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JULIA KISS BAND 9

Love in the City

1. KAPITEL

„Wein doch nicht, Mom“, sagte Mya Strano ins Telefon. „Ich hasse es, wenn du weinst.“

Ihre Mutter hatte sie in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett geklingelt, angeblich nur, um ein bisschen zu reden. Aber bislang wurde an diesem frühen Aprilmorgen herzlich wenig geredet. Dafür umso mehr geschwiegen und geseufzt. Und zu allem Überfluss auch noch geschnieft. Was wiederum nur eins bedeuten konnte: Am anderen Ende der Leitung flossen die Tränen.

„Wer weint denn hier? Ich ganz bestimmt nicht.“ Rita Strano stritt alles ab, und das konnte nur bedeuten, dass ihre Tochter goldrichtig lag.

„Ich höre es ganz deutlich an deiner Stimme, Mom.“

„Tränen kann man nicht hören.“

„Deine schon. Deine Tränen erkenne ich sogar im Schlaf.“

„Wie du wieder redest.“

Es war die eine Sache, einen Freund weinen zu sehen, einen Kollegen. Oder zu beobachten, wie auf der Leinwand Cameron Diaz die Tränen über die Wangen kullerten. Warum hatte sie eigentlich nie eine rote Nase? Glückliche Cameron! Doch wenn die eigene Mutter so herzzerreißend schluchzte, dann war das etwas ganz anderes. Das war einfach nicht so vorgesehen. Mütter hatten nicht zu weinen. Sie waren es, die trösten sollten, nicht umgekehrt. Heulende Mütter brachten die Welt aus den Fugen, verdunkelten den Himmel und brachten 26-jährige Töchter dazu, sich aus Verzweiflung die nächsten Stiegen hinunterzustürzen, weil sie einfach nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Nicht, dass ein Treppensturz irgendwie hilfreich wäre, aber in dieser Situation konnte man darauf keine Rücksicht nehmen.

„Nun gut, vielleicht bin ich ein klein wenig deprimiert.“ Ah, ein Zugeständnis. „Wer wäre das nicht? Schließlich haben wir dem Sender immer gute Quoten gebracht. Und nur weil es jetzt ein bisschen bergab geht …“

Schlagartig löste sich der Knoten in Myas Magen. Das Treppenhaus konnte noch warten, ein Silberstreif zeigte sich zaghaft am Ende des Regenbogens – oder wie auch immer das hieß.

„Wie viel Prozent habt ihr verloren, Mom?“

Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen. Das kann jetzt eine Weile dauern, dachte sich Mya. Ihr Blick wanderte über die ausgeschnittenen Anzeigen aus Modezeitschriften, die kopierten Logos von Szene-Restaurants und die Schnappschüsse von New Yorker Straßenhändlern, die an den Wänden hingen. Die Straßenhändler hatten ihr immer ganz besonders gefallen. Es war irgendwie charmant, sich seinen Lebensunterhalt auf diese Weise zu verdienen. Auf sich allein gestellt, da draußen, jeden Tag aufs Neue – sie mochte den Biss, den man dazu brauchte. In ihrer Fantasie gab der den Händlern etwas ungemein Männliches. Auch wenn sie jetzt nicht sofort etwas mit einem von ihnen anfangen würde … obwohl … also, da war dieser eine Künstler am Time Square, der Handtaschen verkaufte, die aussahen wie Zigarrenkisten – die Dinger waren mittlerweile völlig out. Bloß zählte der eigentlich nicht als Händler. Vielmehr war er ein Intellektueller, der unter der Intoleranz der Gesellschaft gegenüber seiner Kunst litt. So sagte er jedenfalls, und sie fand das sehr süß. Und bevor sie sich versah … Na ja, sie hatten eine wirklich wunderbare Nacht zusammen, und dann schenkte er ihr plötzlich all seine Handtaschen und verschwand nach Toledo, wo er das Lebenswerk seines Vaters fortführen wollte, der sich als Klempner einen guten Namen gemacht hatte. Aber das war lange her und sie damals noch grün hinter den Ohren. Frisch in New York und längst nicht so abgebrüht wie heute. So etwas konnte ihr jetzt nicht mehr passieren, dachte Mya und legte ihre Füße auf den eben gelieferten Karton mit „Ich-HERZ-N.Y.“-T-Shirts. Diese Art von Unschuld hatte sie lange schon verloren.

„Verloren ist das falsche Wort“, sagte ihre Mutter.

„Bitte?“

Konnte ihre Mutter jetzt Gedanken lesen?

„Wir bekommen immer noch säckeweise Fanpost, wen interessieren da diese dummen Quoten?“

„Ach, Mom, der Sender interessiert sich nicht für Postsäcke, sondern nur für die Einschaltquoten. So ist das nun mal.“

„Treulose Bande!“

Mya lehnte sich zurück und entspannte sich. Vielleicht war es einfach nur eine Sache der Gewöhnung? Weinende Mütter waren schließlich keine echte Katastrophe. Kein Komet von anderthalb Kilometern Durchmesser, der die Bahn der Erde kreuzte. Obwohl für ihre Mutter sinkende Einschaltquoten irgendwo in der Nähe einer Naturkatastrophe kosmischen Ausmaßes angesiedelt waren.

Rita Strano war – zusammen mit ihrem langjährigen Geschäftspartner und Gelegenheitslover Franco Baldini – der Star der Kochshow La Dolce Rita. Seit neun Jahren erfolgreich im Programm, in letzter Zeit zeigte die Goldader jedoch Anzeichen zu versiegen. Und Myas Mutter wurde darüber bei jedem Telefonat früher oder später weinerlich. Nur würde Mya dieses Mal etwas dagegen unternehmen. Egal wie unfähig ihre Mutter auch war, Hilfe anzunehmen.

„Wie kann ich dir helfen, Mom?“

„Sei froh, dass du nicht beim Fernsehen arbeitest. Jugendwahn, wohin man schaut. Eine einzige kleine Lachfalte und sie wollen dich aus dem Programm nehmen.“

Ihre Mutter schluchzte nun aus tiefstem Herzen. Es war einfach unerträglich. Mya hätte jetzt gern ihren Arm um sie gelegt und sie irgendwie getröstet. Aber Rita lebte in Los Angeles und Mya dummerweise in New York.

„Das stimmt doch auch nicht, Mom. Schau dir Emeril Lagasse an. Der hat Falten – und zwar nicht zu knapp.“ Mya dachte daran, dass dieser andere populäre Fernsehkoch seinen Kindern bestimmt nicht die Ohren voll heulen würde, während er die Speisekarten für seine neun Top-Restaurants zusammenstellte.

„Er ist ein Mann, Liebes.“

„Okay, der Vergleich hinkt vielleicht, bloß ist dein Alter doch bestimmt kein Hindernis für eine Kochsendung.“

„Sag das meinen Produzenten. Die würden Franco und mich liebend gern durch ein paar kochende Teenager mit lila Haaren ersetzen. In Miniröcken statt Schürze! Wenn sie nicht schon längst mit Paris Hilton telefoniert haben. Vielleicht sollte ich mein Haar blond färben? Das Gesicht liften lassen und Designer-Kleidung tragen?“

„Hey, das ist es!“ Zufrieden nippte Mya an ihrem fettarmen Café Latte mit Karamell-Aroma. Ihre Mutter hatte sie eben darauf gebracht, wie sie La Dolce Rita helfen konnte.

„Ich soll mich liften lassen?“

„Nein, du doch nicht – die Sendung! La Dolce Rita braucht ein Lifting. Und ich werde es ihr verpassen.“

„Um Himmels willen, wie?“

Mya fühlte den Adrenalinschub, der sie stets zu Höchstleistungen beflügelte. Sie liebte es zu planen, neue Dinge zu auszuprobieren und Altes neu zu arrangieren – immer auf der Suche nach dem neuesten Trend. Genau darin bestand ihr Job bei NowQuest, dem Marktführer unter den Trendforschungs-Instituten im ach so hippen und coolen Stadtteil SoHo. Mya war Expertin für Coolness – jeden Morgen ging sie noch im Halbschlaf die angesagtesten New Yorker Stadtmagazine durch. Im Hintergrund lief MTV oder der Style Channel. Und wenn sie das Haus verließ, dann niemals ohne Mini-Camcorder, ihr Notizbuch und eine alte Polaroid-Kamera. Damit auch ja nichts schief gehen konnte, nahm sie zusätzlich noch ein brandneues Foto-Handy mit. So ausgestattet sprach sie auf der Straße jeden an, der irgendwie abgefahren wirkte – deshalb auch die Handtaschen, die wie Zigarrenkisten aussahen, und T-Shirts mit herzigen Sprüchen. Mya verschlang Informationen wie ein hungriges Raubtier – und sie liebte es, fette Beute zu machen.

„Pass auf, Mom. Wir haben sowieso einen Klienten in Las Vegas. Den werde ich übernehmen und schaue dafür vorher bei Franco und dir in L. A. vorbei. Ich brauch eine, vielleicht zwei Wochen, um deine Show auf Vordermann zu bringen.“ Eine neue Dekoration, eine schräge Live-Band und ein paar prominente Gäste. „Ich hab den Kopf schon voller Ideen für eure Sendung. Und noch einen Berg Überstunden abzubummeln. Wenn ich mit Dolce Rita fertig bin, steig ich in den Flieger nach Vegas und treffe den anderen Klienten. Wie klingt das, Mom?“

Ihre Mutter antwortete nicht sofort. Mya hörte nur schweres Atmen, so als wäre sie noch nicht völlig überzeugt.

„Mom? Du willst doch, dass ich dir helfe, oder?“

„Muss ich mir dann die Haare pink färben?“

„Nur, wenn du unbedingt darauf bestehst, Mom. Pink ist sowieso out! Kastanienbraun geht wohl, aber ich checke das noch mal und sag dir dann Bescheid. Oder wir versuchen ein paar Strähnchen für den Anfang.“

Schweigen.

„Bist du noch da? Du könntest mir jeden Tag etwas Leckeres kochen. Für dich würde ich sogar für ein paar Tage meine Waage mit Missachtung strafen. Ach, komm, Mom, lass mich dir wenigstens ein paar Vorschläge machen. Ganz unverbindlich.“

Mya warf einen Blick auf ihre Hello-Kitty-Schreibtischuhr. Sie hatte noch genau zehn Minuten bis zum nächsten Meeting. Leider war sie bisher noch nicht einmal ihre Notizen durchgegangen.

Das Schweigen zog sich hin.

„Sag bitte was, Mom. Irgendetwas.“

Mya blätterte in ihrem Notizbuch. Blue Rock Bistro hieß der Klient, den sie davon überzeugen sollte, einen radikalen Imagewechsel ins Auge zu fassen, um in Las Vegas ein ultra-cooles Hotel und Casino zu eröffnen. Bisher war Blue Rock zwar interessiert, unterschrieben war allerdings noch nichts.

Mya ging ihre Notizen Punkt für Punkt durch, als ihre Mutter endlich etwas sagte.

„Wenn du denkst, du könntest uns helfen – ich werde dich nicht davon abhalten.“

„Du bist einverstanden?“

„Vielleicht sind deine Ideen ja genau das, was uns hilft, wieder in die Top Ten zu kommen.“

„Wunderbar!“

Mya öffnete die Terminverwaltung auf ihrem Laptop und ging die Einträge durch. Die Tage waren bis auf die letzte Minute verplant, nur am Abend herrschte gähnende Leere. Nicht ein einziges echtes Date.

„Also, nächste Woche Donnerstag kann ich bei euch sein. Wie wäre das?“

„Ich treffe mich diesen Freitag mit den Produzenten und würde es sehr begrüßen, wenn du dabei sein könntest. Im Moment kann ich jede Unterstützung gebrauchen. Ich fühle mich, als würde ich gegen Windmühlen ankämpfen, Mya.“

Ungläubig zog sie die Brauen hoch. Wie konnte ihre Mutter auch nur im Traum annehmen, dass sie diesen Freitag mit einem Ideenpapier auf der Matte stehen konnte? Das konnte nicht ihr Ernst sein – also hatte sie einen Scherz gemacht. Na klar, einen Scherz.

Am anderen Ende der Leitung schluchzte Rita Strano.

„Ich steige Donnerstagabend ins Flugzeug, Mom. Aber du musst mir versprechen, dass ich das auf meine Art machen kann, sonst wird es nicht funktionieren. Ehrlich gesagt wollte ich immer schon …“

„Fabelhaft, Liebes, ich schicke dir einen Wagen zum Flughafen. Gib mir einfach die genaue Uhrzeit durch und wir sehen uns am Donnerstag. Bis dann, ich freu mich schon ganz doll, Kleines.“

Und an der Ost- und Westküste wurden die Hörer auf die Gabel gelegt, und die Welt zwischen Müttern und Töchtern war wieder im Lot. Kein Treppensturz vonnöten, jedenfalls heute nicht.

Am Donnerstag, pünktlich um zwölf Uhr mittags, schnallte Mya sich in den ausnehmend bequemen Sitz eines Airbus A320 ihrer Lieblingsairline Jet Blue. Es gab keine coolere Fluggesellschaft – perfekt bis ins Detail. Die Schwimmwesten passten zum Corporate-Design, und Mya war sich sicher, dass ihr sogar die Atemmaske gut stehen würde, sollte es zum Absturz kommen. Gerade wurden die Triebwerke getestet, angenehme Vibrationen brachten ihren Sitz zum Schwingen. Fliegen war eigentlich immer aufregend, irgendwie sexy – eindeutig erotisch. Gehen jetzt die Hormone mit mir durch? Jedenfalls liebte Mya es, vom Boden abzuheben, in die Luft katapultiert zu werden und jedes Mal wieder erstaunt zu beobachten, wie die sonst oft so bedrohlich wirkende Skyline von New York plötzlich ganz harmlos wirkte. Vielleicht war es auch nur die Aussicht auf einen Kurzurlaub – raus aus dieser Stadt. Nicht, dass sie New York nicht schätzte, vor allem am Wochenende und in den Ferien, aber sie war nun mal ein echtes California-Girl, und nichts und niemand konnte daran etwas ändern.

Sicher, sie mochte ihr wundervolles Apartment in Greenwich Village, den Coffee Shop gleich an der Ecke und das unvergleichliche Nachtleben. Außerdem gehörten ihre Freunde zu den lässigsten Szeneleuten in Manhattan oder hielten sich zumindest dafür.

Und dann die Männer auf ihrer Liste – Straßenhändler mal ausgeklammert –, die waren meist so cool, dass Mya manchmal einfach nur mit ihnen Schluss machte, um zu sehen, ob das die Typen emotional überhaupt berührte. Meist war das nicht der Fall.

Dabei lag das bestimmt nicht an ihr. Nein, vereinzelt empfand sie schon echte oder sogar tiefe Zuneigung. Die Kerle waren es, die Probleme damit hatten, ihr irgendetwas zurückzugeben, was entfernt an Gefühle erinnerte. Für manche war das sicherlich völlig in Ordnung – wenn man nicht wie Mya aus Fleisch und Blut bestand und ein Herz besaß, das in der eigenen Brust gern auch mal etwas heftiger schlug.

Myas allzu ruhiger Herzrhythmus war auch der ausschlaggebende Punkt gewesen, weshalb sie Bryan Heart den Laufpass gegeben hatte. Bei weitem der Tollste der Tollen, galt der ebenso coole wie selbstgerechte Bryan als der Brad Pitt unter den Trendsettern und Lifestyle-Gurus. Doch nachdem er ihr todernst erklärt hatte, dass er es unmöglich zulassen konnte, sich in sie zu verlieben, solange Beziehungen nicht wieder offiziell als lässig eingestuft werden würden, hatte sie keine Alternative zur Trennung mehr gesehen. Immerhin hatte er ihr zum Abschied gesagt, dass sie ganz oben auf seiner Liste stehe, sollten Paare wieder in Mode kommen. Und dabei hatte er dieses alberne Handzeichen mit dem imaginären Hörer am Ohr gemacht.

Ein Jahr war das nun her, und sie wartete immer noch auf seinen Anruf. Zugegeben, sie hatte eine Schwäche für coole Typen. Allerdings war das nicht Myas einziges Problem mit New York, den Schönen und den Trendigen. Die unterschiedlichen Mentalitäten an der Ost- und Westküste verwirrten sie regelmäßig und nachhaltig, genauso wie das Wetter, an das sie sich einfach nicht gewöhnen konnte. Die Kälte und der Regen, Schneematsch, Blitzeis und die immerwährende Luftfeuchtigkeit nagten an ihrem Körper und an ihren Nerven. Sie war mehr der Typ für ganzjährigen Sonnenbrand bei vereinzelt einsetzenden Erdbeben. Damit konnte sie super umgehen, auf den Rest jedoch gerne verzichten.

Myas größtes Problem bei der ganzen Sache war, dass sie einfach nicht aufgeben konnte. Nichts vermochte sie auf ihrem geraden Weg zum Erfolg zu stoppen. Schließlich hatte sie vor zwei Jahren beschlossen, dass vierundzwanzig viel zu alt war, um noch bei der Mama zu wohnen. Also packte sie ihre Koffer und hüpfte aus dem Nest – buchstäblich ins kalte Wasser. Zielstrebig begann sie ihr eigenes Leben und wollte der Welt ihren eigenen Stempel aufdrücken. Und das Stempelkissen entpuppte sich eben als New York, wo sie den besten Job ergatterte, den man sich überhaupt nur vorstellen konnte. Nummer eins auf der Liste ihrer Traumberufe. Das perfekte Glück!

Mittlerweile war das allerdings zwei Jahre her, und bei ihr regierte das Heimweh. Sie vermisste ihre Familie, den Strand mit all den niedlichen Surfern, und das kalifornische Nachtleben, das gänzlich ohne Pullover oder Regenmäntel auskam. Sie … ach, sie wollte einfach mal wieder ein paar Tage zu Hause verbringen, sich bekochen und verhätscheln lassen. Das war alles.

Rita war noch eine Mutter wie aus einer TV-Serie der 50er-Jahre, die jeden Tag ein Frühstück wie aus der Kaffeewerbung zauberte und vor dem Mittagessen noch Zeit fand, die Socken zu stopfen.

Aber was noch viel besser war als endloser Sonnenschein und heile Socken – Mya flog nach Hause, um ihrer Mutter zu helfen. Bei einem Problem, von dem sie sicher war, dass sie es lösen konnte. Etwas Besseres konnte sie sich nun wirklich nicht vorstellen.

Rita und Franco befanden sich schon länger am Rande der Verzweiflung. Als Mya das letzte Mal auf die Einschaltquoten geschaut hatte, waren die bereits im sprichwörtlichen Keller gelandet. Doch Mya würde diesen Abwärtstrend umdrehen! Schließlich war sie die Königin der frischen Ideen, der kleinen Tricks und Kniffe, die aus einem biederen Laden den Treffpunkt der Szene machen konnte. Schon als Kind hatte sie all ihre Barbie-Klamotten schwarz eingefärbt, weil sie instinktiv wusste, dass Rosa völlig out war.

Und so verbrachte Mya den Flug nach L. A. vor ihrem tatendurstig schnurrenden Laptop und spielte mit Ideen für neue Dekorationen, einem roten Faden beim Kochschürzen-Design, sowie den passenden Gerichten dazu. Die Sendung brauchte nicht nur einen neuen Look, sondern auch ein einzigartiges Feeling. Mya recherchierte auf den Internetseiten der angesagtesten Gourmet-Magazine, glich die Ergebnisse mit Daten aus der Marktforschung über jugendliche „Opinion-Leader“ ab und checkte sie gegen Umfragen, die bei der Belegschaft von Table-Dance-Bars in Las Vegas gemacht worden waren. Stripper aus Vegas waren derzeit die Trendsetter schlechthin!

Für einen Augenblick spielte Mya mit dem Gedanken, sich zu Hause ebenfalls so eine Table-Dance-Stange einbauen zu lassen. Und wenn ich sie dann niemals brauche? Dann würden zwei Arbeiter die unbenutzte Stange wieder abbauen, und auch der letzte Nachbar würde wissen, dass Mya kein nennenswertes Liebesleben hatte.

Sie schlug sich den Gedanken aus dem Kopf. Wie auch immer: Sie hatte das Gespür für die richtigen Maßnahmen zur richtigen Zeit. Da war nur ein kleines Problem: ihre Chefin! Grace Chin war eine wunderbare Frau, die eigentlich überglücklich sein sollte, dass Mya auf ihrer Gehaltsliste stand. Trotzdem hatte sie auf Myas Ankündigungen, den Business-Trip nach Vegas mit einem Kurzurlaub in L. A. zu verbinden, irgendwie seltsam reagiert. Mit einem Anflug von Panik in den Augen, als hätte sie eine leichte Herzattacke. Keine Sorge! Mya hatte alles unter Kontrolle, den Klienten in Vegas und ihre Mutter im Quotenkeller. Beide Projekte würden abgehen wie eine Feuerwerksrakete. Ganz bestimmt!

Während Mya knappe fünf Stunden später aus dem Flugzeug stieg und ihre Koffer einsammelte, fühlte sie sich fast ein bisschen überdreht. Auch der Regen, der gerade über Los Angeles niederging, konnte ihre Stimmung nicht trüben. Regen hält sich hier nie sehr lange, dachte sie und summte fröhlich den alten Song vor sich hin: Seems it never rains in Southern California. Außer man befand sich gerade auf dem Flughafen, wo Mya stand und auf den Wagen wartete, den ihre Mutter schicken wollte. Bestimmt war es nur eine Frage der Zeit, und ein Chauffeur mit Mütze und einem Namensschild würde auftauchen, um sie einzusammeln. Dann würde sie trocken und warm auf dem plüschigen Rücksitz Platz nehmen und sich entspannt in ihre allerliebste Großstadt von allen kutschieren lassen.

Seems it never rains …

Mya beobachtete die endlose Autoschlange, die sich im Schritt-Tempo in Richtung Sicherheitskontrolle bewegte. Für einen kurzen Moment spielte sie mit dem Gedanken, einen Pullover aus ihrem prall gepackten Koffer zu zerren, aber dann sah sie bereits die angekündigte Limousine und sparte sich die Mühe. Sie schob ihr Gepäck in Richtung Bordstein, während der Wagen ein paar Meter entfernt stoppte und der Fahrer die Tür öffnete.

„Hallo, ich bin hier“, rief Mya und wedelte mit beiden Armen. Jetzt stand sie direkt im Regenguss. Vor dem Terminal war der Teufel los, vielleicht konnte sie der Fahrer von dort aus nicht erkennen? Also ging sie ein paar Schritte auf ihn zu. Eine chinesische Familie erschien wie aus dem Nichts, und der Fahrer öffnete beflissen die Tür zum Fond.

„Hey, das ist mein Wagen!“ Niemand beachtete Mya. Der Fahrer verstaute erst die Familie, dann die Koffer. Ohne viel Zeit zu verlieren, sprang er wieder hinter sein Lenkrad und fädelte sich in den Verkehr ein. Mya sah den Rückleuchten nach und fragte sich, wie man sie mit einer chinesischen Familie verwechseln konnte.

Beruhige dich. Zähle einfach bis zehn. Stell dir einen ruhigen, friedlichen See vor.

Sie schob ihre Sachen zurück unter das Vordach und gab der Vernunft eine Chance. Vielleicht war der Flieger etwas zu früh? Oder der Fahrer war in Verkehrskontrollen stecken geblieben? Inzwischen schüttete es wie aus Eimern. Und Mya trug nur ihr ärmelloses Sommerkleid, die lila Schulmädchensocken und Highheels. Die erdbeerblonden Haare fielen ihr wie auf Kommando ins Gesicht, von einer Frisur konnte wohl auch keine Rede mehr sein. Und langsam wurde ihr wirklich kalt. Da half es leider wenig, die Arme vor der Brust zu verschränken. Herzlich wenig.

Nun gut, der Fahrer war irgendwo aufgehalten worden, na und? Gleich würde er sie einsammeln und ihr ein Handtuch reichen. Alles wird gut! Eine kleine Rückversicherung konnte allerdings ebenfalls nicht schaden. Sie kramte das Handy aus ihrer Handtasche, die wie eine Zigarrenkiste aussah und mindestens ein Jahr aus der Mode war. Dann rief sie ihre Mutter an.

Keine Antwort! Eine Computerstimme fragte sie, ob sie eine Nachricht hinterlassen wolle. Im Prinzip gerne, dachte Mya, nur hatte ihre Mutter es noch nie geschafft, die Mailbox abzurufen, also war das vergebene Liebesmüh. Kurz entschlossen rief sie bei Franco an.

Keine Antwort! Franco hasste Handys. Unter dem sanften Druck seiner Produzenten hatte er sich eins zugelegt, doch wahrscheinlich stand es immer noch unausgepackt auf seinem Schreibtisch. Mya sah das arme kleine Ding praktisch vor sich: Einsam und allein in einer Schublade, sein Klingeln unbeachtet von der Welt – und vor allem von Franco.

„Gleich fange ich an zu schreien!“, teilte Mya dem Terminal mit.

Dem war das natürlich herzlich egal. Also riss sie sich zusammen und übte sich in Geduld. Nach zwanzig Minuten im Regen beschloss Mya allerdings, sich ein Taxi zu nehmen. Bevor sie ihre Mutter von der Änderung ihrer Pläne in Kenntnis setzen konnte, fiel ihr ein alter, zerbeulter Van auf, der schräg rechts von ihr im Leerlauf tuckerte. Daran war eigentlich nichts Ungewöhnliches, bis auf die Tatsache, dass im Seitenfenster ein weißer Zettel klebte, auf dem ihr Name stand.

Um Himmels willen!

Offenbar stand es schlimmer um ihre Mutter, als sie gedacht hatte. Hatte Rita all ihr Geld bei dubiosen Lebensmittelgeschäften verloren? Konnte sie sich nur noch einen zerbeulten Van leisten? Einen gebrauchten weißen Van mit Nummernschildern aus Georgia?

„Kein Wunder, dass du ununterbrochen heulst!“

Die Frau neben Mya, schön warm eingepackt in einem wadenlangen Regenmantel, warf ihr einen verstörten Blick zu und ging auf sichere Distanz.

„Klar“, rief Mya ihr nach, „bringen Sie sich nur in Sicherheit. Ich mach mir ja allmählich selber Angst!“

Wurde sie allmählich verrückt? Aber war diese weiße Rostlaube aus Georgia etwa nicht verrückt? Stellte sich die nächste Frage, ob sie der Sache auf den Grund gehen oder lieber die Beine in die Hand nehmen und sich besser irgendwo ein Taxi suchen sollte. Schließlich entschied sie sich, wenigstens nachzuschauen, ob sich ihre Mutter nicht in dem Van verschanzt hatte, womöglich auf der Flucht vor der Reporterin, die ihr seit einem großen Kochlöffel-Skandal auf den Fersen war.

Was hast du nur wieder angestellt, Mom?

Mya näherte sich dem plötzlich bedrohlich wirkenden Fahrzeug mit der gebotenen Vorsicht und warf einen Blick durch das trübe Seitenfenster. Ein fauliger Geruch wehte ihr entgegen. Allerlei Gerümpel lag herum, leere Getränkedosen und zerknautschte Klamotten stapelten sich im Fußraum. Unmöglich konnte dieser Wagen ihrer Mutter gehören! Statt der üblichen Kochutensilien war überall Videoausrüstung im Wagen verstreut. Und jetzt bewegte sich etwas zwischen dem Ramsch, oder war das nur ihre Einbildung? Sie trat noch einen Schritt näher ans Fenster.

Urplötzlich sah sie sich Auge in Auge mit einer zähnefletschenden Bestie – die sich gerade zum Angriff bereit machte! Mya schrie auf, sprang zurück und nahm dabei nebenher zur Kenntnis, dass ihre Absätze für den Überlebenskampf an Flughäfen wohl kaum geeignet waren. Laut fluchend landete sie mit dem Po in einer lauwarmen Pfütze.

„Platz, Voodoo“, kommandierte eine Männerstimme direkt hinter ihr.

„Wie bitte?“

Das Viech im Wagen bewegte sich keinen Millimeter mehr, bellte dafür jedoch ohne Unterlass. Nur allzu gerne wäre Mya ihrem Fluchtinstinkt gefolgt, aber ihre schnuckeligen Schuhe befanden sich nunmehr halb unter dem Van statt an ihren Füßen. Und sie weigerte sich, barfuss zu fliehen – die Highheels machten ihr Outfit schließlich erst komplett.

„Ich meinte meinen Hund“, sagte der Mann, der jetzt in ihr Blickfeld trat und ihr seine Hand reichte.

„Natürlich meinten Sie den Hund“, erwiderte Mya und versuchte, etwas trockenen Sarkasmus mitschwingen zu lassen.

Sie ignorierte die angebotene Hand und kam aus eigener Kraft wieder auf die Füße. Der Sarkasmus war momentan das einzig Trockene an ihr, dafür behielt sie immerhin ihre Würde. Na ja, jedenfalls fast.

„Das Tier gehört in einen Zwinger“, sagte sie kühl, „wenn nicht sogar eingeschläfert. Wie können Sie so ein Monster frei rumlaufen lassen, damit es jemanden zu Tode erschreckt?“

„Sein Schutzinstinkt ist sehr ausgeprägt, er muss Sie als eine Bedrohung angesehen haben“, entgegnete der Monster-Halter trocken.

Mya konnte ihn durch die nassen Ponysträhnen vor ihren Augen zwar kaum erkennen, dennoch sah er irgendwie vertraut aus. Zu dumm, dass es sie jetzt herzlich wenig interessierte, ob und wann sie sich schon einmal begegnet waren.

„Ich? Eine Bedrohung? Und für wen oder was genau?“

„Vielleicht für mich?“

Ha! Der Witz des Tages. Das war hier doch garantiert Versteckte Kamera

„Klar, ich setze mich immer mitten in eine Pfütze, wenn ich besonders bedrohlich wirken will!“

„Und ich spioniere nicht durch fremder Leute Autofenster, wenn ich nicht so wirken will.“

Gut, der Punkt ging an ihn, und Mya konnte schlecht erzählen, dass sie in diesem Haufen Schrott ihre leibliche Mutter vermutet hatte.

Endlich ließ der Regen etwas nach, und plötzlich sah der Kerl gar nicht mehr so übel aus mit seinem dunkelblonden, leicht lockigem Haar und den grau-grünen Augen. Der Anflug eines Lächelns lag in seinem jungenhaft wirkenden Gesicht. Die Nase war vielleicht ein bisschen zu markant, passte aber zu ihm. Wenn man ihn mal ein bisschen durchstylen würde, dann sähe er vielleicht gar nicht schlecht aus – beinahe wie ein intellektueller Straßenhändler. Aber eins war sicher: Er brauchte dringend eine Rasur. Gesichtsbehaarung war zwar nicht mehr völlig out, nur deshalb konnte man noch lange nicht herumlaufen wie Grizzly Adams. Insgesamt schien er recht gut gebaut zu sein, das erkannte Mya auch ohne Röntgenbrille und trotz des unförmigen Parkas. Aber wen interessierte das – ein Parka war schließlich ein echtes Knock-Out-Kriterium …

Grandios, ein sexy Waldschrat!

„Warum sollte ich eine alte Klapperkiste am Flughafen ausspionieren?“

„Klapperkiste?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und schaute sie von oben herab an. Oben war in seinem Fall über einsneunzig. Und ja, sie stand auf große Männer. Auf coole große Männer! Mr. Waldschrat war eindeutig nichts für sie.

„Na ja, vielleicht bin ich der … dem Van etwas zu nahe gekommen, dafür hatte ich jedoch einen guten Grund. Ich wollte sehen, ob da jemand drin sitzt.“

„Und was war der gute Grund?“

Sind wir hier auf der Polizeiwache?

Dieser Mann schaffte es mühelos, ihre sonst so ruhige Art zu untergraben. Jetzt war es an ihr, die Arme vor der Brust zu verschränken.

„Mein Name steht auf diesem Zettel da“, erklärte Mya mit einem Kopfnicken, „und das kann nur bedeuten, dass meine Mutter irrtümlich Sie geschickt hat, um mich abzuholen.“

„Heiliger Strohsack! Mya? Mya Strano? Ich bin’s, Eric. Francos Sohn. Erinnerst du dich nicht? Eric Baldini.“

Unglaublich! Der fiese kleine Eric war also tatsächlich erwachsen geworden, besaß ein schrottreifes Auto, einen Kampfhund und – so seltsam das auch anmuten mochte – war hier, um sie zu ihrer Mutter zu bringen.

Heiliger Strohsack!

2. KAPITEL

Da standen sie also und umarmten sich wie alte Freunde. Wie Kumpel, Seelenverwandte oder sogar ein Liebespaar? Auf andere mochte es ja so wirken, aber Mya empfand das ganz anders. Sie hatte dieses befremdliche Gefühl, wenn ein fremder Mensch einen plötzlich beim Namen nennt und man sich krampfhaft fragt, wo in aller Welt man diesen Typ schon einmal gesehen hat. Na ja, nicht ganz so, aber fast. Myas letzte Erinnerung an Eric war, dass er ihr mit einem Eimer Wasser ihre Sandburg kaputtgemacht hatte. Woraufhin sie sich revanchierte, indem sie seine Burg mit den Füßen dem Erdboden gleichmachte. Der Erdboden war ein Strand in Malibu und sie vielleicht sieben Jahre alt.

Über die Jahre hinweg hatte sie zwar immer mal wieder Fotos von ihm gesehen, wenn sein Vater sie stolz präsentierte. Allerdings war sie immer viel zu sehr mit dem eigenen Heranwachsen beschäftigt gewesen, um sich dafür zu interessieren, was aus Quälgeist Eric geworden war.

Jetzt erinnerte sie sich, dass er nach der Scheidung seiner Eltern zu seiner Mutter nach Georgia gezogen war. Und damals – es war tatsächlich auch hier am Flughafen gewesen – als Franco, ihre Mutter und sie ihn verabschiedeten, da hatte es keine Umarmung gegeben. Kein Händeschütteln, keine einzige Träne. Stattdessen hatte sie ihm heimlich die Zunge rausgestreckt. Bis dahin hatten sie sich nicht einmal berührt, wenn man von dem einen Mal hinter dem grünen Schuppen absah … aber daran wollte sie jetzt nicht denken. Schließlich war sie gerade zu beschäftigt damit, eine Kindheitserinnerung zu umarmen, die sie seit neunzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Sekunde mal, natürlich hatten sie sich berührt. Damals am Flughafen, für einen winzigen Augenblick, während sie sich um das Ticket stritten, das Mya unbedingt in Augenschein nehmen wollte. Nur war das ein Versehen gewesen.

Um ehrlich zu sein: Sie war heilfroh gewesen, als Eric endlich abgeflogen war. Jedenfalls die ersten Wochen. Danach begann sie, die Kabbeleien zu vermissen, mit denen sie sich gegenseitig das Leben zur Hölle gemacht hatten. Das Gehänsel und Spielzeugwerfen fehlte ihr plötzlich, und sie versuchte sogar, ihre Mutter zu überreden, Eric zu adoptieren. Aber dessen Mutter war entschieden dagegen und ließ ihn nicht mal die Ferien über bei Franco wohnen.

Jetzt war Mya sprachlos, was ihr sonst unter gar keinen Umständen passierte. Ihre Mutter behauptete sogar, dass ihre Tochter schon im Kreißsaal vor sich hin gemurmelt hatte, während sie mit dem Kopf nach unten hing und auf den Klaps auf den Po wartete. Doch nun fehlten Mya die Worte. Zudem schien die Tatsache, dass sie Eric, das Ekel, umarmte, auch noch ihren Puls zu beschleunigen.

„Äh, meine Schuhe …“, sagte sie und löste sich von ihm. Ihr war ein wenig schwindelig, wie nach einem leidenschaftlichen Kuss. Und als Eric sich nach den Schuhen bückte, wollte sie erst zurücktreten, entschied sich dann jedoch anders. Aus dieser Unentschlossenheit heraus verlor sie erneut das Gleichgewicht und fiel schon wieder auf den Boden. Ihr Po tat jetzt richtig weh, und sie biss sich auf Lippen. So konnte das nicht weiter gehen, das war ja albern.

„Hier können Sie nicht stehen, bitte fahren Sie weiter.“ Ein Polizist war zu ihnen getreten und deutete auf den Van.

Eric reichte ihr seine Hand, und diesmal nahm sie seine Hilfe an. Nachdem er ihr die Schuhe gegeben hatte, schaute er sie prüfend an.

„Wir machen uns hier besser aus dem Staub. Du blutest übrigens …“

Eric berührte ihre Unterlippe, und ein Blitz durchfuhr Mya.

„Schlimm?“, fragte sie ihn, aber er schüttelte den Kopf und lächelte.

„Hat schon aufgehört.“ Er öffnete die Beifahrertür. „Komm, steig ein.“

Panik flammte kurz in ihr auf, als sie, an seine Schulter gelehnt, die völlig durchweichten Schuhe wieder anzog.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich in dieses Vehikel steige, zu dem durchgedrehten Hund. Und was riecht da drinnen eigentlich so abstoßend?“

Eric wollte etwas sagen, doch sie hob ihre Hand.

„Schon gut, ich will es gar nicht wissen. Der Köter allein ist schlimm genug.“

„Voodoo ist treu wie Gold, wenn du ihn erst mal kennen gelernt hast.“

Sie war nicht überzeugt. Gleichzeitig war sie aber auch durchnässt und müde, obwohl die Sonne jetzt schien und ihr Kleid allmählich zu trocknen begann. Sie wollte einfach nur weg von diesem Terminal und hin zu ihrer Mutter.

„Meine Mom hat dich wirklich und wahrhaftig hierher geschickt?“

Amüsiert nickte Eric.

„Dieselbe Mutter, die weiß, dass ich eine unerklärliche Furcht vor allen Tieren habe, deren Zähne länger als meine eigenen sind? Die weiß, dass ich Schmutz und Unordnung hasse wie die Pest? Diese Mutter?“

„Nun, eigentlich war es mein Vater, der mich bat. Allerdings in Ritas Auftrag.“

Ah, sie stecken beide unter einer Decke, diese schamlosen Kuppler!

Mya ging ihre Alternativen durch. Was nicht lange dauerte, denn schließlich hatte sie keine. Ihr blieb keine Wahl, als in dieses Auto zu steigen: Abgeholt von einem süßen Waldschrat, dem sie als Kind eine Schachtel mit Kreide an den Kopf geworfen hatte, und der jetzt kam, um Rache zu nehmen – in einer Blechbeule von Auto und mit einem als Hund getarnten Bären, der sicherlich jeden Abend mit kleinen Kindern gefüttert wurde.

Es könnte schlimmer kommen. Es könnte wieder regnen.

Als sein Vater ihn darum gebeten hatte, Mya vom Flughafen abzuholen, hatte Eric sich ein völlig anderes Mädchen vorgestellt. Er hatte ein kleines dickliches Kind in Erinnerung, das den ganzen Tag nur Süßigkeiten in sich hinein stopfte. Mit kurzen Haaren und einer überdimensional großen Brille. Jedes Mal, wenn sie sich damals stritten, hatte er sie Brillenschlange genannt. Doch das Mädchen in dem nett gemusterten Sommerkleidchen trug keine Brille. Dafür reichten ihr die erdbeerblonden Haare bis zur bemerkenswert schmalen Taille. Niemand hatte ihn ausreichend auf so etwas vorbereitet – genauso wenig auf ihre beinahe hysterische Angst vor Hunden. Also bemühte er sich, Voodoo hinter das Hundegitter zu platzieren, was nicht einfach war, denn der wollte Mya eigentlich freundlich beschnuppern.

„Er möchte nur Hallo sagen …“, erklärte er Mya, die in sicherem Abstand, aber trotzdem noch recht nervös, abwartete. Sie hob kurz die Hand und sagte: „Hallo …“

„Es wäre vielleicht gut, wenn er dich erst mal in Ruhe beschnüffeln könnte, ehe du in den Van steigst.“

Jetzt fing es schon wieder zu regnen an, und sie saßen immer noch nicht im Auto.

„Wenn du ihn nicht wenigstens an deiner Hand riechen lässt, dann gibt er die ganze Fahrt über keine Ruhe mehr.“

„Wozu braucht er meinen Duft? Im Van gibt es doch schon so viele.“

„Hunde wissen eben gerne, mit wem sie es zu tun haben.“

Eric beobachtete, wie Mya zögerlich näher kam und ihren Arm ausstreckte, jederzeit bereit, ihn blitzschnell zurückzuziehen. Er nahm ihre Hand und führte sie langsam in Richtung Hund. Insgeheim genoss er die Berührung und die Nähe zu Mya.

Ganz ruhig, Eric. Lass es sein, das Mädchen spielt in einer ganz anderen Liga.

Ausgiebig schnupperte Voodoo an der dargebotenen Hand, und Mya zuckte nicht einmal mit der Wimper. Stattdessen standen sie für einen Augenblick dicht beieinander und hielten Händchen – genau wie das letzte Mal, hier am Flughafen, vor knapp neunzehn Jahren.

Nach der freundlich-feuchten Begrüßung durch den schwarzen Doggen-Mischling und etwas vorsichtigem Getätschel seines medizinballgroßen Kopfes versprühte Mya beinahe einen ganzen Flakon ihres Lieblingsdesignerparfüms im Innenraum. Eric verstaute das Gepäck, und Mya machte es sich auf dem Beifahrersitz bequem. Ein schwerer Duft von Pfirsich und Johannisbeere zog durch den Van und machte den Mief erträglich. Und schließlich – endlich – waren sie unterwegs.

Es kann nur besser werden.

„Du hast dich ziemlich verändert“, bemerkte Eric, als er sich in den fließenden Verkehr einfädelte.

„Das bringt das Erwachsenwerden so mit sich …“

Stocksteif saß Mya da und versuchte, den Kontakt mit der zerschlissenen Rückenlehne zu vermeiden. Egal welcher Dreck sich dort angesammelt hatte, ihr bloßer Rücken konnte auf diese sensorische Erfahrung verzichten. So saß sie also leicht vornüber gebeugt und hielt außerdem den offensichtlich mit Leidenschaft zerkauten Sicherheitsgurt in sicherer Entfernung zum Körper. Hoffentlich dauerte die Fahrt nicht so lang.

„Nein, ich meine deine Haarfarbe. Die ist anders geworden. Du trägst keine Brille mehr und bist – na ja – du bist gertenschlank.“

Mya schaute zu ihm hinüber.

„Willst du damit sagen, dass ich früher fett gewesen bin? Merk dir eins: Ich war niemals fett, ich hatte lediglich einen starken Knochenbau.“

„Und was tut man gegen starke Knochen?“

„Man wächst, dann werden sie automatisch länger.“

„Ach ja?“ Er schaute sie kurz von der Seite an

„Solltest du dich nicht besser auf den Verkehr konzentrieren?“

Eine Sekunde nicht aufgepasst und prompt hatte sie sich zurückgelehnt. Die Rückenlehne sah nicht nur speckig aus, sie war es auch.

Zu spät!

„Igitt, der Sitz ist klebrig“, beschwerte sie sich.

„Ja, Voodoo sabbert ab und zu. Das ist die Bulldogge in ihm.“

„Er sabbert auf den Beifahrersitz?“

„Ausschließlich auf den, es ist schließlich sein Sitzplatz. Für gewöhnlich jedenfalls.“

Ich glaube, jetzt wird mir schlecht.

Mya musste niesen.

„Leider funktioniert die Heizung nicht, aber ich kann dir gern einen Pullover leihen“, bot Eric an.

Mya wollte sich diesen Pulli gar nicht erst vorstellen. Stinkig, haarig und klebrig – nein danke!

„Es geht schon, mach dir keine Umstände“, meinte sie schnell.

Schweigend verließen sie das Flughafengelände, während Voodoo, die Bestie, hinter dem Hundegitter nicht nur schlief, sondern auch noch lautstark schnarchte.

Erneut musste Mya niesen. Wahrscheinlich war es besser, gar nicht zu wissen, gegen was sie in dem Van alles allergisch war.

Sobald Eric sich erfolgreich in den zähfließenden Verkehr auf dem Highway eingereiht hatte, entschloss Mya sich, wenigstens etwas guten Willen zu zeigen, und startete eine höfliche Konversation.

„Das ist vielleicht ein Wetter“, bemerkte sie aus Ermangelung eines wirklich spannenden Themas.

„Wir haben uns seit zwanzig Jahren nicht gesehen und du willst über das Wetter reden?“

Nun musste Mya grinsen. Also gut, sie würde ein paar ihrer bewährten Interview-Techniken anwenden.

„Du hast recht. Und – was treibst du so?“

„Das ist doch mal ein Anfang. Ich stecke gerade mitten in einer Dokumentation. Und du?“

„Ich spüre die neuesten Trends auf. Trend-Forscher ist die genaue Berufsbezeichnung.“

„Wirklich? Hab davon gehört, klingt als wäre es ein richtiger Traumjob.“

Oh, er ist also gar nicht so verschroben!

„Ich bin zufrieden. Dadurch kann ich meiner Mutter …“

Und gerade als sie ihm den Grund für ihre kleine Stippvisite erklären wollte, nahm er eine Ausfahrt, die noch meilenweit entfernt war von ihrem eigentlichen Ziel.

„Bitte sag, dass du eine Abkürzung kennst. Das ist nicht unbedingt die Nachbarschaft, in der ich mit deinem Wagen liegen bleiben möchte.“

„Keine Panik, ich muss hier noch ein bisschen was drehen“, erwiderte er.

„Drehen? Was dreht man denn hier? Einen Mord – oder Drogengeschäfte?“

„Ich stehe kurz vor meinem Magister-Abschluss im Fachbereich Film.“

„Du bist Student?“

„In den Semesterferien, genau. Abschlussprüfung im kommenden Juni.“

„In drei Monaten also?“

„Genau. Coole Sache, oder?“

„Echt cool.“

Mya war sich nicht so sicher. Im ersten Moment hatte sie gedacht, dass er für ein großes Studio arbeiten würde, an einer Doku, die den Lauf der Welt maßgeblich beeinflussen würde. Irgendwas im Zusammenhang mit dem Weltfrieden und der Oscarverleihung. Natürlich würde sie ihn zur Gala begleiten, entdeckt werden und die weibliche Hauptrolle in einem Blockbuster mit Tom Cruise bekommen. Und jetzt?

Er ist ein Film-Student!

Eric steuerte den Wagen mittlerweile durch eine Gegend von L. A., in die Touristen sich wohl eher selten verirrten. Jedenfalls wenn sie klug waren – und ihnen das Leben lieb war. Vielleicht hatte sie ihn falsch eingeschätzt? Möglicherweise war das hier eine wichtige Angelegenheit, eine Doku über die Benachteiligten, die mittellosen Menschen bar jeder Hoffnung.

„Es geht um Bars“, sagte Eric, während er konzentriert nach einem potenziellen Motiv suchte.

„Im Sinne von Kneipen oder Spelunken?“

„Genau.“

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“

Urteile nicht zu früh – vielleicht geht es um Dekadenz und die bösen Auswirkungen von Teufel Alkohol.

„Nein. Bars haben dieses Land zu dem gemacht, was es heute ist. In schummrigen Saloons wurden mehr historische Entscheidungen getroffen als in allen Regierungsgebäuden zusammen.“

„Du nimmst mich tatsächlich auf den Arm.“

„Warum sagst du das?“

„Ich versuche lediglich, dir zu folgen. Kneipen haben unser Land also zu dem gemacht, was es heute ist?“

„Kneipen, genau. Demnächst fahre ich zu einer alten Goldgräberstadt raus, erst neulich war ich in Tombstone. Im Birdcage Theater hatten die Prostituierten ihre Zimmer direkt in der Nähe der Poker-Tische. Hast du geahnt, dass Wyatt Earp eine Prostituierte geheiratet hat? Sie lernten sich im Birdcage kennen. Wenn das keine spannende Kneipen-Anekdote ist …“

„Sehr romantisch. Das hab ich in der Tat noch nicht gewusst.“

Eric stoppte den Van vor einer heruntergekommenen Taverne und stellte den Motor ab. Zwei gefährlich aussehende Typen mit flächendeckender Tätowierung und reichlich Goldkettchen saßen auf den Stufen vor dem Eingang. Sie musterten den Van misstrauisch und irgendwie feindselig. Mya verriegelte die Beifahrertür.

„Kommst du nicht mit rein?“

„Was, da rein?“

„Eine der ältesten Bars ins ganz L. A.“ Anscheinend schon auf der Suche nach der besten Perspektive, beugte er sich vor.

„Das kann nicht dein Ernst sein.“

„Voodoo braucht ein bisschen Bewegung, und ich muss diese Location filmen. Sei doch bitte so nett und geh ein paar Schritte mit ihm. Glaub mir, in seiner Begleitung wird dich niemand belästigen.“

„Voodoo allein ist schon Belästigung genug.“

Keinen Fuß würde sie aus dem Wagen setzen. Sie hatte sich an den Mief gewöhnt und war zufrieden und glücklich. Danke, aber nein danke.

„Wenn er nicht ab und zu ein paar Schritte gehen kann, wird er immer etwas unausgeglichen.“

„Wie viele Schritte?“

„Um die Ecke, irgendwohin, um zu pinkeln.“

„Und ich soll da mit?“

„Das wäre nett, danke schön.“

Eric lächelte zwar, aber nicht von Herzen. Sie hasste dieses aufgesetzte Lächeln, hatte es schon damals gehasst, wenn er unbedingt Cowboy und Indianer spielen wollte und sie keine Lust dazu hatte.

Voodoo fing an zu bellen. Nicht sehr laut, es klang eher wie ein verhaltenes Grummeln. Mya wusste nicht, ob sie mehr Angst vor dem Hund oder den beiden Typen mit den Tattoos haben sollte. Und Eric tat ein Übriges, um sie weiter zu verunsichern, als er mit einem teuer aussehenden Camcorder aus dem Van kletterte.

„Du solltest wirklich nicht alleine mit Voodoo bleiben.“

„Warum eigentlich nicht? Angeblich ist er doch so ein braver Hund.“

„Ja, aber manchmal, wenn er nicht rechtzeitig raus kann …“

Plötzlich roch sie es. Ein schwerer, gemeiner Duft nach faulen Eiern. Das war zu viel: Mya riss die Beifahrertür auf und sprang auf den Gehsteig. Die beiden Figuren auf der Treppe schien das irgendwie zu alarmieren. Sie standen auf. Und Eric filmte alles – na prima.

„Was steht auf seinem Speiseplan? Das ist ja Ekel erregend.“

„Alles in Ordnung bei Ihnen, Lady?“, brüllte einer der Typen herüber.

Mya drehte sich um und versicherte ihm höflich, dass alles in bester Ordnung sei, vielen Dank. Dann folgte sie Eric zum Heck des Vans.

„Ich nehme den Hund, und du drehst dein Ding hier so schnell wie möglich ab. Das Ganze ist sowieso völlig absurd.“

„Großartig! Dauert auch nur fünf Minuten.“

Einen Augenblick später sprang Voodoo auf die Straße, würdigte Mya keines Blickes und hielt auf den nächsten Baum zu. Die tätowierten Männer hielten das für einen ausgezeichneten Augenblick, die älteste Bar in L. A. zu betreten, und eine Passantin befand spontan, dass die andere Straßenseite jetzt der passendere Ort für sie wäre. Mit Voodoo unterwegs – das war, als hielte man eine Bombe mit brennender Lunte in den Händen.

„Hier“, empfahl Eric, „nimm die Leine mit beiden Händen, er ist ziemlich kräftig.“

Mya wickelte die Leine um ihr Handgelenk und dankte dem lieben Gott, dass Voodoo nicht nur ein Halsband, sondern ein solides Geschirr trug. Wenn sie ihn ignorierte – und er sie –, dann würde alles gut ausgehen, dachte sie. Eric filmte fröhlich aus allen Blickwinkeln und verschwand anschließend in der Spelunke, wahrscheinlich um einen kleinen Tratsch mit den beiden Tätowierten zu halten.

Derweil hing Mya buchstäblich an dem Hund und sprach sich Mut zu. Kein Grund zur Sorge, Voodoo war ja ein ganz braver und sie waren einander immerhin – durch Handschnüffeln – offiziell vorgestellt. Trotzdem war er eine vollkommen andere Gassi-Erfahrung als ein Schnauzer oder Golden Retriever. Es war eher wie ein Spaziergang mit einem angeleinten Tiger: Man folgte ihm einfach auf dem Fuße und ließ sich überraschen, wohin es einen führte. In diesem Fall führte es zu einem knorrigen Bäumchen in der Nähe des geparkten Vans.

Souverän markierte Voodoo die ohnehin gebeutelte Pflanze und setzte einen ordentlichen Haufen daneben. Mya tat so, als gehöre sie nicht zu dem Tier.

Tut mir leid, liebe Nachbarn, aber das bleibt leider hier liegen.

In dem Moment kam Eric wieder aus der Bar. Erleichtert kehrte sie zum Van zurück. Zum Glück schien Voodoo dieser Weg zu gefallen, denn hätte er nicht in die gleiche Richtung gewollt, hätte sie keine Chance gehabt, den Wagen jemals zu erreichen.

Mya setzte sich wieder auf den Beifahrersitz.

„Wenn du mich jetzt nicht auf dem kürzesten Weg nach Hause fährst, dann schmeiße ich deine verdammte Kamera aus dem Fenster.“

Eric sah zu ihr hinüber. Sie hielt nicht nur seine beste Kamera in den Händen, sondern ihr entschlossener Blick ließ ihn vermuten, dass sie keinen Augenblick zögern würde, ihre Worte in die Tat umzusetzen. Energisch war sie, das musste er ihr lassen.

„Ich kann ja verstehen, dass du etwas ungehalten bist, aber …“

„Etwas ungehalten? Ich bin ungehalten durch und durch! Und wenn ich nicht sehr bald aus diesem Stinkmobil rauskomme, dann kann ich für nichts mehr garantieren.“

Eric erinnerte sich an das Ende seiner Lieblingscomicfigur. Mya hatte sie die Kloschüssel runtergespült und triumphierend gegrinst, als das Wasser das gesamte Bad überschwemmte. Hausarrest für einen ganzen Monat – das hatte sie nicht ein bisschen interessiert. Strafen hatten sie überhaupt nie beeindruckt, nicht wenn es darum ging, es jemandem heimzuzahlen.

Okay, vielleicht hatte er Barbies Kopf kahl geschoren. Okay, vielleicht sogar den Kopf ihrer Lieblingsbarbie. Myas unablässigem Geschnatter musste er irgendwie ein Ende setzen. Das Mädchen kannte einfach keinen Punkt und kein Komma. Die Frage war jetzt, ob dieses rachsüchtige Kind von damals heute noch seine wertvollste Kamera auf die Straße werfen würde, nur um ohne Umwege nach Hause zu kommen?

Ein Blick auf ihr Gesicht und er konnte die Frage klar mit Ja beantworten.

„Ganz ruhig, du hast gewonnen! Ich bring dich nach Hause, wenn du die Kamera jetzt ganz vorsichtig absetzt. Dauert höchstens noch eine Viertelstunde.“

„Na fein.“

Als sie die Kamera in dem ausgepolsterten Koffer verstaute, fiel Eric ein Stein vom Herzen. Mya gehörte also immer noch zu der extrem reizbaren Sorte. Das fand er auf seltsame Weise reizvoll. Trotzdem musste er vorsichtig sein – das Mädchen konnte jede Sekunde Amok laufen.

Voodoo streckte seinen Kopf interessiert zwischen den Sitzen hindurch.

„Und könntest du bitte etwas gegen diesen Hund unternehmen?“

„Sitz, Voodoo, mach fein Sitz, alter Bursche.“ Was Voodoo nicht im Geringsten interessierte. Etwas hilflos zuckte Eric mit den Schultern. Es gab nun mal Dinge, die sich seiner Kontrolle entzogen.

„Das nenne ich mal einen wohlerzogenen Hund“, sagte Mya und strich ihr Kleid über den Knien glatt.

„Daran habe ich auch lange gearbeitet“, antwortete er mit einem versöhnlichen Lächeln, Mya war allerdings nicht in der Stimmung, das Kriegsbeil zu begraben.

Voodoo schnaufte voller Inbrunst. Eric drehte sich nach hinten und tätschelte beruhigend seinen Kopf.

Endlich fuhren sie vor dem Haus ihrer Mutter vor, und Mya konnte sich gar nicht schnell genug verabschieden.

„Da wären wir also“, sagte sie und reichte ihm kurz – sehr kurz – die Hand.

„Ich helf dir noch beim Gepäck“, bot er an und wollte schon nach dem schwersten Koffer greifen, als sie ihm den Griff förmlich aus der Hand riss.

„Geht schon, danke.“

Von nun an konnte sie sich gut selbst helfen. Sie war zu Hause und in Sicherheit. Hier kam sie zurecht und brauchte seine Hilfe nicht. Darauf konnte sie bis zum Jüngsten Tag verzichten.

„Es war schön, dich wieder mal getroffen zu haben. Vielleicht laufen wir uns ja in zwanzig Jahren noch mal über den Weg, wer weiß.“

Sie marschierte mit den Koffern zur Haustür und hoffte, dass er jetzt den Wagen starten und abzischen würde, aber nichts geschah. Artig drehte sie sich noch einmal um und winkte. Vielleicht war er ja generell ein bisschen schwer von Begriff. Oder er hatte den Zaunpfahl noch nicht deutlich genug zu sehen bekommen.

„Mach’s gut, dann, und viel Spaß bei den alten Goldgräbern.“

Diesmal drehte sie sich nicht noch einmal um, sondern ging geradewegs zur Haustür und schloss sie auf. Sie wuchtete das Gepäck hinein, winkte noch einmal von drinnen – doch er stand nur da, winkte zurück und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Dann ließ sie die Tür ins Schloss fallen und atmete auf.

„Und für einen Moment dachte ich, er sei ganz niedlich. Bestimmt ein Anfall von geistiger Umnachtung.“

Sie ließ ihren Kram vor der Küchentür stehen und betrat das weiträumige Haus im Tudor-Stil.

„Jemand zu Hause“, rief sie aus voller Kehle, „ich bin wieder da-ha …“

Niemand zeigte sich interessiert an ihrem Erscheinen, aber das war Mya egal. Sie brauchte eine schöne heiße Dusche und ein kuscheliges Bett.

Also ging sie durch die riesige Küche, die im mexikanischen Stil gehalten war, selbst wenn die Schränke aus Walnussholz nicht hundertprozentig dazu passten. Hier hatte sich die letzten zehn Jahre nichts verändert. Herrlich!

Als sie durch das traditionelle Esszimmer lief, dann die Treppen hinaufeilte in den ersten Stock, wo sich ihr Zimmer befand, wusste sie insgeheim, dass, egal was in der Welt da draußen auch geschehen würde, dieses Haus unverändert bleiben würde – so wie ein Gemälde.

Zaghaft klopfte Mya an der Tür zum Zimmer ihrer Großmutter, nur um sicherzugehen, dass sie wirklich nicht im Haus war. Grammys Gehör war nicht mehr das allerbeste, auf Klopfen reagierte sie allerdings noch. Alles blieb still.

Also konnte Mya sich endlich in ihr altes Zimmer zurückziehen. Es sah noch genauso aus wie vor ihrem Auszug vor zwei Jahren. Ihr Zimmer! Und das Bett war immer noch groß und weich und perfekt. Und kein fieser Hund hauchte ihr seinen fauligen Atem ins Ohr. Nein, ihr Zimmer duftete nach Rosen. Sie rollte sich von links nach rechts, nur weil ihr Bett so unglaublich kuschelig war. Und der Schlaf übermannte sie von einer Sekunde zur anderen. Mya versank in einen zuckersüßen Traum von Wonne und Wohltat – und von Hundebellen!

Warum klang das Gekläffe eigentlich so nah?

3. KAPITEL

Kerzengerade stand Mya im Bett. Nach dem zweiten Bellen war sie sicher, dass es kein Traum war, sondern furchtbare Realität. Eric war irgendwo hier im Haus. Gab es denn keine Ruhe für die Rastlosen? Keinen Hafen im Sturm? Keine Zeit der Erholung? Seufzend ließ sie sich zurückfallen und zog die Decke über den Kopf.

„Honey, ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr aufwachen“, erklärte Rita Strano, die gerade ins Zimmer trat. Sie setzte sich auf die Bettkante zu ihrer Tochter, die jetzt die Decke zurückschlug und ihre Mutter immer noch etwas orientierungslos anschaute.

„Liebe Güte, was ist denn mit dir passiert? Geht es dir gut, mein Schatz?“

Mya verstand nicht, worauf Rita hinauswollte.

„Du siehst ja bedauernswert aus, als hättest du einen schrecklichen Unfall gehabt.“

Mya gähnte und streckte sich ausgiebig. Ihr Kiefer schmerzte und da war ein Stechen in der rechten Hüfte.

„Definiere bitte ‚schrecklichen Unfall‘, Mom.“

„Nun ja, lass es mich so sagen: Du siehst aus wie etwas, das die Katze vom Jagen nach Hause gebracht hat.“

Mya lächelte, wobei ihre Unterlippe zu pochen begann.

„Hund, es war ein Hund, keine Katze.“

Langsam machte sie sich Sorgen über all ihre Wehwehchen.

„Ich habe keine Ahnung, was du mir sagen willst, Kind“, murmelte Rita und schüttelte verwirrt den Kopf.

Mya beschloss einen Blick in den Spiegel zu werfen und sprang aus dem Bett. Sie erinnerte sich nicht an einen Unfall, aber vielleicht hatte ihr Gedächtnis die Erinnerung getilgt, um sie vor einem Schock zu bewahren? Nette Gedächtnisse taten so etwas, darüber hatte sie gelesen. Außerdem hatte sie zwar ein leichtes Ziehen hier und Stechen dort, ernsthafte Schmerzen waren das allerdings nicht. Wahrscheinlich übertrieb ihre Mutter einfach mal wieder. Wäre nicht das erste Ma…

Unwillkürlich entfuhr Mya ein schriller Schrei, als sie die Frau entdeckte, die ihr aus dem Badezimmerspiegel entgegenblickte.

Ihr Haar war voll von angetrocknetem Hundesabber, die Unterlippe war bös geschwollen und ihr schönes Sommerkleid überall zerrissen und schmutzig.

„Das ist deine Schuld, Mom! Warum hast du mir auch diese Katastrophe auf Rädern geschickt? Was hab ich dir denn getan?“

Wie konnte bloß ein kleiner Sturz solche Verwüstungen an einem Menschen hinterlassen? Na gut, zwei Stürze.

„Was für eine Katastrophe, Kind? Ich hab dir eine wunderschöne Oberklasse-Limousine geschickt.“ Einen Augenblick lang zögerte sie. „Jedenfalls habe ich Franco gebeten, sich darum zu kümmern. Ich war ja so beschäftigt mit diesem neuen Blaubeertorten-Rezept …“

Mya stemmte die Fäuste in die Hüften und zog eine Augenbraue hoch. Ihre Mutter deutete das als kein gutes Zeichen.

„Lieber Himmel, ist irgendetwas passiert? Hat dich der Chauffeur belästigt? Man kann niemandem mehr trauen heutzutage.“

„Der Chauffeur hätte mich wenigstens in einem schönen gepflegten Wagen belästigt, nicht in einer abstoßenden, fahrenden Heimsuchung nebst Hund. Und nicht irgendein Hund. Erics Hund!“

Ach, was sollte sie sich weiter darüber aufregen. Es gab Wichtigeres.

„Ich brauche eine Dusche, Mom, sonst explodiere ich auf der Stelle.“

„Das ist mein Mädchen! Wir klären alles später beim Dinner. Nach einem schönen Essen vertragt ihr euch bestimmt schnell wieder.“

„Eric kommt zum Essen?“

„Aber sicher, er ist wie mein eigen Fleisch und Blut diese Tage.“

Während Rita das Badezimmer verließ, um sich ums Essen zu kümmern, zog Mya sich aus und betrat die gläserne Duschkabine. Das heiße Wasser aus der großen Regenbrause wirkte Wunder. Noch ungefähr hundert Jahre und sie wäre wieder wie neu. Erstaunlich, welche Blessuren ein kleiner Trip vom Flughafen so mit sich bringen konnte.

Das nächste Mal würde sie sich selbst um ein Taxi kümmern. Oder einfach einen geparkten Wagen kurzschließen, ein Skateboard stehlen – irgendwas. Sie würde die Dinge selbst in die Hand nehmen, nicht auf Arrangements vertrauen, die ihre Mutter für sie traf. Es musste damit zu tun haben, dass sie sich gerade nach mütterlicher Fürsorge und sorgloser Kindheit gesehnt hatte. Sonst wäre sie niemals einverstanden gewesen, sich von Eric Baldini, dem Quälgeist aus ihrer Jugend, abholen zu lassen.

Und dann dachte sie einen winzigen Augenblick daran, wie sexy sie sich gefühlt hatte, als Eric ihre Beine angestarrt hatte. Nur sein Blick hatte sie richtig angeturnt. In New York wäre ihr so etwas nicht mal aufgefallen.

Außerdem musste sie zugeben, dass er wunderschöne olivgrüne Augen hatte. Wenn er nur mehr aus seinem Typ machen würde! Aber nein, halt – warum dachte sie ausgerechnet an Eric? Er hauste mit seinem Köter irgendwo in den Südstaaten, genauso gut könnte er auf dem Jupiter wohnen.

Schluss mit den Tagträumen. Schließlich hatte sie eine Aufgabe zu erfüllen. Sie war nach L. A. gekommen, um die Sendung ihrer Mutter zu retten. Darauf musste sie sich konzentrieren.

Gleich nach der Dusche würde sie noch mal über ihre Notizen gehen und das Ideenpapier dann beim Abendessen präsentieren. Sie trocknete sich ab und schlüpfte in ein wunderbar weißes Hemd und rosa Caprihosen. Im Kopf ging sie schon einmal Wort für Wort ihre kleine Tischansprache durch: Die Zehn Gebote der Coolness. Rita und Franco würden begeistert sein und morgen, beim eigentlichen Meeting, konnte dann nichts mehr schief laufen. Perfektion nach Mya-Manier.

Nichts zu danken, Mom!

Geduldig hatte Eric in seinem Van gewartet, bis jemand erschien, der ihn ins Haus ließ. Offenbar hatte niemand Mya mitgeteilt, dass er die nächsten vierzehn Tage bei Rita wohnen sollte, solange im Haus seines Vaters renoviert wurde. Mya würde sich sicher schnell damit abfinden – der Nachmittag war vielleicht etwas turbulent gewesen, aber auch keine echte Katastrophe. Nach einer Weile glaubte er sogar selbst daran.

Eine Alternative bestand sowieso nicht, denn mit Voodoo im Schlepptau war es nicht einfach, ein Hotelzimmer zu finden. Da war es unkomplizierter, sich auf Reisen hinten in den Van zu legen, wie es Eric auf der Fahrt von Georgia nach L. A. getan hatte. Dummerweise kam dabei die Körperpflege etwas zu kurz, aber er hatte schließlich nicht damit rechnen können, gleich zum Flughafen durchzustarten, um Mya abzuholen. Das war die Idee seines Vaters gewesen. Keine sehr gute, aber Eric konnte ihm selbst die schlechten einfach nicht abschlagen.

Jetzt stand er vor dem Spiegel im Gästebad und rasierte sich den Dreitagebart ab. Kein Wunder, dass Mya ihn nur zögerlich umarmt hatte. Er hatte das F wie Flucht in ihren grau-blauen Augen gesehen, es allerdings nicht seiner wilden Erscheinung zugeordnet. Kein guter Start! Bedauerlich, wenn er in Betracht zog, dass sie einfach umwerfend aussah und er sie gern auf besserem Fuße erwischt hätte.

Völlig zufrieden hatte Eric seine geschichtsträchtigen Saloons gefilmt, als sein Vater ihn aus heiterem Himmel anrief und auf Knien darum bat, ihm bei den sinkenden Quoten von La Dolce Rita mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Nicht, dass Eric in dieser Hinsicht irgendeine Idee gehabt hätte, aber wie üblich war er den Überredungskünsten seines Vaters willenlos erlegen. Nach dem Gespräch fühlte sich Eric richtig euphorisch, obwohl er immer noch keine Ahnung hatte, wie er helfen könnte. Immerhin hatte er sich gefreut zu hören, dass Mya ebenfalls auf dem Weg nach L. A. war. Gemeinsam würden sie schon etwas ausrichten gegen die bösen und uneinsichtigen Studiobosse. Nach den Ereignissen an diesem Nachmittag allerdings wusste er nicht so recht – war La Dolce Rita wirklich noch zu retten? Oder stand das ganze Unterfangen unter einem schlechten Stern?

„Hallo, Franco, wie geht es dir?“, begrüßte Mya den Geschäftspartner ihrer Mutter, der geschäftig in der Küche werkelte. Er hob eine Hand zum Gruß, ließ sich sonst jedoch nicht ablenken. Über seinem legeren Freizeitlook trug er eine weiße Schürze und machte generell einen glücklichen und entspannten Eindruck. Mya kannte ihn gar nicht anders – immer freundlich, immer gut gelaunt.

„Ciao, bella“, erklärte er überschwänglich.

Mya war selbst erstaunt, wie glücklich sie sein Anblick machte. Immer war er so etwas wie eine Vaterfigur für sie gewesen, bei ihm fühlte sie sich geborgen. Er roch nach Anisette-Likör und anderen guten Zutaten.

„Ciao, bello!“

Franco trocknete seine Hände an einem Küchentuch und kam lächelnd zu ihr herüber. Sie umarmten sich lange und herzlich.

„Du siehst wie eine Prinzessin aus“, sagte er zärtlich in seinem sorgsam gepflegten Akzent. Mit neunzehn Jahren war er aus Italien eingewandert und hatte ihn nie ganz abgelegt. In der Kochshow machte ihn das natürlich unwiderstehlich.

Mya liebte sein ausdrucksvolles Gesicht, die Liebe und Leidenschaft in all seinen Zügen. Er hatte ein Grübchen in jeder Wange, eine Denkerstirn und funkelnde braune Augen.

„Wie die Prinzessin auf der Erbse?“

„Wie die meines Herzens!“

Ihr alter Running-Gag. Mein Gott, wie konnte sich ein einzelner Mensch nur so wohl fühlen wie Mya in diesem Augenblick? Noch einmal drückte sie ihn besonders fest.

„Mehr kann sich eine Frau wirklich nicht wünschen …“

„Es geht nichts über eine stilvolle Abendgarderobe“, wiederholte Grammy Strano und nahm sich noch von den vorzüglichen Muscheln. Die beiden Familien saßen um den Esstisch versammelt und Grammy wurde nicht müde, ihre Ansichten über eine angemessene Dinner-Etikette darzulegen. Ihr goldenes Haar trug sie in einem kurz geschnittenen Bob, und dazu hatte sie eine extravagante rosafarbene Brille mit Strass-Steinen auf. Sie wog kein Gramm zu viel, ihre Haut war immer noch zart wie Seide und ihr Lächeln ansteckend.

„Zu meiner Zeit trugen die Damen Kleider, wenn zum Dinner geläutet wurde, und die Herren einen formellen Anzug – keine kurzen Hosen wie am Strand.“

Grammy saß direkt neben Eric und missbilligte augenscheinlich seinen Aufzug, auch wenn sie nicht zu ihm direkt, sondern zum Rest der Gruppe sprach. Sie liebte es, der Mittelpunkt einer Gesellschaft zu sein. Und sie hielt sich niemals mit ihrer Meinung zurück.

„Dinner war ein gesellschaftliches Ereignis. Danach wurde Klavier gespielt oder ein Lied angestimmt.“

„Ich kann den Flohwalzer beinahe auswendig“, verkündete Eric voller Stolz.

„Fabelhaft, das wird ja ein denkwürdiger Abend!“

Grammy nestelte an ihrer Serviette. Sie trug eines der vielen atemberaubenden Kleider, die sie in den 40er- und 50er-Jahren für die großen Hollywood-Stars entworfen hatte. Lucille Marie Nudi galt als eine der ganz großen Fashion-Designerinnen der Traumfabrik. Noch heute war sie der Meinung, dass die Frau von Welt Hut und Handschuhe zu tragen hatte, wenn sie das Haus verließ. Und ein Ballkleid, wenn Abendbrot gegessen wurde.

„Ma, wir haben kein Klavier“, informierte sie Rita, als ob das eine Tatsache sei, die schon mal in Vergessenheit geraten könnte.

„Nicht? Mit all deinem Geld könntest du wenigstens ein armseliges Piano kaufen, damit wir ab und an etwas Unterhaltung genießen könnten.“

Mya versuchte, das schwächer werdende Gedächtnis ihrer Großmutter etwas aufzufrischen.

„Eric lebt nicht bei uns, sondern in Georgia, Gram.“

„Das weiß ich doch, Kindchen“, antwortete Grammy gütig und schaute zum ersten Mal Eric direkt an. „Haben Sie Ihr Klavier dabei, junger Mann?“

„Nein, nur meinen Hund.“

Den Höllenhund!

„Ach, kann er irgendwelche Tricks?“

„Er kann einen Basketball auf der Nase jonglieren.“

Mya lehnte sich entspannt zurück – das konnte ja heiter werden.

„Hervorragend, jetzt kann ich mein Dinner in dem Bewusstsein genießen, dass es danach unterhaltsam wird. Ich habe oben einen sehr netten Anzug, den ich mal für Clark Gable entworfen habe, den können Sie ja später tragen.“

„Es wäre mir eine Ehre“, entgegnete Eric feierlich und mit dem Anflug einer Verbeugung. Instinktiv schien er zu verstehen, dass man Grammy nur in ihren Ideen bestärken musste und schon war man ihr erklärter Liebling. Jedenfalls strahlte sie über das ganze Gesicht. Ob sie sich nach dem Essen noch an die Hunde-Nummer erinnern würde, stand allerdings auf einem ganz anderen Blatt.

Mya konnte sich jedenfalls nicht mehr erinnern, jemals so gut gegessen zu haben. Rita und Franco hatten sich dieses Mal selbst übertroffen. Der Esstisch brach förmlich zusammen unter der Last der Köstlichkeiten. Pasta in Muschelsauce, Tomaten in Basilikum, gegrillter Lammrücken mit Artischocken gefüllt, selbst gebackenes Brot, diverse Antipasti in Knoblauch-Dressing und dazu die jeweils passenden Rot- und Weißweine. Es war wie im Himmel – in dem Bereich, der für 3-Sterne-Köche reserviert und für alle übrigen Engel abgesperrt war.

„Übrigens hab ich schon ein paar grandiose Ideen, wie wir die Sendung wieder auf Vordermann bringen“, verkündete Mya in einer Gesprächspause, „ich dachte da an eine neue Dekoration. Ein bisschen modernes italienisches Flair, mehr Farbe. Grüntöne und ein sattes Rot, etwas, das auch die jüngere Zielgruppe zwischen neunzehn und neununddreißig anspricht. Vielleicht ein paar Specials extra für Teenager? Gesunde, leichte Küche. Viel Obst und Gemüse. Gerichte, die für die Kamera gut aussehen. Einfach, aber doch mit einer gewissen Raffinesse.

Und dich, Mom, lassen wir zehn Jahre jünger aussehen. Nichts Drastisches, nur ein anderes Make-up und eine neue Haarfarbe. Franco, dir verpassen wir ebenfalls einen neuen Look: Weg mit der Schürze und her mit etwas Haargel. Lässige weite Hosen, ein Designerhemd in aktuellen Trendfarben – kein Kantinen-Image mehr! Kleinigkeiten also, nichts Gravierendes.“

Schweigen. Niemand am Tisch rührte auch nur den kleinen Finger.

Mya wusste, dass ihre Ideen erst mal sacken mussten. Gleich würden sich alle feierlich erheben und ehrfurchtsvoll applaudieren. Blumengebinde würden jeden Moment durch die Luft fliegen – oder etwa nicht?

„Das klingt vielleicht nicht übel, aber wir sollten abwarten, was mein Sohn dazu zu sagen hat“, erklärte Franco nach vier langen Sekunden.

Mya war wie vor den Kopf gestoßen. „Eric?“

„Aber ja, Liebes“, erklärte Rita geduldig, „Eric wird uns bei dem kleinen Problem unterstützen. Ihr werdet quasi als Team zusammenarbeiten, wie damals, ist das nicht nett? Eine himmlische Idee, oder?“

Rita wartete auf Myas Antwort. Franco wartete auf ihre Antwort. Grammy genauso und sogar Eric schien gespannt.

In diesem Moment bellte Voodoo in der Küche und irgendetwas ging zu Bruch. Das bewahrte Mya vor einer schonungslosen und sehr gemeinen Antwort.

Danke, Voodoo, braver Hund!

4. KAPITEL

„Einen guten Geschmack hat er ja, dieser Hund“, stellte Franco fest, während alle dem Hund dabei zusahen, wie er die letzten Happen der perfekten Pfirsich-Stachelbeer-Torte verschlang.

Mein absolutes Lieblingsdessert.

Voodoo kannte keine Scham. Er betrachtete die fünf Menschen, die sich in der Tür zur Küche versammelt hatten, und rülpste ihnen seine absolute Befriedigung entgegen.

„Das Vieh gehört in einen Käfig! Wir nehmen den in Erics Van. Am besten machen er und Eric sich gleich auf den Weg zur Goldgräberstadt“, bemerkte Mya trocken.

„Sei nicht albern, er ist schließlich unser Gast“, beschwichtigte Rita mit zuckersüßer Stimme, die sie für komplizierte Situationen perfektioniert hatte.

„Tut mir leid, er muss sich losgerissen haben.“

„Armes Tier, sicher halb verhungert“, sagte Grammy missbilligend, „du musst ihn besser füttern. Auf leeren Magen vollführt kein Hund gerne seine Kunststücke.“

Sanft zog Mya ihre Mutter am Ärmel. Es gab da ein paar Dinge zu klären.

„Was genau meintest du mit Gast, Mom? Gast zum Dinner?“

„Aber nein, Kleines. Francos Haus wird gerade komplett umdekoriert, und Eric kommt solange bei uns unter. Ist ja auch viel praktischer, jetzt, wo ihr sowieso zusammenarbeitet.“

Ihre Mutter strahlte sie an. Für sie war die Situation perfekt, für Mya das genaue Gegenteil.

„Wie kommst du nur darauf? Warum sollte ich irgendetwas mit Eric zu tun haben wollen? Dieser Knabe treibt mich auf die Palme – damals wie heute.“

„Mann.“

„Bitte?“

„Eric ist ein erwachsener Mann, kein Knabe. So wie du eine erwachsene Frau bist. Ich denke nicht, dass du gern ein Mädchen genannt wirst, also behandle andere Leute genauso fair.“

Mya rang um ihre Fassung. In nur fünf Stunden hatte ihre Mutter es geschafft, dass sie sich nach New York zurücksehnte, selbst nach überfüllten U-Bahnen und engen Häuserschluchten im Nieselregen.

Oder sie könnte spontan nach Vegas aufbrechen, um dort minderjährige Trendsetter im Caesar’s Palace zu interviewen und so ihre Chefin Grace glücklich zu machen.

Wenigstens eine, die zufrieden wäre.

„Eric und ich sind nie gut miteinander ausgekommen, Mom, schon als Kinder nicht“, erinnerte Mya sie. Es war an der Zeit für sachliche Argumente, die sogar ihre Mutter nachvollziehen konnte.

„Ach? Damals, als wir euch beide in der kleinen Hütte überraschten, kamt ihr anscheinend prima zurecht.“

„Nur, wenn du Kindesmissbrauch neuerdings prima findest?“

Mya hatte so gehofft, dass ihre Mutter die Szene längst vergessen hatte, schließlich war nichts weiter passiert. Ein paar ungelenke Berührungen und ein, zwei hastige Blicke …

„Sei nicht albern, Kleines, ihr wart doch beide noch Kinder.“

„Er war damals vor allem schon eines – ein Perverser!“

Rita tippte mit ihrem Zeigefinger rhythmisch auf ihre Oberlippe, während sie sich zu erinnern versuchte. Leider verfügte sie über ein ausgezeichnetes Gedächtnis. „Wenn mich nicht alles täuscht, übernahmst du gerade die Initiative und strecktest deine Hand …“

„Ich hab gar nichts gestreckt, Mutter!“

„Wenn du es sagst …“

„Ich freue mich schon auf das Meeting morgen“, beeilte sich Mya, das Thema zu wechseln.

„Vielen Dank, Liebes, ich wüsste nicht, wie ich das ohne dich durchstehen sollte.“

„Es wird alles wunderbar laufen, Mom.“

„Bestimmt wird es das. Ich habe vollstes Vertrauen in dich und deine Ideen – und natürlich in Eric und die seinen.“

„Natürlich“, echote Mya und versuchte verzweifelt ihren aufkeimenden Ärger zu unterdrücken. Wen interessierten Erics Ideen? Und vor allem: Wer brauchte sie?

Aber das in aller Deutlichkeit ihrer Mutter zu sagen, dazu fehlte Mya der Mut. Stattdessen umarmten sie einander, als Grammy, Eric und Voodoo das Zimmer betraten.

„Die Vorstellung beginnt in wenigen Sekunden“, verkündete Grammy. Eric hatte sie untergehakt. Er trug den Clark-Gable-Anzug, Grammy ein Ballkleid – die Zeit war erfolgreich zurückgedreht. Und wenn Mya nicht am Rande eines Nervenzusammenbruchs balanciert wäre, so hätte sie sich vielleicht eingestanden, dass Eric ganz fantastisch aussah. Ihre Mutter ließ sich jedenfalls nicht von ihrer grimmigen Miene täuschen. Diskret flüsterte sie Mya ins Ohr: „Wenn ihr wieder mal beschließt, eure Anatomie zu vergleichen, dann bitte irgendwo, wo ich euch nicht zufällig überraschen kann, Liebes.“

„Keine Chance, Mom, das wird niemals passieren.“

„Aha, du hast dir also schon Gedanken darüber gemacht“, sagte Rita und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Sag niemals nie …“

Was sollte man darauf antworten? Was konnte man darauf antworten?

Nichts. Gegen Mütter ist man eben machtlos!

Mya blieb einfach an Ort und Stelle stehen, während Rita den anderen ins Wohnzimmer folgte.

Eric war ziemlich enttäuscht, dass Mya sich nicht zu der After-Dinner-Vorstellung einfand. Voodoo zeigte sich von seiner besten Seite und jonglierte nicht nur den Basketball, sondern nacheinander auch eine Apfelsine, eine Grapefruit und einen Becher Eiskrem auf seiner Nase. Bis auf den Ball vertilgte er danach alle Utensilien, was das Publikum nur zu noch größeren Beifallsstürmen veranlasste. Nach dem großen Auftritt zerstreute sich die Gesellschaft, und Eric gab den altmodischen Anzug zurück, der ihn, laut Grammy, ungeheuer „flott“ aussehen ließ. Er beschloss, sich etwas Gutes zu tun und den Whirlpool auszuprobieren, der netterweise in seinem Gästebad eingelassen war. Während das Wasser einlief, gab er jeden verfügbaren Badezusatz hinzu und beobachtete fasziniert das Farbenspiel und den rasant entstehenden Schaum. Er konnte es kaum erwarten, seinen müden Körper ins heiße Wasser gleiten zu lassen. Daran erinnerte er sich immer sofort, wenn er an die Besuche bei Rita dachte: Er, stundenlang in der Wanne, umgeben von all seinen Spielsachen. Manchmal war sogar Mya zu ihm ins Wasser gestiegen. Ein Gedanke, der hier und heute ein Kribbeln an diversen Körperstellen hervorrief.

Ganz ruhig, Kumpel.

Noch einmal ging Eric in sein Schlafzimmer und holte den iPod. Es gab nichts Schöneres, als langsam im warmen Wasser aufzuquellen und dabei nette Musik zu hören.

Mya konnte sich nur ein Ereignis vorstellen, das es vielleicht schaffen konnte, sie mit diesem schrecklichen Tag zu versöhnen – ein heißes Bad. Erstaunlicherweise hörte sie nebenan bereits das Wasser laufen, also hatte ihre Mom wieder einmal Gedanken lesen können und das Nötige veranlasst. Wenn jemand ihre Bedürfnisse in- und auswendig kannte, dann Rita Strano, die perfekte Mutter. Irgendwie kam Mya sich undankbar vor und schwor sich, diese Bequemlichkeiten künftig nicht mehr als selbstverständlich zu betrachten.

Gar nicht schnell genug konnte Mya aus ihren Klamotten heraus- und in die Wanne hineinkommen. Nackt wie Gott sie schuf, stoppte sie gerade kurz, um die Wassertemperatur zu testen, als plötzlich jemand in der gegenüberliegenden Tür stand – ebenfalls im Adamskostüm. Eric Baldini nebst breitem Grinsen! Mya verlor erst die Fassung, dann das Gleichgewicht und versank in einem Meer aus Schaum.

Eric griff das nächstbeste Handtuch – natürlich ein winziges Gästehandtuch – und bedeckte züchtig seine … nun ja, Mya erinnerte sich nicht an jede Kleinigkeit der Hüttenepisode, aber einiges hatte sich in den letzten zwanzig Jahren doch stark verändert, darauf hätte sie einen Eid schwören können.

„Was treibst du in meinem Bad“, fauchte sie und bedeckte ihre Brüste mit einem Arm voll Schaum.

„Dein Bad? Was treibst du in meiner Wanne?“

„Da es sich um das Haus meiner Mutter handelt, denke ich, dass es – rechtlich und moralisch gesehen – eher meine Wanne ist!“

„Mag sein, aber mit meinem Badewasser drin.“

„Rita hat dir das Badewasser eingelassen?“

„Deine Mutter hat nichts damit zu tun. Ich hab mein eigenes Wasser eingelassen, ich bin nämlich schon erwachsen. Wenn du also bitte aus der Wanne …“

Mya konnte seine Arroganz kaum fassen – mit einer einzigen frechen Handbewegung wollte er sie aus dem Bad schicken. Ihr Blick glitt über seinen erstaunlich durchtrainierten Körper, die breiten Schultern und den fast perfekten Bauch.

„Du bist nicht ganz bei Trost“, murmelte sie und schaute sich nach einem Handtuch um.

„Wie kommst du darauf?“

Das einzig verfügbare Handtuch hing auf der anderen Seite des Bades an einem Chromhaken. Vor lauter Badebegeisterung hatte Mya schlichtweg vergessen, ein eigenes mitzubringen.

„Weil du nicht allen Ernstes annehmen kannst, dass ich jetzt aus der Wanne springe. Warte gefälligst, bis ich fertig bin.“

„Warten ist genau das, was ich jetzt nicht möchte“,

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