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JULIA KISS BAND 3

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Weiche Knie und heiße Küsse

1. KAPITEL

Lilo konnte sich kaum bewegen. Auf ihrem Schoß balancierte sie einen monströsen Reisekoffer, der ihr bei jeder Kurve unsanft einen Kinnhaken verpasste. Ihre Füße fühlten sich nach der ganzen Rennerei am Flughafen an, als hätte sie den Himalaya auf High Heels durchwandert, zudem blies ihr die Klimaanlage so tornadoartig in die Augen, dass sie tränten.

„Mach dich mal nicht so breit hier, Prinzessin“, knurrte Nils schläfrig, der dabei war, seinen Lockenkopf an Lilos Schulter zu parken.

„Mein Koffer braucht grade mal halb so viel Platz wie dein Ego, außerdem wird jetzt nicht geschlafen, wir sind gleich da!“

Lilo betrachtete die karge Landschaft durchs Busfenster. Die Sonne brannte auf die paar vereinzelten Kakteen, die am Straßenrand standen. Überhaupt wuchsen hier die Pflanzen völlig wild in der Gegend herum, die bei ihren Eltern daheim in Makramee-Blumenampeln gepflegt und gehätschelt wurden. In München hatte Schnee gelegen, als sie mit Nils gerade noch rechtzeitig am Flughafen angekommen war. Lilo hatte im Münchener Winter einfach immer wieder das Gefühl, langsam von innen Moos anzusetzen. Sie verbrachte entweder Stunden in der Badewanne, bis ihre Haut ganz runzlig war, oder kehrte täglich in Nils’ plüschiger Bar ein, um bei heißer Schokolade und Portwein ordentlich den Winterblues zu zelebrieren. Zwischendurch mal zu arbeiten wäre auch nicht das Schlechteste gewesen, aber Lilo bekam gerade nichts auf die Reihe.

„Komme ich eigentlich in die Hölle, wenn ich mich drüber freue, dass deine Mutter sich das Bein gebrochen hat?“

„Dann treffen wir uns da und haben einen Haufen Spaß! Du glaubst gar nicht, wie großartig ich das finde, mit dir eine Kreuzfahrt zu machen, Prinzessin!“

Nils braune Knopfaugen blitzten vergnügt, und sein Grinsen reichte von einem Ohr zum anderen.

„Wir wären doch das perfekte Paar, mein Hase“, meinte Lilo seufzend, „was ist denn bloß an Jungs so aufregend?“

„Sie sehen gut aus, denken nicht so kompliziert und haben selten Bindegewebsschwäche – war es das, was du hören wolltest?“

Lilo zog eine Grimasse, klemmte seine Nase zwischen Daumen und Zeigefinger und drehte sie um. Nils war einfach der beste Freund, den man haben konnte. Vor ein paar Jahren war sie an einem trüben Winterabend in seiner Bar gelandet, hatte sich fürchterlich mit ihm verquatscht, und als es draußen wieder hell wurde, hatte sie einen neuen Freund. Nils war nie um einen dummen Spruch verlegen, hatte ein Herz groß wie die Taiga und beherrschte die Disziplinen Problemlösungsstrategien, Shoppingberatung und gemeinsames Tatort-Gucken wie kein Zweiter. Zudem war er ein williger Begleiter, wenn bei Lilo mal wieder ein kleiner Schaulauf mit einem attraktiven Mann anstand. Nils hingegen interessierte sich für Frauen ungefähr so, wie ein Verhaltensforscher für seine Laborratten – neugierig, leicht befremdet und mit der entspannten Gelassenheit, auf der anderen Seite des Käfigs zu sein.

Dass Nils eindeutig schwul war, hatte Lilo die ersten paar Wochen zwar sehr bedauert, aber dann schnell festgestellt, dass er mit seinen Allüren und seinem Hang zu wilden Affären doch eindeutig besser als Freund geeignet war.

„Wenn ich mit dir verheiratet wäre, würde ich dir Gift in den Kaffee schütten, Prinzessin!“, hauchte er Lilo mit lasziver Stimme ins Ohr.

„Und wenn ich mit dir verheiratet wäre, würde ich ihn trinken, mein Hase“, entgegnete Lilo sanft und lächelte.

Der Bus war inzwischen am Hafen von Santa Cruz de La Palma angekommen. Er hielt auf einem riesigen, betonierten Parkplatz auf einer kleinen Anhöhe, von dem aus es nur noch ein paar Minuten bis zum Schiffsanleger zu gehen war, wie der Busfahrer in gebrochenem Deutsch über Mikrofon versicherte. Lilo wuchtete den schweren Koffer von ihren Beinen, drückte ihn Nils in die Hand, und gäbe es für möglichst elegantes Verlassen eines Verkehrsmittels einen Preis – Lilo hätte ihn sicher gewonnen. Sie strich ihr knallrotes Sommerkleid glatt, warf ihre langen, blonden Haare schwungvoll in den Nacken, und während sie die Stufen des Ausstiegs mit der Grandezza einer Liz Taylor herunterschritt, schob sie ihre riesige schwarze Sonnenbrille über die Augen. Das Kleid und die passenden leuchtendroten Sandalen hatte sie schon in München angezogen und während des Fluges grausam gefroren.

„Jetzt kurz frieren, nachher weniger transpirieren“, hatte sie Nils knapp entgegnet, als der die Augen verdrehte, „eine Kreuzfahrt ist ja schließlich keine Bustour in den Harz, und wenn ich schon zuhause grade nichts hinkriege, will ich mich wenigstens im Urlaub so fühlen, als hätte die Gala eben erst ein Sonderheft über mich gemacht.“

Wenn Lilo sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, halfen weder Vernunft noch gute Worte, das wusste Nils inzwischen und hatte sich jeden Kommentar verkniffen. Jetzt schleppte er zwei tiefgaragengroße Koffer ächzend hinter Lilo her.

„La Palma – 30 Grad – die Frisur sitzt“, kommentierte er Lilos großen Auftritt.

Die Sonne strahlte Anfang Februar so unverschämt warm vom Himmel, und die beiden standen plötzlich mitten in einer Postkarte: Vor ihnen breitete sich eine Bucht mit einem kleinen Hafen aus, das Wasser an der Mole schimmerte türkis, unzählige weiße Häuser schmiegten sich an einen grün bewachsenen Hügel, der sanft ins Meer auslief, das weiter hinten tiefblau im Horizont endete. Lilo musste unwillkürlich an eine Modelleisenbahn-Landschaft denken, so perfekt sah das alles aus. Sie atmete die laue Luft so gierig ein, dass Nils befürchtete, sie könnte gleich in Ohnmacht fallen. Auf einem Stein neben ihnen lag eine dicke Katze und döste vor sich hin.

Und wie mit einem Bildbearbeitungsprogramm in die Idylle hineinkopiert, lag mitten im Hafen ein majestätisch großes, blitzweißes Schiff. „MS Fortuna II“ war in dunkelblauen Lettern seitlich auf den Rumpf gemalt. Lilo zählte insgesamt fünf Decks, auf denen blau-weiß gestreifte Sonnenschirme und passende Liegen standen.

„Glaubst du, das ist unser Schiff? Wow, da kann ja eine ganze mittelhessische Kleinstadt mitfahren!“

„Und alle können auch noch ihre Kühe und Schafe mitnehmen“, ergänzte Nils. „Apropos Kühe, hast du die gesehen?“

Er zeigte auf ein Paar, das direkt hinter ihnen mit ihren Koffern hantierte. Die Frau bestand zum größten Teil aus Bauch und war unübersehbar schwanger, was so weit noch in Ordnung war. Allerdings trug sie einen bierzeltgroßen Jogginganzug, der über und über mit Häschen, Bärchen und anderem Getier bedruckt war. Auf ihrem Kopf saß ein pinkfarbenes Basecap, auf dem das Wort „Mutterschiff“ prangte. Ihre Haare waren zu Zöpfen geflochten, die unter der Mütze hervorlugten. Sie lachte schrill und kiekste, dass sie das alles hier „voll süß“ fände. Der dazu gehörige Mann war das, was man landläufig als „halbes Hemd“ bezeichnen würde. In seinem Lehrlingsgesicht wuchs ein zarter Oberlippenflaum, seine Augen waren von einer blau getönten Pilotenbrille bedeckt. Er trug ein Paar fleischfarbene Bermuda-Shorts, dazu ein staubgraues Poloshirt, und um seinen Hals baumelte ein zartes Silberkettchen mit Sternzeichenanhänger. Der Mann filmte den Begeisterungsausbruch mit dem Camcorder und tätschelte dabei den tierchenübersäten Bauch.

„Eigentlich wollte ich auch mal Kinder, aber wenn ich das sehe, dann überleg ich’s mir noch mal – glaubst du, es wächst einem quasi genetisch bedingt so ein Bärchen-Strampelanzug?“

„Dir bestimmt nicht, Prinzessin! Nur wenn ich so drüber nachdenke, könntest du auch zu den Muttis gehören, die ihren Kinderwagen so kampfbereit vor sich herschieben, als wäre es ein Panzer.“

„Was willst du denn damit sagen?“

„Dass ich gerne noch etwas länger was von dir hätte, so wie du bist, ohne Fläschchen und Lätzchen und ’nem Kerl an deiner Seite, der deinen Bauch filmt.“

Lilo lachte. Sie blickte in Nils’ verschmitztes Gesicht und war jetzt gerade einfach nur glücklich, hier zu sein, gleich das Schiff zu betreten und unter diesem knallblauen Himmel übers Meer zu schippern. Die Luft war weich und leicht wie ein seidener Morgenmantel und schmeckte nach Salz. Über allem lag ein Duft von warmem Asphalt und Hibiskusblüten.

Im Grunde war Lilo mit ihrem jetzigen Leben ganz zufrieden. Sie hatte den besten Freund an ihrer Seite, den man nur haben konnte, einen prima Job als Illustratorin für Kinderbücher und ein eigenes kleines Büro, in dem sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Alles in allem also gar nicht so schlecht – aber irgendwie lief es nicht richtig rund. Lilo hatte sich in den letzten Monaten immer wieder einmal ein bisschen einsam gefühlt. Meistens am Abend, wenn sie nach Hause kam. Dann war sie oft noch mal in Nils’ Bar gegangen, obwohl sie müde war, hatte ein bisschen geplaudert, ihren heiß geliebten spanischen Kakao getrunken und andere Paare beobachtet. So hatten sie und Robert wohl auch in der Endphase ausgesehen – muffig, voneinander gelangweilt und völlig lustlos.

Robert – mein Gott, war sie froh, diesen Typen endlich los zu sein! Dann lieber allein, als einen, der von heute auf morgen verschwand, weil er noch mal ganz dringend durch Indien trampen musste, bevor er vierzig war. Der sich wochenlang nicht meldete, dann plötzlich wieder auf der Matte stand, ohne Entschuldigung, in einer albernen Batikhose und einer Armee exotischer Krabbeltierchen im Rucksack. Den Kammerjäger hatte natürlich Lilo bezahlt. Robert war der letzte in einer Reihe totaler Vollidioten gewesen, in die Lilo sich – anscheinend in jahrelanger geistiger Umnachtung – verliebt hatte. Davor hatte es den Herzchirurgen gegeben, weil Lilo dachte, sie bräuchte mal was Solides. Der wiederum hatte sie entweder mit seinen detailgetreuen Operationsgeschichten gelangweilt oder stumpf eine Arztserie nach der anderen angeschaut. Oder sie ständig gefragt, ob sie nicht mal „was Vernünftiges“ arbeiten wolle, „Kinderbilder zu malen sei doch schließlich kein richtiger Beruf.“ Von seiner Vorliebe für kurze Krankenschwesterkittelchen ganz zu schweigen.

Lilo fragte sich immer wieder, ob sie noch mal einen Mann treffen würde, mit dem es anders sein könnte. Mit dem es einfach passte, leicht war, ohne dass er sich nach ein paar Monaten die nette Maske vom Gesicht pellte und darunter das geballte Neurosensträußchen zum Vorschein kam.

Inzwischen waren sie am Anleger angekommen. Das Schiff stand vor ihnen wie eine weiße Kulissenwand mit unzähligen kleinen Balkonen, auf denen jeweils ein Tisch und zwei Liegestühle standen. Nils hievte die beiden Koffer auf einen goldfarbenen Gepäckwagen, den ein tief gebräunter Schönling im weißen Overall durch die Menschenmenge manövrierte. Er drückte Nils einen mit Schnörkelschrift bedruckten Gepäckschein in die Hand und schaute ihm dabei tief in die Augen. Nils pfiff durch die Zähne und zog vielsagend eine Augenbraue nach oben, als der Schöne mit seinem Wagen weiter zog.

„Finger weg vom Personal“, raunte Lilo ihm zu.

Eine professionell lächelnde Dame im blau-weißen Kostüm mit akkuratem Pferdeschwanz begrüßte die Gäste und wies ihnen den Weg zu einem kleinen Container direkt am Anleger, in dem sich der Check-in befand.

Lilo und Nils reihten sich in die Schlange ein, die sich vor dem kleinen Häuschen gebildet hatte.

„Guck dich doch mal um – ich befürchte, wir sind mit Abstand die Jüngsten auf dem Schiff!“, flüsterte Lilo Nils ins Ohr.

Hinter ihnen stand ein Grüppchen älterer Herrschaften, die so aussahen, als würden sie den lieben langen Tag nichts anderes tun, als in karierten Ohrensesseln zu sitzen und ihren Enkeln mit gütiger Miene Karamellbonbons anzubieten. Dann waren da ein paar stilbewusste Freizeitkapitäne, die Damen ganz in Weiß gekleidet, mit Zentnern Goldschmuck behangen und alles andere als dezent geschminkt, die Herren in karierter Golfhose, Halstüchlein und mit Elbsegler auf dem Kopf. Auf Jacken, Taschen und Mützen waren maritime Motive stark vertreten – Anker, Segelschiffe und Ähnliches. Die dritte Gruppe, die Lilo ausmachen konnte, waren die Sportlichen – sehnige Rentner in Multifunktionsjacken und mit wettergegerbten Gesichtern, die allerlei Sportgeräte mitschleppten.

„Ja, mit 32 bist du ja auch noch ein richtiges Küken“, lästerte Nils. „Na prächtig! Und ich dachte schon, ich könnte hier ’nen netten Kerl kennenlernen – einen zum Knutschen, nicht zum Beerben!“

„Was genau war das noch mal für ein Preisausschreiben, das deine Mutter gewonnen hat?“, fragte Lilo.

„Ich glaube, das war eins von ihrer Krankenversicherung … Auwei, jetzt wird mir einiges klar – wir sind auf einem Rentnerschiff!“

Nun waren Lilo und Nils an der Reihe. Die freundliche Dame am Check-in bat beide um ihre Pässe und blätterte in ihren Unterlagen.

„Ich finde hier keine Frau Ahrens, nur Frau und Herrn Westphal“, sagte sie mit angestrengtem Gesichtsausdruck.

„Ich hatte Ihnen ein Fax geschickt und auch mit einer Kollegin von Ihnen gesprochen, dass statt meiner Mutter Frau Ahrens mitfährt. Ist das nicht bei Ihnen angekommen?“ Nils wurde unruhig.

„Was machen wir, wenn die mich jetzt nicht mitnehmen?“, fragte Lilo fast schon ängstlich.

„Wir regeln das schon, Prinzessin, keine Angst! Zur Not hängen wir dich einfach mit einem Schlauchboot hinten dran!“ Nils strich ihr sanft übers Haar.

Die uniformierte Dame am Schalter bat Nils in eine kleine Kabine hinter dem Check-in, um mit ihm die Buchungsformalitäten noch einmal ganz genau zu klären.

Lilo trat inzwischen nervös von einem Bein aufs andere.

„Nils, ich müsste da mal ganz dringend, so richtig dringend … Verstehst du? Ich bin kurz draußen und komme sofort wieder rein, ja?“, rief sie ihm zu und raste aus dem Container.

Neben dem Check-in stand ein kleines Toilettenhäuschen, das nicht gerade besonders vertrauenswürdig aussah, aber Lilo war im Moment alles egal. Drinnen waren zwei Kabinen, auf denen jeweils die Zeichen für Männer und Frauen abgebildet und die nur durch eine wacklige, unten offene Pappwand voneinander getrennt waren. Aus der Nebenkabine hörte sie die Spülung und sah unter der Trennwand ein Paar blank geputzte Herrenschuhe. Nachdem Lilo sich unter akrobatischsten Verrenkungen – Tasche halten, Kleid nach oben raffen, mit dem Po keinesfalls die fremde Klobrille berühren – erleichtert und gespült hatte, bemerkte sie, dass es kein Toilettenpapier mehr gab. Mit gebeugten Knien und in Skigymnastikhaltung kramte sie in ihrer Handtasche nach Taschentüchern, verlor dabei das Gleichgewicht, torkelte, konnte sich gerade noch vor einem Sturz auf die alles andere als klinisch reinen Fliesen retten und – platsch! Ihre Sonnenbrille, die sie sich in die Haare geschoben hatte, fiel ihr rückwärts vom Kopf und mitten in die Toilettenschüssel.

„Mist, das darf doch nicht wahr sein!“, fluchte sie laut und unvermittelt.

„Ist irgendwas passiert?“, fragte eine Männerstimme aus der Nachbarkabine. Irgendwie kam Lilo diese Stimme bekannt vor. Außerdem war der Besitzer eindeutig Deutscher, Lilo konnte keinen fremden Akzent ausmachen. War das etwa ein Exfreund? Nein, so viele waren es schließlich nicht gewesen, und an deren Stimmen hätte sie sich sicher erinnert. Die Stimme klang angenehm und freundlich, aber etwas daran behagte Lilo ganz und gar nicht. Woher zum Teufel kannte sie bloß diese Stimme?

„Hallo, kann ich Ihnen irgendwie helfen? Was ist denn passiert?“, rief es hinter der Pappwand.

„Nein, ja, das kann ich gerade nicht erklären … Sagen Sie, haben Sie zufällig einen Kleiderbügel oder eine Stange bei sich? Oder vielleicht wenigstens eine Plastiktüte?“, fragte Lilo, die es nicht übers Herz brachte, mit der bloßen Hand in das Toilettenbecken zu greifen und nach ihrer Brille zu fischen, die ganz unten am Boden lag. Und Nils würde sie sicher auch schon suchen, vielleicht legte das Schiff auch inzwischen ab und … herrje! Warum musste ihr das ausgerechnet jetzt passieren?

„Können Sie mir vielleicht mal verraten, was Sie da drüben treiben?“

„Ich kann Ihnen das gerade nicht erklären“, stammelte Lilo, „ich wäre nur sehr dankbar, wenn Sie zufällig eine Plastiktüte für mich hätten.“

„Zufällig habe ich eine, keinen Schreck kriegen, ich reiche Sie Ihnen kurz rüber.“

Lilo hörte es rascheln und wenig später erschien eine sehr gepflegte Männerhand unter der Abtrennung und schob ihr eine Tüte entgegen. Die Tüte hatte einen deutschen Aufdruck und stammte von einem Schuhgeschäft, das Lilo gut kannte.

„Wer kann das denn bloß sein?“, grübelte Lilo angestrengt und wagte einen vorsichtigen Blick unter der Trennwand hindurch in die andere Kabine. Dicht vor ihr schauten sie zwei strahlend blaue Augen an. Sie sah blonde, strubbelige Haare, ein leicht abstehendes Ohr und eine schmale Nase, die eine kleine Narbe zierte. Lilo schreckte zurück.

Um Gottes Willen! Das darf doch nicht wahr sein! Das ist eindeutig Christian Koch! Was macht ausgerechnet der hier?

Lilo konnte es kaum fassen. Christian Koch! Dieser grauenvolle Angeber, mit dem sie damals in Mittelhessen in der Schule gewesen war! Dem sie jahrelang verliebte Briefchen auf den Fahrradgepäckträger geklemmt hatte, der sie nie, wirklich nie auch nur eines Blickes gewürdigt und stattdessen seine komplette Freizeit mit seinen Handballkumpels verbracht hatte.

„Lieselotte?“, rief es leise aus der Nachbarkabine. „Bist du das etwa?“

„Ich weiß nicht, wen Sie meinen!“, erklärte Lilo barsch, die tatsächlich mit vollem Namen Lieselotte hieß, was ihr aber entsetzlich peinlich war. In München hatte sie es geschafft, auch vor Nils ihren eigentlichen Namen und ihre provinzielle Herkunft geheim zu halten. Dort war sie Lilo, erfolgreiche Illustratorin und basta! Und jetzt hockte in diesem verdammten spanischen Klohäuschen, ein Kerl neben ihr, der sie kannte, als sie noch dick und unglücklich war, hessisch sprach und eine alberne Dauerwelle auf ihrem Kopf spazieren trug.

„Ich dachte nur … Sie sehen jemandem sehr ähnlich, den ich kenne … Dann habe ich Sie wohl verwechselt“, klang es etwas zerknirscht von nebenan.

Lilo schwieg. Sie stülpte sich die Plastiktüte über die Hand und versuchte, ihre Sonnenbrille aus der Schüssel zu fischen, was ihr auch gelang.

Die muss ich erst vom Max-Planck-Institut untersuchen lassen, bevor ich sie wieder aufsetze. Oder gleich einen Exorzisten bestellen, dachte sie.

Wenn das nebenan tatsächlich Christian Koch war, woran sie so gut wie keine Zweifel hatte, hatte er sich kaum verändert. Er sah immer noch richtig gut aus, soweit Lilo das nach einem sekundenkurzen Blick feststellen konnte. Die Strahleaugen waren eindeutig dieselben. Und der Rest …? Wie unglaublich peinlich, ihm ausgerechnet hier wieder über den Weg zu laufen! Sie musste jetzt erst mal hier raus und verschwinden, bevor er sie zu Gesicht bekam.

In der Nachbarkabine war es völlig still. War er etwa inzwischen gegangen, und sie hatte es unter Tütengeraschel einfach nicht gehört? Lilo hätte ihn ja gerne noch mal gesehen, einfach nur, um sich einen Eindruck zu machen, ob er immer noch der ignorante Sunnyboy war, den sie in Erinnerung hatte. Aber sie unterdrückte diesen Wunsch und schüttelte die Tüte von ihrer Hand. Ein kleines Plastikkärtchen fiel auf den Boden. Mit spitzen Fingern hob Lilo es auf und betrachtete das Foto, das darauf zu sehen war. Daneben stand das Geburtsdatum. Kein Zweifel – das war eindeutig Christian Koch. Und was noch schlimmer war – dieses Kärtchen war ein Bordausweis der MS Fortuna II!

Lilo würde also die ganze Reise unentspannt und auf der Flucht vor Christian Koch verbringen, sie würden sich letztendlich doch begegnen und er würde Nils furchtbare Geschichten aus ihrer Vergangenheit erzählen – alles würde schrecklich werden! Sie musste zugeben, dass er auf dem Foto wirklich verdammt gut aussah, und auch seine Stimme hatte sehr nett geklungen. Trotzdem!

Lilo steckte das Kärtchen in ihre Handtasche, stürmte aus der Kabine und bemerkte nicht, dass sich ihr Kleid hinten in ihrem Slip verheddert hatte. Mit kaum bedecktem Po stolzierte sie hinaus in die Sonne. Christian öffnete leise die Tür und sah ihr nach.

Draußen atmete Lilo erstmal kräftig durch. Sie bemerkte die Blicke der anderen Passagiere, drückte ihren Rücken durch und schwang die Hüften.

So was Junges habt ihr wahrscheinlich schon seit Jahren nicht mehr gesehen, dachte sie und lächelte.

Nils rannte ihr schon von weitem entgegen.

„Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt, Prinzessin? Ich suche dich schon seit einer halben Stunde!“

„Du hättest mich doch auf dem Handy anrufen können!“ Kaum hatte Lilo das ausgesprochen, fiel ihr auch wieder ein, dass ihre beiden Handys im Schließfach am Münchener Flughafen lagen. Sie hatten sich vor dem Abflug gegenseitig geschworen, dass sie sich im Urlaub nicht von Anrufen nerven lassen und einfach mal nicht erreichbar sein wollten. Lilo fragte sich gerade, ob das wirklich eine gute Idee gewesen war …

„Dann hättest du nächste Woche auf deiner Mailbox gehört, dass ich gerade auf La Palma auf der Suche nach dir bin – klingt sinnvoll … Wo warst du denn jetzt?“

„Ich erklär dir alles nachher in Ruhe, mein Hase. Sag mal – hast du das Buchungsproblem gelöst? Darf ich jetzt mit aufs Schiff?“ Lilo schaute ihn erwartungsvoll an.

„Alles geklärt!“ Nils wedelte vor Lilos Nase mit den Tickets herum. Dann blieb sein Blick an ihrem Kleid hängen.

„Prinzessin – soll das eigentlich so sein?“ Er zupfte an Lilos Hinterteil. Lilo fasste mit der Hand an die gleiche Stelle und lief rot an.

„Hoffentlich hast du hier nicht ein paar Herzschrittmacher zum Stillstand gebracht!“ Nils lachte, bis ihm Tränen übers Gesicht liefen. Dann zückte er Lilos Pass aus der Tasche.

„Und was es mit Lieselotte auf sich hat, die laut Pass in Hessen wohnt – das musst du mir gleich bei einem Gläschen Champagner erklären!“

2. KAPITEL

Verwirrt trat Christian in die Sonne hinaus und schaute sich um.

Das eben kann nur Lieselotte Ahrens gewesen sein, so sicher war ich mir noch nie, dachte er. Beinahe hätte er ihr „Lieselotte, die dicke Motte“ hinterhergerufen, nur um zu sehen, ob sie vielleicht reagierte. Das konnte er sich gerade noch mal verkneifen.

Das letzte Mal hatte er Lieselotte beim Abi-Ball gesehen. Da hatte sie sich in ein blau glänzendes Rüschenkleid gezwängt und war immer wieder um ihn herumgetanzt. Wie eine Presswurst in Geschenkpapier hatte sie ausgesehen. Und er war den ganzen Abend auf der Flucht gewesen. Seitdem waren sie sich nie wieder begegnet. Insgeheim hatte ihm Lieselotte ziemlich leidgetan, weil er sah, wie sehr sie sich um ihn bemühte. Wie sehr sie sich überhaupt bemühte, gemocht zu werden. Er hatte sie trotzdem nicht netter behandelt: Schließlich war es mit 18 verdammt wichtig, cool zu sein und eine sexy Freundin zu haben. Dabei konnte er sich noch gut daran erinnern, wie fasziniert er gewesen war, als er Lieselotte einmal beim Zeichnen auf dem Schulhof beobachtet hatte. Sie porträtierte ihre beste Freundin, und das Bild hatte der Freundin tatsächlich sehr ähnlich gesehen. Ob sie wohl noch immer so gerne zeichnete?

Gedankenverloren fuhr er sich mit der Hand durch sein honigblondes Haar. Er war groß und schlank und hatte wohl ein paar verdammt gute Gene mit auf den Weg bekommen. Er konnte feiern und die Nächte durchsumpfen – man sah ihm einfach nichts davon an. Das letzte Mal Feiern war allerdings schon ein Weilchen her – abgesehen von den Kollegen und durchdiskutierten Nächten mit dem Barkeeper – mit wem hätte er auch sonst trinken sollen?

Er war vor einem knappen Jahr auf die MS Fortuna II gekommen, am Anfang eher aus Spaß und um einmal auszuprobieren, wie es sich als Schiffspianist so lebt. Es gefiel ihm, auch wenn es inzwischen kein wirkliches Abenteuer mehr war. Jeden Abend mit freundlicher Miene die Rentner klimpernd zur Conga-Polonaise zu animieren – das war es nicht, was er bis an sein Lebensende tun wollte. Wohin es stattdessen mit seinem Leben so gehen sollte? Diesen Gedanken konnte er inzwischen schon so routiniert im Ansatz abwürgen wie einen Anruf seiner Mutter. Seine Handballkarriere hatte damals sehr hoffnungsvoll angefangen, Profiliga, schönes Geld, es hatte für ihn immer nur den Sport gegeben. Nach der Schule zum Training, dann ein Sportstudium, Turniere am Wochenende – sein Leben war so geradlinig verlaufen wie eine deutsche Autobahn. Alle seine Freunde waren ebenfalls Sportler, teilten mit ihm den Ehrgeiz und die Lust am Gewinnen.

Obwohl er sehr umschwärmt war und die Mädels schon zu Schulzeiten vor der Turnhalle herumlungerten, während er drinnen trainierte, hatten ihn Frauen nie sonderlich interessiert. Na ja, natürlich schon irgendwie, aber wirklich Platz in seinem Leben hatten sie nicht. Da hatte es eigentlich nur Steffi gegeben, mit der er neun Jahre lang zusammen war. Steffi war süß, keine Frage. Sie war so unglaublich in ihn verliebt, dass er sich fast schon schämte, ihr so wenig zurückgeben zu können. Steffi war jahrelang jedes Wochenende mit ihm zu seinen Spielen gefahren, hatte Daumen gedrückt und Wasserflaschen gereicht und ihr komplettes Leben um seins herumgebaut. Steffi war eine Spielerfrau wie aus dem Bilderbuch – immer niedlich, immer nett, immer dabei –, ihren vorwurfsvollen Blick, wenn er einfach nur mal auf dem Sofa liegen und nicht reden wollte, hatte er kaum ausgehalten. Sie hatte nie mit ihm gestritten, immer nur still in sich hineingeschmollt, und als er vor knapp fünf Jahren eines Abends nach Hause kam, waren ihre Sachen verschwunden, Steffi war weg. Einfach weg – so still und unauffällig, wie sie neben seinem Sportlerleben existiert hatte, war sie wieder verschwunden. Er hatte sich fast erleichtert gefühlt, obwohl er sie natürlich vermisste. Nach ein paar Wochen hatte sie ihn angerufen und ihm sachlich mitgeteilt, dass sie jetzt mit ihrem neuen Lover zusammenlebte, mit dem sie sich schon eine Weile über die einsamen Abende ohne Christian hinweggetröstet hatte – übrigens ein ehemaliger Handballspieler aus seinem alten Verein.

Er selbst trainierte daraufhin nur noch verbissener, arbeitete tagsüber erfolgreich als Berater und Coach für junge Profisportler, verbrachte die Abende in der Handballhalle und entschied, dass für Frauen in seinem Leben fürs Erste kein Platz war. Von außen betrachtet, führte er ein ausgefülltes Leben, aber innen fühlte es sich immer öfter leer und beliebig an. Und dann kam der Unfall … Christian mochte sich nicht wieder daran erinnern, zog seine auffallend dunklen Brauen zusammen und versuchte, den Gedanken daran zu verscheuchen. Ab dann hatte sich sein Leben komplett verändert. Es war viel passiert, und jetzt war er hier.

Wenn diese Traumfrau wirklich Lieselotte Ahrens war, dann werde ich ab heute Buddhist und benutze jeden Tag Zahnseide, dachte Christian, immer noch erstaunt. Er scannte alle umstehenden Passagiere mit prüfendem Blick. Die Blondine aus der Toilette war nirgendwo zu sehen.

In Christian war jetzt die Neugier geweckt. Er musste einfach herauskriegen, ob sie es tatsächlich war! Mit schnellen Schritten lief er zum Schiff. Routiniert suchte er in seiner Tasche nach dem Bordausweis, ohne den ihn der Typ an der Einlasskontrolle nicht aufs Schiff ließ. Christian wusste, dass er ihn inzwischen zwar ganz genau kannte, ihm aber jedes Mal erneut ein desinteressiert-abweisendes Gesicht hinhielt und so tat, als hätte Christian ihm gerade Handlesen zum Sonderpreis angeboten. Christian kramte zunehmend nervöser und schüttelte seine Hosentaschen aus – nichts! Der Bordausweis war weg. Er rannte zurück zum Toilettenhäuschen, beide Kabinen waren besetzt, davor hatte sich eine kleine Schlange gebildet. Die Schiffshupe ertönte, und Christian wusste genau, was das bedeutete.

„Bitte, bitte, darf ich vor? Ich habe quasi meine Existenzberechtigung verloren, es geht auch ganz schnell, ja?“, erklärte er im charmantesten Tonfall, den er gerade zur Verfügung hatte. Bei den Passagierinnen wirkte das immer, so viel wusste er inzwischen. Das Jahr auf dem Schiff war wirklich eine gute Schule gewesen. Mittlerweile hätte er sich auch problemlos als Heiratsschwindler selbstständig machen können. Aber warum stand nicht einmal eine Lady auf ihn, die die Wechseljahre noch vor sich hatte?

Natürlich ließen ihn die verzückten Rentnerinnen vor, Christian suchte mit irrendem Blick die Kabinen nach dem Kärtchen ab. Es war nirgends zu finden. Jetzt musste er schleunigst zurück zum Schiff und diesem selbstgefälligen Möchtegern-Türsteher den roten Teppich ausrollen, damit der ihn reinließ.

Lilo stand mit Nils im Sichtschutz einer Gruppe aus pensionierten Verwaltungsangestellten, als sie Christian vorbeirennen sah. Das war eindeutig Christian, da gab es wirklich keine zwei Meinungen, und sie sah ihn sofort wieder im Handballtrikot übers Spielfeld rasen. Wie viele Wochenenden hatte sie sinnlos damit verplempert, frühmorgens mit dem Bus in irgendwelche 500-Einwohner-Dörfer zu fahren und oft bei strömenden Regen mit anzusehen, wie ihn seine unscheinbare Steffi-Maus mit fiepsiger Stimme vom Spielfeldrand aus anfeuerte, während er Lilo keines Blickes würdigte?

Das war zum Glück lange vorbei. Und eine kleine Chance für eine späte Rache hatte sich ja nun auch noch ergeben … Lilo griff in ihre Handtasche und lächelte versonnen, während ihre Finger mit dem kleinen Plastikkärtchen spielen. Erst hatte sie es direkt ins Meer werfen wollen für all die Schmach aus Teennagertagen, aber dann hatte sie es sich noch mal anders überlegt. Vielleicht konnte sie das Kärtchen ja noch für irgendwas gebrauchen …

„Was grinst du denn so, du Teufelsbraut?“, fragte Nils, der sie schon ein Weilchen von der Seite betrachtete.

„Ich bin eben so einer Art Zombie begegnet, glaube ich“, entgegnete Lilo.

„Etwa einem aus deiner mittelhessischen Vergangenheit, Fräulein Liselotte?“ Nils knuffte sie in die Seite. „Was hast du denn sonst noch für Leichen im Keller?“

„Ooch, so einige, von den Säurefässern in der Abstellkammer wollen wir erst gar nicht reden. Verstehst du das nicht? Mir war’s halt peinlich, dass ich so eine Landpomeranze bin, da wird man doch gar nicht erst für voll genommen. Ich wäre eben viel lieber während einer Schießerei in Chicago geboren als im hessischen Neubaugebiet mit Opel vor der Tür! Ich hab’s dir verschwiegen, weil ich dachte, dass du mich für langweilig halten könntest …“

„Hältst du mich etwa für langweilig und provinziell, Prinzessin? Wo wir schon mal beim Hosen-runter-und-Karten-auf-den-Tisch sind – ich komme aus der Eifel, daher, wo ganze Dörfer den gleichen Nachnamen tragen!“

Lilo fiel Nils lachend um den Hals und drückte ihn fest.

„Und bei meinen Eltern bin ich eigentlich nur noch gemeldet, um mir die GEZ vom Hals zu halten …“

Die beiden bewegten sich mit dem Treck aus Wasserwellen und Karo-Hütchen, Rattantaschen und Gesundheitsschuhen in Richtung Gangway. Lilo sah Christian vorm Eingang wild mit irgendeinem Typen in Uniform diskutieren, es sah nach einer größeren Auseinandersetzung aus. Leider war sie zu weit entfernt, um verstehen zu können, was die beiden da so temperamentvoll miteinander verhandelten. Sie dachte an das Plastikkärtchen in ihrer Handtasche und zwinkerte Nils zu, der sich verwundert fragte, worüber sie sich gerade so amüsierte.

Nachdem Lilo und Nils sich mit hunderten anderer Passagiere im Zeitlupentempo durch die endlosen, mit blauem Teppichboden ausgelegten und mit dezenter Kaufhausmusik berieselten Gänge geschoben hatten, kamen sie schließlich in ihrer Kabine an. Lilo ließ sich sofort auf das große Doppelbett fallen. Dass sie dabei ein liebevoll arrangiertes Gebinde aus kleinen Schokoladentäfelchen platt drückte und sich die Schokolade auf ihrem Hinterteil als fragwürdiger brauner Fleck festsetzte, merkte sie leider nicht.

Nils riss die Balkontür auf und atmete tief ein. Der Geruch von Salzwasser und das rhythmische Schlagen der Wellen erfüllten sofort die ganze Kabine.

„Wir sind im Urlaub! Im U-hur-laub!“ Er tanzte ums Bett und inspizierte alles, was ihm an Kleinigkeiten ins Auge fiel.

„Guck mal Prinzessin, ich glaube, das ist für dich!“ Nils reichte ihr einen Umschlag, der mit „Frau Westphal“ adressiert an einer üppig bestückten Blumenvase auf dem Nachttisch lehnte. Lilo riss ihn neugierig auf, überflog kurz die paar schnörkelig geschriebenen Zeilen und biss dann vor Lachen ins Kopfkissen.

„Das ist ja der Hammer! Die glauben immer noch, dass deine Mutter hier mitfährt! Weißt du, was das ist? Ein Gutschein für eine Fangopackung gegen beginnende Osteoporose! ‚Gerade bei unseren älteren Passagieren sehr beliebt!‘ Na, danke schön!“

„Soll ich dich jetzt Mutter nennen?“, fragte Nils. „Und natürlich gehst du da hin, Prinzessin, Fango macht eine seidenweiche Haut!“

Lilo lag auf dem Bett und schaute sich in der Kabine um. Die Wände und Schränke waren mit Teakholz verkleidet, zwei kleine Ölbilder mit maritimen Motiven hingen an der Wand und wenn sie ihren Kopf nur ein bisschen drehte, blickte sie auf ein werbeprospektblaues, im Sonnenlicht glitzerndes Meer.

Plötzlich ertönte eine scheppernde Durchsage: „Liebe Passagiere, bitte finden Sie sich alle zur Notfallübung auf Deck 5 ein!“

„Ich glaube, das ist auf Schiffen reine Routinesache, das machen die wohl immer so. Und wenn’s wirklich hart auf hart kommt, darfst du sowieso als erste ins Rettungsboot!“, sagte Nils.

„Wenigstens ein Vorteil, eine Frau zu sein. Und Osteoporose krieg ich nach dieser Reise auch nicht mehr! Komm, dann gehen wir uns mal die schicken Rettungswestchen überwerfen!“

Auf dem Deck hatten sich inzwischen schon die meisten Passagiere versammelt. Betonhart frisierte Hostessen stolzierten von Grüppchen zu Grüppchen und verteilten die orangefarbenen Westen. Die Stimmung war aufgekratzt, überall wurde gelacht und gekichert wie auf einer Klassenfahrt. Lilo plauderte mit einer älteren Dame, deren Fransenschnitt-Perücke vom Wind etwas schief geweht und auf deren T-Shirt ein krakenartiges Tiefseewesen mit Goldpailletten aufgestickt war, über die Vorzüge von Fangopackungen. Nils hielt Ausschau nach gut gebauten Burschen unter fünfzig, und als er nach dem Besitzer der Stimme suchte, der über Megaphon den korrekten Gebrauch der Rettungswesten erläuterte, sog sich sein Blick an einem unverschämt gesund und geradezu hassenswert durchtrainierten Kerl mit sonnengebleichtem Blondschopf fest.

„Das ist meiner, da steht mein Name drauf, siehste?“, raunte Nils Lilo völlig verzückt ins Ohr. „Glaubst du, der steht eher auf Jungs oder auf Mädchen?“

„Das lässt sich ja rauskriegen, wir behalten ihn mal im Auge. Ist ja wirklich ein scheckheftgepflegtes Exemplar, aber, keine Angst, du darfst ihn haben!“

„Nachdem wir unsere kleine Rettungsübung erfolgreich abgeschlossen haben, würden wir Sie gerne alle zum einem Welcome-Cocktail auf der MS Fortuna II begrüßen!“, ertönte es mit leicht süddeutschem Akzent durchs Megaphon. „Unsere freundlichen Service-Feen freuen sich darauf, Ihnen gleich die Getränke zu servieren. Mein Name ist Tim, ich bin der Chefanimateur auf diesem Schiff, sprechen Sie mich gern jederzeit an, wenn Sie Wünsche oder Fragen haben!“

„Aber gerne doch!“, flüsterte Nils. „Jederzeit – wenn das mal kein Angebot ist!“

„Außerdem möchten wir Sie darauf aufmerksam machen, dass unser Schiff jetzt jede Minute ablegen wird. Verpassen Sie dieses einmalige Schauspiel nicht!“, mahnte Tim mit einem breiten Lächeln.

„Der hat seinen Text ja ganz brav auswendig gelernt“, lästerte Lilo.

Sie spürte, wie sich die Motoren in Gang setzten, das Schiff brummte und vibrierte von ganz tief drinnen wie ein gerade aufgewecktes Urzeittier. Langsam setzte es sich in Gang, die Hügel mit den weißen Häusern wurden immer kleiner, das Schiff fuhr eine Schleife und wandte sich gemächlich dem offenen Meer zu.

Lilo und Nils stießen gerade mit ihren Cocktailgläsern an, als sich Lilo plötzlich von hinten eine braune Hand mit mehreren Silberringen auf die Schulter legte.

„Hi, ich bin Tim, ich wollte euch Youngsters hier auf dem Schiff mal persönlich guten Tag sagen! Alles fit bei euch so?“

Lilo erschauerte bei dieser Bezeichnung, es klang irgendwie nach der Kinderabteilung von C&A.

„Alles bestens“, erwiderte Nils mit seinem strahlendsten Lächeln, das Tim allerdings nicht im Geringsten davon abhielt, seine Hand weiterhin lässig über Lilos Schulter Richtung Dekolleté baumeln zu lassen.

Tim sah wirklich gut aus, das war keine Frage. Aber irgendetwas störte Lilo an ihm. Vielleicht war es seine plump vertrauliche Art, seine Ausdrucksweise, sein routiniert cooles Auftreten – fürs Erste war er ihr nicht sympathisch. Nils hingegen war hingerissen, er betrachtete Tims braune Samtaugen, seine muskulösen Arme, deren Handgelenke mit bunten Bändchen und Holzperlenketten geschmückt waren, und seine trainierten, männlich behaarten Beine, die in Hawaiishorts steckten.

„Wollt ihr nachher zum Showabend kommen? Das ist cool, wir haben hier ein verdammt sexy Ensemble, und da gibt’s auch für Männer ordentlich was zu Gucken!“ Tim warf Nils einen verschwörerischen Wir-Jungs-wissen-ja-wie’s-läuft-Blick zu. Nils dachte kurz nach, ob er sich jetzt und hier outen oder noch einen Moment abwarten sollte. Vielleicht war bei Tim ja noch nicht alle Hoffnung verloren, auch wenn er seine Chancen schon rapide schwinden sah.

„Und du? So ein bisschen Entertainment macht doch einem süßen Mädel wie dir bestimmt Spaß, oder? Und wir könnten danach noch ’ne Runde tanzen, ich gebe hier auf dem Schiff nämlich auch Mambo-Kurse – so wie bei Dirty Dancing, haste doch bestimmt gesehen?“ Tim lächelte Lilo mit makellosem und unverschämt weißem Gebiss an.

„Bin ich froh, endlich mal wieder jemanden unter sechzig auf diesem Schiff zu treffen – wir drei Hübschen gehen heute schön zusammen feiern!“

Lilo hatte nur noch einen Gedanken – Flucht! Und zwar sofort! Dieser Typ war ja unerträglich! Wie konnte Nils bloß so blöd sein und sich von diesem aufgeblasenen Getue blenden lassen! Sie zupfte Nils dezent am Hemd.

„Ko-homm, lass uns ge-hen! Je-hetzt!“, flötete sie ihm ins Ohr. Aber Nils tat so, als hätte er es nicht gehört.

„Tim, das ist wahnsinnig nett, dass du so besorgt um unser Wohlergehen bist. Aber ich muss mich jetzt einfach mal kurz ausruhen, wir sind heute morgen schon so unmenschlich früh in München losgeflogen“, log Lilo mit dem letzten Rest an gequälter Freundlichkeit. „Vielleicht ein andermal, ja?“

„Echt, ihr kommt aus München? Das ist ja cool, da hab ich mal gewohnt! Da gab’s so ne Bar, da kamste einfach nur aus der U-Bahn raus, und da war die dann schon … Kennst du die zufällig? Die hieß so ähnlich wie … irgendwas mit Schwein … Da hab ich mit meinen Kumpels immer gesoffen, da bin ich nie nach Hause, bevor es draußen schon wieder hell war … Da hab ich auch einmal, Mann, das war cool …“

Lilo hatte sich inzwischen schon zum Gehen gewandt, sie hatte partout keine Lust mehr, auch nur ein weiteres Stichwort für die nächste Saufgeschichte zu liefern. Nils blieb stoisch an Tims Seite stehen.

Plötzlich spürte Lilo eine Hand auf ihrem Po. Sie drehte sich ruckartig um und blickte wütend in Tims grinsendes Gesicht.

„Du hast dich wohl irgendwo reingesetzt, was? Aber so ’ne schöne Frau wie dich kann nichts entstellen – wenn du willst, kann ich den Fleck auch gerne wegmachen …“, sagte Tim grinsend und ohne seinen Blick von Lilos Hinterteil abzuwenden.

Lilo scheuchte Tims Hand mit einer ruppigen Geste weg, knurrte ein „Das kann ich ganz gut alleine!“ und musste all ihre Beherrschung aufbringen, um diesem schmierigen Typen nicht hier und jetzt ihre Kickboxkünste zu demonstrieren.

„Mach, was du musst, aber ich bin jetzt weg!“, rief sie Nils halblaut zu, bevor sie mit schnellen Schritten verschwand. Im Gehen hörte sie Nils noch sagen: „Der Laden heißt übrigens ‚Barschwein‘, und da hab ich auch mal …“

Lilo packte den hinteren Teil ihres roten Kleides und sah sich die Bescherung an. Auf ihrem Po prangte ein Fleck, der allerlei unappetitliche Schlüsse zuließ, also machte sie sich schleunigst auf den Weg zur nächsten Waschgelegenheit. Wo war noch gleich ihre Kabine? Diese Treppe runter oder die nächste? Und das auch noch, Mist – Nils hatte beim Gehen beide Schlüssel eingesteckt! Zurück zu diesem Schönling mit offensichtlichem Testosteron-Überdruck wollte sie keinesfalls, und Nils war inzwischen in ein angeregtes Gespräch mit ihm vertieft. Beide lachten und stießen mit frisch gefüllten Gläsern an.

Damit nicht mehr Menschen als nötig einen Blick auf ihre lädierte Rückansicht werfen konnten, legte Lilo eine Art Krebsgang ein und bewegte sich seitwärts und mit dem Hintern an der Schiffswand entlang.

Endlich wiesen die Pfeile mit dem WC-Zeichen auf eine Glastür, darüber befand sich ein Messingschild, in das „Piano-Lounge“ graviert war. Lilo betrat hastig die gemütliche, kleine Bar, in der schwere, braune Ledersessel, kleine Tischchen und ausladende Palmen sehr geschmackvoll arrangiert waren. Durch die riesigen Fenster hatte man einen herrlichen Blick aufs Meer, ein paar ältere Herrschaften hatten es sich in einer Sitzecke gemütlich gemacht und spielten Karten. Auf einem Podest in der Ecke stand ein großer, weißer Flügel, an dem ein blonder Mann alte Jazzklassiker spielte. Lilo sah sich nur flüchtig um, ging erst einmal den Fleck aus ihrem Kleid waschen und ließ sich danach tief ausatmend in einen der Sessel fallen.

Das geht ja gut los, dachte sie und schloss die Augen, um sich ein bisschen zu entspannen. Wahrscheinlich werde ich mir jetzt ein paar alte Ladies zum Bridgespielen anheuern müssen, weil Nils diesem Animateur verfallen ist! Bei dem Gedanken an Tim bekam Lilo eine Gänsehaut. Mit diesem Typen verbringe ich keine Sekunde! Und Nils kann ich mir auch für die nächsten Tage abschminken – das war’s mit der entspannten Kreuzfahrt! Einen hormonell verwirrten Kumpel an der Backe und im Schlepptau den unerträglichsten Kerl der westlichen Hemisphäre – na, herzlichen Dank!

In Lilo stieg langsam Wut auf. So bemerkte sie auch nicht, dass der Mann am Klavier inzwischen aufgehört hatte zu spielen. Und nicht nur das, er hatte sich auch direkt neben Lilo in den Sessel gesetzt und betrachtete sie von der Seite.

3. KAPITEL

„Na, Lieselotte Ahrens, könnte ich jetzt vielleicht meine Plastiktüte wiederhaben, und vor allem das, was drin war?“, fragte Christian. Lilo schreckte auf und blitzte ihn mit funkelnden grünen Augen abwehrend an.

Bitte, bitte, der jetzt nicht auch noch! Verdammt, war ich in meinem früheren Leben so gemein, dass ich jetzt alles auf einmal abkriege?, dachte Lilo kurz vor der Verzweiflung. Sie schämte sich tatsächlich ein bisschen, als sie an die Plastikkarte in ihrer Tasche und den beobachteten Disput am Schiffseingang dachte. Aber zugeben würde sie am besten erst mal gar nichts!

„Entschuldigung, kennen wir uns?“, fragte sie mit mühsam gespielter Gleichgültigkeit. Es fiel ihr wirklich schwer, aber sie hatte partout keine Lust, ausgerechnet hier ihre erfolgreich verdrängte Vergangenheit noch einmal aufzukochen.

Christian hatte sich wirklich kaum verändert. Er hatte immer noch diese Strahleaugen mit den langen dunklen Wimpern und die leicht abstehenden Ohren, die Lilo während der halben Schulzeit das Herz hatten höher schlagen lassen. Seine strubbeligen Haare waren kurz geschnitten, aber der angestrengte Ausdruck in seinem Gesicht war einer gelassenen Ruhe gewichen, von Christians typischem Ehrgeiz war nichts mehr zu bemerken. Trotzdem spürte sie, wie es gerade in ihm brodelte.

„Lieselotte, wenn du nicht sofort mit dieser albernen Show aufhörst, werde ich richtig sauer! Was machst du eigentlich hier auf dem Schiff?“

„Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind und was Sie eigentlich von mir wollen!“, fuhr Lilo ihn an. „Verschwinden Sie einfach, wenn Sie noch Wert auf ein vollständiges Gebiss legen, so was kann ja in Ihrem Alter richtig teuer werden!“

Christian war sprachlos. Was fällt denn dieser aufgeblasenen Ziege überhaupt ein?, dachte er. Und wenn das tatsächlich nicht Lieselotte, sondern irgendeine wildfremde, zugegeben äußerst ansehnliche Frau war? Temperament hatte sie in jedem Fall, das imponierte ihm. Aber er war sich ziemlich sicher, dass hier nicht nur die dicke Motte von früher vor ihm saß, sondern auch das Miststück, das seinen Bordausweis geklaut und ihm so eine Menge Ärger eingehandelt hatte. Letztendlich war zwar alles gut gegangen, der Möchtegern-Türsteher hatte sich nach hart an totalem Würdeverlust grenzendem Gebettel doch noch erweichen lassen. Nur was ihn diese Aktion an Überwindung gekostet hatte! Und wer außer Lieselotte hätte denn Interesse daran gehabt, ihm nach all den Jahren eine kleine Retourkutsche zu verpassen?

Er musterte sie erneut. Dieser Lieselotte-Lookalike hatte einerseits wenig Ähnlichkeit mit dem dicken Mädchen aus der Schule, andererseits kam ihm der bockig-beleidigte Ausdruck in ihren ungewöhnlich grünen Augen ungemein bekannt vor. Der Rest war völlig anders – statt einer flauschigen Dauerwelle wallte hier eine seidige, blonde Haarpracht bis fast zur Hüfte, die sich zauberhaft unter einem engen, roten Kleid rundete. Christian war völlig irritiert, trotzdem wollte er nicht so einfach aufgeben und startete noch einen letzten Versuch.

Lieselotte hatte zu Schulzeiten einen Fahrradunfall gehabt, daran konnte er sich erinnern. Dabei hatte sie sich den Arm gebrochen und später wahnsinnig mit der spektakulären Narbe angegeben, die wie ein zu groß geratener Tausendfüßler aussah, der über ihren Unterarm krabbelte. Natürlich hatte sie auch ihm diese Narbe gezeigt, er hatte aber so getan, als würde ihn das überhaupt nicht beeindrucken. Jetzt versuchte er, einen kurzen Blick auf die Innenseite ihres Armes zu erhaschen, die dummerweise auf der Sessellehne lag. Er beugte seinen Kopf nach unten und verdrehte dabei gleichzeitig den Oberkörper, sodass er fast aus dem Sessel fiel. Lilo missverstand diesen kläglichen Versuch und schlug schnell die Beine übereinander.

„Haben Sie jetzt alles gesehen? Ja, ich trage schwarze Unterwäsche! Normalerweise kostet allein dieser Blick ein Vermögen, Sie kostet er beim nächsten Mal Ihr Leben!“, bellte Lilo ihn an. Was bildete sich dieser Typ überhaupt ein? Plumper ging’s ja nun wirklich nicht! Waren ausgerechnet die paar Kerle unter 70 auf diesem Schiff alle ein Spielball ihres Hormonhaushaltes? Und dann auch noch Christian, der sich früher ausschließlich für Bälle interessiert hatte! Holte der jetzt etwa seine verlorene Jungend nach?

Shit, jetzt habe ich mich komplett disqualifiziert! Vor Scham bekam Christian prompt knallrote Ohren.

„Das war nicht so gemeint, ich hab mir irgendwo Zug geholt, ich glaube, ich hab mir da einen Halswirbel ausgerenkt, das war nur eine kleine Muskelentspannungsübung, auf keinen Fall das, was Sie jetzt denken …“

Während er versuchte, dezent an ihr vorbei zu schauen, blieb sein Blick an ihrer Sonnenbrille hängen, die immer noch in ihrem Haar steckte. Am Bügel hatte sie einen kleinen Sprung.

„Ich glaube, Ihre Sonnenbrille ist kaputt …“, brachte er mit letzter Kraft hervor, weil ihm vor Peinlichkeit die Stimme wegkippte und er jetzt unbedingt irgendetwas sagen musste.

„Netter Versuch!“, entgegnete sie, griff sich aber dabei ins Haar, um die Brille in Augenschein zu nehmen. Sie hob ihren linken Arm – und da war sie! Die Narbe! Christian hätte vor Freude fast aufgeschrien. Also doch!

„Fahrradunfall 1986, was?“

Lilo blieb fast das Herz stehen. Was sollte sie jetzt bloß machen – er hatte sie kalt erwischt! Und wie jedes Mal, wenn sie nervös wurde, bekam sie dieses Augenzucken, ihre Lider machten sich selbstständig und blinzelten schnell und unkontrolliert. Sie wusste, dass das furchtbar bescheuert aussah, aber sie konnte nichts dagegen tun. Im Fernsehen hatte sie einmal einen Bericht über Kinder gesehen, die am Tag stundenlang vor der Glotze hockten, und die hatten genauso dämlich gezwinkert. Robert hatte sie immer damit aufgezogen, und sie hatte ihn dafür gehasst.

Und auch Christian kam dieses Zwinkern mehr als bekannt vor. Da nützte es auch nichts mehr, dass sich Lieselotte schnell die Sonnenbrille über die Augen schob.

„Lieselotte, gib’s auf, ich weiß, dass du das bist!“ Er wirkte fast amüsiert, aber dabei zumindest kein bisschen feindselig.

„Wenn schon, dann sag wenigstens Lilo zu mir, ich bin froh, dass mich keiner mehr Lieselotte nennt“, entgegnete sie mit plötzlich resignierter Stimme. Offenbar erinnerte sie sich genauso ungern an ihre Vergangenheit wie er an die seine.

„Was machst du hier eigentlich?“, fragte sie nun in frisch aufgesetztem Plauderton. „Ich weiß ja, dass du hier arbeitest, das hab ich auf deinem …“ Lilo brach abrupt ab und biss sich auf die Lippe.

Nein, Nein, Nein! Bloß nicht verquatschen! Er hat mich erkannt, okay, aber deshalb werde ich das mit dem Bordausweis noch lange nicht zugeben, am Ende spielt er sich hier noch auf und macht Stress!

„Auf meinem was?“, fragte Christian eindringlich und rückte dabei noch ein Stückchen näher an sie heran.

„Auf deinem Namensschildchen gelesen – da!“ Lilo deutete auf einen kleinen Anstecker an Christians Jackett. Das war ja gerade noch mal gut gegangen!

Clever, Frau Ahrens, sehr clever!, dachte Christian. Sie hatte sich wirklich verändert. Aber im Grunde war sie ja schon früher schlagfertig gewesen. Sie hatte auf alles eine Antwort, was er manchmal beneidet hatte, während ihm der richtige Spruch erst eine halbe Stunde später einfiel – nachdem schon alle gegangen waren.

„Und du bist dir sicher, dass du das nicht auf meinem Bordausweis gelesen hast?“ Christian schaute Lilo in die Augen – zumindest versuchte er es, aber hinter den dunklen Gläsern war wenig zu erkennen.

„Herrje, jetzt setz doch mal diese blöde Brille ab, du führst dich ja auf wie Naomi Campbell beim Gerichtstermin!“

Lilo musste grinsen. Christian überkam ein Gefühl von unbändigem Stolz – der Gag hatte gesessen! Er grinste ebenfalls, und Lilo nahm die Brille endlich von ihren Augen.

„Ganz sicher, ich weiß gar nicht, wie so ein Bordausweis überhaupt aussieht. Wie kommst du darauf, dass ausgerechnet ich deinen Bordausweis haben könnte?“, erklärte Lilo mit aller Überzeugungskraft, die sie aufbringen konnte.

Christian schaute sie lange an. Lieselotte oder Lilo, wie auch immer sie jetzt hieß, war bezaubernd. Sie war temperamentvoll, hatte eindeutig Humor, sie war hübsch und das absolute Gegenteil eines Mäuschens. Wenn er dagegen an Steffi dachte …

„Jetzt sag mir doch endlich, was du hier auf diesem Schiff machst!“ Lilo versuchte, so schnell wie möglich von dem verminten Terrain „Bordausweis“ herunterzukommen. „Du bist doch hier nicht etwa der bordeigene Handballtrainer, oder?“

Christians Gesicht wurde plötzlich ernst. „Nein, mit Handball habe ich nichts mehr am Hut, das ist vorbei …“, sagte er nachdenklich.

Lilo schaute ihn an. Seine blauen Augen verfinsterten sich, und seine Lippen wurden plötzlich ganz schmal. Das hätte sie nicht erwartet. Sie überlegte angestrengt, was sie darauf sagen sollte. Das roch verdammt nach Drama!

„Und … und was machst du jetzt hier?“, fragte sie vorsichtig und legte dabei das Mitgefühl aller Hilfsorganisationen dieser Erde in ihre Stimme.

„Ich gehöre wohl zu denjenigen, denen es nicht genügt, auf nur einem Gebiet zu versagen“, antwortete Christian mit verschmitztem Lächeln. „Ich bin der Bordpianist und sorge dafür, dass hier abends bei der Rentnerpolonaise die Hütte brennt!“

„Wie geht das denn? Wieso kannst du auf einmal Klavier spielen?“ Lilo war völlig erstaunt, damit hätte sie am wenigsten gerechnet. Vom Sportfanatiker zum Musiker – mehr Veränderung ging ja wirklich nicht!

„Das ist eine längere Geschichte … Wollen wir was trinken?“ Christian sah auf seine Uhr. „In einer halben Stunde muss ich wieder ran, dann ist hier der Mambo-Kurs …“

Mambo-Kurs! Großer Gott! Dann wird ja dieser Unsympath von Animateur hier aufkreuzen!, dachte Lilo mit Schrecken.

„Keine Panik – ich tanze ja nicht. Falls es das war, was dir gerade die nackte Angst in die Augen getrieben hat … Ich bestelle uns jetzt einfach mal zwei leckere Glas Wein, und du erzählst mir, was dich hierher verschlagen hat, okay?“

Lilo überlegte kurz und entschied, hier nicht sofort die ganze Wahrheit über ihr jetziges Leben auf den Tisch zu packen.

„Ich brauchte mal eine kreative Pause, und dann habe ich mich eben entschieden, mal eine Kreuzfahrt zu machen“, sagte sie knapp.

„Fährst du allein oder mit einer Freundin?“

Allein diese Frage ärgerte Lilo schon wieder maßlos, dabei war ihr Christian eben noch so nett erschienen. Nur wieso kam dieser Idiot nicht auf die Idee, dass sie vielleicht einen Freund oder gar Mann haben könnte, der sie zu einer Kreuzfahrt einlädt? Wie sich das für tolle Männer von tollen Frauen eben so gehört!

„Weder noch“, entgegnete sie in einer Ruppigkeit, die keine weitere Nachfrage mehr zuließ. Christian sollte ruhig noch ein Weilchen im Unklaren schmoren. „Und jetzt du – wie bist du denn zum Klavierspielen gekommen?“

„Ich habe eine einmalige Frau kennengelernt, Gloria heißt sie übrigens, und sie ist eine fantastische Opernsängerin! Gloria hat mich quasi gerettet …“ Christians Augen glänzten. „Mit Gloria bin ich endlich mal rausgekommen aus dem hessischen Muff, ich war vor dem … bisher ja nie richtig weg gewesen. Wohnst du eigentlich noch in Hessen?“

Lilo schluckte. Wäre ja auch zu schön gewesen … Da gab es also diese einmalige Opernsängerin, Gloria hier, Gloria da – na herzlichen Dank! Der Abend hatte so vielversprechend angefangen, aber es wunderte sie nicht, dass Christian eine Freundin hatte. Da hatte sie eben zum zweiten Mal bei ihm Pech gehabt … Moment, woher kam jetzt auf einmal dieser Gedanke?

„Um Gottes Willen! Ich bin sofort nach dem Abi geflüchtet! Jetzt lebe ich in München, bin Illustratorin – und mein Freund müsste auch gleich kommen! Der vermisst mich sicherlich schon!“ Christian sollte mal bloß nicht glauben, dass sie Single sei! Wenn er schon liiert war, dann konnte sie das schon lange! Jetzt musste nur noch Nils mitspielen …

Wie aufs Stichwort hörte sie draußen vor der Glastür plötzlich ausgelassenes Gegacker. Nils Lache war einfach unüberhörbar. Er polterte mit einem eindeutig nicht mehr nüchternen Grüppchen in die Bar. Zu ihrem Leidwesen erkannte Lilo auch Tim darunter, dessen Gesicht sich schlagartig erhellte, sobald er sie erblickte. Nils trug Tims Hawaiishorts, was zu seinem roséfarbenen Designerhemd besonders tragisch aussah, und Tim hatte Nils’ schmale Nadelstreifenhosen an, für die er allerdings ein wenig zu breit in den Hüften war, sodass er den obersten Hosenknopf auflassen musste. Den beiden hatten sich noch zwei rüstige Pensionäre angeschlossen, die hier offensichtlich ihren heitersten Abend seit dem letzten Kegelausflug verbrachten und ordentlich was aufzuholen hatten, was hemmungsloses Pubertieren anbelangte. Lilo spürte das in sich aufsteigen, was man gemeinhin als „Fremdschämen“ bezeichnete. Da kam also der Freund, mit dem sie vor Christian so gerne angegeben hätte, bar jeder Mimikkontrolle und mit einer Fahne, die allen bundesdeutschen Skatabenden zur Ehre gereicht hätte, angetorkelt, wollte Lilo umarmen, griff daneben und hielt sich schnaufend an einer Palme fest.

„Prinzessin! Da bist du ja endlich, wir haben das halbe Schiff nach dir abgesucht!“ Tim stand hinter ihm und versuchte ebenfalls, nach einem von Lilos Armen zu grapschen. Lilo hakte sich schnell bei Nils ein.

„Wir gehen jetzt mal schön schlafen, mein Hase!“ Sie versuchte, ihn peu à peu Richtung Tür zu zerren, aber Nils sträubte sich.

„Ooch, Prinzessin, du Spaßbremse, es ist doch grade so nett – komm, trink noch einen mit uns, ja?“

„Tu mir einen Gefallen, und küss mich jetzt! Ich kauf dir morgen auch ein paar Shorts, aber bitte mach mit! Ich erklär dir alles in der Kabine!“, raunte ihm Lilo ins Ohr und presste ihm dabei auch schon ihre Lippen ins Gesicht. Nils zappelte, rang nach Luft, und Christian stand verwundert daneben. Mit einem Auge linste sie über Nils’ Schulter und schaute Christian an. Er bemerkte ihren Blick und drehte schnell seinen Kopf zur Seite. Irgendwie wirkte er enttäuscht – das bildete Lilo sich zumindest ein. Tim grinste hämisch zu Christian herüber und legte ihm scheinbar tröstend einen Arm um die Schulter, den Christian mit angewiderter Geste abstreifte. Lilo zog Nils schnell durch die Tür nach draußen, und die beiden verschwanden in der Dunkelheit.

4. KAPITEL

Lilo hatte Mühe, den torkelnden Nils in ihre Kabine zu kriegen. Nils lamentierte beständig, dass er seit zwanzig Jahren keine Frau mehr geküsst und es in Zukunft auch nie wieder vorhabe.

„Prinzessin, was hast du denn bloß mit mir gemacht?“, jammerte er in sich stetig wiederholender Tonschleife. „Was war das überhaupt für ein leckeres Schnittchen, mit dem du da in der Bar gesessen hast?“

„Ach Hase, das ist ’ne lange Geschichte … Ich verspreche dir hiermit feierlich, dich nie wieder zu küssen! Großes Indianerehrenwort! Aber ich brauchte einen Alibi-Freund, verstehst du? Das Schnittchen heißt übrigens Christian und war früher mal der Handballkönig Mittelhessens …“ Nils schaute Lilo verständnislos an.

„Ich kenne Christian aus der Schule, verstehst du?“, fuhr Lilo fort. „Damals war ich furchtbar in ihn verschossen, er aber dummerweise nicht in mich, und nach dem Abi sind wir uns heute das erste Mal wieder begegnet. Kommst du noch mit, mein Hase?“

„Hmhm“, grunzte es aus einem Berg von Kissen und Bettlaken. Nils hatte sich im Bett eingegraben und lugte nur noch mit sehr trüben Augen unter der Decke vor. „Ich kann dir noch folgen, Prinzessin. Aber das ist doch schön, wenn ihr euch wieder getroffen habt! Wo ist dein Problem?“

„Ich habe vierzehn Jahre nicht an diesen Typen gedacht, ausgerechnet heute läuft er mir über den Weg! Und natürlich hat er eine Freundin! Und ich hab ihn auch noch beklaut! Und er glaubt, du wärst mein Freund! Und … ach Mist, das ist alles so kompliziert!“

Nils wurde plötzlich hellwach. „Wie? Was? Ich bin dein Freund? Muss ich jetzt die ganze Zeit mit dir Händchen halten, nur damit du dir vor ’nem Kerl keine Blöße gibst, der sowieso schon vergeben ist? Ganz sicher nicht, Prinzessin!“ Nils warf mit großer Geste die Bettdecke von sich, reckte das Kinn nach oben und stolzierte ins Bad. Als Lilo ihm nachlief, schlug er ihr krachend die Tür vor der Nase zu.

„Nils! Entschuldige! Jetzt komm doch wieder raus, wir kriegen das schon geregelt! Du darfst dir auch morgen was wünschen, wenn du jetzt aufmachst! Das war wirklich nur ein einziges Mal, ich küss dich nie wieder, selbst dann nicht, wenn du mich danach fragst!“

Nils antwortete nicht. Lilo hörte es drinnen rascheln und scharren.

„Nils, verdammt, was machst du denn da?“

„Ich übernachte heute in der Badewanne, Prinzessin, ich hab viel zu viel Angst, dass du über mich herfällst, während ich unschuldig schlafe!“, ertönte es von drinnen.

„Jetzt sei doch nicht kindisch! Außerdem will ich auch noch was von dir wissen!“

„Was denn?“ Nils war ganz dicht an die Tür getreten, seine Stimme klang jetzt viel näher.

„Ob mit diesem Tim was lief, schließlich habt ihr ja eure Hosen getauscht … Das macht man doch auch nicht mit jedem!“

„Wir haben uns einfach gut verstanden, aber ich glaube, Tim ist eindeutig scharf auf dich, der hat den ganzen Abend versucht, mich über dich auszuquetschen!“

„Was hast du ihm denn von mir erzählt?“ Lilo wurde unruhig. Sie spürte diese unverschämte Hand wieder auf ihrem Po, sah dieses selbstgefällige Grinsen, und es überkam sie ein Gefühl von Ekel.

„Dass du Single bist, gerne wieder einen Freund hättest, so was eben … Wenn ich ihn schon nicht kriegen kann, dann sollst du ihn wenigstens haben.“

„Das ist nicht dein Ernst! Bevor ich mich auf diesen Typen einlasse, schmeiße ich mich lieber an eins von den alten Gürteltieren ran, das Angebot hier auf dem Schiff ist ja weiß Gott groß genug!“

„Ist auch nicht das Schlechteste – wenn die Zähne erstmal raus sind, hat die Zunge freies Spiel!“ Lilo hörte Nils drinnen laut auflachen.

„Lorenzhase, jetzt schwör mir beim künstlichen Hüftgelenk deiner Mutter, dass du Tim nicht so was über mich erzählt hast! Und komm endlich da raus, ich will auch noch ins Bad!“ Nils öffnete die Tür einen Spalt und schaute Lilo misstrauisch an.

„Und du versprichst mir, dass du mir nichts antust?“

„Ich verspreche es. Wie gesagt, es war ein absoluter Notfall und wird nie wieder vorkommen“, sagte Lilo mit so viel Ernsthaftigkeit in der Stimme, dass sie von sich selbst ganz ergriffen war.

„Ich glaub dir nicht, ich bleibe heute Nacht lieber hier drin!“ Nils schlug die Tür wieder zu und schloss von innen ab. Lilo hörte es drinnen rumoren, dann Stille.

Dann eben nicht, dachte sie. Verdammte Zicke! Das ist kein Urlaub, das ist die reinste Selbsthilfegruppe!

Lilo zog sich ihren Pyjama an und legte sich ins Bett. Soll er doch von mir aus in der Wanne nächtigen, ich hab jetzt wenigstens das Bett für mich allein Sie wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Bis jetzt hatte sie fast vergessen, dass sie ja auf einem Schiff war, das gerade merklich rauf und runter schaukelte. Lilo spürte ein dumpfes Wummern und Stampfen aus dem Bauch des Schiffes, als läge dort ein riesiges, schweres Tier, das gerade verdaute. Durchs Fenster sah sie, wie sich das Mondlicht auf die Wellen spiegelte, auf denen sich kleine Schaumkronen bildeten und wieder verschwanden. Im Schrank klimperten ein paar leere Kleiderbügel.

Das fängt ja großartig an – Stress mit Nils, dieser widerwärtige Schmierlappen von Animateur – und dann auch noch Christian … Anscheinend ist es vorbei mit dem Handball, aber warum hat er denn vorhin so ein Riesengeheimnis daraus gemacht? Und mit Steffi scheint es ja auch vorbei zu sein, na ja, die Piepsmaus hat sowieso nicht zu ihm gepasst … Aber dafür hat er ja jetzt seine Gloria! Lilo versuchte, sich Gloria vorzustellen, aber ihr fiel dabei nur Gloria von Thurn und Taxis im Dirndl beim Bierfassanstich ein. Und jetzt ist mir auch noch schlecht!

In diesem Moment wurde das Schiff von einer seitlichen Welle so erfasst, dass es spürbar schwankte und Lilo sämtliche Bücher, Blöcke und Zeichenstifte vom Nachttisch entgegenkullerten. Sie zog sich die Decke über den Kopf und fühlte sich plötzlich ganz mickrig und einsam. Draußen ging gerade die Welt unter, ihr bester Freund weigerte sich, mit ihr zu sprechen, und auch sonst war dieser Abend ziemlich an die Wand gefahren. Doch jetzt regte sich etwas aus dem Badezimmer. Lilo hörte es klirren und kurz darauf ertönte ein erbärmliches Wimmern. Die Tür öffnete sich, Nils krallte sich mit leichenfarbenem Teint am Türrahmen fest und rieb sich die Schläfe.

„Prinzessin, mir ist so schlecht!“, jammerte er. „Ich hab ewig gebraucht, bis ich in dieser rutschigen Wanne überhaupt einschlafen konnte, und dann wache ich davon auf, dass mein Aftershave versucht, mich zu ermorden! Darf ich zu dir ins Bett?“

Nils’ Haare waren triefnass, er stank wie eine komplette Busladung alternder Hollywood-Diven nach süßem, schwerem Parfum und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Er tat Lilo richtig leid.

„So viel hab ich doch gar nicht getrunken … Und stell dir vor – ich hab grade geträumt, du hättest mich vorhin geküsst!“

Gesegnet sei der Vollrausch, dachte Lilo, vielleicht hat er das ja bis morgen früh schon wieder vergessen …

Nils schlüpfte unter die Bettdecke und klammerte sich an Lilo fest.

„Schön, dass du da bist, Prinzessin … Warum hab ich eigentlich in der Wanne geschlafen?“

„Das wird als eins der letzten großen Geheimnisse in die Menschheitsgeschichte eingehen … Sag mal Hase, kann ich dich noch was fragen? Was mache ich denn, wenn ich Christian wieder über den Weg laufe? Und meinst du, er hat wirklich eine Freundin? Irgendwas an ihm ist merkwürdig …“

Nils grummelte etwas Unverständliches und fing kurz darauf fürchterlich zu schnarchen an. Lilo starrte noch lange aus dem Fenster, bis auch sie endlich einschlief.

„Prinzessin, kommst du jetzt endlich mal? Ich hab tierischen Hunger! Und vor allem – Durst!“ Theatralisch seufzend wanderte Nils in der Kabine auf und ab.

Lilo stand im Bad vor dem Spiegel und betrachtete versonnen ihr Gesicht. Sie war heute extra früh aufgestanden, hatte ihre Haare gewaschen, sich heimlich mit Nils’ sauteurer Bodylotion eingecremt, war daraufhin mit ihren glitschigen Füßen auf dem Badezimmerboden ausgerutscht und hatte sich das Knie angestoßen, das sich jetzt allmählich blau verfärbte. Danach musste sie natürlich das Outfit ändern – kniefrei fiel ja nun erst mal aus – und ihre Frisur darauf abstimmen. Jetzt war sie mit dem Ergebnis ganz zufrieden, öffnete die Tür und lächelte Nils huldvoll an.

„Zau-ber-haft!“, intonierte Nils. „Da kann man noch drei Hässliche hinten dran hängen, die gehen glatt auch noch mit weg!“

„Geht’s dir wieder ein bisschen besser, mein Hase? Und wie steht’s mit deinem Erinnerungsvermögen?“

„Ich weiß nur noch, dass ich mit Tim einen Cocktail nach dem anderen getrunken habe, dann bin ich in der Badewanne aufgewacht, und mein Aftershave tropfte mir von der Stirn … Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch was über den Rest des Abends wissen will … Hab mich auch schon mal frischer gefühlt …“

„Wenigstens brauchst du in den nächsten Wochen nie wieder Parfum zu benutzen, das Zeug ist dir anscheinend in jede einzelne Pore gesickert – du dünstest aus wie ein Bordell beim 50-jährigen Betriebsjubiläum!“ Lilo rümpfte die Nase und rückte demonstrativ ein Stückchen von Nils ab.

Die beiden liefen den langen, schmalen und von verdeckten Halogenlämpchen ausgeleuchteten Gang an dutzenden von Kabinentüren entlang. Die See hatte sich wieder beruhigt, das Schiff schaukelte ganz gemächlich vor sich hin. Lilo schritt in einem weißen Blümchenkleid vorneweg, Nils hinterher, er sah immer noch blass aus, und der einzige Farbklecks waren seine rot geränderten Augen. Ein dreisprachiges Schild mit der Aufschrift „Breakfast Room“ wies ihnen den Weg, der alle paar Meter von einheitlich blau gekleideten Putzkolonnen mit riesigen Staubsaugern gekreuzt wurde. Andere Passagiere waren nicht zu sehen. Nils warf einen Blick auf seine Uhr.

„Es ist schon halb zehn, Prinzessin, meinst du, wir kriegen noch was zu essen?“, fragte er besorgt.

„Klar, keine Angst, die sind nur alle schon so früh wach, weil man im Alter nicht mehr so viel Schlaf braucht, die saßen wahrscheinlich schon um sieben mit einsatzbereitem Besteck am Tisch! Ach … Nils – woran kannst du dich denn noch so erinnern? Weißt du noch, was ich dir vor dem Einschlafen erzählt habe?“

„Irgendwas von einem Typen, mit dem du Handball gespielt hast oder so … Aber du hast mich nicht geküsst, oder? Schwör’s!“

„Ich schwöre!“ Lilo rutschte dabei die Stimme glatt eine Oktave nach oben, was Nils glücklicherweise nicht bemerkte, sie legte eine Hand auf ihr Herz und kreuzte mit der anderen hinter ihrem Rücken die Finger. Damit war das Thema hoffentlich erledigt. Was ist schon ein kleiner Meineid gegen eine große Freundschaft?, tröstete sie sich. Natürlich schämte Lilo sich ein bisschen – warum musste sie sich auch immer selbst in solche Situationen manövrieren? Sie hatte Christian angelogen, jetzt auch noch Nils, und wie sie aus dieser Nummer wieder rauskommen sollte, war ihr nicht ganz klar. Schnell wischte sie jeden weiteren Gedanken darüber zur Seite, um nicht noch schwermütig zu werden.

Inzwischen waren sie über eine kleine Metalltreppe nach oben ins Freie getreten. Die Sonne schien schon so kräftig, dass Nils prompt eine erneute Jammerattacke bekam.

„Das ist so heiß, und ich hab solchen Durst, Prinzessin“, klagte er, „und jetzt krieg ich auch noch einen Sonnenstich!“

Lilo und Nils standen auf dem obersten der fünf Decks, dessen dunkler Holzboden im Morgenlicht schimmerte. Auf dem Deck standen mehrere Reihen fein säuberlich angeordneter Liegestühle um einen unglaublich knallblauen Pool. In einem der Liegestühle rieb sich gerade eine ältere Dame ihre tiefbraunen Schultern mit Kokos-Sonnencreme ein, deren Duft sich mit dem salzigen Geruch der Luft vermischte. Am Ende des Decks thronte ein riesiger Glaspavillon, vor dem an zahlreichen Tischen und Stühlen eine muntere Rentnerschar frühstückte. Ein Kellner mit weißer Serviette über dem abgeknickten Arm trat Lilo und Nils mit der Ernsthaftigkeit eines Steuerfahnders entgegen.

„Guten Morgen, die Herrschaften. Dürfte ich bitte Ihre Kabinen-Nummer erfahren? Dann bringe ich Sie zu Ihrem Tisch.“

Nils kramte in seinen Hosentaschen, und dabei fiel ihm siedend heiß ein, dass gestern irgendetwas mit seiner Hose passiert war, heute Morgen war er in Hawaiishorts aufgewacht – warum auch immer … Lilo zückte derweil den Kabinenschlüssel und hielt ihn dem Kellner hin. Aus Nils’ gestrigem Ausflug hatte sie gelernt – nie wieder würde sie die Kabine ohne Schlüssel verlassen und darauf hoffen müssen, dass Nils nächstes Mal im passenden Moment auftauchte!

„Das wäre für Sie dann Tisch 32. Alle Passagiere speisen für den gesamten Zeitraum ihrer Reise an einem bestimmten Tisch. Ich hoffe, das ist zu Ihrer Zufriedenheit. Wir sind leider auf dieser Strecke so gut wie ausgebucht, deshalb können wir nicht auf sämtliche Wünsche unserer Gäste eingehen, was die Platzwahl betrifft. Aber sollte etwas nicht in Ordnung sein, dann sprechen Sie mich gerne an.“

Lilo musste unverzüglich an den Butler der „Munsters“ denken. Der Kellner führte die beiden mit steinerner Miene quer durch den ballsaalgroßen Pavillon, in dem schätzungsweise hundert runde Tische aus dunklem Holz standen. Auf jedem Tisch war ein großer Obstkorb mit verschiedenen Früchten drapiert. Die Sonne schien durch die Scheiben und malte helle Kreise auf den Steinfußboden, zwischen den Tischen standen Terrakotta-Kübel, aus denen üppige Palmen wuchsen. Am hinteren Ende des Raumes war vor einer großen Scheibe ein ausladendes Buffet aufgebaut, das so wirkte, als schwebte es direkt über dem Meer. Der Kellner wies mit der Hand auf einen großen runden Tisch direkt neben dem Buffet. Lilo sah schon von weitem die pinkfarbene Kappe mit der Aufschrift „Mutterschiff“. Daneben ein graues Männlein, das die Bedienungsanleitung seines Camcorders studierte.

„Volltreffer!“, raunte Lilo Nils halb erstaunt und halb pikiert ins Ohr. „Ich sehe schon, nach dieser Reise bin ich wohl bestens über Schwangerschaftsgymnastik und Vornamentrends informiert! Wer weiß – vielleicht kann ich das mal für später brauchen …“

Nils legte ihr tröstend die Hand in den Nacken, während ihnen die beiden neuen Tischnachbarn schon freudig zuwinkten.

„Mensch, das ist ja supi, dass wir jetzt einen Junge-Pärchen-Tisch haben! Ich hab euch gestern schon am Anleger gesehen und gedacht, die sehen aber nett aus! Ich bin die Gabi! Ich bin übrigens schwanger, deswegen wär’s echt toll, wenn ihr hier am Tisch nicht raucht.“ Gabi strahlte die beiden pausbäckig an und tätschelte dabei ihren prallen Bauch. Sie mochte vielleicht Mitte dreißig sein, vielleicht aber auch zehn Jahre jünger, Lilo konnte das schwer einschätzen.

„Und das ist der Rainer, das ist mein Süßer!“, kicherte Gabi stolz und zeigte auf den Camcorder neben sich. „Das ist unsere erste Kreuzfahrt, und der Rainer nimmt das alles auf, damit wir das unserem Schnuckelchen später zeigen können.“

Wie aufs Stichwort richtete Rainer seine Kamera auf Gabis Bauch und grinste. Rainer war das komplette Gegenteil seiner Freundin. Seine Haare hatten einen aschgrauen Ton, er war von knochiger Statur und wirkte neben Gabi verschwindend mickrig. Rainer war nicht besonders gesprächig, aber das besorgte Gabi schon für ihn mit. Lilo und Nils stellten sich artig vor.

„Und was macht ihr so?“, fragte Gabi mit vollem Mund, nachdem sie sich einen riesigen Brocken Rührei einverleibt hatte. Nils wollte gerade brav antworten, aber Lilo kam ihm zuvor.

„Nils ist Stunt-Double für Kleintierfilme, und ich bin seine Managerin!“

„Echt?“, fragte Gabi mit großen Augen. „Und was musst du da machen?“

„Rollmops vorwärts und rückwärts!“, prustete Nils heraus.

Rainer bekam einen spontanen Lachanfall. „Mensch, jetzt ist das ganze Bild verwackelt!“

„Ooch, ihr seid gemein …“, maulte Gabi.

„Guck mal, Prinzessin!“ Nils stupste Lilo in die Seite und flüsterte ihr leise ins Ohr. „Der Typ da drüben – warst du nicht gestern mit dem in der Bar?“

Lilo drehte sich um. Am Buffet stand Christian mit verstrubbelten Haaren und schenkte sich einen frisch gepressten Orangensaft ein. Lilo spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Christian hatte sie bisher nicht bemerkt, und als sie sich schon im Geiste auf einen Sprung ans Buffet vorbereitete und sich ein paar charmante Worte zurechtlegte, trat ein älterer Herr an den Tisch, der sich als Erwin Schöbel vorstellte. Erwin plauderte sofort munter drauflos, dass er seit 1998 jedes Jahr diese Reise mache, und scherzte plump vertraulich mit dem Kellner, der gerade an den Tisch trat. Lilo hatte ihren Blick von Christian abgewandt, um Erwin in Augenschein zu nehmen, drehte sich jedoch kurz danach wieder zum Buffet um. Christian war verschwunden.

Der junge Kellner stellte Lilo eine kleine Papptafel vor die Nase.

„Frau Westphal? Ich begrüße Sie im Namen unserer gesamten Crew auf der MS Fortuna II. Wir haben speziell ...

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