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JULIA EXTRA BAND 468

MELANIE MILBURNE

Heirat ausgeschlossen – Liebe möglich?

Ausgerechnet mit dem attraktiven Lucien Fox muss Audrey sich verbünden, um ihre Ziele zu erreichen. Dabei darf sie auf keinen Fall ihr Herz verlieren – denn Lucien hat geschworen, sich nie zu binden …

SHARON KENDRICK

Die Braut des Wüstenherrschers

Warum nur kann Scheich Kulal seinen Blick nicht von diesem Zimmermädchen abwenden? Schließlich liegen ihm die schönsten Frauen der Welt zu Füßen. Doch die unschuldige Hannah übt einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus!

MIRANDA LEE

Liebestraum auf Capri

Einmal Frauenheld – immer Frauenheld! Davon ist Veronica überzeugt, als sie den charmanten Leonardo Fabrizzi wiedertrifft. Vor Jahren hatte er vergeblich versucht, sie zu verführen. Kann sie auch diesmal standhaft bleiben?

BELLA BUCANNON

Ich will dich – Tag und Nacht!

Nate Thornton ist Single aus Überzeugung. Niemals will der sexy Bestsellerautor eine dauerhafte Beziehung eingehen! Doch seine bezaubernde Autorenkollegin Jemma bringt diesen Vorsatz ins Wanken …

Heirat ausgeschlossen – Liebe möglich?

1. KAPITEL

Audrey starrte auf die Hochzeitseinladung ihrer Mutter, als hätte sich neben ihrem Tee und dem Teller mit Toast eine Kakerlake niedergelassen. „Ich würde alles geben, um nicht zu dieser Feier zu müssen. Buchstäblich alles!“

Ihre Mitbewohnerin Rosie glitt auf den Stuhl ihr gegenüber und nahm sich eine Scheibe Toast. „Drei Mal Brautjungfer? Nicht schlecht.“

Audrey seufzte. „Das wäre schon schlimm genug, aber es handelt sich immer um die Hochzeiten meiner Mutter – und alle mit Harlan Fox. Ich dachte, sie wäre inzwischen aus Erfahrung klug geworden.“

„Kompliziert, hm?“ Rosie warf ihr einen Ich-möchte-nicht-in-deiner-Haut-stecken-Blick zu.

„Keine Ahnung, warum sie aus ihren letzten beiden Fehlern nicht gelernt hat.“ Heftig rührte Audrey in ihrem Tee. „Wer heiratet schon drei Mal denselben Mann? Ich ertrage weder die nächste Ehe noch die nächste Scheidung meiner Mutter. Keine war zivilisiert und privat, sondern ein wahrer Rosenkrieg unter den Augen der Öffentlichkeit, die alles genüsslich verfolgt hat.“ Klirrend ließ sie den Löffel auf die Untertasse fallen. „Das hast du nun davon, wenn einer deiner Eltern ein Seifenopernstar ist! Was sie auch machen, ob Gutes oder Schlechtes oder einfach nur Peinliches, es wird alles in der Presse breitgetreten und im Internet von Millionen gelesen!“

„Ja, ich weiß. So wie ihre Affäre mit dem jungen Kameramann. Irre, sie hat eine fünfundzwanzigjährige Tochter und zieht Männer an, die kaum älter sind.“

„Und als wäre das nicht schon schlimm genug, ist Harlan Fox noch berühmter als meine Mutter.“ Sie schob die Tasse von sich, als hätte sie für alle Zeiten genug von Tee. „Was sieht sie nur in dem alternden Rockstar einer Heavy-Metal-Band?“

„Vielleicht liegt es daran, dass Harlan und seine Band wieder auf Tournee gehen wollen?“ Rosie hatte anscheinend die Sp ekulationen in der Regenbogenpresse gelesen.

„Was nicht einfach werden dürfte.“ Audrey verdrehte die Augen. „Zwei Bandmitglieder sind nämlich noch auf Entziehungskur wegen ihres übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsums!“

Rosie leckte sich einen Klecks Himbeermarmelade vom Finger. „Wird Harlans heißer Sohn Lucien wieder Trauzeuge sein?“

Wie von der Tarantel gestochen sprang Audrey auf. Lucien Fox! Allein der Name genügte, um sie wütend zu machen. Sie trug ihre Tasse zur Spüle und kippte den restlichen Tee in den Ausguss. Lieber hätte sie ihn Lucien allerdings in sein verboten gut aussehendes Gesicht geschüttet!

„Ja!“, spie sie das Wort förmlich aus.

„Komisch, dass ihr beide euch nie nähergekommen seid“, sinnierte Rosie. „Ihr habt so viel gemeinsam … seid im Schatten eines berühmten Elternteils aufgewachsen und quasi Geschwister seit … wie vielen Jahren?“

„Sechs!“ Audrey drehte sich um und umklammerte die Stuhllehne. „Aber jetzt ist Schluss. Diese Hochzeit wird nicht stattfinden, das sage ich dir!“

Erstaunt zog Rosie die Augenbrauen hoch. „Was? Glaubst du wirklich, dass du es ihnen ausreden kannst?“

Audrey erlöste den Stuhl von ihrem Griff und checkte ihr Handy. Immer noch keine Nachricht von ihrer Mutter. „Ich werde sie aufspüren und ein ernstes Wort mit ihnen reden. Es kann nicht sein, dass sie zum dritten Mal heiraten – und sich womöglich demnächst wieder scheiden lassen!“

„Sie aufspüren? Wieso, haben sie sich versteckt?“

„Beide haben ihre Handys ausgeschaltet, und ihre Agenten haben anscheinend keinen blassen Schimmer, wo sie sich aufhalten.“

„Aber du?“

Ungeduldig trommelte Audrey mit den Fingern auf die Rückseite ihres Smartphones. „Nein, nur eine vage Idee, und genau dort will ich anfangen.“

„Hast du Lucien gefragt, wo sie sein könnten, oder hast du seit der letzten Scheidung immer noch nicht wieder mit ihm gesprochen? Wie lange ist das her?“

„Drei Jahre. In den letzten sechs Jahren haben meine Mutter und Harlan sich verliebt, verlobt, verheiratet und hasserfüllt geschieden, dass die Schlagzeilen nur so glühten. Ich habe die Nase voll und will das nie wieder erleben. Meinetwegen können sie zusammen sein, wo und wie sie wollen, aber ohne das übliche Theater!“

„Wow, für dich sind Hochzeiten ein rotes Tuch, was? Willst du nicht eines Tages selbst heiraten?“

„Auf keinen Fall!“ Audrey wusste, dass sie sich wie eine störrische alte Jungfer aus einem Biedermeier-Roman anhörte, doch das war ihr egal. Sie hasste Hochzeiten. Und wie! Ihr wurde schlecht, wenn sie ein Brautkleid sah. Sicher wäre es nicht so schlimm, wenn ihre Mutter sie nicht zu so vielen Hochzeiten gezerrt hätte. Vor Harlan Fox hatte Sibella Merrington drei Ehemänner gehabt, von denen keiner Audreys Vater war. Audrey hatte keine Ahnung, wer ihr Vater war, und ihre Mutter anscheinend auch nicht. Jedenfalls nicht genau. Es könnten drei Männer infrage kommen, hatte sie Audrey erzählt.

Was hatte ihre Mutter nur mit der Zahl drei?

„Du hast meine Frage nicht beantwortet“, sagte Rosie. „Redest du nun mit Lucien oder nicht?“

„Nein.“

„Vielleicht überlegst du es dir noch mal. Wer weiß, er könnte bei deiner Mission zu einem Verbündeten werden.“

Audrey stieß einen verächtlichen Laut aus. „Eher wird die Hölle eine Eisfabrik, als dass ich mit diesem arroganten Kerl jemals wieder ein Wort wechsle!“

„Warum verabscheust du ihn so? Was hat er dir getan?“

Aufgebracht schnappte Audrey sich ihren Mantel, schlüpfte hinein und befreite ihr langes Haar aus dem Kragen. „Ich will nicht darüber sprechen. Ich kann ihn eben nicht ausstehen.“

Doch Rosie ließ nicht locker. In ihren Augen blitzte unverhohlene Neugier auf. „Hat er’s bei dir versucht?“

Audreys Wangen fühlten sich auf einmal so heiß an, dass sie locker zwei Scheiben Toast darauf hätte rösten können. Niemals könnte sie laut aussprechen, dass sie es bei ihm versucht hatte und abgewiesen worden war.

In ihrem ganzen Leben war ihr nichts so Demütigendes, Peinliches und Niederschmetterndes passiert!

Und zwar nicht nur ein, sondern zwei Mal. Zuerst mit achtzehn und dann mit einundzwanzig – beide Male auf dem Hochzeitsempfang ihrer Mutter mit seinem Vater. Noch ein guter Grund, diese Hochzeit zu verhindern!

Nie wieder Hochzeitsempfänge.

Nie wieder Champagner.

Nie wieder mit Lucien Fox flirten.

Oh, Hilfe, warum, warum, warum hatte sie versucht, ihn zu küssen? Nur ein flüchtiger Kuss auf die Wange, um zu zeigen, wie lässig sie war. Aber irgendwie hatten sich ihre Lippen in die falsche Richtung bewegt. Oder seine? Jedenfalls hatte ihr Mund seinen fast berührt. Es war das erste Mal, dass ihre Lippen denen eines Mannes so nahe gekommen waren.

Bis Lucien den Kopf weggerissen hatte, als wären ihre Lippen vergiftet.

Auf der nächsten Hochzeit ihrer Eltern passierte etwas Ähnliches. Audrey war fest entschlossen, so zu tun, als wäre die peinliche Kuss-Panne nie passiert. Damit er verstand, dass sie sich überhaupt nichts daraus machte. Nach ein paar Gläsern Champagner war sie mutig genug, sich auf die Tanzfläche zu wagen. Als sie an ihm vorbeikam, konnte sie nicht widerstehen, ihm spontan einen angedeuteten Wangenkuss zu geben. Doch im Gedränge rempelte sie jemand an, und sie stieß gegen seine Brust. Um nicht zu fallen, packte sie unwillkürlich sein Hemd, und er legte die Hände auf ihre Hüften, um ihr Halt zu geben.

Einen kurzen Moment lang, der sich allerdings wie eine kleine Ewigkeit anfühlte, wich alles in den Hintergrund – das Gelächter, der Lärm, die Musik –, und es fühlte sich an, als wäre sie mit ihm allein. Audrey dachte, er würde sie küssen, und deshalb hatte sie …

Oh, sie verging immer noch vor Scham, wenn sie daran dachte!

Sie hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt, die Augen geschlossen und gewartet. Und gewartet.

Natürlich hatte er sie nicht geküsst.

Obwohl Audrey beide Male beschwipst gewesen war und wusste, dass Lucien diesen Umstand ehrenhafterweise nicht ausgenutzt hatte, blieb sie verunsichert. Ob überhaupt jemals ein Mann sie küssen würde, ja, mit ihr schlafen wollte? Sie war fünfundzwanzig und immer noch Jungfrau. Ihr erstes Date mit sechzehn hatte ihrem noch fragilen weiblichen Selbstbewusstsein einen empfindlichen Schlag versetzt. Danach war sie jedem Jungen, jedem Mann mit Misstrauen begegnet. Sie konnte ja nicht wissen, ob er wirklich mit ihr ausgehen wollte oder nur daran interessiert war, ihre berühmte Mutter kennenzulernen. Wie der erste scheinheilige Typ!

Audrey griff nach ihren Schlüsseln und der Reisetasche, die sie vorhin gepackt hatte. „Ich bin am Wochenende nicht in der Stadt.“

Rosies Augen funkelten wie ein Weihnachtsbaum. „Darf ich fragen, wohin du fährst, oder ist das ein Staatsgeheimnis?“

Nicht, dass sie ihrer Mitbewohnerin nicht traute, aber selbst die bodenständige Rosie ließ sich manchmal von Sibellas Glitzerglamour beeindrucken. „Tut mir leid, Rosie. Ich muss die Presse auf jeden Fall raushalten. Da Mum und Harlan sich verstecken, kommen die Paparazzi zuerst zu mir.“

Als ihre Mutter sich in ihrer Wohnung einquartiert hatte, waren sie Audrey auf Schritt und Tritt gefolgt. Sibella war drei Wochen geblieben und hatte drei Überdosen genommen. Zwar nicht ernst genug, um ins Krankenhaus zu müssen, aber doch ernst genug, um Audrey in ihrem Entschluss zu bestärken, eine weitere Ehe zwischen ihrer Mutter und Harlan Fox, der keine Party ausließ, unter allen Umständen zu verhindern.

„Und Lucien?“

„Was ist mit ihm?“

„Wenn er wissen will, wo du bist?“

„Will er nicht. Außerdem hat er meine Nummer.“

Nicht, dass er sie in den letzten drei Jahren auch nur einmal angerufen hätte. Oder den letzten sechs. Warum sollte er auch? Sie war nicht sein Typ. Lucien stand auf hochgewachsene, langbeinige Blondinen, die nicht zu viel Champagner tranken, wenn sie unsicher waren. Falls sie überhaupt jemals unsicher waren …

„Du Glückliche, du stehst in Lucien Fox’ Kontakten“, schwärm­­te Rosie mit träumerischer Miene. „Ich wünschte, ich hätte seine Nummer. Du könntest sie mir nicht zufällig geben?“

„Reine Zeitverschwendung, mein Schatz. Mit schlichten Mädchen wie uns geht er nicht aus. Er bevorzugt spindeldürre Supermodels.“

Rosie seufzte. „Wie Viviana Prestonward, mit der er seit Wochen zusammen ist …“

Audrey zog sich der Magen zusammen. „T…tatsächlich?“ Sie räusperte sich und fügte schnell hinzu: „Ich meine, ja, klar, weiß ich.“

„Ach, Viviana ist hinreißend schön. Ich habe ein Foto von den beiden gesehen, sie waren im letzten Monat auf einem Spendenball. Alle reden davon, dass sie sich bald verloben. Manche Mädchen haben eben Glück. Sie sehen toll aus und bekommen die besten Männer.“

„Für mich wäre Lucien Fox kein Hauptgewinn“, antwortete Audrey verbittert. „Er mag blendend aussehen und steinreich sein, aber sein Charakter bräuchte dringend eine Generalüberholung, wenn du mich fragst.“

„Vielleicht fragt er dich, ob du seine Trauzeugin sein willst, da ihr ja bald wieder Stiefgeschwister werdet.“

„Nur über meine Leiche!“

Audrey verließ London und erreichte nach gut zwei Stunden das abgelegene Cottage in den Cotswolds. Ihre Mutter hatte es von ihrer ersten Filmgage gekauft und bis heute behalten – im Gegensatz zu diversen Ehemännern und deren Häusern.

Nicht zuletzt wegen der kurzen Nachricht, die ihre Mutter zusammen mit der Einladung hinterlassen hatte, stand es ganz oben auf Audreys Liste.

Genieße Narzissenduft mit Harlan.

Damit konnte nur Bramble Cottage gemeint sein. Zu dieser Jahreszeit war der Garten voller goldgelber Narzissen an den Wegen, unter den Bäumen und am Ufer des Flüsschens. Auch Audrey hatte den Anblick immer geliebt.

Bramble Cottage bot ein perfektes Versteck. Es lag an einem langen Feldweg mit Hecken und mächtigen Bäumen, die einen grünen Tunnel bildeten. Der Weg führte über eine klapprige Brücke. Darunter plätscherte ein Bach, der bei starken Regenfällen genug Wasser führte, um zu einem richtigen Fluss zu werden.

Als sie als Kind mit ihrer Mutter hierherkam, war Audrey von den tief herabhängenden Zweigen der alten Bäume fasziniert. Sie schienen sich herabzubeugen, um sie in die knorrigen Arme zu schließen. Und der Tunnel führte sie in eine andere Welt hinüber, zu einem magischen Ort, an dem es nur ihre Mutter und sie gab. Sie beide, ohne fremde Männer, die im Schlafzimmer ihrer Mutter ein und aus gingen.

Und ohne Paparazzi, die sich darum rissen, ein niedliches Bild von Sibellas schüchterner Tochter zu schießen.

Audrey konnte nicht erkennen, ob jemand im Cottage wohnte, aber ihre Mutter und Harlan waren geübt darin, Spuren zu verwischen. Bei näherem Hinsehen wirkte das Häuschen vernachlässigt. Sie hatte gedacht, dass ein Verwalter hier gelegentlich nach dem Rechten sah. Manchmal vergingen Monate oder sogar Jahre zwischen den Besuchen ihrer Mutter. Der Garten war verwildert, was ihm einen verwunschenen Charme verlieh. Audrey liebte es, wie die Pflanzen geradezu aus den Beeten quollen und ihre unzähligen Blüten die Luft mit ihrem Frühlingsduft erfüllten.

Sie stellte ihren Wagen im Schatten der größten Eiche in kurzer Entfernung zum Haus ab. Man konnte nie wissen, ob sich hier nicht doch Paparazzi herumtrieben. Als sie auf der kiesbestreuten Auffahrt Reifenspuren sah, klopfte sie sich mental auf die Schulter. Sie bückte sich, um die Abdrücke näher zu inspizieren. Ein Wagen war angekommen und wieder weggefahren, was hoffentlich bedeutete, dass ihre Mutter und Harlan nicht weit weg waren. Wahrscheinlich einkaufen. Wobei der Einkauf bestimmt nicht unerhebliche Mengen an Alkohol enthielt!

Audrey richtete sich auf und warf einen Blick zum dunkler werdenden Himmel. Auch das liebte sie an diesem Ort … geborgen in dem gemütlichen Häuschen ein Frühlingsgewitter zu beobachten.

Der Schlüssel lag wie immer unter der Topfpflanze links vom Eingang, aber Audrey klopfte erst, falls einer der beiden doch im Haus geblieben war. Nichts rührte sich, und sie schloss auf. Im nächsten Augenblick ging ein Regenschauer nieder, als hätte jemand die Dusche aufgedreht.

Rasch drückte sie die Tür hinter sich zu und sah sich um. Zu ihrer Enttäuschung schien seit Monaten niemand hier gewesen zu sein. Hatte sie die Notiz ihrer Mutter missverstanden?

Sie betrachtete die Spinnweben, die von einem Lampenschirm hingen, und unterdrückte ein Frösteln. Ein feiner Staubschleier lag auf den Möbeln, und die Luft roch abgestanden. Auch der Verwalter hatte sich anscheinend lange nicht blicken lassen. Immerhin hatte sie jetzt die Möglichkeit, zu testen, ob die unverschämt teure Therapie gegen ihre Spinnenphobie etwas gebracht hatte!

Entschlossen zog sie die Gardinen zurück, um Licht hereinzulassen. Aber die Sturmwolken verdunkelten den Himmel, und die Welt draußen war von einem matten gelbgrünen Schein überzogen, der mit jedem zuckenden Blitz intensiver wurde. Audrey knipste ein paar Lampen an, was den dick gepolsterten Sofas und dem Schaukelstuhl am Kamin die vertraute Gemütlichkeit verlieh.

Natürlich fand sie es ärgerlich, dass sie auf der Suche nach ihrer Mutter und Harlan in einer Sackgasse gelandet war. Andererseits war sie jedoch froh darüber, dass sie während des Sturms das Cottage für sich hatte. Warum nicht ein, zwei Stunden bleiben und hier ein bisschen Ordnung schaffen? Oder auch die Nacht hier verbringen und in Ruhe einen Plan B entwickeln?

Aber eigentlich müssten die beiden jede Minute zurückkommen. Die Reifenspuren hatte sie sich schließlich nicht eingebildet.

Audrey warf einen Blick auf den Kamin und überlegte nicht lange. Anmachholz und Scheite waren vorhanden, und vielleicht war ein Feuer ganz angenehm, wenn der Strom ausfiel – was bei solchen Stürmen eher die Regel als die Ausnahme war.

Wie aufs Stichwort flackerten die Lampen, als der Himmel draußen von einem Blitz taghell erleuchtet wurde. Ohrenbetäubender Donner folgte, der Audrey heftig zusammenzucken ließ. Das Licht erlosch, und im Zimmer blieb ein fahles gespenstisches Leuchten zurück, das sie an einen Gruselfilm erinnerte, den sie vor Kurzem gesehen hatte. Sie erschauderte.

Es ist nur ein Gewitter. Du liebst Gewitter!

Sich gut zuzureden half nicht. Etwas an diesem Sturm war anders, er kam ihr stärker, bedrohlicher vor.

Regen peitschte gegen die Scheiben, Donnerschläge grollten, und trotzdem hörte sie noch etwas anderes: Reifen knirschten auf dem Kiesweg.

Ja!

Das mussten ihre Mutter und Harlan sein. Audrey sprang auf, lugte aus dem Fenster – und bekam für einen Moment keine Luft mehr, so hart hämmerte ihr das Herz gegen die Rippen.

Nein, nein, nein!

Nicht Lucien Fox. Was wollte der denn hier?

Sie versteckte sich hinter dem Vorhang und beobachtete mit angehaltenem Atem, wie er zur Haustür ging. Der Regen strömte auf sein dunkles Haar, ohne dass es Lucien etwas auszumachen schien. Jetzt klopfte er. Dann öffnete sich die Tür und wurde wieder geschlossen.

Sollte sie herauskommen oder in ihrem Versteck bleiben? Vielleicht blieb er ja nicht lange genug, um sie zu entdecken …

Er betrat den Wohnraum, und ihr Herz schlug im Takt mit jedem seiner knarrenden Schritte auf dem alten Holzfußboden.

„Harlan?“ Wie immer jagte sein tiefer Bariton ihr ein Kribbeln über den Rücken. „Sibella?“

Wieder knarrte eine Diele, und Audrey hielt den Atem an. Jetzt fing auch noch ihre Nase von dem staubigen Vorhang an zu kitzeln. Wenn Audrey eins nicht eigen war, dann ein damenhaftes Niesen. Ihr Niesen gehörte eher auf die Richterskala! Es konnte ein Erdbeben in Ecuador auslösen! Sie hatte Wachhunde zum Winseln gebracht und Babys zum Schreien! Es stieg höher und höher … So fest sie konnte, drückte sie mit dem Zeigefinger gegen die Nasenlöcher, zitterte am ganzen Körper, während sie versuchte, die drohende Explosion zu unterdrücken.

Ein greller Blitz zeichnete blendende Zickzacklinien an den Himmel, und der krachende Donnerschlag danach ließ Audrey heftig zusammenfahren. Statt weiter die Nase zuzudrücken, packte sie vor Schreck die Gardine, mehr Staub löste sich aus den Stofffalten, und der Drang zu niesen war nicht mehr zu kontrollieren.

„Haa…tschiii!“

Als wäre eine Bombe detoniert, schoss Audrey vorwärts, noch halb in den Vorhang gewickelt, riss dabei die Gardinenstange mit Getöse von der Wand und fiel Lucien buchstäblich vor die Füße.

Durch ihre mumienhafte Verkleidung gedämpft, hörte sie Lucien scharf fluchen und spürte, wie er mit beiden Händen nach der Gardine griff. Gleich darauf war ihre Tarnung aufgeflogen.

„Was, zum Teufel …?“

„Hi …“ Sie richtete sich auf, winkte zaghaft.

„Du?“

„Ja, ich.“ Audrey rappelte sich hastig auf, wünschte, sie würde statt des Kleids Jeans tragen. Aber in Jeans hatte sie dicke Beine, also hatte es ein Kleid sein müssen. Sie zog den Baumwollstoff über ihre Schenkel und kämmte sich mit den Fingern ihr zerzaustes Haar. Ob er sie mit seiner glamourösen Freundin verglich? Kein Zweifel, Viviana würde auch aus einem staubigen alten Vorhang wie eine Göttin auftauchen. Wenn Viviana nieste, dann bestimmt ganz leise. Und hundertpro sah sie in Jeans perfekt aus.

„Was machst du hier?“ Seine Stimme hatte genau den missbilligenden Unterton, über den sie sich jedes Mal ärgerte.

„Nach meiner Mum und deinem Dad suchen.“

Spöttisch zog Lucien die schwarzen Brauen hoch. „Hinterm Vorhang?“

Audrey warf ihm einen Blick zu, der Unkraut zum Welken gebracht hätte. „Sehr witzig. Was führt dich hierher?“

Er packte die Gardine zusammen, als müsste er seine Hände beschäftigen. Seine Miene war düster wie der Sturmhimmel. „Genau wie du suche ich meinen Vater und deine Mutter.“

„Wie kommst du darauf, dass sie hier sein könnten?“

Lucien legte das Stoffpaket über die Lehne des Schaukelstuhls, hob die Gardinenstange auf und stellte sie beiseite. „Mein Vater hat mir eine SMS geschrieben, in der er ein ruhiges Wochenende auf dem Land erwähnte.“

„Zusammen mit einer Hochzeitseinladung, vermute ich.“

Sein Gesichtsausdruck war der eines Mannes mit einer Magenverstimmung. „Hast du etwa auch eine bekommen?“

„Ja.“ Sie seufzte. „Ich ertrage nicht einmal den Gedanken, wieder Brautjungfer meiner Mutter zu sein. Ihr Geschmack, was Brautjungfernkleider angeht, ist fast so schlimm wie ihr Geschmack bei Männern.“

Falls er sich über den Seitenhieb gegen seinen Vater ärgerte, zeigte er es nicht. „Wir müssen sie aufhalten, bevor sie wieder einen dummen Fehler begehen.“

„Wir?“

Ihre Blicke trafen sich. Augen wie dunkelblaue Saphire, faszinierend tiefgründig, mit dichten schwarzen Wimpern … Audrey musste sich zusammenreißen, ihn nicht wie ein schmachtendes Gänschen anzustarren.

„Wir sollten die Suche eingrenzen. Wohin geht deine Mutter, wenn sie das Rampenlicht meiden will?“

Audrey verdrehte die Augen. „Das will sie nicht. Nie. Früher kam sie dann hierher, aber du siehst ja, hier war schon lange niemand mehr.“

Lucien strich mit dem Finger über ein Bücherregal und inspizierte ihn wie ein Detektiv auf Spurensuche. „Hast du eine Idee, wo sie sonst sein könnten?“

„Las Vegas?“

„Glaube ich nicht. Nicht nach dem letzten Mal.“

Das sie am liebsten für alle Zeiten vergessen würde! Nach ihrem missglücktem Luftkuss bei Lucien – was allein schon schmachvoll genug war – hatten sich ihre Mutter und Harlan auf ihrer zweiten Hochzeit hemmungslos betrunken und Spaß daran gefunden, sich mit Essen zu bewerfen. Einige Gäste machten mit, bis der Raum halb demoliert war, drei Leute ins Krankenhaus gebracht werden mussten und vier von der Polizei mitgenommen wurden, weil bei der Rangelei ein Bowlegefäß mit Margaritapunsch und ein Eis­kübel durch die Gegend geflogen waren.

Die Klatschspalten waren tagelang voll davon gewesen, und das Hotel, in dem die Hochzeitsfeier stattgefunden hatte, erteilte Sibella und Harlan lebenslängliches Hausverbot. Lucien hatte stets Audreys Mutter die Schuld an allem gegeben, weil Sibella das erste Windbeutelchen geworfen hatte.

„Du hast recht. Vegas nicht. Außerdem wollen sie uns dabeihaben. Auch wenn auf der Einladung nicht steht, wo die Trauung stattfinden soll.“

Lucien marschierte auf und ab. „Denk nach, denk nach.“

Sie wusste nicht, ob er sie meinte oder mit sich selbst redete. Leider fand sie es schwierig, überhaupt zu denken, wenn er in der Nähe war. Er lenkte sie zu sehr ab. Audrey konnte nicht anders, sie musste ihn ansehen. Lucien war wirklich einer der attraktivsten Männer, denen sie je begegnet war. Wahrscheinlich sogar der attraktivste überhaupt.

Groß, breitschultrig, markantes Kinn. Ein Blick auf seinen Mund, und sie musste an lange, berauschende Küsse denken. Nicht, dass sie je so geküsst worden war und ganz sicher nicht von ihm, aber das hielt sie nicht ab, davon zu träumen. Lucien hatte dichtes schwarzes, leicht welliges Haar, dessen Spitzen lässig seinen Hemdkragen berührten. Sicher hatte er sich heute Morgen rasiert, aber der beginnende Bartschatten hatte etwas Erregendes, weil Audrey sich unwillkürlich fragte, wie sich die rauen Stoppeln auf ihrer weichen Haut anfühlen würden.

Plötzlich blieb Lucien stehen, fing ihren Blick auf und runzelte die Stirn. „Was ist?“

Audrey blinzelte. „Was?“

„Ich habe zuerst gefragt.“

Sie leckte sich über die trockenen Lippen. „Ich habe nur nachgedacht. Ich starre meistens, wenn ich überlege.“

„Und was denkst du?“

Wie scharf du in dieser engen Jeans und dem Kaschmirpulli aussiehst. Ihre Wangen fühlten sich heiß an, sehr heiß. Sie könnte ganz England beheizen mit der Hitze, die ihr Gesicht gerade abstrahlte. Vielleicht sogar halb Europa. „Dass der Sturm stärker wird.“

Es blitzte und donnerte immer noch, und der Regen hatte sich in Hagel verwandelt, der sich anhörte, als würden Steine auf das Schieferdach knallen.

Lucien blickte aus dem Fenster und fluchte. „Wir müssen noch warten, bevor wir aufbrechen. Bei dem Wetter ist es auf dem Feldweg zu gefährlich.“

Audrey straffte die Schultern. „Ich fahre nicht mit dir, das kannst du vergessen!“

Er sah sie an, als hätte er ein trotziges Kind vor sich. „Ich will dich dabeihaben, wenn wir sie finden. Nur so können wir ihnen in aller Deutlichkeit klarmachen, wie sehr wir gegen diese Hochzeit sind.“

„Hast du nicht zugehört? Ich bleibe heute Nacht hier und räume auf.“

„Ohne Strom?“

„Kein Problem, das Kaminfeuer genügt mir.“

Noch immer blickte er sie an, als wären weiß uniformierte Männer und eine Zwangsjacke jetzt ganz nützlich. „Und die Spinnen?“

Typisch für ihn, dass er sie an ihre Phobie aus der Kindheit erinnern musste! Doch die hatte sie unter Kontrolle. Zwar horrend teuer bezahlt, aber wirksam. Achtundzwanzig Therapiesitzungen im Wert eines Kleinwagens! Sie hätte dreißig absolviert, nur war ihr leider das Geld ausgegangen. Als Archivarin verdiente sie schließlich kein Vermögen. „Ich habe eine Therapie gemacht und grusele mich nicht mehr vor Spinnen … im Gegenteil, wir sind jetzt ganz dicke.“ Sie verschränkte ihre Zeigefinger.

„Wirklich?“

„Ja, wirklich. Hypnosetherapie war auch dabei, sodass ich keine Panikattacken mehr bekomme, sobald ich eine Spinne sehe. Ich kann sogar das Wort aussprechen, ohne in Schweiß auszubrechen. Mir Bilder ansehen. Sie zeichnen, malen.“

„Das heißt, wenn du dich jetzt umdrehst und die große Spinne siehst, die von der Decke hängt, wirst du nicht aufschreien und dich in meine Arme flüchten?“

Audrey unterdrückte den Drang, sich umzudrehen. Sie wandte jede Technik an, die man ihr beigebracht hatte. Mit Spinnweben kam sie klar. Sicher doch. Irgendwie waren sie sogar hübsch … wie Spitze … oder so.

Du wirst keine demütigende, erniedrigende Panikattacke kriegen!

Nicht nach all den Therapiestunden. Sie würde das Krabbeltier lächelnd betrachten wie alle vernünftigen Leute, die nicht schreiend davonliefen, wenn sie eins sahen.

Ihr Herzschlag jagte hoch wie eine Rakete. Atme. Atme. Atme. Schweißperlen bildeten sich zwischen ihren Schulterblättern, rannen ihr über den Rücken. Nicht durchdrehen. Nicht durchdrehen. Ihr war, als drücke ihr eine eiserne Hand die Kehle zu, ließe los, drücke wieder zu. Audrey schnappte nach Luft.

Wenn sich die Spinne nun bewegte? Sich abseilte und auf ihrem Kopf landete? Oder ihr hinten übers Kleid kroch? Audrey fröstelte und trat einen Schritt auf Lucien zu. Was sie immerhin von der Spinne entfernte, auch wenn sie ihrem Erzfeind damit näher kam. „D…du machst Spaß, oder?“

„Warum drehst du dich nicht um und siehst selbst?“

Audrey wollte sich nicht umdrehen. Wollte keine Spinne sehen. Sie war ganz zufrieden damit, stattdessen Lucien anzuschauen. Vielleicht sollte ihre Therapeutin Lucien ansehen in den Therapieplan mit aufnehmen. Heilung durch Ablenkung oder so ähnlich …

Der Duft seines Aftershaves stieg ihr in die Nase, eine Mischung aus Zitrone und Limone mit einer frischen holzigen Note. Er reizte ihre Sinne, zog sie magisch an wie exotische Blütenpollen eine ausgehungerte Biene. Überdeutlich nahm sie die feinen dunklen Bartstoppeln um seinen Mund wahr, und es juckte sie in den Fingern, über die sexy raue Männerhaut zu streichen. Um sich zu fangen, holte sie tief Luft.

Du schaffst das. Du hast ein Vermögen ausgegeben, um das in den Griff zu kriegen.

Langsam wandte sie sich um und entdeckte die Spinne, die nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt baumelte.

Eine riesige Spinne.

Gigantisch.

Ein Prachtexemplar ihrer Gattung.

Ein Relikt aus Dinosauriertagen.

Audrey stieß einen spitzen Schrei aus, warf sich an Luciens muskelharte Brust und schlang ihm die Arme um die Taille, während sie das Gesicht in seinen Kaschmirpullover drückte. Dabei wippte sie auf den Zehenspitzen auf und ab, um das Gefühl abzuschütteln, dass ihr klebrige Spinnenbeine die Unterschenkel hinaufkrochen. „Mach sie weg!!“

Lucien umfasste ihre Oberarme. „Sie tut dir nichts. Sicher hat sie mehr Angst vor dir als du vor ihr.“

Schaudernd schmiegte sie sich dichter an ihn und kniff die Augen fest zusammen. „Ist mir egal, ob sie Angst hat. Sag ihr, sie soll eine Therapie machen.“

An ihrer Wange spürte sie das Lachen, das aus seiner Brust aufstieg, und hob den Kopf. Er lächelte! „Oh!“, hauchte sie, als wäre sie Zeugin eines lebensverändernden Phänomens. „Du kannst tatsächlich lächeln.“

Sein Lächeln vertiefte sich, und in seine Augen trat ein Glanz, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Als könnte er nichts dagegen tun, glitt sein Blick zu ihrem Mund. Audrey spürte ihn wie eine Berührung. Sie war Lucien so nahe wie nie einem Mann zuvor. Näher noch als auf der letzten Hochzeitsfeier ihrer Mutter. Ein Prickeln erfasste ihren Körper, und sie fühlte Luciens Finger warm und sinnlich auf ihren Armen.

Kurz spannte er sie an, hob den Blick, ohne Audrey anzusehen, und griff nach ihren Armen, um sich von ihnen zu befreien. „Ich kümmere mich um die Spinne. Warte in der Küche.“

Audrey biss sich auf die Unterlippe. „Du … wirst sie doch nicht töten?“

„Das ist der Plan“, sagte er. „Oder was schlägst du vor? Dass ich sie zu mir nehme und mit handverlesenen Fliegen füttere?“

Sie lugte zur Spinne hinüber und unterdrückte ein Zittern. „Vielleicht hat sie Babys. Es wäre grausam, sie umzubringen.“

Lucien schüttelte den Kopf, als hätte er schlecht geträumt. „Okay, dann befördere ich sie nach draußen.“ Er nahm eine alte Postkarte vom Bücherregal und holte ein Whiskyglas aus dem Barschrank. „Bist du sicher, dass du zusehen willst?“, fragte er mit einem Seitenblick auf Audrey.

Fröstelnd rieb sie sich die Arme. „Ist bestimmt gut für mich. Konfrontationstherapie.“

„Aha.“ Achselzuckend wandte er sich ab und ging mit Glas und Karte auf die Spinne zu.

Audrey legte die Hände vors Gesicht und spähte durch einen Spalt zwischen zwei Fingern.

Lucien hielt das Glas unter die Spinne und verschloss es mit der Karte, sobald sie hineingefallen war. „Voilà. Eine gefangene Spinne. Am Leben.“ Er marschierte zur Haustür, öffnete sie, rannte durch den prasselnden Regen und setzte die Spinne in einiger Entfernung im Schutz einer Gartenhütte aus.

Mit gesenktem Kopf lief er zum Cottage zurück, wich dabei Pfützen und Schlammkuhlen aus. Audrey schnappte sich ein Handtuch aus dem Bad und reichte es ihm, sobald er zur Tür hereinkam. Dankbar rubbelte sich Lucien den Nacken und das nasse Haar trocken.

Eifersucht packte sie. Auf das Handtuch! Sie sehnte sich danach, die Finger in das dichte, feuchte dunkle Haar zu schieben, Luciens Kopf zu sich herunterziehen, bis sein Mund ihren berührte. Sie wollte wissen, ob seine Lippen sich weich, verführerisch forschend an ihren anfühlten oder leidenschaftlich fest und fordernd.

Sie wollte es. Wollte es so sehr. Wie unvernünftig von ihr!

Lucien knüllte das Tuch zusammen und fuhr sich mit der anderen Hand durchs Haar. „Es sieht nicht so aus, als würde dieser Sturm demnächst nachlassen.“

Genau wie der Sturm des Verlangens, der in ihrem Körper tobte …

Was war nur dran an Lucien, dass er all diese lustvollen Gefühle in ihr weckte? Auf keinen anderen hatte sie bisher derart heftig reagiert. Sie träumte nicht von anderen Männern, starrte sie nicht an und fragte sich, wie es wäre, sie zu küssen. Sie sehnte sich nicht danach, ihre Hände auf ihrem Körper zu spüren. All das passierte ihr nur bei Lucien Fox. Dass sie sich ausgerechnet von ihm magisch angezogen fühlte, war wie ein Fluch. Ja, sie konnte nicht einmal an ihm vorbeigehen, ohne ihn berühren zu wollen. Sie konnte nicht im selben Zimmer sein, ohne ihn zu begehren.

Was stimmte nicht mit ihr?

Sie mochte ihn nicht einmal. Er war zu formal und steif, lächelte so gut wie nie. Für ihn war sie genauso albern und verantwortungslos wie ihre Mutter … was sie ihm leider bei jedem Zusammentreffen auf peinliche Weise bestätigt hatte.

Ein ohrenbetäubender Donnerschlag ließ das Cottage erzittern. Audrey zuckte zusammen. „Uh, das war dicht dran.“

Lucien blickte auf sie hinunter. „Du hast doch keine Angst vor Gewittern?“

„Nein, ich liebe sie. Vor allem hier, wenn man sie über den Feldern gut beobachten kann.“

Er zog eine Gardine beiseite, um hinauszusehen. „Wo hast du deinen Wagen abgestellt? Ich habe ihn nicht gesehen, als ich ankam.“

„Unter der größten Eiche. Damit man ihn nicht gleich entdeckt, falls mir jemand von der Presse gefolgt wäre.“

„Ist dir jemand gefolgt?“

„Nein, aber auf der Auffahrt waren frische Reifenspuren. Von Mum und Harlan waren sie nicht, wie ich inzwischen weiß.“

„Vom Verwalter vielleicht?“

Audrey zog die Brauen hoch. „Sieht es hier aus, als hätte sich kürzlich ein Verwalter um das Haus gekümmert?“

„Guter Einwand.“

Wieder zerteilte ein Blitz den Himmel, gefolgt von krachendem Donnern und dem unmissverständlichen Geräusch, wenn ein Baum umstürzt und seine Äste und Zweige auf Metall treffen.

„Was sagtest du, unter welchem Baum steht dein Auto?“, fragte Lucien.

Ihr Magen geriet ins Schleudern wie eine Limousine auf losem Kies. „Neiiiiin!“

2. KAPITEL

„Bleib hier!“ Lucien musste Audrey fest am Arm packen, um sie daran zu hindern, aus dem Haus zu stürmen. „Es ist zu gefährlich da draußen.“

„Aber ich muss nach meinem Wagen sehen!“ Mit großen Augen sah sie ihn an.

„Warte, bis das Gewitter vorbei ist. Es könnten noch mehr Bäume entwurzelt werden oder gekappte Stromleitungen herumliegen.“

Sie biss sich auf die Unterlippe, wirkte dabei so verloren, dass sich in seiner Brust etwas regte. Erst jetzt bemerkte er, dass er noch immer ihren Arm umfasst hielt, und ließ los. Seine Finger prickelten.

Normalerweise vermied er es, Audrey anzufassen.

Ging ihr möglichst aus dem Weg. Schon seit der ersten Hochzeit seines Vaters mit ihrer Mutter.

Audrey war damals achtzehn gewesen. Dass sie ihn anhimmelte, schmeichelte ihm, aber er wollte sie auf keinen Fall ermutigen. Also erteilte er ihr eine Lektion und hoffte, dass sie ihn bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sich ihre Wege kreuzten, nicht mehr beachten würde.

Als sein Vater sich scheiden ließ, reagierte Lucien äußerst erleichtert, weil Sibellas Einfluss auf Harlan ihm immer suspekt erschienen war. Doch dann fanden die beiden wieder zueinander, und er begegnete Audrey auch auf der zweiten Hochzeit. Mit einundzwanzig wirkte sie noch genauso unschuldig wie als Schulmädchen drei Jahre zuvor. Aber sie hatte die Lektion nicht gelernt und ihm wieder Avancen gemacht. Lucien war stark versucht gewesen, mit ihr zu flirten. Er wollte sie küssen, ihren üppigen Körper an sich drücken und der Natur ihren Lauf lassen. Ja, er war nahe dran gewesen, bedrohlich nahe dran.

Dennoch hatte er sich zusammengerissen, weil er sich auf keinen Fall mit Audrey Merrington einlassen durfte. Nicht wegen ihrer verrückten Mutter, sondern weil Audrey süß und vertrauensvoll war und er sich vorstellen konnte, dass sie von einer Familienidylle träumte, in der Mann und Kinder, ein Haus mit weißem Gartenzaun und ewige Liebe eine wesentliche Rolle spielten. Ein Happy End in Großbuchstaben sozusagen.

Lucien hatte nichts dagegen, zu heiraten, doch ihm schwebte eine andere Ehe vor. Irgendwann, in ferner Zukunft, würde er sich eine Frau suchen, die wie er aus rein praktischen Gründen mit ihm zusammenleben wollte. Wie in einer guten Partnerschaft, in der er seine Gefühle mühelos unter Kontrolle hatte. Niemals wollte er den Fehler seines Vaters begehen und aus Leidenschaft heiraten!

Aus dem Augenwinkel sah er, dass Audrey sich gedankenverloren den Arm rieb. So als ob sie das Gefühl, das seine Berührung hinterlassen hatte, loswerden wollte. „Wahrscheinlich hältst du mir gleich einen Vortrag darüber, wie ich nur so dumm sein konnte, meinen Wagen unter einem alten Baum zu parken. Aber das Gewitter war schon im Anzug, als ich hier ankam.“

„Ein Fehler, der leicht gemacht wird.“

„Aber nicht von jemandem, der so perfekt ist wie du“, murrte sie.

Er und perfekt? Ganz bestimmt nicht! Sonst würde er wohl kaum ständig auf ihren Mund starren. Aber die fein geschwungenen vollen Lippen zogen ihn geradezu magisch an.

Unwillkürlich fragte er sich, wie viele Männer schon diesen Rosenknospenmund geküsst, wie viele Liebhaber ihren herrlichen Körper genossen hatten. Und ob die Unschuld, die aus ihren sanften Rehaugen sprach, überhaupt echt war. Zwar war Audrey nicht so aufsehenerregend schön wie ihre Mutter, wirkte jedoch durch ihre Natürlichkeit besonders anziehend.

„Sobald der Sturm nachlässt, sehe ich mir dein Auto an. Bis dahin sollten wir uns einen Plan überlegen. Wann hast du das letzte Mal mit deiner Mutter gesprochen?“

„Vor mehr als einer Woche. Ich habe ihr mehrere SMS geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Und du mit deinem Vater?“

„Vor zwei Monaten.“

„Habt ihr keinen regelmäßigen Kontakt?“

„Er hat sich nie an den Gedanken gewöhnen können, dass er einen Sohn hat.“

Mitfühlend sah sie ihn an. „War er nicht sehr jung, als du geboren wurdest?“

„Achtzehn. Ich habe ihn erst mit zehn kennengelernt. Angesichts seines ausschweifenden Lebenswandels hat meine Mutter mich bewusst von ihm ferngehalten.“

Nicht, dass sich an diesem Lebenswandel im Laufe der Jahre etwas geändert hätte. Ein guter Grund mehr, seinem Vater auszureden, Audreys Mutter ein drittes Mal zu heiraten. Beide schienen die schlechten Gewohnheiten des anderen geradezu zu fördern! Mit Sibella an seiner Seite würde sein Vater nie vom Alkohol loskommen.

„Wenigstens kennst du deinen Vater.“ Audrey wandte den Blick ab.

„Du deinen nicht?“

„Nein. Selbst meine Mutter weiß nicht, wer es ist.“

Warum überraschte ihn das nicht? „Und? Macht dir das was aus?“

Sie zuckte mit den Schultern, sah ihn immer noch nicht an. „Nicht unbedingt.“

Sie leidet mehr darunter, als sie zugeben will. Lucien wurde plötzlich bewusst, wie schwierig es für Audrey gewesen sein musste, mit nur einem Elternteil aufzuwachsen – und so einem unfähigen noch dazu. Seine Mutter war an einem Hirnaneurysma gestorben, als er siebzehn war. Immerhin hatte er sie so lange gehabt. Wie hatte Audrey es geschafft, bei einer derart unzuverlässigen und verantwortungslosen Mutter ihre Kindheit und Jugend einigermaßen unbeschadet zu überstehen? Und warum hatte er sie bis jetzt nie danach gefragt?

„Wie alt war deine Mutter, als sie dich bekam?“

„Fünfzehn.“ Sie zog die Mundwinkel leicht nach unten. „Sie hasst es, wenn ich anderen davon erzähle. Lieber wäre ihr, ich würde sagen, dass ich ihre jüngere Schwester bin. Bestimmt ist dir aufgefallen, dass ich sie in der Öffentlichkeit nicht Mum nennen darf.“

„Ja, aber ich sage auch nicht Dad zu meinem Vater.“

„Weil er es nicht möchte?“

„Weil ich es nicht möchte.“

In ihren schokoladenbraunen Augen stand ein verwirrter Ausdruck. „Wenn du ihm nicht so nahestehst, warum interessiert es dich, ob er meine Mutter noch einmal heiratet oder nicht?“

Gute Frage. „Er mag nicht viel von einer Vaterfigur haben, aber er ist nun mal mein Vater. Und ich werde nicht mit ansehen, wie er sich wieder in eine teure Scheidung reinreitet!“

„Willst du damit andeuten, dass meine Mutter mehr verlangt hat, als ihr zusteht?“

„Ich bin nicht nur sein Sohn, sondern verwalte auch seine Finanzen. Eine weitere Scheidung würde ihn ruinieren. Und da ich ihn seit Jahren finanziell unterstütze, würde er nicht sein Geld verlieren, sondern meins.“

„Oh … das wusste ich nicht.“ Sichtlich beeindruckt von seiner Großzügigkeit, sah sie ihn an. „Obwohl meine Mutter so erfolgreich ist, scheint sie nie genug Geld zu haben, um ihre Rechnungen zu bezahlen. Sie gibt ihrem Manager die Schuld und er ihr.“

„Greifst du ihr unter die Arme?“

„Nein … nicht oft.“

„Wie oft?“

Ihr linkes Auge zuckte, und dann lauschte sie, den Kopf leicht geneigt. „Hör mal. Der Sturm ist vorbei.“

Lucien zog den Spitzenvorhang beiseite. Das Gewitter war tatsächlich weiter Richtung Tal gezogen, und es regnete kaum noch. „Okay. Ich sehe mir mal den Schaden an. Warte hier.“

„Kommandier mich nicht herum wie ein Kind. Schließlich ist es mein Wagen.“

„Tja, hoffen wir, dass es noch einer ist und nicht ein nutzloser Haufen zerbeultes Blech.“

Audrey betrachtete den nutzlosen Haufen zerbeulten Blechs, der einst ihr Auto gewesen war. Keine Chance, damit irgendwohin zu fahren. Vielleicht sogar nie wieder. Zum Glück war er vollkaskoversichert … oder? Der Schreck fuhr ihr in die Glieder. Hatte sie die letzte Rechnung bezahlt oder sie liegen lassen, weil Rechnungen ihrer Mutter dringender gewesen waren?

Lucien pfiff leise durch die Zähne, während er das Wrack inspizierte. „Gut, dass du nicht dringesessen hast, als der Ast runterkam. Aber du bist ja versichert … oder?“

Audrey schluckte. „Ja …“

Er musterte sie intensiv. „Dein linkes Auge zuckt schon wieder.“

Sie blinzelte. „Stimmt nicht.“

Unerwartet kam er näher und strich mit der Fingerspitze über ihren Augenwinkel. „Da, noch mal.“

„Weil du mich berührst.“

Langsam ließ er den Finger über ihre Wange bis zu ihrem Kinn gleiten und hob es an, damit sie ihn ansah. „Es gab Momente, da hast du darum gebettelt, dass ich dich berühre.“

Ihre Wangen wurden glühend heiß. „Aber jetzt nicht.“

Prüfend sah er ihr in die Augen, und ihr Herz begann wild zu klopfen. „Nein?“

Seine Stimme war leise und tiefer als sonst. Unwillkürlich erschauerte Audrey, während sie das Gefühl hatte, im dunklen Blau seiner Augen zu versinken. Sie spürte seine Körperwärme, die Lustschauer, die allein sein Finger auf ihrer Haut auslöste. Noch nie zuvor war sie sich ihres Körpers so deutlich bewusst, war so empfänglich für sexuelle Signale gewesen. Ihre Lippen prickelten, und sie konnte es kaum erwarten, seinen heißen Mund auf ihrem zu spüren.

Das Verlangen nach seinem Kuss wurde fast unerträglich. Zwischen ihren Beinen begann es zu pochen, so sinnlich und lustvoll, dass sie weiche Knie bekam.

Lucien beobachtete, wie sie sich mit der Zunge über die trockenen Lippen fuhr. Ahnte sie, welchen inneren Kampf er ausfocht? Inzwischen hatte er die Hand sinken lassen, aber der zuckende Muskel an seinem Kinn und der Adamsapfel, der sich auf und ab bewegte, verrieten seine innere Anspannung.

„Willst du mich küssen?“ Die Worte waren heraus, ehe sie überlegen konnte, ob es klug war, ihre Gedanken auszusprechen.

Sein Blick wurde ausdruckslos. Lucien rührte sich nicht, so als würde schon die kleinste Bewegung seine Selbstbeherrschung sabotieren. „Nein.“

Du lügst. Audrey genoss eine weibliche Macht, wie sie sie noch nie im Leben verspürt hatte. Wann hatte jemals jemand sie küssen wollen? Nie.

Aber Lucien wollte es.

„Ich wette, wenn ich dich jetzt küsse, kannst du nicht widerstehen.“ Uh, warum hatte sie das gesagt? Audrey zuckte insgeheim zusammen, war andererseits jedoch beeindruckt, dass sie sich traute, so offensichtlich mit ihm zu flirten!

Ein harter Ausdruck trat in seine Augen. „Versuch’s doch.“

Hitze sammelte sich in ihrem Bauch, und ihr Herz klopfte, als würde sie eine Treppe hinaufrennen, zwei Stufen auf einmal nehmend, in jeder Hand eine Zwei-Kilo-Hantel. Bevor sie sich zurückhalten konnte, streckte sie die Hand aus und zeichnete mit dem Zeigefinger langsam die Konturen seiner festen Lippen nach. Die feinen Bartstoppeln rieben auf ihrer Haut, was sich allein schon hinreißend sexy anfühlte.

Still stand Lucien da, doch Audrey spürte, wie er insgeheim mit sich rang. Er hielt die Fäuste fest geballt. In seinen Augen lag ein Ausdruck von Entschlossenheit, aber noch etwas anderes, das er nicht ganz verbergen konnte. Ein Echo dessen, was in ihrem Bauch pochte: Verlangen.

Aber Audrey wollte sich ihm nicht ausliefern. Zwei Mal hatte sie versucht, ihn zu küssen, und war abgewiesen worden. Ein drittes Mal würde sie das nicht ertragen. Und falls an den Tratschgeschichten um Lucien und Viviana etwas dran war, musste sie erst recht die Finger von ihm lassen. Sie küsste keine Männer, die in einer festen Beziehung waren. Und außerdem sollte er nicht denken, dass sie sich so verzweifelt nach einem Kuss von ihm sehnte, dass sie sich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Also nahm sie die Hand weg und schenkte ihm ein schwaches Lächeln. „Hast du ein Glück, dass ich mich nicht provozieren lasse.“

Ob er erleichtert war oder enttäuscht, zeigte er nicht. „Wir verschwenden wertvolle Zeit“, erklärte er, marschierte zurück zum Cottage und zog dabei sein Smartphone aus der Tasche. „Ruf deine Mutter an, und ich versuche, meinen Vater zu erreichen. Vielleicht haben sie ihre Handys wieder eingeschaltet.“

Seufzend folgte sie ihm. Sie hatte doch schon fünfzig Mal versucht, ihre Mutter anzurufen. Schon unter normalen Umständen nahm Sibella nur ab, wenn sie mit Audrey reden wollte, und selbst dann drehte sich das Gespräch allein um sie. Audrey konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal mit ihrer Mutter gesprochen hatte. Richtig gesprochen. Vielleicht mit vier Jahren? Sibella war nicht der Typ, der anderen zuhörte. Sie erwartete, dass alle Welt gebannt und mit angehaltenem Atem lauschte, wenn sie von ihrer Schauspielkarriere und ihrem aufregenden Liebesleben erzählte!

Audrey wäre schon froh, wenn sie überhaupt eins hätte …

Erneut hinterließ Lucien eine knappe Nachricht auf der Mailbox seines Vaters, so wie er es in den letzten vierundzwanzig Stunden häufiger getan hatte, und steckte das Handy weg. Er musste wieder in die Spur kommen, durfte nicht der Versuchung in Gestalt von Audrey Merrington nachgeben. In ihrer Nähe fühlte er sich wie jemand, der vierzig Tage gefastet hatte und sich nun einem opulenten Büfett gegenübersah. Beinahe hätte er sie geküsst. Wie einfach wäre es gewesen, sie in die Arme zu ziehen, ihren süßen weichen Mund zu erobern und ihren verlockenden weiblichen Körper an seinen zu pressen?

Zu einfach.

Erschreckend einfach.

Noch immer haftete ihr betörender Duft nach Flieder und Frühling an seinem Pullover und stieg ihm ständig in die Nase. Er spürte ihre Brüste, wie sie sich an ihn schmiegten, als sie vor der Spinne Zuflucht in seinen Armen gesucht hatte. Und diese kesse Frage! Willst du mich küssen? Und ob! Er träumte davon, sehnte sich danach. Und befürchtete stark, dass ihm ein Kuss nicht genügen würde …

Leider konnte er sie nicht ohne Auto im Cottage zurücklassen, um der Verlockung zu entfliehen. Er musste Audrey wohl oder übel mitnehmen, obwohl ihm ein Roadtrip mit ihr alles andere als willkommen war.

Mit frustrierter Miene kam sie ins Wohnzimmer zurück und legte ihr Handy auf den Couchtisch. „Sie geht nicht ran. Vielleicht sitzen sie im Flugzeug.“

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Sollte dieser Albtraum nie enden? „Ich war mir so sicher, dass sie hier sein würden“, sagte er. „Während ihrer ersten Ehe haben sie sich oft davongestohlen und hier versteckt. Mein Vater schwärmte davon, wie idyllisch und ruhig es hier sei.“

Audrey saß auf der Armlehne des Sofas und zupfte gedankenverloren am Stoff ihres Kleids. „Ich weiß, deshalb bin ich ja auch zuerst hierhergekommen. Und wenn sie wollten, dass wir herkommen?“

„Um uns auf eine falsche Fährte zu locken?“

Sie warf ihm einen nicht zu deutenden Blick zu, hörte auf, an ihrem Kleid herumzufummeln, und verschränkte die Arme vor der Brust. „Oder etwas anderes.“

„Was ‚anderes‘?“ Ein feines Kribbeln erfasste seine Kopfhaut. „Meinst du, sie haben uns absichtlich beide hergelockt? Aber warum?“

„Meine Mutter findet es amüsant, dass du und ich uns so hassen.“

Lucien runzelte die Stirn. „Ich hasse dich nicht.“

„Nicht?“ Ein fragender, wenn nicht ungläubiger Blick traf ihn.

„Nein.“ Er hasste, was sie mit ihm machte. Ärgerte sich, dass sein Körper in ihrer Nähe einen eigenen Willen zu besitzen schien. Und darüber, dass er immerzu daran denken musste, wie es wäre, sie zu küssen. Oder wie ihre sinnlichen Kurven unter der schlichten Kleidung aussahen.

Schließlich gehörte er nicht zu den Männern, die sich von ihren Hormonen leiten ließen. Wie sein Vater zum Beispiel. Lucien besaß Willenskraft und Disziplin, und er war entschlossen, beides zu nutzen. Er würde sich nicht auf animalische Instinkte reduzieren lassen, nur weil eine hübsche Frau mit einem sinnlichen Körper ihm den Kopf verdrehte!

„Gut zu wissen, da wir bald wieder miteinander verwandt sein werden“, erklärte sie mit unbewegter Miene.

„Nicht wenn ich es verhindern kann.“ Er schnappte sich seine Schlüssel. „Komm. Wir machen uns besser auf den Weg, bevor es dunkel wird. Wenn wir in London sind, werde ich jemanden damit beauftragen, deinen Wagen zu holen.“

Sie sprang auf. „Aber ich will nicht mit dir …“

„Wirst du verdammt noch mal tun, was man dir sagt?“ Lucien hatte Mühe, die aufsteigende Panik zu unterdrücken. Sie hatten so viel Zeit verschwendet. Vielleicht hatte sein Vater die Hälfte seiner Flitterwochen schon hinter sich. Und mit vollen Händen Geld ausgegeben, das ihm nicht gehörte … „Du hast keinen Wagen, also wird dir nichts anderes übrig bleiben!“

Audrey schürzte die Lippen, schien zu überlegen, ob sie sich auf einen Streit einlassen sollte. Doch dann ging sie zu der Ecke, wo sie Reisetasche und Umhängetasche abgestellt hatte, nahm beides und warf ihm einen rebellischen Blick zu. „Du kannst mich in London zu meiner Wohnung bringen. Woanders fahre ich nicht mit dir hin!“

Audrey setzte sich in seinen Wagen und ließ geräuschvoll den Sicherheitsgurt einrasten. Musste der Mann sich wie ein Höhlenmensch aufführen? Sie hätte sich einen Mietwagen kommen oder sich von einer Freundin abholen lassen können. Sogar die Kosten für ein Taxi wären es wert gewesen, nicht die nächsten zwei Stunden in Luciens beunruhigender und viel zu verlockender Gesellschaft zu verbringen! Sie wollte sich nicht wieder zur Närrin machen. Sie war keine achtzehn und auch keine einundzwanzig mehr. Sondern fünfundzwanzig und reif genug – hoffte sie jedenfalls –, um diese alberne Schwärmerei für alle Zeiten ad acta zu legen.

Ja, sie würde ihr Verlangen nach Lucien unterdrücken. Das war nur etwas Körperliches, emotional unwichtig. Lust, die irgendwann vergehen würde, wenn sie sie nicht länger fütterte. Also nicht von seinem Mund träumen. Ihn nicht einmal ansehen. Und vor allem keine Fantasien darüber, wie sich seine Lippen auf ihren anfühlten, wie Lucien mit der Zunge ihren Mund erforschte …

Audrey kniff sich in den Arm. Du schaffst das, sagte sie sich. Betrachte es als schlechte Angewohnheit, die du dir abgewöhnen kannst.

Außerdem hatte er eine Freundin, sofern man Rosie und ihren Quellen trauen durfte. Komisch, wie viel es ihr ausmachte, dass er eine feste Beziehung zu haben schien. Was ging es sie an, dass er praktisch verlobt war? Liebte er Viviana Prestonward? Seltsamerweise fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, dass er verliebt war. Zwar war er kein Playboy wie sein Vater, aber auch kein Säulenheiliger.

Sie beobachtete, wie er das Cottage abschloss und den Schlüssel unter den Blumentopf legte, wo auch sie ihn gefunden hatte. Also war er mit Bramble Cottage vertraut. Audrey hatte die Erinnerungen an die Zeiten hier immer wie einen Schatz gehütet, der nur ihr und ihrer Mutter gehörte. Aber anscheinend hatte Sibella ihn mit Harlan und auch Lucien geteilt.

„Warst du schon oft hier?“, fragte sie, als er hinters Steuer glitt.

„Im Cottage?“

„Du wusstest, wo der Ersatzschlüssel liegt.“

Lucien startete den Motor und wendete den Wagen. Dabei lag sein Arm auf ihrer Sitzlehne und so nahe an ihrem Nacken und ihren Schultern, dass ihr ein zarter Schauer über den Rücken rieselte. „Ein Mal, an einem Wochenende.“

„Wann?“

„Einen oder zwei Monate vor ihrer zweiten Scheidung.“ Er klang lässig, aber der feste Griff ums Lenkrad verriet ihn. „Sie hatten mich gebeten zu kommen. Dich auch, doch du hattest schon was vor. Ein Date, meinte deine Mutter.“

Jetzt erinnerte sie sich. Allerdings wusste sie nicht, dass Lucien auch eingeladen gewesen war. Sie hatte unter einem Vorwand abgesagt, weil sie nicht wollte, dass Harlan und ihre Mutter annahmen, sie hätte am Wochenende nichts Besseres zu tun als zu lesen oder ergreifende Liebesfilme zu sehen. Was sie zwar tatsächlich an den meisten Wochenenden tat, aber trotzdem …

„Warum bist du hergefahren? Ich hätte nicht gedacht, dass ein Wochenende mit ihnen auf deiner Prioritätenliste ganz oben steht.“

Auf und neben dem Feldweg, den sie entlangfuhren, lagen vom Sturm herabgewehte Blätter und Zweige. „Stimmt. Aber ich hatte nichts Besseres vor und wollte mir mal das Cottage ansehen. Mein Vater hatte öfter davon erzählt.“

„Also kein heißes Date mit einem Supermodel an jenem Wochenende? Mir blutet das Herz!“

Lucien warf ihr einen Seitenblick zu. „Wie war deine Verabredung damals? Hat es sich gelohnt, dafür ein Wochenende mit deiner Mutter und meinem Vater zu opfern?“

„Es war toll, einfach wunderbar. Großartig.“ Übertreib’s nicht.

„Bist du noch mit dem Typen zusammen?“

Audrey lachte. Wer sagte denn, dass sie nicht schauspielern konnte? „Nein. Ich hatte Dutzende Dates nach ihm.“

„Das heißt, keine feste Beziehung?“

Sie wagte einen Blick zu ihm hinüber. „Was sollen die vielen Fragen zu meinem Liebesleben?“

„Wollte nur wissen, ob du vorhast, dich häuslich niederzulassen“, meinte er achselzuckend.

„Bestimmt nicht. Ich doch nicht.“ Audrey blickte wieder auf die Straße, schlug ein Bein über das andere und verschränkte die Arme vor der Brust. „Die Hochzeiten meiner Mutter reichen mir fürs Leben. Für zwei Leben.“ Sie wartete einen Moment, bevor sie hinzufügte: „Und du?“

„Was ist mit mir?“

„Willst du eines Tages heiraten?“

Er konzentrierte sich auf die Straße, wich zerbrochenen Ästen, Pfützen und Schlaglöchern aus. „Vielleicht.“

„Eher früher oder eher später?“

„Woher das plötzliche Interesse an meinem Privatleben?“

Audrey konnte sich den merkwürdigen Druck im Magen nicht erklären, den sie bei dem Gedanken verspürte, dass Lucien eines Tages heiraten könnte. „Ich kann es in den Klatschmagazinen lesen, aber ich dachte, ich frage dich direkt. Nur für den Fall, dass das, was sie abdrucken, nicht stimmt.“

„Und was hast du gelesen?“

„Ich selbst nichts, aber mir hat jemand erzählt, dass du dich mit Viviana Prestonward verloben wirst.“

Er stieß einen verächtlichen Laut aus. „Das ist nicht wahr.“

Sie wandte sich ihm zu, aber er runzelte die Stirn und stieg auf die Bremse. „Verflucht!“

Als sie wieder auf die Straße sah, entdeckte sie auch den großen Baum, der auf die Holzbrücke gestürzt war. Ein Teil der Bohlen war weggebrochen, die Brücke unpassierbar geworden.

Lucien hieb mit dem Handballen aufs Lenkrad und blickte Audrey mit düsterer Miene an. „Gibt es noch einen Weg über den Fluss? Eine andere Straße? Eine zweite Brücke?“

„Nein, dies ist der einzige.“

Er fluchte vor sich hin. „Das glaube ich jetzt nicht!“

„Willkommen auf dem Land.“

Er stieg aus, marschierte zu der beschädigten Brücke und betrachtete sie, die Hände in die Hüften gestemmt.

Audrey folgte ihm. „Kann man das nicht reparieren? Wir könnten doch jemanden von der Gemeinde anrufen, der das in Ordnung bringt. Wenn wir sagen, dass es sich um einen Notfall handelt …“, setzte sie hoffnungsvoll hinzu.

Mit einem gemurmelten Fluch wandte er sich von der Brücke ab. „Es gibt sicher dringendere Notfälle als eine kleine Brücke, die nur von einer Handvoll Leuten genutzt wird.“ Während er zum Wagen zurückging, kickte er einen Ast aus dem Weg. „Wir werden im Cottage bleiben müssen, bis ich einen Hubschrauber organisieren kann, der uns hier rausholt.“

Audrey erstarrte, als wäre sie gegen eine unsichtbare Mauer geprallt. War sie im Grunde auch – ihre höchstpersönliche Mauer. Flugangst. Angst vor Hubschrauberflügen, um genau zu sein. Keine zehn Pferde würden sie da hineinkriegen! Lieber ertrug sie täglich eine Spinne. Oder ein ganzes Zimmer voller Spinnen. Sie würde mit einer ganzen Kolonie Spinnen kuscheln, aber in einen Heli steigen? Auf gar keinen Fall!

Am Wagen angekommen, sah er über die Schulter zu ihr hinüber. „Was ist los?“

Sie schluckte schwer, ihr Magen brannte wie Feuer. „Ich setzte mich nicht in einen Hubschrauber.“

„Keine Sorge, die Spinnen mache ich vorher weg.“

„Sehr witzig.“

Mit bedeutungsvollem Blick hielt er ihr die Tür auf. „Kommst du, oder willst du zurück laufen?“

Audrey schlüpfte auf den Beifahrersitz, ohne Lucien anzusehen. Er schloss die Tür, ging auf seine Seite, glitt hinters Steuer und wendete geschickt. Insgeheim stellte sie sich vor, wie sie auf dem schmalen Feldweg hin und her rangiert hätte, bis die Motorhaube in die richtige Richtung bugsiert wäre. Vielleicht wäre sie auch im Graben gelandet! Verzagt blickte sie zum bleigrauen Himmel hinauf und unterdrückte ein Schaudern. Sie musste sich etwas überlegen, wie sie nach London zurückkam, ohne dass dabei Propeller im Spiel waren …

„Gleich morgen früh müsste ich einen Hubschrauber chartern können“, sagte Lucien. „Ich würde es auch jetzt versuchen, aber ich bin nicht sicher, ob das bei dem Wetter klug wäre.“

Argh! Bitte erinnere mich nicht auch noch daran, wie gefährlich ein Flug in so einer kleinen Kiste sein kann!

„Es wundert mich, dass Englands erfolgreichster Wirtschaftskriminalitätsprüfer nicht ein oder zwei eigene Helikopter auf Abruf bereitstehen hat.“

„Tja, dafür bin ich zu sehr Buchhalter, als dass ich für unnötigen Luxus Geld zum Fenster rauswerfen würde. So was überlasse ich lieber meinem Vater.“

3. KAPITEL

Auf der kurzen Fahrt zurück zum Cottage schwiegen Audrey und Lucien die meiste Zeit, was hauptsächlich an ihr lag. Die Vorstellung, dass morgen früh ein Hubschrauberflug auf sie wartete, erfüllte sie mit Panik. Hätte sie mit der Therapeutin lieber die Flug­angst als die Spinnenphobie bearbeiten sollen? Andererseits war es ja nicht so, dass sie sich täglich mit einer Reise im Helikopter konfrontiert sah! Und außerdem war die Brücke in ein, höchstens zwei Tagen bestimmt wieder passierbar. Sie würde nicht Wochen oder Monate hier ausharren müssen.

Außerdem musste sie erst einmal den Abend hinter sich bringen. Mit Lucien eine Nacht im Cottage zu verbringen würde ihre Fantasie mit Sicherheit beflügeln. Da konnte sie genauso gut versuchen, sich abzugewöhnen, keine Schokolade mehr zu naschen, indem sie sich in einer Schokoladenfabrik einschließen ließ!

Als Lucien ihr aus dem Auto half, roch es draußen nach feuchter Erde – ein süßer Duft, der sich mit dem der Blüten im zugewucherten Garten mischte. Audrey hätte natürlich allein aussteigen können, aber es gefiel ihr, wie schnell er jedes Mal zur Stelle war. Wann immer sie ihre Mutter zu einem Event begleitete, stürzten sich die Leute auf deren Tür. Sie, Audrey, hingegen musste zusehen, wie sie allein fertig wurde.

Sie folgte Lucien zur Haustür, wartete, während er den Schlüssel unter dem Blumentopf hervorholte, und versuchte, nicht auf seinen knackigen Po zu starren, als er sich bückte.

Schließlich richtete er sich auf, schloss auf und streckte mit einladender Geste die Hand aus: „Nach dir.“

Unentschlossen biss sie sich auf die Lippe, bemüht, den eiskalten Schauer zu ignorieren, der ihr über die Haut rieselte. Hatte die Spinne Gesellschaft? Soweit sie wusste, waren Spinnen keine Einzelgänger, sondern lebten in Großfamilien. Wenn dort drinnen jetzt Dutzende auf sie warteten? Hunderte? Suchten sie bei heftigen Regengüssen Schutz im Haus? Wenn nun eine ganze Kolonie dabei war, ihr Lager aufzuschlagen? Schaudernd sah sie Spinnen in allen Größen und Formen über Wände krabbeln, in Schränken und Ecken hängen und in jeder Schublade lauern. Nicht auszudenken, wenn ihr eine auf den Kopf fiel und ihr mit klebrigen Beinen über das Gesicht kroch …

„Könntest du … zuerst reingehen, nur für den Fall, dass die Spinne wieder da ist?“

Falls er ihre Bitte lästig oder albern fand, so zeigte er es nicht. „Okay.“

Sie wartete, bis er ihr signalisierte, dass die Luft rein war, und trat über die Schwelle. Bis zum Sonnenuntergang war es noch eine Weile hin, aber die tief hängenden Wolken am Himmel schufen im Innern des Cottage eine dämmrige und wenig einladende Atmosphäre. „Du meine Güte, ist das düster hier. Noch immer kein Strom?“

Lucien betätigte einen Schalter. Nichts passierte. „Vielleicht hat ein Baum die Leitung erwischt. Es kann Stunden dauern, bis das repariert ist.“ Er ging zum Kamin. „Ich mache uns ein Feuer. Gibt es hier irgendwo Kerzen?“

Audrey suchte in der Küche und fand zwei Duftkerzen, die sie vor Jahren ihrer Mutter geschenkt hatte. Typisch, dass sie sie nie benutzt hatte. Audrey stellte eine auf den Couchtisch und die andere auf die antike Anrichte. „Die sollten reichen.“

„Perfekt.“ Lucien kam zu ihr, die Streichholzschachtel in der Hand, und zündete die Kerzen an. Sofort erfüllte der Duft von Patschuli und Geißblatt die Luft.

Verträumt betrachtete Audrey Lucien im Kerzenschein. Seine Haut war sonnengebräunt, als hätte er kürzlich Urlaub am Meer gemacht. Schatten tanzten auf seinen attraktiven Zügen, dem markanten Kinn, den dunklen Brauen und den faszinierenden mitternachtsblauen Augen.

Am meisten faszinierte sie jedoch sein Mund. Feste und gleichzeitig sinnliche Lippen. Wie würde es sich anfühlen, wenn er sie küsste? Würde er eine Lust in ihr entfesseln, wie sie es sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen könnte?

„Stimmt was nicht?“ Fragend sah er sie an.

Audrey blinzelte und wippte auf ihren Absätzen. Oder was man bei ihren Ballerinas als solche bezeichnen konnte. So groß, wie Lucien war, hätte sie auch High Heels tragen können und wäre immer noch kleiner als er. „Hast du in letzter Zeit Urlaub gemacht?“

„Ich war Ostern auf Barbados.“

Sie lachte auf. „Natürlich.“

„Wieso ‚natürlich‘?“, fragte er stirnrunzelnd.

Achselzuckend beugte sie sich vor, um die alten Zeitschriften auf dem Couchtisch zu ordnen. „Mit Viviana Prestonward?“

„Nicht, dass es dich etwas anginge – aber ich habe mich mit einem Klienten getroffen.“

„War nur eine Frage.“ Sie richtete sich auf und schaute ihn an. „Kein Grund, nervös zu werden.“

Lucien drehte sich zum Kamin um und stocherte mit dem Schürhaken so heftig im Feuer, dass die Flammen hochschlugen. „Ich bin kein Rockstar wie mein Vater. Mir gefällt es nicht, dass mein Privatleben in der Presse oder auf Online-Foren breitgetreten wird.“ Er stellte den Haken an seinen Platz zurück und wandte sich zu Audrey um. „Kennst du das? Dass die Medien einen nicht in Ruhe lassen?“

Sie setzte sich auf die Sofakante und schob mit dem Fuß einige Teppichfransen hin und her. „Eher nicht, aber ich bin auch zu langweilig. Wer möchte schon wissen, womit sich eine Archivarin ihre freie Zeit vertreibt?“

Er betrachtete sie nachdenklich. „Und womit vertreibst du dir die Zeit?“

Audrey ließ sich ins Sofa sinken, griff nach einem der Kissen und drückte es sich auf den Bauch. „Ich lese, sehe fern, gehe ab und zu ins Kino.“ Sie verzog den Mund. „Siehst du? Langweilig.“

„Und was ist mit den Dutzenden von Liebhabern, die du vorhin erwähnt hast?“

Prompt errötete sie so heftig, dass ihre Wangen dem Kaminfeuer Konkurrenz zu machen drohten. Sie warf das Kissen beiseite und erhob sich vom Sofa … anmutig wie ein Supermodel, so war es geplant, doch dann blieb sie mit dem Fuß am Teppich hängen und stieß sich am Couchtisch das Schienbein.

„Au!“ Sie presste die Hand auf die Stelle und hüpfte auf einem Bein umher, als der Schmerz stärker wurde. Die Duftkerze flackerte, fiel zum Glück jedoch nicht um.

Sofort war Lucien bei ihr und umfasste mit beiden Händen ihre Oberarme, um ihr Halt zu geben. „Alles okay? Ist etwas gebrochen?“

„Nein, nein, nur eine Beule.“

Er ging vor ihr in die Hocke und untersuchte ihr Schienbein. Seine Berührung war beinah zärtlich, und Audrey war sich seiner schlanken Finger auf ihrer Haut überdeutlich bewusst. Plötzlich war die Situation erregend intim. Luciens Gesicht war auf einer Höhe mit ihrem Becken, und ihre ausgehungerte Fantasie gaukelte ihr erotische Bilder vor, wie er sich noch mehr vorbeugte, sie küsste, sie streichelte …

„Das gibt einen dicken blauen Fleck, man sieht es schon.“ Federleicht strich er mit der Fingerspitze über die gerötete Haut.

Audrey hielt den Atem an. So lange, dass sie glaubte, ohnmächtig zu werden. Oder lag es daran, dass noch nie ein Mann buchstäblich vor ihr gekniet und sie so zart berührt hatte? Fast fieberhaft sehnte sie sich nach mehr. Wenn er nun seine Hände höher gleiten ließ … zu ihren Schenkeln? Zwischen ihre Beine? Ihr das Höschen auszog und …?

Hör auf! Sofort!

Vernünftig und reif, ja, so wollte sie sich verhalten. „Du kannst wieder aufstehen“, sagte sie bewusst spöttisch. „Es sei denn, du möchtest schon mal deinen Heiratsantrag für Viviana üben.“

Die Lippen fest aufeinandergepresst, erhob Lucien sich. „Ich mache niemandem einen Antrag. Besser, du kühlst die Prellung. Ich hole dir Eiswürfel aus der Küche.“

Lucien öffnete das kleine Gefrierfach des Kühlschranks und überlegte, ob er sich hineinquetschen sollte, um sich abzukühlen. Okay, es war verrückt gewesen, vor Audrey in die Knie zu gehen. Und noch verrückter, sie anzufassen. Aber sie hatte sich wehgetan, und jeder anständige Mann hätte genauso reagiert wie er.

Allerdings waren seine Gedanken alles andere als anständig gewesen. Sobald er sie berührt hatte, spürte er es. Das feine elektrisierende Prickeln, das er bisher bei keiner anderen Frau gefühlt hatte.

Ein Problem, für das es nur eine Lösung gab: Es durfte nicht wieder passieren. Er musste Abstand halten. So schwer konnte das doch nicht sein, oder?

Er gab ein paar Eiswürfel in ein Geschirrtuch und ging zurück ins Wohnzimmer. „Bitte sehr.“ Sorgfältig darauf bedacht, nicht ihre Finger zu berühren, reichte er ihr die provisorische Kühlpackung. Na bitte! Nichts einfacher als das.

Audrey drückte das Eis auf ihr Schienbein, nagte dabei mit ihren ebenmäßigen weißen Zähnen an der Unterlippe. Nach einem Moment blickte sie auf, ohne ihn richtig anzusehen. „Also … was liebst du an ihr?“

„Wie bitte?“, antwortete er verwirrt.

Jetzt sah sie ihn direkt an. „Viviana. Die Frau, mit der du schon länger zusammen bist als mit allen anderen. Was liebst du an ihr?“

Welche Antwort er auch gab, es wäre die falsche, weil er nicht mit Viviana zusammen war. Er hatte sie kennengelernt, als er sich um die Finanzbuchhaltung seines Vaters kümmerte, und sich locker mit ihr angefreundet. Ihretwegen spielte er für die Öffentlichkeit den neuen Mann in ihrem Leben, nachdem ihr letzter Freund sie erst betrogen und sich dann von ihr getrennt hatte. Lucien hatte zu viele Beziehungen – vor allem die seines Vaters – in Liebe erblühen und in Hass enden sehen. Falls er sich überhaupt jemals häuslich niederlassen würde, dann höchstens irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Seiner Meinung nach sollte eine Partnerschaft auf gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Interessen beruhen. „Wir führen keine Beziehung dieser Art.“

„Was? Ihr geht seit Wochen miteinander aus. Jeder denkt, dass du deine Traumfrau gefunden hast.“

Lucien legte Holz im Kamin nach. Er war kurz davor, ihr zu erzählen, dass er nicht vorhatte, Viviana zu heiraten. Doch dann fiel ihm ein, dass es ihm helfen konnte, Distanz zu wahren, wenn sie das weiterhin annahm. Jedenfalls hoffte er das. „Nur fürs Protokoll – romantische Liebe ist für mich nicht der wichtigste Faktor in einer Ehe. Die große Liebe ist ein Märchen. Und zwar ohne Happy End. Sieh dir doch deine Mutter und meinen Vater an.“

Sie legte die Kühlpackung auf den Tisch und blickte Lucien nachdenklich an. „Ist sie in dich verliebt?“

„Wir verstehen uns gut, und …“

„Ihr versteht euch gut?“ Ihr Lachen klang sarkastisch. „Ach, und du meinst, das reicht für eine gute Ehe? Wie dumm von mir … All die Jahre habe ich doch tatsächlich geglaubt, dass eine Ehe nur funktionieren kann, wenn zwei Menschen sich ineinander verlieben, füreinander da sind und einer für den anderen nur das Beste will!“

„Vielleicht sparst du dir den Vortrag für deine Mutter auf. Wie oft hat sie sich schon ver- und wieder entliebt?“

Sie errötete und presste die vollen Lippen aufeinander. „Wir reden nicht über meine Mutter, sondern über dich. Warum willst du jemanden heiraten, den du nicht liebst? Ich meine, wer macht so was?“

Lucien rückte eine Porzellanfigur auf dem Kaminsims zurecht. „In dem Punkt werden wir nie einer Meinung sein. Warum wechseln wir nicht einfach das Thema?“

„Weil ich noch nicht fertig bin. Warum sollte sich eine wunderschöne Frau wie Viviana auf einen Mann einlassen, der sie nicht liebt? Ach, ich weiß.“ Sie tippte sich auf die Schläfe, als wollte sie ihrem Gehirn zu der Antwort gratulieren. „Sie ist mit dir zusammen, weil du der Sohn eines berühmten Rockstars bist, stimmt’s?“

„Falsch.“ Er rang sich ein Lächeln ab. „Als wir uns kennenlernten, wusste sie nicht, wer mein Vater ist.“ Was übrigens ein wesentlicher, wenn nicht der wesentliche Punkt war, warum er Viviana als Freundin schätzte. Ihn ödeten die Groupies an, die sich an ihn hängten und ihm schöne Augen machten, weil er der Sohn von Harlan Fox war. Schon als Teenager hatte er gelernt, zwischen denen zu unterscheiden, die sich wirklich für ihn interessierten, und denen, die sich im Glanz einer Berühmtheit sonnen wollten.

Audrey rutschte vom Sofa, humpelte zum Fenster und musterte den Himmel. „Wie auch immer, ich finde, ihr beide macht einen Riesenfehler. Man sollte sich wenigstens lieben, wenn man heiratet.“

„Aber du willst niemals heiraten, korrekt?“ Lucien beschloss, zu Gegenfragen überzugehen, um aus der Schusslinie zu gelangen.

„Nein.“

„Was ist, wenn du dich verliebst?“

Sie knabberte wieder an ihrer Unterlippe, was seinen Blick jedes Mal auf ihren weichen Mund lenkte. „Ich glaube nicht, dass das in nächster Zeit passieren wird.“

„Und wenn sich jemand in dich verliebt und dich heiraten möchte?“

Ihr Lachen klang nicht im Mindesten heiter. „Woher soll ich wissen, dass er wirklich in mich verliebt ist und nicht vielmehr meine Mutter näher kennenlernen möchte?“

Lucien stutzte. „Ist dir das schon mal passiert?“

„Oft genug, dass es ärgerlich ist.“ Sie ging zum Sofa zurück und schüttelte das Kissen auf, das sie vorhin förmlich umarmt hatte. „Obwohl ich, was mein Aussehen angeht, nun wirklich nicht in der Liga meiner Mutter spiele.“

Lucien fragte sich, ob ihr geringes Selbstbewusstsein daher kam, dass sie eine so glamouröse Mutter hatte. Sibella war eine betörende Schönheit, das musste sogar er zugeben. Kein Wunder, dass sein Vater immer wieder zu ihr zurückkehrte wie ein Junkie, der den Entzug nicht geschafft hatte. War es für Audrey schwierig gewesen, im Schatten ihrer Mutter aufzuwachsen? Verglich sie sich mit ihr und fand sich unzulänglich? „Du brauchst dein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen.“

„Du siehst wenigstens wie dein Vater aus.“

Er dachte daran, welche Spuren der ausschweifende Lebensstil im einst gut aussehenden Gesicht seines Vaters hinterlassen hatte. „Ich bin nicht sicher, ob das ein Kompliment ist. Und nur zum Mitschreiben: Deine Mutter ist nicht mein Typ.“

Ihr Lächeln wirkte leicht gezwungen. „Gut zu wissen.“

Ein befremdliches Schweigen entstand. Befremdlich deshalb, weil Lucien den Blick nicht von ihr lösen konnte. Von den sympathischen Zügen, den großen braunen Augen und vollen Lippen. Sie ist hübsch, dachte er. Auf eine natürliche, unspektakuläre Art und dennoch reizvoll. Audrey erinnerte ihn an ein Gemälde, an dem er mit einem achtlosen Blick vorbeigegangen war, nur um bei anderer Gelegenheit wieder zu ihm zurückzukehren, wie gebannt von seiner subtilen Schönheit und der verborgenen Tiefe.

Sie war kaum geschminkt, und ihr Teint erinnerte ihn an Pfirsiche und Sahne. Kastanienfarbene Strähnen verliehen ihrem dunkelbraunen Haar einen so natürlichen Schimmer, dass sie vermutlich echt waren. Audrey besaß nicht das atemberaubende Aussehen ihrer Mutter, und in einer Menschenmenge würde sie auf den ersten Blick nicht auffallen. Aber je länger man sie ansah, desto stärker wirkte der stille Reiz, den sie auf den Betrachter ausübte. In den acht Jahren seit ihrer ersten Begegnung hatte sie sich kaum verändert, nur ihre Figur war weiblicher geworden. Ihm entging nicht, wie ihre vollen Brüste sich unter der Kleidung abzeichneten.

Plötzlich wurde die Stille durch das Klingeln eines Handys unterbrochen, und Audrey suchte in ihrer Handtasche, die neben dem Sofa lag, nach dem Telefon. Nach einem Blick aufs Display flüsterte sie: „Meine Mutter“, und nahm das Gespräch an. „Mum? Wo bist du? Ich habe tausend Mal versucht, dich anzurufen.“

Lucien hörte nicht, was Sibella sagte, konnte sich aber einiges anhand von Audreys Antworten zusammenreimen. „Was? Woher weißt du, dass ich im Bramble Cottage bin? Lucien ist auch hier.“ Sie wandte ihm den Rücken zu und fuhr leise und etwas hastig fort: „Da läuft überhaupt nichts! Wie kommst du denn darauf? Mum, sagst du mir bitte, wo du bist? Ich weiß, dass du Zeit allein mit Harlan verbringen willst, aber …“

Im nächsten Moment fluchte sie wenig damenhaft und warf das Smartphone aufs Sofa. Mit hängenden Schultern drehte sie sich zu Lucien um. „Sie wollte mir nichts verraten.“

„Gar nichts?“

Hilflos hob sie die Hände. „Bei meinen Fragen hat sie sich taub gestellt.“ Audrey runzelte die Stirn. „Aber mir ist gerade ein Gedanke gekommen. Erinnerst du dich an das Schloss, das sie in Saint-Rémy-de-Provence gemietet hatten, um den Geburtstag deines Vaters zu feiern? Sie hat mir mal erzählt, dass das einer ihrer Lieblingsorte sei. Seiner nicht auch? Wenn sie nun dorthin gefahren sind? Es wäre das perfekte Versteck. Sie waren oft zusammen in dem Schloss.“

Lucien erinnerte sich deutlicher daran, als ihm lieb war. Weniger der Wunsch, den Geburtstag seines Vaters zu feiern, als vielmehr sein Pflichtbewusstsein hatte ihn bewogen, sich auf der Party blicken zu lassen. Viel Alkohol, laute Musik und wilde Ausschweifungen waren der Cocktail, der ihm nicht im Geringsten geschmeckt hatte. Zu allem Überfluss hatte Audreys Mutter – als Geschenk für seinen Vater – einen Striptease hingelegt, und Lucien sah wieder Audrey vor sich, wie sie mit flammend roten Wangen den Saal verließ. Heute wünschte er, er wäre ihr nachgegangen, um sie zu trösten. Aber nachdem sie sich ihm etwas ungeschickt an den Hals geworfen hatte, vermied er es, mit ihr allein zu sein.

„Was genau hat deine Mutter gesagt?“

„Sie wusste, dass ich im Cottage bin.“

„Woher?“

„Über eine App. Sie hat mich blockiert, sodass ich sie nicht finden kann. Um meinen Standort zu sehen, braucht sie dagegen nur die App anzuklicken.“ Ein rosiger Hauch überzog ihre Wangen. „Sie dachte … ach, egal.“

„War sie betrunken?“

Sie wich seinem Blick aus, die Röte vertiefte sich. „Nein, das glaube ich nicht … Ich hatte den Eindruck, dass sie und dein Dad nur für eine Weile in Ruhe gelassen werden wollen.“

„Ungewöhnlich. Beide lieben Publikum mehr als alles andere.“

„Vielleicht haben sie sich geändert …“, meinte sie nachdenklich.

In den letzten vierundzwanzig Jahren seines Lebens hatte Lucien gehofft, dass sein Vater sich änderte. Aber er war immer wieder enttäuscht worden! Harlan Fox war verantwortungslos und nahm auf niemanden Rücksicht. Wenn er Sibella Merrington ein drittes Mal heiratete, setzte er dem Ganzen die Krone auf. Sibella sorgte nicht dafür, dass sein Vater sich änderte. Im Gegenteil! Sie hielt ihn davon ab. Sie bestärkte ihn in seinen schlechten Angewohnheiten, und Lucien hatte keine Lust, noch einmal hinter seinem Vater aufzuräumen.

Nach der letzten Scheidung hatte es ihn Monate gekostet, seinen Vater wieder auf die Beine zu stellen – ohne die zwei täglichen Flaschen Wodka. Unzählige Male hatte er ihn sturzbetrunken zu Hause angetroffen. Seine Versuche, Harlan zu einer Entziehungskur zu bewegen, waren allesamt gescheitert. Die Ärzte hatten ihm gesagt, dass es höchste Zeit dafür sei, weil seine Leber einen irreparablen Schaden erleiden würde. Also stand eins für Lucien fest: Selbst wenn er jede Stadt und jedes Dorf in Europa anfliegen müsste, er wollte nicht eher aufgeben, bis er seinen Vater gefunden und diesem Wahnsinn ein Ende gesetzt hatte!

„Klar“, antwortete er. „Falls du das nächste Mal einen Leoparden ohne Flecken siehst, sag mir Bescheid.“

4. KAPITEL

Audrey stellte eine Kerze auf den Küchentisch und durchstöberte die Schränke nach etwas Essbarem. Als sie einen Teller mit Kräckern und einen Dip aus Tunfisch und Zuckermais vorbereitet hatte, kam Lucien in die Küche.

„Tut mir leid, das ist nicht gerade ein Feinschmeckermenü, aber die meisten Sachen haben ihr Mindesthaltbarkeitsdatum weit überschritten.“

„Schon okay. Du hättest dir keine Mühe machen sollen.“

„Im Kühlschrank steht Wein. Er ist noch kalt genug.“

Lucien holte eine Flasche Weißwein heraus und hielt sie hoch. „Leistest du mir Gesellschaft?“

Wie gern hätte sie sich ein Glas Wein gegönnt, aber in Luciens Nähe verzichtete sie lieber auf Alkohol. Nicht, dass sie wieder Dummheiten machte! „Nein, danke, ich bleibe bei Wasser.“ Sie stellte ihre magere Ausbeute zusammen mit Tellern und Gläsern auf den rustikalen Kiefernholztisch und freute sich insgeheim, wie gemütlich alles im Kerzenschein aussah.

Lucien wartete, bis sie Platz genommen hatte, und setzte sich. Als er in einen der Cracker biss, verzog er das Gesicht.

„Ja, ich weiß, sie schmecken nicht mehr besonders frisch. Meine Mutter scheint Ewigkeiten nicht mehr hier gewesen zu sein. Und der Verwalter auch nicht.“ Seufzend griff sie nach einem Kräcker. „Wahrscheinlich hat sie vergessen, ihn zu bezahlen.“

Er trank einen Schluck Wein und setzte das Glas wieder ab. „Warum behält sie das Cottage, wenn es die meiste Zeit leer steht? Wäre es nicht besser, es zu verkaufen?“

Vom finanziellen Standpunkt aus betrachtet, schon. Doch allein bei dem Gedanken zog sich ihr das Herz zusammen. „Ich habe es ihr immer wieder ausgeredet.“

„Warum?“

Audrey schob einen Krümel auf ihrem Teller hin und her. „Sie hat es sich von ihrer ersten TV-Gage gekauft, und wir verbrachten fast jedes Wochenende hier. Ich habe den Garten geliebt – er kam mir vor wie ein geheimes duftendes Paradies, und ich konnte mich stundenlang damit beschäftigen, Gänseblümchenketten und Blumengirlanden für unsere Haare zu flechten. Wir haben zusammen gekocht. Okay, ihre Kochkünste waren nicht gerade berühmt, aber wir hatten viel Spaß …“ Sie lächelte bei der Erinnerung daran. „Chaotischen Spaß …“ Audrey sprach nicht weiter und sah auf. Lucien betrachtete sie intensiv, und ihr verging das Lächeln. „Verzeih, ich plappere.“

„Entschuldige dich bitte nicht.“ Seine Stimme klang rau.

Sie blickte wieder auf ihre Krümel, um Lucien nicht weiter in die Augen sehen zu müssen. „Mum war nicht immer so … so überdreht. Aber je berühmter sie wurde, desto mehr veränderte sie sich.“

„Inwiefern?“

Bei einem flüchtigen Blick entdeckte sie etwas in seinen Augen, das sie noch nie dort gesehen hatte … Mitgefühl. Die Schutzmauern, die Audrey um sich errichtet hatte, bekamen Risse. „Na ja … sie hat nicht immer so viel getrunken.“

„Machst du dir deswegen Sorgen?“

„Ständig.“ Sie ließ die Schultern sinken. „Eine Entziehungskur lehnt sie ab. Weil sie findet, dass es nicht nötig ist. Ihrer Meinung nach hat sie ja kein Alkoholproblem. Bisher leidet ihre Arbeit nicht darunter, aber wie lange wird das noch gut gehen? Was ist, wenn sie mit einer Fahne am Set auftaucht? Vor allem wenn sie wieder mit deinem Vater zusammen ist. Tut mir leid, ich will ihm nicht die Schuld in die Schuhe schieben, aber …“

„Schon gut.“ Sein angespanntes Lächeln ähnelte einer Grimasse. „Sie haben einen schlechten Einfluss aufeinander, und deshalb müssen wir alles tun, um sie vor einer dritten Ehe zu bewahren.“

„Und wenn wir das nicht schaffen? Wenn sie heiraten, sich wieder entzweien und den nächsten Scheidungskrieg vom Zaun brechen? Was dann?“

Seine düstere Miene ließ vermuten, dass er an die letzten Scheidungen dachte. „Wie ist deine Mutter mit den Trennungen zurechtgekommen?“

Audrey seufzte. „Miserabel.“

„Wieso? War sie es nicht, die jedes Mal die Scheidung wollte?“

„Ich glaube, es spielt keine Rolle, von wem die Initiative ausgeht. Eine gescheiterte Beziehung ist und bleibt eine gescheiterte Beziehung. Sie hat getrunken. Eine ganze Menge. Beim letzten Mal versteckte sie sich drei Wochen lang vor der Presse in meiner Wohnung. Ich war krank vor Sorge, vor allem als sie …“ Sie biss sich auf die Zunge. Niemand wusste von der Überdosis Tabletten. Ihre Mutter hatte sie angefleht, nichts zu verraten, damit die Medien keinen Wind davon bekamen.

„Vor allem als sie …?“, wiederholte Lucien.

Sie schob ihren Stuhl zurück und füllte sich an der Spüle ihr Wasserglas auf. „Möchtest du auch?“ Audrey hielt ein Glas hoch und bemerkte zu ihrem Entsetzen, dass ihre Hand zitterte.

„Nein, danke.“ Er stand auf und kam zu ihr. „Rede mit mir, Audrey.“

Da sie es nicht schaffte, ihm in die Augen zu schauen, senkte sie den Blick, was ein großer Fehler war. Jetzt starrte sie auf seinen Mund, der beinah streng wirkte. Doch der Bartschatten an seinem Kinn war so sexy, dass sie ihn am liebsten berührt hätte. Mit den Fingern, mit dem Mund. Sie wollte seine Lippen schmecken, sie mit der Zunge liebkosen, nur um zu spüren, ob sie weicher, sinnlicher wurden …

Lucien hob ihr Kinn an und brachte sie so dazu, ihm in die Augen zu sehen. „Was wolltest du sagen?“

Ihre Haut glühte dort, wo er sie anfasste. Wellenartig breitete sich die Wärme überall in ihrem Körper aus. Es hatte etwas Intimes, wie Lucien ihren Blick suchte, und sie bekam weiche Knie. „Also, ich … ich nehme doch ein Glas Wein.“ Sie trat zurück und holte sich ein Glas, schenkte es halb voll und trank einen kleinen Schluck.

Lucien setzte sich wieder auf seinen Stuhl, schwieg kurz und fing dann an zu reden. „Nach der letzten Scheidung hat mein Vater täglich zwei Flaschen Wodka in sich reingeschüttet. Ich dachte, er stirbt an einer Alkoholvergiftung. Jeden Tag habe ich bei ihm zu Hause nach ihm gesehen … zum Glück erinnert er sich nicht mehr daran, wie oft ich ihm frische Sachen angezogen und sein Bett neu bezogen habe.“

„Oh, Lucien. Das tut mir so leid. Es muss schlimm gewesen sein, deinen Vater so zu erleben. Hast du versucht, ihn zu einer Entziehungskur zu überreden?“

Resigniert sah er sie an. „Genau wie deine Mutter wehrte er sich mit Händen und Füßen dagegen. Sein Arzt hat ihn bereits gewarnt, dass seine Leber nicht mehr lange mitmacht, wenn er nicht mit dem Trinken aufhört.“

„Ich kann verstehen, dass du meine Mutter davon abhalten willst, ihn zu heiraten.“ Sie schämte sich für den schlechten Einfluss, den ihre Mutter auf seinen Vater hatte.

„Mir ist klar, dass Sibella ihm das Zeug nicht gerade einflößt, aber sobald er mit ihr zusammen ist, kann er anscheinend nicht die Finger davon lassen“, meinte Lucien. „Es ist, als hätten sie sich zu einem Selbstzerstörungstrip verabredet.“

„Diese Liebe tut ihnen nicht gut. Genau das ist der Grund, warum ich mich niemals verlieben werde. Es ist viel zu gefährlich.“

Luciens Miene war schwer zu deuten, während er Audrey stumm betrachtete. „,Niemals‘ ist eine lange Zeit“, sagte er schließlich.

Audrey griff nach ihrem Glas und trank noch einen Schluck. „Dir ist es bisher erfolgreich gelungen, dich nicht zu verlieben. Warum sollte ich das nicht auch schaffen?“

Langsam ließ er den Blick zu ihrem Mund und wieder zurück zu ihren Augen gleiten. Nur einen Moment, nicht länger als ein Wimpernschlag, und trotzdem hatte sich die Atmosphäre verändert. Auf einmal lag eine knisternde Spannung in der Luft. „Vielleicht hast du dich nur mit den falschen Männern abgegeben.“

Sie hatte sich mit gar keinem Mann abgegeben!

Weil sie fürchtete, enttäuscht zu werden. Weil sie Angst davor hatte, dass man sie nicht um ihrer selbst willen liebte, sondern weil sie Sibella Merringtons Tochter war. Weil sie sich davor scheute, mit jemandem zu schlafen, da sie oft genug miterlebt hatte, wie ihre Mutter von ihren Liebhabern links liegen gelassen wurde. Audrey wollte nicht als emotionales Wrack enden und im Alkohol Zuflucht suchen, nachdem man ihr das Herz gebrochen hatte. Deshalb passte sie auf, dass ihr Herz erst gar nicht in Gefahr geriet …

Erneut nahm Audrey einen Schluck Wein. Und noch einen. „Vielleicht hast du dich mit den falschen Frauen abgegeben“, konterte sie. „Frauen, die dir nicht gefährlich werden können. Wenn du dich nicht verliebst, kannst du auch nicht wie dein Vater enden, stimmt’s?“

„Gleichfalls, Sweetheart“, entgegnete er spöttisch.

Ihr Glas klirrte, als sie es etwas zu heftig abstellte. „Mach dich nur über mich lustig, aber eher sterbe ich, als dass ich bis zur Selbstaufgabe liebe! Dein Vater ist für meine Mutter wie eine Droge, von der sie nicht loskommt. Sie mag für kurze Zeit clean sein, aber dann wird sie wieder rückfällig. Das ist doch verrückt. Irgendwann bringt sie sich damit um.“ Audrey hätte sich ohrfeigen können. „Ich meine, bildlich gesprochen.“

Scharf sah er sie an. „Hat sie schon mal versucht, sich das Leben zu nehmen?“

Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, als die albtraumhaften Bilder in ihr aufstiegen, zusammen mit nicht weniger erschreckenden Fragen. Sie hatte ihre Mutter neben einer halb leeren Tablettenflasche gefunden. Wenn sie nun alle Pillen genommen hätte? Wenn ich sie nicht rechtzeitig gefunden hätte? Was ist, wenn sie das nächste Mal alle schluckt? Audrey fühlte, dass sie ihre Gesichtszüge nicht mehr unter Kontrolle hatte. Ihre Lippen bebten. „Wie kommst du denn darauf?“

Lucien fixierte sie wie ein Arzt seinen nervösen Patienten. „Es ist besser, du redest darüber, Audrey.“

Tapfer presste sie die Lippen zusammen, hin- und hergerissen zwischen dem drängenden Impuls, ihm alles anzuvertrauen, und dem Versprechen, das sie ihrer Mutter gegeben hatte. „Wir müssen dafür sorgen, dass sie nicht wieder zusammenkommen, okay? Alles andere interessiert mich im Moment nicht. Wir müssen sie aufhalten, bevor es zu spät ist.“

„Ganz meine Meinung.“

Sobald sie die Küche aufgeräumt hatten, nahm Audrey eine der Kerzen und ging nach oben, um die Betten zu machen.

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