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JULIA GOLD BAND 75

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Sinnliche Wünsche

1. KAPITEL

Die Braut war verschwunden.

Jalia rannte über den Balkon. In ihren Schläfen pochte es. Der Brautjungfernschleier aus grüner Seide fiel ihr ins Gesicht und machte sie halb blind.

Was war passiert? Wohin war Noor gegangen. Und warum?

Oh, bitte lass es nur eines von ihren Spielchen sein. Lass sie es sich nicht anders überlegt haben, nicht so …

„Noor!“, rief sie. „Noor, wo bist du?“

In dem riesigen Innenhof des palastartigen Anwesens, wo kurz zuvor die Partygäste noch ausgelassen gefeiert hatten, herrschte betroffenes Schweigen. Es bestand wohl keine Aussicht, Noor rechtzeitig vor dem Trauungstermin zu finden. Mit einer Verzögerung musste also gerechnet werden.

Der Balkon, auf dem Jalia stand, befand sich über einem anderen, kleineren Innenhof. Wenn Noor sich hierher verirrt hätte, wäre ihr das doch bestimmt gleich aufgefallen?

„Noor?“ Jalia beugte sich über das Geländer. Der Innenhof war leer.

Vor ihr erstreckte sich der Balkon, eine lange Reihe kunstvoll geschnitzter Bögen und Säulen. Am Ende befand sich eine spitzbogenförmige Tür. Auch hier war niemand.

„Noor?“, rief sie noch einmal. War sie, Jalia, etwa schuld am Verschwinden der Braut? Bestimmt würden die Leute genau das denken.

Vor allem Scheich Latif Abd al Razzaq Shahin würde Jalia erneut vorwerfen, dass sie sich in die voreilige Verlobung ihrer Cousine mit seinem Freund Bari eingemischt hatte. Er hatte das schon einmal getan, und Jalia hatte sich von dieser Begegnung noch immer nicht ganz erholt.

„Noor!“, rief sie jetzt lauter, denn es hatte keinen Zweck mehr, ein Geheimnis daraus machen zu wollen. Oh, wie typisch war das doch für Noor, ihre Cousine wieder einmal die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen. Dank Noors unbekümmertem Plappermaul war es in der ganzen Familie bekannt geworden, dass Jalia einiges gegen diese übereilte Hochzeit einzuwenden hatte.

Vor allem aber Latif Abd al Razzaq würde sie für das verantwortlich machen, was auch immer passiert war. Nicht, dass sie sich auch nur die Bohne um seine Meinung scherte, aber wenn er jemanden kritisierte, konnte er sehr hart, ja fast grausam sein. Und er mochte Jalia ebenso wenig wie sie ihn. Wahrscheinlich würde er sich über eine weitere Gelegenheit freuen, sie so richtig vorzuführen.

Wenn man vom Teufel spricht – plötzlich stand Latif Abd al Razzaq wenige Meter von ihr entfernt auf dem Balkon, bekleidet mit dem traditionellen Gewand der Tafelgefährten. Ein Schauer überlief Jalia, als ob eine schreckliche Bedrohung von ihm ausginge, und sie versuchte, sich hinter einer Säule zu verstecken.

Aber sie war wohl einen Sekundenbruchteil zu lange von seinem Anblick fasziniert gewesen. Jedenfalls stand er im nächsten Augenblick vor ihr und versperrte ihr den Weg.

„Wo ist Ihre Cousine?“, fragte Latif Abd al Razzaq Shahin, Tafelgefährte des neuen Sultans, in schroffem Ton.

Jalia bekam eine Gänsehaut. Sie schmiegte sich an die Säule wie ein verängstigtes Tier, aber nur für einen kurzen Moment, dann straffte sie die Schultern. Ihr Gesicht war ja hinter dem Schleier verborgen. Wie konnte er wissen, wer sie war? Er konnte nur raten. Er bluffte wohl.

„Ich nicht weiß, was Sie meinen“, sagte sie mit verstellter Stimme. „Sie müssen sich irren.“

Er schüttelte nur den Kopf. Wie sie diese männliche Arroganz, diese unerschütterliche Selbstsicherheit hasste! Wenn Latif Abd al Razzaq etwas für richtig hielt, dann musste ihm alle Welt zustimmen. Das Leben selbst hatte sich ihm unterzuordnen.

Sie zitterte vor Wut. Wie sie diesen Mann verabscheute! Er verkörperte alles, was ihr an der orientalischen Welt zuwider war.

„Das Spiel ist aus, Jalia!“, zischte er. „Wo ist sie?“

Sie hätte sich gerne aus dem Staub gemacht, aber Latif stand im Weg. Und sich ganz dicht an ihm vorbeizudrücken, das brachte sie irgendwie nicht über sich.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen. Gehen Sie aus dem Weg!“, sagte Jalia eisig.

Er hob die Hand und lächelte breit. Jalia zuckte unwillkürlich zusammen, als er langsam den Schleier von ihrem Gesicht zog.

Ihr dichtes blondes Haar lag halb über ihrem Gesicht. Nur einer ihrer hohen Wangenknochen war zu sehen und nur eines ihrer graugrünen Augen, aus denen sie Latif kalt und herablassend anblickte.

Einen Moment lang erstarrte er in der Bewegung – seine Faust schloss sich um den zarten Stoff. Die Luft knisterte förmlich von der Feindseligkeit, mit der sie einander ansahen.

Dann ließ Latif den Schleier los und senkte die Hand. „Wohin ist Ihre Cousine gegangen?“, fragte er leise.

Jalia hob das Kinn noch ein Stückchen höher. Ihre wunderschönen Augen schienen Blitze hervorzuschleudern. Sie war nicht im Geringsten verlegen, nachdem sie doch bei einer Lüge ertappt worden war.

„Reden Sie nicht in diesem Ton mit mir, Exzellenz.“

„Wohin?“

„Ich habe keine Ahnung, wo Noor ist. Vielleicht irgendwo auf einer Toilette, vielleicht ist ihr schlecht geworden. Ich bin auf der Suche nach ihr. Sie verschwenden Zeit, wenn sie mich hier aufhalten. Lassen Sie mich vorbei, bitte.“

„Wenn Sie hier nach ihr suchen, sind Sie es, die Zeit verschwendet. Sie ist geflohen.“

Jalias Herz setzte fast aus. „Geflohen? Das glaube ich nicht! Wohin sollte sie denn geflohen sein?“

„Das ist es, was Bari mich gebeten hat, Sie zu fragen. Wo ist die Prinzessin?“

„Sie meinen, sie hat das Haus verlassen?“

„Wissen Sie das wirklich nicht?“

Unwillkürlich blickte sie auf ihre geschlossene Faust. „Nein! Woher sollte ich das wissen? Ich habe hier mit den anderen Brautjungfern gewartet.“

Sein Blick folgte ihrem. Sie schien etwas in der Hand zu verbergen. Sofort schlossen sich Latifs Finger um Jalias Handgelenk, und dann zwang er sie ganz lässig, die Faust umzudrehen, sodass ihre Fingerspitzen oben lagen.

„Was haben Sie da?“ Sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht, grimmig und fest entschlossen.

„Das geht Sie nichts an! Lassen Sie mich los!“

„Öffnen Sie die Hand, Prinzessin Jalia.“

Ihr Versuch, sich zu wehren, scheiterte kläglich. Es gelang ihr nicht, sich loszureißen. Feindselig starrten sie einander an, schließlich musste Jalia die Demütigung ertragen, dass Latif ihr die Finger auseinanderbog.

Wieder sah er ihr direkt in die Augen, sein zorniger Gesichtsausdruck ließ Jalia erstarren.

„Was ist das?“, fragte er und nahm ihr den Ring aus der Hand. Dann ließ er ihr Handgelenk so abrupt los, dass sie fast das Gleichgewicht verlor.

Er hielt den Ring ins Sonnenlicht, das durch einen Spalt des gewölbten Balkondaches fiel. Der legendäre Al-Khalid-Diamant übertraf mit seinem Feuer alle anderen Diamanten, und doch war sein Funkeln nichts im Vergleich mit der Glut in Latif Abd al Razzaqs Augen.

„Was ist das?“, wiederholte er missbilligend.

„Vielleicht eine billige Imitation?“, erwiderte Jalia übertrieben sarkastisch, denn Noors Verlobungsring war natürlich unverkennbar. Der Wert des Al-Khalid-Diamanten war gegenüber dem bescheidenen Verlobungsring, der an Jalias Ringfinger steckte, sicherlich um das Tausendfache höher.

„Sagen Sie mir, wo Ihre Cousine ist.“

„Wieso sind Sie so sicher, dass ich das weiß? Zurück zum Palast, nehme ich an. Wo sonst sollte sie wohl hingehen?“

Der Schleier glitt langsam zurück über ihr Gesicht. Gereizt begann sie, die Nadeln, mit denen er festgesteckt war, herauszuziehen. Was für eine idiotische Tradition, die Braut aus einer Schar verschleierter Brautjungfern heraussuchen zu lassen, um die Wahrnehmungsfähigkeit des Bräutigams zu testen. Dabei wusste doch alle Welt, dass der Bräutigam immer einen Tipp bekam, was seine Braut anhaben würde. Außerdem hatte Noor alle traditionsbewussten Gäste schockiert, indem sie sich an die westliche Tradition gehalten und Weiß getragen hatte. Bari hätte blind sein müssen, um sie zu verfehlen.

Nichtsdestotrotz hatte man auf dem alten Ritual bestanden. Das war nur einer von vielen Gründen, weshalb Jalia froh war, dass ihre Eltern lange vor ihrer Geburt aus Bagestan geflohen waren. Und sie war alles andere als glücklich über deren Absicht, hierher zurückzukehren.

Männer wie Latif Abd al Razzaq waren ein Grund mehr.

Immer noch sah er sie skeptisch an. Jalia wusste, er würde niemals glauben, dass sie mit dem Verschwinden der Braut nicht das Geringste zu tun hatte, auch wenn sie von Anfang an gegen Noors übereilte und keineswegs von jedermann freudig begrüßte Hochzeit gewesen war.

Das war ihr jetzt auch ganz egal. Was Latif Abd al Razzaq von ihr dachte, spielte absolut keine Rolle für sie.

Sie warf den kunstvoll bestickten Schleier weit von sich, ohne darauf zu achten, dass er an den Dornen eines Rosenbusches hängen blieb.

„Sie haben Noors Ring!“

„Ja“, sagte Jalia gelassen.

„Wie kommt das?“

„Ist das Ihre Angelegenheit, Exzellenz? Und was soll dieser Ton?“

Seine Stimme klang eine halbe Oktave tiefer, als er fragte: „Was für einen Ton wünschen Sie sich von mir, Prinzessin?“

Jalia bekam schon wieder eine Gänsehaut, aber sie ließ sich nichts anmerken. „Ich hätte nichts dagegen, Ihre Stimme überhaupt nicht mehr zu hören.“

Sie war richtig froh über die offensichtliche Feindseligkeit in seinem Blick. Ein Mann wie er konnte nur ein Gegner für sie sein – das stand fest –, und es war immer besser, die Feindschaft offen auszutragen. So brauchte keiner dem anderen etwas vorzumachen.

Sie musterte ihn schweigend. Das dunkelgrüne Seidenjackett, das er trug, ließ seine grünen Augen noch intensiver wirken. Ein reich verziertes Schwert hing an seiner Seite. Jalia spürte die gegenseitige Ablehnung geradezu körperlich.

Sie wusste nicht, was er gegen sie haben sollte, aber es bestand kein Zweifel darüber, was sie gegen ihn hatte: Er verkörperte alles, was sie an einem Mann nicht ausstehen konnte. Er war dominant, über die Maßen selbstsicher, übertrieben männlich – und auch noch stolz darauf.

„Hat Noor mit Ihnen gesprochen, bevor sie geflohen ist?“

Jalia seufzte entnervt. „Was erhoffen Sie sich eigentlich?“

„Hat sie vielleicht unbewusst irgendeinen Hinweis gegeben? Hat sie davon gesprochen, dass sie zum Palast will?“

„Würden Sie bitte aufhören, mir zu unterstellen, dass ich verantwortlich bin für das, was passiert ist? Was immer Noor vorhat, und wer immer ihr dabei hilft, ich hatte und habe nichts damit zu tun! Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, dass es ganz anders sein könnte, als es den Anschein hat? Noor könnte aus dem Haus gelockt worden sein, vielleicht hat sie jemand bedr …“

„Ah! Sie meinen, man hat sie gezwungen?“ Die smaragdgrünen Augen funkelten. Sein Blick triefte vor Sarkasmus.

„Ich weiß nicht! Geht das nicht in Ihren Schädel, dass ich keine Ahnung habe, weshalb Noor verschwunden ist – wenn sie überhaupt verschwunden ist.“

„Wenn?“

„Nun, ich weiß nur, was Sie gesagt haben, Exzellenz, und Sie haben schon mehr als einmal bewiesen, dass Sie gegen mich voreingenommen sind!“

Seine Exzellenz sah sie einen Moment lang schweigend an.

„Wir müssen mit den anderen reden. Kommen Sie“, sagte er dann, machte auf dem Absatz kehrt und ging auf den bogenförmigen Durchgang zu, der zur Treppe und hinab zu dem großen Innenhof führte.

Jalia presste die Lippen zusammen. Sie musste mit Noors Eltern sprechen, es blieb also nichts anderes übrig, als sich Latif anzuschließen. Außerdem hatte er ja auch den Ring, und wenn sie nicht mit ihm ginge, wer könnte sagen, welche Erklärung Latif Abd al Razzaq dafür einfallen würde, dass er ihn in Jalias Hand entdeckt hatte.

2. KAPITEL

Jalia und Latif schritten die ausgetretenen Stufen der grandiosen Marmortreppe hinab, die zum großen Innenhof führte. Es war deutlich zu spüren, dass unter den Gästen große Verwirrung herrschte. Die Leute standen murmelnd in Gruppen zusammen oder blickten einfach nur ratlos um sich.

Nur der Sultan und die Sultanin wirkten völlig unbeeindruckt. Heiter und gelassen plauderten sie mit jedem, der sich ihnen näherte, sodass sie eine Insel der Ruhe in einer ansonsten ziemlich aufgebrachten Menschenmenge bildeten.

„Was ist passiert?“

„Wo ist die Prinzessin?“

„Ist jemand krank geworden?“

„Ist die Trauung abgesagt worden?“

Die Fragen schienen an sie gerichtet zu sein, aber Jalia ging schweigend weiter. Latif schritt durch die Menge wie durch einen Wald, und sie war froh, einen Vorwand zu haben, um nicht stehen bleiben zu müssen. Sie hätte nichts zu sagen gehabt.

In dem geräumigen Empfangsraum saßen die Familien der Brautleute auf einer niedrigen Plattform und unterhielten sich leise, die Atmosphäre war spürbar angespannt. Es sah aus, als hätten tausend Leute auf einmal beschlossen, ein Picknick zu machen, denn überall auf den kostbaren Teppichen lagen weiße Tischdecken mit Tellern, Schüsseln, Kristallgläsern und Silberbesteck.

„Jalia!“ Ihre Mutter und ihre Tante eilten mit verweinten Augen auf sie zu. „Hat sie etwas zu dir gesagt, bevor sie fortgelaufen ist? Wo will sie hin? Was ist passiert?“

„Hat sie etwa tatsächlich das Haus verlassen?“, stammelte Jalia. Sie hatte die beiden Frauen noch nie so besorgt erlebt.

„Weißt du das noch nicht? Sie ist fort! Sie hat die Limousine genommen! Und sie trägt noch immer ihr Brautkleid! Mit Schleier!“

„Sie hat sich nicht einmal umgezogen?“ Jalia war völlig perplex. „Aber wo soll sie denn hin, mit Brautkleid und Schleier, außer zum Palast? Hat sie irgendwelches Gepäck mitgenommen?“

„Die Diener sagen, das Gepäck ist noch im Vorraum, nichts fehlt. Im ganzen Palast keine Spur von ihr. Man wird uns anrufen, sobald sie dort auftaucht, aber wenn sie dorthin gewollt hätte, wäre sie inzwischen längst da. Sag uns, was passiert ist!“, flehte Jalias Tante.

„Tante, ich habe keine Ahnung! Ich ging mit den anderen Brautjungfern hinauf, um Noor pünktlich abzuholen. Der Friseur sagte, sie sei im Badezimmer. Wir warteten. Nach ungefähr fünf Minuten schaute ich nach. Sie war nicht da.

Es tut mir so leid, Tante Zaynab. Ich hätte wohl sofort Alarm schlagen sollen, aber ich dachte, sie sei vielleicht nervös geworden oder hätte sich verlaufen oder …“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Also bin ich sie suchen gegangen. Damit habe ich wohl wertvolle Zeit verschwendet, aber ich dachte …“

Ihre Tante tätschelte Jalias Hand. „Ja, du dachtest, es sei wieder eines von Noors Spielchen. Das wäre jedem so gegangen. Aber es muss ernster sein, denn jetzt ist sie wirklich fort. Hat sie irgendetwas zu irgendjemandem gesagt? Als ich sie das letzte Mal sah, schien es ihr gut zu gehen. Sie lachte, sie war so glücklich und aufgeregt …“

„Tante, sie … ich fand ihren Ring. Er lag auf dem Boden ihres Ankleidezimmers.“

Latif hielt den Al-Khalid-Diamanten hoch. Mit einem entsetzten Aufschrei riss ihm Jalias Tante den Ring förmlich aus der Hand.

„Sie muss wohl in Panik geraten sein“, vermutete jemand. „Lampenfieber, so etwas kommt vor bei einer jungen Braut.“

Alle Blicke schienen sich auf einmal vorwurfsvoll auf Jalia zu richten. Zum Glück betrat in diesem Moment Bari al Khalids Onkel den Raum. Er wirkte erschöpft.

„Bari ist auch fort! Die Wachen sagen, er fuhr wenige Minuten nach Noor weg.“

„Barakullah!“, weinte Prinzessin Zaynab. „Was ist nur los?“

Endlich brachte Latif Abd al Razzaq die entsetzte Menge mit ruhiger Stimme zum Schweigen. „Einer der Wachleute hat Noor wegfahren sehen und Bari davon berichtet. Er ist ihr nachgefahren, um sie zurückzuholen.“

Sofort stand Latif im Zentrum der Aufmerksamkeit. Alle Blicke richteten sich auf ihn.

„Vorher hat er mich gebeten, Jalia zu suchen und sie zu fragen, was sie weiß.“

Wieder richteten sich alle Blicke, mehr oder weniger vorwurfsvoll, auf Jalia.

„Ich weiß gar nichts!“, rief sie flehend. „Sie hat kein Wort zu mir gesagt.“ Sie sah Latif an. Bestimmt hatte er sie absichtlich ins Spiel gebracht. „Könnte es sein, dass sie einen Anruf bekommen hat?“

„Die Dienerinnen sagen Nein“, beantwortete Prinzessin Muna die Frage ihrer Tochter.

„Wo ist ihr Handy? Hat sie vielleicht jemanden angerufen?“

„In ihrer Handtasche, in ihrem Schlafzimmer. Sie hat nicht einmal Geld mitgenommen, Jalia!“

„Oh, meine Tochter! Was sollen wir nur tun?“, weinte Prinzessin Zaynab. „Wenn Bari sie findet, so wütend, wie er jetzt sicherlich ist …“

„Ich werde sie suchen“, erklärte Latif.

„Eure Exzellenz, danke! Aber wenn Sie Noor finden …“

„Jalia wird mit mir gehen.“

Jalias Kopf fuhr herum. „Ich? Was kann ich denn …?“

Ihre Mutter fiel ihr ins Wort. „Ja, geh mit seiner Exzellenz, Jalia. Du kannst vielleicht helfen.“

Sie sollte mit Latif Abd al Razzaq gehen? Sie zuckte innerlich zusammen. Warum nur bat er sie, ihn zu begleiten, er hielt sie doch ganz offensichtlich für pures Gift?

„Helfen? Wie denn? Ich weiß wirklich nicht, wo sie ist!“, protestierte sie.

Latif hob nur hoheitsvoll eine Braue. Jalia sah sich um. In den meisten Gesichtern drückte sich Zustimmung aus. Zum Teufel mit diesem Mann.

„Natürlich weißt du das nicht, Jalia“, murmelte Prinzessin Zaynab und tätschelte wieder ihre Hand. Ihre dunklen Augen schimmerten von Tränen. „Aber Bari wird so schrecklich wütend sein. Bitte geh mit Latif. Sie ist vielleicht … Beruhige sie einfach und bring sie zurück. Sag ihr, es ist nicht zu spät. Wir warten hier.“

Als Jalia und Latif aus dem Haus traten, blies ihnen ein heißer, trockener Wind entgegen. Jalia bekam Sand in die Augen.

Der Saum ihres langen Kleides und das miederartige Oberteil waren mit Goldfäden durchwirkt und mit feinen Goldplättchen bestickt. Wie idiotisch, in so einem Aufzug auf die Suche nach Noor zu gehen. Als ob sie eine Frau aus den Bergen wäre, wie man sie manchmal auf dem Basar sehen konnte. Selbst auf dem Markt erschienen die Frauen der Bergstämme in geradezu königlicher Kleidung. Manche von ihnen waren blond und hatten grüne Augen, wie Jalia. Allerdings war sie immer davon ausgegangen, dass sie ihren Teint und die Haarfarbe ihrer französischen Großmutter verdankte.

Als Latifs Wagen vom Parkplatz kam, glänzte ihre Haut schon von Schweiß, und ihr fiel ein, dass sie nichts dabei hatte, um sich gegen die Sonne zu schützen.

Das traditionelle Schwert, das alle Tafelgefährten bei formellen Anlässen trugen, lag in einem juwelenbesetzten Futteral auf dem Rücksitz. Latif sah Jalia schweigend an, als sie sich auf den Beifahrersitz setzte.

„Ich kann mir nicht vorstellen, weshalb Sie mich dabei brauchen sollten!“, sagte sie kühl.

Scheich Latif Abd al Razzaqs Blick war unergründlich.

„Sie brauchen?“, wiederholte er herablassend. „Ich habe Sie nur aus der Schusslinie geholt, bevor die Menge sich auf Sie stürzen konnte. Obwohl Sie es wahrscheinlich verdient hätten.“

Die Flügel des großen Tores öffneten sich, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Sofort stürzten zwei Männer und eine Frau auf sie zu. Einer der Männer trug eine Kamera auf der Schulter, und die Frau hielt einen Kassettenrekorder vor Latifs Gesicht und klopfte aggressiv gegen die Fensterscheibe.

„Exzellenz, können wir bitte mit Ihnen sprechen?“

„Können Sie uns sagen, was passiert ist? Hat die Trauung stattgefunden?“

„Warum ist die Prinzessin weggefahren?“

Immer mehr Reporter umringten den Wagen und zwangen Latif, ganz langsam zu fahren. Unter ständigem Blitzlichtgewitter wurden Fragen auf sie abgefeuert wie Maschinengewehrsalven. Mehrere kleine, rot glühende Augen wurden aufdringlich auf das Wageninnere gerichtet. Es war fast, als ob die Kameras selbst zum Leben erwacht seien und die Insassen ausspionieren wollten.

„Nein! Oh nein!“, rief Jalia entsetzt.

„Lassen Sie sich nichts anmerken“, sagte Latif ruhig.

Jalia konnte nicht umhin, ihn für seine Gelassenheit zu bewundern. Obwohl er gezwungen war, langsamer als Schritttempo zu fahren, ließ er sich in keiner Weise anmerken, dass er die Meute überhaupt wahrnahm. Sie dagegen wurde immer wütender, als die Reporter sich ihnen immer wieder in den Weg stellten und an die Scheiben klopften.

„Prinzessin! Eure Hoheit!“, rief jemand, und sie drehte sich unwillkürlich um. Im selben Moment wurde sie von einem Blitzlicht geblendet. Woher wussten die Reporter Bescheid? Sie hatte doch so aufgepasst!

„Können Sie uns sagen, warum Prinzessin Noor geflohen ist?“

„Wo ist sie hin?“

„Ist sie vor einer Zwangsheirat geflohen, Prinzessin?“

Zwangsheirat? Noor war einfach nur glücklich gewesen. Jalia konnte nicht verhindern, dass sie leicht genervt den Kopf schüttelte. Sofort wurde das als Hinweis gedeutet.

„Die Hochzeit entsprach also nicht ihrem eigenen Willen? Sind Sie überrascht über das, was passiert ist?“

Aber Jalia hatte ihre Lektion gelernt. Stumm blickte sie geradeaus. „Verflixt, verflixt!“, murmelte sie vor sich hin.

Latif drückte Gas- und Bremspedal gleichzeitig durch, sodass die Reifen auf der unbefestigten Straße durchdrehten. Im Nu war der Wagen von einer Staubwolke umhüllt.

Hustend zogen sich die Reporter zurück. Latif nahm den Fuß von der Bremse. Der Wagen schoss vorwärts, nicht ohne eine weitere Staubwolke hinter sich aufzuwirbeln.

Unwillkürlich lachten sie beide auf, wie Kinder, die einem strengen Aufseher entwischt sind. Jalia schaute Latif bewundernd an, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Jeden anderen hätte sie beglückwünscht, aber bei Latif konnte sie einfach nicht ungezwungen sein.

„Ich habe so aufgepasst, dass niemand mich erkennt!“, jammerte sie. „Wie konnten die wissen, wer ich bin?“

Im Gegensatz zu Noor, die ganz entzückt gewesen war, hatte Jalia die Nachricht, dass sie eine bagestanische Prinzessin war, sehr zurückhaltend aufgenommen. Sie wollte um jeden Preis verhindern, dass diese Tatsache öffentlich wurde. Zuhause in Schottland hatte sie niemandem davon erzählt.

Wer könnte sie verraten haben, und warum?

Latifs dunkle Augen richteten sich auf sie. Wie jedes Mal, wenn das passierte, fühlte sie sich irgendwie bedroht. Es war wie ein animalischer Fluchtinstinkt, obwohl es überhaupt keinen Grund dafür gab. Und genau das ärgerte sie. Jedes Mal aufs Neue.

„Wahrscheinlich haben die zwei und zwei zusammengezählt. Sie haben sich selbst verraten mit Ihrer Reaktion.“

Es war so offensichtlich, dass Widerspruch zwecklos war.

„Oh, zum Teufel!“, rief Jalia. „Hätte ich doch den Schleier anbehalten!“

3. KAPITEL

Latif lachte laut auf. Doch es war ein nicht gerade freundliches Lachen.

„Wäre das denn so schlimm – ein Foto in ein paar Zeitungen?“

Jalia sah ihn indigniert an. „Sie sind Tafelgefährte des Sultans – es gehört zu Ihrem Job, dass sich die Medien für Sie interessieren. Im Übrigen sind Sie einer von zwölfen. Ich bin Universitätsdozentin in einer kleinen Stadt in Schottland, wo Prinzessinnen kaum vorkommen. Ich möchte nicht, dass es bei mir zu Hause bekannt wird.“

Sie näherten sich der asphaltierten Straße. Er bremste leicht und lenkte den Wagen Richtung Stadtzentrum. Zwei Autos mit Reportern waren ihnen noch auf den Fersen.

„Übertreiben Sie nicht ein bisschen? Es ist ja nicht die britische Königsfamilie, der Sie angehören, nur die eines kleinen Landes im Mittleren Osten.“

„Ich hoffe, Sie haben recht“, sagte Jalia nachdenklich. „Aber in Europa sind die Medien seit fünf Jahren geradezu besessen von den Königshäusern in den Barakatischen Emiraten – und seit Ghasibs Sturz auch von der königlichen Familie von Bagestan. Wenn bekannt wird, dass ich eine Prinzessin dieses Landes bin, dann ist es mit meinem Privatleben vorbei.“

„Nur wenn Sie weiterhin im Ausland leben“, stellte er fest. „Warum kommen Sie nicht nach Hause?“

Jalia straffte die Schultern. „Weil Bagestan nicht mein Zuhause ist“, erwiderte sie kühl. „Ich bin aus Schottland, das wissen Sie doch.“

Wieder lag sein Blick auf ihr, dunkel und unergründlich. „Das wäre kein Problem“, sagte er, als ob die Tatsache, dass sie in Schottland lebte, so etwas wie eine Behinderung sei. „Sie würden sich hier rasch einleben. Die Universitäten hier hätten Ihnen alle möglichen Positionen anzubieten. Ash arbeitet daran, dass …“

„Ich unterrichte Engländer in klassischem Hocharabisch, Latif“, erklärte Jalia. „Ich spreche nicht einmal das bagestanische Arabisch.“

Plötzlich sehnte sie sich ganz schrecklich nach einem kühlen englischen Herbst, nach Regentropfen an Fensterscheiben, nach dem Geruch von Büchern, billigen Teppichböden und Kaffee, dem Geruch ihres winzigen Büros und nach dem unbeschwerten Geplauder mit ihren Kollegen.

„Bestimmt wissen Sie auch, dass die Sprache der gebildeten Bagestani dem klassischen Koranarabisch sehr ähnlich ist. Sie würden das ganz schnell lernen.“ Er lächelte breit und entblößte dabei seine strahlend weißen Zähne. „Auf dem Basar hätten Sie vielleicht eher Schwierigkeiten.“

Jalia erwiderte Latifs Blick, ohne auf seinen Scherz einzugehen. Sie hatte dieses Argument schon viel zu oft von ihrer Mutter gehört, um darüber lachen zu können.

„Und ich befände mich im Blickpunkt des öffentlichen Interesses, nicht wahr?“, erwiderte sie. Er sollte nicht glauben, ihr etwas vormachen zu können.

„Hier wären Sie eine von vielen, und, was immer Sie tun würden, würde nur dann beobachtet werden, wenn Sie es wollten. Die Palastmaschinerie würde Sie beschützen.“

„Und mir vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen hätte“, entgegnete sie eisig. „Nein danke! Unabhängigkeit und Anonymität sind mir da schon lieber.“

Er antwortete nicht, aber sie bemerkte an seinem zuckenden Kiefernmuskel, dass er verärgert war. Einen Moment lang war sie versucht, ihn zu fragen, weshalb das überhaupt eine Bedeutung für ihn hatte, aber dann ließ sie es doch lieber bleiben. Bei Latif Abd al Razzaq war es besser, nicht zu persönlich zu werden.

Eine Zeit lang schwiegen sie beide. Latif konzentrierte sich aufs Fahren. Eines der Presseautos fuhr an ihnen vorbei, eine Kamera wurde auf sie gerichtet, dann preschte der Wagen davon.

Jalia musste immer wieder über das Gespräch nachdenken, das sie eben mit Latif geführt hatte. Was ging es Latif Abd al Razzaq an, wo sie leben wollte?

„Warum blasen Sie in dasselbe Horn wie meine Mutter?“, fragte sie schließlich. „Bei ihr kann ich es ja verstehen. Aber Sie? Wieso interessieren Sie sich überhaupt dafür, wie und wo ich lebe?“

Er antwortete nicht gleich, und Jalia hatte das Gefühl, als suche er nach Worten.

„Bedeutet Ihnen dieses Land hier etwas?“, fragte er schließlich in barschem Ton. „Bagestan hat in den letzten dreißig Jahren herbe Verluste erlitten, was das akademische Leben betrifft – zu viele gebildete Leute sind ins Exil gegangen. Wenn die bagestanischen Bürger, die im Ausland geboren wurden, nicht zurückkehren … Sie sind eine geborene al Jawadi, Enkelin des gestürzten Sultans. Finden Sie nicht, dass die al Jawadis eine Pionierrolle spielen sollten?“

Jalia fühlte sich irgendwie merkwürdig enttäuscht.

„Sie haben doch schon meine Eltern dazu gebracht, dass sie zurückkehren“, sagte sie verhalten. Dank Latifs Bemühungen war es ihnen leicht gefallen, sich für die Rückkehr zu entscheiden: Er hatte Jalias Familie bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche auf ihre unter Ghasibs Regime enteigneten Besitztümer geholfen. Außerdem hatte er einige Kunstschätze ausfindig gemacht, die sich Ghasibs Gefolgsleute unter den Nagel gerissen hatten.

„Und meine jüngere Schwester denkt auch über eine Rückkehr nach. Warum sind Sie nicht damit zufrieden?“

„Ihre Eltern sind im Rentenalter. Ihre Schwester geht noch zur Schule.“

Jetzt war es offensichtlich. Er versuchte Druck auf sie auszuüben. „Haben Sie deshalb beschlossen, dass ich bei dieser sinnlosen Verfolgungsjagd mitkommen müsse? Weil Sie mir eine Predigt halten wollten? Sie halten anderen Leuten wohl gern Predigten? Sie hätten besser ein Mullah werden sollen, Latif! Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät.“

„Meine Einstellung würde Sie nicht so verärgern, wenn sie nicht insgeheim wüssten, dass ich recht habe“, erwiderte Latif ernst. „In Wirklichkeit ärgern Sie sich über sich selbst – über den Teil von Ihnen, der sich der Tatsache bewusst ist, dass Sie Pflichten haben, die wichtiger sind als Ihr Privatleben.“

Eigenartig, sie wusste zunächst nicht, was sie auf diese lächerliche Anschuldigung antworten sollte. Es stimmte einfach nicht. Sie verspürte nicht die geringste Verpflichtung, nach Bagestan zurückzukehren, um sich an dessen Wiederaufbau nach dreißig Jahren Misswirtschaft zu beteiligen. Bis vor ein paar Wochen hatte sie keinen einzigen Tag in dem Geburtsland ihrer Eltern verbracht – warum sollte sie es jetzt als ihre Heimat betrachten?

Trotz aller Bemühungen ihrer Eltern, dies zu verhindern, war England für sie zur Heimat geworden.

„Hören Sie, ich habe mein eigenes Leben, und die Entscheidungen, die ich getroffen habe, waren nicht immer leicht für mich. Warum sollte ich jetzt das wegwerfen, für das ich so lange gekämpft habe – das Gefühl, eine Heimat zu haben? Ich gehöre nicht hierher, auch wenn meine Eltern sich mit diesem Land tief verbunden fühlen. Auf mich wird das niemals zutreffen.“

Latif antwortete nicht. Schweigend fuhren sie weiter. Jalia blickte hinaus in die Wüste und dachte nach.

Ihre Eltern hatten immer versucht zu verhindern, dass sie sich in England heimisch fühlte. Sie gab nur ungern zu, dass ihnen das zum Teil auch gelungen war. Sie fühlte sich nicht ganz so tief dort verwurzelt wie ihre Freunde – das war ihr immer bewusst gewesen.

Vielleicht bestand sie deshalb um so mehr auf ihrer Verbundenheit mit England, weil sie eben wusste, wie schwer es war, eine Heimat zu finden. So etwas ließ sich nicht erzwingen.

Zur Zeit des Umsturzes waren ihre Eltern frisch verheiratet gewesen. Ihre Mutter, eine Tochter Sonias, der französischen Gemahlin des Sultans, und ihr Vater, Erbe eines Stammesfürsten und seit Generationen durch Heirat und Verwandtschaft mit den al Jawadis verbunden, waren in Gefahr gewesen, Ghasibs Todeskommandos zum Opfer zu fallen. Sie waren nach Parvan geflohen und hatten eine neue Identität angenommen. Dann hatte der König von Parvan, Kavad Panj, ihnen eine Anstellung in der Botschaft seines Landes in London verschafft.

Jalia war also in einem Land aufgewachsen, das „nicht das ihre“ war, und man hatte sie zu träumen gelehrt von dem Land, das eigentlich das ihre war. Als sie älter wurde, begann sie jedoch, die Macht dieser Träume zu fürchten, deren Gefangene ihre Eltern zu sein schienen. Sie begann eine Abneigung gegen dieses fremde Land zu entwickeln, von dem sie für immer verbannt war. Hatte sie als Kind noch die Geschichten aus dem exotischen Land geliebt, so war sie als Teenager nur noch skeptisch und entschlossen, nicht in diese Falle zu geraten, in die ihre Eltern sie führen wollten.

Als sie sechzehn wurde, hatten sie ihr das große Geheimnis verraten – dass sie keineswegs normale Bürger von Bagestan waren, sondern Mitglieder der königlichen Familie. Sultan Hafzuddin, der gestürzte König, der eine so große Rolle in den Geschichten ihrer Kindheit gespielt hatte, war in Wirklichkeit ihr Großvater.

Man hatte Jalia den Schwur abgenommen, das Geheimnis zu wahren. Es war unumgänglich gewesen, denn sie gehörte der neuen Generation an, und eines Tages würde die Monarchie wiederhergestellt werden. Und falls ihre Eltern das nicht mehr erleben sollten, würde Jalia zu dem neuen Sultan gehen müssen …

Nun hatten ihre Eltern doch noch diesen Tag erlebt. Und Jalias Leben war in Gefahr, völlig durcheinander zu geraten. Ihre Eltern waren überglücklich über die Wiederherstellung der Monarchie und wünschten nichts mehr, als dass ihre Tochter es ebenso wäre.

Aber Jalia wollte nicht dem sinnlosen Traum anhängen, sie „gehöre“ in ein fremdes Land, ein Land, das sie nicht kannte und nicht verstand. Nein, dabei konnte sie nur unglücklich werden.

Natürlich war es unumgänglich gewesen, dass sie der Krönung beiwohnte, aber das wäre nichts weiter als ein kurzer Besuch gewesen – hätte ihre verrückte Cousine Noor es sich nicht einfallen lassen, sich bis zum Wahnsinn in Bari al Khalid, einen der neuen Tafelgefährten des Sultans, zu verlieben.

„Sie macht es uns allen vor!“, hatte Jalias Mutter entzückt verkündet und sich eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt, nicht ohne ihre älteste Tochter vielsagend anzublicken.

Seitdem schien ihre Mutter überzeugt zu sein, dass Jalia nur mit den Wimpern klimpern müsse, um Latif Abd al Razzaq genauso verliebt zu machen, und sie wartete verzweifelt darauf, dass ihre Tochter endlich aktiv wurde.

Prinzessin Muna hatte keine Zeit verschwendet und unverzüglich Informationen über den gut aussehenden Tafelgefährten eingeholt: Dieser war offenbar nicht nur Tafelgefährte des Sultans, sondern seit dem Tod seines Vaters vor zwei Jahren auch Führer seines Stammes.

„Man nennt ihn den Shahin, Jalia. Niemand weiß, ob das eine archaische Bezeichnung für König ist oder ob es wirklich Falke bedeutet, wie in der Legende. Jedenfalls ist der Inhaber dieses Titels traditionell einer der am meisten respektierten Männer im Rat der Stämme. Nicht, dass Ghasib jemals diesen Rat konsultiert hätte, aber der neue Sultan wird das tun.“

Jalia hatte keine Sekunde geglaubt, dass der Scheich mit den glühenden Augen sich für sie interessieren könnte, doch allein schon der Gedanke, was für Folgen es haben würde, wenn er oder irgendein anderer Bagestani ihr seine Liebe erklären würde, hatte sie in Panik versetzt. Sie war nach Hause geflogen, sobald es möglich war, ohne die Gebote der Höflichkeit zu verletzen.

Natürlich hatte sie nicht ablehnen können, zu Noors Hochzeit wieder nach Bagestan zu kommen, aber diesmal hatte sie eine Versicherung dabei – Michaels Verlobungsring an ihrem Finger. Wenn sie jetzt jemand fragte, ob sie sich nicht in Bagestan niederlassen wollte, könnte Jalia höflich murmeln, dass sie auch die Interessen ihres künftigen Ehemanns berücksichtigen müsse. Dagegen ließ sich kaum etwas sagen.

„Warum nennen Sie es eine sinnlose Verfolgungsjagd?“

Latifs Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Jalia sah ihn einen Moment lang an, ohne zu antworten.

„Sie meinen, Noor ist aus eigenem Antrieb fortgegangen, nicht wahr?“, sagte sie endlich.

„Sie saß am Steuer, als sie gesehen wurde.“

„Und wenn das zutrifft, dann kann das nur bedeuten, dass sie es sich mit der Hochzeit anders überlegt hat?“

„Bezweifeln Sie das?“

Jalia zuckte die Achseln. Eigentlich spielte das keine Rolle. „Falls es so ist, glauben Sie wirklich, dass sie, falls sie tatsächlich gefunden wird, sich fügsam zurückbringen lässt, um Bari doch noch zu heiraten?“

„Frauen wissen nicht immer genau, was sie wollen“, erklärte Latif mit typisch männlicher Selbstgefälligkeit.

Jalia ballte die Fäuste. „Tatsächlich?“

„Ihre Überredungskünste haben sie möglicherweise verunsichert. Aber sie wird zur Vernunft kommen, wenn ihr erst einmal klar geworden ist, was sie getan hat. Dann wird sie froh sein, wenn es einen Weg zurück gibt.“

„Oder vielleicht ist sie schon zur Vernunft gekommen!“, gab Jalia zurück. „Und hat deshalb die Flucht ergriffen. Zu dumm, dass sie so lang gebraucht hat.“

„Aha, zur Vernunft kommen heißt natürlich, mit Ihnen einer Meinung zu sein.“

Sein Sarkasmus ging ihr unter die Haut.

„Sie hat sich völlig übereilt auf eine Ehe mit einem Fremden eingelassen, eine Ehe, die ihr Leben völlig verändern und sich doch nur auf eine flüchtige Leidenschaft gründen würde. Auf Sex, nichts weiter! Würden Sie jemanden ermutigen, das zu tun, was Noor im Begriff war zu tun?“

Er drehte sich um und sah sie grimmig an. „Warum nicht?“

Falls Noor es sich tatsächlich anders überlegt hatte, dann wäre das natürlich überaus peinlich für alle Beteiligten, und dennoch, war nicht alles besser als voreilig zu heiraten? Noor war von Baris Aussehen, seinem Reichtum und seinem Sex-Appeal völlig hingerissen, doch war das eine Basis für eine Ehe, geschweige denn für den Verzicht auf alles, was man kannte und liebte, um für immer in Bagestan zu leben?

„Zum Beispiel weil sie ihn nicht liebt. Sie hat sich blenden lassen von …“

„Wenn sie ihn jetzt noch nicht liebt, dann wird sie es bald tun. Bari wird dafür sorgen, wenn sie erst einmal verheiratet sind.“

Jalia war fassungslos. „Oh, ein Mann kann also einfach so eine Frau dazu bringen, dass sie ihn liebt?“

„Was ist das für ein Mann, der seine eigene Frau nicht dazu bringen kann, dass sie ihn liebt?“

Jalia riss die Augen auf. „Und wie genau geht er dabei vor?“

Als sie in Latifs Augen sah, hielt sie unwillkürlich den Atem an. Ihr war, als hätte ihr jemand einen Fausthieb in die Magengrube versetzt.

„Wer ist Ihr Verlobter, dass Sie noch immer nichts von der Macht wissen, die ein Mann über eine Frau haben kann?“

4. KAPITEL

Jalia richtete sich abrupt auf. Eine gähnende Tiefe schien sich vor ihr aufzutun.

„Wovon reden Sie nur?“, fragte sie schnippisch.

Sie hielten an einer Ampel am Rande von Medinat al Bostan. Unter ihnen lag die Stadt, bunt und prächtig wie ein Teppich, die Sonne ließ die goldene Kuppel und die Minarette der großen Schah-Jawad-Moschee funkeln und das Meer glitzern. Es war herrlich anzusehen, das konnte auch Jalia nicht leugnen.

Latif drehte sich um und sah sie an. Sein Schweigen war kaum zu ertragen.

„Sie wissen genau, wovon ich rede“, sagte er leise.

Sie wusste es nicht, jedenfalls nicht aus Erfahrung. Kein Mann hatte sie jemals allein durch seine erotische Kunstfertigkeit dazu gebracht, sich nach ihm zu verzehren, und überhaupt, was er da von sich gab, war pure männliche Arroganz!

„Sex ist also Mittel zum Zweck, um die Eigenständigkeit einer Ehefrau zu beenden?“

„Ihre Eigenständigkeit? Nein. Ihre Unerfülltheit.“

„Und wie vielen Ehefrauen schenken Sie Erfüllung?“, fragte Jalia sarkastisch.

„Sie wissen, dass ich nicht verheiratet bin.“

„Aber wenn Sie es einmal sind, dann wird Ihre Frau Sie also lieben? Oha, fast beneide ich sie!“, zwitscherte sie. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Nein, von allen Frauen der Welt würde sie Latif Abd al Razzaqs Ehefrau am wenigsten beneiden. „Aber nicht wirklich.“

Wieder sah er sie an. Diese Augen. Sie hatte fast das Gefühl, unter seinem Blick zu verbrennen.

„Was ist also das Geheimnis lebenslangen Eheglücks?“, fragte Jalia hartnäckig, obwohl eine geheimnisvolle innere Stimme ihr riet, es lieber bleiben zu lassen.

Seine Kinnmuskeln zuckten, und als er sich zu ihr umdrehte, ertappte Jalia sich dabei, dass sie plötzlich durch den Mund atmete.

„Möchten Sie, dass ich Sie in dieses Geheimnis gleich jetzt und hier einweihe?“, fragte er provozierend, und sie hätte schwören können, dass er, wenn sie jetzt Ja sagte, sofort anhalten und sie berühren würde …

„Nicht mich!“, sagte sie schnell.

Um seine Mundwinkel spielte so etwas wie ein ironisches Lächeln.

„Aber wenn Sie sich umschauen – also ich fürchte, dieses Geheimnis ist wirklich eines, sonst gäbe es doch mehr glückliche Ehen, oder? Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, Sie könnten ein Vermögen machen, wenn Sie dieses Geheimnis vermarkteten.“

Sie ging ihm auf die Nerven, das merkte sie, und sie musste die Lippen aufeinander pressen, um nicht triumphierend zu grinsen.

Wieder sah er sie mit diesem Blick an, der sie ganz nervös machte. „Im Westen vielleicht. Aber ich glaube, Ihrem Verlobten würde nicht einmal ein schriftlicher Leitfaden helfen.“

„Ich … was?“, stammelte Jalia.

Latif nahm eine Hand vom Steuer und strich mit dem Zeigefinger über die drei Opale an ihrem Verlobungsring.

Jalia riss die Hand weg, als hätte sie sich verbrannt. Warum nur reagierte sie so übertrieben?

„Sie haben wirklich die Absicht, diesen Mann zu heiraten?“

„Was denken Sie denn?“

„Ich denke, es wäre sehr dumm von Ihnen.“

Die Ampel wurde grün, und Latif konzentrierte sich wieder auf die Straße. Jalia war sprachlos vor hilfloser Wut. Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, aber er konnte es doch gar nicht wissen! Sie lachte, aber es klang irgendwie gekünstelt und lahm.

„Wie nett von Ihnen, sich so um meine Bedürfnisse zu sorgen. Aber Sie wissen nicht das Geringste über Michael.“

„Doch.“

„Was genau, glauben Sie zu wissen? Sie sind ihm nie begegnet.“

„Aber Ihnen.“

„Über mich wissen Sie auch nichts.“

„Genug, um das beurteilen zu können.“

„Und was genau haben Sie über mich in Erfahrung gebracht, dass Sie glauben, mir sagen zu können, was gut für mich ist und was nicht?“ Sie konnte es nicht lassen. Wenn sie nur einen Moment überlegt hätte, dann wäre ihr klar geworden, dass sie aus diesem Duell nicht als Siegerin hervorgehen würde.

Latif hielt absichtlich den Blick auf die Straße gerichtet.

„Ihr Verlobter hat niemals echte Leidenschaft in Ihnen geweckt“, sagte er grimmig.

Jalia fuhr zurück, als hätte man sie geohrfeigt. Ein Wust von Gefühlen tobte in ihr – zu tief in ihrem Inneren, als dass sie hätte verstehen können, was wirklich in ihr vorging. Auf jeden Fall empfand sie ein primitives, für sie ganz untypisches Verlangen, sich auf Latif zu stürzen, ihn zu beißen, zu kratzen … ihm eine Lektion über die Macht des Weibes zu erteilen.

„Wie können Sie es wagen!“, zischte sie stattdessen, denn ihre westliche Erziehung gewann doch noch die Oberhand über ihr heißes, orientalisches Blut. Nur vage war sie sich bewusst, dass sie darüber eigentlich gar nicht so glücklich war.

Sein Lachen verstärkte noch ihr Gefühl der Unterlegenheit.

„So reden Sie wohl mit Ihrem englischen Freund! Glauben Sie ernsthaft, jemanden wie mich damit zu beeindrucken?“

„Und wie sonst kann man Ihnen Einhalt gebieten?“

„Wenn ich Sie in die Geheimnisse der Liebe einweisen würde, würden Sie mich gar nicht stoppen wollen“, erwiderte er beslustigt, und einer seiner Mundwinkel zuckte belustigt. Jalia war fast außer sich vor Wut.

„Nun, bevor das passiert, wird ja wohl eher die Hölle einfrieren!“, gab Jalia zurück. Plötzlich stieg Panik in ihr auf. „Wie wäre es, wenn wir uns darüber verständigen würden, dass Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern statt um die intimen Details meines Liebeslebens?“

Er schwieg. Sie betrachtete sein Profil. Sein Gesicht wirkte jetzt ganz und gar verschlossen. Er nickte leicht, und alles, was sie aus seinem Ausdruck lesen konnte, war Verachtung.

„Sagen Sie mir also, wohin Ihre Cousine gefahren ist?“

Jalia wusste nicht, wieso sie so sicher war – aber sie war absolut davon überzeugt, dass er eigentlich etwas anderes hatte sagen wollen.

„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich weiß es nicht.“

Jalia war frustriert über den plötzlichen Themenwechsel, obwohl sie selbst ihn gefordert hatte. Sie hätte eigentlich noch mehr zu sagen gehabt, viel mehr. Aber jetzt wieder auf das vorherige Thema zurückzukommen, wäre kindisch erschienen.

Mittlerweile näherten sie sich dem Stadtzentrum. Die goldene Kuppel war nur noch bruchstückhaft zwischen anderen Gebäuden zu sehen.

„Sie müssen doch eine Ahnung haben.“

„Wenn Sie glauben, ich kann Gedanken lesen, überschätzen Sie mich. Wenn Sie glauben, ich hätte es vorher gewusst, scheren Sie sich zum Teufel.“

Latif senkte halb die Lider, um seine Reaktion auf Jalias Ausbruch zu verbergen.

„Ich denke, dass Sie vielleicht wissen, wer ihre Freunde sind in al Bostan, oder dass sie ihre Lieblingsplätze kennen, vielleicht ein Park oder ein bestimmtes Restaurant.“

Er sah jetzt wirklich wie ein Falke aus mit diesem kalt abschätzendem Blick, der gebogenen Nase und den langen, kräftigen Fingern, die das Lenkrad umklammerten wie die Klauen eines Raubtieres die Beute. Ein Prachtexemplar von Falke, der seine Welt beherrschte.

Und der, aus einem Grund, der ihr völlig unverständlich war, seine ganze Selbstkontrolle aufzubieten schien.

„Sie trägt ein weißes Brautkleid mit Schleier, wissen Sie. Sie kann nicht einfach so verschwinden. Und an einem öffentlichen Ort oder in einem Restaurant würde sie sofort Aufmerksamkeit erregen.“

„Wo sonst könnte sie also sein?“

Jalia war ratlos. Wo konnte man sich verstecken, wenn man in ein fußballfeldgroßes Stück perlenbestickter Seide eingehüllt war?

Sie befanden sich jetzt mitten im Zentrum. Latif fuhr kreuz und quer durch die Straßen. Jalia blickte angestrengt aus dem Fenster, um sich keines der vorbeifahrenden und geparkten Autos entgehen zu lassen.

Sie seufzte. „Also, wenn das nicht typisch Noor ist! Taub und blind zu sein für alle guten Ratschläge, bis sie plötzlich doch Lust hat, sie zu befolgen! Hätte sie früher auf mich gehört – hätte sie sich einmal Zeit genommen, darüber nachzudenken, was ich zu sagen hatte, dann wäre sie schon längst zu diesem Entschluss gekommen. Stattdessen wartet sie ab, bis es fast zu spät ist und sie dadurch das größtmögliche Chaos verursacht!“

Latif sah sie von der Seite an. „Oder wenn Sie nicht unnötigerweise versucht hätten, ihr Ihre Meinung aufzudrängen, dann hätte sie sich gar nicht von diesen Ängsten überwältigen lassen.“

„Sie behaupten, es sei unnötig gewesen, ich sage, es war nötig …“, trällerte Jalia und sah Latif dann böse an. „Warum sind Sie im Recht und ich im Unrecht?“

„Wieso ich?“, gab er zurück. „Es ist Baris und Noors Entscheidung, die Sie infrage stellen, nicht meine. Ich habe keine Meinung dazu, ich finde nur, wenn zwei Menschen beschließen zu heiraten, sollte man das ihre Sache sein lassen.“

Jalia war außer sich vor Zorn.

„Und was haben Sie selbst vor einer Viertelstunde zu mir gesagt?“, erwiderte sie erbost. „Haben Sie mich gewarnt, es wäre sehr dumm, Michael zu heiraten? Oder habe ich halluziniert?“

Ihre Blicke trafen sich, und Jalia spürte, dass sie ihn damit getroffen hatte. Ein Muskel an seiner Wange zuckte, aber ob aus Ärger oder weil er ein Lachen unterdrückte, hätte sie nicht sagen können. Es war ja wirklich zum Lachen, aber sie war im Moment zu wütend, um das so zu empfinden.

„Sie werfen Ihrer Cousine vor, nicht auf Sie gehört zu haben, als Sie Zweifel an der Wahl ihres Bräutigams äußerten, aber Sie hören nicht auf mich, wenn ich Zweifel an Ihrer Wahl äußere. Wer ist da jetzt im Recht und wer im Unrecht?“, sagte Latif mit triumphierender Miene.

Am liebsten hätte sie gelacht, aber Jalia hatte Bedenken, in der Gegenwart dieses Mannes ihren Schutzwall zu öffnen. Sie biss sich auf die Lippen.

„Na prima. Wir sind also beide im Unrecht“, sagte sie kopfschüttelnd.

Statt einer Antwort beugte Latif sich ruckartig vor und starrte durch die Windschutzscheibe.

„Barakullah!“, sagte er atemlos.

Er war auf einen breiten Boulevard eingebogen, der direkt zum Strand hinunterführte, direkt auf den Golf von Barakat: endlose Bläue, unten die glitzernden Wellen, oben der strahlende Himmel.

Jalia blinzelte. Rechter Hand befand sich der Jachthafen des Landes, ein Wald aus silbern glänzenden, schaukelnden Masten.

„Eine Jacht!“, rief sie. „Natürlich! Ich wette, sie kennt jemanden, der ein Boot besitzt – vielleicht ist ja sogar einer ihrer Bekannten wegen der Hochzeit hierher gesegelt. Das wäre das perfekte Versteck …“

„Schauen Sie hinauf“, fiel ihr Latif ins Wort. Er streckte den Arm aus und deutete auf einen Punkt am Himmel. Ein kleines Flugzeug glänzte im Sonnenlicht. Es flog die Küste entlang auf die Berge zu.

„Ein Flugzeug? Meinen Sie etwa …?“

„Es ist Baris Flugzeug.“

Jalia räusperte sich. „Sind Sie sicher?“

„Es lässt sich leicht feststellen.“

„Aber was …?“ Jalia schwieg. Was für einen Sinn hatte es, Fragen zu stellen, auf die keiner von ihnen eine Antwort wusste?

Latif bog auf die Küstenstraße ein. Nach wenigen Minuten durchfuhren sie ein bogenförmiges Tor, das in eine hohe Mauer eingelassen war, und kurz darauf sah Jalia das kleine Backsteingebäude mit dem Schild „Gulf Eden Resort Flugtaxi-Service“.

Draußen auf dem Wasser dümpelten mehrere kleine Flugzeuge. Latif trat auf die Bremse und zeigte erneut mit dem Finger durch die Windschutzscheibe. Direkt vor ihnen stand eine riesige weiße Limousine, achtlos geparkt, sodass sie drei Parkplätze auf einmal blockierte.

Sie stiegen aus.

„Ist sie das? Ist das die Al-Khalid-Limousine?“, frage Jalia.

Latif nickte nachdenklich.

„Mein Gott!“, hauchte Jalia. Ratlos blickte sie zum Himmel. Das kleine Flugzeug entfernte sich immer weiter. „Glauben Sie, Noor fliegt selbst? Warum? Wohin will sie denn? Und wo ist Bari?“

Latif drehte sich um und blickte suchend über die anderen geparkten Wagen hinweg. Dann schüttelte er den Kopf. „Sein Wagen ist nicht hier.“

Jalia starrte zum Flugzeug hoch, als ob ihr allein der Anblick etwas erklären könne. Eine Windböe ließ ihre grüne Seidentunika flattern. Sie spürte Sandkörner auf der Wange.

Latif machte plötzlich ein besorgtes Gesicht. Er blickte immer noch zum Himmel, aber nicht mehr zum Flugzeug. Jalia folgte seinem Blick.

In den letzten Minuten hatte sich eine dichte Wolkenbank über den Bergen gebildet, die von Sekunde zu Sekunde größer wurde und sicher bald den Himmel über der Stadt verdunkeln würde.

Über dem Wasser war der Himmel noch strahlend blau, aber das würde sicher nicht mehr lange dauern. Jalia blickte erneut zu dem Flugzeug, in der Hoffnung, dass der Pilot die Wolken entdecken und umdrehen würde.

Doch das kleine Flugzeug flog unbeirrt weiter.

5. KAPITEL

Im Palast machte kaum jemand in dieser Nacht ein Auge zu. Die Telefone klingelten ununterbrochen, denn Freunde und Verwandte im In- und Ausland wollten wissen, ob es Neuigkeiten gab. Die Leiter der Suchtrupps riefen regelmäßig an, um Meldung zu erstatten. Journalisten aus aller Welt blockierten die Leitungen mit ihren hartnäckigen Fragen nach Einzelheiten über Prinzessin Noors Schicksal.

Richtig schlimm wurde es, als in jeder Nachrichtensendung im Fernsehen über das Verschwinden des Paares berichtet wurde und die Stimme des Sprechers dabei klang, als sei Prinzessin Noor so gut wie tot.

Aber es war auch nicht möglich, den Fernseher einfach abzuschalten, denn es hätte ja durchaus sein können, dass einer der Suchtrupps etwas entdeckte und ein Reporter früher davon erfuhr als die Familie. So war man also gezwungen, immer wieder die gleichen Nachrichten zu hören.

Früh am nächsten Morgen saß Jalia erschöpft und übernächtigt auf der Terrasse und telefonierte. Sie speiste den Reporter am anderen Ende der Leitung mit ein paar bissigen Bemerkungen ab und legte auf. Da sah sie Latif, der am anderen Ende der Terrasse stand und sie beobachtete.

Gegen das Licht der Morgensonne konnte sie nur seine Umrisse erkennen. Sie senkte den Kopf und griff nach ihrer Kaffeetasse.

„Gibt es etwas Neues?“, fragte sie. Die Frage war mittlerweile zum Ritual geworden.

„Haben Sie gehört, dass die Barakatischen Emirate sich mit einigen Flugzeugen an der Suche beteiligen?“

Jalia nickte.

Latif stellte etwas auf dem Boden ab und schenkte sich dann ebenfalls eine Tasse Kaffee ein. „Dann gibt es nichts Neues.“

„Meine Güte, wie ich es hasse, hier herumzusitzen und meine Zeit damit zu verschwenden, die Leute von der Presse am Telefon abzuwimmeln. Wenn ich doch nur etwas Sinnvolles tun könnte!“, platzte sie heraus. Sie vermisste natürlich auch ihre Arbeit an der Universität.

Latif lehnte sich mit der Hüfte an den Tisch und blickte hinaus auf den Innenhof. Nachdenklich rührte er in seiner Tasse. „Tja, warum eigentlich nicht?“

Jalia hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. „Wie meinen Sie das?“ Da fiel ihr Blick auf den Koffer, den er neben einer der Säulen abgestellt hatte.

„Fahren Sie weg?“ Wie konnte er in dieser Situation verreisen? Bari war einer seiner engsten Freunde.

Er nippte an seiner Tasse. „Ich fahre in die Berge. Ich möchte mich in den Dörfern dort umhören. Vielleicht hat jemand etwas von einem Flugzeugabsturz mitbekommen.“

Jalia sah ihn mit großen Augen an. Plötzlich war sie hellwach. „Das ist eine brillante Idee!“, rief sie. „Ich wünschte, ich könnte mich auch so nützlich machen.“

Latif zuckte mit den Schultern. „Warum tun Sie es nicht?“

„Es würde mich Tage kosten, die Antworten der Menschen zu verstehen.“ Es war für Jalia schon schwierig genug, das bagestanische Arabisch und die Sprache der Parvani in der Stadt zu verstehen, aber die Gebirgsdialekte waren bestimmt noch viel komplizierter.

Latif sagte nichts. Er drehte sich um, stellte seine Tasse ab und zog an der Glocke. Ein Diener erschien und fragte, was er zu speisen wünschte. Latif schüttelte den Kopf.

„Ich möchte nichts essen, danke, Mansour“, erklärte er auf Arabisch. „Du hast einen Sohn namens Shafi, nicht wahr?“

„Dem Himmel sei Dank. Er ist fünfzehn, und gesund und stark. Ein sehr guter Sohn.“

„Ich will in die Berge fahren und mich an der Suche beteiligen. Vier Augen sehen mehr als zwei. Würdest du Shafi erlauben, mich zu begleiten, um mir zu helfen? Wir wären wahrscheinlich mehrere Tage unterwegs.“

Mansour sah bekümmert drein und drückte eine Faust auf die Brust. „Natürlich, Herr! Aber er ist leider nicht zu Hause. Wie sie wissen, ist er …“

„Danke, Mansour“, fiel ihm Latif ins Wort.

Der Diener wollte gehen, doch Jalia hielt ihn zurück. „Ich bitte sehr, bringt Seiner Exzellenz einige Speisen, damit er sich stärken kann, wenn Ihr so gut sein wollt!“, sagte sie in ihrem formellen, antiquierten Arabisch. Dann wandte sie sich an Latif. „Sie sollten etwas essen, bevor Sie losfahren.“

Latif lachte. „Na schön, also ein Omelett bitte, Mansour.“

Mansour verbeugte sich und ging hinein.

„Was wollen Sie nun tun?“, fragte Jalia.

Latif zog einen Stuhl heraus. „Ich habe keinen genauen Plan“, sagte er und setzte sich ihr gegenüber. In einer vertraulichen Geste nahm er das Stück Brot, das noch auf ihrem Teller lag, und brach mit seinen langen, kräftigen Fingern ein Stück davon ab. „Es gibt kein Fernsehen in den Bergdörfern, und kein Telefon. Man kann also nur auf eine Art …“

„Ich meinte, wen werden Sie mitnehmen?“

„Das ist nicht so wichtig“, meinte er achselzuckend.

Aber das stimmte nicht. Wie sollte er beim Fahren Ausschau halten, wenn er doch den Blick auf die Straße richten musste?

„Ich sitze hier untätig herum. Normalerweise würde ich morgen zurückfliegen, aber das kann ich nicht, solange Noor verschollen ist“, sagte Jalia zögernd. „Ich könnte mitkommen, wenn Sie möchten.“

Latif presste die Lippen zusammen. „Ich werde nicht aufhören, zu suchen, bevor ich definitiv mehr weiß“, sagte er steif. „Das heißt, ich werde tagelang unterwegs sein.“

„Wo werden Sie schlafen?“

„Manchmal in kleinen Herbergen, manchmal unter freiem Himmel. Wie es sich ergibt. Bequem wird es sicher nicht. Und in den Herbergen gibt es oft Flöhe.“

Vielleicht war es sein Zögern, das sie erst recht in ihrem Entschluss bestärkte. Jedenfalls bot sich hier endlich die Chance, etwas Sinnvolles zu tun.

„Was macht das schon, wenn ich nur helfen kann“, sagte Jalia. „Alles ist besser, als hier bei meiner Mutter und meiner Tante zu sitzen und mich verrückt zu machen.“

Es war offensichtlich, dass Latif nicht sehr begeistert war. Auch sie selbst freute sich nicht gerade darauf, so viel Zeit mit ihm allein zu verbringen. Aber was bedeutete das schon, wenn sie vielleicht Noor und Bari finden würden?

„Meinen Sie nicht, es wäre besser, ein zweites Paar Augen dabeizuhaben?“

Er blickte sie schweigend an.

„Sie ist meine Cousine, Latif.“

„Und er ist mein Freund. Aber es wird wirklich eine Reise unter höchst primitiven Bedingungen.“

„Wieso gehen Sie davon aus, dass ich erwarte, immer nur verwöhnt zu werden?“

„Es ist ein beträchtlicher Unterschied zwischen primitiver und bester Unterbringung, Prinzessin.“

Seine Augen funkelten. Versuchte er absichtlich, sie herauszufordern? Jalia unterdrückte ihren Zorn, der in Latifs Gegenwart immer so rasch aufloderte.

„Sie werden nicht gleichzeitig fahren und sich in der Gegend umschauen können, ob es irgendwelche Anzeichen für einen Flugzeugabsturz gibt, wenn Sie allein sind“, erklärte sie. „Vor allem nicht auf diesen kurvigen, holperigen Gebirgsstraßen. Und selbst wenn Sie sie finden, wie stellen Sie sich vor …“

Sie brach ab. Als hätte sie sich bis jetzt in einer Art Trance befunden, sah sie plötzlich alles mit erschreckender Klarheit vor sich: Sie und Latif Abd al Razzaq tagelang allein unterwegs? War sie denn verrückt geworden?

Welcher Dämon hatte von ihr Besitz ergriffen?

„Ach, was soll’s. Verg…“, begann sie, doch sie war zu spät zur Besinnung gekommen.

„Nein, Sie haben recht“, fiel er ihr ins Wort. „Zwei sehen mehr als einer. Ich danke Ihnen. Ich bin froh, dass Sie mir helfen wollen. Packen Sie warme Kleidung ein. Es kann nachts ziemlich frisch werden in den Bergen“, sagte Latif Abd al Razzaq, und damit schnappte die Falle hinter ihr zu. „Wir fahren in einer Stunde.“

„Wie sollen wir nun bei unserer Suche vorgehen?“, fragte Jalia, als sie die steile Straße hinauffuhren. Nicht weit entfernt ragten die Berge auf, irgendwie verlockend und gleichzeitig drohend. Wie Latif.

Wie man sich bettet, so liegt man, sagte sich Jalia. Allerdings hatte sie alles versucht, um sich dieser Situation doch noch zu entziehen. Sie war zu ihrer Mutter geeilt, in der Hoffnung, diese wäre entsetzt und würde ihr eine von ihren Predigten halten, dass man hier schließlich nicht im Westen sei, und dass man nicht einfach so gegen die Sitten verstoßen und ganz allein mit einem Mann verreisen könne. Doch ihre Mutter hatte nur mit den Schultern gezuckt.

„Schließlich hat hier dreißig Jahre lang Ghasib auf sehr unislamische Weise regiert, und die Leute haben inzwischen eine viel tolerantere Einstellung als früher. Wenn dich jemand schief anschauen sollte, sage einfach, er sei dein Ehemann.“

„Danke, Mutter!“, erwiderte Jalia. „Und dann geben sie uns ein gemeinsames Schlafzimmer! Das geht ja wohl schlecht.“

Ihre Mutter warf die Hände in die Luft. „Dann sag, er ist dein Bodyguard. Lieber Himmel, Jalia, wer hätte gedacht, dass du so altmodisch sein kannst? Noor ist verschollen. Deine Tante ist verrückt vor Sorge! Wenn du ein paar Tage mit einem Mann aushalten musst, den du nicht magst, um bei der Suche nach deiner Cousine zu helfen, dann ist das doch nicht zu viel verlangt, oder?“

Und es stimmte. Noors Eltern waren immer unglaublich großzügig zu Jalia gewesen. Jedes Jahr hatte sie wundervolle Ferien in Australien verbracht, und sie waren immer nur freundlich und lieb zu ihr gewesen.

Natürlich war sie ihnen dankbar. Und Noor war für sie wie eine Schwester – verwöhnt und manchmal unerträglich – nichtsdestoweniger liebenswert, und von allen geliebt.

Und dennoch, als Jalia ihren Rucksack in den Kofferraum des Jeeps warf und sich neben Latif in den Wagen setzte, hatte sie das Gefühl, irgendwie ausgetrickst worden zu sein.

„Nun ja“, erwiderte Latif. „Ich dachte, wir machen es wie Mullah Nasruddin.“

Sie kannte den Namen. Es handelte sich um eine Witzfigur, die in vielen populären Geschichten vorkam, aber sie hatte sich seit ihrer Teenagerzeit nicht mehr damit beschäftigt.

Fragend blickte sie Latif an.

„Eines Tages sah einer seiner Nachbarn den Mullah auf allen vieren unter der Straßenlaterne vor seinem Haus, und er fragte ihn, was er denn für ein Problem habe“, erläuterte er.

„Ich suche meinen Hausschlüssel, er ist mir heruntergefallen“, sagte der Mullah.

Der hilfsbereite Nachbar ging ebenfalls auf die Knie und half dem Mullah beim Suchen. Aber der Schlüssel war nirgends zu sehen.

‚Wo genau habt Ihr denn den Schlüssel fallen gelassen?‘, fragte der Nachbar.

‚Als ich vor der Haustür stand‘, erwiderte der Mullah.

Der Nachbar sah ihn sprachlos an. ‚Aber warum sucht Ihr dann hier auf der Straße, mehrere Meter vom Haus entfernt?‘

Mullah Nasruddin stand auf. ‚Na, sehen Sie denn nicht, dass hier das Licht ist?‘

Latifs Mundwinkel zuckten. Jalia lachte. Er hatte die Geschichte gut erzählt.

„Aber ich fürchte, ich verstehe immer noch nicht ganz“, gestand sie.

Latif lächelte. „Wir wissen nicht, wo das Flugzeug gelandet oder abgestürzt ist. Aber wir werden dort suchen, wo wir suchen können.“

Jalia lachte leise. Ihre Blicke trafen sich, und plötzlich schien es eine Verbindung zwischen ihnen zu geben, viel stärker als die unterdrückte Feindseligkeit, die sie bis jetzt immer empfunden hatte.

Zum ersten Mal erkannte sie, was für ein unglaublich attraktiver Mann Latif war – nicht nur im physischen Sinn, mit seinem schwarzen Haar, seinem raubvogelartigen Profil und seinem perfekten, muskulösen Körper, sondern vor allem auch auf geistiger Ebene.

Aber was machte das schon? Sie jedenfalls machte sich nichts aus ihm, und selbst wenn sie es täte, nichts könnte sie dazu bringen, ihr bisheriges Leben aufzugeben, um in Bagestan zu leben.

Denn eines war klar, ohne dass sie danach fragen musste: Latif Abd al Razzaq war zutiefst mit seinem Land verbunden. Schließlich hatte er zusammen mit dem Sultan jahrelang um die Wiedereinführung der Monarchie gekämpft.

Es gab also keinen Grund, Herzklopfen zu bekommen.

Es war ein einfaches Haus, aber die Frau, die darin umherging und lächelnd einen Pfefferminztee zubereitete, trug ein prachtvolles Gewand. Ganz aus weinrotem Samt, und am Hals, am Saum und an den Ärmelausschnitten fast ebenso kunstvoll mit Goldstickerei und winzigen Goldplättchen verziert wie die Gewänder der Braujungfern auf Noors Hochzeit.

Ihr langes Haar war von einem transparenten, schwarzen Schal bedeckt, in dem Dutzende kleiner Goldplättchen funkelten. An ihren Handgelenken klimperten Armreifen. Und ihre schwarzen, kajalumrandeten Augen verstärkten den Eindruck ihrer ganz und gar geheimnisvollen Schönheit.

Die Frauen der Bergvölker waren bekannt für ihre prachtvolle Alltagskleidung, und Jalia fragte sich, was für eine Wirkung es wohl auf die menschliche Psyche haben mochte, wenn man jeden Morgen erwachte, um sich so wunderschön anzukleiden. Vor dem Haus stand ein junges Mädchen, das ähnlich gekleidet war. Geschickt hielt es seinen Schleier fest, während es gleichzeitig in einem steinernen Mörser Gewürze zu Pulver stampfte. Ein intensiver, würziger Duft lag in der Luft.

„Es ist gut, dass wir wieder einen Sultan haben“, sagte die Frau. Entweder war dieser Dialekt nicht sehr verschieden von dem Arabisch, das sie kannte, oder sie begann, sich langsam daran zu gewöhnen, jedenfalls verstand Jalia sie ohne Schwierigkeiten. „Bitte sagt ihm, dass er jederzeit in unserem Haus willkommen ist.“

Der Tradition entsprechend bewirtete sie Jalia und Latif mit einem opulenten Mahl, das sie auf einem Tuch unter einem Baum ausbreitete. Jalia war entsetzt, wie viele Speisen man ihnen anbot, denn diese Menschen waren offensichtlich arm. Der Ehemann der Frau, so hatte diese berichtet, sammelte Brennholz und verkaufte es im Dorf, um das Einkommen, das sie mit ihrer Farm erwirtschafteten, etwas zu verbessern.

„Aber was werden sie morgen essen, wenn wir ihnen heute alles wegessen?“, fragte sie Latif besorgt, als die Frau sie allein ließ.

Er hob die Brauen. „Gott wird für sie sorgen.“

„Nach drei Jahren Trockenheit“, erwiderte Jalia lakonisch.

„Sie sind zu westlich in Ihrer Einstellung“, warf Latif ihr vor. „Glauben Sie, wir haben uns hier die westliche Art der Großzügigkeit angeeignet und geben nur, was uns nichts kostet? Hier in den Bergen gibt es noch echte Großzügigkeit. Kennen Sie die Geschichte von Anwar Beg?“

„Erzählen Sie sie mir.“

„Er besaß ein edles Ross, das ihm ein Freund abkaufen wollte.“ Doch so viel er ihm auch dafür bot, so hartnäckig er auch darum zu handeln versuchte, Anwar Beg war nicht bereit, sich von seinem preisgekrönten Pferd zu trennen. Schließlich musste der Mann aufgeben.

Eines Tages hörte er davon, dass Anwar Beg schwere Zeiten durchmachte und kaum noch Brot zu essen hatte. Er sagte sich, jetzt endlich wird er mir dieses wundervolle Pferd verkaufen, und ging zu Anwar Begs Haus.

Dieser lud ihn gastfreundlich ein. Sein Freund setzte sich und versuchte erneut, um das Pferd zu handeln. Aber Anwar Beg unterbrach ihn. ‚Sei mein Gast‘, sagte er. ‚Zuerst müssen wir den Geboten der Gastfreundschaft gerecht werden.‘

Also warteten die beiden Männer, während das Mahl auf Anwar Begs Anweisungen zubereitet und schließlich serviert wurde. Anwar Begs Freund konnte kaum seine Ungeduld bezähmen, während er den köstlichen Fleischeintopf, den man ihm anbot, verzehrte und seinen Gastgeber für das schmackhafte Essen lobte.

‚Mein Freund‘, begann er, als das Mahl beendet war. ‚Ich möchte dir ein neues Angebot für dieses prächtige Pferd machen, das du mir nie verkaufen wolltest.‘

Anwar Beg schüttelte den Kopf. ‚Das ist leider unmöglich.‘

‚Aber nun, da sich die Umstände geändert haben‘, rief der Freund. ‚Nun musst du doch Vernunft annehmen. Verkauf mir das Pferd! Ich werde dir einen guten Preis zahlen, sodass du deine Familie ernähren kannst.‘

‚Es ist unmöglich‘, wiederholte Anwar Beg. ‚Du bist als Gast zu mir gekommen, und ich musste dir meine Gastfreundschaft erweisen. Da ich sonst nichts hatte, das ich dir anbieten konnte, habe ich befohlen, dass man das Pferd schlachtet, um diesen Eintopf zu bereiten, den du gerade gegessen hast.‘

Jalia sah Latif lange an. Was sie vor allem empfand, war ein merkwürdiges Schuldgefühl. „An solchen Maßstäben könnte ich mich niemals messen“, sagte sie leise.

„Doch“, widersprach er. „Diese Geschichte beschreibt ja nicht, was wirklich ist, sondern wonach wir streben. Sie haben mehr Großzügigkeit in sich, als Ihnen bewusst ist – man sieht es an Ihren Augen. Und Sie haben es im Blut. Die al Jawadi sind bekannt für ihre Großzügigkeit.

Denken Sie nur daran, wie großzügig Ihr Großvater den Waisenjungen behandelt hat, diesen Ghasib, der ihn später verraten hat. Das ist das Blut, das auch in Ihren Adern fließt, Jalia, auch wenn Ihnen das nicht bewusst ist. Und wenn Sie erst einmal aufhören, Angst zu haben, dann werden Sie Ihre eigene Großmut entdecken.“

Immer sagte er so merkwürdige Dinge.

„Wenn ich aufhöre, wovor Angst zu haben?“, fragte sie pikiert.

„Ich kann Ihnen nicht alles abnehmen.

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