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JULIA PLATIN BAND 1

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EDITORIAL

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Paris – Stadt der Liebe

1. KAPITEL

Jordan Parry hatte seinem Assistenten Silas Matthews den Rücken zugewandt. Die Haltung seiner breiten Schultern zeugte von großer Anspannung. Er hielt die Kante des antiken Schreibtisches umklammert, sodass seine Knöchel weiß hervortraten, und schaute zum Fenster hinaus. Paris lag in der Abenddämmerung, aber dieser Anblick entspannte Jordan nicht. Seine Gedanken waren bei dem medizinischen Symposium, das am nächsten Morgen beginnen sollte.

Nervös sah er auf die Uhr, runzelte die Stirn und begann, wie ein gefangener Tiger im Raum auf und ab zu gehen.

Silas, der um einige Jahre älter war als sein Chef, lief über den dicken Teppich zur Bar in der Ecke des Zimmers und schenkte zwei reichlich bemessene Gläser Scotch ein.

„Beruhigen Sie sich doch, Jordan. Hier, trinken Sie einen Schluck.“

Jordan wandte sich zu seinem etwas korpulenten Mitarbeiter um und nahm das Kristallglas entgegen, das dieser ihm reichte. Vor Zorn wirkten seine grauen Augen dunkler als sonst. Mit einem Zug leerte er das Glas zur Hälfte. Als er sprach, klang seine Stimme eigenartig belegt. „Wenn diese Labortests heute Abend nicht eintreffen, sind drei Jahre harte Arbeit vergeudet.“ Er blickte niedergeschlagen in sein Glas. „Ohne diese Ergebnisse brauche ich gar nicht erst an dem Symposium teilzunehmen. Wie soll ich einen Vortrag halten, wenn ich nichts vorzuweisen habe?“

Das neue synthetische Hormonmedikament, an dem Jordan so lange gearbeitet hatte, hatte sein Ass im Ärmel sein sollen. Die Übernahme seines Erzrivalen Unimet war endlich in Sicht. Die Parry-Pharma-Werke waren schon jetzt groß, aber Jordan wollte sie noch größer machen. Mit diesem neuen Medikament würde er eine starke Verhandlungsposition haben. Was ihn antrieb, waren Liebe und Respekt für seinen verstorbenen Vater und für dessen loyale Mitarbeiter sowie das Hospiz, das sein Vater gegründet und sein Leben lang finanziell unterstützt hatte.

Doch auf einmal schien sich alles gegen ihn verschworen zu haben. Buchstäblich in letzter Stunde waren bei einem Absturz des Hauptrechners in der Computerzentrale mehrere Dateien mit wertvollen Testergebnissen verloren gegangen. In Panik hatte das Team die ganze Nacht durchgearbeitet, um die Daten wieder zu vervollständigen, und nun waren die Disketten nach Paris unterwegs. Eigentlich hätten sie schon vor Stunden hier sein müssen. Und je mehr Zeit verging, desto unruhiger wurde Jordan.

Silas betrachtete seinen Chef besorgt. Ebenso wie für den Vater, Robert Parry, empfand er nicht nur Achtung, sondern auch Zuneigung für den Sohn. Der Vater hatte die Firma aufgebaut, doch Jordans Berufung lag in der Behandlung der Kranken. Als Jordan die Parry-Pharma-Werke übernahm, war er kein Geschäftsmann, sondern Arzt gewesen, aber das hätte niemand erraten. Seit Jordan Parry die Firma führte, waren die Umsatzzahlen ständig gestiegen. Und das neue Medikament – falls es erfolgreich war – würde ihm den Durchbruch auf dem Weltmarkt bringen.

Jordan strich sich durch sein dichtes dunkles Haar und rieb sich das kantige Kinn. Dann stellte er sein Glas abrupt ab, setzte seine Hornbrille auf und griff nach einem Stapel Papiere.

„Schauen wir uns die Zahlen noch einmal an, Silas“, erklärte er entschlossen. „Die Disketten werden noch rechtzeitig kommen – sie müssen es einfach!“

„Excusez-moi. Je m’appelle Cain … Frances Cain. Je …“

„Ah, oui! Mademoiselle Cain!“, unterbrach der Empfangschef des Hotel Clermont eifrig. „Sie haben sich verspätet, nicht wahr? Monsieur Parry wartet bereits dringend auf Sie.“ Er schob ihr ein Anmeldeformular zu.

„Non“, wehrte sie lachend ab. „Ich bin Frances. Sehen Sie, meine Schwester konnte nicht …“ Weiter kam Frances nicht, denn in diesem Augenblick stürmte eine Reisegruppe zum Empfang, deren Mitglieder entschlossen schienen, sich alle gleichzeitig anzumelden.

Frances zuckte resigniert die Schultern und setzte ihre Unterschrift in die angegebene Spalte. Was hatte es auch für einen Sinn zu erklären, dass sie nicht Jordan Parrys Privatsekretärin Helena Cain, sondern deren Schwester Frances war? Den Portier interessierte Helenas Missgeschick sowieso nicht. Im Gegensatz zu Jordan Parry, dachte sie, als sie den Zimmerschlüssel entgegennahm und sich einen Weg durch die Menge vor der Portierloge bahnte.

Schließlich blieb sie atemlos stehen und blickte sich nach den Aufzügen um. Ihre meergrünen Augen weiteten sich vor Staunen, als sie das elegante Foyer betrachtete. So also lebte ihre ältere Schwester, wenn sie mit ihrem Chef durch die Welt reiste. In diesem Jahr war Helena schon in Rom, Genf und Madrid gewesen, und dabei war es erst April. Fast konnte man neidisch werden. Eine Nacht in diesem Hotel würde sie wahrscheinlich ein Wochengehalt aus der Galerie plus ihren Abendverdienst in der Weinbar kosten.

Die gemessene klassische Musik, die aus verborgenen Lautsprechern in der Aufzugkabine drang, dämpfte Frances’ Aufregung über die unerwartete Reise nach Paris ein wenig. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, am Empfang nach Mr. Parrys Zimmernummer zu fragen. Da der Lift bereits im dritten Stock angekommen war, beschloss sie, sich die Information telefonisch geben zu lassen, sobald sie in ihrem Zimmer angekommen war – oder, besser gesagt, in Helenas Zimmer.

Frances biss sich auf die Lippen, als sie an den Unfall ihrer Schwester dachte. Es war eigentlich ganz untypisch für Helena, einfach die Straße zu überqueren, ohne sich vorher zu vergewissern, dass sie auch frei war. Doch wie Helena ihr im Krankenhaus erklärt hatte, war sie nach einer schlaflosen Nacht völlig übermüdet gewesen und hatte den Kurierfahrer auf seinem Motorrad im Gegenlicht einfach nicht gesehen. Zum Glück hatte der Fahrer sie bemerkt und noch so rechtzeitig gebremst, dass ein schwerer Unfall vermieden werden konnte.

Obwohl die Verletzungen, die sich Helena bei ihrem Sturz zugezogen hatte, nur leicht zu sein schienen, hatte der Arzt in der Ambulanz darauf bestanden, sie zur Beobachtung stationär aufzunehmen. Deshalb war Frances eilig in die Klinik zitiert worden. Fünf Disketten und eine dicke Akte mussten vor Beginn des Symposiums am nächsten Morgen zu Jordan Parry nach Paris gebracht werden.

„Du musst das einfach für mich tun, Frances“, hatte Helena unter Tränen gefleht. „Jordan braucht die Ergebnisse der Tests mit dem neuen Hormonmedikament unbedingt. Nach dreijähriger Forschung ist das Produkt jetzt so weit, dass es auf den Markt gebracht werden kann, und das Symposium in Paris soll die offizielle Einführung sein. Jordan steht morgen Früh gleich als Erster auf der Liste der Vortragenden. Und ich sollte bei ihm sein.“

Helenas Stimme brach, und es dauerte eine Weile, bis sie weitersprechen konnte. Frances wartete mit angehaltenem Atem. „Oh, Frances, es war meine Schuld, dass der Computer abgestürzt ist. Die Kollegen waren rührend und haben alles getan, um mir zu helfen. Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und alles wieder zusammengestellt. Und nun, da die Daten gerettet sind, muss so etwas Dummes passieren. Ich kann es mir einfach nicht leisten, ein zweites Mal zu versagen, Frances. Du musst die Disketten nach Paris bringen. Sie sind lebenswichtig, und du bist der einzige Mensch, dem ich vertrauen kann.“

Frances zögerte nicht. Eigentlich wollte sie Helena ein Dutzend Fragen stellen, aber als sie sah, wie blass ihre Schwester plötzlich geworden war, schwieg sie. Sie versicherte nur, dass sie ihr den Gefallen selbstverständlich tun würde, fuhr nach Hause, um zu packen, rief ihre beiden Chefs an und bat um einige Tage Urlaub. Dann holte sie das Flugticket ab, das Helena durch einen Anruf vom Krankenhaus aus für sie bestellt hatte. Und nun war sie hier in Paris, wohnte im Hotel Clermont und würde gleich die kostbare Aktentasche an Mr. Jordan Parry übergeben, der vor Dankbarkeit außer sich sein würde.

Frances konnte es kaum erwarten, dieses Phänomen kennen zu lernen, den Mann, der den Eispanzer um das Herz ihrer Schwester zum Schmelzen gebracht hatte. Er muss ein ganz besonderer Mann sein, wenn er Helenas Ansprüchen gerecht wird, dachte Frances, während sie den langen Korridor entlangschritt und ihre Zimmernummer suchte. Helena war nämlich die kälteste und berechnendste Frau, die sie je erlebt hatte. Wenn sie nicht Schwestern gewesen wären, wäre sie, Frances, bestimmt nicht nach Paris gekommen.

Frances blieb verblüfft stehen, als sie das Hotelzimmer betrat, das mit seinem edlen Teppich in Zartrosa, den Vorhängen im gleichen Ton und den verschnörkelten, goldverzierten Möbeln den Stil von Ludwig XIV. nachahmte. Über dem Doppelbett lag eine feine Seidendecke. Ob Helena beabsichtigt hatte, dieses Bett mit ihrem Chef zu teilen?

Die beiden hatten eine Affäre, dessen war sich Frances sicher. Helena hatte es zwar nie zugegeben, aber jedes Mal, wenn sie von Jordan Parry sprach, veränderte sich ihr Gesicht. Helena war eine klassische Schönheit, deren ebenmäßige, aber strenge Züge mädchenhaft weich wurden, sobald die Sprache, auf ihren Chef kam. Oh ja, Frances war sehr begierig darauf, diesem Mann endlich persönlich zu begegnen.

Sie warf ihre Tasche und die Aktenmappe aufs Bett und ging zum Fenster, um die Vorhänge aufzuziehen. Draußen war es inzwischen dunkel, und es regnete in Strömen. Aber weil sie in Paris war, fand sie selbst dieses Wetter romantisch.

Das nasse Pflaster auf der Straße unter ihr glänzte wie Lack. Die Leute, die auf den Fußwegen entlangeilten, hatten die Kragen hochgeschlagen. Warmes, goldenes Licht glänzte hinter den durch halbe Vorhänge abgeschirmten Scheiben der Restaurants und den eleganten Schaufenstern.

Frances war jetzt zum zweiten Mal in dieser faszinierenden Stadt. An ihren ersten Aufenthalt in Paris, eine Klassenreise, waren ihr nur vage Erinnerungen geblieben – Eiffelturm, beißender Tabakqualm und dass Clive Sargent in der U-Bahn verloren gegangen war und alle gehofft hatten, dieser Quälgeist würde nicht wieder auftauchen. Nun war sie wieder hier, inzwischen erwachsen und Künstlerin, und sie konnte alles sehen und fühlen, was Paris ihr bot.

Impulsiv kramte Frances in ihrer großen Tasche nach dem Skizzenblock und den Pastellstiften. Sie zog einen schweren Sessel ans Fenster, band die Stores zurück und begann damit, die aufregende Straßenszene festzuhalten. Das Licht war genau richtig – tiefe Schatten von Blau und Grau, Kleckse von Ocker und Rostbraun, helle Scheinwerferkegel …

Irgendwo im Zimmer summte das Telefon, aber Frances war zu vertieft in das, was sie tat, um darauf zu achten. Sie hatte ihr Studium an der Kunstakademie abgebrochen, um ihren kranken Vater bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr zu pflegen. Nun stand sie da ohne Abschluss und ohne Berufsausbildung und hatte das Gefühl, dass das Leben an ihr vorbeigegangen war. Die Stellung in der Galerie, wo sie die Arbeiten anderer Künstler verkaufte, war alles, was sie erreicht hatte, seit sie zu Helena nach London gezogen war.

Das Telefon summte beharrlich weiter und drang schließlich auch in Frances’ Bewusstsein. Sie wandte sich um. Bestimmt hatte sich jemand verwählt, denn niemand wusste, dass sie hier war – niemand außer Helena und der Klinik. Bei diesem Gedanken sprang Frances so abrupt auf, dass ihre Pastellstifte in sämtliche Richtungen davonrollten, und griff zum Hörer.

„Helena! Wo, zum Teufel, bleibst du? Der Portier hat mir mitgeteilt, dass du schon vor fast einer Stunde angekommen bist. Wie lange brauchst du denn noch, um auszupacken?“ Ehe Frances antworten konnte, donnerte der Mann am anderen Ende: „Komm jetzt sofort rüber!“ Im nächsten Moment hatte er aufgelegt.

Frances blickte ungläubig auf ihre Uhr. Das musste Jordan Parry gewesen sein, und er war mit Recht ungehalten. Sie war jetzt schon eine Stunde hier und hatte den Grund, warum sie nach Paris gekommen war, ganz vergessen. Helena würde einen Anfall bekommen, wenn sie herausfand, dass sie, Frances, ihn hatte warten lassen.

Rasch rief sie beim Portier an und ließ sich die Nummer von Jordan Parrys Suite geben. Glücklicherweise lag diese auf dem gleichen Stockwerk. Frances griff nach der Aktentasche und wollte zur Tür, als sie plötzlich ein Knirschen unter ihrem Absatz hörte.

„Oh nein!“, rief sie entsetzt und betrachtete den zerbrochenen Pastellstift auf dem Teppich. Daran war nur dieser Mann schuld, weil er sie am Telefon so angeschrien hatte. Sie versuchte, die Flecken mit einem Handtuch zu entfernen, machte damit aber alles nur schlimmer. Schließlich gab sie es auf und zerrte einen Brokatsessel über die Stelle. Hoffentlich würde das Zimmermädchen das Missgeschick nicht bemerken. Sekunden später rannte sie erhitzt und aufgeregt den Flur hinunter, die kostbare Aktentasche fest an sich gepresst.

Vor der schweren Mahagonitür der Suite blieb Frances stehen. Das ist doch lächerlich, dachte sie. Weshalb gerate ich in Panik wie ein Schulmädchen, das zu spät zum Unterricht kommt? Der Mann da drin ist möglicherweise mein künftiger Schwager.

Während Frances darauf wartete, dass jemand auf ihr Klopfen öffnete, versuchte sie, sich Jordan Parry, Helenas Chef und Geliebten, vorzustellen. Ihre Schwester war sechsunddreißig, vierzehn Jahre älter als sie selbst. In einer durchschnittlichen Beziehung war der Mann ungefähr sechs Jahre älter als die Frau. Jordan Parry musste also etwa zweiundvierzig Jahre alt sein. Doch Helena hatte erwähnt, er sei gleichzeitig Geschäftsführer und größter Anteilseigner der Parry-Pharma-Werke. Also war er möglicherweise etwas älter.

Frances konnte ihn förmlich vor sich sehen: ein kleiner, nicht mehr ganz junger Zuchtmeister mit einer beginnenden Glatze, einer donnernden Stimme und, jedenfalls am Telefon, den Manieren eines Hafenarbeiters.

Sie klopfte etwas kräftiger. Vermutlich hörte Mr. Parry auch nicht mehr gut. Wieder rührte sich nichts. Vorsichtig drückte sie die Klinke herunter. Die Tür war nicht verschlossen. Also trat sie ein und horchte. Irgendwo lief Wasser, aber sie konnte das Geräusch nicht lokalisieren. Sie stand in einem kleinen, geschmackvoll eingerichteten Flur. Sämtliche Türen, die davon abgingen, waren geschlossen.

Frances zögerte. Welche davon sollte sie öffnen? Auf keinen Fall wollte sie aus Versehen in Mr. Parrys Schlafzimmer eindringen. Plötzlich sah sie sich in einem goldgerahmten Spiegel über der Kommode. Sie stöhnte auf. Das lange hellblonde Haar, das sie mit einem pinkfarbenen Band zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, war völlig zerzaust. Die Jeans, ihr Gesicht und ihre Finger waren mit Pastellfarben verschmiert – selbst ihr dicker rosa Pullover hatte etwas abbekommen. Schrecklich sah sie aus!

Frances klemmte entschlossen die Aktentasche zwischen die Beine und beugte sich vor. Dann befeuchtete sie die Fingerspitzen mit der Zunge und begann, ihr Gesicht abzureiben. Plötzlich entdeckte sie noch etwas im Spiegel – ein Paar glänzende schwarze Lederschuhe und sorgfältig gebügelte Hosenbeine.

Sie richtete sich auf, drehte sich um und sah einen gut aussehenden Mann im Türrahmen lehnen, der sie durch getönte Brillengläser betrachtete. Das kann auch nur mir passieren, dass ich von einem von Mr. Parrys Mitarbeitern ertappt werde, dachte sie.

„Entschuldigung.“ Frances lachte den Mann an. „Ich habe mich nur ein wenig präsentabel gemacht für Mr. Parry. Auf mein Klopfen vorhin hat niemand geantwortet. Ist er in der Nähe?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich dem Spiegel zu und wischte mit dem Handrücken einen Streifen Manganblau vom Kinn. Jetzt brauchte sie nur noch die Haare zurückzustreichen, und sie konnte sich sehen lassen.

Erst als sie sich nach der Aktentasche bückte, fiel ihr auf, dass der Mann immer noch schwieg. Und plötzlich kam ihr die schreckliche Erkenntnis.

Erschrocken wirbelte sie herum. Dabei blieb sie mit dem Absatz an der Teppichkante hängen. Ohne den Blick von dem Mann zu nehmen, der einer Anzeige eines vornehmen Herrenausstatters hätte entsprungen sein können, versuchte Frances, den verschobenen Teppich mit dem Absatz glatt zu streichen.

„Mr. Parry?“, fragte sie beklommen.

Noch immer sagte er kein Wort. Langsam setzte er die Brille ab. In den grauen Augen, die sie musterten, lag Misstrauen.

Frances stockte der Atem, so groß war die Wirkung, die dieser Mann auf ihre Sinne ausübte. Er war groß und schlank und hatte einen dunklen Teint. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig, obwohl vereinzelte graue Fäden in seinem schwarzen Haar sie verwirrten.

Fasziniert begegnete sie seinem argwöhnischen Blick. Trotz seines ungemein attraktiven Äußeren schien er kalt und uninteressant zu sein. Unwillkürlich musste Frances an Helena denken. Oh ja, diese zwei waren das ideale Liebespaar – beide wie Roboter ohne einen Funken Wärme und menschliche Leidenschaft.

„Ich bin Frances Cain“, stellte sie sich rasch vor. „Helenas Schwester.“

Offenbar nahm er gar nicht wahr, was sie sagte. Oder falls er es doch tat, reagierte er nicht darauf. Hatte sie sich getäuscht? War er gar nicht Jordan Parry? Schließlich hatte er ihre Frage nicht beantwortet. Ob er doch ein Angestellter war? Sie bezweifelte das. Die Art, wie er dastand und sie betrachtete, als sei sie nichts als ein Fleck in der Landschaft, zeugte davon, dass er über Macht verfügte.

Frances versuchte es noch einmal. „Helena Cain, Ihre Sekretärin“, sagte sie überdeutlich. „Ich bin Helenas Schwester Frances.“

Schweigend setzte er die Brille wieder auf. Frances beobachtete ihn interessiert. Er erinnerte sie an einen geschmeidigen schwarzen Panther, als er sich jetzt abwandte und die Tür zu einem Wohnraum öffnete, der noch erlesener eingerichtet war als das Zimmer, das man ihr zugewiesen hatte. Mit raschen Schritten ging er zum Telefon am Fenster.

„Parry hier. Ich möchte vorläufig nicht gestört werden.“

Frances war Jordan Parry langsam gefolgt. Als er sich jetzt umdrehte und sie mit einem Blick fixierte, blieb sie sofort stehen. Seine Miene war so grimmig, dass sie Angst bekam. Hinter der Brille konnte sie zwar seine Augen nicht sehen, aber sie spürte sein Misstrauen.

„Helena hatte einen Unfall, deshalb bin ich hier. Sie ist im Krankenhaus … Keine schwere Verletzung“, fügte sie hastig hinzu, um ihn nicht zu beunruhigen. Gleich darauf wurde ihr bewusst, dass diese Vorsichtsmaßnahme überflüssig war. Offenbar gab es gar nichts, was diesen Mann beunruhigen konnte. „Vermutlich wird sie Sie selbst anrufen. Aber als ich von ihr wegging, hatte man ihr ein Beruhigungsmittel gegeben …“ Es war hoffnungslos. Frances’ Lächeln verschwand. „Sie glauben mir nicht, nicht wahr?“, fragte sie leise.

„Offen gestanden, meine Liebe, nein“, erwiderte er in einer gekonnten Imitation Rhett Butlers. Seine Stimme war weich wie edler Whisky.

Frances sah ihn ärgerlich an. In seiner Gegenwart kam sie sich vor wie eine ungezogene Siebenjährige. Solch einen Empfang hatte sie von Helenas Chef nicht erwartet. Helenas Chef und Liebhaber, verbesserte sie sich, ein Mann, von dem ich nichts zu befürchten habe. Dieser Gedanke gab ihr neuen Mut. Sie presste die Aktentasche fest an die Brust und atmete tief durch.

„Offen gestanden, Mr. Parry“, ahmte sie ihn nach, „gefällt mir Ihre Einstellung nicht. Meine Schwester liegt in der Klinik und ist ganz krank vor Sorge um Sie. Meiner Meinung nach sollten Sie wenigstens so höflich sein, mich zuerst anzuhören, ehe Sie sich ein Urteil bilden, anstatt mich anzusehen, als habe mich die Katze hereingeschleift.“

Er hatte die Brille wieder abgesetzt und musterte sie kühl. „Sie haben sich selbst sehr zutreffend beschrieben“, erklärte er und zog die Augenbrauen hoch. „Wie soll ich Ihrer Meinung nach denn reagieren, wenn Sie einfach hier eindringen und mir weiszumachen versuchen, Sie seien die Schwester meiner Sekretärin?“ Sein Lächeln war spöttisch. „Wenn Sie meine Aufmerksamkeit länger als die zehn Sekunden fesseln wollen, die ich Ihnen zuzugestehen bereit bin, müssen Sie sich schon etwas Besseres einfallen lassen.“

Jordan Parry zog seine gestärkte weiße Manschette zurück, heftete den Blick auf die Uhr und begann, von zehn rückwärts zu zählen. Frances war so erstaunt, dass sie kein Wort herausbrachte.

„Drei, zwei, eins, null.“ Ohne sie auch nur anzusehen, zupfte er den Ärmel seines dunkelblauen Nadelstreifenanzugs wieder zurecht, setzte die Brille auf und griff nach dem Telefon, um den Sicherheitsdienst des Hotels zu benachrichtigen.

Sekundenlang hatte Frances wie angewurzelt dagestanden, aber nun verlor sie die Beherrschung. Sie machte einen Satz, riss ihm den Hörer weg und erklärte auf Französisch, dass es sich hier wohl um ein Missverständnis handle. Dann legte sie mit vielen Entschuldigungen auf.

Zum ersten Mal zeigte Jordan Parry eine Reaktion. Sein Mund zuckte, und an seiner linken Schläfe pulsierte eine Ader. Er war außer sich, aber er beherrschte seinen Zorn – im Gegensatz zu Frances.

„Sind Sie verrückt geworden?“, fauchte sie. Ihre grünen Augen blitzten. „Deshalb bin ich hier.“ Sie warf die Aktentasche auf den Schreibtisch. Offenbar hatte sie ihre eigene Kraft unterschätzt, denn die Ledermappe schlidderte über die ganze Breite und riss am Ende einen säuberlich aufgeschichteten Stapel Papiere mit sich. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie alle in einem unordentlichen Haufen auf dem Boden angekommen waren.

Die Papiere enthielten Zahlenkolonnen und waren – nach Jordan Parrys plötzlich aschfahlem Gesicht zu schließen – einmal in numerischer Reihenfolge geordnet gewesen.

„Es tut mir leid.“ Frances schlug das Herz bis zum Hals, als sie seine Miene sah. Instinktiv bückte sie sich, um alles wieder aufzusammeln. Unglücklicherweise hatte Jordan Parry im gleichen Moment dieselbe Idee, und sie stießen so heftig zusammen, dass seine Brille verrutschte. Abrupt richtete er sich wieder auf, setzte die Brille ab und warf sie auf den Schreibtisch. Nervös strich er sich durchs Haar.

Frances fühlte Schwäche in den Beinen, als sie sich wieder aufrichtete. Und sie spürte, wie Hysterie sie zu überwältigen drohte angesichts Jordan Parrys schwindender Selbstbeherrschung.

„Es tut mir schrecklich leid“, wiederholte sie zerknirscht. Sie hockte sich wieder hin, nahm die Aktenmappe in die eine Hand und versuchte, die verstreuten Papiere mit der anderen aufzusammeln.

„Lassen Sie das liegen!“, brüllte Jordan Parry Erschrocken fuhr sie zurück. Donnerwetter, dachte sie, der Mann ist doch kein Roboter, sondern hat ein ganz schön hitziges Temperament. Irgendwie stieg er ein wenig in ihrer Achtung.

„Es tut mir wirklich leid“, sagte sie noch einmal.

„Und hören Sie, verdammt noch mal, auf, sich dauernd zu entschuldigen!“

Frances zog den Pluspunkt, den sie ihm eben insgeheim gegeben hatte, wieder ab. Ohne Umschweife nahm Jordan Parry ihr die Aktentasche aus der Hand und begann, den Inhalt genau durchzusehen. Er wendete jede einzelne Diskette mehrmals hin und her und blätterte die beigefügten Ausdrucke genau durch. Dann legte er alles in die Mappe zurück und verschloss sie im obersten Schubfach des Schreibtisches. Erstaunt sah Frances zu, wie er den Schlüssel abzog und in seine Jackentasche steckte.

Anschließend tat er etwas, was sie überraschte. Er ging zur Minibar, goss sich einen großen Whisky ein und leerte das Glas in einem Zug – fast, als habe er das dringend gebraucht.

Frances trat beklommen von einem Fuß auf den anderen. Das, was sie eben gesehen hatten, gab ihr zu denken. Helena hatte zwar mehrmals betont, wie wichtig diese Disketten waren, aber Frances hatte das auf die Verliebtheit ihrer Schwester zurückgeführt. Nun erkannte sie, dass sie sich geirrt hatte. Diese Disketten waren wirklich wichtig. Auf einmal war sie stolz darauf, dass sie die ihr anvertraute Sendung wohlbehalten abgeliefert hatte.

„Wie kommt die Aktentasche in Ihren Besitz?“, fragte Jordan ernst.

Frances’ Stolz fiel in sich zusammen. Er glaubte ihr immer noch nicht.

„Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, dann ist das nicht mein Problem, sondern Ihres“, erwiderte sie hitzig. Seine Augen wirkten jetzt fast schwarz. „Ich habe die Papiere nicht gestohlen, falls Sie das denken. Ober halten Sie es für logisch, wenn ich meine eigene Schwester bestehlen würde, um dann hierherzufliegen und Ihnen Ihr Eigentum zu bringen? Wie Sie sich selbst überzeugt haben, habe ich alle fünf Disketten abgeliefert.“

Langsam ging Jordan Parry um den Schreibtisch herum, bis er vor ihr stand. Unwillkürlich machte sich Frances ganz steif. Sein Gesicht war wie verwandelt – lebendig, aggressiv, die Kinnpartie zornig vorgeschoben. Eindringlich musterte er ihr erhitztes Gesicht.

„Ich weiß ja nicht, was auf diesen Disketten ist, oder?“ Seine Stimme war gefährlich leise. „Schließlich könnte auch Krieg der Sterne oder sonst ein verdammtes Spiel darauf sein!“

Mit etwas Übung könnte dieser Mann direkt einen Sinn für Humor entwickeln, dachte Frances flüchtig, ehe sie wie eine Furie auf ihn losging. „Beschuldigen Sie mich etwa, die Disketten vertauscht zu haben?“, schrie sie. Allmählich hatte sie genug von seinen Verdächtigungen.

Er lächelte spöttisch und schüttelte den Kopf. „Nein, Sie sind zu jung und zu dumm, um in Industriespionage verwickelt zu sein. Aber irgendjemand muss Sie dazu angestiftet haben.“

„Industriespionage?“, wiederholte Frances fassungslos. Sie wusste nicht, ob sie beleidigt oder geschmeichelt sein sollte. „Sie sind verrückt, wissen Sie das? Und wenn hier jemand dumm ist, dann nicht ich, sondern Sie. Niemand hat mich zu irgendetwas angestiftet. Wenn es wirklich so wäre, glauben Sie, ich sei dann hier und würde mich von Ihnen anschreien lassen?“

Einen Moment lang wirkte Jordan Parry unsicher, doch dann wurde seine Miene wieder hart. „Ihr Argument hat durchaus etwas für sich. Aber ich habe so ein Gefühl, dass Sie raffinierter sind, als Sie auf den ersten Blick aussehen, Miss … wie auch immer Sie heißen.“

Wütend trat Frances einen Schritt zurück.

„Und entfernen Sie sich nicht, solange ich mit Ihnen rede“, fuhr er brüsk fort. „Vielleicht haben Sie gedacht, Sie brauchten nur hierherzukommen und mich mit Ihren faszinierenden Augen zu betören, um mich dazu zu bringen, Ihnen weitere wertvolle Informationen zu geben.“

Es bestand kein Zweifel, was er meinte, und Frances war schockiert über diesen neuen Vorwurf. Jordan Parry litt ja unter Verfolgungswahn! Plötzlich wurde ihr die Komik der Situation bewusst. Dieser beeindruckende Mann glaubte, tatsächlich, die kleine Frances Cain sei im Stande, ihm mit weiblicher List Firmengeheimnisse zu entlocken!

Sie lachte auf. „Denken Sie tatsächlich, ich sei hier, um Sie zu verführen und Sie dazu zu überreden, mir Ihre kostbaren Formeln zu geben?“

„Sind Sie das etwa nicht?“

„Von wegen! Sie sind ein aufgeblasener, arroganter Narr, Mr. Jordan Parry.“ Helena bringt mich um, dachte Frances, aber jetzt ist es ohnehin zu spät. „Ich habe den Eindruck, Sie brauchen selbst eine Dosis von Ihren Hormonen.“

Abrupt drehte sie sich um und wollte zur Tür, aber sie kam nicht weit. Denn plötzlich wurde sie gepackt und zurückgezogen, bis sie Jordan Parry wieder gegenüberstand – so nah, dass sie den Whisky in seinem warmen Atem riechen konnte. Es erschreckte sie, dass sie das nicht als abstoßend empfand. Umso unangenehmer war seine nächste Bemerkung.

„Sie könnten nicht einmal Casanova verführen, wenn er an Ihrem Bettpfosten festgebunden wäre und einen Monat lang keine Frau gesehen hätte“, erklärte er abfällig. „Doch eins steht fest: Sie wissen zu viel über den Inhalt der Aktentasche.“

Er spielte auf die Erwähnung der Hormone an, und Frances wünschte von Herzen, Helena hätte nichts gesagt. Besser noch, Helena hätte aufgepasst, ehe sie auf die Straße trat …

Jordan Parry hielt Frances an den Schultern fest, aber sie versuchte nicht, sich loszumachen. Warum, konnte sie sich selbst nicht erklären. Sie war wie gebannt von der Kraft, die er ausstrahlte. In stummem Kampf sahen beide sich unverwandt an. Hilflos wartete Frances darauf, dass Jordan etwas sagte, irgendetwas, selbst wenn es nur ein unberechtigter Vorwurf war, und so das beklemmende Gefühl in ihrer Brust löste.

Angst gehörte jedoch nicht zu den widersprüchlichen Empfindungen, die sie durchströmten. Sie sah ihr eigenes Spiegelbild in seinen Augen, sah die Entschlossenheit, sich nicht von diesem Mann unterkriegen zu lassen – und sah noch etwas anderes, das sie nicht verstand.

Auch Jordan Parry musste diesen Blick bemerkt haben, denn er lockerte seinen Griff etwas. Für Frances war seine Berührung jetzt wie eine Liebkosung, und unwillkürlich musste sie an ihre Schwester denken.

Sie stellte sich vor, wie Helena und Jordan Parry sich in den Armen lagen, und verspürte einen heftigen Schmerz. Ihre schöne Schwester und dieser umwerfend aussehende Mann … Trotz allem, was seit ihrer Begegnung mit ihm geschehen war, war ihr bewusst, dass er auf Frauen sehr attraktiv wirken musste. Seine Zurückhaltung stellte eine Herausforderung dar. Seine Leidenschaft lag im Verborgenen, das bewies ein nur mühsam gezügelter Zorn. Zorn. Es wäre verlockend zu versuchen, wieweit sie diesen Zorn anstacheln konnte. Rasch verdrängte Frances den Gedanken und konzentrierte sich wieder auf ihre Schwester. Das half, und im nächsten Augenblick machte sie sich ganz steif.

Dieser Mann war Helenas Liebhaber, und doch hatte er nicht die geringste Besorgnis gezeigt, als er hörte, Helena sei im Krankenhaus. Es glaubte ihr zwar nicht, dass sie Helenas Schwester war. Aber schließlich hatte er seine Sekretärin erwartet und musste sich sagen, dass irgendetwas passiert war. Doch er blieb kalt wie ein Fisch. Sie müsste ihn dafür hassen, aber sie tat es nicht.

Frances konnte sich nicht erklären, weshalb sie so empfand – weshalb sie so erleichtert war, dass Jordan Parry offenbar weniger Gefühle für Helena hegte, als diese für ihn. Doch eins verstand sie instinktiv: Jordan Parry war ein ganz besonderer Mann, ein Mann, der ihr sehr gefährlich werden konnte.

2. KAPITEL

Frances ertrug das Schweigen nicht länger. „Sie spielen offenbar darauf an, dass ich die Hormone erwähnt habe“, platzte sie heraus. „Helena hat mir lediglich erzählt, dass die Disketten die Testergebnisse eines neuen Hormonmedikaments enthalten. Mehr weiß ich nicht, das versichere ich Ihnen.“ Sie wandte den Kopf und blickte auf Jordan Parrys Hände, die immer noch auf ihren Schultern lagen. „Und nun lassen Sie mich los. Sonst werde ich nach dem Sicherheitsdienst des Hotels schreien.“

Jordan Parry gab sie frei. Entsetzt stellte Frances fest, dass sie am ganzen Leib zitterte. Wütend sah sie ihn an. Die Atmosphäre zwischen ihnen wurde eisig. Abrupt kehrte er ihr den Rücken zu und ging zur Bar.

Frances war nicht sicher, was sie jetzt machen sollte. Sich abwenden und gehen oder versuchen, ihm mit vernünftigen Argumenten beizukommen? Doch weshalb eigentlich? Schließlich hatte er seine kostbaren Disketten bekommen. Zögernd entschied sie sich für die erste der beiden Alternativen. Sie war noch keine zwei Schritte weit gekommen, als Jordan sie zurückrief.

„Sie gehen nirgendwo hin, ehe Sie mir nicht einige Erklärungen gegeben haben!“

Frances wirbelte herum, aber er hatte sich bereits wieder umgedreht. Im Schein des Kristallleuchters wirkte sein Haar blauschwarz. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften. Männer in Anzügen verwirrten Frances. Sie hatte das Gefühl, dass diese formelle Kleidung ebenso wie ein Bart den wahren Mann dahinter verbarg. Sie fragte sich, was für ein Mensch Helenas Chef wohl sei. Oder hatte sie bereits den echten Jordan Parry kennen gelernt, diesen unhöflichen, arroganten Mann, der erwartete, dass alle nach seiner Pfeife tanzten?

„Ich bin wirklich Helenas Schwester“, sagte Frances ruhig. „Und sie hatte tatsächlich einen Unfall. Sie hat mir gesagt, dass Sie die Disketten unbedingt bis morgen Früh haben müssen und hat mich gebeten, sie Ihnen zu bringen. Offen gestanden wünschte ich, sie hätte es nicht getan. Ich war nämlich nicht darauf vorbereitet, als Lügnerin hingestellt zu werden.“ Sie stockte, weil ihre Stimme plötzlich schwankte. Ihr veränderter Ton war Jordan Parry nicht entgangen, und er drehte sich um.

Um ihre Verlegenheit zu überspielen, schluckte sie und fuhr fort: „Ich habe Ihnen einen großen Gefallen getan, dass ich hierhergekommen bin. Die Welt dreht sich nämlich nicht ausschließlich um die Parry-Pharma-Werke. Dafür, dass ich mir extra Urlaub genommen habe, hätte ich zumindest ein Dankeschön erwartet.“

Darauf wartete Frances vergeblich. Jordan bot ihr lediglich etwas zu trinken an und meinte: „Setzen Sie sich lieber, ehe Sie umfallen. Sie sehen etwas blass aus.“

Wundert Sie das etwa? hätte sie beinahe gefragt. Doch sie schwieg und ließ sich in einen Sessel fallen. Offenbar hatte ihm das Zittern in ihrer Stimme bewusst gemacht, dass man eine Dame nicht so behandelte. Bedrückt betrachtete Frances ihre verschmutzten Jeans und wünschte, sie hätte sich umgezogen, ehe sie in Jordan Parrys Suite ging. Denn sie sah keineswegs wie eine Dame aus, die man respektierte.

„Was möchten Sie trinken?“, wiederholte er.

Frances wandte sich um. „Entschuldigen Sie, ich war ganz in Gedanken. Ich … ich hätte gern eine Schorle.“

„Was ist denn das?“ Seine Miene war argwöhnisch, und sie sah, dass seine Mundwinkel wieder zuckten. War es Ärger oder Ungeduld? Frances war nicht sicher.

„Jedenfalls kein Molotow-Cocktail, falls Sie das denken“, fauchte sie. Gleich darauf bereute sie ihren scharfen Ton. Jordan Parry schaute sie verblüfft an, und Frances seufzte. „Es tut mir leid. Aber schließlich wird man nicht jeden Tag der Industriespionage verdächtigt. Eine Schorle ist Weißwein mit Mineralwasser. Ich trinke französischen Wein so am liebsten.“

„Mögen Sie etwa keinen französischen Wein?“

Frances wurde verlegen. Ihre Freimütigkeit hatte sie bereits mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht. Auf keinen Fall wollte sie sich jetzt in eine Diskussion über ihre Vorliebe bei Wein verwickeln lassen. Warum habe ich nicht einfach Orangensaft verlangt? überlegte sie verdrossen.

„Ich glaube, ich bin zu jung, um ihn richtig zu würdigen. Wie guter Wein entwickelt sich auch der Geschmack dafür erst mit zunehmendem Alter. Ich bin einfach noch nicht so weit.“

Jordan Parry zog eine Augenbraue hoch. „Vielleicht möchten Sie lieber einen leichten Rheinwein aus Deutschland. Der ist geeigneter für einen ungeübten Gaumen.“

Frances war sich nicht sicher, ob er sie verspottete oder nicht. „Ja, bitte“, antwortete sie schließlich. „Den würde ich gern versuchen.“

„Pur?“

Jetzt stand es für Frances fest, dass er sich über sie lustig machte. Sie nickte und schaute mit zusammengepressten Lippen zu, wie er zwei Gläser füllte – Weißwein für sie und Whisky für sich. Er schien sie tatsächlich für etwas dumm zu halten. Nun, sie dachte nicht daran, die Beleidigung einfach zu übergehen.

Frances nahm das Glas, das Jordan ihr reichte, und wartete, bis er sich ihr gegenübergesetzt hatte. „Vielleicht bin ich noch nicht reif genug, um einen Geschmack für Weine entwickelt zu haben. Aber ich bin nicht dumm. Jedenfalls kann ich Mosel- von Rheinwein unterscheiden.“ Sie stellte das unberührte Glas ab und wollte aufstehen.

Zu ihrer Überraschung entschuldigte er sich sofort. „Das tut mir leid. Ich habe aus Versehen die falsche Flasche geöffnet. Um ehrlich zu sein, war ich mit den Gedanken woanders.“

„Schon gut.“ Frances wünschte, sie hätte nicht davon angefangen, denn sie merkte, dass Jordan Parry die Wahrheit sagte. Er schien wirklich weit weg zu sein. „Ich trinke auch gern Mosel“, fügte sie hastig hinzu. „Es ist nur, weil ich dachte … Schon gut.“ Eigentlich hatte sie sagen wollen, dass sie geglaubt hatte, er verspotte sie, aber damit würde sie vermutlich alles noch schlimmer machen.

Jordan Parry hatte sich wieder gesetzt. „Sie sind offenbar Weinexpertin.“ Zum ersten Mal lächelte er, und sie stellte fest, dass er weiße und sehr ebenmäßige Zähne hatte.

Frances schüttelte den Kopf. „Überhaupt nicht. Aber ich arbeite abends in einer Weinbar und weiß, aus was für einer Flasche Rheinwein ausgeschenkt wird.“

Als sie ihn lachen hörte, verspürte sie ein Ziehen in der Magengegend. Wenn er lächelte oder lachte, war er unglaublich attraktiv. Helena konnte wirklich von Glück reden. Frances trank einen Schluck Wein. Von wegen glückliche Helena, dachte sie im nächsten Moment. Jordan Parry ist bei der Arbeit sicher der reinste Sklaventreiber. Aber zweifellos wird Helena während ihrer zahlreichen Überstunden dafür entschädigt.

Bei dem Gedanken wurde Frances ganz warm. Sie schlug rasch die Augen nieder, weil sie befürchtete, Jordan Parry könnte darin lesen, was sie dachte.

„Ich hatte bisher keine Ahnung, dass Helena eine Schwester hat. Aber wenn ich Sie mir genauer ansehe, entdecke ich tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit der Augen – nicht in der Farbe, sondern in der Form. Helenas sind hellbraun und Ihre grün, aber sowohl Ihre als auch Helenas Augen haben eine wunderschöne Mandelform.“

Frances, die nicht an Komplimente gewöhnt war, wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Dann wurde ihr bewusst, dass die Schmeichelei nicht ihr, sondern ihrer schönen Schwester galt. Sie lächelte.

„Helena und ich sind uns weder äußerlich noch vom Wesen her ähnlich. Vermutlich liegt das am Altersunterschied. Sie ist vierzehn Jahre älter als ich. Als sie von zu Hause wegging, war ich erst drei. Eigentlich kenne ich sie kaum. Jetzt wohne ich seit einem halben Jahr bei ihr und bin ihr immer noch nicht viel näher gekommen. Aus irgendeinem Grund scheine ich sie zu reizen“, gestand sie. Frances staunte über sich selbst. Sie redete ja mit ihm, als sei er ihr Hausarzt, von dem sie sich ein Rezept erhoffte, wie sie besser mit ihrer Schwester auskommen würde.

„Warum wohnen Sie dann bei ihr?“, wollte Jordan wissen.

Er wusste also nicht Bescheid. Im Grunde überraschte Frances das nicht. Helena war von Natur aus zurückhaltend. Und das galt offenbar auch für ihre Beziehungen. Sie hatte zwar eine Affäre mit diesem Mann, aber das hieß nicht, dass sie ihn an sich heranließ. Anscheinend hatte Helena ihm nicht erzählt, dass ihr Vater gestorben war und sie ihre jüngere Schwester zu sich genommen hatte, weil diese sonst auf der Straße gestanden hätte.

„Nach Vaters Tod wusste ich nicht wohin“, erklärte sie leise. „Das Haus, in dem wir wohnten, war nur gemietet. Ich habe die letzten zwei Jahre nichts verdient, weil ich ihn gepflegt habe, und konnte deshalb die Miete nicht mehr bezahlen. Außerdem wollte der Besitzer das Haus sowieso verkaufen. Helena hat mir dann vorgeschlagen, dass ich nach London komme und so lange bei ihr wohne, bis ich etwas Passendes gefunden habe.“

Das war vermutlich die erste Lüge, die Frances in ihrem Leben bewusst ausgesprochen hatte. Helena hatte sie keineswegs zu sich eingeladen, sondern Frances hatte sie gebeten, sie aufzunehmen, weil sie nicht wusste wohin.

James Cain war kein einfacher Patient gewesen und hatte für alles seine jüngere Tochter zum Sündenbock gemacht. Als er starb, war Frances zwar traurig, aber in gewisser Weise auch erleichtert. Zwei Jahre lang hatte sie ihn ohne jegliche Unterstützung durch ihre Schwester gepflegt. Wie Helena mehr als einmal gesagt hatte, führte sie ein eigenes Leben, in dem kein Platz für einen kranken Vater war.

Wegen der Selbstsucht ihrer Schwester hatte Frances ihr Studium abgebrochen und damit jede Aussicht auf einen eigenen Beruf aufgegeben. Aber sie war nicht verbittert. Helena besaß eine elegante Eigentumswohnung im Regency-Stil, hatte viel Geld und ging ganz in ihrem Beruf auf. Doch glücklich war sie dabei nicht geworden. Sie war immer noch die verschlossene, unzufriedene Frau, an die sich Frances von den wenigen Pflichtbesuchen im Elternhaus in Sussex erinnerte. Beim Begräbnis ihrer Mutter hatte Helena nicht einmal geweint.

„Sie ist eifersüchtig“, hatte ihr Vater gesagt, als Frances zu fragen wagte, warum Helena so geworden war. Vierzehn Jahre lang war sie das verwöhnte Einzelkind gewesen, und dann war Frances als Nachkömmling zur Welt gekommen. Die Teenagerzeit war im Leben eines jeden Mädchens kritisch, und Helena hatte es nicht verkraftet, dass sie die Liebe ihrer Eltern jetzt mit einem Baby teilen musste. Drei Jahre hatte sie es ausgehalten, dann war sie von zu Hause fortgegangen, um Karriere zu machen.

Frances hatte alles versucht, um Helenas Zuneigung zu gewinnen, aber wenig Erfolg damit gehabt. Sie verstand, was in ihrer Schwester vorging. Doch es war die Schuld der Eltern gewesen, dass sie ihre ältere Tochter so vernachlässigt hatten. „Arbeiten Sie tagsüber auch, oder haben Sie nur den Job in der Weinbar?“

Jordan Parrys Worte holten Frances abrupt in die Gegenwart zurück. Auf einmal hatte sie das Bedürfnis, ihre Schwester zu beschützen. Trotz ihrer Fehler empfand Helena etwas für diesen Mann. Ihm dagegen schien sie völlig gleichgültig zu sein.

„Anstatt sich dafür zu interessieren, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene, sollten Sie vielleicht lieber fragen, wie es meiner Schwester geht“, sagte sie kühl.

Jordan Parry sah sie überrascht an. Er war offensichtlich nicht daran gewöhnt, dass jemand so mit ihm redete.

„Sie sagten, Helena sei im Krankenhaus, und dort wird sie sicher bestens betreut. Oder sollte ich mir Sorgen machen?“, fragte er eisig.

Seine Kaltherzigkeit schockierte und ärgerte Frances. „Ich dachte nur, dass Helenas Einsatz für die Parry-Pharma-Werke zumindest so viel wert ist, dass Sie sich nach ihr erkundigen. Aber nachdem ich jetzt eine Weile mit Ihnen zusammen gewesen bin, ist mir klar geworden, dass Ihnen jede menschliche Regung fremd ist.“ Frances sprang auf. Beim Gedanken, dass Helena diesen schrecklichen Mann liebte, war ihr ganz schlecht. „Sie haben jetzt Ihre fünf Disketten, Mr. Parry. Und ich hoffe, dass Sie sechs miteinander glücklich werden!“

Sie wollte aufstehen und das Zimmer verlassen, aber ihre Beine waren zwischen ihrem Sessel und dem Couchtisch gefangen, den Jordan Parry unmerklich auf sie zugeschoben hatte.

„Lassen Sie mich raus!“, rief sie. „Sie benehmen sich wirklich kindisch.“

„Setzen Sie sich“, erwiderte er unbeirrt. „Ich habe Sie noch nicht entlassen.“

„Entlassen?“ Frances traute ihren Ohren nicht. „Wofür halten Sie sich eigentlich?“ Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen den Glastisch und nahm befriedigt zur Kenntnis, dass er schmerzlich das Gesicht verzog, als die Kante gegen sein Schienbein stieß.

„Sie sind niederträchtig!“, schimpfte Jordan und rieb sich die Stelle.

„Wenn Sie so gefühllos auf den Unfall meiner Schwester reagieren, verdienen Sie nichts anderes. Ich wüsste zu gern, was sie an Ihnen findet“, erwiderte Frances mit blitzenden Augen.

Er stand auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Schauen Sie, es tut mir ja leid, dass Helena etwas zugestoßen ist. Aber ich versuche, realistisch zu bleiben. Im Moment geht es mir nämlich vorwiegend um meine Firma und die Arbeitsplätze von zweitausend Angestellten …“

„Ich sehe aber nicht ein, was das mit banalen Fragen über meine Tätigkeit zu tun hat“, unterbrach sie empört.

„Nein? Das ist doch ganz einfach. Dadurch, dass Helena ausgefallen ist, stehe ich jetzt ohne Sekretärin da“, antwortete Jordan verdrossen. „Ich habe mich deshalb nach Ihrem Beruf erkundigt, weil ich jemanden mit Steno- und Schreibmaschinenkenntnissen zur Unterstützung brauche. Sie können nicht zufällig mit einem Computer umgehen?“

Frances schüttelte benommen den Kopf. „Sie meinen … Sie meinen, ich soll Helenas Platz einnehmen?“

„Das wäre wohl zu viel verlangt“, antwortete er kurz. „Niemand kann Helena ersetzten, aber …“

„Damit haben Sie allerdings Recht!“, rief Frances spontan. „Sie müssen den Verstand verloren haben, Mr. Parry! Selbst wenn ich ausgebildete Sekretärin wäre, würde ich Ihnen nicht helfen. Sie sind unerträglich, wissen Sie das? Meine Schwester liegt verletzt im Krankenhaus und ist ganz krank vor Sorge um Sie. Und Sie haben nicht einmal ein freundliches Wort für sie übrig. Helena ist vor ein Motorrad gelaufen, weil sie die ganze Nacht durchgearbeitet hatte, um Ihre blöden Disketten fertig zu stellen. Sie … Sie Widerling!“

Frances stürzte aus der Suite, und diesmal hielt Jordan Parry sie nicht zurück. In ihrem Zimmer ging sie sofort ins Bad und befeuchtete sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Dieser Mann hatte sie so wütend gemacht, dass sie ihn am liebsten geschlagen hätte. Wie war es möglich, dass jemand mit einem so attraktiven Äußeren so ekelhaft sein konnte?

Als Frances aus dem Bad kam, stand Jordan Parry am Fenster und studierte die Straßenszene, die sie vorhin skizziert hatte. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Obwohl er sie gehört haben musste, wandte er sich nicht um.

Er hatte den obersten Hemdknopf geöffnet und die Krawatte gelockert. Eine Strähne seines vorhin noch so sorgfältig frisierten Haares hing ihm in die Stirn. Sein Gesicht sah anders aus, irgendwie weicher. Es schien, als sei ihm die Lust zu streiten vergangen.

Frances’ erster Impuls war es, Jordan Parry den Skizzenblock wegzureißen und ihn aus dem Zimmer zu weisen, aber das wäre kindisch. Und im Moment fühlte sie sich alles andere als kindisch. Sie spürte ein eigenartiges Kribbeln am Rückgrat. Die Atmosphäre im Zimmer schien plötzlich zu knistern.

Paris, dieses Hotel, dieses Zimmer, dieser Mann. Frances biss sich auf die Lippen. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Doch weiblicher Instinkt sagte ihr, was es war. Was hier in der Luft hing, war sexuelle Spannung. Gegenüber diesem erfahrenen, einflussreichen Mann war sie noch gar keine richtige Frau. Denn ihr fehlte auf diesem Gebiet jede Erfahrung.

Jordan Parry wandte sich zu ihr um und schwieg einen Augenblick. Als er sprach, klang seine Stimme belegt. „Sie geben mir das Gefühl, lebendig zu sein“, sagte er langsam.

Frances senkte den Kopf. Sie hatte in seinen Augen eine Verletzlichkeit entdeckt, die sie bei einem Mann mit dem Image, das er nach außen hin zur Schau stellte, nie für möglich gehalten hätte. Mehr wollte sie nicht sehen. Sie ging zum Frisiertisch und tat so, als würde sie die Lampe geraderücken.

„Liegt das daran, dass ich Sie anschreie und mir nichts von Ihnen gefallen lasse?“, fragte sie leise.

„Möglicherweise.“

„Daran sind Sie nicht gewöhnt, nicht wahr? Normalerweise verlangen Sie Respekt und Unterordnung.“

„Ich verlange es nicht, sondern es wird meiner Position entgegengebracht.“

„Soll ich jetzt Mitleid mit Ihnen haben?“ Frances streckte das Kinn vor. Nein, Mitleid war es nicht, was er suchte. Etwas anderes sah sie in seinen Augen – Verlangen. Gefährliches Verlangen. Im nächsten Moment war dieser Ausdruck wieder hinter einer verbindlichen Maske verschwunden.

„Beenden wir diese Unterhaltung, ehe sie außer Kontrolle gerät“, meinte er kühl und warf ihren Skizzenblock aufs Bett. „Ich habe es vorhin ernst gemeint, als ich sagte, dass ich Ihre Hilfe brauche. Wenn Sie sich das Gesicht waschen und etwas mit Ihrem Haar unternehmen“, – ohne zu fragen, zog er das rosa Band heraus – „könnten Sie ganz manierlich aussehen.“ Frances ließ sich durch diese Beleidigung nicht zu einer hitzigen Erwiderung hinreißen. Sie hatte längst gemerkt, dass es ihm Spaß machte, sie zu provozieren, und dachte nicht daran, ihm in die Hände zu spielen.

„Ich kann nichts für Sie tun, Mr. Parry“, antwortete sie gelassen. „Ich bin weder eine Sekretärin noch ein Punchingball. Sie müssen Ihren Frust also woanders abreagieren. Ich habe Ihnen die Informationen gebracht, die Sie für die Konferenz morgen brauchen“, sie hielt seinen Blick fest, „zu weiteren Dienstleistungen bin ich nicht bereit.“

Frances wandte sich um und nahm ihren Skizzenblock und die Handtasche vom Bett. Ihre Reisetasche stand noch am gleichen Fleck, wo sie sie fallen gelassen hatte. Sie hatte nicht einmal ausgepackt und konnte deshalb sofort aufbrechen. Ihre Mission war erfüllt.

„Was machen Sie da?“, fragte er leise.

„Ich gehe. Sie haben Ihre Disketten, und nun verabschiede ich mich.“ Ihr Ton war gleichgültig, als sei es ihr unwichtig, ob sie ihn jemals wieder sah. Doch sie wusste, dass es nicht so war. Jordan Parry brachte sie in Rage und beleidigte sie, aber er erregte sie auch. Was geht nur mit mir vor? fragte sie sich bestürzt.

„Um diese Zeit geht kein Flug mehr nach London.“

„Wer redet denn vom Fliegen?“, entgegnete Frances und hob ihre Tasche hoch. „Ich verlasse das Clermont, nicht Paris. Ich werde schon ein anderes Hotel finden.“ Sie hoffte, wie eine unabhängige, reiseerfahrene Frau zu klingen, obwohl ihr nicht wohl war bei dem Gedanken, im Dunkeln durch die nassen Straßen zu laufen und eine Unterkunft zu suchen, die sie bezahlen konnte.

„Wie weit, glauben Sie, werden Sie ohne Geld kommen?“

Frances stellte ihre Tasche wieder ab und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich bin keineswegs mittellos, Mr. Parry“, erklärte sie trotzig. Schließlich hatte sie eine Kreditkarte und etwas Bargeld. Das würde reichen.

„Und Ihr Ticket für den Rückflug?“, fragte Jordan.

Die Art der Befragung, die eher an ein Kreuzverhör erinnerte, ließ Frances mutmaßen, dass es ihm nicht um ihr Wohlergehen, sondern um das Spesenkonto seiner Firma ging. Sie lächelte schwach. „Ja, ich habe ein Rückflugticket. Ehe Sie weiterreden, sollten Sie wissen, dass nicht die Parry-Pharma-Werke, sondern Helena mit ihrer American-Express-Karte dafür bezahlt hat. Falls Sie also daran denken, meine Flugkarte zu beschlagnahmen, sollten Sie das lieber ganz schnell wieder vergessen.“ Meine Güte, dachte sie, was sage ich da? Das klingt ja, als würde ich erwarten, dass er mich hier festhalten will.

„Dann haben Sie also vor, morgen nach London zurückzufliegen?“ In seiner Stimme lag ein Unterton, der ihr verriet, dass ihr Argwohn keineswegs unbegründet war. Jordan Parry klang verdächtig selbstzufrieden und siegesgewiss. Er lehnte mit verschränkten Beinen an der Frisierkommode. Im Schein der Lampe bemerkte Frances einen burgunderroten Faden in seinem Nadelstreifenanzug. Seltsam, dass ihr das ausgerechnet jetzt auffiel.

„Morgen Nachmittag“, bestätigte sie.

„Sie haben einen Pass?“, erkundigte er sich kühl.

Frances seufzte. Dieser Mann stellte wirklich absurde Fragen. Wieder bückte sie sich und griff nach ihrem Gepäck. „Glauben Sie, ich wäre sonst hier?“ Im nächsten Moment stöhnte sie laut auf. Jetzt war ihr alles klar. „Mein Pass, mein Ticket und mein Geld – alles ist in Helenas Aktentasche.“

Sie hatte ganz vergessen, dass sie ihre Brieftasche in die Ledermappe gesteckt hatte. Helena hatte ihr eingeschärft, die Mappe mit den Dokumenten nicht aus der Hand zu geben, und deshalb war es Frances als die vernünftigste Lösung erschienen, ihre eigenen Wertsachen ebenfalls darin zu verwahren. Nun befanden sie sich an einem noch sichereren Ort – in Jordan Parrys verschlossener Schreibtischschublade.

„Sie werden mir die Dokumente doch wiedergeben?“, fragte Frances kleinlaut.

„Ich denke nicht daran“, antwortete Jordan Parry ungerührt.

„Aber warum denn?“ Frances betrachtete ihn irritiert. War sein Vorschlag, sie solle ihm bei der Konferenz helfen, etwa ernst gemeint gewesen?

Offenbar schien er ihre Frage keiner Antwort für würdig zu halten, denn er schaute sie schweigend an. Der Ausdruck in seinen grauen Augen war nicht zu deuten.

Frances machte eine wegwerfende Geste. „Im Grunde ist das kein Problem. Ich werde einfach zum britischen Konsul gehen und dort angeben, dass mein Pass und mein Flugticket gestohlen worden sind. Dort wird man kurzen Prozess mit Ihnen machen.“

„Zum Konsulat ist es aber ganz schön weit. Außerdem regnet es in Strömen.“

„Dann fahre ich eben mit der Metro. Ich habe eine Zehnerkarte …“ Hatte eine Zehnerkarte, verbesserte sie sich. Alles, was sie bei sich hatte, befand sich in der Aktentasche. Sie besaß nicht einmal einen Franc.

Jordan Parry kam langsam näher. Noch eine Sekunde, dachte Frances, dann ist er so nahe, dass ich ihm eine Ohrfeige versetzen könnte. Sie ballte die Hände zu Fäusten. So sehr sie die Aussicht darauf reizte, sie konnte es nicht tun. Durfte es nicht tun, denn auch eine Ohrfeige bedeutete körperlichen Kontakt, und den musste sie auf alle Fälle vermeiden.

„Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte sie mühsam.

Jordan Parry lächelte ironisch. „Ich beabsichtige, Sie für ein oder zwei Wochen einzustellen.“ Er streckte die Hand aus und drehte eine blonde Haarsträhne zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Frances zuckte zurück. „Zähmen Sie Ihre Mähne. Haben Sie Abendkleidung bei sich? Wenn nicht, macht es auch nichts. Irgendwo wird sich schon etwas Passendes auftreiben lassen. Ich brauche Sie während des Symposiums. Es wird Ihnen also nichts übrig bleiben, als meine Bedingungen anzunehmen.“

„Bedingungen?“, wiederholte Frances.

„Ich werde Sie für Ihre Arbeit bezahlen – großzügig bezahlen. Außerdem geht Ihre Hotelrechnung im Clermont selbstverständlich zu meinen Lasten. Sie werden ausreichend Freizeit haben, um Ihrem Hobby nachzugehen.“ Er deutete auf ihren Skizzenblock. „Wenn ich Ihre Dienste nicht mehr benötige, werde ich Ihnen Ihren Pass zurückgeben und dafür sorgen, dass Sie wohlbehalten nach Hause zurückkehren.“

Frances spürte die Kante des Frisiertisches an ihren Oberschenkeln. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie Schritt für Schritt vor Jordan Parry zurückgewichen war und jetzt buchstäblich in der Falle saß. „Ich … ich werde ganz nutzlos für Sie sein, Mr. Parry“, stotterte sie. „Weder kann ich tippen noch stenografieren …“

„Sie können sogar sehr viel für mich tun, Frances Cain“, widersprach er. Er war ihr so nahe, dass sie seine Körperwärme spüren und den Duft seines Rasierwassers riechen konnte. Gleich wird er mich küssen, dachte sie. Die Vorstellung jagte ihr Angst ein, weil sie wusste, dass sie dann verloren sein würde. Doch er trat zurück, und zu ihrem Schrecken fühlte sie sich allein gelassen. „Ehe wir unsere Abmachung besiegeln, möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen“, fuhr Jordan fort. Frances schwirrte der Kopf. Was hatte er da eben gesagt?

„Wie meinen Sie das?“, fragte sie und setzte sich auf den Hocker vor der Kommode, weil sie wieder diese Schwäche in den Beinen fühlte. War es möglich, dass sich die eine Stunde Zeitverschiebung zwischen London und Paris bemerkbar machte? Oder weshalb schien sich sonst alles um sie zu drehen?

„Es tut mir leid, dass ich den Eindruck erweckt habe, kalt und gefühllos zu sein.“ Seine Stimme klang ungewohnt weich. „Helenas Wohlergehen bedeutet mir sehr viel. Aber ich kenne sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie mit allem fertig wird. Sie ist mir während der vergangenen aufreibenden Monate eine große Stütze gewesen. Und ich bin ihr sehr dankbar für alles, was sie für die Parry-Pharma-Werke getan hat.“

Er machte eine Pause, ehe er weitersprach. „Ich weiß nicht, ob sie Ihnen erzählt hat, dass wir versuchen, eine Konkurrenzfirma zu übernehmen. Das bedeutet nicht nur viel Arbeit, sondern auch eine große seelische Belastung. Offenbar stehe ich unter größerem Stress, als ich gedacht habe. Es tut mir leid, wenn ich unfreundlich zu Ihnen war. Ich hatte Helena und nicht Sie erwartet. Plötzlich ein blondes, langbeiniges Mädchen in Jeans und einem viel zu großen Pullover in meiner Suite vorzufinden, das sich als die Schwester meiner Sekretärin ausgibt, war ein ziemlicher Schock für mich.“

„Helena ist wirklich meine Schwester“, protestierte Frances. „Außerdem bin ich kein Mädchen mehr, sondern zweiundzwanzig.“

Jordan Parry schmunzelte. „Dann benehmen Sie sich auch so, und hören Sie mich zu Ende an.“ Frances biss sich auf die Lippen. „Danke, dass Sie mir die Aktentasche gebracht haben“, fuhr Jordan fort. „Der Inhalt ist ungeheuer wichtig für mich. Ich bin im Begriff, ein neues Medikament auf den Markt zu bringen, das unsere Verhandlungsposition gegenüber Unimet entscheidend stärken wird. Und ich bin sicher, dass Sie mir sehr nützlich sein können.“

Frances schüttelte niedergeschlagen den Kopf. „Ich wüsste nicht wie.“ Langsam ging sie zum Fenster, wo Jordan stand. „Dass ich keine Sekretärin bin, habe ich Ihnen doch schon gesagt.“ Sie stellte sich neben ihn und blickte hinunter auf die Straße, auf der nur noch vereinzelte Fußgänger zu sehen waren. Der Regen hatte fast aufgehört. „Ich bin nicht Helena“, fügte sie leise hinzu.

„Nein, Sie sind nicht Helena“, bestätigte er.

„Sie sind es nicht gewöhnt, sich zu entschuldigen, nicht wahr?“

„Das brauche ich normalerweise auch nicht.“

„Sie waren sehr grob zu mir“, hielt sie ihm vor.

„Ich weiß. Mein Verhalten war völlig ungerechtfertigt.“ Er stockte. „Werden Sie trotzdem bleiben und mir helfen?“

Was für ein eigenartiger Mann, dachte Frances. Eine Minute ein Ungeheuer, die nächste der Charme in Person. Kein Wunder, dass Helena ihm erlegen ist. Aber Jordan Parry und sie, Frances, waren sich darin einig, dass sie keine Helena war. Und sie dachte nicht daran, ihm in die Arme zu sinken und nach seiner Pfeife zu tanzen, so verlockend das auch sein mochte. Bei einem Mann wie ihm musste sie fest bleiben.

„Ich arbeite tagsüber in einer Galerie und abends in einer Weinbar“, entgegnete sie. „Mit dem Verkauf von Medikamenten hat weder das eine noch das andere etwas zu tun.“

Jordan schaute sie an und lächelte. „Für mich klingt das wie die perfekte Lösung.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Frances verwirrt.

„Sie sind schön, Sie sprechen fließend Französisch, Sie kennen sich mit Kunst und mit Wein aus …“

„Dafür habe ich nicht die geringste Ahnung von der Pharmabranche im Allgemeinen und Ihrer Firma im Besonderen“, unterbrach sie ihn, ohne auf seine Komplimente einzugehen.

„Das ist auch nicht nötig. Ich möchte Sie nicht als Handelsvertreterin einstellen, sondern als meine Gastgeberin.“

Frances sah ihn fassungslos an. „Gastgeberin! Würden Sie mir wohl verraten, was alles zu dieser Rolle gehört? Netzstrümpfe und eine Peitsche?“

Zu ihrer Überraschung grinste er jungenhaft. „Das klingt zwar interessant, aber ich hatte etwas anderes im Sinn. Symposien wie dieses bestehen nicht nur aus Vorträgen und medizinischen Fachgesprächen. Auch der gesellschaftliche Teil spielt eine große Rolle. Während man die Kunden, hauptsächlich namhafte Fachärzte, mit erlesenen Speisen und Getränken bewirtet, hat man Gelegenheit, sie davon zu überzeugen, dass sie ohne die Produkte der Parry-Pharma-Werke nicht halb so erfolgreich praktizieren können.“

„Ich verstehe immer noch nicht, welche Rolle ich dabei spielen soll“, sagte Frances.

„Ich brauche eine attraktive Frau an meiner Seite, die nach den anstrengenden Vorträgen für eine heitere Note sorgt. Die meisten Teilnehmer des Symposiums werden ihre Frauen mitbringen. An den Abenden finden dann Cocktailpartys und Diners statt. Ich brauche jemanden …“

„Der die Tabletts mit den belegten Brötchen herumreicht“, beendete Frances den Satz für ihn.

Wieder spielte dieses rätselhafte Lächeln um seinen Mund. „So etwas Ähnliches“, stimmte Jordan zu.

Ein Polizeiwagen mit heulender Sirene raste über den Boulevard. Frances war froh über die Ablenkung, weil sie Zeit brauchte, ihre Gedanken zu ordnen. Jordan Parry hatte versucht, ihre Aufgabe im Kreis namhafter Mediziner als etwas ganz Besonderes hinzustellen, doch im Grunde suchte er nur jemanden, der Vorspeisen anbot und Getränke nachschenkte – eine bessere Kellnerin.

Ist er wirklich dazu im Stande, mir mein Geld und meinen Pass vorzuenthalten? überlegte sie, während sie abwesend zuschaute, wie mehrere Polizisten aus dem Wagen ausstiegen und in ein Restaurant auf der anderen Straßenseite liefen. Im Grunde handelte es sich um schlichte Erpressung. Andererseits war sein Angebot, ihr für einige Tage den Aufenthalt in Paris zu finanzieren, sehr verlockend. Wäre er der ältliche, kahlköpfige Unternehmer gewesen, als den sie ihn sich vorgestellt hatte, hätte sie bestimmt zugesagt. Aber das war er nun einmal nicht. Der Mann, der neben ihr stand, war viel zu attraktiv, und das konnte ihr gefährlich werden.

Im nächsten Moment musste sie über ihre eigene Naivität lächeln. Bestimmt war sie für ihn nur als Mitarbeiterin interessant. Schließlich hatte er Helena. Und obwohl sie nicht unter Minderwertigkeitskomplexen litt, war Frances vernünftig genug zuzugeben, dass eine Frau wie Helena viel besser zu ihm passte.

„Ich werde über Ihr Angebot nachdenken, Mr. Parry“, erklärte sie, nachdem die Polizisten wieder aus dem Restaurant herausgekommen waren, in ihrer Mitte einen wild gestikulierenden Koch, der sichtlich zu tief ins Glas geschaut hatte. „Werden Sie mir meine Papiere zurückgeben, wenn ich ablehne?“

Er machte einen Schritt auf sie zu. „Wie ich Ihnen bereits sagte, denke ich nicht daran.“ In seinen Augen tanzten winzige Funken.

Vor Verblüffung über seinen Gesichtsausdruck öffnete Frances leicht die Lippen. Jordan legte ihr den Finger unters Kinn und hob es hoch. Ehe sie seine Absicht erraten konnte, küsste er sie. Frances hielt den Atem an, als er den Arm um ihre Taille legte und sie an sich zog, nicht heftig, sondern ganz sanft. Der Druck seiner Lippen auf ihren und der Duft seines Rasierwassers ließen sie schwindlig werden. Als er sich schließlich von ihr löste, musste sie sich festhalten, weil sie befürchtete, das Gleichgewicht zu verlieren.

„Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten“, sagte er leise.

„Wofür denn?“, fragte Frances benommen.

Er lachte leise. „Sie sind geradezu erfrischend altmodisch. Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten, sich fürs Abendessen zurechtzumachen. Sie haben doch etwas anderes zum Anziehen mitgebracht?“

Frances nickte wie betäubt.

„Gut. Dann treffen wir uns in zwanzig Minuten am Empfang.“

Erst als er die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, löste sich ihre Erstarrung. Dann ging sie langsam ins Bad und legte die Finger auf ihre heißen Lippen. Sie hatte Jordan Parry für einen gefühllosen Eisblock gehalten. Aber eben hatte er sie geküsst, wie sie noch nie geküsst worden war. Nicht Leidenschaft oder Verlangen hatten in seinem Kuss gelegen, sondern zärtliche Wärme, als wolle er sie nicht erschrecken. Trotzdem hatte Frances Angst – Angst vor ihm, vor Helena, vor sich selbst. Ein Mann, der so küssen konnte …

3. KAPITEL

Ist ein Abendessen mit Jordan Parry nicht ein Spiel mit dem Feuer? fragte sich Frances, während sie ihr glänzendes Haar bürstete. Der Gedanke an Helena verscheuchte die Vorstellung. Für ihre schöne, erfahrene Schwester war sie keine Konkurrenz. Und was Jordan Parry anging, waren der Kuss und die Einladung zum Abendessen bestimmt Teil seiner Entschuldigung. Er hatte sie abscheulich behandelt und wollte das nun wieder gutmachen. Die eigenartige sexuelle Spannung, die sie vorhin gespürt hatte, war bestimmt zurückzuführen auf ihre überhitzte Phantasie.

Macht nichts, dachte Frances. Tagträume sind schließlich nicht verboten. Sie würde sich einfach vorstellen, dass Jordan sie eingeladen hatte, weil er gern mit ihr zusammen sein wollte. Er hatte zugegeben, dass sie ihm das Gefühl gab, lebendig zu sein. Vielleicht erwartete er einen amüsanten Schlagabtausch mit einer Frau, die ihn nicht für ein solches Ideal hielt wie Helena.

Frances war froh, dass sie ihr einziges schickes Kleid eingepackt hatte – ein schlichtes schwarzes Wollkleid. Helena war sehr überrascht gewesen, als sie es ihr gezeigt hatte.

„Das ist wohl kaum dein Stil“, war der Kommentar ihrer Schwester gewesen.

„Kein Wunder“, hatte Frances sarkastisch geantwortet. „Schließlich hatte ich bisher kaum Gelegenheit, meinen persönlichen Stil zu finden.“

Nach diesem Wortwechsel war Helena beleidigt gewesen. Frances bedauerte ihre heftige Reaktion, aber manchmal konnte sie einfach nicht anders. Ganz gleich, was sie tat oder sagte, Helena fand immer etwas zu kritisieren.

Während sie sich jetzt vor dem Spiegel im Clermont hin und her drehte, fragte sie sich, was ihre Schwester wohl jetzt sagen würde. Ihr blondes, langes Haar schmiegte sich um das ovale Gesicht. Die nur mit einem pfirsichfarbenen Glanzstift geschminkten Lippen bildeten einen reizvollen Kontrast zu den meergrünen, von fast schwarzen Wimpern umrahmten Augen. Goldblondes Haar und dunkle Wimpern – ein Scherz der Natur, über den Frances sich manchmal ärgerte, weil die Leute annahmen, dass entweder das eine oder das andere gefärbt war. Jordan Parry hatte gesagt, ihre Augen seien faszinierend. Bei der Erinnerung an seine Worte klopfte ihr Herz schneller.

Jetzt fehlten nur noch die Perlenstecker in den Ohren, dann war sie fertig. Das eng anliegende schwarze Kleid sah tatsächlich ungewohnt an ihr aus, und die neuen, hochhackigen Lackschuhe waren entsetzlich unbequem, dafür ließen sie ihre Beine aber endlos lang erscheinen. Im Großen und Ganzen war Frances mit ihrer Erscheinung zufrieden.

Jordan Parry war nirgends in der Hotelhalle zu sehen. Frances fragte sich, ob er es sich anders überlegt oder sie vielleicht sogar vergessen hatte. Sie setzte sich auf die burgunderrote Couch und wartete.

Bei dem Gedanken, dass sie noch vor einem halben Jahr vor den bewundernden Blicken der anderen Gäste geflohen wäre, musste sie lächeln. Ehe sie in der Galerie und vor allem in der Weinbar mit dem Großstadtleben in Berührung gekommen war, war sie eine richtige Landpomeranze gewesen. Aber London hatte ihr die Schüchternheit und Unsicherheit sehr schnell ausgetrieben. Sie war zwar noch lange nicht so selbstbewusst wie ihre Schwester, doch anerkennende Blicke von Männern schreckten sie nicht mehr. In der Weinbar hatte sie gelernt, die Versuche der Gäste, sich mit ihr zu verabreden, mit einem Lächeln und einem Scherz abzuwehren, den niemand übel nahm.

Trotzdem wurde Frances allmählich nervös. Jetzt waren schon fünfundzwanzig Minuten vergangen, seit … Und dann sah sie ihn, als sich die Lifttüren öffneten. Jordan Parry wartete höflich, bis eine ältere Dame ausgestiegen war. Die Frau dankte ihm lächelnd und schien den Blick gar nicht wieder von ihm wenden zu wollen. Frances konnte es ihr nicht verdenken. Im dunklen Abendanzug sah er umwerfend aus. Ein schwarzer Mantel, offenbar aus Kaschmir, hing ihm wie ein Cape um die Schultern. Wie ein Graf aus einem Vampirfilm, dachte Frances.

Sie war froh, dass sie das schwarze Kleid und die eleganten Schuhe trug. An Jordan Parrys Seite gesehen zu werden, war selbst eine schmerzhafte Blase an den Füßen wert. Jetzt hatte er sie offenbar entdeckt, denn er steuerte auf sie zu – und war im nächsten Moment an ihr vorbeigegangen. Wahrscheinlich hatte er sie ohne Brille nicht erkannt.

Rasch stand Frances auf, lief ihm nach und zupfte ihn am Ärmel. „Mr. Parry!“, flüsterte sie. „Mr. Parry! Wissen Sie nicht mehr, wer ich bin?“

Er blieb stehen und drehte sich um. Voller Genugtuung registrierte sie die Verblüffung, die sich auf seinem Gesicht abzeichnete. „Sie haben recht“, bestätigte er und betrachtete sie bewundernd, „ich habe Sie tatsächlich nicht erkannt.“

„Mit Brille wäre das nicht passiert“, zog sie ihn auf. „Oder ist es Ihnen peinlich, mit einer Brille gesehen zu werden?“ Sie passte ihre Schritte seinen an, als er sie am Ellbogen fasste und sie zum Ausgang führte.

„Ich habe sie erst seit kurzem und trage sie eigentlich nur zum Lesen“, antwortete Jordan. „Sie habe ich nicht erkannt, weil ich nach einem frechen Mädchen mit Pferdeschwanz Ausschau hielt und nicht nach …“ Er verstummte.

„Wonach?“, fragte Frances gespannt. Sie war sicher, dass er ihr gleich ein Kompliment machen würde.

„Ach, nichts“, wehrte er resigniert ab. „Mir fällt einfach kein passendes Wort ein, mit dem sich solch eine Verwandlung beschreiben ließe.“

„Wie wäre es mit erstaunlich?“, schlug Frances vor.

„An übertriebener Bescheidenheit leiden Sie offenbar nicht“, stellte er fest.

„Nicht, solange ich weiß, dass ich wirklich nicht wiederzuerkennen bin. Als ich vorhin in Ihrer Suite auftauchte, sah ich tatsächlich nicht sehr präsentabel aus. Um mich dafür zu entschuldigen, habe ich mir heute Abend besondere Mühe gegeben.“

Jordan Parry lachte. „Für diese Aufmerksamkeit bin ich Ihnen sehr dankbar.“ Erst jetzt fiel ihr auf, dass er Lachfältchen in den Augenwinkeln hatte.

„Wo fahren wir denn hin?“, fragte sie, als er sie nach draußen geleitete, wo eine Limousine mit Chauffeur wartete.

„In ein intimes kleines Restaurant an der Seine, das ich kenne“, antwortete er und half ihr auf den Rücksitz, ehe er sich neben sie setzte.

Frances rückte unwillkürlich ein Stück zur Seite. „Ich dachte, wir würden im Hotelrestaurant essen“, sagte sie beklommen. Mit einem intimen kleinen Restaurant hatte sie nicht gerechnet.

Sie lehnte sich in die weichen Ledersitze zurück und schaute bedrückt auf die baumbestandenen Straßen, die sie entlangfuhren. Der Gedanke, in Paris zu bleiben und Jordan Parry zu unterstützen, erschien ihr plötzlich gar nicht mehr so reizvoll. Bestimmt würde sie bereits am ersten Abend irgendeinen schrecklichen Fehler machen. Frances zitterte und wünschte, sie wäre zu Hause in London.

„Sie frieren ja!“ Fürsorglich legte Jordan ihr eine karierte Reisedecke über die Knie.

„Danke.“ Sie atmete tief durch. „Warum wollen Sie, dass ich Ihnen bei Ihren Einladungen zur Hand gehe, Mr. Parry? Ich werde Sie ja doch nur blamieren. Bestimmt lasse ich die Pasteten fallen und verschütte den Wein. Ich werde im falschen Moment alberne Bemerkungen machen, vielleicht zu viel trinken oder …“

„Möglicherweise werden Sie auch alles richtig machen“, unterbrach er sie selbstsicher.

„Sind Sie wirklich bereit, es darauf ankommen zu lassen?“

„Wenn ich nicht sicher wäre, dass Sie es schaffen, hätte ich Sie gar nicht erst gebeten zu bleiben.“ Jordan Parry drehte sich zu ihr um und strich ihr eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht. „Sie sind ein hübsches und sehr intelligentes Mädchen, Frances. Also unterschätzen Sie sich nicht.“

Er hatte sie zum ersten Mal beim Vornamen genannt, und noch jetzt hallte die Art, wie er ihn aussprach, in ihr nach. Sie konnte ihn nicht ansehen. Seine Nähe beunruhigte sie so, dass ihr Körper sich versteifte. Wäre sie doch nur im Hotel geblieben! Bei einem Sandwich in ihrem Zimmer würde sie sich viel wohler fühlen.

„Ich unterschätze mich nicht, Mr. Parry“, meinte Frances leise. „Aber ich fürchte, Sie wissen nicht, worauf Sie sich einlassen.“

„Das weiß ich sogar ganz genau“, erklärte er bestimmt, den Blick von vorn gerichtet. Sein Ton steigerte Frances’ Nervosität noch mehr. Kein Zweifel – Jordan Parry war daran gewöhnt, seinen Willen durchzusetzen. Sie fragte sich nur, was er diesmal wollte.

„Ich kann nicht bleiben.“ Ihre Entscheidung war gefallen. Je länger sie mit diesem Mann zusammen war, desto gefährlicher würde es für sie werden. „Es gibt ein Dutzend gute Gründe, warum ich nicht …“

„Leider habe ich nicht die Zeit, sie mir alle anzuhören“, unterbrach er sie, als der Wagen anhielt.

Sie standen vor einem Restaurant, das nur durch die Straße vom Flussufer getrennt war. Der Chauffeur hielt ihr die Tür auf, und Frances stieg aus. Es hatte wieder angefangen zu regnen, und ein kühler Wind zerzauste ihr das Haar. Ihr graute vor dem bevorstehenden Abend. Ob sie Kopfschmerzen vorschützen sollte? Zu spät – Jordan Parry hatte den Chauffeur bereits entlassen.

Das Restaurant war warm und strahlte eine sehr romantische Atmosphäre aus – sanfte Beleuchtung, leise Musik, eine Mischung verlockender Düfte, die teilweise aus der Küche, teilweise von den Rosengestecken auf den Tischen kamen.

Es waren kaum noch Plätze frei, doch der Oberkellner führte Frances und Jordan Parry sofort zu einer mit Samt ausgelegten Nische. Frances drückte sich in die Ecke. Sie wünschte sich jetzt nicht mehr zurück ins Hotel, sondern weit weg, am besten gleich nach London.

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