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JULIA SAISON BAND 16

CATHERINE SPENCER

Küsse in der Weihnachtsnacht

Weiße Weihnacht in den Bergen? Für den Staatsanwalt Morgan eine höchst verfahrene Situation. Erst rettet er Jessica vor einem Schneesturm, dann dekoriert sie so liebevoll sein Haus, dass er sich ihrem Zauber kaum entziehen kann. Doch auf ein heißes Fest der Liebe folgt eine bittere Erkenntnis: Wenn er sie jetzt nicht wegschickt, muss er um ihr Leben fürchten …

CAROLE MORTIMER

Niemals so geliebt

Bis Weihnachten wird Lilli seine Frau sein! Davon ist der Millionär Patrick Devlin überzeugt. Es gibt nur ein Problem: Weil die schöne Bankierstochter ihn für den Feind ihres Vaters hält, wird sie wohl nie Ja sagen. Es sei denn, er macht ihr einen unwiderlegbaren Vorwurf: Nach einer Party haben sie sich bereits geliebt – sie kann sich nur nicht erinnern …

SANDRA MARTON

Wintermärchen in New York

Dantes Welt steht Kopf. Kurz vor dem Fest der Liebe hat Tally ihn damals verlassen, und noch immer sehnt er sich nach ihren Berührungen. Dabei hat sie jetzt eine süße Tochter – ein absolutes Tabu für den erfolgreichen Unternehmer! Unter einem Vorwand lockt er sie in das winterliche New York: Um es ihr heimzuzahlen… oder um ihr sein Herz zu schenken?

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Küsse in der Weihnachtsnacht

PROLOG

Er war wieder draußen. Auf der Flucht. Irgendwann würden sie ihn natürlich fassen, und dann würden sie ihn noch länger einsperren. Aber bis dahin hatte er genug Zeit, um den Plan auszuführen, den er in den neun Jahren ausgeklügelt hatte. Zeit, um sich für das Unrecht zu rächen, das ihm widerfahren war.

Er hatte sich geradezu mustergültig verhalten und alle getäuscht, indem er sich überaus bescheiden und reumütig gegeben hatte. Allerdings waren es auch keine denkenden Menschen, sondern Narren. Narren und Werkzeuge des Systems, das ihn zum Außenseiter erklärt hatte. Nur der Mann, der ihn ins Gefängnis gesteckt hatte, war ein würdiger Gegner, und es würde ein Triumph sein, ihn zu überlisten.

Was hatte er denn sonst, das ihn am Leben erhielt? Er hatte weder Frau noch Kind, kein Zuhause und keine Arbeit. Und keine Zukunft. Seine Vergangenheit würde ihn immer verfolgen, egal, wohin er ging.

Dass ein Mann für seine Verbrechen bezahlte, war Unsinn. Er hatte seine Schuld nie beglichen, denn man hatte sein Konterfei und seinen Namen überall ausgehängt und ihn als gefährlichen Straftäter abgestempelt, obwohl er nur eines Verbrechens für schuldig befunden war.

Er hatte lediglich unwertes Leben ausgelöscht. Sie war ein billiges Flittchen gewesen, das sich aufgedonnert hatte, um wie eine Lady auszusehen, und hatte seine Schwäche ausgenutzt. Sie hatte sich so über seinen Schreibtisch gebeugt, dass er von ihrem Duft berauscht gewesen war.

Es wäre nicht dazu gekommen, wenn Lynn mit ihm geschlafen hätte, doch sie hatte sich ihm verweigert, nachdem sie das Baby in der fünfzehnten Schwangerschaftswoche beinah verloren hätte. So hatte er seine ehelichen Rechte sechs Monate lang nicht einfordern können. Kein Wunder also, dass er auf die Frau hereingefallen war.

Er hatte sie nicht töten wollen. Es war ein Unfall gewesen, eine Panikreaktion. Nachdem er ihr gesagt hatte, dass er seine Frau ihretwegen nicht verlassen würde, hatte sie ihm eine Szene gemacht und gedroht, Lynn anzurufen und ihr alles zu erzählen. Dann hatte er die Beherrschung verloren, und es war einfach … passiert.

Er hätte freigesprochen oder im schlimmsten Fall der Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig befunden werden können. Der Richter hatte, wie es schien, gelegentlich Mitgefühl mit ihm gehabt, und die Geschworenen hätten ihn vielleicht für nicht schuldig befunden – wenn Morgan Kincaid nicht gewesen wäre.

Kincaid war derjenige, der ihm alles weggenommen hatte.

Fröhliche Weihnachten, Mr Staatsanwalt!

Der Zeitpunkt der Vergeltung war gekommen.

1. KAPITEL

Mit einsetzender Dunkelheit wurde der Schneefall stärker, und die Flocken, die im Scheinwerferlicht wirbelten, vermittelten Jessica den Eindruck, als wäre sie in einer abgeschlossenen Welt.

Sie war an milderes Klima gewöhnt, denn auf Springhill Island, das an der Westküste lag, war es im Winter stürmisch und regnerisch. Hier, im Landesinneren von Kanada, herrschte jedoch bittere Kälte.

Jessica hatte die letzte Nacht in einem gemütlichen Gasthaus in einer Kleinstadt in der Nähe des Highways verbracht, das mittlerweile ungefähr dreihundert Meilen hinter ihr lag. Wenn sie in dieser Nacht auch Schutz vor dem Wetter suchen wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als die achtzig Meilen lange Gebirgsstraße zu befahren, die zu ihrem nächsten Zwischenstopp auf dem Weg nach Whistling Ridge führte.

Sie wischte über die Windschutzscheibe und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Als der Wagen plötzlich nach rechts wegrutschte, setzte ihr Herz einen Schlag aus. Nur die Pfeiler am Straßenrand, die der Messung des Schneefalls im Winter dienten, verhinderten, dass sie den steilen Abhang hinabstürzte.

Es war der reinste Wahnsinn. Aber sie hatte ihren Urlaub nur deswegen abgeblasen und sich auf dieses Abenteuer eingelassen, weil Selena sich bei einem Unfall mit dem Skilift verletzt hatte. Andererseits war es schon immer so gewesen. Wenn Selena in Schwierigkeiten war, ließ sie, Jessica, sofort alles stehen und liegen und eilte ihr zu Hilfe.

Vorsichtig fuhr sie in die nächste scharfe Kurve. Dabei sah sie hinter sich einen Wagen, der ziemlich schnell auf sie zukam. Offenbar war der Fahrer mit den Wetterverhältnissen vertraut.

Sobald sie die Kurve hinter sich gelassen hatte, beschleunigte sie, denn der Wagen kam immer näher, und Überholen war auf dieser schmalen Straße unmöglich. Außerdem war der Schneefall noch stärker geworden, und große Brocken kullerten nun vom Abhang zu ihrer Linken auf die Straße.

Der Fahrer hinter ihr begann, wild zu hupen. Panik schnürte ihr die Kehle zu. War es ein Verrückter, der versuchte, sie von der Straße abzudrängen?

Im nächsten Moment entdeckte Jessica am rechten Straßenrand einen Lawinenschutztunnel. Krampfhaft umklammerte sie das Lenkrad, trat das Gaspedal noch weiter durch und steuerte darauf zu. Der Fahrer hinter ihr folgte ihr praktisch Stoßstange an Stoßstange.

Dann ertönte lautes Donnern, und die Erde schien unter ihr zu beben. Fassungslos stellte Jessica fest, dass die Straße am anderen Ende des Tunnels aufhörte.

Langsam fuhr sie weiter und hielt sich dabei weit rechts, um den anderen Wagen vorbeizulassen. Sie stoppte erst, als sie sah, dass die Tunnelausfahrt von einer Schneewand blockiert war. Ihr Verfolger hatte ebenfalls angehalten und war ausgestiegen. Nun kam er auf sie zu.

Sein Schatten auf der Betonwand war riesengroß und wirkte bedrohlich. Schnell verriegelte Jessica die Türen und wünschte, genauso leicht die Angst verdrängen zu können, die sie befiel.

Schließlich blieb der Mann neben ihrer Tür stehen und beugte sich herunter. Er sah wütend aus. Sie schätzte ihn auf Anfang vierzig. Er war dunkelhaarig, hatte breite Schultern und wirkte autoritär, was allerdings nicht nur an seiner kräftigen Statur lag.

Dass er ans Fenster klopfte und ihr befahl, es herunterzukurbeln, bestätigte diesen Eindruck, zumal sie automatisch gehorchte und es einen Spaltbreit öffnete.

„Sind Sie lebensmüde?“, erkundigte er sich schroff. Sein Atem dampfte in der kalten Luft.

Erst in diesem Moment wurde ihr richtig bewusst, dass sie allein mit einem Fremden war, der so aussah und so redete, als würde er ihr am liebsten den Hals umdrehen.

Dass sie das Internat für Mädchen auf Springhill Island als jüngste Direktorin seit dessen Gründung leitete, kam jedoch nicht von ungefähr. „Natürlich nicht“, erwiderte Jessica ruhig, obwohl ihr das Herz bis zum Hals klopfte. „Aber Sie sind es offenbar, Ihrem Fahrstil nach zu urteilen. Sie haben mich praktisch von der Straße abgedrängt.“

Einen Augenblick lang glaubte sie, ihn damit zum Schweigen gebracht zu haben. Er blickte sie entgeistert an und schüttelte schließlich den Kopf. „Haben Sie eine Ahnung, was gerade passiert ist, Lady?“

„Natürlich.“ Sie verstärkte den Griff ums Lenkrad, damit ihre Hände nicht zitterten. „Es hat einen Schneerutsch gegeben.“

„Es war eine verdammte Lawine“, informierte er sie. „Und wenn ich Sie nicht abgedrängt hätte, wären wir jetzt beide unter den Schneemassen begraben – vorausgesetzt, wir wären nicht den Abhang runtergestürzt.“

Erst jetzt machte sich der Schock bemerkbar, und ihre Zähne schlugen aufeinander. „Wahrscheinlich ist es deswegen so kalt hier drinnen“, sagte sie, um es zu überspielen.

Der Fremde richtete sich auf und schlug mit der Faust aufs Wagendach. „Ich fasse es einfach nicht!“, rief er, und seine Worte hallten von den Wänden wider. „Finden Sie das etwa komisch?“

„Wohl kaum“, erwiderte Jessica. „Ich will in Wintercreek übernachten, und bis dahin sind es noch einige Meilen. Daher würde ich wohl kaum meine Zeit damit verschwenden, Sie mit geistreichen Bemerkungen zu unterhalten.“

Wieder beugte er sich zu ihr herunter und spreizte dabei die Beine, sodass sein Gesicht mit ihrem auf gleicher Höhe war. „Sie wollen heute Abend noch nach Wintercreek?“

„Sagte ich das nicht gerade?“ Sie wünschte, sein Gesicht deutlicher sehen zu können, das nur von einer Seite angestrahlt wurde. „Ich habe ein Zimmer reservieren lassen …“

„Ich habe Sie durchaus verstanden, und ich hoffe, Sie bekommen Ihr Geld zurück“, unterbrach er sie. „Denn sie werden nirgendwohin fahren.“

„Wollen Sie damit sagen, dass ich hier festsitze, bis jemand kommt und mich rettet?“

„Genau.“

„Und … was glauben Sie, wie lange es dauert?“

Der Mann zuckte die Schultern. „Schwer zu sagen. Wenn wir Glück haben, im Morgengrauen.“

„Das sind ja fast zwölf Stunden!“

„Ich weiß.“ Er stützte die Hände auf die Oberschenkel und richtete sich wieder auf. „Stellen Sie lieber den Motor ab, sonst bekommen wir noch eine Abgasvergiftung, und finden Sie sich damit ab, dass Sie auf dem Rücksitz übernachten müssen. Öffnen Sie den Kofferraum, dann gebe ich Ihnen Ihre Notausrüstung.“

Jessica hätte es nicht für möglich gehalten, dass sie vollends der Mut verließ, doch genau das hatte der Fremde mit seiner letzten Bemerkung bewirkt. „Notausrüstung?“

„Schlafsack, Kerze, Notverpflegung. Nun machen Sie schon, sonst sterben wir beide an Unterkühlung.“

„Ich … ich habe nur einen Koffer dabei.“

Wieder schlug er mit der Faust aufs Dach. „Das hätte ich mir denken können!“

„Ich nicht“, entgegnete sie scharf. „Im Wetterbericht hat man keine Lawinenwarnung durchgegeben, sonst wäre ich hier nicht langgefahren. Und bitte hören Sie auf, meinen Wagen zu bearbeiteten. Die Situation ist schlimm genug.“

Sie glaubte, ihn fluchen zu hören. „Steigen Sie aus“, befahl er dann.

„Und warum? Sie haben doch gesagt, dass heute Abend niemand mehr kommt.“

„Steigen Sie aus. Oder sind Sie doch lebensmüde?“

„Ich …“

„Steigen Sie aus dem verdammten Wagen aus!“

Jessica vertrat den Standpunkt, dass eine Lehrerin, die sich gegen ihre Schüler durchsetzen wollte, ihre Erwartungen gleich zu Anfang darlegen musste. Ihrer Meinung nach gehörte das Vermitteln gesellschaftlicher Umgangsformen genauso zum Lehrplan wie alle anderen Fächer. Daher war es ihre Pflicht und ebenso die ihrer Kollegen, mit gutem Beispiel voranzugehen.

Sie widerstand also der Versuchung, ihrem Gegenüber zu sagen, er solle in die nächste Schneewehe springen, und erwiderte höflich: „Kommt überhaupt nicht infrage. Außerdem gefällt mir Ihr Tonfall nicht.“

„Ich bin auch nicht gerade erfreut über die Situation“, erklärte er ungerührt. „Wenn ich es mir aussuchen könnte, wüsste ich ein Dutzend Leute, deren Gesellschaft mir lieber wäre als die einer Frau, die so wenig Grips hat und bei diesem Wetter ohne die richtige Ausrüstung losfährt.“

„Ich suche Ihre Gesellschaft nicht“, sagte sie scharf.

„Sie sitzen aber mit mir fest.“ Er rieb sich die bloßen Hände, um die Blutzirkulation anzuregen, und wandte sich ab. „Los, steigen Sie aus. Ihr Wagen ist zu klein, als dass zwei Leute sich darin ausstrecken könnten, und ich würde gern etwas schlafen.“

Entsetzt blickte Jessica ihn an, als ihr klar wurde, was das bedeutete. „Erwarten Sie etwa von mir, dass ich die Nacht in Ihrem Wagen verbringe … mit Ihnen?“

„Es ist die bessere Alternative“, erklärte er unverblümt. „Das Leben ist hart genug. Ich habe keine Lust, morgen aufzuwachen und Sie erfroren vorzufinden.“

Der Fremde blies sich in die Hände und bedachte Jessica mit einem gespielt anzüglichen Lächeln. Es war das erste Anzeichen von Humor, das er zeigte. „Ob es gegen die guten Sitten verstößt oder nicht, können wir besprechen, sobald wir im Schlafsack liegen.“

Obwohl sie sein Verhalten äußerst anmaßend fand, konnte sie nicht leugnen, dass die Kälte bereits an ihr hochkroch. Dennoch wollte sie nicht sofort klein beigeben. „Ich muss Sie warnen. Ich habe einige Selbstverteidigungskurse belegt“, sagte sie daher.

„Schade, dass Sie sich nicht schon vorher Sorgen um Ihr Wohlergehen gemacht haben. Ich bin harmlos, aber es würde Ihnen recht geschehen, wenn … Oh, verdammt!“

Er stieß sich vom Wagen ab, offenbar in dem Bemühen, seine Wut zu zügeln. „Ich gebe Ihnen fünf Minuten. Wenn Sie dann nicht bei mir sind, sollten Sie lieber beten und Ihr Testament machen, denn …“ Wieder blies er sich in die Hände. „… es wird das Letzte sein, was Sie tun.“

Dann kehrte er zu seinem Wagen zurück und schaltete die Scheinwerfer aus. Sie hörte, wie er eine Tür zuschlug und eine andere öffnete, und sah, wie er die Innenbeleuchtung einschaltete, bevor er sich im hinteren Teil des Wagens zu schaffen machte. Es schien sich um ein großes Fahrzeug zu handeln. Während die Kälte immer mehr an ihr hochkroch, überlegte Jessica, dass sie kaum eine Wahl hatte.

Vielleicht war er ein Serienmörder und sie sein nächstes Opfer, doch wenn sie sein alles andere als höfliches Angebot ablehnte, würde sie bis zum nächsten Morgen ohnehin tot sein.

Also schob sie ihre Bedenken beiseite, kurbelte das Fenster hoch und stieg aus. Sofort drang die eisige Kälte durch ihren dicken Wollmantel.

Als Jessica sich dem Wagen ihres unfreiwilligen Retters näherte, öffnete dieser die Hecktür und sprang heraus. Jetzt sah sie, dass es sich um einen Jeep handelte, dessen breite Winterreifen mit Schneeketten bestückt waren. „Eine kluge Entscheidung“, bemerkte der Fremde, während er seine dicke Jacke auszog. „Ziehen Sie Ihren Mantel und Ihre Stiefel aus, und steigen Sie ein.“

„Warum müssen wir uns ausziehen, wenn wir uns schlafen legen wollen?“, rutschte es ihr heraus.

Er stand direkt vor ihr. Im Schein der Innenbeleuchtung und einer brennenden Kerze, die in einer Blechdose unter dem Armaturenbrett auf dem Boden stand, konnte sie seine breiten Schultern und seine schmale Taille erkennen. Ob er bemerkte, dass sie errötet war?

Wenn ja, ließ er es sich zumindest nicht anmerken. Stattdessen sagte er: „Ich bin ein Meter neunzig groß und habe achtundachtzig Kilogramm auf die Waage gebracht, als ich mich das letzte Mal darauf gestellt habe. Aus dem Grund habe ich einen extragroßen Schlafsack gekauft, aber für zwei Leute wird es darin trotzdem ziemlich eng. Und ich möchte Ihre nassen Stiefel genauso wenig in den Kniekehlen spüren wie Sie vermutlich meine. Und den Mantel könnten Sie zusammenrollen und als Kissen benutzen.“

„Natürlich“, erwiderte sie ärgerlich. „Wie dumm von mir!“

„Allerdings!“ Er verdrehte die Augen und deutete mit einer überschwänglichen Geste auf den Jeep. „Steigen Sie ein, verstauen Sie Ihre Stiefel in der Ecke, und machen Sie es sich gemütlich.“

Gemütlich? Von wegen! dachte Jessica und zog ihren Pullover herunter, als sie in den Schlafsack kroch.

Kaum hatte sie sich hingelegt, knallte der Fremde die Hecktür zu und stieg vorn ein. Dann zog er sich Stiefel und Jacke aus, warf die Jacke nach hinten und kletterte über den Sitz. Mit dem Rücken zu ihr kroch er ebenfalls in den Schlafsack.

„Das ist wirklich absurd“, hörte sie sich sagen und hätte sich im nächsten Moment ohrfeigen können, weil sie nicht den Mund gehalten hatte.

Er verlagerte ein wenig das Gewicht und rückte seine zusammengefaltete Jacke zurecht, die er sich unter den Kopf gelegt hatte. „Wieso?“

„Na ja, wir liegen zusammen in einem Schlafsack und kennen nicht einmal unsere Namen.“

„Ja.“

„Ich bin Jessica Simms.“

„Ach ja?“, meinte er gleichgültig. „Dann gute Nacht, Jessica Simms.“

„Gute Nacht“, erwiderte Jessica beleidigt. Sie wollte sich umdrehen, doch es ging nicht, weil es einfach zu eng war.

„Hören Sie auf herumzuzappeln, und kuscheln Sie sich an mich“, forderte er sie ungeduldig auf. „Jedes Mal, wenn Sie sich bewegen, strömt kalte Luft in den Schlafsack.“

„Kuscheln?“, wiederholte sie mit bebender Stimme.

Daraufhin streckte er den Arm aus und zog sie an sich. Es war eine höchst kompromittierende Situation, und sie, Jessica, konnte froh sein, dass keine ihrer Kollegen oder Schülerinnen sie so sehen konnte.

„Danke“, sagte sie höflich. „Sie sind sehr freundlich.“

Er seufzte aus tiefstem Herzen. „Das darf doch wohl nicht wahr sein! Nun schlafen Sie endlich.“

Schlafen gestaltete sich natürlich als schwierig, zumal sie spürte, dass er genauso angespannt war wie sie. Lange Zeit lag sie wach, aber irgendwann entspannte er sich. Sie musste auch eingenickt sein, denn als sie ihre Umgebung das nächste Mal bewusst wahrnahm, lag er mit dem Gesicht zu ihr auf dem Bauch.

Im Schein der Kerze, die immer noch brannte, sah sie, dass er höchstens Ende dreißig sein konnte. Die steile Falte zwischen seinen Augenbrauen und der harte Zug um seinen Mund ließen ihn jedoch älter wirken.

Noch während Jessica ihn beobachtete, entspannten sich seine Züge, bis auch die Falten verschwunden waren. Er hatte lange seidige Wimpern und markante Wangenknochen.

Wie attraktiv er ist! dachte sie.

Welche Augenfarbe mochte er haben?

Braun? Nein, er war kein verträumter Typ.

Eisgrün? Das schon eher, denn sie spürte, dass er ein kühler, reservierter Mann war.

Mittlerweile war ihr Arm eingeschlafen, weil sie darauf gelegen hatte. Sie bewegte die Finger und zog ihn ganz vorsichtig nach hinten.

Prompt öffnete der Fremde die Augen. Sie waren blau.

Jessica fühlte sich ertappt, als sie seinem Blick begegnete, und überlegte, ob sie es sich nur einbildete oder ob es sekundenlang zwischen ihnen geknistert hatte.

„Was ist?“, erkundigte er sich misstrauisch.

Jessica kam zu dem Ergebnis, dass sie es sich bloß eingebildet hatte. „Nichts. Mein Arm …“ Sie fuhr fort, die Finger zu bewegen, die unangenehm kribbelten. „Er ist eingeschlafen.“

„Schade, dass Sie nicht eingeschlafen sind.“ Er legte wieder den Kopf auf das behelfsmäßige Kissen.

So plötzlich, wie er aufgewacht war, schlief er auch wieder ein. Jessica erschauerte, allerdings weniger vor Kälte als wegen seiner abweisenden Art. Zweifellos machte sie ihm große Unannehmlichkeiten, und vermutlich hätte er seinen Schlafsack lieber mit Wanzen geteilt.

Selenas Unfall hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt passieren können, überlegte sie. Wäre nicht alles anders gekommen, hätte sie jetzt in Cancún unter einem Sonnenschirm gelegen und versucht, so zu tun, als wäre sie nicht die einsame Frau, die sich mit dreißig damit abgefunden hatte, dass die meisten ihrer Träume nicht in Erfüllung gehen würden. Stattdessen hatte sie Leib und Leben riskiert, um zu ihrer Schwester zu fahren, die sie nur brauchte, wenn es ihr schlecht ging.

Doch weder Selena noch sie, Jessica, war an der Lawine schuld. Und der Fremde wäre sicher nicht begeistert gewesen, wenn sie schnell genug durch den Tunnel gefahren wäre, um auf der anderen Seite vom Schnee verschüttet zu werden. Ob er sie ihrem Schicksal überlassen hätte und seelenruhig in seinen Schlafsack gekrochen wäre, ohne einen Gedanken an sie zu verschwenden?

In Anbetracht seiner wütenden Reaktion auf ihr Eingeständnis, dass sie keine Notausrüstung dabeihatte, lag die Vermutung nahe, dass er sie hätte ersticken lassen. Diese Vorstellung ärgerte Jessica, und geräuschvoll drehte sie sich auf die andere Seite, um ihn zu bestrafen.

„Liegen Sie endlich still, verdammt!“, beschwerte er sich unwirsch.

Und genau wie zuvor hinderte er sie daran, sich zu bewegen, indem er sie festhielt. Diesmal schmiegte er sich jedoch an sie und legte ein Bein auf ihre Beine. Er war ihr so nah, dass sie seinen Atem im Nacken spürte.

Es war eine sehr intime Situation.

Sehr intim sogar.

Als Jessica am nächsten Morgen aufwachte, war sie allein im Jeep. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Zehn nach acht. Unter dem Armaturenbrett brannte eine neue Kerze, und durch die schmalen Öffnungen auf der rechten Seite des Tunnels war das fahle Tageslicht zu sehen. Als sie sich aufsetzte und sich das Haar aus dem Gesicht strich, sah sie ihren Begleiter vom vorderen Ende des Tunnels auf den Wagen zukommen.

Schnell schlüpfte sie aus dem Schlafsack und zog ihren Pullover herunter. Als ihr Begleiter die Hecktür öffnete, hatte sie bereits ihre Stiefel angezogen und sah so respektabel aus, wie es unter den gegebenen Umständen möglich war.

„Ist schon eine Rettungsmannschaft da?“, erkundigte sie sich, während sie ihren Mantel überzog.

„Nein.“ Er kletterte zu ihr in den Wagen und nahm einen kleinen Rucksack vom Beifahrersitz.

„Was haben Sie dann da hinten gemacht?“

Er reichte ihr einen Müsliriegel und zog ironisch die dunklen Augenbrauen hoch. „Das Gleiche, was Sie wahrscheinlich auch bald tun werden.“

Jessica spürte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. „Oh … Ja, ich verstehe …“

„Keine falsche Scham. Die Sonne ist kaum aufgegangen, und ich schätze, dass man uns frühestens in einer halben Stunde hier herausholt, denn im Dunkeln ist es zu riskant für den Räumdienst. Außerdem muss die Straße frei sein.“

Sie schaute durch die nächste Öffnung, hinter der sich der Himmel bereits zartrosa färbte. „Und wenn die Straße nicht frei ist?“, fragte sie, denn der Gedanke, noch einen Tag mit ihm auf engstem Raum zu verbringen, war ihr unerträglich.

„Dann müssen wir vermutlich bis zum Vormittag warten, vielleicht sogar länger. Wenn der Schnee sehr tief ist, kommt man nur mit schweren Räumfahrzeugen durch.“ Ihr Begleiter kreuzte lässig die Beine, als würde er regelmäßig unter solchen Umständen frühstücken. „Also, Jessica Simms, wollen Sie mir erzählen, was Sie dazu bewogen hat, mit Sommerreifen und lediglich mit einer Straßenkarte bewaffnet in die Berge zu fahren?“

„Ich will meine Schwester in Whistling Valley besuchen.“

„Bis dahin sind es noch sieben Stunden Fahrt. Falls Sie vorhaben, heil dort anzukommen, sollten Sie in Sentinel Pass anhalten und sich einen Satz Schneeketten kaufen.“

„Ja.“ Unter seinem eindringlichen Blick fühlte sie sich unbehaglich, zumal sie immer noch nichts über ihn wusste. „Sie haben mir noch nicht gesagt, wie Sie heißen.“

„Morgan. Verdammt, warum haben Sie Ihre Reise nicht sorgfältig geplant, wenn Sie gewusst haben, dass Sie über Weihnachten hierherkommen? In jedem Reisebüro hätte man Sie über die Wetterbedingungen hier informiert.“ Er biss von seinem Müsliriegel ab, bevor er scharf hinzufügte: „Vielleicht hätten Sie dann etwas passendere Kleidung mitgenommen als diesen dünnen Mantel und diese armseligen Stiefel.“

Offenbar fand er ihre Unzulänglichkeit auf geradezu morbide Art faszinierend. „Ich hatte keine Zeit für irgendwelche Vorbereitungen, Mr Morgan. Ich musste ganz plötzlich aufbrechen.“

„Ach so.“ Morgan zerknüllte die leere Verpackung, warf sie in den offenen Rucksack und nahm anschließend eine Flasche Mineralwasser heraus.

Jessica schüttelte den Kopf, als er ihr die Flasche entgegenhielt, nachdem er den Verschluss abgeschraubt hatte. Sie würde nicht einen Tropfen zu sich nehmen, solange keine Toilette in der Nähe war.

„Handelt es sich um einen Notfall?“

„Was?“

„Dieser plötzliche Entschluss, Ihre Schwester zu besuchen. War es …?“

„Oh.“ Jessica schob die Hände in die Manteltaschen und zog die Schultern hoch. Es kam ihr noch kälter vor als am Abend. „Ja. Sie hat sich bei einem Unfall mit dem Skilift an der Wirbelsäule verletzt, und zuerst sah es so aus, als wäre es etwas Ernstes.“

„Erscheint es Ihnen jetzt nicht mehr so schlimm, weil Sie selbst bis zum Hals in Schwierigkeiten stecken?“

„Nein“, entgegnete sie scharf. „Bevor ich gestern weitergefahren bin, habe ich im Krankenhaus angerufen, und man hat mir gesagt, dass ihr Zustand stabil sei.“ Sie seufzte. „Es ist nur so, dass Selena ständig in Schwierigkeiten steckt.“

„Das liegt wohl in der Familie“, bemerkte er spöttisch, bevor er einen Schluck Wasser trank.

Jessica blieb eine Antwort erspart, denn vom hinteren Ende des Tunnels war plötzlich das Motorengeräusch schwerer Fahrzeuge zu hören.

Morgan schraubte die Flasche zu und öffnete die Heckklappe, um auszusteigen. „Es scheint so, als hätte der Räumdienst es geschafft. Offenbar ist es doch nicht so schlimm gewesen.“

„Was für ein Glück!“ Sie folgte ihm nach draußen. „Und vielen Dank, Mr Morgan. Sie haben mir das Leben gerettet, und dafür bin ich Ihnen sehr dankbar.“

„Ja, das habe ich, Miss Jessica. Es war mir ein Vergnügen.“

„Ich wünsche Ihnen ein schönes Weihnachtsfest.“

Ihr war, als würde ein Schatten über sein Gesicht huschen, doch Morgan sagte nur: „Sie brauchen sich nicht zu beeilen. Es wird noch eine Weile dauern, bis die Straße geräumt ist.“

„Meiner Meinung nach ist es das reinste Wunder, dass der Räumdienst überhaupt gekommen ist.“

„Die gefährlichsten Stellen am Highway sind mit Sensoren ausgerüstet. Sobald die Lampe auf der Anzeigetafel erlischt, weiß der Räumdienst, dass es einen Schneerutsch gegeben hat, und normalerweise machen sich die Männer sofort auf den Weg.“

„Ach so.“ Jessica zog ihren Kragen fester. „Ich glaube, ich warte trotzdem lieber im Wagen. Mir ist schon wieder kalt.“

„Wie Sie wollen.“ Er schloss die Heckklappe. „Aber lassen Sie erst den Motor an, wenn Ein- und Ausfahrt geräumt sind. Nachdem wir die Nacht heil überstanden haben, wollen wir doch nicht an einer Kohlenmonoxidvergiftung sterben, oder?“

„Mir ist durchaus bewusst, welche Gefahren von Abgasen ausgehen, Mr Morgan“, erwiderte sie lässig. Dass sie ohne die entsprechende Ausrüstung in die Berge gefahren war, bedeutete schließlich nicht, dass sie eine ausgemachte Idiotin war.

Eine halbe Stunde später begann Jessica allerdings, daran zu zweifeln. Bis dahin hatte der Räumdienst so viel Schnee weggeschafft, dass einer der Männer den Tunnel betreten konnte.

Er kam zu ihr und blieb neben dem Wagen stehen. „Lassen Sie ruhig den Wagen an, Ma’am“, sagte er freundlich. „Sie können in ungefähr zehn Minuten weiterfahren, aber Sie brauchen nicht zu frieren, während Sie warten.“

Nach einigen Versuchen sprang der Motor an, und kurz darauf hörte sie das wesentlich lautere Motorengeräusch des Jeeps. Am Ende des Tunnels war bereits der blaue Himmel zu sehen.

Wäre sie von dem Anblick nicht so fasziniert gewesen, hätte sie vielleicht früher gemerkt, dass ihre Probleme noch lange nicht aus der Welt geschafft waren. Erst als einer der Männer sie nach vorn winkte, sah sie die rote Anzeige auf dem Armaturenbrett.

Instinktiv tat sie genau das Richtige, indem sie sofort den Motor abschaltete. Zu spät, wie der Rauch bewies, der unter der Motorhaube aufstieg.

Morgan hupte ungeduldig, doch selbst ein Idiot hätte gesehen, dass ihr Wagen fahruntüchtig war.

Bestürzt beobachtete Jessica, wie Morgan ausstieg und auf ihren Wagen zukam. Schließlich blieb er stehen.

„Sagen Sie nichts“, höhnte er. „Entweder haben Sie vergessen, wie man den Fuß von der Bremse nimmt, oder Ihr Wagen hat den Geist aufgegeben.“

2. KAPITEL

„Das hätte ich mir denken können.“ Morgan verdrehte die Augen und winkte die Männer herbei.

„Öffnen Sie die Motorhaube“, rief einer von ihnen, und nachdem Jessica seine Anweisung befolgt hatte, begutachteten die Männer den Schaden. Von dem anschließenden Fachsimpeln bekam Jessica, die immer noch am Steuer saß und nur das Fenster ein Stück heruntergekurbelt hatte, kein Wort mit.

Schließlich kam Morgan wieder zu ihr und stützte eine Hand aufs Dach. „Sie müssen sich damit abfinden, Jessica Simms“, erklärte er im Plauderton. „Diese Kiste kann man nur noch abschleppen.“

Vor lauter Wut und Frust hätte sie weinen mögen. „Ich nehme an, dass der Kühler überhitzt ist“, mutmaßte sie.

„Im Gegenteil, er ist zugefroren. Sie sollten Ihre Schwester anrufen und ihr sagen, dass es noch eine Weile dauern wird. Die nächste Werkstatt ist in Sentinel Pass, und man arbeitet dort rund um die Uhr, damit die Räumfahrzeuge immer einsatzbereit sind. Sie müssen sich also auf eine lange Wartezeit gefasst machen.“

Er beugte sich herunter und sah sie eindringlich an. „Natürlich hätten Sie das hier vermeiden können, wenn Sie Ihren Verstand benutzt und Ihren Wagen in die Werkstatt gebracht hätten, um ihn winterfest machen zu lassen.“

„Das wollte ich ja“, sagte Jessica, aus Angst, in Tränen auszubrechen, wenn sie einen Moment lang Schwäche zeigte. „Gleich als die Ferien anfingen, wollte ich zum Festland fahren, um es machen zu lassen. Normalerweise kümmere ich mich eher darum, aber bisher hatten wir einen so milden Winter …“

„Na ja, man sagt, dass der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert sei, stimmt’s?“

„Hören Sie doch endlich auf damit!“, rief sie verzweifelt.

Falls der Teufel sich entschlossen hätte, menschliche Gestalt anzunehmen und eine Frau bis aufs Blut zu quälen, hätte er genauso gelächelt, wie Mr Morgan in diesem Moment lächelte.

Einige der Männer gesellten sich zu ihm. „Wir fahren gleich zurück nach Sentinel Pass, Mr Kincaid. Sollen wir Ihnen dabei helfen, den Wagen an den Straßenrand zu schieben?“

„Das wäre nett“, erwiderte Morgan. „Sagen Sie den Leuten von Stedman’s, sie sollen mich anrufen, wenn sie ihn abgeschleppt und einen Kostenvoranschlag gemacht haben.“ Dann wandte er sich wieder an Jessica: „Und Sie steigen sofort in meinen Wagen. Keine Widerrede!“

Sie hatte auch gar nicht vorgehabt, ihm zu widersprechen, denn sie musste dringend zur Toilette. Er sagte ihr jedoch nicht, wohin er fuhr, als er den Tunnel verließ und nach etwa fünf Meilen auf eine schmale Straße abbog, die in Richtung Norden führte und sich in Serpentinen den Berg hinaufwand.

„Wohin fahren wir?“, fragte sie schließlich.

„In meine Höhle in den Bergen, wo ich über Sie herfallen werde. Und wenn Ihnen die Vorstellung nicht gefällt, bin ich bereit, sie nach oben zu bringen und in die Tiefe zu stoßen.“

„Sehr witzig. Aber wenn Ihnen der Sinn danach steht, hätten Sie mir heute Nacht den Gnadenstoß geben können.“

„Glauben Sie ja nicht, der Gedanke wäre mir nicht gekommen.“ Er bog so abrupt auf eine noch schmalere Straße ab, dass ihr Koffer, den er hinten hineingeworfen hatte, auf die andere Seite geschleudert wurde.

„Ich glaube, es wäre uns beiden lieber, wenn ich mir ein Zimmer im nächsten Hotel nehmen würde“, erwiderte Jessica. „Vielleicht in Sentinel Pass? Dann könnte ich mich frisch machen, während mein Wagen repariert wird, und …“

„In Sentinel Pass gibt es kein Hotel. Es ist eine Raststätte für Trucker, und man wird dort auch ohne Sie genug um die Ohren haben. Der nächste Ort ist Wintercreek, der, wie Sie ja selbst wissen, zwei Stunden von hier entfernt ist. Also müssen Sie bei mir bleiben, bis Sie wieder mobil sind, ob es Ihnen gefällt oder nicht.“ Morgan holte tief Luft. „Wollen wir hoffen, dass Ihr Wagen am späten Nachmittag fertig ist.“

Sie unterdrückte einen Seufzer und blickte nach vorn. Dicht stehende Kiefern säumten die Straße, und vor ihnen erhob sich majestätisch ein schneebedeckter Gipfel in den blauen Himmel. „Wohnen Sie tatsächlich hier?“, erkundigte sie sich skeptisch. „Es scheint ziemlich einsam zu sein.“

„Genau das macht ja den Reiz aus. Es gibt keine neugierigen Nachbarn und kein Fernsehen. Ich habe meine Ruhe und kann tun und lassen, was ich will.“

„Aber Sie haben Telefon.“

„Wir haben das Notwendigste zum Leben.“

Wir? „Sie leben also nicht allein?“

„Stimmt.“

Da er keine weiteren Erklärungen abgab, sagte sie: „Ich habe gehört, wie die Männer Sie Mr Kincaid genannt haben, aber zu mir haben Sie gesagt, Ihr Name sei Morgan.“

„Richtig“, bestätigte er. „Morgan Kincaid.“

Jessica drehte sich zu ihm um. „Und warum haben Sie dann zugelassen, dass ich mich blamiert habe, indem ich Sie Mr Morgan genannt habe?“

Wieder bedachte er sie mit einem satanischen Lächeln. „Weil es so rührend naiv war.“

Grimmig dachte sie daran, dass er nicht der erste Mann war, der dies erkannte. Allerdings würde niemand sie je so lächerlich machen wie Stuart McKinney vor fünf Jahren. „Freut mich, dass ich Sie ein wenig belustigen konnte“, sagte sie. „Es erleichtert mein Gewissen, weil ich Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereite.“

Nach einer weiteren Kurve ging es noch ein Stück bergauf, bis sie auf ein Plateau gelangten, das in nördlicher Richtung von kahlen Felsen begrenzt war und im Osten zu einem schmalen Tal abfiel, durch das sich ein Fluss wand. Es war jedoch weniger die Landschaft, deren Anblick Jessica den Atem raubte, als Morgan Kincaids Haus.

Von Tannen und Kiefern umgeben, lag es im Schutz der Felsen. Mit seinen grauen Mauern, dem steilen Schieferdach, den zahlreichen Schornsteinen und Veranden sah es wie ein englisches Herrenhaus aus und hätte in dieser Umgebung eigentlich lächerlich wirken müssen. Es war jedoch wunderschön.

Auf der linken Seite stand etwas abseits ein weiteres Gebäude, bei dem es sich um einen Stall handeln musste. Im Obergeschoss befand sich offenbar eine Wohnung, denn vor den Fenstern hingen dunkelrote Vorhänge. Aus den Schornsteinen beider Häuser stieg Rauch auf.

„Da wären wir“, verkündete Morgan Kincaid, als er kurz darauf vor den verschneiten Stufen hielt, die zum Hauptgebäude führten.

Er nahm ihren Koffer aus dem Wagen und führte Jessica über die große Veranda in einen schmalen Flur, wo er seine Stiefel abstreifte. Sie zog sich ebenfalls die Stiefel aus und folgte ihm dann in die große Eingangshalle, in der es gemütlich warm war. Eine breite Treppe, die ebenso wie der Fußboden mit Holzdielen ausgelegt war, führte zu einer Galerie im ersten Stock.

„Sie können schon nach oben gehen, Jessica“, sagte er mit einem ironischen Unterton. „Das Badezimmer ist die erste Tür rechts. Wenn Sie wollen, können Sie gern duschen. Handtücher finden Sie im Eckschrank neben der Wanne.“

Wütend riss Jessica ihm den Koffer aus der Hand und eilte hinauf.

Nachdem Jessica im Bad verschwunden war, verließ Morgan das Haus und ging in den Stall, wo er Clancy beim Ausmisten antraf. Er blieb auf der Schwelle stehen und atmete tief den vertrauten Geruch nach Heu, Stroh und Pferden ein, während er den alten Mann beobachtete.

Ohne seine Arbeit zu unterbrechen, sagte dieser: „Höchste Zeit, dass du kommst, Morgan. Hab dich eigentlich gestern erwartet.“ Seine Stimme war rostig wie eine alte Blechdose, die zu lange im Regen gestanden hatte.

„Ich weiß“, erwiderte Morgan. „Ich hatte Probleme.“

„Oh.“ Clancy stieß die Heugabel in einen Strohhaufen, stützte eine Hand gegen die Boxenwand und rieb sich den Nacken. „Was für Probleme?“

„Ich musste die Nacht in dem Lawinenschutztunnel westlich von Sentinel Pass verbringen – mit einer Frau. Ihr Wagen ist liegen geblieben, und ich habe sie mitgebracht. Sie bleibt so lange bei uns, bis er repariert ist.“

Zuerst hatte Clancy gegrinst, doch nun blickte er Morgan entsetzt an. „Ach, du meine Güte, Morgan, du musst sie wegbringen! Hier ist es für eine Frau nicht mehr sicher.“

„Was soll das heißen?“

„Schätze, du hast heute noch nicht Radio gehört, sonst würdest du nicht fragen. Die Post hast du anscheinend auch noch nicht durchgesehen. Du hast wieder eine Weihnachtskarte bekommen, Morgan. Vom Gefängnis in Clarkville.“

„Damit hatte ich schon gerechnet.“ Morgan versuchte, den Schauder zu ignorieren, der ihm über den Rücken lief. „Aber was hat man in den Nachrichten gesagt?“

„Gabriel Parrish ist gestern Nachmittag ausgebrochen. Hab’s heute Morgen in den Sieben-Uhr-Nachrichten gehört.“

Seine innere Anspannung wuchs. Allerdings ließ Morgan es sich nicht anmerken. „Es überrascht mich, dass man ihn für so wichtig hält, um ihn in den Nachrichten zu erwähnen.“

„Verdammt, Morgan, es gibt nicht einen Menschen in British Columbia, der sich nicht an seine Verhandlung oder an den Mann erinnert, der ihn hinter Gitter gebracht hat.“ Clancy warf ihm einen nachdenklichen Blick unter buschigen Brauen zu. „Wie viel wollen Sie darauf wetten, dass er nach Ihnen sucht, Mr Staatsanwalt?“

„Er wäre verrückt, wenn er es tun würde.“

„Dass er verrückt ist, steht außer Zweifel. Die Frage ist, ob er verrückt genug ist, sich an dir zu rächen. Und daran besteht meiner Meinung nach auch kein Zweifel.“

„Clarkville ist Hunderte von Meilen von hier entfernt. Die Polizei wird ihn bald schnappen, falls sie es nicht schon getan hat. Er kann mir nicht gefährlich werden, Clancy.“

„Trotzdem solltest du die Frau lieber von hier wegbringen. Es sei denn, du willst riskieren, dass sie zur Zielscheibe wird.“

„Du liest zu viele schlechte Western“, bemerkte Morgan. „Parrish ist nicht so dumm, an den einzigen Ort zu fahren, an dem man ihn erwartet. Er hat neun Jahre abgesessen, also fast ein Drittel seiner fünfundzwanzigjährigen Haftstrafe. In sechs Jahren hätte man ihn wegen guter Führung auf Bewährung entlassen. Das wird er sich nicht vermasseln, indem er mich jetzt verfolgt.“ Er schüttelte den Kopf. „Was er will, ist die Freiheit.“

„Und was ist, wenn er etwas ganz anderes im Sinn hat, nämlich eine alte Rechnung zu begleichen? Was dann?“

„Wenn es dich beruhigt, rufe ich bei der Polizei an und sage Bescheid, dass ich das Weihnachtsfest hier verbringe – nur für den Fall, dass er in dieser Gegend auftaucht.“ Müde fuhr Morgan sich über die Augen. „Ich sehne mich nach einer heißen Dusche, einer anständigen Mahlzeit und nach meinem Bett. Letzte Nacht habe ich nicht viel Schlaf bekommen.“

„Wem sagst du das!“, meinte Clancy heiser. „Was deine Ex wohl dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass du eine andere gefunden hast, die im Bett deine Füße wärmt?“

„Deine Fantasie geht mit dir durch“, erwiderte Morgan unwirsch. „Zwischen Jessica Simms und mir läuft nichts. Sie ist Daphne viel zu ähnlich, und ich bin hoffentlich schlau genug, um nicht zweimal auf denselben Typ reinzufallen.“

„Na prima! Denn Gabriel Parrish hin oder her, dies ist nicht der richtige Platz für eine Frau wie sie, genauso wenig, wie du der geborene Ehemann bist, Morgan. Du arbeitest zu viel und bist viel zu ungeduldig und voreingenommen. Das mögen Frauen bei Männern nicht.“

„Du musst es ja wissen.“ Morgan lachte, obwohl seine Freude darüber, den Urlaub auf der Ranch zu verbringen, getrübt war. „Agnes hat ihr halbes Leben damit verbracht, dir diese Eigenschaften auszutreiben.“

Clancy zog seinen abgewetzten alten Stetson tiefer in die Stirn und kam zu ihm. „Hab heute Morgen mit ihr geplaudert“, sagte er leise und deutete auf das eingezäunte kleine Grundstück auf einer kleinen Anhöhe hinter der angrenzenden Weide, wo die Asche seiner Frau, die nach achtundvierzig Jahren Ehe gestorben war, verstreut lag. „Hab ihr erzählt, dass ich wie immer einen Weihnachtsbaum im Hauptgebäude aufgestellt habe. Erinnerst du dich noch daran, wie viel sie immer gebacken hat, und an die Strümpfe, die sie heimlich für uns gestrickt hat, als wären wir noch Kinder, die an den Weihnachtsmann glauben?“

„Natürlich erinnere ich mich daran.“ Morgan legte ihm den Arm um die Schultern – eine Geste der Zuneigung, die der alte Lohnarbeiter nur widerstrebend über sich ergehen ließ. „Heiligabend werden wir im Wohnzimmer Feuer im Kamin machen, auf sie trinken, und du wirst Harmonium spielen. Es würde sie freuen, wenn sie wüsste, dass wir die Tradition fortführen, denn es hat ihr immer so viel bedeutet.“

„Vorausgesetzt, man hat uns dann noch nicht im Schlaf ermordet“, meinte Clancy düster. „Ich sag dir, Morgan, Gabriel Parrish wird sich auf die Suche nach dir machen. Und er wird seinen Besuch nicht ankündigen und an die Haustür klopfen.“

Während Jessica sich das Haar trocken rubbelte, hörte sie, wie das Telefon klingelte und Morgan Kincaid das Gespräch entgegennahm. Als sie kurz darauf nach unten ging, traf sie ihn in einem Raum an, der offenbar gleichzeitig als Arbeitszimmer und als Büro diente, denn die Wände waren von Bücherregalen gesäumt. Er saß an einem massiven Eichenschreibtisch und betrachtete sie finster.

„Der Mechaniker von der Werkstatt in Sentinel Pass hat gerade angerufen. Er hat nicht nur bestätigt, dass der Kühler zugefroren ist, sondern festgestellt, dass der Motorblock Risse hat.“

„Ich nehme an, er kann den Wagen heute nicht mehr reparieren“, sagte sie.

„Stimmt. Wenn Sie Glück haben, ist der Wagen morgen fertig.“

„Und wenn ich kein Glück habe? Wie lange dauert es dann?“

„Das hängt davon ab, wann er dazu kommt, sich Ihr Auto vorzunehmen, und wie aufwendig die Reparatur ist. Wenn sie den Motor ausbauen müssen …“ Morgan zuckte die Schultern. „… dann wird es wohl noch einen Tag länger dauern.“

„Das wäre ja Heiligabend! So lange kann ich Sie und Ihre Frau unmöglich behelligen. Außerdem braucht meine Schwester mich.“

„Ihre Schwester wird noch eine Weile ohne Sie auskommen müssen.“ Er stand auf und ging zum Fenster. „Und ich habe keine Frau.“

„Aber Sie haben gesagt …“

„Ich habe gesagt, dass ich nicht allein lebe.“ Unvermittelt drehte er sich um. „Ich habe nicht behauptet, ich sei verheiratet.“

„Dann kann ich erst recht nicht hierbleiben“, platzte Jessica heraus, denn ihr wurde bewusst, dass sie Angst davor hatte, mit ihm allein zu sein.

Er bedeutete Gefahr. Allerdings konnte sie nicht sagen, warum ihr gerade das Wort in den Sinn kam. Es lag nicht nur an seinem Äußeren. Sie fand seine starke männliche Ausstrahlung ausgesprochen … sexy.

Plötzlich wurde ihr unangenehm heiß. Sexy Männer spielten in ihrem Leben keine Rolle. „Ich fürchte, Sie müssen mich nach Wintercreek bringen.“

„Vergessen Sie’s“, erwiderte Morgan ausdruckslos. „Abgesehen davon, dass ich drei, vier Stunden unterwegs wäre, was hätten Sie davon, wenn Ihr Wagen achtzig Meilen entfernt wäre?“

Am liebsten hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst, weil er wieder einmal recht hatte. Sie widerstand jedoch der Versuchung. „Dann werde ich versuchen, Ihnen nicht noch mehr Schwierigkeiten zu machen.“

Er deutete auf eine Tür am anderen Ende der Eingangshalle. „Sie können sich in der Küche nützlich machen und den Tisch decken. Ich habe einen Topf mit Chili aufgesetzt, und bis ich aus der Dusche komme, müsste es heiß sein.“

Dann ging er nach oben, und da sie ihm nicht wie ein verträumter Teenager nachblicken wollte, betrat Jessica die Küche, einen großen rechteckigen Raum mit einer Holzdecke. Der altmodische Herd, in dem ein Feuer brannte, die zahlreichen Kupferpfannen, die an Haken hingen, die Holzschränke und der große Tisch in der Mitte verbreiteten eine anheimelnde Atmosphäre.

Die Utensilien im Bad und die verschlossenen Türen im Obergeschoss deuteten darauf hin, dass Morgan Kincaid das Haus allein bewohnte. Allerdings hatte er gesagt, er lebe nicht allein. Hatte er vielleicht eine Haushälterin, der er die Wohnung über dem Stall zur Verfügung gestellt hatte?

Dann würde ich die Nacht lieber bei ihr verbringen, überlegte Jessica, während sie Teller und Schalen aus der Anrichte nahm.

Sie rührte gerade das Chili um, als ein Mann von ungefähr siebzig in Begleitung zweier Golden Retriever auf der Schwelle erschien. Er kam durch den Hintereingang von der Veranda auf der Rückseite des Hauses, zu dem ein kleiner Vorflur gehörte.

Der Mann war klein, stämmig und unrasiert. „Sie müssen die Frau sein“, bemerkte er, während er seinen Schal abband und die Knöpfe seiner mit Lammfell gesäumten Jacke öffnete.

Da Jessica nicht wusste, was sie darauf erwidern sollte, begrüßte sie ihn höflich. Dann tat sie wieder den Deckel auf den Topf und streichelte den kleineren der beiden Hunde, der schwanzwedelnd auf sie zukam und sich anschließend in einem der beiden Schaukelstühle zusammenrollte. Der andere blieb neben seinem Herrchen stehen, und es war schwer zu sagen, welcher von ihnen misstrauischer wirkte.

„Haben Sie Kaffee gemacht?“, erkundigte sich der Mann in demselben etwas feindseligen Tonfall.

„Ja. Möchten Sie eine Tasse?“

„Tasse?“ Er ließ den Blick zum Tisch schweifen. Sie hatte die handbestickten Leinensets und – servietten darauf gelegt, die sie in einer Schublade gefunden hatte. „Verdammt … Woher nehmen Sie sich das Recht, Agnes’ bestes Geschirr und ihre schönsten Servietten zu benutzen?“

Jessica machte keinen Hehl aus ihrer Erleichterung, als Morgan Kincaid ebenfalls in der Küche erschien. Sein selbstgefälliges Lächeln hätte er sich allerdings verkneifen können.

„Sieh mal, Morgan“, fuhr der Alte wütend fort. „Sie reißt einfach das Regiment an sich und benimmt sich, als wäre sie hier zu Hause. Pass auf, sonst wärmt sie heute Abend auch dein Bett.“

„Nun mach mal halblang“, erwiderte Morgan liebevoll. „Jessica, das ist Clancy Roper, mein Mitarbeiter. Er kümmert sich um das Anwesen und versorgt die Pferde, wenn ich nicht da bin. Der Hund auf dem Schaukelstuhl heißt Shadow, der große Ben. Clancy, das ist die Frau, von der ich dir erzählt habe, Jessica Simms.“

„Wie lange gedenkst du sie hierzubehalten, Morgan?“

„Nicht einen Moment länger als nötig“, informierte Jessica den alten Mann kurz angebunden und wandte sich dann an Morgan. „Ich habe mir nicht nur die Freiheit genommen, den Tisch zu decken, sondern auch ein Baguette zum Aufbacken in den Ofen getan. Hoffentlich habe ich damit nicht gegen ein weiteres ungeschriebenes Gesetz verstoßen.“

„Nein.“ Der Ausdruck in seinen Augen war teils belustigt, teils entschuldigend. „Und der Tisch sieht sehr schön aus.“

„Dann würde ich gern das Essen servieren.“

„Ich sterbe vor Hunger und Sie vermutlich auch.“ Mit einer schwungvollen Geste rückte er ihr einen Stuhl zurecht und entlockte seinem Mitarbeiter damit ein verächtliches Schnaufen. „Setzen Sie sich. Den Rest übernehme ich. Clancy, hör auf zu schmollen und nimm Platz.“

„Die Hunde müssen gefüttert werden“, wandte Clancy ein.

„Die Hunde können warten“, erklärte Morgan ungerührt, bevor er das Brot aus dem Backofen nahm und das Chili servierte. „Möchten Sie Ihren Kaffee jetzt oder nach dem Essen, Jessica?“

„Ich richte mich nach Ihnen.“

„Wir trinken den Kaffee immer beim Essen, besonders im Winter, wenn die Tage so kurz sind und wir die Pferde gegen vier in den Stall bringen müssen.“

„Heute können wir nicht so lange warten“, murmelte Clancy und langte einfach über ihren Teller, als er sich Brot nahm. „Und das liegt nicht nur an der Gesellschaft. Aus Nordost ziehen Wolken auf. Schätze, es gibt heute wieder Schnee.“

Morgan, der sich ebenfalls gesetzt hatte, warf Jessica einen Blick zu. „Gut, dass Sie nicht nach Whistling Valley weitergefahren sind, sonst hätten Sie noch eine Nacht auf der Straße verbracht. Und wer weiß, wer dann vorbeigekommen wäre.“

„Müssen Sie immer wieder damit anfangen?“, fragte sie gereizt. „Ich habe Ihnen bereits erklärt, warum ich keine Vorbereitungen für die Fahrt getroffen hatte, und muss mich dafür nicht mehr rechtfertigen.“

„Ganz schön undankbar, was, Morgan?“, meinte Clancy schadenfroh. „Warum musst du auch fremde Frauen auf der Straße auflesen?“

Morgan beachtete ihn jedoch nicht, sondern fuhr belehrend fort: „Ist Ihnen gar nicht in den Sinn gekommen, dass Sie Glück gehabt haben, weil Sie an mich geraten sind?“

„So pessimistisch bin ich nicht“, konterte Jessica. „Die meisten Menschen benehmen sich anständig, wenn man ihnen die Chance dazu gibt.“

Er schüttelte den Kopf. „Da machen Sie sich etwas vor. Barmherzige Samariter sind heutzutage ziemlich rar, und Sie dürfen sich nicht der Illusion hingeben, dass alle Menschen es gut mit Ihnen meinen, nur weil Weihnachten vor der Tür steht.“

„Schätze, wir müssen bald aus dem eigenen Schaden lernen“, warf Clancy stirnrunzelnd ein, „wenn Gabriel …“

Morgan warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „Fang nicht schon wieder damit an, Clancy.“

Der Rest der Mahlzeit verlief in angespanntem Schweigen. Schließlich nickte Morgan dem alten Mann zu. „Füttere du die Hunde. Ich hole inzwischen Holz.“ Er stand auf und ging zum Hintereingang. „Anschließend bringen wir die Pferde rein.“

„Kann ich irgendwie helfen?“, erkundigte sich Jessica, die sich plötzlich überflüssig fühlte.

„Nein. Es sei denn, Sie können mit Pferden umgehen.“

„Sieh sie dir doch an. Sie weiß sicher nicht einmal, wo bei einem Pferd vorn und wo hinten ist“, sagte Clancy, der ebenfalls aufgestanden war und gerade Futter in die Hundenäpfe schüttete.

„Sie haben recht, aber ich bin durchaus in der Lage, Geschirr zu spülen und ein anständiges Abendessen zuzubereiten.“

„Du meine Güte!“, höhnte der alte Giftzwerg. „Bin noch nie ’ner Frau begegnet, die so die feine Lady markiert.“

„In Anbetracht der Tatsache, dass wir beide lausige Köche sind, solltest du lieber den Mund halten“, riet Morgan und fügte, an Jessica gewandt, hinzu: „Sie können in der Küche schalten und walten, wie Sie wollen. Im Vorflur steht eine gut gefüllte Tiefkühltruhe, und dort finden Sie auch Kartoffeln und Gemüse. Ach, und wenn Sie noch mal im Krankenhaus anrufen wollen, können Sie das Telefon im Büro benutzen.“

Jessica nahm Morgans Angebot an und rief noch einmal im Krankenhaus an, bereute es anschließend aber. Wie sie erfuhr, hatte Selena nur leichte Verletzungen an der Wirbelsäule erlitten, die keinen bleibenden Schaden hinterließen. Statt sich darüber zu freuen, jammerte sie ihr jedoch die Ohren voll, weil sie nun über Weihnachten im Krankenhaus bleiben musste und kaum Besuch empfangen durfte.

Schließlich war Jessica mit ihrer Geduld am Ende und verabschiedete sich von ihr mit dem Rat, sie solle das Beste aus der Situation machen.

Das sollte ich auch tun, überlegte sie, als sie in den Vorflur ging, um einen Blick in die Tiefkühltruhe zu werfen.

Als es kurz nach vier wieder zu schneien begann, duftete es in der Küche nach Fleisch und Gemüse, das im Backofen garte, das Geschirr war abgespült und stand wieder im Schrank, und ihr blieb nichts anderes übrig, als auf die Rückkehr ihres Gastgebers und seines unhöflichen Mitarbeiters zu warten.

„Ich könnte mir angenehmere Gesellschafter vorstellen“, sagte sie zu Shadow, die immer noch auf dem Schaukelstuhl lag und nur kurz den Kopf hob, bevor sie weiterdöste.

Ungefähr eine halbe Stunde später kamen die Männer zurück. Jessica hörte ihre Schritte auf der hinteren Veranda, dann wurde die Tür geöffnet, und jemand schleifte etwas in den Flur.

„Es kann über Nacht trocknen“, hörte Jessica Morgan Kincaid sagen. „Häng deine Jacke auf, dann lass uns reingehen.“

„Du meinst, zu dieser Frau“, erwiderte Clancy unwirsch.

„Ich werde ihre Gesellschaft noch eine Nacht ertragen, wenn sie uns gleich eine warme Mahlzeit serviert“, erklärte Morgan.

„Du vielleicht“, meinte Clancy empört. „Ich für meinen Teil mache mir lieber eine Dosensuppe warm – in meiner Wohnung, wo ich nicht ständig damit rechnen muss, dass fremde Leute in meinen Sachen rumschnüffeln, sobald ich ihnen den Rücken zuwende. Also bis morgen.“

Daraufhin lachte Morgan. Es klang sehr sexy … Schon wieder dieses Wort! Jessica errötete, weil sie sich über sich selbst ärgerte.

„Danke!“, sagte er. „Ich werde mich irgendwann bei dir revanchieren, alter Mann. Du weißt ja, dass ich von ihrer Gesellschaft auch nicht begeistert bin.“

Jessica platzte fast vor Wut. Dachten die beiden etwa, sie wäre freiwillig hier? Und dachten sie, sie wäre taub?

Morgan Kincaid würde bald feststellen, dass der Abend sich noch wesentlich schlimmer gestaltete, als er es in seinen kühnsten Träumen für möglich hielt.

3. KAPITEL

Morgan wirkte nicht im Mindesten verlegen, als er die Küche betrat und Jessica am Herd stehen sah. „Sie haben bestimmt mitbekommen, dass Clancy nicht mit uns zu Abend isst“, erklärte er lässig.

„Das und noch einiges mehr“, erwiderte sie kühl. „Als Gastgeber müssen Sie noch viel lernen, Mr Kincaid.“

„Sicher, aber nicht jetzt.“ Mit einem Nicken deutete er auf die Emaillekanne auf dem Herd. „Haben Sie frischen Kaffee gemacht?“

„Sehen Sie doch selbst nach. Und bevor Sie eine weitere Predigt über Ihre Großmütigkeit halten, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass ich versucht habe, mich zumindest etwas dafür zu revanchieren. Ich habe Holz nachgelegt, das Essen ist fertig, und die Küche ist sauberer als vorher. Sie brauchen sich also nur zu entspannen und den Abend zu genießen. Und wenn Sie wünschen“, fügte sie wütend hinzu, „bringe ich Ihnen das Essen sogar aufs Zimmer, damit Sie meine Gesellschaft nicht länger als nötig ertragen müssen.“

„Selbstaufopferung passt nicht zu Ihnen“, bemerkte Morgan spöttisch. „Und dass Sie hier festsitzen, gefällt Ihnen genauso wenig wie mir. Das hier ist mein Zufluchtsort, ein Ort, den ich gerade deswegen liebe, weil er ganz anders ist als …“ Er zögerte und verzog verächtlich das Gesicht. „… die Welt, in der Sie leben. Hier kann ich tun und lassen, was ich will.“

„Und das wäre?“

„Wonach auch immer mir der Sinn steht. Ich kann den ganzen Tag bis zum Knöchel im Pferdemist stehen oder mich nackt im Schnee wälzen, ohne mir Gedanken darüber machen zu müssen, dass irgendeine puritanische alte Jungfer bei meinem Anblick einen Herzstillstand erleidet.“ Er zuckte die breiten Schultern und öffnete die obersten beiden Knöpfe seines Polohemds – in Anbetracht seiner letzten Worte eine ziemlich anzügliche Geste, wie Jessica fand. „Ihre Anwesenheit stört mich, Miss Simms.“

Sie fragte sich, warum seine Bemerkung ihr einen Stich versetzte, denn er hatte ja recht. Trotz ihres Alters war sie der Inbegriff der pedantischen Lehrerin, die auf dem besten Wege war, eine alte Jungfer zu werden. Und hatte sie es nicht selbst so gewollt?

„Ich muss mich nicht dafür rechtfertigen, wie ich bin“, erwiderte sie forsch. „Sie müssen sich lediglich beherrschen, bis ich weg bin. Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sagen würden, in welchem Zimmer ich schlafen kann.“

„Oh verdammt!“, meinte er ungeduldig. „Suchen Sie sich eins aus. Mir ist es egal, solange Sie nicht meins nehmen.“

Das klang ja, als könnte er die Vorstellung nicht ertragen, zwei Nächte hintereinander mit ihr unter einer Decke zu schlafen.

Doch sie wusste seit ihrem sechzehnten Lebensjahr, dass sie keine Femme fatale war. Ihre Tante Edith hatte immer beklagt, dass ihre Füße das Schönste an ihr seien, und ihre ganze Aufmerksamkeit und Zuneigung auf Selena konzentriert, die wesentlich hübscher war.

Sie, Jessica, hatte es gelernt, ihre verletzten Gefühle hinter einer gleichgültigen Fassade zu verbergen. Nun fragte sie sich, ob sie sich wieder abgelehnt fühlte wie damals und ob Morgan Kincaid es gemerkt hatte, denn er fügte ungewöhnlich freundlich hinzu: „He, so habe ich es nicht gemeint. Ich habe nur andere Dinge im Kopf, das ist alles. Das Zimmer über der Küche ist am wärmsten. Also, warum stellen Sie Ihren Koffer nicht hinein und kommen dann runter, damit wir zusammen essen können? Na los“, drängte er, als sie zögerte. „Es riecht köstlich, und ich verspreche Ihnen, dass ich nicht beißen werde.“

Da sie nicht unhöflich erscheinen wollte, nickte sie und ging nach oben, um ihren Koffer aus dem Bad zu holen und ihn in das Zimmer über der Küche zu bringen. Schließlich konnte sie mit Fug und Recht behaupten, dass sie eine intelligente, reife Frau war. Es war einer der Gründe, warum sie es mit dreißig schon so weit gebracht hatte.

Aber wie war es dann zu erklären, dass sie sofort zu der Frisierkommode eilte, die gegenüber dem dazu passenden Mahagonibett stand, und vor dem Spiegel ihre Haarspange herausnahm, sodass ihr das dichte Haar über die Schultern fiel?

„Aus einem hässlichen Entlein wird niemals ein schöner Schwan“, hatte ihre Tante Edith immer behauptet, und Jessica musste ihr recht geben. Männer nahmen eine Frau wie sie mit leicht welligem braunem Haar, grauen Augen und kleinem Busen überhaupt nicht wahr!

Jessica nahm ihre Bürste aus dem Koffer und kämmte sich das Haar, bis es ganz glatt war. Dann steckte sie es wie gewohnt hoch und zupfte den gestärkten Kragen ihrer Bluse zurecht, die sie zu dem marineblauen Faltenrock trug.

Sie sah wohl kaum besser aus, aber es war ihr gewohntes Erscheinungsbild, und das verlieh ihr genug Selbstbewusstsein, um einen Abend mit Morgan Kincaid überstehen zu können.

Noch lange, nachdem Jessica die Küche verlassen hatte, blickte Morgan zur Eingangshalle. Er fand, dass Jessica mit der Anmut einer Nonne ging und auch wie eine Nonne gekleidet war. Das Einzige, was ihr fehlte, war Nächstenliebe, und ihr ablehnendes Verhalten Männern gegenüber sprach Bände.

Allerdings sprach es seiner Meinung nach eher für sie, denn er hatte oft genug miterlebt, was passieren konnte, wenn Menschen, insbesondere Frauen und Kinder, Männern gegenüber ihren Selbsterhaltungstrieb ignorierten.

Morgan nahm einen leeren Korb und ging, gefolgt von Shadow, durch den Vorflur nach draußen. Der Schnee, der ihm ins Gesicht fiel, und der kalte Wind taten ihm gut. Ihm war alles recht, wenn es ihn nur von den Erinnerungen an seine berufliche Vergangenheit ablenkte, die ihn vermutlich bis zu seinem Tod verfolgen würden.

Schließlich war Weihnachten das Fest der Liebe und der Freude. Nur hatte er leider mit angesehen, wie Familien durch Gewaltverbrechen zerstört worden waren, und keine Rechtsprechung hatte sie wieder zusammenzubringen vermocht.

Während seiner Ehe mit Daphne hatte er sich eine Zeit lang Kinder gewünscht, weil er wissen wollte, ob er ein guter Vater wäre, selbst wenn er die Kinder anderer Leute nicht schützen konnte. Er hatte seinen Eltern Enkelkinder schenken wollen. Doch Daphne und er hatten keine Kinder bekommen, sie hatte ihn verlassen, und seinen Eltern waren innerhalb von sechs Monaten beide gestorben.

Nun war er siebenunddreißig, hatte Geld im Überfluss und gute Aussichten auf ein Richteramt und verbrachte Weihnachten wieder allein – abgesehen von Clancy und einer Frau, die er eigentlich mit „Schwester“ ansprechen müsste.

Nachdem er den Korb mit Holz gefüllt hatte, kehrte Morgan vom Schuppen zum Haus zurück. Es würde eine klassische weiße Weihnacht werden – wie auf nostalgischen Karten, auf denen die Familien gemeinsam zur Kirche gingen und die Kinder mit großen Augen durch mit Eisblumen bedeckte Fenster blickten.

Familien, Kinder … Obwohl er sich dagegen wehrte, drohten die Erinnerungen ihn wieder zu überwältigen.

Ungeduldig schüttelte er den Kopf. Er hätte in Vancouver bleiben sollen, wo es jetzt vermutlich regnete und die Zierkirschen, die die Boulevards und Promenaden säumten, in voller Blüte standen. Dort hatte er Freunde, mit denen er sich bei Kaviar und Champagner in exklusiven Privatclubs traf, und dort betrachteten ihn die Frauen in ihren Designerkleidern mit einem gewissen Verlangen, das er für kurze Zeit auch erwidern konnte.

Stattdessen war er jedoch mit der prüden Miss Simms eingeschneit, die bestimmt nicht einmal wusste, was Verlangen war.

Morgan stieß die Hintertür mit dem Fuß auf und stellte den Korb neben den Tannenbaum, den Clancy mittags hereingebracht hatte. Dabei hörte er Jessica nebenan rumoren.

Sie erstarrte, als er die Küche betrat. Sie stand auf der anderen Seite des Tischs, das Besteck in der Hand und schaute ihn erschrocken an. Das machte ihn wütend.

„Warum sind Sie so nervös?“, erkundigte er sich.

„Ist es okay, wenn ich das mache?“

Er runzelte die Stirn. „Was?“

„Wenn ich den Tisch decke.“

„Natürlich ist es okay“, erwiderte er scharf. „Warum sollte es das nicht sein?“

„Ihr Mitarbeiter war offenbar der Meinung, dass ich störe.“

„Ach, das.“ Morgan nahm eine Flasche Wein aus dem Regal neben der Anrichte und einen Korkenzieher aus der Schublade. „Es galt nicht Ihnen. Sie haben nur Erinnerungen an seine verstorbene Frau geweckt. Seit ihrem Tod betritt er das Haus kaum noch.“

„Das tut mir leid. Ich hatte ja keine Ahnung.“

„Es braucht Ihnen nicht leidzutun.“ Er nahm zwei Weingläser aus der Vitrine. „Trinken Sie auch ein Glas mit?“

„Ein Glas Rotwein zum Essen wäre nett.“

Du meine Güte, das wird ja ein langer Abend! dachte er.

Während Jessica das Essen servierte, schenkte er ein. Sie setzte sich ihm gegenüber und schüttelte ihre Serviette aus. Ihre Bewegungen waren anmutig, ihre Manieren tadellos, als wäre sie mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden und hätte immer eine große Dienerschar um sich gehabt. Das Essen, das sie gekocht hatte, ließ jedoch darauf schließen, dass sie sehr wohl mit Küchenarbeit vertraut war.

Die mit Sahne und Ingwer verfeinerte Karottensuppe und der Schmortopf mit Klößen und Fleischsoße schmeckten köstlich, und Morgan musste zugeben, dass seine Laune sich sofort besserte.

„Diese Klöße …“ Er spießte einen auf die Gabel. „… erinnern mich an Agnes. Sie hat sie auch immer mit Rehfleisch serviert.“

„Rehfleisch?“ Jessica, die gerade an ihrem Weinglas nippte, wurde blass und presste schnell ihre Serviette an den Mund.

„Was dachten Sie denn, was es sei?“

„Rindfleisch.“

Morgan lachte. „Das ist fast dasselbe, abgesehen vom Geweih.“

„Oh.“ Sie schob ihren Teller beiseite und verstieß gegen die guten Sitten, indem sie einen Ellbogen auf den Tisch stützte und die Hand auf die Augen legte.

„Was ist los, Jessica? Sie sind offensichtlich keine Vegetarierin. Daran kann es also nicht liegen.“

„Es ist Rudolph“, sagte sie. „Ich sehe ihn vor mir … Vielleicht weil Weihnachten ist.“

Rudolph, das Rentier? Verblüfft lehnte Morgan sich zurück. „Glauben Sie etwa auch an den Weihnachtsmann?“

„Nein“, erwiderte sie spitz. „Ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass er nur in der Fantasie anderer Kinder existiert. Und ich muss mich für mein Verhalten entschuldigen. Aber sosehr ich es auch hasse, Essen wegzuwerfen, bekomme ich das beim besten Willen nicht hinunter.“

„Macht nichts.“ Diese Seite an ihr berührte ihn seltsam. „Die Hunde werden es Ihnen danken. Aber was kann ich Ihnen anbieten?“ Er stand auf und warf einen Blick in den Kühlschrank. „Wir haben Eier, Speck und Käse. Ich könnte uns ein Omelett machen.“

„Bitte machen Sie keine Umstände. Essen Sie weiter, sonst wird es kalt.“

Wieder wurde er wütend. „Und Sie? Wollen Sie sich in die Ecke verkriechen und sich mit Wasser und Brot begnügen?“

„Ich mache mir ein Sandwich.“

„Kommt überhaupt nicht infrage.“ Er nahm die Schüssel für die Essensreste aus dem Kühlschrank und leerte die Teller hinein. „Sie haben heute Nacht kaum geschlafen, und das Mittagessen liegt einige Stunden zurück. Sie werden nicht mit leerem Magen ins Bett gehen. Ich bin vielleicht ein schlechter Gastgeber, aber kein Unmensch. Wir essen Omelett – oder sehen Sie dann Küken vor sich?“

„Nein.“ Jessica stand auf und kam zu ihm. Wie immer hielt sie sich kerzengerade. „Aber ich bestehe darauf, Ihnen zu helfen, weil ich Ihnen so viel Unannehmlichkeiten bereite.“

„Verdammt, setzen Sie sich wieder, und trinken Sie Ihren Wein. Und während ich meine kulinarischen Fähigkeiten unter Beweis stelle, können Sie mir erzählen, warum Sie als Kind nicht an den Weihnachtsmann geglaubt haben.“

„Ich bin in einem sehr … pragmatischen Haushalt aufgewachsen. Meine Tante hielt nicht viel von kindlichen Fantasien – auch nicht, als meine Schwester und ich klein waren.“

Morgan, der gerade den Speck in Streifen schnitt, hielt mitten in der Bewegung inne. „Tante?“

„Unsere Eltern sind sehr früh gestorben, und Selena und ich sind zu dem Bruder meines Vaters und dessen Frau gekommen.“

„Und Tantchen war nicht gerade begeistert darüber, die Ersatzmutter spielen zu müssen, stimmt’s?“

„Sie war immer sehr fair zu uns. Sie hat ihre Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt – und mein Onkel auch.“

Er nahm eine Zwiebel und begann wütend, sie klein zu hacken. Kein Wunder, dass Jessica so verklemmt war, denn ihren Erzählungen zufolge war die Umgebung, in der sie aufgewachsen war, nicht viel anders als ein viktorianisches Waisenhaus gewesen! „Und zu ihren Pflichten gehörte es auch, den Mythos vom Weihnachtsmann zu zerstören, nicht? Heißt das, Sie haben am ersten Weihnachtsfeiertag leere Strümpfe vorgefunden?“

„Oh nein.“ Sie nippte an ihrem Glas. „Materiell ging es uns gut. Wir haben immer teure Geschenke bekommen. Nur das ganze Drumherum fehlte.“

Morgan schlug sechs Eier in eine Rührschüssel und würzte sie mit Salz, Pfeffer und etwas getrockneter Petersilie. „Und was war mit der Zahnfee?“

Jessica lächelte. Es ließ ihre Züge viel weicher erscheinen und machte sie beinah hübsch. „Die Zahnfee existierte für uns auch nicht. Wir sind nur regelmäßig zum Zahnarzt gegangen und haben alle zwei Monate eine neue Zahnbürste bekommen …“

„Na, ich weiß nicht …“ Nachdem er die Eier verquirlt hatte, erhitzte er Butter in einer Pfanne. „Ich finde, alle Kinder brauchen solche Fantasien und schöne Erlebnisse, an die sie später gern zurückdenken. Ist das nicht das Wichtigste in der Kindheit?“

„Wir hatten schöne Erlebnisse.“

Er goss die Eier in die Pfanne und schwenkte diese, bevor er die klein gehackte Zwiebel und die Speckstreifen dazugab. „Was zum Beispiel?“, erkundigte er sich, während er geriebenen Käse darüberstreute.

Sie dachte einen Moment nach. „Zum Highschoolabschluss habe ich eine in Leder gebundene Gesamtausgabe von Shakespeare bekommen“, sagte sie schließlich.

„Sie müssen überwältigt gewesen sein“, bemerkte er trocken. „So viel anstößiger Lesestoff in der Hand einer Achtzehnjährigen! Es ist das reinste Wunder, dass es für Sie nicht der Anstoß zu einem ausschweifenden Leben war.“

Jessica warf ihm einen gequälten Blick zu und trank den restlichen Wein in ihrem Glas in einem Zug aus. „Ich …“

Morgan teilte das Omelett in zwei Hälften, tat diese auf die beiden Teller, die er auf dem Herd erwärmt hatte, und wartete darauf, dass sie fortfuhr. Da sie jedoch schwieg, stellte er die Teller auf den Tisch, setzte sich hin und griff zur Weinflasche. „Was wollten Sie sagen?“ hakte er nach, während er ihnen nachschenkte.

„Nichts.“

Sie presste die Lippen zusammen und erinnerte ihn damit an Zeugen, die im Begriff waren, einen Meineid zu schwören. Dafür hatte er ein sicheres Gespür. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte er einen wunden Punkt in ihrer Vergangenheit berührt, aber ihm war klar, dass er Geduld aufbringen musste, wenn er erfahren wollte, was es war.

„Dann lassen Sie uns auf unseren zweiten Versuch anstoßen“, erklärte er und stieß mit ihr an. „Bon appétit!“

Während er mit großem Appetit aß, stocherte sie in ihrem Omelett herum. Um die angespannte Atmosphäre etwas aufzulockern, fuhr er schließlich fort: „Was ich vorhin meinte, ist, dass der Tisch sehr schön aussieht. Normalerweise liegt alles Mögliche darauf, und ich mache nur etwas Platz für meinen Teller.“

Jessica legte die Gabel hin. „Oh, dabei fällt mir ein … Als ich vorhin heruntergekommen bin, habe ich einen Stapel Post für Sie gefunden und auf die Anrichte gelegt. Warten Sie, ich gebe ihn Ihnen, bevor ich es wieder vergesse.“

„Das eilt nicht“, erwiderte Morgan, doch sie war bereits aufgesprungen und nahm die Post von der Kommode. Es handelte sich um diverse Versandhauskataloge sowie einige Weihnachtskarten von Freunden und Bekannten, die wussten, dass er das Fest auf der Ranch verbrachte.

„Danke“, sagte er, als sie den Stapel neben seinem Teller auf den Tisch legte. Er hätte erst am nächsten Morgen einen Blick darauf geworfen, wenn ihm nicht der Absender auf dem obersten Umschlag ins Auge gefallen wäre.

Strafvollzugsanstalt Clarkville. Die ordentliche Handschrift war unverkennbar und ließ auf äußerste Beherrschung schließen. Sie machte Morgan auf unangenehme Weise gegenwärtig, dass er seine Identität nirgends ablegen konnte und die Realität ihn überall einholte, egal, wohin er sich zurückzog.

Er spürte, dass Jessica ihn beobachtete. „Stimmt etwas nicht, Mr Kincaid?“, fragte sie.

„Abgesehen davon, dass Sie mich Mr Kincaid nennen, ist alles in Ordnung.“ Er nahm den Brief vom Stapel und war versucht, ihn ungeöffnet in den Herd zu werfen. „Es gefährdet sicher nicht Ihre Tugend, wenn Sie Morgan zu mir sagen.“

„Nein, vermutlich nicht.“

„Schließlich haben wir eine Nacht miteinander verbracht.“

Sie errötete tief. „Aber nicht im eigentlichen Sinne!“

„Nein.“ Morgan schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Wissen Sie, ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber es gibt da etwas, um das ich mich eher hätte kümmern müssen, und ich möchte es nicht länger aufschieben.“

„Natürlich. Es tut mir leid, wenn ich …“

„Schon gut.“ Verärgert darüber, dass sie sich die Schuld an seiner plötzlichen Nervosität gab, und nicht gewillt, ihr die Situation zu erklären, ging er zur Tür. „Ich muss telefonieren, und es wird eine Weile dauern. Also, wenn Sie …“

„Bitte machen Sie sich darüber keine Gedanken“, versicherte sie schnell. „Wenn ich gegessen habe, gehe ich ins Bett.“

„Dann sehen wir uns morgen.“ Er nickte ihr zu und verließ die Küche. Sobald er in seinem Arbeitszimmer war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, öffnete er den Umschlag und nahm die Karte heraus.

Auf der Vorderseite war eine Federzeichnung der Strafvollzugsanstalt Clarkville im Winter, deren hohe Mauern sich scharf gegen den Himmel abhoben.

Er klappte die Karte auf und las den Text. Dabei wurde ihm schlagartig bewusst, dass Clancy recht gehabt hatte. Ob verrückt oder nicht, Gabriel Parrish sann auf Rache. Jemand anders hätte die unterschwellige Drohung, die in dem Satz „Ich schulde Ihnen so viel und hoffe, es Ihnen bald vergelten zu können“ mitschwang, vielleicht nicht als solche erkannt, doch er, Morgan, tat es. Er wusste genau, was Gabriel Parrish damit meinte.

Während er mit der Karte auf den Schreibtisch klopfte, überlegte Morgan, was er tun sollte. Er hatte kaum eine Wahl. Er konnte fliehen, aber es war nicht seine Art, vor Problemen davonzulaufen.

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