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JULIA GOLD BAND 77

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Werde meine Prinzessin

1. KAPITEL

Eine Braut?

Ungläubig starrte Prinz Khalil Khan hinaus auf das Rollfeld. Es musste sich um eine Fata Morgana handeln. Das Phänomen war ihm vertraut, da er zweimal so töricht gewesen war, sich in der weiten Wüste von El Bahar zu verirren. Er kannte die verräterischen Anzeichen: tanzende Bilder in der flimmernden Hitze und pochende Schmerzen hinter den Augen.

Doch momentan war keines dieser Anzeichen vorhanden. Es war Januar. Schmutziger Schnee türmte sich ringsumher auf, und weder schmerzten seine Augen, noch flimmerte das fragliche Bild. Es näherte sich vielmehr steten Schrittes. Außerdem befand er sich nicht in El Bahar, sondern auf einem Flugplatz in Kansas.

„Ich muss eine schwere Sünde begangen haben“, murrte er vor sich hin. „Wenn nicht in diesem Leben, dann in einem vorherigen.“

Die Frau blieb vor ihm stehen. Ihr Brautkleid saß schlecht, und ihre Augen waren gerötet vom Weinen. „Entschuldigung“, sagte sie mit rauer Stimme. „Es klingt wahrscheinlich seltsam, aber ich brauche eine Mitfluggelegenheit.“

Er hasste sentimentale Frauen und bedachte sie daher mit einem Blick, den seine Großmutter Fatima als gebieterisch bezeichnet hätte. „Sie wissen doch gar nicht, wohin ich fliege.“

Sie schluckte. Zwei hektische Flecken auf ihrem blassen Gesicht ließen sie fieberkrank und unattraktiv wirken. „Das ist mir egal. Ich muss in eine Stadt. Ich bin hier gestrandet. Ich habe kein Gepäck und keine gewöhnliche Kleidung.“

Aus reiner Neugier hätte er beinahe gefragt, warum sie mitten im Winter in einem Brautkleid und ohne Mantel auf dem Flughafen von Salina festsaß. Vielleicht war sie geistig gestört.

In diesem Moment kam eine große, üppige Blondine aus dem Terminal. Ihr kurzer Rock enthüllte lange, perfekte Beine, während der hautenge Pullover volle Brüste betonte, die bei jedem Schritt hüpften.

Nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum sich das Schicksal derart gegen ihn verschworen und seine dreiwöchige Geschäftsreise in die Vereinigten Staaten in einen Höllentrip verwandelt hatte. Sein sympathischer, tüchtiger Assistent hatte wegen einer Erkrankung seiner Mutter nach El Bahar zurückkehren müssen. Der Intelligenzquotient seiner Aushilfssekretärin stand in direktem Gegensatz zur Größe ihrer Brüste. Das Hotel in Los Angeles hatte Khalils Reservierung verschlampt und ihn in einem gewöhnlichen Zimmer statt in einer Suite untergebracht. Wegen eines Defekts an seinem Jet hatte er ein Flugzeug chartern müssen, das nicht genug Treibstoff für den Flug nach New York aufnehmen konnte, sodass es zu dieser Zwischenlandung gekommen war. Und zu allem Überfluss bat nun eine verlorene Braut um seine Hilfe!

Ein Pochen begann in seinen Schläfen. „Wir fliegen nach New York“, sagte er schließlich. „Sie können mitkommen, wenn Sie wollen, aber tun Sie es schweigend. Sonst befördere ich Sie eigenhändig aus der Maschine, ungeachtet der Höhe.“ Und damit wandte er sich ab und schritt zu dem kleinen Jet.

Dora Nelson starrte dem Fremden nach. Freundlichkeit war offensichtlich ein Fremdwort für ihn, aber sie befand sich nicht in der Position, um sich zu beklagen. Wenn sie Kritik üben konnte, dann höchstens an ihrem eigenen Verhalten.

Soweit sie wusste, hatte sie sich in den vergangenen fünf Jahren nur zweimal wirklich töricht benommen, leider jedoch im Abstand von wenigen Wochen. Ihr erster Irrtum hatte darin bestanden, an Geralds Liebe zu glauben. Der zweite Fehler war die Weigerung an diesem Morgen, sein Flugzeug wieder zu besteigen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Boss und Exverlobter tatsächlich abfliegen und sie ohne ihr Gepäck zurücklassen würde. Sie hatte kein Geld, keine Papiere, keine Kleidung und höchstwahrscheinlich auch keinen Job mehr.

Aber zumindest hatte sie eine Transportmöglichkeit. Sie hob die Schleppe des Brautkleides und ging zu dem wartenden Jet. Sobald sie in New York eingetroffen war, konnte sie ihre Bank anrufen und sich Geld schicken lassen. Da sie keinen Ausweis bei sich hatte, war es ihr allerdings unmöglich, mit einem Linienflug nach Hause zurückzukehren. Außerdem stand ihr die unangenehme Aufgabe bevor, ihre Hochzeit abzusagen, die in vier Wochen stattfinden sollte. Vor zwei Tagen erst hatte sie voller Freude dreihundert Einladungen verschickt. Sie war wirklich ein Dummkopf.

Dora erklomm die Stufen zum Jet. Das Brautkleid rutschte ihr von einer Schulter, und sie zerrte es hastig wieder hoch. Es war erst an diesem Morgen geliefert worden, und sie hatte es erwartungsvoll während des Fluges anprobiert und festgestellt, dass es zu klein war und sich die Knöpfe im Rücken nicht schließen ließen.

Sie betrat die Kabine und ließ den Blick über die üppigen Ledersitze gleiten. Die unglaublich schöne Blondine blickte auf. „Ich bin Bambi. Und wer sind Sie?“

„Niemand“, murmelte Dora. Sie schritt zum Heck und nahm hinter ihrem unglaublich gut aussehenden Retter Platz. Kurz darauf hob das Flugzeug ab. Sie machte sich nicht die Mühe, aus dem Fenster zu sehen. Von Berufs wegen war sie schon so oft geflogen, dass es sie nicht länger beeindruckte.

Etwa vierzig Minuten später durchbrach eine hitzige Unterhaltung ihre Gedanken.

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie diese Zahlen auflisten sollen“, sagte eine vorwurfsvolle männliche Stimme. „So ist es nicht richtig.“

„Seien Sie nicht böse, Khalil“, entgegnete Bambi sanft. „Ich gebe mir doch Mühe.“

„Das ist nicht genug. Ich brauche diesen Bericht vor der Landung. Sobald wir New York erreichen, verlassen Sie dieses Flugzeug und gehen mir aus den Augen.“

Zumindest muss sie nicht sofort aussteigen, dachte Dora belustigt und beobachtete, wie er mit einem Laptop an seinen Platz zurückkehrte.

„Sie denken vermutlich, dass ich unangemessen grausam bin“, murmelte er, als sich ihre Blicke begegneten.

„Nicht, wenn sie die von ihr erwartete Leistung nicht erbringt.“

„Mir wurde eine tüchtige Assistentin zugesagt, aber sie ist ein Reinfall.“

Dora streckte eine Hand nach dem Laptop aus. „Vertrauen Sie mir“, sagte sie, als er misstrauisch zögerte. „Wenn Ihnen meine Arbeit nicht zusagt, können Sie mich ja eigenhändig aus dem Flugzeug befördern.“

Mit einem flüchtigen Lächeln gab er ihr den Laptop. Sie blickte in seine dunklen Augen und stellte wieder fest, dass er äußerst gut aussah. Seine Haut war ebenfalls dunkel. Eine schmale Narbe auf der linken Wange erhöhte nur noch seinen Reiz.

Markante Züge – gerade Nase, ausgeprägtes Kinn, hohe Wangenknochen – ließen ihn wie eine antike, zum Leben erweckte Statue wirken. Er trug einen grauen Anzug, der seine breiten Schultern und schmalen Hüften betonte und vermutlich mehr kostete, als sie im vergangenen Quartal verdient hatte.

Niedergeschlagen rief sie sich in Erinnerung, dass sie dreißig und unscheinbar war und jedes einzelne der zwanzig Pfund Übergewicht unterhalb der Taille saß. Ihre Figur war birnenförmig. Männer wie er beachteten Frauen wie sie nicht. Oder genauer gesagt, kein Mann beachtete eine Frau wie sie. Außer Gerald, und der hatte ihr nur etwas vorgemacht, wie sie an diesem Morgen herausgefunden hatte.

„Wo sind die Daten, die ich verarbeiten soll?“

Er reichte ihr eine Akte. „Wir planen, eine von zwei Firmen zu kaufen. Für die Entscheidung brauche ich einen Vergleich der Bilanzen.“

Dora sah sich die Papiere an und nickte. Sie hätte die Arbeit im Schlaf erledigen können.

Zwei Stunden später übergab sie Khalil den ausgedruckten Bericht. Kurz darauf setzte das Flugzeug zur Landung an. Sie blickte zur Uhr und unterdrückte ein Stöhnen. Es war sieben Uhr abends durch, also nach vier Uhr in Los Angeles. Ihre Bank hatte inzwischen geschlossen. Es sah ganz so aus, als ob sie die Nacht im Flughafen verbringen musste.

Da es ihr peinlich war, in einem zu kleinen Brautkleid herumzuspazieren, trödelte sie, bevor sie das Flugzeug verließ. Dennoch standen Khalil und Bambi immer noch auf dem Rollfeld.

„Ich habe gesagt, dass Sie entlassen sind“, sagte er gerade.

Bambi lächelte. „Ich weiß. Es war so schwer, für Sie zu arbeiten. Ihre Geschäfte sind so kompliziert, und außerdem konnte ich mich kaum zurückhalten.“ Sie schmiegte ihren üppigen Körper an seinen. „Ich will dich.“

Unwillkürlich verlangsamte Dora den Schritt und lauschte.

„Miss Anderson, ich habe keinerlei Interesse an Ihnen, weder persönlich noch anderweitig. Sie sind entlassen. Gehen Sie mir aus den Augen.“

Bambi verzog die blutrot geschminkten Lippen zu einem Schmollmund. „Das ist nicht dein Ernst. Du bist reich und ich bin schön. Wir gehören zusammen.“

Er versteifte sich empört. „Ich bin Prinz Khalil Khan von El Bahar. Mir widerspricht man nicht.“

Er ist ein Prinz, durchfuhr es Dora. Hektisch suchte sie in ihrem Gedächtnis nach Informationen über das Land. Ihr fiel nicht viel ein, außer dass es irgendwo auf der Arabischen Halbinsel lag, von einem König mit drei Söhnen regiert wurde und seit langem neutral in politischen Angelegenheiten war.

„Aber Khalil“, widersprach Bambi. „Ich war Miss Juli.“

Dora musterte Bambis Körper und zweifelte nicht an der Aussage. Die beiden hätten ein hübsches Paar abgegeben.

Khalil wandte sich an Dora. „Ich kenne Ihren Namen nicht.“

„Weil Sie mich nicht danach gefragt haben.“ Sie trat vor und reichte ihm die Hand. „Ich bin Dora Nelson.“

Ihre Dreistigkeit schien ihn einen Moment zu verblüffen. Dann nahm er ihre Hand. Die Berührung sandte ein heftiges Prickeln durch ihren Körper. Er hingegen blieb natürlich völlig ungerührt und nickte ihr knapp zu.

„Vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben“, sagte sie mit erzwungener Gelassenheit und wandte sich zum Gehen.

„Warten Sie, Miss Nelson. Ich habe derzeit keine Assistentin. Da ich mich noch zwei Wochen in Ihrem Land aufhalten werde, möchte ich Sie bitten, bis zu meiner Abreise für mich zu arbeiten.“

„Das ist ja lächerlich!“ Bambi stampfte mit dem Fuß auf. „Ich bin schön. Sie ist es nicht. Sie ist sogar …“ Bevor sie eine Beleidigung aussprechen konnte, stürmten auf ein Zeichen von Khalil zwei Männer herbei und führten sie davon. „Das kannst du nicht tun!“, rief sie empört. „Wir beide passen großartig zusammen. Du bist so reich und ich …“ Die Tür zum Terminal schloss sich und unterbrach sie mitten im Satz.

„Eine höchst unangenehme Person“, sagte Khalil. „Würden Sie einen vorübergehenden Job erwägen? Die Bezahlung wäre großzügig. Fünftausend pro Woche.“

„Dollar?“

„Ja, natürlich.“

Das war mehr, als sie in Los Angeles in einem Monat verdient hatte. Das Angebot war ein Geschenk des Himmels. Sie nickte. „Okay. Unter der Bedingung, dass ich einen Vorschuss bekomme, damit ich mir Kleidung kaufen kann.“

Er zückte seine Brieftasche und reichte ihr mehrere Hundertdollarscheine. „Hier. Das ist für Sie. Was die Kleidung angeht, können Sie vom Wagen aus anrufen und sich alles Nötige ins Hotel liefern lassen.“ Er lächelte. „Betrachten Sie es als Bonus.“

Dora erblasste. Es lag nicht am Anblick des Geldes oder der Tatsache, dass ihre Probleme zumindest vorübergehend gelöst waren. Es war vielmehr die Wirkung seines Lächelns, das ihn von gut aussehend in absolut unwiderstehlich verwandelte.

In diesem Moment fuhr eine lange, dunkle Limousine vor. Die beiden Männer, offensichtlich Khalils Leibwächter, kehrten aus dem Terminal zurück und öffneten die Türen zum Fond.

In ihrer Funktion als Chefsekretärin war Dora schon häufig stilvoll gereist, aber nie zuvor in der Gesellschaft eines Prinzen. Khalil nahm neben ihr Platz, während die beiden Männer sich ihnen gegenüber setzten.

Sie unterdrückte ein Lachen. Noch an diesem Morgen hatte sie in ihrer Wohnung in Los Angeles ihren Tagesablauf und ihre Hochzeit Ende des Monats geplant. Nun war sie in New York, in einer Limousine mit einem Prinzen von El Bahar. Sie hatte ihr Gepäck, ihren Verlobten und ihre Würde verloren. Dennoch war ihr nach Lachen zumute. War es Hysterie oder einfach Erleichterung darüber, dass sie die Nacht nicht auf einer Bank verbringen musste?

Khalil nahm ein Mobiltelefon aus der Armlehne zwischen ihnen und reichte es ihr zusammen mit einer Visitenkarte. „Hier steigen wir ab. Rufen Sie das Hotel an und lassen Sie sich eine Boutique empfehlen. Dann bestellen Sie, was Sie brauchen, und lassen Sie es auf meine Hotelrechnung setzen.“

Er gab ihr eine zweite Karte, die ihn als Khalil Khan, Wirtschaftsminister von El Bahar auswies. Die kleine Krone in der Mitte verdeutlichte, dass er der königlichen Familie angehörte.

2. KAPITEL

Das Foyer des eleganten Hotels war mindestens drei Stockwerke hoch. Dora stockte der Atem, als sie die exklusiven Möbel, die teuren Teppiche und die glitzernden Kronleuchter erblickte.

Bevor sie die Rezeption erreichten, trat ein kleiner, gut gekleideter Mann zu ihnen, verbeugte sich tief vor Khalil und stellte sich als Geschäftsführer vor. Unverzüglich führte er sie zu einem Fahrstuhl.

Die Reichen brauchen sich also nicht einzutragen, dachte Dora lächelnd. Wie nett. Vermutlich durften sie auch die flauschigen Bademäntel behalten.

In der obersten Etage angekommen, öffnete der Manager die Doppeltür zu einer Suite. Khalil bedeutete Dora voranzugehen. Nur widerstrebend gehorchte sie, denn der Anblick ihres BHs und der nackten Haut im Rücken wirkte gewiss nicht gerade reizvoll.

Der Salon war so groß wie ein Basketballfeld und mit Marmorsäulen, eleganten Sofas, Originalgemälden, einem Piano und der fast lebensgroßen Bronzestatue eines Pferdes ausgestattet. Eine Fensterfront bot einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und den Central Park. Zu beiden Seiten eröffneten sich Korridore.

„Zur Linken befinden sich der Speiseraum, die Küche und die Büroräume“, erklärte der Manager. „Bitte lassen Sie uns wissen, wenn Sie die Dienste eines Chefkochs in Anspruch nehmen möchten.“ Er deutete nach rechts. „Vier Schlafzimmer. Die Lieferung der Boutique ist bereits eingetroffen, und es wurde ein leichtes Abendessen serviert.“

Khalil nickte. „Danke, Jacques. Das wäre dann alles.“

Der Manager verbeugte sich. „Es ist uns eine große Freude, Sie als Gast bei uns zu haben, Prinz Khalil. Meine Belegschaft steht Ihnen zu Diensten.“

„Ja. Gute Nacht.“

Dora konnte es kaum fassen, dass sie sich in einem derart vornehmen Hotel befand. Sie hatte nicht gewusst, dass solche prunkvollen Suiten existierten, geschweige denn davon geträumt, jemals in einer zu übernachten.

Khalil sprach zu den beiden Männern, die daraufhin über den Flur verschwanden. Dann wandte er sich an Dora. „Ich möchte unseren Arbeitstag morgen um acht Uhr beginnen.“

„Ich werde pünktlich sein“, versprach sie. „Falls ich mich verlaufe, rufe ich ein Zimmermädchen und lasse mir den Weg zeigen.“

„Ich halte Sie für intelligent genug, um sich allein zurechtzufinden.“

Er lächelte sie an, und ihr stockte der Atem. Sie musste sich räuspern, bevor sie sprechen konnte.

„Wie soll ich Sie eigentlich ansprechen? Eure Hoheit? Prinz Khalil?“

„Khalil reicht.“

Sie ging einen Schritt zu den Schlafräumen, blieb dann stehen und drehte sich zu ihm um. Eine Sekunde lang wünschte sie sich, vom Schöpfer wie die Bambis dieser Welt mit einem schönen Gesicht und einem reizvollen Körper statt mit Verstand ausgestattet worden zu sein. Aber eigentlich wollte sie nicht auf ihre Intelligenz verzichten. „Danke“, sagte sie schlicht. „Sie waren heute sehr gütig zu mir, und ich weiß es zu schätzen.“

Er winkte ab. „Meine so genannte Güte hat sich zu meinem eigenen Glück entwickelt. Ich hätte keinen weiteren Tag mit jener furchtbaren Frau ertragen. Gute Nacht, Dora.“

Sie nickte und wandte sich ab. Es war nicht schwer zu ergründen, welcher Schlafraum ihr zugedacht war. Zwei Türen waren bereits geschlossen, und eine dritte führte in ein riesiges Gemach. Flüchtig gewahrte sie ein Bett, das Platz genug für vier Personen bot, einen Sitzbereich und dahinter ein luxuriöses Badezimmer.

Sie ging weiter zu der offenen Tür am Ende des Flures. Der große Raum war in Blau und Gold gehalten. Das Mobiliar sah französisch aus. Auf einem kleinen Tisch in einer Ecke stand ein Tablett vom Zimmerservice, und vor dem breiten Bett waren mehrere Einkaufstüten aufgereiht.

Dora überlegte, was sie als Nächstes tun sollte. Ihr Magen knurrte und rief ihr in Erinnerung, dass sie seit dem frühen Morgen nichts gegessen hatte. Daher verzehrte sie zunächst das Mahl aus Salat, köstlich gewürzter Hähnchenbrust, zartem Gemüse und Safranreis. Das Dessert hob sie sich für später auf.

Während sie noch an dem Weinglas nippte, setzte sie sich auf das Bett. Als sie sich im Spiegel über der Frisierkommode erblickte, stöhnte sie laut auf. Sie sah furchtbar aus. Das Make-up, das sie am Morgen aufgelegt hatte, war verschwunden. Ihre Haut war blässlich und fleckig, die kurzen, dunklen Haare zusammengefallen, und das Brautkleid bauschte sich auf höchst unvorteilhafte Weise um ihren Körper.

„Mein Leben ist ein einziges Chaos“, teilte sie ihrem Spiegelbild mit.

Zwölf Stunden zuvor hatte sie glücklich und zufrieden ihre Hochzeit geplant und sich mit ihrem Boss und Verlobten auf Geschäftsreise nach Boston begeben. Nun war sie allein in New York und einem Fremden ausgeliefert. Der Fremde war zwar ein Prinz, aber kaum mehr als eine vorübergehende Rettung. Nach Ablauf der zwei Wochen musste sie in ihr wahres Leben zurückkehren und vermutlich Gerald wiedersehen.

Entschieden verdrängte sie den furchtbaren Gedanken und leerte eine Tüte nach der anderen auf dem Bett aus, bis sie von einem großen Haufen neuer Sachen umgeben war. Nicht nur Schuhe, Kleider, Röcke, Blusen, Dessous und Nachthemden waren vorhanden, sondern auch ein Schminkkoffer und eine Kulturtasche.

Dora stand auf, zerrte sich das Brautkleid vom Leib und warf es in eine Ecke. Dann schlüpfte sie in das erste Kleid aus blauer Seide. Das Oberteil war mit helleren Rosen bestickt, die den Blick von ihren üppigen Hüften ablenkten und ihre Figur beinahe ausgewogen wirken ließen. Sie betrachtete sich im Spiegel und stellte fest, dass sie nie besser ausgesehen hatte. Dann blickte sie auf das Preisschild am Ärmel und rang nach Atem.

Zwölfhundert Dollar! Für ein Kleid, das sie ins Büro tragen würde? Sie wagte nicht auszurechnen, wie viel die gesamte Garderobe kosten mochte, die sie so achtlos auf das Bett geworfen hatte. Ihr wäre bestimmt schwindelig geworden. Stattdessen hängte sie alles sorgfältig in den Kleiderschrank. Dann wusch sie sich und schlüpfte in ein schlichtes Nachthemd, das vermutlich mehr gekostet hatte als ihr Brautkleid.

Als sie sich in die weichen Kissen kuschelte, dachte sie über die turbulenten Ereignisse des Tages nach. Es erwies sich als Fehler, weil es sie zwang, an Gerald zu denken. Sie redete sich ein, dass sie ohne ihn besser dran war, obwohl es ihr das Herz brach und ihr Tränen in die Augen trieb. Sie hatte sich seine Liebe so sehr ersehnt, doch er hatte ihr nur etwas vorgemacht. Lag es an ihr, dass kein Mann sie begehrte? Musste sie die Schuld bei sich suchen? Oder war er einfach ein Schuft und keine Träne wert?

Dann wandte sie ihre Gedanken dem Mann zu, der ihr Leben geändert hatte, wenn auch nur für ein paar Tage. Wie war er? War er ein Schuft wie Gerald? Waren alle Männer so? Oder war er ehrenwert und aufrichtig?

„Ja, ich verstehe, Mr. Boulier. Die Weinkarte Ihres Restaurants ist höchst eindrucksvoll, aber der Prinz zieht es vor, eine Auswahl aus seinem eigenen Weinkeller zu treffen. Diese Weine sind aus El Bahar eingeflogen worden. Er ist gern bereit, Korkgeld zu zahlen, aber wenn es eine Beleidigung für Sie und Ihre Belegschaft bedeutet, werden wir das Dinner eben anderswo abhalten müssen.“

„Natürlich habe ich Verständnis für die Wahl des Prinzen. Wir fühlen uns sehr geehrt, seiner Bitte nachzukommen.“

Dora lächelte, unterdrückte jedoch jeglichen Triumph aus ihrer Stimme. „Ich werde ihn von Ihrer Hilfsbereitschaft in Kenntnis setzen. Richten Sie sich auf fünfunddreißig Dinnergäste ein.“

„Wir werden bereit sein“, versicherte Mr. Boulier.

„Vielen Dank für Ihre Mitarbeit. Wir sehen uns morgen Abend.“

Dora legte den Hörer auf, schaltete den Anrufbeantworter ein, griff nach einigen Unterlagen und verließ den Raum.

Khalils Büro lag neben ihrem. Er ließ die Tür offen stehen und hatte sie angewiesen, jederzeit ohne Hemmungen einzutreten. In den vergangenen fünf Tagen hatte sich eine Routine in ihrem Arbeitsrhythmus entwickelt. Jeden Vormittag und dann erneut am Nachmittag führten sie eine Besprechung.

Als sie sich vor seinen Schreibtisch setzte, nickte er ihr zu und murmelte: „Ich bin gleich so weit.“

„In Ordnung.“

Khalil fuhr fort, mit äußerster Konzentration Daten in seinen Computer zu tippen. Er besaß ein markantes, eindrucksvolles Profil. Sein dunkles, streng zurückgekämmtes Haar reichte ihm bis auf den Kragen. Wie gewöhnlich trug er einen maßgeschneiderten Anzug, der die Stärke und Grazie seines Körpers unterstrich. Es war gefährlich, ihn zu lange zu betrachten. Daher blickte sie aus dem Fenster hinter ihm auf die Stadt tief unten.

Als er sich ihr schließlich zuwandte, fiel ihr der unbeugsame Zug um seinen Mund auf, die strenge Miene und die schmale, blasse Narbe auf seiner linken Wange.

Nur gelegentlich gelang es ihr zu vergessen, dass ihr derzeitiger Arbeitgeber königlicher Abstammung war. Denn Khalil sonderte sich stets ein wenig ab. Er ermutigte keinerlei Vertrautheit und ging selten auf ihren Humor ein. Nur seine scharfe Intelligenz verhinderte, dass er pompös wirkte. Er war in vielerlei Hinsicht der vielschichtigste Mensch, dem sie je begegnet war.

„Wie war Ihr Morgen?“, erkundigte er sich.

Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er die Frage aus reiner Höflichkeit stellte. „Es läuft gut.“ Sie reichte ihm ein Fax. „Hier ist der Bericht über die neuen Computerchips.“

Sie wartete, während er den Bericht überflog. Seine Augen waren groß und dunkel. Manchmal hätte sie schwören können, dass er ihr bis in die Seele blickte, doch das war lächerlich und Wunschdenken ihrerseits. Er bemerkte kaum, dass sie lebte. Für ihn war sie eine effektive Büroeinrichtung. Ein weiblicher Roboter.

Khalil legte das Fax beiseite. „Was gibt es sonst noch?“

„Für morgen habe ich einen Termin mit den Wissenschaftlern vereinbart, die sich mit der Rückgewinnung von Wasser beschäftigen.“

„Sehr gut“, lobte er. „Als Wüstennation ist es für uns von höchster Wichtigkeit, genügend Wasser für die Landwirtschaft und die wachsende Bevölkerung zu beschaffen. Ich glaube fest daran, dass wir die Wüste schließlich zurückgewinnen, obwohl es ihr sicherlich sehr widerstrebt, gezähmt zu werden.“

„Mir war gar nicht bewusst, dass die Wüste als weibliches Wesen angesehen wird.“

„Aber ja. Alle unberechenbaren Dinge sind weiblich. Schiffe, Flugzeuge, Mutter Natur.“

Sie fragte sich, ob er Probleme mit Frauen hatte. Gab es eine besondere Frau in seinem Leben? War er womöglich verheiratet? Sie verdrängte den unliebsamen Gedanken. „Ich habe die Vorkehrungen für das morgige Dinner abgeschlossen. Der Wein wird am Morgen geliefert.“

„Wie groß waren die Proteste?“

Sie lächelte. „Mr. Boulier hat zunächst aufbegehrt, aber dann ist er zur Vernunft gekommen.“

„Ich bin sicher, dass Sie erheblich dazu beigetragen haben.“ Er reichte ihr drei Umschläge. „Weitere Einladungen zu Wohltätigkeitsveranstaltungen. Ich habe nur Zeit für eine. Welche würden Sie mir empfehlen?“

Sie sah sich die Einladungskarten an. „Ich persönlich würde die Veranstaltung zugunsten aidskranker Kinder besuchen, aber bei der Modenschau zur Unterstützung Obdachloser sind vermutlich mehr attraktive junge Frauen zugegen.“

Verstohlen musterte sie ihn unter gesenkten Lidern. Nicht einmal der Anflug eines Lächelns zeigte sich auf seinem Gesicht. Offensichtlich besaß er überhaupt keinen Sinn für Humor. Dennoch wollte sie sich nicht beklagen. Er hatte sie zu einem wichtigen Bestandteil seines Teams in den Vereinigten Staaten auserkoren, anstatt sie nur für Botendienste zu benutzen. Am vergangenen Abend hatte sie mit Khalil und zwei Senatoren diniert, die sich für die Züchtung gegen Dürre resistenter Feldfrüchte interessierten. Offiziell hatte sie nur als Protokollführerin fungiert, doch anschließend hatte er eine ganze Weile mit ihr über das Meeting gesprochen.

Ein leises Klopfen an der offenen Tür unterbrach ihre Gedanken. Sie blickte auf, sah einen Kellner mit einem Servierwagen auf der Schwelle stehen und sagte: „Ins Speisezimmer, bitte.“ Mit den Akten unter dem Arm begleitete sie Khalil den langen Flur entlang zum Esszimmer.

Als er sie an ihrem ersten Arbeitstag aufgefordert hatte, den Lunch mit ihm einzunehmen, war sie ganz aufgeregt und nervös geworden. Doch sie hatte sehr schnell erkannt, dass er lediglich Zeitverschwendung vermeiden wollte. Es gab viel zu besprechen, sie mussten essen – warum also nicht beides gleichzeitig erledigen?

„Nehmen Sie die Einladung zugunsten der Kinder an, und lehnen Sie die anderen ab“, trug er ihr auf, sobald sie sich an den Tisch gesetzt hatten.

„In Ordnung.“

Zwei Stunden später ging die Besprechung zu Ende, und Dora hatte genug Arbeit, um bis spät am Abend beschäftigt zu sein. Es störte sie jedoch nicht. Im Gegenteil. Es hielt sie davon ab, über ihr verkorkstes Leben nachzudenken. Leider konnte sie es nicht auf ewig verschieben.

Sie räusperte sich. „Khalil, ich brauche heute Nachmittag eine Stunde frei. Ich habe einige Telefonate mit Los Angeles zu führen.“

„Haben Sie Probleme, Ihre Papiere wieder zu beschaffen?“

„Eigentlich nicht. Ich habe bereits einige Kreditkarten erhalten, und eine Arbeitskollegin hat mir meinen Pass zugeschickt. Aber ich muss mich um eine private Angelegenheit kümmern.“

Bis zu diesem Augenblick war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass seine Assistentin ein Privatleben haben könnte. Sie war so gut in ihrem Job, dass er sie kaum als Person ansah. Er runzelte die Stirn, als ihm die Umstände ihrer ersten Begegnung in Kansas einfielen. „Ich nehme an, es hat damit zu tun, dass Sie in einem Brautkleid allein auf dem Flughafen von Salina standen.“

Sie errötete ein wenig und zupfte am Saum ihres Pullovers. „Nun, ja, natürlich.“

„Stecken Sie in irgendwelchen Schwierigkeiten?“

Sie wirkte verblüfft. Sie hatte braune Augen, wie viele Frauen von El Bahar, aber damit endete die Ähnlichkeit. Ihre Haut war blass, ihr Gesicht eher rund als hager.

„Ich stecke nicht in Schwierigkeiten, wie Sie es meinen.“ Sie seufzte. „Ich war mit meinem Boss, der mein Verlobter war, auf dem Weg nach Boston. Das Brautkleid war an dem Morgen geliefert worden, und ich bin nach hinten gegangen, um es anzuprobieren. Als ich wieder nach vorn kam, hatte Gerald, mein Boss, die Hand unter Glendas Rock, und sie standen im Begriff, die wilde Sache zu tun.“ Sie sprach in sachlichem Ton, doch er sah den Schmerz in ihren Augen. „Zumindest habe ich es vor der Hochzeit herausgefunden.“

Khalil wusste nicht recht, worauf er als Erstes eingehen sollte – ihre Verlobung mit ihrem Chef, die Identität der mysteriösen Glenda oder die Bezeichnung wilde Sache. „Wer ist Glenda?“

„Eine leitende Angestellte der Firma, für die ich gearbeitet habe. Es ist ein Familienbetrieb. Mr. Greene mag es gar nicht, wenn seine Angestellten miteinander turteln. Glenda ist verheiratet, und das macht die ganze Sache noch schäbiger.“

Für gewöhnlich spielte ein kleines Lächeln um Doras Mundwinkel, doch nun bildeten ihre Lippen eine gerade Linie. Er verspürte einen Anflug von Mitgefühl. Sie besaß viele Qualitäten. Sie war intelligent und arbeitsam. Er genoss ihren Sinn für Humor, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ. Sie war forscher und weniger unterwürfig, als es ihm bei seinen Frauen gefiel, aber das lag natürlich daran, dass sie Amerikanerin war. Alles in allem war sie eine ausgezeichnete Angestellte, und es erzürnte ihn, dass ihr ehemaliger Arbeitgeber sie derart schlecht behandelt hatte.

„Natürlich kam es zu einem heftigen Streit“, fuhr sie fort. „Ich war zornig und verletzt und gedemütigt. Als das Flugzeug in Salina landete, stieg ich einfach aus und weigerte mich, wieder einzusteigen. Ich konnte überhaupt nicht klar denken.“

„Wie ungewöhnlich für Sie“, murmelte er.

„Nicht wahr? Ich hätte nie gedacht, dass Gerald mich einfach sitzen lassen würde. Aber ich hätte auch nie gedacht, dass er Glenda vernaschen würde. Anscheinend habe ich ihn überhaupt nicht gekannt.“ Sie senkte die Stimme zu einem niedergeschlagenen Flüstern. „Jetzt muss ich die Hochzeit absagen. Ich hatte am Vortag dreihundert Einladungen verschickt.“

„Wie Sie selbst gesagt haben, ist es besser, dass Sie es rechtzeitig erfahren haben.“

„Richtig.“ Sie schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln.

„Haben Sie seitdem mit ihm gesprochen?“

„Mit Gerald? Nein, und ich will es auch nicht.“ Sie schluckte schwer. „Ich bin froh, dass es vorbei ist. Er hat mir gesagt, dass ihm etwas an mir liegt, aber es war gelogen. Ich könnte niemals mit so einem Menschen zusammenbleiben. Es ist besser so.“

Khalil bezweifelte, dass sie an ihre eigenen Worte glaubte. Sie brauchte Zeit, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und bis dahin war ihr am meisten geholfen, viel beschäftigt zu werden. Und darin zumindest übertraf er sich selbst.

3. KAPITEL

Die Standuhr in der Ecke des Salons schlug die Stunden. Dora zählte mit und stellte überrascht fest, dass es bereits Mitternacht war. Es schien ihr, als wären nur ein paar Minuten vergangen. In Wirklichkeit unterhielt sie sich bereits seit fast drei Stunden mit Khalil. Sie wusste, dass sie sich zurückziehen sollte. Doch sie wollte nicht nur das Ende seiner Geschichte hören, sondern weiterhin davon träumen, dass er mehr als nur ihr Boss wäre.

„… unsere Mutter starb, als wir noch sehr klein waren. Fatima hat uns erzogen. Sie ist eine außergewöhnliche Frau. Wir beten sie alle an.“

Seine großen, dunklen Augen nahmen einen entrückten Ausdruck an. Sie wusste, dass er im Geiste nicht länger in der Suite in New York saß, sondern nach El Bahar zurückgekehrt war. Wie mochte es dort sein? War das geheimnisvolle Land, von dem er erzählte, so wundervoll, wie sie es sich ausmalte?

„Wird Ihr Bruder Malik einmal König werden?“, erkundigte sie sich.

„Ja, wenn unser Vater stirbt. Malik ist ein guter Führer, wenn auch ein bisschen anmaßend und diktatorisch.“

„Das muss in der Familie liegen“, murmelte sie und nahm einen Schluck aus ihrem Glas.

Khalil musterte sie und zog die Augenbrauen hoch. „Ich weiß, dass Sie nicht von mir reden.“

„Natürlich nicht“, versicherte sie, doch sie konnte die Belustigung nicht aus ihrer Stimme verbannen.

„Es liegt nur daran, dass Sie eine Frau aus dem Westen sind“, informierte er sie ernst. „Sie sind zu sehr daran gewöhnt, Ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Hätte man Sie korrekt erzogen, würden Sie nicht schlecht von mir denken.“

„Korrekt erzogen?“ Sie lachte. „Ich will nicht daran denken, was das bedeutet. Und da wir gerade bei dem Thema sind, ich denke nicht schlecht von Ihnen. Ich habe es sehr genossen, für Sie zu arbeiten. Die Zeit ist sehr schnell vergangen.“ Sie konnte kaum glauben, dass nur noch zwei Tage bis zu seiner Rückkehr nach El Bahar blieben. „Sie werden mir fehlen“, fügte sie spontan hinzu.

In den vergangenen zwölf Tagen hatte sie ihren Arbeitgeber kennen gelernt. Er war anmaßend und diktatorisch, aber auch fair. Manchmal behandelte er sie wie einen Computer oder Roboter, aber das störte sie nicht weiter. Er war nie verletzend. Er machte keine höhnischen Bemerkungen, behandelte sie nie von oben herab. Wenn er sie nach ihrer Meinung fragte, lauschte er ihr. Wenn es sich um eine rein amerikanische Angelegenheit handelte, nahm er häufig ihren Rat an.

Er war außerdem ein reicher, gut aussehender Prinz. Sie versuchte, diese Tatsache zu ignorieren, aber manchmal wollte es ihr nicht gelingen.

„Sie waren sehr tüchtig“, sagte er ihr. „Mir wurde gesagt, dass ich zu viel von meinen Angestellten erwarte, aber Sie haben sich nicht ein einziges Mal beklagt. Das weiß ich zu schätzen, ebenso wie Ihre harte Arbeit.“

Sein Kompliment machte sie verlegen. „Sie sind nur froh, weil Sie sich nicht mit Bambi abgeben müssen“, neckte sie.

Er erwiderte ihr Lächeln nicht. „Ich glaube, ich hätte mich gezwungen gesehen, sie zu erwürgen. Das hätte einen internationalen Skandal hervorgerufen.“ Er drehte sich zu ihr um. „Was werden Sie tun, wenn ich fort bin? Nicht zu Gerald zurückkehren, hoffe ich.“

„Niemals“, versprach sie und schluckte schwer. Im Stillen hatte sie gehofft, dass er sie mitnehmen würde. Ein törichter Traum. Aber sie sehnte sich danach, seine Familie kennen zu lernen, von der er ihr so viel erzählt hatte. Sie träumte davon, El Bahar und den Palast zu sehen. Khalil hatte ein wildes, ungezähmtes Land beschrieben, das auf der Schwelle zur Moderne stand. Unwillkürlich wollte sie an dieser Transformation teilhaben. Doch das war verrückt. Frauen wie sie änderten gar nichts.

Er beugte sich vor und griff nach seinem Glas. „Ich werde morgen ein paar Erkundigungen einholen. Ich kenne mehrere Geschäftsleiter hier. Ich möchte Ihnen helfen, eine gute Stellung zu finden.“

„Danke.“

Seine freundlichen Worte linderten ihren Kummer. Wie viele andere Männer hätten sich nach so kurzer Bekanntschaft für sie eingesetzt? Sie stand auf. „Gute Nacht, Khalil.“

„Gute Nacht, Dora.“

Lächelnd verließ sie den Raum und ging in ihr Zimmer. Ein Teil von ihr wollte glauben, dass er ihrem Namen einen zärtlichen Unterton verliehen hatte. Doch es war derselbe Teil von ihr, der bereit gewesen war zu glauben, dass Gerald ein Mann von Wort war.

Trotz der späten Stunde war sie noch nicht müde. Daher überlegte sie, ob sie alle nötigen Schritte unternommen hatte, um die Hochzeit abzusagen. Die Kirche, der Speiselieferant, der Florist und die Musiker waren bereits abbestellt, und sie hatte eine sorgfältig formulierte Absage an die dreihundert Gäste verfasst. Sie musste sich nur noch des Brautkleides entledigen, das sie ganz hinten in den Schrank gestopft hatte und der Kleidersammlung geben wollte, wenn sie das Hotel verließ.

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit machte ihr bewusst, wie wichtig es war, auch in Herzensdingen Vernunft walten zu lassen, und dass es sehr unheilvoll sein konnte, sich in den Boss zu verlieben.

Fast ein Jahr lang hatte sie für Gerald gearbeitet, ohne dass zwischen ihnen etwas vorgefallen war. Doch sie hatte von ihm geträumt. Vielleicht lag es daran, dass sie einsam war und es in ihrem Leben nichts weiter gab als Arbeit. Sie hatte keine Hobbys, wenige Freunde, ging selten aus. Sie wirkte nicht attraktiv auf Männer. Zum Teil lag es an ihrem Verstand. Die meisten Männer fühlten sich bedroht von ihrer überlegenen Klugheit. Außerdem war ihr Gesicht unscheinbar und ihr Körper keineswegs perfekt, und sie war von Natur aus zurückhaltend.

Eines Abends hatten sie und Gerald Überstunden gemacht, und er hatte irgendwo eine Flasche Wein ausgegraben. Nach nur einem Glas hatte sie einen Schwips bekommen und zu kichern begonnen, und er hatte sie plötzlich in den Armen gehalten und geküsst.

Bevor es zu mehr als leidenschaftlichen Küssen gekommen war, hatte Mr. Greene, der Präsident der Firma, sie überrascht. Die Firmenpolitik verbot flüchtige Beziehungen zwischen den Angestellten, und sogar Geschäftsleiter wurden gefeuert, wenn sie sich mit ihren Mitarbeitern einließen. Daher hatte Gerald behauptet, mit ihr verlobt zu sein.

Von jenem Moment an hatte Dora in einer Traumwelt gelebt, an Geralds Liebe geglaubt und sich zum ersten Mal im Leben zugehörig gefühlt. Doch er hatte ihr nie gesagt, dass er sie liebte. Er hatte nie mit ihr geschlafen. Er hatte sie nur selten berührt.

Jener hässliche Vorfall im Flugzeug hatte ihr schließlich die Augen geöffnet. Gerald hatte sie nur benutzt, um seinen Job nicht zu verlieren. Ihm hatte nie an ihr gelegen. Sie konnte froh sein, dass die Sache vorüber war.

Dora streckte sich auf dem Bett aus und schwor sich, ihm keine Träne mehr nachzuweinen. Viele Frauen waren auf sich gestellt glücklich und führten auch ohne Ehemann und Kinder ein ausgefülltes Leben. Sie hatte den Fehler begangen, auf einen Mann zu warten. Das sollte sich nun ändern.

Sobald sie eine neue Stellung gefunden hatte, wollte sie Kurse wie Kochen, Dekorieren und Sprachen belegen, bis sie ein Hobby fand, das sie wirklich fesselte. Sie wollte an all die Orte reisen und all die Bücher lesen, die sie schon immer interessierten. Sie schwor sich zu lernen, allein glücklich zu sein. Denn wenn sie sich selbst aufgab, dann hatte Gerald gewonnen. Doch der Sieg sollte letztendlich ihr gehören.

Vergeblich versuchte Khalil, sich auf einen technischen Bericht über Straßenbeläge zu konzentrieren. Beinahe drei Wochen hielt er sich nun in den Vereinigten Staaten auf, und er sehnte sich nach El Bahar zurück. Er vermisste seine Arbeit im Palast und seine Familie. Obwohl er von Zeit zu Zeit gern verreiste, freute er sich stets wieder auf seine Heimat.

Ein leises Klopfen an der Tür erklang. Er legte den Bericht nieder und blickte mit gerunzelter Stirn zur Uhr. Es war weit nach Mitternacht, und er erwartete keinen Besucher.

Als er die Tür öffnete, erblickte er eine zierliche, dunkelhaarige junge Frau mit dem Gesicht eines Engels.

„Hallo, Khalil.“ Ihre Stimme klang wie ein Schnurren, und sie betrat den Raum mit der Anmut einer Katze. Ein dunkelblaues, mit Pailletten besetztes Kleid betonte jede vollkommene Kurve ihres verführerischen Körpers. Make-up unterstrich ihre wundervollen Züge, besonders ihre vollen Lippen, und sie war in eine Wolke sinnlichen Parfums gehüllt. Diamanten glitzerten an ihren Ohren, um ihren Hals und ihre Handgelenke. Ihre Hände waren klein, ihre Fingernägel lang. Sie war, zumindest äußerlich, das lieblichste weibliche Wesen auf Erden.

Khalil wich einen Schritt zurück, um einer Berührung mit ihr zu entgehen.

Sie lächelte über die unwillkürliche Geste. „Wollen wir wieder dieses Spiel veranstalten?“ Sie hängte ihren Pelzmantel über einen Sessel. „Soll ich die Jägerin sein, während du die verängstigte Beute bist?“ Sie trat näher, drängte ihn zurück an eine Marmorsäule. „Mir gefällt das.“ Ihre mandelförmigen Augen funkelten vor Begierde. Sie presste die Hände auf seine Brust. „Küss mich, Khalil, und liebe mich.“

Er stieß sie von sich. „Verschwinde“, sagte er mit leiser, mühsam beherrschter Stimme.

Sie lachte. „Aber, Darling, ich bin doch böse auf dich, nicht umgekehrt. Du bist seit fast zwei Wochen in der Stadt, aber du hast mich nicht ein einziges Mal angerufen oder eingeladen. Ich bin sehr aufgebracht.“ Sie zog einen Schmollmund.

„Wir haben uns nichts zu sagen, Amber. Ich habe dich nicht angerufen, weil ich keinen Wunsch nach deiner Gesellschaft habe.“

Sie wedelte mit der linken Hand. Der große Brillant an ihrem Finger funkelte wie Modeschmuck aus einem Warenhaus. Aber er wusste, dass es ein echter Diamant war. Schließlich hatte er ihn bezahlt.

„Du wirst deine Ansicht über mich ändern müssen, mein Liebling“, entgegnete sie. „Schließlich sind wir verlobt.“

Khalil wandte sich ab und starrte aus dem Fenster. „Ich will dich nicht heiraten“, knurrte er. „Ich habe dich nie gewollt.“

„Aber du bist nun mal ein Prinz und heiratest daher aus Pflicht und für dein Land statt aus persönlichen Gründen. Ich bin deine Pflicht, Khalil. Ich bin dein Schicksal.“

Er wirbelte zu ihr herum. Zorn und Verzweiflung stiegen in ihm auf, weil er keinen Ausweg wusste.

Amber lehnte sich an das Sofa. Ihr katzenhaftes Lächeln enthüllte kleine weiße Zähne. Die vollkommenen Züge und der unglaubliche Körper verbargen das Wesen einer Schlange.

Er kannte die Wahrheit über sie. Wenn sie in El Bahar weilte, spielte sie die gehorsame Tochter. Doch wenn sie ihr Land und ihre Familie hinter sich ließ, verwandelte sie sich. Mit dreizehn Jahren hatte sie sich den ersten Mann genommen, und seitdem nahm die Zahl ihrer Eroberungen beständig zu.

Sie stieß sich vom Sofa ab und trat zu ihm. „Ich werde dich bekommen“, flüsterte sie. „Du wirst mich heiraten und mit mir ins Bett gehen.“

„Niemals.“

Sie lachte. „Du willst die Verlobung lösen? Ich glaube kaum. Schließlich müsstest du einen Grund angeben. Was würdest du sagen?“

„Die Wahrheit.“

Sie lachte erneut. „Du würdest also zu meinem Vater, dem Premierminister von El Bahar, gehen und ihm von meinem ausschweifenden Leben berichten? Du würdest ihm ins Gesicht sagen, dass seine Lieblingstochter, sein Augapfel, sich mit Männern herumtreibt? Das glaube ich nicht.“ Ihre braunen Augen funkelten. „Wie traurig wäre er! Dieser großartige Staatsmann, ein wahrer Führer und Advokat des Volkes, von einem ungehorsamen Kind zu Fall gebracht.“

Khalil biss die Zähne zusammen. Er wollte ihre Worte leugnen, aber er konnte es nicht. Amber hatte Recht. Die Wahrheit hätte ihren Vater vernichtet. Die Tradition von El Bahar verlangte, dass ein Vater die Verantwortung für die Sünden seiner Kinder übernahm. Aleser würde als Premierminister zurücktreten müssen, und El Bahar würde einen großen Staatsmann verlieren. Die Wahl war einfach – Khalils Schweigen für die Zukunft seines Landes.

„Ich habe Geld“, murmelte er.

Sie winkte ab. „Ich habe auch Geld. Was ich nicht habe, ist ein Titel. Ich wünsche Prinzessin zu werden.“

„Was ist mit Königin? Ich hätte gedacht, das würde dir eher gefallen.“

Sie blickte nachdenklich drein. „Ich habe es in Erwägung gezogen, aber ich fürchte, das kommt nicht in Frage. Weißt du, ich war bereits mit deinem Bruder zusammen.“

Er erstarrte. Nicht aus Zorn, aber vor Verblüffung. Malik?

„Es war kurz nachdem er seine Frau verloren hat“, erklärte Amber. „Er war so furchtbar traurig und betrunken, und ich war so allein. Ich dachte mir, wir könnten uns gegenseitig trösten. Er war sehr beeindruckend.“ Sie ließ den Blick über seinen Körper gleiten. „Ich hoffe, dass es in der Familie liegt. Wollen wir nicht mal probieren, ob wir auch so gut zusammenpassen?“

Abscheu stieg in ihm auf.

Sie rückte näher. „Warum warten? Wir werden ohnehin bald heiraten, und ich werde dir Söhne gebären. Dann kannst du mir nichts mehr verwehren.“

„Verschwinde“, entgegnete er. „Ich habe heute Nacht keinen Bedarf an einer Hure.“

„Sei vorsichtig“, warnte sie. „Ich bin ein ernst zu nehmender Gegner.“

„Das bin ich auch, Amber. Du glaubst, dass du sagen oder tun kannst, was dir beliebt, weil ich in der Falle sitze, aber du irrst dich.“ Er trat einen Schritt auf sie zu. „Ich stelle mich dem Teufel persönlich, bevor ich dich heirate.“

„Mag sein. Aber wirst du El Bahar vernichten?“ Sie trat zu dem Sessel und nahm ihren Pelzmantel. „Der Teufel ist nicht das Problem, Khalil. Du selbst bist dein ärgster Feind. Du bist ein gehorsamer Prinz. Du liebst dein Land und dein Volk. Du würdest dafür sterben.“ Sie lachte. „Dafür würdest du sogar mich heiraten. Du siehst also, dass ich nichts zu befürchten habe.“

Mit einer spöttischen Verbeugung ging sie. Selbst als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte er sie noch lachen.

Er fluchte lange und laut. Zorn erfüllte ihn. Er beabsichtigte nicht, sie zu heiraten. Bei seiner Ehre als Königssohn schwor er sich, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden. Aber wie? Konnte er seinem Vater im Vertrauen von Ambers wahrem Wesen erzählen? Er schüttelte den Kopf. Der König würde sich verpflichtet fühlen, seinen besten Freund Aleser einzuweihen. So, wie die Dinge lagen, schien die Situation ausweglos zu sein.

4. KAPITEL

Das Klingeln des Telefons schreckte Khalil aus seinen Grübeleien. Er ging zum Schreibtisch, hob den Hörer ab und hörte Doras Stimme. Gerade wollte er auflegen, als er einen Mann sagen hörte: „Dora, hier ist Gerald. Wo zum Teufel steckst du?“

Khalil wusste durchaus, dass er nicht lauschen sollte, doch er legte nicht auf. Denn seine Neugier war erwacht.

„Wie hast du mich gefunden?“, wollte Dora wissen.

„Du hast dem Speiselieferanten deine Nummer gegeben. Jetzt erzähl mir, was in dich gefahren ist. Wie konntest du es wagen, die Hochzeit abzusagen, ohne mich zu fragen?“

„Du fragst, wie ich es wagen konnte, obwohl du die Hand unter dem Rock einer verheirateten Frau hattest? Du bist ein gefühlloser Schuft, Gerald. Weißt du überhaupt, wie spät es hier ist?“

„Kurz nach zehn. Was ist schon dabei?“

„Es ist ein Uhr nachts durch. Ich bin in New York. Aber du hast dir natürlich nicht die Mühe gemacht, die Vorwahl zu überprüfen.“ Sie seufzte. „Na ja, ist ja auch egal.“

„Da hast du verdammt Recht“, knurrte Gerald. „Es ist mir egal, ob du in New York oder sonst wo steckst. Hauptsache, du bringst deinen fetten Hintern bis Ende der Woche hierher zurück. Hast du mich verstanden?“

Khalil umklammerte den Hörer fester, als er Dora nach Luft schnappen hörte.

„Nein“, entgegnete sie mit zittriger Stimme. „Die Verlobung ist gelöst. Ich kann es nicht fassen, dass ich so dumm war. Du bist nichts weiter als ein untreues Scheusal, und ich bin froh, dass es vorbei ist.“

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir wünsche, mich aus der Affäre ziehen zu können. Aber es geht nicht. Mr. Greene wünscht zu wissen, wo du steckst. So sehr wir beide es auch möchten, wir können es nicht beenden.“

Sie schniefte. „Da irrst du dich. Ich habe es beendet.“

„Verdammt, und was soll ich Greene erzählen?“

„Wie wäre es mit der Wahrheit? Sag ihm doch, dass du unsere Verlobung nur vorgetäuscht hast, weil er uns erwischt hat. Und sag ihm bei der Gelegenheit auch gleich, dass du mit Glenda und wer weiß noch wem geschlafen hast.“

„Ich werde meinen Job nicht verlieren, nur weil eine ausgedörrte Jungfrau kalte Füße kriegt.“

„Du warst schon immer ein sehr geschickter Schmeichler“, erwiderte Dora sarkastisch. „Fahr zur Hölle, Gerald. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben.“

„Ich war in der Hölle“, konterte er. „Jedes Mal, wenn ich mir vorgestellt habe, mit dir schlafen zu müssen. Hast du dich je gefragt, warum ich es nie versucht habe? Du bist eine alte Frau, auch wenn du noch nicht mal dreißig bist. Du bist eine geborene Jungfrau und wirst als Jungfrau sterben. Kein Mann, der bei Verstand ist, wird dich je begehren. Ich würde …“

Khalil hörte ein Klicken und wusste, dass Dora den Hörer aufgelegt hatte. Er folgte ihrem Beispiel. In der nächtlichen Stille hörte er ihre gedämpften Schluchzer.

Unbehaglich trat er von einem Fuß auf den anderen. Bis zu diesem Augenblick hatte er seine vorübergehende Assistentin nicht als reale Person angesehen. Er arbeitete gern mit ihr zusammen. Sie war tüchtig, intelligent und humorvoll. Aber er hatte nicht erkannt, dass sie ein Wesen mit Hoffnungen und Träumen, dass sie verletzlich war.

„Wir hatten beide einen höllischen Abend“, murmelte er vor sich hin. Ein grimmiges Lächeln spielte um seine Lippen. Vielleicht sollte er Gerald mit Amber verkuppeln. Die beiden verdienten einander.

Er ging zur Bar am anderen Ende des Raumes. Er brauchte einen Drink. Doch als er sich gerade einschenken wollte, kam ihm eine Idee, die lächerlich war, sich aber nicht verdrängen ließ. Er stellte die Flasche zurück und verließ den Raum.

Im halbdunklen Flur war Doras Weinen deutlicher zu hören. Er blieb vor ihrer Tür stehen. Die vage Idee nahm immer mehr Gestalt an. Er musste einen Weg finden, seine Verlobung mit Amber zu lösen, ohne die Position ihres Vaters in der Regierung zu gefährden.

Er wollte unbedingt eine Jungfrau heiraten. Seine Braut musste als künftige Prinzessin mehr als nur eine Zierde sein. Sie musste intelligent sein und sich für den Fortschritt von El Bahar engagieren. Er wollte eine vernünftige, unterwürfige und ausgeglichene Frau, deren Gesellschaft er genießen konnte. Eine Heirat aus Leidenschaft wäre zwar nett, aber wichtiger war es, eine Frau zu finden, die eine gute Mutter war.

Er stellte sich Dora vor … ihre sanften braunen Augen und ihr gefälliges Lächeln. Es war schwerer, sich ihren Körper vorzustellen, da er nicht besonders auf ihre Figur geachtet hatte. Aufgefallen war ihm allerdings, dass sie ein breites Becken besaß – ein gebärfreudiges Becken. Im Gegensatz zu der zierlichen Amber war Dora wie geschaffen dazu, einem Mann starke Söhne zu schenken.

Sie war nicht unterwürfig und vermutlich nicht bereit, sich seinem Willen zu beugen, aber sie besaß all die anderen Qualitäten, die er von einer Ehefrau erwartete.

Der König würde zornig reagieren, denn die Lösung der Verlobung mit Amber würde zunächst Schande über die Familie bringen. Vielleicht ließen sich die Gemüter beizeiten besänftigen, doch vorläufig war mit dem Unwillen des Königs zu rechnen.

Khalil atmete tief durch, drückte die Klinke und öffnete lautlos die Tür. Zusammengerollt wie ein Kind lag Dora im Bett. Sie hatte die Knie angezogen und das Gesicht mit den Händen bedeckt. Ihre Schluchzer waren verstummt, aber ihre Schultern zitterten. Er konnte ihren Schmerz nachempfinden und wusste, dass sie bis ins Innerste verletzt war.

Er trat an das Bett und setzte sich auf die Matratze. Sie schreckte auf, stieß einen Schrei aus und zog hastig die Decke bis zu den Schultern hoch.

„Khalil, was tun Sie denn hier?“

Ihr Gesicht war feucht. Augen und Lippen waren geschwollen. Sie sah nicht besonders attraktiv aus, aber er fühlte sich seltsam zu ihr hingezogen. Er schmiegte eine Hand um ihre Wange und wischte die Tränen mit dem Daumen fort. Ihre Haut war zart und reizvoll.

„Ich konnte es nicht ertragen“, erklärte er, „deinen Schmerz zu hören, süße Dora.“ Er schlang die Arme um sie und zog sie an sich. Vermutlich ließ sie es nur geschehen, weil er sie überrumpelt hatte.

Ihre Nähe war ihm nicht unangenehm. Bisher war ihm nie der weibliche Duft ihres Körpers aufgefallen. Instinktiv ahnte er, dass es sich nicht um ein teures Parfum handelte. Der Duft ließ ihn an Sonnenschein und Lachen denken. Seltsam angesichts der Tatsache, dass es mitten in der Nacht war und sie weinte.

„Ich … ich kann nicht …“ Sie schniefte. „Khalil?“

„Ich verstehe.“ Im Licht, das vom Flur ins Zimmer fiel, sah er die Umrisse ihrer Brüste unter ihrem Nachthemd. Wie unschuldig war sie? Hatte jemals ein Mann diese Kurven gesehen, berührt, gekostet?

Erstaunt stellte er fest, dass er erregt war – nicht nur durch den Gedanken an ihre Unschuld, sondern auch durch die Nähe ihres weiblichen Körpers. Mit Dora zu schlafen, erschien ihm überraschend einfach, und es würde ihrer beider Probleme lösen.

Dora fühlte sich wie in einem dichten Nebel. Sie konnte nicht klar denken. Offensichtlich träumte sie. Es gab keine andere Erklärung. Unmöglich konnte Khalil in ihrem Schlafzimmer sein und sie in den Armen halten.

Doch dieser Traum wirkte allzu real. Sie spürte die Härte seiner Brust, die Stärke seiner Arme, die Hitze seines Körpers. Lange Finger streichelten ihr Gesicht, wischten Tränen fort, die immer noch aus ihren Augen rannen.

„Khalil?“

„Sei still, Liebes.“

Sie konnte nicht still sein. Es gab zu viele Fragen. „Was tust du hier?“, fragte sie erneut und versuchte zu ignorieren, dass er sie Liebes genannt hatte. „Bist du betrunken?“

Eine Sekunde lang wirkte seine Miene wild. Sie hatte das seltsame Gefühl, dass er kein Wort sagen, sondern sie vielmehr küssen würde. Statt entsetzt zu sein, beugte sie sich unwillkürlich zu ihm, ersehnte den Kuss, ob es nun ein Traum war oder nicht.

„Natürlich nicht.“ Er stand auf und durchquerte den Raum. Wollte er gehen? Sie setzte zu einem Protest an. Doch er schloss die Tür und betätigte den Lichtschalter.

Die Nachttischlampe erhellte den Raum. Flüchtig schloss Dora die Augen vor Entsetzen bei der Vorstellung, wie sie aussehen musste. Zweifellos war ihr Gesicht gerötet und fleckig vom Weinen und ihr Haar zerzaust. Was mochte Khalil von ihr denken? Bevor sie die Frage beantworten oder laut stellen konnte, wurde ihr bewusst, dass sie immer noch nicht wusste, was er mitten in der Nacht in ihrem Zimmer tat. „Khalil?“

Wortlos kehrte er zum Bett zurück, sank auf die Matratze, nahm ihre Hände und küsste ihre Finger.

Verwirrt blinzelte sie. Es erschien ihr unmöglich, dass Prinz Khalil Khan von El Bahar auf ihrem Bett saß und sie liebkoste. Doch obwohl sie ihren Augen nicht traute, konnte sie nicht an ihren Empfindungen zweifeln. Schauer rannen an ihren Armen hinauf. Hitze durchströmte sie. Ihr Atem stockte. Sie wollte sprechen, doch sie brachte keinen Ton heraus. Zwischen den Beinen verspürte sie ein unbekanntes Ziehen. Ihre Brüste schienen zu schwellen, die Knospen spannten sich.

„Ich werde ihn vernichten“, murrte er. „Ich werde ihn erschießen lassen.“

„Was? Erschießen? Wen?“

„Diesen Sohn eines Schakals. Diesen Fresser von Kameldung. Gerald.“

Sie zuckte zusammen. „Gerald?“

Er hob den Kopf und blickte sie an. Sein dichtes Haar war nicht länger perfekt frisiert. Mehrere Strähnen fielen ihm in die Stirn. Seine Augen glühten zornig und besitzergreifend. Sie blinzelte. Ihr gegenüber besitzergreifend? Unmöglich.

„Ich habe dich mit ihm telefonieren hören. Er ist ein abscheuliches Exemplar eines Mannes. Wie kann er es wagen, dich so schlecht zu behandeln? Er ist dumm und wertlos. Du, süße Dora, bist ein Schatz. Lieblich und intelligent. Du bist all das, was ein Mann sich von einer Frau wünschen kann. Ich lasse ihn erschießen – oder, wenn du nicht einwilligst, zumindest auspeitschen.“

„Ich … ich verstehe nicht“, brachte sie mit zitternder Stimme hervor.

„Du bist ohne ihn besser dran. Gerald verdient dich nicht. Sei froh, dass du ihn los bist.“ Er umfasste ihre Hände fester. „Ich will dich“, teilte er ihr rau mit. „Ich will dich schon, seit ich dich zum ersten Mal auf dem Flughafen gesehen habe. Es war quälend, diese vergangenen zwei Wochen mit dir zu arbeiten und den Vorgesetzten zu spielen, während ich mir in Wirklichkeit die Rolle deines Liebhabers ersehnt habe.“

Sein glühender Blick hielt ihren gefangen. Sie wollte sich abwenden, aber sie konnte es nicht. Sie wollte ihm außerdem glauben, aber auch das konnte sie nicht. Vielleicht tat sie ihm leid. Obwohl es eine bewundernswerte Geste war, wollte sie niemandes Mitleid.

„Ich verstehe nicht, was das soll. Es ist sehr nett von dir, besorgt zu sein, aber es geht mir gut.“ Sie dachte an ihre Tränen und zuckte die Achseln. „Okay, das ist etwas übertrieben, aber irgendwann wird es mir wieder gut gehen. Du brauchst nicht vorzutäuschen, dass du …“

„Nein!“, unterbrach er sie scharf. „Behandle mich nicht so gönnerhaft. Glaube ja nicht, dass du verstehst, was ich denke oder was ich will. Und wage es nicht anzunehmen, dass es aus Mitleid geschieht. Ich täusche gar nichts vor.“

Hastig stand er auf und griff nach den Knöpfen seines Hemdes. „Du glaubst ihm, diesem Sohn eines Schakals. Du hörst dir seine Lügen an und machst sie zu deiner Wahrheit. Warum? Warum lässt du dir von ihm wehtun? Er weiß nichts von dir.“ Er streifte sich das Hemd ab und warf es zu Boden. „Er hatte seine Chance und hat sie zerstört. Jetzt bin ich an der Reihe. Ich werde nicht seinen Fehler begehen.“

Dora setzte sich auf und rückte zurück bis zum Kopfteil. Offensichtlich wollte Khalil sich entkleiden. Einerseits hielt sie es für angebracht zu entfliehen, doch andererseits bekam sie vermutlich nicht so schnell wieder eine Gelegenheit, einen nackten Mann zu sehen. Der Himmel wusste, dass sie sich seit Jahren nach dieser Erfahrung sehnte. Außerdem war er so wundervoll, dass sie nicht die Kraft fand, den Blick abzuwenden.

Lampenlicht fiel auf seine glatte Haut, betonte seine Muskeln. Dunkles Haar bedeckte seine breite Brust. Als er den Gürtel öffnete, hielt sie unwillkürlich erwartungsvoll den Atem an.

Doch er schob die Hose nicht hinab. Stattdessen zog er sich Schuhe und Socken aus, stützte dann die Hände in die Hüften und teilte ihr mit: „Ich will dich. Nur dich. Ich will dich in meinen Armen, in meinem Bett. Ich will dich berühren, dich mit meinen Händen und meiner Zunge liebkosen. Du bist mein Herzenswunsch. Es geschieht nicht aus Mitleid und nicht, um dich zu trösten. Ich bin nicht so selbstlos. Ich bin hier wegen des Sehnens in meinem Körper. Es gibt Dinge, die ein Mann nicht vortäuschen kann. Das Verlangen muss echt sein. Verstehst du?“

Sie nickte. Sie verstand nur zu gut. Gerald hatte sie bis ins Innerste getroffen mit seiner Mitteilung, dass sie ihn nicht erregen konnte. Sie wusste, dass sie nicht gerade die hübscheste Frau auf der Welt war, aber sie hatte sich nie für derart abstoßend gehalten, dass kein Mann sie begehren konnte.

Khalil schob die Daumen in den Bund seine Hose. Der feine Wollstoff bauschte sich über seinen Lenden. Nun erst wurde ihr bewusst, dass die seltsame Form, der sie kaum Beachtung geschenkt hatte, der Beweis für seine Worte war. Khalil ließ die Hose zu Boden gleiten und stand in voller Pracht da.

„Ich will dich“, sagte er sanft.

„Ja, das sehe ich.“ Sie presste eine Hand auf den Mund. „Entschuldige. Ich wollte es nicht laut sagen.“

Doch er wurde nicht zornig, sondern grinste sie an. „Du bist beeindruckt.“ Er trat einen Schritt auf sie zu. „Zweifelst du immer noch an mir?“

Er hatte ihr einen beachtlichen Beweis geliefert. Sie wollte ihm glauben, aber es gelang ihr nicht recht. Da waren all die Dinge, die Gerald gesagt hatte. Und warum in aller Welt sollte Khalil an ihr interessiert sein?

„Hör auf“, befahl er streng. Er trat näher und kniete sich auf das Bett. „Höre nicht auf die Stimmen in deinem Kopf, sondern nur auf mich. Du wirst meine Frau sein. Meine allein. Verstehst du?“

Sie starrte in seine Augen und glaubte, in deren Tiefen die wilde Wüste von El Bahar zu sehen. Ein Schauer rann durch ihren Körper. Vorfreude? Vielleicht. Angst? Sicherlich. Aber Angst vor dem Unbekannten, nicht Angst vor ihm.

„Sei mein, Dora“, flüsterte er. „Lass mich dich lieben.“

Sie war überzeugt, dass es eine geistreiche Antwort auf all die schönen Worte gab, doch ihr fiel keine ein. Hilflos ließ sie sich umarmen und hinab auf die Matratze ziehen, und jeglicher Protest erstarb unter der Berührung seiner Lippen.

Sie war schon öfter geküsst worden – in der High School, im College und natürlich von Gerald, dessen Küsse geübt, beinahe nüchtern gewirkt hatten. Doch nie zuvor war sie von einem wilden, sinnlichen und verführerischen Mann wie Khalil geküsst worden.

Sie hatte ein stürmisches Drängen erwartet, doch es geschah ganz anders. Seine Lippen wirkten weich und gefügig an ihren, doch sie ließen keinen Zweifel daran, wer der Meister war. Gemächlich erforschte er die Konturen ihres Mundes. Dann legte er sich zu ihr auf die Decke.

Er umschmiegte ihr Gesicht mit einer Hand, so als fürchtete er, sie könnte zu entkommen versuchen. Hätte sie die Kraft oder den Willen besessen zu sprechen, hätte sie ihm gesagt, dass es ihr unmöglich war. Sie war gefangen – nicht wegen seiner überragenden Stärke, sondern weil sie nirgendwo sonst lieber gewesen wäre. Sie fürchtete ihn nicht. Instinktiv wusste sie, dass er ihr niemals wehtun würde.

„Dora“, murmelte er an ihren Lippen „Ich will dich, meine süße Wüstenrose. Du bist so weich, so warm, so passend für mich.“

Seine Worte wirkten so berauschend wie schwerer Wein. Er erweckte ein unbestimmtes Verlangen in ihr. Sie begehrte verzweifelt, ohne zu wissen, was ihr Befriedigung schenken würde.

„Berühre mich“, befahl er und streichelte ihre Unterlippe mit der Zunge.

Instinktiv vertraute sie ihm und legte eine Hand auf seine Schulter. Während seine Zunge in ihren Mund glitt, erforschte sie seine harten Muskeln und wünschte sich verzweifelt, dass er niemals aufhören möge.

Er neigte ein wenig den Kopf und vertiefte den Kuss. Eine Woge der Hitze stieg in ihr auf. Ihr stockte der Atem. Sie seufzte, schmiegte sich an ihn, erwiderte den Kuss.

Sie hatte nicht gewusst, dass ein solches Entzücken existierte.

Khalil ließ die Lippen zu ihrem Hals wandern, liebkoste die empfindsame Stelle unter ihrem Ohr. Er rollte sich zur Bettkante und schlug die Decke zurück.

Instinktiv griff Dora nach ihrem Nachthemd, das hochgerutscht war. Doch bevor sie den Saum hinabziehen konnte, spürte sie seine Finger über ihr Bein gleiten. Hinauf und hinab, von der Innenseite ihres Knies bis zum Scheitelpunkt ihrer Schenkel. Sie erschauerte und unterdrückte den Drang, seinen Namen zu rufen.

„Sag meinen Namen“, verlangte er und blickte ihr dabei tief in die Augen.

Ein entzückendes Verlangen durchströmte sie. „Khalil“, wisperte sie atemlos.

Er lächelte. „Was für ein leidenschaftliches Geschöpf du doch bist, meine tüchtige Dora. Ich bin ein sehr glücklicher Mann.“

Er zog sie zu einer sitzenden Position hoch. Bevor sie es sich versah, streifte er ihr das Nachthemd ab und entblößte ihre Brüste.

Sie wollte protestieren oder sich zumindest wieder bedecken, doch schon drückte er sie hinab auf den Rücken, presste die Lippen auf eine Brust und schloss eine Hand über der anderen. Plötzlich erschien es ihr gar nicht so schlimm, nackt zu sein.

Sie schloss die Augen und genoss die wundervollen Liebkosungen. Seine Zunge und Lippen waren weich und feucht an ihrer empfindsamen Haut.

Sie schmolz förmlich dahin. War das dieses Wunder zwischen Mann und Frau, von dem sie gelesen hatte? So vieles wurde ihr klar. Dass Geliebte Berge versetzten, um beisammen zu sein. Dass sie ihr Leben riskierten. Sie hätte alles getan, um den Zauber dieses Augenblicks zu verlängern.

Er saugte an einer Brust, während er die andere mit den Fingern liebkoste. Sie sah ihm zu, doch dann vermochte sie die Augen nicht mehr offen zu halten. Sie legte die Hände um seinen Kopf und strich durch sein seidiges Haar. Alles war zu vollkommen, zu unglaublich.

Dann spürte sie einen Druck an ihrem Schenkel. Seine Erregung war so deutlich, dass sogar sie es erkannte. Er begehrte sie. Aus einem ihr unerklärlichen Grund hatte dieser gut aussehende, reiche, gütige Mann beschlossen, mit ihr zu schlafen. Sie glaubte nicht recht, dass ihm wirklich etwas an ihr lag, aber sein Verlangen nach ihr war unbestreitbar. Es war das kostbarste Geschenk, das ihr je zuteil geworden war.

Tränen stiegen in ihre Augen, aber es waren keine Tränen des Schmerzes oder der Reue. Es waren Tränen der Freude und der Dankbarkeit.

Khalil kniete sich zwischen ihre Schenkel und blickte ihr in das Gesicht. „Du entzückst mich. Jetzt werde ich dich entzücken.“

Doch er drang nicht wie erwartet in sie ein. Stattdessen beugte er sich hinab und küsste ihre intimste Stelle. Schock raubte ihr den Atem, als er mit der Zunge sanft einen winzigen Punkt des Entzückens berührte.

Ihr gesamter Körper versteifte sich. Sie wollte ihm nicht Einhalt gebieten, aber sie war sich nicht sicher, ob sie die Erfahrung verkraften konnte. Er schien ihre heftige Reaktion nicht zu spüren, denn er hörte nicht auf, sie zu liebkosen.

Schließlich sank sie zurück in die Kissen, warf den Kopf hin und her.

Mit jedem Zungenschlag trug er sie höher und höher davon – oder zumindest erschien es ihr so. Sie hatte das Gefühl zu schweben, konnte nicht genug bekommen.

Sie flüsterte seinen Namen. Sie flehte ihn an, nie aufzuhören, befahl ihm, aufzuhören. Sie stemmte die Fersen in die Matratze, wand sich, bäumte sich auf.

Sie wusste nicht, wie lange es anhielt. Ihr gesamter Körper spannte sich, strebte einem ihr unbekannten Ziel entgegen. Dann ließ er sanft einen Finger eindringen und bewegte ihn im Rhythmus seiner Zunge.

Dora hatte nicht geahnt, dass ihr Körper so heftig reagieren konnte. Die Erlösung wirkte überwältigend. Schauer schüttelten sie.

Khalil flüsterte ihren Namen, während er sie an sich drückte und ihr Gesicht berührte. „Die Wüstenrose ist also eine Wüstenkatze“, murmelte er und küsste sie. „Du bist eine große Überraschung, süße Dora.“

Noch immer pochte ihr Herz schnell und hart. „Ist es normal, dass es so schön war?“, fragte sie.

Er lachte. „Nur, wenn zwei Menschen großes Glück haben.“ Seine Miene wurde ernst. „Wir passen sehr gut zueinander.“

Dann kniete er sich erneut zwischen ihre Schenkel, doch diesmal küsste er sie nicht. „Sag mir, dass du es willst“, verlangte er.

Verzweifelt sehnte sie sich danach, ihn in sich zu spüren, eins zu werden mit diesem unglaublichen Mann und zu erfahren, was Generationen von Frauen vor ihr erfahren hatten. „Ja, Khalil“, flüsterte sie. „Ich will es. Bitte. Jetzt.“

Sie spreizte die Schenkel, und er drang ein, füllte sie aus. Dann hielt er inne. „Der Beweis“, murmelte er, bevor er sich erneut bewegte, tiefer eindrang.

Ein scharfer Schmerz durchfuhr sie, ließ sie aufschreien. Doch er hörte nicht auf. Er bewegte sich voller Leidenschaft, während er ihr tief in die Augen blickte. Und sie glaubte, das Wispern des Wüstenwindes zu hören, als er sie in die Arme schloss und den Himmelsmächten zurief: „Du gehörst mir.“

5. KAPITEL

Khalil lag in der Dunkelheit. Er war müde, aber er konnte nicht schlafen. Er drehte den Kopf zur Seite und musterte die Frau, die an seiner Seite lag. Er konnte die Konturen ihres Körpers kaum erkennen, aber ihr Duft füllte seine Sinne und erweckte den Drang, sie an sich zu ziehen und erneut zu lieben.

Stattdessen setzte er sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Zum ersten Mal im Leben hatte er mit einer Jungfrau geschlafen. Er hatte Geralds Vorwürfe gehört und war davon ausgegangen, dass sie der Wahrheit entsprachen, aber ein Rest Unsicherheit war geblieben. Doras zögernde Reaktion hatte ebenfalls darauf hingedeutet, aber erst als er den Widerstand gespürt hatte, war er völlig sicher gewesen.

Der Akt der Entjungferung hatte überraschend befriedigend gewirkt. Er genoss das Wissen, dass kein anderer Mann seinen Samen in sie ergossen hatte, dass sie auf die primitivste Weise sein war.

Khalil lächelte, doch es wirkte eher zynisch als belustigt. Er brüstete sich damit, ein moderner Mann zu sein, der fortschrittlich bestrebt war, sein Land in ein neues Millennium zu führen. Doch da saß er nun und war entzückt darüber, endlich mit einer Jungfrau ins Bett gegangen zu sein. So viel also zu seiner Tünche der Zivilisierung. Er war nicht so weit entfernt von seinen primitiven Vorfahren, wie er gern geglaubt hätte.

Er blickte über die Schulter zu der schlafenden Frau. Konnte er es tun? War es falsch?

Er verwarf die Bedenken, sobald sie auftauchten. Er war Khalil Khan, Prinz von El Bahar. Er konnte tun, was immer ihm beliebte. Das Schicksal des Landes stand an erster Stelle. Er hatte nicht die Absicht, Amber zu ehelichen und seine Nation ihrem ungehörigen Wesen auszusetzen. Dennoch musste er heiraten und Söhne hervorbringen, die nach seinem Tode die Linie fortsetzten. Er war ein Mitglied der königlichen Familie, und als solches hatte er Pflichten.

Außerdem, wer war Dora Nelson schon ohne ihn? Eine Sekretärin, die von ihrem früheren Arbeitgeber schwer missbraucht worden war, ein Niemand. Mit ihm konnte sie so viel mehr sein. Sein Antrag wäre eine Ehre für sie und das Beste für alle Beteiligte.

Das entschieden, streckte er sich wieder auf dem Bett aus. Sobald der Morgen graute, wollte er die ersten Telefonate führen. Wenn Dora erwachte, sollte alles arrangiert sein. Er schloss die Augen, doch anstatt einzuschlafen, durchlebte er noch einmal das Entzücken, das er in ihren Armen gefunden hatte. Sie war unerfahren, aber eifrig. Die Erinnerung ließ ihn lächeln und weckte erneut sein Verlangen.

Er hatte beabsichtigt, in sein eigenes Zimmer zurückzukehren, doch er schaffte es nicht. Stattdessen zog er sie an sich, atmete ihren Duft ein, lauschte ihrem sanften Atem und wartete auf den Morgen.

Dora rührte sich unter der Decke, die ihr außergewöhnlich schwer erschien. Sie drehte sich um, stieß an etwas Warmes und riss die Augen auf.

Khalil lag neben ihr, mit hellwachen Augen und lächelnden Lippen. „Guten Morgen.“

Sie schluckte schwer, als Erinnerungen an die vergangene Nacht auf sie einstürmten. Eine verlegene Röte stieg ihr ins Gesicht, und sie musste den Drang unterdrücken, sich unter der Decke zu verkriechen.

„Aha. Du erinnerst dich also daran, was letzte Nacht passiert ist. Das hatte ich gehofft.“ Seine Stimme klang sanft, und ebenso sanft legte er eine Hand auf ihre Schulter und streichelte ihren Arm. „Es hat sehr gut mit uns geklappt.“ Er schob ein nacktes Bein zwischen ihre nackten Schenkel. „So gut, dass ich nicht schlafen konnte. Ich konnte nur daran denken, mich wieder mit dir zu lieben.“

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Welche Bemerkung war am Morgen danach angebracht? Vor allem, wenn die Nacht davor unerwartet eingetreten und zudem das allererste Mal darstellte?

„Danke“, murmelte er und küsste sie auf die Wange.

Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Da war sie, nackt im Bett mit einem gut aussehenden Prinzen, und er dankte ihr für ihr intimes Erlebnis. War die Welt völlig verrückt geworden? Oder suchte er nach einem Ausweg? Wollte er ihr damit mitteilen, dass es töricht von ihr wäre, Erwartungen zu hegen?

„Für mich war es auch ganz nett“, sagte sie schließlich, als ihr klar wurde, dass er auf eine Antwort wartete. Sie hätte gern etwas Distanz zwischen ihnen geschaffen, wusste aber nicht, wie sie es bewerkstelligen sollte, ohne verletzend zu wirken. Sie wäre auch gern aufgestanden, aber die Vorstellung, sich ihm nackt zu präsentieren und ihre körperlichen Mängel bei hellem Tageslicht zur Schau zu stellen, sagte ihr gar nicht zu.

„Ich hatte gehofft, du hättest unser Liebesspiel nicht nur als nett empfunden“, schalt er. „Wie wäre es mit spektakulär? Außerordentlich? Zauberhaft?“

Der Klang seiner Stimme verriet ihr, dass er sie neckte. „Ich bleibe lieber bei nett“, entgegnete sie spröde.

Seine Vergeltung ließ keine zwei Sekunden auf sich warten. Er warf sich über sie und kitzelte sie. Lachend und prustend versuchte sie, sich zu entwinden. Doch er hielt mit einer Hand ihre Arme über ihrem Kopf gefangen und küsste ihre Brüste, sodass sie erschauerte.

Er gab sie frei und setzte sich auf. „Wir passen sehr gut zusammen“, verkündete er. „Es war kein Fehler, dich zu erwählen.“

„Wovon redest du?“

Er runzelte die Stirn, so als hätte er intuitives Verständnis von ihr erwartet. „Ist das nicht offensichtlich? Wir werden heute Nachmittag getraut. Um fünf Uhr. Die Boutique, in der du deine anderen Sachen gekauft hast, wird um zwei Uhr eine Auswahl an Kleidern liefern.“

Während er sprach, stand er auf und nahm einen Bademantel, der auf einem Sessel lag. Ihre Ohren hörten, was er ihr sagte, aber die Informationen hatten für sie keinerlei Bedeutung.

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