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JULIA SAISON BAND 13

NICOLA MARSH

Liebesheirat ausgeschlossen?

Ist das wahrhaftig Eve, die in der Nobelbar auf ihn zuschwebt – diese langbeinige Göttin? Bewundernd mustert Werbemanager Bryce seine Ex-Mitschülerin. Und träumt bereits von einer heißen Affäre mit der neuen, sexy Eve. Bis sie ihm kurz darauf einen ernüchternden Vorschlag macht: Er soll einen Monat ihr Date spielen. Aber wirklich nur spielen …

MYRNA MACKENZIE

Sag Ja zum Paradies

Mitten in einer Hochzeitsfeier mit Elvis-Imitator trifft Daisy auf einen auffallend elegant gekleideten Fremden. Ob er ein Freund des Brautpaares ist? Auf jeden Fall ist er ein faszinierender Mann. Einer zum Verlieben. So schwärmt sie – und muss erfahren, dass er der Erbe ihrer kleinen Heiratskapelle ist, die er abreißen will …

TERESA HILL

Die Schöne mit dem Brautschleier

Lilah ist empört: Erst wird ihr Richter Thomas Ashford als perfekter Mann für ihre Werbeaktion angepriesen – und dann missbilligt er die wunderschönen Fotos mit dem Brautschleier, bloß weil das Model nackt ist! Unglaublich. Wie kann die feurige Lebensberaterin den offenbar verklemmten Gesetzeshüter nur aus der Reserve locken?

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Liebesheirat ausgeschlossen?

1. KAPITEL

Traummänner – leicht zu finden sind sie nicht. Eve Pemberton wusste ein Lied davon zu singen. Was hatte sie nicht schon alles versucht …!

Sie seufzte resigniert und versetzte der absurd teuren goldverzierten Hochzeitseinladung auf ihrem Schreibtisch einen kleinen Stoß.

Doch das Ding bewegte sich nicht. Die pastellfarbene Karte thronte vor ihr mit einer Hartnäckigkeit, die sie zu verhöhnen schien.

Eve wusste, was sie zu tun hatte.

Aber sie hatte keine Lust dazu.

Sie atmete tief durch, schob die Einladung beiseite und öffnete ihren Laptop. Ein guter Zeitpunkt, weiter nach ihrem Traum-Date zu suchen.

„Rein geschäftlich“, murmelte sie und überflog eine Reihe von Internet-Suchmaschinen, bis sie fand, wonach sie gesucht hatte.

Na, das kann ja nichts werden.

Sie schaute kurz auf den von kitschigen roten Herzen übersäten Bildschirm und drückte energisch auf die Eingabetaste – in der Hoffnung, das Ganze möglichst schnell hinter sich zu bringen. Ihre heutige To-do-Liste schien endlos: Angefangen mit der Jagd auf störrische Subunternehmer des Tennisturniers Australian Open, musste sie auch noch die Saison-Eröffnungsveranstaltung des Australischen Fußballverbands AFL im Stadion von Melbourne organisieren.

Sie liebte ihre Arbeit – sie managte Veranstaltungen – und hätte sich jetzt viel lieber die Fußballer des Australian Football angeschaut, als im Internet ihr Traum-Rendezvous zu finden. Aber sie musste es tun.

Sie hatte keine Wahl.

Als das erste Profil auf dem Bildschirm erschien, entspannte sie sich etwas. Nicht schlecht. Sympathisches Gesicht, sympathisches Lächeln, einfach … sympathisch. Dumm nur, dass ihr „sympathisch“ nicht genügte. „Gnadenlos gut aussehend“ war das, was sie suchte.

Ihre Finger klapperten über die Tastatur, während sie sich fünfundzwanzig Männer von Nahem betrachtete. Bald jedoch begann ihre Hoffnung zu schwinden. Kein „Wow-Effekt“, nicht ein einziger Kerl, der die Brautjungfern – ihre Freundinnen Linda, Carol und Mattie – nachhaltig beeindrucken würde. Jahrelang war sie auf den Hochzeiten ihrer Freunde allein erschienen, davon hatte sie jetzt endgültig genug. Auf jeder Hochzeit die einzige ungebundene Brautjungfer zu sein, stürzte sie regelmäßig in ein Gefühlschaos, und damit war jetzt Schluss.

Auch wenn ihre Freundinnen nie etwas sagten, ihre mitleidigen Blicke und ihre fieberhafte Suche nach einer für Eve passenden Begleitung unter den Hochzeitsgästen sprachen Bände. Schlimmer noch war das gelegentliche „ganz zufällige“ Vorstellen eines plötzlich aufgetauchten Großcousins …

Ebenso gut könnte sie sich für den ganzen Hochzeitsrummel die Worte „Verzweifelt auf der Suche“ auf die Stirn tätowieren lassen.

Aber dieses Mal war es anders. Mattie, die letzte ihrer Freundinnen, die sich anschickte, in den Hafen der Ehe einzulaufen, war überaus sensibel. Eve würde es sich ewig vorwerfen, wenn sie diesen besonderen Tag ihrer Freundin ruinierte, indem sie, wenn auch ungewollt, allein erschien.

Nur noch eine Hochzeit überstehen, eine letzte Anprobe des Brautkleids … Dieser Gedanke gab ihr neuen Schwung, und frisch gestärkt setzte sie ihre Suche fort. Als dann jedoch das fünfzigste nichtssagende Profil vor ihr auftauchte, war sie kurz davor aufzugeben.

Diese Typen hörten sich alle gleich an mit ihrem Wunsch nach einer „ausbaufähigen“ Freundschaft und ihrer Vorliebe für Strandspaziergänge und gemütliche Abendessen bei dem obligatorischen Glas guten Weins.

Sie suchte weder Freundschaften noch Beziehungen oder Ähnliches, nein danke! Sie war eine viel beschäftigte Geschäftsfrau auf der Suche nach einem Date – nicht mehr und nicht weniger. Da sie bei ihrer Arbeit ständig das Internet nutzte, sollte es doch ein Leichtes sein, hierüber ein Date zu finden, oder etwa nicht?

Ihre fünf vorangegangenen Rendezvous waren allesamt unerträglich langweilig gewesen. Nicht ein einziger Lichtblick am ganzen erbärmlichen Date-Horizont.

Dies war ihr letzter Versuch – mit der einzigen Partnervermittlung im Internet, die sie noch nicht kannte. Und im Moment waren ihre Erfolgsaussichten nicht gerade rosig.

Frustriert stieß sie sich vom Schreibtisch zurück, als plötzlich ein unscharfes Foto auf dem Monitor ihre Aufmerksamkeit erregte.

Sie klickte auf das Symbol. Ihr Atem ging schneller, als die Hälfte des Bildschirms ausgefüllt wurde mit strahlend blauen Augen, einem charismatischen Lächeln und einem kecken Grübchen, das dem ausdrucksvollen Gesicht jungenhaften Charme verlieh.

Sie hatte gnadenlos gut aussehend gesucht.

Und gefunden.

Es gab nur ein Problem: Bryce Gibson wusste genau, wie sexy er war. Schlimmer noch, er wusste, wie er auf Eve wirkte.

Bewusst ignorierte sie das wohlbekannte charmante Grübchen und überflog den Artikel.

„‚Frisch abgeworbener erfolgreicher Werbemanager kommt von Sydney nach Melbourne … möchte sich beweisen … nicht kleckern, sondern klotzen …‘, blablabla …“, murmelte sie vor sich hin, während ihr Blick zu seinem Foto zurückkehrte.

Nein, Bryce Gibson hatte sich kein bisschen verändert. Immer noch zu selbstbewusst, zu charismatisch, einfach zu … alles.

Sie hatte damals vorgetäuscht, gegen seinen umwerfenden Charme immun zu sein. Bis zu Tonys einundzwanzigstem Geburtstag – die Nacht, die alles verändert hatte.

Sie dachte an die Coming of Age Party ihres Bruders zurück – an die Nacht, in der auch sie erwachsen geworden war.

Diese Nacht hatte Eve zu dem gemacht, was sie heute war – mit neuem Aussehen, neuem Selbstbewusstsein und neuer Persönlichkeit.

Eigentlich sollte sie Bryce dankbar sein für sein Flirten und seine Neckereien. Zumindest sollte sie ihn wegen dem, was danach geschehen war, endgültig vergessen.

Wie auch immer, sie würde einiges dafür geben, dass dieser Aufschneider sie jetzt so sehen könnte …

Eve setzte sich aufrecht hin und zog ihre Hand hastig von der Maus weg.

Oh nein.

Keine gute Idee. Sogar eine sehr schlechte Idee.

Du brauchst ein Date. Ein Date mit dem sexiesten Mann der Welt.

Schon klar, aber wir sprechen hier von Bryce „Mr Supercool“ Gibson. Erinnerst du dich? Der Kerl, der seinen legendären Charme spielen ließ, bis mir die Schamesröte ins Gesicht stieg? Der ganz verrückt nach mir war, bis er mich endlich herumgekriegt hatte – und der mich dann eiskalt hat abblitzen lassen?

Das ist Vergangenheit. Heute könntest du ihm zeigen, wie weit du es gebracht hast. Wo ist dein Stolz geblieben?

Aber er wird denken, dass ich ihn sehen möchte, weil ich verzweifelt bin. Oder schlimmer noch, dass er mir noch immer gefällt. Im Übrigen habe ich diese Dating-Agentur nur aus beruflichem Interesse gewählt. Ohne Hintergedanken …

Dann mach Bryce doch einfach zu deinem Geschäftsinteresse …

Eve mahnte ihre innere Stimme zur Ruhe, schüttelte den Kopf und heftete ihren Blick auf Bryces Foto.

Er war genau ihr Typ: attraktiv, charmant, erfolgreich. Ein Mann, nach dem sich Frauen umdrehen. Mit ihm könnte sie ihren Freunden endlich beweisen, dass sie einen solchen Mann bekommen könnte – es aber aus Karrieregründen gar nicht wollte.

Eve trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. Sie wusste, sie hatte keine Wahl. Die Männer, die sie bis jetzt getroffen hatte, waren indiskutabel – während ihr perfektes Date ihr gerade vom Bildschirm aus in die Augen schaute.

Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen, als sie nach dem Telefon griff. Und sofort zog sie ihre Finger wieder zurück.

Sie konnte es einfach nicht.

Wie weit sie es auch gebracht hatte – sie konnte ihn nicht einfach anrufen und um ein Rendezvous bitten.

Es war zum Verrücktwerden.

Und je länger sie in seinen tiefblauen Augen versank und in der Erinnerung an seine sinnlichen Lippen schwelgte, umso mehr glaubte sie an Vorhersehung.

Sie hatten in jener unglaublichen Nacht etwas miteinander geteilt, das Eve in ihren kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten hätte. Und auch ohne Happy End gab ihr doch allein die Erinnerung daran einen guten Schuss Selbstbewusstsein.

Zu gerne würde sie ihm zeigen, wie weit sie es gebracht hatte … „Tja, Gibson, sieh nur, was dir entgangen ist.“

Aber es steckte mehr dahinter, und genau das war ihr Dilemma. Es wäre naiv zu glauben, sie sei nach acht Jahren immun gegen seinen Charme. Frauen wie sie kamen nie ganz über Männer wie ihn hinweg.

Sie trug Designerkleider, modische Frisuren und Killer-Highheels, organisierte souverän Veranstaltungen und hatte schon Buchungen für das kommende Jahr. Doch ein Gedanke verunsicherte sie zutiefst: Dass Bryce ihr, wie am Ende jener besagten Nacht, zuerst sehr nahe kommen, sich dann aber aus dem Staub machen könnte.

Regeln – sie brauchte Regeln. Klare Regeln, die deutlich machten: Leg dich bloß nicht mit mir an. Regeln, die ihr immer wieder wie eine schallende Ohrfeige bewusst machten, was er im Grunde genommen war: ein Lückenbüßer bei Hochzeitsfeiern.

Mit ihren sorgfältig manikürten Fingernägeln trommelte sie nachdenklich auf einem Stapel Dokumente herum. Eve fragte sich, ob es klug sei, aus dem Blauen heraus einen Mann anzurufen, der ihr einst sehr gefallen hatte, und ihn zu bitten, sie eine Zeit lang zu treffen.

Klug? Eher komplett irrsinnig. Aber als ihr Blick auf die sauber geordneten Unterlagen fiel und dann erneut zu Bryces Foto wanderte, wusste sie, dass sie es schaffen würde.

Als erfolgreiche Geschäftsfrau war sie daran gewöhnt, Prozesse und Arbeitsvorgänge x-mal durchzugehen. Und genau so würde der nächste Monat verlaufen. Es wäre nichts anderes als ein Prozess, um das zu bekommen, was sie wollte: Ansehen bei ihren Freunden und eine entspannte Hochzeit für Mattie.

Das würde sie ja wohl hinbekommen.

Den Bauch voller Schmetterlinge konzentrierte sie sich auf die Hochzeitseinladung, die sie spöttisch anzugrinsen schien. Ihre Hand zitterte, als sie zum Telefon griff.

Jetzt oder nie würde es sich zeigen: Ist Überflieger Bryce mit seinen hypnotisierenden Augen und dem faszinierenden Lächeln mit von der Partie?

„Tolle Aussicht, was?“

Bryce drehte sich vom Bürofenster weg und wandte sich seinem Kollegen Davin zu. Die Skyline von Melbourne war zwar großartig, aber doch sehr viel weniger glamourös als die unbezahlbare Aussicht auf den Hafen von Sydney, die er aufgegeben hatte, um in der Ballyhoo Werbeagentur neue Aufgaben zu übernehmen.

Kein Problem. Er konnte auf die Aussicht verzichten, wenn er sich die Fülle der Möglichkeiten vor Augen hielt, die sich vor ihm aufgetan hatte. Ballyhoo war ein großer Name in der Werbewelt, ein wahrhaft großer Name, und er konnte es kaum abwarten, die neue Herausforderung anzunehmen.

„Nicht schlecht. Aber ich werde wohl wenig Zeit finden, aus dem Fenster zu schauen – bei der ganzen Arbeit, die mich erwartet.“

Bryce zeigte auf einen Stapel Handbücher, den jemand von der Personalabteilung auf seinen Schreibtisch gelegt hatte. Im Geiste machte er sich eine Notiz, sie möglichst schnell durchzugehen. Er brauchte eine Starthilfe, musste den anderen einen Schritt voraus sein.

„Hast du dich schon mit Sol getroffen?“

Bryce schüttelte den Kopf und ließ sich in seinen ledernen Vorstandssessel sinken. „Er ist heute in Auckland, er will sich melden, wenn er zurück ist.“

„Gut.“

Davin stützte sich auf den Schreibtisch und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn dann aber wieder.

„Ist noch was?“

Sein Unbehagen nahm zu, als Davin begann, mit dem Stifthalter zu spielen und es dabei vermied, Bryce in die Augen zu sehen.

„Dir ist bewusst, dass wir die Top-Agentur in Melbourne sind, oder?“

Aber sicher wusste er das. Solomon Perlman, der Geschäftsführer von Ballyhoo, hatte lang und breit die Vorzüge der Agentur beschrieben, als er Bryce abgeworben hatte. Bryce war beeindruckt gewesen von der Unternehmensphilosophie, überwältigt von der Aussicht auf neue Herausforderungen, und Sol hatte sein Angebot mit einem Gehaltsvorschlag unterstrichen, der den Premierminister neidisch gemacht hätte.

Für ein so großes Unternehmen wie Ballyhoo zu arbeiten, war der definitive Karrierekick. Darauf hatte er in den letzten Jahren hingearbeitet. Und er verdiente es – nach allem, was er investiert hatte.

„Klar, Sol hat es ein paar Mal erwähnt. Worauf willst du hinaus?“

David wand sich leicht, während sein Gesichtsausdruck zwischen hinterhältig und schmeichlerisch wechselte. Sofort begannen Bryces Alarmglocken zu läuten.

„Wir sind die Nr. 1, weil Sol nur die besten Verträge akzeptiert. Darunter duldet er nichts.“

„Das ist mir nicht neu.“

„Es geht das Gerücht um, dass du den Laden aufmischen sollst. Sol kennt deine Kunden aus Sydney. Er will hier dieselben Resultate sehen – und zwar pronto.“

„Man braucht Monate, um in dieser Branche Kontakte aufzubauen. Sol weiß das.“

„Ich sage dir nur, wie es hier läuft. Sol erwartet Resultate, und Geduld ist nicht seine Stärke.“

„Und warum erzählst du mir das?“

Der gierige Glanz in Davins verschlagenen Knopfaugen verriet Bryce sehr genau, warum sich sein neuer Kollege so kumpelhaft gab.

„Wir spielen doch jetzt im selben Team.“

Mit anderen Worten: Bei lukrativen Geschäften würde sich Davin an Bryces Erfolg dranhängen. Bryce kannte diese Sorte Mitläufer aus Sydney, sie warteten nur darauf, im Windschatten eines Anführers mitzusegeln.

„Wo wir gerade vom Team sprechen, ein paar von uns gehen heute Abend einen trinken. Lust mitzukommen?“

Das Letzte, wonach Bryce jetzt der Sinn stand, war die Gesellschaft von Typen wie Davin. Aber er musste seine Kollegen näher kennenlernen und ein Gespür dafür bekommen, wie die Dinge hier liefen. Und der beste Weg dorthin führte eben über ein gemeinsames Bier.

„Gerne.“

„Wir gehen normalerweise gegen sechs zum ‚Elephant and Wheelbarrow‘ um die Ecke.“

„Kein Problem.“

„Bis später dann.“ Davin hob die Hand, als er aus dem Büro schlenderte, ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht.

Bryce hätte Davins Worte gerne als dummes Geschwätz abgetan. Aber es gelang ihm nicht. Ballyhoo war der Fixstern am Agenturhimmel, und er war frischgebackenes Vorstandsmitglied. Sol erwartete Resultate, und zwar schnell.

Was würde passieren, wenn Bryce seine Erwartungen enttäuschte?

Zweifel begannen sich anzuschleichen und ihn und sein hart erarbeitetes Selbstbewusstsein langsam zu lähmen.

Niederlagen waren noch nie seine Stärke gewesen.

Er drehte sich auf seinem Stuhl und starrte aus dem Fenster. Bryce spürte, wie sich ein tiefes Unbehagen in ihm breitmachte. Er hasste diese Zweifel, die er zwar seit vielen Jahren mit jedem erfolgreichen Geschäftsabschluss neu besiegte, die er aber offensichtlich nicht vollends bezwingen konnte.

Das Telefon klingelte. Bryce griff danach, sichtlich verärgert, dass er seine alten Dämonen nicht im Griff hatte, wo er doch gerade heute einen riesigen Schritt auf der Karriereleiter erklimmen wollte.

„Gibson.“

„Hallo Bryce, hier ist Eve Pemberton, die Schwester von Tony.“

Er begriff sofort. Er wusste, wer Eve Pemberton war. Aber was war mit ihrer Stimme geschehen? Als Teenager hatte sie nie so sanft geklungen. Andererseits war sie damals auch sehr wortkarg gewesen. Bis zu jener Nacht, die er gerne aus seiner Erinnerung gestrichen hätte.

„Hallo Eve, wie geht’s? Schon lange nichts mehr von dir gehört.“

„Mir geht es gut, danke.“

Sie machte eine Pause, die ihn sofort neugierig werden ließ. Was wollte die sanftmütige Eve von ihm, nach allem, was zwischen ihnen passiert war?

Als ob sie seine Gedanken gelesen hätte, fuhr sie fort: „Ich möchte dir ein geschäftliches Angebot machen. Können wir nach der Arbeit etwas zusammen trinken gehen?“

„Eigentlich bin ich sehr beschäftigt …“

Die Worte erstarben ihm auf den Lippen, als er ein leises Seufzen am anderen Ende der Leitung vernahm. Wüsste er es nicht besser, hätte er dabei Enttäuschung herausgehört. Aber warum? Abgesehen von Tony, den er seit dessen Umzug nach New York vor acht Jahren nicht mehr gesehen hatte, gab es keine Gemeinsamkeit zwischen ihnen.

„Streberin“ wurde sie damals hinter ihrem Rücken von den Kindern genannt. Genau deshalb hatte er sie angesprochen. Er kannte das Gefühl, Außenseiter zu sein, auch wenn er sein Möglichstes getan hatte, es zu verbergen.

„Dann vielleicht morgen?“

War zuvor das enttäuschte Seufzen kaum wahrnehmbar gewesen, lag nun hörbare Verzweiflung in ihrer wohlklingenden Stimme.

Die kühle, unnahbare Eve Pemberton verzweifelt? Unmöglich.

„Soso … ein geschäftliches Angebot also?“

Er senkte verführerisch die Stimme, als ginge er auf einen zweideutigen Vorschlag ein, und hätte beinahe laut aufgelacht, als sie tief Luft holte.

Eve war keine Frau zum Flirten. Er hatte es einmal versucht – mit bescheidenem Erfolg.

„Du bist neu in Melbourne. Du solltest mich in deinem eigenen Interesse treffen.“

Er wollte gerade eine Ausrede finden, als sie ihm zuraunte: „Und du wirst nicht enttäuscht werden.“

Bryce sprang so schnell vom Stuhl hoch, dass er sich sein Knie am Vorsprung des Schreibtischs anstieß. Leise fluchend starrte er auf das Telefon, als ob Eve ihn aus dem Hörer heraus ins Ohr gezwickt hätte.

Das war nicht die Eve, die er kannte. In ihrer weichen gehauchten Stimme lag ein geheimes Versprechen – wie in der Nacht von Tonys einundzwanzigstem Geburtstag, jener Nacht, die so vielversprechend begonnen und so unsäglich peinlich geendet hatte.

Kopfschüttelnd presste er den Hörer an sein Ohr und versuchte sich einzureden, dass nur reine Höflichkeit in Eves Stimme lag.

„Bryce?“

Mit einer blitzartigen Geschwindigkeit, für die er in der Werbewelt berühmt war, ging er seinen Terminkalender durch.

„Ich habe um sechs Uhr einen Termin. Können wir uns danach sehen?“

„Wie wäre es mit der Aria Bar im Langham Hotel? Gegen halb acht?“

„Kein Problem.“

„Großartig. Bis dann.“

„Wie erkenne ich dich?“

Es sollte ein Scherz sein, um das merkwürdige Telefongespräch leichtfüßig ausklingen zu lassen. Bryce fragte sich noch immer, ob er sich die Verzweiflung in Eves Stimme nur eingebildet hatte.

„Keine Angst. Ich bin sicher, Du erkennst mich sofort.“ Ihre Stimme klang verunsichert, als sie auflegte. Verwirrt starrte Bryce das Telefon an und tippte anschließend kopfschüttelnd die Daten in sein BlackBerry ein.

Eve Pemberton wollte ihm ein geschäftliches Angebot machen. Was in aller Welt konnte sie und ihn nach all den Jahren Geschäftliches verbinden?

Bis halb acht musste er seine brennende Ungeduld noch zügeln.

2. KAPITEL

Eve hatte gelogen.

Bryce hatte nicht nur Schwierigkeiten, die langbeinige Göttin wiederzuerkennen, die in die schicke Aria Bar hineinschwebte. Als sie selbstbewusst ihr schimmerndes dunkelbraunes Haar nach hinten warf, das sich wie ein seidener Vorhang um ihre Schultern legte, hätte er sie glatt für jemand anderen gehalten.

Die Eve, die er kannte, war alles andere als selbstbewusst gewesen. Die schlich herum mit hängenden Schultern, über einen Berg von Büchern gebeugt, und rückte bleistiftkauend ihre Brille zurecht, deren Gläser dick wie Bauklötze waren.

Diese Brille gab es nicht mehr. Und auch nicht die weiten Jeans, die bequemen T-Shirts und unförmigen Strickjacken – Eves damalige Uniform.

Unwillkürlich glitt sein Blick tiefer zu dem pflaumenfarbenen Kostüm und den dazu passenden zweifarbigen Schuhen. Ausnahmslos Designerstücke. Die Art von Kleidung, der man den Erfolg ansah – und die einen Körper zur Geltung brachte, den er sich in seinen wildesten Teenagerfantasien nicht vorzustellen gewagt hätte.

Eves Augen überflogen den Raum, als sich ihr Blick traf. Bryce lächelte und winkte sie zu sich herüber, erstaunt über ihr zustimmendes Lächeln. Es war echt. Warmherzig. Strahlend. Ein Lächeln, bei dem jeder Mann im Raum das Verlangen verspürte, sich umzudrehen und sie dabei zu beobachten, wie sie sich ihren Weg zwischen den Tischen hindurchbahnte.

„Bryce, wie schön, dich zu sehen!“

Sie streckte ihm die Hand entgegen. Und Bryce verspürte das ungewohnte Bedürfnis, sie zur Begrüßung zu küssen.

Sie waren sich nicht fremd … nicht nach den Vertraulichkeiten jener Nacht, in der er sich wie ein Mistkerl verhalten hatte. Der Gedanke daran war ihm immer noch hochnotpeinlich. Er lud Eve mit einer Geste ein, sich zu setzen.

„Das finde ich auch. Du siehst fantastisch aus.“

Eine Spur von Unsicherheit huschte über ihr Gesicht. „Erstaunlich, was die richtigen Kontakte und eine neue Garderobe aus einer Frau machen können, hm?“

Es war mehr als das, viel mehr. Sie strahlte eine innere Selbstbeherrschung aus, die nicht gespielt war, und ihre Sicherheit faszinierte ihn.

Was war passiert in den letzten acht Jahren, dass sich das schüchterne Mädchen von einst in eine kultivierte, elegante Frau verwandelt hatte, die offensichtlich keine Skrupel hatte, ihn anzurufen und ihm ein Treffen vorzuschlagen – nach all der Zeit und nach jener Nacht?

„Ich hätte dich überall wiedererkannt.“

Er lächelte, als er den Kellner rief – jenes Lächeln, mit dem er im Laufe der Jahre erfolgreich Kunden umworben und Frauen betört hatte. „Acht Jahre sind keine so lange Zeit.“

Sie zog die Augenbrauen hoch, als wolle sie ihn fragen, ob er sie auf den Arm nehmen wollte.

„Immer noch der alte Charmeur, wie ich sehe.“

Er lehnte sich nach vorn und sah ihr direkt in die tiefbraunen Augen.

„Und, habe ich Erfolg?“

Sie lachte ein weiches, liebliches Lachen, das ihn an den Abend der Party erinnerte, als sie auf sein witziges Geplänkel reagiert hatte, anstatt ihn wie sonst zu ignorieren.

„Ich bin nicht gekommen, um mich von deinem Charme einwickeln zu lassen. Obwohl er vielleicht von Nutzen sein könnte für das Geschäft, das ich dir vorschlagen möchte.“

„Geschäft?“

Wenn ihre neue Identität ihn nicht neugierig gemacht hatte, dann spätestens die Aussicht auf ein Geschäft. Nichts konnte er besser, als Geschäfte abzuschließen.

Das Erscheinen des Kellners unterbrach ihr Gespräch. Bryce lehnte sich zurück, einen Arm über der Stuhllehne, und beobachtete belustigt, wie der junge Kellner rot anlief, als Eve lässig lächelnd und mit zurückgeworfenem Haar Mineralwasser mit Zitrone bestellte.

Er hatte eine unnahbare und durchschnittlich gekleidete Eve erwartet, nicht diese … Wahnsinnsfrau!

„Gut. Wo waren wir stehen geblieben?“

Sie wandte sich ihm wieder zu, ihre Augen leuchteten. Für eine Sekunde vergaß er ihren unerwarteten Anruf, vergaß das spannende Geschäft, vergaß das peinliche Finale auf Tonys Party und fragte sich, wie es wohl wäre, hier und jetzt ein Rendezvous mit ihr zu haben.

„Du wolltest mir ein Geschäft vorschlagen.“

„Ach ja, genau, das Geschäft.“

Bryce trank einen Schluck Kaffee und versuchte, ihr geheimnisvolles Lächeln und das faszinierende Glitzern in ihren Augen zu übersehen.

Er war Experte in der Deutung nonverbaler Körpersignale – eine Fähigkeit, mit der er seit seiner frühen Jugend andere Defizite ausgeglichen hatte. Und wenn er sich nicht täuschte, war dieses Treffen nicht nur rein geschäftlich …

Von wegen. Sie wiederzusehen, sie so wiederzusehen, hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht. Und sein Verstand, der an kreative Höhenflüge bei Wettbewerbspräsentationen gewöhnt war, hegte urplötzlich ganz andere Fantasien.

„Es ist eigentlich sehr einfach.“

Ihr Lächeln verschwand, als sie ihn kühl und sachlich ansah.

„Ich möchte dir einen Vorschlag machen. Einen, von dem ich glaube, dass du ihn annehmen möchtest.“

„Ich bin ganz Ohr.“

Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte sie unsicher, als sie mit der Serviette spielte, sie dann auf den Tisch warf und sich zurücklehnte, die Hände im Schoß.

„Ich habe gehört, du bist neu in der Stadt und arbeitest für eine Top-Werbeagentur?“

Er nickte ungeduldig. Je schneller sie dieses Geschäft abwickelten, desto eher konnten sie sich interessanteren Themen zuwenden. Etwa, was Eve mit wem in den vergangenen acht Jahren gemacht hatte und ob diese Menschen immer noch von Bedeutung für sie waren …

„Ballyhoo. Der Geschäftsführer hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ausschlagen konnte.“

„Gratuliere. In dem Artikel stand, dass du ständig hinter lukrativen Geschäftsabschlüssen her bist. Stimmt das?“

„So läuft das in der Werbewelt.“

Darum hatte er diese Branche gewählt und arbeitete hart daran, der Beste zu sein. Er liebte es, für etwas zu kämpfen und sich immer und immer wieder zu beweisen.

„Gut. Dann würde es dich doch bestimmt interessieren, ein paar der wichtigsten Geschäftsleute von Melbourne persönlich kennenzulernen?“

„Das wäre großartig.“

Und wo ist der Haken? Eves Anruf aus heiterem Himmel war zu schön gewesen, um wahr zu sein.

„Ich erwarte nur eine einzige Gegenleistung.“

„Und die wäre?“

Eve machte eine Pause und spielte an ihrer Unterlippe, eine seltsam erotische Bewegung, die den Glanz und die neckische Wölbung ihrer vollen Lippen zur Geltung brachte. Er erinnerte sich daran zurück, wie er sie beinahe geküsst hätte in jener längst vergangenen Nacht …

„Ich möchte, dass du einen Monat lang mein Date spielst.“

3. KAPITEL

Bryces Augen weiteten sich, und er öffnete leicht den Mund. Eve konnte es ihm nicht verdenken. Es geschah wohl nicht jeden Tag, dass ein weibliches Wesen auf der verzweifelten Suche nach einem Date ihr Ansinnen in ein angebliches Geschäftsessen verpackte.

Doch er fasste sich schnell wieder. Typisch. Nichts hatte den jungen Bryce aus der Ruhe bringen können – den Jungen, der sorglos in der Schule herumstolziert war, als sei es ihm vollkommen egal gewesen, was man von ihm dachte.

Er hatte sich gegenüber Schülern und Lehrern gleichermaßen behauptet, war bekannt für seine Späße und verwies Menschen in Sekundenschnelle auf ihren Platz. Genau aus diesen Gründen hatte Eve ihn gemieden. Ihr mangelndes Selbstbewusstsein brauchte keinen großspurigen Besserwisser, der sie scharfzüngig anging.

Nicht, dass es jemals dazu gekommen wäre. Selten hatte sich Bryce dazu herabgelassen, mit ihr zu reden. Und dann war es nur Small Talk – begleitet von einem hinreißenden Lächeln und einem Glitzern in seinen umwerfend blauen Augen. Das passierte aber nur, wenn er zu ihnen nach Hause kam. In der Schule war er ihr ein Jahr voraus und viel zu cool, um ein Mauerblümchen wie sie überhaupt zu beachten.

Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie angefangen hatte, ihn anzuhimmeln. Als Teenager? Später? Aber irgendwann zwischen dem Tag, als Tony ihn zum Skateboarden mit nach Hause gebracht hatte, und dem Ende der High School hatte sie begonnen, sich auf ihre kurzen Begegnungen zu freuen – auch wenn sie bei jeder Plauderei immer noch gehemmt und schüchtern war.

Je häufiger Bryce sie damals beachtete, desto unnahbarer wurde sie. Er durfte auf keinen Fall merken, wie angreifbar sie in ihrem chaotischen Inneren war und wie sehr er ihr gefiel. Abgesehen davon: Was sollte ein unauffällig gekleideter, Brille tragender Bücherwurm wie sie jemals etwas anderes für ihn sein als die Schwester seines besten Freundes?

Mit Tonys einundzwanzigstem Geburtstag kam ein Wendepunkt: Sie unternahm den ersten zaghaften Schritt, ihre Weiblichkeit zu zeigen. Und was gab es Passenderes, als ihren ganzen Mut zusammenzunehmen und ihn an dem Jungen auszuprobieren, den sie insgeheim seit Jahren anhimmelte?

Als Bryce sie auf der Party aus reiner Höflichkeit angesprochen hatte, antwortete sie ihm ebenso höflich und war fassungslos, als er ihr nicht sein Glas in die Hand gedrückt hatte, um mit einer hübschen Blondine in jedem Arm auf die Tanzfläche zu verschwinden.

Stattdessen unterhielt er sich mit ihr, flirtete und trieb ihre Teenagerschwärmerei so auf die Spitze, dass ein Kuss unvermeidlich wurde.

Fast unvermeidlich. Das war ein großer Unterschied – und noch etwas, das sie im Rückblick auf jene Nacht bedauerte.

Heute blieb Eve keine Zeit mehr zum Bedauern, und das hatte ihren Auftritt vor zehn Minuten nur noch spektakulärer gemacht – als sie bemerkte, wie Bryce bei ihrem Anblick fast vom Stuhl fiel.

„Du möchtest mich daten?“

Wie spöttisch seine Frage klang. Ihre zaghafte Entschlossenheit war dahin. Sie griff nach ihrer Tasche und wollte nur noch eins: weglaufen. Doch dann spürte sie durch das Leder die kartonierte Hochzeitseinladung und wurde unmissverständlich daran erinnert, warum sie hier war und sich gerade derart erniedrigte.

Nur einen Monat. Einen Monat der Hochzeitsfeierlichkeiten, bevor sie sich wieder auf das konzentrieren konnte, was sie am besten machte: arbeiten.

„Nein, ich möchte dich nicht daten. Ich möchte, dass du mein Date spielst. Das ist etwas völlig anderes.“

Sie zwang sich zu entspannen. „Meine letzte unverheiratete Freundin heiratet, und ich brauche eine Begleitung für die Hochzeit.“

Bryce lächelte breit. „Hört sich einfach an. Ich fühle mich geschmeichelt …“

„Mach dir keine falschen Hoffnungen. Es ist rein geschäftlich. Du begleitest mich zu einigen Veranstaltungen, und im Gegenzug führe ich dich in die Chefetagen der Melbourner Geschäftswelt ein. Das ist alles.“

Es musste so sein. Sie war nicht so naiv zu glauben, dass dieses sexy Grübchen-Lächeln mehr war als einstudierter Charme oder dass das anerkennende Leuchten in seinen kobaltblauen Augen ihr – und ihr allein – galt.

Bryce Gibson war faszinierend, war es immer gewesen, und Mädchen waren seinetwegen beinahe reihenweise in Ohnmacht gefallen. War er schon als Junge umwerfend gewesen, so war das nichts im Vergleich zu dem Prachtexemplar, das nun vor ihr stand.

Er war ein Bild von einem Mann, von seinen schelmisch blitzenden Augen bis hin zu den Lippen, die zum Küssen geradezu einluden, von seinen breiten Schultern bis hin zu seinen langen, schmalen Fingern, die sanft über die Kaffeetasse strichen.

Eve hatte gnadenlos gut aussehend gesucht, um ihren Brautmädels zu imponieren. Die Suche war erfolgreich verlaufen, und Bryce würde halten, was er versprach. Solange sie nicht auf verrückte Ideen kam – etwa, wie viel Spaß es machen würde, ein echtes Rendezvous mit ihm zu haben.

Normalerweise ging sie nicht mit Männern aus. Sie fand diesen Vorgang ermüdend bis peinlich. Viele Männer ließen sich von Eves Erfolg einschüchtern oder versuchten, über sie an die Filmsternchen zu kommen, die sie vermittelte. Sie hatte drei kurze Beziehungen gehabt – wenn man Beziehungen von zwei Monaten überhaupt als solche bezeichnen kann. Beim ersten Anzeichen, dass eine Beziehung ernst werden könnte, war sie davongelaufen. Nicht aus Angst vor einer Bindung, nein, sie hatte schlichtweg nie den Richtigen gefunden.

Doch mit Matties Hochzeit hatte sich etwas verändert. Eve war nun die letzte ungebundene Freundin, und bei Eve schlich sich langsam aber sicher das Gefühl ein, etwas zu verpassen. Erfolgreicher Single zu sein, war vielleicht doch nicht alles im Leben.

Bryce nippte an seinem Kaffee – absichtlich lange, gemächliche Züge, die Eves Anspannung ins Unermessliche steigerten. Sie rutschte unruhig hin und her und begann sich zu fragen, ob sie nicht doch beim Internet-Dating hätte bleiben sollen.

Nach einer kleinen Ewigkeit stellte Bryce die Tasse auf den Tisch, lehnte sich zurück und legte seinen Arm mit einer Lässigkeit über die Stuhllehne, als ob es das Normalste der Welt wäre, unsittliche Anträge von verrückten Eventmanagerinnen zu bekommen.

„Erzähl mir mehr über diese Geschäftskontakte.“

Damit konnte sie umgehen: harte, nüchterne Fakten. Fakten, um Bryce zu beeindrucken und zu umwerben – denn sie hatte keinen Zweifel daran, dass dieser knallharte Businessmann sofort die Gelegenheit ergreifen würde, die von ihr ausgewählten Leute zu treffen.

„Ist dir Hot Pursuit ein Begriff?“

„Größtes Sportunternehmen Australiens.“

„Genau.“

Sie legte eine völlig überflüssige Kunstpause ein – jeder, der in der Werbung arbeitete und sein Geld wert war, würde sofort die Gelegenheit beim Schopfe packen, AJ kennenzulernen.

„Ich kenne Angus Kilbride ziemlich gut. Er ist der Bräutigam. Ich vermute mal, eine kurze Vorstellung beim Probeessen, Glückwünsche bei der Hochzeit, ein, zwei Bier auf der Grillparty nach der Hochzeit und eine Partie Poker bei der Videovorführung wird die Sache schon ins Rollen bringen.“

Sie schnippte mit den Fingern und warf einen neuen Köder aus.

„Meine Freundin Linda ist verheiratet mit Anton Schultz aus der deutschen Juwelierdynastie Anton, und der Mann einer anderen Freundin ist Duane Boag, Chef von Australiens größter Kette von Immobilienmaklern.“

Es hätte sie nicht verwundert, Dollarzeichen in Bryces Augen aufleuchten zu sehen. Aber er sah nicht nur blendend aus, er besaß auch Anstand und beobachtete sie genau, als wollte er ihre wahren Motive aufdecken. Eve sah schnell weg.

„Beeindruckende Kontakte.“

Er machte eine wegwerfende Geste, zuckte die Schultern – und Eves Hoffnungen auf ein Traum-Date waren mit einem Schlag dahin.

„Ganz ehrlich: Ich könnte Kontakte dieses Formats gut vertragen.“

„Aber?“

Sein prüfender Blick schien zu fragen und Antworten zu suchen, die sie nicht bereit war zu geben.

„Ich bin erstaunt, dass du mich ausgewählt hast. Eine Frau wie du kann jedes erdenkliche Rendezvous haben. Warum ausgerechnet ich?“

Vor allem nach dem Ausgang von Tonys Party! Unausgesprochenes lag in der Luft, und es war, als ob er sie aufforderte, die Angelegenheit zur Sprache zu bringen. Und das würde sie, wenn er sich auf den Deal einließe. Wenn nicht, würde sie ihre Erinnerungen in den dunklen Keller ihres Bewusstseins zurücksperren – dorthin, wo sie als Antrieb für ihr neues Leben lagerten.

Innerlich erregt, dass er ihr tatsächlich zutraute, jeden Mann bekommen zu können, zuckte sie mit den Schultern.

„Glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass es Schicksal war?“

Er zog die Augenbrauen hoch, und sein Mund zuckte leicht. „Nein.“

„Doch. Ich war gerade online, als ich auf einen Artikel über dich stieß. Darin stand, dass du neu in der Stadt bist …“

Sie verstummte in der Hoffnung, er würde ihr die kleine Notlüge abnehmen. Doch das wissende Funkeln in seinen Augen zeigte ihr, dass dies nicht der Fall war.

„Du hast Mitleid mit mir. Okay, ich habe verstanden.“

Der Anflug von Bitterkeit in seiner Stimme verwirrte sie. Noch bevor sie seinen plötzlichen Stimmungswandel durchschauen konnte, begann er leise zu lachen. „Aber ich bin auch neugierig, und vor allem könnte ich ein paar neue Kontakte gut gebrauchen. Ich glaube, du hast gewonnen.“

„Großartig!“

Hätte sie sich noch mehr Blöße geben können? Eine Sache war es, dankbar zu sein, dass er auf ihren Handel einging. Deshalb musste sie aber nicht gleich triumphierend vom Stuhl aufspringen.

„Ich verstehe aber immer noch nicht, warum du mich ausgesucht hast.“

Sie hatte so gehofft, er würde nicht mehr nachfragen. Nun musste sie ihm wenigstens einen Bruchteil der Wahrheit erzählen.

„Ich bin eine viel beschäftigte Geschäftsfrau. Ich leite meine eigene Agentur für Veranstaltungsmanagement und bin Tag und Nacht unterwegs.“

Sie trank einen Schluck. „Meine wenige Freizeit verbringe ich zu Hause. Im Grunde bleibt mir keine Zeit, mich zu verabreden.“

Oder Interesse vorzutäuschen für aufgeblasenes Geschwafel oder die unvermeidlichen Aufdringlichkeiten nach einem Drink abzuwehren, die die meisten Typen für selbstverständlich hielten.

Plötzlich schoss ihr ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf, und sie hätte beinahe laut aufgestöhnt.

„Es tut mir leid. Ich habe dich gar nicht gefragt, ob du liiert bist.“

Wie konnte sie nur so dumm sein? Sie war so in ihren Plan vertieft gewesen, Bryce als perfektes Dating-Opfer einzufangen, dass sie den wichtigsten Punkt übersehen hatte: seine Verfügbarkeit.

Als Antwort wedelte er mit seiner ringlosen linken Hand vor ihr herum.

„Keine Beziehung. Keine Frau, keine Freundin.“

Dann bat er sie mit einer Geste, ein wenig nach vorne zu rücken, und schob seinen Stuhl viel näher an sie heran, als ihr lieb war.

Von Nahem erkannte sie die meergrünen Sprenkel in seinen Augen, seinen Dreitagebart und das sexy Grübchen auf der rechten Wange.

Sie hatte schon immer eine Schwäche für Grübchen gehabt. Jetzt hätte sie seines am liebsten berührt. Nachgezogen. Ihre Fingerspitze hineingelegt …

„Ganz im Vertrauen: Ich hätte mich nicht auf ein Treffen mit dir eingelassen, wenn ich liiert wäre. Was traust du mir denn zu?“

Sein spitzbübischer Charme wurde von seinem verschwörerischen Augenzwinkern leider noch verstärkt. Eve rang nach Luft, um ihrer Verwirrung Herr zu werden. Zudem wurde sie von dem Duft von Zitronen und frisch gebrühtem Kaffee umhüllt – betörende Wohlgerüche, die sie wünschen ließen, Bryce an sich zu ziehen und ihren Kopf an seine Brust zu drücken.

„Was ich dir zutraue? Wenn ich es mir genau überlege – kein Kommentar.“

Lachend lehnte er sich zurück und beendete den Moment innigen Zaubers. Eve biss sich auf die Lippen, um nicht im selben Atemzug ihre alberne Geschäftsvereinbarung zu brechen.

„Wie geht es Tony? Ich habe seit Jahren nichts mehr von ihm gehört.“

„Gut geht es ihm. Er erobert die Wall Street im Sturm.“

„Arbeitet er immer noch im Investmentbanking?“

Sie nickte und wünschte sich, der einzige verbleibende Teil ihrer Familie würde nicht am anderen Ende der Welt leben.

„Ja, er war seit Jahren nicht in Australien. Ich bin überrascht, dass ihr keinen Kontakt mehr habt.“

„Wir Männer sind nicht sehr gut in Kontaktpflege. Nach der High School haben wir uns in unterschiedlichen Kreisen bewegt.“

Aber er war auf Tonys einundzwanzigstem Geburtstag gewesen, also hatten sie sich nicht völlig aus den Augen verloren.

Diese Nacht würde sie nie vergessen. Sie hatte sich so unwohl gefühlt. Wie linkisch und unbeholfen sie sich in ihrem neuen Kleid bewegt hatte – dem einzigen Kleid, das sie besaß – aus leuchtend blauem Taft, das bei jeder Bewegung eigenartig knisterte. Bryce dagegen war auf die Party gekommen mit einem großspurigen „Was-kostet-die-Welt“-Grinsen.

Und so ging es auch weiter. Er war Mittelpunkt der Party gewesen, hatte sich bestens unterhalten und gelacht, während sie sich versteckt hielt, beseelt von dem Wunsch, jemand wie er möge ein Mädchen wie sie bemerken.

Durch eine unerklärliche Kraft ging ihr Wunsch kurz darauf in Erfüllung. Bryce sah sie am Ende des Saals, als sie sich auf den Balkon des angesagten Albert Park Clubs zubewegte, den Tony für die Party gemietet hatte. Und er folgte ihr.

Die nächste Stunde unterhielten sie sich, lachten, neckten sich, und sie erblühte unter seiner Aufmerksamkeit. Noch nie hatte sie sich so gefühlt, und sie war fassungslos, dass einige wenige Veränderungen in ihrem Aussehen – Kontaktlinsen, ein neues Kleid, Lippenstift, hochhackige Schuhe – ihr die Macht gaben, mit jemandem wie Bryce zu flirten.

Selbst nach allem, was danach passiert war, hatte sie dieses neue Gefühl nie vergessen und war zum Äußersten entschlossen, es wieder aufleben zu lassen. Das gelang ihr, indem sie sich nach jener Nacht neu erfand und nie mehr zurückblickte.

Und zurückblicken würde sie auch jetzt nicht. Nicht mit Bryce, der sie so intensiv betrachtete, sein Grübchen nur eine Lippenberührung entfernt.

„Das letzte Mal habe ich Tony an seinem einundzwanzigsten Geburtstag gesehen.“ Sein Blick glitt über ihr Kostüm … Gänsehaut. „Dich auch, erinnerst du dich?“

Oh ja, sie erinnerte sich an jede Einzelheit. Von seiner verwaschenen Jeans bis hin zu der hellbraunen Bomberjacke, die er ihr um die Schultern gelegt hatte, weil sie so zitterte – dies allerdings mehr wegen seiner Nähe als wegen der Kälte.

Sie erinnerte sich daran, wie er ihr ein Glas Champagner gereicht hatte und an das Gefühl, als er ihre Finger streifte, und daran, wie ihr ein wenig schwindelig wurde – dies jedoch nicht wegen des perlenden Getränks, das ihre Kehle hinunterrann.

Sie erinnerte sich daran, wie sie am Balkongeländer gelehnt und die atemberaubende Aussicht auf Melbournes Skyline bewundert hatte, während die Lichter sich in der schimmernden Oberfläche des Sees von Albert Park spiegelten; wie Bryce dicht hinter ihr stand, sie herumdrehte und …

Eve blinzelte in dem verzweifelten Versuch, die Erinnerungen an das auszulöschen, was danach passiert war.

Bryce hob sanft ihren Kopf. Wie sinnlich er dabei lächelte …

„Wir müssen darüber reden, was in jener Nacht passiert ist.“

Eve konnte sich weder bewegen noch wegsehen, gefangen in der Hitze seines glutvollen Blicks, während ihre Haut unter der Berührung seiner Fingerspitzen verräterisch prickelte.

Das war nicht gut, diese … diese … Empfindungen. Wie konnte sie ihr Vorhaben rein platonisch halten, wenn sie sich jetzt schon verhielt wie ein unsterblich verliebtes Schulmädchen, sobald Bryce seinen Charme versprühte?

Und das würde er weiterhin tun, das war gewiss. Charme schien Bryce angeboren zu sein und hatte bei ihm rein gar nichts zu bedeuten. Eve hatte mitbekommen, wie er ihn als Teenager bewusst eingesetzt hatte: Die Mädchen hatten beim Anblick des vorbeistolzierenden Bryce weiche Knie bekommen.

Nicht mit ihr, ausgeschlossen!

Sie war schlau genug gewesen, ihre Gefühle hinter einer kühlen Fassade zu verbergen, doch das hatte Bryce auch nicht abgehalten. Sie, die intelligente Überfliegerin, konnte sich ihre anomale Reaktion auf den Kerl mit dem frechen Mundwerk und dem entwaffnenden Grübchen nicht erklären. Bis es ihr klar wurde: Es gab nicht für alles eine logische Erklärung – und ihre Reaktion auf Bryce war instinktives, emotionales Bauchgefühl.

Mein Gott, bitte nicht. Nicht schon wieder.

Sie lachte gezwungen und schaute auf ihre Uhr. „So gerne ich noch bleiben und über alte Zeiten plaudern würde – aber ich habe noch viel Arbeit.“

„Gut“, entgegnete er langsam und machte dabei unmissverständlich deutlich, dass er ihr die Ausrede nicht abnahm. „Wie wäre es, wenn wir uns noch einmal treffen, um anzuknüpfen?“

„Anzuknüpfen?“

Dummerweise bemerkte er ihre Nervosität, und sein Lächeln wurde noch ein bisschen breiter und ein bisschen frecher.

„Wenn deine Freunde uns glauben sollen, müssen wir uns vor der ersten Veranstaltung zusammensetzen und einige Dinge besprechen, oder etwa nicht? Verliebt spielen und das alles?“

Verliebt spielen und das alles …

Zum Kuckuck, in was war sie da hineingeraten?

Ihr entsetzter Gesichtsausdruck zeigte Bryce offenbar, wie beklommen sie sich fühlte. Jedenfalls lachte er und drückte ihre Hand. „Keine Angst, das war ein Scherz. Aber trotzdem müssen wir reden. Man wird uns fragen, wo wir uns kennengelernt haben, ob es Liebe auf den ersten Blick war, das ganze Drumherum.“

„Du hast recht.“

„Kann ich dich anrufen? Ich stecke im Moment bis zum Hals in Arbeit mit einigen Veranstaltungen.“

„Kein Problem.“

Er half ihr aufzustehen, eine harmlose Berührung, doch sie hatte das Gefühl, in Flammen zu stehen. In diesem Moment wusste sie, dass es für ihn einfach war, so etwas zu sagen.

Tatsächlich – kein Problem.

4. KAPITEL

Bryce versuchte, sich auf Sols langatmige Exkursionen über Gewinnspannen zu konzentrieren. Doch seine Gedanken schweiften unentwegt ab zu seinem Treffen mit Eve.

Er hatte unzählige Male darüber nachgedacht, hatte jede ihrer Bemerkungen noch einmal durchgespielt, und er verstand es immer noch nicht. Natürlich sah er ein, dass sie keine Zeit für Verabredungen hatte und ihre Abmachung rein geschäftlich bleiben sollte. Aber genau das verwirrte ihn. Wenn sie von Berufs wegen viel unter Leute kam und jede Menge platonische Beziehungen zu Männern unterhielt – warum hatte sie dann nicht einen von denen gefragt?

Warum ausgerechnet ihn? Bryce ahnte, dass mehr dahintersteckte – und er musste um jeden Preis herausfinden, was es war.

„Bryce? Wie weit bist du mit neuen Kunden?“

Er gab sich einen Ruck, wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Meeting zu und schob einige sorgfältig erstellte Listen in seine Mappe zurück. Seine Kollegen in Sydney hatten ihn den „Listenkönig“ genannt. Er hatte schon immer so gearbeitet. Listen halfen ihm, sich zu organisieren, zu konzentrieren und Prioritäten zu setzen. So blieb er an der Spitze – und genau das wollte er.

„Ich habe eine Liste von Kontakten erstellt und verfolge sie gerade weiter.“

Sols wache Augen verengten sich. „Wer?“

„Angus Kilbride, Anton Schultz, Duane Boag. Für den Anfang.“

„Beeindruckend.“

Sol rieb sich das Kinn, bevor sein stechender Blick auf Davin fiel. „Kursiert nicht das Gerücht, dass der Vertrag mit Hot Pursuit bald wieder zu haben ist?“

Davins Kopf wippte so wild hin und her, dass man es mit der Angst zu tun bekommen konnte. „Kein Gerücht, sondern Tatsache. Einer der Hauptakteure ihrer letzten Kampagne hat gekündigt und war sehr großzügig mit Informationen.“

Ein Adrenalinstoß durchfuhr Bryce. Herrje, war er froh, Eves Handel zugestimmt zu haben. Er würde inoffiziell Angus vorgestellt werden und könnte sich dann mit seinem Insiderwissen den lukrativen Vertrag sichern.

„Gut.“ Sols Blick schwenkte zurück zu ihm. „Wenn Kilbride auf deiner Abschussliste steht, dann sichere dir den Hot-Pursuit-Vertrag.“

„Alles klar.“

Und das würde er. Er konnte es sich nicht leisten zu versagen – nicht hier, nicht jetzt, niemals.

Mit stahlhartem Blick musterte ihn Sol von Kopf bis Fuß, bevor er sich mit einer Geste an den Rest der Konferenzteilnehmer wandte. „Was die anderen betrifft, will ich bis nächste Woche Resultate sehen.“

Seinen Worten verlieh er Nachdruck, indem er kräftig mit der Faust auf den Tisch schlug. Bryce musste sich ein Lachen verkneifen. Er kannte die theatralische Werbebranche, hatte mit den Besten gearbeitet und schon einige ehrgeizige Aufsteiger erlebt, die versucht hatten, sich wichtige Kampagnen zu sichern.

Persönlich ließ er lieber seine Arbeit für sich sprechen. Er zweifelte nie an seinen unaufhörlich sprudelnden kreativen Ideen und dankte einer höheren Macht jeden einzelnen Tag dafür.

„Ich will, dass jeder von euch heute in einer Woche einen neuen Kunden bringt. Bryce, du hast einen Monat, weil du neu bist und große Pläne hast. Das ist alles. An die Arbeit, Leute.“

Einen Monat? In Sydney hatte er nach vierzehn Tagen fettere Fische an der Angel gehabt. Aber vielleicht tickten die Uhren in Melbourne anders? Vielleicht war es hier schwieriger, in einem Netzwerk mitzumischen. Genau an diesem Punkt würde Eve ins Spiel kommen. Bei dem Gedanken, ihr Date zu spielen, wurde ihm plötzlich warm. Händchenhalten, Kuscheln, ein paar Küsse, um die Fassade aufrechtzuerhalten …

„Glaubst du wirklich, du kannst Hot Pursuit an Land ziehen?“

Bryce schob Dokumente in seinen Ordner und nickte Davin flüchtig zu.

„Sonst hätte ich es nicht gesagt.“

„Wenn du Hilfe brauchst, kannst du auf mich zählen.“ Davins Augen funkelten berechnend.

Der Tag, an dem er diesen Kriecher um Hilfe bitten würde, wäre ein Tag der kompletten Niederlage – nie.

„Werde ich mir merken.“

Er blickte demonstrativ auf seine Uhr, packte seine Sachen, winkte Davin lässig zu und ging zur Tür. Jetzt, wo das Meeting in trockenen Tüchern war, stand ihm noch ein anderes Treffen bevor. Eines, das sehr viel mehr Spaß versprach.

Eve hob den Deckel ab und atmete tief das köstliche Aroma der nach Zimt duftenden marokkanischen Lamm-Tajine ein.

Sie hätte sich nicht so viel Arbeit machen sollen. Aber sie war nervös – und wenn sie nervös war, kochte sie. Andere Leute gingen ins Fitnessstudio, machten lange Spaziergänge oder meditierten. Sie kochte.

Sie hatte während ihrer gesamten Schulzeit in der High School gekocht.

Sie hatte gekocht, als ihr Vater starb. Da war sie achtzehn.

Und sie hatte ein wahres Festessen gekocht, weil Bryce sich für heute Abend angekündigt hatte.

Kochen war Entspannungstherapie für sie. Doch als ihr Blick auf das Couscous mit marinierter Zitrone, den orientalischen gerösteten Gemüsereis und die mediterranen Päckchen aus gegrillter Aubergine, Zucchini und Tomaten fiel, musste sie zugeben, dass ihre kulinarischen Kunstwerke weniger mit Entspannung als vielmehr mit einer Menge Stress zu tun hatten.

Sie trank einen großen Schluck aus ihrem Weinglas, zu aufgeregt, um den wundervollen Clare Valley Shiraz wirklich genießen zu können.

Noch eine einzige klitzekleine Hochzeit, bevor endlich auch die letzte Brautjungfer unter der Haube war und sie aufhören konnte, diese vermaledeite „Ich bin cool, erfolgreich und glücklicher Single“-Fassade vorzuspielen.

Die meiste Zeit über war sie zufrieden mit ihrem Singledasein. Aber mit dieser Hochzeit stimmte etwas nicht. Vielleicht war es die Tatsache, dass nun auch Mattie den anderen Freundinnen in die eheliche Spießigkeit folgte – und das tat weh.

Diese leichte Herablassung, die ach so glücklichen Ehefrauen automatisch an den Tag legten, war nicht beabsichtigt – die Mädels würden ihr das niemals antun –, aber es zermürbte sie, davon umgeben zu sein. Ständige Berührungen, Augenkontakt und Insiderwitze waren etwas Zauberhaftes – wenn man „dazugehörte“.

Sie ging gern mit ihren besten Freundinnen und deren Männern aus. Doch als einziger Single fühlte sie sich die meiste Zeit wie das fünfte Rad am Wagen. Und wenn sie ehrlich war, machte sie das unglücklich.

Sie konnte sich nur auf sich selbst verlassen. Das hatte ihr das Leben gezeigt. Ihre Arbeit, ihr Zuhause waren beständig und zuverlässig, und das fand sie herrlich.

Es klopfte an der Tür. Hastig trank Eve den Rest ihres Shiraz aus. Sie betrachtete sich ein letztes Mal in der reflektierenden Ofentür, strich ihr perlenbesticktes Lieblingstop glatt und lief betont langsam den Flur entlang. Dabei musste sie gegen das Bedürfnis ankämpfen, auf dem Absatz kehrtzumachen und wegzurennen.

Nachdem sie noch einmal tief Luft geholt hatte, öffnete sie die Tür und schenkte Bryce das gewinnende Lächeln, das sie vor der Eröffnung von Soirée – ihrer Agentur – wochenlang geübt hatte. Dem Blick nach zu urteilen, mit dem Bryce sie anstarrte, als wäre sie ein göttliches Wesen, hatte sich die Mühe gelohnt.

„Die sind für dich.“

Mit diesen Worten hielt Bryce ihr einen Strauß wunderschöner Gerbera in Orange, Butterblumengelb und Granatapfelrot hin. Nicht die ewiggleichen Nelken oder klischeehaften Rosen … Kompliment – wenn es darum ging, eine Frau zu beeindrucken, zog er alle Register.

„Danke, das war doch nicht nötig.“

Mit einem verschwörerischen Wink trat er über die Türschwelle. „Aber natürlich. Ich trainiere schon mal für meine Rolle als dein Begleiter.“

Enttäuschung machte sich in ihr breit, doch sie gab sich einen Ruck. Sie wollte doch, dass er alles richtig machte, warum hatte sie dann einen irrationalen Moment lang gehofft, er hätte ihr die Blumen aus tieferen Beweggründen mitgebracht?

„Gute Idee. Komm doch herein.“

Als sie durch den Flur voranging, bedauerte sie ihre brüske Antwort. Wo blieb nur ihre gute Kinderstube?

„Es riecht fantastisch.“

„Hoffentlich hast du viel Hunger mitgebracht“, erwiderte sie und lächelte über die versteckte Anspielung.

Mit der Menge an Essen, die sie gekocht hatte, hätte sie locker den Partyservice für eine von Soirées Top-Veranstaltungen im Rathaus von Melbourne ausrichten können. Da war es ein Leichtes, einen einzigen hungrigen Verehrer satt zu bekommen. Als sie zum Herd trat, spürte sie ihn dicht hinter sich.

„Was, um Himmels willen …“

Sie lachte über sein verdutztes Gesicht und bat ihn, an der Kücheninsel Platz zu nehmen, die den Raum dominierte.

„Erwartest du noch mehr Gäste?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich liebe es zu kochen.“

„Sieht nach Gourmet-Küche aus.“

Er tunkte ein Stück rohes Gemüse in den hausgemachten Dip mit Räucherlachs und Camembert. Sein seliger Gesichtsausdruck beim Hineinbeißen ließ ihr Köchinnen-Herz sofort höher schlagen.

Eve sah es gerne, wenn Menschen Essen genossen. Und ging man von Bryces verklärtem Gesicht aus, genoss er es tatsächlich. Wie mochte er wohl bei anderen genießerischen Aktivitäten aussehen … mit zittriger Hand füllte sie sein Weinglas.

„Das schmeckt fantastisch.“

„Die musst du auch probieren.“

Sie schob ihm eine Platte mit winzigen indischen Teigtaschen zu, beglückt, als er sich drei Stück kurz hintereinander in den Mund schob. Wenn es sie beide davon abhielt zu sprechen, würde sie ihn mit allem füttern, was auf dem Tisch stand.

Es war verrückt – wo sie sich doch ihre Liebesgeschichte für Linda, Carol und Mattie ausdenken mussten. Doch sein Besuch brachte sie völlig durcheinander.

Eve hatte Jahre gebraucht, um zu der knallharten Geschäftsfrau zu werden, hinter der sich immer noch das unsichere Mädchen von einst verbarg. Und sobald sie zur Wohnungstür hereinkam, schlüpfte sie wieder in ihre alte Haut und fühlte sich wohler denn je.

Sie nahm ihr Weinglas und deutete zum Innenhof. „Wollen wir uns einen Moment nach draußen setzen, oder hältst du es vor Hunger nicht mehr aus?“

Bryce klopfte sich auf den Bauch. „Nach den ganzen Köstlichkeiten, die ich gerade verschlungen habe – lass uns doch einen Moment nach draußen gehen.“

Eve wusste, dass sie einen Fuß vor den anderen setzen und zur Hintertür gehen sollte. Doch sie war unfähig, klar zu denken oder sich zu bewegen, seit ihr Blick auf Bryces schwarzes Polohemd gefallen war, das sein unwiderstehliches sexy Sixpack betonte.

Sie sah das leichte Wellenspiel seiner Muskeln und die Konturen seines sagenhaften Waschbrettbauchs. Ihr lief buchstäblich das Wasser im Mund zusammen, und dies hing weniger mit den duftenden Gewürzen der Tajine als mit seinem großartigen Körper zusammen.

„Du hast dich verändert.“

Seine sanften Worte schienen in der Luft zu schweben. Ihre Blicke trafen sich, und sie nahm ein Aufflackern von Begierde in seinen Augen wahr, das ihr eigenes Begehren widerspiegelte.

„Du meinst, ich bin keine Streberin mehr?“

Er hielt inne und verbarg seine Betroffenheit hastig unter einem entschuldigenden Lächeln. „Kinder können grausam sein.“

Oh ja, das wusste sie aus eigener Erfahrung. Ihre uncoole Kleidung, die dicken Brillengläser und ihr IQ hatten sie nicht gerade beliebt gemacht bei ihren Klassenkameraden. Und sie hatte nie den Mut besessen, sich mit den coolen oder den sportlichen Mädchen zu messen. Nur ein einziges Mal war ihr ihre Wirkung auf andere nicht egal gewesen: als Tony Bryce mit nach Hause brachte … Bryce war Balsam für ihre Seele gewesen, weil er sie nicht wie eine Außenseiterin behandelt hatte. Und dafür, dass er von ihr Notiz nahm, hatte sie sich jedes Mal ein wenig mehr in ihn verliebt.

Sie ging zur Hintertür. „Ich war eine Streberin, die Kinder hatten recht.“

Er folgte ihr. Sein Blick bohrte sich in ihren Rücken – sie konnte diesen Blick körperlich spüren, er kitzelte sie, er kribbelte.

„Ich habe dich nie so genannt.“

„Und ich habe nie verstanden, warum.“

Sie öffnete ihm die Tür. Verwirrt griff Bryce nach ihrem Arm.

„Ich weiß, du möchtest nicht darüber reden, aber es muss sein“, murmelte er. Seine schlanken Finger fühlten sich heiß auf ihrer Haut an, und sein brennender Blick entfachte augenblicklich ein Feuer zwischen ihnen.

„Das, was in jener Nacht geschah, ist bedeutungslos.“

„Das glaube ich nicht.“

Er drückte sanft ihren Arm.

„Ich war ein Idiot.“

Etwas Dunkles, fast Schmerzliches glomm in seinen Augen auf und widersprach dem vorlauten Jungen, der mühelos alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, widersprach dem selbstbewussten, einflussreichen Mann, der er geworden war. Für jemanden wie ihn, den seine Selbstsicherheit wie eine Aura umgab, war dies eine schier unglaubliche Manifestation von Verletzlichkeit.

„Überhaupt nicht.“

„Als es am wichtigsten war.“

Sein Blick flehte sie an, sich zu erinnern. Und sie musste nur seine Lippen betrachten, um sich an den Moment zu erinnern, an dem jener Abend sein katastrophales Ende genommen hatte.

„Nun mach dich nicht so schlecht! Also, wir haben uns fast geküsst. Und deine Kumpels haben es gesehen. Sie haben dich damit aufgezogen, und du hast so getan, als ob das Ganze dir nichts bedeuten würde.“

Mit leichtem Nachdruck schob sie ihn zum Tisch im Innenhof. „Du hattest recht: Es hatte wirklich nichts zu bedeuten. Nimm Platz, ich bringe die Vorspeise.“

An dem entschlossenen Funkeln in seinen Augen merkte sie, dass er eine Erklärung suchte. Aber sie hatte keine Lust, Erinnerungen auszugraben. Wenn sie den nächsten Monat überleben wollte, dann musste sie sich auf die Gegenwart konzentrieren – nicht auf die Vergangenheit und ihre peinliche Schwärmerei für einen Kerl, dem sie nicht das Wasser reichen konnte.

„Eve, so war es nicht gewesen …“

„Bin gleich zurück.“

Verzweifelt versuchte sie, ihre fünf Sinne zusammenzubekommen, nachdem Bryce sie durch eine harmlose Berührung am Arm mit fliegenden Fahnen erobert hatte. Und sie floh.

Bryce ließ sie gehen und widerstand der Versuchung, sie … was eigentlich?

Sie zugeben zu lassen, was für ein Mistkerl er in jener Nacht gewesen war? Sie wütend zu machen, um seine wohlverdienten Prügel einzustecken?

Was sollte er machen – sie in ihrem eigenen Haus bedrängen?

Alles an diesem Ort, von den Stapeln an Kochbüchern in der gemütlichen Küche bis zu dem blühenden Landhausgarten, sagte ihm, dass sie viel Zeit in ihr Heim investierte.

Sie war schon immer sehr häuslich gewesen und hatte die meiste Zeit für ihren Vater und Tony gekocht. Ihre Mutter war gestorben, als sie noch Kleinkinder waren. Tony hatte nie darüber gesprochen, doch fragte sich Bryce, ob dies nicht der Auslöser für Eves mütterliche Seite gewesen war, für ihren Wunsch, aus einem Haus ein Heim zu machen.

Die Fliegengittertür ging knarrend auf, und sie kam rückwärts mit vollbeladenen Armen herein. Er sprang auf, um ihr zu helfen, nicht ohne zuvor einen anerkennenden Blick auf ihren knackigen Po zu werfen, ihr flippiges Top, das hochrutschte, als sie mit dem Ellbogen die Tür aufstieß und den Blick auf einen verlockenden Streifen gebräunter Haut über ihrem Hosenbund freigab.

Sie hatte schon immer eine athletische Figur gehabt, aber diese neue Eve hatte Kurven an den richtigen Stellen, und er verspürte das brennende Verlangen, seine Hände über ihren Körper gleiten zu lassen.

„Komm, ich helfe dir.“

„Danke.“

Sie reichte ihm eine Platte mit Königinpastetchen und lächelte ihm dankbar zu – ein leises schüchternes Lächeln, das so gar nicht dem Bild der selbstbewussten Karrierefrau aus der Aria Bar entsprach.

Er bewunderte ihre Verwandlung zur erfolgreichen Geschäftsfrau, fand aber die Eve, die er jetzt erlebte, ebenso anziehend.

Er, der für gewöhnlich mit Models, Schauspielerinnen und „It-Girls“ ausging, seit Ewigkeiten kein selbstgekochtes Essen gegessen hatte und für den lärmende Kinder und Familienleben ein rotes Tuch waren – ausgerechnet er fühlte sich angezogen von einer Frau, die gerne im Haushalt herumwuselte? Die saubere Luft in Melbourne musste ihm den Verstand vernebelt haben.

Er zog ihr den Stuhl zurück und setzte sich ihr gegenüber.

„Offensichtlich ist unsere Vergangenheit tabu, also lass uns über das Geschäftliche reden. Wie stellst du dir den Ablauf vor? Sollen deine Freunde denken, dass wir uns schon länger kennen, oder bin ich eine ganz neue Flamme?“

Sie schien ihn mit Blicken aufzuspießen, während sie aber gleichzeitig lächelte.

„Wir kennen uns noch nicht lange, sollten uns aber mehr oder weniger an die Wahrheit halten.“

„Und die wäre? Dass ich der neue Kerl in deinem Leben bin und du die Hände nicht von mir lassen kannst?“

Grinsend schob er sich einige Gemüsesticks in den Mund und genoss es sichtlich, als eine leichte Röte ihre Wangen überzog. Oh ja, er liebte dieses Vorhersehbare an ihr.

„Da fällt mir ein … Wo wir gerade davon sprechen …“ Sie errötete noch mehr und trank die Hälfte ihres Weins aus, bevor sie weitersprach. „Wir sollten vielleicht Händchen halten, uns umarmen, alles, was das Ganze authentisch aussehen lässt. Ich hoffe, das macht dir nichts aus.“

Ob ihm das etwas ausmache? War das ein Scherz? Bei der erstbesten Gelegenheit würde er den Arm um sie legen und sie an sich ziehen. Wenn sie schon jetzt so entzückend konfus war, konnte er ihre Reaktion darauf gar nicht erwarten. Er hatte vielleicht die Nacht von Tonys Party in den Sand gesetzt, doch er würde diesen Fehler ganz sicher nicht ein zweites Mal begehen.

Er setzte seinen Unschuldsblick auf und verbiss sich gleichzeitig ein Lachen.

„Wie steht es mit Küssen?“

„Kein Kuss.“

„Paare küssen sich ständig. Es würde deinen Plan noch echter aussehen lassen. Du möchtest doch, dass sie uns glauben, oder etwa nicht?“

Sie murmelte etwas wenig Damenhaftes, bevor sie ihn schief anlächelte. Er musste sich zusammenreißen, sich nicht über den Tisch zu lehnen und sie in seine Arme zu schließen. Jeder einzelne Zoll von ihr war bezaubernd in seiner Gegensätzlichkeit, und dieses verrückte Date versprach ein größerer Spaß zu werden, als er anfänglich gedacht hatte.

„Lass es doch auf uns zukommen, in Ordnung?“

Es gelang ihm, ein siegreiches Grinsen zu unterdrücken, und nickend ergriff er ihre Hand. Sein Puls ging schneller, als sie sich die Lippen mit der Zungenspitze befeuchtete.

„Kein Problem. Ich werde ein Vorzeige-Freund sein.“

Dem Anflug von Zweifel in ihren ausdrucksvollen schokoladenbraunen Augen nach zu urteilen, war genau das ihre Angst.

5. KAPITEL

Es war eine blöde Idee gewesen, Bryce zu sich nach Hause einzuladen. Eve hatte es geahnt. Und trotzdem getan.

Sie konnte nicht jeden ihrer Schritte in der Geschäftswelt bis zum i-Tüpfelchen durchplanen. Und doch – ohne einige grundlegende Veränderungen hätte sie Soirée nicht zur Top-Veranstaltungsagentur in Melbourne machen können. Ein Teil davon war die Veränderung ihres Typs. Sie hatte eine Stilberaterin, eine Visagistin und einen Starfriseur angeheuert und sogar bei einer Benimmschule vorbeigeschaut, um ihre Haltung zu verbessern und ihr Wunschbild zu realisieren – das der coolen, selbstbewussten Geschäftsfrau auf der Höhe ihres Erfolgs.

Wichtige Veranstaltungen konnte sie souverän meistern, sie mischte sich unter die oberen Zehntausend von Melbourne und war stolz auf ihre kühl kalkulierten Entscheidungen. Warum dann das Durcheinander in ihrem Kopf, seit sie Bryce den Vorschlag mit dem Date gemacht hatte?

Sie beobachtete, wie er den Rest der Pistazien-Honig-Pannacotta verspeiste und dabei zufrieden seufzte. Ein verklärter Ausdruck legte sich auf sein schönes Gesicht, und sie hatte die Antwort gefunden.

Sah man in seine kobaltblauen Augen, betrachtete man sein Grübchen, seine Lippen, die ein ständiges Lächeln anzudeuten schienen – welche Frau konnte da widerstehen?

Er strich sich über den Bauch – nein, sie durfte nicht hinsehen, ups, nun hatte sie doch einen verstohlenen Blick darauf geworfen – und stöhnte genussvoll auf, als er sich vom Tisch zurückschob.

„Das war definitiv das Beste, was ich je gegessen habe.“

„Das kann ich mir kaum vorstellen. Top-Werbeleute wie du sind doch Dauergäste in 3-Sterne-Restaurants.“

Entzückende Lachfältchen bildeten sich um seine Augen.

„Trotzdem war es das Beste, was ich je gegessen habe.“

„Lass mich noch einmal klarstellen: Eine schlichte Lamm-Tajine mit Baby-Karotten, ein bisschen Couscous und ein furchtbar süßes Dessert machen dich wunschlos glücklich?“

Noch im selben Moment wusste sie, dass sie das nicht hätte sagen sollen. Seine Augen verdunkelten sich, und das typisch freche Glitzern wurde abgelöst von einem verführerischen Schimmer.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, was mich wunschlos glücklich machen würde“, raunte er und suchte in ihrem Gesicht nach – was genau? Zustimmung? Als ob sie mit ihm darüber diskutieren wollte! „Aber mein Rendezvous für den nächsten Monat wird es sicherlich bald herausfinden.“

Oh nein.

In Windeseile begann sie das Geschirr zusammenzuräumen, als er eine Hand auf ihren Arm legte.

„Bitte bleib sitzen. Das Mindeste, was ich nach einem solchen Essen tun kann, ist abzuräumen und zu spülen.“

Unter seiner Berührung erglühte ihre Haut, und sie spürte ein lustvolles Vibrieren ihres Körpers. Aufgewühlt nahm sie sich vor, einige Grundregeln für ihre Treffen festzulegen, nach denen sie künftig verfahren würde, bevor ihre Hormone völlig verrücktspielten.

Oh, oh. Ihr fehlten die Worte, und schnell zog sie ihre Hand fort. Sie musste Abstand von ihm haben – sofort.

In ihrem Kopf purzelte alles durcheinander, ihr Körper gehorchte ihr auch nicht mehr. Es war, als ob Bryce ein Transparent vor sich hertragen würde mit den Worten: „Überraschung, Überraschung! Eve Pemberton steht immer noch irrsinnig auf Bryce Gibson!“

„Bleib einfach sitzen – ich bin gleich wieder zurück.“

Sie schaute ihm zu, wie er Teller und Besteck zusammenräumte und aufeinanderstapelte, und konnte den Blick nicht abwenden von seinen dunkel behaarten starken Oberarmen, seinen langen, fast eleganten Fingern und der Behutsamkeit, mit der er ihr wertvolles Geschirr behandelte.

Ihr Blick glitt höher zu seinem Polohemd, das sich über die breiten Schultern spannte, als er sich über den Tisch lehnte, und zu dem herrlichen Muskelspiel seines Bizepses, als er das Geschirr stapelte.

Mmm … er war definitiv eine Augenweide. Sie konnte nicht anders als sich umzudrehen, als er durch die Hintertür verschwand, und über ihre Lippen kam ein leiser Seufzer des Verlangens.

Bryce Gibson war umwerfend.

Nicht nur sein Körper. Der heutige Abend hatte ihr klargemacht, dass sie ihn all die Jahre über falsch eingeschätzt hatte.

Vielleicht hatte er in die damals angesagte coole Jungenclique gehören wollen, vielleicht hatte er Probleme gehabt, von denen sie nichts wusste – jedenfalls war der Mistkerl von Tonys Party heute ungemein charmant, liebenswürdig und absolut unwiderstehlich.

„Es muss etwas Wunderschönes sein, das dich so lächeln lässt.“

Gedankenverloren fuhr sie auf, als Bryce sich auf den Stuhl gegenüber setzte. „Besser, du weißt es nicht.“

Sein bestechendes Lächeln ging ihr durch und durch, und sie fragte sich, warum sie sich in seiner Gegenwart so unbeholfen fühlte. Dabei kannte sie sich aus mit flirtenden Männern. Bei ihrer Arbeit traf sie Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten, vom superreichen Manager bis zum Laufburschen, die gerne mal einen Versuch starteten, mit ihr zu schäkern – aber Bryce mit den strahlend weißen Zähnen und den ungemein sinnlichen Lippen wusste genau, welchen Knopf er bei ihr drücken musste.

Er streckte sich. „Ah, ich verstehe. Dir ist soeben bewusst geworden, was für ein tolles Date ich sein werde.“

Angesichts dieses herrlich gesunden Selbstbewusstseins hätte sie fast losgeprustet vor Lachen.

„Ich kann es dir nicht verdenken, ich bin eben unwiderstehlich.“ Jetzt musste sie aber doch kichern.

Sie konnte ihm auch nicht widersprechen, schließlich hatte er ihr doch gerade aus der Seele gesprochen. Sie mussten jetzt endlich zum Punkt kommen – je schneller, desto eher konnte sie ihn hinausbugsieren und die Bilder von hypnotisierenden blauen Augen und entzückenden Grübchen aus ihrem Kopf verjagen.

„Nun lass uns über die Vorbereitungen sprechen, bevor mir deine umwerfende Männlichkeit völlig den Kopf verdreht.“

„Machst du dich etwa über mich lustig?“

Eve deutete eine Geste mit Daumen und Zeigefinger an. „So viel vielleicht?“

Seine Augen glitzerten, als er nach ihren Fingern griff. Sengende Hitze schoss wie eine Stichflamme durch ihren Arm in den ganzen Körper.

Soweit zum Thema Bilder vertreiben. Sie musste dieses Treffen hinter sich bringen, bevor das immer stärker werdende körperliche Begehren über ihren Rest Verstand siegte.

„Es ist gut, sich gegenseitig ein bisschen auf den Arm zu nehmen“, murmelte er mit einer leicht belegten Stimme, die sie ebenso verwirrte wie sein sexy Lächeln. „So läuft das auch im wahren Leben, dann bekommen wir gleich ein wenig Praxis.“

Ja sicher, Praxis. Genau das war ihr Plan. Oder etwa nicht?

„Genau.“

Unter dem Vorwand, einen Schluck Wasser trinken zu wollen, zog sie ihre Hand fort und leerte wenig ladylike das ganze Glas in einem Zug, verzweifelt bemüht, die Flammen zu löschen, die sie von innen zu verzehren drohten.

Eine ganz schlechte Idee, ihr „Du spielst mein platonisches Date, und alles ist rein geschäftlich“-Plan.

Aber jetzt konnte sie nicht mehr zurück. Sie hatte heute Nachmittag schon mit Mattie gesprochen, die diskret vorgeschlagen hatte, Eve solle sich doch auf dem Probeessen mit einem Cousin vierten oder fünften Grades anfreunden. Da hatte Eve spontan die Wahrheit über Bryce und sich herausposaunt.

Nun ja, sie hatte der Wahrheit ein wenig nachgeholfen: dass sie jemanden kennengelernt hatte, dass sie sich regelmäßig sahen und dass er sie zu allen Hochzeitsfeierlichkeiten begleiten würde.

Mattie kam aus dem Staunen nicht heraus. Eve war sich bewusst, dass ihre Freundin die große Neuigkeit postwendend ihren neugierigen Freundinnen Linda und Carol mitteilen würde. Und richtig: Diese beiden riefen Eve kaum eine halbe Stunde später auf dem Handy an, doch sie war schon viel zu nervös allein bei dem Gedanken, Bryce jede Minute an der Tür zu empfangen, um auch noch die Fragen der jungen Frauen über sich ergehen zu lassen: „Ist er der Richtige? Sieht er gut aus? Hat er Geld? Werdet ihr heiraten, und wird er der Vater deiner Kinder?“

Sie mochte ihre Freundinnen sehr, doch konnte sie nicht verstehen, warum sie so eingleisig waren, wenn es ums Heiraten und die sagenhafte immerwährende Liebe ging – deshalb auch der Spitzname, den sie ihnen schon vor Jahren gegeben hatte: Brautmädels.

„Darf ich dir nachschenken?“

Bryce hielt den Wasserkrug hoch, doch sie schüttelte den Kopf. Sie musste den Abend wieder auf Kurs bringen.

„Nein danke. Ich würde jetzt wirklich gerne über unsere Vereinbarung sprechen.“

„Gut, dann an die Arbeit.“

Er holte Block und Stift aus seiner Hosentasche, kritzelte ein paar Überschriften und zeichnete Tabellen.

„Machst du dir Notizen?“

„Ich möchte sichergehen, dass ich keine Einzelheiten vergesse.“

Der angespannte Zug um seinen Mund legte sich, als er mit dem Stift auf den Block tippte. „Nun ja, ich muss sichergehen, dass ich mich an die Kleinigkeiten erinnere, und es macht sich immer bezahlt, ein wenig Arbeit zu investieren.“

An seiner Arbeitsmoral gab es nichts auszusetzen. Warum dann ihr leiser Zweifel, dass mehr dahintersteckte?

„Du hast von den Veranstaltungen gesprochen, zu denen ich dich begleiten soll. Erzähl mir doch etwas über deine Freunde.“

„Mattie ist die Braut. Sie ist Flugbegleiterin, dabei hat sie auch AJ kennengelernt.“

„Angus Kilbride ist AJ?“

„Angus James Kilbride. Jeder nennt ihn AJ.“

Bryce machte sich Notizen und hob dabei eine Augenbraue. Er schien sich zu fragen, ob es angemessen war, den größten Sport-Mogul Australiens zwanglos mit dessen Initialen anzusprechen.

„Gut. Und deine anderen Freunde?“

„Carol ist verheiratet mit Duane Boag, von dem du schon gehört hast. Größte Kette von Immobilienmaklern im Land. Und Lindas Mann ist Anton Schultz, der Juwelenkönig. Sie ist Publizistin, Carol ist Werbetexterin. Die Brautmädels sind unschlagbar.“

„Brautmädels?“

Er hob auch noch die andere Augenbraue. Eve lachte. „Ich nenne sie die Brautmädels. Seit Linda geheiratet hat, sind sie besessen vom Heiraten. Ich war Trauzeugin auf all ihren Hochzeiten, und zum Glück wird diese hier die letzte sein.“

Sie wartete auf den abgedroschenen Satz „Immer die Brautjungfer, niemals die Braut“. Doch zum Glück hielt Bryce sich zurück.

Er lachte. „Und wenn sie besessen sind vom Heiraten, versuchen sie dann, auch dich unter die Haube zu bringen?“

Sie nickte. Plötzlich erinnerte sie sich an die peinlichen „ganz zufälligen“ Vorstellungen von „passenden Freunden“ auf Lindas berüchtigten Abendgesellschaften, an Carol, die sie anflehte, sie zu Arbeitstreffen mit dem verzweifelten Single-Kollegen zu begleiten, und an Mattie, die ein Blind Date mit einem Piloten für sie arrangiert hatte, der den ganzen Abend über gähnte – alle Bekanntschaften waren sehr kurzlebig gewesen.

„Sie scheinen nicht zu begreifen, dass ich in meinem Job glücklich bin und keinen Mann brauche, um mein Leben auszufüllen.“

Lächelnd zwinkerte er ihr zu, und ebendieses betörende Lächeln ließ sie innerlich dahinschmelzen.

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