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Agenten lieben besser / Das Spiel ist niemals aus / Bleib hier, mein Retter!

Carrie Alexander

Agenten lieben besser

1. KAPITEL

„Ach, du heiliger Cowboy …“ Molly Broome richtete sich gerade auf, und ihre Kopfhaut prickelte, als hätte sie soeben einen Geist gesehen.

Keinen Geist. Einen Cowboy.

Und was für einen!

Sie beugte sich vor, um Pferd und Reiter besser in Augenschein nehmen zu können. Genau wie im Film, dachte sie und zog eine Grimasse. Selbst nach einer Woche in Wyoming hatte sie sich noch nicht daran gewöhnt. Die majestätischen Rockies, die sanften Täler, die Bilderbuch-Ranchen mit den weißköpfigen Rindern und den Stacheldrahtzäunen, all das war genau wie im Film. Nur die Cowboys waren enttäuschend … bis jetzt.

Dicke Regentropfen trommelten auf die Windschutzscheibe, Vorboten eines heftigen Schauers. Molly tastete suchend nach dem Schalter für die Scheibenwischer. Die Schotterstraße war mit Schlaglöchern durchsetzt, und der Regen, der in der eiskalten Bergluft zu Graupel wurde, machte die Straße noch tückischer.

Sie drosselte die Geschwindigkeit und richtete den Blick wieder auf den Cowboy. Sein Pferd, ein prächtiger schwarz-weiß gescheckter Appaloosa, galoppierte auf gleicher Höhe mit Shanes Pick-up durch die kahle Winterlandschaft.

Dagegen wirkte der Reiter weitaus unscheinbarer. Er trug einen braunen Hut, den er sich tief in die Stirn gezogen hatte, dicke Lederhandschuhe und einen schweren Staubmantel aus Ölzeug, dessen Schöße im Wind flatterten und den Blick freigaben auf braune Lederchaps. Von seinem Gesicht war nicht viel zu erkennen, lediglich ein scharfes Profil und ein unrasiertes Kinn.

Aber egal. Als eingeschworenem Western-Fan genügte Molly ein Blick, um Geschichte und Charakter eines Cowboys richtig einzuschätzen. Der hier gehörte definitiv zum Typ „einsamer Wolf“. Eine einsame Seele, die es in irgendein Kaff an der Grenze verschlagen hatte, ausgestattet mit einem Gewehr, einem Pferd und eisernem Willen. Wie er gekommen war, so würde er auch wieder verschwinden: ohne Vorwarnung, nachdem er als Sieger aus einer Schießerei mit einer Horde Banditen hervorgegangen war und er eine junge Witwe mit einer heruntergekommenen Ranch vor den üblen Machenschaften des hiesigen Viehbarons gerettet hatte.

Fünfzehn Jahre Mitgliedschaft im „Cowgirl-Club“ hatten Mollys Sinn für Romantik geschärft: Die Rolle der einsamen Witwe übernahm in ihrer Fantasie natürlich sie selbst. Ihre wohlgerundete Figur passte zwar besser in hübsche Baumwollkleider mit Spitzenkragen, doch sie sah sich zu gern als skandalumwitterte Witwe in Reithosen, die besser ritt als jeder Cowboy.

Nur der einsame Wolf konnte sie zähmen. Seine leidenschaftlichen Küsse erinnerten sie daran, wie gut es sich anfühlte, ganz Frau zu sein … bis zum diskreten Schnitt, der so typisch war für die alten Western. Glücklicherweise verfügte Molly über eine lebhafte Fantasie, sie spann den Faden weiter.

Erneut riskierte Molly einen neugierigen Blick auf den unbekannten Reiter, der plötzlich die Hand hob und sich grüßend an den Hut tippte.

Erwischt! Heiße Röte schoss ihr ins Gesicht, doch das konnte der Mann zu Mollys Erleichterung nicht sehen. Unvermittelt gab er dem Pferd die Sporen, riss die Zügel herum und verschwand über einen Hügel.

Molly guckte sich die Augen aus nach dem stolzen Reiter, der entgegen allen Regeln der Kunst nicht in einen flammend roten Sonnenuntergang galoppiert war, sondern in wabernde Nebelschwaden, die über der trostlosen Novemberlandschaft hingen.

Sogleich wurde ihre Unachtsamkeit bestraft, und der Pick-up kam nach links von der Straße ab. Einer der Reifen prallte auf einen unter Wasser liegenden Fels. Sofort war Molly hellwach. Sie verstärkte den Griff ums Lenkrad und lenkte den schweren Wagen wieder auf die Piste zurück. Die Räder schlitterten über den glitschigen Boden, drehten einen Moment lang durch, bevor sie endlich wieder Bodenkontakt fanden. Mit einem Ruck schoss der Pick-up eine Steigung hinauf. Aus dem Augenwinkel sah Molly etwas Weißes in dem Graben aufblitzen, den sie soeben haarscharf umschifft hatte. Etwas Weißes, das sich bewegte.

Sie trat auf die Bremse und spähte in den Rückspiegel. Ein plötzlicher Platzregen prasselte auf die verlassene Straße nieder. Sie dachte an ihren neuen Mantel und die Tatsache, dass sie auf die Triple Eight Dude Ranch unterwegs war, um sich um einen Job zu bewerben. Es wäre idiotisch, sich im strömenden Regen durch den Matsch zu quälen, nur weil sie meinte, irgendetwas – etwas Lebendiges – gesehen zu haben.

Seufzend öffnete Molly die Tür und stieg aus. Der Eisregen traktierte ihr Gesicht wie feine Nadelstiche. Erschaudernd klappte sie den Mantelkragen hoch und stapfte zügig den Weg zurück, den sie gekommen war. Wandte sich dem Straßengraben zu, wobei sie sich bemühte, die schlimmsten Dreckpfützen zu vermeiden. Zunächst erspähte sie nichts weiter als schlammige Rinnsale und Klumpen abgestorbenen Laubs. Doch da – eine winzige Bewegung! Aus den Tiefen des Grabens drang ein erbarmungswürdiges Jaulen zu ihr empor.

Kaninchen? Kätzchen? In New York pflegte man keine halb ertrunkenen Kätzchen zu retten, es sei denn, man hieß Audrey Hepburn und sah auch in durchweichten Kleidern und mit nassem, angeklatschtem Haar noch umwerfend aus. Aber jetzt war Molly in Wyoming, und ein neues, noch konturloses Leben lag vor ihr. Sie verwarf den Gedanken an ihren neuen beigefarbenen Rock und das bevorstehende Bewerbungsgespräch und kletterte die glitschige Böschung in den Graben hinab. Kaum hatte sie zwei Schritte getan, da schlitterte sie auch schon auf dem unbefestigten, nassen Schotter aus und landete mit einem schmatzenden Geräusch, das eine horrende Reinigungsrechnung in Aussicht stellte, auf dem Po.

Mühsam hievte sie sich wieder hoch, wobei sie sich die Handflächen ordentlich mit Matsch beschmierte. Sie strich sich den feuchten Pony aus der Stirn und blinzelte in den eisigen Regen. Himmel, selbst unter den günstigsten Umständen war sie keine Audrey Hepburn! Auch noch den letzten Rest Würde in den Wind schreibend, stapfte sie weiter durch den Graben, bis sie die ausgesetzten Kätzchen gefunden hatte. Mit einem erschrockenen Aufschrei bückte sie sich und hob die kleinen, völlig durchnässten Wesen hoch und drückte sie an ihre Brust. Drei Kätzchen, bis auf die Knochen abgemagert, das weiße Fell schmutzverkrustet. „Okay, Babys“, säuselte sie, „ihr seid in Sicherheit.“

Molly kletterte mühsam die Böschung hinauf und trottete durch den strömenden Eisregen zurück zu ihrem Wagen, wobei sie die Kätzchen beschützend unter ihren Mantel schob. Sie hatte den Motor angelassen, sodass es im Inneren des Wagens schön warm war. Mit einer stummen Entschuldigung an Shane McHenry, den Besitzer des Pick-ups und Verlobten ihrer besten Freundin Grace Farrow, schlüpfte Molly aus ihrem schlammbespritzten Mantel und bereitete den Kätzchen auf dem Beifahrersitz damit ein kuscheliges Lager. Sie kuschelten sich dicht aneinander, zitternde, schmutzige kleine Fellknäuel.

„Ach, egal … Wer A sagt, muss auch B sagen.“ Molly streifte sich den blauen Kaschmirpullover über den Kopf, dankbar, in der Zwiebeltechnik gekleidet zu sein. Vorsichtig rieb sie die Katzenbabys mit dem Pullover ab. Ihre winzigen pinkfarbenen Mäulchen öffneten sich zu einem herzzerreißenden Maunzen.

Molly warf einen verzweifelten Blick in den Spiegel. Nasse braune Strähnen umrahmten ihr rundes, matschverschmiertes Gesicht. Dunkle Augen, in denen sich Besorgnis und Unsicherheit spiegelten. Vielleicht sogar ein Anflug von Panik. Normalerweise war sie eine energische, solide, gepflegte, gelassene und verlässliche Person, die tief greifende Veränderungen in ihrem Leben strikt ablehnte.

Sie rümpfte die Nase über diese Beschreibung. Doch sie hatte keine andere Wahl, als der Realität ins Gesicht zu blicken. Molly Broome und die raue, gespenstische Landschaft in Wyoming passten nicht zusammen.

Sie nahm eines der maunzenden Kätzchen hoch und drückte das flaumige Bündel sanft gegen ihre Wange. „Wie sind wir bloß in diesen Schlamassel geraten, Kleines?“

Nun, für das Kätzchen konnte sie natürlich nicht sprechen, aber was sie selbst betraf, so hatte sie ihren gut bezahlten Job in New York aufgrund einer Firmenpleite verloren und sah sich mit einem rasch schrumpfenden Bankkonto konfrontiert. Grace, die sich gerade häuslich auf der Goldstream-Ranch eingerichtet hatte, hatte Molly überredet, auf ein verlängertes Thanksgiving-Wochenende nach Wyoming zu kommen. Ihrer Meinung nach gab es keinen besseren Ort als die Rockies, um sich über neue Lebensperspektiven klar zu werden. Molly, die zum ersten Mal in ihrem Leben völlig aus der Bahn geworfen war, hatte die Einladung dankbar angenommen.

Sie besaß ein unschlagbares Talent im Organisieren von Partys, und ihr liebstes Hobby war Kochen. So hatte sie die Gelegenheit ergriffen, sich nützlich zu machen, indem sie das McHenry’sche Thanksgiving-Dinner für zehn Personen in die Hand nahm. Das Essen war ein derartiger Erfolg gewesen, dass Lilah Evers, die Frau von Shanes Vorarbeiter, ihr vorgeschlagen hatte, sich um einen Job auf der Triple Eight Dude Ranch zu bewerben. Die Gerüchteküche besagte nämlich, dass Mrs. Peet, die Managerin der Ferienlodge, sich einen komplizierten dreifachen Beinbruch zugezogen hatte und voraussichtlich für die nächsten drei Monate ans Bett gefesselt sein würde. Das wäre zumindest besser als nichts, fand Molly, die sonst keine konkreten Berufsaussichten hatte.

Nicht in ihren schlimmsten Träumen allerdings hätte sie sich vorstellen können, in einem derart verwahrlosten Aufzug bei ihrem potenziellen neuen Arbeitgeber vorstellig zu werden. Sie legte das Kätzchen wieder zu seinen Geschwistern und überlegte, ob sie nicht besser umkehren sollte. Der Anblick der zitternden Kätzchen nahm ihr die Entscheidung ab. Sie brauchten dringend einen Unterschlupf und warme Milch. Und die Triple Eight war nicht mehr weit.

Sie legte den Gang ein, und mit einem hysterischen Durchdrehen der Hinterräder setzte der Pick-up sich schwerfällig in Bewegung. Molly war in Gedanken derart mit dem Schicksal ihrer kleinen Findelkinder beschäftigt, dass sie es versäumte, beim Anfahren in den Rückspiegel zu schauen. Deshalb bemerkte sie auch nicht den Wagen, der beim Versuch, ihrem Pick-up auszuweichen, von der glatten Fahrbahn abkam und direkt in den Graben schlitterte.

„Was wollen Sie?“, fragte die kleine Frau in mittleren Jahren unwirsch, als sie Molly auf ihr wiederholtes Klopfen hin die Tür öffnete. „Mit Pack wie Ihnen will ich nichts zu tun haben. Sehen Sie denn nicht, dass hier alles drunter und drüber geht?“

Molly blinzelte durch feuchte Wimpern. Im Moment konnte sie nicht allzu viel sehen. Der Sturm war schlimmer geworden, und sie war vom Pick-up zur Eingangstür gerannt, ohne sich groß umzusehen. In der Ferne grollte der Donner.

„Was ist los? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“ Die Frau spähte misstrauisch hinter der nur halb geöffneten Tür hervor. Ihre Haare waren zu gelb und ihre Diamantohrringe zu protzig, um echt zu sein.

„Eigentlich …“ Molly presste ihren beschmutzten Mantel, in dem die Kätzchen eingewickelt waren, gegen ihre Brust.

„Ach, Sie sind wegen des Jobs hier.“ Die schwere Holztür wurde weit aufgerissen. „Wir haben Sie schon erwartet. Der Mann ist in der Scheune und sieht nach den Pferden. Er kommt aber gleich wieder.“

Molly trat zögernd ein. Was sollte das heißen, dass man sie schon erwartet hatte? Lilah hatte ihr geraten, Cord Wyatt, dem Besitzer der Triple Eight, einfach einen Überraschungsbesuch abzustatten und sich nach dem Job zu erkundigen.

„Setzen Sie sich ruhig.“ Die Frau mit der schrillen Stimme deutete auf die eigenwillige Zusammenstellung klobiger Sessel und Sofas in der nur trübe beleuchteten Lobby. „Ich muss Pfützen aufwischen.“

Dicke Wassertropfen platschten von der Decke und sammelten sich auf dem lackierten Pinienholzboden zu einer dicken Pfütze.

Die Frau ließ ein gackerndes Lachen hören und stellte einen Zinkeimer unter das Leck in der Decke.

In einem Anflug von Melancholie dachte Molly an den Abend zurück, als sie „Händels Wassermusik“ in der Met gehört hatte. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen. Der Fußboden war bepflastert mit einer bunten Auswahl an Schüsseln und Eimern. Und angesichts des Stapels Schüsseln, den die Frau schwerfällig in einer Karre zu der geschwungenen Holztreppe bugsierte, schloss Molly, dass sämtliche Decken in diesem Haus undicht sein mussten.

Mollys Herz sank. In dieser baufälligen Ruine zu arbeiten wäre nicht gerade eine Zierde für ihren Lebenslauf. „Hm, entschuldigen Sie bitte …“ Wenn es ihr gelang, rasch die Kätzchen hier unterzubringen, konnte sie immer noch verschwinden, bevor jemand auftauchte, um das Bewerbungsgespräch mit ihr zu führen.

Die Frau wandte sich stirnrunzelnd um. „Sind Sie immer noch da?“

„Ja, Mrs. …“ Molly sah die Frau fragend an. Erst jetzt fiel ihr auf, wie schrill deren Outfit war. Ihr wasserstoffblondes Haar war zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden, und sie war über und über mit billigen Klunkern behängt. Sie trug ein knallrotes T-Shirt mit dem Abbild einer Tequila-Flasche auf der Brust, abgetragene Aerobic-Schuhe und einen kurzen Jeansrock, der unbarmherzig den Blick auf ihre knochigen, dürren weißen Beine mit den dicken blauen Krampfadern freigab.

„Ich heiße Etta Sue Carson Wyatt Kopinski Lawless Frain.“ Sie quittierte Mollys verwirrten Blick mit einem spöttischen Lachen. „Ich hatte fünf Taugenichtse von Ehemännern und hab genauso viele schmutzige Scheidungen hinter mir. Leg’ keinen Wert drauf, mit meinem vollen Namen angesprochen zu werden. Nennen Sie mich also getrost Etta Sue. Ich bin hier die Verwalterin.“ Sie warf sich wichtigtuerisch in die Brust.

„Mein Name ist Molly Broome. Ich bin wegen des Jobs hier, aber ich nahm an, Mrs. Peet – die Dame, die sich das Bein gebrochen hat – sei die Verwalterin.“

„Tja, man könnte mich auch als leitende Haushälterin bezeichnen.“

Mehr Schein als Sein, dachte Molly skeptisch nach einem Blick auf den auffällig mit Reinigungsutensilien beladenen Rollwagen der Frau. Eine durchdringende Schnapswolke ging von ihr aus, stechend wie eine Chemiebombe.

Die Kätzchen in Mollys Armen fingen an zu rumoren und machten Anstalten, aus dem warmen Nest zu kriechen. Molly presste sie schützend an sich. „Ich hab diese Kätzchen auf der Straße gefunden.“

Etta Sue warf einen raschen Blick auf Mollys niedliche Fracht und zog den Kopf dann ruckartig zurück wie eine Schildkröte. „Wir brauchen keine Katzen auf der Triple Eight“, meinte sie abweisend. „Hätten Sie die mal lieber im Graben liegen lassen.“

„So etwas würde ich im Traum nicht tun! Ich bin sicher, dass ich ein Zuhause für sie finde.“

Etta Sue zuckte ihre knochigen Schultern und brüllte die Treppe hinauf: „Sharleen!“, mit einer Stimme rau wie Sandpapier. „Sharleen Jackleen, beweg endlich deinen faulen Hintern hier runter!“ An Molly gewandt fügte sie erklärend hinzu: „Sharleen ist das Hausmädchen. Sie arbeitet unter mir.“

Das Licht flackerte. In diesem Moment polterte ein kleines Mädchen die Treppe hinunter. „Mom putzt gerade Mr. Wyatts Badezimmer!“

Etta Sue zog vielsagend die Brauen hoch und raunte Molly zu: „Sharleen arbeitet auch unter Cord, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Wild mit dem Besen herumfuchtelnd, rief sie dem Mädchen zu: „Jocelyn, wir haben kleine Kätzchen hier.“

„Kätzchen?“ Das Mädchen sauste an Etta Sue vorbei und blickte mit glänzenden Augen auf Mollys süße Fracht. „Darf ich sie streicheln?“

„Vorsichtig“, ermahnte Molly sie. Das Kind musste sechs oder sieben sein. Es hatte rosige runde Wangen, und das lockige braune Haar wurde von einer verwegen gebundenen Schleife gehalten. Das Mädchen tätschelte die Kätzchen mit seinen plumpen kleinen Händen, an deren kurzen Nägeln pinkfarbener Nagellack abblätterte.

In diesem Moment kam auch besagte Sharleen die Treppe hinunter, eine dralle Blondine mit dunklem Haaransatz und langen, grell lackierten Fingernägeln, die zum Putzen wenig geeignet schienen. Ihre glänzende Satinbluse steckte im Bund einer hautengen Jeans.

„Hi. Ich bin Molly Broome“, sagte Molly. „Ich war gerade auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch hierher, als ich die armen Dinger ausgesetzt in einem Graben gefunden habe. Hätten Sie vielleicht ein bisschen warme Milch und ein Handtuch …?“

Sharleen Jackleen setzte eine entzückte Miene auf und beugte sich über die Kätzchen. „Butsibutsibu!“, flötete sie begeistert.

„Na los, verschwindet schon in die Küche“, brummte Etta Sue. „Macht euch bloß keinen Kopf um mich. Ich kümmere mich inzwischen darum, dass uns das Haus nicht unter den Füßen wegschwimmt.“

Unter Jocelyns Führung machten die drei sich auf den Weg in die Küche. Dabei passierten sie ein großes Esszimmer, in dem etwa ein halbes Dutzend rustikale Tische standen. Im Moment war hier nicht viel los, hatte Lilah Evers Molly erklärt, aber wenn die Skisaison begann, wurde ein massiver Touristenansturm erwartet.

In der Küche angekommen, machte Sharleen sich sogleich daran, Milch im Mikrowellenofen aufzuwärmen. Molly sah sich inzwischen interessiert um. Die professionelle Einrichtung ließ darauf schließen, dass hier normalerweise eine Menge Leute bekocht wurden.

„Die Küche ist Mrs. Peets Domäne“, erklärte Sharleen. „Selbst im Sommer, wenn Cord einen Koch und eine ganze Horde Hilfskräfte einstellt, hat sie hier das Sagen.“ Sie bedachte Molly mit einem flüchtigen Lächeln. „Nicht, dass ich scharf auf den Job bin. Ich hasse Kochen.“

„Saubermachen hasst du auch“, platzte Jocelyn heraus und zog sogleich den Kopf ein, als erwarte sie eine Ohrfeige.

Doch Sharleen lachte nur. „Was du nicht sagst.“

Vorsichtig stellte Jocelyn das Schälchen mit Milch auf den Linoleumboden. Gespannt beobachtete sie, wie Molly die Kätzchen freiließ. „Meine Mom will Sängerin werden“, verkündete sie stolz.

„Ich bin bereits Sängerin“, korrigierte Sharleen ihre Tochter schnippisch. Mit herausforderndem Blick wandte sie sich an Molly. „Ich muss nur noch berühmt werden! Der Durchbruch kann nicht mehr lange auf sich warten lassen.“

Molly bot ein freundliches Lächeln an. „Country-and-Western?“

„Klar doch.“ Sharleen tätschelte selbstverliebt ihren völlig überholten wasserstoffblonden Dutt. „Cord prophezeit mir eine glänzende Karriere.“

Molly, die nur mit Mühe ernst bleiben konnte, hockte sich neben Jocelyn auf den Boden und beobachtete die Kätzchen. „Hast du dir schon Namen für sie ausgedacht?“

Die Kätzchen schleckten eifrig die nahrhafte Milch, drei kleine Fellknäuel mit winzigen rosa Zungen.

„Ich muss noch darüber nachdenken“, erwiderte das Mädchen ernst. „Die Namen sollen schließlich passen.“

„Ganz langsam mit den jungen Hunden“, meinte Sharleen geistesabwesend, während sie aufmerksam die Lackschicht auf ihren langen Nägeln inspizierte. „Keine Haustiere mehr, hat Cord nach dem letzten Mal gesagt.“

Tränen schimmerten in den Augen des Mädchens, und es ließ den Kopf hängen.

„Du kannst ihnen trotzdem Namen geben“, meinte Molly aufmunternd. „Selbst wenn sie dann woanders ein neues Zuhause finden, gehören sie irgendwie immer noch dir.“

„Ja.“ Jocelyn nahm eines der Kätzchen hoch und lächelte tapfer. „Das wäre schön.“

Molly stand auf und drückte tröstend ihre Schulter. „Die armen Dinger haben sich womöglich verkühlt. Könnten Sie mir wohl einen Pappkarton und ein Heizkissen leihen?“, wandte sie sich an Sharleen.

Doch diese hatte offensichtlich das Interesse an dem Thema verloren. „Nicht meine Sache. Jocelyn wird alles herrichten.“ Sie fingerte an ihrem Satinkragen, während sie Molly von Kopf bis Fuß musterte. „Nichts für ungut, aber Ihnen könnte es auch nicht schaden, sich ein bisschen herzurichten.“

„Oh.“ Molly hob die Hand an die Wange. Schmutzspuren überzogen ihr Gesicht wie die Kriegsbemalung eines Indianers, ihre Frisur war ruiniert, und vorne auf der weißen Bluse und auf dem Hinterteil ihrer Hose prangten große feuchte Flecken. Verflixt! Sie war schon gepflegter zu Vorstellungsgesprächen erschienen.

„Wenn Sie für Cord Wyatt arbeiten wollen, dann ist gutes Aussehen oberstes Gebot“, fuhr Sharleen herablassend fort. „Na gut, eins spricht für Sie – Cord mag Frauen mit Kurven an den richtigen Stellen.“ Sie tätschelte ihre Stundenglas-Hüften. Ihr dünnlippiges Lächeln enthielt die Warnung, nur ja die Finger von ihrem Mann zu lassen.

„Ich ziehe es vor, auf meine Berufserfahrung und auf mein Können zurückzugreifen“, konterte Molly kühl.

„Ja, ich auch!“, höhnte Sharleen. „Mensch, Mädchen, regen Sie sich bloß nicht künstlich auf!“

Ein greller Blitz zuckte über den grauen Himmel, und Molly fuhr erschrocken zusammen. Doch sie fing sich sogleich wieder und zog ihre Bewerbungsmappe aus der Schultertasche. „Ich habe meinen Lebenslauf mitgebracht.“

Das laute Krachen des Donners ließ die Fensterscheiben klirren. Im selben Moment wurde die Hintertür aufgestoßen, und ein eiskalter Wind wehte herein, gemischt mit dem Geruch von nassem Leder.

Molly blickte auf und direkt ins Gesicht des Kino-Cowboys. Seine attraktiven Züge, das Zahnpasta-Lächeln und die unglaublich blauen Augen waren reif für eine Großaufnahme. Tatsächlich war es aber Molly, die im Fokus stand, doch anstatt sich auf ihren Text vorzubereiten, verlor sie den Kopf und stammelte: „Sie sind das!“

Sein Lächeln erlosch, und mit verwirrter Miene sagte er etwas, was Molly nun ganz und gar nicht erwartet hatte. „Aber Sie sind nicht die richtige Frau …“

Und dann ging glücklicherweise das Licht aus.

2. KAPITEL

„Iiiiee!“ Sharleen stieß ein helles Quieken aus und warf sich Raleigh an die Brust. Verzweifelt schlang sie ihm die Arme um den Nacken. „Halt mich fest, Sugar“, stieß sie hervor. „Ich hab Angst im Dunklen.“

„Keiner bewegt sich“, befahl Molly mit fester Stimme. „Jocelyn?“

„Ja, Madam?“

„Hast du die Kätzchen?“

„Nur das eine.“

Raleigh hörte, wie sich die Fremde vorsichtig in der Dunkelheit bewegte und sagte: „Wir versuchen mal, die anderen zu finden, bevor sie uns entwischen.“ Ihr besonnenes Verhalten und ihre beruhigende Art waren ihm sofort sympathisch. Doch er war verdammt sicher, dass sie nicht die Agentin war, die er erwartet hatte.

„Kätzchen?“, fragte er und befreite sich aus Sharleens Umarmung. Im dämmrig-grauen Licht, das durch das Fenster hereinfiel, konnte er vage Schemen auf dem Fußboden herumkriechen sehen.

„Ausgesetzte Kätzchen.“

Er trat näher, wobei er geschickt Sharleens grabschenden Händen auswich. Suchend klopfte er seine Taschen ab, fand ein Briefchen mit Streichhölzern und riss eines an. Einige Fuß weit entfernt entdeckte er die Frau auf allen vieren auf dem Boden kriechen. Im flackernden Schein des Streichholzes wirkte ihr rundes Gesicht fast geisterhaft, die hübschen Züge entstellt durch die tanzenden Schatten. Das Weiße in ihren Augen glänzte.

Einen Moment lang starrten die beiden sich schweigend an – lange genug für Raleigh, um sich zu fragen, wie sie wohl auf einen Kuss reagieren würde –, und dann erlosch die Flamme, wobei er sich fast die Fingerspitzen verbrannte. „Autsch!“ Er ließ das Streichholz fallen.

„Ich hab eins gefunden!“, ertönte Jocelyns triumphierende Stimme aus der Mitte des Raums.

Er riss ein weiteres Streichholz an und erhaschte einen Blick auf den hübsch gerundeten Po der Unbekannten, als sie über den Küchenfußboden auf Jocelyn zukroch. Sie hockte sich zu dem Mädchen, nahm ein weißes, flaumiges Fellknäuel hoch und küsste es aufs Köpfchen. Er konnte gerade noch sehen, wie sie ihm einen fragenden Blick zuwarf, bevor er sich die Fingerspitzen mit dem zweiten erlöschenden Streichholz verbrannte. Im Stillen ermahnte er sich, nicht zu vergessen, wer er war: ein hartgesottener Undercover-Agent des Secret Service.

„Ich sehe nichts“, jammerte Sharleen.

„Irgendwo muss es hier doch Kerzen oder eine Taschenlampe geben.“ Raleigh war noch nicht lange genug auf der Triple Eight, um sich einen Überblick über das gesamte Inventar der Ranch hatte verschaffen zu können. Außerdem gehörten so banale Dinge des Haushalts auch nicht unbedingt auf seine Prioritätenliste.

„Im Regal hinter der Kellertür sind Taschenlampen“, bot Jocelyn hilfreich an. Raleighs Augen hatten sich inzwischen so weit an die Dunkelheit gewöhnt, dass er die schemenhaften Gestalten im Raum einigermaßen erkennen konnte. Er beobachtete, wie das Mädchen unter dem Tisch hervorkrabbelte und sich vorsichtig an der Wand entlang zur Kellertür vortastete. Raleigh folgte Jocelyn und legte ihr schützend eine Hand auf die Schulter, als sie die Kellertür aufstieß.

Interessiert spähte Raleigh durch die Tür. Bis jetzt hatte er keine Gelegenheit gehabt, einmal allein das Haus zu erforschen, und von nun an würde das Aufgabe der Agentin sein, die Mrs. Peets Job übernehmen sollte. Bis diese andere Frau, die jetzt auf dem Fußboden herumkrabbelte, anstelle der Agentin hier aufgetaucht war, war er sich sehr schlau vorgekommen. Er hatte die Haushälterin Mrs. Peet nämlich in den Urlaub zu ihrem Sohn geschickt und überall die Geschichte vom gebrochenen Bein ausgestreut.

Jocelyn nahm vier Taschenlampen aus dem Einbauregal und reichte sie eine nach der anderen an Raleigh weiter. Er nahm sie geistesabwesend entgegen, in Gedanken auf die Treppe konzentriert, die in die gähnende Dunkelheit des Kellers mündete. Raleigh schaltete eine der Taschenlampen ein, drückte sie dem Mädchen in die Hand und schob es in die Küche zurück. Dann richtete er den Strahl seiner Taschenlampe nach unten. Holzbalken, alte Steinwände, eine Menge vor sich hin modernder Plunder. Wirklich vielversprechend.

Bedauernd wandte er sich ab und stattete die Frauen mit Taschenlampen aus. Schon bald huschten Lichtkegel kreuz und quer über den abgescheuerten Linoleumboden, auf der Suche nach den Kätzchen. Sharleen schob sich etwas dichter als nötig an Raleigh vorbei, wobei ihre Brüste seinen Rücken streiften. Es wäre gar nicht nötig gewesen, ihre Reize derart herauszustellen, denn Raleigh waren sie ganz und gar nicht entgangen. Wenn man ein bisschen Spaß wollte, war Sharleen genau die Richtige. Im Allgemeinen hatte er nichts gegen die Freuden des Lebens einzuwenden, doch Sharleen gehörte zu den Verdächtigen der Triple-Eight-Fälscher-Affäre. Zumindest in der Rolle als Handlangerin. Dass sie der Kopf der Bande war, konnte er sich nicht vorstellen.

Vorgeblich, um bei der Suche zu helfen, ließ er den Strahl seiner Taschenlampe über die Fremde huschen. Ihr aufgelöster Zustand täuschte nicht darüber hinweg, dass sie Klasse hatte. Ihre Figur stand Sharleens in nichts nach, was verführerische Kurven anging, doch wo Sharleen billig wirkte, strahlte sie eine Sinnlichkeit und Ruhe aus, die er sehr verlockend fand. Er registrierte ihre üppigen Lippen und stellte sich einen verrückten Moment lang vor, wie diese Lippen verführerische Worte flüsterten, um ihn einzuladen, eine heiße Nacht mit ihr zu verbringen.

Der Strahl ihrer Taschenlampe traf ihn mitten ins Gesicht. „Mister, rühren Sie sich nicht von der Stelle.“

Raleigh biss die Zähne zusammen und tat wie ihm geheißen. Er konnte nur hoffen, dass die Richtung seiner Gedanken ihm nicht anzusehen war.

Die Frau schoss auf ihn zu, und der Lichtkegel wanderte tiefer, richtete sich auf seinen Hosenschlitz. „Also, Lady, ich habs nicht bös gemeint …“

Sie bedachte ihn mit einem verwirrten Blick. „Ein Kätzchen klettert an Ihrem Mantel hoch. Haben Sie das nicht gemerkt?“

Er blickte nach unten. Ein niedliches kleines Fellknäuel hangelte sich an dem Staubmantel hoch, den er einem Cowboy in Laramie abgekauft hatte. Er packte das Kätzchen mit dem schwarz gezeichneten Gesicht am Nackenfell und hielt das maunzende kleine Wesen hoch, um es dann in die ausgestreckten Hände der Frau plumpsen zu lassen. „Hier, Miss …?“

„Broome, Molly Broome. Sie kennen mich nicht, aber Lilah Evers hat mir von der freien Stelle erzählt. Ich bin gekommen, um Ihnen meinen Lebenslauf vorbeizubringen.“ Sie holte tief Luft, was einen dramatischen Effekt auf ihren Busen hatte. Der feuchte Stoff ihrer weißen Bluse stand dem eines nassen T-Shirts in nichts nach. Die Spitzen ihrer vollen Brüste, nur unvollständig verhüllt von einem zarten Spitzen-BH, pressten sich an den halb durchsichtigen Stoff. „Leider bin ich nicht mehr so ganz präsentabel. Der Sturm, der Schlamm, die Kätzchen … Sie sehen ja selbst.“

„Oh, im Gegenteil, Sie sind sogar mächtig präsentabel.“

Molly schnaubte entrüstet. Sie beugte sich vor, um ihm in die Augen zu sehen, wandte den Blick aber rasch wieder ab. Ihre Wimpern warfen lange Schatten auf ihre rosigen Wangen. Kein Zweifel, das Licht der Taschenlampe stand ihr gut.

„Sharleen hat mich schon gewarnt, dass Sie das so sehen.“ Ihr scheuer Blick hatte sich in ein wütendes Funkeln verwandelt. „Da ich es gewohnt bin, eine Stelle aufgrund meiner beruflichen Qualifikationen zu erhalten, sollte ich wohl lieber wieder gehen.“

Raleigh schwieg dazu. Schließlich wollte er sie doch loswerden. Oder?

Sie wirbelte herum und scheuchte Jocelyn und die Kätzchen vor sich her ins Esszimmer. Doch plötzlich blieb sie stehen und drehte sich noch einmal zu ihm um. „Eine kleine Warnung, Mr. Wyatt. Nehmen Sie sich lieber in Acht. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist heutzutage ein ernst zu nehmendes Vergehen. Nicht alle Bewerber und, äh, Angestellten …“, sie warf einen bezeichnenden Blick in Sharleens Richtung, „… sind so … großmütig.“ Damit rauschte sie aus dem Zimmer.

Sharleen sah ihr mit gerunzelten Brauen nach, offensichtlich unschlüssig, ob sie sich durch Mollys Worte beleidigt oder geschmeichelt fühlen sollte.

Raleigh rieb sich das kratzige Kinn, während er in sich hineinschmunzelte. Was für eine Frau! Süß, weich und hübsch anzusehen, aber ganz und gar kein Marshmallow. Verdammt, sie hatte sein Blut ganz schön in Wallung gebracht!

Er eilte ihr nach. „Nur eine Minute, Miss Broome.“

Unbeirrt setzte sie ihren Weg fort, ohne sich auch nur umzudrehen. An der Tür holte er sie ein und packte sie am Ellbogen. „Miss Broome – Sie machen einen Fehler.“

Sie fuhr herum und schüttelte seine Hand ab. „Oh, das wage ich zu bezweifeln, Mr. Wyatt.“

„Mein Name ist Raleigh Tate.“

„Raleigh Tate?“, wiederholte sie, plötzlich verunsichert. „Wer …?“

„Ich bin der Vormann hier auf der Triple Eight. Cord Wyatt ist der Besitzer. Aber es war schon richtig, sich wegen des Jobs an mich zu wenden. Wenn Wyatt nicht in der Stadt ist, bin ich für Personalangelegenheiten zuständig.“

Zweifelnd wägte sie seine Worte ab. „Der Vorarbeiter stellt den Lodge-Manager ein?“

„Yep.“ Er beugte sich vertraulich vor und raunte: „Würden Sie das etwa Etta Sue oder Sharleen Jackleen überlassen?“

„Hmm.“ Nachdenklich legte sie die Stirn in Falten. „Ich bin zugegebenermaßen verwirrt. Etta Sue erwähnte, man würde eine Bewerberin erwarten. Vermutlich hat sie mich irrtümlich für diese andere Person gehalten.“

„Ach, ja?“ Die Identität der erwarteten Agentin war selbstverständlich nur ihm bekannt. „In meinem Terminkalender ist ein Bewerbungsgespräch eingetragen. Vielleicht hat die Interessentin sich wegen des Sturms verspätet. Aber da Sie nun einmal hier sind, Miss Broome, und mir auch noch mit strafrechtlicher Verfolgung drohen, können wir ja auch genauso gut das Gespräch führen. Sie erwähnten etwas von einem Lebenslauf?“ Er verlagerte sein Gewicht auf ein Bein und verschränkte lässig die Arme vor der Brust. Obwohl er nicht im Traum daran dachte, sie einzustellen, konnte es nicht schaden, sich zum Schein auf das Spielchen einzulassen.

„Nun, gegen ein Gespräch ist nichts einzuwenden.“ Molly warf ihm einen misstrauischen Blick unter lang bewimperten, gesenkten Lidern zu. „Aber ich muss zuerst noch nach den Kätzchen sehen.“

„Jocelyn wird mit Begeisterung den Babysitter spielen“, bot er an, als das Mädchen mit einem Pappkarton hereinkam.

Rasch inspizierte Molly den Inhalt. Die Kätzchen kuschelten sich in ein Nest aus weichem gelbbraunem Cordsamt, kurz davor, einzuschlafen.

„Das Heizkissen können wir im Moment ja nicht benutzen“, sagte Jocelyn. „Aber ich habe eine Wärmflasche gefunden. Ich fülle sie lieber rasch, bevor wir auch kein heißes Wasser mehr haben.“

„Kluges Mädchen“, sagte Molly lobend. „Ich muss mich kurz mit Mr. Tate unterhalten, Jocelyn. Bist du so nett und passt inzwischen auf die Kätzchen auf?“

Ein strahlendes Lächeln überzog Jocelyns Gesicht. „Aber klar doch!“ Damit verschwand sie in der Küche, ihren Weg vorsichtig mit der Taschenlampe ausleuchtend.

„Sie scheint ein ganz besonderes Kind zu sein“, meinte Molly nachdenklich. „Sehr selbstständig.“

„Klar doch.“ Raleigh hatte bis jetzt kaum einen Gedanken an das Mädchen verschwendet. Ohne Geschwister und ohne Mutter aufgewachsen, wusste er nicht viel über Kinder. Sein Vater war Sheriff in einem kleinen Kaff in Colorado, und sein Job war ihm wichtiger gewesen als sein Sohn. Im Alter von zehn Jahren konnte Raleigh bereits schießen, reiten und Laster fahren – allerdings nur auf dem Grundstück der Tates, schließlich vertrat sein Vater ja Gesetz und Ordnung –, und er brachte auch leckere Mahlzeiten aus Dosenzutaten zustande. So hatte er Jocelyns Unabhängigkeit als völlig selbstverständlich betrachtet.

Molly straffte die Schultern. „Also, dann lassen Sie uns doch zum Geschäftlichen übergehen.“

„Ja, Ma’am.“ Er bedachte sie mit einem spöttischen Lächeln. „Finden Sie es unschicklich, wenn ich Ihnen vorschlage, es uns zuerst mal bequem zu machen?“

Sie fingerte an ihrer Bluse herum in dem aussichtslosen Unterfangen, den feuchten Stoff daran zu hindern, sich wie eine zweite Haut um ihre Brüste zu legen. „Kommt darauf an, was Sie damit meinen.“

„Zunächst mal mehr Licht.“ Er legte ihr die Hand leicht auf den Rücken und dirigierte sie in die Lobby. Dabei blickte er wie gebannt auf die großzügigen Rundungen und das geschmeidige Wiegen ihrer Hüften.

„Kerzen?“, fragte sie.

Er richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf den riesigen rustikalen Kamin an der Wand gegenüber der Rezeption. „Feuer.“

Sie zögerte. „Woanders geht’s nicht?“

„Zu romantisch für Sie?“ Er knipste die Lampe aus und stellte sie auf den Kaminsims. Ohne etwas darauf zu erwidern, ließ Molly sich in einen der ausladenden Sessel fallen. Raleigh spürte ihren Blick auf sich ruhen, während er frische Holzscheite aufschichtete und das Feuer neu entfachte.

Molly rieb sich genüsslich die Arme, als die Wärme, die der Kamin abstrahlte, sich allmählich im ganzen Raum verbreitete. „Ich möchte wissen, wo Etta Sue steckt. Vorhin war sie noch in der Lobby und hat überall Schüsseln und Eimer aufgestellt.“

Der Regen trommelte aufs Dach und bahnte sich seinen Weg durch die brüchigen Schindeln. Es tat Raleigh in der Seele weh, ein so imposantes altes Gebäude verrotten zu sehen. „Etta Sue verfolgt ihren eigenen Zeitplan. Ich hab mich schon daran gewöhnt, sie nie dann zu erwarten, wenn sie gebraucht wird. Auf diese Weise bin ich angenehm überrascht, wenn sie doch auftaucht.“

„Ist sie tatsächlich die Hausdame hier?“

„Nur dem Namen nach. Im Moment erledigt Sharleen hier die meiste Arbeit. Zu Saisonbeginn stellt Wyatt weitere Hilfskräfte ein.“ Raleigh zog seinen nassen Mantel aus und nahm den Hut ab. Dann setzte er sich neben Molly. Während er das Feuer angefacht hatte, musste sie etwas mit ihrem Haar gemacht haben. An den Seiten hatte sie es hinter die Ohren zurückgestrichen, und der dicke Pony war jetzt ordentlich in die Stirn gezupft. Der Schein des Feuers tauchte ihr Haar in ein sattes Schokoladenbraun. Ihre Augen leuchteten, und die vollen Lippen schimmerten verführerisch. Sie hatte eine kleine, gerade Nase, Wangen wie Aprikosen, ein rundes Kinn mit einem neckischen Grübchen und einen elfenbeinfarbenen Hals.

Raleigh glaubte fest daran, dass sich der Charakter eines Menschen in seinem Gesichtsausdruck widerspiegelte. Molly Broomes Züge verrieten ihm, dass sie nett und ehrlich war, schwer in Wut zu bringen, rasch bereit, zu verzeihen. Übermäßig gefühlsbetont. Wo er die Welt in die Kategorien Schwarz und Weiß einteilte, sah sie wahrscheinlich die verschiedenen Schattierungen dazwischen. Was nicht heißen sollte, dass sie nicht, genau wie er, an die Autorität des Gesetzes glaubte. Eine Aura von Unschuld umgab sie. Grausamkeit, Trauer und Streit hatte sie bis jetzt nicht kennengelernt, dessen war er sich sicher.

„Was ist mit der Küche?“, wollte sie wissen.

Raleigh verscheuchte seine Fantasien und ermahnte sich, Kurs zu halten. Molly Broome ging ihn nichts an, sie stellte lediglich eine Komplikation, einen Hemmschuh für seine Pläne dar.

„Eine heikle Situation, jetzt, wo Mrs. Peet nicht da ist. Außer mir, Sharleen und Etta Sue besteht das Personal zurzeit noch aus ein paar Cowboys, die sich um die Pferde und das Vieh kümmern. Sie sind in der Baracke hinter dem Haupthaus untergebracht. Wir alle schlagen uns mit Fertigmahlzeiten und Sandwiches durch. Vermutlich wird Wyatt gezwungen sein, einen Koch einzustellen, wenn die Lodge öffnet.“

„Ich koche sehr gern“, warf Molly mit einem gewinnenden Lächeln ein.

Raleigh erinnerte sich erneut daran, dass er sie nicht anstellen würde. Auch wenn sie zum Anbeißen aussah und ganz offensichtlich die ideale Besetzung für den Job war. „Es geht bei dem Job eigentlich nicht so sehr ums Kochen als vielmehr ums Management, Miss Broome. Sie müssten die Lodge führen, sich um die Gäste kümmern, das Personal beaufsichtigen …“ Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Ne Menge Ärger, wenn Sie mich fragen. Für verdammt wenig Kohle.“ Er nannte eine Summe, die sie mit Sicherheit abschrecken würde. In Anbetracht ihrer Designer-Tasche und der zwar ramponierten, aber teuer aussehenden Kleidung im klassischen Stil war Mrs. Broome offenbar an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt.

Sie hob die Brauen. „Kost und Logis inbegriffen, nicht wahr?“

„Sie sind noch immer interessiert?“ Hatte sie sich die Lodge denn nicht richtig angesehen, bevor das Licht ausging? Sharleens Fingernägel nicht bemerkt? Und was war mit den hochprozentigen Ausdünstungen von Etta Sue?

„Ich brauche Arbeit, Mr. Tate.“ Sie reichte ihm ihren Lebenslauf. „Und ich kann sofort anfangen.“

Er überflog die wichtigsten Punkte. Sie war erst fünfundzwanzig. Ledig. Lebte in New York City. Wow! „Sie sind aus New York? Was um alles in der Welt wollen Sie dann hier in dieser Einöde, Miss Broome?“

„Nennen Sie mich ruhig Molly.“ Sie lehnte sich zurück.

„Im November haben wir hier nicht viele Touristen … Miss Molly.“

Ihr Lächeln brachte ein reizendes Grübchen zum Vorschein. „Ich bin auch keine Touristin. Eigentlich besuche ich Freunde auf der Goldstream-Ranch. Zufällig bin ich gerade ohne Arbeit, und als ich von Mrs. Peets Missgeschick hörte …“ Sie zuckte die Achseln.

Er überflog erneut ihren Lebenslauf. Daran angeheftet war ein Arbeitszeugnis ihres letzten Arbeitgebers, der Molly in den höchsten Tönen lobte. „Der Laden hat Pleite gemacht, hübsche Lady?“, fragte Raleigh voller Mitgefühl. „Nun, Miss Molly, danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben vorbeizuschauen. Obwohl Ihre Qualifikationen durchaus überzeugend sind, fürchte ich, Sie enttäuschen zu müssen. Außerdem ist die Stelle ohnehin zeitlich befristet.“ Er stand auf.

Molly nicht. Sie sah ungläubig zu ihm auf. „Sie weisen mich ab?“

„Tut mir leid …“

Ein lautes Poltern und ein durchdringender Schrei unterbrachen ihn. Die Stimme war ihm wohlbekannt, und er biss grimmig die Zähne zusammen.

Molly war erschrocken aufgesprungen. Doch Raleigh machte eine beschwichtigende Geste. „Sind Sie das, Etta Sue?“, brüllte er.

Ein weiterer Schrei ertönte, gefolgt von dem panischen Ausruf: „Grizzly packt mich …“

Molly umklammerte Raleighs Arm. „Wir müssen ihr helfen.“

„Machen Sie sich um die keine Sorgen.“ Die muss nur in Ruhe ihren Rausch ausschlafen, fügte er im Stillen hinzu. „Solange sie noch so laut schreien kann, ist sie nicht verletzt.“

Molly schnappte sich seine Taschenlampe vom Kaminsims. „Ich helfe ihr.“

Raleigh sah sich gezwungen, sie die Treppe hinaufzubegleiten. Dabei gestattete er sich den Genuss, ihre wiegenden Hüften zu betrachten und seine Fantasie schweifen zu lassen. Ob sie wohl im hellen Lampenlicht genauso toll aussah wie bei Feuerschein? Mit dreiunddreißig war er über das Stadium hinaus, wo ein Mann eine Frau nur nach ihrem Aussehen beurteilte. Mit den Jahren war der Wunsch nach einer festen Partnerschaft immer stärker geworden. Eine Frau mit Ausstrahlung und Köpfchen, das wär’s. Eine Frau mit Substanz.

Mit großzügigen Kurven, an die geschmiegt sich ein Mann wie im Paradies fühlte.

Molly hatte inzwischen das erste Obergeschoss erreicht. Der Strahl der Taschenlampe huschte über dunkle Holzpaneele, an denen eine ganze Sammlung Bilder prangte, die Szenen aus der guten alten Zeit darstellten: galoppierende Cowboys, die eine Viehherde zusammentrieben, und Planwagenszenen.

Etta Sues Grabesgeheul wies ihnen den Weg. Raleigh Tate, gestandener Cowboy, marschierte mit polternden Schritten voran und rief: „Was, verdammich, haben Sie nun wieder angestellt, Etta Sue?“

Molly stutzte. Hatte er wirklich „verdammich“ gesagt? Das konnte doch wohl nicht wahr sein!

Okay, der hochgewachsene, dunkle, attraktive Raleigh Tate sah aus wie ein Bilderbuch-Cowboy – angefangen bei seinem unrasierten Kinn bis zu den abgewetzten Absätzen seiner Stiefel. Er entsprach haargenau dem Bild, das sie sich seit der Gründung des Cowgirl-Clubs von einem Cowboy gemacht hatte. Das Bild stimmte, doch nicht die Handlung. Die Hälfte der Zeit sprach er wie ein … ein … Anwalt. Dann wiederum warf er mit Slang nur so um sich.

Was „verdammich“ ging hier vor?

Inzwischen hatten sie den Unglücksort erreicht, und Molly beleuchtete die kuriose Szene. Raleigh beugte sich über Etta Sue, die lang hingestreckt auf dem Fußboden lag. Über ihr türmte sich ein Ungetüm auf, das aussah wie ein …

Molly schluckte. „Sagen Sie mir, dass das kein Grizzlybär ist.“

„Ist es auch nicht, sondern ein ganz gewöhnlicher Schwarzbär. Man sagt, Wyatt hat ihn vor zehn Jahren hinten am Gatter erlegt und ihn dann in der guten alten Tradition weißer Jäger ausstopfen lassen. Vielleicht kann ich Etta Sues Haare aus den Klauen entwirren, wenn ich ‚Grizzly‘ von ihr runterrolle.“

Molly schob den Reinigungskarren zur Seite und ging Raleigh bei seiner Befreiungsaktion zur Hand. Schließlich hatten sie es geschafft, die arme Etta Sue war aus den Klauen des Bären befreit. Sie hatte lediglich eine Blessur auf der Wange davongetragen.

„Dachte schon, ich sei erledigt“, stieß Etta Sue mit einer Stimme rau wie Sandpapier hervor. „Hab Glück gehabt, dass er meinen Augapfel nicht aufgespießt hat wie ne Weintraube.“

„Sie hätten hier nicht im Dunkeln herumwandern sollen“, schalt Raleigh sie.

Mollys Blick brachte ihn zum Schweigen. „Wir sind alle im Dunkeln herumgewandert.“ Sie nahm die Schramme auf Etta Sues Wange in Augenschein. „Sieht böse aus. Wir müssen die Wunde desinfizieren.“ Sie hakte die Frau unter und führte sie zur Treppe. Etta Sue roch wie eine ganze Schnapsbrennerei, aber sie wirkte nicht betrunken. Plötzlich hielt sie abrupt inne und verlangte nach ihrem Rollwagen.

Molly drängte sie weiterzugehen. „Kommen Sie, Etta Sue. Ich verspreche Ihnen, Ihren Rollwagen zu holen, sobald ich Ihre Wunde verarztet habe.“

„Behandeln Sie mich nicht wie eine Schwachsinnige, Missy.“ Etta Sue zog den Kopf zwischen die Schultern und stemmte die Füße in den Boden. „Ohne meinen Rollwagen geh’ ich nirgends nich’ hin.“

Raleigh schüttelte den Kopf. „Schon gut. Ich hole ihn.“ Er folgte den beiden Frauen die Treppe hinunter, den bis oben hin beladenen Reinigungskarren Stufe für Stufe vor sich her schiebend. Wie Etta Sue damit den Aufstieg geschafft hatte, war ihm ein Rätsel.

Sie saßen alle in der Küche um den großen Tisch herum versammelt – Etta Sue frisch verarztet –, als aus der Lobby ein lautes Poltern ertönte, gefolgt von einem deftigen Fluch.

Molly zuckte erschrocken zusammen. Raleigh murmelte Wyatts Namen, eine düstere Miene aufsetzend. Jocelyn drückte den Karton mit den Kätzchen schützend an sich. Sharleen griff sich eine Taschenlampe und entschwebte in Richtung Lobby, Beschwichtigungen flötend.

„Geht’s hier immer so zu, oder liegt das am Sturm?“ Noch ein paar exzentrische Bewohner, und die Triple Eight konnte glatt als Irrenhaus durchgehen.

Raleigh schlenderte gemächlich zur Schwingtür. „Schlimmer.“ Die Flüche in der Lobby nahmen kein Ende und auch das Gepolter nicht. „Das ist der Boss.“

Mit einem Blick auf Jocelyns unschuldige Kinderohren scheuchte Molly Raleigh durch die Tür. Sie machte Anstalten, ihre Kleidung zu glätten und ihr Haar zu ordnen, hielt aber mitten in der Bewegung inne. Wozu sich anstrengen? Ihr Stolz war ohnehin schon angekratzt durch Raleighs Abweisung. Und außerdem, wer, der auch nur halbwegs bei Verstand war, wollte schon so einen Job?

Etta Sue war in ihrem Stuhl zusammengesunken und döste jetzt mit offenem Mund vor sich hin, eine knochige Hand fest um den Griff des Rollwagens gekrallt. Jocelyn erklärte sich bereit, in der Küche zu bleiben und ein Auge auf sie zu haben.

Der Sturm war inzwischen etwas abgeflaut, und in der Lodge war es nicht mehr ganz so finster. Molly war sich sicher, die Lobby auch ohne Taschenlampe zu finden. Noch zögerte sie und listete in Gedanken sämtliche Gründe auf, die für eine sofortige Flucht von der Triple Eight sprachen. Ganz oben auf der Liste stand der Name Raleigh Tate.

Raleigh Tate, der verführerische Bilderbuch-Cowboy.

Sie tat gut daran, zuzusehen, dass sie so schnell wie möglich von hier wegkam. Die Versuchung war zu groß, das Puzzle zu verlockend. Geh nicht weiter, Molly. Rette lieber deine Haut.

Molly zog einen Mopp aus Etta Sues kostbarem Karren. Auf Zehenspitzen schlich sie in das in völliger Dunkelheit liegende Esszimmer. Und rannte direkt in Raleigh Tates Arme.

Wow, er fühlte sich tatsächlich wie ein richtiger Cowboy an! Groß, stark, bodenständig. Dies war ein Mann, auf den man sich jederzeit verlassen konnte.

Seine Hände lagen auf ihren Schultern, doch er sagte kein Wort. Auch Molly hatte es die Sprache verschlagen. Sie klammerte sich an den Mopp, als hinge ihr Leben davon ab.

Raleigh erkundete mit den Fingerspitzen zärtlich ihr Gesicht, strich über Stirn, Wange, Lippen, Augenlider. Seine Liebkosung erfüllte sie mit heftiger Sehnsucht. Mit erstickter Stimme fragte sie: „Was tun Sie da?“

„Ich küsse Sie.“ Obwohl sie seine Züge in der Dunkelheit nicht erkennen konnte, hätte sie schwören können, dass er lächelte.

„Nein, das tun Sie nicht.“

„Nein?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Sind Sie sicher?“

Er strich ihr sanft das Haar aus der Stirn. „Verdammt! Ich hätte schwören können, dass ich Sie küsse.“

„Sie … Sie scheinen ein Problem mit Ihrer Wahrnehmungskraft zu haben.“ Ihre Stimme zitterte unmerklich.

„Vielleicht hat mir meine Fantasie einen Streich gespielt.“

Sie holte tief Luft, und der Geruch, der von ihm ausging – eine Mischung aus feuchtem Leder, kaltem Regen, harzigem Holz und dem herben Duft männlicher Haut –, stieg ihr sofort zu Kopf. „Heißt das, Sie haben sich ausgemalt, mich zu küssen?“

„Bestimmt ein Dutzend Mal, jeder Kuss besser als der vorige.“

Molly hielt die Spannung nicht länger aus. „Na los, warum versuchen Sie es denn nicht mal?“

Er lächelte. Ganz bestimmt lächelte er. „Was versuchen?“

Gütiger Gott! Obwohl Molly der Kopf schwirrte von den erotischen Fantasien, die er in Gang gesetzt hatte, klangen ihre folgenden Worte wie aus einem Drehbuch. Tatsächlich hatte sie ein halbes Leben lang darauf gewartet, diese Worte endlich auszusprechen. „Küss mich, Cowboy“, hauchte sie. „Bitte küss mich.“

„Nun ja. Da Sie mich so nett darum bitten, Miss Molly, bleibt mir wohl nichts anderes übrig.“

3. KAPITEL

Raleighs warmer Atem streichelte ihr Gesicht, als er seinen Mund auf ihren senkte. Mollys Haut prickelte vor Verlangen, und ihre Knie zitterten. Es war so dunkel im Raum, und sie war so gar nicht mehr sie selbst, dass sie schon fürchtete, das Gleichgewicht zu verlieren. Also streckte sie die Hände aus und umschlang Raleighs Mitte.

Und das genau im richtigen Moment. Er beugte sich vor und küsste … ihre Nase.

Ihre Nase?

Vermutlich ein Irrtum, zurückzuführen auf die Dunkelheit im Zimmer. Nasenküsse gehörten eigentlich nicht zu den erotischen Sensationen, soweit Molly wusste, doch Raleigh machte eine daraus. Er gab ihr einen schmatzenden kleinen Kuss auf die Nasenspitze, liebkoste die Nasenflügel mit der Zunge und fand dann – endlich! – ihre Lippen. Aufreizend knabberte er an ihrer Oberlippe, bis Molly aufstöhnend den Kopf zurückbog. Sie klammerte sich an seinen Hosenbund, die Zeigefinger in die leeren Gürtelschlaufen gehakt.

Raleigh zog Molly in die Arme, und seine Hände schienen überall gleichzeitig zu sein, als sei dies seine einzige Chance, sie zu berühren. Mit beiden Händen umschloss er ihre üppigen Pobacken und drückte Molly verlangend an sich. Dann zwickte er sie doch tatsächlich auch noch! Sie zuckte instinktiv zurück, und heiße Röte stieg ihr in die Wangen.

Er wählte genau diesen Moment, um ihren Mund vollständig in Besitz zu nehmen. Molly vergaß ihre zwischenzeitliche Befangenheit. Raleighs leidenschaftlicher Kuss war einer von der Sorte, der alle Bedenken im Kopf einer Frau wegwischte. Lust erfüllte sie, heiße, atemberaubende Lust. Ihr einziger Gedanke war, dass dieser Kuss niemals enden möge.

Mit einem lauten Klappern fiel der Mopp zu Boden.

Raleigh hörte es nicht, er schwebte in anderen Sphären. Mollys Mund schmeckte wie warmer Honig, süß und schmelzend. Er konnte gar nicht genug von ihr kriegen.

Aber er war fest entschlossen, es zu versuchen.

Es war zu dunkel, um ihre Augen sehen zu können. Doch die Art, wie sie sich genüsslich seinen Zärtlichkeiten hingab, war ihm Antwort genug. Er saugte an ihrer Unterlippe, und aufseufzend presste sie ihre vollen, weichen Brüste gegen seine Brust. Ihre Lippen teilten sich, und ihre Zungen begannen ein aufreizendes Spiel. Sein Verlangen wurde so übermächtig, dass er das Gefühl hatte, in seinem Kopf explodierten Tausende Sonnen.

Es waren die Lampen. Ihr Licht war gleißend hell.

Sie hatten wieder Strom.

„Oh!“ Erschrocken löste Molly sich aus seinen Armen und wandte sich verlegen ab.

Der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, ob sie sich wohl wieder in jene Frau zurückverwandeln würde, die ihm so bereitwillig um den Hals gefallen war, wenn er nur rasch genug das Licht ausknipste? Vermutlich nicht. Der Blitz schlug nur selten zwei Mal in die gleiche Stelle ein.

Aber es gab Leidenschaften, die nie erloschen.

Cord Wyatts Stimme dröhnte aus der Lobby: „Tate! Wo stecken Sie, Mann?“

Ohne den Blick von Molly zu wenden, sagte Raleigh: „Ich komme.“

Molly errötete. „Den brauchen wir.“ Sie bückte sich, um den Mopp aufzuheben.

Sie hatte recht. In der Lobby herrschte eine regelrechte Überschwemmung, die Schüsseln und Eimer waren übergelaufen. Cord Wyatt thronte auf einem Stuhl, den rechten Fuß hochgelegt. Einer seiner weißen Cowboystiefel aus Krokodilleder steckte in einem Eimer fest. Sharleen versuchte vergeblich, ihn herauszuziehen.

Wyatt scheuchte sie zur Seite. „Das kann Tate machen.“

„Mit Vergnügen, Sir“, erwiderte der Vorarbeiter mit einer ordentlichen Prise Sarkasmus.

Während Raleigh mit einem kräftigen Ruck Wyatts Fuß befreite, wobei der Stiefel im Eimer stecken blieb, machte Molly sich daran, den Boden aufzuwischen. Sie war noch immer ganz durcheinander durch das erotische Intermezzo zwischen Raleigh und ihr, und sie versuchte sich abzulenken, indem sie ihre Aufmerksamkeit auf den Besitzer der Ranch richtete.

Cord Wyatt war ein wahrer Hüne von Mann. Hochgewachsen und kräftig gebaut. Er trug einen weißen Stetson, an dessen silberbeschlagenem Hutband eine irisierende Feder prangte. Dichtes eisengraues Haar fiel ihm in die Stirn. Sein Gesicht war großflächig und gerötet und passte zu seinem dröhnenden Bariton. Er war ganz im Westernlook gekleidet, herausgeputzt mit Accessoires aus Silber und Türkisen. Seine Socke dagegen hatte ein Loch am großen Zeh.

Molly kräuselte die Lippen. Sie hätte wetten mögen, dass seine Unterwäsche verschlissen und an den Säumen ausgefranst war. Sie kannte diesen Typ – übermäßig aufs äußere Erscheinungsbild bedacht.

Mit einem gezierten Lächeln kniete sich Sharleen dem Rancher zu Füßen, um ihm den Stiefel überzustreifen. Cord – der mindestens fünfzig sein musste – quittierte ihre Unterwürfigkeit mit einer Mischung aus Wohlwollen und schmieriger Befriedigung, die Molly zutiefst irritierte. Vermutlich gab es Frauen, die Cord als einen attraktiven Mann in den besten Jahren betrachteten – wenn man auf Geld und überhebliches Getue stand.

Cord schenkte seine Aufmerksamkeit jetzt Molly. Er hob fragend die Brauen. „Und wer mag das wohl sein?“, trompetete er.

Molly bemühte sich, den Ärger, der in ihr aufstieg, zu ignorieren. Mit ausgestreckter Hand ging sie auf Cord zu. Sein Griff war kräftig zupackend, so fest, dass es fast schmerzte. „Molly Broome“, stellte sie sich vor und schluckte ihre Bedenken herunter. „Ich habe mich um den Job von Mrs. Peet beworben, Mr. Wyatt.“

„Aha.“ Er verschränkte seine großen Pranken über dem Schmerbauch und blieb gelassen sitzen. Sein Blick glitt anzüglich über ihren Körper. Zu Raleigh gewandt, wollte er wissen: „Ist sie das, Tate?“

Raleigh stand ein Stück abseits, scheinbar lässig an den Türrahmen gelehnt. Doch sein stechender Blick machte deutlich, wie zuwider ihm die Art und Weise war, in der Cord Molly inspizierte. „Nein, Sir. Die Dame, die man mir so glühend empfohlen hat, ist leider nicht erschienen. Der Sturm …“

„Mir gefällt diese hier“, unterbrach ihn Cord. „Sie kann den Job haben.“

Molly zögerte. Sie wünschte sich Arbeit, ein neues Leben und die Aussicht auf eine Romanze. Ihr Blick huschte zu Raleigh. Doch die Triple Eight und besonders ihr Besitzer waren zweifellos suspekt. Andererseits stellte es eine große Herausforderung für sie dar, hier zu leben – als sei sie mitten in die Dreharbeiten zu „City Slickers“ geplatzt. Zumindest würde sie sich hier nicht langweilen. Außerdem war es ja nicht für ewig. In spätestens einem halben Jahr wäre Mrs. Peet sicher wieder auf dem Posten.

Warum nicht einmal etwas riskieren? Schließlich konnte sie ihre Entscheidung immer noch widerrufen.

„Es würde mich sehr freuen, hier zu arbeiten“, hörte sie sich sagen und ignorierte Raleighs Stirnrunzeln. Wieso küsste er ihr erst die Seele aus dem Leib und versuchte im nächsten Moment, ihren Job zu boykottieren? „Ich kann Ihnen versichern, dass ich gute Arbeit leisten werde.“

„Einen Moment mal.“ Raleigh trat vor. „Wyatt, Sie haben mir Einstellungsbefugnis erteilt.“

„Nur solange ich in der Stadt bin“, erwiderte der Rancher. „Und jetzt bin ich ja wieder da. Sie haben den Job, Molly.“ Sein Blick wanderte von ihren Augen zu ihren Brüsten hinab und verweilte dort so ungeniert, dass es ihr kalt den Rücken hinunterlief.

Raleigh, plötzlich nicht mehr Verräter, sondern Verratener, war Gentleman genug, um ihr anerkennend zuzunicken. Im Gegenzug bedachte sie ihn mit einem vernichtenden Blick.

„Wird’s nicht allmählich Zeit für Ihre nette kleine Rede?“, fragte er augenzwinkernd. Sie hielt seinem spöttischen Blick tapfer stand. „Der Vortrag über Ihre beruflichen Qualifikationen“, drängte er. „Das ermahnende Wort.“

„Keine Sorge, das halte ich für den Notfall auf Lager“, erwiderte sie mit einem zuckersüßen Lächeln.

„Also dann, Miss Molly“, meinte Raleigh gedehnt, „willkommen auf der Triple Eight Dude Ranch.“ Der Blick aus seinen hellblauen Augen bohrte sich in die ihren. „Ich hoffe, Ihre Zeit hier wird Ihren Vorstellungen entsprechen.“

„Und das hat er so gesagt, als wünschte er mich zur Hölle“, erklärte Molly später ihrer Freundin Grace, als sie auf der Goldstream-Ranch zurück war.

„Zur Hölle?“ Grace Farrow kräuselte die Nase. „Das Gegenteil kommt mir eher wahrscheinlich vor.“

„Das ist es ja gerade.“ Molly nahm einen Arm voll Kleidung aus ihrem Schrank. „Ich weiß einfach nicht, woran ich bei ihm bin. In einem Moment ist er der perfekte Film-Cowboy, und dann wiederum …“

„… küsst er dich!“, rief Grace aufgeregt aus und ließ sich mit dem Rücken auf das weiche Bett fallen. Molly tat es ihr gleich. Wenn sie an Raleighs Kuss zurückdachte, empfand sie tief im Innern dieselbe Aufregung wie ihre Freundin. Doch nach außen hin wagte sie das nicht zu zeigen, aus einer Art abergläubischer Furcht heraus. „O Grace, ich bin so …“ Ein glückliches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, und sie legte rasch die Hand auf den Mund.

Grace umarmte sie. „Du hast deinen Cowboy gefunden, Mol! Und zwar einen mordsmäßig tollen Typen!“

Molly lachte. „Nur nicht gleich voll auf die Tube drücken. Ein Kuss macht noch keine Liebesaffäre.“

„Zumindest ist es ein Anfang.“

„Bleibt nur die sonderbare Kleinigkeit, dass er mich als Bewerberin für den Job abgelehnt hat.“

Grace nickte. „Ich gebe zu, das ist tatsächlich etwas merkwürdig. Aber erzähl mir noch mal alles über den Kuss. Zuerst hat Mr. Wonderful was gesagt?“

„Oh, du!“ Molly stand auf und drückte ihrer Freundin einen Berg Pullover in die Hand, damit sie diese zusammenlegte. „Hier, beschäftige dich lieber, und schlag dir mal für fünf Minuten die Cowboys aus dem Kopf.“

Sie fuhr mit dem Packen fort. Sie verstaute ihre Kleider in einem Kleidersack. Wenn die Saison erst mal eröffnet war, würde sie die bestimmt brauchen. Doch bis dahin lag noch ein gutes Stück Arbeit vor ihr, um die Lodge auf Vordermann zu bringen. Aber Arbeit war genau das, wonach sie sich sehnte, das wurde ihr mit einem Mal bewusst. Vorarbeiter Raleigh Tate war nicht der einzige Grund, warum sie den Job angenommen hatte.

Er war nur der Bonus.

Und was für einer!

„Meine Eltern glauben bestimmt, bei mir ist eine Schraube locker. Von Connecticut nach New York umzuziehen, das konnten sie ja noch verstehen, aber Wyoming? Wie kann ich ihnen je Wyoming erklären?“

„Lade sie einfach nächstes Frühjahr hierher ein. Shane sagt, die Landschaft ist wunderschön, sobald es erst mal warm wird. Aber egal, es ist dein Leben, Mol. Wenn du Superman haben willst, dann zögere nicht, und angle ihn dir.“

„Ich konnte nichts tun. Der Pick-up vor mir hat abrupt die Spur gewechselt. Dazu noch die glatte Straße … Es war nicht meine Schuld, Agent Tate, Sir!“

„Nein“, musste Raleigh zähneknirschend eingestehen. Er konnte Jammerlappen zwar nicht ausstehen, aber in diesem Fall war seine Kollegin wirklich nicht verantwortlich. „Sie trifft keine Schuld an der verpfuschten Situation.“ Dafür war ganz allein er verantwortlich. Warum hatte er sich auch von Molly Broomes Kurven und ihren rehbraunen Augen einwickeln lassen?

Agent Melissa Stankle, noch ein blutiger Anfänger, sah aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Ihr Kinn zitterte, und sie presste ihre dick bandagierte Hand schniefend an die Brust. „Es tut mir so leid, dass mein Unfall die ganze Aktion zunichtegemacht hat, Sir.“

„Ich bügele das schon wieder aus. Sobald ich einen Weg gefunden habe, die Neue aus dem Job zu graulen, schleusen wir Sie hier ein wie geplant. Machen Sie in der Zwischenzeit nur einen großen Bogen um Straßengräben, Stankle.“

„Ja, Sir.“ Sie senkte ergeben den Blick.

„Und hören Sie endlich auf, mich Sir zu nennen. Wir sind hier nicht beim Militär.“

„Ja, Sir. Ich meine, nein, Sir.“ Sie verzog unglücklich das Gesicht.

„Hat der Arzt Ihnen ein Medikament verschrieben?“

Ihr Kinn schnellte hoch. „Ich brauche keine Pillen, Sir. Ist schließlich nur ein verstauchtes Handgelenk. Ich bin schon mit Schlimmerem fertig geworden.“

„Und die Schnittwunde?“

Sie presste die Fingerspitzen auf das große weiße Pflaster auf ihrer Stirn. „Die wurde genäht. Fünf Stiche. Möglich, dass ich eine Narbe zurückbehalte, meint der Arzt.“ Ihre Augen leuchteten stolz.

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte auch er jede Verletzung, jede noch so kleine Wunde als ehrenhafte Auszeichnung betrachtet. Er hatte Schreibtischarbeit stets gehasst, hatte sich um Außendienst-Einsätze gerissen, egal wie gefährlich sie waren. Jetzt kam ihm alles nur noch wie ein weiterer Tag im Büro vor.

Das konnte doch wohl nicht wahr sein! War er etwa schon mit dreiunddreißig ein abgehalfterter alter Haudegen? Waren seine Überdrusserscheinungen und seine wachsende Anfälligkeit für sanftmütige Damen etwa Anzeichen dafür, dass er seinen Biss verloren hatte? Dass es an der Zeit war, aus dem Spiel auszuscheiden?

Er schnaubte verächtlich. Was sollte er tun? Etwa Cowboy werden?

Eine absurde Idee, aber nicht ganz so lächerlich, wie es auf den ersten Blick erschien. Er hatte nämlich zu seinem eigenen Erstaunen festgestellt, dass ihm seine Rolle als Vorarbeiter auf der Triple Eight gar nicht schlecht gefiel.

Raleighs Blick huschte über das regennasse Straßenpflaster und die spärliche Anzahl geparkter Wagen. Stankle und er saßen in dem Jeep Cherokee, den er aus dem kümmerlichen Fuhrpark der Triple Eight – bestehend aus zwei rostigen Vehikeln – geliehen hatte.

Anstatt Säcke mit Futtermais einzukaufen, parkte er im hintersten Winkel des zum hiesigen Gesundheitszentrum gehörenden Parkplatzes. Nur nicht auffallen, hieß die Devise. Da Stankle ebenfalls inkognito war, bestand nicht wirklich die Notwendigkeit, ihr Treffen geheim zu halten. Aber sicher war sicher. Noch mehr Komplikationen konnte Raleigh nun wirklich nicht gebrauchen.

Voller Bewunderung betrachtete Stankle ihren erfahrenen Kollegen in seinem Undercover-Outfit. „Gibt es auf der Ranch schon irgendwelche neuen Erkenntnisse?“

„Ich hab mal einen Blick in den Keller geworfen. Da lässt sich ne Menge verstecken.“

„Werden Sie es schaffen, das Haus genauer in Augenschein zu nehmen, auch wenn es nicht gelungen ist, mich dort einzuschleusen?“ Die Schuldgefühle ließen sie regelrecht verknautscht aussehen. Plötzlich leuchtete ihr Gesicht auf. „Wie wär’s mit einer fingierten Tornado-Warnung? Alle müssten das Haus verlassen und sich im Unterstand versammeln, und Sie hätten freie Bahn.“

„Sie haben wohl einen guten Draht zur nationalen Wetterwarte, hm? Oder gar zu Petrus höchstselbst?“, schmunzelte er. Er stellte sich das Tohuwabohu vor, das ausbrechen würde bei dem Versuch, alle Ranchbewohner gleichzeitig in den Unterstand zu verfrachten. Etta Sue würde darauf bestehen, ihren Rollwagen mitzuschleppen, und Wyatt bräuchte einen Sessel und ein Sixpack. Molly Broome … nun, sie würde brav den Anweisungen Folge leisten. „Zu weit hergeholt, Stankle. Wir konzentrieren uns lieber darauf, Ihnen einen Job auf der Ranch zu verschaffen.“

„Ich bin bereit zu tun, was getan werden muss, Sir. Jederzeit, überall, ganz gleich, was.“

Raleigh setzte sich seinen Hut auf, die Krempe tief in die Stirn gezogen. Vermutlich hatte sich Stankle ihre Karriere beim Geheimdienst ganz anders vorgestellt – gefährlich, aufregend, sensationell. Stattdessen erwartete sie mühsame Sisyphusarbeit.

„Was soll ich inzwischen tun, Sir?“, wollte sie wissen, und ihre Augen funkelten vor Tatendrang. „Vielleicht die Einwohner von Treetop aushorchen?“

„Nicht nötig, das ist schon im Vorfeld der Aktion passiert. Ist auch nicht viel dabei herausgekommen. Wissen Sie, Stankle, in einem Nest wie diesem halten die Leute zusammen wie Pech und Schwefel. Ein bisschen Klatsch und Tratsch, na gut, aber es würde nie jemand seinen Nachbarn ernsthaft in die Pfanne hauen.“

Selbst die Geschäftsleute, denen man die Blüten angedreht hat, hielten sich mit Verdächtigungen zurück. Doch der Ausgangsverdacht, nämlich dass das Falschgeld von der Triple Eight aus in Umlauf gebracht wurde, blieb für die Agenten bestehen. Man vermutete auch Verbindungen zu einem bestimmten Juweliergeschäft in Laramie, von dem man annahm, dass es als Geldwaschanlage fungierte.

Obwohl einige Bewohner der Triple Eight über einen etwas suspekten Hintergrund verfügten, war der Hauptverdächtige weiterhin Cord Wyatt. Der Rancher jonglierte mit seinem Besitz wie ein Zirkusakrobat, verzweifelt bemüht, die Fassade von Wohlhabenheit aufrechtzuerhalten, während er darauf wartete, dass eine seiner dubiosen Investitionen sich rentierte. Die Dude Ranch war bis auf die Grundmauern mit Hypotheken belastet. Und doch schaffte er es irgendwie immer wieder, auf die Füße zu kommen. Aber wie?

Wyatt hatte einen ziemlich guten Ruf in der Gemeinde, da er sich nicht lumpen ließ, wenn es um Spendenaktionen ging. Das machte es noch schwieriger, etwas gegen ihn in die Hand zu bekommen. Gegen einen so angesehenen Bürger würde hier keiner aussagen. Raleighs Job war es, eindeutige Beweise für Wyatts Verstrickung in die Geldfälscheraffäre zu finden. Nur dann würde man ihn dingfest machen können.

Stankle ballte die Fäuste. „Was soll ich dann tun?“

Raleigh ließ den Motor an. „Ich fahre Sie jetzt zum Motel zurück. Setzen Sie sich mit unseren Leuten in Laramie in Verbindung, und finden Sie heraus, ob sich seit Wyatts letztem Trip dorthin etwas Neues ergeben hat. Er ist früh zurückgekommen, und ich möchte wissen, warum.“

„In Ordnung, Sir. In der Werkstatt sagte man mir, dass mein Wagen morgen Abend fertig ist. Glücklicherweise war nicht viel kaputt, nur ein paar Lampen und ein eingedrückter Kühlergrill.“ Kopfschüttelnd rieb sie sich die Schläfen. „Frauen am Steuer“, feixte sie. Damit meinte sie Molly, nicht etwa sich selbst.

Raleigh grinste in sich hinein, sagte aber nichts. Je schneller er Wyatt überführte, desto besser. Er bräuchte sich dann nicht länger als Cowboy auszugeben und könnte der zur Debatte stehenden Frau am Steuer endlich den Hof machen, ohne sich weiterhin verstellen zu müssen.

4. KAPITEL

Plötzlich brach die Hölle los.

Die Tür schwang auf, und Etta Sue stürmte in die Küche, mit ihrem Staubwedel wild um sich schlagend. Molly war aufs Höchste verwirrt, bis sie die Kätzchen entdeckte. Etta Sue scheuchte sie mit ihrem Mopp vor sich her, als hätte sie es mit Staubflusen zu tun. Glücklicherweise waren die kleinen Wesen zu flink, als dass der Mopp ihnen hätte etwas anhaben können.

„Hey!“ Molly trat vor und schwang ihren Kochlöffel, um Etta Sue zu bremsen.

Jetzt kam auch noch Jocelyn hinter der Haushälterin in die Küche gesaust, um die Kätzchen zu retten. Sie heulte laut wie ein Feuermelder. Das Mädchen schnappte sich Krümel, eines der Kätzchen, bevor knapp neben ihm der Mopp niedersauste. Eine Staubwolke stob in die Luft.

„Bitte, hören Sie auf!“, flehte Jocelyn. „Es war meine Schuld, Etta Sue.“

„Kleine Plagegeister!“ Etta Sue fuchtelte so wild mit ihrem Mopp in der Luft herum, dass die an einer Leiste hängenden Töpfe und Pfannen laut gegeneinanderklirrten.

Mit einer mehlbestäubten Hand packte Molly den Griff des Mopps. „Schon gut, beruhigen Sie sich!“, keuchte sie. „Was ist denn bloß los?“

Jocelyn rettete ein weiteres Kätzchen. „Es tut mir so leid“, jammerte sie.

„Die Halunken sind mit ihren scharfen Krallen über meine Besen hergefallen.“ Etta Sue zerrte an dem Mopp, und eine dunkle Staubwolke beschmutzte Mollys blütenweiße Schürze. „Schon das zweite Mal heute.“

Molly ließ nicht los, bis Jocelyn auch das dritte Kätzchen eingesammelt hatte. „Also, Etta Sue“, redete sie beruhigend auf die aufgebrachte Frau ein, wobei sie vorsichtig deren Zerstörungswaffe freigab. „Die Kätzchen haben doch sicher nichts kaputt gemacht. Warum beruhigen wir uns nicht alle erst mal.“ Es war ihr erster Arbeitstag auf der Triple Eight, und seit dem frühen Morgen hatte Trubel geherrscht. Sharleens Geschnatter, Etta Sues Gekeife und Wyatts Gebrüll hatten Molly bereits ernsthaft erwägen lassen, sich ein Paar Ohrstöpsel anzuschaffen.

„Ich warne dich, Mädchen.“ Etta Sue fuchtelte mit einem beringten Finger vor Jocelyns Nase herum. „Halt die kleinen Kratzbürsten von meinem Rollwagen fern!“ Damit schulterte sie den Mopp, als sei er ein Jagdgewehr, und rauschte aus der Küche.

„Im Esszimmer muss staubgewischt werden“, rief Molly ihr nach, wohlwissend, dass ihre Bemerkung auf taube Ohren stieß. Etta Sue hatte den ganzen Vormittag damit verbracht, ihr ominöses Vehikel aufzuräumen. Zum Lunch hatte sie auf einem halben Sandwich herumgekaut und einen großen Becher Kaffee mit Schuss geschlürft, woraufhin sie auf der Couch in der Lobby in einen drei Stunden andauernden Mittagsschlaf gefallen war. Ihr lautes Schnarchen hatte fast die Fensterläden zum Erzittern gebracht.

Molly bürstete ihre beschmutzte Schürze ab. Wann bloß war Etta Sues Mopp jemals in Kontakt mit Staub gekommen? Sie wandte ihre Aufmerksamkeit den Kätzchen zu. „Das mit dem Pappkarton funktioniert wohl nicht, was, Jocelyn?“

„Sie klettern immer raus.“ Das Mädchen saß im Schneidersitz auf dem frisch gescheuerten Linoleum und versuchte, die Kätzchen zu bändigen.

„Ich fürchte, wir müssen die Kleinen fürs Erste in die Küche verbannen.“ Molly kniete sich hin und nahm Krümel hoch. „Kleiner Racker“, schimpfte sie.

„Kann ich sie nicht mit auf mein Zimmer nehmen?“, fragte Jocelyn mit Unglücksmiene.

„Vielleicht über Nacht. Dann musst du aber die Tür zumachen, damit sie nicht in den Flur entwischen. Am besten fragst du zuerst deine Mom.“ Seit Sharleen Molly deren Zimmer im Ostflügel gezeigt hatte, hatte sie sich rar gemacht. Molly blieb sich selbst überlassen, ohne klare Arbeitsanweisung von ihrem neuen Boss.

„Ich darf sie nicht stören“, erklärte das Mädchen offenherzig. „Sie ist bei Mr. Wyatt.“

„Oh.“ Das bedeutete doch nicht etwa … „Im, äh, im Büro, meinst du?“

Jocelyn nickte. „Die Tür ist abgeschlossen.“

„Ich verstehe.“

Jocelyns Knopfnase kräuselte sich. „Mr. Wyatt hat mich ganz schön ausgeschimpft wegen der Kätzchen.“

Darum war es also heute Morgen bei dem lauten Gebrüll in der Lobby gegangen.

„Er ist allergisch gegen Katzenhaare“, fuhr Jocelyn fort. „Mom hat die Bürotür abgeschlossen, damit die Kätzchen nicht reinkönnen.“

So durchtrieben die kleinen Gauner auch sind, das würden selbst sie nicht fertigbringen, eine Tür zu öffnen, auch nicht eine unverschlossene, dachte Molly grimmig. Sharleen polierte Cords Schreibtischplatte offensichtlich bis zum Gehtnichtmehr. Und zwar mit dem Rücken. „Dann müsst ihr eben hierbleiben. Ich freue mich jedenfalls über eure Gesellschaft.“ Um Krümel von weiteren Dummheiten abzuhalten, verfrachtete Molly ihn in die geräumige Tasche ihre Schürze.

„Ja, Ma’am“, erklärte Jocelyn überglücklich. Sie sprang auf und suchte nach den Futterschüsseln für die Kätzchen, die Molly in Treetop besorgt hatte.

Gedankenverloren streichelte Molly über das flauschige Fell des Kätzchens, während sie die Backofentür öffnete, um nach ihren Milchbrötchen zu sehen. Noch nicht ganz durch. Sie mussten leicht und fluffig und goldbraun sein, dann ließen sie das Herz jedes hungrigen Cowboys höher schlagen.

Sie zog eine Grimasse. Erst einen Tag hier, und schon hatte sie sich in einen Betty-Crocker-Klon verwandelt. Aber daran war einzig und allein die Tatsache schuld, dass Raleigh Tate an ihrem Tisch sitzen und ein Loblied auf ihre Kochkünste anstimmen würde.

Der Weg zum Herzen eines Mannes …

In diesem Moment ging die Hintertür auf. Herein spazierte der Vorarbeiter mit dem Moviestar-Lächeln, das ihr Herz hüpfen ließ wie einen Sack mexikanische Springbohnen. Sie schoss hoch und ließ die Backofentür lauter als nötig zuknallen.

„Wie geht’s?“ Raleigh tippte sich grüßend an die Hutkrempe. Dann nahm er den Hut ab und hängte ihn zusammen mit seiner Lederweste an einen Haken neben der Tür. Plötzlich hob er den Kopf und sog schnüffelnd die Luft ein. Seine hellblauen Augen blitzten. „Das riecht aber gut hier, Miss Molly.“

„Einfach Molly tut’s auch.“ Ihr Gesicht fühlte sich heiß an, was nichts mit der Wärme zu tun hatte, die der Backofen abstrahlte. „Es gibt Hühnchen-Stew mit Milchbrötchen.“

Raleighs Sporen klirrten, als er zum Herd trat und den Topfdeckel lüpfte. „Sie sind aber nicht als Köchin engagiert“, sagte er und sog genüsslich den appetitlichen Duft der Hühnerbrühe ein, die Molly dem Stew zugegeben hatte, ein Geheimtipp ihrer Mutter. „Aber ich danke Gott, dass Sie eine so gute sind.“

Sein anerkennendes Lächeln sandte prickelnde Wonneschauer über ihren Rücken. „Vielen Dank, aber Sie haben wohl recht, mir wird nicht genug Zeit bleiben, um jeden Tag zu kochen. Heute sondiere ich hier erst mal das Gelände. Für morgen habe ich mir vorgenommen, zusammen mit Sharleen – und vielleicht auch mit Etta Sues Unterstützung – das Haus vom Boden bis zum Keller zu putzen. Bis zur Jahrhundertwende könnten wir es geschafft haben.“

Raleigh machte einen weiteren Schritt auf sie zu, die Brauen sorgenvoll gerunzelt. Er fuhr sich mit der Hand durch das haselnussbraune Haar, sodass es anschließend wirr vom Kopf abstand. Schlaff um den Hals geschlungen trug er ein Tuch, dessen Enden in den offenen Hemdkragen gestopft waren. Auf seinen hautengen Jeans prangten Schmutzflecken, und Molly fragte sich, ob er wohl vom Pferd abgeworfen worden war. Die Cowboys hatten sich nämlich für heute vorgenommen, ein paar besonders heimtückische Gäule zuzureiten, damit diese die zu erwartenden Touristen in ihren Designer-Jeans nicht bis zum nächsten Planeten katapultierten.

Raleigh drehte den ...

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