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Stürmische Romanze in Irland

1. KAPITEL

Aufgelöst fuhr Harriet Carmichael in ihrem Hotelbett in Manchester hoch. In dem eigentümlichen Zustand zwischen Schlafen und Wachen war ihr eine erschreckende Tatsache bewusst geworden: Ihr Leben entsprach ganz und gar nicht dem Bild, das sie sich stets erträumt hatte.

Diese Erkenntnis war beklemmend – doch Harriet beschloss, die negativen Gedanken zu verdrängen und sich nicht ängstigen zu lassen.

Bereits sehr früh hatte sie von ihrem Stiefvater gelernt, für das dankbar zu sein, was sie besaß. Es machte einfach keinen Sinn, sich nach etwas zu sehnen, was sie nicht haben konnte. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie diese bittere Lektion gelernt, als ihre extravagante Mutter sie an ihrem siebten Geburtstag wieder einmal versetzt hatte. Um die ständigen Verletzungen nicht mehr spüren zu müssen, gewöhnte sich Harriet deshalb an, nur die positiven Seiten ihres Daseins wahrzunehmen. So beschützte sie sich selbst.

Negative Gedanken vertrieb sie mit einer Art Mantra, indem sie im Stillen immer wieder aufzählte, wofür sie dankbar sein musste. Seit einiger Zeit war das ihr Verlobter Luke, der sich trotz ihrer Unvollkommenheit in sie verliebt hatte. Und dann gab es noch ihre wundervolle Familie. Außerdem hatte sie einen großartigen Job, der ihr so viel Geld einbrachte, dass Luke schließlich ganz von sich aus das Thema Heirat anschnitt.

Jetzt spielte ein strahlendes Lächeln um Harriets volle, weiche Lippen. Umflutet von einer Woge positiver Empfindungen, griff sie nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher an.

„Angesichts der neuerlich sinkenden Aktienkurse sorgt Rafael Cavalieres Ankunft in London für Unruhe an der Börse.“

Harriet fuhr in ihrem Bett hoch und musterte mit leicht zusammengekniffenen Augen die attraktive Erscheinung des italienischen Finanztycoons. Wie gewöhnlich hatte er seine Mitarbeiter und Bodyguards um sich. Gleichzeitig versuchte eine Horde von aufdringlichen Paparazzi, seine Aufmerksamkeit zu erregen, um gute Fotos schießen zu können. Inmitten dieses Pulks bewegte sich Cavaliere ruhig und unbeeindruckt stetig vorwärts.

Der unerschütterliche Eisblock, dachte Harriet bitter. Obwohl erst Mitte dreißig, vermittelte Rafael Cavaliere den Eindruck eines selbstsicheren und seiner Macht bewussten Geschäftsmannes. Ganz offensichtlich schien er sich auf dem gefährlichen und schlüpfrigen Parkett des internationalen Finanzwesens vollkommen heimisch zu fühlen. Sein ungeheurer Reichtum und das Gespür für lukrative Investitionen gingen einher mit einer gewissen Skrupellosigkeit.

Das markante dunkle Gesicht wirkte wie aus Granit gemeißelt und gab nicht die leiseste Regung preis.

Harriet fühlte, wie ein kalter Schauer über ihren Rücken lief. Mit einer ungeduldigen Handbewegung strich sie die dichten roten Locken aus der Stirn. Auf ihrem blassen, herzförmigen Gesicht lag ein missbilligender Ausdruck.

Zehn Jahre war es her, seit Rafael Cavaliere den Pharmakonzern übernommen hatte, in dem ihr Stiefvater arbeitete. Jeglichen aktiven Kapitals beraubt, ging die bereits kränkelnde Firma damals in Konkurs. Danach prägten Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit das Bild von Harriets Heimatstadt und zerstörten mehr als eine glückliche Familie.

Harriet verachtete aus tiefstem Herzen alles, wofür Rafael Cavaliere stand. Er baute nichts auf, sondern zerstörte nur. Und das auch noch im Namen des Fortschritts und des wirtschaftlichen Wachstums! Dabei ging es ihm ausschließlich um Macht und Profit!

Zu jener Zeit war Harriet ein typisches Mädchen vom Lande gewesen. Glücklich, wenn sie in der örtlichen Reitschule jobben konnte, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als irgendwann in ferner Zukunft mit Pferden arbeiten zu können. Deshalb war sie auch dementsprechend aufgeregt, als sie vor zwei Monaten unerwartet in den Besitz eines ganz besonderen Erbes kam. Eine Verwandte mütterlicherseits, die sie nie kennengelernt hatte, hinterließ ihr überraschend einen kleinen Pferdehof an der Westküste Irlands.

Zunächst verblüfft, dann erfüllt von Begeisterung, fühlte sich Harriet ziemlich überrumpelt, als sie feststellen musste, dass für diesen Besitz bereits ein großzügiges Kaufangebot bestand. Sie konnte es kaum abwarten, den ersten verfügbaren Flug nach Kerry zu buchen, musste aber bald erkennen, dass niemand aus der Familie und ihrem engeren Umfeld ihre Freude über den neuen Besitz und den Wunsch, ihre irische Herkunft zu erkunden, teilte.

Harriets Mutter Eva war als schwangerer Teenager aus Irland nach London geflohen. Ihre Erinnerungen waren bitter und geprägt von Unversöhnlichkeit. So weigerte sie sich auch hartnäckig, Harriet den Namen ihres leiblichen Vaters zu verraten. Dabei hätte die sich wenigstens etwas moralische Unterstützung für ihren Plan gewünscht, den kleinen Ort Ballyflynn aufzusuchen, um dort vielleicht endlich einen Hinweis auf ihren Vater zu erhalten.

Doch das Schicksal hatte es offensichtlich anders gewollt, da ihr bereits am nächsten Morgen die Papiere für den Verkauf des Mietstalls vorgelegt werden sollten. Von allen Seiten bedrängt, hatte Harriet sich schließlich dazu überreden lassen, ihr neues Besitztum ungesehen zu veräußern. Sich dagegen aufzulehnen, hätte ihr Leben nur unnötig kompliziert.

In diesem Augenblick klingelte ihr Handy. Obwohl sie voller Wehmut wegen der verpassten Chance war, meldete sie sich doch mit professioneller Freundlichkeit.

„Harriet, weißt du, ob mein Armani-Anzug immer noch in der Reinigung ist?“, fragte Luke am anderen Ende kurz angebunden.

„Lass mich nachdenken …“ Harriet ging in Gedanken zum letzten Wochenende zurück, das wie so ziemlich jedes andere in gewohnter Hetze zwischen etlichen Verpflichtungen und viel zu knapper Zeit verstrichen war. Luke hatte sie gebeten, den Anzug abzuholen, und sie hatte versprochen, es zu tun. Aber war sie auch tatsächlich zur Reinigung gefahren?

Seit sie noch Überstunden an den Wochenenden leistete, fiel es Harriet zunehmend schwerer, sich um die alltäglichen Dinge des Lebens zu kümmern.

„Harriet!“, drängte Luke. „Ich bin spät dran!“

„Ich habe den Anzug abgeholt …“, entschied sie mehr für sich.

„Aber er hängt nicht im Schrank.“ Luke war in seiner Ungeduld so scharf und eindringlich, wie es wohl nur ein Anwalt fertigbrachte. Ähnlich hatte er reagiert, als sich herausstellte, dass Emerald Isle, also Irland, nur deshalb so saftig grün war, weil es dort die meiste Zeit des Jahres regnete. Somit entsprach es ganz sicher nicht seiner Traumvorstellung von einem perfekten Feriendomizil. „Was ist nun?“

Harriet sah ihn direkt vor sich: sein blondes Haar, nach hinten aus der hohen Stirn gekämmt, das lebhafte, sonnengebräunte Gesicht, das von den funkelnden grünen Augen beherrscht wurde. Sofort wurde ihr heiß vor Liebe und Verlangen. Angestrengt versuchte sie sich daran zu erinnern, wie sie am Samstag voll bepackt mit Lebensmitteltüten, den Armani-Anzug über dem Arm, sein Apartment betreten hatte. „Einen Moment noch, gleich hab ich’s …“

„Warum musst du nur immer so schrecklich unorganisiert sein?“, fuhr er sie in plötzlich aufwallendem Zorn an.

Verletzt durch den ungerechtfertigten Ausbruch, presste Harriet die Lippen zusammen, schloss die Augen und sah den Anzug jetzt deutlich vor sich. „Er hängt an der Rückseite der Küchentür“, entgegnete sie entschieden.

„Er ist bitte wo …? Ach, schon gut“, murrte Luke undankbar.

„Das war das letzte Mal, dass ich dir an einem Samstag so einen Gefallen getan habe, nur damit du dich mit deinen Freunden im Fitnesscenter treffen kannst“, erklärte Harriet kühl. „Und ich bin nicht unorganisiert, nur völlig überlastet.“

Am anderen Ende war es plötzlich still. „Tut mir leid“, bequemte Luke sich schließlich zu sagen. „Das war nicht fair von mir. Sehe ich dich später noch?“

„Nein, ich kann froh sein, wenn ich vor Mitternacht zu Hause bin.“ Selbst wenn sie noch nach London zurückfuhr, musste sie zuerst in die Agentur, ihre Chefin Saskia auf den neusten Stand bringen und einen detaillierten Bericht verfassen. Das monatliche Treffen mit den leitenden Angestellten des Zenco-Hauptbüros in Manchester war immerhin der wichtigste Termin in ihrem Kalender.

„Sehr schade, ich vermisse dich nämlich …“ Jetzt ließ Luke wieder seinen bewährten Charme spielen. „Wie auch immer, ich habe heute auch noch eine Menge zu tun. Also, mach dir keine Gedanken, falls ich mein Handy ausschalte. Hör zu, ich muss los … Ich ruf dich morgen an, Baby.“

Baby? Gedankenverloren legte Harriet ihr Handy zur Seite. Lukes etwas seltsame Anrede verblüffte sie. Zum einen war es nicht seine Art, so mit ihr zu reden, und dann dieser spezielle Ausdruck …

Eigentlich kannte sie ihn nur von ihrer Halbschwester Alice. Aber die war schließlich ein so genanntes It-Girl mit einem Treuhandfonds und dem Ruf, eine absolute Trendsetterin in Sachen Mode und Zeitgeist zu sein.

Harriet lächelte unwillkürlich. Sie war sehr stolz auf ihre jüngere Halbschwester und dachte nicht zum ersten Mal, wie schade es war, dass die beiden Menschen, die ihr am nächsten standen, nämlich Luke und Alice, sich nicht ausstehen konnten.

Ihr Handy klingelte erneut, gerade als sie zum Meeting aufbrechen wollte.

„Sehen Sie sich die Morgennachrichten an?“, wollte ihre Chefin in scharfem Ton wissen.

„Nein, warum?“ Da Saskia bekanntermaßen gern dramatisierte, schlenderte Harriet ohne Eile zum Nachttisch hinüber, griff nach der Fernbedienung und schaltete das Gerät erneut an.

„Zenco stürzt ab! Sie gehen in Konkurs!“ Saskias Stimme klang wie splitterndes Glas, und Harriets Magen krampfte sich zusammen. Mit schmalen Augen starrte sie auf den Bildschirm. Eine unübersehbare Menge von Angestellten drängte sich vor dem Eingang des Zenco-Firmengebäudes. Einige von ihnen hämmerten mit den Fäusten gegen die geschlossenen Türen, doch im Innern war niemand zu sehen. Auf den angespannten Gesichtern der Menschen standen Angst, Wut und Unsicherheit. Die Kamera schwenkte nun auf eine weinende junge Frau.

„Sie stehen die ganze Zeit mit Zenco in Verbindung. Wieso haben Sie nicht gemerkt, was sich da zusammenbraut?“ Wie ein Messer schnitt Saskias scharfe Stimme in Harriets Bewusstsein und lenkte sie für einen Moment von den tumulthaften Szenen ab, die sich auf dem Bildschirm abspielten.

„Wenn Sie uns gewarnt hätten, wären wir in der Lage gewesen, uns rechtzeitig abzuseilen.“

Diese unerwartete Attacke irritierte und ärgerte Harriet. „Aber Saskia, wie hätte ich denn …“

„Momentan bin ich absolut nicht daran interessiert, mir Ihre Ausreden anzuhören!“, fuhr ihre Chefin sie beinahe hysterisch an. „Gehen Sie sofort rüber! Lassen Sie Ihre Beziehungen spielen, um herauszufinden, was genau dort läuft. Und dann kommen Sie so schnell wie möglich nach London zurück. Ohne den Zenco-Etat sind wir ganz schön aufgeschmissen.“

Noch minutenlang stand Harriet auf dem gleichen Fleck und presste ihre kühlen Handflächen gegen die brennenden Wangen. Saskia war zwar bekannt für ihre scharfe Zunge, aber zum ersten Mal geriet Harriet selbst ins Visier.

Bis zu diesem Morgen hatte sie als eine der wichtigsten Angestellten gegolten, die auf der Welle des Erfolgs und des stetig wachsenden Werbebudgets von Zenco ganz oben schwammen. Doch wenn Zenco in Schwierigkeiten war, würde es ihr nicht anders ergehen.

Seit zwei Jahren gehörte Harriet zum Mitarbeiterstab von Dar Design. Anfangs war das Auftragsvolumen von Zenco noch sehr dürftig gewesen. Doch ihnen gefiel Dars kreative Werbekampagne, wobei Harriets überzeugende Präsentation schließlich den Ausschlag gab.

Der Rest war Geschichte. Dar Design musste rasch und flexibel expandieren, um den wachsenden Anforderungen des multinationalen Konzerns Rechnung tragen zu können.

Doch was, wenn die stetig sprudelnde Geldquelle plötzlich versiegte …?

Sechs Stunden später durchquerte Harriet gelassen das elegante, großzügige Foyer von Dar Design. Eine unheimliche Stille herrschte in der sonst so geschäftigen Agentur. Zufällig vorbeihuschende Kollegen wichen ihrem Blick aus und verschwanden in den Büros.

Noch bevor Harriet ihren Rückflug nach London gebucht hatte, war Saskia bereits weitere vier Mal in der Leitung gewesen. Jeder Angestellte musste dank ihrer schrillen, erhobenen Stimme inzwischen mitbekommen haben, dass Zenco der Agentur so viel Geld schuldete, dass Dar Design im Falle eines Bankrotts ebenfalls pleitegehen würde.

Ihre Bemühungen, mit Luke zu sprechen, gab Harriet auf, als ihr einfiel, dass er sein Handy hatte ausschalten wollen. Und von seiner Sekretärin erfuhr sie, dass er mindestens bis achtzehn Uhr in einer Konferenz sitzen würde.

Kaum hatte sie ihr Büro betreten, zuckte Harriet nervös zusammen, als hinter ihr die Tür aufflog und eine brünette Mittvierzigerin im pinkfarbenen Hosenanzug hereinwirbelte.

„So!“, stieß Saskia anklagend hervor.

Harriet schloss die Tür hinter ihrer Chefin und lehnte sich gegen ihren Schreibtisch. „Es sieht wirklich nicht gut aus. Gerüchte besagen, dass es einige ungeklärte Leerstellen in der Finanzbuchhaltung von Zenco gibt und bereits gegen drei der Direktoren Ermittlungen laufen.“

Saskia fluchte leise aus und musterte Harriet mit wachsendem Groll. „Und warum erfahre ich erst jetzt davon?“

„Korruption gehört nicht unbedingt zu den Themen, die ich mit meinen Kontaktleuten von Zenco diskutiere“, entgegnete Harriet so kühl und beherrscht wie möglich. „Weder sie noch ich haben Zugang zu den höheren Etagen, wo sich so etwas abspielt.“

Obwohl sie sich schon vor Jahren entfremdet hatten, beschloss Rafael, an der Beerdigung seines Vaters Valente Cavaliere teilzunehmen. Feindseligkeiten innerhalb der Familie waren einfach kein Thema, das in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden sollte. So sah er keinen Anlass, sich dieser altehrwürdigen Tradition zu entziehen.

Natürlich passte es ihm nicht, England verlassen zu müssen, während Zenco sozusagen in den letzten Zügen lag. Doch er traute sich durchaus zu, auch aus der übermäßigen Gier dummer Leute noch ein paar Millionen herausschlagen zu können.

Als er die antike Kapelle in Rom betrat, empfing ihn respektvolle Stille. Die Nachricht vom Tod seines Vaters hatte er ohne sichtbare Zeichen der Trauer oder Sentimentalität aufgenommen. Rafaels kühle Zurückhaltung war typisch für ihn und wäre von seinem Vater sicher honoriert worden. In seinen mehr als siebzig Jahren war es Valente zu seinem größten Bedauern nie gelungen, die kalte, stolze Haltung seines Sohnes zu übertreffen.

Aus lauter Frust und Wut, ihn nicht einschüchtern zu können, hatte er ihn stattdessen ständig bekämpft. Er ging sogar so weit, sich illegaler Methoden wie Bestechung zu bedienen, um Rafaels Firmenimperium zu vernichten. Dabei empfand Valente zunehmend eine Art widerwilligen Respekt vor seinem eigenen Fleisch und Blut. Denn Rafael war ausgesprochen intelligent und verfügte über eine eiserne Selbstkontrolle, gepaart mit einer gewissen Gefühlskälte. Noch kurz vor seinem Tod kam Valente zu dem Schluss, dass er einen echten Helden gezeugt haben musste mit einer irischen Frau, die ansonsten keiner seiner Erwartungen entsprochen hatte.

Rafaels Empfindungen am offenen Grab seines Vaters waren weder religiöser noch versöhnlicher Natur. Doch dass er genau in diesem Moment von unwillkommenen Erinnerungen heimgesucht wurde, verursachte ihm einen bitteren Nachgeschmack …

„Deine Mutter ist eine Hure und ein Junkie. Du darfst der alten Hexe kein Wort glauben!“, hatte Valente seinen Sohn gewarnt, als Rafael gerade erst sieben Jahre alt war. Und dann erläuterte er dem kleinen Jungen detailliert jeden der unbekannten Ausdrücke. „Wenn du sie besuchst, vergiss nie, dass du ein Cavaliere bist und sie nichts weiter als irischer Abschaum.“

Und als Rafael sich mit fünfzehn Jahren zum ersten und letzten Mal aufrichtig verliebte, übertraf sich sein Vater selbst. Es war Valente gewesen, der die bemerkenswert hübsche Prostituierte angeheuert hatte, um seinem Sohn innerhalb von nur einer Woche den Kopf zu verdrehen und ihn zu verführen.

„Ich musste doch schließlich einen Mann aus dir machen“, lautete seine lapidare Erklärung. „Und die Kleine war echt beeindruckt von dir. Ein ziemlich begabtes Mädchen, oder? Ich sollte es schließlich wissen. Immerhin habe ich sie vorher ausprobiert“, verriet er schmunzelnd. „Aber du kannst sie nicht lieben. Sie ist eine Hure, und du wirst sie nie wiedersehen. Alle Frauen sind Huren unter ihrer feinen Haut, wenn es darum geht, an das Geld der Männer heranzukommen!“

Diese vernichtenden Nachrichten eröffnete Valente seinem Sohn im Beisein seiner engsten Vertrauten, die ihre Belustigung nicht verbergen konnten.

„In Geschäftsdingen hat Sentimentalität nichts zu suchen“, erklärte er zynisch, als sich der Vater von Rafaels bestem Freund erschoss, nachdem Valente ein mündlich gegebenes Abkommen nicht eingehalten hatte. „Ich kümmere mich nur um meine Belange und, wenn du dich mir gegenüber loyal verhältst, auch um deine.“

Nur kurze Zeit später erteilte er Rafael eine Lektion über die verschiedenen Möglichkeiten, einer ungewollten Schwangerschaft zu begegnen, die da lauteten: Verleugnung, Einschüchterung oder Abbruch.

Als Folge einer kurzen Affäre mit einer attraktiven irischen Witwe, die als Hausverwalterin auf Flynn Court, dem Stammsitz seiner Frau, angestellt war, wurde Valente zum zweiten Mal Vater. Jetzt hatte Rafael noch eine Halbschwester, inzwischen ein lebhaftes fünfzehnjähriges Mädchen mit den typischen großen, aber in ihrem Falle furchtsam dreinschauenden Augen der Cavalieres.

Rafael war für ihre Erziehung in ausgesuchten Internaten aufgekommen – zumindest die letzten vier Jahre. Allerdings nicht aus sentimentalen Erwägungen heraus, o nein. Rafael Cavaliere tat nie etwas ohne Hintergedanken.

Seine scheinbare Großzügigkeit brachte seinen Vater in Rage und vertiefte die Kluft zwischen beiden, falls überhaupt möglich. Doch seinem Image in Ballyflynn schadete dieser geschickte Schachzug in keinem Fall.

Rafael ließ eine verblichene Fotografie von seiner Mutter und dem verwahrlosten Familienanwesen Flynn Court in Valentes Grab flattern. „Möge sie dich bis ins Fegefeuer verfolgen“, murmelte er grimmig.

Auf Saskias Befehl hin machte Harriet früher als gewohnt Feierabend und fuhr nach Hause. Ihr war überdeutlich bewusst, dass ihre Karriere mit der Pleite von Zenco beendet wäre. Eine kurze Phase der Arbeitslosigkeit bedeutete aber kein ernsthaftes Problem, da sie über einen nicht unbeträchtlichen Notgroschen verfügte.

Was allerdings Luke betraf … ein baldiger Hochzeitstermin käme ihm sicher nicht mehr gelegen, wenn er die beunruhigenden Nachrichten erfuhr. Immerhin tat er sich auch so schon ziemlich schwer damit, sich endgültig zu binden. Doch Harriet würde sich eher auf die Zunge beißen, als Luke zu verraten, wie gern sie seine Frau werden würde. Auf keinen Fall wollte sie ihn unter Druck setzen. Sie waren bereits seit fünf Jahren zusammen und seit zwei Jahren verlobt. Mit achtundzwanzig Jahren fühlte sich Harriet durchaus bereit für den nächsten Schritt.

In ihrer Wohnung angekommen, hörte sie als Erstes den Anrufbeantworter ab.

Die melodiöse Stimme ihrer jüngeren Halbschwester Alice erfüllte den Raum. „Ich dachte, wir könnten uns vielleicht zum Mittagessen … aber offensichtlich bist du mal wieder geschäftlich unterwegs. Schade! Vielleicht ein anderes Mal. Ich muss heute Abend nach Nizza.“

Harriet unterdrückte einen enttäuschten Seufzer. Mit ihrer vor Charme sprühenden kleinen Schwester auszugehen und alles über deren aufregendes Partyleben zu hören, wäre genau die richtige Ablenkung gewesen. In diesem Moment läutete es an der Tür.

Als Harriet öffnete, stand Juliet vor ihr, das vollbusige platinblonde Model von gegenüber. „Ich ziehe heute Abend aus“, verkündete diese.

„Oh! Das kommt aber plötzlich“, wunderte sich Harriet.

„Ich verlasse Europa zusammen mit meinem Lover und wollte dich um einen Gefallen bitten …“ Juliet, die nie ohne einen triftigen Grund bei Harriet klingelte, lächelte ihre Nachbarin strahlend an. „Ich weiß, du hast ein weiches Herz und kannst einfach fantastisch mit Tieren umgehen. Würdest du bitte Samson übernehmen?“

Harriet blinzelte überrascht. Samson war Juliets Chihuahua. Diese Rasse galt seit dem Film „Natürlich blond!“ als unverzichtbares Accessoire für jede modebewusste junge Frau. Erst jetzt fiel Harriet auf, dass sie das Hündchen nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte, seit einer der anderen Mieter Juliet auf die Klausel über das Haustierverbot in ihrem Mietvertrag aufmerksam gemacht hatte. „Ich wusste gar nicht, dass du ihn noch hast.“

„Samson genießt inzwischen ein Luxusleben in einem Tierhotel, das mich ein Vermögen kostet“, lamentierte Juliet. „Aber mir bleibt keine Zeit mehr, ihn zu verkaufen.“

„Tut mir leid, da kann ich dir auch nicht helfen“, entgegnete Harriet rasch und verhärtete ihr Herz gegen den armen Chihuahua, dessen selbstsüchtiges Frauchen sie am liebsten geschüttelt hätte. „Kann denn die Hundepension keinen neuen Besitzer für ihn finden?“

„Die? Niemals! Die behalten ihn eher, um irgendwann noch mehr Geld aus mir herauszuschlagen. Du musst mir einfach helfen. Danny holt mich in weniger als einer Stunde ab.“

„Ich fürchte, ich weiß auch keinen Platz, wo Samson bleiben könnte“, erklärte Harriet, fest entschlossen, sich von der extrovertierten Blondine nicht so einfach überrollen zu lassen. Luke mochte Hunde nicht und hatte schon heftig protestiert, als sie Samson nur mal für ein Wochenende beherbergte.

Anderthalb Stunden später hatte Harriet sich umgezogen und trug nun Lukes Lieblingskleid: ein blaues, schlicht geschnittenes Etuikleid. Gut gelaunt machte sie sich auf den Weg zu Lukes Apartment, um ihren Verlobten zu überraschen. Seine Konferenz würde sicher inzwischen beendet sein. In ihrem Einkaufskorb befanden sich alle Zutaten für eine chinesische Gemüsepfanne. Luke schätzte ihre hausfraulichen Qualitäten.

Ihn erst durch ein leckeres Essen versöhnlich zu stimmen, ehe sie ihm von der drohenden grauen Wolke erzählte, die über ihrem Karrierehorizont schwebte, war natürlich glatte Bestechung. Ihr Gewissen plagte Harriet allerdings nicht nur in diesem Punkt. Vor ihrem inneren Auge sah sie den armen kleinen Samson, bedroht von seinen großen Artgenossen in einer anonymen Tierpension. Aber das ist nicht mein Problem, sagte sich Harriet entschieden. Luke kritisierte oft genug ihre Neigung, sich der Probleme anderer Menschen anzunehmen.

Harriet schloss die Tür zu Lukes schickem Apartment auf und ging quer durch die Diele direkt in die Küche. Ein perlendes Gelächter aus dem kombinierten Wohnund Schlafraum ließ sie für einen Moment überrascht innehalten. Vorsichtig näherte sie sich der angelehnten Tür.

„Wir nannten sie immer Porky Pie, Fettkloß, als wir noch Kinder waren“, erklang eine vertraute Stimme. „Mum hat sich so sehr für Harriet geschämt, dass sie sogar einmal behauptete, sie wäre in Wirklichkeit die Tochter unserer Haushälterin. Meine Schwester war aber auch furchtbar plump und hatte diesen hinterwäldlerischen Akzent. Inzwischen ist sie zwar schlanker, aber ihr Hinterteil … na ja, schweigen wir darüber.“

Harriet stand wie angewurzelt da. Was hatte ihre Halbschwester Alice in Lukes Apartment zu suchen? Und warum sagte sie so schreckliche Sachen? Wollte sie damit etwa ihren zukünftigen Schwager für sich einnehmen?

Ein- oder zweimal hatte Harriet bereits miterlebt, wie gnadenlos Alice über andere herziehen konnte, und war erschrocken gewesen über deren Zynismus.

„Alice“, meldete sich jetzt Luke mit sanftem Tadel.

„Schon gut. Ich finde, wir haben ohnehin schon zu viel Zeit auf diese Langweilerin verschwendet“, maulte Alice. „Möchtest du vielleicht ein Stück von meinem köstlichen Schokoladenkuchen, oder willst du lieber noch eine Nummer schieben, Baby?“

„Da fragst du noch? Spreiz deine wundervollen Beine …“

Harriets eigene Beine drohten plötzlich unter ihr nachzugeben. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie die Tür weiter öffnete und wie hypnotisiert auf das Paar starrte, das sich auf Lukes breitem Bett wälzte. Luke war völlig nackt, und ihre halb nackte Schwester saß rittlings auf seinem Schoß. Ihr hellblondes Haar floss wie schimmernde Seide über die gebräunten Schultern, und sie bewegte sich auf ihm so geschmeidig wie eine Wildkatze.

„Ich liebe deinen knackigen Po“, murmelte Luke heiser.

Harriet stand immer noch reglos in der offenen Tür. „Im Gegensatz zu meinem“, hörte sie sich zu ihrem eigenen Entsetzen sagen.

Das Liebespaar erstarrte mitten in einer ekstatischen Bewegung. Unter anderen Umständen hätte es sicher komisch gewirkt. Luke, der sich als Erster fing, schüttelte Alice ab wie ein lästiges Insekt. „Harriet?“

„Wie lange trefft ihr euch schon?“, fragte sie gepresst, die Hände zu Fäusten geballt.

Alice strich sich das blonde Haar mit einer graziösen Geste aus der Stirn. „Seit Monaten“, erwiderte sie ohne das geringste Anzeichen von Verlegenheit. „Und er kann nicht genug von mir kriegen … im Bett und auch sonst. Tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfährst. Aber so ist das Leben nun mal. Glaub mir, es hat mir überhaupt nicht gefallen, mich zu verstecken, als täten wir etwas Verbotenes.“

Inzwischen hatte sich Luke – weitaus weniger selbstsicher als sonst – wieder angezogen und wies Alice grob an, endlich den Mund zu halten.

Harriet betrachtete ihren Verlobten, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Nur dass er jetzt nicht mehr ihr Verlobter war, wie sie nüchtern feststellte. Auf einmal kam Harriet ihre Beziehung wie ein schlechter Scherz vor. Im Bemühen, ihre Selbstbeherrschung zu bewahren, drehte sich Harriet steif um und verließ das Apartment ohne ein weiteres Wort.

Vor der Tür rang sie verzweifelt nach Luft. Ihr war, als wäre sie in einer kleinen schwarzen Box eingeschlossen, der jemand den Sauerstoff entzogen hatte. Verbissen kämpfte sie gegen die aufsteigende Panik und den fast unwiderstehlichen Impuls an, laut zu schreien.

Wie in einem Film spulte die grässliche Szene, die sie soeben erlebt hatte, immer wieder vor ihrem inneren Auge ab. Die einzelnen Worte und Bilder bohrten sich wie scharfe Messer in ihr Herz. Der Schmerz war kaum noch zu ertragen.

Wie sehr hatte sie Luke geliebt und verehrt! Ein Leben ohne ihn schien unvorstellbar. Noch weniger ertrug Harriet den Gedanken, dass er mit ihrer Schwester schlief und über deren Schmähungen lachte.

Wann war die Animosität zwischen Alice und Luke in Leidenschaft umgeschlagen? Waren die ironischen Kommentare und Beleidigungen, die zwischen den beiden hin und her flogen, sobald sie zusammentrafen, nur Täuschung gewesen? Hatten sie das alles bloß inszeniert, um ihr, Harriet, Sand in die Augen zu streuen?

Als Harriet Luke an der Universität kennenlernte, war sie zuerst nicht mehr als eine gute Freundin für ihn gewesen, obwohl sie es sich ganz anders gewünscht hätte. So hatte sie hinnehmen müssen, wie er mit dünneren, attraktiveren und erfahreneren Mädchen schlief. Doch die anderen kamen und gingen, und aus ihrer Freundschaft erwuchs nach und nach Vertrauen und … Liebe.

Ohne dass Luke es registrierte, hatte sich Harriet für ihn um zwei Kleidergrößen heruntergehungert. Schlimmer noch, von jeder seiner Gespielinnen hatte sie sich das abgeguckt, was sie in Harriets Augen für Luke attraktiv machte.

Dadurch war sie sich selbst fremd geworden, wie ihr plötzlich bewusst wurde. Und all das nur, um den Mann zu gewinnen und zu halten, den sie als ihren Traummann ansah.

Offensichtlich ließ sich das Schicksal nicht so leicht betrügen.

Vielleicht waren sie und Luke nie wirklich füreinander bestimmt gewesen. Ganz sicher konnte Harriet sich nicht mit Alice messen, die einen guten Kopf größer war als sie – eine naturblonde Schönheit mit einer fantastischen Figur und unerschütterlichem Selbstvertrauen.

Um Luke zu gewinnen, hatte Alice nur die Hand auszustrecken brauchen, das war Harriet klar. Und vermutlich huldigte sie der gleichen schlichten Lebensphilosophie wie ihre Mutter. Eva, die aus bescheidenen Verhältnissen stammte, hatte ohne zu zögern ihre irischen Wurzeln vergessen und jede Chance genutzt, sich ein besseres Leben zu erobern. Jetzt war sie am Ziel ihrer Wünsche angekommen. Sie lebte in dritter Ehe in Paris, und ihr norwegischer Ehemann, der sein Vermögen als Reeder gemacht hatte, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab.

Harriet war Evas ältestes Kind und wuchs bei ihrem ersten Ehemann auf. Alice und Harriets Halbbruder Boyce stammten von dessen Nachfolger – also Ehemann Nummer zwei.

„Man hat schließlich nur ein Leben“, lautete Evas Devise. „Deshalb muss man manchmal einfach egoistisch sein. Dann ist man wenigstens sich selbst gegenüber ehrlich.“

Ein Glaubensbekenntnis, dem Harriet sich nicht anschließen konnte, da ihr von klein auf beigebracht wurde, die Wünsche und Bedürfnisse anderer Menschen über ihre eigenen zu stellen. Doch jetzt drohte ihre Welt aus den Fugen zu geraten, und ganz unverhofft wurde ihr bewusst, dass ihr eine ganz andere Zukunft beschert sein könnte als die erwartete …

Ohne Luke, der sich selbst aus ihrem Leben katapultiert hatte, und einer Karriere, die jeden Moment zu Ende sein konnte, war sie endlich frei, ihren eigenen Wünschen und Interessen nachzugehen. Zumindest sagte sie sich das jetzt, um ihr altes Mantra, das schmählich versagt hatte, durch ein neues, positiveres zu ersetzen.

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