Logo weiterlesen.de
Vier Hochzeiten und ein Happy End / Ein Traum aus Glück und weißer Spitze / Der schönste Tag im Leben / Trau dich und sag ja!

Millie Criswell

Vier Hochzeiten und ein Happy End

1. KAPITEL

Es war ein ganz schlechter Tag für eine Hochzeit.

Francie Morelli starrte den mit einem roten Läufer ausgelegten Gang zum Altar hinunter, wo ihr Zukünftiger Pete Carson schon auf sie wartete. Er trug einen schwarzen Armani-Smoking und schwitzte vor Nervosität. Ganz klar – ein mieser Tag.

Denn anders als Pete war Francie nicht nur nervös – sie hatte schlichtweg Panik, und zwar so sehr, dass sie keine Luft mehr bekam und sich fast übergeben musste.

Okay, vielleicht bin ich einfach nur ein kleines bisschen nervös.

Dabei hatte sie schon zwei Hochzeiten hinter sich und wusste genau, was auf sie zukam. Nicht, dass sie je wirklich den Weg zum Altar zurückgelegt und ihr Jawort gegeben hatte.

Diesmal sah es leider auch nicht anders aus.

Francie gab sich alle Mühe, diesen gefährlichen Gedanken zu verdrängen, und versuchte, das Run-Francie-run-Mantra zu ignorieren, das ihr zur Melodie von „Burn, Baby, Burn“ aus dem 70er-Jahre-Song „Disco Inferno“ durch den Kopf schoss.

Der Text war ein schlechtes Omen, denn in der Hölle zu schmoren, war unter Garantie ihr Schicksal, wenn sie diese Hochzeit nicht durchzog, was angesichts der drohenden Vergeltung Josephine Morellis wahrscheinlich sowieso das geringere Übel wäre.

Francie beobachtete ihre Mutter durch den Schleier. Josephine hatte unterwürfig die Hände gefaltet. Bestimmt bat sie gerade den Allmächtigen um genug Mut für ihre Tochter, diesmal endlich die Zeremonie durchzustehen. Dabei hatte sie die tränenerfüllten Augen zum mächtigen goldenen Kreuz über dem Altar erhoben, so als wollte sie Gott nur durch die schiere Kraft des Gebets ihren Willen aufzwingen, wie sie es schon unzählige Male bei Francie getan hatte.

Glücklicherweise schien Gott ein stärkeres Rückgrat zu haben als Francie.

Die Spannung unter den Hochzeitsgästen wurde allmählich unerträglich. Tante Flo kaute nervös an den Fingernägeln, und Grandma Abrizzis Rosenkranz ratterte mit Höchstgeschwindigkeit. Niemand konnte einen Rosenkranz schneller herunterbeten als Loretta Abrizzi, die es damit mühelos ins Guinnessbuch der Rekorde schaffen würde.

Francies sechzehnjähriger Bruder Jack hatte Francie mit geradezu perversem Vergnügen mitgeteilt, dass einige der männlichen Gäste schon Wetten auf den Ausgang der Hochzeit abgeschlossen hatten. Es stand fünf zu eins, dass Francie ihre Hochzeitsnacht nie erleben würde.

Ha! Sie haben ja keine Ahnung.

Sie hatte nämlich schon diverse Hochzeitsnächte hinter sich, von der vorangehenden Zeremonie natürlich abgesehen. Sie aß ihr Dessert eben am liebsten vor dem Essen.

Nicht, dass sie etwas gegen Hochzeiten an sich einzuwenden hatte, aber die Ehe war einfach nichts für sie. Sie hatte nämlich keine Lust, Anhängsel eines Mannes zu sein und sich nach seinen Launen zu richten.

Denn auch wenn Josephine eine starke, unabhängig wirkende Frau war, lebte sie ausschließlich für ihre Kinder und ihren Mann. John Morelli war ein lieber Mensch und ein wundervoller Vater, aber er hatte genaue Vorstellungen, wie sein Leben auszusehen hatte – pünktliches Abendessen, perfekt gebügelte Boxershorts und ungestörte Pokerrunden mit seinen Freunden.

Francie hatte den Verdacht, dass ihre Mutter genau wusste, dass sie ihren Mann und ihre Kinder so am besten kontrollieren konnte, was ihr auch beeindruckend gut gelang. Genauso erfolgreich war sie darin, sich überall einzumischen.

Aber Francie würde nicht dulden, dass ihre Mutter sie je wieder tyrannisierte.

Basta.

John Morelli, der neben seiner Tochter stand, griff nach ihrem Arm und umklammerte ihn, um sie wieder auf Kurs zu bringen. Doch Francie wusste genauso gut wie er, dass das sowieso nicht klappen würde. Sie war auf dem Absprung, und nichts und niemand konnte sie aufhalten.

Aber er durfte natürlich nichts unversucht lassen, denn seine Frau würde ihm sonst die Hölle heißmachen. Wie die meisten Morellis hatte John nicht den Mut, sich der Hochzeitsbesessenheit seiner Frau zu widersetzen. Seine Ruhe wäre sonst dahin.

Josephine war nämlich alles andere als der passiv aggressive Typ. Im Gegenteil, sie warf jedem an den Kopf, was sie von ihm hielt und erwartete. Man wusste bei der herrischen Frau, von ihren Kindern liebevoll „Der Terminator“ genannt, immer, woran man war.

Natürlich liebten die Morelli-Kinder ihre Mutter, aber Josephine war wirklich alles andere als ein einfacher Mensch.

Francies Zehen begannen zu kribbeln – ein eindeutiges Zeichen für Fluchtbereitschaft. Sie bewegte sie in der schwachen Hoffnung, dass der Impuls vorübergehen würde. Wenn nicht, würden ihre weißen Satinschuhe sie bald zu ihrem Lieblingsfluchtort tragen: Manny’s Little Italy Deli. Manny Delisio, ein alter Highschool-Freund, wartete bestimmt schon mit Pastramitoast und einer großen Cola light auf sie.

Was soll’s, Stress macht mich eben hungrig.

Außerdem würde ihr Mitbewohner Leo Bergmann sie dort mit ihrem gepackten Koffer, einem Zugticket zu einem noch unbekannten Reiseziel und moralischer Unterstützung erwarten. Sowie einer gewaschenen Strafpredigt. Er stand Josephine nämlich in fast nichts nach, wenn es darum ging, Ansichten und Ratschläge kundzutun, die niemanden interessierten. Allerdings war er ein bisschen feinfühliger.

Sie und Leo hatten sich darauf geeinigt, dass er die Kirche früher verlassen würde, sobald sie erste Fluchtsignale zeigte, damit er alles Nötige bei Manny vorbereiten konnte.

Das letzte Mal hatte Leo New York als Zuflucht ausgesucht. Eine gute Wahl, denn sie hatte sich in der anonymen Menschenmasse verlieren können, bis sie wieder bereit war, sich ihrem Schicksal zu stellen: Josephines Schimpftirade darüber, was für eine undankbare Tochter sie doch hatte.

Das Mal davor – Francie war aus den Armen des unglückseligen Jacob Ragusa geflüchtet, „Philadelphias einzigem Bestattungsunternehmer mit Pfiff“, wie er sich in seinen albernen Werbespots nannte – war Leos Wahl dummerweise auf Pittsburgh gefallen. Wie sich herausgestellt hatte, lag die Stadt nicht weit genug von Philadelphia und ihrer Mutter entfernt, die sie wie ein rachedurstiger Bluthund aufgespürt hatte.

Jospehines Wut hatte dem Begriff „stinksauer sein“ eine ganz neue Bedeutung verliehen. Wobei Francie sich nicht ganz schlüssig war, worüber ihre Mutter wütender war: über den Verlust des Grabkranz-Rabatts oder den Jacobs.

John streichelte Francies Hand und lächelte beruhigend. Er verströmte den Duft von Old Spice, und Francie kamen unwillkürlich die glücklichen Momente ihrer Kindheit in den Sinn, als er ihr Schwung auf der Gartenschaukel gegeben oder bei den Rechenaufgaben geholfen hatte.

„Kein Grund zur Nervosität, cara mia. Das hier wird bald vorüber sein, und dann hast du es überstanden. Es ist das Richtige. Und es wird deine Mutter sehr glücklich machen. Du weißt, wie lange sie auf diesen Tag gewartet hat.“

Francie liebte ihren Vater und wollte ihm nur zu gern zustimmen, aber die Antwort blieb ihr im Halse stecken. Sie brachte nur ein schiefes Lächeln zustande und sah ihn mit dem Blick eines Rehs im Scheinwerferlicht an.

Hinter ihr murmelte ihre beste Freundin Joyce ein paar saftige Flüche vor sich hin.

Sie kannte Francie leider allzu gut.

„Tut mir wirklich leid, Pop, aber ich schaffe es nicht. Ich bin einfach noch nicht bereit zu heiraten. Vielleicht werde ich das nie sein.“

John zuckte erschrocken zusammen und warf einen Blick auf seine Frau, deren Lächeln angesichts seines resignierten, besorgten Gesichtsausdrucks erlosch.

„Dein Auto steht beim Hinterausgang. Ich habe für alle Fälle nachgetankt und etwas Geld ins Handschuhfach gelegt.“

Joyce ist anscheinend nicht die Einzige, die mich gut kennt.

Gerührt küsste Francie seine Wange. „Ich liebe dich, Pop. Danke! Hoffentlich wird Ma nicht allzu wütend.“

John richtete den Blick wieder auf seine Frau und stöhnte angesichts ihres durchbohrenden Blicks innerlich auf. „Bitte lass das mit dem Küssen! Deine Mutter denkt sonst noch, ich stecke mit dir unter einer Decke, und dann ist der Teufel los. Jetzt geh, wenn es sein muss. Ich werde schon mit ihr fertig. Schließlich kenne ich sie schon seit fünfunddreißig Jahren, oder?“

Ihm war eindeutig mulmiger zumute, als er klang. Er war zwar kein Feigling, aber … na ja, er war mit Josephine verheiratet.

„Stimmt, und du bist sogar noch einigermaßen bei Verstand geblieben. Ich liebe dich!“

Francie ignorierte seine Warnung und küsste ihn erneut. Dann drehte sie sich zu Joyce, ihrer jüngeren Schwester Lisa und den anderen beiden Brautjungfern um und lächelte entschuldigend. Sie stöhnten nur, wünschten ihr jedoch viel Glück und winkten ihr zum Abschied hinterher, als sie aus der Kirche in die warme Septembersonne floh.

Mark Fielding war spät dran.

Eigentlich hätte er schon vor einer knappen halben Stunde als Trauzeuge seines Stiefbruders in St. Mary’s Catholic Church erscheinen müssen.

Aber sein Rückflug von den Philippinen, wo er das letzte halbe Jahr als Fotojournalist war, hatte Verspätung gehabt, und der Verkehr auf dem Weg vom Flughafen in die City war eine einzige Katastrophe. Zu allem Überfluss funktionierte sein Handy nicht. Zu blöd, dass er den Akku nicht rechtzeitig wieder aufgeladen hatte! Anscheinend schränkte der Schlafmangel seine Hirnfunktion stark ein.

Nachdem er die Kirche endlich gefunden hatte, hielt er nach einem Parkplatz Ausschau. Plötzlich flog die schwere Kirchentür auf, und eine Frau in voller Brautmontur lief mit wehendem Schleier die Treppe hinab. Sie hatte schwarzes Haar und ein äußerst hübsches Gesicht.

Das musste seine künftige Schwägerin sein.

Wie hieß sie noch gleich? Frances? Fiona? Florence?

Mark trat auf die Bremse, griff nach der Kamera auf dem Beifahrersitz, rollte die Fensterscheibe herunter und machte Fotos, während er im Geiste sämtliche Namen mit F durchging, die er kannte.

Er konnte sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Bisher hatte er sie noch nicht kennengelernt, und die Tatsache, dass sein Bruder sie nur drei Monate nach seiner Bekanntschaft mit ihr heiratete, hatte ihm ohnehin nicht gefallen.

Himmel, selbst Hunde ließen sich mehr Zeit!

Wie heißt doch gleich das Sprichwort? Schnell gefreit …

„Verdammt! Ich bin zu spät. Ich habe die Hochzeit verpasst. Sie sind schon verheiratet.“

Tausend mögliche Entschuldigungen rasten durch seinen Kopf, bis ihm auffiel, dass sein Bruder der Braut nicht aus der Kirche gefolgt war, genauso wenig wie irgendwelche Verwandten, zum Beispiel sein Vater und seine Stiefmutter. Sie hätten eigentlich längst auf der Treppe stehen müssen, um das glückliche Paar mit Reis oder was auch immer bei solchen Gelegenheiten üblich war zu bewerfen.

Mark legte die Kamera beiseite, parkte und beobachtete, wie die Braut seines Bruders ihr Kleid raffte, wobei sie hübsche Beine entblößte. Dabei blickte sie mehrfach über die Schulter, als ob sie sich vergewissern wollte, dass ihr niemand folgte.

Warum hatte sie es so verdammt eilig?

Und wo zum Teufel steckte sein Bruder?

Er hatte plötzlich ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube, das nichts mit dem trockenen Putensandwich vorhin im Flugzeug zu tun hatte. Und sein Bauchgefühl hatte ihn bislang noch nie getrogen.

Marks Bruder war sehr sensibel, trug das Herz auf der Zunge und war unglaublich romantisch. Hatte Mark ihn nicht immer schon gewarnt, dass seine rosarote Brille ihm eines Tages noch gewaltigen Ärger bescheren würde?

Schnell gefreit … lange gereut!

Früher war er auch er ein echter Romantiker gewesen. Aber dann hatte er erkannt, dass die Frauen von heute nicht an festen Bindungen oder langfristigen Beziehungen interessiert waren.

Seine letzten Affären waren unbefriedigend gewesen. Der Sex war zwar gut, aber Sex ohne echte Bindung war nur … nun ja, Sex.

Er wollte mehr als das. Er wollte, was seine Eltern miteinander verband – Liebe, Vertrauen, eine Partnerschaft fürs Leben.

Aber bisher hatte er immer nur einen Tritt in den Hintern und schwache Ausflüchte à la „Ich bin noch nicht bereit für eine Beziehung“ bekommen. Es war idiotisch gewesen zu glauben, dass je eine Frau den Rest des Lebens mit ihm verbringen würde.

Frauen waren doppelzüngig und selbstsüchtig, und er hatte endgültig die Nase voll von ihnen. Sollte sich herausstellen, dass die Braut seines Bruders nicht anders war, sollte sie ihr blaues Wunder erleben. Dafür würde er schon sorgen!

„Du böses Mädchen! Ich wusste ja gleich, dass heute wieder etwas schiefgehen würde. Hast wohl wieder kalte Füße gekriegt, was?“

Es tat gut, Leos vertrautes Gesicht zu sehen. Francie riss sich den Schleier vom Kopf, raffte die voluminösen Falten ihres Hochzeitskleides zusammen und setzte sich neben ihn. Sie winkte Manny zu.

„Hey, Francie!“, rief Manny. „Der Wievielte war es diesmal? Nummer drei, oder? Und du nennst deine Mutter den Terminator!“ Er warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Ich bin heilfroh, dass ich dich schon mit siebzehn überwunden habe, sonst wäre ich heute ruiniert.“

Francie lächelte schwach. „Hast du den Pastramitoast fertig? Ich habe es nämlich eilig. Meine Mutter ist mir bestimmt schon auf den Fersen.“

Francies Wohnungsgenosse nahm tröstend ihre Hand. Neben Joyce war Leo ihr bester Freund, mit dem sie nicht nur die Wohnung, sondern auch Vertrauliches, Beziehungsprobleme und die Leidenschaft für Restaurantbesuche teilte.

„Erzähl mir, was passiert ist, Süße. Ich dachte wirklich, Pete hätte eine Chance. Er ist einfach anbetungswürdig. Aber ich schweife ab. Offensichtlich findest du ihn nicht halb so attraktiv wie ich.“

Francie seufzte. „Pete ist ein Klassetyp, und ich mag ihn wirklich sehr. Aber ich liebe ihn eben nicht, und da liegt das Problem. Ich will nicht den Rest meines Lebens mit jemandem verbringen, den ich nicht liebe.“

Wenn sie jemals heiratete – und das war äußerst unwahrscheinlich, vor allem nach dem heutigen Tag – dann nur einen Mann, in den sie sich unsterblich verliebte. Aber da es einen solchen Mann nicht gab, zumindest nicht auf diesem Planeten, fühlte sie sich relativ sicher vor dem Würgegriff … äh, Bund der Ehe.

„Also hat es zwischen euch nicht gefunkt?“

„Er hat gut geküsst, aber …“ Kopfschüttelnd fragte sie sich, ob sie vielleicht zu hohe Ansprüche stellte. Vielleicht gab es jenes Kribbeln und Herzklopfen, von denen die Romane erzählten, ja gar nicht.

„Ich bin heilfroh, dass wir noch nicht miteinander geschlafen haben. Ich wollte bis zu den Flitterwochen warten, und Pete war einverstanden.“

Leo grinste hinterhältig. „Hey, vielleicht ist er ja schwul!“

„Du bist unmöglich, Leo. Pete ist total hetero. Er hat einfach nur den Fehler gemacht, sich in die Falsche zu verlieben … in mich nämlich. Und jetzt habe ich ihn schrecklich verletzt. Ich hasse mich dafür! Ich hätte nie zulassen dürfen, dass meine Mutter mich in die Ehe drängt. Diese Besessenheit, mich unter die Haube zu bringen, ist total krankhaft.“

Josephines Lebensziel war es, ihre beiden Töchter verheiratet zu sehen, vorzugsweise mit fünf oder sechs Kindern, um die sie sich dann kümmern konnte.

Für Francies Hochzeit hatte sie jahrelang gespart, detaillierte Pläne geschmiedet, drei wunderschöne Kleider gekauft und nicht nur einen, sondern drei ihrer Meinung nach perfekte Bräutigame aufgetrieben.

Hatte sie schon erwähnt, dass ihre Mutter eine Meisterin darin war, sich überall einzumischen? Im Manipulieren war sie sogar noch besser.

„Warum sagst du nicht einfach Nein?“

Francie verdrehte die Augen angesichts des absurden Vorschlags. „Hast du je versucht, Nein zu meiner Mutter zu sagen? Josephine ist wie eine Dampfwalze, die alles überrollt, was sich ihr in den Weg stellt. Sie lässt so lange nicht locker, bis ich irgendwann nachgebe, weil ich einfach nur noch meine Ruhe haben will. Und das weiß sie auch ganz genau. Es war schon immer so, ich bin sozusagen darauf programmiert. Ich bin neunundzwanzig Jahre alt und total erbärmlich.“

Leo nickte verständnisvoll und drückte ihre Hand. „Ich verstehe dich, Süße. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem du dich gegen Josephine durchsetzen wirst. Danach lässt sie dich bestimmt in Ruhe.“

„Wirklich?“ Ein schwaches Fünkchen Hoffnung keimte in Francie auf. „Meinst du das ernst, Leo?“

Leo schüttelte skeptisch den Kopf. „Nein, aber es klingt vernünftig. Du kannst schließlich nicht immer nur zusehen, wie deine Mutter dein Leben kontrolliert, Francie. Diese Trips zum Altar sind nicht nur emotional aufreibend, sondern auch kostspielig.“

Francie seufzte. Ihr Job bei Ted Baxter Promotions war nicht allzu gut bezahlt. Zumindest nicht gut genug, um die letzten Ausgaben zu decken. „Wo fahre ich diesmal hin?“

„Zu den Niagarafällen. Irgendwie gefiel mir die Ironie darin.“

Francie starrte ihn fassungslos an. „Niagaraf… Du machst Witze, oder? Da wimmelt es doch nur so von frisch verheirateten, herumturtelnden Paaren. Mir wird schlecht!“

„Es war der billigste Ort, den ich finden konnte. Deine Visa Card ist am Limit, dank des ganzen Zeugs, das du für die Flitterwochen gekauft hast.“

„Das war teure Spitzenunterwäsche, kein Zeugs. Und sie beweist, dass ich Pete wirklich heiraten wollte. Ich hatte nicht vor, ihn zu verletzen oder sein Leben zu ruinieren, von meinem ganz zu schweigen.“

„Er wird schon darüber hinwegkommen, wie die anderen auch. Jacob Ragusas Herz scheint auch schon wieder geheilt, er heiratet demnächst ein Model.“

„Na, Gott sei Dank. Bin ich froh, das zu hören.“ Sie war erleichtert. Jetzt fühlte sie sich gleich viel weniger schuldig.

Francie seufzte. „Ich bin ein schrecklicher Mensch, Leo. Ich habe so viele Menschen verletzt.“

„Du bist nicht schrecklich, Süße, dir fehlt nur etwas Rückgrat. Nächstes Mal klappt es bestimmt.“

Sie schüttelte entschlossen den Kopf. „Nie wieder! Das war das letzte Mal, dass meine Mutter mich in die Ehe gedrängt hat. Ich bin fest entschlossen, Junggesellin zu bleiben. Ich werde ausgehen, Sex haben und das Leben in vollen Zügen genießen. Der Altar ist nichts für mich.“

Schluss mit Verlobungen und Hochzeiten. Und zwar ein für allemal!

Es war der deprimierendste Hochzeitsempfang, den Mark je erlebt hatte.

Natürlich war das kein Wunder, in Anbetracht der Abwesenheit der Braut.

Aber Steve und Laura Fielding hielten es für eine Schande, dreißig Pfund frischer Shrimps verderben zu lassen, und Pete hatte seine Freunde aus Highschool- und Collegezeiten nicht enttäuschen wollen, die zum Teil von weit her gekommen waren. Der Empfang war daher nicht abgesagt worden.

Marks Stiefmutter war schon immer eine pragmatische – und liebevolle – Frau gewesen. Seine Mutter war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und er schätzte sich glücklich, dass sein Vater in zweiter Ehe eine so tolle Frau geheiratet hatte.

Bei Helena Fieldings Tod war Mark vier Jahre alt gewesen und sechs, als sein Vater seine ehemalige Sekretärin Laura Carson geheiratet hatte. Die zarte Blondine hatte ihm immer nur Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl sie selbst einen Sohn aus erster Ehe mitbrachte, der zwei Jahre jünger war als er selbst. Mark hatte sich nie zurückgesetzt gefühlt oder den Drang verspürt, mit seinem Stiefbruder zu konkurrieren. Er und Pete standen sich genauso nahe wie echte Brüder.

Mark gesellte sich zu seinem Bruder, der allein und niedergeschlagen an einem Tisch auf der anderen Seite des großen Ballsaals saß.

Bisher hatten sich die ganze Zeit mitfühlende Freunde und Familienmitglieder um ihn geschart und Mark keine Chance für ein Gespräch über die wankelmütige Braut gegeben.

Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich. „Es tut mir schrecklich leid, Pete.“

Pete, der gerade sein fünftes Bier trank, sah hoch und lächelte schief. „Ich hatte überhaupt keine Vorahnungen, Mark. Es war Liebe auf den ersten Blick. Francie erschien mir perfekt. Ich war überzeugt, dass sie mich genauso liebt wie ich sie.“ Er seufzte schwer. „Anscheinend habe ich mich geirrt.“

Seine Schultern waren gebeugt, und er sah so verletzt aus, dass Mark unwillkürlich vor sich hinfluchte. Er wünschte sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als Francesca Morelli in die Finger zu bekommen.

Hat die selbstsüchtige Kuh eigentlich eine Ahnung, wie sehr sie Pete verletzt hat?

Interessiert sie das überhaupt?

Offensichtlich lautete die Antwort Nein.

Mark griff nach einer Flasche Bier, öffnete sie und leerte sie in einem Zug. „Ich hatte bisher auch nicht allzu viel Glück mit Frauen. Sie sind allesamt herzlose Kreaturen mit Bindungsphobie.“

„Vielleicht hast du recht. Es war ja nicht das erste Mal, dass Francie geflohen ist. Ein gemeinsamer Freund hat mir erzählt, dass sie auch ihre beiden vorherigen Bräutigame am Altar hat stehen lassen. Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass mir das Gleiche passieren würde.“

Mark starrte seinen Bruder ungläubig an. Er war anscheinend noch naiver, als er gedacht hatte. „Du hast das gewusst und sie trotzdem heiraten wollen? Unglaublich!“

„Ich habe sie geliebt. Ich liebe sie sogar noch immer. Liebe ist seltsam. Sie macht einen blind für die Fehler des anderen. Du hast diese Erfahrung noch nie gemacht, deshalb kannst du mich nicht verstehen, Mark.“

Da irrte er sich. Mark verstand nur allzu gut. In seinem Fall war es die treulose Nicole Gordon gewesen. Sie hatte ihn betrogen, belogen und mit ihren hohen Absätzen auf seinem Herzen herumgetrampelt. Obendrein hatte sie noch den Bastard geheiratet, mit dem sie die Affäre gehabt hatte.

Mark wusste über Frauen also bestens Bescheid!

„Du hättest die Dinge nicht so überstürzen sollen, Pete. Drei Monate reichen nicht aus, um jemanden kennenzulernen, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen will.“

„Bist du jetzt der Experte?“ Pete schüttelte den Kopf. „Du hast doch nichts als gescheiterte Beziehungen hinter dir.“

„Touché. Aber du siehst so aus, als könntest du einen guten Rat gebrauchen. Und etwas bessere Laune.“ Lächelnd versetzte Mark seinem Bruder einen Stoß. „Komm schon, Bruder, Kopf hoch. Wenn du mich fragst, bist du noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Offensichtlich ist diese Francie nicht richtig bei Verstand, wenn sie jemanden wie dich aufgibt. Was weißt du eigentlich über sie?“

„Sie stammt aus einer großen italienischen Familie. Josephine und John Morelli sind sympathische Menschen, obwohl die Mutter mir ein bisschen zu dominant ist.“

„Dann war Josephine also der Drache, der ein Klagegeheul angestimmt und sich dann vor dem Altar bekreuzigt und Rache geschworen hat?“

Pete musste lächeln. „Genau die. Josephine ist ein bisschen überdreht und treibt Francie damit in den Wahnsinn. Ich hatte ehrlich gesagt zuerst kein gutes Gefühl bei der Vorstellung, sie zur Schwiegermutter zu haben, aber Francie hat mir versichert, dass ihre Mutter nicht so schlimm ist, wie es auf den ersten Blick aussieht.“

„Lebt Francie noch bei ihren Eltern?“

„Sie hat eine Wohnung in der Nähe des Rittenhouse Square und wohnt mit einem Typen namens Leo Bergmann zusammen. Er scheint ziemlich vermögend zu sein.“

Mark hob die Augenbrauen. „Vielleicht ist sie ja deshalb so wenig scharf darauf zu heiraten. Läuft da was zwischen ihnen?“

„Leo ist ein netter Typ, aber Frauen sind nicht so sein Ding, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Aha. Und was macht diese Francie eigentlich so? Hat sie einen Job?“

„Sie arbeitet für eine kleine Public-Relations-Firma in der City.“

„Und wie heißt die Firma?“

Pete runzelte verwirrt die Stirn. „Warum willst du das alles überhaupt wissen? Jetzt spielt es doch ohnehin keine Rolle mehr. Es ist aus und vorbei. Ich lasse mich nicht noch einmal öffentlich demütigen.“

Mark trank einen Schluck Bier und versuchte, möglichst gleichgültig zu wirken. Es gab nämlich einen Grund für seine Fragen. In seinem Kopf nahm allmählich ein Plan Gestalt an, von dem sein liebeskranker Bruder nichts erfahren durfte.

Es wurde höchste Zeit, dass jemand dieser Morelli mal eine Lektion erteilte. Sie sollte am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlte, wenn man mit ihren Gefühlen spielte.

Mark wusste zwar noch nicht genau, wie, aber irgendwie würde er sie dafür büßen lassen, dass sie seinen Bruder so unglücklich gemacht hatte.

Auge um Auge, Hochzeit um Hochzeit, Braut um Bräutigam.

2. KAPITEL

Es klingelte drei Mal an der Tür. Francie erstarrte.

„Bitte, lieber Gott, lass es nicht meine Mutter sein!“

Josephine konnte eigentlich nur durch Osmose, Voodoo oder Kartenlegen wissen, dass Francie wieder zu Hause war, aber die Frau hatte einen sechsten Sinn, wenn es um ihre Kinder ging.

„Francie, ich bin es. Bitte mach auf. Ich weiß, dass du da bist.“

Francie atmete erleichtert auf und öffnete ihrer Schwester die Tür. Lisa trug Jeans, ein rotes T-Shirt, einen Pferdeschwanz und sah klasse aus. Nicht, dass Lisa das etwas bedeutete. Sie interessierte sich nämlich überhaupt nicht für Mode oder ihr Aussehen.

Mit einem wissenden Lächeln schob Lisa sich durch die Tür. „Du dachtest wohl, es ist Ma, oder? Tja, das kommt davon, wenn man sich aus der Stadt schleicht und die anderen den Schlamassel ausbaden lässt. Der Terminator war unerträglich und die letzte Woche die reinste Hölle. Es ist ein Wunder, dass Dad nicht das Gehör verloren hat. Ich wusste gar nicht, dass Mom so viele Schimpfwörter kennt. Einige Flüche waren mir komplett neu.“

Francie seufzte. „Tut mir leid, dass ich dich und Dad in eine solche Lage gebracht habe, aber meine Woche war auch nicht gerade ein Zuckerschlecken.“

„Ach so. Na, da fühle ich mich doch gleich viel besser.“ Lisa ließ sich auf das rote Chesterfieldsofa fallen und griff nach der Schüssel mit Toffee-Erdnüssen, die Leo immer auf dem Sofatisch stehen hatte.

Lisa aß wie ein Scheunendrescher und nahm dabei nicht ein Gramm zu. Francie fand das total ungerecht. Sie hatte Cellulite an Stellen, an die sie noch nicht einmal denken mochte.

„Wo hast du eigentlich gesteckt?“, fragte Lisa kauend.

„Niagarafälle. Muss ich noch mehr sagen?“

Ihre Schwester brach in lautes Gelächter aus und erstickte dabei fast an einer Nuss. „Leo hat wirklich Sinn für Humor, das muss man ihm lassen. Hast du eine Cola light? Ich kriege Durst von den Nüssen.“

„Im Kühlschrank. Und ich weiß beim besten Willen nicht, was daran komisch sein soll“, rief Francie ihrer Schwester hinterher. „Ich habe nicht ein einziges Mal gelacht!“ Geweint traf es besser.

Der Anblick all der glücklich verliebten Pärchen war die reinste Qual gewesen. Sie würde bestimmt nie jemanden finden, den sie liebte, geschweige denn jemals Flitterwochen erleben. Nicht dass sie wirklich scharf darauf war, aber trotzdem …

Noch immer hatte sie gemischte Gefühle, wenn es um die Ehe ging. Die Vorstellung, den Rest des Lebens allein verbringen zu müssen, war deprimierend. Doch sie wollte sich nicht nur deshalb an einen Mann hängen, um nicht allein zu sein oder, Gott behüte, ihre Mutter glücklich zu machen.

Was sowieso unmöglich war.

Josephine sah nämlich grundsätzlich alles in den schwärzesten Farben und fand immer ein Haar in der Suppe.

Single zu bleiben war schließlich kein Weltuntergang. Sie war gesund, hatte Freunde … einen guten Job.

Es spielte doch keine Rolle, ob sie je den Richtigen traf oder Kinder bekam. Ehe und Familie wurden eindeutig überschätzt. Und mit neunundzwanzig war man schließlich noch keine alte Jungfer. Okay, Tante Flo war auch nicht verheiratet und war eine absolute Schreckschraube. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Tante Flo hatte wahrscheinlich seit einer Milliarde Jahren keinen Sex gehabt und war deshalb so sauertöpfisch.

Francies enthaltsame Periode dauerte zwar auch schon eine Weile an, aber so lange nun auch wieder nicht.

„Kaum lässt man dich für zwei Minuten allein, siehst du aus, als hättest du deinen besten Freund verloren. Was ist los?“ Lisa reichte Francie eine Cola und lehnte sich im Sofa zurück. „Ich bin ganz Ohr. Spar nicht mit den schmutzigen Details.“

Francie seufzte. „Mein Leben ist ein einziges Chaos, Lisa. Ich habe drei Beziehungen zerstört und dabei drei sehr liebe Männer verletzt. Ich weiß nicht, was ich vom Leben erwarte, bin wütend auf Mom, weil sie mich in diese Lage gebracht hat, und habe drei Pfund zugenommen. Ich fühle mich hundeelend und total fett.“

„Du bist eben eine dicke Kuh. Finde dich damit ab.“ Lisa lächelte über Francies wütendes Gesicht. „Das war ein Witz!“ Sie legte sich der Länge nach aufs Sofa, ohne sich die Schuhe auszuziehen.

Während Francie eine Ordnungsfanatikerin war, steckte in Lisa eine Schlampe. Es war der reinste Albtraum gewesen, mit ihr das Zimmer teilen zu müssen. Überall lagen Schokoladenpapier und Coladosen rum.

„Erstens wussten diese Männer genau, worauf sie sich einließen“, fuhr Lisa fort. „Okay, vielleicht nicht der Bestattungsunternehmer. Er war das erste Opfer, äh, ich meine, Bräutigam, aber die anderen zwei wussten über deinen Fluchtinstinkt Bescheid und haben dir trotzdem einen Antrag gemacht. Und zweitens wird Mom sich nie ändern. Du musst dich daher entweder gegen sie durchsetzen oder damit leben, dass sie sich ständig in dein Leben einmischt. Und über Größe achtunddreißig kannst du dich nun wirklich nicht beklagen!“

Leicht gesagt für jemanden mit Größe sechsunddreißig.

„Außerdem hoffe ich, dass du eines Tages doch noch heiratest, damit Mom wenigstens mich in Ruhe lässt.“

„Darauf würde ich mich nicht verlassen.“

„Wie recht du hast. Ich habe vorgestern ihre Kommode nach einem Tuch durchsucht und eine Liste mit möglichen Männern für mich gefunden.“ Lisa verzog das Gesicht und machte ein würgendes Geräusch. „Alan Swarski stand auf der Liste. Kannst du dir das vorstellen? Alan Swarski! Der Kerl ist fast sechzig und hat schon Enkelkinder. Wie stellt sie sich das vor? Ihm wachsen Haare aus der Nase, ganz zu schweigen von seinem Bauch, Herrgott! Ich habe doch auch meinen Stolz!“

„Jeder, der atmet, ist für Josephine ein geeigneter Kandidat.“

Die Wohnungstür öffnete sich, und Leo kam mit einer großen Tüte herein. Er strahlte, als er Lisa sah. „Hey, Kleine! Gut siehst du aus. Ich habe Bagels und Frischkäse mitgebracht, falls ihr hungrig seid.“

Francies Magen knurrte. „Bin ich. Her damit!“

Er reichte Francie die Tüte. „Hat Josephine schon angerufen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ma ist heute Nachmittag zum Kaffeeklatsch eingeladen. Sie wird noch ein Weilchen beschäftigt sein.

„Du schiebst das Unvermeidbare nur hinaus, Francie“, erklärte Leo. „Irgendwann musst du deiner Mutter sowieso gegenübertreten. Warum nicht gleich jetzt?“

Lisa wechselte angesichts des entsetzten Gesichtsaudrucks ihrer Schwester rasch das Thema, wofür Francie ihr überaus dankbar war.

„Na, was macht das Liebesleben, Leo?“, fragte sie auf ihre übliche taktlose Art.

Lisa war nicht gerade für ihr Feingefühl bekannt. Manchmal war es schon fast unheimlich, wie ähnlich sie Josephine war.

„Ich habe dich letzte Nacht im Club Zero gesehen“, fuhr sie fort. „Süßer Typ. Ich war fast schon eifersüchtig. Es gibt ohnehin zu wenig Männer. Es ist eine verdammte Schande, dass die Guten entweder alle verheiratet oder schwul sind.“

Leo lächelte. „Ich fasse das als Kompliment auf, Süße. Er ist Architekt. Wir haben nur die Telefonnummern ausgetauscht, mehr nicht.“

„Immerhin. Molly und ich sind total leer ausgegangen. Kein Wunder, dass der Club Zero heißt.“

„Sei doch froh“, sagte Francie. „Männer, Anwesende natürlich ausgeschlossen, machen mehr Ärger, als sie wert sind. Allein ist man besser dran.“

Lisa verdrehte die Augen. „Ich will ja nicht gleich heiraten. Ich will nur Sex. Es ist schon so lange her, dass ich ganz vergessen habe, wie es geht.“

„Du hättest doch einfach jemanden um seine Nummer bitten können.“ Leo setzte sich auf einen Stuhl. „Wir leben schließlich im dritten Jahrtausend.“

„Bring meine kleine Schwester nicht auf dumme Gedanken, Leo. Ich will nicht, dass sie an einen Serienvergewaltiger gerät.“

„Ha! Ich gerate höchstens an Serienfreaks!“

Als das Telefon klingelte, starrten alle es so entsetzt an wie eine böse Macht aus dem Jenseits.

„Das ist bestimmt Mom“, sagte Lisa.

Francie schüttelte den Kopf und trat ein paar Schritte zurück. Warum hatte sie keinen Knoblauchkranz um den Hals oder zumindest ein Goldkreuz? „Ich gehe nicht ran! Sag ihr, dass ich die Niagarafälle runtergestürzt bin. Du kannst ihr erzählen, was du willst, nur nicht, dass ich hier bin.“

„Feigling“, sagte Leo und griff nach dem Telefon. „Oh, hallo, Mrs Morelli. Ja, Francie steht genau neben mir. Einen Moment, ich gebe sie Ihnen.“

„Bastard!“ Francie riss Leo das Telefon aus der Hand und schüttelte es drohend vor seinem Gesicht. „Das wirst du mir büßen!“

Lisa schob sich noch ein paar Nüsse in den Mund und genoss den Anblick ihrer sich windenden Schwester.

Warum öffnete sich nicht der Erdboden, um sie zu verschlucken? Ein Trip in die Hölle war einem Gespräch mit ihrer Mutter über das Scheitern von Hochzeit Nummer drei eindeutig vorzuziehen.

Zwei Wochen nach der Horrorhochzeit stand Mark vor dem Büro von Ted Baxter Promotions und zog sich die Krawatte zurecht.

Normalerweise trug er keine Anzüge, aber heute war ein besonderer Tag. Denn heute würde er seinen Plan, Francesca Morelli zu verführen, in die Tat umsetzen.

Als er das Büro betrat, fand er das Innere nicht annähernd so attraktiv wie die Frau hinter dem massiven Eichentisch. Sie trug ein rotes Kaschmir-Twinset, das sich um ihre festen Brüste schmiegte.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie.

Mark sah in die schönsten warmen braunen Augen, die er je gesehen hatte. Ihm fiel die Kinnlade herunter. Sie hatte ein faszinierendes Gesicht mit langen Wimpern, vollen Lippen, hohen Wangenknochen und einer kurzen kleinen Nase.

Verdammt. Die Ex-Verlobte seine Bruders war ja umwerfend! Sie hatte zwar auch auf den Fotos schon gut ausgesehen, aber der persönliche Eindruck übertraf den Eindruck bei Weitem.

Damit hatte er nicht gerechnet.

„Ich bin Mark Fielding. Eigentlich hatte ich ja gehofft, Mr Baxter anzutreffen. Ich würde gern eine Werbekampagne für mein erstes Buch starten, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie. Vielleicht können Sie mir helfen?“

Sie lächelte so liebenswürdig, dass es Mark den Atem verschlug. „Tut mir leid, Mr Fielding, aber Ted … Mr Baxter ist gerade nicht hier. Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen? Vielleicht kann ich Ihnen ja einige Fragen beantworten. Ich springe häufiger für Mr Baxter ein, wenn er außer Haus ist.“

Und ob! Sie könnten mir zum Beispiel die Frage beantworten, warum Sie meinen Bruder vor dem Traualtar haben stehen lassen.

Und warum Sie so verdammt attraktiv sind.

Mark setzte sein charmantestes Lächeln auf und hörte, wie sie nach Luft schnappte. Ihre Reaktion auf ihn gefiel ihm, denn das machte alles gleich viel einfacher.

„Ich bin Fotojournalist. Mein erster Fotoband wird kommenden Frühling veröffentlicht, und ich halte etwas Vorab-Publicity für ratsam. Mein Verlag will dafür kein Geld ausgeben, da ich Neuling bin. Deshalb möchte ich mich selbst darum kümmern.“

„Das ist sehr klug von Ihnen, Mr Fielding. Darf ich fragen, wie Sie auf Baxter Promotions kommen? Wir sind nicht besonders groß und außerhalb der Stadt nicht allzu bekannt.“

Mark hatte sich schon auf eine solche Frage vorbereitet, weshalb ihm die Lüge glatt von der Zunge ging. „Ein Freund hat Sie mir vor einigen Monaten empfohlen. Soweit ich weiß, haben Sie irgendwann einmal für seine Kanzlei gearbeitet.“

Sie nickte. „Wir haben viele zufriedene Kunden. Baxter Promotions ist stolz auf seinen guten Ruf.“ Sie lächelte und offenbarte dabei zwei zauberhafte Grübchen.

Verdammt, dass sie so attraktiv war!

Aber wenigstens würde es ihn keine Überwindung kosten, mit ihr zu schlafen. Er würde jede einzelne Minute genießen, bis er die kleine Miss Wankelmütig fallen ließ. „Hasta la vista, Baby!“

„Du brichst mir das Herz, Francie. Warum tust du mir das an? Drei Mal bist du vor Gott und all unseren Verwandten und Freunden vor den Altar getreten, und drei Mal hast du mich und deinen Vater in der Öffentlichkeit entehrt!“ Josephine bekreuzigte sich und murmelte ein kurzes Gebet.

Francie saß an dem alten Resopaltisch in der Küche ihrer Eltern und seufzte. „Ma, ich habe dir oder Dad nie wehtun wollen. Ich bin einfach noch nicht so weit, zu heiraten und Kinder zu bekommen.“ Nicht, dass sie jemals so weit sein würde, aber warum Josephines Hoffnungen mit einem Schlag zunichtemachen?

„Was soll das heißen? Du bist neunundzwanzig, Francesca, praktisch eine alte Jungfer!“

Francie zuckte zusammen.

„Deine Tanten lästern schon hinter meinem Rücken, dass du nie einen Ehemann und Kinder haben wirst. Und deine Schwester ist auch nicht viel besser. Sie geht noch nicht einmal mit einem netten jungen Mann aus. Es wird nicht lange dauern, und man wird euch für Lesben halten!“ Josephine bekreuzigte sich schon wieder. Man konnte ja nie wissen.

Auch wenn sie Leo so akzeptierte, wie er war, erstreckte sich ihre Toleranz noch lange nicht auf ihre Familienmitglieder.

„Ich bin untröstlich, Francesca. Ich will dich verheiratet sehen, bevor ich sterbe. Ist das etwa zu viel verlangt? Ich werde schließlich nicht jünger, genauso wenig wie du.“

„Bevor ich sterbe“ gehörte zu Josephines Lieblingsausdrücken. Sie kam damit immer, wenn sie ihren Kindern ein schlechtes Gewissen einflößen wollte. Es spielte keine Rolle, dass sie so stark wie das sprichwörtliche Pferd war – in ihrer Gedankenwelt war sie so gut wie tot, sobald sie ihren Willen nicht bekam.

„Lass es gut sein, Ma! Du wirst nicht sterben. Du musst damit aufhören, mein Leben zu bestimmen.“ Zu ruinieren traf es besser. „Stimmt, ich bin neunundzwanzig. Aber ich bin sehr glücklich als Single. Ich brauche keinen Mann. Und ich bin ganz bestimmt nicht lesbisch.“

Josephine wirkte erleichtert.

„Vielleicht begegne ich eines Tages ja jemandem.“ Plötzlich tauchte Mark Fieldings Gesicht vor ihrem inneren Auge auf, aber Francie schob es beiseite. Warum kam ihr ausgerechnet der gut aussehende Fotograf in den Sinn? Sie kannte ihn schließlich kaum.

Aber beim bloßen Gedanken an ihn kribbelten ihre Zehen.

„Es ist mir einfach zu früh. Ich will noch so viele Dinge erleben – reisen und interessante Menschen kennenlernen.“ Männer, die für die Associated Press arbeiteten, sind eindeutig interessant. „Und ich will Karriere machen. Ich mag mich noch nicht festlegen.“

Josephine verdrehte die Augen gen Himmel und packte Francies Hand. „Alles Firlefanz. Ohne einen Mann und Kinder ist das Leben einer Frau nichts wert. Warum solltest du arbeiten, wenn du einen guten Mann finden kannst, der dich ernährt? Ich verstehe euch junge Frauen einfach nicht!“

„Die Zeiten haben sich geändert, Ma. Frauen müssen heute nicht mehr heiraten, um ein erfülltes Leben zu haben. Es ist ja okay, dass dein Leben sich nur um Dad dreht. Aber ich will etwas anderes. Wolltest du denn nie etwas nur für dich tun, ohne dabei an andere zu denken? Ich weiß, das klingt selbstsüchtig, und vielleicht ist es das auch, aber was soll’s? Seit wann ist es ein Verbrechen, unabhängig sein zu wollen?“

„Ich hätte nie etwas getan, das meine Eltern enttäuscht hätte. Man hat von mir erwartet zu heiraten, und diese Erwartung habe ich auch erfüllt. Zu meiner Zeit gehörte es zu den Pflichten einer Frau, Kinder zu bekommen.“

„Und was ist mit Liebe?“

Josephine sah empört aus. „Ich liebe deinen Vater. Du redest Unsinn! Ihr jungen Leute habt einfach viel zu romantische Vorstellungen. Ihr seht Filme, lest Romane und glaubt, so müsse das echte Leben sein. Aber so ist es nicht. Ein echtes, gutes Leben bedeutet, dass man sich um andere kümmert, dafür sorgt, dass der Mann saubere Unterwäsche in den Schubladen und warmes Essen auf dem Tisch hat. Und es bedeutet, dass man stolz auf seine Kinder ist.“

„Aber du kannst nicht erwarten, dass wir das gleiche Leben führen wie du. Das ist nicht fair.“

Josephine grunzte missbilligend. „Ist es etwa fair, allein alt zu werden?“

„Ich habe wirklich versucht, so zu sein, wie du mich wolltest. Ich habe mich sogar mit den Hochzeiten einverstanden erklärt, um dich glücklich zu machen. Aber ich war unglücklich dabei. Ganz zu schweigen von den beteiligten Männern. Pete Carson wird bestimmt nie wieder ein Wort mit mir reden. Dabei mochte ich ihn wirklich gern.“

„Seine Mutter hat gesagt, sie tragen dir nichts nach. Sie ist eine sehr liebe Frau, diese Mrs Fielding. Sie wäre eine tolle Schwiegermutter gewesen.“

Eine tolle Schwiegermutter? Das war der beste Witz, den Francie je gehört hatte.

„Stimmt. Laura ist eine tolle Frau, und das war wirklich sehr großzügig von ihr. Genau das meine ich ja. Diese Hochzeiten haben vielen Menschen sehr wehgetan, auch dir und Dad. Euer Sparkonto hat bestimmt extrem gelitten, obwohl ihr das Geld doch für die Rente braucht. Dad kann nicht für immer Haushaltsgeräte verkaufen.“

Eigentlich sprach ihr Vater schon seit zwei Jahren davon, sich zur Ruhe zu setzen, aber bisher war nichts daraus geworden. Hoffentlich doch nicht, weil er es sich nicht leisten konnte?

Francie fühlte sich immer schuldiger.

„Du weißt genau, dass ich für eure Hochzeiten rechtzeitig Geld auf die Seite gelegt habe, Francie. Und ich werde auch deine nächste Hochzeit bezahlen, sobald du wieder zu Verstand kommst. Sogar eine noch schönere. Wir werden ein neues Kleid aussuchen und den Empfang selber organisieren …“

Offensichtlich hatte ihre Mutter kein Wort von dem gehört, was sie gesagt hatte. Es zwar zwecklos. Aber Francie konnte genauso stur sein wie Josephine.

Sie würde sich nicht noch einmal zu einer Hochzeit zwingen lassen. Und nichts und niemand würde sie umstimmen.

„Schön, dass Sie heute Zeit zum Essen gefunden haben, Miss Morelli, vor allem so kurzfristig. Nach meiner Rückkehr ins Hotel gestern sind mir nämlich noch massenhaft Fragen eingefallen.“

Francie und Mark saßen direkt am Wasser in der City Tavern, dem ältesten Restaurant in Philadelphia. Warum hatte sie Marks Einladung eigentlich angenommen?

Natürlich handelte es sich um ein Geschäftsessen. Aber trotzdem … Sie vermischte nicht gern Privates mit Geschäftlichem, vor allem dann nicht, wenn das Geschäftliche über eins achtzig groß war, tiefblaue Augen und ein Gesicht hatte, das es mit dem von Matt Damon aufnehmen konnte.

„Ist doch selbstverständlich. Wie ich schon sagte, ist unsere Firma klein genug, um unsere Kunden individuell zu beraten. Es sind die kleinen Dinge, die den Unterschied machen. Sie werden mir bestimmt beipflichten, egal, mit wem Sie schließlich zusammenarbeiten werden.“

Er lächelte auf eine geradezu verbotene Art sexy.

„Das klingt gut, Miss Morelli. Oder darf ich Francesca zu Ihnen sagen, nun, da wir vermutlich bald enger zusammenarbeiten werden? Ich würde mich freuen, wenn Sie mich Mark nennen.“

„Woher kennen Sie meinen …“

„Von der Messingplakette an ihrem Schreibtisch.“

Sie nickte. „Ach so, natürlich.“ Sie hätte ihn nur zu gern auf seinen Nachnamen angesprochen. Pete hieß zwar Carson, aber seine Eltern Fielding. Allerdings hatte er nie etwas von einem Bruder erwähnt.

Pete hatte ihr immer gern Überraschungen bereitet. Als er ihr daher den Namen seines Trauzeugen verschwieg und erklärte, es handle sich um eine Überraschung, auf die sie bis zur Hochzeit warten müsse, hatte sie nicht weiter nachgehakt.

Außerdem war Fielding in Philadelphia ein so häufiger Name, dass sie nicht gleich paranoid werden sollte, wenn jemand so hieß. Und Mark Fielding sah Pete überhaupt nicht ähnlich.

„Habe ich Sie irgendwie verstört?“

Sie wurde rot. „Sorry. Ich habe die schlechte Angewohnheit, vor mich hinzuträumen. Ja, Sie dürfen mich Francesca nennen oder auch Francie.“

Der Kellner nahm ihre Bestellung auf. Sie teilten sich eine Flasche Chardonnay.

„Mit welcher Art Medienkampagne kann ich rechnen, wenn ich mich für Baxter entscheide? Ich hatte auf Talkshows gehofft, vielleicht ein paar Radiobeiträge.“ Mark aß Salat, während er sprach, und Francie hatte Mühe, sich auf seine Worte zu konzentrieren. Sie musste die ganze Zeit auf seine Lippen starren.

„Wir werden natürlich Lesungen organisieren. Und mit Ihren Beziehungen zur Associated Press dürften Fernsehtalkshows kein Problem sein. Dem Titel nach zu urteilen, ist Ihr Buch faszinierend.“

„Irgendwie schon. Aber die Fotos können einem auch ganz schön unter die Haut gehen. Es gibt verdammt viel Armut, Tod und Krankheiten auf der Welt.“

Während des Hauptgangs erzählte Mark ihr von Afrika, von dem Aids-Problem und den Hungersnöten dort, und schilderte detailliert die Grausamkeiten, deren Zeuge er in vielen Ländern geworden war.

„Ich bewundere Ihre Fähigkeit, mit solchen Dingen umzugehen. Ich könnte das nicht.“

„Das ist auch nicht immer einfach“, sagte er und sah plötzlich bedrückt aus. „Nordkorea zum Beispiel war für mich unerträglich. Die Kinder dort sind total unterernährt. Ich wünschte, unsere Regierung würde etwas dagegen unternehmen.“

„Sie sind sehr leidenschaftlich engagiert, Mark. Das ist ein Pluspunkt, wenn Sie interviewt werden.“

„Ich bin grundsätzlich sehr leidenschaftlich, wenn es um meine Arbeit geht. Und nicht nur da.“

Sein Blick wanderte zu ihren Lippen, und Francie griff hastig nach ihrem Wasserglas, um das plötzliche Feuer in ihrem Inneren zu löschen.

Was war bloß los mit ihr? Sie hatte gerade erst ihre Verlobung beendet und ihren Bräutigam am Altar stehen lassen, und jetzt fühlte sie sich zu einem anderen Mann hingezogen?

Nicht gut, Francie. Gar nicht gut.

„Gibt es ein Problem? Sie sehen etwas erhitzt aus.“

Francie setzte ein unschuldiges Lächeln auf. „Aber nein. Es ist nur ziemlich heiß hier drinnen, finden Sie nicht?“

„Gar nicht. Ich finde es fast schon perfekt hier. Das Essen ist ausgezeichnet, meine Begleitung zauberhaft – was will ein Mann mehr?“

Konzentrier dich auf die Arbeit, Francie! „Warum sind Sie eigentlich Fotograf geworden?“

„Ich habe schon an der Highschool mit der Fotografie herumgespielt. Als ich erkannte, dass ich ziemlich gut war, gab es kein Halten mehr. Ich habe alles fotografiert, was mir vor die Linse kam und meine Eltern damit fast in den Wahnsinn getrieben.“

Francie sah, dass Mark fertig mit dem Essen war.

„Wie wär’s mit Nachtisch? Der Dessertkoch hier ist ausgezeichnet.“

„Nein danke. Ich muss noch bei meiner neuen Wohnung vorbeifahren und nachsehen, ob die Möbel wie versprochen geliefert wurden.“

„Sie haben eine Wohnung gemietet? Heißt das etwa, dass Sie länger bleiben? Ich dachte, die Fotografen von Associated Press sind viel unterwegs.“

„Sind wir auch. Aber ich habe um Aufträge gebeten, die näher zu Hause liegen. Ich bin ein bisschen reisemüde und würde gern für eine Weile Wurzeln schlagen.“

„Wo ist Ihre neue Wohnung?“

„In dem Apartmentblock am Rittenhouse Square. Kennen Sie die Gegend?“

Francie klappte der Mund auf. „Aber … aber dort lebe ich auch!“

Mark hob die rechte Augenbraue und lächelte. „Wirklich? Was für ein netter Zufall! Dann werden wir uns wahrscheinlich in Zukunft öfter über den Weg laufen. Zumindest hoffe ich das.“

Sämtliche Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf, aber beim Anblick von Mark Fieldings blauen Augen, die ungezügelte Leidenschaft versprachen, ignorierte Francie sie einfach.

3. KAPITEL

Mark schob das Mietsofa unter das Fenster, von dem aus man den Park sehen konnte, trat ein paar Schritte zurück und sah sich prüfend im Zimmer um.

Das Ergebnis war bestenfalls deprimierend zu nennen.

Die Bude hier kam beim besten Willen nicht an das elegant möblierte Zimmer im Ritz-Carlton heran. Aber hey, es war ja nur vorübergehend. Er hatte es mit der Wohnung so eilig gehabt, dass er nicht wählerisch sein konnte. Sie diente schließlich einem wichtigen Zweck – in der Nähe Francesca Morellis zu wohnen. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, wie seine Stiefmutter immer zu sagen pflegte, und sie hatte fast immer recht.

Wie durch Gedankenübertragung klingelte plötzlich das Handy, und Laura war am anderen Ende. „Mark, geht es dir gut? Wir haben schon seit Tagen nichts von dir gehört.“

Eigentlich nur zwei Tage lang, aber sie machte sich schnell Sorgen. „Es geht mir gut, Mom. Und dir? Ich hoffe, du und Dad habt euch von der Hochzeit erholt?“ Sie waren beide körperlich und geistig erschöpft von der Anstrengung gewesen.

Francie hatte viel wiedergutzumachen.

„Du klingst gar nicht, als seiest du in Afghanistan. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, du bist nur ein paar Blocks entfernt. Die heutige Technologie ist wirklich erstaunlich. Wie kriegen die das nur hin?“

Beim Gedanken an die Lügen, die er seinen Eltern und seinem Bruder aufgetischt hatte, überlief es Mark heiß. Aber ihm blieb keine andere Wahl, wenn er seinen Plan durchziehen wollte. Pete hing immer noch viel zu sehr an Francesca, als dass er ihn in den Racheplan einweihen konnte.

„Stimmt, diese digitalen Handys sind wirklich klasse. Und? Wie geht es Pete? Als ich das letzte Mal mit ihm gesprochen habe, klang er ziemlich deprimiert. Geht es ihm inzwischen besser?“

„Nicht wirklich.“ Laura klang besorgt. „Deshalb rufe ich auch an, Schatz. Dein Vater und ich haben beschlossen, nach Maui zu fahren, und wir konnten Pete dazu überreden, uns zu begleiten. Die fremde Umgebung wird ihm bestimmt guttun. Uns allen, wenn man es recht bedenkt. Wir mochten Francie sehr gern. Die Situation war wirklich nicht einfach für uns.“

„Kann man wohl sagen“, antwortete er, wobei er sich bemühte, seine Wut nicht durchklingen zu lassen. „Wann fahrt ihr?“

„Gleich morgen früh. Ich wollte es dir nur rechtzeitig mitteilen, damit du dir keine Sorgen machst, wenn du uns nicht erreichst.“

Das war typisch Laura. Rücksichtsvoll wie immer – ganz anders als die egoistische Ex-Verlobte seines Bruders. Sicher, Francie wirkte ganz sympathisch, aber schließlich wollte sie sich ja auch den Auftrag nicht verscherzen. Er wusste genau, wie sie wirklich war – eine zutiefst selbstsüchtige Herzensbrecherin. Sie war kein bisschen anders als die anderen Frauen, die er kannte.

„Danke, dass du mich angerufen hast. Ich wünsche euch eine schöne Zeit. Maui ist sehr romantisch. Entspannt euch und genießt es.“

Plötzlich klopfte es an der Tür, und Mark stieß einen leisen Fluch aus. Hoffentlich schöpfte Laura keinen Verdacht.

„Habe ich es gerade klopfen gehört, Mark? Wo um alles in der Welt steckst du?“

Er dachte rasch nach. „Ach, ich habe mir nur etwas zu essen aufs Zimmer bestellt. Das Hotel liegt am Ende der Welt, und ich würde den Pagen nicht gern warten lassen. Sonst spuckt er mir womöglich noch ins Essen. Amerikaner sind hier nicht allzu beliebt.“

„Verstehe. Ruf uns so bald wie möglich an. Und bitte pass auf dich auf. Dein Dad und ich machen uns immer Sorgen, wenn du in so gefährlichen Ländern unterwegs bist.“

Mark versprach ihr alles, was sie wollte, und legte auf, um die Tür zu öffnen. Ein gut aussehender drahtiger Mann stand vor ihm.

Er war makellos gekleidet – wahrscheinlich in Armani – und streckte ihm eine Flasche Wein entgegen, die Mark dankend akzeptierte.

„Ich bin Leo Bergmann. Francie hat erzählt, dass Sie neu hier sind, deshalb wollte ich Sie willkommen heißen. Wir sind im Großen und Ganzen eine nette Truppe, abgesehen von Mrs Hunsaker drei Türen weiter“, sagte er und zeigte nach rechts. „Die Frau ist ein Albtraum. Wenn ich Sie wäre, würde ich ihr aus dem Weg gehen. Es gibt nicht genug Medizin auf der ganzen Welt, um all ihre Beschwerden zu heilen. Sie ist eine echte Nervensäge.“

Mark lachte. Sein neuer Nachbar machte einen sympathischen Eindruck. „Kommen Sie rein. Ich habe mich noch nicht ganz eingerichtet, also lassen Sie sich durch das Durcheinander bitte nicht stören.“

Leo sah sich um und konnte einen Ausdruck des Abscheus nicht unterdrücken. „Sie stehen anscheinend auf den Retro-Look, aber Ihre Wahl ist nicht besonders glücklich. Diese Couch sieht grässlich aus, von den Sesseln ganz zu schweigen.“

„Ich habe die Möbel nur gemietet. Normalerweise wohne ich nicht lange genug an einem Ort, um mich um die Einrichtung kümmern zu können. Meistens lebe ich in Hotels.“

„Das hat Francie mir auch schon erzählt. Die Couch würde gegenüber dem Kamin viel besser aussehen. Und vielleicht sollten Sie die Sessel zu beiden Seiten davon aufstellen.“ Leo legte einen Zeigefinger ans Kinn und überlegte. „Da Sie die hässlichen Möbel ohnehin nicht verstecken können, sollten Sie sie in den Blickpunkt rücken. Demonstrativ sozusagen.“

Mark nickte. „Danke. Sind Sie zufällig Innendekorateur?“

„Nicht alle Schwulen sind Innendekorateur.“ Der blonde Mann grinste frech. „Einige von uns sind auch Friseure. Ich mache gelegentlich beides. Eigentlich habe ich keinen festen Job. Ich lebe von einem Fond und kann daher in Ruhe meinen Hobbys nachgehen, Inneneinrichtung inklusive. Ab und zu schneide ich kostenlos Haare. Wenn Sie wollen, schneien Sie einfach mal herein. Aber bitte nicht zu früh. Ich bin Langschläfer.“

Mark fuhr sich mit den Fingern durch sein zu langes Haar. „Danke. Werde ich mir merken. Lust auf ein Glas Wein?“ Leo gefiel ihm. Der Kerl war erfrischend aufrichtig, sehr charmant und irgendwie total schräg.

Leo nickte. „Wein ist meine Leidenschaft. Noch eins meiner Hobbys, aber leider ein sehr teures. Ich sammle alte Weine, vor allem kalifornische und Merlots.“

Mark öffnete die Flasche, reichte Leo ein Glas des tiefroten Tropfens und bot ihm einen Platz auf dem hässlichen Sofa an. „Ich nehme an, Francie hat Ihnen schon von meinem Job bei Associated Press erzählt?“

„Hat sie. Ich muss zugeben, dass ich tief beeindruckt bin. Ich fotografiere wie ein Verrückter, habe aber noch kein einziges anständiges Foto geschossen.“

„Ich könnte Ihnen ein paar Tipps geben, als Dank für den Wein. Wenn man erst einmal weiß, worauf man achten muss, ist es ganz leicht.“

„Das wäre toll. Ich überlege, mir auch eine dieser Digitalkameras zu kaufen.“ Er trank einen Schluck und seufzte befriedigt auf. „Wie gefällt Ihnen Francie? Sie ist eine ganz besondere Frau, wenn auch ein bisschen wankelmütig, wenn es um Männer geht. Schätze, sie hat bisher noch nicht den Richtigen getroffen. Wäre ich hetero, käme nur sie für mich infrage. Keine ist loyaler. Sie ist ein echter Schatz.“

Mark hob eine Augenbraue und bemühte sich, nicht allzu ungläubig zu klingen. „Wirklich? Ich kenne sie noch nicht besonders gut. Hat sie eigentlich einen Freund?“

„Ich wusste es!“ Leo schien hocherfreut über Marks Frage zu sein. „Ihr zwei würdet perfekt zusammenpassen. Nein, sie hat keinen Freund. Francie ist gerade erst knapp den Fängen der Ehe entkommen. Der Typ war klasse und ein wirklich lieber Mensch, aber sie hat ihn eben nicht geliebt. Der Funke wollte einfach nicht überspringen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Die Entscheidung muss ihr sehr schwer gefallen sein.“

„Francie hat so eine Art Phobie, was die Ehe angeht. Wahrscheinlich, weil ihre Mutter so versessen darauf ist, sie unter die Haube zu bringen. Josephine Morelli ist etwas eigen. Sie werden Sie bestimmt noch kennenlernen. Sie hat ein ausgeprägtes Gespür für männliche Singles. Sie sind doch Single, oder?“

„Richtig.“

„Dachte ich mir. Aber keine Angst, ich stehe nur auf Männer, die meinen Lebensstil teilen. Was halten Sie eigentlich von der Ehe?“

„Eine tolle Institution, obwohl ich noch nicht bereit bin, meine Karriere aufzugeben. Die Frau, die das fertigbringt, muss schon etwas ganz Besonderes sein. Ich bin praktisch mit meinem Job verheiratet.“

Leos Augen funkelten verschmitzt. „Kann ich mir vorstellen“, sagte er und trank sein Glas aus. „Ich sollte jetzt besser gehen. Ich habe ein Date mit der wundervollen Francesca. Wir feiern heute meinen Geburtstag – den berüchtigten dreißigsten. Wollen Sie nicht mitkommen? Ich lade Sie ein.“

„Hm, danke für das Angebot, aber ich muss noch arbeiten und weiter auspacken.“ Wenn er Francie umwarb, dann lieber allein. Leo war ihm etwas zu gerissen. Dem Mann entging offensichtlich nicht viel.

„Sollten Sie Ihre Meinung doch noch ändern, finden Sie uns im Le Bec Fin. Wir essen um sieben. Wenn Sie es nicht rechzeitig schaffen, kommen Sie wenigstens zum Dessert. Ich habe ein leckeres Soufflé bestellt. Francie ist die einzige Frau, die meine Leidenschaft für gutes Essen und Süßspeisen teilt. Alle anderen haben viel zu viel Angst um ihr Gewicht.“

„Viel Spaß. Und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“

Nachdem Leo verschwunden war, dachte Mark in Ruhe über das Gespräch nach, vor allem über Josephine Morelli. Wenn er Francies Mutter auf seine Seite bringen konnte, würde das die Angelegenheit erheblich beschleunigen. Er wollte Rache, aber nicht den Rest seines Lebens damit verbringen, sie zu bekommen.

Leos Worten nach zu urteilen hielt Mrs Morelli nach einem Schwiegersohn Ausschau, und Mark wollte Francie zum Altar zerren. Klang, als seien sie wie füreinander geschaffen.

„Tut mir leid, dass ich zu spät komme, Leo. Bei der Arbeit war der Teufel los, und Ted hatte schon wieder irgendwelche Unterlagen verlegt. Zu allem Überfluss konnte ich ums Verrecken kein Taxi bekommen. Ich sehe bestimmt schrecklich aus!“ Francie legte ihre Tasche auf den Tisch und glättete ihr Haar, das sich in sämtliche Richtungen kräuselte. Sie hasste ihre Locken.

Leo tätschelte ihr beruhigend die Hand und füllte ihr Weinglas. „Ich bin meine eigene Gesellschaft gewohnt, Schätzchen, also macht mir die kleine Verspätung nichts aus. Übrigens, heute Nachmittag habe ich unseren süßen neuen Nachbarn besucht. Ich muss schon sagen, der Typ ist erste Klasse.“

Francie ließ sich auf ihren Stuhl fallen und starrte Leo ungläubig an. „Meinst du etwa Mark Fielding?“ Natürlich meinte er ihn. Wen denn sonst? Es gab keine anderen neuen Mieter in dem Gebäude, oder zumindest niemanden, den man als süß bezeichnen konnte.

„Ihr zwei wärt ein perfektes Paar. Ich werde es dir persönlich verübeln, wenn du ihn dir durch die Lappen gehen lässt.“

Sie wurde rot. „Er ist nicht mein Mr Fielding! Hoffentlich hast du mit Mark nicht genauso gesprochen. Das wäre wirklich zu peinlich!“ Sie hatte nämlich keinerlei Absicht, mit dem Mann etwas anzufangen, auch wenn er ihre Zehen zum Kribbeln brachte.

„Natürlich nicht“, log Leo. „Du müsstest mich eigentlich besser kennen, Schätzchen. Ich habe ihn nur gefragt, was er von dir hält, und er hat geantwortet, dass er dich noch nicht allzu gut kennt. Dann hat er mir angeboten, mir das Fotografieren beizubringen. Ist das nicht nett von ihm?“

Francie atmete erleichtert auf. Sie würde sich noch sehr, sehr lange auf niemanden einlassen, vor allem nicht auf einen potenziellen Kunden, und schon gar nicht auf jemanden, den Leo ihr andrehen wollte.

Der Mann war schlimmer als jede Frau, wenn es darum ging, andere zu verkuppeln. Die von ihm arrangierten Dates waren berühmt-berüchtigt. Er hatte sie einmal mit einem Floristen zusammengebracht, den er für den perfekten Mann hielt. Wie sich herausgestellt hatte, war er verheiratet und hatte sechs Kinder. Und dann war da noch der Schönheitschirurg gewesen, der Francie unbedingt günstig größere Brüste verschaffen wollte.

Sie war zwar nicht Pamela Anderson, aber sie war auch nicht gerade flachbrüstig!

Sie konnte ihr Leben auch allein ruinieren. Leos Hilfe hatte sie dabei bestimmt nicht nötig.

„Ich hoffe, es macht dir nichts aus, aber ich habe Mark vorgeschlagen, uns beim Dessert Gesellschaft zu leisten. Er schafft es nicht pünktlich zum Dinner.“

„Was?“ Francie starrte Leo mit offenem Mund an. „Du hast ihn zu unserem Essen eingeladen? Warum das denn?“

„Weil er ein netter Kerl ist und weil ich Geburtstag habe und tun und lassen kann, was ich will. Außerdem zahle ich immerhin.“

Francesca wurde rot. „Ich wollte dich einladen, Leo.“

„Ich weiß, aber ich habe einen Haufen mehr Geld als du, also erschien es mir albern, dich zahlen zu lassen.“

Leo war immer sehr großzügig, wenn es um Geld ging. Normalerweise würde sie sonst nicht so häufig essen gehen. Allerdings wäre sie dann wahrscheinlich auch fünf Kilo leichter.

„Was hast du für mich gekauft? Ich kann es kaum erwarten!“ Leo versuchte, einen Blick in ihre Tasche zu erhaschen, weshalb Francie sie auf die andere Seite des Tisches schob.

Leo war wie ein Kind, wenn es um Geschenke ging. Nach drei Jahren Zusammenlebens wusste Francie, dass er nicht nur Überraschungen liebte, sondern zu jedem sich bietenden Anlass im Kalender eine gebührende Feier erwartete.

Er führte das darauf zurück, dass er nach dem Tod seiner Eltern bei seiner Tante und seinem Onkel aufgewachsen war – religiöse Fanatiker, die alles ablehnten, was Spaß machte und weder Weihnachten noch irgendein anderes „heidnisches“ Fest feierten. Natürlich waren sie alles andere als entzückt gewesen, als Leo an seinem achtzehnten Geburtstag verkündete, mit einem Mann zusammenleben zu wollen, und das auch noch in Sünde!

Er hatte nie wieder von seinen Verwandten gehört. Gott sei Dank war der Fonds seiner Eltern kurz danach fällig geworden. Seitdem konnte er es sich leisten, jedem die Zähne zu zeigen, der seinen Lebensstil oder ihn persönlich ablehnte.

Francie griff in ihre Tasche, zog eine kleine Schachtel hervor und legte sie auf den Tisch. Das Geschenk hatte sie eine Stange Geld gekostet, aber sie fand, dass Leo es wert war. „Ich hoffe, es gefällt dir. Ich bin stundenlang rumgelaufen, bis ich das Richtige gefunden habe.“

Leo riss erwartungsvoll das Geschenkpapier auf. „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was drin ist“, sagte er und öffnete den Deckel der schwarzen Samtschachtel. Sie enthielt eine goldene Geldklammer mit seinen Initialen. „Das ist ja super! Ich wollte schon immer eine Geldklammer haben. Woher wusstest du das?“

Francie lächelte nachsichtig. „Deine Anspielungen sind alles andere als subtil, Leo, aber sehr effektiv. Alles Liebe zum Geburtstag!“ Sie beugte sich vor und küsste seine Wange.

Le Bec Fin gehörte zu Philadelphias besten Restaurants, und Leo und Francie verschlangen zwei Dutzend Austern, Beef Wellington und das leckerste Schokoladensoufflé, das je von einem Sterblichen zubereitet wurde.

Francie lehnte sich seufzend in ihrem Stuhl zurück und fragte sich, ob sie am nächsten Morgen noch in ihren Rock passen würde. Wahrscheinlich nicht. „Das war wirklich köstlich. Ich bin pappsatt.“ Und erleichtert, dass Mark nicht aufgetaucht war. Nach zwei Flaschen Wein mit Leo hätte sie für nichts garantieren können.

Leo und Francie betraten gerade ihr Apartment, als Francie unvermittelt stehen blieb. Leo stieß gegen ihren Rücken. In ihrem alkoholisierten Zustand war es ein Wunder, dass sie nicht direkt aufs Gesicht fiel.

„Verdammter Mist! Ich habe meine Aktentasche in deinem Auto vergessen. Ich muss sie sofort holen. Da sind Unterlagen drin, die ich noch vor der Arbeit durchlesen muss. Ted bringt mich um, wenn ich unvorbereitet zum Meeting erscheine.“

„Hat das nicht bis morgen früh Zeit?“

Francie schüttelte den Kopf. Ein großer Fehler, denn er begann sofort, schmerzhaft zu pochen. „Gib mir die Schlüssel. Ich bin gleich wieder da.“

„Wenn du darauf bestehst.“ Er ließ die Schlüssel von seiner Fingerspitze baumeln, küsste ihr die Wange und sagte Gute Nacht. „Sei vorsichtig“, rief er über die Schulter. „Das ist zwar eine gute Gegend, aber es laufen massenhaft Perverse herum. Ich bin der lebendige Beweis.“

„Na toll. Vielleicht habe ich ja Glück und begegne einem.“ Sie schloss die Tür hinter sich und eilte zum Fahrstuhl.

Nachdem sie ihre Tasche geholt hatte, schoss sie ins Gebäude zurück und wartete ungeduldig auf den Fahrstuhl, wobei sie sich die kalten Arme rieb.

Ihr Kopf drohte zu zerspringen, und sie wollte nur noch ein heißes Bad, ein paar Aspirin und dann ab ins Bett.

Endlich öffnete sich die Fahrstuhltür, und sie stieg ein. Dann bekam sie einen heftigen Schreck. Offensichtlich war sie nicht allein.

„Hallo. Hatten Sie einen schönen Abend?“

Schwankend blickte sie in das attraktive Gesicht Mark Fieldings. Sie sah bestimmt schrecklich aus. Aber ihr war so elend, dass es ihr egal war, dass ihr Haar in sämtliche Richtungen abstand wie bei Medusa auf Speed und ihr Eyeliner verschmiert war.

Francie versuchte ein Lächeln, das eher einer Grimasse ähnelte. „Allerdings. Zu schön vielleicht. Mein Kopf fühlt sich an, als wäre ein Amboss draufgefallen. Ich hätte vernünftiger sein sollen.“

„Sie haben bestimmt einen verspannten Nacken.“

Sie wollte schon zustimmen, als er die Hände ausstreckte und sie zu massieren begann. Unter seinen warmen Händen wurde ihr ganz heiß. „Ich bin sehr gut im Massieren“, sagte er. Ob er auch in anderer Hinsicht so gut war?

Francie seufzte genießerisch auf. „Stimmt … Sie machen das wirklich ausgezeichnet. Aber ein Aspirin tut es bestimmt auch.“ Sie versuchte, sich seinem Griff zu entziehen, aber er hielt sie fest.

„Eine Nackenmassage ist viel effektiver. Vertrauen Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich vermute mal, es gab reichlich Wein zum Essen, oder?“

Seine Daumen umkreisten ihren Nackenwirbel, und sie stöhnte unwillkürlich ekstatisch auf. Von dem unerwarteten Geräusch kam sie wieder zur Besinnung. „Vielen Dank, Mark. Sie haben mir wirklich geholfen.“

Allerdings hatte sie jetzt ganz woanders Verspannungen. Unterhalb der Taille zum Beispiel.

Verdammt!

Zu Francies großer Erleichterung blieb der Fahrstuhl endlich stehen. „Also, wir sind da“, verkündete sie dämlich.

„Ich bringe Sie noch zur Tür.“

„Das ist nicht nötig! Ich bin doch schon fast da.“

„Aber ich möchte nicht unhöflich erscheinen.“

Seufzend ergab Francie sich in ihr Schicksal.

Vor ihrer Tür blieben sie stehen, und Mark blickte sie an. In seinen Augen stand etwas, das verdächtig nach Leidenschaft aussah. Francie spürte, wie ihr die Knie zitterten.

„Sie sehen heute sehr schön aus.“

„Kann ich mir kaum vorstellen, aber trotzdem danke.“ Ihr neuer roter Hosenanzug war nicht nur total zerknittert, sondern dank ihrer Passion für Crème fraîche auch noch bekleckert.

„Eine Frau, die so aussieht, als käme sie gerade aus dem Bett, ist sehr verführerisch.“

Sie musste schlucken. „Also, genau dahin werde ich jetzt verschwinden. Gute Nacht und nochmals danke.“

Sie schlug ihm praktisch die Tür vor der Nase zu und lehnte sich schwer atmend dagegen. Sie hörte noch, wie sein amüsiertes Lachen verebbte, als er zu seinem eigenen Apartment ging.

Ted Baxter hielt sich für so etwas wie einen Frauenhelden, was etwas lächerlich war, denn er war ungefähr so groß wie Danny DeVito, hatte jedoch weder dessen Ausstrahlung noch dessen Sinn für Humor.

Der Chef von Ted Baxter Promotions war arrogant, selbstsüchtig und langweilig. Kein Wunder, dass er drei Mal geschieden und noch immer auf der Suche nach der perfekten Vorzeigefrau war, um sich interessanter zu machen. Außerdem war er ein mieser Geschäftsmann.

Francie kam jedoch ganz gut mit ihm zurecht, seitdem sie ihm klargemacht hatte, dass sie kein Interesse daran hatte, „andere“ Positionen auszuprobieren als ihre eigene.

Ted brauchte sie, und sie brauchte den Scheck, den er ihr monatlich für ihre Arbeit gab. Das war zwar kein perfektes Arrangement, aber es funktionierte.

„Wir haben ein Problem, Francesca.“ Ted nannte sie immer bei ihrem vollen Vornamen, da er Francie für zu unprofessionell hielt. „Das Finanzamt ist mir auf den Fersen. Wir stecken in der Krise.“

Überraschung!

Ted hatte bestimmt mal wieder nicht die Quartalssteuer entrichtet und stattdessen üppige Geschenke für seine neue Freundin gekauft, die angeblich Schauspielerin war. Francie hatte den Verdacht, dass es sich um ein hochklassiges Callgirl handelte.

„Ist es wegen der Quartalssteuer?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf und sah plötzlich alt für seine achtundfünfzig Jahre aus, obwohl er sich die Haare schwarz gefärbt und seinen Bauch zurückgebunden hatte. „So einfach ist es leider nicht. Ich bin mit meiner Einkommensteuer im Rückstand“, erklärte er zu ihrer Überraschung.

Sie hatte bei dem Meeting eigentlich andere Themen erwartet.

„Die Zinsen bringen mich um“, fuhr er fort. „Ich muss mehr Umsatz machen, sonst sind wir bald pleite.“

Francie war überrascht, dass er ihr so persönliche Dinge anvertraute. Normalerweise war das nicht sein Stil. Ted war sonst immer ganz erpicht darauf, dass nach außen hin alles perfekt aussah. „Kann ich etwas für Sie tun? Ich könnte doch das Finanzamt anrufen und …“

„Das habe ich doch alles schon längst versucht! Verdammte Blutsauger! Warum können sie einen ehrlichen Geschäftsmann nicht einfach in Ruhe lassen?“

Von wegen ehrlich, dachte Francie.

Das Geschäft war in letzter Zeit schleppend gelaufen, weshalb sie sich auch bei Mark Fielding so ins Zeug gelegt hatte. Bisher hatte er allerdings noch nicht unterzeichnet. „Mr Fielding steht kurz vor dem Vertragsabschluss“, sagte sie, kreuzte die Finger hinter dem Rücken und hoffte, dass ihr Optimismus sich bewahrheiten würde.

Ted blieb vor ihrem Stuhl stehen. „Wie kurz? Wir brauchen den Deal, ganz zu schweigen von der Anzahlung für die Publicity-Kampagne.“

„Ich … ich weiß nicht recht. Er verhandelt noch mit einigen anderen Firmen. Ich wollte ihn nächste Woche anrufen, ob er schon eine Entscheidung getroffen hat.“

„Wir brauchen Fielding, Francesca. Rufen Sie ihn gleich heute an. Tun Sie alles, damit er unterzeichnet“, sagte er, wobei er das Wort „alles“ auf seine übliche schmierige Art betonte. „Hofieren Sie ihn, werden Sie seine beste Freundin, zeigen Sie ihm, dass Sie an ihm interessiert sind … natürlich rein professionell.“

Natürlich!

„Ich stecke bis zum Hals in Schulden. Wenn Sie Ihren Job behalten wollen, müssen Sie mir helfen.“

Francie rang nur mühsam um Fassung. Ted hatte Mist gebaut, und sie war plötzlich dafür verantwortlich, den Karren aus dem Dreck zu ziehen? Das war wirklich die Höhe!

„Ein Auftrag allein wird uns bestimmt auch nicht weiterhelfen.“ Auf keinen Fall würde sie sich verkaufen, um Baxter Promotions zu retten. Aber sie wollte ihren Job behalten – er gefiel ihr, und sie wurde allmählich immer besser darin.

„Ich bin ein gewisses Risiko eingegangen, als ich Sie eingestellt habe, Francesca, denn Sie waren jung und unerfahren. Aber mir gefielen Ihr Durchsetzungsvermögen und ihr Wille, es zu versuchen. Ich hoffe, Sie werden mein Vertrauen nicht enttäuschen.“

„Ich tue mein Bestes.“ Francie wusste genau, warum Ted sie eingestellt hatte. Sie hatte sich unter Wert verkauft, um einen Fuß in die Tür zu kriegen. Und jetzt versetzte er diesem Fuß einen Tritt.

„Das reicht nicht. Ihr Job hängt davon ab, dass Sie Fielding zum Vertragsabschluss bewegen, verstanden?“

Francie nickte. In diesem Augenblick hasste sie Ted Baxter. Vielleicht sollte sie sich nach einem anderen Job umsehen. Aber sie hatte es satt, nichts zu Ende zu bringen. Schlimm genug, dass schon ihr Liebesleben ein Desaster war.

„Ich kümmere mich darum. Machen Sie sich keine Sorgen.“

Ted lächelte breit. Anscheinend hatte er sich kürzlich die Zähne machen lassen. Sie sahen ein bisschen zu perfekt aus und waren nicht mehr so tabakverfärbt wie sonst. „Das höre ich gern. Legen Sie gleich los. Fragen Sie ihn, ob er mit Ihnen essen gehen will. Sie können es vom Firmenkonto bezahlen.“

4. KAPITEL

„Ich bin deine beste Freundin, Francie, also werde ich jetzt mal frei von der Leber weg reden. Aber versprich mir, dass du mir nicht böse bist, okay? Denk immer daran, dass ich dich wie eine Schwester liebe.“

Erst das furchtbare Meeting mit Ted, und jetzt will Joyce mich auch noch fertig machen.

Joyce hielt mit ihrer Meinung nie hinterm Berg, wenn sie sich im Recht glaubte, was meistens der Fall war. Francie hatte schon so eine Ahnung, was Joyce ihr mitzuteilen hatte.

„Tut mir leid, Francie, aber ich kann mir eine weitere von deinen Hochzeiten einfach nicht mehr leisten. Die Brautjungfernkleider treiben mich in den Ruin. Das nächste Mal wirst du dir eine andere suchen müssen.“

Francie stellte ihre Eiscremeschüssel ab, schaltete den DVD-Rekorder aus und nahm die Hand ihrer Freundin. „Joyce, es tut mir so leid. Ich wollte dir nie Schwierigkeiten bereiten. Vielleicht kann ich dich eines Tages für die Kleider …“

Joyce schüttelte den Kopf. „Ich will kein Geld. Ich will nur, dass du endlich aufhörst, es deiner Mutter recht machen zu wollen. Ich habe bislang meinen Mund gehalten, aber drei Hochzeiten sind einfach zu viel. Das muss aufhören.“

„Das weiß ich doch! Und ich habe meiner Mutter auch schon gesagt, dass ich nie wieder vor den Altar treten werde, ganz egal, wie sehr sie mich dazu drängt. Ich habe die Nase von Brautmodeläden, Caterern und Hochzeiten gestrichen voll. Von Männern übrigens auch!“

Joyce riss überrascht die Augen auf. „Du musst doch nicht gleich übertreiben, Francie. Männer sind manchmal ganz praktisch.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Julia Saison Band 03" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen