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JULIA GOLD BAND 55

SANDRA MARTON

Wie in 1001 Nacht

Thronanwärter Nicholas al Rashid, der berühmt-berüchtigte „Wüstenlöwe“ von Quidar, ist der Liebling der Presse. Jeder seiner Schritte wird – zu seinem Ärger – begeistert von den Journalisten verfolgt. Sogar vor seinem Schlafzimmer machen sie keinen Halt – glaubt Nicholas zumindest, als er eine schöne Unbekannte dort mit einem Fotoapparat erwischt …

JUDITH MCWILLIAMS

Ich will nur eins – ich will nur dich

Ein Smaragdring zur Verlobung von Karim! Callie ist verwundert. Der Playboy wollte doch bloß eine Scheinehe. Überhaupt verhält er sich ganz anders als sonst. Viel sanfter, viel zärtlicher! Ehe Callie sich versieht, ist sie hin- und hergerissen zwischen Vernunft und Verlangen. Da erfährt sie, dass es nicht Karim ist, zu dem sie sich so hingezogen fühlt!

SUSAN MALLERY

Im Palast der sinnlichen Träume

Was will der Prinz von Bahania von ihr? Unsicher steigt Emma aus dem Privatjet – und plötzlich stockt ihr der Atem. Denn der attraktive Herrscher, der sie vor dem Palast empfängt, ist ausgerechnet Reyhan. Der Mann, den sie vor Jahren heiratete und der sie kurz danach verließ. Wieso tritt er jetzt wieder in ihr Leben? Empfindet er vielleicht noch etwas für sie?

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Wie in 1001 Nacht

1. KAPITEL

Scheich Nicholas al Rashid, der „Wüstenlöwe“ und Thronfolger von Quidar, trug eine Frau aus seinem Zelt. Er war in einen mit Gold besetzten weißen Burnus gekleidet. Seine silbergrauen Augen funkelten vor Leidenschaft. Die Frau hatte ihm die Arme um den Nacken gelegt und blickte den Scheich bittend an.

„Was ist los, Nic?“, hatte sie gefragt.

„Eine Kamera ist auf uns gerichtet“, hatte er erwidert.

Aber etwas so Einfaches würde niemand glauben, der die Titelseite der Zeitschrift Gossip sah. Er betrachtete die dicke Schlagzeile unter dem Foto.

Scheich Nicholas al Rashid trägt seine neueste Eroberung fort, die schöne Deanna Burgess. Oh, von diesem gut aussehenden, herrlichen Barbaren entführt zu werden …

„Nichtsnutzige, lügende, gemeine Mistkerle!“, schimpfte Nic.

„Ja, mein Gebieter“, sagte der kleine Mann, der auf der anderen Seite des Zimmers stand.

„Mich einen Barbaren zu nennen, als wäre ich irgendein Rohling. Hält man mich für unzivilisiert und bösartig?“

„Nein, Sir, natürlich nicht.“

„Niemand nennt mich so und kommt ungestraft davon.“ Nic runzelte die Stirn. Eine junge Frau hatte es sich früher einmal erlauben können. Sie sind nichts als ein Barbar, hatte sie zu ihm gesagt. Die flüchtige Erinnerung verschwand. „Dieses Foto wurde auf dem Fest aufgenommen. Es war Id al Baranda, Quidars Nationalfeiertag.“ Er kam um den großen Buchenholzschreibtisch herum und stellte sich an die Fensterfront, die auf eine von New Yorks Straßenschluchten hinausging. „Ich habe das Gewand getragen, weil es Brauch ist.“

Abdul nickte.

„Und das verdammte Zelt gehörte dem Partyservice“, sagte Nic mit zusammengebissenen Zähnen.

„Ich weiß, mein Gebieter.“

„Da drin war das Büfett aufgebaut!“

„Ja, Sir.“

Nic ging zurück zum Schreibtisch und riss die Zeitschrift hoch. „Sehen Sie sich das an!“

Abdul trat vorsichtig vor und blickte starr das Foto an. „Sir?“

„Sie haben das Meer durch Retusche verschwinden lassen. Es erweckt den Eindruck, als würde das Zelt mitten in der Wüste stehen.“

„Ja, Sir. Ich sehe es.“

„Ich habe Miss Burgess getragen, weil sie sich in den Fuß geschnitten hat. Und ich habe sie nicht aus dem Zelt, sondern ins Zelt getragen, damit ich die Wunde behandeln konnte.“ Nic atmete tief ein. „Ich werde mich nicht darüber aufregen. Das ist sinnlos.“ Er legte die Zeitschrift auf den Schreibtisch, schob die Hände in die Hosentaschen und lächelte kühl. „Stimmt’s, Abdul?“

„Völlig.“

„Sollen die Idioten doch ruhig ihre Nasen in mein Leben stecken. Und wenn die Leute so einen Unsinn lesen wollen, sollen sie doch.“

„Genau.“

„Was macht es mir denn aus, wenn ich als Barbar bezeichnet werde?“ Nics Gesichtszüge wurden maskenhaft starr. „Es hat ja nichts zu sagen, dass ich promovierter Jurist und ein Finanzgenie bin.“

„Hoheit …“

„Es hat ja nichts zu sagen, dass ich ein altes, ehrenvolles, hoch kultiviertes Volk repräsentiere.“

„Hoheit, bitte. Sie regen sich auf. Und Sie wollten sich nicht …“

„Der Idiot, der das geschrieben hat, sollte ausgeweidet und gevierteilt werden. Oder, noch besser, nackt in der Wüste angepflockt und mit Honig eingeschmiert werden, damit er die Feuerameisen anlockt.“

Abdul verbeugte sich und ging rückwärts zur Tür. „Ich werde es sofort veranlassen.“

„Sie sollen nichts tun, Abdul.“

„Nichts? Aber …“

„Glauben Sie mir, ich bin zur Hälfte Amerikaner und weiß, dass man in diesem Land zimperlich ist, was diese Dinge betrifft.“

„Dann werde ich einen Widerruf verlangen.“

„Nein. Es würde nur noch mehr Aufmerksamkeit auf mich und Quidar lenken.“

„Wie Sie wünschen, Hoheit.“

„Rufen Sie den Blumenhändler an. Er soll sofort sechs Dutzend rote Rosen an Miss Burgess schicken. Zusammen mit einer Karte: ‚Ich entschuldige mich dafür, dass wir auf der Titelseite einer überregionalen Zeitschrift sind.‘“

„Oh, ich bin sicher, Miss Burgess ist sehr unglücklich darüber, sich auf dieser Titelseite zu sehen“, sagte Abdul so sanft, dass Nic ihm einen Blick zuwarf. Der kleine Mann wurde rot. „Es ist höchst bedauerlich, dass Sie und Miss Burgess in diese Lage gebracht worden sind, mein Gebieter. Ich bin froh, dass Sie es ruhig hinnehmen.“

„Ich bin ganz ruhig, stimmt’s?“, fragte Nic. Und dann nahm er die Zeitschrift und schleuderte sie an die Wand. „Lügende Mistkerle!“, brüllte er. „Oh, was ich gern mit den Leuten machen würde, die meine Privatsphäre verletzen und solche Lügen drucken!“

„Es ist alles meine Schuld, Hoheit“, flüsterte Abdul.

„Haben Sie eine Kamera auf mich gerichtet?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Haben Sie das Foto an den Meistbietenden verkauft? Haben Sie den Text geschrieben, der mich als schlechte Reinkarnation von Rudolph Valentino hinstellt?“

Abdul lachte nervös. „Natürlich nicht.“

„Soviel ich weiß, war es nicht einmal ein Reporter. Es kann jeder gewesen sein, den ich für einen Freund halte.“ Nic fuhr sich durch das rabenschwarze Haar. „Wenn ich jemals einen der Mistkäfer erwische, die fett werden, indem sie die Privatsphäre anderer verletzen …“

Abdul fiel auf die Knie und faltete flehend die Hände. „Es ist trotzdem meine Schuld. Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass Sie so eine Scheußlichkeit zu sehen bekommen. Ich hätte es vor Ihnen verbergen sollen.“

„Stehen Sie auf“, sagte Nic.

„Oh, mein Gebieter …“

Nic seufzte, bückte sich und hob den kleinen Mann auf die Füße. „Sie haben das Richtige getan. Ich musste diesen Dreck vor der Party heute Abend sehen. Irgendjemand wird das Foto erwähnen.“

„Niemand hätte den Mut, Sir.“

„Doch. Zumindest meine reizende Schwester. Wir beide wissen, wie gern sie mich aufzieht.“

Abdul lächelte. „Ah. Ja, das stimmt.“

„Deshalb ist es gut, dass Sie mir die Zeitschrift gebracht haben. Ich bin lieber vorbereitet.“

„Das war meine Überzeugung. Aber vielleicht habe ich mich geirrt. Vielleicht hätte ich besser nicht …“

„Was hätten Sie stattdessen getan?“ Nic lachte. „Alle Exemplare von allen Zeitungskiosken in Manhattan aufgekauft?“

Abdul nickte. „Genau. Ich hätte alle kaufen und sie verbrennen sollen.“

„Sie haben richtig gehandelt, und ich bin Ihnen dankbar. Stellen Sie sich die Schlagzeile vor, wenn ich den Wutanfall vor anderen Leuten bekommen hätte: ‚Der Barbar zeigt sich von seiner barbarischen Seite.‘ Und was würde wohl passieren, wenn ich heute Abend auf der Party beim Anschneiden der Torte fotografiert würde?“

„Jemand vom Partyservice wird das sicher übernehmen, Sir.“

Nic seufzte. „Ja. Die Sache ist die, dass alles möglich ist. Was meinen Sie, was die Journalisten der Schundblätter mit einem Foto von mir anfangen würden, auf dem ich ein Messer in der Hand halte?“

„Früher hätten Sie sie köpfen lassen können“, sagte Abdul streng.

„Die Zeiten sind vorbei“, erwiderte der Scheich lächelnd. „Wir haben das einundzwanzigste Jahrhundert.“

„Sie haben noch immer die Macht dazu, Hoheit.“

„Ich werde sie niemals ausüben.“

„Das haben Sie immer gesagt. Aber die Macht, das Leben eines Menschen zu schonen oder es ihm zu nehmen, stellt sicher, dass einen alle mit Ehrerbietung und Respekt behandeln.“

Nic dachte an die Reporter und all die sogenannten Freunde, die gut verdienten, indem sie ihn verrieten. Und er stellte sich vor, wie sie in dem schon lange nicht mehr benutzten Kerker unter dem Palast in Quidar um Gnade flehten, während der Henker sein Beil schärfte. „Ein angenehmer Gedanke“, gab er zu. „Doch so machen wir es nicht mehr.“

„Zumindest werden Ihnen heute Abend keine unerwünschten Gäste auflauern. Nur wer eine Einladung hat, wird von Ihren Leibwächtern eingelassen. Und ich habe die Einladungen selbst verschickt.“

„Zweihundertfünfzig meiner engsten und liebsten Freunde“, sagte Nic sarkastisch.

Sein Sekretär nickte. „Wäre das alles, Hoheit?“

„Ja. Danke, Abdul.“ Nic beobachtete, wie sich der alte Mann tief verbeugte und rückwärts hinausging. Sie sind alt genug, um mein Großvater zu sein, also lassen Sie das, wollte er rufen, aber er wusste, dass es sinnlos wäre. Es ist Brauch, würde Abdul erwidern. Und er hatte recht. Nic setzte sich seufzend an den Schreibtisch. Alles war „Brauch“. Wie er angesprochen wurde. Dass sich Quidarer und sogar viele Amerikaner in seiner Gegenwart verbeugten. Bei seinen Landsleuten störte es ihn nicht so sehr. Es war ihm unangenehm, er akzeptierte es jedoch als Zeichen von Respekt. Er vermutete, dass sich auch einige Amerikaner aus Respekt verbeugten. Andere gaben damit nur zu, dass sie ihn für einen Exoten hielten. Einen unzivilisierten Araber, der wallende Gewänder anzog, in einem Zelt wohnte und sich Frauen nahm, wann, wo und wie es ihm passte.

Nic presste die Lippen zusammen. Er hatte in seinem Leben vielleicht sechs Mal ein Gewand getragen, und das auch nur, um seinen Vater zufriedenzustellen. In einem Zelt hatte er öfter geschlafen, denn er liebte den Sternenhimmel über der Wüste. Was Frauen betraf … Der Brauch erlaubte ihm, jede in sein Bett zu holen, die ihm gefiel, aber er hatte noch nie eine Frau genommen, die nicht genommen werden wollte, oder eine im Harem gefangen gehalten.

Bescheidenheit war eine vom Volk seines Vaters gepriesene Tugend, und er war bescheiden. Nic lächelte. Das bedeutete nicht, sich selbst belügen zu müssen, wenn es um Frauen ging. Sie fielen in sein Bett, ohne dass er sich anstrengte. Das war schon in seiner Zeit an der Yale University so gewesen, als noch nicht so bekannt gewesen war, wer er war. Sogar in den Jahren davor schon. Er dachte an jenen Sommer, den er bei seiner Mutter in Los Angeles verbracht hatte. Damals hatte er wilden Sex mit ihrer Nachbarin gehabt, einer bildschönen Brünetten, die wie seine Mutter Schauspielerin gewesen war.

Nics Lächeln verschwand. Von den Frauen, die er jetzt kennenlernte, waren manche mehr daran interessiert, was es ihnen einbringen könnte, mit ihm zusammen gesehen zu werden. Andere meinten, eine Nacht mit ihm würde zu einem Leben an seiner Seite führen. Einige hofften, Einblick in sein Privatleben zu gewinnen und dann ihre Storys an die Boulevardpresse verkaufen zu können.

Nur ein dummer Mann würde sich mit solchen Frauen einlassen, und er war nicht …

Das Telefon klingelte. „Ja?“

„Wenn du noch duschen, dich rasieren und einen Smoking anziehen willst, solltest du dich besser beeilen, Euer Herrlichkeit“, sagte seine Halbschwester.

„Pass auf, wie du mit mir redest, kleine Schwester. Sonst lasse ich dich köpfen. Abdul findet, es sei die ideale Strafe für diejenigen, die mir nicht den gebührenden Respekt erweisen.“

„Nicht heute Abend. Eine Frau wird nur einmal fünfundzwanzig.“

„Ich habe auch Geburtstag.“

„Weiß ich doch. Ist es nicht großartig, dass wir denselben Vater und am selben Tag Geburtstag haben? Warum bist du nicht so aufgeregt wie ich?“

Nic lachte. „Weil ich meine besten Jahre schon hinter mir habe. Schließlich bin ich vierunddreißig.“

„Im Ernst, Nic, du bist doch rechtzeitig hier, stimmt’s?“

„Natürlich.“

„Aber nicht zu früh.“ Dawn kicherte. „Sonst verlangst du, dass ich mich umziehe.“

„Soll heißen, dein Kleid ist zu kurz, zu eng und zu tief ausgeschnitten.“

„Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert, Euer Schönheit.“

„Nicht, wenn du dich auf quidarischem Staatsgebiet befindest. Und nenn mich nicht so.“

„Erstens bin ich in einem Penthouse in der Fifth Avenue …“

„Es ist quidarisches Staatsgebiet. Jedenfalls dann, wenn ich es betrete. Und zweitens?“

„Zweitens, wenn Gossip dich ‚Euer Schönheit‘ nennen kann, dann kann ich es auch.“ Dawn lachte. „Hast du den Artikel schon gelesen?“

„Ich habe die Titelseite gesehen. Das hat mir gereicht“, sagte Nic kurz angebunden.

„In dem Artikel steht, dass du und Deanna …“

„Kümmere dich besser darum, dass du anständig angezogen bist.“

„Ich bin anständig angezogen. Für New York.“

Nic seufzte. „Benimm dich, oder ich schicke dich nach Hause.“

„Ich soll mich benehmen?“ Dawn schnaufte verächtlich, drückte das Handy ans andere Ohr, ging durch das große Wohnzimmer ihres Bruders und nach draußen auf die Terrasse. „Du hast doch eine Affäre mit einer Frau, die alles will. Einen adligen Ehemann. Berühmt werden. Reichtum und Glamour.“

„Deanna ist nicht so“, sagte Nic schnell.

„Warum nicht?“

„Dawn. Ich will nicht darüber sprechen.“

„Musst du nicht. Ich kenne den Grund. Du hältst Deanna für vertrauenswürdig, weil sie selbst Geld hat und aus einer alten Familie stammt.“

„Ich weiß deine Besorgnis zu schätzen, aber …“

„Aber ich soll mich nicht einmischen.“

„So ungefähr, ja.“

Dawn sah die blonde Frau an, die mit dem Rücken an der Terrassenmauer lehnte. „Männer können so ahnungslos sein!“, flüsterte sie und verdrehte die Augen.

Amanda Benning rang sich ein Lächeln ab. „Hast du es ihm schon gesagt?“

„Noch nicht.“

„Dawn? Mit wem sprichst du?“

„Eine Mitarbeiterin des Partyservice hat gefragt, wo sie die kalten Horsd’œuvre hinstellen soll. Möchtest du nicht gern wissen, was du von mir zum Geburtstag bekommst?“

„Doch. Nur wäre es keine Überraschung mehr, wenn du es mir sagen würdest. Und Geburtstagsgeschenke sollen Überraschungen sein.“

„Ah. Tja, ich weiß schon, was ich bekomme.“

„Ja?“

„Den funkelnden Jaguar unten in der Garage.“

Nic stöhnte. „Dir kann man nichts verheimlichen.“

„Stimmt. Vielleicht errätst du ja, was ich dir schenke.“

„Du hast mir mal eine Puppe geschenkt, die du selbst haben wolltest“, sagte Nic trocken. „Ist es so etwas?“

„Ich war sieben!“ Dawn blickte Amanda an. „Ahnungslos“, flüsterte sie.

„Wie bitte?“

„Mir fällt gerade wieder auf, dass du keine Ahnung hast, wie man so eine Wohnung einrichten muss, Nicmy.“

„Ich habe keine Zeit für solche Dinge, deshalb habe ich sie möbliert gekauft.“

„Wie kann jemand nur zehn Millionen Dollar für ein Penthouse ausgeben und es dann aussehen lassen wie ein teures Bordell? Das geht über meinen Horizont.“

„Wenn du weißt, wie ein Bordell aussieht, ob teuer oder billig, schicke ich dich bestimmt nach Hause.“ Nic versuchte, beleidigt zu klingen, doch es gelang ihm nicht.

„Du weißt es auch nicht, liebster Bruder. Sonst hättest du niemals die Zeit und Kraft, mit all den Frauen ins Bett zu gehen, mit denen dich die Boulevardpresse in Verbindung bringt.“

„Dawn …“

„Ja, schon gut. Über so etwas willst du nicht mit mir sprechen. Ich bin nicht das kleine Mädchen, für das du mich hältst, Nicmy.“

„Vielleicht nicht. Aber es wird nicht schaden, wenn du mich mit einer Illusion weiterleben lässt.“

Dawn lachte. „Sobald du siehst, was ich dir zum Geburtstag gekauft habe, ist es mit dieser Illusion für immer vorbei.“

„Abwarten“, meinte Nic belustigt und legte auf.

Dawn blickte Amanda an. „Mein Bruder glaubt nicht, dass du seine Illusion zerstören wirst.“

„Tja, dann werde ich ihm eben beweisen müssen, dass er sich irrt“, erwiderte Amanda und sagte sich, sie sei eine intelligente, gebildete Frau von fünfundzwanzig Jahren und es sei einfach völlig lächerlich, mit schlotternden Knien dazustehen, weil sie das Geburtstagsgeschenk für einen Scheich sein würde.

2. KAPITEL

Dawn schob das Handy in die Hosentasche. „So, das wäre erledigt. Ich habe das Fundament gelegt.“

„Ja. Für eine Katastrophe.“ Amanda lächelte gequält.

„Sei nicht albern. Oh, Nicmy wird sich wahrscheinlich sträuben, wenn er erkennt, dass ich dich gebeten habe, das Penthouse neu einzurichten. Er wird mit Mord und Verstümmelung drohen …“ Dawn zog die Augenbrauen hoch, als sie Amandas Gesichtsausdruck sah. „Ich mache Witze!“

„Dessen bin ich nicht so sicher.“ Amanda fröstelte trotz des heißen Sommernachmittags. „Dein Bruder und ich haben uns schon einmal gegenübergestanden.“

„Wie alt warst du da? Neunzehn?“

„Achtzehn.“

„Na also. Du warst ein junges Mädchen.“

„Ich war deine Zimmergenossin im Studentenwohnheim.“ Amanda biss sich auf die Lippe. „Auch bekannt als ‚Die Amerikanerin ohne Moral‘.“

Dawn lachte. „Hat er dich wirklich so genannt?“

„Jetzt mag es sich lustig anhören, aber wenn du dabei gewesen wärst …“

„Ich weiß, wie du dich gefühlt haben musst.“ Dawn wurde ernst. „Nachdem er mich aus dem Büro des Dekans geholt hatte, dachte ich wirklich, er würde mich nach Hause schicken und für den Rest meines Lebens im Palast einsperren.“

„Wenn sich dein Bruder an mich erinnert …“

„Sage ich ihm, dass er sich irrt. Hör auf, dir Sorgen zu machen. Er erinnert sich garantiert nicht an dich. Es war mitten in der Nacht. Du warst ungeschminkt und hattest damals langes Haar. Wenn alles schiefgeht und Nicmy wütend wird, dann auf mich.“

„Ich weiß. Trotzdem …“, sagte Amanda nervös, denn sie hatte ihre erste und einzige Begegnung mit Nicholas al Rashid niemals vergessen.

Dawn hatte von ihm gesprochen. Und Amanda hatte gelesen, was über ihn in den Zeitungen gestanden hatte. Die Reporter liebten den Scheich, sein unglaublich gutes Aussehen, sein Geld, seine Macht und seine Frauen. Normalerweise las Amanda damals solche Artikel nicht. Sie studierte im Hauptfach Englisch und las und schrieb Gedichte, die nur andere Englischstudenten verstanden, auch wenn sie darüber nachdachte, zu wechseln und Raumgestaltung als Hauptfach zu wählen. Jedenfalls interessierte sie sich nicht für Revolverblätter. Und dennoch griff sie an der Supermarktkasse nach diesen grässlichen Zeitungen, wann immer sie ein Foto von Dawns Bruder auf der Titelseite sah.

„Nicmy ist ein Schatz“, sagte Dawn immer. „Ich kann es kaum erwarten, dass du ihn kennenlernst.“

In der Woche der Klausuren im ersten Semester wollte Dawn zur Party einer Studentenverbindung gehen. Sie versuchte, ihre Zimmergenossin zu überreden, mitzukommen, doch Amanda hatte am nächsten Morgen eine Prüfung und blieb lieber im Wohnheim. Dawn ging allein zu der Party und trank unglücklicherweise ein Bier zu viel. Um zwei Uhr morgens schlichen sie und sechs Studenten in den Glockenturm und ließen das Glockenspiel erklingen. Campus-Polizisten holten Dawn und die Jungen herunter, brachten sie ins Sicherheitsbüro und verständigten die Familien.

Amanda war kurz nach Mitternacht ins Bett gegangen und schlief nichts ahnend, während all das passierte. Sie wachte auf, als jemand mit der Faust an die Tür schlug. Erschrocken schaltete sie die Nachttischlampe ein. „Wer ist da?“

„Machen Sie auf“, verlangte ein Mann.

Sie hatte die Tür nicht verriegelt, damit Dawn ins Zimmer konnte, ohne sie zu wecken. Amanda stand auf und hoffte, dass ihre weichen Knie sie so lange tragen würden, dass sie durchs Zimmer laufen und den Riegel vorschieben konnte.

Die Tür flog auf, und Amanda stieß einen schrillen Schrei aus.

„Ich bin Nicholas al Rashid“, brüllte der Mann. „Wo ist meine Schwester?“

Der große, breitschultrige, unrasierte Typ in Jeans und einem weißen T-Shirt war Dawns Bruder? Amanda lächelte. Zumindest hatte sie keinen wahnsinnigen Killer vor sich. Aber er hätte ebenso gut einer sein können.

Der Scheich kam herein und packte sie an ihrem weiten T-Shirt. „Ich habe Sie etwas gefragt. Wo ist meine Schwester?“

Amanda war gerade achtzehn, ein junges Mädchen, das in der behüteten Welt exklusiver Internate und Ferienlager aufgewachsen war. Und der Mann war groß, wütend und furchterregend. Sie war vor Angst wie gelähmt und brachte mühsam heraus, sie wisse es nicht.

„Sie wissen es nicht“, spottete er und zog Amanda am T-Shirt näher, bis sie mit der Nase fast seine Brust berührte.

„Dawn ist … ausgegangen.“

„Sie ist ausgegangen“, ahmte er sie wieder sarkastisch nach.

Amanda war klar, dass er sie einschüchtern wollte, und plötzlich kam sie darauf. Dass er in ihr Zimmer eingebrochen war. Dass dies ihr Territorium war und er sich aufführte, als wäre das kleine Stück Amerika sein Wüstenreich. „Jawohl, und selbst wenn ich wüsste, wo sie ist, würde ich es Ihnen nicht sagen, Sie kleiner Diktator!“

Er wurde blass. „Wie haben Sie mich genannt?“, fragte er drohend.

„Einen kleinen Diktator“, wiederholte sie und wartete auf den Weltuntergang. Als er lächelte, wurde sie noch wütender. „Amüsiert Sie das, Mr Rashid?“

„Sie werden mich mit Hoheit anreden. Und mich amüsiert der Gedanke, dass ich Ihnen für so eine Unverschämtheit in meinem Land die Zunge hätte herausschneiden lassen.“

Amanda zweifelte nicht daran, dass es ihm ernst damit war, doch inzwischen war sie darüber hinaus, sich zu sorgen, ob sie das Richtige sagte oder tat. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie einen Menschen so verabscheut wie Nicholas al Rashid. „Wir sind aber nicht in Ihrem Land. Wir befinden uns in Amerika, und ich bin amerikanische Staatsbürgerin.“

„Außerdem sind Sie eine typische amerikanische Frau. Sie haben keine Moral.“

„Ach, und über amerikanische Frauen und Moral wissen Sie natürlich alles, stimmt’s?“

Er kniff die Augen zusammen. „Ich nehme an, die Bemerkung soll irgendeine tiefere Bedeutung haben.“

„Lassen Sie mich los!“

Er tat es so schnell und unerwartet, dass Amanda zurücktaumelte. Und dann stand sie einfach da. Zum ersten Mal sah er sie richtig an. Er betrachtete ihr vom Schlaf zerzaustes Haar, das dünne Baumwoll-T-Shirt, die langen, nackten Beine. Amanda brannte das Gesicht. Sie wollte die Arme über die Brüste legen, aber sie ahnte, dass es ihm nur noch mehr Vorteile verschaffen würde. „Verschwinden Sie“, verlangte sie zittrig.

Stattdessen ließ er wieder den Blick über sie gleiten, diesmal fast quälend langsam. „Sieh mal einer an“, sagte er leise.

Es klang spöttisch, doch Amanda sah seine Augen dunkler werden und wusste trotz ihrer Unerfahrenheit, dass die Worte nicht nur seine Verachtung amerikanischer Frauen und ihrer Moral ausdrückten, sondern auch ein rohes, primitives Verlangen.

Sie war um drei Uhr morgens mit einem Mann allein im Zimmer, dem sie gerade bis zur Schulter reichte und der seine Wut wie eine zweite Haut trug. Einem Mann, der attraktiver war als alle Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. Zu ihrem Entsetzen spürte sie, wie ihre Brustspitzen hart wurden.

Er sah es.

Amanda schlug das Herz bis zum Hals, als der Scheich einen Schritt auf sie zu machte.

„Hoheit.“

Er blickte sie unverwandt an und kam auf sie zu. Hitze durchflutete Amanda.

„Hoheit!“

Amanda blinzelte. Ein kleiner Mann in einem schwarzen Anzug trippelte zum Scheich und legte ihm die Hand auf den muskulösen Unterarm.

„Mein Gebieter, ich habe Ihre Schwester gefunden.“

Der Scheich sah den Mann an, der schnell seine Hand zurückriss. „Wo ist sie, Abdul?“

„Verzeihen Sie mir. Ich wollte Sie nicht anfassen …“

„Ich habe Sie etwas gefragt.“

Abdul fiel auf die Knie und beugte sich vor, bis er mit der Stirn fast den Boden berührte. „Sie wartet im Büro des Dekans auf Ihren Befehl, Hoheit.“

Der Anblick des alten Mannes, der unterwürfig vor einem mürrischen Tyrannen kniete, und der Gedanke an Dawn, die auf den Befehl des brutalen Kerls wartete, brachten Amanda zur Besinnung. „Gehen Sie, oder ich lasse Sie hinauswerfen. Sie sind nichts als ein Barbar. Mir tut jede Frau leid, die etwas mit Ihnen zu tun hat.“

Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut.

„Hoheit“, flüsterte der kleine Mann, und Nicholas al Rashid verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer.

Amanda hatte ihn nie wieder gesehen. Er hatte Dawn aus dem College genommen und in einem kleinen nur für Frauen eingeschrieben. Aber die beiden waren Freundinnen geblieben, und Dawn hatte Amandas Berufswechsel, ihre Ehe und Scheidung miterlebt. Im Lauf der Jahre hatte sie ihre Begegnung mit dem Scheich vergessen.

Fast. Noch immer wachte sie manchmal in der Nacht auf und meinte, seinen Blick zu spüren und seinen Duft wahrzunehmen …

„Mandy, dein Gesicht ist wie ein offenes Buch“, sagte Dawn.

Erschrocken sah Amanda auf.

Dawn lachte. „Du bist noch immer verärgert und verlegen, wenn du daran denkst, wie Nicmy vor all den Jahren auf der Suche nach mir in unser Zimmer gestürmt ist.“

„Ja. Und je länger ich überlege, desto sicherer bin ich, dass es nicht funktionieren wird.“

„Was wird nicht funktionieren? Ich habe dir doch gesagt, er erinnert sich garantiert nicht an dich. Und selbst wenn er es tut …“

Amanda nahm ihre Handtasche von einem der Glastische. „Dawn, ich weiß zu schätzen, was du für mich tun möchtest. Ehrlich. Aber …“

„Aber du brauchst den Auftrag nicht.“

„Doch, natürlich. Nur …“

„Du brauchst ihn nicht, weil du dir in New York einen Namen machen wirst, indem du einen Zauberstab schwenkst. ‚Hokuspokus, ich erkläre mich zur Innenarchitektin des Jahrzehnts.‘“

„Hör auf, Dawn“, sagte Amanda lächelnd.

„Nicht, dass es eine Rolle spielt, denn du hast schon eine Möglichkeit gefunden, deine Miete zu bezahlen, ohne zu arbeiten.“

Amanda lachte.

„Was dann? Willst du jetzt doch Geld von deiner Mutter annehmen?“

„Von meinem Stiefvater, meinst du.“ Amanda verzog das Gesicht. „Ich will Jonas Barons Geld nicht. Damit sind zu viele Bedingungen verknüpft.“

„Also Unterhaltszahlungen von deinem Exmann.“

„Noch mehr Bedingungen.“ Amanda seufzte. Der Plan ihrer Freundin war nicht gut. Sie hatte es im Gefühl. Aber nur ein Idiot würde sich so eine Gelegenheit entgehen lassen. „Okay“, sagte sie, bevor sie es sich wieder ausreden konnte. „Ich werde es versuchen.“

„Braves Mädchen.“ Dawn hakte Amanda unter, und die Frauen gingen langsam von der Terrasse ins Wohnzimmer. „Das Penthouse von Scheich Nicholas al Rashid in der Fifth Avenue einzurichten wird dich bei allen bekannt machen, die zählen.“

„Trotzdem, selbst wenn dein Bruder einverstanden ist …“

„Er muss es sein. Du bist mein Geburtstagsgeschenk für ihn. Das kann er wohl kaum ablehnen.“

„Wird es ihn denn nicht stören, dass er mein erster Auftraggeber ist?“

„Dein erster in New York.“

„Ich habe in Dallas nicht richtig gearbeitet. Du weißt, wie Paul darüber dachte.“

„Sobald ich Nic erzähle, dass du die Häuser von Jonas Baron und Tyler und Caitlin Kincaid eingerichtet hast, wird er begeistert sein.“

Amanda blieb stehen. „Bist du verrückt? Mein Stiefvater würde wahrscheinlich jeden erschießen, der versucht, in seinem Haus einen Stuhl zu verrücken!“

„Du hast doch das Wohnzimmer deiner Mutter neu eingerichtet, stimmt’s?“

„Das ist etwas anderes. Ein einziger Raum …“

„Ein Raum in Jonas Barons Haus, richtig?“

„Hör auf, Dawn. Die Sache war kaum …“

„Was ist mit den Kincaids?“

„Ich habe nur den Kitsch herausgenommen und durch Stücke ersetzt, die Tyler in seinem Haus in Atlanta hatte. Außerdem habe ich einige neue Einrichtungsgegenstände vorgeschlagen. Ein Vierzehn-Zimmer-Penthouse neu einzurichten ist ja wohl etwas völlig anderes.“

Dawn stemmte die Hände in die Seiten. „Um Himmels willen, Mandy, würdest du das bitte mir überlassen? Was soll ich denn sagen? ‚Nic, das ist Amanda. Erinnerst du dich an sie? Du hast ihr mal vorgeworfen, einen schlechten Einfluss auf mich zu haben. Jetzt will sie dein Geld für etwas ausgeben, für das du eigentlich keins ausgeben willst. Ach übrigens, du bist ihr erster richtiger Auftraggeber‘.“

Amanda musste einfach lachen. „Klingt nicht wie eine Empfehlung.“

„Eben. Und ich dachte, wir hätten uns gerade darauf geeinigt, dass du diesen Auftrag brauchst.“

„Tue ich“, sagte Amanda niedergeschlagen.

„Jawohl. Mach zumindest irgendetwas mit der Suite, die Nicmy mir zur Verfügung stellt, wann immer ich nach New York komme. Hast du schon einmal so einen grässlichen Kitsch gesehen?“

Amanda lächelte.

„Schon besser.“ Dawn umarmte sie. „Überlass das Reden einfach mir, okay?“

„Okay.“

Sie gingen die breite Treppe hoch in den oberen Stock. „Wir müssen uns beeilen. Zieh das hautenge rote Kleid an, frisier dich, sprüh ein bisschen Parfüm auf und halt dich bereit, um meinen Bruder davon zu überzeugen, dass er verrückt wäre, seine königliche Nase über die Chance zu rümpfen, dieses Penthouse von der unvergleichlichen, einzigartigen, unglaublichen Amanda Benning ausstatten zu lassen.“

„Hast du schon einmal daran gedacht, dass Public Relations das Richtige für dich wäre?“

„Du kannst mich ja einstellen, wenn dein Name zum ersten Mal in der … Oh verdammt! Wir haben unsere Tour nicht beendet. Du hast Nics Schlafzimmer noch nicht gesehen.“

„Kein Problem. Ich kann die Kamera in meine Abendtasche legen.“

„Nein, tu das nicht.“ Dawn schauderte übertrieben, während sie die Tür zu ihren Räumen öffnete. „Wenn Nic bemerkt, dass du fotografierst, hält er dich für eine Medienspionin und dann …“ Dawn fuhr sich lachend mit der Hand über die Kehle. „Pass auf. Du duschst zuerst, ziehst dich an und ziehst dich dann schnell um. Sein Schlafzimmer ist am anderen Ende des Flurs.“

„Was, wenn dein Bruder mich überrascht, während ich herumschnüffle?“

„Tut er nicht. Nicmy hat versprochen, pünktlich hier zu sein, aber er kommt immer zu spät. Er hasst diese Dinge. Du weißt schon, repräsentieren, im Mittelpunkt des Interesses stehen. Er verzögert sein Erscheinen immer so lange wie möglich.“

Amanda dachte an das wandelnde Ego, das sich ungebeten in ihr Zimmer gedrängt hatte. „Darauf wette ich“, sagte sie spöttisch. „Ich würde mich trotzdem wohler fühlen, wenn du bei mir wärst.“

„Ich komme zu dir, sobald ich mich in das wunderschöne, begehrenswerte Geschöpf verwandelt habe, das ich eigentlich bin. Okay?“

Amanda nickte. „Okay.“

„Gut.“ Dawn schleuderte ihre Schuhe weg. „Die Dusche gehört dir.“

Zwanzig Minuten später stand Amanda unschlüssig vor der Tür am anderen Ende des Flurs. Ihr Herz raste. Und warum auch nicht? Es kam schließlich nicht jeden Tag vor, dass sie sich ins Schlafzimmer eines Mannes schlich, um Fotos und Notizen zu machen. Ins Schlafzimmer eines Mannes, der verlangte, mit „Hoheit“ angeredet zu werden und vor dem sich andere Männer verbeugten.

Ihr Gefühl riet ihr, davonzulaufen. Hör auf, ein Feigling zu sein, befahl sie sich. Sie verschwendete Zeit, und viel war da nicht zu verschwenden. Zehn Minuten, wenn sich Dawn irrte und der Scheich pünktlich auftauchte.

Amanda fuhr sich nervös durch das kurze hellblonde Haar, nahm die kleine Digitalkamera aus der Abendtasche und öffnete die Tür. Das Zimmer war eindeutig die Domäne eines Mannes. Dawn hatte gesagt, ihr Bruder habe an der Einrichtung des Penthouse nichts verändert, und auf alle anderen Räume traf das sicherlich zu, aber nicht auf dieses Schlafzimmer, dem der Scheich seinen Stempel aufgedrückt hatte. Amanda wusste es sofort, obwohl sie geglaubt hatte, Nicholas al Rashid würde Mahagonimöbel, dunkelrote Tapeten und Samtvorhänge bevorzugen.

Die Wände waren mit hellblauer Seide bespannt. Die Möbel waren aus Rosenholz, die hohen Fenster mit Blick auf den Central Park hatten keine Vorhänge. Amanda war sicher, dass der Teppich ein Perser war. Auf einem niedrigen Tisch stand ein Notebook. Das Zimmer zeugte von schlichter Eleganz und verband Vergangenheit und Zukunft.

Amanda begann, Fotos zu machen. Dabei sah sie im Geiste den Scheich vor sich. Sie konnte ihn sich in diesem Raum vorstellen. Groß, schlank, muskulös, formell und arrogant. Er gehörte hierher.

Dann bemerkte sie das Ölgemälde an der Wand. Zögernd ging sie darauf zu. Das Zimmer war eine Täuschung. Die Kultiviertheit war eine Lüge. Dies war der echte Mann. Der, den sie in jener Nacht im Studentenwohnheim kennengelernt hatte. Dass er damals Jeans und T-Shirt getragen hatte, war ebenso bedeutungslos wie der Unsinn über seine halbamerikanische Abstammung. Das Gemälde zeigte Nicholas al Rashid in einem mit Gold besetzten weißen Gewand auf einem weißen Pferd, das so wild aussah wie er. Der Scheich hielt mit einer Hand die Zügel, die andere ruhte auf dem Knopf des kunstvoll gearbeiteten Sattels.

Amanda machte einen Schritt zurück. Es war falsch gewesen, hierher zu kommen. Falsch, sich von Dawn überzeugen zu lassen, dass sie den Auftrag übernehmen konnte.

„Was, zum Teufel, haben Sie in meinem Schlafzimmer zu suchen?“

Die Kamera glitt ihr aus der Hand. Amanda drehte sich um und sah den Thronfolger von Quidar in der Türöffnung stehen. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, ein weißes Hemd und eine graue Krawatte. Die Hälfte der Männer in Manhattan war so angezogen, doch es war einfach, ihn sich in einem wallenden Gewand und mit Kopfschmuck vorzustellen, mit der Wüste im Hintergrund statt des Marmorflurs.

Vielleicht lag es daran, dass er dastand, als würde er die Welt besitzen. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er sie anblickte wie irgendeinen unwichtigen Gegenstand …

Bekomm dich in den Griff, Amanda.

Der Scheich hatte sie in jener Nacht überrumpelt, aber es würde ihr nicht noch einmal passieren. Sie war nicht mehr achtzehn, und sie hatte gelernt, mit harten Männern fertig zu werden, die glaubten, die Welt zu besitzen. Männern wie ihrem Vater, ihrem Stiefvater, ihrem Exmann. Was immer sie sonst besaßen, sie besaßen sie nicht.

„Sind Sie taub? Ich habe Sie etwas gefragt.“

Amanda bückte sich, hob die Kamera auf und schob sie in die mit Perlen verzierte Abendtasche. „Ich habe Sie gehört. Sie haben mich nur erschreckt, Scheich Rashid“, sagte sie höflich und streckte die Hand aus. „Amanda Benning.“

„Und?“ Er ignorierte ihre Hand.

„Hat Ihre Schwester Ihnen nichts von mir erzählt?“

„Nein.“

Nein? Oh. Dawn, wo bist du? „Sie hat mich zur Party eingeladen.“

„Und das gibt Ihnen das Recht, sich in mein Schlafzimmer zu schleichen?“

„Ich habe mich nicht ‚geschlichen‘. Ich habe nur …“ Nur was? Dawn sollte das doch deichseln. Es war ihre Überraschung.

„Ja?“

„Ich denke, es ist besser, wenn Dawn es erklärt.“

Er lächelte kühl. „Ich möchte viel lieber Ihre Erklärung hören, Miss Benning.“

„Ihre Schwester und ich sind Freundinnen. Warum fragen Sie sie nicht einfach …“

„Meine Schwester ist jung und leicht zu beeindrucken. Sie würde niemals auf den Gedanken kommen, dass Sie diese so genannte Freundschaft für Ihre eigenen Zwecke nutzen.“

„Wie bitte?“

Der Scheich kam herein. „Wer hat Sie geschickt?“

Amanda kniff die Augen zusammen. Fast acht Jahre waren vergangen, und er war noch genauso arrogant und herrisch wie damals. Aber sie war nicht mehr das naive Kind, das sie beim letzten Mal gewesen war, als sie miteinander zu tun gehabt hatten, und sie fürchtete sich nicht vor Tyrannen. „Niemand hat mich geschickt“, sagte sie, während sie an ihm vorbeiging. „Und kein Geld der Welt könnte mich dazu bringen …“

Er umfasste ihr Handgelenk und übte gerade so viel Druck aus, dass sie nach Atem rang. „Geben Sie mir die Kamera.“

Amanda sah zu ihm auf. Seine Augen funkelten vor Wut. Sie bekam Angst, doch sie würde ihm keinesfalls zeigen, dass er ihr Angst machen konnte. „Lassen Sie mich los“, verlangte sie ruhig.

Sein Griff wurde fester. „Oder was? Sie befinden sich in meiner Wohnung, Miss Benning. Was bedeutet, dass Sie auf quidarischem Boden stehen. Mein Wort ist hier Gesetz.“

„Das stimmt nicht.“

„Es stimmt, wenn ich es sage.“

Amanda blickte ihn ungläubig an. „Mr Rashid …“

„Sie werden mich mit ‚Hoheit‘ anreden.“ Er runzelte die Stirn. „Wir sind uns schon begegnet.“

„Nein“, widersprach Amanda zu schnell.

„Doch. Irgendetwas an Ihnen kommt mir bekannt vor.“

„Ich habe so ein Gesicht. Sie wissen schon. Gewöhnlich.“

Nein, hat sie nicht, dachte Nic. Das helle Haar. Die Augen, die weder braun noch grün waren, sondern eher bernsteinfarben. Die feinen Wangenknochen und die vollen Lippen …

„Lassen Sie mich los.“

„Wenn Sie mir die Kamera geben.“

„Vergessen Sie’s. Es ist meine … He, Sie können nicht …“

Er konnte. Nic musste jedoch zugeben, dass es nicht einfach war. Sie wand sich und versuchte gleichzeitig, ihn daran zu hindern, ihre Abendtasche zu öffnen. Er hielt mit einer Hand die Frau fest und holte mit der anderen die Kamera heraus. Sie beschwerte sich weiter, und ihre Stimme wurde lauter, während er die Bilder betrachtete. Was er sah, machte ihn wahnsinnig. Fotos von seiner Wohnung. Terrasse. Wohnzimmer. Bibliothek. Die Badezimmer, um Himmels willen. Und sein Schlafzimmer. Miss Benning hatte mehr getan, als nur seine Privatsphäre zu verletzen. Sie hatte sie gestohlen und würde sie an den Meistbietenden verkaufen. Er blickte sie abschätzend an. Sie war eine Diebin, aber sie war sogar in einer Großstadt voller schöner Frauen eine Schönheit. Warum kam sie ihm so bekannt vor? Wenn sie sich schon begegnet waren, würde er sich sicherlich erinnern. Welcher Mann könnte das Gesicht vergessen? Diese Augen. Der sinnliche Mund.

Trotz allem war sie eine Lügnerin. Schön und falsch. Sie spielte gefährliche Spiele, die sie ins Schlafzimmer eines Mannes führten und sie jeder Bestrafung auslieferten, die er sich vielleicht ausdenken würde. „Wer hat Sie dafür bezahlt, diese Fotos zu machen?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Immerhin geben Sie jetzt zu, dass Sie es für Geld tun.“

„Tue ich. Aber es ist nicht so, wie Sie …“

„Sie sind hierher gekommen, weil Sie Informationen suchen. Eine Story. Fotos. Was auch immer Sie verkaufen können. Wissen Sie, was in meinem Land die Strafe für Diebstahl ist?“

Amanda lachte ungläubig. „Ich habe nichts gestoh…“

„Diebstahl ist schlimm genug“, unterbrach er sie kalt. „Machen Sie es nicht noch schlimmer, indem Sie lügen.“

Ihr Herz klopfte wie verrückt. Wenn Nic wütend wird, dann auf mich, hatte Dawn behauptet. Nur war Dawn verschollen. Der Scheich versperrte die Türöffnung, und Verschwiegenheit war offensichtlich nicht ratsam. „In Ordnung. Ich sage Ihnen die Wahrheit.“

„Eine ausgezeichnete Entscheidung, Miss Benning.“

„Ich bin Ihre Überraschung.“

„Wie bitte?“

„Meine Dienste sind Ihr Geschenk. Worüber Dawn am Telefon gesprochen hat.“

Nic zog die Augenbrauen hoch. Seine kleine Schwester hatte einen seltsamen Sinn für Humor, aber würde sie so weit gehen? „Tatsächlich?“

Amanda gefiel sein Ton nicht. „Ich bin sehr gefragt.“ Oh Amanda, was für eine Lüge. „Und teuer.“ Warum nicht? Sie würde es eines Tages sein.

„Ja, das zumindest muss stimmen“, sagte Nic leise, und dann zog er Amanda an sich und küsste sie.

3. KAPITEL

Wenn sich Nic auf eins verstand, dann war es die Kunst der Diplomatie. Er war der Thronfolger eines alten Landes. Er repräsentierte sein Volk, seine Fahne, sein Erbe. Und er vergaß das niemals. Es war seine Pflicht, sich so zu benehmen, dass er bei jedermann den geringsten Anstoß erregte, selbst wenn er etwas sagte oder tat, was anderen vielleicht nicht passte.

Aber wenn er nicht im Rampenlicht stand und Nic er selbst sein durfte, fiel es ihm oft schwer, diplomatisch zu sein. Höflich zu sein konnte von der Wahrheit ablenken und verwirren. Und er wollte keine Verwirrung, was Amanda Benning und ihn betraf. Sie sollte wissen, dass er ihr Spiel durchschaut hatte. Deshalb hatte er sie an sich gezogen.

Er hatte sie überrumpelt. Sie schrie auf, was ihm Gelegenheit gab, die Zunge in ihren Mund gleiten zu lassen. Dann begann sie, sich zu wehren. Gut. Sie hatte alles so sorgfältig geplant. Die kleine Kamera, die er niemals hätte bemerken sollen. Das sexy Kleid. Das romantische Parfüm. Die schwarzen Seidensandaletten mit den hohen Absätzen. Zuerst Verführung, leicht gemacht durch seine törichte Schwester, deren Vorliebe für alberne Streiche schließlich außer Kontrolle geraten war. Dann, nach dem Sex mit dem Wüstenlöwen, wollte die Benning ihre Fotos und eine atemberaubende Geschichte darüber verkaufen, wie es war, mit ihm zu schlafen.

Wie dumm Dawn gewesen war, so eine Frau zu engagieren und in seine Wohnung zu bringen. Nur wäre er noch dümmer, wenn er Amanda Benning nicht zumindest probierte. Natürlich würde er nicht mit ihr ins Bett gehen. Er war zu anspruchsvoll, als dass er nehmen würde, was andere Männer übrig ließen. Aber er würde ihr einen Denkzettel verpassen. Sobald sie auf seinen harten, fordernden Kuss reagierte, weil es ihr Job war, das zu tun, würde er sie von sich stoßen, die Kamera kaputt treten und Abdul anweisen, Amanda Benning vor die Tür zu setzen.

Danach würde er seine Schwester suchen. Dawn musste daran erinnert werden, wie gefährlich es war, mit Abschaum zu verkehren. Einige Monate in Quidar, wo ihr Vater ein wachsames Auge auf sie haben konnte, würden Wunder wirken.

Das war jedenfalls Nics Plan. Der Kuss änderte alles.

Amanda Benning hatte aufgehört, sich zu wehren. Gut. Sie war dafür bezahlt worden, sich küssen und fügsam streicheln zu lassen. Nur wurde Nic plötzlich bewusst, dass sie nicht fügsam, sondern starr vor Angst war. Konnte das sein? Netter Zug, hatte er kühl gedacht, als sie aufgeschrien hatte. Tugendhafter Protest passte nicht zu dem Kleid und den Absätzen. Vielleicht war es ein Versuch, die Spannung und seine Erregung vor ihrer Hingabe zu steigern. Natürlich kannte die Benning alle Spiele, die Männer und Frauen spielten. Entweder war sie eine ausgezeichnete Schauspielerin, oder er hatte begonnen, bevor sie bereit war.

Wollte sie das Tempo bestimmen? Oder ging ihre Fantasie mit ihr durch? Unschuldige junge Frau. Brutaler Scheich. Die Geschichte war nicht neu. Nic lernte öfter Frauen kennen, die sich danach sehnten und nichts anderes akzeptieren wollten, doch er tat ihnen niemals den Gefallen. Es war ein Klischee, das ihn beleidigte, und er lehnte es ab, die Rolle zu spielen. Sex zwischen einem Mann und einer Frau war mit Geben und Nehmen verbunden. Wenn nicht, brachte er keinem von beiden Lust.

Nur war dies etwas anderes. Er hatte Amanda Benning nicht umworben und erobert. Sie hatte ihn nicht mit einem Lächeln oder einem Blick verführt. Wenn sie die Wahrheit gesagt hatte, dann war sie hier, weil es seine Schwester amüsant gefunden hatte, sie ihm zum Geschenk zu machen.

Und deshalb galten die Regeln nicht. Amanda Benning gehörte ihm. Er konnte mit ihr anfangen, was er wollte. Wenn sie glaubte, er wolle rücksichtslosen Sex, würde er ihr gefällig sein und mitspielen, bis es an der Zeit war, sie hinauszuwerfen. Sie rücksichtslos zu behandeln, ihr vielleicht sogar ein bisschen Angst einzujagen war genau das, was Amanda Benning verdient hatte. Sie bot ihren Körper an, um Informationen zu sammeln, die sie an den Meistbietenden verkaufen konnte: Sie war unmoralisch. Oh ja. Ein bisschen Angst würde Amanda Benning guttun.

Jetzt kämpfte sie im Ernst gegen ihn. Sie stemmte die Fäuste gegen seine Brust und versuchte, sich zu befreien. Nic lachte, umfasste ihre Handgelenke und drängte Amanda mit dem Rücken an die Wand, dann rückte er näher, bis sein Körper ihren berührte. Du lieber Himmel, sie war so warm und weich. Ihre Brüste. Ihr sinnlicher Mund. Nic wollte sie zum Bett tragen, sie ausziehen und tief in sie eindringen.

Du bist wahnsinnig, sagte er sich. Er küsste eine Frau, die jeden professionellen Trick kannte und ihm vorspielte, dass sie ihn nicht wollte. Und er war erregt.

Es war nur, dass sie so gut in seine Arme passte. Dass sich ihr Haar so seidenweich an seiner Wange anfühlte. Dass sie so wundervoll roch. Zum Teufel damit. Sie wollte eine Vorstellung geben? In Ordnung. Er würde sich fügen, aber die Regeln ändern. Anstatt sie zu nehmen, würde er sie verführen.

„Amanda“, sagte er leise.

Sie öffnete die Augen.

„Kämpf nicht gegen mich“, flüsterte er und küsste sie zärtlich. Immer wieder, bis sie sich schließlich an ihn schmiegte. Als er ihre Hingabe spürte, stöhnte er auf. Er ließ ihre Handgelenke los, umfasste ihr Gesicht und küsste Amanda leidenschaftlicher. Vor Verlangen nach der Frau in seinen Armen vergaß er alles andere, und so traf ihn ihr Knie völlig unvorbereitet. Er taumelte zurück und krümmte sich vor Schmerzen. „Amanda?“, brachte er mühsam heraus und richtete sich gerade rechtzeitig auf, um zu sehen, dass sie wieder auf ihn losging.

„Nichtsnutziger Mistkerl!“

Er unterdrückte den Schmerz, packte Amanda und warf sie aufs Bett. Sie rollte sich auf die Seite, setzte sich auf und bekam fast die Füße auf den Boden. Inzwischen hatte sich Nic ein bisschen erholt und stürzte sich auf sie.

„Gehen Sie von mir herunter!“

Ein Schlag traf sein Kinn, ein weiterer sein Auge. Schließlich gelang es ihm, ihre Hände festzuhalten und über ihrem Kopf aufs Kissen zu drücken. „Du kleines Luder“, sagte er und setzte sich rittlings auf sie.

Sie wand sich wie verrückt.

„Hör auf damit.“ Er beugte sich zu ihr, seine Augen funkelten vor Wut. „Schluss jetzt!“ Ihr Haar war zerzaust, ihr Blick völlig verstört. Sie atmete schwer. Ein schmaler roter Seidenträger hing ihr von der Schulter. Das Kleid war bis über die Hüften hochgerutscht. Nic konnte ihren schwarzen Spitzenslip sehen. Und plötzlich ging es ihm gut. Er fühlte keinen Schmerz mehr und war sich nur bewusst, wie erregt er war und dass die Frau und ihn nichts weiter als seine Hose und diese sexy Spitze trennte.

Die Luft im Zimmer schien vor Spannung zu knistern. Nic wurde regungslos. Amanda auch. Ihr Blick raubte ihm den Atem.

„Nein“, flüsterte sie.

„Doch“, sagte Nic leise und küsste sie. Diesmal war ihre Hingabe echt. Er spürte es daran, wie geschmeidig ihr Körper war und wie leidenschaftlich sie seinen Kuss erwiderte. Er ließ ihre Hände los und zog Amanda an sich.

Sie schob ihm die Finger ins Haar. Sie war gierig. Nach seinen Küssen, nach seiner Berührung. Nach Sex mit Nicholas al Rashid. Es war verrückt. Sie kannte den Mann kaum. Und das bisschen, das sie von ihm wusste, gefiel ihr nicht. Gerade eben noch hatte sie ihn abgewehrt.

Er drehte sich auf die Seite und nahm Amanda mit sich. „Sag mir, dass du mich willst“, verlangte er rau, während er ihr den Rücken streichelte. „Sag es mir.“

Und sie tat es, indem sie ihn küsste.

Nic setzte sich auf, band die Krawatte ab und zog die Anzugjacke aus. Die Knöpfe sprangen ab, als er sich das Hemd herunterriss. Dann kam er wieder zu ihr, umfasste ihre Brüste und küsste Amanda.

Sie stöhnte vor Verlangen und hob sich ihm entgegen. „Ja, oh ja …“ Er liebkoste durch den Seidenstoff ihre Brustspitzen, und eine Hitzewelle durchflutete Amanda. Sie rief seinen Namen, schloss die Augen und warf den Kopf hin und her.

„Sieh mal einer an“, flüsterte Nic.

Und es war vorbei. Amanda erstarrte. Die unvergessenen Worte weckten in ihr Abscheu, Entsetzen und Qual. Sie versetzten sie sieben Jahre zurück, in das Zimmer im Studentenwohnheim, wo Nicholas al Rashid sie als unmoralisch gebrandmarkt hatte, während er sie betrachtet und begehrt hatte. „Gehen Sie von mir herunter.“

Der Scheich hörte sie nicht. Amanda blickte auf und verabscheute, was sie sah. Sie verabscheute sich selbst, weil er ihretwegen blind vor Verlangen war. „Gehen Sie von mir herunter!“ Sie schlug mit den Fäusten auf seine Brust ein.

Er blinzelte, als würde er aus einem Traum erwachen, dann hielt er ihre Hände fest. „Für dieses Spiel ist es zu spät.“

Sie befahl sich, nicht in Panik zu geraten. Der Mann war Dawns Bruder. Er war arrogant, herrisch und allmächtig, aber nicht verrückt. „Mit einer Frau gegen ihren Willen zu schlafen ist kein Spiel.“

„Gegen ihren Willen?“ Er ließ langsam den Blick über sie gleiten.

Amanda wurde rot. Sie wusste, wie sie in dem zerrissenen, bis zu den Hüften hochgerutschten Kleid aussehen musste.

Der Scheich lächelte spöttisch. „Wenn eine Frau einen fast anfleht, sie zu nehmen, ist das wohl kaum ‚gegen ihren Willen‘.“

„Ich würde niemals einen Mann um irgendetwas anflehen“, erwiderte Amanda kühl. „Und wenn Sie mich nicht loslassen, schreie ich. Inzwischen müssen unten einhundert Leute sein, die mich hören werden.“

„Sie enttäuschen mich.“ Er lachte. „Sie haben sich in meine Wohnung geschlichen …“

„Habe ich nicht. Ihre Schwester hat mich eingeladen.“

„Hat sie Ihnen nicht erklärt, dass niemand in den oberen Stock darf, wenn die Party erst einmal begonnen hat?“

Amandas Herz hämmerte vor Angst. „Wer mich schreien hört, wird nach oben kommen.“

„Meine Männer lassen niemand durch.“

„Dann ruft eben jemand die Polizei, und die braucht Ihre Erlaubnis nicht.“

„Die Polizei kann Ihnen nicht helfen. Wir sind auf quidarischem Boden.“

„Das hier ist ein Penthouse in der Fifth Avenue und keine Botschaft.“

„Meine Wohnung hat den Status einer Botschaft, weil wir keine in Ihrem Land haben. Bis unsere Regierungen damit fertig sind, die Frage zu erörtern, wird es zu spät sein.“

„Sie jagen mir keine Angst ein.“

Es war eine Lüge, und sie beide wussten es. Amanda Benning hatte schreckliche Angst. Nic sah es ihr an. Gut. Sie hatte die Lektion verdient. Sie war unmoralisch. Eine Lügnerin. Eine Diebin. Sie verkaufte sich an jeden Mann, der sie sich leisten konnte. Und er begehrte sie noch immer. Wozu machte ihn das? Nic ließ sie los und stand auf. „Raus“, sagte er leise.

Sie setzte sich auf, glitt zur Bettkante und warf einen Blick zur Tür. Nic wusste, dass sie ihre Chancen abschätzte, sie zu erreichen. Er fühlte sich richtig mies, aber, verdammt, Amanda Benning war es nicht wert, bemitleidet zu werden. Sie war überhaupt nichts wert, abgesehen vielleicht von dem Preis, den seine törichte Schwester für sie bezahlt hatte. „Los“, sagte er rau, verschwinden Sie, bevor ich es mir anders überlege.“

Amanda stand auf und schob das Kleid hinunter, dann bückte sie sich, hob ihre Handtasche auf, schnappte sich die Kamera und tat sie hinein. „Nein!“, rief sie, als Nic ums Bett auf sie zukam.

Er nahm ihr die Handtasche weg und öffnete sie.

„Was soll das?“

Er sah auf. Für ihren Mut muss ich ihr Punkte geben, dachte er widerwillig. Sie hatte während ihres Kampfes eine der lächerlich hochhackigen Sandaletten verloren. Das Kleid war in einem schlimmen Zustand, und das Haar fiel ihr zerzaust in die Augen. Diese ungewöhnlichen bernsteinfarbenen Augen. Er runzelte die Stirn, versuchte, sich etwas ins Gedächtnis zurückzurufen …

„Verdammt, her damit!“ Sie langte nach ihrer Handtasche.

Nic hielt sie außer Amandas Reichweite, holte die Kamera heraus und warf ihr die Tasche vor die Füße. „Sie gehört ganz Ihnen.“

„Ich will meine Kamera haben.“

„Ja, davon bin ich überzeugt.“ Den Apparat mit dem Absatz zu zermalmen wäre befriedigend gewesen, aber der Teppich war weich, und Nic wusste, dass er wie ein Idiot dastehen würde, wenn das Ding heil blieb. Er ging ins Badezimmer.

„Was machen Sie denn …?“ Amanda folgte ihm.

Er nahm die kleine Platte heraus, warf sie in die Toilette und spülte, dann ließ er die Digitalkamera auf den Marmorboden fallen. Jetzt müsste sie kaputtgehen, wenn ich drauftrete, dachte er. Sie tat es.

Amanda Benning war knallrot vor Wut. „Sie Bastard!“

„Das würden meine Eltern nicht gern hören, Miss Benning“, sagte Nic höflich. Er ging an ihr vorbei zurück ins Schlafzimmer, drehte sich zu ihr um und verschränkte die Arme. Noch ein bisschen mehr Dramatik, und dann würde er sie fortjagen. „Tatsächlich können Sie in meinem Heimatland dafür geköpft werden, mich so zu nennen.“

Sie stemmte die Hände in die Seiten. „In meinem können Sie dafür verklagt werden, was Sie hier mit mir machen.“

Er lachte. „Sie können mich nicht verklagen. Ich bin …“

„Glauben Sie mir, ich weiß, wer Sie sind, Mr Rashid.“

„Hoheit“, verbesserte er sie und verzog wütend das Gesicht. Was redete er denn da? Ihm lag nichts an seinem Titel. Alle benutzten ihn, weil es Brauch war, doch gelegentlich vergaßen es Leute, und er verbesserte sie niemals. Bis zu diesem Abend hatte er es nur ein Mal getan, vor vielen Jahren. Das Mädchen mit den bernsteinfarbenen Augen. Dawns Zimmergenossin. Seltsam, dass er sich nach so langer Zeit ausgerechnet jetzt an sie erinnerte.

„Und achtundneunzig Cents.“

Er blinzelte und konzentrierte sich auf Amanda Benning. Sie stand noch immer vor ihm und blickte ihn herausfordernd an. Flüchtig bedauerte er, dass sie war, was sie war. Eine so schöne, leidenschaftliche Frau wäre ein wahres Geschenk, besonders im Bett.

„Haben Sie verstanden, Hoheit? Sie schulden mir sechshundertzwanzig Dollar und achtundneunzig Cents.“ Er zog die Augenbrauen hoch, was ihn noch überheblicher aussehen ließ. Ich langweile ihn, dachte Amanda und bebte vor Wut.

„Verzeihung?“

„Die Kamera.“ Amanda hob ihre Abendtasche auf und holte einen zerknitterten Zettel heraus. „Die Quittung von ‚Picture Perfect‘ in der Madison Avenue.“ Sie hielt sie ihm vor die Nase.

Nic betrachtete das Stück Papier, rührte es jedoch nicht an. „Ein sehr guter Laden für elektronische Geräte, wie ich gehört habe.“

„Ich will mein Geld haben.“

„Für was?“

„Das habe ich Ihnen gerade gesagt. Für die Kamera, die Sie zerstört haben.“

„Ach, das.“

„Ja, genau. Sie schulden mir sechshundert …“

Nic nahm das Telefon. „Abdul? Kommen Sie nach oben. Ja, jetzt.“ Er legte das Telefon hin, lehnte sich an die Wand und schob die Hände in die Hosentaschen. „Ihre Eskorte ist bereits unterwegs, Miss Benning. Abdul begleitet Sie nach unten zum Rinnstein, wo normalerweise die Abfälle gelassen werden.“

Genug war genug. Amanda bekam einen Wutanfall. Sie stieß einen schrillen Schrei aus und stürzte sich auf ihn. Nic packte sie an den Schultern und hielt Amanda auf Armeslänge von sich weg.

„Sie gemeiner Mistkerl! Sie schrecklicher Barbar!“

Plötzlich erinnerte er sich. Er drehte sie herum und drückte sie an die Wand. „Sie sind Dawns Zimmergenossin.“

„Die unmoralische amerikanische Zimmergenossin“, sagte Amanda. „Wie brillant von Ihnen, dass Sie es endlich herausbekommen haben. Andererseits habe ich auch nicht erwartet, dass ein ‚Gorilla‘ viel Verstand hat.“

Die Tür flog auf. Dawn al Rashid kam herein. Sie bemerkte sofort, dass ihr Bruder kein Hemd trug und ihre beste Freundin knallrot im Gesicht war. „Das ist aber schön“, sagte sie nervös. „Ich sehe, ihr beide habt euch schon kennengelernt.“

4. KAPITEL

„Dawn, dem Himmel sei Dank, dass du hier bist!“, rief Amanda. „Dein Bruder …“

„Hast du diese Frau in meine Wohnung eingeladen?“, fragte Nic kalt. Er machte einen Schritt auf seine Schwester zu, und sie wich schnell einen Schritt zurück. „Ich will eine Antwort.“

„Du bekommst eine, wenn du mir eine Minute gibst, um …“

„Hast du sie eingeladen?“

„Schüchtern Sie Ihre Schwester nicht ein“, schimpfte Amanda. „Ich habe Ihnen bereits erklärt, dass sie mich eingeladen hat.“

Nic drehte sich blitzschnell zu Amanda um. Er war blass vor Zorn. „Ich mache mit meiner Schwester, was ich will. Sie halten mich auf eigene Gefahr für einen Dummkopf.“

„Nur ein Dummkopf würde glauben, dass ich mich mit Lügen in Ihre Wohnung einschleichen würde. Es mag ein Schock für Sie sein, Scheich Rashid, aber mich interessiert überhaupt nicht, wie ein Despot lebt.“

„Amanda, reg dich nicht auf“, bat Dawn leise.

„Wo bist du gewesen?“ Amanda blickte ihre Freundin wütend an. „Ich solle mich im Zimmer deines Bruders umsehen und du würdest nachkommen, hast du gesagt.“

„Ich weiß. Und es tut mir leid. Ich habe meine Strumpfhose zerrissen, deshalb …“

„Dann stimmt es also. Du hast diese Person nicht nur in meine Wohnung eingeladen, sondern ihr auch gesagt, sie dürfe in mein Schlafzimmer eindringen.“

„Nic, du verstehst das nicht.“

„Nein, tue ich nicht!“, brauste er auf. „Warum glaubst du, dass ich die Frau in meiner Nähe haben möchte, die dich verdorben hat?“

„Wie können Sie es wagen, so etwas zu behaupten?“ Amanda baute sich vor Nic auf. „Ich habe noch nie jemand verdorben. Ich habe Ihrer Schwester einen Gefallen getan und bin hierher gekommen, um einen Auftrag auszuführen, den ich eigentlich nicht haben wollte, weil ich schon wusste, dass Sie ein schrecklicher Mensch mit einem aufgeblasenen Ego sind.“ Sie ging zur Tür. „Ich verschwinde, Dawn. Wenn dir dein arroganter Bruder erlaubt, das Telefon zu benutzen, ruf mich morgen an. Sonst …“

Nic umfasste Amandas Arm. „Sie bleiben, bis ich Antworten auf meine Fragen habe.“

„Lassen Sie mich los!“

„Wenn ich dazu bereit bin.“

„Sie haben kein Recht …“

„Oh, um Himmels willen!“, rief Dawn. „Was, zum Teufel, geht hier vor?“

„Fluch nicht“, sagte Nic scharf.

„Dann behandle du mich nicht wie eine Schwachsinnige.“ Dawn stemmte die Hände in die Seiten. „Ja, ich habe Amanda eingeladen.“

„Als mein ‚Geschenk‘.“ Er verzog den Mund.

„Richtig. Ich wollte dir etwas Besonderes zum Geburtstag schenken.“

„Hast du im Ernst geglaubt, mir würde es gefallen, wenn du mir eine Frau zu meiner Unterhaltung besorgst?“

„Heiliger Strohsack“, stieß Amanda wütend hervor. „Ich wurde nicht zu Ihrer Unterhaltung besorgt. Und sparen Sie sich, mir zu befehlen, nicht zu fluchen, Euer Diktatur, weil ich von Ihnen keine Befehle annehmen muss.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, was sich meine Schwester dabei gedacht hat, so etwas zu arrangieren.“

„Ich verrate Ihnen, was sich Ihre Schwester dabei gedacht hat. Sie hat gedacht …“

Dawn schlug mit der Faust auf den Toilettentisch. „Warum lasst ihr mich nicht erzählen, was ich mir gedacht habe?“, schrie sie.

„Halt du dich da raus“, sagte Nic.

„Das ist einfach unglaublich. Diese ganze Aufregung, nur weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass die Firma ‚Geschmacklose Einrichtungen‘ mit deiner Wohnung werben könnte.“ Dawn presste die Lippen zusammen und blickte ihren Bruder wütend an. „Was für ein Fehler, dir eine Innenarchitektin zu besorgen.“

Nic sah Dawn verständnislos an. „Eine was?“

„Eine Innenarchitektin, die weiß, wie man dieses Lagerhaus für überteuerten, überkandidelten, überplüschigen Schund in eine Wohnung verwandelt.“

„Oh, weiter.“ Nic lächelte verkniffen. „Sag mir nur, was du wirklich meinst.“

„Es ist doch wahr.“ Dawn fuchtelte mit den Armen. „Die Wohnung sieht aus wie der Ausstellungsraum eines Leichenbestatters. Deshalb habe ich Amanda angerufen, die zufällig eine der bekanntesten Innenarchitektinnen der Stadt ist. Stimmt’s, Amanda?“

Amanda warf dem Scheich einen Blick zu. Sein Gesichtsausdruck war nicht ermutigend.

„Und eine der bescheidensten“, erklärte Dawn schnell. „Sie war ausgebucht. Die Villa des Bürgermeisters. Das Penthouse in dem neuen Gebäude am Fluss, über das vor zwei Wochen in ‚Citylights‘ lobend berichtet worden ist.“

Amanda räusperte sich. „Dawn, ich glaube nicht …“

„Nein, du glaubst es nicht. Ich kann es auch nicht glauben. Wer hätte gedacht, dass mein Bruder so ein Geschenk von seiner Lieblingsschwester ablehnen würde?“

„Meiner einzigen Schwester“, sagte Nic trocken.

„Ich schenke dir eine brillante Innenarchitektin, die dich in ihren vollen Terminkalender einbaut, nur um einer alten Freundin einen Gefallen zu tun …“ Dawn machte eine dramatische Pause. „Und was hast du ihr angetan, Nicmy?“

Er wurde rot. „Was ist das für eine Frage?“

„Eine logische. Sieh dir Amanda doch mal an. Ihr Kleid ist zerrissen. Ihr Haar ist völlig zerzaust. Ihr fehlt ein Schuh …“

„Entschuldige“, mischte sich Amanda ein. „Es ist nicht nötig, Inventur zu machen.“

„Und du, Nicmy.“ Dawn schnaufte verächtlich. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass mein Bruder die Angewohnheit hat, bei geschäftlichen Besprechungen sein Hemd auszuziehen.“

Seine Röte nahm noch zu. „Ich muss mich niemand gegenüber rechtfertigen“, sagte er kurz angebunden.

„Das ist auch gut so, denn wie könntest du erklären, was hier …?“

„Aber da du meine Schwester bist, werde ich deine Neugier befriedigen. Wir haben uns um Miss Bennings Spionagekamera gestritten.“

„Meine was?“ Amanda lachte. „Also wirklich, Dawn. Dein Bruder …“

Nic kniff die Augen zusammen. „Treiben Sie es nicht zu weit.“

„Du hast es schon zu weit getrieben.“ Dawn ging zu Amanda und nahm ihre Hand. „Du findest uns in meinem Zimmer, wenn du bereit bist, dich zu entschuldigen.“

Der Scheich erstarrte. Im Zimmer wurde es still. Amanda spürte, dass eine Grenze überschritten worden war. Sie sah ihre Freundin an. Dawn wirkte völlig gelassen, doch sie zerquetschte ihr fast die Hand. Nicht aufgeben, dann können wir damit durchkommen, schien ihr Dawn sagen zu wollen. Zusammen gingen sie zur Tür.

„Eine großartige Vorstellung, kleine Schwester.“

Dawn atmete hörbar aus. Amanda auch. Sie drehten sich um.

„Nicmy, beruhige dich doch“, bat Dawn leise.

„Tu, was du wolltest. Nimm Miss Benning mit in dein Zimmer. Gib ihr etwas anzuziehen. Lass sie sich gesellschaftsfähig machen, dann bring sie nach unten.“

„Ich bin keine Ware, die man irgendwohin bringt. Was bilden Sie sich eigentlich ein, Ihrer Schwester Befehle zu erteilen, die mich betreffen? Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, dann …“

„Die Angelegenheit ist für den Moment geregelt.“

„Die Angelegenheit ist dauerhaft geregelt.“ Amanda entzog Dawn die Hand. „Ich würde nicht einmal die Tapete für Ihre Küche aussuchen, geschweige denn …“

„Schaff sie hier raus, Dawn.“ Nic zeigte herrisch zur Tür. Er wusste, dass er sich wie ein Idiot anhörte, aber was sonst konnte er tun? Die Geschichte seiner Schwester hatte Löcher, von denen jedes so groß wie der Grand Canyon war. Er war ärgerlich auf sie und die Benning, doch er war unglaublich wütend auf sich selbst, weil er in dem Bett die Beherrschung verloren hatte, das ihm plötzlich gewaltig vorkam und das ganze Zimmer auszufüllen schien. Er hätte fast mit Amanda Benning geschlafen. Was, zum Teufel, hatte er sich nur dabei gedacht?

Er hatte nicht gedacht, das war das Problem. Dank ihrer raffinierten Machenschaften war sein Verstand in Urlaub gegangen. Jetzt konnte er wieder klar denken, und er würde nicht zulassen, dass sich die Situation noch weiter verschlimmerte. Außerdem würde er Amanda Benning nicht gestatten, zu gehen, bevor er sicher war, was sie im Schilde geführt hatte.

„Los“, sagte er zu Dawn, „schaff sie hier raus. Ich werde euch beide am Ende des Abends erledigen.“

„Uns erledigen?“ Amandas Stimme wurde lauter. „Sie werden uns erledigen?“

„Oh, er meint nicht wirklich …“

„Ruhe!“

Amanda hielt den Atem an. Noch nie hatte sie einen Mann so mit einer Frau sprechen hören. Ihr Vater war streng gewesen, ihr Stiefvater konnte grob sein, und ihr Exmann hatte sich auf Sarkasmus spezialisiert, aber das hier war anders. Auch wenn er ohne Hemd und mit zerzaustem Haar dastand, strahlte Nicholas al Rashid unumschränkte Autorität und rohe Gewalt aus. Amanda wartete darauf, dass Dawn ihrem Bruder sagte, sie müsse keine Befehle von ihm annehmen, doch zu ihrem Entsetzen neigte Dawn den Kopf.

„Ja, mein Gebieter“, flüsterte sie.

„Einen Moment mal“, sagte Amanda.

„Sie sprechen nur, wenn Sie angesprochen werden!“, fuhr Nic sie an.

„Hören Sie zu, Sie erbärmliches Double eines Menschen …“

Er packte sie an den Ellbogen und zog sie auf die Zehenspitzen. „Passen Sie auf, wie Sie mit mir reden.“

„Passen Sie auf, wie Sie mit mir reden. Ihre Schwester können Sie vielleicht dazu bringen, sich wie eine Sklavin zu unterwerfen, aber mich nicht!“

„Mandy, halt dich da heraus“, bat Dawn. „Lass mich alles erklären.“

„Ja“, sagte Nic. Er ließ Amanda los und verschränkte die Arme. „Tu das. Warum sollte ich eigentlich bis später auf eine Erklärung warten? Erklär mir, warum deine so genannte Freundin und Innenarchitektin mit einer Spionagekamera Fotos von meinen Sachen gemacht hat.“

„Es war keine Spionagekamera, und wenn Sie sie nicht kaputt getreten hätten, könnte ich es beweisen.“

„Lernen Sie endlich, nur zu sprechen, wenn Sie angesprochen werden“, stieß Nic wütend hervor. „Und wenn Sie das nicht schaffen, sperre ich Sie ein, bis ich mit meiner Schwester fertig bin. Verstanden?“

„Sie sind verabscheuungswürdig. Wie konnte ich nur zulassen, dass Sie …“ Amanda schrie auf, als er sie sich über die Schulter legte und zu einem großen begehbaren Schrank trug. Er riss die Tür auf, setzte Amanda unsanft ab und schlug die Tür zu. Amanda hörte ein kratzendes Geräusch. Sie rüttelte am Griff. Es war zwecklos. Der Scheich musste einen Stuhl darunter geklemmt haben. Sie horchte auf die gedämpften Stimmen. Nicholas al Rashid klang aufgebracht, Dawn kleinlaut. Nach einer Weile hörte Amanda überhaupt nichts mehr. Sie stellte sich vor, wie sich Dawn eingeschüchtert unterwarf, während ihr grässlicher Bruder finster blickend über ihr stand. Finster blicken war anscheinend das, was er am besten konnte.

„Mistkerl“, flüsterte Amanda. Tränen traten ihr in die Augen vor Wut darüber, wie er sie behandelt hatte. Verdammt. Wen wollte sie täuschen? Ihr kamen vor Scham die Tränen. Wie hatte sie den Mann nur küssen können? Sie hätte noch mehr getan, wenn sie nicht glücklicherweise zur Vernunft gekommen wäre. In Nicholas al Rashids Armen hatte sie die Beherrschung verloren.

„Lass los“, hatte ihr Ehemann immer gesagt. „Was ist mit dir? Warum bist du so prüde, wenn es zum Sex kommt?“

An diesem Abend war sie nicht prüde gewesen. Sie hatte sich benommen, als wäre sie genau das, was der Scheich sie beschuldigt hatte zu sein.

Amanda setzte sich auf den Boden, legte die Arme um die Knie und wartete darauf, dass Seine Hoheit, der Tyrann von Quidar, geruhte, sie freizulassen.

Lange musste sie nicht warten. Aber nicht der Despot, sondern Dawn öffnete die Schranktür. Amanda stand auf. „Was ist passiert?“

„Nic ist wütend.“

„Nicht halb so wütend wie ich.“ Sie spähte an Dawn vorbei. „Wo ist er? Ich bin noch nicht damit fertig, ihm zu sagen, was …“

„Er hat seine Sachen genommen und ist in eins der Gästezimmer gegangen, um sich umzuziehen.“ Dawn sah auf ihre mit Diamanten besetzte Armbanduhr. „Inzwischen ist er wahrscheinlich unten. Mandy, was ist vorgefallen, bevor ich gekommen bin?“

Amanda wurde rot. „Nichts.“ Sie strich das Kleid glatt, zerrte vergeblich an dem zerrissenen Träger und hätte gern gewusst, was aus dem anderen Schuh geworden war. „Dein Bruder hat mich hier drin überrascht und falsche Schlüsse gezogen.“

„Er dachte also, ich hätte ihm ein Geschenk, na ja, zu seinem Vergnügen besorgt?“

„Zweifellos. Als würde ich jemals …“

„Ich weiß. Manchmal ist es nicht einfach, mit Nicmy umzugehen.“

„Weil er dickköpfig ist.“

„Tu uns beiden einen Gefallen, okay? Sag so etwas nicht zu ihm. Du darfst ihn nicht beschimpfen. Das gehört sich nicht.“

„In deinem Land vielleicht nicht, aber wir sind hier in Amerika.“ Amanda hinkte an Dawn vorbei und suchte ihren Schuh. „Redefreiheit, erinnerst du dich? Die ‚Bill of Rights‘? Die Verfassung? Ah, da ist er ja.“ Sie bückte sich, hob die Sandalette auf und verzog das Gesicht. „Der Absatz ist abgebrochen. Das war‘s. Sag deinem Bruder, er ist mir die Bezahlung für die Kamera und ein Paar Schuhe schuldig.“

„Für ein Kleid auch, so, wie das Ding aussieht.“ Dawn zögerte. „Ihr müsst ja wirklich um die Kamera gekämpft haben.“

Amanda war froh, dass sie Dawn den Rücken zuwandte. „Ja, haben wir.“

„Ich dachte wirklich, ich würde hier sein, bevor Nicmy nach Hause kommt.“

„Tja, warst du nicht“, erwiderte Amanda scharf. Sie atmete tief ein und drehte sich um. „Hör zu, du bist nicht schuld an dem, was passiert ist. Und jetzt, da dein Bruder die Wahrheit weiß …“

„Er ist sich nicht sicher, dass er sie kennt.“

„Glaubt er noch immer, du hättest dafür gesorgt, dass ich …?“

„Nein, nicht das.“ Dawn setzte sich auf die Bettkante und schlug seufzend die Beine übereinander. „Mandy, betrachte die Dinge doch mal aus seiner Perspektive. Du hast das grässliche Foto auf der Titelseite von Gossip gesehen. Ständig versuchen Leute, ihm nahezukommen, damit sie etwas über sein Privatleben in Erfahrung bringen können. Nic ist empfindlich, was die Verletzung seiner Privatsphäre betrifft.“

„Dein Bruder ist ungefähr so empfindlich wie ein Maulesel, und du weißt, dass ich nicht hergekommen bin, um seine Privatsphäre zu verletzen.“

„Natürlich. Und er wird es auch wissen.“ Dawn atmete hörbar aus. „Sobald die Party vorbei ist.“

„Du musst es ihm allein erklären.“ Amanda hängte sich die Abendtasche über die Schulter und hinkte zur Tür. „Weil ich jetzt gehe.“

„Du kannst nicht gehen.“

„Ich kann. Du tust mir leid, Dawn. Du bist hier mit Seiner Arroganz gefangen, aber ich … Verdammt, die Tür klemmt.“

„Sie ist abgeschlossen“, sagte Dawn.

Amanda ließ den Griff los und drehte sich um. „Von außen?“, fragte sie ungläubig.

„Ja. Nicmy hat abgeschlossen.“

Bleib ruhig, befahl sich Amanda. „Nur damit ich das richtig verstehe: Dein Bruder hat uns eingesperrt?“

„Ja.“

„Und du hast es zugelassen?“

„Er hat es einfach getan. Er hat das Recht dazu.“ Dawn wurde rot, als Amanda lachte. „Ich weiß, du findest das seltsam …“

„Seltsam? Dass mich ein Mann einsperrt, den ich kaum kenne? Dass er versucht, mir die Kleidung vom Leib zu reißen? Mich aufs Bett wirft?“

Dawn lächelte. „Oh Mann! Nicmys kleine Geschichte ist also nicht wahr. Er hat sein Hemd nicht verloren, als ihr um die Kamera gekämpft habt.“

„Dein lieber Bruder ist verrückt. Und du bist es auch, weil du dich von ihm einschließen lässt.“

Dawn sprang auf. „Ich habe es dir doch gesagt. Niemand lässt ihn irgendetwas tun oder nicht tun. Mein Bruder ist der zukünftige Herrscher unseres Landes. Sein Wort ist Gesetz.“

„Für dich vielleicht. Und für jeden anderen, der bereit ist, im Mittelalter zu leben.“

„Jetzt warte mal einen Moment …“

Die Tür ging auf. Amanda drehte sich um und blickte wütend den Mann an, den sie verabscheute. Er hatte sich für die Party fertig gemacht, während sie sich eingesperrt die Beine in den Bauch gestanden hatte. Sein schwarzes Haar war noch feucht vom Duschen. Er hatte sich rasiert. Sie konnte eine kleine Schnittwunde an seinem Kinn erkennen. Gut, dachte sie grimmig. Vielleicht war er nicht so gelassen, wie er wirkte. Sie hoffte nur, dass er ihretwegen beim Rasieren eine unsichere Hand gehabt hatte. Es war ja offensichtlich, dass Nicholas al Rashid freche Antworten nicht gewohnt war, besonders nicht von Frauen.

Von denen bekam er wahrscheinlich andere Dinge zu hören. Dass er aufregend sei. Fantastisch aussehe. Eine Frau mit einem einzigen Kuss dazu bringen könne, alles zu vergessen, sogar die Regeln, nach denen sie lebe … Amanda richtete sich stolz auf. „Sie haben vielleicht Nerven, uns in diesem Zimmer einzuschließen.“

Nic blickte seine Schwester an. „Dawn?“

„Wir sind hier in den Vereinigten Staaten von Amerika, falls Sie das noch nicht …“

„Dawn, unsere Gäste sind da.“

„Sind Sie taub?“, fragte Amanda eisig. „Ich rede mit Ihnen.“

Nic ignorierte sie. „Dank dieses unerfreulichen Vorfalls bin ich nicht unten, um sie zu empfangen.“

„Es ist meine Schuld.“ Dawn senkte den Blick. „Es tut mir wirklich leid.“

„Ich verzeihe dir.“

Amanda schnaufte empört.

Nic beschloss, weiter so zu tun, als wäre sie unsichtbar. „Aber es ist das letzte Mal. Noch ein einziges Vergehen, und du kehrst nach Hause zurück.“

„Oh, geben Sie mir eine Chance.“

Dawn warf Amanda einen entsetzten Blick zu.

„Möchten Sie etwas sagen, Miss Benning?“, fragte Nic, ohne sie anzusehen.

„Wie großzügig von Ihnen, es zu bemerken!“

„Ist das ein Ja?“

„Richtig.“

„Dann sagen Sie es. Dank Ihnen bin ich in Eile.“

„Und ich bin dank Ihnen um eine Kamera, ein Kleid und ein Paar Schuhe ärmer.“ Amanda hinkte auf ihn zu. Es war nicht einfach, die Würde zu wahren, wenn eine Sandalette sieben Zentimeter höher war als die andere. „Ich werde Ihnen eine Rechnung über …“ Sie addierte die Zahlen im Kopf. „Neunhundertachtzig Dollar schicken.“

„Im Ernst?“

„Die Kamera war teuer.“

„Oh, davon bin ich überzeugt.“ Er verschränkte die Arme und ließ den Blick über Amanda gleiten. „Ich bin nur überrascht, dass Ihr Kleid und die Schuhe so teuer waren, wenn man bedenkt, wie wenig davon zu sehen ist.“ Das ist noch übertrieben, dachte Nic. Ein Streifen rote Seide mit zwei schmalen Trägern. Die Sandaletten bestanden aus Riemen und hohen Absätzen, die ihre Beine endlos lang machten … Einem hohen Absatz, wie er jetzt sah. Der andere war abgebrochen. Deshalb war sie auf ihn zugeschlingert. Trotzdem, die Beine waren so herrlich, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte. So herrlich, wie sie sich angefühlt hatten, als er Amanda Benning aufs Bett geworfen und sie unter ihm gelegen hatte. Als er ihre weichen Brüste gespürt, den Duft ihres Haars eingeatmet und sie geküsst hatte.

Nic runzelte die Stirn. Großartig. Er hatte eine kleine Intrigantin in seinem Schlafzimmer vorgefunden, und ihn erregte allein der Gedanke daran, wie sie sich in seinen Armen angefühlt hatte. Wütend auf sich, ging er an ihr vorbei und stellte sich vor die Spiegelwand gegenüber dem Bett. Angeblich, um seine Smokingschleife zurechtzurücken, in Wirklichkeit, um seine Libido in den Griff zu bekommen.

Was war mit ihm los? In Ordnung. Amanda Benning war schön und sündhaft sexy. Na und? Alle seine Geliebten waren schön und sexy. Aber auf keine war er zufällig in seinem Schlafzimmer gestoßen, während sie mit einer Kamera fotografierte, auf die James Bond neidisch gewesen wäre. Das war eine abgekartete Sache, dessen war Nic sicher. Was sonst konnte es sein? Seiner kleinen Schwester gefiel die Einrichtung seiner Wohnung nicht? Das klang unwahrscheinlich.

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