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Julia Saison, BAND 11

MARIE FERRARELLA

Noch dreißig Tage bis zum Glück

„Ich möchte heiraten.“ Katies Herz macht einen Freudensprung – doch leider hat sie sich zu früh gefreut. Denn ihr Boss und heimlicher Traummann Blake Fortune will die verwöhnte Brittany erobern. Dreißig Tage gibt er sich dafür Zeit. Dann ist Valentinstag – und genauso lange bleibt Katie, ihm zu zeigen, dass nicht Brittany, sondern Katie seine große Liebe ist!

HELEN R. MYERS

Küsse – süß wie Zuckerguss

Die Februarsonne lässt den Schnee in Montana schmelzen, aber nicht das Eis um Merritts Herz. Dazu hat die junge Konditorin zu viel durchgemacht. Bis das Schicksal ihr Cain Paxton in die Arme weht. Einen Rebell, vor dem sie alle gewarnt haben und der ganz sicher der Falsche für sie ist. Doch dessen Küsse sich einfach verführerisch richtig anfühlen …

CINDY KIRK

Geheimnis einer Valentinsnacht

Es war am Valentinstag vor vielen Jahren, als Cole ihr einen silbernen Herzanhänger schenkte – und sie ihm ihre Unschuld. Nie hat Margaret vergessen, wie es schmerzte, als er kurz darauf Schluss machte! Doch jetzt müssen sie gemeinsam für einen kleinen verwaisten Jungen sorgen. Cole auszuweichen ist unmöglich. Und die Valentinsnacht rückt immer näher …

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Noch dreißig Tage bis zum Glück

1. KAPITEL

„Versteh mich nicht falsch, Blake“, sagte Wendy Mendoza zu ihrem Bruder, während sie vergeblich versuchte, eine bequemere Lage in ihrem Bett einzunehmen, „aber wenn du ständig hier herumlungerst und mich beobachtest, komme ich mir allmählich vor wie ein Dampfkochtopf.“

Blake Fortune setzte sich rittlings auf den Stuhl, den er kurz zuvor ins Schlafzimmer seiner Schwester getragen hatte. „Aber das ist der Sinn der Sache“, betonte er. „Denn du sollst nicht überkochen oder – in deinem Fall besser gesagt – nicht vorzeitig gebären.“

Genau eine solche vorzeitige Geburt versuchten die Ärzte durch wehenhemmende Injektionen und die Verordnung strengster Bettruhe zu verhindern.

Das bedeutete allerdings nicht, dass Wendy mit dem derzeitigen Status quo glücklich war, wie Blake wusste. Und je länger sie liegen musste, umso ruheloser und unausgeglichener wurde sie.

„Gibt es denn gar nichts, was du sonst tun könntest?“, fragte sie ihn. „Ich meine, ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, dass du alles stehen und liegen gelassen hast, um zurück nach Red Rock zu eilen und meine Hand zu halten, aber wenn mich alle hier wie ein rohes Ei behandeln, werde ich langsam echt nervös.“

Und das war, wie er sehr wohl wusste, genau das Gegenteil von dem, was sie alle zu erreichen versuchten – nämlich ihre Schwangerschaft so lange stabil zu halten, dass das Baby überlebensfähig zur Welt kommen würde.

„Wenn das so weitergeht“, warnte Wendy ihn, „werde ich nämlich letztendlich ein neurotisches Baby zur Welt bringen, das vom Kreißsaal direkt auf die Couch eines Psychiaters muss.“

Blake lachte kopfschüttelnd. Wenigstens hatte sie ihren schrägen Sinn für Humor nicht verloren. Die ganze Familie hatte durch diesen Tornado nach Weihnachten ein wahres Trauma durchlitten. Und als dann bei Wendy auch noch vorzeitige Wehen einsetzten, waren sie alle richtig in Panik geraten.

Zum Glück gibt es die moderne Medizin, dachte er. Dank ihr war seine Schwester jetzt wieder so kratzbürstig wie eh und je – nur dass sie nicht aufstehen durfte.

„Nun, zum Glück hat deine blühende Fantasie durch den Tornado nicht gelitten“, stellte er fest. Doch ein Blick auf ihr Gesicht sagte ihm, dass sie es ernst meinte. Sie wollte tatsächlich, dass er ihr Schlafzimmer verließ. Wahrscheinlich würde es ihm an ihrer Stelle ähnlich gehen und er würde sich auch bedrängt fühlen. „Du hast mich schon aus deinem Haus vertrieben und gezwungen, bei Scott Unterschlupf zu suchen“, erinnerte er sie. „Willst du mich wirklich ganz los sein?“

Wendy ergriff seine Hand und verflocht ihre Finger mit seinen. Sie liebte all ihre Geschwister, doch da sie das Nesthäkchen war, fühlte sie sich Blake als Zweitjüngstem am nächsten. In der Hierarchie der Familie standen sie beide ganz unten.

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie liebevoll. „Aber ich will auch nicht, dass du meinetwegen dein eigenes Leben auf Eis legst.“ Seit zwei Tagen war er jetzt ständig bei ihr gewesen. Es war an der Zeit für ihn, wieder zu seinem Job und seinem Alltag zurückzukehren. „In der heutigen Zeit mit Computern und Telefonkonferenzen kannst du doch von überall aus arbeiten. Warum schlägst du bei Scott nicht ein provisorisches Büro auf und kümmerst dich um die Geschäfte, ehe Dad dir mal wieder vorwirft, die Zügel schleifen zu lassen.“

John Michael Fortune, der seine Familie sicherlich auf seine eigene Art und Weise liebte, war letztendlich für die Wendung verantwortlich, die Wendys Leben genommen hatte. Hätte ihr Vater nicht darauf bestanden, sie hierher nach Red Rock in Texas zu schicken, hätte sie womöglich nie die beiden größten Leidenschaften ihres Lebens entdeckt: Backen und Marcos – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Ihre neu entdeckte Vorliebe für das Backen und Kreieren von Nachspeisen war zutage getreten, als sie in dem Restaurant zu arbeiten begann, das Marcos für seine Tante und seinen Onkel managte, die wiederum mit Wendys Eltern befreundet waren. Marcos hatte sie für ein kleines verwöhntes, reiches Mädchen gehalten, das nichts auf die Reihe bekam.

Er hatte nach einer Möglichkeit gesucht, sie wieder loszuwerden, während sie versuchte, sich zu beweisen. Allerdings hatte keiner von ihnen nach der dauerhaften Beziehung gesucht, die sich nach und nach entwickelte. Heute war sie mit Marcos verheiratet und erwartete täglich die Geburt seines Kindes.

Das Baby wäre vor einem Monat fast zu früh zur Welt gekommen, weil ein Tornado nur wenige Minuten vor dem geplanten Abflug ihrer Familie zurück nach Atlanta über Red Rock hinweggefegt war. Anlass dieses Besuchs war ihre Hochzeit am Heiligen Abend gewesen.

Noch immer blieb ihr fast die Luft weg, wenn sie daran dachte. Gerade noch verabschiedeten sie sich fröhlich voneinander, und im nächsten Augenblick lagen sie alle lebendig unter den herabstürzenden Trümmern begraben, als die Wucht des Tornados den Flughafen traf.

Der Schock war einfach zu groß für sie gewesen, zumal Marcos’ schwer verletzter Bruder Javier ins Koma fiel. Lange vor dem errechneten Geburtstermin setzten bei Wendy vorzeitige Wehen ein. Zum Glück gelang es den Ärzten, die Wehen mithilfe von Injektionen zu stoppen. Nun hofften sie, die Geburt so lange hinauszuzögern, bis die Lungen des Kindes genügend entwickelt waren, um nach der Geburt selbstständig zu atmen.

Im Moment schien es ihr, als würde das noch ewig dauern. Und bei ihrer derzeitigen Gemütsverfassung half es wenig, dass Blake ständig sorgenvoll in ihre Richtung blickte.

Denn Blake wusste genau, wie ihr zumute war. Wenn er an ihrer Stelle wäre, würde es ihm auch nicht passen, ständig unter – wenn auch liebevoller – Aufsicht zu stehen. „Irgendwie hast du ja recht.“

Wendy lächelte erleichtert, weil Blake offensichtlich nicht beleidigt war.

„Natürlich habe ich recht.“

Blake war in Gedanken bereits bei einem anderen Projekt, das er schon seit einer ganzen Weile im Sinn hatte. Jetzt schien ihm die Zeit reif, es in Angriff zu nehmen.

„Seit wir praktisch lebendig im Flughafen begraben waren, liegt mir tatsächlich etwas auf der Seele“, gestand er ihr.

„Du kannst in solchen Zeiten ans Geschäft denken?“, fragte sie ihn ungläubig. „Meine Güte, Blake, du bist Dad ja noch ähnlicher, als ich dachte.“

Nein, da lag sie mit Sicherheit falsch. Für seinen Vater gab es nichts Wichtigeres als seine Geschäfte, und da er von seinen Kindern das Gleiche erwartete, konnte keines von ihnen je seinen Ansprüchen gerecht werden. In Blakes Augen hätte nur ein Roboter das vermocht.

„Es ist eigentlich nichts Geschäftliches“, erklärte er. Er rückte seinen Stuhl noch näher an ihr Bett heran und senkte vertraulich die Stimme. „Als nicht sicher war, ob wir jemals lebend da herauskommen, schwor ich mir, dass ich mein Leben nicht länger mit angezogener Handbremse leben möchte, falls wir alles heil überstehen sollten – und in Angriff nehmen möchte, was ich schon vor Jahren hätte tun sollen.“

Interessiert rutschte Wendy ein wenig höher in ihren Kissen. „Erzähl weiter“, ermutigte sie ihn neugierig.

„Ich schwor mir: Falls ich überleben sollte, würde ich mich von Neuem um die Frau bemühen, die ich vor langer Zeit aus den Augen verlor.“ Er machte eine dramatische Pause und gab dann den Namen der Frau preis. „Brittany Everett.“

„Ich habe es mir anders überlegt“, erwiderte Wendy wie aus der Pistole geschossen. „Erzähl nicht weiter.“ Sie stieß enttäuscht den Atem aus. Sie hatte ernsthaft gehofft, die sagenumwobene Brittany Everett würde in Blakes Leben der Vergangenheit angehören. Insgeheim hatte sie sogar gehofft, dass ihrem Bruder, wenn er sich eines Tages wieder ernsthaft dem anderen Geschlecht zuwenden würde, Bilder von Katie Wallace in den Sinn kämen.

Anscheinend wusste jeder außer Blake, dass Brittany Everett nur ein verwöhntes Töchterchen war, das dem Begriff „Südstaatenschönheit“ einen unangenehmen Beigeschmack gab.

Wendy ließ sich zurück in ihre Kissen sinken und bemühte sich, keine allzu verdrießliche Miene zu machen.

„Was findest du bloß an ihr?“, fragte sie frustriert. Noch ehe Blake antworten konnte, hob sie abwehrend die Hand. Sie war absolut nicht in der Stimmung, Lobeshymnen auf eine Frau zu hören, die ihr schon immer unsympathisch gewesen war. „Abgesehen von ihren offensichtlichen Vorzügen, meine ich – nämlich dass sie nach vorn überkippen könnte, wenn sie sich zu schnell umdreht.“ Die besagte junge Dame hatte ein hübsches Gesicht, einen großen Busen – und einen völlig hohlen Kopf, ganz abgesehen davon, dass sie überhaupt kein Herz besaß.

Wendy ist schwanger, und ihre Hormone spielen zweifellos verrückt, dachte Blake und erwiderte daher, ohne auf ihre letzte Bemerkung näher einzugehen: „Du kennst Brittany nicht.“

Falsch, dachte Wendy. „Doch, Blake, ich kenne sie sehr wohl“, korrigierte sie ihn und fuhr entschlossen fort: „Sie ist nicht gut genug für dich, Blake.“

Er lachte. In ihrer Jugend war Wendy sehr besitzergreifend gewesen und eifersüchtig auf jeden Augenblick, den er mit jemand anderem als ihr verbrachte. Anscheinend steckte in ihr noch immer ein klein wenig von diesem jungen Mädchen, auch wenn sie heute eine verheiratete Frau war.

„Das würdest du über jede Frau sagen.“

Sie dachte an Katie, die so außerordentlich liebenswert war. Katies Familie lebte in Atlanta praktisch nebenan, und sie waren alle zusammen aufgewachsen. Katie war nett, hübsch und clever und kein bisschen egoistisch.

Brittany dagegen war überzeugt davon, dass sie der Mittelpunkt der ganzen Welt war und sich alles nur um sie drehte.

Gut, es war lange her, seit Brittany und Blake während seines Abschlussjahres am College ein Pärchen gewesen waren, doch den Gerüchten zufolge, die Wendy gehört hatte, hatte sie sich seitdem kein bisschen verändert.

„Nein, das würde ich nicht“, antwortete sie voller Überzeugung.

Doch Blake war sicher, dass er recht hatte. „Doch, das würdest du“, beharrte er. „Aber egal, mein Entschluss steht fest. Ich werde einen Feldzug starten …“

Sprachen sie noch über das gleiche Thema? „Einen Feldzug?“, fragte Wendy ihren Bruder verunsichert.

„Allerdings. Einen strategischen Feldzug.“ Genau das hatte er bisher versäumt. Er musste sein Ziel ansteuern, indem er seine beruflichen Stärken und Fähigkeiten einsetzte, wenn er Erfolg haben wollte. „Das hätte ich von Anfang an tun sollen, anstatt mich zurückzuziehen“, erklärte er Wendy. Je mehr er darüber sprach, umso überzeugter war er davon, die richtige Strategie gefunden zu haben. „Hätte ich mich um Brittany so konsequent bemüht, wie ich es üblicherweise bei einem neuen Kunden mache, hätte ich sie schon vor langer Zeit zurückerobert.“ Er machte eine Kopfbewegung zu Wendys Bauch hin. „Und dann hätte die kleine MaryAnne bei ihrer Geburt noch eine weitere in sie vernarrte Tante.“

Gott behüte, dachte Wendy und biss sich auf die Zunge, um ihre Gedanken nicht laut auszusprechen.

„Weißt du“, fuhr Blake fort, während sich die Gedanken in seinem Kopf zusammenfügten, „deine Idee, mein Büro vorübergehend in Scotts Haus aufzuschlagen, ist gar nicht so schlecht. Denn wenn ich dieses Projekt professionell angehen will …“

Am liebsten hätte Wendy ihrem Bruder erklärt, dass sie zu voreilig gewesen war und einen Fehler gemacht hatte. Dass sie ihn hier um sich herum brauchte, damit er ihr die Langeweile vertrieb.

Aber wenn er sich das nun wirklich in den Kopf gesetzt hatte, würde er nur dauernd über Brittany reden und wie toll er sie finde. Und dann würde sie ihrem geliebten Bruder vermutlich den Hals umdrehen müssen.

Dennoch musste sie eine Möglichkeit finden, wie sie diesen absurden „Feldzug“ vereiteln konnte. Sie glaubte zwar nicht wirklich daran, dass die herzlose Brittany letztendlich ihren Bruder heiraten würde, dazu kannte sie diese Frau zu gut. Brittany war viel zu sehr an die Annehmlichkeit gewöhnt, von einer ganzen Horde von Männern umworben zu werden, um das je für einen einzigen Mann aufzugeben.

Doch falls Blake versuchte, Brittany für sich zu gewinnen, würde ihm womöglich das Herz aus dem Leib gerissen und stückchenweise zurückgegeben – und zwar nicht auf einem Silbertablett. Diesen Schmerz und die Erniedrigung wollte Wendy ihrem Bruder unter allen Umständen ersparen.

Aber sie konnte im Augenblick so wenig tun.

Mit gerunzelter Stirn blickte sie auf das Bett, an das sie gefesselt war. Wenn sie nicht bei allem, was ihr heilig war, versprochen hätte, strikte Bettruhe einzuhalten, hätte man sie im San Antonio Krankenhaus behalten. Die Ärzte hatten sie nicht vor der Geburt ihres Babys entlassen wollen.

Also musste sie einen Verbündeten finden. Oder besser gesagt, sie brauchte die eine Frau an ihrer Seite, der es vielleicht gelingen konnte, ihren Bruder von seinem lächerlichen Plan abzubringen, um Brittany Everetts Hand anzuhalten.

„Wenn du dein Büro bei Scott einrichtest“, warf Wendy ein, „dann solltest du auch gleich Katie kommen lassen.“

Blake blickte sie verwundert an. „Katie?“, wiederholte er.

„Wallace“, ergänzte Wendy prompt, obwohl es eigentlich überflüssig war, denn Katie gehörte sozusagen zur Familie. „Du weißt schon, deine Marketing-Assistentin. Hübsch, vierundzwanzig Jahre alt, circa einen Meter achtundsechzig groß, schönes braunes Haar, große braune Augen …“

„Ich weiß, wer Katie ist“, brummte Blake und nickte dann. „Weißt du, das ist wirklich gar keine so schlechte Idee.“

Bingo!

„Natürlich nicht“, erwiderte Wendy und konnte es sich nicht verkneifen hinzuzufügen: „Es ist sogar eine ganz ausgezeichnete Idee. Sie kann dir bei der Arbeit helfen“, betonte sie und hoffte, die Aufmerksamkeit ihres Bruders wieder in normale Bahnen zu lenken. Blake war ein echter Workaholic und für FortuneSouth Enterprises ein Glückstreffer. Der ganze Brittany-Unfug war hoffentlich genau das – nämlich nur Unfug. „Katie ist ein wahres Organisationstalent“, erinnerte sie ihn.

Außerdem würde der Umgang mit Katie ihren Bruder vielleicht von seinem dummen Plan abbringen, Brittany wieder zu umwerben. Oder zumindest würde es ihm zu albern vorkommen, in Katies Gegenwart laut darüber zu reden.

Obwohl Wendy und Katie nie direkt darüber gesprochen hatten, glaubte Wendy, dass Katie insgeheim romantische Gefühle für Blake hegte. Vielleicht war sie sogar verliebt in ihn.

„Ich werde mich gleich darum kümmern“, sagte Blake fröhlich. Er stand auf und küsste Wendy auf die Wange. „Du bist die Beste“, erklärte er ihr überschwänglich.

„Natürlich bin ich das“, erwiderte sie, während er zur Tür hinausging.

„Katie, ich brauche dich.“

Katie Wallace fiel fast der Hörer aus der Hand, als sie Blake Fortune die Worte aussprechen hörte, nach denen sie sich schon so lange sehnte, dass es ihr wie ihr ganzes Leben vorkam. Worte, von denen sie fest geglaubt hatte, sie nie zu hören.

Katie, ich brauche dich. Er hatte es gesagt. Blake hatte es tatsächlich gesagt.

Zu ihr.

Blake rief aus Red Rock an, wo er sich anscheinend zu einer Art Familienurlaub aufhielt, der aus einer Notsituation entstanden war.

Seit der Tornado seine Spur der Verwüstung durch das idyllische Red Rock gezogen hatte, hatte sie geradezu andächtig jede Nachrichtensendung verfolgt und jeden Zeitungsartikel gelesen, der ihr in die Hände gefallen war.

Bei den ersten Meldungen über die Naturkatastrophe war ihr das Herz fast stehen geblieben, da sie ja wusste, dass Blake und Wendy sowie der Rest ihrer Familie sich genau dort befanden, wo der Tornado mit voller Wucht zugeschlagen hatte. Sie hatte sofort zu beten begonnen und versucht, weitere Informationen zu bekommen.

Am liebsten hätte sie den erstbesten Flug nach Red Rock genommen, doch alle Flüge dorthin waren gestrichen worden. Schlimmer noch, als die Nachrichten allmählich konkreter wurden, stellte sich heraus, dass es nicht einmal mehr einen Flughafen gab. Der Tornado hatte alles hinweggefegt.

Am ersten Tag war sie über vierundzwanzig Stunden lang aufgeblieben, um im Fernsehen und im Internet ja keine noch so kleine Nachricht zu verpassen; immer auf der Suche nach den Namen derer, die die Katastrophe nicht überlebt hatten – wobei sie verzweifelt darum betete, keinen Namen zu finden, den sie kannte.

Vor allem nicht den Namen des Mannes, den sie seit ihrer Kindheit von ganzem Herzen liebte.

Allerdings hatte Blake Fortune sie leider nie wahrgenommen. Zumindest nie so, wie sie es sich gewünscht hätte. Für ihn war sie immer nur die Freundin seiner Schwester, das lästige Mädchen von nebenan. Später, als sie ihr BWL-Studium mit dem Schwerpunkt Marketing abgeschlossen hatte, war er von ihren Leistungen immerhin so beeindruckt, dass er sie in seiner Firma einstellte. Doch er hatte nie bemerkt, wer sie wirklich war. Nämlich eine Frau, die fähig war, ihn so zu lieben, wie er es sich wünschte.

Als Kind hatte sie sich mit seinen Neckereien begnügt und war schon glücklich gewesen, wenn er nur in ihre Richtung gesehen hatte.

Doch als sie dann erwachsen wurde, wünschte sie sich natürlich mehr. Sie kam einfach nicht dagegen an. Er sollte in ihr etwas anderes sehen als Katie Wallace, das Mädchen von nebenan.

Vor allem aus diesem Grund hatte sie am College einen Abschluss in Marketing gemacht. Denn dies war der Schlüssel, ihm näherzukommen – wenn nicht persönlich, dann wenigstens beruflich. All die Zeit über hatte sie die Hoffnung genährt, dass sie nur hart genug arbeiten müsse, um sich Blake unentbehrlich zu machen. Eines Morgens beim Aufwachen würde er dann erkennen, dass er auch noch andere Gefühle für sie hegte als die eines Chefs …

Das war ihr Plan gewesen, und dennoch konnte sie jetzt nicht glauben, dass das kein Traum war. Hatte Blake wirklich gesagt, was sie zu hören geglaubt hatte?

Nach all der Zeit?

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie heiser ein „Wie bitte?“ herauspresste. Sie räusperte sich und fragte dann: „Könntest du das bitte wiederholen? Die Verbindung ist ziemlich schlecht, ich konnte dich eben nicht verstehen.“

„Ich sagte, ich brauche dich“, erklärte Blake mit lauterer Stimme. „Anscheinend werde ich wohl länger hierbleiben müssen, als ich dachte. Mindestens zwei Wochen noch, vielleicht auch drei. Wann kannst du bei mir sein?“

Katie gestattete sich genau dreißig Sekunden dafür, seine Worte auszukosten. Am liebsten hätte sie sich auf der Stelle an seine Seite gebeamt. Dorthin, wo sie so unbedingt sein wollte.

Bestimmt handelte es sich um etwas Geschäftliches. Blake brauchte sie wahrscheinlich nur, damit sie die Dinge für ihn zum Laufen brachte, doch sein Satz war für sie so etwas wie ein Schritt in die richtige Richtung. Eines Tages, so schwor sie sich, würde Blake erkennen, dass er sie wirklich brauchte – und zwar nicht nur als seine Assistentin.

„Ich könnte mit dem nächsten Flug kommen“, versprach sie. Und schon während sie sprach, begann sie im Internet nach den Airlines und Abflugzeiten zu suchen. „Ich rufe dich zurück, sobald ich gebucht habe.“

„Das ist mein Mädchen“, erwiderte er. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.“

Das ist mein Mädchen.

Die vier Worte hallten in ihrem Kopf wider, während sie in ihre Wohnung eilte und einen neuen Weltrekord im Kofferpacken aufstellte.

Das ist mein Mädchen.

Es läuft definitiv in die richtige Richtung, dachte sie glücklich.

„Bist du sicher, dass es dich nicht stört, wenn ich mein Büro bei dir aufschlage?“, fragte Blake seinen älteren Bruder Scott nun schon zum zweiten Mal.

Scott hatte erst vor Kurzem beschlossen, von Atlanta nach Red Rock umzuziehen und gerade eine Ranch und das zugehörige Wohnhaus gekauft. Er und seine Herzallerliebste Christina waren dabei, die Räume neu zu möblieren, und einige standen noch leer. Blake beanspruchte einen davon vorübergehend als Büro – solange Scott nichts dagegen hatte.

„Ich meine, ich bin dir ohnehin schon im Weg, indem ich hier kampiere, bis Wendys Baby kräftig genug ist.“ Blake dachte einen Augenblick nach und fuhr dann fort: „Vielleicht wäre es ja besser, wenn ich ein paar Räume in der Stadt mieten würde …“

Scott wischte mit einer Handbewegung den Rest dessen weg, was sein Bruder sagen wollte.

„Nach dem Tornado wurde alles, was in Red Rock noch bewohnbar war, den Leuten zur Verfügung gestellt, die ihre Häuser und Wohnungen verloren hatten. Außerdem“, fügte Scott hinzu, „bringt es mir vielleicht Pluspunkte bei unserem alten Herrn ein, wenn ein Teil meines Hauses FortuneSouth Enterprises beherbergt. Obwohl ich es ehrlich gesagt nicht wirklich glaube.“

Wie jeder wusste, stellte ihr Vater sehr hohe Ansprüche. Und die Tatsache, dass Scott nach dem Tornado beschlossen hatte, sich in Red Rock ein eigenes Leben mit der Frau aufzubauen, die er für seine Seelenverwandte hielt, aber gerade mal einen Monat kannte, stärkte seine Position nicht gerade. Fortune Senior war eher der Meinung, Scott habe den Verstand verloren, als endlich die große Liebe gefunden.

„Und ich wäre dir wirklich nicht im Weg?“, fragte Blake.

An diesen neuen, viel entspannter wirkenden Scott muss ich mich wohl erst noch gewöhnen, dachte Blake. Bis vor eineinhalb Monaten war Scott der gleiche Workaholic wie ihr Vater und ihr ältester Bruder Michael gewesen. Doch Blake fand den Gesinnungswandel seines Bruders durchweg positiv.

„Nein, falls du nicht vorhast, als menschliches Hindernis vor der Haustür zu liegen“, erwiderte Scott. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er seinen fünf Jahre jüngeren Bruder musterte. „Es könnte sogar ganz interessant werden, dich eine Weile hier zu haben. Schließlich sehen wir uns in letzter Zeit ziemlich selten“, stellte er fest.

„Sagt der Workaholic“, bemerkte Blake amüsiert.

„Nicht mehr“, betonte Scott. „Nach dem Tornado habe ich meine Prioritäten neu gesetzt.“ Jeder tat das, der dem Tod direkt ins Auge gesehen hatte, dachte Scott. Er hatte seitdem das Gefühl, eine zweite Chance bekommen zu haben – und er hatte nicht die Absicht, zu „Business as usual“ zurückzukehren.

Anscheinend ist es ihm wirklich ernst, dachte Blake. Es handelte sich nicht nur um eine vorübergehende Phase. Scott war fest entschlossen, sich in Red Rock niederzulassen, weil es seiner zukünftigen Frau Christina so viel bedeutete, hier zu leben.

„Ja, ich weiß, was du mit ‚neue Prioritäten setzen‘ meinst“, erklärte Blake, woraufhin Scott fragend eine Augenbraue hob. „Ich habe schon zu Wendy gesagt, dass ich das Gefühl habe, mein Leben sei lang genug im Stand-by-Modus gelaufen, und dass die Zeit jetzt reif ist, das zu ändern.“

„Möchtest du darüber reden?“, fragte Scott, der sich über den ernsthaften Gesichtsausdruck seines Bruders wunderte.

„Ich will die Eine zurückgewinnen, die mir abhandengekommen ist“, erwiderte Blake schlicht.

Scott nickte lächelnd. Vielleicht war er damals in Atlanta ja wirklich ein Workaholic gewesen, doch trotzdem hatte er nicht permanent Scheuklappen getragen. Er hatte die Blicke sehr wohl bemerkt, die Katie Wallace seinem jüngeren Bruder zugeworfen hatte, wenn sie sich unbeobachtet glaubte. Und er hatte es immer ziemlich amüsant gefunden. Doch jetzt, da er selbst verliebt war, begriff er, was sie gefühlt haben musste – und noch immer fühlte. Doch irgendwie machte das alles keinen Sinn, fand er.

„Ich wusste gar nicht, dass sie dir ‚abhandengekommen‘ ist“, konstatierte er.

Blake ging davon aus, dass Scott entweder zu beschäftigt gewesen war, um es überhaupt zu bemerken, oder es vergessen hatte. „So ist es aber“, versicherte er.

Nun gut, vielleicht hatte er ein oder zwei Kapitel in Blakes Leben nicht mitbekommen, dachte Scott. „Dann willst du also …“

„Brittany Everett zurückgewinnen, genau.“

Eine Sekunde lang starrte Scott ihn nur sprachlos an. Dann murmelte er mehr zu sich selbst: „Oh.“

„Was meinst du mit ‚oh‘?“

Überflüssig, Katies Namen zu erwähnen, wenn Blake eine geistlose Primadonna wie Brittany Everett im Sinn hatte. Wie jeder andere in der Familie konnte er sich vage an diese Frau erinnern, die er nicht besonders sympathisch fand.

Scott zuckte nur lässig die Schultern. „Nichts, ich bin nur überrascht, was du plötzlich wieder an ihr findest. Hat sie dich nicht gleich nach der Abschlussfeier sitzen lassen?“

„Davon kann keine Rede sein“, behauptete Blake. „Wir haben uns einfach aus den Augen verloren.“

„Richtig, nachdem du sie in inniger Umarmung mit einem anderen Kerl überrascht hast, wenn ich mich recht erinnere.“

„Ich hätte um sie kämpfen sollen.“

Du hättest ihr schon lange vorher den Laufpass geben sollen, dachte Scott. Aber Blake war inzwischen erwachsen und in der Lage, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Er hatte das Gefühl, dass Blake sich umso mehr in seinen Plan verrennen würde, je mehr Vorbehalte er gegen Brittany vorbrachte – deren Vorzüge rein körperlicher Art waren, soweit er wusste. In dieser Beziehung tickten er und sein Bruder sehr ähnlich.

Daher ließ Scott das Thema fallen und hoffte, es würde sich von allein lösen. „Wenn du meinst. Hör zu, ich habe Christina versprochen, sie zum Lunch zu treffen und muss jetzt los. Viel Glück für dein Vorhaben.“ Und hoffentlich kommst du bald zur Vernunft.

Blake warf jetzt auch einen Blick auf seine Uhr. „Hey, ich sollte mich auch besser beeilen. Ich muss Katie am San Antonio International Airport abholen“, sagte er und ging mit seinem Bruder zur Diele. „Sie kommt, um mich strategisch dabei zu unterstützen, Brittany zurückzugewinnen.“

Scott musterte ihn völlig perplex. „Tatsächlich?“, fragte er. Das konnte doch nicht wahr sein. „Du hast Katie in der Tat gebeten, dich bei deinem Vorhaben zu unterstützen, Brittany zu Mrs Blake Fortune zu machen?“

„Na ja, nicht genau mit diesen Worten“, gab Blake zu und bemerkte, wie ein breites Lächeln über das Gesicht seines Bruders glitt. Was hatte er denn so Witziges gesagt? „Was ist?“

„Nichts.“ Scott musste sich zwingen, nicht laut aufzulachen. „Nur viel Glück dabei.“

Und dann konnte er sich eine Frage nicht verkneifen. „Wie viele Sargträger hättest du denn gern bei deiner Beerdigung?“

Vielleicht hatte der Tornado Scott doch mehr zugesetzt, als alle glaubten, dachte Blake. Sein Bruder redete ziemlich sinnloses Zeug daher. „Was soll das denn jetzt wieder heißen?“

Doch Scott grinste nur geheimnisvoll und klopfte ihm auf die Schulter. „Das wirst du schon noch herausfinden, Blake“, versicherte er ihm, bevor er sich umwandte und das Haus verließ.

Kopfschüttelnd folgte Blake ihm etwas langsamer. Auf dem Weg zu seinem Wagen versuchte er die seltsame Unterhaltung mit seinem Bruder aus dem Kopf zu bekommen.

Es gab viel Wichtigeres, über das er jetzt nachdenken musste.

Wenn der Flug aus Atlanta pünktlich landete, dann musste er sich sputen, um nicht zu spät zu kommen.

2. KAPITEL

Katie hatte ganz bewusst nur Handgepäck mitgenommen, denn sie wollte ihre Zeit nicht unnötig an der Gepäckausgabe verschwenden.

Aus Gründen der Zeitersparnis hatte sie also alles in eine große Tasche gepackt, was sie glaubte zu brauchen und was sich nicht in irgendeinem Laden zwischen dem Flughafen und Red Rock beschaffen ließe.

Es war ihr gelungen, das allerletzte Ticket für den nächsten Flug zum San Antonio International Airport zu ergattern.

Den ganzen Flug über war sie nervös und aufgeregt und überdachte ständig Blakes Schlüsselsatz bei seinem Anruf.

Ich brauche dich.

Ein Teil von ihr konnte immer noch nicht daran glauben, dass tatsächlich der Tag für sie gekommen sein sollte, an dem alle ihre Träume Wirklichkeit werden würden.

Schick auf keinen Fall schon die Einladungen zur Hochzeit los, warnte die innere Stimme sie, die zu dem Teil von ihr gehörte, der immer mit dem Schlimmsten rechnete.

Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Als das Flugzeug relativ pünktlich landete, was sie als gutes Omen deutete, überlegte sie, ob sie sich einen Leihwagen nach Red Rock nehmen oder für ein Taxi viel Geld verprassen sollte. Sie war müde und hatte wenig Lust, die Strecke selbst zu fahren und womöglich am Steuer einzuschlafen.

Vielleicht würde ja ein richtig großer Becher Kaffee …

Während sie noch unentschlossen das Für und Wider der beiden Alternativen abwog, hörte sie plötzlich, dass ihr Name ausgerufen wurde.

Auf dem Weg zum Informationsschalter sah sie nicht Blake, sondern sein Lächeln. Dieses Lächeln erkannte sie sogar auf so eine weite Entfernung – es gehörte so sehr zu ihm. Blake war da! Und er kam auf sie zu.

Im Kopf spulte sie noch einmal ihr Telefongespräch ab und konnte sich nicht erinnern, etwas davon gehört zu haben, dass er sie abholen würde. Sie wusste ja, wo sie ihn finden konnte, er hatte ihr die Adresse angegeben. Scott Fortune hatte eine Ranch hier erworben, und Blake wohnte bei ihm.

Hatte er solche Sehnsucht nach ihr, dass er sie abholen kam?

Ihr Herz schlug immer schneller.

Als sie ihre Schritte beschleunigte, spürte sie nichts mehr von ihrer Erschöpfung, und schließlich fing sie sogar an zu rennen. Ihre schwere Tasche war mit einem Mal federleicht.

„Du hast es geschafft“, rief Blake ihr offensichtlich freudig erregt zu.

Katie strahlte ihn an. „Nichts hätte mich abhalten können.“

„Gut“, erwiderte er anerkennend. „Dann können wir uns gleich an die Arbeit machen, sobald du bereit bist. Lass mich das für dich tragen“, bot er ihr an und legte seine Hand über ihre auf den Griff des Koffers.

Wie üblich stockte ihr der Atem, als er sie berührte. Doch seine Worte brachten sie unsanft auf den Boden der Realität zurück.

„Arbeiten?“ Ihr wurde es schwer ums Herz. Blake klang noch immer wie der alte Workaholic. Die Hoffnung, er würde ein wenig lockerer, ein wenig … persönlicher sein, starb einen schnellen, bitteren Tod.

Katies Miene kam Blake irgendwie seltsam vor. Er ging davon aus, dass es an einem kleinen Jetlag lag. Vielleicht musste sie sich erst ein wenig ausruhen, obwohl sie eigentlich der Typ war, der unermüdlich arbeiten konnte, wenn es darauf ankam.

„Klar. Arbeiten“, wiederholte er. „Deshalb habe ich dich hergebeten. Eigentlich war es Wendys Idee. Sie dachte, du könntest mir helfen, meinen neuen Plan in die Tat umzusetzen.“

„Deinen Plan“, murmelte sie undeutlich. War es das, wofür er sie brauchte? Um irgendeine Marketingkampagne zu lancieren? Hier? Sie war total verwirrt. Und spürte, wie die geringe Chance auf das ersehnte Glück dahinschwand, als ihr Herz sich verkrampfte.

„Genau, meine Kampagne“, bestätigte er und fügte dann die vernichtenden Worte hinzu: „Um Brittany Everett zurückzugewinnen.“ Er lächelte ein wenig selbstgefällig und bemerkte nicht, wie Katies Gesichtszüge entglitten. „Ich weiß, dass das normalerweise nicht zu deinen Aufgaben gehört, aber ich dachte, wenn ich an die Sache mit Brittany so herangehe, wie ich sonst einen Kunden für FortuneSouth Enterprises umwerbe, dann müsste der Erfolg eigentlich garantiert sein.“

So also fühlt es sich an, wenn man unter Schock steht, dachte Katie. Schock in Verbindung mit heftiger Enttäuschung. Das Herz in ihrer Brust wog schwer wie Blei.

„Und es war Wendys Vorschlag, dass ich dabei helfe, dir diese Frau zu beschaffen?“, fragte sie ungläubig.

„Nicht beschaffen“, korrigierte er sie, pikiert über das Wort, das sie benutzte. „Das klingt ziemlich erbärmlich.“ Auf keinen Fall sollte Katie einen falschen Eindruck bekommen. Sonst wäre sie überhaupt keine Hilfe. Und wenn er ehrlich war, hatte er sich in den letzten beiden Jahren sehr daran gewöhnt, sich auf ihren scharfen Instinkt verlassen zu können. „Brittany und ich hatten im College eine Beziehung.“

„Ja, ich erinnere mich“, erwiderte sie grimmig, während sie nebeneinander zum Fahrstuhl gingen.

„Und dann ließ ich sie ziehen“, sagte er mit tiefer Reue in der Stimme. „Jetzt möchte ich sie zurückgewinnen. Ich werde sie in einigen Wochen mit zur Spendengala am Valentinstag in Atlanta nehmen. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich meinen entscheidenden Trumpf ausspielen.“

Sprachen sie über die gleiche Frau? Wenn sie sich recht erinnerte, dann ähnelte Brittany für Katies Geschmack etwas zu sehr Scarlett O’Hara.

„Ziemlich schwer, an jemanden heranzukommen, der einen solchen Pulk von Bewunderern um sich hat“, rief sie ihm in Erinnerung.

„Kein Pulk“, protestierte er.

„Okay, dann nennen wir es eben Schwarm. Oder vielleicht wäre Mob die beste Bezeichnung“, schlug Katie steif vor.

Wie konnte er nur? schrie es in ihrem Kopf. Wie konnte er nur daran denken, sich noch einmal mit dieser Frau einzulassen? Sie hatte von Anfang an nicht verstanden, was ihn überhaupt zu Brittany hinzog. Gut, sie hatte einen nahezu makellosen Körper, doch die dazugehörige Persönlichkeit ließ erheblich zu wünschen übrig.

Katie und Blake hatte das Terminal nun verlassen und gingen auf die Parkplätze für Mietwagen zu. Blake warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Höre ich da eine latente kleine Feindseligkeit heraus?“, fragte er.

„Klein?“, murmelte Katie vor sich hin.

Blake neigte den Kopf zu ihr hinunter, um sie besser verstehen zu können. Der Lärmpegel auf dem Parkplatz war fast noch höher als im Terminal. Und Katie hatte sehr leise gesprochen.

„Was sagtest du gerade?“

Katie schüttelte rasch den Kopf. „Nichts.“

Was erwartete sie eigentlich? Dass die Welt plötzlich Kopf stand? Dass Blake aufwachte, zur Vernunft kam und sah, wer direkt vor ihm stand? Eine Frau nämlich, die bereit war, ihn zu lieben, bedingungslos und für den Rest des Lebens – den Rest ihres Lebens.

Was ist bloß los mit ihm? fragte sie sich zornig.

Doch im gleichen Augenblick richtete sie die Frage an sich selbst. Was zum Teufel war bloß los mit ihr? Hatte Blake denn je angedeutet, dass er Gefühle für sie hegte, die über die Anerkennung eines Chefs für die Arbeit seiner Assistentin hinausgingen? Einer Assistentin, die immer und jedes Mal sofort parat stand, wenn die Pflicht rief?

Der Fehler lag bei ihr, nicht wahr? Sie verhielt sich nicht nur so, um für ihn unersetzlich zu sein, sondern damit er sie eines Tages plötzlich ansah, wirklich und zum ersten Mal sah. Damit er bemerkte, wie unentbehrlich sie für ihn war – nicht nur für die Firma, sondern für ihn selbst – und vielleicht, nur vielleicht würde das dann zu mehr führen.

Dieses Mehr hatte hier jedoch keine Bedeutung, es sei denn, es stand für ihre Zweifel daran, ob Blake sich noch mehr in der Wahl seiner künftigen Ehefrau täuschen konnte. Denn auf eine Ehe schien diese ganze blöde Kampagne wohl hinauszulaufen.

Ich kann das nicht, dachte sie. Wie sollte sie das durchstehen? Sie konnte doch nicht seine Hauptstrategin sein, die ihm half, um eine Frau zu werben, die letztendlich das Herz mit Füßen treten würde, das er ihr auf einem Silbertablett servieren wollte.

Doch als sie schließlich ihren Widerspruch in Worte fassen wollte, änderte sie ihre Meinung.

Blake würde sein Vorhaben mit oder ohne sie verfolgen, und falls sie dagegen protestierte, würde er ihr dies womöglich als gekränkte Eitelkeit auslegen. Doch wenn sie bei ihm war und ihm bei seinem schrecklichen Feldzug half, würde ihm vielleicht endlich klar werden, dass sie all die Tugenden und Vorzüge besaß, die er in seinem Wahn Brittany zuschrieb.

Und, so fügte sie stillschweigend hinzu, wenn die ganze Sache in einem Fiasko endete, würde sie zur Stelle sein, um ihn wieder aufzubauen.

Sie wäre in jeden seiner Schritte eingeweiht und könnte seine Pläne dadurch am besten durchkreuzen. Und so wäre sie im Endeffekt in der Lage, diesen Mann davor zu bewahren, den größten Fehler seines Lebens zu machen.

„Wenn das zu viel verlangt ist“, begann Blake, der sich anscheinend inzwischen fragte, ob es wirklich so klug gewesen war, sie um Hilfe zu bitten, „dann solltest du vielleicht …“

„Es ist nicht zu viel verlangt“, unterbrach sie ihn. „Ich weiß ehrlich gesagt nur nicht, ob ich die richtige Person für diesen Job bin, der doch ein wenig heikler als die Kampagnen ist, an denen wir normalerweise arbeiten.“

„Natürlich bist du die Richtige dafür. Schließlich geht es um eine Sache, die weibliche Feinfühligkeit erfordert. Und ihr seid doch beide Frauen, Brittany und du auch, oder?“

Sie sah ihn etwas verdutzt an. „Soll das etwa eine Frage sein?“, wollte sie wissen.

„Nein, nein, natürlich bist du eine Frau. Darauf zähle ich ja.“

Entweder war er überaus einfältig – oder beleidigend. Sie wusste nicht, welche Variante ihr mehr missfiel. „Darauf, dass alle Frauen gleich sind?“

Blake war mehr als überzeugt davon, dass Katie die richtige Frau für die Aufgabe war. Eine so attraktive Frau wie sie hatte vermutlich jede Menge Verehrer. Welcher Art von Annäherungsversuchen stand sie positiv gegenüber? Das musste er herausfinden. Er musste nur die richtigen Worte finden, damit sie nicht etwa auf die Idee käme, er wolle sich an sie heranmachen. Denn das wollte er nicht. Obwohl sich manchmal tief in ihm etwas rührte, wenn sie ihn ansah. Aber das war nur eine rein körperliche Sache, mehr nicht.

Er atmete tief durch und konzentrierte sich.

„Komm, wir fahren zu Wendy“, schlug er vor. „Sie kann es kaum erwarten, dich zu sehen.“

Wenigstens einer, dachte Katie.

„Oh mein Gott, schau dich bloß an“, rief Katie aus, als sie Wendys Schlafzimmer betrat.

Nach allem, was sie über die vorzeitigen Wehen ihrer Freundin gehört hatte, war sie davon ausgegangen, Wendy blass und erschöpft im Bett vorzufinden. Stattdessen sah sie aus wie immer – strahlend und lebhaft und sehr, sehr hübsch.

Als sie Katies Stimme hörte, richtete sich Wendy voller Freude in ihrem Bett auf.

„Ich weiß, ich weiß, ich bin dick wie ein Elefant“, jammerte sie halb im Ernst.

„Nein, richtig gesund und wohlgenährt“, korrigierte Katie sie. Natürlich war sie viel runder als das letzte Mal, als sie sich sahen, aber überhaupt nicht so, wie Wendy sich beschrieb.

„Aber du denkst, ich sehe aus wie ein Elefant“, insistierte Wendy. Schließlich konnte niemand ihren riesigen Bauch übersehen.

Katie wusste, dass es besser war, sich nicht mit ihr anzulegen. „Du siehst höchstens aus wie ein Elefantenbaby …“

Lachend breitete Wendy die Arme aus. „Komm her, lass dich umarmen“, verlangte sie.

Das ließ sich Katie nicht zweimal sagen und beugte sich zu Wendy hinunter, um sie ganz fest an sich zu drücken. Sie war so froh, sie endlich wiederzusehen.

„Mein Gott, was habe ich dich vermisst!“, sagte sie, trat einen Schritt zurück und fügte etwas leiser und verlegen hinzu: „Es tut mir leid, dass ich nicht zur Hochzeit kommen konnte.“

Wendy tat die Entschuldigung mit einer Handbewegung ab. „Beste Freundinnen müssen sich niemals entschuldigen“, sagte sie, als wäre das sonnenklar zwischen ihnen. Und dann warf sie Blake einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ich weiß schon, dass mein Bruder, dieser Sklaventreiber, dich zurückließ, damit du die Stellung hältst.“

„Also, ein Sklaventreiber bin ich ja wirklich nicht“, protestierte Blake. „Aber was soll ich sagen?“, fügte er mit einem nachlässigen Schulterzucken hinzu. „Katie macht ihren Job zufällig sehr gut.“ Und daher hatte er es sich erlauben können, für ein verlängertes Wochenende nach Red Rock zu fliegen, um mit dem Rest der Familie die Hochzeit seiner kleinen Schwester zu feiern.

„Ach, keine Ahnung, du hättest sagen können, ‚Hey, Katie, meine Schwester ist deine älteste und beste Freundin, also komm doch einfach mit‘.“

„Nun, wir hatten wirklich ziemlichen Druck mit einem Vertrag, den ein Kunde in letzter Minute geändert haben wollte. Ich bin also freiwillig geblieben, da ich wusste, dass Blake deine Hochzeit auf keinen Fall verpassen wollte“, verteidigte Katie ihn. „Es war also quasi mein anonymes Hochzeitsgeschenk für dich.“

„Im Nachhinein hat sich ja auch herausgestellt, wie gut es war“, betonte Blake. „Wäre Katie zur Hochzeit gekommen, wäre sie wie wir alle am Flughafen durch den Tornado gestoppt worden – und wer weiß? Vielleicht wäre sie verletzt worden? Vielleicht hat es ja sogar ihr Leben gerettet, dass sie in Atlanta die Stellung hielt.“

Wendy verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse. „Jetzt lass es aber gut sein, Blake.“

„Apropos Tornado“, rettete Katie die Situation, indem sie das Thema wechselte. „Geht es Javier inzwischen besser?“

„Er ist wieder bei Bewusstsein. Es war ein ziemliches Auf und Ab, und Marcos hatte wirklich Sorge, dass sein Bruder nicht mehr aus dem Koma erwachen würde.“ Wendy presste die Lippen aufeinander. „Allerdings wissen wir noch immer nicht, ob er womöglich querschnittgelähmt bleiben wird. Im Moment kann er seine Beine nicht bewegen, aber der Arzt meint, dass die Ursache dafür eine Schwellung im Wirbelkanal sein kann. Wenn sie zurückgeht, sollte er wieder laufen können.“

„Bestimmt wird er das“, sagte Katie überzeugt. Genau wie Wendy glaubte sie an die Kraft positiven Denkens.

Wendy strahlte. Sie war zwar selbst keineswegs eine negative Person, doch der optimistische Tonfall in der Stimme ihrer Freundin hatte eine geradezu berauschende Wirkung auf sie. Sie ergriff Katies Hand und hielt sie für einen Moment fest.

„Ach, ist es schön, dich hier zu haben“, sagte sie voller Gefühl.

„Apropos …“, meinte Katie mit einem Seitenblick zu Blake. „Du hast mir noch gar nicht gesagt, wo ich schlafen werde. Ich würde ganz gern meine Sachen ablegen und …“

„Bei Scott“, schlug Blake vor, während Wendy gleichzeitig etwas anderes sagte.

„Natürlich hier bei mir.“ Wie konnte Blake bloß auf die Idee kommen, dass ihre beste Freundin irgendwo anders untergebracht würde? „Katie wird hier in meinem Haus wohnen“, erklärte sie bestimmt.

„Sie darf hier wohnen, wo du mich gerade erst hinausgeworfen hast?“, protestierte er ungläubig.

„Ich habe dich nicht hinausgeworfen“, korrigierte Wendy ihn, „sondern umquartiert. Das ist ein Unterschied, und ich habe es getan, weil du ständig hier herumlungerst. Außerdem …“ Sie sah wieder Katie an, überglücklich, sie tatsächlich bei sich zu haben. „Katie und ich haben jede Menge nachzuholen.“

Blake wirkte verletzt und beleidigt, doch er versuchte es rasch zu verbergen. „Du und ich etwa nicht?“, hakte er nach.

„Nicht so viel“, erwiderte sie taktvoll. „Du warst doch nur eine Woche weg, ehe du wieder zurückkamst“, erinnerte sie ihn.

Trotzdem – er gehörte zur Familie und Katie nicht.

Wendy setzte sich auf und fasste nach seiner Hand. „Du weißt, wie glücklich ich darüber bin, dass du mir Gesellschaft leistest, Blake, aber es muss ja nicht vierundzwanzig Stunden an jedem Tag der Woche sein“, erklärte sie so liebevoll wie möglich und fügte rasch hinzu: „Katie wird auch nicht ständig hier sein, da du das arme Mädchen sicher mit jeder Menge Arbeit eindecken wirst.“ Und zu Katie: „Auch wenn er sich für deinen Boss hält: Dulde nicht, dass er dich rund um die Uhr arbeiten lässt.“

„Ich halte mich nicht für ihren Boss“, warf Blake ein, „ich bin ihr Boss.“

Katie, die das Gefühl hatte, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, hielt es nun für klüger, sich auf Blakes Seite zu schlagen. „Er ist kein Sklaventreiber, Wendy. Für einen Chef benimmt er sich echt super.“

Blake neigte den Kopf. „Danke. Wenigstens einer hier weiß mich zu schätzen.“

Mit einem amüsierten Kopfschütteln sah Wendy ihren Bruder an. „Du hast ja keine Ahnung, großer Bruder.“

Er hatte keine Ahnung, worauf seine Schwester anspielte, und schob ihr bisweilen seltsames Verhalten auf ihre Schwangerschaft und die Hormonschwankungen.

Vielleicht sollte er sich besser eine Weile zurückziehen.

„Nun gut, ich werde euch zwei jetzt ein wenig allein lassen, damit ihr euch in Ruhe unterhalten könnt, und fahre zu Scott.“ Er verneigte sich übertrieben. „Wäre es Eurer Hoheit recht, wenn ich in ungefähr zwei Stunden wiederkomme und meine Marketingassistentin abhole?“

„Das muss Katie selbst entscheiden“, erwiderte Wendy und hob die Hände in einer Geste, als habe sie damit überhaupt nichts zu tun.

„Einverstanden“, sagte Katie und fügte hinzu: „Du kannst ruhig auch schon früher kommen, wenn du möchtest.“

„Du hast gehört, was die Lady gesagt hat. Und jetzt hinaus mit dir“, befahl Wendy und wedelte mit der Hand in Richtung Tür. Sie konnte es kaum mehr erwarten, mit ihrer Freundin unter vier Augen zu sprechen. „Komm in zwei Stunden wieder.“

„Gut, bis dann“, antwortete er und schloss die Tür hinter sich.

„Wendy, ich …“, begann Katie, wurde jedoch sogleich von der Mutter in spe unterbrochen.

„Ist er auch wirklich weg?“, fragte sie.

„Blake?“

Ehe sie vertraulich miteinander sprechen konnten, musste Wendy sicher sein, dass Blake außer Hörweite war. Daher schickte sie Katie in die Diele hinaus, um zu überprüfen, ob er auch wirklich verschwunden war.

„Ja, er ist weg.“ Neugierig kam sie zurück zu Wendys Bett. „Warum?“

Weil sie über ihren großen Bruder sprechen wollte und er es nicht wissen sollte. Laut sagte sie allerdings nur: „Er soll unsere Mädchen-Gespräche nicht belauschen – das ist alles.“ Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: „Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du dafür sorgst, dass er rund um die Uhr beschäftigt ist. Sonst erfindet er alle möglichen Ausreden, um Tag und Nacht bei mir herumzuhängen und mich zu betrachten, als könne ich jeden Augenblick explodieren oder was weiß ich“, beklagte sie sich. Die Schwangerschaft machte sie verletzlich, und sie konnte es kaum mehr erwarten, wieder über ihr Leben zu bestimmen.

„Natürlich“, versicherte Katie ihr sofort. So würde es ohnehin laufen. „Ich wünschte nur, diese Kampagne, bei der ich ihm helfen soll, hätte irgendetwas mit richtiger Arbeit zu tun.“

Wendy blickte sie einen Moment sprachlos an. Blake hatte nicht … er konnte doch unmöglich … Ihr Bruder hatte doch wohl nicht seine unausgegorenen Pläne vor Katie ausgebreitet?

Oder doch?

„Sag bloß nicht, dass Blake dich tatsächlich gefragt hat, ob du …“ Wendy brachte es nicht über sich, den Satz zu Ende zu sprechen, doch ein Blick auf Katies Gesicht machte es auch unnötig. Wendy schlug die Hände vor das Gesicht. „Mein Gott, nicht einmal Blake kann doch so schwer von Begriff sein.“

Katie lächelte mit schmalen Lippen und bei näherem Hinsehen auch ziemlich traurig.

„Darauf würde ich an deiner Stelle lieber nicht wetten“, riet ihr Katie. „Es sei denn, du willst verlieren.“

Wendy konnte es nicht fassen. Dass Blake ihr von seiner albernen Idee erzählt hatte, mochte ja noch angehen, aber sie hätte gedacht, dass ein so kluger Mann wie er schnell wieder zur Besinnung kommen würde.

Für einen Moment musste sie die Augen schließen, um sich zu sammeln. „Oh mein Gott, Katie, hat er dich wirklich gebeten, ihm dabei zu helfen, diese grässliche Frau zu erobern?“

„Von grässlich weiß ich nichts, aber er möchte tatsächlich, dass ich ihm bei seiner ‚Kampagne‘ helfe, Brittany Everett zurückzugewinnen.“

Wendy verdrehte voller Frust und Verzweiflung die Augen. „Um sie zurückzugewinnen müsste mein dämlicher Bruder sie erst einmal gehabt haben.“

„Jetzt warte mal, du bringst mich ganz durcheinander“, protestierte Katie. „Sind er und Brittany denn nicht im letzten College-Jahr miteinander gegangen?“

Sie konnte sich gut daran erinnern, wie unglücklich sie gewesen war, als sie entdeckt hatte, dass Blake mit der schönen jungen Brittany ausging. Die ganze Welt um sie herum war zusammengebrochen, und es hatte eine ganze Weile gedauert, bis sie einigermaßen darüber hinwegkam und sich wieder auf ihr Studium konzentrieren konnte.

„Aus Blakes Sicht vielleicht schon“, verbesserte Wendy. Im Gegensatz zu ihrem Bruder hatte sie alles noch ganz genau vor Augen. „Brittany weiß offensichtlich nichts mehr davon. Außerdem kann man euch beide überhaupt nicht miteinander vergleichen. Du hast ein Herz. Brittany hat, glaube ich, einen Spiegel an der Stelle, wo das Herz sitzen sollte. Als mein Bruder, der Dummkopf, dich für diese unmögliche und lächerliche Mission anheuerte, hat er dir da zufällig auch erzählt, wie es zur Trennung zwischen ihm und Brittany kam?“, wollte Wendy wissen.

Katie schüttelte den Kopf. „Nein, Einzelheiten hat er mir nicht berichtet.“

„Dann will ich dich mal aufklären“, schlug Wendy vor und erwärmte sich immer mehr für das Thema. „Sie besuchten ein Abschlussfest und wurden getrennt. Irgendwann während des Abends begann er nach ihr zu suchen. Er schlenderte herum und fand sie schließlich in den Armen eines anderen Kerls.“

Armer Blake, dachte Katie nur. „Er ertappte Brittany dabei, wie sie einen anderen Jungen küsste?“, fragte sie ungläubig. Wie konnte sie einen anderen überhaupt ansehen, wenn sie wusste, dass Blake ihr treu ergeben war?

Abgestoßen vom schlechten Geschmack ihres Bruders in Bezug auf Frauen schüttelte Wendy erneut den Kopf. „Also, ehrlich gesagt begreife ich nicht, warum Blake sie zurückhaben will.“

Sie vergisst dabei einen wichtigen Punkt, dachte Katie. „Vielleicht weil Brittany einfach verdammt gut aussieht.“

Wendy reckte ihr Kinn. „Das tust du auch“, bekräftigte sie.

Jetzt verdrehte Katie ihre Augen. „Ach, hör auf, Wendy, ich besitze einen Spiegel und weiß genau, wie ich aussehe.“

„Der einzige Unterschied zwischen dir und dieser Frau besteht darin, dass sie weiß, wie sie mit Make-up ihre Vorzüge am besten zur Geltung bringt.“ Mit zusammengekniffenen Augen musterte Wendy ihre Freundin. „Das könntest du allerdings auch jederzeit lernen“, sagte sie mit Nachdruck.

Vielleicht, dachte Katie, aber vielleicht nicht schnell genug. „Und während ich mich bemühe, mich in ein Model zu verwandeln, tauschen Blake und Brittany die Eheringe“, folgerte sie unglücklich.

„Nie im Leben, das garantiere ich dir“, versprach Wendy mit tödlicher Entschlossenheit. Sie kannte die Brittanys dieser Erde. Sie nahmen viel Platz ein und sahen gut aus – solange man nicht näher hinsah. Weil ihre Schönheit künstlich war. Während Katie von innen heraus strahlte.

Wendy verfiel in Schweigen, während sie sich die ganze Situation noch einmal durch den Kopf gehen ließ – und mit einem Mal eine Lösungsmöglichkeit entdeckte, die vielleicht funktionieren konnte.

„Weißt du …“ Ihre Stimme verlor sich, während ein Gedanke in ihrem Kopf immer mehr Gestalt annahm. Und dann lächelte sie.

Katie war augenblicklich auf der Hut, denn dieses Lächeln war ihr wohlbekannt. Sie hielt den Atem an. „Was denkst du gerade?“, fragte sie.

„Dass mein geliebter großer Bruder uns gerade die perfekte Gelegenheit dafür verschafft hat, ihm vor Augen zu führen, wie begehrenswert du eigentlich bist.“

„Genau!“, lachte Katie laut auf. Aber anscheinend hatte Wendy gar keinen Scherz machen wollen, stellte sie dann fest. „Gut, ich höre dir zu. Aber ich sehe nicht, wie ich für Blake plötzlich dadurch attraktiv werden soll, dass ich ihm beim Fangen des entflogenen Vögelchens Brittany behilflich bin.“

„Du musst unbedingt positiv denken, Katie, sonst funktioniert es nie.“

„Schon, aber das heißt noch lange nicht …“

Jetzt ließ Wendy ihre Bombe platzen. „Er wird an dir üben müssen.“

Katie blinzelte. Hatte sie irgendetwas verpasst? „Wie bitte?“

„All die Annäherungsversuche, die er bei Brittany machen will, muss er an irgendjemandem ausprobieren und verfeinern.“ Für sie war die Sache bereits gelaufen. Proben dienten immer dazu, die erwünschten Ergebnisse zu erzielen. Wendy lächelte zufrieden. „Und dieser Jemand wirst du sein. Dinner – du, Tanzen – du, Spaziergänge im Mondschein – du, Verführungstricks …“

Diesmal unterbrach Katie Wendys Redestrom, indem sie die Hand hob. „Ich glaube, ich habe verstanden“, sagte sie und kämpfte gegen die verräterische Röte an, die ihr in die Wangen stieg.

Wendy bemerkte ihr Erröten und lächelte befriedigt. „Und wenn wir damit fertig sind – wenn du damit fertig bist –, wird mein Bruder vergessen haben, dass Brittany Everett je existierte.“

Daran hatte Katie zwar ihre Zweifel, doch sie musste zugeben, dass ihr der Plan gefiel. Und sollte er doch nicht aufgehen, dann würde sie bis dahin eben das genießen, was für sie gleichbedeutend mit einem unmöglichen Traum war.

3. KAPITEL

„Weißt du, wenn ich dir wirklich etwas bedeuten würde, dann würdest du Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um mich hier herauszuholen.“

Javier Mendoza bemühte sich, die Stimme unter Kontrolle zu halten, als er sich bei seinem jüngeren Bruder Marcos beklagte. Er war endlich von der Intensivstation in ein Einzelzimmer verlegt worden, aber die Wände in der Klinik waren nicht sehr dick, und seine tiefe Stimme durchdrang sie mühelos.

Auf seinem hübschen Gesicht lag ein frustrierter Zug, der deutlich zeigte, dass er mit seiner Geduld am Ende war.

Marcos hatte Mitleid mit seinem Bruder. Er konnte sich genau vorstellen, wie er sich an Javiers Stelle fühlen würde, aber im Moment war es ausgeschlossen, dass sein Bruder die Klinik verließ.

„Eben weil mir viel an dir liegt, werde ich dich ganz sicher nicht hier herausschmuggeln“, erwiderte Marcos bestimmt.

Doch Javier war viel zu sehr auf seine eigene Verzweiflung konzentriert, um den strengen Unterton in Marcos’ Stimme zu hören. Eben noch war er ein kräftiger junger Mann in der Blüte seines Lebens gewesen, und als er im nächsten Moment die Augen öffnete, hatte er einen Monat seines Lebens im Koma verloren und musste seinem Körper erst wieder die elementarsten Funktionen antrainieren. Dinge, die die meisten Menschen für selbstverständlich hielten – die er für selbstverständlich gehalten hatte –, stellten nun wahre Herausforderungen für ihn dar. Seine Beine gehorchten ihm nicht, was ihn nicht nur unglaublich frustrierte, sondern auch zutiefst ängstigte. Allerdings würde er diese entsetzliche Angst niemandem gegenüber eingestehen, nicht einmal gegenüber seinem Bruder.

Obwohl Marcos sie vielleicht erahnte, wie er nach einem prüfenden Blick in dessen Augen erkannte, doch klugerweise ließ er kein Wort davon verlauten.

Marcos legte seinem Bruder beruhigend eine Hand auf die Schulter, die vor Anspannung ganz verkrampft war.

„Schau, Javier, du solltest den Ärzten eine Chance geben“, beschwor er ihn. „Sie wissen, was sie tun, und sind mit dieser Art von … Problemen viel vertrauter als du.“

Javiers dunkle Augen wurden schmal vor Ärger. „Es ist mein Körper, und niemand ist damit vertrauter als ich“, beharrte er eigensinnig. „Tu mir gegenüber nicht so scheinheilig“, warnte er. „Sie wollten Wendy auch hierbehalten, aber sie hat sich durchgesetzt, und du hast sie mit nach Hause genommen – wie sie es wollte.“

Marcos schüttelte den Kopf. „Das war etwas anderes.“

„Wieso denn?“ Javier bemerkte, dass seine Stimme sich schon wieder überschlug, und er zwang sich, leiser zu sprechen. „Weil Wendy deine Frau ist und ich nicht?“

„Ich will dich nicht beleidigen, Javier, aber du würdest eine ziemlich hässliche Ehefrau abgeben“, lachte Marcos laut auf und hoffte, seinem Bruder damit ein Lächeln zu entlocken. Leider vergeblich. „Es ist ein Unterschied, weil wir nicht wissen, wie lange Wendy in der Klinik hätte bleiben müssen. Sie hat jetzt zwar ihre eigenen vier Wände um sich, aber sie hat immer noch strikte Bettruhe und darf nicht aufstehen.“ Javier hatte sein Gesicht abgewendet, aber Marcos redete weiter. „Nachdem die Ärzte dich jetzt aus diesem künstlichen Koma geholt haben, haben sie einen Zeitplan für dich aufgestellt.“

„Ich bin nicht an deren Zeitplan interessiert“, blaffte Javier.

„Das solltest du aber sein“, erwiderte Marcos fest. „Glaub mir, die Ärzte wollen dich hier nicht länger behalten als nötig. Aber hier können sie dir helfen und mit dir arbeiten.“

„Es gibt nichts, woran man arbeiten müsste“, gab Javier kalt zurück und starrte auf die beiden unbeweglichen Gliedmaßen unter der Decke. „Gut, wenn ich bleiben muss, dann bleibe ich eben. Es ist eh egal. Aber sag allen, dass ich keine Besuche mehr möchte.“

„Warum nicht?“, fragte Marcos, überrascht über die neue Wendung.

„Weil ich nicht will, dass man mich so sieht, deshalb“, stieß er zwischen zusammengepressten Lippen hervor.

„Was meinst du mit so?“, hakte Marcos nach.

„Wie ein halber Mann!“, rief Javier aus. „Jetzt ist es raus. Bist du jetzt glücklich? Ich bin nur noch ein halber Mann.“

„Das ist doch nur vorübergehend.“

„Woher willst du das denn wissen?“, schrie Javier.

„Weil ich es eben weiß“, schrie Marcos zurück, ehe er sich zusammenriss und leiser fortfuhr: „Sobald die Schwellung deines Rückenmarks zurückgeht, wirst du die Beine wieder völlig normal bewegen können – und selbst wenn du es nicht könntest“, beharrte er, „wer du bist, beschränkt sich doch nicht auf deine Beine. Du bist nicht du aufgrund deiner Arme oder Beine oder irgendeines andern verdammten Körperteils. Du bist Javier Mendoza wegen deines Inneren, deiner Seele, wegen dem, was hier drin ist“, sagte er und tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust. „Verstehst du? Und jetzt hör auf, dich zu bemitleiden. Konzentrier dich lieber auf deine Genesung.“

„Du klopfst ziemlich große Sprüche, weißt du das?“, erwiderte Javier scharf, aber seine Stimme war schon etwas leiser. „Kommt das von der Ehe?“ Die Frage war nicht wirklich ernst gemeint, denn auch wenn Wendy jeden Moment ihr erstes Kind erwartete, so waren Marcos und sie doch erst seit etwas mehr als einem Monat verheiratet. Ein Monat, den er komplett verpasst hatte, wie Javier in kläglichem Frust dachte.

„Nein, der Tornado ist der Grund“, antwortete Marcos. „Aber im Ernst, ich meine es wirklich so. Hör auf zu jammern und sei dankbar, dass du noch am Leben bist und gesund werden kannst. Nicht jeder hatte so viel Glück wie du“, beendete er seine Rede.

„Du hast leicht reden“, sagte Javier mit einem Schulterzucken und schaute aus dem Fenster.

„Leicht reden?“, wiederholte Marcos ungläubig. Es kam ihm vor, als habe er in den letzten fünf Wochen nicht mehr als fünf Stunden geschlafen. „Seit diesem Tornado und seit sie dich aus den Trümmern herausgezogen haben, versuche ich mich in zwei zu teilen, um für Wendy und dich da zu sein.“

„Ich lag im Koma“, betonte Javier. „Es gab keinen Grund …“

„Es gab sehr wohl einen Grund“, unterbrach Marcos ihn. „Wir haben uns abgewechselt, um dir vorzulesen. Ständig lief Musik für dich. Wendy glaubte, es würde dir helfen. Denn im Koma liegen bedeutet ja nicht, dass man nichts hört. Und neben dem Pendeln zwischen Zuhause und San Antonio musste ich mich ja auch noch um das Restaurant kümmern“, erinnerte er seinen Bruder an das Red, das Restaurant, das er für seine Tante und seinen Onkel managte.

Dort war er Wendy zum ersten Mal begegnet. Obwohl es nicht gerade Liebe auf den ersten Blick gewesen war, nahm das Restaurant doch in seinem Herzen seitdem einen besonderen Platz ein. Er hätte es nicht richtig gefunden, seine Pflichten dort zu vernachlässigen und andere für sich einspringen zu lassen.

Javier starrte noch immer aus dem Fenster. „Also, du musst dich nicht verpflichtet fühlen, mich zu besuchen und aufmunternde Reden zu schwingen.“

Marcos ging um das Bett herum, bis er direkt in Javiers Blickrichtung stand, und sah ihn lange an. „Du willst wirklich, dass ich gehe und nicht wiederkomme?“

Javier wollte schon den Mund öffnen und Ja sagen, doch es wäre nicht ehrlich gewesen. Er war auch nicht wütend auf Marcos und seine aufmunternden Reden, sondern auf die Umstände, die ihn in diese Situation gebracht hatten.

Er seufzte und blickte wieder auf seine Beine. „Nein“, murmelte er. „Das will ich nicht. Es ist nur so, dass …“

„Du einfach frustriert bist“, ergänzte Marcos und nickte. „Kann ich gut verstehen. Es muss wirklich schwer sein, Geduld zu haben und den Ärzten zu vertrauen. Aber sie sagten, dass die Schwellung bereits zurückgeht und du definitiv auf dem Wege der Besserung bist.“

„Ha!“, spottete Javier, denn er verspürte bisher überhaupt keine Veränderung. „Nicht, dass ich wüsste.“

Marcos lachte, da er seinen Bruder ja kannte. Am liebsten wäre er schon gestern komplett gesund gewesen. „Versuch einfach, es leichtzunehmen“, riet er seinem Bruder. „Hör auf die Ärzte und die Physiotherapeuten und sei froh über jeden kleinen Fortschritt. Ehe du dich versiehst, hast du diese ganze Geschichte hinter dir, das verspreche ich dir“, fügte er hinzu.

Javier blieb von seinen Worten völlig unbeeindruckt. Er sah aus wie ein Mann, der gerade sein Todesurteil vernommen hatte.

„Es sei denn, du findest eine Möglichkeit, die Zeit anzuhalten.“ Dieser Satz, der ihm eben erst in den Sinn gekommen war, entlockte ihm ein Lächeln. Wendy hatte das für ihn getan, wurde ihm bewusst. Sie ließ die Zeit stillstehen.

Natürlich nicht von Anfang an. Zu Beginn hatte sie die Zeit eher zum Kochen gebracht, indem sie ihm schrecklich auf die Nerven ging. Es hatte ihn ziemlich geärgert, sie am Hals zu haben. Er hatte sie für ein verwöhntes reiches Töchterchen gehalten, das sich aus Langeweile unter die arbeitende Bevölkerung mischte. Ihre Eltern hatten sie nach Red Rock zu ihren Freunden – seiner Tante und seinem Onkel – geschickt in der Hoffnung, dass sie irgendwann eine gewisse Arbeitsmoral entwickeln würde.

Sie hatten keine Ahnung gehabt, dass sie ihre Tochter hinausschickten, um ihrem Schicksal zu begegnen.

Und seines zu besiegeln.

Javiers Stirn lag noch immer in Falten, doch er wirkte ein klein wenig zerknirscht. „Ja, vermutlich hast du recht.“

„Das passiert hin und wieder“, erwiderte Marcos milde. Dann blickte er auf seine Uhr. „Ich muss jetzt los“, sagte er und legte seinem Bruder eine Hand auf die Schulter. „Versprich mir, keine Dummheiten zu machen.“

„Du meinst, ich soll also nicht als Krankenpfleger verkleidet von hier verschwinden?“, fragte Javier unschuldig. Er sah, wie Marcos die Augen aufriss. „Immer mit der Ruhe!“ Javier lachte zum ersten Mal, seit durch den Tornado sein Leben aus den Fugen geraten war. „Es war ein Scherz. Wie soll ich wohl abhauen, wenn meine Beine mir nicht gehorchen?“

So leicht ließ Marcos sich nicht beschwichtigen. „Du bist also hier, wenn ich morgen wiederkomme?“

„Falls die Ärzte ihre Meinung nicht ändern und mich doch heimschicken.“

Nun, das würde in den nächsten vierundzwanzig Stunden mit Sicherheit nicht geschehen, dachte Marcos. Doch um seinen Bruder nicht unnötig zu verunsichern, nickte er nur. „Bis morgen“, sagte er und ging zur Tür.

„Sag Wendy schöne Grüße“, rief Javier ihm hinterher.

„Gern, sie wird sich freuen.“

Sobald er das Zimmer seines Bruders verlassen hatte, machte Marcos sich eilig auf den Weg zum Fahrstuhl. Er brauchte dringend ein Wunder. Am liebsten eines, das den Verkehr entweder sofort verschwinden ließ oder ihm freie Fahrt gewährte, damit er einigermaßen rechtzeitig in seinem Restaurant in Red Rock ankam.

Na, träum weiter, Kumpel, dachte er selbstironisch.

„Es ist ein Dreißigtageplan“, erklärte Blake am nächsten Morgen stolz, als er Katie in das provisorische Büro führte, das er bei Scott eingerichtet hatte.

Es bereitete ihm immer noch Schwierigkeiten, sich seinen Bruder als Rancher und nicht mehr als dynamischen Geschäftsmann vorzustellen. Dafür hatte er zu viele Jahre mit angesehen, wie sich Scott und ihr ältester Bruder Michael erbitterte Wettkämpfe über alles und jedes lieferten.

Wie sich ein Mensch so verändern konnte wie Scott, war ihm noch immer schleierhaft.

Dennoch hatte Scott dieses neue Leben begonnen und schien es aus vollen Zügen zu genießen – und alles wegen einer Frau. Jener Frau, mit der er unter den Trümmern begraben wurde, die der Tornado auf seiner Spur des Verderbens hinterlassen hatte.

Wenn also Scott in der Lage war, sein Leben vollkommen umzukrempeln, dachte Blake, dann war er doch ganz gewiss in der Lage, einen Dreißigtagefeldzug zu starten, um die Frau seiner Träume zu erobern. Er fühlte in seinem tiefsten Innern, dass das Schicksal diese Frau für ihn auserwählt hatte, für ein Leben an seiner Seite.

„Dann willst du Brittany also ernsthaft mit den gleichen Mitteln wie einen unserer Kunden an Land ziehen?“, fragte Katie und setzte sich an ihren Schreibtisch. Sie hatte wirklich gehofft, er würde einsehen, wie unlogisch sein Vorhaben war, nachdem er eine Nacht darüber geschlafen hatte. Schließlich hatte er ja auch noch richtige Arbeit zu erledigen.

Aber anscheinend war er wild entschlossen, und so blieb ihr nichts anderes übrig als mitzuspielen.

Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie sich glühend gewünscht hatte, diesen Mann nicht so bedingungslos zu lieben, wie sie es tat. Aber ebenso gut hätte sie sich wünschen können, die Sonne möge morgens nicht mehr aufgehen. Es war einfach hoffnungslos.

Blake bemerkte den ungläubigen Unterton in Katies Stimme, und obwohl er felsenfest davon überzeugt war, Brittany für sich gewinnen zu können, schätzte er doch Katies Einsatz. Im Lauf der letzten beiden Jahre hatte er entdeckt, dass sein ehemaliges Nachbarsmädchen die frappierende Fähigkeit besaß, Dinge auf den Punkt zu bringen.

Er schaute sie an und versuchte zu erraten, was wirklich in ihr vorging. „Das klingt, als würdest du glauben, ich wäre nicht ganz bei Trost.“

Katie schüttelte den Kopf. Sie würde nie etwas Abwertendes über ihn sagen und schon gar nicht in seiner Anwesenheit. Niemals würde sie etwas tun oder sagen, das Blake veranlassen könnte, nach einem Ersatz für sie zu suchen.

„Überhaupt nicht, es ist nur anders als sonst.“ Ihre Stimme verlor sich, während sie verzweifelt versuchte, all ihren Mut zusammenzuraffen.

Wendy hatte heute Morgen darauf bestanden, dass Katie ihren Plan von gestern durchzog. Katie sollte Blake dazu bringen, jeden Schritt seiner Kampagne erst an ihr auszuprobieren.

Sie zweifelte allerdings stark daran, dass er damit einverstanden sein würde.

„Weißt du“, begann Katie zögerlich und hoffte, die richtigen Worte zu finden. „Da deine Kampagne so ganz anders ist als üblich, solltest du sie vielleicht erst ausprobieren, weißt du, so ähnlich wie einen Probelauf …“

„Ausprobieren?“, wiederholte Blake. „Ich verstehe nicht ganz.“

„Du möchtest doch jeden einzelnen Schritt schriftlich festhalten, oder?“

„Genau, es muss aufgeschrieben und überprüft werden“, bekräftigte er und klopfte mit der Hand auf den Stapel Unterlagen, der mitten auf dem Schreibtisch lag.

„Es schwarz auf weiß vor sich zu haben gibt dir aber noch kein wirkliches Gefühl dafür“, sagte sie und fragte sich, woher sie diese Worte hatte.

War sie telepathisch mit Wendy verbunden? Das schien ihr die einzig mögliche Erklärung zu sein.

Blake lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie aufmerksam. „Und wie könnte ich dieses Gefühl bekommen?“

„Indem du alles erst einmal an jemandem ausprobierst“, sagte Katie etwas zu hastig. „Indem du mit dieser Person – dieser anderen Person – dieses Theaterstück“, sie klopfte auf die Unterlagen, „probst, ehe du es mit Brittany aufführst.“ Sie merkte, dass er ihr nicht folgen konnte. Also versuchte sie es noch direkter. „Dann würdest du sehen, ob es – das Theaterstück – ihr gefällt. Es wäre doch schrecklich, wenn dein Auftritt sich als etwas herausstellen würde, das ihr unangenehm ist.“ Katie presste die Lippen aufeinander. „Verstehst du, was ich meine?“

Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, und ihr Herz schlug einen Purzelbaum.

„Ja, du willst sicherstellen, dass Brittany alles perfekt findet. Du möchtest, dass ich den Erfolg bekomme, den ich mir wünsche.“ Er griff ihre Schultern und zog sie an sich. „Du bist wirklich etwas Besonderes, Katie, weißt du das? Du bist echt einmalig.“

Als er sie wieder freigab, drehte sich der Raum um Katie, und sie hatte große Mühe, nicht zu taumeln.

„Okay“, erklärte Blake nun überzeugt. „Wir machen es, wie du es für richtig hältst, Katie. Wir werden jeden Schritt dieses Plans einem harten Test unterziehen. Gemeinsam.“

Sie versuchte, sich ihre Vorfreude nicht anmerken zu lassen. Er würde mit ihr ausgehen und sie würden alle möglichen Dinge miteinander unternehmen. Auch wenn sie nur die Versuchsperson war, so würde sie doch die ganze Zeit mit Blake zusammen sein. Und vielleicht würde er ja in dieser Zeit irgendwann bemerken, dass sie die Richtige für ihn war.

„Und wenn irgendetwas nicht funktioniert“, sagte sie nach außen hin gelassen, während sie innerlich jubelte, „kannst du es sofort ändern, und sie wird es nie erfahren.“

Er nickte zufrieden, während der Plan in seinem Kopf allmählich Gestalt annahm. „Wie schon gesagt, du bist echt einmalig, Katie Wallace.“

Ja, das bin ich, du bist nur zu verbohrt, es selbst zu bemerken, dachte sie, und auf ihren Lippen lag ein unbekümmertes Lächeln.

Aber so Gott will, wirst du es eines Tages doch noch bemerken, ehe es zu spät ist.

„Tanzen?“, wiederholte Blake.

Er klang nicht gerade begeistert, während er Katie unsicher ansah. Er war schon in jungen Jahren in die Firma seines Vaters eingetreten, und um dort von Anfang an bestehen zu können, hatte er auf bestimmte Dinge verzichten müssen. So hatte er unter anderem nie einen Tanzkurs besucht. Er hatte allerdings bislang nicht das Gefühl gehabt, dadurch etwas zu versäumen.

Er blickte auf die Liste hinunter, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

„Tanzen stand nie auf meiner Liste“, stellte er fest. Er hatte wenig Lust, etwas zu tun, was ihm so zuwider war wie Tanzen.

„Ich weiß“, erwiderte Katie schlicht. „Sollte es aber.“

Sie klang ziemlich unerbittlich, doch Blake beharrte auf seinem Standpunkt. Schon der Gedanke daran, sich zu einem vorgegebenen Rhythmus bewegen zu müssen, ließ ihn abweisend die Achseln zucken. „Es kommt mir so altmodisch vor.“

„Altmodisch ist sehr gut“, konterte Katie voller Überzeugung. „Romantisch sein ist altmodisch, aber das willst du doch auf jeden Fall, oder nicht?“, drängte sie ihn. „Du willst Brittany doch umwerben? Du willst sie doch richtiggehend umwerfen?“

Die Frage war rein theoretisch, und Katie war vom Geschmack jedes einzelnen Wortes, das sie sprach, richtig angewidert. Sie schaffte es nur mit purer Willenskraft zu lächeln und weiterzureden.

„Schon, aber …“ Blake blickte sie unschlüssig an. „Meinst du wirklich?“

„Wirklich“, erwiderte sie fest. „Geh mit ihr tanzen.“

Blake atmete tief durch. „Aber ich kann nicht“, gab er schließlich zu.

Katie sah ihn unschuldig über den Schreibtisch hinweg an. „Du kannst nicht mit ihr zum Tanzen gehen?“

Er schüttelte den Kopf. Er hasste es, irgendeine Schwäche zugeben zu müssen, und sei sie auch noch so belanglos. „Ich kann nicht tanzen.“

Das wusste sie. So wie sie auch alles andere über ihn wusste – mit Ausnahme des Rätsels, warum um Himmels willen ein intelligenter Mann wie Blake Fortune so besessen davon sein konnte, eine dermaßen beschränkte Frau wie Brittany Everett zu erobern. Alles an dieser Frau war seicht – wollte er wirklich eine Ehefrau mit solchen Eigenschaften? Wollte er sich nur mit ihr schmücken?

Katie weigerte sich, das zu glauben. Sie kannte Blake, und der Blake Fortune, den sie kannte, liebte geistvolle Unterhaltungen über ein breites Themenspektrum. Brittany Everett konnte allerhöchstens eine tiefenpsychologische Betrachtung darüber anstellen, ob die Farbe mauve den violetten Schimmer in ihren Augen unterstrich. Und wahrscheinlich konnte sie Stunden damit verbringen herauszufinden, welcher der neuesten Pariser Modetrends ihrer Figur und ihrem Porzellanteint am besten schmeichelte.

Brittany konnte einfach nicht der Typ Frau sein, für den er sich interessierte.

Und dennoch …

Und dennoch saßen sie hier und arbeiteten Manöverpläne aus.

Denk daran, du musst das Beste aus dieser Gelegenheit machen. Wenn du ihm das Tanzen beibringst, wird er dich beim Üben in seinen Armen halten müssen.

Sie hätte fast schwören können, für Sekunden Wendys anfeuernde Stimme im Ohr zu haben. Sie musste aufhören, sich über Brittany Gedanken zu machen, und sich stattdessen auf die momentane Situation konzentrieren – schließlich war sie gerade mit Blake zusammen.

„Kein Problem“, antwortete sie und lächelte ihn strahlend an. „Ich kann tanzen und bringe es dir sehr gern bei.“

Blakes Miene war nach wie vor skeptisch. Sie muss ja ziemlich viel Vertrauen in meine Fähigkeiten haben, dachte er. Obwohl er relativ sportlich war, befürchtete er, auf der Tanzfläche zwei linke Füße zu haben. Er erinnerte sich daran, dass eine seiner Schwestern während seiner Schulzeit vergeblich versucht hatte, ihm Tangoschritte beizubringen.

„Wir könnten Tanzen ja als letzten Punkt auf die Liste setzen“, schlug er vor, nahm einen Kugelschreiber und wollte schon damit beginnen, als Katie ihm das Blatt wegzog. „Nein, es ist immer gut, die schwierigste Aufgabe als Erstes in Angriff zu nehmen. Sind das nicht deine Worte?“, erinnerte sie ihn.

Blake nickte etwas widerwillig. „Stimmt, aber ich hatte nicht erwartet, dass ich mir damit eines Tages ins eigene Fleisch schneide. Du merkst dir anscheinend jedes Wort von mir, oder?“, staunte er.

„Du bist der Boss“, erwiderte sie.

Das könnte er zu seinem Vorteil nutzen, dachte er. „Nun, wenn ich der Boss bin, dann …“

„Nicht in diesem Fall“, unterbrach sie ihn rasch. Als sie seinen frustrierten Blick bemerkte, versuchte sie es anders. „Du wolltest doch meine Hilfe, oder?“

Vielleicht war es ja doch keine so brillante Idee gewesen, Katie mit dem Projekt Brittany zu betrauen. „Richtig“, murrte er.

„Das Tanzen ist schon mal ein wichtiger Punkt, bei dem ich dir helfen kann“, schlussfolgerte sie.

„Indem du mir das Gefühl gibst, ungeschickt zu sein?“

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