesetzt. Aber vielleicht konnte er ein guter Freund werden, wie ein Bruder oder ein Kollege.

Inzwischen würde sie mit vollem Einsatz an ihrem zweiten Projekt arbeiten, der Verschlankung von Tallulah. Heute würde sie zum ersten Mal zu einem langen Morgenspaziergang mit der Hündin losgehen. Und anschließend gab es das opulente Frühstück aus trockenen Diätbiskuits und viel frischem Wasser. Tallulah war bereits zutiefst beleidigt und beunruhigt über die Verweigerung der gewohnten Leckerbissen. Am Abend zuvor hatte sie angeekelt die Nase in die Luft gestreckt, als sie die Diätbiskuits in ihrem Fressnapf entdeckte, und sich geweigert, auch nur ein Stück davon anzurühren. Aber Morgan war eisern geblieben, sie hatte sich an Alistair Browns eindringliche Ermahnungen erinnert. Sie würde alles tun, um nicht zu ihm zu gehen und zugeben zu müssen, dass sie versagt hatte.

Sie fand in ihrem Schrank ein Paar Turnschuhe, die bei dem guten Wetter genau das richtige Schuhwerk waren. Nach dem Frühstück machte sie sich mit Tallulah auf den Weg. Leider dauerte der Sonnenschein nicht allzu lange, der Himmel bedeckte sich, und ein kühler Wind kam auf. Es war zwar Frühling, aber wie immer in den ersten Wochen nach Frühlingsbeginn war das Wetter sehr unbeständig. Morgan zog ihren Kaschmirmantel enger um sich und klappte den Kragen hoch.

Leider war Tallulah an einem flotten Marschtempo so gut wie nicht interessiert, sie schlich lustlos an der Leine hinter Morgan her, blieb häufig stehen oder setzte sich erschöpft hin. Dann begann es auch noch zu regnen, und der Weg wurde morastig. Morgans Turnschuhe waren schon bald mit einer dicken Matschkruste überzogen. Und ihre Designerjeans waren bis zu den Knien mit Schlamm bespritzt.

Als Morgan eine Abzweigung erreichte, die sie quer über eine große Wiese in einem Bogen nach Ingleton Hall zurückführen würde, war sie es leid, den unwilligen und trödelnden Hund an der Leine hinter sich herzuzerren. Sie löste die Leine und ging weiter. Wenn Tallulah nicht so schnell mitkam, würde sie unten an der Wegkreuzung auf sie warten.

Nach fünfzig Metern schaute sie zurück, um zu sehen, wo Tallulah abgeblieben war. Bei dem Anblick, der sich ihr bot, stockte ihr fast der Atem. Mindestens ein Dutzend junger Kühe kam über die Kuppe des flachen Hügels und rannte direkt auf Tallulah zu, die an irgendeinem Grasbüschel herumschnüffelte und noch nichts gemerkt hatte.

„Tallulah!“, schrie Morgan so laut sie konnte. Aber die Hündin hatte noch nie in ihrem Leben gelernt zu gehorchen, sie überhörte Morgans Geschrei und schnüffelte unbeeindruckt weiter.

Die Kühe kamen dem Hund immer näher. „Tallulah, du kommst sofort her“, rief Morgan noch einmal. Aber für den Hund war die ganze Situation völlig ungewohnt, er reagierte überhaupt nicht und würde die heranstürmenden Kühe erst bemerken, wenn sie über ihn hinwegtrampelten.

Morgan mochte Tallulah nicht besonders, aber das durfte sie nicht zulassen! Sie rannte zurück, ihr Herz hämmerte. Warum war sie nur auf die Idee gekommen, auf dem Land leben zu wollen?

Sie würde ungefähr gleichzeitig mit den Kühen Tallulah erreichen. Aber was machte sie dann?

Plötzlich sah sie, dass zwei Männer an dem Gatter der Weide lehnten. Sie winkte aufgeregt. „Hilfe“, schrie sie, aber entweder hörten sie sie nicht, oder sie schätzten die Situation falsch ein. Morgan blieb nichts anderes übrig, als zu Tallulah hinüberzulaufen, die erschreckt aufjaulte, als Morgan sie in die Höhe riss.

„Verschwindet“, rief Morgan den Kühen zu, die ein paar Meter vor ihr und dem Hund stehen geblieben waren. Sie strömten einen scharfen Geruch aus, ihr Fell dampfte, und sie schnaubten aufgeregt. „Husch“, rief Morgan und versuchte, sie mit ausgebreiteten Armen wegzuscheuchen. Aber die Kühe bewegten sich nicht.

Oh Gott, was nun? Tallulah war schwer auf ihrem Arm, aber Morgan wagte nicht, sie herunterzulassen. Sie würde sie bis zum Zaun tragen müssen.

Sie begann, langsam in Richtung Zaun zu gehen. Sie hoffte, die Kühe würden bleiben, wo sie waren, aber die schienen neugierig zu sein, was mit dem Hund geschah, und trotteten hinter ihr her. Als Morgan schneller ging, wurden auch die Kühe schneller. Schließlich legte sie Tallulah über die Schulter und rannte in Richtung Zaun.

„Hilfe“, rief sie noch einmal mit halb erstickter Stimme. Endlich bewegten sich die beiden Männer. Sie schlossen das Gatter sorgfältig hinter sich und kamen ohne jede Eile auf sie zu.

„Oh …, danke, danke“, sagte Morgan atemlos, als die Männer sich zwischen sie und die Kühe stellten. Wie durch ein Wunder hielten die Kühe an, drehten sich um und gingen langsam zurück.

Morgan wollte sich nur noch auf der anderen Seite des Gatters in Sicherheit bringen, übersah dabei aber, dass sich dort eine große, schlammige Pfütze gebildet hatte. Hätte sie nicht im letzten Moment Tallulah zu Boden fallen lassen, wäre sie nicht nur mit den Knien, sondern mit dem ganzen Körper in dem Schlammloch gelandet.

Tallulah heulte erschreckt auf, als sie auf dem Boden landete, und rannte so schnell wie möglich zu dem Gatter, ohne sich um Morgan zu kümmern. Als diese nach dem Hund greifen wollte, rutschte sie aus, versank mit beiden Armen in der Schlammpfütze und platschte dann mit dem Gesicht zuerst in den Dreck.

Einen Moment lang lag sie unbeweglich da und fragte sich, was nur aus der cleveren, erfolgreichen, selbstbewussten Morgan Steele geworden war.

Langsam richtete sie sich auf. Als sie ihre Knie aus dem Schlamm zog, gab es ein ekelhaftes, schmatzendes Geräusch.

Aber da war noch ein anderes Geräusch hinter ihr. Gelächter.

Im nächsten Moment griff eine Hand nach ihrem Ellbogen und half ihr aufzustehen. Morgan wischte sich den Schlamm aus dem Gesicht und schaute ihren Helfer an.

Es war Alistair Brown.

„Ich hatte gesagt, Sie sollen mit dem Hund spazieren gehen, aber nicht, dass Sie einen Hundertmetersprint im Schlamm machen sollen“, sagte er. Und selbst in diesem für sie erniedrigenden Moment konnte Morgan nicht umhin festzustellen, wie vorteilhaft sein breites Lächeln sein Gesicht veränderte und es lebhafter erscheinen ließ. Ihr wurde auf einmal bewusst, dass er eigentlich ein beunruhigend attraktiver Mann war.

Allerdings war in ihrer Vorstellung, sie würde unter Leute gehen und versuchen, einen attraktiven Mann kennenzulernen, nicht vorgesehen gewesen, dass sie dies von oben bis unten mit Schlamm bedeckt tun würde.

Ein Gutes hatte die Schlammkruste – Alistair Brown konnte nicht sehen, dass ihre Wangen brannten.

„Wir wollten Sie nicht beleidigen, aber es war die komischste Sache, die ich je erlebt habe“, sagte Alistairs Begleiter, der die Kühe inzwischen zurück auf den Hügel gescheucht hatte. „Leider hat man nie eine Videokamera dabei, wenn man eine bräuchte.“

„Darf ich Ihnen Derek Iverson vorstellen“, sagte Alistair. „Ihm gehören die Kühe. Wir waren gerade hergekommen, um sie uns anzuschauen, als Sie mit dem Hund auf dem Arm angerannt kamen. Wir waren nicht auf solch eine Vorstellung vorbereitet.“

„Ich hätte das um keinen Preis verpassen mögen“, fügte Derek Iverson lachend hinzu.

Morgan wäre am liebsten im Boden versunken, aber es gab keine Möglichkeit, sich unauffällig zu entfernen. Sie wischte sich den Schlamm ab, der noch an ihrem Gesicht klebte.

„Dann kann ich ja stolz sein, dass ich Ihnen so viel unerwartetes Vergnügen bereiten konnte“, sagte sie bitter. Sie war sich bewusst, wie lächerlich sie in ihrem schlammbedeckten Mantel aussehen musste. Sie merkte, dass Alistair Brown sie aufmerksam musterte.

„Sind Sie in Ordnung?“, fragte er besorgt.

„Nein, dank Ihres Ratschlages“, schnappte sie. Sie schaute hinüber zu Tallulah, die immer noch zitternd an dem Gatter stand und wartete. „Ich kann ja wohl von Glück sagen, dass ich und mein Hund nicht zu Tode getrampelt wurden. Diese Kühe waren sehr bedrohlich.“

„Sie sollten daraus die Lehre ziehen, dass man in dieser Gegend nicht so einfach quer über eine Weide läuft“, meinte der Doktor. „Das hätten Sie sich doch selbst denken können.“

„Komischerweise habe ich in London keine Erfahrungen mit einer durchgehenden Kuhherde machen können“, gab sie zurück.

„Sie sind aber nicht mehr in London, nicht wahr? Beim nächsten Mal achten Sie darauf, dass Sie nur auf den Wegen gehen. Die Farmer haben es nämlich auch nicht gern, wenn man auf ihren Feldern herumtrampelt.“

„Es wird kein nächstes Mal geben“, sagte sie wütend. „Von jetzt an mache ich meine Spaziergänge nur noch auf gepflasterten Straßen.“

„Das wird dem Hund aber kaum Spaß machen“, meinte Alistair Brown.

„Bestimmt viel mehr Spaß als das hier. Schauen Sie sie an, sie ist völlig verängstigt.“ Morgan zeigte anklagend auf Tallulah.

„Ich wäre auch völlig verängstigt, wenn jemand kommt, während ich gerade an einem Kuhfladen schnuppere, mich hochreißt, mit mir losrennt und mich dann in ein Schlammloch fallen lässt“, meinte Alistair Brown und verzog ironisch die Mundwinkel. „Sie hätten sie allein laufen lassen sollen. Sie wäre schon nicht unter die Hufe gekommen, weil Kühe normalerweise recht vorsichtig sind. Und es wäre eine hervorragende Übung für sie gewesen.“

„Ich denke, für heute hatten wir genug Bewegung“, meinte Morgan. Sie wandte sich an Derek Iverson. „Tut mir leid, dass ich ohne Erlaubnis über Ihre Felder gelaufen bin“, sagte sie.

„Oh, das macht gar nichts“, erwiderte Iverson. „Dafür haben Sie mich zum Lachen gebracht. Und da wir uns ja jetzt kennen, können Sie jederzeit über meine Felder laufen, wie Sie wollen.“

„Danke“, sagte Morgan knapp und schwor sich, nie wieder einen Fuß auf diese Felder zu setzen. Sie nahm Tallulahs Leine und watete durch den Schlamm zu dem Feldweg, wo der Hund immer noch auf sie wartete, mit gesenktem Kopf, hängendem Schwanz und ängstlich angelegten Ohren. „Komm, Tallulah, wir gehen nach Hause.“

„Ich nehme Sie mit“, sagte Alistair. Er trug eine feste Wetterjacke und Gummistiefel und hatte keinerlei Probleme mit dem Schlamm.

„Das ist wirklich nicht nötig“, sagte Morgan schmallippig.

„Sie können doch so nicht herumlaufen. Mein Landrover steht gleich dort drüben. Ich bin auf dem Weg zurück in die Praxis. Es ist kaum ein Umweg, Sie zu Ihrem Haus zu bringen.“

Er ließ keine weitere Widerrede zu, nahm Morgans Arm und führte sie zu seinem ziemlich verbeulten Geländewagen, der neben dem Traktor des Farmers stand.

„Nun steigen Sie schon ein“, sagte er. „Und du springst selbst hinein, Tallulah, oder erwartest du, dass ich dich hochhebe?“

Da der Hund keine Anstalten machte, sich zu bewegen, hob Alistair Brown ihn tatsächlich hoch und setzte ihn in den Wagen.

„Schaffen Sie es allein, oder muss ich Ihnen auch helfen?“, fragte Alistair freundlich.

Plötzlich hatte Morgan das Gefühl, sie müsse gleich in Tränen ausbrechen. Am liebsten hätte sie diesem unausstehlichen Alistair Brown gesagt, sie könne gut auf seine Hilfe verzichten, aber sie merkte, dass ihre Beine zitterten. Der Schlamm auf ihrer Haut und der Kleidung fühlte sich nass und schwer an. Tallulah war in keinem besseren Zustand. Sie beide waren ein trauriges Paar.

„Also gut, danke für das Angebot“, sagte sie kühl und kletterte auf den Beifahrersitz.

Alistair verabschiedete sich von Derek Iverson und setzte sich hinters Steuer. Er sah Morgan von der Seite an, dann öffnete er das Handschuhfach und nahm eine Flasche Wasser heraus.

„Hier“, sagte er und reichte ihr die Wasserflasche zusammen mit einem Paket Kleenex. „Damit können Sie sich das Gesicht und die Hände etwas säubern.“

Er sah zu, wie Morgan mit einem angefeuchteten Tuch ihr Gesicht abwischte. Ihr Gesichtsausdruck dabei war eine Mischung aus Ekel und Abscheu, aber sie hielt ihr Kinn hoch erhoben. Wie bei ihrem ersten Besuch in meiner Praxis, dachte Alistair.

„Es tut mir leid, dass wir über Sie gelacht haben“, entschuldigte er sich. Als sie ihn überrascht ansah, stellte er fest, dass sie sehr ausdrucksvolle Augen hatte, deren Farbe ihn an Bitterschokolade denken ließ.

Sie starrte ihn einen Moment an. Dann löste sich die Spannung in ihren Schultern, und sie lehnte sich zurück. „Oh, ist schon gut.“ Sie seufzte. „Ich nehme an, wir sahen wirklich sehr komisch aus.“

„Stimmt“, sagte Alistair.

„Solch ein Eindruck kann täuschen“, sagte Morgan trocken. Überrascht bemerkte sie, dass er sie mit einem anerkennenden Lächeln ansah.

„Auch das ist richtig“, sagte er. Der intensive, forschende Blick, mit dem er sie kurz musterte, erzeugte zu ihrer Überraschung ein jähes Prickeln auf ihrer Haut.

Sie wandte den Blick ab und sah durch die Frontscheibe auf die Straße.

Beide schwiegen. Morgan spürte, dass plötzlich eine fühlbare Spannung zwischen ihnen herrschte und sie sich der körperlichen Nähe des Mannes neben ihr deutlich bewusst wurde.

Alistair Brown sah nicht umwerfend aus, er hatte nicht die Eleganz und die weltmännische Ausstrahlung, die Paul ausgezeichnet hatten. Aber der Blick seiner kühlen grauen Augen schien sie tief zu durchdringen.

Er war auch nicht besonders beeindruckend von Gestalt, nur wenig größer als sie selbst. Und obwohl sie das unter seiner weiten Wetterjacke nicht ausmachen konnte, machte er nicht den Eindruck, besonders muskulös zu sein. Und doch strahlte er eine gewisse Härte aus, eine Zähigkeit, die nichts mit Muskelpaketen zu tun hatte, sondern ein äußeres Zeichen großen Selbstvertrauens und innerer Ruhe war.

Sie selbst mochte ebenfalls den Eindruck machen, selbstbewusst zu sein – jedenfalls im Büro, während der Arbeit –, aber ohne den beruflichen Hintergrund fühlte sie sich unsicher und gehemmt. Es hatte Morgan immer amüsiert zu hören, dass andere Leute sie Angst einflößend fanden – sie, die den Herausforderungen des Privatlebens ängstlich gegenüberstand.

Alistairs Stimme schreckte sie aus ihren Gedanken auf. „Wo geht’s lang?“

„Wie?“ Morgan wusste im ersten Moment nicht, was er meinte.

„Sie wollen doch nach Hause. Wo ist das, wie muss ich fahren?“

„Oh …, nach Ingleton Hall, bitte.“

Er zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. „Ingleton Hall? Tatsächlich?“

„Kennen Sie das Haus?“

Er sah sie an. „Jeder hier kennt Ingleton Hall. Es ist ziemlich berühmt.“ Etwas an seinem Tonfall irritierte Morgan.

„Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie an Gespenster glauben?“, forderte sie ihn heraus.

„Nein.“ Alistair schwieg ein paar Sekunden und bog in die Straße ein, die zu Ingleton Hall führte. „Ich habe nur an das Gerede gedacht, wie viel die Restaurierung des alten Gebäudes gekostet haben soll. Viele in der Gemeinde fragen sich, wer der Krösus war, der so viel Geld dafür ausgegeben hat.“

„Es ist tatsächlich sehr kostspielig, ein historisches Haus wie dieses zu restaurieren“, sagte Morgan zurückhaltend.

„Also sind Sie der Krösus, stimmt’s?“, stellte Alistair nun fest.

„Nun, ich bin zwar gewiss kein Krösus, aber es stimmt, dass ich Ingleton Hall gekauft habe“, sagte Morgan. „Gibt es daran etwas auszusetzen? Dürfen Frauen nicht über genügend Geld verfügen und es ausgeben, wofür sie wollen? Ist das die Meinung, die hier auf dem Land gilt?“

Zu ihrem Bedauern schien Alistair Brown mehr amüsiert als betroffen von ihrem Sarkasmus. „Das erklärt dann auch wohl die hochhackigen Schuhe“, sagte er. Und fügte mit einem Schmunzeln hinzu: „Wie ich sehe, haben Sie die heute zum Glück nicht getragen.“

„Natürlich nicht“, murmelte sie. „Halten Sie mich etwa für dumm?“

Sie konnte sehen, wie sich seine Mundwinkel verzogen und die Grübchen in seinen Wangen und die Lachfältchen um seine Augen tiefer wurden. Es erinnerte sie daran, wie er ausgesehen hatte, als er sie aus dem Schlammloch gezogen und mit diesem breiten, fröhlichen Grinsen angeschaut hatte. Und sie wusste nicht, wieso, aber plötzlich verspürte sie wieder dieses ungewohnte Kribbeln auf der Haut.

Morgan wandte den Blick ab, aber dafür fiel er auf seine Hände am Steuerrad. Sie waren nicht ganz sauber. Sie wagte kaum, sich vorzustellen, was er am Morgen in Derek Iversons Kuhstall alles mit diesen Händen angestellt hatte. Seine Hände waren groß, eckig und sahen sehr kräftig aus. Morgan sah, dass sie das Steuerrad locker, aber verlässlich umfassten, und sie dachte daran, wie sanft er damit Tallulah behandelt hatte.

Die Erinnerung löste einen Effekt aus, der wie ein leichter elektrischer Schlag ihr Rückgrat entlangkroch. Schnell schaute sie aus dem Fenster. Die aus grauen Steinen aufgeschichteten Mauern zwischen den Feldern und den grünen Wiesen waren weniger beunruhigend.

„Dann sind Sie also die neue Besitzerin von Ingleton Hall“, sagte Alistair. „Und wie gefällt Ihnen das Landleben bisher?“

„Soll ich ehrlich sein?“, fragte Morgan. „Bisher noch nicht besonders gut.“ Sie zupfte an ihren verschmierten Jeans, als wolle sie unterstreichen, was sie gesagt hatte.

„Sie werden sich wie neugeboren fühlen, wenn Sie geduscht und sich umgezogen haben“, beruhigte Alistair sie.

„Ich kann es kaum erwarten. Ich fühle mich scheußlich.“

Er wiegte lächelnd den Kopf. „Was machen Sie auf dem Land, wenn Sie Regen und Schlamm nicht leiden können?“

„Oho …, soll das etwa heißen, echte Landbewohner lieben es, mit dem Gesicht zuerst in Schlammpfützen oder Kuhfladen zu fallen?“

Ihre Ironie prallte bei Alistair Brown ab. „Es wird ziemlich langweilig für Sie werden, wenn Sie in Zukunft Felder und Schlamm vermeiden wollen. Was hatten Sie sich vorgestellt, als sie beschlossen, hierher zu ziehen?“

„Ehrlich gesagt habe ich mir nicht so viele Gedanken darüber gemacht“, gab Morgan zu.

Minty würde sagen, das sei mal wieder typisch für sie. Ihre Zwillingsschwester hatte ihr schon immer vorgeworfen, sie würde sich viel zu sehr darauf konzentrieren, ein Ziel zu erreichen, und sich keine Gedanken machen, was danach kam, wenn sie dieses Ziel erreicht hatte. „Dazu hast du gar keine Zeit, weil du schon wieder mit einem neuen Ziel beschäftigt bist“, hatte Minty gemeint.

Morgan gestand sich ein, dass ihre Entscheidung, Ingleton Hall zu kaufen, genauso zustande gekommen war. Es war ein Projekt gewesen, das sie nach Pauls Rückzug gebraucht hatte, um sich abzulenken. Aber sie hatte keinen Gedanken daran verschwendet, was passieren würde, wenn das Haus fertig wurde und sie eingezogen war.

„Ich habe meine Firma verkauft“, sagte sie. „Ich war mir nicht sicher, was ich anfangen sollte, wenn ich nicht mehr von morgens bis spätabends im Büro sein muss.“ Sie seufzte. „Ich wollte mein Leben ändern.“

Das klang schrecklich pathetisch, dachte sie.

Der Mann neben ihr warf einen Blick auf ihr schlammbedecktes Äußeres. „Und das haben Sie ja tatsächlich.“

„Oh ja.“ Morgan fühlte plötzlich so etwas wie Heimweh, als sie an ihr sauberes, modernes, elegantes Büro dachte. Jetzt würde jemand anders hinter ihrem Schreibtisch sitzen und den Sessel herumdrehen, um aus dem fünfzehnten Stock den Blick über London schweifen zu lassen.

„Sie haben recht, mein Leben hat sich total verändert“, sagte sie mit ausdrucksloser Stimme.

Sie klang so mutlos, dass Alistair Brown plötzlich Mitleid mit ihr bekam. „Und was haben Sie für Pläne für die Zukunft?“

Sie dachte an den Plan, über den sie beim Frühstück gegrübelt hatte. Wie Alistair Brown wohl reagieren würde, wenn er wüsste, dass sie sich entschlossen hatte, ihre ganze Energie darauf zu verwenden, eine verlässliche, haltbare Beziehung aufzubauen?

Sie hätte das Erstaunen auf seinem Gesicht gern gesehen.

Aber nur fast.

Sie hätte ihn damit beruhigen können, dass er nicht auf der Liste möglicher Kandidaten für ihr Projekt stand. Sie wollte einen Mann, bei dem sie sich begehrt, schön und sexy fühlte. Alistair gab ihr das Gefühl, ziemlich nutzlos zu sein. Sie aber wollte umworben, nicht kritisiert werden, geliebt und nicht belächelt.

„Ich bin mir noch nicht sicher“, meinte sie. „Ich habe einen Termin mit dem Verwaltungsrat der Schule. Vielleicht ergibt sich daraus etwas.“

„Das wusste ich gar nicht“, meinte Alistair.

„Warum sollten Sie auch?“

„Weil ich selbst Mitglied des Verwaltungsrates bin“, sagte er. „Ich muss wohl die Sitzung verpasst haben, in der darüber diskutiert wurde. Der Vorsitzende trifft manchmal allein Entscheidungen und informiert die anderen Mitglieder später.“ Er warf ihr einen neugierigen Blick zu. „Das ging ja schnell, da Sie noch nicht einmal eine Woche hier sind. Wie kam es zu der Einladung?“

„Ich erhielt einen Brief von dem Vorsitzenden des Verwaltungsrates, der von meinem Erfolg als Unternehmerin gehört hatte“, sagte Morgan reserviert. „Es sieht so aus, als ob sich der Verwaltungsrat etwas davon verspräche, von meinen geschäftlichen Erfahrungen zu profitieren.“

Alistair lachte auf. „Das ist George, das ist ganz typisch für ihn.“

„Und warum wurden Sie in den Rat berufen?“, wollte Morgan wissen.

„Meine Kinder gehen in die Schule.“

„Oh.“

Sie hatte ihn sich bisher nicht als Familienvater vorgestellt. Es fiel ihr schwer, in ihm einen Mann zu sehen, der mit Babys knuddelte oder mit größeren Kindern spielte. Überhaupt war er ihr nicht wie ein Ehemann erschienen, er war einfach nicht der Typ dafür.

Sie fragte sich, was er wohl für eine Frau hatte. War sie lieb und sanft und betete ihn an? Wie auch immer – sie war sein Lächeln gewohnt, seine Hände, die warm und erregend über ihre Haut strichen. Sie würde ihn wahrscheinlich nicht für kühl und harsch halten. Für sie war er ganz sicher liebevoll und leidenschaftlich.

Morgan schluckte. Sie fühlte sich plötzlich leer. Sie verspürte ein flaues Gefühl im Magen, empfand so etwas wie Enttäuschung. Oder war da ein Anflug von Eifersucht? Aber was kümmerte sie die Ehe von Alistair Brown!

Auf jeden Fall ging sie am folgenden Dienstag mit gesteigerten Erwartungen zu dem Treffen mit dem Verwaltungsrat der Schule. Umso größer war ihre Enttäuschung, dass Alistair Brown nicht da war.

Vom Ausmaß ihrer Enttäuschung völlig überrascht, war sie unkonzentriert und kaum bei der Sache. Als der Vorsitzende sie vorgestellt hatte und sie bat, über ihre Erfahrungen als erfolgreiche Geschäftsfrau zu berichten, schien ihre sorgfältig vorbereitete Stellungnahme plötzlich aus ihrem Gedächtnis gelöscht zu sein.

Sie versuchte gerade, sich zusammenzureißen und die Fäden ihrer geplanten Rede wieder zu verknüpfen, als die Tür aufging und Alistair eintrat, eine Entschuldigung murmelnd über einen Notfall, der ihn aufgehalten hatte.

Eine Dame mittleren Alters mit lockigen Haaren und einem sympathischen Gesicht machte ihm Platz und flüsterte ihm etwas zu, das ihn lächeln ließ. Aber er lächelte Morgan nicht an, er schaute nicht einmal zu ihr herüber.

Seine Ankunft brachte Morgan vollends aus dem Konzept. Sie hatte mit wohlgesetzten Worten über ihre Erfahrungen im Geschäftsleben berichten und Alistair damit beeindrucken wollen, wie erfolgreich sie gewesen war, aber jetzt begann sie zu stottern und verhaspelte sich mitten im Satz. Es war grauenvoll.

„Nun, ich hoffe jedenfalls, dass es mir möglich sein wird, aufgrund meiner Erfahrungen einen wertvollen Beitrag für die Schule zu leisten“, beendete sie innerlich verzweifelt ihren Vortrag. Sie hatte alle beeindrucken und für sich gewinnen wollen, aber jetzt würden sich die meisten der Anwesenden fragen, was sie eigentlich gesagt hatte.

3. KAPITEL

Die Kaffeepause der Versammlung war wie eine Erlösung für Morgan. Sie wurde sofort angesprochen von einem der Verwaltungsratsmitglieder, einem großen, gut aussehenden Mann um die vierzig, der sich als Phil vorstellte. Er sei ebenfalls selbstständiger Geschäftsmann und sehr erfreut, sie zu treffen, sagte er.

Morgan versuchte, sich auf das, was er sagte, zu konzentrieren, aber sie musste immer wieder zu Alistair Brown hinübersehen, der in ein lebhaftes Gespräch mit der Frau vertieft schien, neben der er gesessen hatte. Ihre Körpersprache legte nahe, dass sie recht vertraut miteinander waren.

Morgans Gesprächspartner Phil hatte schon bald angedeutet, dass er seit seiner Scheidung alleinstehend sei. Er verstand wirklich viel von Geschäften und schien von Morgan ziemlich beeindruckt. Er gab ihr unmissverständlich zu verstehen, dass er sie attraktiv fand. Was konnte sie sich mehr wünschen?

Vielleicht zu erfahren, was Alistair und diese Frau miteinander redeten. „Ich habe Alistair Brown schon kennengelernt“, sagte sie wie beiläufig. „Ist das seine Frau, mit der er da spricht?“

Phil schaute hinüber. „Nein, das ist Cathy Reid“, sagte er. „Nette Frau. Niemand hier hat verstanden, warum ihr Mann sie verlassen hat. Sie ist eine ganz reizende Person. Und sie gibt sich alle Mühe, ihre beiden Söhne allein großzuziehen, nimmt sich aber trotzdem noch die Zeit, sich für die Allgemeinheit zu engagieren. Sie ist auch eine wunderbare Köchin. Beim jährlichen Sommerfest des Dorfes sind ihre selbst gebackenen Kuchen immer der Höhepunkt.“

So genau hatte Morgan nicht über die wunderbaren Fähigkeiten von Cathy Reid Bescheid wissen wollen. Sie wollte unbedingt etwas über Alistair Browns Frau erfahren. Aber sie hatte Hemmungen, so direkt nach ihr zu fragen.

Morgan musste widerwillig zugeben, dass Cathy sehr gut zu Alistair zu passen schien. Sie hatte ein herzförmiges, frisches Gesicht, einen Schopf dichter rotblonder Locken und eine weibliche Figur, die nur ganz leichte Ansätze von beginnender Fülle zeigte.

Das genaue Gegenteil von mir, dachte Morgan. Niemand würde Cathy jemals beängstigend finden. Sie wirkte unkompliziert und anschmiegsam, Morgan hingegen reserviert und distanziert. Sie ging jede Wette ein, dass Cathy nie um Hilfe schreiend vor ein paar Kühen weggelaufen wäre.

Morgan war plötzlich deprimiert. Sie schien hier in Ingleton wirklich fehl am Platz zu sein. Um ihrer Meinung nach angemessen für die Versammlung gekleidet zu sein, hatte sie eine schwarze Hose und eine feine Seidenstrickjacke angezogen. Wenn sie Cathy in ihren Jeans und dem sportlichen Hemd sah, wirkte sie selbst viel zu elegant und gestylt für eine Schulversammlung.

Als jemand verkündete, die Kaffeepause sei beendet, drängten sich die Teilnehmer vor der Tür des Versammlungsraumes. Plötzlich fand sich Morgan neben Alistair und Cathy wieder.

„Sie sehen ja ganz anders aus als beim letzten Mal, als ich Sie sah“, meinte Alistair.

Morgan war sich seines schlanken, sehnigen Körpers so dicht neben ihr mehr als bewusst. Sie lächelte kurz. „Ich finde immer noch Schlamm an Stellen, wo ich ihn nicht vermuten würde.“

Alistair stellte ihr Cathy vor und fügte dann erklärend hinzu: „Morgan – Sie heißen doch Morgan, nicht wahr? – hatte gestern eine unangenehme Begegnung mit Derek Iversons Kühen.“

Morgan war wütend, dass er sich nicht einmal sofort an ihren Namen erinnerte. Offensichtlich hatte er nicht viele Gedanken an sie verschwendet.

„Oh, meine Liebe“, sagte Cathy mitfühlend, „Sie sind doch hoffentlich nicht verletzt worden?“

„Nur mein Stolz“, sagte Morgan. Komischerweise ärgerte sie sich darüber, dass Cathy so freundlich zu ihr war und nicht über die ungeschickte Stadtlady die Nase rümpfte.

„Ich bin sehr beeindruckt davon, was Sie beruflich alles erreicht haben“, sagte Cathy. „Ich hätte nie den Mut gehabt, eine eigene Firma aufzubauen und mich den Risiken eines harten Wettbewerbs auszusetzen. Ich habe eben schon zu Alistair gesagt, dass ich Sie für eine sehr bemerkenswerte Frau halte.“

Morgan sah Alistair an. Wie sie erwartet hatte, lächelte er ironisch. „Und was hat Alistair darauf geantwortet?“, fragte sie provokativ.

Alistairs Gesicht wurde ausdruckslos, aber in seinen Augen zeigte sich ein Schimmer von Belustigung. „Ich habe gesagt, dass Sie auch sehr schnell laufen können“, meinte er.

Morgan schaute die Karte an, die die Zwillinge für sie gemalt hatten. Sie drehte sie hin und her und versuchte, sich zurechtzufinden. Wenn das da die Kirche war und dort drüben der Pub, dann musste das hier das Haus sein, in dem sie wohnten.

Es war ein typisches Yorkshire-Dorfhaus, gebaut aus grauem Stein, gradlinig, schnörkellos, schlicht. Morgan war nervös, als sie die hölzerne Eingangspforte aufstieß und zur Haustür hinüberging. Sie hoffte, die Zwillinge hatten recht damit, dass ihr Vater mit ihrem Besuch einverstanden war. Am Tag zuvor waren die Zwillinge noch einmal zu ihr gekommen und hatten die Einladung bestätigt und gesagt, ihr Vater freue sich ebenfalls, sie zu sehen.

Vor allem aber waren die Zwillinge gekommen, weil sie ihnen versprochen hatte, sie könnten ihren Swimmingpool benutzen. Während sie ausgiebig im Wasser herumplanschten, hatten sie Morgan eine Menge erzählt.

„Mum wohnt jetzt in Spanien. Sie hat einen neuen Freund, der Jaime heißt. Aber den mögen wir nicht“, sagte Phoebe. „Er hat auch ein Haus mit einem Pool, aber der ist draußen und gar nicht so schön wie Ihrer.“

„Wie oft seht ihr eure Mutter?“, hatte Morgan gefragt.

„Wir fahren in den Ferien zu ihr. Da ist schon okay, aber wir sind lieber bei Dad, auch wenn er manchmal etwas streng ist.“

„Er hat euch allein großgezogen?“

Die beiden nickten. „Seit wir sechs waren“, meinte Polly.

„Das war bestimmt nicht leicht für ihn“, stellte Morgan fest.

„Er hat unsere langen Haare abschneiden lassen“, berichtete Phoebe. „Er hat gesagt, er hätte keine Zeit, uns jeden Tag lange Zöpfe zu flechten, wie Mum es getan hat.“

Einen Augenblick verspürte Morgan Mitleid mit den Kindern, aber dann wurde ihr klar, dass die beiden überhaupt nicht bemitleidenswert erschienen – im Gegenteil, sie hatte selten so ausgeglichene und selbstbewusste Kinder getroffen.

Morgan hatte wieder einmal vor der Frage gestanden, was sie für den Besuch anziehen sollte. Aber sie wusste schon, was auch immer sie aussuchte, sie würde zu aufgetakelt wirken. Sie besaß einfach keine Kleidung, die in die ländliche Umgebung passte. Also hatte sie sich schließlich für einen weiten Rock und eine Seidenbluse in neutralen Farben entschieden.

Sie rückte noch einmal den Gürtel ihres Rocks zurecht und klopfte an die Tür.

Ungefähr eine Stunde zuvor war Alistair Brown zu einem Notfall gerufen worden. Einem Hund war beim Spielen ein Gummiball im Rachen stecken geblieben. Er hatte den Hund vor dem Ersticken gerettet, aber es war knapp gewesen. Als er nach Hause kam, hatte er den Wasserkessel aufgesetzt, um sich einen Tee zu machen und in Ruhe die Wochenendausgabe der Zeitung zu lesen.

Seine Töchter aber hatten ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie drängten ihn, sich umzuziehen, während sie darüber stritten, wie man Teegebäck herstellte.

„Im Schrank ist eine Dose mit Biskuits“, hatte er schließlich gesagt. „Warum wollt ihr unbedingt selbst Plätzchen backen?“

„Wir wollen, dass es ein besonders schöner Nachmittagstee wird, Dad“, hatte Phoebe gesagt. „Kannst du nicht wenigstens ein anderes Hemd anziehen? Bitte, Dad.“

Plötzlich begannen die Hunde zu bellen, und es klopfte an der Haustür.

Die Mädchen sahen sich erfreut an. „Gehst du öffnen?“, fragte Polly. „Sie ist sehr nett“, sagte sie dann zu ihrem Vater. „Wir dachten, du würdest sie gern kennenlernen.“

Alistair war alles andere als begeistert. Ihm war nicht danach, sich mit einer Frau zu unterhalten, die die Zwillinge sozusagen für ihn ausgesucht hatten. Er kannte die beiden nur zu gut. Aber jetzt war es wohl zu spät, dagegen zu protestieren.

Er hörte Stimmen aus der Eingangshalle, unterbrochen von Gebell, drehte sich herum – und sah Morgan Steele dort stehen.

Im selben Moment wurde Morgan bewusst, wer dort am Küchentisch saß und sie anstarrte. Ihr Gesichtsausdruck muss wohl ein exaktes Spiegelbild meines eigenen sein, dachte Alistair.

„Oh“, sagte sie. „Sie sind es?“

Eine Sekunde lang war ihr danach, sich umzudrehen und sofort wieder zu gehen. Aber dann hob sie trotzig ihr Kinn – eine Geste, die Alistair jetzt schon fast vertraut war.

„Hallo.“

„Hallo.“

Alistair legte die Zeitung auf den Tisch und stand auf. Der unruhige Ausdruck in ihren wunderschönen dunkelbraunen Augen war nicht zu übersehen. Als er Morgan zum ersten Mal in seiner Praxis begegnet war, hatte er sie für eine reichlich überdrehte, ziemlich exaltierte Person gehalten, die wahrscheinlich nach ein paar Monaten wieder verschwunden sein würde. Ihre Panik bei dem Zusammentreffen mit den Kühen hatte seine Vermutung noch bestätigt. Er wünschte, er und Derek hätten sie nicht ausgelacht, so komisch der Anblick auch gewesen war.

Vor zwei Tagen auf der Sitzung des Verwaltungsrates der Schule hatte sie sehr kühl und reserviert, aber wiederum irgendwie fehl am Platz gewirkt. Alistair fragte sich, warum Cathy so beeindruckt von ihr gewesen war. Morgan hatte nur eine dunkle Hose und eine Strickjacke aus Seide getragen, aber Cathy hatte sie uneingeschränkt als besonders „stylish“ bewundert.

Ganz persönlich fand Alistair Morgan etwas zu clever, etwas zu sehr auf sich selbst bezogen. Manchmal erinnerte sie ihn an Shelley. Die Zielstrebigkeit, ja Rücksichtslosigkeit, mit der sie ein Ziel, das ihnen vorschwebte, ansteuerten, war bei beiden wohl sehr ähnlich. Nein, Morgan Steele war nicht der Typ Frau, den er schätzte.

Aber trotzdem hatte sie etwas an sich, wie er zugeben musste, das man nur schwer vergaß. Der Blick ihrer braunen Augen, das trotzige Anheben ihres Kinns, der entschlossene Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie sich den Schlamm abwischte, hatten ihm imponiert.

Und nun stand sie hier in seiner Küche und war ganz offensichtlich genauso wenig von der ganzen Situation begeistert wie er selbst.

Aber aus irgendeinem Grund mochten Phoebe und Polly sie, also würde er das Beste aus dem unerwarteten Besuch machen. „Bitte, kommen Sie herein“, sagte er mit einer einladenden Handbewegung. „Sie sind also der Grund für den Versuch der Mädchen, Teegebäck herzustellen. Ich wusste gar nicht, dass Sie die beiden schon kennen.“

„Sie haben mir erzählt, Sie hätten mich eingeladen“, sagte Morgan und drehte sich zu den Zwillingen um.

„Wir wussten, dass Dad nichts dagegen haben würde“, sagte Phoebe. „Das stimmt doch, Dad?“

Nun, eigentlich stimmte es nicht, aber das konnte er in dieser Situation schlecht sagen. „Natürlich“, meinte er rasch.

Morgan war klar, dass das Letzte, was Alistair an seinem freien Wochenende machen wollte, ein Unterhaltungsprogramm für unerwarteten Besuch war. „Vielleicht sollte ich besser wieder gehen“, sagte sie.

Etwas in ihrem Gesichtsausdruck brachte Alistair dazu, abwehrend die Hand zu heben und sie zurückzuhalten. Vielleicht war sie doch nicht so selbstsicher und stark, wie sie auf den ersten Blick erschien.

„Bitte, bleiben Sie“, sagte er. „Die Mädchen wären sonst sehr enttäuscht.“

„Ja, bitte, Morgan, bleiben Sie“, baten die beiden. „Wir haben extra Plätzchen für Sie gebacken.“

„Das ist doch ein überzeugendes Argument“, fügte Alistair lächelnd dazu. „Wer könnte schon den Plätzchen der beiden widerstehen?“

Morgan fühlte sich unbehaglich. Wie hätte sie jetzt noch darauf bestehen sollen zu gehen? Sie wollte die Gefühle der Mädchen nicht verletzen. Also würde sie auf eine Tasse Tee bleiben, aber nicht länger.

Alistair bat sie auf die kleine Terrasse hinaus, die gegen den oft rauen Wind geschützt war. Aber in der milden Frühlingssonne heute war es angenehm, dort zu sitzen und auf die sanften Hügel der Moorlandschaft zu schauen, die sich in der Ferne erstreckten. Die beiden Hunde kamen auch aus dem Haus und liefen schnuppernd durch den Garten.

„Sie haben Ihren Hund nicht mitgebracht?“, fragte Alistair, der sich neben Morgan auf eine alte Holzbank gesetzt hatte.

„Nein, wir haben heute schon zwei Spaziergänge gemacht, und sie ist ziemlich erschöpft.“

Die Nähe zu Alistair bewirkte, dass ihr Herz schneller schlug und sie ein Kribbeln auf der Haut verspürte. Aber es gab leider keine andere Sitzgelegenheit.

„Halten Sie die Diät für Ihren Hund ein?“, fragte er.

„Ja, aber es ist nicht so einfach“, gestand Morgan. „Sie hat inzwischen ihren Auftritt als Folteropfer und Märtyrerin perfektioniert. Wenn sie in ihrem Fressnapf wieder nur die Diätbiskuits findet, schaut sie mich an, als ob ich sie geprügelt hätte, lässt den Schwanz hängen und schleppt sich weg. Aber irgendwann kommt sie dann doch zurück, wenn ich nicht hinschaue, und frisst.“

Zu ihrer Überraschung begann Alistair zu lachen. „Die beiden hier sind genauso“, sagte er und zeigte auf den Labrador und den Jack Russel Terrier. „Sie kennen sich auch damit aus, wie sie Mitleid erregen können, wenn sie was fressen wollen. Sie sind wie Kinder. Sie haben eine große Begabung für emotionale Erpressung.“

Die Erwähnung von Kindern ließ Morgan sich fragen, warum Phoebe und Polly sich so viel Mühe gegeben hatten, sie hierher zu locken. Sollte ihr ursprünglicher Verdacht zutreffen? Wollten die beiden sich als Kupplerinnen versuchen? Allein der Gedanke daran verursachte Morgan Krämpfe. Die beiden hätten nicht ärger danebenliegen können!

„Ich wusste nicht, dass Sie Phoebes und Pollys Vater sind“, sagte sie verlegen. „Ich nahm an, Sie seien verheiratet, als Sie Ihre Töchter erwähnten.“

„Seit fünf Jahren nicht mehr“, sagte er trocken. „Haben die Mädchen Ihnen das erzählt?“

„Sie sagten, ihre Mutter lebe jetzt in Spanien.“

Er nickte. „Shelley hat das Landleben immer verabscheut. Sie war gelangweilt und beschwerte sich dauernd, ich hätte nicht genug Zeit für sie. Sie wollte einfach nicht begreifen, dass ein Tierarzt keine Bürostunden von neun bis sechzehn Uhr hat. Sie fühlte sich auch mit den Zwillingen überfordert. Und es ist ihr nie gelungen, von der Dorfgemeinschaft akzeptiert zu werden.“

Alistair beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie, während er die Hunde beobachtete, die auf dem Rasen miteinander balgten. „Eines Tages kam sie zu mir und sagte, sie hätte eine Bilanz ihres bisherigen Lebens mit mir gezogen und sich entschieden, dass sie ein aufregenderes Leben haben wolle, als ich es ihr bieten kann. Sie würde nach Spanien gehen, um ‚zu sich selbst zu finden‘, wie sie sagte.“ Sein Mund verzog sich sarkastisch. „Ich weiß nicht, ob sie sich selbst gefunden hat, aber sie fand Jaime. Und mit ihm ist sie seitdem zusammen.“

„Und sie hat die Mädchen so einfach zurückgelassen?“

Alistair zuckte die Achseln. „Das müssten Sie sie fragen. Zuerst war es ihr nicht möglich, sie mitzunehmen. Sie lebte mit Jaime zusammen, aber der war noch nicht von seiner Frau geschieden. Außerdem hätte ich zustimmen müssen, dass die Mädchen ins Ausland gehen. Und das hätte ich auf keinen Fall, weil ich sie dann kaum noch zu Gesicht bekommen hätte. Aber ich glaube nicht, dass Shelley sie besonders vermisst.“

„Das tut mir leid“, sagte Morgan. „Es muss für Sie eine schwere Zeit gewesen sein.“

Alistair seufzte und setzte sich auf. „Sagen wir es mal so, ich würde so etwas nicht unbedingt einem Vater empfehlen, der beruflich stark eingespannt ist.“

„Phoebe und Polly sind offensichtlich sehr ausgeglichen und gut erzogen“, meinte Morgan. Alistair lächelte sie dankbar an.

„Sie sind manchmal sehr strapaziös“, meinte er zweifelnd. „Ich hoffe, sie sind Ihnen nicht zu sehr auf die Nerven gegangen.“

„Nein, nein“, wehrte Morgan ab. „Sie waren eine angenehme Gesellschaft.“

„Wie haben sie sich eigentlich kennengelernt?“

„Sie kamen zu mir, um mich um ein Interview für die Schülerzeitung zu bitten.“

„Welche Schülerzeitung?“

Morgan und Alistair schauten sich verblüfft an. Der Ausdruck des Begreifens in seinen Augen erzeugte ein flaues Gefühl in Morgans Magen. Offensichtlich kam er zu der gleichen Schlussfolgerung wie sie.

„Was fällt den beiden ein!“, sagte er nach einer kleinen Weile. „Ich habe ihnen gesagt, sie sollen so etwas nie wieder versuchen.“

„Nie wieder?“, fragte Morgan.

Alistair nickte zornig. „Sie haben schon vor zwei Jahren versucht, eine Frau für mich zu finden. Sie lassen sich nicht von der Idee abbringen, ich müsste bald wieder heiraten. Damals war es ihre Lehrerin, die sie sich ausgesucht hatten. Wochenlang haben sie mich mit Fragen gelöchert, ob ich sie nett fände und ob sie sie zu uns nach Hause einladen dürften. Es war ziemlich peinlich für mich, und ich war sehr erleichtert, als sie bald darauf einen anderen Mann heiratete und wegzog.“

„Haben Sie denn nie daran gedacht, wieder zu heiraten?“, fragte Morgan.

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