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Eine unvergessliche Liebe / Herzensgeheimnisse / Sonnenblumen zum Valentinstag?!

Christine Rimmer

Eine unvergessliche Liebe

1. KAPITEL

„Oh du lieber Valentin.“ Renata Thompson seufzte theatralisch. „Willst du mein Schatz am Valentinstag sein?“

Die Kaffeekanne in der Hand warf Kelly Bravo ihr über die Schulter hinweg einen Blick zu. „Wohl kaum.“

Renata lachte. „Kein Problem. Du bist vielleicht die Chefin hier, aber du bist einfach nicht mein Typ.“

Kelly füllte ihre Tasse und stellte die Kanne wieder auf die Wärmeplatte. Dann setzte sie sich gegenüber von Renata hin. „Also, wer ist denn nun dein Valentinsschatz?“

„Valentine. Das ist sein Name. Mitch Valentine, genauer gesagt.“ Renata hatte die „Sacramento Bee“ auf dem runden Tisch im Aufenthaltsraum ausgebreitet. Mit ihrer schmalen, gebräunten Hand zeigte sie auf ein Foto. Kelly sah nicht wirklich hin, zuckte die Schultern und nahm einen Schluck Kaffee.

„Du musst doch von ihm gehört haben“, beharrte Renata. „Millionär. Hat einen Haufen eigener Firmen. Hat bei Null angefangen. Und jetzt ein Buch geschrieben. ‚Der Weg zum Erfolg: Ändern Sie Ihre Einstellung, verändern Sie Ihr Leben.‘“

Kelly nahm noch einen Schluck. „Klingt ja … erbaulich. Aber nein. Sorry. Der Name sagt mir nichts.“

„Er hält heute Abend an der Valley University einen Vortrag. Da sollte ich vielleicht hingehen. Ganz egal, ob er mein Leben verändert oder nicht, er ist heiß. Und so reich, wie man nur sein kann. Attraktiv und wohlhabend. Besser geht es doch gar nicht, oder?“

„Na ja.“ Kelly hielt ihre Tasse hoch. „Sinn für Humor. Das ist für mich ein Muss.“

„Süße, wenn er reich und heiß ist, muss er mich nicht zum Lachen bringen. Dann vertreiben wir uns die Zeit mit Shopping – und mit Sex.“ Renata drehte die Zeitung um und schob sie Kelly hin. „Schau ihn dir nur mal an.“ Sie klopfte mit dem Finger auf das Foto. „Und dann erzähl mir, dass du den da von der Bettkante stoßen würdest.“

Kelly stöhnte. „Sorry. Kein Interesse. Alleinerziehende Mutter mit Vollzeitjob. Ich habe keine Zeit für so was.“

„Aber diese Augen. So intensiv. Schau ihn dir doch einfach mal an.“

Kelly gehorchte. „Oh. Er ist sehr …“ Sie verstummte. „Das kann nicht sein“, flüsterte sie.

„Wie bitte?“

Aber Kelly antwortete nicht. Sie starrte das Bild an und traute ihren Augen nicht.

Irgendwo, wie aus weiter Ferne, hörte sie, wie Renata fragte: „Kelly? Kelly, alles in Ordnung?“

Nein. Nichts war in Ordnung. Denn sie kannte diese Augen. Diesen Mund. Die markanten Augenbrauen.

Michael.

Er sah … älter aus.

Natürlich. Es war schließlich zehn Jahre her.

Seine Schultern waren breiter. Auf dem Foto wirkte er außerdem so … zuversichtlich. Als ob er bereit wäre, es mit allem aufzunehmen. Das genaue Gegenteil von dem Jungen, in den sie sich einmal verliebt hatte.

Aber trotzdem. Diese Augen und diesen Mund würde sie überall wiedererkennen. Ihre Jugendliebe, der schlaksige, schüchterne Computernarr Michael Vakulic, war jetzt Mitch Valentine.

„Himmel, Kelly. Geht es dir …“

„Bestens.“ Sie zwang sich dazu, aufzuschauen und zu lächeln. „Mir geht es prima.“ Sie tat so, als ob sie sich Luft zufächeln müsste. „Und wow. Du hast recht. Der Typ ist heiß.“

„Sag ich doch.“ Renata streckte die Hand wieder nach der Zeitung aus.

In diesem Augenblick tauchte Carol Pace, die Managerin des Centers, auf. „Renata, ich brauche die Akte Carera.“

Renata war eine von vier Familientherapeutinnen, die Kelly im Sacramento County Family Crisis Center beschäftigte. Renata konnte fantastisch mit Familien umgehen, die Probleme hatten. Was den Papierkram anging, war sie nicht ganz so perfekt. „Die sollte aber da sein. Abgelegt unter C.“

„Allerdings sollte sie das. Ist sie aber nicht.“

„Okay, okay, ich komme ja schon …“ Renata schüttelte den Lockenkopf, stand auf und folgte Carol.

Noch nie war Kelly so dankbar dafür gewesen, allein zu sein. Sie befahl ihren Händen, mit dem Zittern aufzuhören. Dann faltete sie die Zeitung zusammen, nahm ihren Kaffee und stand auf. Mit weichen Knien eilte sie zur Tür hinaus und den Gang hinunter.

Endlich erreichte sie ihr Büro.

Als das Schloss klickte, lehnte sie sich mit der Stirn gegen den Türrahmen und flüsterte verzweifelt: „Das kann nicht sein. Das kann einfach nicht sein …“

Ihr Herz raste. Sie holte tief Luft, atmete quälend langsam aus. Himmel. Sie zitterte am ganzen Körper. Nachdem sie noch mal tief durchgeatmet hatte, ging sie zum Schreibtisch. Dort stellte sie ihre Kaffeetasse auf den Steinuntersetzer, den ihre neunjährige Tochter DeDe höchstpersönlich bemalt hatte.

Michael, dachte sie. Oh Gott, Michael …

Sie ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen. Kelly krallte sich an den Armlehnen fest, sodass ihre Knöchel weiß hervorstanden. Die Zeitung wirkte so harmlos. Die „Sacramento Bee“ für Dienstag, den 13. Februar.

Aber diese Zeitung drohte jetzt, ihr Leben und das ihres einzigen Kindes für immer zu verändern.

Auf dem Foto in der Ecke des Schreibtischs trug DeDe rosa Strumpfhosen und Tutu und strahlte ihre Mutter an. Das Bild war von der Probe für ihre Tanzaufführung im letzten Herbst. Daneben stand eine Aufnahme von DeDe und Candy, der alten Hündin. Sie war eine schwarze Promenadenmischung, die ihnen vor fünf Jahren zugelaufen war und seither zur Familie gehörte. Im Bücherregal und auf dem Sideboard standen noch mehr Fotos von DeDe. Zwei zeigten Kelly und DeDe. Ein anderes DeDe mit ihrem Onkel Tanner, ein weiteres DeDe, Kelly und Tanner – und dann noch mit Hayley, der lange verloren geglaubten Schwester von Kelly und Tanner, die sie erst im letzten Juni wiedergefunden hatten …

Kelly schloss die Augen. Sie konnte sich alle Fotos in ihrem Büro noch einmal ansehen. Und dann noch einmal. Oder auch tausendmal. Aber irgendwann musste sie die Zeitung wieder aufschlagen. Sie konnte dem Bild in der Zeitung nicht entkommen. Oder den Tatsachen, denen sie sich jetzt stellen musste.

Schnell und entschlossen rollte sie den Stuhl an den Schreibtisch und faltete die Zeitung auseinander.

Und da war er wieder. Michael.

Älter, stärker, selbstsicherer … Und dennoch: Es war Michael. Da war sie sich ganz sicher.

Sie berührte das Gesicht auf dem Bild, schloss die Augen und flüsterte inständig, wie im Gebet: „Ich habe es versucht, das schwöre ich. Ich habe versucht, dich zu finden. Aber irgendwie, im Lauf der Jahre … Oh Gott. Es tut mir so leid.“

Wieder sackte sie in sich zusammen wie ein Häuflein Elend. So ging das nicht weiter. Jetzt musste sie tapfer sein. Sie richtete sich wieder auf, griff nach dem Telefon und wählte die Handynummer ihres Bruders.

Tanner ging beim zweiten Klingeln an den Apparat. „Tanner Bravo.“ Tanner war Privatdetektiv. Er hatte eine eigene Detektei, Dark Horse Investigations. Die ganze Zeit über hatte er nach Michael gesucht, aber ohne Erfolg.

„Ich bin’s.“ Ihre Stimme hörte sich geradezu lächerlich dünn an. „Hör mal, eine Frage: Kannst du heute Abend vielleicht vorbeikommen und ein paar Stunden auf DeDe aufpassen?“

„Hast du ein heißes Date?“ Tanner hörte nicht auf, sie aufzuziehen, weil sie nie ausging. Normalerweise zahlte sie es ihm mit gleicher Münze heim.

Aber im Augenblick fühlte sie sich nicht zu Scherzen aufgelegt. „Haha. Nein. Kein Date. Da hält so ein Typ einen Vortrag an der Valley University. So eine Motivationsgeschichte …“

„Du brauchst Motivation?“

„Eine der Therapeutinnen hier im Zentrum hat ihn empfohlen.“ Wenn auch nicht unbedingt wegen seiner rhetorischen Fähigkeiten.

„Bekomme ich ein Abendessen?“

„Braten und Brötchenklöße. Zum Nachtisch gibt es Vanilleeis und Haferplätzchen mit Rosinen.“

„Das war die richtige Antwort, Glück gehabt. Wann soll ich da sein?“

Sie überflog den Artikel. „Äh, der Vortrag fängt um halb acht an. Komm um sechs vorbei, dann essen wir, bevor ich gehe. Ich bin spätestens um zehn wieder da.“

Als sie auflegte, hatte sie einen Augenblick lang ein schlechtes Gewissen, weil sie ihm nichts gesagt hatte. Aber nein. Sie musste sich erst absolut sicher sein, bevor sie alle in Aufregung versetzte.

Mitch Valentine hielt seine Rede im Zentrum für Soziologie, im sogenannten „Delta Hall“-Auditorium, in dem mehr als tausend Zuhörer Platz hatten. Als Kelly um zwanzig nach sieben ankam, waren schon mehr als die Hälfte der Plätze besetzt.

Ganz schön viel Publikum für einen Selbsthilfe-Guru an einem Dienstagabend.

Kelly zögerte – nach oben oder nach unten? Vorne, in der Mitte oder hinten? Als sie sich schließlich für einen Sitz im vorderen Drittel der Sitzreihen entschied, war sie fix und fertig. Aber so war sie nahe genug an der Bühne, um erkennen zu können, ob Mitch Valentine tatsächlich Michael war.

Und weit genug weg, dass er sie wohl kaum in der Menge entdecken würde – falls es sich tatsächlich um Michael handelte. Und falls er sich an sie erinnerte.

Möglicherweise hatte er ja völlig vergessen, dass er jemals leidenschaftlich in ein Mädchen namens Kelly verliebt war. Seine Vergangenheit hatte er ja ganz offensichtlich hinter sich gelassen. Und er wusste nichts von DeDe. Noch nicht.

Neben ihr kicherte eine College-Studentin und drehte sich zu ihrer Sitznachbarin um. „Du hättest wirklich zu dem Empfang kommen sollen. Er hat meine Hand geschüttelt. Gott. Diese Augen. Diese Stimme. Du weißt doch, was ich sonst von diesen Vorträgen halte. Aber hier bin ich nun. Und wie du siehst, beklage ich mich kein bisschen …“

Ihre Freundin blieb unbeeindruckt. „Ich werde es ja erleben. Und ich kann diese Vorträge immer noch nicht ausstehen.“

„Glaube mir“, sagte das erste Mädchen, „sobald du ihn siehst, änderst du deine Meinung.“

Die beiden steckten die Köpfe zusammen und fingen an zu tuscheln.

Michael hatte schon immer eine angenehme, tiefe Stimme gehabt und schöne Augen. Als Kelly wieder nach vorne sah, gingen die Lichter über den Sitzreihen aus – und die Scheinwerfer über der Bühne an. Von hinten kam ein Mann auf die Bühne: groß, dünn, graues Haar …

Während das Publikum höflich applaudierte, ging der Grauhaarige ans Rednerpult. Er stellte sich als Vorsitzender der soziologischen Fakultät vor und setzte zu einer glühenden Lobrede an, um den Gastredner des Abends vorzustellen.

„Mitch Valentine ist der lebendige Beweis dafür, dass der amerikanische Traum wirklich wahr werden kann. Mit neunzehn hat er sein erstes Computerspiel entworfen. Wer hat schon mal Death Knot oder Midnight Destroyer gespielt?“ Überall reckten sich Hände in die Höhe. Der Professor lächelte. „Mitch Valentine hat sich dann der Software-Entwicklung verschrieben und eine Suchmaschine für Jobangebote speziell für Studenten kreiert. Viele von Ihnen haben FirstJob.com schon benutzt oder werden das noch tun, bevor sie ihre Bewerbungen abschicken. Danach hat Mitch sich mit Desktoppublishing beschäftigt. Heute, im Alter von achtundzwanzig Jahren, gehören ihm zwei börsennotierte Unternehmen mit Sitz in Dallas und in Los Angeles. Und er hat ein Buch darüber geschrieben, wie er das alles geschafft hat.“

Kellys Herz schlug wieder zu schnell. Michael wäre jetzt auch achtundzwanzig …

Und die Computerspiele. Seine große Leidenschaft.

Der Fakultätsvorsitzende redete weiter. Er erzählte, wie Mitch Valentine bei Null angefangen hatte. Wie er in Dallas als Obdachloser gelebt hatte und dann seinem Leben eine neue Richtung gegeben hatte. Dass er keine akademische Bildung, sondern nur einen Highsschool-Abschluss hatte, und es trotzdem heute zu etwas gebracht hatte.

Und dann sagte er endlich: „Und jetzt ist es mir eine große Freude und erfüllt mich mit aufrichtiger Bewunderung, dass ich Ihnen … Mitch Valentine vorstellen darf.“

Ein Tosen folgte. Applaus – und das Rauschen von ihrem Blut in Kellys Ohren.

Ein großer, breitschulteriger Mann in dunklem Anzug und schneeweißem Hemd mit leuchtend blauer Krawatte ging selbstbewusst über die Bühne. Kastanienbraunes Haar, dachte sie. Wie Michaels …

Im harten Licht der Scheinwerfer trat er ans Rednerpult. Und fing mit seiner Rede an.

„Vielen Dank, Dr. Benson. Ich werde mein Bestes tun, Ihrer Vorstellung gerecht zu werden …“

Seine Stimme.

Kelly wusste, dass er es war, als er sich zum Publikum umdrehte. Aber erst als sie seine Stimme hörte, spürte sie es auch tief in ihrem Herzen.

Es war Michael. Sie hatte endlich den Vater ihrer Tochter gefunden.

2. KAPITEL

Mitch Valentine, der früher einmal Michael Vakulic hieß, sprach über eine Stunde lang. Ohne Notizen. Er sprach darüber, wie es war, mit nichts anzufangen. Niemals aufzugeben. Das Unmögliche möglich zu machen. Träume zu verwirklichen.

Er war witzig und brillant und inspirierend. Und er wickelte das Publikum um den kleinen Finger. Sogar Kelly war beeindruckt – obwohl sie oft nicht ganz bei der Sache war.

Immer wieder gingen ihr Erinnerungen an den Michael, den sie früher gekannt hatte, durch den Kopf und stießen unsanft mit der Gegenwart in Person von Mitch Valentine zusammen.

In Gedanken sah sie Michael vor sich, ihren Michael, in einem billigen weißen T-Shirt und abgetragenen Schlabberjeans, dünn und schlaksig, mit schulterlangem, strähnigem Haar. Seine haselnussbraunen Augen leuchteten, und sein schmales Gesicht strahlte von innen heraus.

„Ich liebe dich, Kelly“, beteuerte er. „Du bedeutest mir alles. Ich werde mich immer um dich kümmern. Wir beide gegen den Rest der Welt …“

Mitch Valentine dagegen sagte: „Ein Ultimatum zu setzen? Ich glaube, das ist der einfachste Weg, sich selbst das Leben kaputt zu machen und dafür zu sorgen, dass man nicht bekommt, was man will …“

Kelly erinnerte sich an den Tag, an dem Michael sie selbst zu einer Entscheidung gezwungen hatte. „Du und ich, Kelly“, hatte er gesagt. „Erinnerst du dich nicht? So war das geplant. Für immer. Wenn du jetzt mit deinem Bruder mitgehst, ist das vorbei. Also entscheide dich. Für ihn oder für mich.“

„Aber Michael, er ist mein Bruder …“

„Er oder ich, verdammt noch mal. Entscheide dich einfach.“

Als er mit seiner Rede am Ende war, beantwortete Mitch Valentine Fragen.

Das zog sich eine halbe Stunde hin.

Schließlich bedankte er sich und wies darauf hin, dass er am nächsten Tag zwischen drei und fünf Uhr im Buchladen auf dem Campus sein neues Buch signieren würde. Die Lichter gingen wieder an, und die Bühnenscheinwerfer wurden gedimmt. Als schließlich alle bis auf die letzten Nachzügler zum Ausgang aufbrachen, zwang Kelly sich aufzustehen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie zwischen den Stuhlreihen durch und dann zielbewusst nach vorne ging. Auf beiden Seiten führten Treppen nach oben auf die Bühne. Sie nahm die linke.

Der letzte Student wandte sich ab, um zu gehen. Der Mann, der früher Michael hieß, warf Kelly einen Blick zu, die zögernd am Bühnenrand verharrte. Er lächelte.

Ihr Herz hörte auf zu rasen. Stattdessen fühlte es sich an, als würde es sich plötzlich weiten. Sie zitterte, und gleichzeitig wurde ihr ganz warm im Bauch. Jetzt war es endlich soweit.

„Kelly?“

Erleichterung durchflutete sie. Es bedeutete ihr so viel, dass er sich erinnerte. Dass er sie erkannte. Sie schluckte und nickte.

Er ging auf sie zu, so groß und stark und … imposant. Unglaublich. Dass ihr Michael als Erwachsener so eine Figur machte.

Jetzt stand er direkt vor ihr. Sie schaute hinauf in seine samtigen Augen, die in manchen Lichtverhältnissen dunkelbraun wirkten, in anderen grüne Flecken aufwiesen. „Ich muss zugeben, ich habe mich gefragt, ob du vielleicht hier irgendwo bist, ob du vielleicht nach Sacramento zurückgekommen bist …“

Als sie Schluss gemacht hatten, war sie nach Fresno gezogen, wo ihr Bruder Tanner wohnte und arbeitete, als er ihre Mutter endlich dazu gebracht hatte zuzugeben, dass er eine Schwester hatte. Damals war Tanner einundzwanzig. Als Kelly vor Gericht erklärt hatte, dass sie bei ihrem Bruder leben wollte, hatte der Richter ihm das Sorgerecht zugesprochen.

Sie rang nach Luft und zwang sich dazu, alles zu erklären. „Ein Jahr nachdem Tanner mich gefunden hat, ist meine Mom wieder krank geworden. Sie hat uns gebraucht. Und ich wollte sowieso hier studieren …“

Er lächelte wieder. Ein wunderschönes Lächeln. Wie Michaels damals. Auch wenn Michael selten gelächelt hatte. „Lass mich raten. Du hast ein Stipendium bekommen?“

„Stimmt.“

„Hab ich es doch gewusst. Und seither lebst du in Sacramento?“

„Ja. Ich … habe ein Haus hier. Einen Job, den ich liebe. Einen alten schwarzen Hund.“ Und eine Tochter, dachte sie. Deine Tochter …

„Mitch, bist du so weit?“, fragte jemand hinter ihr. Bei einem Blick über die Schulter sah sie, dass der grauhaarige Professor hinter der Bühne wartete.

Mitch hob die Hand. „Bin gleich da, Robert.“

Sie drehte sich wieder zu Mitch um. „Du musst jetzt wohl gehen. Aber …“ Was sollte sie nur sagen? Es kam ihr falsch vor, ihn einfach so zu überrumpeln, hier auf dem dunklen Podium.

„Hör mal.“ Er fixierte sie mit seinem Blick. Ein merkwürdiger Schauer überlief sie. Die Wärme, die von ihrem Magen ausging, erfasste ihren ganzen Körper.

Mein Gott, dachte sie, ich fühle mich immer noch zu ihm hingezogen – und ihm geht es genauso … Nach all den Jahren. Wer hätte das gedacht? Er hat sich so verändert. Und dann ist da noch DeDe. Oh Gott, was wird er tun, wenn ich ihm von DeDe erzähle?

„Ich halte viel davon, die Dinge einfach und klar zu halten.“

„Oh. Ja. Das ist mir auch lieber.“ Auch wenn es ihr grade schwerfiel, ganz direkt zu sein. Sonst hätte sie ihm schon erzählt, dass er Vater war. Aber nein. Es war keine gute Idee, einfach so damit herauszuplatzen.

„Bist du verheiratet?“, fragte Mitch. „Verlobt? Gibt es jemanden in deinem Leben?“

Verdutzt lachte sie auf. „Also, das ist wirklich direkt. Und die Antwort ist: nein, nein. Und noch mal nein.“

„Wunderbar.“ Die Luft um sie herum schien zu knistern. „Ich muss jetzt zu einem Empfang der Fakultät. Aber ich bin bis Donnerstagvormittag in der Stadt. Wie wäre es, wenn wir morgen Abend essen gehen?“

Am nächsten Tag war Valentinstag. Wie merkwürdig war das denn? Mit dem Vater ihres Kindes auszugehen, der sich jetzt Valentine nannte … und das am Valentinstag?

Aber egal wie seltsam das Ganze war, es wäre eine gute Gelegenheit – wenn es überhaupt eine gab –, um ihm alles zu sagen.

„Das dauert mir jetzt zu lange mit deiner Antwort“, meinte er. „Ich mache mir schon Sorgen, dass du Nein sagst – diesmal du zu mir.“

Ihre Wangen wurden ganz warm. Dann konnte sie einfach nicht anders. „Nein.“ Sie wartete gerade lange genug, bis er enttäuscht aussah. Dann fügte sie hinzu: „Nein, ich sage nicht Nein.“

Er lachte. „Um sieben? Soll ich mich umhören, und mir das perfekte Restaurant empfehlen lassen, oder weißt du schon, wo du gerne hingehen würdest?“

Sie schlug ein Lokal in der Stadtmitte vor. „Da ist es ruhig. Und das Essen ist gut.“

„Gut.“

Eilig fuhr sie fort, ehe er vorschlagen konnte, sie abzuholen: „Dann treffe ich dich im Restaurant, wenn dir das recht ist?“

„Ganz wie du willst.“

Sie trat zurück. „Also dann …“

„Bis morgen …“

„Um sieben. Ich werde da sein.“

Tanner lag ausgestreckt auf der Couch im Wohnzimmer und zappte sich durch das Fernsehprogramm, als Kelly nach Hause kam. Als sie hereinkam, machte er den Fernseher aus. Mühsam setzte er sich auf. Vor sechs Wochen hatte er einen Autounfall gehabt, und der Gips von seinem linken Arm und Bein war erst vor ein paar Tagen abgenommen worden. Die Ärzte meinten, dass sich in ein oder zwei Wochen nichts mehr steif anfühlen würden. Tanner gähnte. „Guter Vortrag?“

„Exzellent.“

„Wie war der Name noch mal?“

„Mitch Valentine.“

Er zuckte die Achseln. „Nie gehört.“

Und dann schaffte sie es einfach nicht, die Wahrheit vor ihm zu verheimlichen. Nicht vor Tanner, ihrem geliebten großen Bruder. Sie ging zu ihm hinüber, setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. „Schläft DeDe schon?“

„Sie ist um neun ins Bett gegangen. Schläft tief und fest.“

„Gut. Ich … Also, Mitch Valentine … Der Redner heute Abend …“

„Ja?“

„Das ist Michael.“

Tanner sah genauso vor den Kopf geschlagen aus, wie sie sich fühlte. Er ließ ihre Hand los. „Bist du sicher?“

Kelly nickte heftig. „Oh ja. Es ist Michael, auch wenn er sich sehr verändert hat. Weißt du noch, wie dünn er immer war? Jetzt ist er … richtig muskulös. Und reich. Hat gleich ein paar eigene Firmen. Und er hat ein Buch geschrieben darüber, wie er sein Leben umgekrempelt hat. Am Ende seiner Rede bin ich dageblieben. Als er mich gesehen hat, hat er mich auch erkannt.“

„Mitch Valentine – so nennt er sich jetzt?“

„Genau.“

„Wieso? Warum hat er seinen Namen geändert?“ Tanners Miene war undurchdringlich. Kelly wusste, was dieser Gesichtsausdruck bedeutete. Er würde sich die Nacht um die Ohren schlagen, um mit allen Tricks, die ihm als Privatdetektiv zur Verfügung standen, alles irgendwie Mögliche über den Mann namens Valentine herauszufinden.

„Oh, Tanner. Komm schon. Sei nicht so misstrauisch. Ich weiß, dass du ihn nie gemocht hast, aber …“

„Sorry, da bin ich misstrauisch. Der Typ löst sich in Luft auf. Zehn Jahre lang. Und jetzt taucht er plötzlich wieder auf, reich und schick – und mit einem neuen Namen?“

„Ich bitte dich. Leute ändern eben manchmal ihre Namen. Das ist doch kein Verbrechen.“

„Aber er hat dir nicht gesagt, warum er das getan hat.“

„Wir haben uns vielleicht drei Minuten unterhalten. Dafür hat die Zeit nicht gereicht. Morgen erfahre ich bestimmt mehr.“

„Morgen?“

„Wir gehen morgen Abend zusammen essen. Donnerstag reist er wieder ab.“

„Und du willst, dass ich wieder auf DeDe aufpasse, während du dich mit ihm triffst?“

„Wenn das geht …“

Einen Augenblick schwieg Tanner, dann nickte er. „Natürlich.“

„Danke.“

„Wann wirst du es ihr sagen?“

„Bald. Nachdem ich es ihm erklärt habe. Erst muss ich wissen, wie er darauf reagiert.“

Tanner nahm wieder ihre Hand. „Verdammt. Keine einfache Situation, was?“

Sie lehnte sich an ihn. „Ich kann kaum glauben, dass das alles wirklich passiert.“

„Das verstehe ich. Mir geht es genauso.“

Irgendetwas an seinem Tonfall ließ sie aufhorchen. „Jetzt fühle dich bitte bloß nicht mies, weil du ihn nicht gefunden hast. Ich weiß, dass du getan hast, was du konntest.“

Er schaute weg, aber nur ein oder zwei Sekunden lang. Dann sah er ihr wieder in die Augen. „Klar, ist sowieso besser, dass du den Typen jetzt gefunden hast.“

Da musste sie trotz ihrer Anspannung lächeln. „Ja. Und jetzt muss ich ihm sagen, dass er eine Tochter hat und dass er die ersten neun Jahre ihres Lebens verpasst hat. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass ihm das nicht besonders gefallen wird.“

Tanner schaute böse. „Er hat sich doch von dir abgewendet – und ist dann einfach verschwunden.“

„Bleib ruhig, Tanner. Vielleicht mache ich mir ja ohne jeden Grund Sorgen. Er ist ja kein verkorkster Teenager mehr. Er war wirklich charmant. Weltgewandt. Mit einem tollen Sinn für Humor …“

„Jetzt bin ich mir absolut sicher, dass du den falschen Kerl gefunden hast.“

„Ach, hör schon auf.“ Spielerisch versetzte sie ihm einen Klaps auf den Arm. In Gedanken fügte sie hinzu: Außerdem ist er sexy. Sehr, sehr sexy. Dann dachte sie daran, wie Mitch sie angesehen hatte und unterdrückte einen Seufzer.

„Der Mann soll sich bloß benehmen“, knurrte Tanner. „Das ist alles.“

„Da spricht der Beschützerinstinkt von meinem wunderbaren großen Bruder. Reg dich bloß nicht auf. Das meine ich ernst. Das ist ein Befehl.“

„Meinetwegen.“ Er musterte sie. „Du kommst klar?“

„Oh, das hoffe ich. Wirklich.“

3. KAPITEL

Mitch war früh dran.

Wie er es sich gewünscht hatte, befand sich der reservierte Tisch in einer zurückgezogenen Ecke mit gedämpftem Licht. Auf einer schneeweißen Tischdecke stand eine Öllampe. In einer quadratischen Kristallvase schwamm eine weiße Magnolienblüte.

Er nahm den Stuhl mit Blick zum Eingang und bestellte einen Tanqueray auf Eis. Als sein Drink serviert wurde, nahm er einen Schluck und musste dabei ein ironisches Lächeln unterdrücken. Ein paar Minuten mit Kelly, nach über zehn Jahren, und schon konnte er nur noch an sie denken.

Als der Kellner wieder auftauchte, folgte ihm Kelly.

Ihr Anblick traf Mitch wie ein Schlag. Das weiche braune Haar trug sie jetzt kinnlang. Diese Frisur betonte ihre blauen Augen und ihren roten Mund.

Schon immer hatte ihr Stil irgendwie „retro“ gewirkt. Er konnte sie sich gut in den Goldenen Zwanzigern vorstellen, wie sie bis ins Morgengrauen Charleston tanzte. Heute hatte sie einen grauen Rock an – eng um die Hüften, weit am Saum – und eine rote Bluse unter einem kurzen Blazer.

Ihre Blicke trafen sich, als sie auf ihn zukam. Ihre süßen Lippen zitterten beim Lächeln. War sie nervös?

Wenn ja, konnte er das verstehen. Ihm ging es auch so.

Er erhob sich, als der Ober ihr den Stuhl zurechtrückte. Sie bestellte ein Glas Weißwein, das augenblicklich serviert wurde.

Dann waren sie endlich allein.

Kelly lächelte ihn an. Das Kerzenlicht glitzerte golden in ihren Augen. „Also, wie ist die Autogrammstunde gelaufen?“

„Ich habe eine Menge Bücher verkauft und geredet, bis mir der Hals wehgetan hat. Man könnte sagen, es war ein Erfolg.“

„Glückwunsch.“

Er zuckte die Achseln. „Ich kann nur hoffen, dass der Rest der Lesereise auch so gut läuft.“

„Wie lange dauert das Ganze?“

„Drei Wochen. Wenn ich nach Hause komme, bin ich urlaubsreif.“

„Und wo bist du zu Hause?“

„Im Augenblick hauptsächlich in Los Angeles. Aber der Firmensitz von FirstJob.com ist in Dallas, also verbringe ich mehrere Wochen im Jahr dort.“

„Wahnsinn“, sagte sie. „Ich kann das alles gar nicht fassen. Du hast es wirklich weit gebracht.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Für einen Jungen, der in einer Wohnwagensiedlung groß geworden ist, meinst du?“

Sie hob ihr Glas. „Auf dich, Mitch.“ Er stieß mit ihr an, und sie nahmen einen Schluck.

„Also“, setzte er an, „wie sieht es bei dir aus?“

Der Ausdruck in ihren Augen veränderte sich. Eine gewisse … Besorgnis schimmerte auf. Aha. Sie hatte also Geheimnisse. Und er wollte wissen, welche. Verflixt. Er wollte einfach alles über sie erfahren, alles was in den zehn Jahren, seit er sie aus den Augen verloren hatte, passiert war.

„Hmm, wo soll ich anfangen? Ich leite das Sacramento County Family Crisis Center.“

„Das hört sich wie ein wichtiger Job an.“

„Auf jeden Fall ist der Service, den das Center anbietet, wichtig. So viel ist sicher.“

„Es ist eine Wohltätigkeitsorganisation, richtig?“

Sie lachte. Er würde Millionen bezahlen, einfach nur um dieses Lachen wieder regelmäßig zu hören. Jeden Tag am besten – morgens, mittags und mindestens zwanzigmal am Abend. „Da spricht der wahre Kapitalist“, meinte sie.

„Das sollte keine Kritik sein.“

„Na gut. Und ja, es handelt sich in der Tat um eine Wohltätigkeitsorganisation. Wir bieten Familienberatung an. Außerdem haben wir ein Heim für Kinder, die zeitweise einen Ort brauchen, an dem sie bleiben können, wenn es schlimme Probleme gibt.“ Ihre Augen leuchteten voller Stolz.

„Du stehst voll und ganz hinter deiner Arbeit.“

„Allerdings.“

„Und sie macht dir Freude.“

„Ja.“ Sie fuhr mit dem Finger über den Rand von ihrem Weinglas und warf ihm einen Blick zu. „Mitch, ich …“ Sie schien nicht zu wissen, wie sie fortfahren sollte.

Er wartete darauf, dass sie weitersprach. Als sie nichts sagte, fragte er: „Und wie geht es deiner Mutter?“

Sie stöhnte und legte den Kopf in den Nacken. „Oh Gott. Das ist eine lange Geschichte …“ Sie beugte sich wieder vor. „Erinnerst du dich an das berühmte Bravo Baby, das wegen der Diamanten seiner Eltern gekidnappt worden ist? Das Lösegeld wurde bezahlt, aber das Baby wurde nie zurückgegeben.“

„Natürlich erinnere ich mich. Du hast mir von ihm erzählt …“

„Stimmt, das habe ich, nicht wahr? Aber vor zehn Jahren hat niemand gewusst, dass das Baby überlebt hat oder wer der Kidnapper war. Ich habe mir immer vorgestellt, dass ich vielleicht mit ihnen verwandt bin. Mit der reichen Familie Bravo aus Bel Air …“

Er konnte von ihrem Anblick gar nicht genug bekommen und er sehnte sich danach, die Hand auszustrecken und ihr über die Wange zu streicheln.

„Das hast du dir schon immer gewünscht, nicht wahr? Eine eigene Familie?“

„Ja.“

Vor zehn Jahren hatte er sich gewünscht, ihre Familie zu sein. Er hatte sogar von ihr verlangt, der Mittelpunkt ihres Lebens zu sein. Deswegen hatte er sie verloren.

„Vor fünf oder sechs Jahren hat man herausbekommen, dass der Kidnapper der Onkel war, richtig?“

Die Geschichte war damals überall in den Schlagzeilen. Der berüchtigte Blake Bravo war nach einem Brand für tot erklärt worden. Dann hatte er das Baby seines Bruders entführt und noch dreißig Jahre gelebt, ohne dass jemand wusste, dass er noch am Leben war. „Jetzt ist er aber wirklich tot, oder?“

„Ja, das ist er.“

Ungefähr in diesem Augenblick merkte Mitch, worauf die Sache hinauslief. „Dein Vater, den du nie kennengelernt hast. Sein Name war doch …“

„Blake. Genau. Der Blake Bravo war mein Vater. Das Bravo Baby ist mein Cousin – er ist übrigens inzwischen erwachsen und lebt in Oklahoma City. Und der berühmte Millionär in seinem Herrenhaus in Bel Air? Das ist auch mein Cousin. Ich bin tatsächlich mit meiner Traumfamilie verwandt. Und wie sich herausgestellt hat, haben Tanner und ich praktisch im ganzen Land Halbgeschwister. Mein Vater war nicht nur ein Kidnapper, er war auch Polygamist und mit einer ganzen Reihe Frauen verheiratet. Er hat sie geheiratet und geschwängert und dann ist er auf und davon. Was mich daran erinnert: Tanner und ich haben auch noch eine andere Schwester. Meine Mutter hatte ein drittes Kind, von dem wir keine Ahnung hatten. Diese Schwester ist ein paar Jahre jünger als ich. Sie heißt Hayley, ist verheiratet und hat ein kleines Baby.“

„Warte mal einen Augenblick. Willst du damit sagen, dass deine Mutter drei Kinder hatte, alle drei in Pflegefamilien gegeben hat …“

„… und jedem erzählt hat, dass es ein Einzelkind ist? Genau. Ich weiß nicht, was sie dazu getrieben hat. Und jetzt ist es zu spät, das herauszufinden.“

„Wie meinst du das?“

„Sie ist letzten Mai gestorben. So haben wir Hayley gefunden. Wir haben uns getroffen, als wir meine Mutter zufällig alle gleichzeitig im Krankenhaus besucht haben.“

„Verdammt, das muss eine ganz schöne Überraschung gewesen sein.“

„Oh ja. Wenn ich so zurückdenke, wird mir klar, dass es mit Tanner leicht genauso hätte laufen können. Wir hatten Glück, weil Tanner sich daran erinnert hat, dass noch ein Baby da war, als Mom ihn weggegeben hat.“

„Dann steht ihr euch immer noch nahe, Tanner und du?“, fragte Mitch vorsichtig.

„Sehr sogar.“ Sie runzelte die Stirn. „Du bist doch nicht etwa immer noch sauer auf ihn?“

Ehe er antworten konnte, tauchte der Ober wieder auf. Sie beschäftigten sich ein paar Minuten mit den Speisekarten, bevor sie ihre Bestellung aufgaben.

Dann waren sie wieder allein. Und Kelly beobachtete ihn.

Der Moment der Wahrheit. Seit er sie am Vorabend auf der Bühne gesehen hatte, hatte er gewusst, dass er einen Weg finden würde, wieder mit ihr zusammen zu sein – und dass er sich entschuldigen musste.

„Vor zehn Jahren habe ich mich wie ein Idiot aufgeführt. Glaube mir, Kelly, das weiß ich jetzt. Du hast mich doch gestern Abend gehört. In meinem Buch und in meinen Vorträgen ist das ein wichtiger Punkt. Dass es nicht funktioniert, jemandem ein Ultimatum zu stellen. Aber ich habe dich gezwungen, dich zwischen mir und dem Bruder, den du gerade erst getroffen hattest, zu entscheiden. Ich kann zu meiner Verteidigung nur sagen, dass ich achtzehn war und verrückt nach dir. Und davon überzeugt, dass ich dich verlieren würde – was ich ja dann auch getan habe.“

Sie sah ihn sanft an. „Und dann hast du auch noch deine Mutter verloren.“

„Lungenentzündung. Wenigstens ist es schnell gegangen. Manchmal denke ich, dass es für sie eine Erlösung war. Sie war einfach nie wieder dieselbe, nachdem wir Deirdre verloren haben – und meinen Dad.“ Deirdre war zwei Jahre jünger gewesen als Michael. Im Alter von neun Jahren war sie gestorben, weil ein Betrunkener sie überfahren hatte. Michaels Vater hatte den Verlust der geliebten Tochter nicht verkraftet und die Familie kurze Zeit später verlassen. Seine Mutter hatte ihr Bestes gegeben, aber es nicht geschafft, das Haus zu halten. Die letzten Lebensjahre hatte sie in einem engen Wohnmobil verbracht.

„Deirdre“, flüsterte Kelly. Plötzlich stiegen Tränen in ihren Augen auf.

Er streckte die Hand aus. „Hey.“ Sie erlaubte ihm, ihre Hand zu nehmen. Wie gut es sich anfühlte, sie einfach nur zu berühren. „Weißt du noch? Du musstest schon immer weinen, wenn ich dir von DeDe erzählt habe.“

Sie schluckte und nickte. „Ich … ich habe doch gewusst, wie sehr du sie lieb gehabt hast. Und niemand sollte so jung sterben. Das ist einfach … so traurig.“

Kelly schaute weg und schluckte wieder. „Mitch, ich …“

„Was ist denn los?“

„Ich … also, ich …“

Da tauchte der Kellner mit den Vorspeisen auf.

Kelly entzog ihm sanft die Hand. Der Kellner fragte, ob er ihnen noch etwas zu trinken bringen konnte. Als sie ablehnten, zog er sich wieder zurück.

„Also“, fragte Mitch, „was willst du mir sagen?“

„Es ist nur so, dass ich“, sie nahm die Gabel in die Hand, „also, ich will, dass du weißt, dass ich zurückgekommen bin, um nach dir zu suchen, ein paar Monate nachdem ich weggezogen bin …“

Er schüttelte den Kopf. „Und da war ich spurlos verschwunden, was?“

„Genau. In eurem Wohnmobil haben fremde Leute gewohnt, die nicht wussten, wer du bist. Der Typ im Büro der Wohnwagensiedlung hat mir das mit deiner Mutter erzählt und dass er keine Ahnung hat, wo du bist. Eine Adresse hast du ja nicht hinterlassen.“

„Ich hatte keine. Das Wohnmobil war ja nur gemietet. Als die Miete fällig war, hatte ich das Geld nicht. Da ist mir klar geworden, dass ich sowieso nicht dort bleiben wollte. Also habe ich meinen Rucksack gepackt und bin losgezogen.“

„Und wohin?“

„Nach Dallas. Über L.A. und Las Vegas und Phoenix. Ein Jahr lang war ich obdachlos.“

„Oh, das tut mir so leid.“

„Warum? Das war ja nicht deine Schuld. Und man lernt verdammt viel, wenn man auf der Straße lebt – außerdem, weißt du was?“

„Hmm?“

„Wir haben heute diesen einen Abend. Morgen sitze ich im Flugzeug. Nach all den Jahren sind wir wieder zusammen. Das ist wie im Märchen. Und jetzt ich will wirklich keine Minute mehr damit verschwenden, über die ganzen traurigen Geschichten zu reden, die wir erlebt haben, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.“

Wieder lächelte sie mit zitternden Lippen ihr wunderschönes Lächeln. „Oh, Michael.“

„Mitch“, korrigierte er.

Sie seufzte. „Mitch.“ Dann warf sie ihm einen Blick zu. „Aber was diese traurigen Geschichten angeht, die haben uns doch erst zu den Menschen gemacht, die wir heute sind.“

„Das ist wahr.“

Sie trank den letzten Schluck von ihrem Wein. Er hatte das Gefühl, dass sie ihm gleich etwas Wichtiges sagen würde. Aber dann stellte sie ihm nur eine weitere Frage.

„Dein Name. Warum hast du ihn geändert?“

„Ich wollte … jemand anders sein. Und das bin ich jetzt auch.“

„Aber du bist immer noch Michael. Tief in deinem Inneren. Ganz egal, wie sehr du dich verändert hast.“

Er streckte die Hand aus. Sie auch. In der Mitte des Tisches, neben der weißen Magnolienblüte und im goldenen Kerzenschein berührten sie sich. Und hielten sich fest.

„Ich bin nicht Michael. Nicht mehr. Ich bin ein anderer Mensch. Der Mitch heißt. Und glaube mir, ich kann Mitch viel besser leiden als Michael.“

„Wann hast du deinen Namen geändert?“

„Als ich neunzehn war.“

„Ein Jahr nachdem …“

„… wir uns getrennt haben. Genau. Damals hatte ich gerade mein erstes Computerspiel fertig und habe bereits an dem zweiten gearbeitet. Endlich hatte ich ein bisschen Geld. Eine Mietwohnung. Das kam mir wie der Gipfel des Luxus vor.“

„Das muss großartig gewesen sein.“

„Saubere Bettlaken und ein voller Bauch. Allerdings.“

Sie lachte wieder. „Eigentlich wollte ich wissen, wie du es geschafft hast, in einem Jahr erfolgreich zu werden.“

„Na ja, bis dahin war es noch ein weiter Weg. Aber es ging mir auf jeden Fall besser.“

Damals hatte er sie noch fürchterlich vermisst.

Und dann war sie am Vorabend auf einmal da gewesen, hatte ihn angelächelt, gleichzeitig nervös und hoffnungsvoll.

Seither konnte er nicht aufhören, an sie zu denken.

Wieder zog sie ihre Hand weg. Sie nahm ihre Gabel und machte sich über den Spargelsalat her. Er kostete von den gefüllten Champignons, die er als Vorspeise bestellt hatte. Ein paar Minuten lang schwiegen sie. Das Essen war gut, und er hatte das Gefühl, dass die Stille verheißungsvoll war.

Schließlich fragte sie: „Warum Mitch Valentine?“

„Mitch hatte ich schon länger ausgesucht. Und ich bin am Valentinstag zum Anwalt gegangen, um den Namenswechsel durchzuführen. Da habe ich gedacht, warum nicht. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass Valentine wie der Name von einem Star klingt. Das hat mir gefallen.“

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Ihre Blicke begegneten sich. Kelly schaute zuerst weg. „Mitch“, sagte sie leise.

Er wollte sie küssen. „Es gefällt mir, wenn du meinen Namen sagst.“

Anspannung schimmerte in diesen blauen Augen auf. Und noch etwas anderes. Hatte sie Angst?

„Mitch, ich …“

„Was? Sag es. Erzähl es mir.“

Sie schüttelte den Kopf – und dann legte sie ihre Serviette neben den Teller. „Bin gleich wieder da.“ Dann stand sie auf und ging durch den Türbogen zur Damentoilette.

Er beobachtete, wie sie verschwand, und bewunderte ihre schlanke Figur mit den sanften, weiblichen Kurven. Wahrscheinlich hatte er es einfach zu eilig. Er sollte sie nicht bedrängen. Wenn sie zurückkam, nahm er sich vor, würde er sich zurückhalten. Dann musste er schief lächeln, als ihm klar wurde, dass er das niemals schaffen würde.

Gott sei Dank war die Damentoilette leer.

Kelly stützte sich mit den Händen auf dem Rand des Waschbeckens auf und beugte sich zum Spiegel vor. „Du wirst es ihm jetzt sagen“, befahl sie sich mit Flüsterstimme. „Du gehst da jetzt raus und wenn du wieder am Tisch sitzt, sagst du ihm, dass er eine Tochter hat.“

Sie richtete sich auf. Mit Bedacht strich sie sich die Haare glatt und zog den Rock zurecht. Sie wusch sich die Hände und trocknete sie ab.

Dann straffte sie die Schultern und ging zur Tür.

Als sie den Tisch erreichte, hatte der Kellner gerade den Hauptgang serviert. Kelly breitete die Serviette wieder über ihren Schoß. Sag es ihm, dachte sie. Sag es ihm, sag es ihm. Sie schaute auf und in seine fantastischen, dunklen haselnussbraunen Augen.

Und war verloren. Am Ende. Sie schaffte das einfach nicht.

Nach all den Jahren saß er ihr jetzt gegenüber. Und irgendwie war aus dem Jungen, in den sie sich damals verliebt hatte, die Art Mann geworden, von dem sie immer geträumt hatte.

Dieser Abend war wie ein schöner Traum. Ihr Traum. Nur sie beide, wie sie bei Kerzenlicht ein wunderbares Essen genossen und sich gut unterhielten.

Jeder Blick wirkte elektrisierend. Und als er die Hand ausstreckte und sie berührte …

Nur noch ein paar Minuten, sagte sie sich.

Sie würde es ihm sagen, bevor sie aufbrachen. Bevor der Abend vorbei war. Denn sobald sie das tat, würde sich alles ändern.

Der Traum wäre vorbei. Wahrscheinlich würde er wütend sein. Auf jeden Fall fassungslos. Der romantische Zauber wäre gebrochen.

Bis gestern Abend hatte sie nichts falsch gemacht. Sie hatte ja versucht ihn zu finden. Hatte nie daran gedacht, ihm die Wahrheit zu verheimlichen.

Aber ihm jetzt gegenüberzusitzen und zärtliche Blicke mit ihm zu wechseln, ihm von ihrem Leben zu erzählen und ihn zu ermuntern, ihr von seinem zu erzählen …

… das machte sie zur Betrügerin. Zur Lügnerin.

Das wusste sie.

Trotzdem entschied sie sich für ihren Traum und genoss die zauberhafte Illusion eines romantischen Abends.

Nach dem Essen tranken sie Kaffee und teilten sich eine Crème Brûlée. Der Vanillepudding fühlte sich warm und süß und seidig in ihrem Mund an. Sie schaute über den Tisch und dachte daran, Mitch zu küssen.

Langsam und tief und genüsslich. Ein Kuss, so süß wie Crème Brûlée.

Der Ausdruck in seinen Augen sagte ihr, dass er an etwas Ähnliches dachte.

Sie musste ihm jetzt von DeDe erzählen. Bevor sie das Restaurant verließen. Das wusste sie. Wirklich.

Aber sie schwieg noch immer.

Er bezahlte. Sie bedankte sich bei ihm. Dann standen sie auf. Er half ihr in den Mantel. Dabei spürte sie seine Hand an ihrem Rücken. Diese kleine Geste der Aufmerksamkeit wirkte auf verführerische Art und Weise besitzergreifend.

Er führte sie zur Tür. Sie sah zu ihm auf, und er lächelte sie an. Jede Faser ihres Körpers glühte. Sie sehnte sich nach seinem Kuss, nach seinen Händen auf ihrer nackten Haut.

Mitch stieß die Tür auf, und dann standen sie auf dem Bürgersteig in der kalten Nachtluft.

Mitch drehte sie zu sich herum. Gleichzeitig zog er sie ein bisschen näher an das Gebäude heran, in die Schatten und aus dem Weg anderer Fußgänger. Sanft legte er die Arme um sie und schaute zu ihr hinunter und dann …

„Schönen Valentinstag“, sagte er und senkte den Kopf.

Sie musste es ihm sagen, bevor er sie küsste.

Aber nein. Wieder erlag sie der Versuchung. Sie legte den Kopf in den Nacken und ließ sich küssen.

Sein Kuss …

… war alles, was sie sich erhofft hatte.

Zuerst nur eine Berührung – sein Mund, ihr Mund. Unvergleichlich. Sie sog seinen Atem ein. Süß wie Vanille, stark wie guter Kaffee …

Er vertiefte den Kuss. Sie seufzte. Öffnete sich ihm. Kostete ihn genauso, wie er sie.

Genau wie damals, dachte sie. Genau wie damals …

Er ließ seine Zunge in ihren Mund gleiten und liebkoste sie. Er war der Junge, der ihr alles bedeutet hatte, den sie von ganzem Herzen geliebt hatte.

Er war dieser Junge. Und noch mehr …

Er legte ihr die Hände um das Gesicht und löste den Mund von ihrem. Sie unterdrückte einen Laut des Protests, weil das bedeutete, dass dieser Kuss zu Ende war.

Oh, sie wollte einfach nicht, dass dieser wunderbare, intime Moment schon vorbei war. Sie wollte nicht, dass dieser Zauber verflog.

Seine Handflächen fühlten sich warm auf ihren Wangen an. Seine Finger ruhten sanft an ihren Schläfen. „Ich habe immer gedacht, dass ich wieder zu dir kommen würde“, sagte er, „damit wir es noch mal miteinander probieren könnten. Doch dann ist die Zeit vergangen. Ich habe beschlossen, dass es besser wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen … Aber heute Abend … dich wiederzusehen, wieder mit dir zusammen zu sein …“

„Ich weiß, was du meinst.“

Er hielt sie an den Schultern fest. „Okay, das ist jetzt völlig verrückt. Aber ich will einfach nicht, dass dieser Abend zu Ende geht. Meinst du … ist es möglich, dass du mich morgen begleitest?“

Die Frage traf sie vollkommen unvorbereitet. „Dass ich dich begleite?“

„Ich weiß, das ist verrückt. Aber nicht notwendigerweise unmöglich. Meinst du, man könnte dich ein paar Wochen entbehren?“

„Oh Gott.“

Er streichelte ihre Schulter – ach, das war ja so schrecklich! Warum hatte sie es ihm nicht schon vor einer Stunde gesagt, vor zwei Stunden?

„Okay“, sagte er. „Dann geht das vielleicht nicht. Aber na ja, ich habe eben gedacht, ich versuche es mal.“ Sein bitteres Lächeln brach ihr das Herz.

Wie schön wäre es, einfach nur Ja sagen zu können. Doch sogar wenn sie es schaffen würde, sich einfach so ein paar Wochen freizunehmen, gab es ja immer noch DeDe.

DeDe. Seine Tochter.

Das Kind, das sie ihm immer noch beichten musste.

„Oh Mitch.“ Sie hielt seine kräftigen Hände fest. „Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll. Den ganzen Abend schon habe ich es versucht und bin so jämmerlich gescheitert. Ich fühle mich einfach so … so furchtbar zu dir hingezogen.“

Er schaute sie mit einem schiefen Lächeln von der Seite her an. „Und das ist so schlimm?“

„Nein, ist es nicht. Es ist wundervoll. Viel zu wundervoll.“ Sie schloss die Augen. „Oh Gott.“

„Was? Was ist denn? Verdammt, Kelly. Sag mir, was los ist.“

„Ich …“

„Was denn?“

„Als wir uns vor zehn Jahren getrennt haben …“

Er nickte. „Ja? Was war da?“

„Also, da war ich, äh, schwanger.“

Eine Sekunde lang oder zwei verharrte er völlig regungslos. Als er sich dann bewegte, zog er die Hände weg. „Schwanger? Aber du hast mir nie …“

„Nein, habe ich nicht. Weil ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst habe. Meine Periode war erst zwei Wochen nach meinem Umzug nach Fresno zu Tanner überfällig. Als ich endlich einen Schwangerschaftstest gemacht habe, waren seit unserer Trennung schon sechs Wochen vergangen.“

„Aha.“ Seine Stimme war flach, ausdruckslos. „Also, was ist dann passiert?“

„Ich habe versucht, dich zu finden …“

„Und das hast du nicht geschafft. Verstanden. Und dann?“

„Ich …“ Sie verhaspelte sich. „Sieben Monate später habe ich ein Baby bekommen.“

Er zuckte zusammen, als ob sie ihn geschlagen hätte.

Und dann sagte er mit einer viel zu ruhigen Stimme: „Das ist jetzt ein Scherz, oder?“

„Nein. Nein, natürlich nicht. Ich würde niemals über so etwas Witze machen! Ich habe eine Tochter. Deine Tochter. Sie ist jetzt neun Jahre alt. Sie heißt Deirdre. Nach deiner Schwester. Wir, äh, wir nennen sie DeDe.“

„DeDe“, wiederholte er. „DeDe …“

„Mitch, hör mir zu. Bitte sei jetzt nicht wütend.“

Sein Blick ging ihr durch und durch. „Was für ein Spiel spielst du hier mit mir?“

„Kein Spiel. Das schwöre ich. Das ist kein Spiel.“

„Du bist da drin mit mir am Tisch gesessen, du hast mir alles von dir erzählt – abgesehen von einer Kleinigkeit, nämlich dem Allerwichtigsten …“

„Es tut mir leid. Ich habe es dir doch erklärt. Es war einfach … so wunderbar, wieder mit dir zusammen zu sein. Ich …“ In der Abendkälte schlang sie die Arme eng um ihren Körper. Sie bemühte sich, mit ruhiger Stimme weiterzusprechen. „Hör zu, ich weiß, dass ich Mist gebaut habe. Ich hätte es dir sagen sollen, sobald wir am Tisch gesessen sind. Ich hätte …“

„Versuch es mal mit vor zehn Jahren. Damals hättest du es mir sagen sollen.“

„Wie denn? Ich habe es doch damals selbst noch nicht gewusst. Und als ich zurückgekommen bin, da warst du weg. Auf und davon. Ohne mir die Möglichkeit zu geben, dich zu erreichen.“

„Du hättest nach mir suchen sollen.“

„Das habe ich getan.“

„Ich stehe in der Öffentlichkeit. Wenn du mich wirklich hättest finden wollen, dann hättest du das auch getan.“

„Mitch, du hast den Staat verlassen. Du hast auf der Straße gelebt. Als du wieder eine bürgerliche Existenz aufgenommen hast, hast du deinen verdammten Namen geändert.“

„Du hättest mich finden können. Dein Bruder verdient doch sein Geld damit, Leute zu finden. Er hätte mich finden können.“

„Das hat er auch versucht. Das schwöre ich. Das hat er die ganze Zeit versucht. Er …“

„Warte mal.“ Er kniff drohend die Augen zusammen. „Geld. Darum geht es, oder? Nur um Geld?“

„Was?“

„Schau mich jetzt nur nicht so süß und verwirrt an. Darauf falle ich nicht rein. Du willst nur Geld. Du hast ein Kind von irgendeinem anderen Kerl und jetzt willst du es mir unterschieben und dafür saftig Unterhalt kassieren.“

„Das ist lächerlich. Und gemein.“

„Nicht aus meiner Sicht.“

Ein paar Männer in Anzug und Krawatte verließen das Restaurant und gingen um das Gebäude herum zum Parkplatz. Dabei gaben sie sich Mühe, Kelly und Mitch nicht anzustarren. Die Szene brachte ihr zu Bewusstsein, dass sie nicht die ganze Nacht hier stehen bleiben und sich gegenseitig Entschuldigungen und Anschuldigungen an den Kopf werfen konnten.

„Hör zu, ich weiß, das war jetzt ein Riesenschock für dich. Und ich weiß, dass ich Mist gebaut habe. Ich bin dieses Gespräch völlig falsch angegangen – wenn es überhaupt einen richtigen Weg gibt, einem Mann zu sagen, dass man vor neun Jahren sein Kind auf die Welt gebracht hat. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass wir zusammen ein Kind haben. Du hast eine Tochter. Das ist etwas, das du wissen musst. Und jetzt weißt du es.“

Das schien ihn zu beruhigen. Er wandte sich ab, dann drehte er sich wieder um. Er hob die Hand und rieb sich den Nacken. „Du hast recht. Das ist ein Schock.“

„Ja. Natürlich. Das verstehe ich.“

„Ich weiß gar nicht, was ich denken soll. Ich brauche etwas Zeit, um das äh … zu verdauen.“

„In Ordnung.“

„Ich … melde mich. Darauf kannst du dich verlassen.“

„In Ordnung. Ganz wie du willst …“

Er entfernte sich bereits von ihr, das Handy am Ohr. Eine schwarze Stretchlimousine rollte um die Ecke und blieb stehen. Der Fahrer stieg aus, eilte um das Auto herum und machte Mitch die Tür auf. Mitch stieg ein.

Ein paar Sekunden später fuhr das schwarze Auto los und verschwand in der Dunkelheit.

Tanner setzte sich auf und legte die Fernbedienung weg. „Also, wie hat er reagiert?“

Kelly warf Mantel und Handtasche auf einen Sessel. „Nicht gut.“

Tanner stand auf. „Verdammt.“ Er musterte sie. „War es schlimm?“

„Richtig furchtbar.“

Er fluchte. Und dann kam er um den Couchtisch herum und umarmte sie. „Du musst Geduld haben, okay? Das wird sich schon einrenken.“

„Ich weiß nicht. Er hat ein paar schreckliche Sachen gesagt. Er war wirklich, wirklich wütend.“

„Was für Sachen?“

Der Ausdruck in Tanners dunklen Augen gefiel ihr nicht. „Nein nein.“ Sie löste sich aus seiner Umarmung und ließ sich in den Sessel fallen.

„Was? Ich habe doch nur gefragt, was er zu dir gesagt hat.“

„Das musst du nicht wissen.“

„Aber …“

„Hör auf. Du hast ihn nie gemocht. Das ist mir klar. Aber er ist DeDes Vater. Wenn er sich etwas beruhigt hat, werden wir uns mit ihm auseinandersetzen. Es wird keinen Grund geben, dich ihm gegenüber noch feindseliger zu verhalten, als du es sowieso schon tust.“

Schließlich zuckte er die Schultern. „Na schön. Dann sagst du mir eben nicht, wie dämlich sich der Kerl heute Abend aufgeführt hat. Ich brauche keine weiteren Beweise dafür, dass er ein Idiot ist.“

Kelly rieb sich die Schläfen, die anfingen vor Schmerzen zu pochen. „Ist er nicht. Er hat sich aus dem Nichts heraus ein fantastisches Leben aufgebaut. Er ist klug und witzig und warmherzig. Ja, die Neuigkeiten über DeDe hat er nicht gut aufgenommen. Aber ich habe das heute Abend zu lange hinausgezögert. Das war dumm. Und falsch. Das ist alles.“

Tanner schaute immer noch böse. „Du warst schon immer viel zu nachsichtig, was ihn angeht. Und bist schon immer viel zu hart mit dir selbst ins Gericht gegangen.“

Mit einem Seufzer legte sie den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. „Das musst du natürlich sagen. Du bist mein Bruder.“

Er knurrte irgendetwas vor sich hin.

Sie zwang sich, ihren müden, schmerzenden Kopf zu heben, als er sich auf die Armlehne des Sofas setzte. „Danke, dass du Babysitter gespielt hast.“

„He, dafür sind Onkel doch da, oder?“

„War DeDe brav?“

Er nickte. „Sie ist ein tolles Mädchen. Übrigens, Hayley hat angerufen.“

„Hast du ihr gesagt, wo ich heute Abend war?“

„Äh, nein. Das habe ich dir überlassen. Ich habe nur gesagt, dass du sie anrufst.“

„Mache ich auch. Gleich morgen früh.“

Tanner schaute zu den hohen Fenstern hinüber, die zum Pool hinausgingen. „Ich habe ein paar Nachforschungen über Mitch, vormals Michael, angestellt.“

„Das war mir klar.“

„Wenigstens ist er wirklich reich. Ich habe sein Buch über Amazon bestellt. Es hat gute Kritiken bekommen.“

„Schau nicht so überrascht. Mitch ist ein sehr kluger Mann.“

„Hätte ich früher nie geglaubt – dir habe ich übrigens auch ein Exemplar bestellt.“

„Danke. Du bist wirklich ein toller großer Bruder, weißt du das?“

„Ich tu mein Bestes.“ Er stand wieder auf. „Dann verschwinde ich mal. Geh ins Bett, bevor du noch im Sessel einschläfst.“

„Hmm“, machte sie und lehnte den Kopf wieder zurück.

Sie hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel, als er ging.

Am nächsten Tag rief Kelly in der Mittagspause Hayley an und erzählte ihr alles.

„Das muss man sich mal vorstellen“, sagte ihre Schwester beinahe ehrfürchtig, „plötzlich ist er wieder ein Teil deines Lebens.“

Kelly lachte leise. „Äh. Na ja. So würde ich das nicht sagen. Er hat nur gesagt, dass er sich melden wird. Darüber nachzugrübeln, was er konkret vorhat, bringt mich jetzt schon um.“

„Ich bin sicher, lange wirst du nicht warten müssen.“

„Also, er muss ja jetzt erst mal diese dreiwöchige Lesereise hinter sich bringen. Daher sehe ich ihn auf jeden Fall erst wieder, wenn die vorbei ist.“

„Was ist mit DeDe? Hast du ihr gesagt, dass man ihren Vater gefunden hat?“

„Darüber habe ich schon nachgedacht – die ganze Nacht, ehrlich gesagt. Anstatt zu schlafen. Aber am Ende habe ich beschlossen, damit noch zu warten.“

„Worauf denn?“

„Um zu sehen, was Mitch unternimmt. Das war ein Riesenschock für ihn, und ich habe mich ziemlich dumm dabei angestellt, es ihm zu sagen.“

„Wie denn?“

„Es ist … einfach so, dass ich richtig Mist gebaut habe.“

„Na schön. Endlich ist es bewiesen. Auch du bist nur ein Mensch. Also los, spuck es aus.“

„Also, da war sofort diese … diese Anziehungskraft. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Aber das nicht. Es ist so lange her, seit ich in ihn verliebt war. Wir waren damals doch nur Teenager. Und heute ist er so ganz anders als früher.“

„Du doch auch.“

„Ja. Egal. Jedenfalls haben wir uns beide voneinander angezogen gefühlt. Also habe ich damit gewartet, ihm alles zu sagen. Ich wollte ganz einfach nicht, dass der schöne Abend so schnell vorbei ist, verstehst du? Außerdem wusste ich wirklich nicht, wie ich das anstellen soll. Am Ende habe ich es irgendwie geschafft. Aber nicht besonders geschickt, das kannst du mir glauben. Es hat sich einfach schrecklich angehört. Wie eine riesengroße Lügengeschichte, die ich mir ganz spontan ausgedacht habe. Er hat mir auch gleich vorgeworfen, dass ich ihn nur reinlegen will, dass ich es auf sein Geld abgesehen habe. Es war furchtbar.“

„Oh nein.“

„Genau.“

„Aber jetzt“, meinte Hayley, „ganz egal, wie schwierig es für dich war, es ihm zu sagen, und wie schlecht es gelaufen ist, hast du es hinter dir. Er weiß Bescheid. Also versuch mal, dich zu entspannen. Du hast jetzt mindestens drei Wochen Zeit, bis du dich wieder mit ihm befassen musst.“

„Drei Wochen. Richtig. Wenigstens etwas.“

Aber als Kelly an diesem Abend nach Hause kam, stand einen schwarze Limousine vor dem Haus. Mitch wartete vor der Haustür, die Hände tief in den Taschen von seinem schicken Wintermantel vergraben. Bei seinem Anblick lief ihr ein Schauer den Rücken hinunter, und sie bekam Schmetterlinge im Bauch.

Er betrachtete sie mit einer Mischung aus Abneigung und Ungeduld.

Wie schön. Sie bekam weiche Knie beim Anblick eines Mannes, der sie offensichtlich verabscheute. Konnte es etwas Erbärmlicheres geben?

„Ich habe mich schon gefragt, wie lange ich hier noch herumstehen muss“, knurrte er.

„Darf ich mal? Du bist im Weg“, sagte sie gepresst. So viel zu meiner dreiwöchigen Schonfrist.

Er machte einen Schritt zur Seite. Sie schloss die Tür auf, und er folgte ihr ins Haus. „Wo ist das Kind?“

„Sie hat Tanzkurs. Sie sollte bis um halb sieben zu Hause sein.“

„Holst du sie ab?“

„Nein. Die Eltern wechseln sich ab. Heute ist nicht mein Tag.“ In mehr als einer Beziehung, dachte sie. „Was ist mit deiner Lesereise?“

„Ich habe die Tour abgesagt. Bis diese Situation hier bereinigt ist.“

„Geht das? Kannst du so eine wichtige Reise einfach absagen?“

„In Anbetracht der Tatsache, dass ich genau das getan habe, ist die Antwort wohl Ja. Gib mir die Adresse von der Tanzschule. Dann hole ich das Kind ab.“

„DeDe. Sie heißt DeDe.“

Er sagte nichts. Die Lippen hatte er zu einer unfreundlichen, schmalen Linie zusammengepresst und schaute geradewegs durch sie hindurch.

Sie würde nie im Leben zulassen, dass dieser Fremde mit den kalten Augen in seiner Limousine davonbrauste, um ihre Tochter abzuholen.

„Wir fahren zusammen hin“, erklärte sie mit hocherhobenem Kopf und angestrengtem Lächeln.

„Wie du willst.“ Er drehte sich bereits zur Tür um.

„Warte mal!“

Mit offenkundigem Widerwillen wandte er sich noch einmal zu ihr um. „Was ist denn jetzt schon wieder?“

„Wir müssen noch nicht los. Ihre Tanzstunde hat gerade erst angefangen …“

„Umso besser.“

„Äh, wie bitte?“

„Solche Studios haben doch einen Wartebereich, damit die Eltern zuschauen können, oder?“

„Du willst ihr … zusehen?“

Sein grimmiger Gesichtsausdruck verstärkte sich. „Hör zu, das hier ist nicht einfach für mich, okay? Wenn ich das Kind erst mal sehen könnte, bevor ich darüber nachdenken muss, was ich zu ihr sage, wäre das gut.“

Sie bemühte sich, bei seinem wütenden Blick nicht zusammenzuzucken. „Na gut.“

Während der kurzen Fahrt zum Tanzstudio wechselten sie keinen Blick. Sie saß auf ihrer Seite und er auf seiner.

Das war ihm nur recht. Sie sorgte nur für Schwierigkeiten. Das wusste Mitch.

Trotzdem fühlte er sich zu ihr hingezogen. Immer noch. Gestern Abend hatte er den Fehler gemacht zu denken, dass sie die Vergangenheit hinter sich lassen und es noch einmal miteinander probieren könnten. Dann hatte sie ihn aus heiterem Himmel mit dem Kind konfrontiert.

Das war das letzte Mal, dass sie ihm so übel mitspielen würde. Er würde sich das Kind ansehen und einen Vaterschaftstest durchführen lassen. Und wenn das Mädchen tatsächlich seine Tochter war, dann würde er ihr auch ein Vater sein. Und zwar nicht nur mit dem Scheckbuch. Die Frau neben ihm würde sich daran gewöhnen müssen, dass er am Leben seines Kindes teilhaben wollte.

Deirdre. Er konnte immer noch nicht glauben, dass sie die Chuzpe hatte, das Kind nach seiner kleinen Schwester zu nennen – und gleichzeitig machte diese Wahl es wahrscheinlicher, dass es sich tatsächlich um sein Kind handelte. Denn warum hätte sie dem Kind eines anderen Mannes den Namen seiner Schwester geben sollen?

Zehn Minuten später ließ der Fahrer sie vor Madame Arletty’s International Dance Academy aussteigen.

Das Studio war ein einstöckiges Ziegelgebäude. Wandmalereien mit Figuren in Bewegung bedeckten die Mauern neben den Glastüren des Haupteingangs. Ein Schild über den Türen machte Werbung für Tanzkurse.

Kelly führte ihn einen Flur hinunter und eine Treppe hinauf. Musik kam durch die Wände: klassische Musik, Jazz, ein Musicalhit, den das Klappern von Stepptanzschuhen auf Holzfußboden begleitete.

Am Ende eines langen Ganges öffnete Kelly eine Tür. Hier hörte man seltsame Musik, die keinen erkennbaren Rhythmus hatte: unregelmäßige Trommelschläge unterbrachen heulende Laute und Flötenmusik.

„Hier entlang“, flüsterte Kelly.

Wie erwartet standen ein paar Plastikstühle in einer Reihe vor einem großen Innenfenster. Zwei Frauen um die dreißig saßen da und beobachteten, was auf der anderen Seite der Scheibe vor sich ging. Kelly nahm sich einen Stuhl, und Mitch setzte sich neben sie.

Hinter dem Fenster bewegten sich ungefähr zwanzig kleine Mädchen in schwarzen Leggings zu der merkwürdigen Musik. Es wirkte, als ob jedes Kind in seine eigene, kleine Welt vertieft war. Sie bewegten sich scheinbar zufällig, ohne einen echten Rhythmus oder ein erkennbares Muster. Die Lehrerin bewegte sich zwischen den kleinen Tänzerinnen. Hier veränderte sie Armhaltung eines Mädchens, dort sorgte sie für eine gerade Schulterhaltung.

Zuerst sahen für Mitch alle Mädchen gleich aus. Aber nach ein oder zwei Minuten fiel ihm ein Mädchen mit langen hellbraunen Haaren auf. Sie drehte dem Fenster den Rücken zu. Daher konnte er nicht sagen, warum sie seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Seine Schwester hatte zwar auch braune Haare gehabt, doch das galt auch für einige andere Mädchen in dem vollen Raum. Das Kind, das ihm aufgefallen war, bewegte sich nicht sehr anmutig, aber dafür voller Begeisterung. Sie breitete mit gespreizten Fingern die Arme aus, dann machte sie sich ganz klein.

Sie hatte etwas an sich, das …

„Das ist sie …“, flüsterte Kelly und deutete auf das Mädchen.

In diesem Augenblick schwankte die Kleine ein bisschen, unbeholfen, und drehte sich zum Fenster um. Sie hatte große Augen, ein rundes Gesicht und ein glückliches Lächeln, das Grübchen zeigte. Und er wusste, dass ein Vaterschaftstest nicht nötig war.

Das Kind sah genauso aus wie die Schwester, die er vor fast zwanzig Jahren verloren hatte.

4. KAPITEL

Das Mädchen – seine Tochter – saß auf einem Plastikstuhl vor dem Zuschauerfenster und band sich den zweiten Schuh zu. Dann ließ sie die Beine baumeln. Mit ernstem Gesichtsausdruck und strahlenden haselnussbraunen Augen warf sie Mitch einen Blick zu.

„Ich weiß, meine Mom hat dir erzählt, dass ich Deirdre heiße. Aber sie hätte sagen sollen, dass alle mich DeDe nennen.“ Sie faltete die Hände im Schoß, als ob sie Angst davor hatte, er würde erwarten, dass sie ihm die Hand schüttelte.

„DeDe. Ja, ich weiß.“

„Mom hat gesagt, dass du uns nach Hause fährst.“

„Das stimmt.“

„Sie ist weggegangen, um Mrs Babcock zu sagen, dass ich doch keine Mitfahrgelegenheit brauche.“

„Ja, ich weiß Bescheid.“

Während Mitch sich darum bemühte, sie nicht anzustarren, zog DeDe die Jacke an und schulterte ihren lila Rucksack. Dann faltete sie die kleinen Hände wieder im Schoß und schwenkte die Beine vor und zurück.

Er war überwältig von ihrem Anblick. Trotzdem zwang er sich wegzuschauen. Entschlossen konzentrierte er sich auf den leeren Raum auf der anderen Seite der Glasscheibe.

Endlich tauchte Kelly wieder auf. „So, das wäre erledigt“, sagte sie mit gespielter Fröhlichkeit. „Fertig?“

Er nickte und stand auf.

DeDe rutschte von ihrem Stuhl. „Fertig.“ Der nervöse Blick, den sie ihm zuwarf, entging Mitch nicht.

Er musste lernen, sich in ihrer Gegenwart zu entspannen. Aber jedes Mal, wenn er sie anschaute, traute er seinen Augen kaum. Seine Tochter hatte nicht nur den Namen seiner toten Schwester, sie sah auch noch genauso aus.

Er folgte Kelly und dem Kind. Als sie die Treppe erreicht hatten, fiel ihm ein, dass er das Auto kommen lassen musste. Er holte sein Handy heraus und rief den Fahrer an.

„Wir sind so weit“, sagte er, als John sich meldete. Beim Klang seiner Stimme schaute DeDe überrascht nach hinten. Dann bemerkte sie, dass er ein Mobiltelefon in der Hand hatte. Ihre Erleichterung brachte ihn beinahe zum Lächeln. Offensichtlich war sie zu dem Schluss gekommen, dass er ein sehr merkwürdiger Mann war, der einen anstarrte und Selbstgespräche führte.

Die Abendluft war kühl und frisch. Schon näherte sich die Limousine.

DeDe strahlte ihre Mutter an. „Oh, Mom. Eine echte Limousine! Das hast du gar nicht erzählt.“

„Nur das Beste für uns.“ Wegen des Kindes tat sie so, als ob sie Mitch anlächeln würde. Aber das Lächeln wirkte aufgesetzt. „Oder, Mitch?“

DeDe saß zwischen ihnen. Während der kurzen Fahrt plapperte sie vor sich hin, bewunderte den Fernseher und zeigte sich fasziniert vom Navigationssystem im Armaturenbrett.

Dann bat sie um eine Sprite aus der Bar.

„Klar“, sagte Mitch und nickte. „Nimm dir eines.“

„Und was sagt man da?“, ermahnte Kelly sie liebevoll.

Da schaute DeDe zu ihm auf. „Danke.“

Auf einmal hatte er ein ganz komisches Gefühl in der Herzgegend. Ihm wurde klar, dass sein Leben nie mehr so sein würde wie vorher. „Äh, gern geschehen.“

„Bleibt er zum Abendessen?“, flüsterte DeDe.

Kelly warf die Spaghetti ins kochende Wasser. Mitch war im hinteren Wohnzimmer, schaute Nachrichten und machte irgendwelche Anrufe auf seinem Mobiltelefon. Da er keine Anstalten machte aufzubrechen, sagte Kelly: „Ja. Du kannst für ihn mit decken.“

„Ist der etwa dein Freund?“ DeDe runzelte die Stirn.

„Er … er ist ein Freund von mir. Warum?“

„Woher seid ihr befreundet?“

Sie würde mit Mitch ein ernstes Wort reden müssen. „Ich habe ihn gekannt, als ich jung war.“

„So alt wie ich?“

„Nein, ich war ein bisschen älter. Jetzt deck bitte den Tisch.“

DeDe blieb wo sie war. „Ist er traurig oder so?“

Kelly rührte die Nudeln um. „Hat er das gesagt?“

„Nein. Vielleicht ist er einsam.“

Kelly fuhr DeDes Haaransatz entlang und streifte ihr sanft die langen, geraden Strähnen über die Schulter zurück. „Vielleicht solltest du ihn das fragen.“

DeDe dachte über diesen Vorschlag nach. Im Wohnzimmer lief der Fernseher weiter, und Mitch sagte etwas am Telefon, das Kelly nicht verstehen konnte. Ihre Hündin Candy, die auf dem Boden neben dem Küchentisch ausgestreckt dalag, hob das Hinterbein und kratzte sich am Ohr.

Schließlich zuckte DeDe die Schultern. „Ich decke mal den Tisch.“

Kelly drückte ihre Schulter. „Ein guter Plan.“

Ein paar Minuten später setzten sie sich zum Essen hin.

Offensichtlich hatte Mitch inzwischen begriffen, dass er DeDe nicht die ganze Zeit anstarren musste, als ob er seinen Augen nicht trauen konnte.

Er fragte sie über ihre Schule und ihre Lehrer und ihre Tanzstunden aus. DeDe, die sonst nur zu gerne über sich selbst redete, gab einsilbige Antworten. In Rekordzeit hatte sie aufgegessen und bat darum, aufstehen zu dürfen.

„Ich muss noch Mathehausaufgaben machen“, behauptete sie und ging in ihr Zimmer. Candy humpelte mit wedelndem Schwanz hinter ihr her.

Kelly warf Mitch einen Blick zu. Er sah niedergeschlagen aus. „Noch Wein?“

„Sie kann mich nicht leiden.“

Kelly gab ihm die Flasche und beobachtete, wie er sein Glas nachfüllte. „Lass ihr Zeit.“

„Wie lange?“

„Sorry. Ob du es glaubst oder nicht, ich weiß nicht auf alle Fragen eine Antwort.“

Er warf ihr einen finsteren Blick zu. „Und jetzt kommst du mir so. Na wunderbar.“ Er stürzte einen großen Schluck Wein hinunter.

Sie ermahnte sich, daran zu denken, wie schwierig die Situation war und dass niemand etwas von einem Streit hatte. „Versuche mal, das Ganze aus DeDes Sicht zu sehen. Ein Fremder taucht bei ihrer Tanzstunde auf. Er wirkt aufgeregt. Und aus irgendeinem Grund scheint er sich sehr für sie zu interessieren, obwohl sie nicht weiß warum.“

Sein Blick wurde nicht freundlicher. „Worauf willst du hinaus?“

„Sogar Kinder können misstrauisch sein. Sie weiß nicht, was du hier zu suchen hast.“

„Hat sie dich nach mir gefragt?“

„Ja. Sie wollte wissen, ob du mein Freund bist. Ich habe ihr gesagt, dass du ein Freund bist – auch wenn wir beide wissen, dass das nicht stimmt. Und ich bin sicher, das hat sie auch gemerkt.“

Er stellte seinen Wein ab und lächelte höhnisch. „Willst du damit sagen, dass ich netter zu dir sein soll?“

Wieder rief sie sich ihren Vorsatz ins Gedächtnis, nicht mit ihm zu streiten. Egal wie sehr er sie provozierte. „Wenn du meine Meinung wissen willst, dann finde ich, du solltest ihr sagen, dass du ihr Vater bist. Du solltest es ihr gleich sagen.“

„Ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt.“

„Tja, das tut mir aber leid. Jetzt habe ich sie dir trotzdem gesagt.“ Entschlossen wickelte sie Spaghetti um ihre Gabel und steckte sie in den Mund. Er beobachtete sie, während sie kaute. Sie schluckte schwer. „Was ist? Habe ich Spaghettisauce am Kinn oder was?

Er drehte das Weinglas hin und her. „Ich glaube, es ist keine gute Idee, sie mit so etwas zu überfallen, wenn sie mich überhaupt nicht kennt.“

Das ist absoluter Blödsinn, dachte Kelly, aber sie hatte genug Selbstbeherrschung, um das nicht so deutlich zu sagen.

Er hob sein Glas wieder hoch. „Ich hatte vor, einen Vaterschaftstest machen zu lassen“, sagte er ganz nebenbei.

„Tu einfach, was du für richtig hältst. In gewissen Grenzen, jedenfalls.“

„Und die wären?“

„Wenn du zu weit gehst, wirst du es merken, Mitch. Das kannst du mir glauben.“ Es erfüllte sie mit freudloser Genugtuung, dass sie wesentlich selbstsicherer klang, als sie sich fühlte.

Ein paar Sekunden lang musterte er sie mit unfreundlicher Miene. „Ich wollte gerade sagen, dass ein Vaterschaftstest nicht nötig ist. Ich weiß, dass sie meine Tochter ist.“

Meine Tochter. Es gefiel Kelly nicht, wie er das sagte. Wollte er ihr damit sagen, dass ihr ein Sorgerechtsverfahren bevorstand?

Was den Vaterschaftstest anging, war sich Kelly ziemlich sicher gewesen, dass er keinen verlangen würde – jedenfalls nicht, wenn er DeDe erst einmal gesehen hatte. Vor vielen Jahren hatte er ihr einmal das Fotoalbum seiner Familie gezeigt. Die Ähnlichkeit zwischen DeDe und ihrer Namensschwester war unverkennbar.

„Es ist deine Entscheidung. Ich verstehe, dass es für dich wichtig ist, ohne jeden Zweifel Bescheid zu wissen.“

„Das tue ich jetzt.“

„Na gut. Noch Spaghetti?“

„Nein danke.“

Sie stand auf und trug ihren Teller und die Salatschüssel zum Waschbecken. Als sie gerade ihren Teller oberflächlich reinigte, spürte sie ihn hinter sich.

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