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JULIA PLATIN BAND 3

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Spanisches Feuer

1. KAPITEL

Das Telefon klingelte genau im falschen Moment. Sophie, die gerade Tabellenkalkulation machte, stöhnte auf. Sie musste noch so viel durcharbeiten und war daher bereits seit dem Morgengrauen im Büro.

Normalerweise kam sie um acht und arbeitete so lange, wie es nötig war, denn niemand sollte ihr mangelndes Pflichtbewusstsein vorwerfen. An diesem Tag wollte sie aber ausnahmsweise einmal früh gehen, damit sie genügend Zeit hatte, sich für ein Rendezvous fertig zu machen – ein heißes Rendezvous mit Oliver Duncan, dem Inhaber ihres Konkurrenten, der Werbeagentur Duncan’s. Sie würde den Abend also mit einem der begehrtesten Junggesellen Londons verbringen.

„Ich habe doch gesagt, dass ich nicht gestört werden möchte, Narell“, meldete sie sich gespielt streng, denn sie wusste, dass Narell die beste Assistentin der Welt war. Es musste sich daher um etwas Wichtiges handeln.

Narells Stimme klang allerdings gequält. „Dieser Mann lässt sich leider nicht abwimmeln. Er will unbedingt mit dir sprechen.“

Sophie schnitt ein Gesicht. „Aha, unbedingt. Ich weiß nicht, ob ich Männer mag, die so hartnäckig sind. Wer ist es denn?“

„Es ist …“ Narell räusperte sich. „Es ist Don Luis de la Camara.“

Luis.

Luis!

Sophie klammerte sich an den Schreibtisch, als würde ihr Leben davon abhängen. Es war verrückt, dass ihr der kalte Schweiß ausbrach, wenn sie nur seinen Namen hörte! Sie verspürte ein erregendes Prickeln. Und dann Schuldgefühle.

Was hatte Luis de la Camara nur an sich? Ihr war doch klar, was für ein Mann er war – oberflächlich, sexy und tabu für sie. Und nun pochte ihr Herz wie wild, obwohl sie normalerweise ruhig und vernünftig war. Sie dachte nicht mehr an Oliver, sondern sah den furchteinflößendsten Mann vor sich, den sie je kennengelernt hatte.

Dann riss sie sich allerdings zusammen und fragte sich, warum der arrogante Spanier sie hier im Büro anrief und darauf bestand, mit ihr zu sprechen.

Sie verfluchte den Tag, an dem ihre Cousine ihn geheiratet hatte, und nickte widerstrebend. „Okay, Narell. Du kannst ihn durchstellen.“

„Gut.“

Nach einer kurzen Pause hörte Sophie die unverkennbare sinnliche Stimme von Luis de la Camara und spürte zu ihrem Leidwesen, wie sie errötete. Er ist verheiratet, rief sie sich ins Gedächtnis, und zwar mit deiner Cousine. Du verachtest ihn, falls du das vergessen haben solltest.

Sie hatte lernen müssen, ihn zu hassen. Es war viel besser, einen Mann zu hassen, als sich einzugestehen, dass er einen auf eine beängstigende Weise erregte und dies zudem völlig unpassend war. Und wie sollte eine Frau etwas anderes als Hass für einen Mann empfinden, der sie mit unverhohlenem Verlangen in den Augen ansah, und das nur wenige Tage vor der Hochzeit ihrer Cousine?

„Soph-ie?“

Luis sprach ihren Namen aus wie kein anderer – mit singendem Tonfall und einem leichten spanischen Akzent, was ihr stets eine Gänsehaut verursachte. Schnell schaltete sie die Sprechanlage aus und nahm den Hörer ab, damit der Klang seiner Stimme nicht den Raum erfüllte.

„Ja, das bin ich“, erwiderte sie forsch und legte ihren Stift weg. „Das ist wirklich eine Überraschung, Luis.“ Was für eine Untertreibung!

„Ja.“

Seine Stimme klang anders als sonst. Hart. Gequält. Und plötzlich hatte Sophie eine dunkle Vorahnung und erschauerte. „Was ist passiert?“, erkundigte sie sich ängstlich. „Warum rufst du mich bei der Arbeit an?“

Luis schwieg einen Moment, was ihr nur noch mehr Unbehagen verursachte, denn normalerweise zögerte er nicht. Es gab Männer, die nie um Worte verlegen waren, und Luis de la Camara war das beste Beispiel dafür.

„Was ist?“, flüsterte sie.

„Sitzt du?“

„Ja! Luis, um Gottes willen, sag es mir!“

Luis, der sich in einem anderen Land und in einer anderen Welt befand, zuckte zusammen. Er wusste nicht, wie er es ihr schonend beibringen sollte. „Es geht um Miranda“, begann er langsam. „Sophie, ich muss dir leider mitteilen, dass deine Cousine einen schrecklichen Unfall hatte. Sie … sie ist dabei ums Leben gekommen. Murio en un accidente de coche“, fügte er ungläubig hinzu, als würde er die schreckliche Wahrheit nur glauben, indem er die Worte in seiner Muttersprache wiederholte.

Sophie schrie auf. „Nein!“

„Es ist wahr“, bekräftigte er.

„Sie ist tot? Miranda ist tot?“, fragte sie, als könnte Luis es immer noch leugnen.

„Sí. Es tut mir leid, Soph-ie. Sehr leid.“

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Miranda war tot? „Aber sie kann nicht tot sein!“, widersprach sie und schluchzte auf. Wie konnte eine schöne Frau von fünfundzwanzig plötzlich nicht mehr da sein? „Sag, dass es nicht wahr ist, Luis!“

„Glaubst du nicht, ich würde es tun, wenn ich könnte?“, meinte Luis, und seine tiefe Stimme klang beinah sanft, als er fortfuhr. „Sie ist heute Morgen bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“

„Nein.“ Sophie schauderte und schloss die Augen. Dann kam ihr ein noch schrecklicherer Gedanke, und sie öffnete die Augen wieder. „Was ist mit Felipe?“, rief sie, und ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie an ihren süßen kleinen Neffen dachte. „Er … er war doch nicht bei ihr, oder?“

„So früh am Morgen? Nein, Sophie, er war nicht bei ihr. Mein Sohn lag im Bett und schlief tief und fest.“

„Gott sei Dank!“, flüsterte sie, und während tiefer Schmerz sie überkam, dachte sie über seine Worte nach.

Wenn Felipe im Bett gelegen und geschlafen hatte, wo war Miranda dann in den frühen Morgenstunden gewesen? Und warum war Luis nicht verletzt? Es sei denn … es sei denn, er war es. „Bist du auch verletzt, Luis?“, fragte Sophie mit bebender Stimme.

In der klimatisierten Hazienda verspannte Luis sich, und seine Miene versteinerte. „Ich war nicht im Wagen“, antwortete er schroff.

Obwohl sie noch immer unter Schock stand, runzelte Sophie verwirrt die Stirn. Warum nicht? überlegte sie. Warum war Miranda so früh am Morgen ohne ihre Familie unterwegs gewesen?

Sophie ballte die freie Hand zur Faust. Nach dem Warum zu fragen wäre in dieser Situation völlig unpassend gewesen. Sicher trauerte Luis um seine Frau, auch wenn es keine Liebesheirat und ihre Ehe nicht glücklich gewesen war. Miranda, die Mutter seines Sohnes, hatte ein tragisches Ende gefunden, und für ihn war eine Welt zusammengebrochen, ungeachtet dessen, was vorher passiert war.

Ihre Gefühle für ihn spielten in einer Zeit wie dieser keine Rolle. Sie, Sophie, musste ihm Mitgefühl entgegenbringen.

„Es … es tut mir so leid“, erklärte sie steif.

„Danke“, erwiderte Luis ausdruckslos. „Ich habe dich angerufen, weil ich es dir selbst sagen wollte und du es nicht von der Polizei erfahren solltest. Außerdem wollte ich dich fragen, ob ich deine Großmutter anrufen soll …“

Seine Worte erinnerten sie an eine schwere Aufgabe, die vor ihr lag, nämlich ihrer alten und gesundheitlich angeschlagenen Großmutter die traurige Nachricht zu überbringen. Sophie atmete gequält ein. Sie war froh, dass die Eltern ihrer Cousine nicht mehr miterleben mussten, was dieser zugestoßen war. War nicht der viel zu frühe Tod eines Kindes das Schlimmste, was Eltern widerfahren konnte, auch wenn die beiden sich nie besonders um Miranda gekümmert hatten?

Die beiden waren leidenschaftliche Globetrotter gewesen und hatten die ganze Welt bereist, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Eines Tages waren sie mit einem kleinen Flugzeug in den Bergen abgestürzt. Miranda war damals siebzehn gewesen und hatte bald danach begonnen, so zu leben, als würde es kein Morgen geben.

Und nun würde es für sie nie wieder ein Morgen geben.

„Nein“, brachte Sophie hervor, während sie mit den Tränen kämpfte. „Ich werde es meiner Großmutter selbst sagen, und zwar persönlich. Es wird leichter sein …“ Sie schluckte mühsam. Auf keinen Fall würde sie die Fassung verlieren, wenn Luis gewissermaßen dabei war. „Es wird weniger schlimm für sie sein, wenn ich ihr die Nachricht überbringe.“ Außerdem würde sie versuchen, sich mit ihren Eltern in Verbindung zu setzen, die sich gerade eine Kreuzfahrt auf einem Luxusliner gönnten.

„Bist du sicher?“, erkundigte sich Luis.

„Ja.“

„Es wird … schwer sein“, meinte er, und seine Stimme klang ungewöhnlich sanft. „Sie ist jetzt eine alte Frau.“

Sophie riss sich zusammen, um nicht auf seinen Tonfall zu reagieren. Es war sehr wichtig, dass sie für seinen Charme unempfänglich blieb. „Es ist nett, dass du dir Gedanken darum machst“, bemerkte sie kühl.

„Natürlich. Sie gehört doch zur Familie. Was hattest du denn erwartet, Sophie?“

Ja, was hatte sie erwartet? Sophie wusste es nicht, und sie überlegte, wie er ihr in dieser Situation eine solche Frage stellen konnte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre geliebte Miranda einen so sinnlosen Tod sterben und ihr Neffe ohne Mutter aufwachsen könnte, noch dazu so weit entfernt von seinem Heimatland.

Felipe.

Allein der Gedanke an ihn veranlasste sie, ihren Kummer zu verdrängen und zu handeln. „Wann … wann ist die Beerdigung?“

„Am Montag.“

Damit hatte sie drei Tage Zeit.

„Ich komme. Ich fliege am Sonntag.“

Entsetzt stellte Luis fest, dass er ein gewisses Gefühl des Triumphs und gleichzeitig einen schmerzhaften Stich verspürte, weil er Sophie bald wiedersehen würde. Er verfluchte seinen Körper, der so verräterisch reagierte. „Ruf mich zu Hause oder im Büro an, und sag mir Bescheid, wann du landest“, erklärte er angespannt. „Du wirst nach Madrid und von dort aus nach Pamplona fliegen müssen. Ich lasse dich vom Flughafen abholen. Hast du verstanden?“

„Danke.“ Ihr fiel auf, wie beherrscht Luis klang, bis sie sich ins Gedächtnis rief, dass er immer so war und auch immer das Sagen hatte.

„Adios, Sophie“, sagte er leise.

Mit zittriger Hand legte sie den Hörer auf. Erst dann wurde ihr das ganze Ausmaß der Tragödie bewusst. Starr blickte sie auf die Wand vor sich und war völlig durcheinander, als sie an Miranda dachte.

Ihre arme Cousine war mutterseelenallein in einem fremden Land gestorben! Die arme, süße Miranda. Viele Frauen hatten sie allein deswegen beneidet, weil sie mit einem so begehrenswerten Mann verheiratet gewesen war. Mit einem Mann, von dem sie einen Sohn bekommen hatte, dessen Geld sie mit vollen Händen ausgegeben hatte, der sie aber nie wirklich geliebt hatte.

Einem Mann, in dessen dunklen Augen ein sehr sinnlicher Ausdruck lag. Sophie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er Miranda lange nach der Hochzeit treu gewesen war. Sie hatte die unmissverständliche Aufforderung ignoriert, die darin lag, weil sie Miranda liebte. Dass andere Frauen ähnliche Skrupel gehabt hatten, bezweifelte sie.

Und nun würde ein kleiner Junge ohne seine Mutter aufwachsen.

Ihr Blick fiel auf das Foto in dem Silberrahmen, das auf ihrem Schreibtisch stand. Sie nahm es in die Hand, um es zu betrachten.

Es zeigte Felipe und war vor wenigen Wochen entstanden, kurz vor seinem ersten Geburtstag. Er war ein süßes Kind, sah seiner blonden Mutter allerdings überhaupt nicht ähnlich, sondern vielmehr seinem Vater. Und während sie ihn betrachtete, tauchte vor ihrem geistigen Auge dessen attraktives, markantes Gesicht auf.

Funkelnde schwarze Augen, gesäumt von geradezu sündhaft dichten, langen Wimpern, und Haar, so dunkel wie die mondlose Nacht, in der sie Luis zum ersten Mal begegnet war. Damals war sie in dem Feinkostladen am Ende ihrer Straße mit ihm zusammengestoßen, und er war erstarrt und hatte sie eindringlich angeblickt, als würde er sie von irgendwoher kennen und seinen Augen nicht trauen.

Ihr war es genauso ergangen. Einen Moment lang hatte ihr Herz wie wild gepocht, und sie hatte ein übermächtiges Verlangen verspürt. So etwas passierte abgeklärten Großstadtfrauen normalerweise nicht.

Kann man sich wirklich im Bruchteil einer Sekunde verlieben? fragte Sophie sich nun hilflos, während sie seine stolzen, aristokratischen Züge in Felipes Gesicht wiedererkannte, auf die sie scheinbar ihr Leben lang gewartet hatte.

Sie hatte beobachtet, wie seine Augen dunkler wurden, eine leichte Röte seine Wangen überzog und Luis die sinnlichen Lippen unbewusst öffnete. Als er sie dann mit der Zunge befeuchtete, stellte sie sich vor, wie es wäre, seine Zunge überall zu spüren …

Bisher hatte noch kein Mann sie so unverschämt gemustert. Er will mich, ging es ihr durch den Kopf. Und ich will ihn auch. Unwillkürlich fragte sie sich, ob sie ihm widerstehen könnte, wenn er sie berührte, und überlegte gleichzeitig, ob sie den Verstand verloren hatte.

Im nächsten Moment erschien Miranda, eine Flasche Champagner in der Hand, und blickte sie überrascht an. „Sophie! Du meine Güte!“, rief sie und sah zu ihm auf, ohne das Knistern zu bemerken. „Das ist ja ein Zufall! Wir wollten dich gerade besuchen, nicht, Schatz?“

Schatz?

Sophie verspürte einen schmerzhaften Stich, der mehr verriet als nur Enttäuschung, und beobachtete benommen, wie ihre Cousine besitzergreifend den Arm dieses großen, dunkelhaarigen Mannes mit den funkelnden Augen und den sinnlichen Lippen berührte.

„Wollt ihr … wollt ihr etwas feiern?“, erkundigte sie sich. Und im selben Augenblick wurde ihr klar, was die beiden feierten.

„Klar! Sophie, ich möchte dir Don Luis de la Camara vorstellen“, verkündete Miranda stolz und blickte in das Gesicht ihres Begleiters, das nun verschlossen wirkte. „Luis, das ist meine Cousine, Sophie Mills.“

„Deine Cousine?“, wiederholte er stirnrunzelnd, und seine Stimme klang sehr verführerisch. Der verlangende Ausdruck in seinen Augen war sofort verschwunden, und Sophie hatte das bedauernde Schulterzucken bemerkt, wohl wissend, dass Don Luis de la Camara sie nie wieder so ansehen würde. Als Cousine seiner zukünftigen Frau war sie für ihn tabu. Allerdings würde ein Mann wie er auch nicht davor zurückschrecken, wenige Tage vor seiner Hochzeit etwas mit einer anderen Frau anzufangen, so viel war ihr klar, und Sophie hasste ihn dafür.

„Na ja, wir haben immer die Ferien zusammen verbracht. Also sind wir eigentlich eher wie Schwestern.“ Miranda hatte ihr strahlendes, ansteckendes Lächeln gelächelt. „Wir heiraten, Sophie! Ist das nicht wundervoll? Luis hat mich gebeten, ihn zu heiraten.“

Sophie schauderte, als sie sich daran erinnerte, wie eifersüchtig sie in jenem Moment gewesen war. Auf die eigene Cousine eifersüchtig zu sein! Doch sie hatte sich ein Lächeln abgerungen, Miranda umarmt und Luis die Hand gegeben und dabei ein erregendes Prickeln verspürt. Er hob daraufhin ihre Hand an die Lippen, eine altmodische Geste, die zu ihm passte, da er ja ein spanischer Adliger war, und seine Augen funkelten spöttisch und herausfordernd zugleich.

Danach gingen sie in ihre Wohnung und stießen mit dem Champagner an. Doch während Miranda vor Lebensfreude nur so sprudelte, saß Luis ruhig da und wählte seine Worte sorgfältig, wenn er etwas sagte. Dabei schien er einerseits in ihre Welt zu gehören und wirkte dort andererseits völlig fehl am Platz. Denn er gehört Miranda, hatte sie sich ins Gedächtnis gerufen.

Energisch verdrängte Sophie die unliebsamen Erinnerungen und zwang sich, in die Gegenwart zurückzukehren und sich auf das Kind auf dem Foto zu konzentrieren. Felipes Gesicht hatte noch etwas Unschuldiges und ließ wenig von dem unbeugsamen Charakter seines Vaters erkennen.

Sie fragte sich, was jetzt wohl mit Felipe passieren mochte und ob sein Vater zulassen würde, dass die Erinnerung an seine Mutter immer mehr verblasste. Nachdenklich biss sie sich auf die Lippe. Würde er ihm je die Gelegenheit geben, etwas über seine Mutter und ihr Heimatland zu erfahren?

Plötzlich überwog ihr Pflichtgefühl ihre Besorgnis. Luis wird ihn uns nicht ganz wegnehmen, schwor sich Sophie. Ich werde darum kämpfen, ihn kennenlernen zu dürfen, als wäre er mein Sohn! Und er wird mich auch kennenlernen. Mit zittriger Hand drückte sie auf den Knopf der Sprechanlage und bat Narell, ihr einen Flug nach Spanien zu buchen.

Anschließend wusch sie sich das Gesicht, kämmte sich und rief Liam Hollingsworth zu sich ins Büro.

Als er sie sah, erschrak er. „Was hast du denn gemacht?“, erkundigte er sich. „Geht es dir gut?“

„Nein, nicht besonders“, erwiderte sie mit bebender Stimme.

„Verdammt, Sophie, was ist los? Was ist passiert?“

„Meine Cousine Miranda …“, begann sie. „Sie … ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich … ich muss zu meiner Großmutter fahren und ihr die Nachricht überbringen …“

„Oh mein Gott!“

„Und dann … muss ich zur Beerdigung nach Spanien fliegen.“

„Oh, Liebes!“ Sofort kam Liam um den Schreibtisch herum zu ihr und betrachtete sie besorgt, als sie zu weinen begann.

„Oh Liam!“, brachte Sophie hervor und schluchzte.

„Komm her“, meinte er sanft und nahm sie in die Arme.

Sie weinte noch ein bisschen, doch nach einer Weile löste sie sich von ihm und ging zum Fenster. Starr blickte sie hinaus. Es schien ihr, als wäre nichts mehr wie vorher. „Ich kann es immer noch nicht fassen“, sagte sie ausdruckslos.

„Wie ist es denn passiert?“, fragte er.

„Ich weiß nicht sehr viel. Nur dass sie einen Autounfall hatte. Ich war zu … schockiert, um mich nach den Einzelheiten zu erkundigen, schätze ich.“

„Und wie hast du es erfahren?“

„Ihr Mann Luis … Er hat mich aus Spanien angerufen, um es mir zu erzählen.“

Liam runzelte die Stirn. „Das ist doch dieser Millionär – der Mann, den du nicht ausstehen kannst, oder?“

„Genau der“, bestätigte sie angespannt und dachte daran, wie vielschichtig die Wahrheit war.

„Und wann ist die Beerdigung?“

„Am Montag. Ich fliege am Sonntag hin.“ Sie seufzte. „Oh Liam, ich weiß nicht, ob ich das ertragen kann.“

Er nickte verständnisvoll. „Na ja, es wird nicht einfach sein. Aber danach werdet ihr euch nie wiedersehen.“

Sophie schüttelte den Kopf. „So einfach ist es leider nicht. Ich wünschte, das wäre es. Ich kann Luis nicht einfach aus meinem Leben verbannen, so gern ich es auch täte. Vergiss nicht, dass er der Vater meines Neffen ist. Ich bin es Miranda und Felipe schuldig …“ Die Worte schienen aus ihrem tiefsten Inneren zu kommen. „… um ihn zu kämpfen.“

Starr blickte er sie an. „Um ihn zu kämpfen?“, wiederholte er. „Du meinst doch nicht etwa, dass du das Sorgerecht für ihn beantragen willst, oder? Du hättest nicht die geringste Chance, es zu bekommen. Nicht wenn dieser Luis so reich und mächtig ist, wie du sagst. Außerdem ist er der Vater.“

Müde rieb sie sich die Schläfen. „Ich weiß nicht, was ich meine. Ich weiß nur, dass ich nach Spanien fliegen muss. Um Felipe zu zeigen, dass er Verwandte hat und er uns nicht egal ist.“

„Und nach der Beerdigung? Kommst du dann gleich zurück?“

Sophie sah ihn an. „Keine Ahnung. Aber ich werde trotzdem etwas arbeiten, denn ich nehme meinen Laptop mit. Und ihr werdet sicher eine Weile ohne mich auskommen, nicht?“

„Natürlich werden wir das“, erwiderte Liam leise. „Wir werden dich nur vermissen, das ist alles.“

„Danke“, flüsterte sie und begann, ihre Aktentasche zu packen.

Liam und sie kannten sich schon sehr lange. Sie hatten sich an der Universität kennengelernt und festgestellt, dass sie beide denselben Sinn für Humor und dasselbe Ziel hatten – viel Geld zu verdienen, ohne dabei den Spaß am Leben zu verlieren. Und so hatten sie irgendwann die Werbeagentur Hollingsworth-Mills gegründet. Da sie ihre Arbeit beide mit großer Begeisterung machten und junge Mitarbeiter mit ähnlichen Zielen eingestellt hatten, stellte sich nun ein unvorhergesehener Erfolg ein.

Doch was spielte das zu einem Zeitpunkt wie diesem für eine Rolle?

Da sie zu aufgewühlt war, um selbst fahren zu können, nahm Sophie den Zug nach Norfolk. Das Herz war ihr schwer, als sie den Weg zu dem Cottage ihrer Großmutter entlangging, in dem Miranda und sie stets einen Teil ihrer Sommerferien verbracht hatten. Sie waren meilenweit an den langen, leeren Stränden in der Nähe gelaufen, auf Bäume geklettert und hatten die Enten auf dem Teich mit Brotkrumen gefüttert.

Und sie, Sophie, hatte beobachtet, wie Miranda immer schöner wurde. Hatte selbst erlebt, was für eine Macht Miranda damit über die Männer ausübte …

Sophie läutete die altmodische Türglocke und hoffte, sie würde die richtigen Worte finden, um ihrer Großmutter die traurige Nachricht zu überbringen.

Felicity Mills war allerdings schon fast achtzig und hatte in ihrem Leben viel erlebt. „Schlechte Neuigkeiten“, sagte sie ausdruckslos, nachdem sie ihr ins Gesicht geblickt hatte.

„Ja. Es geht um Miranda …“

„Sie ist tot“, erklärte ihre Großmutter steif. „Stimmt’s?“

„Woher hast du das gewusst?“, flüsterte Sophie eine ganze Weile später, nachdem ihre Großmutter und sie gemeinsam geweint und etwas Trost in den alten Fotos von Miranda als Baby, Kleinkind und anderen Phasen des Lebens gesucht hatten. Nur ihr Hochzeitsfoto hatte sie nicht lange betrachten können, denn der Anblick von Luis’ Gesicht verursachte ihr Gewissensbisse. „Woher?“, wiederholte sie.

„Ich kann es nicht erklären“, erwiderte ihre Großmutter seufzend. „Ich habe nur in dein Gesicht gesehen und wusste Bescheid. Außerdem war es in gewisser Weise unvermeidlich. Miranda ist der Sonne immer zu nahe gekommen, und es war klar, dass sie sich eines Tages verbrennen würde.“

„Aber wie kannst du es einfach so hinnehmen?“

„Wie könnte ich es nicht? Ich habe den Krieg miterlebt, mein Schatz. Was man nicht ändern kann, muss man eben akzeptieren.“

Sophie drückte ihr die Hand. „Kann ich irgendetwas für dich tun, Granny?“

Ihre Großmutter schwieg eine Weile und sah sie starr an. „Ja, es gibt etwas“, antworte sie schließlich. „Allerdings weiß ich nicht, ob es geht. Ich bin zu alt und gebrechlich, um zur Beerdigung nach Spanien zu fliegen – aber ich würde Felipe gern noch einmal sehen, bevor ich sterbe.“

Die Kehle war ihr plötzlich wie zugeschnürt, und Sophie schluckte. Sicher war das unter diesen Umständen nicht zu viel verlangt, nicht einmal von Luis. „Dann werde ich ihn dir bringen“, erwiderte sie mit bebender Stimme. „Das verspreche ich dir.“

„Vielleicht erlaubt Luis es ja nicht.“

In Sophies Augen schimmerten Tränen. „Er muss es einfach, Granny.“

„Einfach wird es nicht sein, Sophie. Du weißt, wie besitzergreifend er bei Felipe ist und was für ein Mann er ist. Nur wenige Menschen würden es wagen, ihn zu verärgern.“

„Dazu wird es hoffentlich nicht kommen“, erklärte Sophie und blickte sie dann verwirrt an. „Hasst du ihn nicht, Granny? Dafür, dass er Miranda so unglücklich gemacht hat.“

„Zum Glücklichsein gehören immer zwei“, meinte ihre Großmutter langsam. „Und Hass ist die reinste Zeitverschwendung. Was würde es nützen, wenn ich den Vater meines Urenkels hassen würde?“

Doch wenn sie, Sophie, Luis nicht hasste, was würde ihr dann bleiben? Eine überwältigende Anziehungskraft, die hoffentlich nicht mehr so stark war. Schließlich hatte sie ihn kurz nach Felipes Taufe zuletzt gesehen, als er mit Miranda und Felipe nach England gekommen war. Und damals hatte sie ganz bewusst Abstand zu ihm gehalten, allerdings seinen Blick ständig auf sich gespürt. Sie hatte überlegt, ob er sein Treuegelübde bereits gebrochen hatte, und ihre Cousine irgendwann gefragt, ob etwas nicht stimmen würde.

Diese hatte lediglich die Schultern gezuckt. „Ach, Luis hätte eine sanftmütige Spanierin heiraten sollen, die das Haus nicht verlässt“, hatte sie bitter gesagt. „Offenbar kann er nichts mit einer Frau anfangen, die sich in der Pampa nicht wohl fühlt.“

Als das Flugzeug am Sonntagabend in Pamplona landete, herrschte immer noch drückende Hitze. Sophie eilte durch den Zoll und ließ den Blick durch die Ankunftshalle schweifen. Sie rechnete damit, einen Chauffeur mit einem Schild zu sehen, auf dem ihr Name stand. Stattdessen sah sie Luis. Er überragte alle anderen Männer und zog noch immer die Blicke aller Frauen auf sich. Nein, er hatte sich überhaupt nicht verändert. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Offenbar war Don Luis de la Camara gekommen, um sie selbst abzuholen.

2. KAPITEL

Luis beobachtete, wie Sophie in der Ankunftshalle auf ihn zukam und viele Männer sich nach ihr umdrehten, was sie jedoch nicht zu merken schien. Die Spanier mochten nun mal blonde, hellhäutige Frauen, auch wenn sie nicht so aufreizend aussah, wie ihre Cousine es getan hatte.

Er spürte, wie sein Puls sich beschleunigte. Sie trug ein Sommerkleid, das ihre schlanken Beine zur Geltung brachte, und darüber eine Jacke. Deutlich erinnerte er sich an seine erste Begegnung mit ihr. Mit ihrer natürlichen Schönheit und Anmut und ihrem Sex-Appeal, der ihr selbst nicht bewusst war, hatte sie seine Fantasie angeregt. Sofort war heftiges Verlangen in ihm aufgeflammt, und er hatte sich dafür verachtet, weil er es niemals würde stillen können.

Schließlich stand sie vor ihm. In ihren blauen Augen lag ein grimmig entschlossener Ausdruck.

Luis spürte Gefahr, ließ es sich allerdings nicht anmerken, sondern neigte zur Begrüßung den Kopf. Jede andere Frau hätte er zur Begrüßung auf beide Wangen geküsst, wie es in Spanien Tradition war, aber nicht diese. Er hatte sie bei ihrer ersten Begegnung küssen wollen, doch da war es bereits zu spät gewesen.

Und nun war es das erst recht.

„Ich hoffe, du hattest einen guten Flug, Sophie.“

Luis war so groß, dass Sophie zu ihm aufblicken musste, und ihr Mut sank, weil er genauso männlich wirkte wie eh und je. Allerdings sprach er mit ihr, als würde er über das Wetter reden. Er klang nicht wie ein trauernder Witwer, und zum ersten Mal fragte sie sich, ob er vielleicht froh darüber war, dass diese Tragödie seine unglückliche Ehe beendet hatte.

Irgendwie schaffte sie es, sich nichts anmerken zu lassen. „Ja, hatte ich, danke.“ Tatsächlich war sie mit den Gedanken ganz woanders gewesen, weil sie sich innerlich gegen das Wiedersehen mit ihm gewappnet hatte.

Sie überlegte, wie es ihm wohl gehen mochte. Vermutlich hatte Mirandas Tod ihn nicht getroffen, denn Luis schien nicht einmal geweint zu haben. Aber ein Mann wie er weinte sicher nie.

Luis war ein außerordentlich attraktiver Mann – fast eins neunzig groß und sehr muskulös. Er trug ein kurzärmeliges Hemd und eine leichte Sommerhose. Das Bemerkenswerte an ihm war allerdings sein Gesicht. Seine aristokratischen Züge verrieten Stolz und Härte, ein Eindruck, der lediglich durch seinen sinnlichen Mund geschmälert wurde.

Kein Wunder, dass meine Cousine seinem Charisma erlegen ist, dachte Sophie und verspürte eine tiefe Traurigkeit, die ihr fast den Atem nahm.

Luis entging nicht, dass Tränen in ihren Augen schimmerten und ihre Lippen bebten. Er nahm ihre Hand, die kühl war und sich sehr klein anfühlte.

„Es tut mir sehr leid, Kleines“, sagte er ernst.

Sophie unterdrückte die Tränen, hob das Kinn und entzog ihm ihre Hand, verzweifelt über die starke körperliche Anziehungskraft, die zwischen ihnen herrschte. „Danke“, erwiderte sie leise und senkte den Blick, damit Luis nicht merkte, was in ihr vorging.

Luis betrachtete ihren gesenkten Kopf. Sie trauert um Miranda, rief er sich ins Gedächtnis. Doch das trotzige, beinah wütende Funkeln in ihren Augen bei ihrer Begrüßung hatte bestimmt nichts mit Kummer zu tun gehabt.

„Komm“, forderte er sie auf. „Der Wagen wartet draußen, und wir haben eine lange Fahrt vor uns. Gib mir deinen Koffer.“

Es klang wie ein Befehl, und obwohl sie den Koffer problemlos selbst hätte tragen können, wusste sie, dass ein Mann wie Luis keinen Widerspruch duldete. Außerdem kam er aus einer Familie, in der die Geschlechterrollen klar definiert waren. Männer wie Luis hielten nichts von Emanzipation. Sie betrachteten sich als Eroberer und glaubten, den Frauen überlegen zu sein.

Sie beobachtete, wie die Frauen ihn bewundernd anblickten, und überlegte, ob er darauf reagierte. Wahrscheinlich schon. Hatte er sie nicht auch verlangend angesehen, bevor er erfahren hatte, wer sie war? Und nun, da seine Frau tot war, konnte er ins Bett gehen, mit wem er wollte.

Da das Flughafengebäude klimatisiert war, spürte Sophie die Hitze beim Verlassen wieder umso mehr.

Luis sah, wie sie zusammenzuckte. „Warum ziehst du nicht deine Jacke aus?“, meinte er.

„Es geht schon“, erklärte sie angespannt.

Er presste die Lippen zusammen. „Wie du willst.“

Zum Glück war der Wagen ebenfalls klimatisiert. Erst als Luis den Parkplatz verließ und auf die Straße fuhr, wandte sie sich an ihn.

„Wo ist Felipe?“

„Zu Hause.“

„Oh.“

Luis merkte, wie enttäuscht Sophie war. „Dachtest du, ich würde ihn bei der Hitze mit zum Flughafen nehmen? Deine Maschine hätte ja auch Verspätung haben können.“

„Und wer kümmert sich um ihn?“

Ungläubig fragte er sich, ob er da einen Vorwurf heraushörte. Dachte sie wirklich, er hätte seinen Sohn allein gelassen? „Seine ninera …“ Als er sah, wie sie die Stirn runzelte, fiel ihm ein, dass sie, genau wie ihre Cousine, kaum Spanisch sprach. „Die Haushaltshilfe seiner Mutter“, übersetzte er daher.

„Jetzt nicht mehr“, bemerkte sie leise.

„Nein.“ Einen Moment lang herrschte beklemmendes Schweigen. Dann warf er ihr einen Seitenblick zu. „Wie hat deine Großmutter es aufgenommen?“

Sophie biss sich auf die Lippe. Würde es gefühllos klingen, wenn sie ihm sagte, dass ihre Großmutter trotz ihrer Trauer nicht sonderlich überrascht gewesen war? Was hatte sie gesagt? Miranda wäre der Sonne immer zu nahe gekommen … Wenn sie ihm das erzählte, würde sie Mirandas Andenken schaden.

„Was ist passiert, Luis? Wie ist Miranda gestorben?“

Luis atmete scharf ein. Er wog seine Worte sorgfältig ab, denn Sophie war Mirandas Cousine und trauerte um sie. Dabei fragte er sich, wie viel von der Wahrheit sie wissen wollte – oder musste.

„Niemand weiß genau, was passiert ist“, erwiderte er schließlich.

Sophie merkte sofort, dass er ihr auswich. Und Verachtung empfand. Was mochte die Ursache dafür sein?

„Du verschweigst mir doch etwas.“

Luis antwortete nicht, sondern blickte auf die Straße, sodass sie lediglich sein Profil sah. „Hatte der Fahrer getrunken?“

Wieder schwieg Luis. Was hatte es für einen Sinn, ihr die Wahrheit zu verschweigen? Es würde ja ohnehin bald bekannt werden.

„Sí. El había estado bebiendo.“ Da er in seiner Muttersprache dachte, kamen ihm die Worte automatisch über die Lippen.

Obwohl sie kaum Spanisch konnte, verstand Sophie, was er sagte. Verzweifelt schloss sie die Augen. „Oh mein Gott! Viel? Weißt du es genau?“

„Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen.“

Sie war wütend und empört – und zum ersten Mal richtete sich ihr Zorn nicht auf den Mann an ihrer Seite. Ihre Cousine war Mutter gewesen und hatte daher gewisse Pflichten gehabt. Wie hatte sie zu einem Fahrer in den Wagen steigen können, der betrunken war?

Es sei denn, sie hatte es nicht gewusst.

Doch Miranda war nicht dumm gewesen. Dickköpfig und impulsiv, ja, aber nicht dumm.

Oder hatte dieser Mann, der ein so guter Fahrer war, ihr das Leben so zur Hölle gemacht, dass sie sich um derartige Dinge keine Gedanken gemacht hatte?

Sophie schüttelte den Kopf. Es gab keine Entschuldigung dafür, dass Miranda zu einem betrunkenen Fahrer in den Wagen gestiegen war. War ihre Ehe nicht glücklich gewesen, hätte sie sich jederzeit scheiden lassen können.

Sie warf Luis einen Seitenblick zu. Da es bereits dunkel wurde, wirkte sein Profil noch markanter als sonst. Oder hatte Miranda vorgehabt, ihn zu verlassen und Felipe mitzunehmen? Hätte er in dem Fall nicht seinen Einfluss geltend gemacht, um sie davon abzuhalten?

Sophie wandte den Kopf, presste die Wange an das kühle Fenster und sah hinaus. Allerdings nahm sie die wilde Schönheit der Landschaft, die schemenhaft zu erkennen war, nur nebenbei wahr. Am Himmel standen bereits die ersten Sterne, und sie wirkten viel größer und heller als in England. Plötzlich schien ihre Heimat sehr weit entfernt. Und dann rief Sophie sich ins Gedächtnis, dass sie auch gewisse Pflichten hatte.

Sie riss sich zusammen und nahm ihr Handy aus der Aktentasche.

„Ob ich hier Empfang habe?“, erkundigte sie sich.

Luis warf einen flüchtigen Blick darauf. „Das hängt davon ab, was für ein Modell es ist.“ Er zuckte die Schultern. „Aber wenn nicht, kannst du meins benutzen.“

„Du hast ein Handy? Hier im Wagen?“

Luis lächelte grimmig. „Glaubst du etwa, ich würde mit einem Urwaldtelefon kommunizieren? Selbst hier in La Rioja wirst du jeglichen modernen Komfort haben, Sophie.“

Sein Aussehen schien jedoch das Gegenteil von allem zu verkörpern, was modern war.

Luis beobachtete, wie Sophie eine Nummer wählte. „Ist der Anruf so wichtig, dass du nicht warten kannst, bis wir auf der Hazienda sind?“, fragte er leise.

„Ich muss jemandem mitteilen, dass ich gut angekommen bin.“

„Einem Mann?“

„Ja. Es ist ein Mann.“ Es ging ihn zwar nichts an, doch sollte er ruhig seine Schlüsse daraus ziehen. Vermutlich nahm er an, es wäre ihr Liebhaber!

„Liam? Hallo, ich bin’s?“, meldete sich Sophie, als die Verbindung zustande kam.

Luis sah starr geradeaus und überlegt, ob Sophie genauso freizügig war wie ihre Cousine. Verstohlen blickte er auf ihre langen, schlanken Beine und verspürte zu seiner Überraschung heftige Eifersucht, als er sich vorstellte, wie sie diese um einen anderen Mann schlang. Er rief sich ins Gedächtnis, dass er Frauen wie sie kannte – blond und blauäugig, mit einer ausgesprochen weiblichen Figur und der Denkweise eines Mannes.

Bevor Sophie erfahren hatte, dass er ihre Cousine heiraten würde, hatte sie ihn begehrt – genauso wie er sie begehrt hatte. Noch nie hatte er so heftiges Verlangen verspürt. Es hatte ihn wie ein Blitz durchzuckt und war später einer schmerzlichen Sehnsucht gewichen. Und ihr war es ebenso ergangen.

Ungerührt lauschte er ihren Worten.

„Nein, ich bin jetzt im Wagen. Mit Luis.“ Sie machte eine kurze Pause. „Eigentlich nicht, nein.“ Wieder schwieg sie einen Moment und blickte dann auf ihre Armbanduhr. „Es ist kurz nach neun. Nein, das ist in Ordnung. Ja, ich weiß, aber ich kann momentan nicht reden. Ja. Okay. Danke, Liam. Das hoffe ich auch. Ja, mache ich. Ich rufe dich Samstag wieder an.“

Nachdem sie das Handy ausgeschaltet hatte, legte sie es wieder ins Handschuhfach.

„Danke“, sagte sie steif.

Luis beobachtete, wie sie die Beine übereinanderschlug. „Hat er schon Sehnsucht nach dir, Sophie?“, erkundigte er sich sanft, und das Blut rauschte ihm in den Ohren.

Sophie traute ihren Ohren nicht. Seine Worte waren so unverschämt, dass es ihr für einen Augenblick die Sprache verschlug.

„Wie bitte?“

Er lächelte schief. Sie war so schön und sinnlich, ohne sich dessen bewusst zu sein, und konnte dennoch so eisig klingen.

„Liam ist mein Geschäftspartner“, erklärte sie.

„Aha.“

Dieses eine Wort klang so sinnlich und gefährlich zugleich, dass ihr Herz wie wild zu pochen begann, und das nicht nur aus Angst. „Ist … ist noch jemand auf der Hazienda?“

Luis hörte, wie ihre Stimme bebte, und war amüsiert und frustriert zugleich. Traute sie ihm nicht oder sich selbst nicht? Begehrte sie ihn immer noch?

„Abgesehen von Felipe, meinst du?“, erkundigte er sich betont lässig.

„Ja, und das weißt du.“

„Eine der Frauen aus dem Dorf kommt jeden Tag, um beim Kochen zu helfen. Und Pirro, mein Koch und Gärtner, lebt mit seiner Frau Salvadora auf der Hazienda. Sie ist Felipes ninera, und als ich klein war, war sie meine.“

„Seit wann? War sie es schon vor Mirandas Tod?“

„Oh ja, schon eine ganze Weile“, erwiderte er ausweichend. „Mein Sohn liebt sie über alles. Das wirst du selbst feststellen.“

Sophie war entrüstet und überlegte, ob er Miranda Felipe entfremdet hatte, indem er sie durch eine Spanierin ersetzt hatte, die diesem die Landessprache und die Wertvorstellungen seiner Familie vermitteln konnte.

Na, das wird jetzt ein Ende haben, schwor sie sich und nahm ihre Bürste aus der Handtasche.

Luis verzog den Mund. „Es gibt hier niemanden, den du mit deiner Schönheit beeindrucken kannst, querida“, sagte er. Mit Ausnahme von ihm. Denn wenn sie den Kopf so hielt, konnte er ihren schönen Hals und ihre perfekt geformten Brüste sehen.

„Das war auch nicht meine Absicht.“ Sorgfältig kämmte sie sich das Haar, das ihr nach der langen Reise am Kopf klebte. „Ich wollte bei meiner Ankunft nur gut aussehen.“ In der Ferne konnte sie Lichter erkennen. „Sind wir gleich da?“

„Ja, wir kommen gleich durch die Weinberge.“

Wieder blickte sie aus dem Fenster. Die berühmten La-Camara-Weinberge. Es waren die größten und beeindruckendsten in der Gegend, und der hervorragende Wein wurde in die ganze Welt exportiert. Sie hatte selbst schon einmal La-Camara-Rioja getrunken, und zwar auf einer exklusiven Dinnerparty in London, wo der Gastgeber ihn beinah ehrfürchtig kredenzt hatte und alle begeistert gewesen waren. Alle außer ihr. Sie hatte lediglich wenige Schlucke trinken können, weil sie bei der Erinnerung an Luis geglaubt hatte, daran zu ersticken.

„Trinkst du nicht, Sophie?“, hatte der Gastgeber sie gefragt.

Und sie hätte alle Anwesenden schockiert, wenn sie erklärt hätte, dass ihre Cousine mit dem Besitzer der Weinberge verheiratet wäre, einem Mann, der sie gleichermaßen verärgerte und erregte, wenn sie nur an ihn dachte.

Sophie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und schloss die Augen.

Luis warf ihr einen Blick zu und runzelte leicht die Stirn, als er sah, wie angespannt sie war. Da er den Eindruck hatte, dass sie den Tränen nahe war, erkundigte er sich sanft: „Hast du im Flugzeug etwas gegessen?“

„Nein. Es gab irgendetwas Undefinierbares auf Plastiktabletts. Außerdem hatte ich sowieso keinen Hunger.“

„Wir werden auf der Hazienda zu Abend essen.“

„Dafür ist es doch schon viel zu spät, oder?“

„In Spanien isst man sehr spät. Wusstest du das nicht, Sophie? Wusstest du nicht, dass die Spanier viel später ins Bett gehen als alle anderen Europäer? Und das nicht nur, weil sie es als persönliche Schande betrachten, sich vor drei Uhr morgens hinzulegen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich war erst einmal in Spanien, und zwar an dem Wochenende, als Felipe getauft wurde.“

„Dann hast du viel verpasst.“ Seine Stimme war jetzt tiefer und verriet so etwas wie Mitgefühl. „Ich wünschte, die Umstände wären diesmal glücklicher, querida. Es ist schade, dass du so wenig von meinem Land sehen wirst, bevor du wieder zurückkehrst.“

Er schwieg erwartungsvoll, und Sophie ignorierte es.

„Du hast mir übrigens nicht gesagt, wie lange du bleiben willst“, hakte er schließlich nach.

„Nein. Nein, das habe ich nicht.“

„Und?“

Dieses eine Wort klang ziemlich furchteinflößend, und daher war sie froh, dass es dunkel war.

„Ich weiß nicht genau.“ Bis er ihr so weit vertraute, dass er sie mit Felipe nach England fliegen lassen würde, damit dieser eine Weile dort blieb und ihre Großmutter ihn besser kennenlernen konnte. Allerdings war dies bestimmt nicht der richtige Zeitpunkt, um es ihm zu sagen.

Dann rief sie sich ins Gedächtnis, dass sie sein Gast war und höflich sein musste. „Das heißt, ich würde gern zumindest ein paar Tage bleiben – wenn du einverstanden bist, etwas länger. Ich möchte etwas Zeit mit Felipe verbringen.“

Luis kniff die Augen zusammen, was ihr jedoch entging. Nein, er war nicht einverstanden. Er wollte nicht, dass diese Frau länger als nötig in seinem Haus wohnte – aus Gründen, die einfach und vielschichtig zugleich waren. Er begehrte sie, aber er konnte sie nicht haben. Jetzt nicht und auch in Zukunft nicht.

„Wir Spanier sind berühmt für unsere Gastfreundschaft, Sophie“, meinte er leise. „Und deshalb kannst du so lange bleiben, wie du willst.“

Sophie nickte. Es sei denn, er machte es ihr unmöglich zu bleiben. „Danke“, erwiderte sie steif.

„De nada.“

Kurz darauf bog Luis in eine kiesbestreute Auffahrt ein, und durch das dichte Blattwerk der Bäume sah Sophie die Lichter der großen Hazienda. Als er ihr die Tür öffnete und sie ausstieg, glaubte sie, den Duft von Orangen und Zitronen zu riechen. Sie betrachtete das imposante Gebäude, das aussah, als hätte es schon immer dort gestanden. Trotz der traurigen Umstände, die sie hierhergeführt hatten, konnte sie seine Schönheit nicht ignorieren.

Dann begegnete sie dem Blick seiner dunklen, spöttisch funkelnden Augen.

„Willkommen auf meiner Hazienda, Sophie“, sagte er leise.

3. KAPITEL

In der geräumigen Eingangshalle war es angenehm kühl. Offenbar hatte man sie kommen hören, denn kaum hatte Luis Sophie die Jacke abgenommen und ihren Koffer abgestellt, kam eine ältere Frau von der anderen Seite auf sie zu. Sie lächelte herzlich, als sie zu ihm aufblickte.

Buenas noches, Don Luis.“

Sophie beobachtete, wie seine Züge für einen Moment weicher wurden, bevor er die Frau auf beide Wangen küsste.

Buenas noches, Salvadora.“ Nachdem er noch etwas auf Spanisch zu ihr gesagt hatte, wandte er sich an Sophie und sprach wieder Englisch. „Sophie, das ist Salvadora, Felipes ninera. Salvadora, das ist Sophie Mills, Mirandas Cousine.“

„Buenas noches“, grüßte Sophie höflich, obwohl sich ihre Befürchtungen bewahrheiteten. Salvadora wirkte viel zu gebrechlich, um sich um ein Kleinkind kümmern zu können.

Sie wirkte misstrauisch und musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. Schließlich deutete sie eine Verneigung an. „Buenas noches, Señorita Mills“, erwiderte sie langsam. „Dass Ihre Cousine verunglückt ist, tut mir sehr leid.“

Sophie biss sich auf die Lippe. Heb dir deine Tränen für später auf, sagte sie sich. „Danke.“ Dann rang sie sich ein Lächeln ab. „Sie sprechen sehr gut Englisch, Señora.“

Salvadora nickte ernst. „Danke. Das war schon immer so. Don Luis hatte einen englischen Hauslehrer, als er klein war, und so habe ich die Sprache auch gelernt.“

Sophie versuchte sich Luis als kleinen Jungen vorzustellen, der Englisch lernte. Allerdings fiel es ihr schwer, ihn sich mit dem unschuldigen Gesichtsausdruck seines Sohnes vorzustellen.

„Und es ist natürlich unerlässlich, dass Felipes ninera seine Muttersprache beherrscht“, riss eine tiefe Stimme sie aus ihren Gedanken.

Sophie wandte sich an Luis und blickte ihn fragend an.

„Warum?“

„Weil sie sonst nicht mit seiner Mutter hätte kommunizieren können, oder?“, meinte er trocken. Als er ihren überraschten Gesichtsausdruck bemerkte, presste Luis die Lippen zusammen. Glaubte sie wirklich, er wollte seinem Sohn seine englischen Wurzeln vorenthalten? Hielt sie ihn etwa für einen Teufel?

Nicht zum ersten Mal überlegte Sophie, warum Miranda überhaupt Unterstützung bei der Erziehung ihres Sohnes gebraucht hatte. Schließlich war sie weder berufstätig gewesen, noch hatte sie viel im Haushalt tun müssen, wie sie ihr selbst am Telefon erzählt hatte. Und als sie erfahren hatte, wie vermögend und einflussreich Luis wirklich war, war sie begeistert gewesen.

„Er schwimmt im Geld, Sophie!“, berichtete sie.

Sophie runzelte die Stirn und fragte sich, ob Miranda deswegen so wirklichkeitsfremd war, weil sie als Kind in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen war. „Ja, aber Geld ist nicht alles“, wandte sie ein. „Das Wichtigste ist doch, dass du glücklich bist, Miranda.“

„Oh, ich bin glücklich!“, erwiderte Miranda. „Welche Frau wäre das nicht an meiner Stelle, mit einem Mann wie Luis? Und es ist einfach wundervoll, Hausangestellte zu haben, Sophie, das sage ich dir!“

Sie, Sophie, hatte Mirandas Einstellung missbilligt, genauso wie die Eifersucht, die sie verspürte, allerdings nichts dazu gesagt. Und selbst wenn sie es getan hätte, hätte sie damit nichts erreicht. Miranda hatte schon immer mit allen Mitteln um das gekämpft, was sie wollte, und sie hatte Luis gewollt.

Und wer konnte ihr daraus einen Vorwurf machen?

Der tiefe Klang seiner Stimme riss Sophie aus ihren Gedanken.

„Salvadora zeigt dir jetzt dein Zimmer“, erklärte Luis. Er hatte Sophie beobachtet und überlegte, warum sie plötzlich so ein finsteres Gesicht machte und eine Gänsehaut bekommen hatte.

Sein durchdringender Blick verwirrte sie, doch Sophie rief sich den eigentlichen Grund für ihre Anwesenheit ins Gedächtnis. „Kann ich … kann ich zuerst Felipe sehen? Bitte.“

Luis stellte fest, wie blass sie war und wie angespannt sie wirkte. Die Ringe unter ihren Augen verliehen ihrem Gesicht beinah einen gequälten Ausdruck. Energisch schüttelte er den Kopf. „Du solltest erst etwas essen.“

„Aber …“

„Kein Aber, Sophie. Wenn du willst, kannst du erst duschen und dich umziehen, und dann essen wir zu Abend.“

Sophie war es nicht gewohnt, sich von einem Mann Befehle erteilen zu lassen, und wollte gerade protestieren, als sie das warnende Funkeln in seinen Augen bemerkte. Jeder Widerspruch war zwecklos. Sie würde ihren Neffen erst sehen, wenn Luis es erlaubte!

Und zuerst musste sie das Abendessen überstehen. „Du musst dir keine Umstände machen“, wandte sie ein, weil sie keine Lust hatte, allein mit ihm an einem Tisch zu sitzen und Höflichkeiten auszutauschen. Oder verbotene Gedanken in Schach zu halten. „Ich kann auch ein Sandwich in meinem Zimmer essen.“

Gereizt kniff er die Augen zusammen. „Es ist undenkbar, dass ein Gast eine so weite Reise hinter sich hat und nicht bewirtet wird. Außerdem hast du morgen einen langen, schweren Tag vor dir. Du wirst mit mir im Esszimmer essen.“

Wieder erteilte er ihr Befehle, anstatt sie zu fragen! Was würde er wohl tun, wenn sie darauf bestand, in ihrem Zimmer zu bleiben? Aber wäre das nicht albern? Schließlich konnte sie sich nicht die ganze Zeit dort verstecken. Am besten gewöhnte sie sich beizeiten daran, mit ihm an einem Tisch zu sitzen, auch wenn die Vorstellung sie gleichermaßen schockierte und erregte. Außerdem war es nicht angebracht, in einer Situation wie dieser solche Gedanken zu hegen.

Sophie nickte. „Also gut. Ich ziehe mich um und komme dann wieder nach unten.“

„Ich warte auf dich.“

Sie fühlte sich ein wenig unsicher, als sie der alten Frau nach oben folgte, und überlegte, wie man sich je daran gewöhnen konnte, dass einem jeder Wunsch erfüllt wurde. Obwohl sie sehr gut verdiente, war sie immer stolz auf ihre Unabhängigkeit gewesen. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Freundinnen hatte sie keine Putzhilfe und gab ihre Blusen auch nicht in die Reinigung. Ihre Mutter hatte ihr immer eingebläut, dass man lebensuntüchtig wurde, wenn man unangenehme Aufgaben nicht selbst erledigte. Hier erschien ihr das Leben allerdings ganz anders, denn es gab einen Gärtner und Koch sowie ein Kindermädchen.

In dem Zimmer, in das Salvadora sie führte, war es angenehm kühl, denn die Fensterläden waren geschlossen, und an der Decke lief ein großer Ventilator. Ein großes, schlichtes Bett mit schneeweißer Bettwäsche beherrschte den Raum. Außerdem gab es eine Frisierkommode, auf der eine Vase mit frischen Blumen stand. Am liebsten hätte Sophie sich gleich hingelegt und die Augen zugemacht, doch sie wusste, dass ihr Gastgeber auf sie wartete.

„Das Bad ist dort hinten“, erklärte Salvadora. „Brauchen Sie noch etwas, Señorita?“

Seelenfrieden stand ganz oben auf Sophies Liste. Allerdings würde sie den in absehbarer Zeit nicht finden, nicht in der Nähe von Luis, der wie ein dunkler Engel aussah. Aber sie verdrängte den Gedanken an ihn, weil es etwas viel Wichtigeres gab, das sie wissen musste.

„Wie geht es Felipe?“, erkundigte sie sich stockend, und ihr wurde ein wenig warm ums Herz, als sie seinen Namen aussprach. „Vermisst er seine Mutter sehr?“

Salvadora antwortete zunächst nicht, als hätte sie die Frage nicht verstanden. „Ja, natürlich“, erwiderte sie schließlich. „Er weiß, dass etwas nicht stimmt. Er weint viel. Aber wir werden ihn bald wieder zum Lachen bringen.“

Sophie wurde übel. Er weiß, dass etwas nicht stimmt. Dass etwas nicht stimmte? Der Kleine hatte seine Mutter verloren, und Salvadora sprach darüber, als hätte er seine Rassel aus dem Kinderwagen geworfen! Doch Salvadora übte auch großen Einfluss auf ihn aus, weil sie ständig in seiner Nähe war. Sie musste ihr begreiflich machen, dass ihr Neffe ihr sehr wichtig war und dass sie deswegen hier war.

„Ich hoffe, dass ich ihn auch zum Lachen bringen kann“, meinte Sophie leise. „Danke, Salvadora. Bitte bestellen Sie Luis, dass ich gleich komme.“

Sí, Señorita.“

Nachdem Sophie ihre Sachen in der Kommode verstaut hatte, zog sie erleichtert ihre Sachen aus und duschte ausgiebig. Danach flocht sie ihr feuchtes Haar zu einem Zopf und schlüpfte in ein sauberes Kleid. In einer Hose mit Kordelzug hätte sie sich wohler gefühlt, doch sie vermutete, dass ein Abendessen auf der Hazienda förmlich verlief.

Wie sich herausstellte, hatte sie recht.

Als sie das Esszimmer betrat, saß Luis bereits an einem langen, polierten Tisch, der für zwei gedeckt war. Er hatte sich ebenfalls umgezogen, und bei seinem Anblick begann ihr Herz, wie wild zu pochen. Er trug nun ein weißes Hemd, unter dem sich sein muskulöser Oberkörper abzeichnete und das am Kragen offen stand und den Blick auf seinen gebräunten Hals freigab. Als er aufstand, sah sie die schwarze Hose, die seine schmalen Hüften und muskulösen Oberschenkel betonte. Ihr Mund wurde ganz trocken. Luis wirkte, als wäre er einem der Porträts seiner Vorfahren an den Wänden entstiegen.

„Guten Abend“, begrüßte er sie förmlich. „War alles zu deiner Zufriedenheit?“

Einen Moment lang war Sophie unfähig, sich von der Stelle zu rühren. Sie blieb auf der Schwelle stehen und hielt sich am Türrahmen fest, als ihr klar wurde, dass sie allein war mit diesem Mann, den sie gleichermaßen begehrte und fürchtete, und das in einer so wunderschönen Umgebung.

Luis runzelte die Stirn, als er merkte, wie Sophie blass wurde. Aus Angst, sie könnte in Ohnmacht fallen, eilte er auf sie zu.

„Stimmt etwas nicht?“

Und ob etwas nicht stimmte! Sie verspürte all die Gefühle, die sie nicht verspüren durfte und wollte. Dunkle, verbotene Gedanken, denen verbotene Fantasien folgten. Sie musste sich auf Felipe und auf Mirandas Andenken konzentrieren – nicht auf die verheerende Wirkung, die ihr Gastgeber auf sie ausübte.

Sophie schüttelte den Kopf. „Nein. Es geht mir gut.“

„Dann setz dich bitte.“ Luis zog ihr einen Stuhl hervor und nahm anschließend wieder Platz. „Du siehst nämlich nicht gut aus.“

Dankbar setzte sie sich und blickte sich im Esszimmer um, damit sie ihn nicht ansehen musste.

Der lange Tisch war mit feinstem Silber gedeckt und mit Blumen und Kerzen dekoriert, und sie stellte fest, dass bereits zwei Teller mit einer kalten Suppe darauf standen. Mehr denn je wünschte sie, sie hätte sich ein Sandwich auf ihr Zimmer bestellt.

„Du hättest dir nicht so viele Umstände machen müssen.“ Sie schluckte.

„Umstände?“ Überheblich zog Luis eine Augenbraue hoch. „Ich kann dir versichern, dass das Essen so wie immer abläuft.“

Ja, das stimmte vermutlich. Er war kein Mann, der sein Abendessen auf einem Tablett vor dem Fernseher einnahm! „Ach so“, brachte sie hervor.

Luis betrachtete Sophie. Er hatte noch nicht mit ihrem Erscheinen gerechnet und erwartet, dass sie sich zurechtmachen würde. Genau wie bei ihrer Ankunft war sie jedoch immer noch ungeschminkt und ihr Haar noch feucht vom Duschen. Jedenfalls wirkte sie frisch und viel jünger, beinah unschuldig. Zynisch verzog er den Mund.

Er war es gewohnt, dass Frauen alle Register zogen, um ihn zu beeindrucken – mit perfektem Make-up und tief ausgeschnittenen, kurzen Kleidern. Zu einem Zeitpunkt wie diesem hätte er nicht erwartet, dass sie sich auffällig zurechtmachte, nur dass sie etwas Mühe auf ihr Äußeres verwandte.

Offenbar versuchte Sophie Mills nicht, ihn zu beeindrucken!

Ihr Baumwollkleid war sehr schlicht, und dennoch ließ es ihre weiblichen Rundungen umso verlockender erscheinen. Sie wirkte erfahren und unschuldig zugleich, und er spürte, wie Verlangen in ihm erwachte. Vielleicht beabsichtigt sie genau das, dachte er. Vielleicht wusste sie genau, wie ein Mann reagieren würde, wenn eine Frau einen so unschuldigen Eindruck machte.

„Bitte iss deine Suppe“, sagte er kühl.

Sophie nahm ihren Löffel und begann zu essen. Dabei musste sie immer wieder zu ihrem Gastgeber blicken. Er schüchterte sie ein, und das nicht nur, weil er am anderen Tischende saß. Nein, das warnende Funkeln in den unergründlichen Tiefen seiner Augen verriet Unnahbarkeit.

„Señor?“

Sie drehte sich um, als eine schöne junge Spanierin an der Tür erschien.

„Möchtest du Wein, Sophie?“ Luis deutete auf eine staubige Flasche.

Ja, sie musste unbedingt etwas Alkoholisches trinken, damit sie sich etwas entspannte. „Bitte.“

Er sagte etwas auf Spanisch, und daraufhin schenkte die junge Frau ihr ein und füllte sein Glas auf.

Sophie trank einen Schluck. „Er … er schmeckt sehr gut.“

„Das ist eine Flasche von einem unserer besten Jahrgänge.“

„Dann fühle ich mich geehrt“, erwiderte sie.

Nachdenklich betrachtete er sie, als er sein Glas hob. „Wir sollten anstoßen und Gott für Mirandas Leben danken.“

Das war zu viel für sie! Mit zittriger Hand stellte sie ihr Glas ab und fragte sich, wie jemand so heucheln konnte. Rechnete er denn nicht damit, dass Miranda sich ihr vielleicht anvertraut und ihr erzählt hatte, dass der überwältigend attraktive Don Luis ein Herz aus Stein hatte?

„Ihr Leben allgemein?“, erkundigte sie sich. „Oder ihr Leben hier? Wenn das der Fall ist, wird es wohl kaum ein fröhlicher Trinkspruch, oder?“

Wie leidenschaftlich sie klingt, ging es Luis durch den Kopf. Sie blitzte ihn an, und als er ihren Blick erwiderte, begann eine Ader an seiner Schläfe zu pochen.

„War es denn so schrecklich?“, fragte er ernst.

Ruhig sah sie ihm in die Augen und antwortete, ohne zu überlegen: „Ich wünschte, sie wäre dir nie begegnet.“

Luis nickte langsam. Wenn er Miranda nie begegnet wäre, hätte es Felipe allerdings nie gegeben – und ein Leben ohne ihn konnte er sich nicht vorstellen.

Er stellte sein Glas auf den Tisch und betrachtete Sophie nachdenklich. Dabei überlegte er, wie viel Miranda ihr erzählt haben mochte.

„Weißt du, wie meine Beziehung mit deiner Cousine begann, Sophie?“, erkundigte er sich schließlich.

„Ich weiß, dass du sie beim Fliegen angemacht hast.“

Luis erstarrte. „Angemacht?“, wiederholte er scharf. „Glaubst du, ich gehöre zu den Männern, die Stewardessen anmachen?“

„Woher soll ich das wissen? Soweit ich informiert bin, hattest du noch nie einen Mangel an Frauen.“

Das klang, als wäre er nicht besser als ein streunender Kater! „Ich bin kein Mann, der ständig seine Partnerin wechselt“, erklärte er schroff. „Und ich war es auch nie.“

Sophie warf ihm einen kühlen, ungläubigen Blick zu. „Wirklich?“

„Sophie …“, begann er mit einem gefährlichen Unterton, riss sich dann jedoch zusammen. Sie würde vermutlich nur einige Tage bleiben. Also warum sollte er sie über ihre Cousine aufklären und es somit riskieren, ihren Kummer noch zu verstärken?

„Was?“, hakte Sophie nach, als sie merkte, dass Luis sich wieder zurückzog.

Er schüttelte den Kopf. „Nichts.“

Was verschwieg er ihr? Was konnte er ihr nicht erzählen? „Ich möchte deine Version von eurer ersten Begegnung hören“, beharrte sie.

Luis schwieg einen Moment. „Ich bin geschäftlich nach New York geflogen“, begann er dann und lächelte ironisch. „Deine Cousine hat mir einen Drink serviert und mir den Namen ihres Hotels auf eine Serviette geschrieben. Sie wollte sich dort in der Bar mit mir treffen.“

„Und das war ein Angebot, das du nicht ablehnen konntest, stimmt’s?“

„Warum hätte ich es ablehnen sollen?“, fragte er ernst. „Sie war eine schöne, temperamentvolle Frau.“

Mit zittriger Hand griff Sophie zu ihrem Glas und trank noch einen Schluck Wein. „Meinst du damit, dir wäre jede Frau recht, solange sie willig ist?“

Nun wurde er ärgerlich. „Wenn das der Fall wäre …“, er zuckte die Schultern, „würde ich mein ganzes Leben im Bett verbringen.“

Ihr Herz klopfte schneller, und sie war schockiert darüber, dass seine Worte sie so beunruhigten. „Das klingt sehr angeberisch, Luis.“

„Ich gebe nicht an. Es ist die Wahrheit, querida.“ Als Luis merkte, wie Sophie blass wurde, gab er nach. Sie war erschöpft und trauerte um ihre Cousine. „Komm“, fuhr er leise fort. „Essen wir jetzt unsere Suppe, und reden wir nicht mehr über das Thema.“

Sophie schüttelte den Kopf. Sie wollte etwas über Mirandas Leben in La Rioja erfahren, denn momentan konnte sie sich überhaupt keine Vorstellung mehr davon machen. Miranda hatte sich nur selten bei ihr gemeldet, vor allem dann, wenn sie sich mal wieder in einer Krise befand.

„Ich möchte es wissen. Ich möchte deine Seite hören.“

Sophie redet, als würde ich auf der Anklagebank sitzen, überlegte Luis bitter. Aber um seines Sohnes und der Ehre der Familie de la Camara willen würde er sich nicht verurteilen lassen. „Na gut“, meinte er. „Ich gebe zu, dass ich mich geschmeichelt fühlte. Welcher Mann würde es nicht, wenn eine schöne Frau keinen Hehl daraus macht, dass sie sich für ihn interessiert?“

„Aber ich nehme an, dass es für dich nur ein One-Night-Stand werden sollte, oder?“

Verständnislos blickte er sie an. „Ein One-Night-Stand?“, wiederholte er entgeistert. „Soll man dabei etwa Glück und Erfüllung finden?“

Sophie hörte den rauen Unterton in seiner Stimme und sah seinen leidenschaftlichen Gesichtsausdruck. Und ihr wurde klar, dass Miranda der Sonne tatsächlich zu nahe gekommen war, indem sie Luis Avancen gemacht hatte. Und sie hatte den Preis dafür bezahlt. Einen Mann wie ihn intim kennenzulernen und ihm ein Kind zu schenken musste sie tatsächlich in Schwindel erregende Höhen getragen haben. Und von dort hatte sie nur abstürzen können.

Mit einer unerklärlichen Gewissheit wurde Sophie klar, dass Don Luis ein Mann war, der sich einer Frau nie ganz öffnen würde. Er würde ihr seinen Körper schenken, aber sein Herz? Sie fragte sich, ob er überhaupt ein Herz hatte. Oder war es aus Stein, wie Miranda einmal behauptet hatte?

„Du hast ihr also eine gemeinsame Zukunft geboten, stimmt’s?“

Luis zuckte die Schultern. Dann nahm er sich etwas Brot und zerbrach es. „Es gibt nicht nur die beiden Extreme“, erklärte er kühl. „Es gibt auch einen Mittelweg zwischen einem One-Night-Stand und einer Ehe.“

„Eine Affäre, meinst du?“

„Eine Affäre bedeutet, dass einer der Partner mit jemand anders verheiratet ist. Und das war bei Miranda und mir nicht der Fall.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Ich hätte es eine Beziehung genannt.“

„Das klingt zwar erwachsen, aber auch sehr nüchtern.“

„Das war nicht meine Absicht. Und es war eine schöne Beziehung – für eine gewisse Zeit zumindest.“

„Und ein Baby hat alles verändert, schätze ich?“

Einen Moment lang schwieg er angespannt. „Ja, Sophie“, erwiderte er schließlich ausdruckslos. „Ein Baby verändert alles.“

„Und … und wenn sie nicht schwanger gewesen wäre, hättest du sie dann geheiratet?“

Luis begegnete ihrem Blick und fragte sich, wie er sich dazu hatte hinreißen lassen, so offen mit einer Frau zu reden. Ihm wurde klar, dass er Sophie verletzen würde, wenn er ihr die ganze Wahrheit erzählte. Und was hätte das für einen Sinn?

„Ich glaube, wir haben jetzt genug darüber gesprochen. Findest du nicht, Sophie?“, meinte er sanft.

„Sag es mir“, bat sie.

„Ich glaube, du kennst die Antwort auf deine Frage, oder?“

„Du hast sie also nicht geliebt?“, flüsterte sie. „Du hast sie geheiratet, obwohl du sie nicht geliebt hast!“

„Du stellst wirklich unmögliche Fragen!“

„Nein, schwierige Fragen vielleicht, aber keine unmöglichen“, wandte sie ein.

Eine Weile herrschte angespanntes Schweigen. „Ich schätze, ich weiß gar nicht, was Liebe ist“, gestand Luis dann leise. „Weißt du es? Ich weiß nur, dass Miranda schwanger war und es meine Pflicht war, sie zu heiraten. Und dass ich für sie verantwortlich war.“

Pflicht und Verantwortung.

Das waren nicht die Worte eines Mannes, der seine Frau geliebt und verloren hatte. Schweren Herzens fand Sophie sich damit ab, dass dieser stolze spanische Adlige ihre Cousine nie geliebt hatte.

„Und wusste Miranda, dass du es als deine Pflicht betrachtet hast? Hast du ihr gezeigt, dass du sie nur deswegen geheiratet hast? War sie deswegen so unglücklich?“

„Das Thema ist beendet!“, sagte er scharf. „Ich werde nicht mehr darüber reden. Und jetzt iss deine Suppe, Sophie.“

Sophie wollte etwas entgegnen, überlegte es sich allerdings anders, als sie das warnende Funkeln in seinen Augen sah. Sie hatte schon genug gesagt. Mehr als genug. Warum sollte sie ihn verärgern? Schließlich wollte sie Kontakt zu ihrem Neffen haben, und daher durfte sie Luis nicht gegen sich aufbringen.

„Iss!“, wiederholte er und fügte unerwartet sanft hinzu: „Bitte.“

Sein Tonfall stimmte sie versöhnlich, und daher aß sie weiter. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie hungrig sie war. Das Gazpacho schmeckte hervorragend, genauso wie das Kräuteromelett, das als Hauptgang serviert wurde, und die Nachspeise. Als sie fertig war und aufblickte, stellte sie fest, dass Luis sie ironisch betrachtete.

„Du warst sehr hungrig“, bemerkte er ernst.

„Ja.“ Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas Richtiges gegessen hatte. Nicht seit seinem Anruf, und das war vor zwei Tagen gewesen. „In letzter Zeit hatte ich kaum Appetit.“

„Nein, natürlich nicht.“ Er legte seine Serviette auf den Tisch. „Komm, Sophie, du solltest jetzt schlafen gehen.“

Sophie schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“ Unsicher stand sie auf und sah dabei den fragenden Ausdruck in seinen Augen. „Bitte Luis“, brachte sie hervor, „ich möchte gern zu Felipe.“

Ihm wäre es lieber gewesen, wenn sie bis zum nächsten Morgen gewartet hätte. Sophie war blass und erschöpft, als würde sie jeden Moment umfallen. Luis musste den Gedanken daran verdrängen, wie sehr es ihm gefallen hätte, wenn er sie dann hätte auffangen können. Sie hob jedoch das Kinn und wirkte sehr entschlossen. Er seufzte leise. „Also gut. Komm mit.“

Sophie atmete erleichtert auf und folgte ihm nach oben. Dass sie dabei den Blick nicht von ihm abwenden konnte und jede seiner Bewegungen verfolgte, beunruhigte sie und verursachte ihr Schuldgefühle. Sie durfte nicht so empfinden. Nicht ihm gegenüber und schon gar nicht in einer Situation wie dieser. Eigentlich hätte sie schon vor langer Zeit aufhören müssen, ihn zu begehren, und auf Abstand zu ihm gehen müssen.

Sie gingen durch zahlreiche Flure, bis Luis schließlich vor einer Tür stehen blieb und sich zu Sophie umwandte.

„Nun musst du ganz leise sein“, flüsterte er. „In letzter Zeit schläft er sehr unruhig. Deswegen dürfen wir ihn auf keinen Fall wecken.“

„Kein Wunder, dass er unruhig schläft“, erwiderte sie leise. „Babys haben einen natürlichen Instinkt. Sicher vermisst er seine Mutter schrecklich.“

Er wollte offenbar etwas sagen, überlegte es sich dann jedoch anders und legte einen Finger auf die Lippen. „Pst! Komm.“

Leise betraten sie den Raum, und sobald sie an der großen, altmodischen Holzwiege standen, machte Sophies Herz einen Sprung. Sie hatte Felipe seit seiner Taufe nicht mehr gesehen. Ab und zu hatte Miranda Fotos von ihm geschickt, von denen das letzte das von seinem ersten Geburtstag war. Trotzdem traf sein Anblick sie völlig unvorbereitet.

Felipe hatte den kleinen Mund gespitzt, und seine dichten, langen Wimpern ruhten auf seinen Pausbäckchen. Seine weichen Locken hoben sich dunkel gegen das Kissen ab, und sie glaubte, Tränenspuren in seinem Gesicht zu sehen. Er ist so unschuldig und hilflos, dachte sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Am nächsten Morgen würde er aufwachen und sich nach seiner Mutter sehnen, ohne es zum Ausdruck bringen zu können. Der arme Kleine!

Instinktiv streckte sie die Hand aus, um ihm eine Locke aus dem Gesicht zu streichen, aber Luis umfasste ihr Handgelenk mit eisernem Griff und hielt es fest.

„Nein“, flüsterte er drohend.

Und bevor sie es verhindern konnte, hatte er sie kurzerhand aus dem Zimmer gezogen und die Tür hinter ihnen geschlossen. Er hielt ihr Handgelenk noch immer umklammert, und sie spürte seinen Griff und sah das wütende Funkeln in seinen schwarzen Augen. Er stand zu dicht vor ihr, als dass sie es hätte ignorieren können. Viel zu dicht und trotzdem nicht dicht genug.

Einen verrückten Moment lang sehnte sie sich danach, Luis zu berühren, genauso wie bei ihrer ersten Begegnung mit ihm. Danach, sich an ihn zu schmiegen, den Kopf an seine Schulter zu lehnen und seinen muskulösen Körper zu spüren.

„Ich habe dir doch gesagt, dass du ihn nicht wecken sollst“, erklärte er wütend. „Wolltest du denn, dass er die ganze Nacht schreit?“

„Ich … ich habe nicht nachgedacht.“ Schnell entzog Sophie ihm ihre Hand und spürte, wie ihr Puls raste. Ob Luis es auch gemerkt hatte? Und wenn ja, hatte er erraten, dass es vor Verlangen war und nicht vor Angst oder Wut?

„Nein“, bestätigte Luis grimmig. Ihre bebenden Lippen weckten ein Verlangen in ihm, das ihn noch zorniger machte. „Du hast nicht nachgedacht. Dann versuch es jetzt, querida. Felipe ist ein Kind und kein Spielzeug. Man nimmt ihn nachts nicht aus einer Laune heraus hoch, egal, in welcher Situation, und schon gar nicht in dieser Situation. Versuch, an ihn und an seine Bedürfnisse zu denken und nicht an deine!“, fügte er bitter hinzu.

Starr blickte sie ihn an. Sie hatte sich wirklich bemüht, sich ihre Abneigung ihm gegenüber nicht anmerken zu lassen, doch offenbar hatte er keine solchen Skrupel. Schnell wich sie einen Schritt zurück. „Gute Nacht, Luis“, sagte sie kühl. „Ich gehe jetzt ins Bett.“

4. KAPITEL

Luis betrachtete ihren blonden Schopf und dachte daran, wie jung Sophie aussah, wenn sie Schwarz trug. „Sophie?“

Verständnislos blickte sie ihn an. „Was?“

Er reichte ihr eine kleine Tasse mit schwarzem Kaffee. „Hier. Trink das“, forderte er sie auf.

Benommen nickte sie und nahm die Tasse entgegen. Sie hatte den ganzen Tag lang völlig neben sich gestanden und war mechanisch dem Sarg gefolgt. „Danke.“

Luis beobachtete, wie sie einen Schluck trank. Sie wirkte so klein, beinah puppenhaft, wie sie da in einem der großen Sessel saß. Und da sie sehr blass war, erschienen ihre blauen Augen umso größer.

Er seufzte leise. Allmählich fiel die Spannung etwas von ihm ab, und er war froh, dass der Tag fast vorüber war. Die Beerdigung war feierlich und traurig gewesen und von vier Priestern gehalten worden, allerdings vielmehr wegen seiner gesellschaftlichen Stellung, denn Miranda war nicht besonders religiös gewesen.

„Fühlst du dich jetzt etwas besser?“, fragte er leise.

„Ja.“ Sophie war froh, dass die Beerdigung vorbei war. Irgendwie hatte sie den Tag überstanden. Eine kleine Gruppe schick gekleideter junger Leute war etwas verspätet in der Kirche erschienen – Mirandas Clique, wie Luis sie grimmig informiert hatte. Ansonsten waren jedoch hauptsächlich Verwandte und Freunde von ihm dort gewesen. Seine Eltern waren aus Madrid hergeflogen, und nun fuhren sie mit dem Taxi zurück zum Flughafen.

Seine Mutter hatte sie neugierig betrachtet, aber umarmt, und dafür war sie ihr dankbar gewesen. Sie wusste von Miranda, dass die beiden kein gutes Verhältnis zueinander gehabt hatten und es seiner Mutter lieber gewesen wäre, wenn ihr Sohn eine Spanierin geheiratet hätte. Allerdings hatte ihre Trauer echt gewirkt, und Sophie hatte sich für ihre Beileidsbekundungen bedankt.

Sie blickte sich in dem elegant eingerichteten Wohnzimmer um, in dem sie nun mit Luis allein war. In dem dunklen Anzug wirkte er unnahbar, wie ein Fremder – nur wenige Schritte und doch unendlich weit von ihr entfernt.

„Wo ist Felipe?“, fragte sie.

„Salvadora badet ihn gerade.“

„Ist es dafür nicht ein bisschen zu früh?“

„Ich kann, glaube ich, besser beurteilen, was für meinen Sohn gut ist und was nicht, oder?“, meinte er höflich.

Frustriert biss sie sich auf die Lippe. Sie hatte den Kleinen kaum zu Gesicht bekommen, seit sein wütender Vater sie am Vorabend praktisch aus seinem Zimmer gezerrt hatte. Offenbar hatte dieser angenommen, sie hätte absichtlich versucht, ihn zu wecken. Und heute hatte man ihn in einem anderen Wagen mit Salvadora in die Kirche gebracht, und er hatte sich die ganze Zeit an sie geklammert.

Trotzig erwiderte Sophie seinen gleichgültigen Blick. „Luis, willst du mich von meinem Neffen fernhalten?“

Luis zog die Augenbrauen hoch. „Warum sollte ich das tun?“

„Das ist doch offensichtlich! Du möchtest nicht, dass ich ihn besser kennenlerne, oder besser gesagt, dass er mich besser kennenlernt.“

„Dios!“, sagte er wütend. „Der Junge ist völlig durcheinander und …“

„Ja, natürlich ist er das. Schließlich hat er gerade seine Mutter verloren.“

Er wollte etwas erwidern, überlegte es sich dann aber anders, und sie betrachtete ihn frustriert.

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