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JULIA KISS BAND 11

Wie erobert man seine Traumfrau?

1. KAPITEL

Was muss ich nur tun, damit das Glück auch mich endlich einmal findet, dachte Lucy Lake, als der Hausmeister an ihr vorbeilief und ihren Fernseher an den Straßenrand stellte. Sie sehnte sich nach wahrer Liebe und geriet doch immer wieder an die falschen Männer. Sie hatte um eine Gehaltserhöhung gebeten. Und was hatte sie bekommen? Die Kündigung. Und in ihrem Briefkasten hatten keine Liebesbriefe gelegen, sondern der Räumungsbescheid.

„Mr. Kopetsky, es muss sich um ein Versehen der Bank handeln.“ Sie folgte ihm über die Außentreppe zurück in ihre Wohnung. Was konnte sie dafür, dass das Geld hinten und vorne nicht mehr reichte? Als sie noch ihre gut bezahlte Arbeit gehabt hatte, war es nie ein Problem gewesen, die Miete pünktlich zu bezahlen. Aber die Gelegenheitsarbeiten, mit denen sie sich über Wasser zu halten versuchte, brachten nicht genug ein, um ihren gewohnten Lebensstil zu finanzieren.

„Dass ich nicht lache. Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass der Scheck verloren gegangen ist! Es war übrigens auch nicht der erste.“ Kopetsky beugte sich über das Geländer. „Sorgen Sie dafür, dass Sie den richtigen Mulch verwenden!“, rief er dem im Garten arbeitenden jungen Mann zu.

„Keine Sorge, Mr. Kopetsky.“ Der Gärtner richtete sich zu voller Größe auf. Er war mindestens einsneunzig groß. Trotz all ihrer Sorgen verschlug sein Anblick Lucy den Atem. Sein bloßer, von der Sonne gebräunter Oberkörper, seine breiten Schultern sandten ein lustvolles Kribbeln durch ihren Körper.

„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Madam?“, rief er ihr zu.

Und schon war das Kribbeln im Bauch verschwunden. Dieser göttergleiche Mann hatte in dem Moment alles verdorben, als er den Mund aufgemacht hatte. Nicht dass seine Stimme unangenehm gewesen wäre – im Gegenteil, sie klang voll und durchaus männlich –, aber das kleine Wort ‚Madam‘ hatte genügt. Sie war keine Dame. Ihre Mutter war eine gewesen. Und auch ihre Großmutter. Aber Lucy Lake war Lichtjahre davon entfernt.

„Geht es Ihnen gut, Madam? Ist alles in Ordnung?“

„Ja“, zischte sie und wandte sich ab. Nie würde sie sich für einen Mann interessieren, der sie mit ‚Madam‘ anredete. Daran konnten auch seine breiten Schultern nichts ändern.

Kopetsky trug einen Karton mit Geschirr an ihr vorbei. „Nehmen Sie es nicht persönlich, Ms. Lake. Ich tue nur meine Arbeit.“

„Natürlich nehme ich es nicht persönlich. Wieso sollte ich es auch persönlich nehmen, wenn man mein gesamtes Hab und Gut an den Straßenrand stellt?“

Die ganze Zeit war sie sich peinlichst bewusst, dass dieses umwerfende Mannsbild von einem Gärtner Zeuge ihres persönlichen Dramas wurde. Auch ohne diesen Adonis war es schon schlimm genug, auf die Straße gesetzt zu werden. Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu, den er zu ihrer Verärgerung mit einem Lächeln quittierte. Ein hinreißendes Lächeln, das seine schneeweißen Zähne zeigte und das sie zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht sogar sexy gefunden hätte.

Kopetsky hatte bei ihrer Bemerkung den Kopf eingezogen und schaute sie ärgerlich an. „Sehen Sie zu, dass dieses Zeug hier verschwunden ist, bevor die Müllabfuhr kommt.“

Seufzend brachte Lucy einen Arm voll Kleidung zu ihrem Auto hinüber, bemüht, die neugierigen Blicke von Nachbarn und Passanten zu ignorieren. Hatten die alle nichts Besseres zu tun?

Andere Frauen an ihrer Stelle hätten wahrscheinlich geweint oder eine Szene gemacht, aber Lucy hatte sich schon fast daran gewöhnt, dass bei ihr alles schief ging. Vor zwei Monaten hatte sie ihren Arbeitsplatz verloren. Den besten, den sie je gehabt hatte. Und einen Mann, der für sie sorgte, gab es auch nicht. Ihr letzter fester Freund hatte sie wegen einer Cheerleaderin sitzen lassen. Seither hatte sie sich mit einem Rodeoreiter getroffen, mit einem Motorradrennfahrer, einem Schauspieler und einem neurotischen Musiker. Alle hatten sie toll gefunden, solange sie nichts von ihnen erwartet hatte – wie zum Beispiel einen Ehering.

Und jetzt war sie auch noch ihre Wohnung los. Was würde als Nächstes passieren?

„Wohin soll ich das bringen?“ Erschreckt blickte sie auf. Vor ihr stand der Gärtner, ihren Fernseher auf dem Arm, als wäre er leicht wie eine Feder.

„Stellen Sie ihn einfach hier auf den Rücksitz.“ Sie öffnete die Tür, sodass er das Gerät hineinschieben konnte. „Danke“, murmelte sie.

„Keine Ursache.“ Er trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Auto, das auch schon bessere Tage gesehen hatte. „Allzu viel passt da nicht rein.“

„Ich werd mir schon etwas einfallen lassen.“

„Ich habe einen Transporter …“

Warum war dieser Typ so nett? Sie kannte ihn nicht einmal. „Nein danke. Ich habe Sie nicht um Ihre Hilfe gebeten.“

„Stimmt. Aber Sie brauchen sie.“

Super! Das war ja wohl Mr. Besserwisser! Sollte er sich doch um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.

Sie drehte sich um und ging zum Haus zurück. Der Gartenmensch folgte ihr. Manche Leute begriffen wirklich gar nichts.

Mr. Kopetsky stellte gerade einen halb vertrockneten Ficus auf den Bürgersteig. „Der gehört nun aber wirklich auf den Müll. Der ist schon tot.“

„Er ist nicht tot.“ Als sie die Hand nach dem kleinen Baum ausstreckte, fiel eine Unzahl gelber Blätter zu Boden.

„Der hat zu wenig Wasser und wahrscheinlich auch zu wenig Licht bekommen.“ Fachmännisch prüfte der Gärtner den Zustand der Blätter.

Lucy verdrehte die Augen. „Wer hat Sie denn gefragt?“

„Niemand. Ich versuche nur zu helfen.“

„Wenn ich Ihre Hilfe will, werde ich Sie darum bitten.“

„Ja, Madam.“

„Und hören Sie auf, mich so zu nennen.“

„Wie soll ich Sie denn anreden?“

„Überhaupt nicht. Kümmern Sie sich um Ihre Arbeit.“

„Mein Gott. Auf den Mund gefallen sind Sie wirklich nicht.“ Lachend kehrte er zu seinen Blumenbeeten zurück.

Sie schaute ihm nach und musste zugeben, dass sein muskulöser Rücken schon eine gewisse aufreizende Wirkung auf sie hatte. Vielleicht war sie doch ein wenig zu unfreundlich gewesen. Wahrscheinlich war er ein netter Typ. Für ihren Geschmack allerdings zu nett. Keine Tattoos, kein Piercing. Mit seinen kurz geschnittenen Haaren hätte er Reklame für den anständigen netten Amerikaner, den Traum einer jeden Schwiegermutter, machen können.

Genau der Typ, der ihrer Mutter gefallen hätte. Mom stand auf höfliche, anständige Männer. „Auf einen anständigen Mann kannst du dich immer verlassen“, pflegte sie zu sagen.

Aber wie langweilig waren solche Männer doch im Vergleich zu einem Elvis-Imitator, einem einäugigen Pizzalieferanten oder einem Mann, der seinen Lebensunterhalt als Kläranlagentaucher verdiente? War das Leben nicht zu kurz, um sich mit Langweilern abzugeben?

Von dem Ficus mochte sie sich nicht trennen. Ihre Mutter hatte ihn ihr irgendwann einmal geschenkt.

Mom hatte ihr viele praktische und nützliche Dinge geschenkt. Vor allem aber hatte sie ihr immer mit Rat zur Seite gestanden. Den Lucy allerdings meistens in den Wind geschlagen hatte. Wie oft hatte ihre Mutter ihr gesagt: „Sei nicht so ungeduldig. Irgendwann wirst du eine gute Arbeit finden. Du musst nur zeigen, was du kannst, und immer die Augen offen halten. Dann wirst du auch irgendwann den Mann finden, der dich glücklich macht.“

Aber was konnte Lucy dafür, dass die Männer, die ihr gefielen, nichts von der Ehe hielten?

Ihre Mutter hatte mit zwanzig geheiratet, mit fünfundzwanzig Lucy bekommen und gearbeitet, bis ihre Krankheit dies nicht mehr zugelassen hatte. Solch ein Leben entsprach nun wirklich nicht dem, was Lucy sich für sich selbst erträumte.

Als sie einen weiteren Stapel Kleidung und den Ficus zum Auto trug, stellte sie fest, dass der Gärtner verschwunden war. Typisch! Ein Mann, der sich wirklich für ein Mädchen interessierte, hätte nicht so schnell aufgegeben. Doch jetzt wühlten zwei Frauen in ihren Sachen herum. Eine begutachtete gerade eine Lampe, die Lucy von ihrer Tante geerbt hatte. „Ich gebe Ihnen fünf Dollar dafür.“

„In Ordnung.“

„Und wie viel wollen Sie für diese Tupperdose?“

„Auch fünf Dollar.“

In kürzester Zeit hatte Lucy das Sofa, zwei Küchenstühle, einen nicht funktionierenden Toaster und einen Mixer verkauft. Im Nu verfügte sie über mehr als hundert Dollar in bar.

Tut! Tut! Tut! Sie schaute auf und fühlte, wie sich ihr Magen beim Anblick des wohlbekannten blauen Pickups verkrampfte. Ihr Vater reckte sich aus dem herabgelassenen Fenster. „Hallo, mein Mädchen. Warum hast du mir nicht gesagt, dass du einen Straßenflohmarkt veranstaltest?“ Ihr Vater hatte dichtes graues Haar, das er seit seiner Entlassung aus der Armee im Jahre 1969 kurz geschoren trug.

Sie stopfe das Geld in ihre Tasche und ging widerstrebend zu ihm hinüber. „Das ist eigentlich kein Flohmarkt, Dad.“

Er musterte die beiden Männer, die gerade Lucys Couch wegtrugen. „Du verkaufst dein Sofa?“

Lucy tat, als hätte sie seine erstaunte Frage nicht gehört. „Was machst du hier, Dad?“

„Ich wollte dich mal wieder zu einem anständigen Essen einladen.“

Seit ihre Mutter im letzten Jahr gestorben war, hatte ihr Vater sie in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen zum Essen eingeladen. Es war wohl nicht nur die Sorge um ihre Gesundheit, die ihn dazu veranlasste. Lucy wusste, dass er sich seit dem Tode seiner Frau sehr einsam fühlte.

„Wenn du keinen Flohmarkt veranstaltest, was machst du dann?“

Lucy starrte zu Boden. „Man hat mich rausgeworfen.“

Die befürchteten Vorwürfe blieben aus. Ihr Vater schwieg.

Als das Schweigen unerträglich wurde, sah sie ihn forschend an. „Ist alles in Ordnung mit dir, Dad?“

Er seufzte. „Ich habe heute Morgen ein paar Sachen deiner Mutter durchgeschaut.“

Mitfühlend berührte sie seinen Arm. „Oh, Daddy.“ Aber wie konnte man jemanden trösten, der den Menschen verloren hatte, den er mehr als dreißig Jahre seines Lebens geliebt hatte?

„Im Gartenhaus liegen und stehen noch so viele Dinge von ihr herum“, erwiderte er. „Blumenzwiebeln und Pflanzen. Und all ihre Gartenbücher. Was soll ich damit machen?“

Lucys Mutter war eine leidenschaftliche Gärtnerin gewesen. Zu ihrem allergrößten Bedauern hatte sie ihren grünen Daumen jedoch nicht an ihre Tochter vererbt.

„Ich hatte gehofft, du würdest mitkommen und mir ein bisschen helfen“, fuhr ihr Vater fort.

„Sicher. Natürlich mache ich das.“ Nachdenklich betrachtete sie das, was von ihren Besitztümern übrig geblieben war. Sie würde für ein paar Tage bei einer ihrer Freundinnen unterkriechen müssen. „Wie wär’s mit nächster Woche?“

Ihr Vater öffnete die Wagentür und stieg aus. „Komm schon. Ich helfe dir mit dem Rest. Du kannst bei mir einziehen.“

„Ich weiß nicht, Dad. Ich will dir nicht zur Last fallen.“

„Wohin willst du denn sonst gehen?“ Energisch ergriff er ihre Sachen und lud sie auf seinen Wagen.

Mit hängenden Schultern folgte sie ihrem Vater. Sie hatte ihre Arbeit verloren, ihre Wohnung war geräumt worden, und jetzt zog sie wieder zu Hause ein. Es stimmte, aller schlimmen Dinge sind drei.

Greg Polhemus betrachtete mit Stolz die kleine Messingplakette an der Wand, die er als bester Aussteller der alljährlichen Kunsthandwerkermesse verliehen bekommen hatte.

„Dein Vater wäre so glücklich darüber gewesen.“ Marisel, die Gärtnerin aus Guatemala, die seit vielen Jahren schon hier arbeitete, schaute ihn liebevoll, fast mütterlich an.

„Wahrscheinlich würde er mir vorwerfen, bei all der vielen Arbeit, die es hier zu erledigen gibt, meine Zeit mit Schnickschnack zu vertrödeln.“ Greg stellte sich seinen Vater vor, wie er mit krauser Stirn vor ihm stehen und ihm Vorhaltungen machen würde, während seine Augen den Stolz auf seinen Sohn nicht verleugnen könnten. Nie hätte er gedacht, dass er seinen Vater je so sehr vermissen würde.

Marisel spießte einen Stapel Auftragszettel auf die Spindel neben der Kasse. „Es ist Freitagabend und schon nach sechs. Was machst du hier noch?“

„Was mach ich denn wohl? Ich arbeite. Ich muss mich um die Rechnungen kümmern.“

„Du solltest jemanden einstellen, der sich um den Papierkram kümmert. Du kannst doch nicht alles selbst machen.“

Greg lachte. „Du willst doch wohl nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten und an mir herummeckern?“

Marisel runzelte die Stirn. „Ein gut aussehender junger Mann wie du sollte sich amüsieren, tanzen gehen und sich mit hübschen Mädchen treffen.“

Wenn das so einfach wäre. Er hatte keine Lust, alleine an irgendeiner Bar herumzuhängen. Denn die Freunde, mit denen er früher immer zusammen gewesen war, waren entweder verheiratet, hatten Kinder oder befanden sich noch in der Ausbildung, lebten in Wohngemeinschaften und ernährten sich von Bier und Fastfood. Er steckte irgendwo dazwischen. Er hatte ein eigenes Haus und einen Betrieb, um den er sich kümmern musste, doch keine Familie, mit der er sein Leben teilte.

Er musste an die junge Frau von heute Morgen denken. Die man auf die Straße gesetzt hatte. Die meisten Frauen, die er kannte, wären angesichts dieser öffentlichen Demütigung in Tränen aufgelöst gewesen. Aber diese hatte sich weder vom Hausmeister etwas gefallen lassen, noch hatte sie seine Hilfe angenommen. Im Gegenteil. Wie eine Giftschlange war sie auf ihn losgegangen.

Sie hatte recht. Es ging ihn nichts an. Aber wie sie da so mutterseelenallein am Straßenrand neben ihren Habseligkeiten gestanden hatte, hatte er ihr einfach helfen wollen. Er hatte gespürt, dass sie sein Angebot aus gekränktem Stolz zurückgewiesen hatte und nicht, weil sie wirklich wütend auf ihn gewesen war. Schade, dass er keine Gelegenheit haben würde, sie näher kennen zu lernen.

Natürlich könnte er Kopetsky nach ihrem Namen fragen. Aber was für einen Sinn hätte das? Außerdem hatte er nicht die Zeit, diese geheimnisvolle Frau aufzuspüren.

„Du solltest ausgehen und dich mit einer netten Dame treffen.“

„Ich treffe viele nette Damen. Erst heute Morgen habe ich bei den Lawson-Schwestern ein neues Rosenbeet angelegt. Und Margery Rice ruft mich mindestens einmal die Woche an, um mich einzuladen.“

Marisel verzog das Gesicht. „Die Lawson-Schwestern sind mindestens so alt, dass jede von ihnen deine Großmutter sein könnte. Und Margery Rice sollte sich schämen. Eine verheiratete Frau!“

„Ach, ich nehme sie doch nicht ernst.“ Greg blätterte die Rechnungen durch. Margery Rice war eine gut gebaute Vierzigjährige, die ihm zu verstehen gegeben hatte, dass sie nichts dagegen hätte, wenn er – wann immer er wollte – seine Schuhe unter ihr Bett stellte. Natürlich hatte er nicht die Absicht, ihre Einladung anzunehmen. Wenngleich es lange her war, dass eine Frau seine Laken gewärmt hatte. Marisel hatte schon recht. Er musste sich mehr bemühen.

„Ich verspreche, auszugehen und mich nach schönen Frauen umzusehen, sobald die Kunsthandwerksmesse vorbei ist und ich den Auftrag der Firma Allen Industries an Land gezogen habe.“

„Die Firma wäre gut beraten, dein Angebot anzunehmen. Aber schon dein Vater hat viele Jahre immer wieder versucht, an diesen Auftrag zu kommen. Immer ohne Erfolg.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das zeigt, dass diese Leute nicht besonders intelligent sind.“

Greg nickte. Es stimmte, dass sein Vater sich jahrelang vergeblich um einen Auftrag dieser Firma bemüht hatte. Aber in diesem Jahr würde Greg alles daransetzen, um endlich Erfolg zu haben. „Sie müssen mein Angebot akzeptieren. Die Pläne, die ich ihnen vorgelegt habe, entsprechen genau ihren Vorstellungen. Außerdem bin ich preislich nicht zu schlagen.“

„Aber du kannst doch nicht deine ganze Zeit nur damit verbringen, perfekte Arbeit zu leisten. Wo bleibt dein Privatleben? Du bist viel zu jung, um dich zu verkriechen.“ Sie drohte ihm mit dem Finger, fast so, wie sein Vater es zu tun pflegte.

„Zu Befehl, meine Dame.“ Es fiel ihm schwer, nicht lauthals loszulachen.

„Lach du nur. Aber die Frau, die zu dir passt, wird nicht einfach so vom Himmel fallen.“

„Vielleicht finde ich sie ja eines Tages hinter einem Rosenbusch, wo sie sich versteckt hat. Mein Vater hat immer gesagt, die besten Dinge im Leben kann man nur in einem Garten finden.“

„Dabei hat er wahrscheinlich nicht an Frauen gedacht.“

„Wer weiß das schon?“ Greg schob die Rechnungen in eine Schublade. „Komm, Marisel. Auf meinem Weg nach Hause setze ich dich vor deiner Haustür ab.“

„Das ist nicht nötig. Ich kann auch den Bus nehmen.“

Er legte einen Arm um ihre Schultern. „Komm schon. Es könnte ja sein, dass du unterwegs Frauen entdeckst, die zu mir passen könnten. Die zeigst du mir dann.“

„Du bist mir ein Schlingel, Greg Polhemus.“

„Ich weiß, aber ich werde mich bessern.“

Lachend verließen sie die Gärtnerei.

2. KAPITEL

Lucy konnte noch immer nicht fassen, dass sie, die starke, unabhängige junge Frau, für die sie sich selbst hielt, tatsächlich wieder in ihr Elternhaus zurückgekehrt war. Nachdenklich schaute sie sich in ihrem alten Kinderzimmer um, in dem sich seit ihrem Auszug nichts verändert zu haben schien. Damals hätte sie sich nicht vorstellen können, jemals wieder hier einzuziehen.

Seufzend ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Das wirkliche Leben war anders, als sie es sich in ihren Teenagerträumen vorgestellt hatte.

„Lucy! Wo bist du?“

„Hier. In meinem Zimmer.“

Ihr Vater erschien in der Tür, den Ficus im Arm. „Das Bäumchen hier war das Letzte. Die anderen Sachen habe ich schon alle ins Haus gebracht.“

„Danke, Dad.“

Ihr Vater setzte sich ans Fußende des Bettes. „Wo arbeitest du eigentlich zurzeit?“

„Ich … ich arbeite noch immer mal hier, mal da. Bis ich etwas Festes gefunden habe.“

„Ich habe dich doch nicht aufs College geschickt, damit du Aushilfsjobs erledigst.“

„Ich habe ein Diplom in englischer Literatur. Houston ist voll von Leuten, die auch so ein Diplom haben und in Restaurants und Bars als Bedienung arbeiten. Wer braucht schon jemanden, der Thomas Wolfe oder Emily Dickinson interpretieren kann?“

„Was hältst du davon, wenn ich mal im Personalbüro meiner Firma nachfragen würde?“ Dad war Elektriker. „Die haben vielleicht eine Lehrstelle für dich. Möglicherweise lernst du da vielleicht sogar einen netten jungen Mann kennen.“

„Ich will aber keinen netten jungen Mann kennenlernen .“

„Ich weiß. Du stehst auf andere Typen.“

Lucy schüttelte den Kopf. Sie lächelte ihren Vater an. „Ich will überhaupt keinen kennenlernen .“ Auf jeden Fall niemanden, den ihr Vater toll fand.

Besorgt musterte er sie an. „Gibt es da etwas, das du mir mitteilen möchtest, mein Kind?“

„Wie meinst du das?“

„Na ja, du sagst, Männer interessieren dich nicht. Willst du damit andeuten, dass du dich für Frauen interessierst?“

Ungläubig starrte sie ihren Vater an. „Um Gottes willen, nein!“

„Es würde mir nichts ausmachen. Auch wenn ich es nicht verstehen würde. Aber …“

„Ich bin nicht lesbisch!“ Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie stand auf und begann, ihre Sachen einzuräumen. Als sie die Schranktür öffnete, schlug ihr der Duft des Lieblingsparfüms ihrer Mutter entgegen.

„Was machen Moms Kleider in meinem Schrank?“

Das Bett knarrte, als ihr Vater aufstand. „Als du ausgezogen bist, hat sie nach und nach einige ihrer Sachen hier reingehängt.“ Er räusperte sich. „Irgendwie bin ich noch nicht dazu gekommen, sie auszusortieren. Ich kann sie auf den Boden bringen.“

„Nein, lass nur. Da ist noch genügend Platz für meine Sachen.“

Nachdenklich betrachtete sie ihre kurze rote Lederjacke, wie sie jetzt so einträchtig neben den dezenten Kleidern ihrer Mutter hing. Ihrer Mutter hatte die Jacke nie gefallen.

„Dann werde ich mal in der Firma anrufen“, riss Dad sie aus ihren Gedanken.

„Ich möchte aber nicht Elektriker werden.“

„Warum nicht? Das ist gute, ehrliche Arbeit. Immerhin hat sie viele Jahre dafür gesorgt, dass du ein Dach über dem Kopf und immer etwas zu essen hattest.“

Lucy verdrehte die Augen. Daran hatte sie nicht gedacht. So lange sie mietfrei bei ihrem Vater wohnte, würde sie sich sein Gerede wohl oder übel anhören müssen. Das war nun einmal der Preis, den sie zu zahlen hatte.

Betont auffällig sah sie auf ihre Uhr. „Mein Gott! Schon so spät. Wird Zeit, dass wir uns ums Abendessen kümmern.“

„Ich gehe noch weg.“ Er wandte sich zur Tür. „Ich muss mich beeilen. Sonst komme ich noch zu spät.“

Sie folgte ihm in den Flur. Sie war den ersten Abend wieder zu Hause, und ihr Vater ging aus? „Wollten wir heute Abend nicht das Gewächshaus aufräumen?“

„Mach du das, mein Kind. Ich habe eine Verabredung.“ Er verschwand im Badezimmer am Ende des Flures.

Ihr Vater ging aus? Achselzuckend lief sie in die Küche und öffnete den Kühlschrank: eine angebrochene Packung Milch, ein Stück schimmliger Käse, ein Zwölferpack Bier. Im Schrank entdeckte sie noch ein paar Cracker, eine Dose Tomatensuppe und ein Glas Erdnussbutter.

Als ihr Vater aus dem Badezimmer kam, duftete er nach Rasierwasser. Er hatte den Jogginganzug gegen gebügelte Jeans und ein gestreiftes Westernhemd eingetauscht. Seine Stiefel waren frisch poliert. „Wie findest du mich?“, fragte er.

„Seit Tante Ednas dritter Hochzeit hast du dich nicht mehr so schick gemacht.“ Langsam dämmerte es ihr. „Du triffst dich mit einer Frau?“

Er strahlte übers ganze Gesicht. „Ja. Warte nicht auf mich.“ Er küsste sie auf die Wange und eilte davon.

Lucy ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ihr Vater? Eine Verabredung? Mom war doch gerade einmal ein Jahr tot. Gestern noch war er der trauernde Witwer gewesen, und heute takelte er sich auf und sagte ihr, sie brauche nicht auf ihn zu warten.

Wer war diese Frau überhaupt? Wahrscheinlich irgend so ein Flittchen, das er in irgendeiner Kneipe kennen gelernt hatte. Dreißig Jahre lang war er mit ihrer Mutter verheiratet gewesen – wieso trieb er sich jetzt mit anderen Frauen herum?

Zwar musste sie zugeben, dass ihr Vater ein erwachsener Mann war und das gute Recht hatte, abends auszugehen, aber er war schließlich ihr Vater. Väter hatten keine Verabredungen. Nun ja, einige vielleicht. Aber doch nicht ihr Vater.

Und was die Sache noch schlimmer machte: Es war Freitagabend, und sie hatte keine Verabredung, sondern war allein zu Haus, während ihr Vater sich amüsierte.

Sie fühlte sich jämmerlich und zerfloss vor Selbstmitleid. Sie öffnete eine Flasche Bier und ging durch die Hintertür zum Gartenschuppen hinüber.

Hier, hinter dem Haus, war das Reich ihrer Mutter gewesen. Hier hatte sie ihre preisgekrönten Rosen angepflanzt. Mehr als dreißig Rosenbüsche in allen erdenklichen Farben gab es zu bestaunen.

Der Gartenschuppen ähnelte einem Spielhaus für Kinder. Mit richtigen Glasfenstern auf beiden Seiten einer leuchtend blau gestrichenen Tür. Hier war ihre Mutter ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgegangen. Als Lucy die Tür öffnete, umgab sie sofort der Geruch von Blumenerde, vermischt mit dem Duft des Parfüms, das ihre Muter so sehr geliebt hatte. Lucy verspürte einen Kloß im Hals. Ihr war, als würde ihre Mutter jeden Augenblick erscheinen, mit aufgekrempelten Ärmeln, die Hände schwarz von der Gartenarbeit.

Aber natürlich war sie nicht da. Nur ein Durcheinander von Tontöpfen, Saatpäckchen und Düngestäbchen. Lucy atmete tief durch, bevor sie hineinging. Sie würde hier Ordnung schaffen. Das war das Mindeste, was sie für ihre Mutter tun konnte.

Sie begann damit, die Tontöpfe zu stapeln. Auf einem Regal fand sie in einem alten Schuhkarton Saatpäckchen, die ihre Mutter in alphabetischer Reihenfolge geordnet hatte. Aster, Basilikum … Wahrscheinlich hatten sie in die Blumenbeete ausgesät werden sollen.

Unter den Päckchen entdeckte sie ein Notizbuch. Gartenplaner war in Goldschrift zu lesen. Sie lächelte, als sie das Geschenk wiedererkannte, das sie vor Jahren ihrer Mutter zu Weihnachten gemacht hatte.

Sie zog einen alten Stuhl an den Arbeitstisch und öffnete das Notizbuch. Wichtige Telefonnummern war auf der ersten Seite zu lesen. Zwischen verschiedenen Nummern von Gärtnereien entdeckte Lucy den Eintrag: Im Zweifelsfall Mr. Polhemus anrufen!

Mr. Polhemus war ein alter Mann mit wettergegerbtem Gesicht, der im Frühjahr immer die Beete umgrub und den Mulch für die Rosen lieferte. Mom schwor auf sein gärtnerisches Wissen. In den letzten sechs Monaten vor ihrem Tod, als die Chemotherapie sie so sehr geschwächt hatte, dass sie ihrer geliebten Arbeit nicht mehr nachkommen konnte, war er sogar hergekommen und hatte sich um ihre Blumen gekümmert.

Der Gartenplaner war in Monate unterteilt. Für jeden Monat hatte ihre Mutter sich Notizen gemacht. Lucy blätterte in dem Buch, bis eine Anmerkung unter September ihre Aufmerksamkeit erregte. Es ist wichtig, immer einen Plan zu haben.

Bezog sich dieser Rat nur auf den Garten oder auch auf das Leben an sich? Lucy wurde nachdenklich. Hatte sie womöglich deshalb so viele Probleme, weil sie keinen wirklichen Lebensplan hatte? Würde ein Mensch, der einen Plan hatte, an einem Freitagabend alleine zu Hause sitzen – dazu noch im Hause der Eltern?

Sie blätterte weiter, bis sie eine leere Seite fand. Dann fischte sie aus einer alten Suppenschüssel, die auf dem Arbeitstisch stand, einen Kugelschreiber heraus.

Nummer eins, schrieb sie. Sie überlegte eine Weile, bis sie sich entschied fortzufahren. Eine ordentliche Arbeit suchen. Nummer zwei: Einen anständigen Mann finden.

Sie betrachtete ihre Liste. Was bedeutet eigentlich „ordentlich“ oder „anständig“, fragte sie sich.

Sie klappte den Planer zu und schob ihn beiseite. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zu viel war heute passiert.

Sie trat in den Garten hinaus. Die Straßenlaterne hatte alles in ein sanftes Licht getaucht. Das Plätschern der kleinen Fontäne drang beruhigend an ihr Ohr.

Doch als sie ihren Blick schweifen ließ, stellte sie entsetzt fest, dass die Rosenbüsche, die um diese Jahreszeit in voller Blüte stehen sollten, kaum Knospen trugen und die Köpfe hängen ließen. So, als wären auch sie in Trauer. Überall entdeckte Lucy Käfer, die sich an den Blütenblättern gütlich taten.

Ihre Lieblingsrose hatte ihre Mutter vor den Zaun gepflanzt, der das Grundstück von dem der Nachbarn trennte. Die große pinkfarbene Rose mit dem Namen „Queen Elizabeth Rose“, der ganze Stolz ihrer Mutter, bot einen traurigen Anblick. Außer einigen dornigen Stielen, an denen gelbe Blätter hingen, war von der einstigen Pracht nichts mehr übrig geblieben.

Lucy kniete sich auf den Boden und begann, das um die Rose wuchernde Unkraut herauszurupfen. Und ihr Vater trieb sich in der Stadt herum!

Plötzlich bemerkte sie eine Bewegung in der Nähe des Zaunes. Sie schrie auf und sprang zurück. Ein schnüffelndes Geräusch versetzte sie in Panik. Oh Gott, bitte lass es keine Ratte sein. Oder ein Opossum. Oder…

Was immer es auch war, es kam auf sie zu. Gleich würde es sich auf sie stürzen. Sie wollte wegrennen, aber ihre Beine gehorchten ihr nicht. Was sollte sie tun? Die einzig greifbare Waffe, die sie zu ihrer Verteidigung zur Verfügung hatte, war ein Büschel Unkraut, das sie gerade herausgezogen hatte und das sie jetzt in die Richtung warf, aus der das Geräusch kam.

Ein kleiner Schatten kam unter den Rosenbüschen hervor. Ein Paar brauner Knopfaugen schauten sie durch lockiges Fell hindurch an. Der Hund bellte und schüttelte den Mulch ab, der sich in seinem Fell verfangen hatte.

3. KAPITEL

Lucy kam sich ein bisschen albern vor, weil sie sich so vor einem kleinen Hund gefürchtet hatte.

Bei näherer Betrachtung erkannte sie, dass es sich um einen struppigen, kleinen Pudel handelte.

„Wie bist du denn in unseren Garten gelangt?“ Sie hockte sich hin und streckte dem Hundebaby ihre Hand entgegen. „Du brauchst keine Angst zu haben.“

Im nächsten Augenblick hatte das Hündchen seine Vorderpfoten auf ihre Knie gelegt und leckte begeistert Lucys Hand ab. Sie suchte nach Halsband und Hundemarke. Doch weder das eine noch das andere war vorhanden. Bei ihrer Suche stellte sie erleichtert fest, dass es sich bei dem kleinen Fellknäuel um ein Hundemädchen handelte. „Das ist gut so.“ Noch ein streunendes männliches Wesen – wenn auch vierbeinig – hätte sie in ihrer Umgebung nicht ertragen können.

„Du bist bestimmt hungrig.“

„Wau. Wau.“

Lucy lachte. „Ich halte das für ein ‚Ja‘. Komm mit.“ In der Küche suchte sie im Schrank nach Essbarem für ihren neuen Freund. Es gab zwar kein Hundefutter, aber eine Dose Tunfisch würde einem Hund sicherlich auch schmecken. Dann füllte sie eine Schale mit Wasser und schaute dem Tier beim Fressen zu.

„Ich denke, ich sollte dich ins Tierheim bringen.“

Der Hund setzte sich auf die Hinterbeine und sah sie so wurfsvoll an, dass sie sofort ein schlechtes Gewissen bekam.

„Okay. Das Tierheim ist wohl doch keine so gute Idee. Ich werde mich also umhören, ob nicht jemand dich vermisst.“

Als hätte er sie verstanden, wedelte der kleine Pudel dankbar mit dem Schwanz. Lucy schaute auf die Uhr. Es war schon nach zehn. Wo blieb ihr Vater? Er war doch nicht etwa auf dem Heimweg vor Müdigkeit am Steuer eingeschlafen? Oder hatte er beschlossen, die Nacht mit dieser Unbekannten zu verbringen?

Lucy schaltete den Fernseher ein, um sich abzulenken. Vergeblich. Nach einer Weile stand sie auf und ging nochmals zum Geräteschuppen, um den Gartenplaner ihrer Mutter zu holen. Vielleicht enthielt er einen Hinweis, was man mit den kränkelnden Rosen machen sollte.

Das Büchlein war voller nützlicher Gartentipps, die ihre Mutter in ihrer schönen Handschrift zusammengetragen hatte. Doch spezielle Hinweise, was mit kranken Rosen zu tun war, fand Lucy nicht.

Wetten, dass der Gärtner, den ich heute Morgen getroffen habe, wüsste, was zu tun ist? Schnell schüttelte sie diesen Gedanken ab. Sie kannte ja nicht einmal den Namen des Mannes.

Sie blätterte weiter durch den Gartenplaner. 15. August. Herbsttomaten und Astern pflanzen. Pflanzen für die Rabatten bestellen. Vitamintabletten für Lucy kaufen.

Lucy lächelte. Ihre Mutter hatte sie ständig daran erinnert, ihre Vitamine zu nehmen, sich warm anzuziehen und positiv zu denken. Damals hatte sie die Ratschläge ihrer Mutter als Einmischung betrachtet. Was gäbe sie heute dafür, sie noch einmal hören zu können!

Seufzend klappte sie das Buch zu. Doch es öffnete sich von alleine wieder auf der Seite mit den Telefonnummern. Wieder sprang ihr die unterstrichene Zeile in die Augen: Im Zweifelsfall Mr. Polhemus anrufen.

Natürlich. Mr. Polhemus würde Rat wissen. Sie ging zum Telefon und wählte die angegebene Nummer. Wahrscheinlich würde zu dieser späten Stunde niemand mehr erreichbar sein. Aber sie könnte etwas auf den Anrufbeantworter sprechen. „Gärtnerei Polhemus. Hinterlassen Sie eine Nachricht. Ich rufe Sie zurück.“

„Hallo. Hier ist Lucy Lake – die Tochter von Barb Lake. Ihren Rosen geht es nicht gut. Könnten Sie vielleicht vorbeikommen und sie sich ansehen? Es ist dringend. Danke.“

Als sie den Hörer auflegte, fühlte sie sich ein wenig besser. Zumindest hatte sie etwas unternommen. Der Hund machte es sich auf ihrem Schoß bequem. Sein Fell war seidenweich. Irgendwie empfand Lucy die Gegenwart des kleinen Tieres als tröstlich.

Bei seiner Heimkehr fand Lucys Vater die beiden auf dem Sofa.

Lucy war durch das Geräusch der Tür aufgewacht. „Wer ist da?“ Im Licht, das durch die Tür zum Flur hereinfiel, erkannte sie ihren Vater.

„Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht auf mich warten sollst“, sagte er.

Laut kläffend sprang der Hund Lucys Vater an.

„Wer ist denn das?“

„Ich habe ihn im Garten gefunden. Hinten bei Moms Rosenbeeten.“

„Das hat uns gerade noch gefehlt. Noch ein Rothaariger, der verrückt nach Rosen ist.“

Lucy betrachtete ihren Findling. Sein Fell hatte tatsächlich die gleiche Farbe wie das Haar ihrer Mutter. Ihr Blick wanderte zur Uhr. „Dad, es ist fast drei Uhr!“

„Tatsächlich. Kaum zu glauben. Ich bin todmüde. Gute Nacht. Ich gehe jetzt schlafen.“

Sie starrte ihm nach, wie er sich schlurfend entfernte.

Nach viel zu wenigen Stunden Schlaf klopfte ihr Vater an die Tür ihres Zimmers. „Lucy, aufstehen! Greg Polhemus ist hier und möchte dich sprechen.“

„Wie spät ist es denn?“ Noch schlaftrunken griff sie nach dem Wecker.

„Halb acht.“

Warum klang seine Stimme so munter? Sie hasste Leute, die schon am Vormittag gut gelaunt waren. „Was will er denn?“

„Er sagte, du hättest ihn angerufen.“

Schimpfend sprang sie aus dem Bett. Wie konnte dieser grausame Mensch sie nur so früh stören?

Ohne in den Spiegel zu schauen, fuhr sie einmal mit dem Kamm durch die Haare und zog die Shorts und das T-Shirt an, das sie schon gestern getragen hatte. Mr. Polhemus würde gar nicht auffallen, was sie anhatte, wo er doch selbst immer denselben schmutzigen Arbeitsanzug und dieselbe fleckige Baseballkappe trug.

Als sie in die Küche gestolpert kam, saß ihr Vater mit einem breitschultrigen blonden Mann am Tisch und unterhielt sich. Der Fremde lachte laut über etwas, das ihr Vater gesagt hatte, sodass er ihr Hereinkommen nicht bemerkte. Lucy blieb wie erstarrt in der Tür stehen. Warum hatte ihr Vater nicht verraten, dass Mr. Polhemus jemanden mitgebracht hatte? Jemanden, dem durchaus auffallen konnte, dass ihr Hemd zerknittert war und ihre Haare zottelig waren.

Sie wollte in ihr Zimmer zurück. Sich umziehen und sich anständig frisieren.

„Lucy! Was stehst du da in der Tür? Komm herein. Ich möchte dir Greg vorstellen.“

Ihre Füße bewegten sich wie automatisch vorwärts, während sie den jungen Mann, der mit ihrem Vater am Tisch saß, mit großen Augen musterte. „Greg? Sie sind Greg Polhemus?“

Er lächelte sie an und erhob sich. „Wenn das nicht die junge Dame von gestern ist!“

Er war tatsächlich ihretwegen aufgestanden. Ihrer Mutter hätte das bestimmt gefallen. Aber sie selbst konnte solche Typen nicht leiden. Wo war übrigens der richtige Mr. Polhemus? „Warum ist der alte Mr. Polhemus nicht gekommen?“

Plötzlich erlosch sein Lächeln. „Mein Vater? Er ist im letzten Jahr gestorben.“

Lucy musste schlucken. „Das tut mir leid.“ Das war genau der Tagesbeginn, wie sie ihn liebte. Alles lief schief.

Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen. Sofort sprang der Hund auf ihren Schoß.

„Niedlicher Hund“, meinte Greg.

„Ja.“ Lucy kraulte den Pudel zwischen den Ohren. „Es ist übrigens eine Hundedame. Gestern Abend ist sie ganz plötzlich bei uns im Garten aufgetaucht. Vielleicht hat sie sich verlaufen.“

Er beugte sich vor und gab dem Tier einen liebevollen Klaps. „Vielleicht hat sie auch jemand ausgesetzt.“

Irgend so ein Mann, dachte Lucy. „Wenn sich niemand meldet, der sie zurückhaben will, behalte ich sie.“ Wir Frauen müssen schließlich zusammenhalten.

Sie warf Greg einen verstohlenen Blick zu. Vielleicht war er doch nicht ganz so schlimm. Außerdem sah er ziemlich gut aus, mit den blonden Haaren und dem sonnengebräunten muskulösen Oberkörper. Er schaute sie an. Sie fühlte sich ertappt und merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. „Fangen Sie morgens immer so früh mit der Arbeit an?“, brachte sie stotternd hervor.

„Sie haben gesagt, es handele sich um einen Notfall.“

„Nun, ja. Die Rosen meiner Mutter gehen ein.“

„Was fehlt ihnen denn?“

„Das weiß ich nicht. Deshalb habe ich Sie ja angerufen, oder besser gesagt, Ihren Vater.“ Stirnrunzelnd musterte sie ihn. „Verstehen Sie überhaupt etwas von Rosen?“

„Ich weiß alles über Rosen.“

Nur mit Mühe gelang es Lucy, nicht laut aufzustöhnen. Der Herr bewahre sie vor arroganten Männern!

Greg folgte Lucy in den Garten. So hatte er sich Barbs Tochter nicht vorgestellt. Barb war die typische Hausfrau gewesen und ihre Tochter hier sah aus, als wäre sie gerade einem Modemagazin entsprungen.

Als sie über den schmalen Gartenweg vor ihm lief, konnte er nur schwerlich seinen Blick von ihrem süßen kleinen Hinterteil losreißen, um sich im Garten umzuschauen.

Beim Anblick der Rosen krampfte sich sein Magen zusammen. Die Büsche wirkten, als wäre ein Heuschreckenschwarm über sie hergefallen. Die Zweige hingen schlaff herunter, und die Erde um die Büsche war mit heruntergefallenen gelben Blättern übersät. Barb würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, was mit ihren Lieblingen geschehen war. Greg zupfte eines der wenigen verbliebenen Blätter ab, um es genauer zu untersuchen. Dann bückte er sich und fuhr mit den Fingern durch den Mulch. Lucy beobachtete ihn angespannt.

Kopfschüttelnd ging Greg von einem Rosenbusch zum anderen. Sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.

„Nun, was ist? Was fehlt ihnen?“, stieß Lucy hervor, unfähig, sich noch länger zu gedulden.

Er richtete sich auf und sah sie an. „Fast alles. Sie sind von Rost, Mehltau, Wurzelfäule und Blattläusen befallen.“

Mit Tränen in den Augen und zitternden Lippen betrachtete Lucy die kranken Rosen. „Können Sie noch etwas für sie tun?“

Er seufzte. „Vielleicht. Aber das wird viel Mühe und Arbeit kosten.“ Und genau das brauchte er. Viel Arbeit. Um nicht auf dumme Gedanken zu kommen.

„Das ist in Ordnung.“

Klar. Ein Mädchen wie sie hatte bestimmt ihren Spaß im Leben. Ging aus. Hatte Freunde. „Was ich sagen wollte, ist, es wird mich eine Menge Arbeit kosten.“

„Oh. Sind Sie teuer?“

„Ich kann ziemlich teuer sein.“ Er lachte und hätte am liebsten hinzugefügt: „Aber, ich bin auch sehr gut.“ Vielleicht würde es sogar Spaß machen, Barb Lakes Rosen zu retten. Vor allem, wenn er ihre Tochter dazu bringen könnte, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Plötzlich entdeckten sie den kleinen Hund im Rosenbeet, der gerade dabei war, mit den Vorderpfoten ein Loch in den Boden zu graben. „Der Kleine fängt schon an“, sagte Greg lachend.

„Hey. Komm da raus!“ Lucy lief auf das Tier zu, sodass es Reißaus nahm.

„Wie wollen Sie ihn den nennen?“

„Ich weiß nicht. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“

„Sie haben ihn doch hier im Garten gefunden. Wie wäre es denn mit Rose?“

Sie rümpfte die Nase. „Rose. Das klingt doch nicht nach einem Hundenamen.“

Auf der Suche nach einer Inspiration, schaute Greg sich im Garten um. Sein Blick fiel auf einen Sack mit Blumendünger. Mille Fleur. „Wie wär’s mit Millie?“

Sie betrachtete den Hund. „Der würde mir gefallen. Was meinst du, Millie?“

„Ich werde am Montag einige Leute vorbeischicken.“

„Können Sie nicht schon heute anfangen?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe noch andere Dinge zu erledigen. Dies hier wird viel Zeit in Anspruch nehmen.“ Er war sich allerdings durchaus nicht sicher, ob die Rosen überhaupt zu retten waren.

„Kann ich irgendwie helfen?“

„Sie können die alte Mulchschicht abtragen. Um die Wurzelballen herum muss die gesamte Erde entfernt und durch neue ersetzt werden. Die Büsche müssen zurückgeschnitten, mit Schädlingsmitteln behandelt und gedüngt werden.“

„Vielleicht sollten wir doch besser bis Montag warten“, meinte sie.

„Bis dann also.“

„Ich werde dann wahrscheinlich nicht hier sein. Ich muss arbeiten.“

Er bemühte sich, seine Enttäuschung zu verbergen. „Wo arbeiten Sie denn?“

„Mal hier, mal da. Ich arbeite für eine Zeitarbeitsfirma, bis ich wieder etwas Richtiges gefunden habe.“

„Das muss ziemlich interessant sein.“

„Nicht wirklich. Meistens ist die Arbeit todlangweilig. Aber irgendwie müssen ja die Rechnungen bezahlt werden. Einige zumindest.“ Sie blickte zum Haus hinüber. „Ich glaube, ich werde erst einmal eine Weile hier bleiben. Ein bisschen meinen Vater unterstützen.“

„Verstehe.“ Auch er war in den letzten Lebensmonaten seines Vaters in sein Elternhaus zurückgekehrt. Für ihn war es keine leichte Umstellung gewesen. Aber er hatte es nie bereut.

Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander. Trotz ihrer zerzausten Frisur sah sie wunderschön aus. Vielleicht war sie keine Schönheit im herkömmlichen Sinn, aber sie hatte etwas, das ihn ansprach.

„Ich sollte Sie nicht länger aufhalten“, verkündete sie schließlich und wandte sich zum Haus. „Bis bald.“

„Ja. Bis dann.“

Sie ließ ihn durch die Gartenpforte hinaus. Er lief schnurstracks auf seinen Laster zu. Aber Lucy war sich sicher, dass er ihren Blick im Nacken spürte.

Bei seinem Wagen angekommen, schaute er kurz in ihre Richtung. Sie stand noch immer an der Pforte, den Hund auf dem Arm, mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck, so, als ob sie nicht wüsste, wie sie ihn einschätzen sollte. „Dann geht es ihr genauso wie mir“, murmelte er.

Lucy sah Gregs Wagen nach und wartete darauf, dass die Aufregung, die sie in seiner Gegenwart ergriffen hatte, sich wieder legte. Es konnte nur daran liegen, dass sie schon viel zu lange ohne festen Freund war, wenn ein so arroganter Typ wie Greg sie derart in Wallung brachte. Mit etwas Glück würde sie am Montag auf der anderen Seite der Stadt arbeiten müssen, sodass sie ihn gar nicht erst zu Gesicht bekäme.

Sie ging ins Haus, wo ihr Vater gerade seine Brieftasche und die Autoschlüssel einsteckte. „Dad, wo willst du hin?“

„Ich treffe mich mit einer Freundin zum Brunch.“

Lucy holte tief Luft. „Dieselbe Freundin, mit der du gestern Abend weg warst?“

„Nein, eine andere“, erwiderte er und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Er küsste sie auf die Wange. „Bis später.“

Lucy beschloss, erst einmal die verschiedenen Tierheime anzurufen, um festzustellen, ob jemand Millie vermisste. Nicht, dass sie den kleinen Hund gerne wieder hergegeben hätte. Sie wollte aber auch nicht, dass sich ein kleines Kind womöglich die Augen nach seinem Liebling ausweinte.

Doch offenbar wurde Millie von niemandem vermisst. Lächelnd betrachtete sie ihren neuen Familienzuwachs. „Sieht ganz so aus, als ob wir zwei zusammenbleiben.“

Das Telefon klingelte.

„Hallo?“

„Ach, da steckst du. Wieso bist du bei deinem Vater? Ist etwas passiert?“

Lucy verdrehte die Augen. „Hallo, Gloria.“ Gloria Alvarez war ihre älteste und beste Freundin. Die Einzige, die immer sagte, was sie dachte. „Wieso rufst du mich hier an?“

„Ich habe erst bei dir angerufen. Aber da hieß es immer: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Und an dein Handy bist du auch nicht gegangen. Dann habe ich bei dir vorbeigeschaut. Aber in deinem Wohnzimmer saß nur ein zahnloser Typ.“

„Das ist nicht mehr mein Wohnzimmer.“

„Wie? Teilst du dir die Wohnung jetzt mit jemandem?“

„Nein. Man hat mich auf die Straße gesetzt.“

„Rausgeschmissen? Das ist ja eine Unverschämtheit.“

„Ich denke, es hatte etwas damit zu tun, dass ich die Miete nicht bezahlt habe.“

„Oh.“ Gloria schwieg eine Weile. „Wenn du im Moment ein bisschen knapp bei Kasse bist, könnte ich dir etwas Geld leihen.“

„Danke, das ist lieb von dir. Aber ich komme schon zurecht. Wirklich. Ich muss in Zukunft nur besser mit meinen Finanzen umgehen.“

„Wo wohnst du denn jetzt? Ich würde dir ja gerne anbieten, bei mir einzuziehen, aber mit Dennis und den Mädchen ist es jetzt schon zu eng.“ Dennis war Glorias Freund. Ein Künstler, der ums Überleben kämpfte, und ‚die Mädchen‘ zwei Windhunde, die Gloria vor dem Einschläfern gerettet hatte.

„Mach dir um mich keine Sorgen. Ich habe einen Platz zum Schlafen.“

„Wo? Sag bloß nicht, dass du bei diesem Musiker eingezogen bist. Der ist nichts für dich.“

„Dieser Musiker“ war ein von neurotischen Angstattacken besessener Countrysänger, mit dem sie ein paar Wochen zusammen gewesen war. Er hatte zwar nur drei Akkorde auf der Gitarre spielen können, aber er sah umwerfend aus. Gloria hatte ihn von Anfang an nicht ausstehen können.

Gloria hasste komischerweise alle Männer, mit denen Lucy sich traf. Sie behauptete immer, in ihren Tarotkarten lesen zu können, dass keiner von ihnen gut genug für ihre Freundin war. Vielleicht hatte sie sogar recht. „Nein, ich bin wieder zu Hause eingezogen. Bis ich wieder auf eigenen Füßen stehe.“

Zu Lucys Erstaunen hatte Gloria gegen diese Entscheidung nichts einzuwenden. „Das ist eine gute Idee. Manchmal ist es heilsam, wieder zu seinen Wurzeln zurückzukehren. Zu Hause ist der beste Ort, um wieder gesund zu werden.“

„Ich bin nicht krank.“

„Vielleicht nicht körperlich, aber seelisch. Ich habe gerade ein Buch über Karmische Heilung gelesen. Das leih ich dir.“

Gloria hatte jede Woche eine neue Lebenstheorie, die sie für die beste hielt. Erst letzte Woche hatte sie Lucy von den verschiedenen Möglichkeiten erzählt, seine Chakren wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Bei Lucy war allerdings immer nur eine Therapie erfolgreich: einkaufen, einkaufen und nochmals einkaufen. „Ich muss Schluss machen, Gloria. Ich glaube, es hat geklingelt.“

„Moment noch, Lucy. Ich habe dir doch noch gar nicht gesagt, weshalb ich dich anrufe. Meine Freundin Jean hat einen Stand auf der Kunsthandwerksmesse. Ich habe ihr versprochen vorbeizuschauen. Hättest du nicht Lust mitzukommen?“

„Ja, gerne. Aber hinterher gehen wir bummeln.“

Gloria lachte. „In Ordnung. Hol mich in einer halben Stunde ab.“

4. KAPITEL

Gloria und Dennis teilten sich eine Zweizimmerwohnung in einer ziemlich heruntergekommenen Gegend, die inzwischen aber wieder als „in“ galt. Schicke neue Apartmenthäuser standen Seite an Seite mit Häusern, an denen nie etwas gemacht worden war. Gloria behauptete, das verleihe der Gegend einen gewissen Charakter.

Sie und Dennis hatten ihre Wohnung, so gut es ging, renoviert, sodass alles recht hübsch aussah, wenn einen die Sicherheitsschlösser an Fenstern und Türen nicht störten.

Als Lucy klingelte, erhob sich ein frenetisches Gebell, begleitet von dem Geräusch kratzender Hundepfoten an der rot gestrichenen Wohnungstür. Gloria öffnete, und Lucy wurde stürmisch begrüßt von Sand und Sable, Glorias beiden Hundedamen.

Dennis erschien in der Tür. „Hallo, Lucy. Was wollt ihr Mädchen heute anstellen?“ Wie viele Männer Anfang dreißig trug er seine Haare sehr kurz geschnitten, um die beginnende Glatzenbildung zu verbergen. Nur leider hatte er auch ziemlich große Ohren.

„Ich hab dir doch gesagt, dass wir uns Jeans Stand auf der Kunsthandwerkermesse ansehen wollen. Dass du auch nie zuhörst.“

„Ich höre durchaus zu. Nur finde ich, dass das, was Jean macht, nichts mit Kunst zu tun hat. Collagen aus Müll!“

„Das ist gefundene Kunst“, erwiderte Gloria.

„Für mich ist es Müll.“

Lucy fühlte sich unwohl, wenn ihre Freunde sich stritten, weil sie nie wusste, wie sie sich verhalten sollte. „Was machst du denn gleich?“, wandte sie sich deshalb an Dennis, um ihn abzulenken.

„Ich hab noch eine Veranstaltung heute Nachmittag. Wir treffen uns dann später.“

Als er gegangen war, machten sich die beiden Freundinnen ebenfalls auf den Weg. „Na, wie war dein erster Abend zu Hause, Lucy?“

„Mein Vater hatte eine Verabredung.“

„Eine Verabredung? Wie süß!“

„Gloria, meine Mutter ist gerade einmal ein Jahr lang tot.“

„Aber davor war sie ein Jahr lang krank. Ich meine, er muss sich sehr einsam gefühlt haben. Außerdem ist dein Vater ein netter Typ. Wenn ich nicht mit Dennis zusammen wäre …“

Lucy hielt sich die Ohren zu. „Das kann doch nicht wahr sein! Meine beste Freundin ist scharf auf meinen Vater!“

„Wenn wir schon von Vorlieben reden … Wie sieht es bei dir aus? Gibt es einen Neuen in deinem Leben?“

„Nein. Wie kommst du darauf?“

„Deine Aura hat heute so einen warmen Rotton. Das deutet auf sexuelle Erregung hin.“

Lucy verdrehte die Augen. Typisch Gloria! „Nein, es gibt keinen neuen Mann in meinem Leben.“

„Die Aura lügt nicht. Hast du nicht doch jemanden kennen gelernt? Ganz flüchtig vielleicht?“

„Nein. Es sei denn, ich zähle den Gärtner mit, den ich angeheuert habe, damit er die Rosen meiner Mutter rettet.“ Lucy fielen Greg Polhemus’ wohlgeformte Arme und breite Schultern ein.

„Natürlich zählt der. Erzähl mir von ihm.“

Lucy zuckte die Achseln. „Was soll ich sagen? Sein Vater hat sich immer um den Garten meiner Mutter gekümmert. Ich habe seine Nummer in ihrem Gartenplaner gefunden. Aber dann ist statt des alten Gärtners sein Sohn bei uns aufgetaucht.“

„Und warum ist der Vater nicht gekommen?“

„Er ist gestorben. Fast zur gleichen Zeit wie meine Mutter.“

„Na also! Da gibt es schon etwas, das euch verbindet.“

„Ich bin nicht scharf auf diesen Typen.“

„Sieht er gut aus?“

Lucy wand sich und umklammerte das Lenkrad. „Wahrscheinlich. Zumindest, wenn man auf geschniegelte und gebügelte Typen steht.“

„Und auf solche stehst du natürlich nicht.“

„Hab ich mich jemals für solche Männer interessiert? Du weißt doch, mir gefallen eher die aufregenden, dunklen. Mit denen man etwas erleben kann.“

„Vielleicht bist du deshalb noch immer solo. Ich finde, du solltest ein bisschen mehr über diesen Gärtner nachdenken.“

„Das Einzige, worüber ich nachdenke, sind die Rosen. Sie sind in einem erbärmlichen Zustand. Meiner Mutter würden die Tränen kommen.“

Gloria beugte sich zu ihr hinüber und streichelte ihre Hand. „Es wird schon alles gut werden.“

Gloria hatte leicht reden. Sie hatte einen guten Job und einen Mann, der sie liebte.

Sie fanden einen Parkplatz ein paar Häuserblocks von der Ausstellung entfernt und folgten der Menschenmenge, die auf den großen Platz, auf dem die Veranstaltung stattfand, zustrebte. Es roch nach Bratwürsten und Popcorn.

Außer Nahrungsmitteln und Kunstwerken jeglicher Art wurden auch zahllose andere Dinge feilgeboten: von filigranem Perlenschmuck bis zu gehäkelten Hüten für Toilettenpapierrollen.

Lucy entdeckte einen Stand mit selbst gemachten Hundeleckereien. „Wart mal eben. Ich möchte ein paar von diesen Sachen hier kaufen.“

Gloria hielt sei fest. „Aber du hast doch gar keinen Hund.“

Lucy schnappte sich eine Tüte, die sie mit Hundekuchen füllte. „Doch. Gestern Abend tauchte er plötzlich bei uns im Garten auf. Es ist ein Pudel. Ein Mädchen. Ich habe sie Millie getauft.“

„Wie süß! Dass sie dich ausgewählt hat, ist ein sehr gutes Zeichen! Tiere haben ein gutes Gespür für Menschen.“

„Sie ist doch nur ein herrenloser Hund.“

Gloria breitete ihre Arme aus. „Vielleicht will dir der Himmel damit mitteilen, dass für dich eine Zeit neuer Beziehungen angebrochen ist.“

Mir würde schon eine gute Beziehung zu einem Vertreter des anderen Geschlechts reichen, dachte Lucy, hütete sich aber, das laut auszusprechen, um zu verhindern, dass Gloria gleich wieder Greg Polhemus erwähnte.

Jeans Stand befand sich in der zweiten Reihe. Gloria und Jean arbeiteten zusammen im Krisenzentrum. In ihrer Freizeit ging Jean ihrem Hobby nach und stellte Collagen aus Abfallprodukten her.

Während Gloria und Jean noch die Bedeutung von Müll als Kulturindikator diskutierten, schlenderte Lucy ein paar Schritte weiter und bewunderte aus Perlen gefertigten Schmuck an einem anderen Stand. Mit dieser Art von Kunst konnte sie mehr anfangen. Sie nahm ein schwarzrotes Halsband in die Hand, um es vor einem Spiegel anzuprobieren. Es gefiel ihr auf Anhieb. Gerade wollte sie der Verkäuferin zurufen, dass sie beabsichtige, es zu kaufen, als eine Bewegung im Spiegel ihre Aufmerksamkeit erregte. Eine Frau in grellrosa Cowboystiefeln, engem Lederminirock und fransigem Pulli wedelte mit einem Fächer aus Pfauenfedern herum, während ein grauhaariger Mann in gestärkten Jeans und Stiefeln aus Straußenleder sie bewunderte.

Lucy war, als hätte sie einen Schlag in den Magen erhalten, als sie erkannte, dass es sich bei dem grauhaarigen Herrn um ihren Vater handelte. Seine Begleitung hatte sie noch nie im Leben gesehen.

Sie ließ das Halsband fallen und drehte sich um. Gloria eilte zu ihr. „Was ist los? Du bist ja weiß wie die Wand. Und deine Aura …“ Sie trat einen Schritt zurück und runzelte die Stirn. „Deine Aura sieht wirklich ziemlich schlecht aus.“

Wen interessiert schon meine Aura? Lucy wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Aufgeregt zeigte sie in die Richtung, in die ihr Vater und seine Begleiterin davonschlenderten.

Als sie dann wieder reden konnte, erzählte Lucy Gloria, dass sie ihren Vater mit einer fremden Frau gesehen hatte. „Komm, wir müssen hinter ihnen her.“ Lucy folgte den beiden, vorbei an Ständen mit Töpferwaren und Batikkleidern. Schließlich entdeckte sie sie an einem Stand mit Gebäck und Süßwaren. Dads flippige Begleiterin brach kleine Häppchen aus einem Berliner, den sie in der Hand hielt, und fütterte damit Lucys Vater, der gehorsam den Mund öffnete wie ein kleines Kind, das brav sein Breichen schluckt.

„Meine Güte, Lucy! Was ist daran so schlimm? Er hat doch nur ein bisschen Spaß.“

„Diese Tussy ist nicht älter als ich!“

„Ein bisschen älter ist sie schon. Mindestens dreißig.“

„Das sind immer noch fünfundzwanzig Jahre jünger als mein Vater! Und wie sie angezogen ist!“

„Die Stiefel sehen doch toll aus. Ich würde mich freuen, wenn ich solche hätte.“

Lucy warf ihrer Freundin einen wütenden Blick zu. „Sag mal, auf wessen Seite stehst du eigentlich?“

„Muss ich mich für eine Seite entscheiden? Ich wusste gar nicht, dass wir uns streiten.“

„Tun wir auch nicht. Aber wir könnten Streit bekommen, wenn du weiterhin dieses Püppchen da verteidigst.“

Gloria schüttelte den Kopf. „Nun sei aber mal vernünftig.“

„Ich will aber nicht vernünftig sein.“ Was sollte an dieser Situation auch vernünftig sein? Es ging hier schließlich nicht um irgendeinen Fremden, sondern um ihren Vater, der in den letzten zehn Jahren fast jeden Samstag im Baumarkt oder vor dem Fernseher verbracht hatte. Warum zog er jetzt plötzlich um die Häuser? Mit einer Frau, die seine Tochter sein könnte!

„Du kennst sie doch gar nicht“, meinte Gloria. „Vielleicht ist sie ganz nett.“

Lucy atmete tief durch. Es gab Dinge, die sie einfach nicht verstand. Warum führte sie – eine erwachsene, vernünftige junge Frau – sich auf wie ein kleines Mädchen, das gerade einen Wutanfall hatte?

In diesem Moment begann die Dame, die Lucys Zorn provoziert hatte, mit solcher Hingabe den Zucker des Berliners von ihren Fingern zu lecken, dass Lucys Vater fast die Augen aus dem Kopf fielen. „Mir ist es egal, ob sie sich um benachteiligte Kinder kümmert oder sonntags freiwillig im Krankenhaus arbeitet“, stieß Lucy hervor. „Ich möchte nur nicht, dass sie sich mit meinem Vater trifft.“

Als sich das Paar anschickte weiterzugehen, folgten Lucy und Gloria ihnen in gewissem Abstand. Ihr Vater und seine Bekannte hielten sich jetzt bei der Hand.

Es wäre alles nicht so schlimm, wenn er mit einer Frau seines Alters ausginge, dachte Lucy. Mit einer freundlichen, mütterlichen Person. Und was fand eine flippige Tante wie diese da an einem Mann, der schon fünfundfünfzig war? Er war für sein Alter zwar noch ganz gut in Form, wie sie zugeben musste, aber ehrlich … Was, wenn sie versuchte, ihn auszunehmen? Dad würde das überhaupt nicht merken. Immerhin war er längst aus dem Alter heraus, in dem man sich mit Mädchen verabredete.

Dad und die Frau blieben jetzt an einem Stand stehen, wo Masken aus Keramik verkauft wurden. Während sie eine der fantasievollen Kreationen bewunderte, schaute Lucys Vater sich um. Lucy befürchtete, er könne sie entdecken, und schlüpfte in ein großes Zelt, das sich direkt neben ihnen befand. Gloria zog sie mit sich.

Hier gab es in großen Töpfen alle Arten von Büschen und Bäumen, die originell in Form geschnitten waren. „Das sind Topiarien“, erklärte Gloria. „In Form geschnittene Gewächse. Ist der da nicht süß?“ Bewundernd zeigte sie auf einen Buchsbaum in Form eines Babyelefanten.

Lucy lugte hinter einem Ligusterpinguin hervor. „Sind sie noch immer bei den Masken?“

„Ja. Ich glaube, sie versucht gerade, deinen Vater zu überreden, ihr eine zu kaufen.“

„Wusste ich’s doch! Sie ist nur hinter seinem Geld her.“

„Guten Tag, meine Damen. Kann ich Ihnen helfen?“ Eine ältere Frau, offenbar eine Mexikanerin, war lächelnd auf sie zugetreten. „Ist das nicht ein wunderschöner Pudel?“

Erst jetzt entdeckte Lucy die mehr als lebensgroße Nachbildung eines Pudels. „Ja … Das ist er wirklich.“ Sie musste an Millie denken. Warum war sie nicht bei ihr zu Hause geblieben? Dann hätte sie sich all diese Aufregung erspart.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragte die Verkäuferin.

„Nein, danke. Ich sehe mich nur um.“

„Vorsicht! Sie kommen hierher“, warnte Gloria und duckte sich neben Lucy hinter die Büsche. „Komm, wir verstecken uns da drüben“, flüsterte sie und deutete mit dem Kopf auf einen aus Büschen angelegten Irrgarten.

Die Hecke reichte ihnen allerdings nur bis zur Brust, sodass sie sich hinknien mussten. „Ich glaube, der ist für Kinder gedacht.“

Gloria beobachtete über den Rand des Irrgartens, wie Lucys Vater lachend auf den Pudel zeigte. „Warum gehst du nicht einfach zu ihnen hin, damit er dich mit ihr bekannt machen kann?“, schlug sie vor.

Gloria hatte recht. Dies hier war ein öffentlicher Ort, und es gab überhaupt keinen Grund, weshalb sie nicht zu ihrem Vater hinübergehen und ihn begrüßen sollte. Nur, wie sollte sie ihm erklären, was sie in diesem Irrgarten für kleine Kinder machte?

„Sie kommen auf uns zu“, zischte Gloria.

Lucy versuchte, durch die Büsche hindurch zu spähen, aber die Hecke war viel zu dicht. Dann entdeckte sie weiter unten eine Lücke. Wenn sie die Zweige mit den Händen auseinander drückte, würde ihr Kopf hindurchpassen. So, jetzt konnte sie die beiden im Auge behalten, ohne selbst gesehen zu werden.

Die Frau hatte sich bei Dad eingehängt. Auf dem Gesicht ihres Vaters lag ein verklärtes Lächeln. Komm ruhig ein bisschen näher, du alte Zicke, dachte Lucy. Ich werde dich in diese Büsche ziehen und dir zeigen, was mit Frauen passiert, die meinen Vater ausnehmen.

Natürlich hatte sie nicht wirklich vor, in aller Öffentlichkeit einen Kampf auszutragen. Dazu war sie nicht der Typ. Aber der Gedanke gefiel ihr.

Irgendetwas auf der anderen Seite des Ganges schien die Aufmerksamkeit von Dads Begleitung erregt zu haben, denn die Dame zog ihn jetzt in die andere Richtung.

„Los, wir verschwinden hier“, flüsterte Gloria.

Lucy wollte ihrer Freundin folgen. Doch als sie versuchte, ihren Kopf aus den Büschen zu ziehen, merkte sie, dass sie feststeckte. Sie war in diesen dicht verwachsenen Zweigen gefangen. „Gloria!“, rief sie. „Hilf mir!“

Aber Gloria war schon zu weit weg, um sie zu hören. Verzweifelt versuchte Lucy, sich zu befreien. Vergeblich. Toll, dachte sie, hier komm ich nie wieder raus.

„Daddy, was macht die Frau da unten?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht hat sie ihre Kontaktlinsen verloren.“

Wieder versuchte sie, sich zu befreien. Tränen traten ihr in die Augen, als Zweige ihre Haut zerkratzten und sich in ihren Haaren verfingen.

Sie fühlte, wie ihr der Schweiß über den Rücken lief und ihre Kniekehlen feucht wurden. Der eine Bügel ihres BHs grub sich in ihre linke Brust. Als wäre das nicht schon schlimm genug, meldete sich zu allem Überfluss jetzt auch noch ihre Blase. Sie musste dringend auf die Toilette. Mein Gott! Schlimmer konnte es ja wohl nicht werden!

„Ich habe schon viele seltsame Dinge auf diesen Messen erlebt, aber so etwas Interessantes noch nie.“ Beim Klang dieser tiefen, männlichen Stimme hinter ihr wäre sie am liebsten im Erdboden versunken. „Lucy Lake, was machen Sie denn hier?“

Wenn man aus Scham sterben könnte, sie wäre gestorben. Und zwar auf der Stelle. Denn vor ihr stand kein anderer als der muskulöse, sonnengebräunte Greg Polhemus. Als sie ihn wütend anblickte, warf er lachend den Kopf in den Nacken.

5. KAPITEL

Obwohl ihr klar war, dass sie einen ziemlich lächerlichen Eindruck machen musste, setzte Lucy eine beleidigte Miene auf. „Das geht Sie gar nichts an. Sorgen Sie lieber dafür, dass ich hier herauskomme.“

Lachend kletterte er aus dem Irrgarten. „Wohin gehen Sie?“, rief Gloria, die inzwischen zurückgekommen war, ihm nach. „Sie können sie doch nicht so zurücklassen.“

„Ich bin gleich wieder da.“

Mit einer Heckenschere bewaffnet, war er gleich darauf wieder zur Stelle. „Ich werde die Büsche ein wenig stutzen müssen. Halten Sie still, damit ich Sie herausschneiden kann“, meinte er an Lucy gewandt.

Vorsichtig hantierte er mit der Schere, um die Zweige zu entfernen, die sie festhielten. Sie zuckte zurück, als sie das Metall der Schere an ihrem Ohr fühlte. „Passen Sie doch auf!“

„Wenn Sie stillhalten, passiert nichts.“

Gerade als er den Zweig durchschnitt, stieß Lucy einen Schrei aus, der das Blut in den Adern gefrieren ließ. Stolpernd kam sie auf die Füße, eine Hand fest an den Kopf gepresst. Er verspürte einen plötzlichen Stich im Herzen und ließ die Schere sinken. „Was ist los? Habe ich Sie verletzt?“

„Bleiben Sie mir bloß vom Leib“, fauchte sie ihn an. „Sehen Sie sich das an!“ Sie hielt ihm eine dicke Haarsträhne entgegen.

Er streckte die Hand nach der dunkelbraunen Locke aus. Sie fühlte sich seidenweich an. „Vielleicht können Sie die anderen Haare darüber kämmen. Dann fällt es nicht mehr auf.“

„Auf so eine blöde Idee kann auch nur ein Mann kommen!“

„Reg dich nicht auf Lucy“, versuchte ihre Freundin sie zu beruhigen. „Zumindest bist du jetzt wieder frei.“

Lucy klopfte sich Blätter und Zweige von den Kleidern, während sie offenbar nach irgendetwas Ausschau hielt. Oder nach irgendjemandem. Einem Mann vielleicht? „Was haben Sie eigentlich in diesem Irrgarten gemacht?“, erkundigte sich Greg.

Zu seinem Erstaunen errötete sie. Er kannte nur wenige Frauen, die heute noch rot wurden. „Vielleicht habe ich ja nach meinen Kontaktlinsen gesucht.“

Er machte einen Schritt auf sie zu und schaute ihr in die Augen. Tief liegende, mandelförmige Augen, in denen sich ein Mann verlieren könnte. „Sie tragen keine Kontaktlinsen.“

Sie schien verlegen und sah zu Boden. „Ist ja auch egal. Ich muss jetzt …“

„Sie wollte ihren Vater und seine Freundin beobachten.“

Lucy warf ihrer Freundin einen wütenden Blick zu. „Warum erzählst du das?“

„Weil es die Wahrheit ist“, antwortete Gloria lächelnd.

„Sie mögen die Freundin Ihres Vaters nicht?“, wollte er wissen.

„Ich kenne sie nicht einmal. Und mein Vater scheint sie auch gerade erst kennen gelernt zu haben.“

Die Angst, die in ihrer Stimme mitschwang, rührte ihn. Er wünschte, wortgewandter zu sein – so wie manche Leute, die immer genau das Richtige sagten. „Das klingt heftig. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als mein Vater nach dem Tode meiner Mutter sich mit anderen Frauen verabredete.“

„Ihr Vater hat sich auch mit anderen Frauen getroffen?“

„Es ist viele Jahre her. Aber er ist tatsächlich ausgegangen. Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn die Frauen, mit denen er sich traf, wenigstens ein bisschen wie meine Mutter gewesen wären. Aber offenbar suchte er die Bekanntschaft von Damen, die das genaue Gegenteil von meiner Mutter waren.“

Sie nickte voller Verständnis. „Die Frau ist nicht viel älter als ich. Ich verstehe überhaupt nicht, was er an ihr findet.“ Sie musste schlucken. „Meine Mutter würde gleich ein zweites Mal sterben, wenn sie das wüsste.“

„Kommen Sie. Ich helfe Ihnen aus diesen Büschen heraus.“

Nach kurzem Zögern ergriff sie seine ausgestreckte Hand. „Was ist aus Ihrem Vater geworden?“

„Ich denke mal, nach einer Weile hat er eingesehen, dass das alles die Aufregung nicht wert ist. Irgendwann hat er sich mit seiner Situation abgefunden und ist zu Hause geblieben.“ Die Erinnerung daran machte ihn traurig. Wenngleich es damals eine große Erleichterung für ihn gewesen war, als sein Vater sich wieder „normal“ verhalten hatte. „Ich glaube … er hat sich ganz einfach einsam gefühlt.“

„Warum sollte mein Vater sich einsam fühlen? Er hat jede Menge Freunde. Und ich bin schließlich auch noch da.“

„Das ist aber nicht das Gleiche.“ Nachdenklich betrachtete er sie. Was mochte wohl in ihrem Kopf vor sich gehen? „Fühlen Sie sich nicht auch manchmal einsam? Sogar in Gegenwart von Freunden und der Familie?“ Er dachte an sein eigenes leeres Haus und sein einsames Bett, an den inneren Schmerz, den er durch harte Arbeit zu überwinden versuchte. Kannte auch Lucy dieses Gefühl?

Lange schaute sie ihn unverwandt an, und er spürte, wie ihn eine Woge freudiger Erregung erfasste. Es war, als hätte sich eine elektrische Spannung zwischen ihnen aufgebaut.

Dann wandte sie ihren Blick ab und zuckte die Achseln, als müsste sie sich zwingen, wieder in die Realität zurückzukehren. Was war los mit ihr?

Er wollte etwas sagen, aber sie kam ihm zuvor. „Warum sucht sich mein Vater nicht jemanden, der altersmäßig besser zu ihm passt? Jemanden, der nicht auf sein Geld aus ist.“

„Vielleicht sollten Sie die Verabredungen für ihn treffen.“ Oder, besser noch, statt sich über ihren Vater Gedanken zu machen, lieber mit mir ausgehen.

Bei dem Gedanken runzelte er die Stirn. Als ob diese flippige junge Dame sich mit ihm treffen würde. Seit er sie das erste Mal gesehen hatte, hatte sie ihn ständig mit wütenden Blicken bedacht. Aber genau das machte sie so verführerisch für ihn.

Ihre grünen Augen musterten ihn durchdringend, als Lucy sich wieder an ihn wandte. „Was tun Sie hier? Hatten Sie nicht behauptet, dass Sie heute Morgen arbeiten müssten?“

„Das stimmt. Ich arbeite hier. Das hier ist mein Stand.“ Er zeigte auf den Irrgarten hinter ihnen. „Dies hier ist die größte Attraktion der gesamten Ausstellung.“

Gespannt wartete er ab, wie sie auf die Topiarien und lebenden Skulpturen reagieren würde. Sein Vater hatte diese Seite seiner Arbeit immer als „Kinderkram“ abgetan. Er hatte sich lieber auf seine Rosen und Beetpflanzen konzentriert.

„Was Sie aus den Pflanzen machen, ist wirklich umwerfend“, sagte Gloria.

Lucy nickte. „Ja, ziemlich interessant. Das hätte ich nicht erwartet.“

Er erstarrte. „Was hätten Sie nicht erwartet? Dass ein Typ, der sein Geld damit verdient, im Dreck zu wühlen, so etwas zustande bringt?“

Sie zuckte die Schultern. „Ich hätte Sie eher für den praktischen Typ gehalten.“

„Was beweist, dass Sie mich nicht besonders gut kennen.“

Wieder trafen sich ihre Blicke. Merkte sie überhaupt, dass aus ihren Augen die gleiche Erregung sprach wie die, die er fühlte? Sie musste es spüren. Die Spannung zwischen ihnen war fast greifbar. Doch ihre Miene blieb reglos. Lucy schaute weg. „Ich glaube, ich gehe jetzt besser.“

„Ja.“ Er sollte sich lieber um seine Kunden kümmern, als den ganzen Tag hier herumzustehen und sich mit einer jungen Dame zu unterhalten, die sich ganz eindeutig nicht für ihn interessierte. „Bis Montag dann.“

Sie nickte und wandte sich zum Gehen. Nachdenklich blickte er ihr nach.

Zärtlich strich er mit den Fingern über die seidige Haarsträhne, die er noch immer in der Hand hielt. „Wer war das?“, hörte er Marisel fragen, die neben ihn getreten war.

„Ein wunderschönes Problem.“ Ein Problem, dem er normalerweise aus dem Weg ging. Aber vielleicht war es an der Zeit, seinem Leben zu ein bisschen mehr Aufregung zu verhelfen.

Lucy drehte sich nicht um, als sie neben Gloria den Stand der Firma Polhemus verließ. Auf keinen Fall sollte Greg merken, wie sehr er sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

„Sag mal, was sollte das denn bedeuten?“, fragte Gloria und schaute über die Schulter. „Wer war der Mann?“

Lucy stieß ihre Freundin mit dem Ellbogen an. „Guck nicht zurück. Sonst bildet er sich noch was ein.“

„Warum bist du so stur? Das ist doch ein ganz heißer Typ.“

Lucy zuckte zusammen und eilte durch die engen Gänge, als wollte sie zwischen sich und dem peinlichen Zwischenfall in der Ligusterhecke Abstand schaffen. „Das ist der Gärtner, den ich beauftragt habe, die Rosen meiner Mutter zu retten.“

„Das ist der Gärtner? Kein Wunder, dass deine Aura so gut ist.“

Damit wären sie wieder bei Glorias Lieblingsthema angelangt. „Er gilt als Rosenexperte. Kannst du dir etwa vorstellen, dass ich meine Freizeit mit einem Mann verbringe, der aus irgendwelchen Büschen Pudel und anderes Getier schneidet?“

„Man nennt sie Topiarien, und sein Hobby zeigt, dass er eine kreative Ader hat. Ich finde die Topiarien gar nicht so schlecht.“

Widerstrebend musste Lucy ihrer Freundin zustimmen. Greg Polhemus Topiarien waren wirklich ansprechend. Ihre Mutter wäre von seiner Arbeit bestimmt begeistert gewesen. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. „Er ist trotzdem nicht mein Typ. Auch wenn er gut aussieht und kreativ ist.“ Aufmerksam schaute sie sich in der Menge nach ihrem Vater und seiner Begleiterin um. Irgendwie war sie erleichtert, sie nicht entdecken zu können. Sie fühlte sich außer Stande, sich mit der späten Liebe ihres Vaters zu beschäftigen und gleichzeitig ihren verrückt spielenden Hormonen Einhalt zu gebieten.

Gloria zog sie am Arm mit sich. „Komm schon. Ich bin deine beste Freundin. Mir kannst du es doch verraten. Warum bist du diesem hinreißenden Gärtner gegenüber so abweisend?“

Lucy seufzte. „Du meinst, außer dass er langweilig und spießig ist?“

„Ich nehme dir kein Wort ab“, erwiderte Gloria.

„Okay, okay. Selbst wenn ich Greg Polhemus aufregend fände, benehme ich mich jedes Mal, wenn ich ihn treffe, wie eine Blöde. Er muss mich für absolut beknackt halten.“

„Auf mich machte er aber nicht den Eindruck, als täte es ihm leid, dich getroffen zu haben.“

„Na ja, er hat meinen Hintern angestarrt.“

Gloria lachte. „Das zeigt doch nur, dass er ein richtiger Mann ist. Du brauchst ein bisschen Abwechslung. Wenn er demnächst euren Garten macht, gib ihm eine Chance.“

„Wenn ich Glück habe, gehe ich Montag arbeiten und brauche ihn überhaupt nicht zu treffen.“

„Feigling.“

„Ich würde das eher als Chance betrachten, mich nicht wieder zum Narren zu machen.“ Wieder ließ sie ihren Blick suchend über die Menge schweifen.

„Dein Vater und seine Tussy sind schon lange weg“, sagte Gloria, als könne sie Gedanken lesen. Sie zog Lucy in Richtung Parkplatz. „Komm, jetzt gehen wir einkaufen. Dann geht es dir bestimmt gleich wieder besser.“

Gloria hatte recht. Shoppen tat ihrer Seele gut. Kaum hatte Lucy einen Fuß in die kühle Pracht der Kaufhäuser gesetzt, besserte sich ihre Laune.

Wenn sie auch ansonsten ihr Leben nicht im Griff hatte, mit einer Kreditkarte im Portemonnaie und einer vollen Einkaufstasche in der Hand machte das Leben Spaß.

Eine halbe Stunde, nachdem sie im Einkaufszentrum angekommen waren, stand Lucy in einer Umkleidekabine und betrachtete ihr Spiegelbild in einem dreiflügeligen Spiegel. Der rot-weiß getupfte Minirock sah wirklich hinreißend aus. Oder war er vielleicht doch ein bisschen eng um die Hüften herum?

Ihr Blick fiel auf ihre Haare. Mein Gott, wie schaute sie aus! Was hatte sich dieser Greg dabei gedacht? Ihr mit einer Heckenschere die Haare abzuschneiden!

Und was hatte sie sich dabei gedacht, auf allen Vieren durch die Büsche zu kriechen? Mit hängenden Schultern zog sie den Rock wieder aus. Zuerst musste sie etwas an ihrer Frisur ändern.

Sie verließ die Umkleidekabine und ging zu Gloria hinüber, die gerade Hüte aufprobierte. „Wir müssen weiter.“

„Warum plötzlich die Eile?“, wunderte sich Gloria. „Du hast doch überhaupt noch nichts gekauft.“

„Ich muss zum Friseur. So kann ich nicht länger herumlaufen.“

Bis zum Haarsalon Stylissimo war es nicht weit. „Könnten Sie mich einschieben? Es ist ein Notfall.“

Die große schlanke Dame hinter dem Tresen zog angesichts Lucys ruinierter Frisur die Augenbrauen hoch. „Was ist denn mit Ihnen passiert?“

„Das ist eine lange Geschichte.“ Eine peinliche Geschichte. „Können Sie das irgendwie in Ordnung bringen?“

Die Frau lächelte. „Aber natürlich, meine Liebe. Bernardo kann wahre Wunder vollbringen.“

Ein fülliger Mann mit schütterem Haar, von dem sie annahm, dass es sich um Bernardo handelte, machte sich an ihrem Kopf zu schaffen. Nach einer Weile fragte er: „Ihnen ist doch klar, dass ich Ihr Haar sehr viel kürzer schneiden muss, nicht wahr?“

Sie lächelte ihn an. „Nur zu. Ich bin zu großen Veränderungen bereit.“

6. KAPITEL

Barb Lakes Eintrag für den zweiten Montag im Juni lautete: Keine Angst vor Experimenten und neuen Techniken. Die wunderbarsten Entdeckungen beruhen meistens auf einem Versehen. Darunter entdeckte Lucy einen weiteren Eintrag in der Handschrift ihrer Mutter: Sonnencremeproben an Lucy schicken. Vielleicht versteht sie den Hinweis.

Unwillkürlich musste Lucy lachen. Ihre Mutter würde sich freuen, wenn sie wüsste, dass heutzutage fast alle Hautcremes einen gewissen Sonnenschutz boten. „Es ist ja nicht so, als hätte ich jeden Rat meiner Mutter in den Wind geschlagen“, erklärte sie Millie, die ihr ins Badezimmer gefolgt war. „Ich möchte nur selbst meine eigenen Erfahrungen machen.“

Der Hund hatte den Kopf zur Seite geneigt, als hörte er ihr zu.

Lucy strich Gel in ihre Igelfrisur, als Millie plötzlich aufgeregt und laut bellend zwischen der Badezimmertür und der Tür, die in den Garten führte, hin- und herrannte.

„Nun beruhige dich doch!“ Lucy drehte den Kopf, um sich im Spiegel von allen Seiten betrachten zu können. Bernardo hatte wirklich gute Arbeit geleistet. Die neue Frisur gefiel ihr.

Draußen war das Zuschlagen einer Wagentür zu hören. Und Männerstimmen. Es war Viertel nach sieben. Wer, um alles in der Welt, hielt zu dieser frühen Stunde bei ihnen vor dem Haus?

Neugierig hob sie die Jalousie ein wenig an, um hinausschauen zu können. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie einen Laster der Gärtnerei Polhemus sah, dem gerade zwei ...

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