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JULIA HERZENSBRECHER BAND 1

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Die Stunde des Verführers

1. KAPITEL

„Nach diesem nervenaufreibenden Spiel lässt sich mit Sicherheit nur sagen, dass der Ausgang des Turniers noch völlig offen ist. Das war Alana Cusack mit einem Livebericht aus Croke Park. Ich gebe zurück ins Studio.“

Alana lächelte weiter in die Kamera, bis die Stimmen in ihrem Ohrhörer leiser wurden. Als sie sicher war, nicht mehr auf Sendung zu sein, reichte sie das Mikrofon an ihren Assistenten weiter. Sie vermied es, zu dem Fremden hinüberzusehen, der lässig gegen die Wand lehnte, die Hände tief in den Taschen seiner dunklen Hosen verborgen, der Kragen des schwarzen Mantels hochgestellt.

Er beobachtete sie. Er hatte sie bereits das gesamte Rugbyspiel Frankreich gegen Irland beim Six Nations Turnier hindurch beobachtetet. Er hatte sie nervös gemacht und abgelenkt. Und sie hatte keine Ahnung, warum.

Lügnerin! Sie wusste genau, warum. Als ihre Blicke sich das erste Mal zufällig begegnet waren, hatte es sich angefühlt, als habe sie jemand in den Magen geboxt. Ein seltsames Gefühl des Wiedererkennens hatte sich in ihr ausgebreitet. Etwas Vergleichbares hatte sie noch bei keinem Mann empfunden.

Nicht einmal bei ihrem Ehemann.

Das Gefühl war so stark, dass sie unwillkürlich erneut lächeln musste und fragend eine Augenbraue hochzog. Seine Augen jedoch funkelten auf eine mehr als eindeutige Weise auf.

Natürlich kannte sie den Fremden nicht. An einen so attraktiven Mann hätte sie sich erinnert. Das markante Gesicht hatte sie noch nie gesehen, auch den sinnlichen Mund mit den vollen Lippen nicht.

Bestimmt war er Franzose. Er hatte auf einem der Plätze gesessen, die für VIPs reserviert waren. Unmittelbar unterhalb der Presseloge. Wieder und wieder war ihr Blick wie magisch von ihm angezogen worden. Zu ihrem größten Entsetzen hatte er sich auch während des Spiels ständig zu ihr umgewandt und ihr direkt in die Augen geschaut.

„Soll ich dich mitnehmen, Alana?“, riss Derek, der Kameramann, sie aus ihren Gedanken.

„Nein“, erwiderte sie rasch. Der Fremde war aus ihrem Sichtfeld verschwunden. Panik stieg in ihr auf. Vielleicht stand er direkt hinter ihr … „Ich muss heute Abend noch zu einem Familiendinner, deshalb bin ich mit meinem eigenen Wagen hier.“

„Dann gibt es für dich auch keine rauschende Party, auf der die Franzosen bis in die Morgenstunden ihren Sieg feiern?“

Alana verzog das Gesicht, froh und erleichtert, eine Entschuldigung zu haben. „Mir bleibt nur Zeit, kurz vorbeizuschauen und mein Gesicht zu zeigen, damit Rory glücklich ist.“

Schulterzuckend wandte Derek sich ab, dann blieb er noch einmal stehen und drehte sich um. „Gute Arbeit, Alana.“

Das Kompliment freute sie sehr. Derek war ein echter Veteran des Fernsehens. Sie hatte so hart gearbeitet, um sich ein Minimum an Respekt zu verdienen. Sie lächelte. „Danke!“

Er zwinkerte ihr zu und ging. Alana schaute sich noch ein letztes Mal um, ob sie auch nichts hatte liegen lassen, dann machte sie sich auf den Weg aus dem Stadion. Nach wenigen Schritten hielt sie inne und stieß einen leisen Fluch aus. Sie hatte ihren Laptop in der Presseloge vergessen.

Sie machte kehrt. Gleich darauf richteten sich die Härchen in ihrem Nacken auf. Mit heftig pochendem Herzen wirbelte sie herum … und wurde enttäuscht: Der Mann war nicht da. Anscheinend war ihm das Warten zu langweilig geworden, und er war gegangen. Sie befahl sich, endlich mit ihrem kindischen Verhalten aufzuhören. Wie hatte sie nur auf die lächerliche Idee verfallen können, zwischen ihnen bestehe eine geheime Verbindung?

Er glaubte schon, sie sei ihm entwischt, als er für einen Moment auf das Spielfeld hinuntergeschaut hatte. Das Gefühl von Panik, das sich in ihm ausbreitete, behagte ihm überhaupt nicht.

Aber sie war noch da.

Pascal Lévêque lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen die Wand und genoss die bezaubernde Aussicht. Ein in die Höhe gereckter, äußerst wohlgeformter Po, umschmeichelt von einem engen kurzen Rock. Die Besitzerin hatte sich nach vorne gebeugt und zerrte eine Tasche unter einem Stuhl hervor. Sein Blick glitt an sehr langen Beinen entlang nach unten, dann wieder nach oben. Schmale Knöchel, ungemein hübsche Schenkel, die in perfekt gerundete Hüften übergingen. Er fragte sich, ob sie Strümpfe trug. Der Gedanke entfachte ein Feuer tief in seinem Innern.

Was, so überlegte er weiter, hatte sie nur an sich, dass ihn wie magisch anzog? Warum war er hier geblieben, wenn er doch längst hätte woanders sein sollen?

Niedlich.

Das war es, sie war niedlich. Angefangen bei der hochgeschlossenen gestreiften Bluse mit Krawatte, bis zu den vernünftigen flachen Schuhen. Die Haare hatte sie zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden. Es fiel ihm leicht, sich vorzustellen, wie sie mit einem offenen schulterlangen Bob aussehen würde.

Doch seit wann machte er sich etwas aus niedlich? Stand er nicht auf verführerische sinnliche Frauen? Frauen, die ihre wunderschönen kurvigen Körper in enge Designerkleider hüllten, die seine Fantasie anfachten und seine Sinne in Aufruhr versetzten? Frauen, die sich nicht davor fürchteten, ihre Waffen einzusetzen, um ihm zu gefallen?

Die Frau vor ihm hingegen schlüpfte gerade in einen unförmigen schwarzen Mantel. Der Anblick löste widersprüchliche Gefühle in ihm aus: Ärger, Leidenschaft und Verwirrung. Welcher Teufel ritt ihn da, dass er eine kleine Fernsehansagerin so ungeniert anstarrte?

Gleich würde sie sich umdrehen, und er würde ihr Gesicht sehen können. Dann würde er feststellen, dass sie nicht halb so verführerisch aussah, wie er es sich einbildete: mit rosigen Wangen, vollen Lippen und braunen Rehaugen unter dunklen Brauen, die einen überaus reizvollen Kontrast zu ihren blonden Haaren bildeten.

Nein, sie würde sich umdrehen, und er würde sehen, dass sie eine dicke Make-up Schicht aufgetragen hatte. In ihren Augen würde Wiedererkennen aufflackern – hatte sie ihm nicht schon vorhin einen dieser schüchtern-koketten Blicke geschenkt?

Gerade als er sich eine Entschuldigung zurechtlegte, mit der er sein merkwürdiges Verhalten vor sich selbst rechtfertigen konnte, wandte sie sich tatsächlich um. Pascal öffnete den Mund. Doch plötzlich war sein Kopf völlig leer.

Für Alana gab es keine Vorwarnung, womit oder mit wem sie konfrontiert werden würde. Der attraktive Fremde stand vor ihr. Nur ein paar Meter entfernt. Schaute sie an.

Sie befanden sich ganz allein in einem Stadion für achtzigtausend Zuschauer. Doch ihr war es, als schrumpfe der riesige Raum auf vier Quadratmeter zusammen. Das Blut in ihren Adern schien schneller zu pulsieren, ihr Herzschlag beschleunigte sich.

Er hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Hände tief in die Hosentaschen geschoben. Sein Mantel betonte die breiten Schultern, die bronzefarbene Haut. Doch es waren seine Augen, die ihren Blick gefangen hielten. Groß, dunkel, intelligent. In ihnen schimmerte eine so heiße und erotische Sinnlichkeit, dass es ihr den Atem raubte.

„Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen irgendwie helfen? Suchen Sie vielleicht jemanden?“ Seit wann klang ihre Stimme so dunkel und samtig wie die einer Jazzsängerin?

„Sie starren mich an.“

Innerlich zuckte Pascal unter seinem anklagenden Tonfall zusammen, aber er musste sich noch immer von dem Schock erholen, den ihr Anblick in ihm ausgelöst hatte. Seine Hoffnung, sie erweise sich als hässlich, war in tausend Scherben zersplittert. Ihr Teint wirkte sehr hell, die Wangen hingegen gerötet. Lag das an dem kalten Wind … oder an etwas anderem? Ihre Augen schimmerten in einem einzigartigen Grün. Ihre Lippen waren tatsächlich voll und sinnlich, jedoch nicht geschminkt, wie er es sich vorgestellt hatte. Noch nie war er einer Frau begegnet, deren natürliche Schönheit ihn so in ihren Bann zog.

„Wie bitte?“ Alana wirkte irritiert. Bestimmt war ihre Vermutung richtig. Er war bloß ein Tourist auf der Suche nach ein bisschen Spaß. Er hatte ihrem Lächeln eine gänzlich falsche Bedeutung zugemessen. Pech, für diese Art Spaß war sie nun mal nicht zu haben.

„Wenn ich mich recht erinnere, haben auch Sie mich angestarrt.“ Trotzig hob sie den Kopf. „Ich dachte, ich würde Sie kennen. Doch das war ein Irrtum. Verzeihen Sie also, falls ich Sie zu falschen Annahmen verleitet habe. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich habe zu arbeiten.“

Der Mann lächelte herausfordernd. „Das habe ich gesehen. Ich habe Sie während des Interviews mit dem Manager des irischen Teams beobachtet. Und Sie haben mich angestarrt.“

„Nicht mehr, als Sie mich.“ Verzweifelt versuchte sie, ihre wirbelnden Gedanken unter Kontrolle zu bringen.

Unvermittelt funkelten seine Augen auf, und Alana erkannte, dass sie in der Falle saß. Der Platz zwischen den Stuhlreihen war viel zu schmal, als dass sie ungehindert an ihm hätte vorbeikommen können. Auf einmal fühlte sie sich bedroht. Sie presste das Laptop enger gegen die Brust und hoffte, er verstand die Botschaft. „Dieses Gespräch führt zu nichts“, fuhr sie ihn so unwirsch an, wie ihre Furcht es zuließ. „Ich muss zurück zu meiner Arbeit, und wahrscheinlich gibt es auch für Sie einen aufregenderen Ort als ein verwaistes Stadion.“

Nach einer langen Pause, trat er einen Schritt beiseite und bedeutete ihr mit einer huldvollen Geste, sie solle an ihm vorbeigehen. Mit zusammengebissenen Zähnen folgte sie seiner Aufforderung. Während sie sich an ihm vorbeipresste, war sie sich seiner Größe, mindestens einsfünfundneunzig, des breiten muskulösen Oberkörpers und des berauschenden Dufts, der von ihm ausging, überaus bewusst.

Ein Duft wie nach Sex.

Oh, verflixt, was war denn nur los mit ihr? Seit wann glaubte sie, Sex riechen zu können? Und seit wann glaubte sie zu wissen, wie Sex roch? Eine seltsame Schwäche überkam Alana, doch glücklicherweise war sie bereits an ihm vorbei. Hastig legte sie die letzten Schritte in Richtung Aufzug zurück, der sie nach unten und hoffentlich zurück in die Realität bringen würde.

Ihre stillen Gebete fanden kein Gehör. Plötzlich spürte sie erneut seine Gegenwart. Er sagte kein Wort, als die Lifttüren sich öffneten und sie die Kabine betraten. Alana drückte auf den Knopf und sandte ein Stoßgebet gen Himmel, die Fahrt möge wenigstens nicht lange dauern.

Das Gefühl, auf engstem Raum mit ihm eingeschlossen zu sein, war so überwältigend, dass sie geradezu aus dem Lift stürzte, kaum dass die Türen sich öffneten. Sie konnte ihren Wagen schon sehen … da hörte sie die Schritte des Fremden hinter sich.

Es fiel ihm nicht schwer, sie einzuholen. „Wissen Sie, es gibt tatsächlich einen aufregenderen Ort, an dem ich sein sollte. Haben Sie vielleicht Lust, mich zu begleiten?“

Der Fremde war atemberaubend attraktiv. Alana konnte es nicht fassen. Sie wusste, dass sie nichts Besonderes war. Sie sah aus wie eine Million andere Frauen auch. Was, um alles in der Welt, wollte der Mann von ihr? Jeder konnte sehen, dass er in einer anderen Liga spielte. In ihrem Kopf begannen Alarmglocken zu schrillen.

Ein eleganter dunkler Lexus hielt neben ihnen. Offenbar sein Wagen – sein von einem Chauffeur gelenkter Wagen.

„Es tut mir leid, Mr. …?“

„Lévêque.“

„Mr. Lévêque.“ Selbst sein Name besaß einen erotischen Klang. Zielstrebig. Wichtig. „Ich muss zurück zu meiner Arbeit“, wiederholte sie. „Genießen Sie Ihr Wochenende. Hier in Dublin gibt es viele nette Frauen.“ Die nicht so blöd sind, vor diesem Traummann davonzulaufen, meldete sich eine spöttische Stimme in ihrem Kopf. Doch als sie sich endlich umwandte und zu ihrem Wagen hastete, redete sie sich ein, wie stolz sie auf sich war. Er hatte nicht sonderlich enttäuscht gewirkt. Ja, er hatte nicht einmal versucht, ihre Meinung zu ändern. Er war bloß ein reicher Tourist, der auf die Insel gekommen war, um sich das Spiel anzusehen. Und mit Rugbyfans kannte sie sich aus. Einst hatte sie dazugehört, aber das war lange her.

„Alana, du kannst jetzt nicht gehen!“

„Ich muss nach Hause, Rory. Mein Bruder feiert seinen vierzigsten Geburtstag.“

Ihr Chef ignorierte ihren Einwand, nahm ihre Hand und zog Alana zurück in die Menschenmenge, die sie gerade mühsam hinter sich gelassen hatte.

„Alana, du musst ihn kennenlernen. Immerhin interviewst du ihn morgen. Er hat höchstpersönlich nach dem Spiel angerufen und hat explizit nach dir gefragt … wahrscheinlich hat er deine Reportage gesehen oder so, aber wen interessiert das? Hast du auch nur eine Ahnung, was das für ein Knaller ist? Er ist ein wichtiger Sponsor des Six Nations Turniers … lebt ziemlich zurückgezogen … Milliardär.“

Immer wieder wurde Alana von den anderen Partygästen angerempelt, während sie Rory zu folgen versuchte. Sie verstand nur die Hälfte von dem, was er ihr sagte. Irgendetwas über ein Interview? Das war nichts Ungewöhnliches. Fast jeden Tag führte sie eins oder mehrere. Warum veranstaltete er bei diesem ein so großes Theater? Flüchtig warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr. Die Überraschungsparty fing in einer halben Stunde an. So lange dauerte die Fahrt zum Haus ihrer Eltern.

Plötzlich blieb Rory stehen und wandte sich um. Er musterte sie besorgt. „Schade, dass du dich nicht mehr herausgeputzt hast. Du hättest dir wirklich ein bisschen Mühe geben können, Alana!“, sagte er missbilligend.

Allmählich wurde sie wütend. Wieso erwarteten die Menschen immer, dass sie noch dieselbe wie früher war? „Rory, ich bin für eine Familienfeier angezogen, erinnerst du dich? Nicht für die Party des französischen Teams.“

Die Siegesfeier fand im Ballsaal des luxuriösen Four Season-Hotels in der Innenstadt von Dublin statt. Die meisten Frauen trugen äußerst figurbetonte, zumeist glitzernde Kleider. Ihr Kleid war hingegen sehr schlicht. Und das war auch besser so. Sie besaß zu viele unschöne Erinnerungen an Designerkleider, die zu eng, zu schmal, zu … alles waren.

Rory legte beide Hände auf ihre Schultern, als wäre sie ein kleines Kind. „Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig dieser Mann ist. Abgesehen von seiner Rolle beim Six Nations Turnier, ist er Vorstandsvorsitzender einer der größten Banken der Welt. Ich stelle dich ihm vor, dann kannst du gehen, okay?“

Wieder fasste er sie an der Hand. Bevor Alana noch Einspruch erheben konnte, zog er sie auf einen Mann zu, der ihnen den Rücken zuwandte. Er trug einen dunklen Anzug und war umgeben von offensichtlichen Bewunderern und Frauen in aufreizenden Kleidern. Plötzlich wurden Alanas Knie weich. Noch bevor sie bei der Gruppe angekommen waren, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Und es wurde noch schlimmer, als Rory ihr ins Ohr flüsterte: „Sein Name ist Lévêque. Pascal Lévêque.“

„Ich glaube, ich habe Sie bei der Berichterstattung im Stadion gesehen“, sagte er unschuldig, als seien sie einander nie begegnet.

Zum zweiten Mal an diesem Tag schaute Alana in seine braunen Augen. Augen, die ihr nicht mehr aus dem Sinn wollten. Ihr Mund wurde trocken, ihre Hände feucht. Sie verstand nicht, warum dieser Mann eine solche Reaktion bei ihr auslöste. Andere Männer flirteten mit ihr, baten um Verabredungen, und sie lehnte ohne mit der Wimper zu zucken ab.

Schweigen senkte sich über sie, bis Rory sie unauffällig anstupste. Mechanisch reichte Alana ihrem Gegenüber die Hand. „Ja, wahrscheinlich.“

Pascal Lévêque ergriff ihre Hand, doch anstatt sie zu schütteln, neigte er den Kopf. Sein Blick hielt den ihren gefangen. Alles geschah wie in Zeitlupe. Alana wusste genau, was er vorhatte. Trotzdem sandte der angedeutete Handkuss einen Schauer über ihren Körper. Sie versuchte, sich ihm zu entziehen, aber er gab sie nicht frei. Langsam richtete er sich wieder auf. Sie spürte, wie er mit dem Zeigefinger über die sensible Haut an der Innenseite des Handgelenks strich. Erst danach ließ er sie los. Die flüchtige Berührung übte eine unglaubliche Wirkung auf Alana aus.

Er unterbrach den Augenkontakt, was Alana sich seltsam leer fühlen ließ. Rory murmelte etwas davon, dass er Drinks für alle holen wolle, und verschwand in der Menge. Auch der Rest des Pascal eben noch umgebenden Grüppchens schien sich in Luft aufzulösen.

„Wie ich sehe, hatten Sie Zeit, sich umzuziehen“, wandte er sich wieder an Alana. „Sagen Sie, zählt die Party immer noch als Arbeit?“

„Natürlich habe ich mich umgezogen“, fuhr sie ihn wütend an. „Das hier ist eine Party! Und ja, es ist Arbeit.“

Er ließ seinen Blick über sie wandern, über ein dem Anlass angemessenes, wenn auch unspektakuläres Kleid. Schwarz, hochgeschlossen, mit passendem Jackett.

„Sie haben sich auch umgezogen“, sagte sie. Auf einmal fühlte sie sich merkwürdig verunsichert. Denn im Gegensatz zu ihr, die sie in der Menge unterging, gelang es ihm, trotz der vielen anderen, einen schwarzen Anzug tragenden Männer, herauszustechen.

Bevor sie wusste, was sie tat, hob sie die Hand und strich sich eine vorwitzige Haarsträhne, die sich aus ihrem französischen Zopf gelöst hatte, hinter das Ohr zurück. Eine nervöse Angewohnheit. Die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, verfolgte er die Bewegung. Alana errötete. Verdammt! Er sollte doch nicht ahnen, dass er ihr so zusetzte!

„Stimmt es, dass Sie nach mir für ein Interview verlangt haben?“

Nonchalant zuckte er die Schultern. „Ich empfinde es als sehr ermüdend, aber hin und wieder ist es notwendig, den Wünschen der Presse nachzugeben. Also, ja, ich habe um Sie als Partnerin gebeten … in der Hoffnung, dass es, wenn Sie die Fragen stellen, für mich eine erfreulichere Erfahrung als sonst wird.“

Seine Augen funkelten heiß und sinnlich. Aber Alana konzentrierte sich ganz auf sein selbstherrliches Verhalten. Sie lächelte zuckersüß. Dummerweise erwiderte er das Lächeln, worauf sich ein Feuer tief in ihrem Innern entzündete. Sie ignorierte die Reaktionen ihres Körpers. „Mr. Lévêque. Wenn Sie glauben, dass ich, weil ich eine Frau bin, meine Fragen auf Ihre Lieblingsfarbe beschränke, befinden Sie sich auf dem Holzweg.“ Sie würde, nahm sie sich in diesem Moment fest vor, wenn nötig die ganze Nacht aufbleiben und diesen Mann recherchieren.

„Und wenn Sie glauben, dass ich, weil Sie eine Frau sind, Ihnen Ihre Fähigkeiten abspreche, befinden Sie sich im Irrtum. Mein Interesse, mich von Ihnen interviewen zu lassen, ist allein beruflicher Natur. Ich habe mir Ihre Arbeiten angesehen und bin sehr beeindruckt.“

Einen Moment war Alana sprachlos. Sie verspürte das Bedürfnis, sich sofort zu entschuldigen. Fast glaubte sie, sie habe sich das erotische Funkeln in seinen Augen nur eingebildet. Vielleicht hatte es von seiner Seite aus doch nie zweideutige Anspielungen gegeben?

„Nun, ich … Das ist … Ich dachte …“

Er unterbrach ihre gestotterte Entschuldigung. „Wie schon erwähnt, sind meine Interessen rein beruflicher Natur … zumindest was das Interview angeht. Jedoch …“ Er hielt inne und machte einen Schritt auf sie zu. Die Luft zwischen ihnen schien sich elektrisch aufzuladen. Wieder funkelten seine Augen verheißungsvoll auf. Und diesmal war sie sich sicher, dass damit nur eines gemeint sein konnte. „Ich kann nicht versprechen, dass mein Interesse sich anschließend nicht auch auf andere Bereiche ausweitet.“

Wie schon im Stadion, überkam Alana das Gefühl, der Raum um sie herum begänne zu schrumpfen. Adrenalin strömte durch ihre Adern.

„Mr. Lévêque. Es tut mir sehr leid, aber …“

„Sind Sie verheiratet?“, fragte er rasch.

„Ja“, erwiderte sie automatisch. Ein Schatten huschte über sein Gesicht. Sie trat einen Schritt zurück. Was richtete der Mann nur in ihrem Kopf an? „Nein. Ich meine, ich war verheiratet.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und schaute sich verstohlen im Saal um. Wo blieb nur Rory mit den Drinks? Zögernd blickte sie zurück zu Pascal. Ein feines Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

Sie atmete tief ein. „Mein Ehemann ist vor achtzehn Monaten gestorben.“

Pascal öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch in diesem Moment wurden ihre Gebete endlich erhört. Rory kehrte mit drei Gläsern in den Händen zurück. Er reichte Alana einen Sektkelch mit Champagner, Pascals Getränk sah eher wie Whiskey aus. Plötzlich überfiel sie heiße Panik. Sie stellte ihr Glas so heftig auf einem Tischchen neben sich ab, dass die perlende Flüssigkeit über den Rand schwappte. Dann zog sie ihr Handy aus der Handtasche.

Zehn Anrufe in Abwesenheit. Innerlich aufstöhnend, wandte sie sich an Rory. „Ich muss gehen.“ Ein rascher Blick zu Pascal. „Es tut mir leid, ich werde bereits bei einer anderen Veranstaltung erwartet.“

Ohne auf Rorys wenig subtile Mimik zu achten, wich sie weiter vor den beiden Männern zurück. Sie stieß mit jemandem zusammen und murmelte, ohne wirklich hinzusehen, eine Entschuldigung. Eine weitere Strähne löste sich aus ihrem Zopf. Hastig strich sie sie hinters Ohr.

„Es war schön, Sie kennenzulernen, Mr. Lévêque. Ich freue mich auf das Interview.“ Lügnerin!

Er sah ihr nach, das feine rätselhafte Lächeln umspielte noch immer seine Mundwinkel. Schon jetzt konnte sie die vielen Frauen ausmachen, die sich hinter ihm aufgebaut hatten und nur auf ihren Moment warteten, wieder in seine Nähe zu preschen.

„Ich auch“, sagte er mit samtiger Stimme und hob sein Glas. „Á demain, Alana.“ Bis morgen.

Es fiel Pascal nicht leicht, unbekümmert Konversation zu machen, während die stärkste Lust, die er jemals empfunden hatte, noch immer durch seine Adern kreiste. Selbst das Wissen, dass sie nicht verheiratet war, trug nichts zu seiner Beruhigung bei. Zu sehr beschäftigte ihn die Frage, wohin sie wohl gegangen sein mochte … und zu wem. Vielleicht zu einer Verabredung?

„Also, weshalb möchten Sie unbedingt von Alana Cusack interviewt werden?“ Ihr Chef Rory Hogan, Leiter der Sportabteilung bei einem nationalen TV Sender, lachte nervös. Das unterwürfige Verhalten des anderen Mannes ärgerte Pascal. Vor allem, weil es ihm ein paar unangenehme Wahrheiten vor Augen hielt. Anstatt Alana Cusack auf der Fahrt hierher einfach zu vergessen, hatte er einige Anrufe getätigt, um herauszufinden, wer sie war. Und darüber hinaus hatte er sie anschließend auch noch als Interviewpartnerin verlangt!

„Ich habe mich für sie entschieden, weil sie die beste Reporterin des Senders ist.“

Rorys ohnehin schon gerötetes Gesicht wurde noch eine Spur röter. „Ja, sie ist gut. Tatsächlich hat sie uns alle überrascht.“ Er sah sich einen Moment um, dann rückte er näher an Pascal heran.

Pascal widerstand dem Drang zurückzuweichen. Rory wurde von Minute zu Minute betrunkener.

„Die Sache ist die, wir haben ihr überhaupt nur wegen ihrer Vergangenheit eine Chance gegeben.“

Das weckte Pascals Interesse. Trotzdem bemühte er sich, reichlich gelangweilt zu klingen. „Was meinen Sie damit?“

Rory lachte und machte eine weit ausholende Geste. „Sehen Sie all die Frauen, die hier herumlaufen?“

Pascal brauchte gar nicht erst hinzuschauen. Sie lauerten ja geradezu darauf, sich an ihn heranpirschen zu können. Anlässe wie dieser zogen immer eine besondere Sorte Frauen an: erpicht auf eine Ehe mit einem millionenschweren Sportler und den Lebensstil, den sein Einkommen ihnen garantierte.

„Nun, Alana gehörte dazu. Tatsächlich war sie die unangefochtene Königin. Wissen Sie, sie hat Ryan O’Connor geheiratet.“

Unwillkürlich sog Pascal scharf die Luft ein. Selbst er hatte von dem legendären irischen Fußballspieler gehört. Hervorragender Spieler, doch abseits des Spielfeldes machten immer wieder Skandale die Runde. Frauen, Alkohol, wilde Partys. Er versuchte, sich Alana in dieser Szene vorzustellen. Es gelang ihm nicht. Vor seinem geistigen Auge tauchte ein Bild von ihr auf, gekleidet in ein züchtiges schwarzes Kleid, hochgeschlossen und bis zu den Knien reichend. Irgendetwas passte hier nicht zusammen.

Rory plauderte unterdessen ungeniert weiter. „Ihre Hochzeit war die größte, die Irland seit Jahren gesehen hatte. Zwei Prominente vor dem Traualtar. Die irische Mannschaft gewann in Serie. Alana war ihr Glücksbringer. Sie ist zu allen Spielen mitgekommen. Es war eine großartige Party, eine fantastische Zeit … und dann hat sie alles ruiniert.“ Er errötete. „Ich meine, ich weiß, dass sie nicht persönlich dafür verantwortlich ist, aber …“

„Was soll das heißen?“ Fieberhaft versuchte Pascal, sich daran zu erinnern, was er über Ryan O’Connor gehört hatte.

„Tja, sie hat ihn vor die Tür gesetzt. Und das völlig grundlos. Danach hat Ryan den Boden unter den Füßen verloren. Irlands Glückssträhne war vorbei. Ein paar Tage vor der Scheidung ist er ja dann bei dem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Wir haben ihr schließlich den Job gegeben, weil sie sich unglaublich hartnäckig darum beworben hat. Außerdem hat sie wirklich Ahnung von der Sportlandschaft. Es liegt ihr sozusagen im Blut. Schon ihr Vater hat für das irische Rugbyteam gespielt.“

Pascal versuchte noch immer, die Alana, die er kennengelernt hatte, mit den Frauen auf der Party und deren dünnen Kleidchen, die wenig der Fantasie überließen, unter einen Hut zu bekommen. Dann fiel ihm die Szene von vorhin wieder ein, wie sie hastig vor ihnen zurückgewichen war, eine vorwitzige Haarsträhne aus ihrem Zopf gelöst, die Wangen ganz reizend gerötet. Dieser Anblick hatte sein Verlangen über alle Maßen aufglühen lassen. Es war, als habe er einen geheimen Blick auf sie erhaschen können, wie sie im Moment der Leidenschaft aussehen würde.

Doch die Vorstellung, dass sie einst eine Partymaus gewesen war, erfüllte ihn mit Abscheu. Allerdings hatte sie mit ihm definitiv nicht geflirtet. Sie schien nicht einmal gewusst zu haben, wer er war. Vielleicht war aber auch genau das ihre Taktik: sich erobern zu lassen. In diesem Fall, schwor er sich, würde er mit ihr spielen, um herauszufinden, wie weit sie gehen würde, und sich verabschieden, sobald er genug von ihr hatte. Eines jedoch wusste er mit Sicherheit: Der Wunsch, sie zu verführen, war so stark, dass er alles andere in den Hintergrund drängte.

Am nächsten Tag betrachtete Alana in der Damentoilette des Senders kritisch ihr Spiegelbild. Nervös strich sie über die perfekt liegenden Haare. Sie beugte sich vor und kontrollierte das Make-up. Sie hatte ein bisschen mehr als gewöhnlich aufgelegt, um die dunklen Ringe unter ihren Augen zu verbergen. Es war sehr spät gewesen, als sie endlich nach Hause gekommen war. Dann hatte sie Pascal Lévêque einer Internetrecherche unterzogen.

Die Tatsache, dass sie nicht lange hatte suchen müssen, sprach für sich. Er gab nur selten Interviews – das letzte war zwei Jahre her. Er war Vorstandsvorsitzender der Bank Lévêque und hatte diese Position bereits in erstaunlich jungen Jahren erreicht. Mitte bis Ende dreißig hatte er ein Konglomerat aus kleineren, antiquiert arbeitenden Banken ins einundzwanzigste Jahrhundert geführt, indem er sie der Bank Lévêque hinzugefügt und sein Stammhaus damit zu einer der einflussreichsten Banken der Welt gemacht hatte.

Über seine Kindheit und Familie hatte sie so gut wie nichts gefunden. Die einzige Information besagte, dass er als uneheliches Kind in einem Pariser Vorort aufgewachsen war. Über seinen Vater war nichts bekannt.

Alana gab es auf, die hektische Röte ihrer Wangen mit Puder zu kaschieren. Wenn sie noch mehr Make-up auftrug, sah sie wie ein Clown aus.

Dafür hatte sie eine Vielzahl von Informationen über sein Privatleben gefunden. Bild um Bild zeigte ihn mit jeweils einer anderen atemberaubenden Schönheit im Arm. Offensichtlich flirtete und feierte er mit den bekanntesten Schauspielerinnen, Models und It-Girls der Welt. Jedoch schien er nie ein zweites Mal mit derselben Frau auszugehen.

Der Mann war ein Verführer, ein Playboy. Und Alana Cusack, ein Mädchen aus der Mittelklasse mit durchschnittlich hübschem Gesicht und Körper, spielte nicht in seiner Liga. Nicht einmal ansatzweise.

Er war reich. Er besaß Macht. Er war erfolgreich. Er spielte nur, um zu gewinnen. Er war der Inbegriff dessen, was sie sich geschworen hatte nie wieder Teil ihres Lebens werden zu lassen.

Sie packte ihre Make-up-Utensilien zusammen und warf ihrem Spiegelbild einen letzten kritischen Blick zu. Der dunkelblaue Hosenanzug und die cremefarbene Seidenbluse wirkten geradezu provozierend professionell. Und mit ein bisschen Glück hatte Pascal Lévêque eine der Frauen auf der Party gestern Nacht verführt und längst vergessen, dass er an ihr interessiert gewesen war.

„Am besten, wir fangen gleich an, okay?“

Alana sprach forsch und blickte kaum von ihren Notizen auf, als Pascal ins Studio geführt wurde. Doch sie spürte deutlich, wie die Atmosphäre sich änderte. Die Luft wirkte auf einmal wie elektrisch aufgeladen. Nicht einmal bei den besten Sportlern der Welt hatte sie ein so mit Händen greifbares Charisma wahrgenommen.

Beim Vorgespräch hatte einer seiner Berater sie gewarnt, Fragen nach seinem Privatleben zu stellen. Auch seine Beziehungen und Affären waren tabu.

Sie fühlte eher, als dass sie sah, wie er sich ihr gegenüber setzte. Die Stimmen und Geräusche der Menschen um sie herum verrieten ihr, dass Licht und Kamera bereit gemacht wurden. Wieder hatte sie das Glück, heute mit Derek arbeiten zu können. „Noch ein paar Minuten“, sagte er. „Ich muss noch einmal die Scheinwerfer checken.“ Alana murmelte eine Antwort. Die Verzögerung ärgerte sie. Sie wollte das Interview so schnell wie möglich hinter sich bringen.

„Spät geworden gestern Nacht?“

Hastig schaute sie sich um, ob jemand außer ihr die Worte gehört hatte. Niemand reagierte. Der intime Tonfall, den er angeschlagen hatte, behagte ihr gar nicht. Es war, als bestände zwischen ihnen eine alte Vertrautheit, von der keiner etwas wusste. Dabei waren sie einander erst vor weniger als vierundzwanzig Stunden zum ersten Mal begegnet.

„Nein“, erwiderte sie frostig. „Nicht besonders. Und bei Ihnen?“ Warum hatte sie das gefragt? Sie hätte sich ohrfeigen können!

„Ich bin früh zu Bett gegangen und habe von Ihnen in Ihrer hochgeschlossenen Bluse geträumt.“ Unverhohlen ließ er seinen Blick über ihren Körper wandern. „Heute eine Variation des Themas, wie ich sehe. Besitzen Sie für jeden Tag der Woche ein anderes Outfit?“

Flüssiger Honig breitete sich tief in ihrem Innern aus. Dass er sich erdreistete, mit ihr zu flirten, empörte sie so sehr, dass sie keinen Ton herausbrachte.

„Okay, Alana, wir können jetzt.“

Dereks Stimme übertönte das Rauschen ihres Blutes in ihren Ohren. Pascal schenkte ihr ein unschuldiges Lächeln. Alana riss sich zusammen und fand zurück zu ihrer scheinbar kühlen Selbstsicherheit. Und nach den ersten Fragen, die Pascal lässig und gewitzt beantwortete, begann sie sich ein wenig zu entspannen. Sie entwickelte ein System, mit dem sie arbeiten konnte: Sie musste nur jeden Blickkontakt vermeiden.

Eine Weile ging alles gut, doch dann sagte Pascal plötzlich: „Ich habe nicht das Gefühl, dass Sie wirklich an dem Interview interessiert sind.“

Sie hob den Kopf. „Wie bitte?“

Seine Augen blitzten auf, ein amüsiertes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Ich spüre keine Verbindung.“

Alana ahnte, dass alle Anwesenden sie nun aufmerksam anstarrten. Am liebsten wäre sie aufgestanden und gegangen oder hätte zu einer kräftigen Ohrfeige ausgeholt, um das selbstgefällige Grinsen aus seinem Gesicht zu vertreiben. „Es tut mir leid. Was kann ich tun, damit Sie sich besser … verbunden fühlen?“

Sein Blick sprach Bände. „Augenkontakt würde helfen.“

Sie hörte ein leises Kichern aus dem Hintergrund. Altvertrauter Schmerz brandete in ihr auf. Immer wieder wurde sie daran erinnert, dass die Menschen sie scheitern sehen wollten. Sie lächelte freundlich. „Natürlich.“

Von da an bekam das Interview eine völlig neue Wendung. Denn da sie ihn nun ansehen musste, konnte sie auch die Wirkung nicht mehr verbergen, die er auf sie ausübte. Und das wusste er ganz genau. Alana kämpfte sich durch ein paar weitere Fragen, doch mit jeder wurde sie tiefer in einen sinnlichen Abgrund gezogen.

Irgendetwas musste sie tun, um ihm zu entkommen. In ihrer Verzweiflung wich sie vom Skript ab. „Wie kommt es, dass sich ein Junge aus der Pariser Vorstadt so für Rugby interessiert? Sagt man nicht gemeinhin, dass dies ein Spiel der Mittelschicht ist?“

Pascals PR-Berater verkrampfen sich, doch sie schritten nicht ein. Anders als bei anderen Prominenten, billigten sie ihrem Auftraggeber offenbar zu, sich selbst aus der Affäre zu ziehen. Zum ersten Mal ließ Pascal sich mit der Antwort Zeit. Er schaute sie an. Ein Gefühl der Furcht stieg in Alana auf. Dann lächelte er gezwungen, aber das Lächeln erreichte nicht seine Augen. „Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht.“

Alana nickte nur schwach. Sie bedauerte jetzt schon, das Thema angeschnitten zu haben.

„Es ist der Verdienst meines Großvaters“, sagte Pascal nach langem Schweigen.

„Ihr Großvater?“ Sie vermied es, auf ihre Notizen zu blicken. In ihnen stand ohnehin nichts über einen Großvater.

Er nickte. „Mit fünfzehn wurde ich zu ihm nach Südfrankreich geschickt.“ Er zuckte die Schultern, der Ausdruck in seinen Augen blieb unlesbar. „Ein Teenager und die Vorstädte von Paris sind keine gute Kombination.“

Der Schatten, der über sein Gesicht huschte, weckte in ihr den Wunsch zu sagen: „Ist schon okay, Sie müssen nicht antworten“. Diese Feststellung verunsicherte sie. Normalerweise scheute sie sich nicht, unbequeme Fragen zu stellen. Aber Pascal sprach bereits weiter, als nehme er nichts von der Spannung wahr, die zwischen ihnen herrschte.

„Er war sehr aktiv in Rugby League, der französischen Variante des Spiels. Er hat die Liebe zu diesem Sport in mir geweckt.“

Nun hegte Alana keine Zweifel mehr, dass sie auf sehr persönliches Territorium vorgedrungen war. Das Funkeln in seinen Augen sagte ihr, dass sie mit dem Feuer spielte, wenn sie weiterhin Fragen in diese Richtung stellte. Auf einmal jedoch überkam sie das übermächtige Bedürfnis, die Gefahr herauszufordern.

„Haben Sie auch selbst gespielt?“

„Ich habe herausgefunden, dass ich das Talent besaß, meinen Kopf zu benutzen und viel Geld zu verdienen. Sich im Schlamm zu wälzen, überlasse ich den Profis.“

Alana errötete bis in die Haarspitzen. War das eine Anspielung, dass sie angefangen hatte, schmutzig zu spielen? Um sich zu sammeln, schaute sie auf ihre Notizen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie all ihre vorbereiteten Fragen bereits gestellt hatte. Schon wollte sie das Interview beenden und sich bei Pascal für seine Zeit bedanken, da überraschte er sie erneut.

„Jetzt habe ich auch eine Frage an Sie.“

„Ach ja“, stieß sie ein wenig schrill hervor.

„Darf ich Sie heute Abend zum Dinner einladen?“

Alana erstarrte. Dann wich der Schock heißer Wut, dass er sie vor dem gesamten Team gefragt hatte. Die Kamera lief noch. Es war, als hielten alle im Studio die Luft an und warteten gespannt auf ihre Antwort. Sie versuchte, die Angelegenheit mit einem Lachen aus der Welt zu schaffen. „Ich fürchte, Mr. Lévêque, mein Chef sieht es gar nicht gern, wenn ich Berufliches mit Privatem vermische.“

Rory stürzte vor, während er dem Team gleichzeitig bedeutete, die Aufzeichnung zu beenden. „Unsinn, Alana, das hier ist doch etwas ganz anderes. Ich bin sicher, du freust dich darauf, Mr. Lévêque zu zeigen, wie dankbar wir sind, dass er in seinem Terminkalender die Zeit für das Interview gefunden hat.“

Entspannt lehnte Pascal sich im Sessel zurück. „Heute ist mein letzter Abend in Dublin. Aber wenn Sie Nein sagen, Alana, verstehe ich das natürlich.“ Er stand auf und schaute Rory an. „Können Sie die Kassette mit der Aufnahme bitte in mein Hotel schicken? Bestimmt ist alles in Ordnung, trotzdem möchte ich gerne einen Blick darauf werfen.“

Mit anderen Worten, wie Alana Rorys gequältem Gesichtsausdruck entnahm, konnte Pascal dem Sender jederzeit das Recht entziehen, das Interview auszustrahlen. Auch sie erhob sich. „Das wird nicht nötig sein, Mr. Lévêque. Es wäre mir ein Vergnügen, mit Ihnen zu Abend zu essen.“

2. KAPITEL

„Ich mag es nicht, manipuliert zu werden, Mr. Lévêque.“

Pascal betrachtete Alanas Profil. Sie saß so weit entfernt von ihm wie möglich auf der Rückbank seines Wagens. Ihre zu einer schmalen Linie zusammengepressten Lippen weckten in ihm den Wunsch, ihr zu zeigen, wie sehr sie es vielleicht doch schätzen könnte. Er wusste, dass auch sie die prickelnde Spannung zwischen ihnen spürte. An einem Punkt des Interviews, als sie die Kühnheit besessen hatte, nach seiner Vergangenheit zu fragen, hatten ihre Blicke sich getroffen und gefangen gehalten. In ihren Augen hatte er ihr Verlangen lesen können, so gerne sie ihm das auch verborgen hätte.

„Ich würde es lieber einen zarten Schubs nennen.“

Sie warf ihm einen raschen Seitenblick zu und gab einen erstickten Laut von sich. „An Ihrer Drohung, dem Sender die Rechte an dem Interview zu verweigern, kann ich nichts Zartes finden, Mr. Lévêque!“

„Das könnte ich immer noch tun“, erwiderte er gedehnt. Wie aufs Stichwort wandte Alana sich ihm mit blitzenden Augen zu. Adrenalin strömte durch seine Adern. Er war es so leid, dass niemand wagte, ihm zu widersprechen – bis auf die grünäugige Hexe.

„Handhaben Sie Ihre Geschäft immer auf diese Weise?“, zischte sie.

Sofort rückte Pascal näher an sie heran. Sie atmete seinen herben Duft ein, der ihr bereits jetzt viel zu vertraut vorkam.

„Die Gefühle, die Sie in mir wecken, haben nichts Geschäftliches an sich. Und normalerweise brauche ich keine Drohungen auszusprechen, um eine Frau zum Dinner mit mir zu überreden. Sagen Sie mir, Alana, warum wollten Sie nicht mit mir ausgehen?“

Und warum waren Sie so erpicht darauf? hätte sie ihn am liebsten angeschrien. Verlegen rang sie die Hände im Schoß. Pascal sah die Bewegung, und bevor sie ihn stoppen konnte, hatte er ihre Hände ergriffen und verschränkte ihre Finger mit seinen. Sogleich überkam Alana eine seltsame Mischung aus wohliger Freude und heißem Verlangen.

„Ich … mag Sie nicht einmal.“

„Sie kennen mich nicht gut genug, um zu wissen, ob Sie mich mögen oder nicht. Und die Energie, die zwischen uns pulsiert, hat nichts mit mögen zu tun.“

Es war vielmehr Lust.

„Ich …“

Alana senkte verlegen den Blick, sah ihre kleinen Hände zwischen seinen großen bronzefarbenen. Der Anblick ließ sie an andere Körperteile denken – ihre Beine zwischen seinen auf zerwühlten Bettlaken. Mit übermenschlicher Anstrengung entzog sie ihm ihre Hand und schaute ihn an. Auf ihrem Gesicht, das wusste sie, würde er ihr Entsetzen lesen können. Sie fühlte sich gehetzt und gejagt. Bei Ryan hatte sie nie dieses Verlangen, dieses erregende pure Verlangen empfunden. Doch die Wunde, die er in ihrer Seele hinterlassen hatte, war immer noch frisch. Zu frisch.

Pascal musterte sie eindringlich, doch die Atmosphäre hatte sich bereits geändert. Das Prickeln war nicht mehr so intensiv wie noch vor wenigen Augenblicken. Er streckte die Hand aus und schob eine vorwitzige Strähne hinter ihr Ohr zurück.

„Ich mag es, wenn Sie Ihr Haar offen tragen.“

„Pascal …“

Er verspürte einen kleinen Triumph, als sie ihn unbewusst beim Vornamen nannte und nicht beim steifen „Mr. Lévêque“ verharrte. Er ließ seine Hand sinken. „Alana, es ist nur ein Dinner. Wir essen, wir reden, und dann bringe ich Sie nach Hause.“

Der Wagen wurde langsamer und hielt vor einem bekannten Nobelrestaurant. Alana überdachte seine Worte, seinen beschwichtigenden Tonfall und schwor sich insgeheim, ein Taxi nach Hause zu nehmen. Anschließend brauchte sie ihn nie wiederzusehen.

Sie war sich der Aufmerksamkeit bewusst, die Pascal und sie unter den anderen Gästen erregten, als sie dem Kellner zu ihrem Tisch folgten. Auch wenn die Gesellschaft viel zu exklusiv war, als dass auffällig die Hälse gereckt wurden, kündete ein anschwellendes Tuscheln vom allgemeinen Interesse.

„Keine Sorge, Alana“, sagte Pascal, als sie einander gegenüber Platz genommen hatten. „Ich gebe mich keinerlei Illusionen hin. Für Sie fällt dieses Abendessen in die Kategorie Arbeit.“

Sie gab keine Antwort.

„Ich mache das an Ihrem Beharren fest, mich in meinem Hotel zu treffen. An Ihrer Weigerung, sich zu Hause abholen zu lassen. An der Tatsache, dass Sie noch dieselben Kleider wie bei dem Interview heute morgen tragen.“

Die Art und Weise seiner Aufzählung, die nicht nur von guter Beobachtung zeugte, sondern auch von der Fähigkeit, die richtigen Schlüsse zu ziehen, ließ sie sich sehr verletzlich fühlen. „Ich hatte keine Zeit, mich umzuziehen. Und Ja, ich halte das hier für Arbeit.“ Sie beugte sich ein wenig vor. „Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich im Zentrum des öffentlichen Interesses stand. Ich habe mir geschworen, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Mit Ihnen hier zu sein, mit Ihnen gesehen zu werden, könnte mich in eine heikle Lage bringen. Ich möchte nicht, dass man denkt, wir hätten ein romantisches Date.“

„Mit wem verabreden Sie sich dann, Alana?“

„Mit niemandem.“

„Aber Sie waren mit Ryan O’Connor verheiratet.“

„Zweifellos mussten Sie nicht tief graben, um das herauszufinden.“

„Nicht tiefer, als Sie in meinem Leben.“

„Das waren ganz normale Vorbereitungen für ein professionelles Interview.“

„Muss ich Sie daran erinnern, dass Ihre Fragen dennoch nicht dem abgesprochenen Skript gefolgt sind?“

Das Blut schoss ihr in die Wangen. „Ihnen muss doch klar sein, dass Sie, wenn Sie sich der Presse öffnen, das Risiko eingehen, genau diese Fragen gestellt zu bekommen.“

Pascal nickte einmal, doch der eisige Ausdruck in seinen Augen blieb. „Natürlich. So naiv bin ich nicht. Aber von Ihnen hatte ich das nicht erwartet.“

Schuldgefühle überfielen sie. Er hatte nämlich recht. Bei jedem anderen Menschen, der ihr gefühlsmäßig nicht so zusetzte, hätte sie niemals unabgesprochene Fragen gestellt. Einzig ihre Reaktion auf ihn hatte sie veranlasst, ihn zu irgendeiner Antwort zu provozieren, die sein Interesse an ihr abkühlen lassen würde. Sie fragte sich, an welcher Oberfläche sie eigentlich mit ihren Fragen gekratzt hatte.

Gerade als sie antworten wollte, trat eine Kellnerin an ihren Tisch und nahm ihre Bestellungen auf. Sobald sie wieder alleine waren, beugte auch Pascal sich vor. „Sie können sich einreden, dass Sie wegen der Arbeit hier sind, Alana, aber ich finde Arbeit als Gesprächsthema ungemein langweilig. Viel lieber würde ich mich über andere Dinge unterhalten.“

„Und die wären?“

„Zum Beispiel wohin Sie gestern Abend so dringend verschwinden mussten, wenn Sie doch keine Verabredungen haben.“

Alles in Alana versteifte sich, doch dann geschah etwas Seltsames. Gegen ihren Willen schmolz der Widerstand in ihrem Innern. Also erzählte sie ihm von dem vierzigsten Geburtstag ihres Bruders. Und das führte dazu, dass sie auch von ihren anderen sechs Geschwistern berichtete. Und von ihren Eltern.

„Und alle sind glücklich verheiratet und haben Kinder?“

Unwillkürlich musste sie lächeln, als sie Pascals entsetzten Gesichtsausdruck sah. Sie wusste, wie schwer es den meisten Menschen fiel, die Größe irischer Familien als normal zu begreifen. Sie nickte trotz der Schuldgefühle, die sich mal wieder in ihr ausbreiteten. Sie war die Anomalie in ihrer Familie. „Alles in allem habe ich fünfzehn Nichten und Neffen. Und meine Eltern sind in der Tat seit über fünfzig Jahren glücklich verheiratet.“

Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Das wievielte Kind sind Sie?“

„Ich bin das Nesthäkchen. Mein jüngster Bruder ist zehn Jahre älter als ich. Deshalb habe ich mich trotz meiner vielen Geschwister immer wie ein Einzelkind gefühlt. Solange ich zurückdenken kann, gab es fast immer nur meine Eltern und mich, weil die anderen schon aus dem Haus waren.“

Der Gedanke an Vater und Mutter ließ sie verstummen. Ihre Eltern waren nicht mehr die Jüngsten. Vergangenes Jahr hatte ihr Vater sich einer dreifachen Bypassoperation unterziehen müssen. Ihre älteren Geschwister waren mit ihren eigenen Familien beschäftigt, sodass vor allem sie sich um ihre Eltern gekümmert hatte. Nicht, dass ihr das etwas ausmachte. Doch sie spürte immer deutlicher, dass ihre Eltern sich um sie sorgten und dass sie nichts lieber wollten, als dass auch sie endlich den Partner fürs Leben fand. Vor allem nach Ryans Tod.

Alana trank einen Schluck Kaffee und wich Pascals eindringlichem Blick aus. Es schien, als könne er ihre Gedanken lesen. Sie hoffte, der Kaffee würde die Wirkung des Weins abmildern, den sie zum Essen getrunken hatte. Es war ihr verblüffend leicht gefallen, sich mit Pascal zu unterhalten. Er war ein guter Zuhörer, charmant, interessiert. Interessant.

Doch mit seiner nächsten Frage bereitete er ihrer Entspanntheit ein jähes Ende. „Was ist dann passiert? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihnen der Entschluss, die Scheidung einzureichen, leicht gefallen ist. Nicht bei diesem familiären Hintergrund.“

Seine scharfe Beobachtungsgabe traf wie ein Pfeil mitten in ihr Herz. Dabei wusste er nicht einmal die Hälfte. Ihre eigene Familie kannte nicht die ganze Wahrheit.

„Ich möchte lieber nicht über meine Ehe sprechen.“

Pascal war versucht, Alana zu drängen, doch er sah auch, wie verkrampft sie auf einmal wieder dasaß. Während des Essens hatte sie sich mehr und mehr entspannt. Andauernd hatte er sich ermahnen müssen, nicht den Blick zu den sanften Rundungen ihrer Brüste, die sich so reizvoll unter der feinen Seidenbluse abzeichneten, wandern zu lassen. Er konnte immer noch nicht einschätzen, warum sie so versessen darauf war, ihren Körper zu verbergen. Seltsamerweise ließ ihr Verhalten sein Interesse an ihr nicht erlahmen. Das Gegenteil war der Fall.

Aber wenn er sie jetzt bedrängte, würde er sie verlieren. Alana Cusack stellte hohe Anforderungen an seine Geduld. Also sagte sie mit einem offenen Lächeln: „Kein Problem.“

Pascal ignorierte Alanas Proteste und bestand darauf, sie nach Hause zu bringen. Ihr kleines Cottage lag nur zehn Minuten vom Restaurant entfernt in einem der ältesten Viertel Dublins. Nur mit Mühe gelang es dem Fahrer, den großen Wagen durch die kleinen Gässchen zu steuern. An dem Platz vor ihrem Häuschen war endgültig Schluss. Parkende Autos machten jedes Weiterkommen unmöglich.

Alana ergriff die Initiative und sprang aus dem Wagen. Doch Pascal reagierte blitzschnell und folgte ihr den schmalen Fußweg zur Haustür.

Vor der Tür blieb sie stehen und wandte sich zu ihm um. Furcht legte sich über sie – mehr vor sich selbst als vor ihm. Ein heller Mond schien vom Himmel, die Luft an diesem Februarabend war kühl. Sie hob den Kopf und schaute in Pascals dunkles Gesicht. Wenn er sie jetzt küsste, so viel ahnte sie, würde sie nicht mehr die Kraft aufbringen, ihn aufzuhalten.

Plötzlich zog er sich zurück. Unwillkürlich machte Alana eine Bewegung auf ihn zu. Seine Augen blitzten auf; ihre Reaktion war ihm nicht entgangen – und er wusste sie richtig einzuschätzen.

Bevor sie ein Wort sagen konnte, hatte er ihre Hand ergriffen und an seine Lippen gehoben – genauso wie gestern Nacht auf der Party. Die altmodische Geste berührte und verwirrte sie. In ihrem Innern befand sich alles in wildem Aufruhr. Verlangen und Widerstand stritten um die Vorherrschaft. Und dann wandte Pascal sich um und ging zurück zu seinem wartenden Wagen. Entgegen aller Vernunft hörte Alana sich seinen Namen rufen. Er blieb stehen und drehte sich halb zu ihr um.

„Ich … ich wollte mich für das Dinner bedanken.“

Er kehrte zu ihr zurück. Einen Moment glaubte sie, er würde sie nun doch küssen. Panik und Vorfreude stiegen in ihr auf, aber er streckte nur die Hand aus und strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Auch das hatte er schon einmal getan. Im Wagen, auf dem Weg ins Restaurant. Diesmal jedoch überkam sie der Wunsch, ihre Wange gegen seine Handfläche zu schmiegen. Doch da hatte er seine Hand schon zurückgezogen.

„Gern geschehen, Alana. Wir werden uns wiedersehen, das verspreche ich Ihnen.“

Damit wandte er sich abermals um und schlenderte zum Wagen. Diesmal stieg er ein. Mit offenem Mund sah Alana dem abfahrenden Wagen nach.

Ihr blieb keine andere Wahl, als sich die Wahrheit einzugestehen. Sie konnte sich noch so oft einreden, dass sie nicht an ihm interessiert war. Doch das war eine Lüge. Mit spielerischer Leichtigkeit durchbrach er die Mauer, die sie nach Ryans Tod um ihre Gefühle errichtet hatte. Ja, sie empfand sogar Enttäuschung, dass der Mann, den sie kaum vierundzwanzig Stunden kannte, sie zum Abschied nicht geküsst hatte. Die Fassade kühler Gelassenheit, hinter der sie sonst all die bitteren Enttäuschungen und zerbrochenen Träume verbarg, befand sich ernsthaft in Gefahr, zu zerbröckeln.

Am nächsten Morgen, als Alana in ihrer winzigen Küche stand und eine Tasse Tee trank, glaubte sie, sich wieder völlig unter Kontrolle zu haben. Sie brauchte sich nur umzusehen. Hier, in ihrem Cottage, das war die Wirklichkeit. Mehr hatte sie sich nach Ryans Tod nicht leisten können. Ihr Exmann hatte ihr nämlich keine Millionen vererbt, auch wenn alle anderen fest davon überzeugt waren.

In Wahrheit sammelte sie noch immer die emotionalen und finanziellen Scherben ein, die fünf Jahre Ehe hinterlassen hatten. Die seelischen Narben mochten eines Tages heilen, dank des finanziellen Desasters würde sie jedoch noch sehr lange Zeit sehr hart arbeiten müssen. Ryan hatte einen riesigen Schuldenberg angesammelt. Und da sie bei seinem Tod noch nicht geschieden waren, war der auf Alana übergegangen. Der Verkauf des luxuriösen Hauses in einem der gehobenen Stadtteile Dublins hatte die Schulden nicht einmal annähernd getilgt.

Alana verzog das Gesicht, trank den letzten Schluck Tee und spülte die Tasse aus. Stolz war keine gute Eigenschaft, das wusste sie. Aber nur damit hatte sie sich einen Rest Würde bewahren können. Keiner Menschenseele hatte sie den katastrophalen Zustand ihrer Ehe anvertraut. Niemand wusste von dem Tag, als sie in ihr Schlafzimmer gekommen war und Ryan mit drei Frauen im Bett erwischt hatte – Callgirls, wie sich später herausstellte. Alle vier hatten Kokain genommen. Er war so high, er hatte nicht einmal bemerkt, dass sie es nicht in seinem Schlafzimmer trieben. Zu diesem Zeitpunkt schliefen sie bereits seit drei Jahren in getrennten Betten.

An diesem Tag reichte sie die Scheidung ein.

Aber ihr gerissener Noch-Ehemann sorgte dafür, dass alles so aussah, als habe Alana ihn kaltherzig aus dem Haus geworfen. Sie ahnte nichts von seinen Hintergedanken, als er ihr anbot, statt ihrer auszuziehen. Dabei hätte sie es besser wissen müssen.

Es fiel ihr nicht leicht, sich das Scheitern ihrer Ehe einzugestehen. Es ihrer Familie anzuvertrauen, empfand sie als unmöglich. Der Gesundheitszustand ihres Vaters war damals sehr kritisch, ihre Mutter krank vor Sorge. Wie hätte sie ihre Eltern mit ihren dummen Problemen belasten können? Zum gleichen Zeitpunkt wurde bei einer ihrer älteren Schwestern Brustkrebs diagnostiziert. Alana, als einzige der Geschwister kinderlos, war ins Haus ihrer Schwester gezogen, um ihrem Schwager während Màires Chemotherapie mit den drei Kindern zu helfen.

So waren ihre eigenen Probleme immer weiter in den Hintergrund gerückt. Damals war sie froh gewesen, nicht ständig an die bevorstehende Scheidung denken zu müssen. Jeden noch so kleinen Versuch ihrer Familie, sie danach zu fragen, hatte sie beschämt abgeblockt.

Genau diese Tatsache hatte Pascal gestern intuitiv begriffen. Es war nicht leicht, die Einzige in einer Familie zu sein, die Pech in der Liebe hatte. Anscheinend besaß sie so gut wie keine Menschenkenntnis, vor allem nicht, wenn es um Männer ging.

Alana schlüpfte in ihren Mantel und schnappte sich die Schlüssel. Sie weigerte sich, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Wohin das führte, wusste sie nämlich genau. Am Ende stand die Frage, was passieren würde, wenn sie Pascal doch wiedersah.

Sechsunddreißig Stunden. Pascal stand am Fenster seines Büros im Pariser Vorort La Défense und schaute blickleer auf den Grande Arche, die moderne Variante des Triumphbogens, hinaus.

Seine Gedanken an Alana Cusack nahmen in seinem Kopf Ausmaße an, die sonst für Zahlen und Fakten reserviert waren. Normalerweise konnte er Privatleben und Arbeit recht gut trennen. Bisher war keine Frau jede wache Sekunde in seinem Denken präsent gewesen. Er sehnte sich nach Vergnügen, nicht nach einer festen Bindung. Er liebte seine Freiheit, die Aufregung der Jagd, der Eroberung.

Aber jetzt erfüllte eine grünäugige Hexe in hochgeschlossenen Kleidern, die impertinente Fragen stellte, sein Blut mit heftig pulsierendem Verlangen. Er musste sich so schnell wie möglich wieder von ihr befreien. Bestimmt wurde seine Leidenschaft nur dadurch angefacht, dass sie sich so unnahbar gab. Dadurch erschien sie ihm faszinierender als jede andere Frau.

Ungeduldig fuhr Pascal mit einer Hand durch sein dunkles Haar. Schluss jetzt! Er wandte dem Ausblick den Rücken zu und rief seine Sekretärin ins Büro. Sie hörte seinen Anweisungen aufmerksam zu und notierte die Details. Und sie war professionell genug, um sich nicht anmerken zu lassen, wie ungewöhnlich seine Wünsche diesmal waren.

Denn das waren sie.

„Jemand hat etwas für dich abgegeben, Alana. Es liegt auf deinem Schreibtisch.“

„Danke, Sophie!“ Sie blickte von ihren Notizen auf, um sich bei der Aushilfskraft mit einem freundlichen Lächeln zu bedanken. Ihr Lächeln verschwand, als sie Sophies verschmitzten Gesichtsausdruck bemerkte.

Mit einer unguten Vorahnung öffnete sie die Tür zu ihrem Büro. Auf dem Schreibtisch lag ein riesiger Blumenstrauß. Notizblock und Stift glitten ihr aus den Fingern. Ihre Hände zitterten, als sie die Karte zwischen den Blüten hervorzog.

Hastig schloss sie die Tür. Dann riss sie den Umschlag auf und nahm die sehr edel und teuer wirkende Karte heraus. Darauf stand in wunderschöner Schrift nur ein einziges Wort: „Ich …“

Verwirrt starrte sie die Karte an. Zunächst hatte sie befürchtet, Pascal habe ihr die Blumen geschickt. Doch die Karte verriet nichts; jeder hätte sie geschrieben haben können.

Den Rest des Tages war Alana nervös und angespannt. Sie verließ das Büro erst, als sie sicher war, dass alle anderen bereits nach Hause gegangen waren.

Am nächsten Morgen, als sie zur Arbeit kam, begrüßte Sophie sie abermals mit einem: „Da liegt etwas für dich auf dem Schreibtisch.“

Alana glaubte, ihr Herz bliebe stehen. Sie kam sich vor wie in einer Zeitschleife gefangen. Sie hastete in ihr Büro und knallte die Tür hinter sich zu. Wieder ein wunderschöner riesiger Blumenstrauß. Sie griff nach der Karte. Auf dieser stand: „werde …“

Am Ende der Woche saß Alana vor dem Tisch in ihrem Wohnzimmer und fühlte sich ganz benommen. Der Duft der Blumen hing schwer in allen Räumen des Cottages. Aufgereiht auf dem Tisch vor ihr lagen fünf Karten. Fünf Tage, fünf Sträuße, eine Botschaft.

Nun ergaben die Worte einen Sinn: „Ich werde Sie heute besuchen.“

Seit heute Morgen, seit der letzten Karte, hatte sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen eingenistet. Kurz hatte sie daran gedacht, sich mit einer Freundin zu verabreden oder ins Kino zu gehen – alles, um heute Abend nicht zu Hause zu sein.

Das Klingeln ihres Telefons durchbrach die Stille. Alana zuckte zusammen. Ihr Herz pochte wie wild. „Hallo?“

„Was ist das für eine Geschichte mit dir und Pascal Lévêque?“

Alana ließ sich in die Sofakissen sinken. „Ailish.“ Ihre älteste Schwester.

„Also, was läuft da? Anscheinend hat einer der begehrtesten Junggesellen Frankreichs dich letztes Wochenende zum Essen ausgeführt.“

„Woher weißt du das?“

„Es steht heute in allen Klatschzeitungen.“

Alana unterdrückte ein Stöhnen und fragte sich, wie ihr das entgangen sein konnte. Irgendjemand musste die Story an die Presse weitergegeben haben. Genug Leute hatten gehört, wie er sie eingeladen hatte. Und man brauchte kein Genie zu sein, um sich zusammenzureimen, dass die Blumen von ihm stammten.

„Ich habe ihn interviewt, er hat mich zum Essen eingeladen, das ist alles. Zwischen uns läuft gar nichts.“

Ihre Schwester gab ein missbilligendes Schnauben von sich. „Ich hoffe nur, du lächelst nicht jeden Tag von den Titelblättern der Zeitungen, die neue Sexgeschichten von dir und diesem Casanova enthüllen. Ich meine, kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn Mom und Dad das erfahren? Es war schon schlimm genug, dich praktisch vor der gesamten Nation verteidigen zu müssen, als du Ryan vor die Tür gesetzt hast.“

Am ganzen Leib zitternd, stand Alana auf. Die Erinnerung an die besorgten Gesichter ihrer Eltern wurde wieder lebendig. „Ailish, was ich tue und mit wem ich mich treffe, geht dich überhaupt nichts an. Ich kommentiere ja auch nicht deine Ehe mit Tom.“

„Da gibt es auch nichts zu sagen“, erwiderte Ailish giftig. „Über uns spricht nicht ganz Irland beim Frühstück.“

Die Türklingel meldete sich. Automatisch setzte Alana sich in Bewegung, um zu öffnen. „Wie schon gesagt, es geht dich nichts an.“ Das Telefon zwischen Ohr und Schultern eingeklemmt, schob sie den Riegel zurück. „Ich bin eine erwachsene Frau und kann treffen, wen ich will, hingehen, wo ich will und Sex haben mit wem und wann immer ich will.“

Sie riss die Tür auf. Ihre Worte schwebten noch in der Luft. Vor ihr stand ein atemberaubend attraktiver Pascal Lévêque. Ihr Herz begann zu rasen. Während des Gesprächs mit ihrer Schwester hatte sie ihn ganz vergessen. Das schnurlose Telefon glitt ihr aus den Fingern und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden.

Pascal betrat wie selbstverständlich das Cottage, ließ die Tür ins Schloss fallen und bückte sich nach dem Telefon.

Aus dem Hörer drang eine verärgerte Stimme. „Alana? Alana!“

Alana konnte den Blick nicht von Pascal abwenden. Sie nahm das Telefon entgegen und sagte: „Ailish, ich habe gerade Besuch bekommen. Ich rufe dich zurück, okay?“

Worte hallten durch ihren Kopf. Jetzt ist es zu spät zu fliehen.

3. KAPITEL

Der Schock, ihm so unvermittelt gegenüberzustehen, verflüchtigte sich rasch. Alana verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete ihn mit düsterer Miene.

„Dieses Telefonat hätte ich nie führen sollen. Alles ist allein Ihre Schuld.“

Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite. „Es tut mir leid. Aber ich habe nur den einen, wenn auch überaus faszinierenden Satz gehört. Ich weiß nicht, worin meine Schuld besteht. Denn ganz sicher hatten wir noch keinen Sex.“

Alana errötete bis in die Haarspitzen. „Wissen Sie, dass unser Dinner heute Thema Nummer eins in den Klatschblättern zu sein scheint?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, das wusste ich nicht. Aber natürlich waren wir nicht die einzigen Gäste im Restaurant. Vielleicht haben auch ein oder zwei Ihrer Kollegen im Studio gehört, dass ich Sie eingeladen habe.“

Alana lachte laut auf. „Ein oder zwei? Wie wäre es mit: Das gesamte Team war anwesend? Und obendrein ist es auch noch aufgezeichnet worden!“

Pascal schlüpfte aus seinem dunklen Mantel und zauberte von irgendwoher eine Flasche Wein hervor. Panik stieg in Alana auf. Abwehrend streckte sie die Hände aus, als könne ihn das aufhalten.

„Was tun Sie denn da? Hören Sie sofort auf, den Mantel auszuziehen! Sie können nicht hier bleiben.“ Sie schüttelte heftig den Kopf. „Und ganz sicher gehe ich nicht wieder mit Ihnen aus.“

„Wir müssen nicht ausgehen, Alana, aber ich bin extra aus Paris gekommen, um Sie zu sehen.“

Seine Stimme klang weich und samtig. Und doch bestimmt.

Sie schluckte. „Was wollen Sie?“

Pascal verbat sich, ihr die Wahrheit zu sagen. Er wollte sie nicht verschrecken. Denn was er am liebsten wollte, beinhaltete wesentlich weniger Kleider. Auch heute trug sie schwarz, statt der steifen Bluse gab es einen Rollkragenpullover, der sich perfekt an ihren Oberkörper schmiegte und ihn zum ersten Mal zumindest die Silhouette ihrer Brüste erahnen ließ. Sie besaßen die perfekte Form, eher klein, dafür herrlich rund. Nur allzu leicht konnte er sich vorstellen, wie sie sich in seinen Händen anfühlen würden, wie reife Pfirsiche, deren Knospen sich unter seinen sanften Liebkosungen verhärteten … Abrupt knallte er die Tür zu seiner überbordenden Fantasie zu.

„Was ich gerne möchte, ist, diese Flasche Wein mit Ihnen zu teilen und mich mit Ihnen zu unterhalten. Mehr nicht.“

Misstrauisch sah Alana ihn an. Dass er, ohne zu fragen, in ihre Wohnung eingedrungen war, behagte ihr gar nicht. Zögernd traf sie eine Entscheidung. „Also gut.“

Sonderlich begeistert wirkte sie nicht gerade, also verbarg Pascal das Gefühl von Triumph, das ihn nämlich durchaus durchströmte. Er reichte ihr den Wein und achtete darauf, dass ihre Hände einander nicht berührten.

Während Alana in die offene Küche ging, hörte sie, wie Pascal sich im Wohnzimmer bewegte. Verstohlen schaute sie zu ihm hinüber. Er trug dunkle Hosen und ein helles Hemd. Der oberste Knopf stand offen, als habe er eben seine Krawatte abgelegt. Er musste direkt von der Arbeit gekommen sein. In einem Privatjet? Irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, dass er sich, wie ein Normalsterblicher, in einer Schlange vor dem Check-in-Schalter anstellte. Er gehörte zu den Menschen, die über das Rollfeld schlenderten und in einen eleganten schnellen Jet einstiegen.

„Wie ich sehe, haben Sie meine Blumen bekommen.“

„Ja, danke.“ Innerlich zuckte sie zusammen. Hatte er auch die Karten gesehen, die in der richtigen Reihenfolge auf dem Tisch lagen? „Sie hätten sie mir nicht schicken sollen. Im Sender herrschte ganz schöne Aufregung, die ich lieber vermieden hätte.“ Verflixt, wieso klang sie nur so zickig?

Pascal schaute sich um. Bestimmt war sie aus ihrer Ehe mit Ryan O’Connor anderes gewöhnt. Dieses winzige Cottage war ein weiteres Rätsel, das es zu ergründen galt. „Es tut mir leid, Sie in Verlegenheit gebracht zu haben. Ich wollte Ihnen nur zeigen, dass es mir ernst ist mit meinem Wunsch, Sie wiederzusehen.“

Endlich gelang es ihr, den Wein zu entkorken. Sie schenkte zwei Gläser ein und reichte eines an Pascal weiter.

Einen langen Moment sah er sie einfach nur an, dann hob er sein Glas. Ihr Herz pochte wild in Erwartung auf das, was er sagen würde.

Doch er meinte nur: „Santé.“

Alana stieß mit ihrem Glas gegen seines und erwiderte die irische Entsprechung: „Sláinte.“

Der Wein schmeckte samtig, dunkel und fruchtig. Definitiv ein edler Tropfen. Alana bedeutete Pascal, er solle auf dem Sofa Platz nehmen. Sie setzte sich in den Sessel ihm gegenüber. Die wenigen Lampen verbreiteten ein angenehm warmes Licht. Sie war immer noch wütend, dass er unangemeldet aufgetaucht war. Doch unter der Wut breiteten sich andere Gefühle aus. Aufregung. Freude.

Ihr Bauch gab ein grummelndes Geräusch von sich. „Haben Sie schon gegessen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein.“

Alana stand auf. „Ich wollte mir gerade eine Kleinigkeit machen. Wenn Sie mögen, koche ich für Sie mit.“

„Das wäre toll. Ich bin am Verhungern.“ Er lächelte. Und einen Moment war es, als habe die Erde aufgehört, sich zu drehen.

Hastig griff Alana nach ihrem Weinglas und flüchtete in die Küche. Pascal blieb auf dem Sofa sitzen, einen Arm über die Rückenlehne gelegt, als sei er hier zu Hause. Sie wickelte Fisch in Alufolie und schob ihn in den Ofen. Dann setzte sie Kartoffeln auf. Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, schaute Pascal gerade ihre CD-Sammlung durch.

Der Anblick bescherte ihr einen Augenblick der Klarheit. Was tat sie hier eigentlich? Sie sollte ihn doch aus dem Haus jagen, nicht für ihn kochen! Aber es hatte sich so natürlich angefühlt, ihn zu fragen, ob er mit ihr essen wolle. Außerdem waren die Blumen, die er ihr geschickt hatte, wirklich wunderschön. Nach dem heutigen Abend würde sie ihn ohnehin nie wiedersehen – was konnte ein kleines Essen da schon schaden?

Zufrieden, eine Rechtfertigung für ihr Verhalten gefunden zu haben, und fest entschlossen, dem seltsamen Gefühl tief in ihrem Innern keine weitere Aufmerksamkeit zu schenken, empfand sie die Tatsache, dass er zielsicher ihre Lieblings-CD aufgelegt hatte, eher als beruhigend denn erschreckend.

„Ich hoffe, die Musik stört Sie nicht?“

Sie schaute zu Pascal hinüber, der vor ihrer Stereoanlage kniete. Unter dem Hemd zeichnete sich deutlich sein breiter Rücken ab. Sie schüttelte den Kopf. Auf einmal fühlte ihr Mund sich doch ziemlich trocken an.

„Nein … nein.“ Hastig trank sie noch einen Schluck Wein. Oh Gott!

Lächelnd räumte Alana nach dem Essen die leeren Teller ab. Während des Essens hatten sie sich über Filme, Bücher, Frankreichs Politik, das Six Nations Turnier und Rugby unterhalten. Voller Stolz erzählte sie von ihrem Vater, der für die irische Nationalmannschaft gespielt hatte. Auch in Pascals Augen vermeinte sie etwas aufblitzen zu sehen. Er hatte ihr zwar erzählt, dass er nicht selber spielen würde, insgeheim fragte sie sich jedoch, ob er nicht zumindest früher Ambitionen in diese Richtung gehegt hatte.

Aus der Küche zurückgekehrt, setzte sie sich wieder auf ihren Sessel und zog die Füße an. Ihre Schuhe hatte sie längst ausgezogen. Sie fühlte sich energiegeladen und aufgekratzt, als könne sie die ganze Nacht aufbleiben.

Zu ihrer größten Überraschung blickte Pascal auf seine Armbanduhr. Dann trank er den letzten Schluck Wein und stand auf.

„Ich fürchte, ich muss jetzt gehen.“

Auf einmal kam sie sich sehr dumm vor. Dabei sollte sie doch erleichtert sein, ihm rasch seinen Mantel holen und ihm eine gute Heimreise wünschen. Warum nur beschlich sie bei dem Gedanken ein Gefühl der Leere? Der alte Schmerz, wieder einmal eine Situation falsch eingeschätzt zu haben, flammte in ihr auf.

„Oh, natürlich. Ich vermute, Sie sind geschäftlich hier? Und müssen weiter zu einem anderen Termin?“

Pascal schüttelte den Kopf und trat einen Schritt auf sie zu. Zurückweichen konnte sie nicht, der Sessel stand unmittelbar hinter ihr. Ihr Herz klopfte so laut in ihren Ohren, dass sie befürchtete, er müsse es auch hören.

„Das ganze Wochenende über jagt ein Meeting das nächste. Allerdings in Paris. Die nächste Flugfreigabe darf ich nicht versäumen, sonst komme ich morgen früh zur ersten Sitzung zu spät.“

Eine Erkenntnis begann sich in Alanas Gehirn durchzusetzen. Pascal war lediglich für ein paar Stunden nach Dublin gekommen. Nur um sie zu sehen. Es fiel ihr schwer, das zu begreifen.

„Ich … ich …“

Er schenkte ihr ein sehr sexy Lächeln. „Es war die Sache wert, Alana. Die ganze Woche über habe ich an Sie gedacht. Ich kann Sie einfach nicht vergessen.“

„Ich …“ Ihr wollte nichts Sinnvolles einfallen. Pascal kam noch einen Schritt näher.

Er stand jetzt so nahe vor ihr, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm in die dunklen Augen zu sehen. Sie spürte, wie er einen Finger unter ihr Kinn legte, wie er mit dem Daumen die weiche Haut ihrer Wange streichelte.

Sein Duft hüllte sie ein, weckte ein Verlangen in ihr, wie sie es noch nie in ihrem Leben empfunden hatte.

„In den vergangenen Tagen“, sagte er leise, und seine Stimme klang rau dabei, „habe ich mir fest vorgenommen, das nicht zu tun. Du berauschst meine Sinne in einem Ausmaß, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte. Die ganze Woche habe ich mich gefragt, wie es wohl sein würde.“

Sie schluckte. „Wie was sein würde?“ Aber sie kannte die Antwort bereits. Der Himmel allein mochte wissen, wie oft sie in den vergangenen Tagen daran gedacht hatte. Sie hatte es nur nicht wahrhaben wollen.

Als Pascal die Worte aussprach, durchflutete sie ungeheure Erleichterung.

„Dich zu küssen.“

Er hörte auf, ihre Wange zu streicheln. Sein Finger unter ihrem Kinn war die einzige Berührung zwischen ihnen. Dann neigte er den Kopf. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielten keine Rolle mehr, als Alana die Augen schloss und sie seine Lippen auf ihren spürte. Es war ein sanfter Kuss, vorsichtig, tastend. Und doch entzündete er ein Feuer wilder Sehnsucht in ihren Adern.

Als er sich langsam zurückzog, entrang sich ihrer Kehle ein überaus verräterischer Laut. Sie wollte mehr als diesen einen keuschen Kuss. Und er – offensichtlich – auch.

Denn als er diesmal ihre Lippen berührte, war von Zurückhaltung nichts mehr zu spüren. Pascal löste die Spange an ihrem Hinterkopf und fuhr mit einer Hand durch die nun offen fallenden, seidigen Strähnen. Den anderen Arm schlang er um ihre Taille und zog Alana enger an sich.

Das Gefühl, seinen Körper zu spüren, löschte ihr bewusstes Denken aus. Sie genoss es, die harten Muskeln seines Oberkörpers zu fühlen, die sich gegen ihre weichen Brüste pressten.

Ihre Körper schienen miteinander zu verschmelzen. Schließlich unterbrach Pascal den Kuss und schaute Alana aufmerksam an. In seinen dunklen Augen brannte dasselbe Verlangen, das auch tief in ihrem Innern loderte. Dass sie spürte, wie erregt er war, intensivierte das Gefühl noch. Gleichzeitig empfand sie Verwirrung.

Bevor sie etwas sagen konnte, legte Pascal einen Finger auf ihren Mund. Die Weichheit ihrer Lippen, ihr warmer Atem fachte sein Begehren noch weiter an. Beinahe hätte er laut aufgestöhnt, überwältigt von der Lust, hier und jetzt mit ihr zu schlafen. Aber er ahnte, dass sie ihn, wenn er sie jetzt bedrängte, sofort zurückweisen würde. „Nicht denken. Nicht sprechen. Nur fühlen.“

Als er sie diesmal küsste, war ihr Mund leicht geöffnet. Ihr Atem vermischte sich. Vorsichtig ließ Pascal seine Zunge in ihre seidige Höhle gleiten. Alana umklammerte seine Schultern fester. Natürlich war sie schon früher geküsst worden. Doch wenn Ryan sie geküsst hatte, dann ohne Zärtlichkeit und Finesse.

Dieser Kuss spielte in einer anderen Liga. Auf unglaublich erotische Weise ließ Pascal seine Zunge mit ihrer tanzen, ließ sie erkunden, nur um sich wieder zurückzuziehen, lud Alana ein, ihm zu folgen. Und das tat sie. Sie schlang die Arme enger um seinen Nacken, presste sich gegen seinen Körper und ließ auch ihre Zunge in seinen Mund gleiten. Ein leises Stöhnen war ihre Belohnung. Sie fühlte sich wahnsinnig sexy. Sie allein kontrollierte die Geschwindigkeit, die Bewegungen. Ganz sanft biss sie auf Pascals Unterlippe, liebkoste sie mit der Zunge, saugte an ihr, bevor ihre Zungen wieder zu ihrem sinnlichen Tanz zurückkehrten.

Er fuhr mit einer Hand unter ihr Top und streichelte die weiche Haut an ihrer Taille. Ihre Beine begannen zu zittern. Einen Moment hielt er inne, als warte er auf ein Zeichen der Erlaubnis. Sie gab es ihm und spürte, wie er lächelte.

Langsam ließ er seine Hand über ihren Rücken wandern. Mit geübtem Griff löste er den Verschluss ihres BHs. Alana spürte, wie der weiche Satinstoff über ihren Körper streifte. Sie war so verzaubert von dem Rausch der Lust, der sie umschlungen hielt, dass sie sich nichts sehnlicher wünschte, als dass Pascal ihre Brüste umfasste – was er auch sogleich tat. Das Gefühl war so atemberaubend erotisch, dass sie unwillkürlich aufstöhnte.

Alana stellte sich auf die Zehenspitzen, um seine Männlichkeit an dem empfindsamen Zentrum zwischen ihren Beinen zu spüren. Sie konnte nichts anderes tun, als in seine von Leidenschaft umwölkten Augen zu sehen und sich dem Gefühl hinzugeben, das er, während er mit den Daumen ihre verhärteten Knospen massierte, in ihr weckte.

Sie biss sich auf die Unterlippe und warf den Kopf in den Nacken. Da flüsterte Pascal ihr leise ins Ohr: „Ich möchte deine Brüste küssen, bis du nicht mehr klar denken kannst … bis du so feucht bist, dass in dich einzutauchen die einfachste Sache der Welt ist.“

Eine Million Gedanken wirbelten durch Alanas Kopf. Was geschah nur mit ihr? Sie sollte entsetzt sein, doch das war sie nicht. Nie in ihrem Leben hätte sie es für möglich gehalten, so empfänglich auf einen Mann zu reagieren. Und dabei hatten sie kaum mehr getan, als sie bereits als Teenager auf irgendeinem Rücksitz eines Wagens erlebt hatte.

Pascal sah, wie ihr Blick sich klärte. Er musste sich zurückziehen, auch wenn ihn das umbrachte. Geschickt schloss er den BH wieder, trat einen Schritt zurück und zog ihr Oberteil nach unten. Ihr Körper mit seinen sinnlichen Kurven war verführerischer, als er erwartet hatte. Es war ein Verbrechen, ihn unter dicker Kleidung in dunklen Farben zu verbergen.

Er legte eine Hand auf ihre Schulter und ignorierte sein brennendes Verlangen, das nach Erlösung schrie. „Ich muss jetzt gehen. Ich wünschte, es wäre nicht so, aber es ist unvermeidlich. Du könntest mit mir kommen?“, fragte er, merkte jedoch, wie Alana sich bereits versteifte. „Nein“, antwortete er für sie. „Dafür ist es zu früh.“

Dann ging er zum Stuhl hinüber, über dem sein Mantel hing, und zog ihn an. Sein Blick fiel auf den Tisch, auf dem die Kärtchen lagen, die jeden Blumenstrauß begleitet hatten. Ein seltsames Gefühl stieg in ihm auf. Noch nie hatte er so viel Aufwand betrieben. Er war es gewohnt, dass Frauen Ja sagten. Doch in letzter Zeit hatten seine Verabredungen ein Gefühl der Leere in ihm hinterlassen. Und Alana zu küssen hatte ihn sich wieder wie ein hormongesteuerter Teenager fühlen lassen!

Dankbar über die Distanz, beobachtete Alana, wie Pascal in seinen Mantel schlüpfte. Was hatte er da gerade mit ihr gemacht? Was dachte er sich eigentlich dabei, einfach in ihr Haus zu spazieren und ihre sorgsam eingerichtete Welt auf den Kopf zu stellen? Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Schau mich bitte nicht so an“, meinte er, als er ihren Blick sah.

„Ich will das nicht“, erwiderte sie angespannt. „Ich will dich nicht.“

Mit wenigen Schritten stand er wieder vor ihr. „Ich glaube, ich habe dir gerade bewiesen, dass du mich willst. Und ich will dich auch. Sehr sogar.“

Er griff nach ihrer Hand und ließ sie seine sinnliche Qual spüren. Alana errötete bis in die Haarspitzen.

„Zwischen uns existiert etwas ganz Besonderes, Alana. Und ich werde nicht zulassen, dass du mich zurückweist, nur weil du dich davor fürchtest.“

Hastig zog sie ihre Hand zurück, bevor seine offenkundige Erregung ihr jede Fähigkeit zum Denken raubte. „Ich habe keine Angst.“ Lügnerin! „Ich will das nur nicht. Wirklich nicht.“

„Wir sind bereits mittendrin. Es gibt kein Zurück mehr. Du hättest die Blumen nicht annehmen sollen.“ Er deutete auf einen der Sträuße. „Du hättest mich nicht in dein Haus lassen müssen, hättest mich gleich wieder fortschicken können.“

Ein mulmiges Gefühl stieg in ihr auf. Er hatte recht. Völlig kampflos hatte sie sich ergeben. Hatte sie denn gar nichts gelernt?

„Berichtest du von dem Spiel in Italien nächstes Wochenende?“

Sein abrupter Themenwechsel überraschte sie. „Ja, ja, das tue ich.“

„Ich besitze ein Apartment in Rom. Komm doch schon Freitagnacht und bleib das Wochenende. Ich muss mich auch bei dem Spiel blicken lassen. Außerdem sponsert meine Bank einen Wohltätigkeitsball am Samstagabend. Du könntest mich begleiten.“

Automatisch schüttelte Alana den Kopf. „Mein Flug für Samstagmorgen ist bereits gebucht. Ich fliege zusammen mit meinen Kollegen. Und man erwartet mich schon Sonntagmorgen zurück.“

„Und du tust immer, was man dir sagt?“

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