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Julia Muttertagsband, BAND 5

JENNIFER GREENE

Sie ist die Richtige, Dad

Wie einfühlsam Ariel mit seiner Tochter Patrice umgeht. Josh ist von der süßen Juwelierin hingerissen. Dabei ist Ariel so gar nicht der Familientyp – auch wenn es noch so sehr zwischen ihnen knistert. Das sieht die kleine Patrice allerdings ganz anders! Sie wünscht sich sehnlich, dass Ariel ihre neue Mami wird. Und wie sie das anstellt, weiß sie auch schon …

NICOLA MARSH

Leise erwacht die Hoffnung

Vor fünf Jahren zerbrach die Beziehung von Jed und Aimee. Und nun muss Jed herausfinden, dass er einen Sohn hat, der dringend Hilfe braucht. Der kleine Toby ist schwer krank! Um Tag und Nacht für sie da zu sein, zieht Jed bei seiner Familie ein. Und schon bald wird ihm klar: Er hat nie aufgehört Aimee zu lieben. Doch sie glaubt ihm nicht. Schließlich hat er sie damals ohne eine Erklärung verlassen.

KAY THORPE

So lange vermisst …

Die hübsche Lauren schafft es wie noch keine Nanny zuvor, Brads aufmüpfige Adoptivtochter Kerry für sich zu gewinnen. Der smarte Unternehmer ist von Lauren tief beeindruckt. Und längst ist er auch stürmisch verliebt in sie. Wie glücklich ist Brad, als Lauren seine Gefühle erwidert. Bis sie ihm gesteht, warum sie die Stelle auf seinem Landgut angenommen hat …

Jennifer Greene

Sie ist die Richtige, Dad

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1. KAPITEL

„Natürlich drehst du total durch, weil dieser Typ dich zum Dinner eingeladen hat, Jeanne. Du hockst doch schon so lange vor deinem Computer, dass du gar nicht mehr weißt, wie ein normales männliches Wesen aussieht.“

Die Ladenglocke klingelte. Ariel Lindstrom klemmte sich den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter und spähte aus dem Hinterzimmer in den Verkaufsraum, aber sie konnte keine Kunden entdecken.

„Eine Einladung zum Dinner heißt doch nicht gleich, dass du ihn heiraten sollst. Geh einfach mal mit ihm aus und amüsier dich. Was ist daran so schwierig? … Ja, natürlich hast du nichts anzuziehen. Du bist ja auch seit zehn Jahren nicht mehr einkaufen gewesen. Komm rüber zu mir. Ich finde schon was für dich in meinem Schrank … Na gut, mein Geschmack ist ein bisschen ausgefallen. Aber sonst …“

Ariel war ganz aufgedreht. Gute Ratschläge zu geben machte ihr richtig Spaß. Noch immer sah sie suchend in den Verkaufsraum. Irgendjemand musste doch hereingekommen sein. Die Ladenglocke hatte schließlich geklingelt. Aber es war keine Menschenseele zu sehen. Merkwürdig.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und äugte noch einmal angestrengt in den Verkaufsraum, aber da rührte sich nichts. Als das Telefon geklingelt hatte, war sie gerade dabei gewesen, einen Haken an eine silberne Halskette anzulöten. Antiker Schmuck war die Spezialität ihres Geschenkeladens. Die beiden größten Vitrinen waren vollgepackt mit altertümlichen Ketten und Anhängern auf kleinen Samtkissen. Gleich neben der Tür hatte Ariel auch eine Ecke für Kinder eingerichtet, in der es Kristallkugeln, Zauberstäbe und allerlei Utensilien für Zaubertricks zu sehen gab.

Plötzlich entdeckte Ariel nun doch etwas. Den ganzen Körper des Wesens konnte sie von ihrem Standpunkt aus nicht erkennen, aber aus der Zauberecke lugte die Spitze eines Tennisschuhs hervor. Es war ein knallig orangefarbener Tennisschuh, eindeutig Kindergröße. Sie lachte leise, dann sagte sie: „Glaub ja nicht, dass ich schon mit dir fertig bin, Jeanne. Aber ich muss später zurückrufen. Ich hab’ nämlich Kundschaft im Laden.“

Dass Ariel eine besondere Schwäche für Kids hatte, war allgemein bekannt, und dieses kleine Mädchen war wirklich ein rührender Anblick. Mit großen Augen, aus denen Schuldbewusstsein und Verwunderung sprachen, sah die Kleine zu Ariel hoch. Die Kleine war kaum älter als fünf oder sechs Jahre. Sie trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck der Bostoner „Red Sox“ und ausgefranste, abgeschnittene Jeans. Unter der verkehrt herum aufgesetzten Baseballkappe sahen zwei unordentlich geflochtene brünette Zöpfchen hervor. Ein Schmutzfleck zierte die Stupsnase. Beide Knie wiesen halb verheilte Abschürfungen auf. Das Mädchen hatte ein Dutzendgesicht, wenn man einmal von seinen glänzenden schokoladenbraunen Augen absah. Aber dass sie nicht gerade besonders niedlich war, schien die Selbstsicherheit der Kleinen nicht im Geringsten zu beeinträchtigen. Ihr ganzes Auftreten hatte etwas Provozierendes, Keckes.

Ariel empfand sofort Zuneigung für die Kleine. Genauso war auch sie als Kind gewesen. Sie hockte sich neben das Mädchen. „Hallo, du. Wie heißt du denn?“

„Killer.“

„Killer, hm … Wenn das kein toller Name ist, dann weiß ich es auch nicht. Suchst du irgendwas Besonderes?“

Die Kleine zuckte die mageren Schultern. „Ich wollte nur mal ein bisschen herumgucken. Nach den Zaubertricks und so. Ich wollte bestimmt nichts klauen.“

„Das hatte ich auch nicht gedacht. Es ist gerade der richtige Nachmittag für den Zauberkram. Ich zeig dir mal ein paar Tricks, wenn du magst. Es ist sowieso viel zu heiß, um draußen zu spielen, nicht?“ Ariel wurde neugierig. „Wo ist denn deine Mom, Süße?“

Es sollte keine schwer zu beantwortende Frage sein. Die Kinder aus der Nachbarschaft kamen häufig an ruhigen Nachmittagen ins „Treasures“, ihren Laden, um sich umzusehen. Dieses Vorortviertel war typische Mittelklasse, viele Mütter gingen zur Arbeit, und der Laden lag in der Nähe der Schulen. Ariel hatte nur deswegen nach der Mutter des Mädchens gefragt, weil sie sich vergewissern wollte, dass die Kleine auch die Erlaubnis hatte zu kommen. Aber Killer nahm ihre Frage seltsamerweise wortwörtlich.

„Mom ist abgehauen. Sie hatte uns Kids satt. Wir haben zu viel angestellt und sie verrückt gemacht.“

Das Kind sagte das ganz selbstverständlich und sachlich. Da war nichts Mitleidheischendes herauszuhören. Dennoch fühlte sich Ariel zutiefst angesprochen von den Worten, auch wenn Scheidungen etwas so Alltägliches waren, dass sich kaum noch jemand über Geschichten von kaputten Familien aufregte. Aber da sie ebenfalls als Kind das Opfer eines Scheidungskrieges geworden war, wusste sie Bescheid. Mit ihren inzwischen neunundzwanzig Jahren hatte sie längst jedes Vertrauen in die Einrichtung der Ehe verloren, und die Vorstellung eines „Für immer“ empfand sie als unglaubwürdig. Dennoch schmerzte es sie, dass ein so kleines Kind schon so bittere Erfahrungen durchmachen musste.

Der Knirps hatte ein Mundwerk wie eine Maschine.

Ihr wirklicher Name war Patrice, aber alle Leute nannten sie stets nur Killer. Der Nachname lautete Penoyer. Ihr Urgroßvater stammte aus Ungarn, aber der war schon seit einer Ewigkeit tot. Sie war sechs Jahre alt. Ihr Dad hatte natürlich keine Ahnung davon, wie man ordentlich Zöpfchen flocht. Ihre beiden älteren Brüder kannten keine Spiele, wie Mädchen sie spielen mögen. Im Herbst sollte sie in die Grundschule kommen, die beiden Brüder hatten ihr oft erzählt, wie langweilig die Schule war. Deswegen hatte sie nun auch keine Lust zur Schule und war fest entschlossen, überhaupt gar nicht erst hinzugehen. Ihr bester Freund war Boober. Der war fast zwei Meter achtzig groß, unsichtbar und ein Fan von Zauberei, aber das alles war ein Geheimnis, von dem ihr Dad nichts zu wissen brauchte. „Weil Dad nämlich rein gar nichts von Magie hält.“

„Oh, gar nichts?“, fragte Ariel erstaunt, die Killer inzwischen vorgeführt hatte, wie man einen Schal verschwinden lässt. Außerdem hatte sie eine Fünfzigcentmünze hinter Killers linkem Ohr hervorgezaubert. Ariel machte es nichts aus, ihre Arbeit für eine Weile liegen zu lassen und sich mit der Kleinen zu unterhalten. Abgesehen von jenem Fantasiefreund „Boober“, der sowohl männlich als auch weiblich sein mochte, gab es offenbar in Killers Leben kein weibliches Wesen. Ganz offenbar sehnte sich das Mädchen nach Gesellschaft und Zuspruch. Über der uralten Ladenkasse tickte die Wanduhr, die Zeit verging, aber das Kind zeigte keinerlei Absicht, nach Hause zu gehen.

„Killer, meinst du wirklich, dass du noch länger hierbleiben darfst? Du wirst doch nicht etwa zu Hause erwartet?“

Erschrocken sah die Kleine Ariel mit ihren schokoladenbraunen Augen an. „Wie viel Uhr ist es denn jetzt?“

„Kurz nach vier“, sagte Ariel.

„Auweia, ich muss weg!“

Das Kind rannte zur Tür. Die Ladenglocke schepperte, dann flitzte Killer um die Hausecke in die Nebenstraße und war verschwunden.

Ariel hockte noch immer ziemlich verdutzt am Boden, teils amüsiert, teils nachdenklich. Es schien ihr selbstverständlich, dass sie sich zu der frechen Kleinen hingezogen fühlte, denn sie erinnerte sie nur allzu sehr an ihre eigenen Kinderjahre. Aber war es nicht töricht, diese Gefühle so ernst zu nehmen? Wer wusste denn, ob sie die kleine Herumtreiberin je wiedersehen würde?

Schluss mit der Grübelei, sagte sie sich. Es wurde Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen. Sie war weder besonders ehrgeizig noch nachlässig, aber natürlich wusste sie sehr wohl, dass unbezahlte Rechnungen sich nicht von allein erledigten. Sie wandte sich um und wollte ins Hinterzimmer zurückkehren, da entdeckte sie es: Eines ihrer Einhörner war verschwunden!

Die kristallenen Einhörner gehörten zu den beliebtesten Stücken für Sammler. Weil alle Figuren Unikate waren, hatte Ariel jede Figur auf einen kleinen Spiegel gestellt. Und einer dieser Spiegel war leer.

Außer Killer war niemand in den Laden gekommen. Das Einhorn war mit einem Preis von fünfundvierzig Dollar ausgezeichnet. Erst jetzt fiel es Ariel wieder ein, dass sie das Kind zwischen der Zauberecke und den Kristallsachen entdeckt hatte. Und nun erinnerte sie sich auch an den schuldbewussten Blick der Kleinen.

Verdammt!

Ariel überlegte, wie sie der kleinen Diebin auf die Spur kommen könnte. Sie hatte doch ihren Nachnamen genannt! Penoyer? Kein solcher Allerweltsname, dass es schwer wäre, die Telefonnummer herauszufinden – vorausgesetzt, sie wollte ihr Einhorn oder die fünfundvierzig Dollar wiederhaben.

Ariel brauchte nicht lange zu überlegen. Eigentlich ging es ihr mehr ums Prinzip als um das Geld. Es widerstrebte ihr, das Kind in Schwierigkeiten zu bringen. Die Vorstellung von einem Vater, der angeblich so prosaisch war, dass er sich aus Zauberei „rein gar nichts“ machte, ging ihr durch den Kopf.

Killers Dad gehörte allem Anschein nach in die Kategorie „knochentrockener Realist und erbarmungsloser Prinzipienreiter“. Sicher war es nicht ganz fair, sich nur nach den Worten des Kindes ein Urteil über den Mann zu bilden. Andererseits konnte ihr das egal sein, denn sie würde ihn ja doch nie kennenlernen. Und der Verlust eines Einhornes war einfach nicht wichtig genug, um die Kleine in Schwierigkeiten zu bringen.

„Ariel!“

„Ja, was ist?“ Ariel hörte ihre Geschäftspartnerin Dot wohl, aber sie konnte ihre Arbeit momentan nicht unterbrechen. Es war auch höchst unwahrscheinlich, dass Dot dringend ihre Hilfe brauchte. Es war schon fast sieben Uhr abends, also Ladenschlusszeit. Das Abschließen konnte Dot ohne weiteres allein besorgen.

Ariel hatte eine Schale mit Zuchtperlen vor sich auf dem Arbeitstisch stehen. Immer wieder schob sie die Lampe zurecht. Die Kamee-Brosche aus Koralle war ein seltenes Stück. Sie war mit Zuchtperlen eingefasst, im Stil von 1910, aber zwei Perlen fehlten. Die Reparatur der Brosche war eigentlich kein Problem, schwierig war es nur, zwei Perlen der richtigen Farbe und Größe zu finden.

„Ariel, jemand will dich sprechen!“

„Ja, ja, schon gut …“ Mit einer Pinzette hielt sie eine Perle unter die Lupe. Sie hatte sich fest vorgenommen, diese Reparatur noch vor Geschäftsschluss zu beenden.

Die seit zwei Tagen herrschende Hitzewelle hielt noch immer an, und die Kühle der Klimaanlage drang einfach nicht bis ins Hinterzimmer. Schon vor Stunden hatte Ariel ihre Schuhe ausgezogen, ihre langen blonden Haare zusammengebunden und hochgesteckt, ihren Rock geschürzt und sich die Bluse aufgeknöpft. Aber immer noch war ihr glühend heiß. Außerdem hatte sie das Gefühl, bald zu verhungern.

Sie überprüfte eine weitere Perle, doch in ihren Gedanken sah sie sich bereits in ihrer Badewanne liegen und Eiscreme essen. Natürlich waren solche Träume nicht ganz so verlockend wie eine prickelnde erotische Fantasieszene – aber immerhin doch fast ebenso gut.

Ariels Wohnung lag im ersten Stock, direkt über dem Laden. Wenn sie mit der Brosche fertig war, wollte sie sofort nach oben eilen, die Tür hinter sich verriegeln, sich splitternackt ausziehen und in die Badewanne steigen. Mit einem Riesenbecher Eiscreme und einem Löffel, versteht sich. Vielleicht war das ja eine etwas sündhafte Vorstellung von einem Feierabend, aber wen kümmerte das schon?

„Ariel, du meine Güte, hast du denn nicht gehört, dass ich dich gerufen habe?“

„Wie bitte? Oh, tut mir leid, ich war gerade mit meinen Gedanken ganz woanders.“ Sie wandte sich um. Ihre Partnerin Dot stand in der Tür. Dorothy mit ihrer Afro-Frisur, ihrer Bifokalbrille und ihrer tadellos geschneiderten Kleidung war schon von Anbeginn stets die Kühlere und Sachlichere von ihnen beiden gewesen. Aber wieso stand sie nun da und zwinkerte so geheimnisvoll? „Was gibt’s denn Aufregendes?“

„Gar nichts.“ Dot warf Ariel noch einmal einen bedeutungsvollen Blick zu. „Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt gehe. Die Kasse ist abgeschlossen, und das Schild ‚geschlossen‘ ist schon rausgehängt, damit du nicht gestört wirst. Ich komm morgen früh um neun.“

„Prima, also bis morgen.“ Ariel hatte noch immer nicht begriffen, was all diese Blicke und das Augenzwinkern zu bedeuten hatten. Erst als ihre einsachtzig große Freundin beiseite trat und damit die Sicht freigab, sah sie es.

Hinter Dot standen zwei Personen im Laden. Ein Mann und ein Kind. Ariel erkannte sofort die kleine Diebin mit ihren grell orangefarbenen Tennisschuhen. Mehr als einmal hatte sie in den vergangenen zwei Tagen an Killer gedacht. Aber nun war es der Vater des Mädchens, der ihre ganze Aufmerksamkeit gefangennahm.

Man brauchte nicht viel zu rätseln über die Familienzusammengehörigkeit der beiden. Die äußere Ähnlichkeit war unverkennbar. Mr. Penoyer hatte die gleichen schwarzen Wuschelhaare wie Killer und außerdem auch die gleichen feucht schimmernden, dunklen Augen seiner Tochter. Die etwas grobknochige Gestalt musste die Kleine allerdings von ihrer Mutter mitbekommen haben, denn ihr Vater war einfach umwerfend gut gebaut.

Ariels tiefes Misstrauen gegenüber der Ehe bedeutete keineswegs, dass sie etwas gegen Männer hatte. Allerdings war es schon geraume Zeit her, dass der Anblick eines Mannes sie so blitzartig erregt hatte wie in diesem Fall. Er war nicht gerade groß, schätzungsweise etwa einssechsundsiebzig, aber er hatte einen sehnigen, muskulösen Körper. Offenbar war er gleich nach der Arbeit hergekommen. In der Hand hielt er seinen Schutzhelm, trug Jeans, ein verschwitztes T-Shirt und schwere Arbeitsstiefel.

Nach den Fältchen um seine Augen zu urteilen, mochte er Mitte dreißig sein. Die tiefe Stirnfalte ließ indes erkennen, dass er nervös und zornig war. Es war unschwer zu sehen, dass er nicht gerade begeistert davon war, den Laden betreten zu müssen. Der Mann ist geladen, schoss es Ariel durch den Kopf, und dann dachte sie schlimmerweise noch gleich daran, dass er bestimmt toll im Bett sein müsste – gefährlich, aufregend und unberechenbar.

Seine etwaigen Qualitäten als Liebhaber hatten natürlich mit der Situation nicht das Geringste zu tun. Sie war ja auch nicht auf der Suche nach einem Abenteuer. Es handelte sich nur um eine ganz objektive Beobachtung.

Gleichzeitig aber schien auch der Mann Ariel zu mustern. Er ließ den Blick von ihren nackten Füßen über ihren hochgerafften Rock und ihre aufgeknöpfte Bluse bis zu ihren wild verwuschelten blonden Haaren wandern. Auf besonders sittsames Aussehen war es Ariel in der Abgeschiedenheit ihres Hinterzimmers nicht angekommen. Sittsamkeit war ohnehin nicht gerade das Wichtigste für sie. Liebe Güte – ein Körper war eben ein Körper, und was war schon dabei? Jetzt aber empfand sie ihren Körper plötzlich ganz anders, so prickelnd lebendig und entblößt. Der Himmel mochte wissen, was Mr. Penoyer erwartet hatte, aber jedenfalls starrte er sie an, als sähe er eine Ladung Nitroglyzerin.

„Sind Sie die Inhaberin dieses Ladens? Ariel Lindstrom?“

>Es klang so zweifelnd, dass sie versucht war, ihm ihren Ausweis zu zeigen. „Ja, die bin ich.“

„Also ich bin Josh Penoyer, der Vater von Patrice.“ Er legte die Hände auf die Schultern des Kindes und schob Killer aus der sicheren Deckung hinter seinen Beinen hervor. „Meine Tochter hat Ihnen etwas zu sagen.“ Killer schien nicht begeistert zu sein von diesem Vorhaben, denn sie versuchte sofort, sich zu verkriechen. „Patrice!“ Es klang nicht böse, aber es war eindeutig, dass Josh sich nicht von der Kleinen herumkriegen lassen würde. Der Knirps sah angstvoll hoch. Mit leiser Stimme soufflierte er dem Kind: „Es tut uns leid …“

„Es tut uns sehr leid, dass wir Ihr Einhorn genommen haben.“ Das besagte Einhorn kam aus einer Hosentasche zum Vorschein, in viele Papiertaschentücher sorgfältig eingewickelt, und wurde auf den Tisch gelegt.

„Oh, Schätzchen …“, meinte Ariel, aber sofort wurde ihr das Wort abgeschnitten.

„Wir haben doch noch ein bisschen mehr zu sagen, nicht wahr, Patrice?“

„Ja.“ Killer musste erst tief Luft holen, ehe sie den Rest der eingepaukten Ansprache halten konnte. „Wir sind uns im Klaren, dass Sie auch die Polizei rufen und mich für den Rest meines Lebens hinter Gitter bringen können, aber wir hoffen, dass Sie das nicht tun. Denn ich werde nie wieder etwas stehlen, so lange ich lebe. Und weil es mir wirklich leidtut und weil Sie so nett zu mir gewesen sind, ist es besonders schlimm, dass ich bei Ihnen etwas geklaut habe, und ich werde mir das mein Leben lang nicht verzeihen können.“

Nun konnte Ariel sich nicht mehr zurückhalten. Sie schob den Hocker beiseite und kniete neben dem Kind nieder. „Also, wir wollen ja nun wirklich nicht, dass du so arg verzweifelt bist. Es gehört doch schon allerhand dazu, seine Fehler zuzugeben, Killer, und ich finde es toll, dass du das getan hast. Du hast das Einhorn zurückgebracht und dich entschuldigt. Damit ist die Geschichte für mich erledigt.“ Ariel sah zu Killers Vater empor. „Wirklich, Mr. Penoyer, ich hab’ die ganze Sache schon beinahe vergessen.“

„Sagen Sie ruhig Josh zu mir“, entgegnete er und setzte sich seine Tochter huckepack auf die Schultern. Von dort aus kommt sie jedenfalls nicht an die Sachen im Laden heran, dachte Ariel und lächelte. Dann verließen die beiden unter lebhaftem Glockengeklingel das Geschäft.

Aus dem Fenster sah Ariel zu, wie Josh seine Tochter auf dem Beifahrersitz seines staubigen roten Geländewagens anschnallte und davonfuhr. Obwohl sie müde und von der Hitze erschöpft war, blieb Ariel noch eine ganze Weile dort stehen. Sie dachte daran, dass auch Josh abgearbeitet und verschwitzt war, dass ihn das aber nicht davon abgehalten hatte, ein Problem mit seiner Tochter zu klären. Das sprach deutlich für sein Verantwortungsbewusstsein als Vater.

Sie hatte ihn zwar als stocknüchternen Realisten beurteilt – genau im Gegensatz zu ihrem eigenen Temperament –, aber Ariel musste sich eingestehen, dass sie von Josh ernsthaft beeindruckt war. Auch Killers Verhalten gegenüber ihrem Vater sprach Bände. Selbst als Josh ganz furchterregend aussah, so als würde ihm gleich der Kragen platzen, hatte sich die Kleine dennoch in seine Arme geflüchtet. Bestimmt konnte er ärgerlich werden, aber das war für seine Tochter noch lange kein Grund, sich vor ihm zu fürchten. Zwischen Vater und Tochter schienen feste und liebevolle Bande zu bestehen, was viel über den Charakter des Mannes und seine Liebesfähigkeit aussagte. Ein Mann wie er war Ariel schon seit Langem nicht mehr begegnet.

Abrupt wandte sie sich um und stieg die Treppen hoch. Es wäre sicher reizvoll, die ganze Nacht über Josh nachzudenken und sich allerlei abenteuerliche Vorstellungen von ihm zu machen. Aber es war gewiss viel vernünftiger, die Gedanken wieder auf die Eiscreme zu lenken. Schon in jungen Jahren hatte sie gelernt, sich von Problemen fernzuhalten, die sie nicht lösen konnte. Die Aussicht, eines der Familienmitglieder der Penoyers wiederzusehen, war höchst zweifelhaft. Da war es wohl das Beste, sie einfach zu vergessen.

„Findest du sie nicht auch hübsch, Dad?“

Es war nun schon das vierte Mal, dass Killer auf der Heimfahrt diese Frage stellte. Josh wurde klar, dass er um eine Antwort nicht mehr herumkam.

„Sicher“, erwiderte er betont sachlich. Dabei fand er in Wirklichkeit, dass „hübsch“ eine ziemliche Untertreibung war. Sexy, wild, aufregend – das hätte eher auf Miss Lindstrom gepasst.

„Magst du sie leiden, Dad?“

„Klar.“ Josh gefielen Feuerwerke, Rennautos und Gewitter. Die Tatsache aber, dass er vierunddreißig war, besagte keineswegs, dass er von der Gürtellinie an abwärts schon tot war. Er mochte langbeinige, langhaarige Blondinen mit beeindruckender Oberweite sehr gern. Aber ein erwachsener Mann brauchte ja nicht erst seine Hand in Flammen zu halten, um zu wissen, dass ein Spiel mit dem Feuer unangenehme Folgen haben konnte.

„War sie nicht nett? Findest du nicht auch, dass sie richtig lieb ist?“

„Ja, Miss Lindstrom war nett. Aber wenn du dir einbildest, du könntest mich davon ablenken, was du angestellt hast, indem du dauernd von ihr sprichst, dann bist du schiefgewickelt. Ich bin immer noch böse auf dich. Was du da gemacht hast, war wirklich sehr, sehr schlimm, Patrice.“

„Ich weiß.“

Ach du große Güte, dachte er, denn Killers Unterlippe fing an zu zittern. Es ging ihm verdammt nahe, die Kleine so zu sehen.

Er fuhr sich brüsk mit der Hand durchs Haar, als er um die Ecke bog. Calvin war vierzehn, Bruiser dreizehn. Beide stellten weiß Gott jede Menge dummes Zeug an, aber das waren Jungenstreiche, die konnte Josh verstehen. Nur die Art von Problemenmit seiner Tochterbrachtenihnzur Verzweiflung. Er hatte nun mal keine Erfahrung mit sechsjährigen Mädchen. Es war eine aufreibende Aufgabe für ihn, so zu tun, als könne er Dad und Mom in einem sein.

Verstohlen sah er zur Seite.

>Killers Unterlippe zitterte noch immer.

>„Du, ich kann es doch nicht einfach vergessen, oder?“

„Ich weiß“, sagte Killer ganz kleinlaut.

„Jetzt fahren wir nach Hause und essen zu Abend. Aber danach verschwindest du sofort in dein Zimmer. Spielen fällt aus heute Abend. Fernsehen auch.“ Seine Stimme war streng, aber prüfend schaute er der Kleinen ins Gesicht. War diese Strafe zu hart?

„Okay.“ Ein Träne rollte über die Wange seiner Tochter und verlor sich dann an ihrem Hals.

Josh sah im Rückspiegel nach dem Verkehr hinter ihm, dann langte er zu Killer hinüber und wischte ihr zärtlich die Träne ab. „Du musst doch dafür bestraft werden, wenn du so etwas Schlimmes anstellst. Versuch doch mal, das zu verstehen. Es ist meine Pflicht als dein Dad. Ich muss das einfach tun, Killer.“

„Ich hab doch gesagt, es ist okay.“

Vielleicht war es wirklich „okay“, aber schon sah er eine neue Träne hervorquellen. Bei Calvin und Bruiser war es nie so kompliziert, wenn sie etwas ausgefressen hatten. Bei den Jungs hatte er keine Hemmungen gehabt, ihnen gehörig die Leviten zu lesen, wenn sie irgendwo eine Fensterscheibe eingeschmissen hatten oder leichtsinnig über die Straße gerannt waren. Und Stehlen gehörte ganz sicher zu den Missetaten, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen konnte. Aber irgendwie hatte er sich nie dazu bringen können, Killer richtig hart anzupacken. Selbst wenn er so wütend auf sie war, dass er ihr am liebsten den Hals umgedreht hätte – und die Kleine konnte einen weiß Gott zur Weißglut bringen. Aber selbst dann tat er sich immer schwer dabei, auch nur laut zu werden bei der Kleinen. Irgendetwas in ihren großen, dunklen Augen ließ ihn jedes Mal weich werden. Es war, als schmelze er dahin, wenn sie ihn bloß ansah. Schwach fühlte er sich dann, ja, sogar schuldbewusst.

Josh lenkte den Wagen in die Auffahrt zum Haus und dachte wütend daran, dass Nancy ihn mit den Kindern sitzengelassen hatte. Seit einem Jahr war die Scheidung rechtskräftig. Was genau in ihrer Ehe schiefgelaufen war, hatte er bislang noch immer nicht herausfinden können. Dazu fehlte ihm auch die Zeit. Er hatte zu viel am Hals mit seiner Arbeit, dem Bezahlen von Rechnungen, mit Kochen und Putzen, mit der Wäsche, zwei Söhnen im Teenageralter und einer sechsjährigen Tochter.

Solange er das alles schaffte, war er fest davon überzeugt, dass er dem Ganzen gewachsen war. Bis eben ein Problem wie dieses auftauchte. „Ich begreif es noch immer nicht. Was hast du dir nur dabei gedacht, einfach dieses Einhorn zu nehmen?“, fragte er seine Tochter.

„Es war so schön.“

„So? Und? Eine Menge Dinge sind schön, aber wenn sie dir nicht gehören, dann lässt du die Finger davon. Das weißt du doch.“

„Ja, Dad.“

Irgendwie wollte es ihm nicht gelingen, ein sechsjähriges weibliches Wesen zu verstehen. „Hast du es je erlebt, dass ich etwas genommen habe, was mir nicht gehört?“

„Nein, Dad.“

„Hast du je gesehen, dass ich etwas angefasst habe, was nicht mein Eigentum ist?“

„Nein, Dad.“

Er parkte den Wagen und stellte den Motor ab. Das Kind wollte so schnell wie möglich aus dem Auto heraus. Ihm war, als sei er bei Killer auch nicht den kleinsten Schritt weitergekommen. „Okay, schieß ab. Ich komme gleich rein und kümmere mich ums Abendessen.“

Sie rannte los wie ein junger Hund, aber Josh saß noch eine Weile still im Wagen. Das Haus stand am Ende einer Sackgasse auf einer Anhöhe. Die gleichen Häuser im Bungalowstil säumten die Straße dieser typischen Wohngegend von Arbeitern und Angestellten. Nichts Luxuriöses freilich, aber beileibe auch kein schlimmes Viertel. Die Kids hatten den Wald und ein kleines Tal, wo sie spielen konnten. Ahornbäume, Eschen und Birken wuchsen zwischen den Häuserblocks.

Dass es in Joshs Haus keine Hausfrau und Mutter gab, konnte man allerdings sofort erkennen. Zwei vor sich hin rostende Fahrräder lagen im Hof herum, niemand hatte sie weggestellt. Die Vorhänge an den Fenstern zur Straße waren nicht so ordentlich aufgehängt, wie Frauen sie nun einmal instinktiv aufzuhängen pflegen. In den Beeten des Vorgartens gab es keine Blumen. Josh wusste schon vorher, was er im Haus vorfinden würde: schmutzige Gläser, auf den Boden geworfene Frotteehandtücher, Schuhe und Klamotten an den seltsamsten Stellen und ein Badezimmer, gegen das die Gesundheitsbehörde einschreiten würde, wenn sie es sähe. Sein eigenes Schlafzimmer würde vielleicht – aber auch nur vielleicht – verschont geblieben sein. Sicherlich aber würde die einzige Gesellschaft, die er auf dem einsamen Doppelbett vorfände, einer der Basketbälle der Jungen sein.

Josh seufzte erschöpft auf. Sein Leben war wirklich ganz schön durcheinandergeraten, aber Anstand und Ehrlichkeit waren für ihn noch immer wertvolle Leitbegriffe, und er mühte sich ab, seinen Kindern diese Werte zu vermitteln. Sein Problem war es im Moment, seine Tochter dafür zu maßregeln, dass sie einem unwiderstehlichen Impuls nachgegeben hatte … wo er doch selber nur zu genau wusste, wie leicht das geschehen konnte.

Er hatte nur einen einzigen Blick auf Miss Lindstrom zu werfen brauchen, und schon hatte er die seltsamsten Wünsche verspürt. Er wäre jede Wette eingegangen, dass die silberblonden Haare ihr bis zur Taille reichten, wenn sie sie offen trug. Ihre grünen Augen, ihre perlfarbene Haut und ihre sanften, zärtlichen Lippen gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Auch an ihre vollen Brüste musste er denken. Plötzlich fiel ihm ein, wie lange er nun schon im Zölibat gelebt hatte, was gewiss nicht seiner Natur entsprach.

Eigentlich hatte sich ja nichts geändert. Keine Frau der Welt, die auch nur einen Funken gesunden Menschenverstand besaß, würde sich seiner und der Kinder annehmen. Und selbst wenn er die Zeit gehabt hätte, einer Frau den Hof zu machen, dann würde er sich ganz gewiss nicht gerade jemanden aussuchen, der so ausgeflippt war wie Ariel. Seine Kinder brauchten vor allem Stabilität, und er natürlich auch. Aber ein Blick in diese mandelförmigen Augen hatten bei ihm eine chemische Reaktion ausgelöst, die seine sämtlichen männlichen Hormone in Schwung brachte. Er kam sich vor wie jemand, der zu schlafen versucht, während ein anderer ihm mit einem Knüppel auf den Kopf schlägt.

Josh hatte aber nicht die Absicht, irgendetwas in dieser Sache zu unternehmen. Natürlich würde er sich selber belügen und so tun, als seien diese Gefühle niemals in ihm aufgestiegen. Unwiderstehliche Impulse waren nun einmal eine menschliche Schwäche. Sechsjährige hatten begreiflicherweise Mühe, sie zu zügeln. Ein Mann in seinem Alter war glücklicherweise viel klüger, erfahrener und gewitzter.

Am besten und sichersten war es wohl, Ariel sofort aus seinen Gedanken zu verbannen.

Und das tat Josh dann auch.

2. KAPITEL

Gut, dass ich schnell hochgeschaut habe, um festzustellen, wer wohl die Ladenglocke in Bewegung gesetzt hat, dachte Ariel. Es war Killer, die sie seit Wochen nicht mehr gesehen hatte und die nun in der Zauberecke stand. Sie glaubte der Kleinen zwar ihre Beteuerung, in ihrem ganzen Leben nie und nimmer wieder stehlen zu wollen, aber sie wusste ebenso gut, dass es schwer war, Versuchungen zu widerstehen. Da waren drei stöbernde Damen im Laden, eine Frau, die schon an der Kasse stand, um für bereits ausgesuchte Ohrringe zu bezahlen, und außerdem war da ein netter, blonder junger Mann, der für seine Ehefrau ein Geschenk kaufen wollte und sich selbst nach neunzehn Stücken, die er begutachtet hatte, noch immer nicht entscheiden konnte.

Der junge Mann betrachtete einen Anhänger aus Mondstein und Perlmutt, den er in die engere Wahl gezogen hatte, dann sah er Ariel hilflos an. „Meinen Sie, dass ihr das gefallen wird?“

Ariel hatte natürlich keine Ahnung, wie sollte sie? Sie kannte ja seine Ehefrau nicht. „Mir selber gefällt es sehr gut“, sagte sie, „und eigentlich könnten Sie damit nichts falsch machen, vorausgesetzt, Ihre Frau mag antiken Schmuck.“

„Sie mag alle möglichen antiken Sachen. Aber dies muss etwas ganz Besonderes sein.“ Flüsternd setzte er hinzu: „Wir sind nämlich heute genau sechs Monate verheiratet.“

Nach den jüngsten Scheidungsstatistiken, dachte Ariel, sind sechs Monate gegenseitiges Ertragen wahrscheinlich schon ein Rekord, aber sie hatte keine Zeit, dem jungen Ehemann zu gratulieren. Die Dame an der Kasse wurde ungeduldig. Das Telefon klingelte auch schon wieder. Normalerweise hätte es ihr Spaß gemacht, den ganzen Tag mit dem blonden Typ zu verbringen, er war wirklich ganz süß, wenn man einmal von seiner Unentschlossenheit absah. Aber der Gedanke, dass Killer unbeaufsichtigt im Laden war und sie das Mädchen schon wieder aus den Augen verloren hatte, machte sie nervös.

„Passen Sie auf“, sagte sie zu dem Unentschlossenen. „Überlegen Sie es sich in Ruhe. Ich kümmere mich erst mal um die Dame an der Kasse. Dann komm’ ich wieder.“ Ariel eilte ans Telefon, dann zur Kasse, um die Dame abzufertigen, und beantwortete Fragen der stöbernden Kundschaft. Dann kam sie zurück zu dem jungen Mann.

Bei alledem hatte sie auch die Kleine in der Nähe der Zauberecke entdeckt, was sie sehr beruhigte. Sie freute sich, das Kind wiederzusehen. Sie glaubte zwar den hochheiligen Beteuerungen Killers, nie wieder etwas stehlen zu wollen, aber sie war in ihrem Leben nur wenigen Erwachsenen begegnet, die ihre Versprechen hielten – besonders die hochheiligen. Darum konnte sie sich nicht so recht vorstellen, wie eine Sechsjährige allen Versuchungen widerstehen könnte. Wie gut, dass sie alle ihre Zauberutensilien sicher in eine Glasvitrine eingeschlossen hatte. Das kleine Mädchen sollte wirklich nicht noch mehr Ärger bekommen.

Der junge Mann rang sich endlich zu dem Entschluss durch, einen mit schwarzen Perlen besetzten Armreif zu kaufen, für den er erfreulichweise in bar bezahlte. Die drei stöbernden Frauen bewunderten inzwischen die bunten Glasornamente im Schaufenster. Als der Laden endlich leer und es plötzlich ganz still war, eilte Ariel zu der Vitrine mit den Zaubersachen.

Killer drückte sich die Nase an der Glasscheibe platt. „Hi“, sagte sie, als Ariel sich zu ihr gesellte.

„Hi, ebenfalls.“

„Ich hab’ heut’ Geld dabei.“ Zum Beweis langte Killer in die Taschen ihrer kirschroten Shorts. Fünf Dollar in zerknitterten Banknoten und etliche Münzen kamen zum Vorschein und wurden auf den Verkaufstresen gelegt.

„Wow! Du hast aber ’ne Menge Geld.“

„Ich will einen Zaubertrick kaufen. Wenn’s recht ist.“ Die Kleine zögert ein wenig. „Ich wusste ja nicht, ob es okay ist, wenn ich wiederkomme. Vielleicht bist du ja noch böse auf mich.“

„Ich bin überhaupt nicht böse auf dich gewesen. Ich hab’ selber auch schon so manches im Leben falsch gemacht. Und du darfst in den Laden kommen, so oft du willst, Süße, wenn dein Dad es dir erlaubt.“

„Tagsüber ist er ja nicht da. Aber ich hab’ Mary Sue gefragt. Sie passt auf mich auf und hat Ja gesagt. Ich darf eigentlich überall hingehen, wenn ich dabei nicht über die Straße muss. Ich brauche ja nur das kleine Tal hinunterzugehen und dann den Fußweg entlang, schon bin ich bei dir.“

Damit war die Frage der Erlaubnis geklärt, jedoch der Kauf eines Zaubertricks erwies sich als weitaus komplizierter als die Suche nach dem Heiligen Gral. Killers Plan war es, ihre älteren Brüder zu beeindrucken und vor ihnen zu glänzen. Aber einen Trick zu finden, den sie lernen konnte und hinter den ihre Brüder nicht so ohne weiteres kommen würden, bedurfte einigen Ausprobierens.

Sie versuchten Kartentricks. Sie probierten es mit dem Trick des durchschnittenen Seils. Sie ließen eine Vierteldollarmünze in einem Glas Wasser verschwinden, einen Schal die Farbe wechseln und einen zerbrochenen Zahnstocher plötzlich wieder heil werden. Killer redete dazu wie ein Wasserfall. Das Thema wechselte zwischen Zauberei und Mädchenproblemen. Sehr wichtige Dinge wie zum Beispiel das Flechten von Zöpfchen. Puppen. Parfüms. Beste Freundinnen und wie widerlich doch Jungen waren – besonders Tommy Bradley.

„Er hat versucht, mich zu küssen“, sagte Killer mit vor Abscheu gerümpfter Nase. „War das ekelhaft!“

„Tommy Bradley hat vielleicht den Bogen noch nicht so richtig raus, hm?“

„Bei dem krieg ich eine Gänsehaut – aber du erzählst doch meinem Dad nichts davon, okay? Mein Dad wird nämlich ganz schön sauer, wenn ein Junge versucht, mich zu küssen. Er hat mir schon gesagt, dass er mir Verabredungen mit Jungs erst erlauben wird, wenn ich fünfundvierzig bin. Als ob ich darauf scharf wäre!“

„Kein Wort werde ich davon sagen“, versprach Ariel todernst.

„Ich will meine Haare genauso wachsen lassen wie du. Und Ohrringe tragen wie du. Mit den Ohrringen muss ich aber noch ein bisschen warten, sagt Dad.“

Die Hälfte des Geplauders der Kleinen bestand aus dem, was ihr Dad sagte oder meinte. Ariel stellte sich Josh vor, wie er das unablässige Plappern des Kindes ertrug. Sie selber sparte freilich nicht mit Lächeln oder Lachen. Sie hatte ja im Moment nichts Wichtiges zu tun. Es war so leicht, dem Kind die weibliche Gesellschaft zu geben, nach der es sich so sehr sehnte.

Als Killer gegen drei Uhr den Laden verließ, hatte sie frisch geflochtene Zöpfchen und in einem Beutelchen den Vierteldollartrick – zum Diskontpreis, versteht sich.

Eine Viertelstunde später entdeckte Ariel, dass ihr ein Kristalldrache mit Rubinaugen fehlte.

Blitze zuckten über den schwarzen Himmel. Der Regen kam in stürmischen Sturzbächen herunter. Nach fünf Tagen mörderischer Hitze war der Regen wie eine Erlösung, aber Josh war bis auf die Haut durchnässt, nachdem er von seinem Wagen zu Ariels Haus und dann die Hintertreppe herauf gerannt war. Das Wasser lief ihm am Hals herunter, als er vor Ariels Wohnungstür stand. Noch zögerte er, bei ihr anzuklopfen.

Eigentlich war es ihm schrecklich unangenehm, zu ihr gehen zu müssen.

Killer hatte ihm erzählt, dass Ariels Wohnung direkt über dem Geschäft lag. Jetzt sah er, dass hinter den Gardinen Licht war. Also war sie zu Hause. Es war schon nach acht Uhr abends. Er hatte mit seinen Kindern Abendbrot gegessen, mit ihnen herumgespielt und diesen Besuch so lange vor sich hergeschoben, wie es nur ging. Aber wenn er noch später zu Ariel gekommen wäre, hätte er sie vielleicht geängstigt. Eine alleinstehende Frau und so später Besuch, das wäre unpassend gewesen. Aber kurz nach acht, meinte Josh, war gerade noch erlaubt.

Er biss die Zähne zusammen und klopfte hart an die Tür.

Die Eingangsbeleuchtung ging an. Er hörte, wie Ariel drinnen aufschloss und den Riegel zurückschob. Josh spannte alle seine Muskeln an und straffte seine Schultern, noch ehe Ariel die Tür öffnete.

„Josh?“ Es klang wie eine Frage, aber sie schien durchaus nicht überrascht, ihn zu sehen. Lachend musterte sie ihn und sagte: „Große Güte, sind Sie aber nass! Kommen Sie bloß schnell herein, ehe Sie dort draußen ertrinken.“ Dabei spähte sie an ihm vorbei in die Dunkelheit, wo sie offenbar noch jemanden vermutete.

„Killer ist nicht mitgekommen. Sie hat für den Rest ihres Lebens Hausarrest“, informierte er sie.

„Oh.“

Ariels belustigtes Schmunzeln entwaffnete ihn. Vielleicht hatte sie den letzten Ladendiebstahl seiner Tochter noch gar nicht entdeckt. Ob sie es wusste oder nicht – Josh wollte diese Begegnung so schnell wie möglich hinter sich bringen. Zu seiner Bestürzung hatte er gesehen, dass sie bereits einen Schlafanzug anhatte – einen hübschen Pyjama aus weinroter Seide. Als er ihr zum ersten Mal begegnet war, hatte sie das Haar aufgesteckt getragen, aber jetzt fiel es ihr sorgfältig gebürstet lang über die Schultern, eine gold glänzende Pracht, die ihr bis zu den Hüften reichte.

Er blickte schnell weg und holte ein Päckchen aus der Jackentasche. „Ich glaube, dieses Drachendingsda gehört Ihnen.“

„Ja, ich fürchte, so ist es.“ Sie sah ihn mit ihren sanften grünen Augen an. „Ich hatte es sofort gemerkt, nachdem das Kind den Laden verlassen hatte.“

„Sie wussten es?“

„Ja. Ich habe überlegt, was ich tun sollte. Ich wollte nicht, dass die Kleine noch mehr bestraft wird.“ Ariel hielt inne. „Wollen Sie nicht erst einmal für ein paar Minuten hereinkommen? Ich habe heißen Kaffee da. Möchten Sie einen Schuss Brandy hinein?“

„Ich …“ Er hatte nicht im Traum daran gedacht, in ihre Wohnung gebeten zu werden, schon gar nicht, da Ariel sich schon bettfertig gemacht hatte. Aber das nette Angebot mit dem Kaffee stimmte ihn um. Sie hätte ja auch stinkwütend sein, ja, sogar bei der Polizei Anzeige erstatten können. Wie um alles in der Welt sollte er sich nun verhalten? Es war wirklich nicht ganz einfach, alleinerziehender Vater eines kleinen Mädchens zu sein, das zum Stehlen neigte. „Ich möchte Sie wirklich nicht aufhalten. Ich wollte nur diese Kristallfigur zurückbringen und mich bei Ihnen entschuldigen.“

„Ich verstehe schon … aber Sie machen sich doch wohl Sorgen um Ihre Tochter, oder? Vielleicht hilft es Ihnen, wenn wir darüber sprechen.“

Das bezweifelte Josh. Über Probleme zu reden war nach seiner Ansicht völlig nutzlos. Andererseits schuldete er Ariel eine Erklärung für die kleptomanischen Anfälle seiner Tochter. Außerdem wollte er nicht, dass sie dachte, er sei ein Vater, der sich einen Teufel darum scherte, was seine Kinder anstellten.

Ein wenig verlegen betrat er ihre Wohnung. Ariel nahm ihm die nasse Jacke ab. Er musste die Stiefel ausziehen, um keinen Schmutz von draußen in die Wohnung zu tragen. Dann bekam er eine zierliche Porzellantasse in die Hand gedrückt, in der irgendein besonders aromatischer Kaffee duftete. Ein Schuss Brandy krönte das Ganze.

„Kommen Sie doch ins Wohnzimmer, da sitzt es sich gemütlicher“, sagte Ariel freundlich.

Er nahm einen großen Schluck des Gebräus, während er ihr ins Wohnzimmer folgte. Im Stillen hoffte er, dass der Brandy beruhigend auf seine Nerven wirken würde. Leider war dem nicht so. Allmählich begriff er, dass er in Ariels Gegenwart keinerlei Chance hatte, sich zu beruhigen. Sie war viel zu aufregend für ihn.

„Ich bin ganz vernarrt in Ihre Tochter.“ Ariel machte es sich in einer Ecke der Couch bequem und wies auf den ihr nächststehenden Sessel. Ihr Lächeln wirkte ehrlich und warmherzig auf ihn. Und es war genau dieses Lächeln, das ihm das Sprechen mit ihr leichter machte, als er es erwartet hatte.

„Sie ist auch ganz besessen von Ihnen. Alles, was sie in der vergangenen Woche zu Hause geredet hat, waren Worte von Ihnen. Verstehen Sie das bitte nicht falsch. Aber ich glaube, ihr plötzlicher Hang zum Stehlen liegt zum großen Teil in der Zuneigung begründet, die sie zu Ihnen gefasst hat.“

Ariel nickte nachdenklich. „Ich habe das Gefühl, was ihr wirklich fehlt, ist die Gesellschaft einer Frau.“

„Das stimmt. Sie hat den Verlust ihrer Mutter sehr schwer genommen und noch nicht verkraftet. Ich habe zwei Buben …“

„Sie hat mir von ihren Brüdern erzählt.“

Josh rieb sich das Kinn. „Nancys Fortgang, die Scheidung, das war alles nicht leicht für die Kinder. Killer hat sich am schwersten damit getan – bis heute. Aber das ist natürlich keine Entschuldigung fürs Stehlen. Sie weiß das ganz genau. Aber Sie sollten nicht glauben, sie sei ein missratenes Kind. Sie ist nicht schlecht. Sie ist …“ In seinen Augen war die Kleine fast perfekt. Natürlich war sie eine kleine Nervensäge, aber dennoch war sie ein Glanzpunkt in seinem Leben. Die Frage war nur, wie sollte ein erwachsender Mann das alles in Worte fassen?

„Ich habe auch nie angenommen, dass sie ein schlechtes Kind ist, Josh“, meinte Ariel beschwichtigend. „Ich erinnere mich sehr wohl daran, dass ich in demselben Alter einmal ein Päckchen Kaugummi stibitzt habe.“

„Na ja, das ist doch was etwas anderes, so ein Päckchen Kaugummi zu klauen, als solch kostspielige Dinge mitgehen zu lassen – wie viel kostet übrigens dieser Kristalldrache?“

„So um die sechzig Dollar herum. Aber ich glaube nicht, dass sie irgendwelche Wertvorstellungen davon hat. Für sie war es sicher nur einfach irgendwas Hübsches, das ihr gefiel. Bestimmt sind Drachen ihr aus Märchenerzählungen vertraut. Übrigens – der Sessel geht nicht kaputt davon, wenn Sie sich darin gemütlich zurücklehnen“, setzte Ariel scherzhaft hinzu.

Doch der Sessel war momentan das Letzte, worum er sich Sorgen machte. Als Ariel nicht sofort in ihr Schlafzimmer geeilt war, um sich einen Morgenrock zu holen, wurde ihm klar, dass ihr weinroter Anzug kein Pyjama, sondern ein Hausanzug war und eher leger als sexy.

Josh bemühte sich, nicht an die reizenden Rundungen zu denken, die sich unter dem weichen, glänzenden Stoff abzeichneten. Ja, fast versuchte er, Ariel mit den Augen eines Mönches zu sehen. Nur – zum Mönch taugte er wenig, und trotz aller Selbstbeherrschung blieb ihre verführerische Ausstrahlung auf ihn nicht ohne Wirkung.

Sie war wirklich eine ganz besondere Frau, und genauso ungewöhnlich war ihre Wohnung.

Das Haus war gut und gerne hundert Jahre alt, und bei so hohen Zimmerdecken mussten die Heizungskosten astronomisch hoch sein, zumal es durch die altmodischen Fenster bestimmt zog. In einer Ecke gab es einen Kamin aus Marmor – mit kleinen Rissen –, einer von jenen, die sorgfältig gepflegt werden müssen, damit der Wind nicht hindurchblies. Sicherlich waren die elektrischen Leitungen auch schon so alt und defekt, dass bei Ariel gelegentlich die Beleuchtung ausfiel. Josh war sich darüber klar, dass er all dies von seinem typisch männlich-handwerklichen Standpunkt aus sah, in Wahrheit aber versuchte er nur, seine abenteuerlichen Gedanken über Ariel zu unterdrücken.

Der hellblaue Teppichboden war weich wie ein Schwamm. Das Sofa und die Sessel schmückten Kissen in derselben Farbe. Eine Stehlampe hatte einen Fransenschirm, die andere, hinter Ariels Kopf, war im Tiffany-Stil gehalten, auf dem Schirm prangten rote Rosen vor einem himmelblauen Hintergrund. Kerzen standen überall auf den Tischchen, keine unbenutzten, stellte Josh fest, sondern Duftkerzen, die sie offenbar oft anzündete, wie man an dem heruntergelaufen Wachs sehen konnte. Auf dem Kaminsims stand eine Kristallkugel, eine von der Sorte, wie sie die Wahrsagerinnen benutzen. Die sanften Farben des Raums spiegelten sich in der Kugel und warfen leuchtende Reflexe.

Nichts war hier grell. Nichts war laut. Hier lagen keine Fußbälle herum, es gab auch keinen Puppenwagen, über den man stolperte, kein Videospiel piepte schrill. Hier war jeder Duft, jeder Stoff und jedes Geräusch von eindeutiger Sinnlichkeit – genau wie die Frau, die hier lebte.

Es ist ja nicht ihre Schuld, sagte sich Josh immer wieder, dass sie so aussieht wie die lüsterne Fantasie eines Mannes von einer Traumgeliebten. Die langen Beine hatte sie sicherlich von ihren Eltern geerbt. Blonde Haare zu haben war wohl auch ganz selbstverständlich in ihrer Familie. Sie brauchte sich wohl auch nicht anzustrengen, um so sexy zu wirken. Sie trug keine spezielle Frisur, die womöglich noch mit klebrigem Haarspray gefestigt werden musste. Ihre Haare waren so seidig und so lang, dass Männer sich gern vorstellten, zärtlich mit den Händen hindurchzufahren. Außerdem trug sie einen goldenen Anhänger an einer Kette – nichts Großes oder Auffälliges, aber das kleine Schmuckstück war so perfekt zwischen ihre vollen Brüste gebettet, dass Josh nicht den Blick vom Ausschnitt ihres Oberteils wenden konnte – besonders, als sie sich direkt über ihn beugte.

„Noch ein bisschen Kaffee?“

Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass sie die Kaffeekanne in der Hand hielt. „Vielleicht noch eine Tasse auf die Schnelle“, antwortete er und wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Er wünschte, er hätte nicht „auf die Schnelle“ gesagt.

„Auch noch einen Schuss Brandy?“

„Nein danke.“ Wenn der Brandy daran schuld war, dass er ein solch starkes Verlangen nach ihr spürte, dann wollte er lieber nicht noch mehr davon trinken. Er hätte sich am liebsten selber in den Hintern getreten für seine Empfindungen. Sicher, er war seit einer Ewigkeit nicht mehr mit einer attraktiven Frau allein gewesen, aber er wusste schließlich genau, wie man sich Ladys gegenüber zu benehmen hatte. Er war ein mit beiden Beinen auf dem Boden stehender Handwerker und wusste sehr wohl, wann eine Frau ganz und gar nicht zu seinesgleichen gehörte.

Sie schenkte ihnen beiden noch einmal Kaffee ein, setzte sich wieder aufs Sofa und zog die Beine unter sich. „Killer hat mir nicht erzählt, was Sie beruflich tun …“

„Ich bin Elektroinstallateur“, erwiderte er. Sie sah ihn so intensiv an, als interessiere sie das sehr. Aber Josh konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau, die zu Hause eine Kristallkugel im Wohnzimmer hatte, etwas über Stromkreise oder das Verlegen von Leitungen hören wollte. Er riss sich zusammen, nun musste Schluss sein mit seinem verlegenen Herumgestottere. „Haben Sie dieses Geschäft schon lange?“, fragte er.

„Treasures? Seit fast vier Jahren.“ Sie lächelte. „Ich glaube, Sie haben neulich auch meine Partnerin gesehen … die große Frau mit der Bifokalbrille und der herrlichen mokkafarbenen Haut. Sie heißt eigentlich Dorothy, wird aber immer nur Dot genannt.“

Er erinnerte sich an diese Amazone. Als er damals in den Laden gekommen war, hatte sie ihn so nachsichtig behandelt wie einen Bauarbeiter, der sich verlaufen hat. „Sie scheint Sinn für Humor zu haben.“

„Sie ist fabelhaft. Wir sind uns vor Ewigkeiten bei einer Schmuckauktion begegnet und haben uns auf Anhieb gut verstanden. Ich habe früher als Silberschmiedin gearbeitet und habe Schmuck entworfen, aber es reichte nicht für meinen Lebensunterhalt. Ich kannte mich mit Schmuck gut aus, und sie ist eine Geschäftsfrau. Als dieses Haus vor vier Jahren zum Verkauf stand, beschlossen wir beide, es gemeinsam mit diesem Laden zu versuchen.“

„Geht das Geschäft gut?“

„Es läuft besser als bei den meisten anderen Geschenkeläden, glaube ich. Die Lage ist günstig, und wir haben die Personalkosten niedrig gehalten. Außer Dot und mir arbeitet noch ein Mann stundenweise bei uns. Unikate sind unser Hauptgeschäft. Selbst in schlechten Zeiten können doch die meisten Frauen einem neuen Armreif oder einem Paar Ohrringe nicht widerstehen. Ich könnte es auch nicht. Und all diese Dinge, denen ich selber nicht widerstehen könnte, habe ich auch auf Lager“, fügte sie scherzhaft hinzu. „Jedenfalls kommen wir klar, auch wenn wir nicht gerade Millionen auf die Bank bringen.“

„Sie scheinen Kinder sehr zu mögen.“ Josh hatte nun fast seine Scheu vor ihr überwunden. Seine letzte Bemerkung ließ Ariels Gesicht geradezu aufleuchten.

„Ich bin verrückt nach Kindern. Ich wollte, ich hätte selber ein Dutzend, aber ich behelfe mich damit, Nichten und Neffen von Verwandten zu erbetteln, auszuleihen oder gar zu kidnappen, wenn sich eine Gelegenheit dazu ergibt.“

„Stammen Sie aus einer großen Familie?“

„Wenn ich Ihnen sagen würde, wie groß, würden Sie es mir nicht glauben. Meine Mutter ist viermal geschieden, und mein Vater zum dritten Mal verheiratet. Das alles hat mir nun nicht gerade das größte Vertrauen in die Einrichtung der Ehe eingeflößt, aber immerhin habe ich im Lauf der Zeit eine Unmenge von Verwandten angesammelt. Ich habe inzwischen so meine eigenen Ideen darüber entwickelt.“

„So?“ Josh hatte keine Ahnung, worauf sie hinauswollte, aber wenn dabei ihre Augen so leuchteten und glänzten, war er bereit, sich alles anzuhören.

„Als Kind konnte ich nie begreifen, wieso ich all meine Verwandten verlieren sollte, weil es eine Scheidung gegeben hatte. Es waren doch meine Eltern, die sich scheiden ließen, nicht ich. Drum beschloss ich, diejenigen Verwandten zu behalten, die ich gern hatte. Meine Tante Betty, zum Beispiel, war eine Blutsverwandte, aber sie war ein Scheusal. Als sie sich von meinem Onkel Harry scheiden ließ, behielt ich ihn als Onkel. Und die Eltern des zweiten Ehemannes meiner Mutter, die habe ich einfach als Ehrengroßeltern behalten. Und außerdem gibt es Leute wie Jeanne – eine Schriftstellerin –, die eine Nichte von meines Vaters erster Frau ist … Jetzt staunen Sie, Josh. Verwirrt Sie das alles ein bisschen?“

„Ich versuche nur, mir vorzustellen, wen Sie da alles zum Essen an einem Feiertag einladen“, sagte er trocken. „Die Idee, Verwandte zu behalten oder fallenzulassen, so ganz nach Lust und Laune, ist schon etwas … ungewöhnlich.“

„Ja, das Familienleben ist doch nicht mehr das, was es einst war. Und da das nun einmal so ist, müssen wir uns fürs Atomzeitalter eben neue Arten von Familien schaffen. Sie sind ja auch geschieden, also wissen Sie auch, wie schwierig es mit Kindern sein kann, wenn Geburtstage oder Feiertage kommen – welche Extanten und Exonkel man einladen soll …“

„O ja, das ist ganz schön kompliziert.“ Aber nun kreisten Joshs Gedanken zum ersten Mal seit Langem nicht um seine Kinder. Jetzt hatte er nur noch Ariel im Kopf.

Ganz entfernt war ihm noch der Grund bewusst, der ihn zu ihr geführt hatte, nämlich über Killer zu reden. Und ganz vage entsann er sich, dass zu Hause ein Inferno von Hausarbeit und Lärm auf ihn wartete. Dennoch hatte er es sich hier bei Ariel richtig bequem gemacht. Das trauliche Lampenlicht, die Stille und die sanften Blautöne des Zimmers gaben ihm das seltsame Gefühl, verzaubert und ganz weit weg zu sein. Wann hatte er sich zum letzten Mal so friedlich und gelassen mit einer Frau unterhalten? Wann hatte sich das letzte Mal eine Frau in seiner Gegenwart in die Sofaecke gekuschelt, ihm zugehört und sich ihm gewidmet, als sei sonst auf der Welt nichts anderes von Interesse?

„Schwer zu glauben für mich, dass Sie das wirklich ernst meinen. Sicher sind die Aussichten heute nicht mehr allzu groß, dass ein Paar wirklich auf Dauer zusammenbleibt. Nachdem ich gerade eine Scheidung hinter mir habe, kriege ich schon Gänsehaut, wenn ich nur an Eheringe denke. Aber Sie müssen doch irgendwann einmal in Versuchung gewesen sein zu heiraten. Schon deshalb, weil Sie Kinder so lieben …“

„Ich will Kinder haben, ja, sicher. Aber ich würde niemals nur aus diesem Grund heiraten wollen. Eine unverheiratete Mutter zu sein, ist doch heutzutage keine Schande mehr. Natürlich ist es für ein Kind besser, sowohl eine Mutter als auch einen Vater zu haben, aber ein Ehering garantiert das doch auch nicht mehr.“

Josh fing an, mit Ariel über dieses Problem zu diskutieren. Eigentlich verrückt, zumal wohl niemand besser wusste, wie wenig Beständigkeit ein Paar Eheringe garantierten. Aber es machte ihm Spaß, über das Für und Wider einer Ehe mit ihr zu debattieren. Nach einer Weile kamen sie von dem Thema ab und sprachen über Politik – und da konnten sie sich nun überhaupt nicht einig werden. Ariel hatte sehr liberale Ansichten über das Leben und die Liebe und war sozial engagiert, was er auch nicht anders erwartet hatte. Aber sie stritten sich auch nicht regelrecht. Immer wieder brach sie in Gelächter aus und brachte auch ihn zum Lachen. Josh war nicht ganz klar, ob sie alles, was sie sagte, wirklich ganz ernst meinte. Aber darauf kam es auch gar nicht mehr an. Dies war seit einer Ewigkeit das erste Mal, dass er nicht über unbezahlte Rechnungen, seine Arbeit oder seine Kinder nachgrübelte.

Als er dann zufällig auf seine Armbanduhr sah, bekam er einen Schreck. Fast zwei Stunden saß er nun schon hier!

Abrupt sprang er auf. „Du liebe Güte – ich hab’ gar nicht gemerkt, wie spät es schon ist. Ich wollte Sie doch nicht den ganzen Abend aufhalten.“

„Kein Problem. Es war nett, sich mit Ihnen zu unterhalten.“

„Ja, mir hat es auch Spaß gemacht.“

Erst jetzt wurde er sich dessen bewusst, wie viel Freude er in den zwei letzten Stunden gehabt hatte, und das beunruhigte ihn.

Er folgte Ariel durch die Küche, die ganz in Blau und Weiß gehalten war, zum kleinen Flur.

„Ich hole Ihnen Ihre Jacke. Hoffentlich ist sie inzwischen trocken geworden.“ Ariel sah hinaus in die stockfinstere Nacht. „Es regnet noch immer ein bisschen. Aber ich habe schon seit einer Weile kein Donnern mehr gehört. Das Schlimmste scheint vorbei zu sein.“

Sie nahm seine Jeansjacke vom Garderobenständer und hielt sie ihm lächelnd hin.

„Danke“, sagte Josh. Schnell hatte er seine Stiefel wieder angezogen und war in seine Jacke geschlüpft. Er wollte zur Klinke greifen und gehen. Ein umständlicher Abschied war nicht nötig.

Aber er blieb doch noch stehen, aus welchem Grund auch immer. Ganz nahe bei ihr … geradezu gefährlich nahe. Auf ihren nackten Füßen reichte Ariel ihm nur bis zur Nase. Umflossen vom schwachen Licht, das von der Spülbeckenbeleuchtung auf den Flur fiel, erschien ihr Gesicht nun irgendwie noch sanfter. Weibliche Düfte umgaben sie. Nicht nur einer, sondern eine ganze Mischung – Mango von ihrem Shampoo, Pfirsich von ihrer Hautcreme und außerdem der exotische Geruch ihres Parfüms.

Als er vor zwei Stunden in ihre Wohnung gekommen war, hatte ihm die Zunge am Gaumen geklebt vor Verlegenheit. Nun, nachdem er so lange mit ihr zusammen gewesen war, sah er sie nicht mehr als Märchenfee. Er registrierte kleine Unvollkommenheiten an ihr, wie jeder Mensch sie hat. Zum Beispiel hatte er entdeckt, dass sie blass war – zu blass für seinen Geschmack. Außerdem hatte sie eigentlich ein ganz normales, gewöhnliches Kinn. Es hatte ihn erleichtert zu sehen, dass Ariel doch nicht völlig perfekt war. Mit einem Supermodel wäre auch keine normale Unterhaltung zu führen gewesen. Sicher, die langen Beine, die reizenden Rundungen, die aufregenden grünen Augen, das alles war immer noch da. Aber irgendwie erschien sie ihm jetzt weniger entrückt … wirklicher.

Und so wie sie ihn jetzt anschaute, schien es ihr mit ihm ähnlich zu gehen. „Sie werden doch Killer nicht tatsächlich für den Rest ihres Lebens unter Hausarrest stellen?“, fragte sie ihn.

„Ich weiß noch nicht, was ich mit ihr machen soll“, meinte er trocken. „Aber danke dafür, dass Sie ihr nicht böse sind, weil sie Sie schon wieder bestohlen hat. Und außerdem … danke fürs Zuhören.“

„Kein Problem“, erwiderte Ariel liebenswürdig.

>„Nun dann … gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Er legte die Hand auf die Türklinke. Ariel auch. Ihre Hände berührten sich, und sie lächelten verlegen.

Beide zogen gleichzeitig ihre Hände zurück, um dem anderen das Öffnen zu überlassen, und beide mussten darüber wieder lächeln.

Dann begegneten sich ihre Blicke. Und nun ereignete sich das Allerseltsamste.

3. KAPITEL

Den ganzen Abend hatte Josh das verrückte Gefühl gehabt, es sei irgendwie gefährlich und leichfertig, mit Ariel allein zu sein. Seine sechsjährige Tochter konnte dem Zauber dieser Frau nicht widerstehen. Er selber war zwar nicht mit Kristallkugeln oder Kartenkunststücken zu beeindrucken, aber ihm war auf mysteriöse Weise bewusst, dass von Ariel eine Art Zauber ausging. Ein gefährlicher Zauber, denn eines war ihm klar: Sie hatte ihn eindeutig in ihren Bann gezogen.

Allein schon aus diesem Grund wäre er nie auf die Idee gekommen, sie zu küssen. Er hätte es vor Gericht beschwören können, dass er nicht im Entferntesten daran gedacht oder das etwa geplant hätte. Es war doch wohl jedem normalen Mann bewusst, dass es zwischen einem Streichholz und Benzin eine eindeutige Beziehung gab. Und wenn keiner ein Streichholz anriss, dann brauchte man sich auch nicht um die Folgen einer Feuersbrunst Sorgen zu machen.

Hier gab es keine Streichhölzer. Hier gab es nur diesen Augenblick – einen völlig unverfänglichen Augenblick –, als sie beide in der halbdunklen Küche vor der Tür standen. Ariel sah zu ihm auf, und ihre Blicke trafen sich für eine Sekunde.

Natürlich glaubte Josh nicht an die Existenz von „geheimnisvollen Seelengefährten“. Aber dennoch ließ es sich nicht leugnen, dass in dieser einen Sekunde etwas mit ihm geschah. Etwas Wahnsinniges, etwas, das ihn dazu brachte, seine Hand zu heben und sacht Ariels Wange zu berühren. Und als sie dann den Kopf in den Nacken legte, beugte er sich zu ihren Lippen, als wäre das ganz selbstverständlich.

Ihre Lippen waren unglaublich zart, sanfter als eine laue Frühlingsbrise. Ihr Blick verschleierte sich, der klare grüne Farbton ihrer Augen verwandelte sich in ein rauchig-nebliges Grün. Dann schloss sie die Augen, als wolle sie diesen Kuss mit all ihren Sinnen erspüren. Ihre Lippen schmeckten süß. Es war, als glitte man sacht über Seide, wenn man sie berührte.

Hormone – dieses eine Wort schwirrte durch seinen Kopf. Er suchte bei sich nach Erklärungen für das plötzliche Aufwallen seines Verlangens. Oder steckte mehr dahinter als pure sexuelle Begierde? Nun, was es auch immer sein mochte, sein Körper reagierte in eindeutiger Weise auf Ariel.

Dennoch hatte dieser verrückte, wilde Kuss nichts von Lüsternheit. Es war wie ein tastendes, erregendes Eingeständnis der Sehnsucht und der Einsamkeit.

Seine Einsamkeit war ihm ja immer klar gewesen. Er hatte ihr nur jeden Vorrang genommen, sie war ein Problem, mit dem er sich erst wieder befassen wollte, wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren und er mehr Zeit für sich hatte. Doch durch Ariel wurde dieses Problem wieder in den Vordergrund gerückt.

Wie viele Nächte hatte er schon allein verbracht? Wie oft hatte er sich damit getröstet, dass es irgendwann einmal wieder jemanden geben würde, mit dem er sprechen und zusammen sein konnte? Wie glücklich konnte ein Mann sein, wenn er eine Frau hatte, der er etwas bedeutete! Eine solche Beziehung schenkte einem Selbstvertrauen, und man fühlte sich allen Schwierigkeiten gewachsen …

An Luxus, wie ihn diese Frau verkörperte, war Josh nicht gewohnt. Die Seide ihres Hausanzugs raschelte leise, wenn der grobe Stoff seiner Jeansjacke sich daran rieb. Seine schwieligen Hände waren ein krasser Gegensatz zu ihrer samtweichen Haut. Er konnte den Puls an ihrem Hals spüren, dort, wo die kleine Ader sich unter der Haut abzeichnete. Josh fühlte sich, als wäre die ganze Welt auf einmal in Zeitlupentempo versetzt worden, als schenke ihnen das Leben plötzlich Raum und Zeit, sodass es in diesem Augenblick nichts anderes gab als sie beide und diesen Kuss – ein Kuss, den keiner von ihnen beenden mochte.

Er hatte sich gefragt, was für ein Gefühl es wohl wäre, wenn er ihr mit den Händen durch das wunderbare Haar fuhr. Jetzt wusste er es. Es war betörend und gefährlich, so wie es gefährlich ist, einer Sirene zu lauschen, weil die Sehnsucht nach ihr jeden Mann unweigerlich in den Untergang treibt.

Ariels Hände glitten über seine Jacke, und sie schlang zärtlich die Arme um seinen Hals.

Von irgendwoher duftete es nach Blaubeerkuchen. Irgendwo hörte Josh eine Uhr ticken. Ein Kleiderbügel presste sich von hinten zwischen seine Schulterblätter, was ihm höchst seltsam erschien, doch ihm war alles egal. Ariel erwiderte seinen Kuss, als sei sie seit undenklichen Zeiten keinem Mann mehr begegnet, der ihr etwas bedeutete. Seine Instinkte waren plötzlich die eines Höhlenmenschen, aber selbst diese ursprünglichen, männlichen Gefühle überdeckten nicht sein Wissen, dass er in seinem ganzen Leben noch nie eine Frau so geküsst hatte wie sie. Der Druck ihrer vollen Brüste erzeugte in ihm Hitze und gleichzeitig den dringenden Wunsch, sie zu beschützen. Ihre Haut war warm und glatt. Ihr Duft, ihr Körper und ihre Berührung überwältigten seine Sinne wie eine verführerische erotische Explosion.

Josh versuchte, tief Luft zu holen.

Aber in diesem Raum schien es keinen Sauerstoff mehr zu geben.

Auch Ariel holte zitternd Luft. Dann schlug sie die Augen auf und lächelte ihn an, als erwache sie aus einem Traum. „Josh?“

Was wollte sie von ihm? Ihre Stimme war gedämpft und klang ein wenig scheu. Verletzbar war Ariel, ganz sicher. All ihre Anti-Ehe-Sprüche und ihr ungeniertes Umherspazieren im pyjamahaften Hausanzug konnte man getrost vergessen. Was sie gerade getan hatte, machte sie gewiss nicht jeden Tag.

Und er erst recht nicht.

Langsam löste er seine Hände aus ihren Haaren, strich eine Strähne aus ihrem Gesicht und fuhr mit seinen Lippen über ihre Augenbraue. Dieser leichte Kuss war wie eine Geste tröstlicher Zärtlichkeit, nicht etwa eine Entschuldigung. Er konnte sich ja nicht für etwas entschuldigen, was ihm nicht leidtat. Jedoch konnte Josh auch nicht über etwas sprechen, das er nicht erklären konnte.

Sie schien das zu begreifen, schien aber auch nicht gewillt, etwas zu sagen, denn sie lächelte nur und öffnete die Tür.

Draußen herrschte immer noch kühler Nieselregen. Josh schlug den Jackenkragen hoch und stieg die nasse, schwarze Metalltreppe hinab. Vom Connecticut River wehten Düfte herüber; ein vorüberfahrender Wagen spritzte Wasser aus einer Pfütze hoch. Das war das einzige Geräusch. Die ganze Stadt war dunkel und still. Der weiße Kirchturm der Congregational Church und die spitzen Häusergiebel waren ein vertrauter Anblick, alles schien wie frisch gewaschen in dieser Nacht. Die Straßenlaternen umgab ein regenbogenartiger Schimmer, als Josh nun auf den feuchten, kühlen Sitz seines offenen Broncos kletterte. Er fischte den Zündschlüssel aus seinen Jeans und startete den Wagen.

Wieder holte er tief Luft. Aus irgendeinem verrückten Grund wollte das Gefühl der Verzauberung nicht von ihm weichen. An den Sternenstaub von Feen glaubte Josh nicht. Aber er hatte auch nichts dagegen, einmal einen kurzen, einzigartigen Ausflug in die Unvernunft gemacht zu haben – das konnte sich doch wohl jeder Mann einmal leisten. Und sexuelle Fantasien, die hatte wohl jeder Mann von den Tagen seiner Pubertät an. Allerdings hätte Josh nie geglaubt, dass es ihn einmal so schlimm erwischen würde wie jetzt. Doch eigentlich war das kein Wunder. Wenn schon Ariels atemberaubendes Aussehen und ihre Sinnlichkeit jeden normalen Mann in die Knie zwangen, so mussten ihre Offenheit und ihre ungezwungene Art des Zuhörens, als sei er das einzige männliche Wesen im ganzen Kosmos – und dann natürlich die Glut ihres Kusses –, einen vollends in Verwirrung bringen.

Nein, seine Empfindungen waren eigentlich kein Grund zur Panik. Es war nur einfach so, dass Josh etwas Derartiges noch nie im Leben passiert war.

Er bog bei der Verkehrsampel um die Ecke, fuhr die Maple Street einen Block weiter und lenkte das Fahrzeug schließlich den Hügel hinauf zu seinem Haus. Wäre das Gewitter nicht gewesen, dann hätte er auch zu Ariels Haus laufen können. Mit dem Wagen waren es nur fünf Minuten.

Die Kinder hatten das Licht angelassen. Das taten sie jedes Mal, wenn er nicht zu Hause war. Die Stromrechnung für diesen Monat würde wahrscheinlich eine Rekordhöhe erreichen. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, schloss den Wagen ab und ging zur Hintertür. Er kehrte wieder in die Realität zurück. Langsam zwar, aber der gesunde Menschenverstand hatte ihn noch nie für längere Zeit verlassen.

Die Verrücktheit eines Augenblickes war verständlich, solange ein Mann sie nicht mit der Wirklichkeit verwechselte.

Die Realität war, dass er drei schwierige Kinder hatte, einen Beruf, der seinen hundertprozentigen Einsatz forderte, und einen Stundenplan, der jegliche Freizeit ausschloss, und dass er gerade eine scheußliche Scheidung hinter sich hatte. Was würde Ariel in einem chaotischen Haushalt mit dreckigen Handtüchern, schmutzigem Geschirr und einem diebischen Knirps zu suchen haben? Josh konnte sie sich einfach nicht in diesem Wirrwarr vorstellen. Keine Frau, die auch nur ein Fünkchen Verstand besaß, würde sich das wünschen.

Wie er es auch drehte und wendete, in seiner Lage konnte er keine Frau bitten, sein Leben mit ihm zu teilen.

Daran ließ sich leider nichts ändern.

Ariel war ganz sicher, dass Josh anrufen würde. Drei herrliche Tage lang schwebte sie wie auf Wolken und war von prickelnder Erregung erfüllt wie bei einem Champagnerrausch.

Nicht dass sie irgendetwas Großartiges erwartet hätte – jedenfalls nicht von Männern oder Beziehungen. Obwohl sie ihr ganzes Leben lang an Wunder geglaubt hatte, war es keineswegs so, dass sie den Unterschied zwischen Fantasie und Wirklichkeit nicht kannte. Sie hatte kein Vertrauen zu jenem „Für immer“, aber das hinderte sie nicht, jene seltenen, wahrhaft magischen Augenblicke spontaner Verliebtheit zu genießen.

Der Abend mit Josh war zauberhaft gewesen. Sie zweifelte auch nicht daran, dass er das ebenso empfunden hatte. Zwischen ihnen war sofort ein Funke übergesprungen, das hatte sie deutlich gespürt. Anfangs war Josh linkisch und müde gewesen, aber dann hatte sie beobachtet, wie er sich immer mehr entspannte und sich ihr öffnete. Männer hatten sie schon oft mit unverhohlenem Verlangen angesehen. Bei Josh hatte sie jedoch überhaupt nicht das Gefühl, wie die Beute eines Jägers betrachtet zu werden. Die Erregung, die er bei ihr ausgelöst hatte, war von jener heimlich nervenkitzelnden Art, die sie liebte und keineswegs bedrohlich fand. Niemals hätte sie sich von ihm in die Arme nehmen lassen, wenn sie Angst vor ihm gehabt hätte. Sie konnte sich nicht entsinnen, jemals so geküsst worden zu sein wie von ihm. Es war, als ob sie sich im freien Fall von einem Stern in eine unbekannte, dunkle Tiefe stürzte, wo sie sich aber beschützt, begehrt und gleichzeitig verehrt fühlte.

Zugegeben, sie hatte in den letzten zehn Jahren einige Männer geküsst. Aber noch nie war ihr ein Kuss so absolut richtig und gut erschienen. Zwar wusste sie nichts von Joshs Empfindungen, aber sie war sich sicher, dass er diese Zärtlichkeit und Zuneigung niemals gezeigt hätte, wenn er nicht dieselben Gefühle gehabt hätte wie sie.

Dennoch hatte er am nächsten Tag nicht angerufen.

>Auch nicht am folgenden Tag.

Oder am Tag darauf.

Drei Tage waren inzwischen vergangen, und Ariels freudige Erregung war verflogen. Ganz offenbar hatte sie sich geirrt. Wie peinlich! Die Einzige, die jenes himmelstürmende Gefühl gehabt hatte, war anscheinend nur sie gewesen. Auch wenn die Erkenntnis noch so sehr schmerzte: Es war klar, dass er kein Interesse an ihr hatte.

Das Telefon läutete, aber sie hob nicht ab. Neue Ware war gerade eingetroffen. Sie stand bis zum Hals zwischen auszupackenden Kisten und Kästen, und Dot war ja draußen im Laden und würde sicher ans Telefon gehen.

Ein paar Sekunden später steckte Dot den Kopf in die Tür. „Für dich. Es ist Mason.“

Ariel wischte sich die schmutzigen Hände an einem Tuch ab und nahm den Hörer ab. Mason war ein Professor für Englisch in Boston, mit dem sie einst einen Versuch gestartet hatte, ein „Für immer“ zuwege zu bringen. Drei Jahre lang hatten sie zusammengelebt. Ebenso wie ihre anderen Beziehungen hatte auch diese den Rausch der ersten Verliebtheit nicht überstanden, aber sie hatten es geschafft, auch nach der Trennung Freunde zu bleiben.

„Ich habe seit Wochen nichts von dir gehört, Mason. Was hast du denn so getrieben?“

Er berichtete von seiner aufregenden Liebesaffäre mit einer Frau namens Suzanna, wegen der er sogar seine Arbeit vernachlässigte. Er nahm ab, konnte nicht essen, hatte schlaflose Nächte und konnte sich manchmal kaum seines eigenen Namens entsinnen.

„Das hört sich ja wundervoll an. Muss ja eine tolle Frau sein“, bemerkte Ariel. Den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, nahm sie sich eine Dose Limonade aus dem Kühlschrank und riss den Verschluss auf. „Ich will nicht hören, wie bezaubernd sie ist. Wen kümmert’s? Ist sie lieb? Was macht sie, wie seid ihr euch begegnet, und was habt ihr schon gemeinsam unternommen?“

Ariel hatte nie so ganz verstanden, warum sie stets die Ratgeberin für Liebeskranke war, zumal sie nie ein Geheimnis daraus gemacht hatte, wie sehr sie ihr Single-Dasein zu schätzen wusste. Während Mason ihr die Geschichte in allen Einzelheiten erzählte, trank sie in aller Ruhe ihre Limonade.

Plötzlich merkte Ariel, dass sie nicht mehr allein war. Josh hatte sie ganz offenbar aus seinem Gedächtnis gestrichen, seine Kinder hingegen keineswegs.

Killer stand da, auf einem Bein, ein Balanceakt, der ihr etwas zu tun gab, wenn sie warten musste. Die Tennisschuhe, die sie heute trug, waren mattrosa. Eines ihrer unordentlich geflochtenen Zöpfchen war mit einer grüngetupften Schleife versehen, und ihre Fingernägel waren grell rot lackiert, allerdings war der Lack schon größtenteils abgekaut. Erwartungsvolle schokoladenbraune Augen sahen zu Ariel hoch.

Hinter Killer standen zwei Jungen, starr wie Statuen. Ihr Erscheinungsbild war höchst ungleich, dennoch hatten die beiden einiges gemeinsam – zurückgekämmtes schwarzes Haar, aufgetürmte Tollen, schlaksige Arme und Beine und den angstvollen Gesichtsausdruck jugendlicher Unsicherheit. Ein Blick in ihre Augen genügte, um zu wissen, wer der Vater der Jungen war.

„Mason, ich rufe später wieder zurück, okay? Ich muss gerade dringend etwas tun.“ Sie legte den Hörer auf und wandte sich um. „Hallo, Süße!“

„Hi, Ariel. Hast du gemerkt, wie still ich war, als du telefoniert hast? Hast du immer noch zu tun?“

„O ja, das hab ich wohl gemerkt – und nein, ich habe nichts Eiliges zu tun.“

„Gut, denn meine Brüder wollten mir nicht glauben, was ich von dir erzählt habe. Und Dad hat gesagt, ich darf nicht mehr ohne Aufpasser hierherkommen. Also habe ich sie alle mitgebracht, damit sie dich kennenlernen. Das ist Calvin, das ist Bruiser und das hier ist Boober.“

Ariel streckte ihre Hand Calvin entgegen, der rot wie eine Tomate wurde. Wenn er so weiterwuchs, würde er bestimmt noch zwei Meter oder mehr werden. Im Moment hatte er Riesenfüße, deutlichen Stimmbruch und Arme, die zu lang waren, um mit ihnen etwas anfangen zu können.

„Sie soll Sie doch nicht belästigen“, sagte er und deutete auf Killer.

„Das tut sie keineswegs. Patrice und ich sind alte Freunde“, erwiderte Ariel und gab dann Bruiser die Hand. „Bruiser ist doch nicht dein richtiger Name, oder?“

„Nein, mein richtiger Name ist Daniel, aber ich nehme Wrestling-Unterricht, und deshalb nennen mich alle nur Bruiser.“

„Verstehe“, sagte Ariel todernst. Obwohl seine Muskeln noch nicht voll entwickelt waren, hatte Bruiser schon die typische Ringerpose angenommen: herausfordernder Blick, Brust raus, Bauch rein, die Beine leicht gespreizt. Er mochte so um die dreizehn Jahre alt sein. Außerdem hatte er Erdnussbutter zum Lunch gegessen, ein Rest davon klebte noch an seinem Kinn. Aber Ariel hätte ihm niemals sagen können, wie witzig Erdnussbutter sich im Vergleich zu seiner bulligen Haltung ausnahm. „Nett, dich kennenzulernen, Bruiser, und dies ist dann wohl Boober, hm?“ Ariel entsann sich, dass Killers Fantasiefreund von enormer Größe war. Darum sah sie ganz weit hoch und streckte ihre Hand ins Nichts aus. „Nett, auch dich kennenzulernen, Boober!“ Dabei schüttelte sie eine nicht vorhandene Hand in der Luft.

Die beiden Jungen grinsten verstohlen über diese Albernheit, aber sie schienen sich zu freuen, dass Ariel mit ihrer kleinen Schwester so gut umzugehen verstand. Ihre Verlegenheit verflüchtigte sich rasch.

„Killer hat gesagt, Sie könnten Zauberstricks und so.“ Calvin war offenbar trotz seines Stimmbruches zum Sprecher der drei erkoren worden. „Nicht etwa, dass uns das interessiert. Für solchen Kram sind wir zu alt. Aber sie hat uns damit verrückt gemacht, und ich brauche erst in zwei Stunden wieder Zeitungen auszutragen, darum dachten wir, dass wir mal ’nen kleinen Spaziergang machen. Da sind wir zufällig hier vorbeigekommen. Aber wenn wir Sie stören oder so …“

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