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JULIA EXTRA BAND 465

JESSICA GILMORE

Eine Braut für Daddy?

Graf Falcone gibt die schöne Hochzeitsplanerin Maddie nur zum Schein als seine neue Freundin aus. Aber dann besteht seine kleine Tochter plötzlich darauf, dass Maddie für immer bleibt …

ALLISON LEIGH

Der Tycoon und die Nanny

Darby darf nicht ihr Herz an den sexy Unternehmer Garrett und die Kids in seiner Obhut verlieren! Denn wenn er erfährt, wer sie wirklich ist, verstößt er sie bestimmt sofort wieder aus seinem Leben …

MICHELLE DOUGLAS

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Sebastian erkennt sich selbst nicht wieder. Seit seine Sekretärin sich so rührend um sein Findelbaby kümmert, kommt er sich in ihrer Nähe wie verwandelt vor und sehnt sich nach sinnlichen Küssen …

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Er wird Vater? Charlottes Geständnis schockiert Lucien. Aber natürlich stellt er sich seiner Verantwortung und macht ihr einen Antrag. Eine reine Zweckehe! Da spürt er unerwartet romantische Gefühle …

Eine Braut für Daddy?

1. KAPITEL

Madeleine hockte auf der Kante des hölzernen Stegs und tauchte ihre nackten Füße in den See. Das kalte Wasser ließ sie im ersten Moment zusammenzucken, dann atmete sie tief durch. Der See wurde von Gletscherwasser gespeist, er blieb trotz der heißen Sommersonne stets angenehm kühl. Sanfte Wellen schlugen gegen Madeleines heiße Füße und erfrischten sie, während sie die wunderbare Aussicht auf die Berge genoss.

Sie lebte nun seit fast einem Jahr in den Dolomiten, doch die faszinierenden Felsformationen, die steil in den Himmel ragten, raubten ihr noch immer den Atem. An diesem Mittag trübte nur der Anblick des imposanten Schlosses am anderen Ufer des Sees ihre Freude ein wenig. Sie hasste diese Trutzburgen der Macht. Die hübschen Chalets in San Tomo auf dieser See-Seite gefielen ihr viel besser.

Heute jedoch nahm sie die Umgebung um sich herum kaum wahr. Nachdenklich zog sie den zerknitterten Umschlag aus ihrer Tasche und zog die schwere cremefarbene Karte darin heraus, um die in Gold eingravierten Worte erneut zu lesen. Auch wenn sie den Inhalt inzwischen auswendig kannte.

Lady Navenby

lädt

die Ehrenwerte Madeleine Fitzroy

herzlich zur Hochzeit ihres Sohnes,

Lord Theo Willoughby, Graf von Navenby,

und

Miss Elisaveta Marlowe

in der

Villa Rosa, L’Isola dei Fiori

am 31. August ein.

u. A.w. g. an Flintock Hall

Madeleine drehte die Karte um und runzelte die Stirn. Was hatte man davon, auf einem Schweizer Mädcheninternat gewesen zu sein, wenn man doch nicht wusste, was die Etikette in dem Fall verlangte, dass man zur Hochzeit seines Ex-Verlobten eingeladen war? Erst recht, wenn man es mit diesem Ex-Verlobten sogar bis vor den Traualtar geschafft hatte, ehe er zum Ex-Verlobten wurde?

Nicht dass sie auch nur die geringste Absicht hegte, an dieser Hochzeitsfeier teilzunehmen. Als ehemalige Fast-Ehefrau wäre sie dort sicher nicht gern gesehen.

Sollte sie ein Geschenk schicken? Theo und Elisaveta hatten natürlich ihren Segen. Schließlich war sie selbst es gewesen, die die Hochzeit im allerletzten Moment hatte platzen lassen.

Nein, es war nicht das glückliche Paar, das ihr Bauchschmerzen bereitete. Die zwei gehörten einfach zusammen – auf eine Art, wie sie und Theo es nie getan hatten. Versonnen starrte Madeleine ins Wasser unter sich und betrachtete ihr Spiegelbild auf der Wasseroberfläche. Sie hoffte inständig, dass Theos Hochzeit nur ein knappes Jahr nach ihrem gescheiterten Versuch nicht ein erneutes Aufflammen des Presse-Interesses an ihr selbst mit sich bringen würde.

Mit einem tiefen Atemzug versuchte sie, das vertraute Gefühl von Panik in sich zu unterdrücken. Sie war sicher hier, weit weg von der britischen Presse und einem Skandal, den die meisten Leute bestimmt längst vergessen hatten. Es hatte sie damals alles so unerwartet getroffen. Nie zuvor war sie in den Schlagzeilen einer Zeitung gewesen – und sie hoffte inständig, dass sie es auch nie wieder sein würde.

Sie wollte einfach nur, dass diese ganze schreckliche Geschichte nicht wieder hochkochte. Damit sie wieder nach vorn schauen und einfach Maddie sein konnte, und nicht mehr die Ehrenwerte Madeleine, mit allem, was dies mit sich brachte.

Apropos. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. Ihre Mittagspause war fast vorbei. Es dauerte beinahe zwanzig Minuten, um den kleinen See herum zurück zum Schloss zu laufen, wo E-Mails, Aufgabenlisten und unzählige weitere Pflichten auf sie warteten. Maddie schob den Umschlag zurück in ihre Tasche und rappelte sich auf. Sie musste unbedingt die Menü-Auswahl mit den Wilsons besprechen und mit der Floristin über den Wunsch der Shepherds sprechen, die ausschließlich Butterblumen und Gänseblümchen im Brautstrauß haben wollten. Die Floristin sah sich selbst als Künstlerin, und Maddie hatte jetzt schon keine Lust auf das mit Sicherheit folgende Gespräch über den barbarischen Geschmack der Briten.

Madeleine war sich darüber bewusst, dass es mehr als ironisch war, dass ausgerechnet sie, die die Nase gestrichen voll hatte von Hochzeiten und auch von verstaubten alten Herrenhäusern, genau in diesem Bereich arbeitete, wo beides aufeinandertraf. Und hier war sie nun gelandet, als Hochzeitsplanerin im Castello Falcone, wo sie für Hochzeitspaare aus Großbritannien das perfekte italienische Hochzeitserlebnis inszenierte. Wenigstens bekam sie Geld für ihre Arbeit – zum ersten Mal in ihren sechsundzwanzig Lebensjahren. Denn zuvor hatte sie für Liebe, Unterkunft und ein wenig Taschengeld gearbeitet, und das quasi rund um die Uhr. Jetzt fühlte sie sich frei.

Und bis zum Ende des Jahres würde sie genug Geld gespart haben, um irgendwohin zu ziehen, wo noch nie jemand von der Ehrenwerten Rückzieherbraut gehört hatte.

Nur noch einen kurzen Moment.

Maddie wandte sich wieder den Bergen zu und hob ihre Arme, als wollte sie die herrliche Landschaft vor ihren Augen umarmen. Mit geschlossenen Augen sog sie die klare Luft ein und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut, den Pinienduft. Mehrere Sekunden lang stand sie bloß still da, den Kopf in den Nacken gelegt, bis das Läuten einer Kirchenglocke sie daran erinnerte, dass es nun wirklich Zeit war, wieder an die Arbeit zu gehen. Langsam ließ sie die Arme sinken und öffnete wieder die Augen, nur um im gleichen Augenblick zu erstarren.

Auf der anderen Seite des Sees stand ein Mann und zog sich aus.

Es war kein großer See, aber er war lang und schmal. Die Distanz von einem Ende bis zum anderen mochte etwa dreihundert Meter betragen, was für einen durchschnittlichen Schwimmer kein Problem sein sollte, wenn einem die Kälte des Wassers nichts machte. Was bedeutete, dass Maddie die kleine Bucht am anderen Seeufer, wo der Mann nun nur noch mit Badehose bekleidet stand, klar und deutlich erkennen konnte.

Starr doch nicht so auffällig, schalt sie sich. Es ging sie überhaupt nichts an, was dieser Mann dort tat, das Schwimmen in diesem See war schließlich nicht verboten. Und auf sie wartete eine Menge Arbeit. Sie sollte hier nicht rumstehen und fremde Männer begaffen, denn genau das war es, was sie gerade tat. Das Problem war nur, sie konnte ihren Blick nicht abwenden.

Er war groß und von beeindruckender Statur. Lange, muskulöse Beine unter einem schlanken, wohldefinierten Körper mit starken breiten Schultern. Aus der Ferne erkannte Maddie dunkles zerzaustes Haar. Heißes Verlangen stieg in ihr auf, das sie völlig unerwartet überkam. Es war lange her, dass sie etwas Derartiges empfunden hatte. Wenn sie es überhaupt jemals in der Form erlebt hatte.

„Jetzt bist du also schon so tief gesunken, dass du halb nackten fremden Männern hinterherschauen musst“, murmelte sie und zwang sich wegzusehen. „Gib es zu, Maddie, diese Selbsterfahrungsreise wird ohne Männer nicht möglich sein, du willst doch schließlich jemanden, der dich wirklich von Herzen liebt, oder etwa nicht? Du wirst dich wohl ein wenig umsehen müssen.“

Nicht dass sie jemals ernsthaft auf der Suche gewesen wäre. Ihre Erfahrungen beschränkten sich auf einige wenige kurze Beziehungen, die keine große Bedeutung für sie hatten. Meistens war sie es gewesen, die sie beendet hatte, denn die jungen Männer hatten sie einfach nur gelangweilt. Bis sie mit Theo Willoughby zusammenkam. Sogar verlobt hatte sie sich mit ihm, obwohl ihre Beziehung nicht sonderlich leidenschaftlich gewesen war. Kein Wunder, dass sie beide sich damit zufriedengegeben hatten, sich während der zwei Jahre selten zu sehen – und kaum Zärtlichkeiten auszutauschen, wenn sie sich sahen.

Sie warf einen letzten Blick in Richtung des anderen Seeufers und hielt die Luft an. Der Mann schaute zu ihr herüber, und selbst über die Entfernung hinweg spürte sie seine machtvolle Ausstrahlung. Heißes Blut schoss ihr durch die Adern, während sie dort stand, gefangen durch seinen intensiven Blick. Sie war sich nur zu bewusst darüber, dass er fast nichts anhatte, doch zugleich fühlte auch sie sich wie entblößt vor ihm, denn er fixierte sie ebenso.

Irgendwann schaffte sie es, sich abzuwenden und zu gehen, so als wäre ihr gar nicht bewusst, dass er sie immer noch ansah. Und dann ließ die Spannung auf einmal nach. Und als sie es wagte, sich noch einmal umzusehen, sah sie, dass er im Wasser war und mit schnellen kraulenden Bewegungen durch den See schwamm.

Einen Augenblick lang verharrte sie, um ihn beim Schwimmen zu beobachten. Sie hatte keine Ahnung, wer der Mann war, aber die aufwühlende Begegnung zusammen mit der Hochzeitseinladung musste ein Zeichen sein. Theos Leben ging weiter, und auch für sie war es an der Zeit, dass sie all das abschüttelte, was sie nun schon so lange blockierte. Sie war längst nicht mehr die flüchtende Braut. Und es war an der Zeit, dass sie ein normales Leben anfing. Ein Leben, in dem sie einen Mann fand, der sie liebte, und in dem sie es genoss, ihr eigenes Geld zu verdienen.

Natürlich gab es im Castello Falcone oder in San Tomo – dem kleinen Dorf, das früher einmal den Falcones gedient hatte – nicht gerade viele Gelegenheiten, die große Liebe zu treffen. Der Gardasee mit seinen unzähligen Bars und Restaurants war zwanzig Kilometer entfernt, nach Verona und Mailand war es noch weiter. Es war jedoch genau diese Ruhe und Einsamkeit, die sie überhaupt hierhergezogen hatte.

Gedankenverloren lief sie über den mit Kopfsteinpflaster versehenen Marktplatz des kleinen Dorfes. Wie ferngesteuert fand sie ihren Weg durch die kleinen schmalen Gassen, bis sie wieder auf dem Pfad angelangt war, der um den See herum zum Schloss führte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie die Abzweigung verpasst hatte, die sie zum Hintereingang des Schlosses geführt hätte, zum Personaleingang. Stattdessen strebte sie auf den mit schmiedeeisernen Toren gesicherten Haupteingang zu. Ein wenig verunsichert hielt sie inne. Es würde viel länger dauern, wenn sie umkehrte und den richtigen Weg nahm, und es war nicht so, dass Mitarbeiter nicht auch den Haupteingang benutzen durften.

Die Tatsache, dass der Pfad sie entlang der kleinen Bucht führen würde, wo der geheimnisvolle Fremde ins Wasser gegangen war, hatte jedenfalls nichts damit zu tun, dass sie umkehrte. Konzentriert schaute sie auf den Weg, entschlossen, nicht nach rechts zu schauen, als der See in Sicht kam. Es gelang ihr nicht. Wie von selbst glitt ihr Blick suchend über die sandige Bucht.

Nichts. Kein Mensch war zu sehen. Keine Kleidung, keine Badenden. Nichts außer einer kleinen Sandbucht und klarem Seewasser.

War es Enttäuschung, die sie in ihrer Brust spürte? Das wäre ziemlich lächerlich. Wenn es wirklich schon so weit war, dass sie nur noch durch Voyeurismus so etwas wie Verliebtheitsgefühle spürte, dann sollte sie sich wohl ihre Niederlage eingestehen und sich besser ein Haustier anschaffen.

Mit gesenktem Kopf lief Maddie entschlossen weiter – nur um im nächsten Moment gegen etwas Hartes zu laufen – etwas, das einen Schmerzenslaut von sich gab. Erschrocken trat Maddie einen Schritt zurück und lief knallrot an, als sie sah, wer da vor ihr stand. Aus stahlblauen Augen sah er sie an, und sie brachte ihre entschuldigenden Worte kaum über die Lippen.

„Trovi bella la veduta?“, erkundigte er sich mit scharfer Stimme.

Maddie sprach fließend Italienisch, doch in diesem Augenblick war ihr Kopf wie leer gefegt. „Ich … wie bitte?“ Der Klang ihrer eigenen Worte ließ sie innerlich zusammenzucken. Sie klang so forsch und so typisch englisch wie Lady Bracknell, wenn sie über Handtaschen diskutierte.

„Ich habe gefragt …“, Maddie verkrampfte noch mehr, als der Mann zu perfektem Englisch wechselte, „… ob Sie die Aussicht genossen haben.“

Nein. Das konnte nicht wahr sein. Maddie trat einen weiteren Schritt zurück und musterte den Mann. Groß, dunkelhaarig, mit muskulösen Schultern, die sich unter dem weißen Leinenhemd abzeichneten, das Haar war leicht zerzaust und noch feucht.

Noch feucht …

Der Schwimmer.

Fragend zog Dante eine Augenbraue hoch, doch die schlanke blonde Frau sagte nichts mehr. Prüfend sah er sie von oben bis unten an – groß, zartgliedrig und von eleganter Anmut, wenn sie nicht gerade fremde Leute anrempelte. Ihr langes, seidiges blondes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie sah nicht so aus wie einer der typischen Hochzeitsgäste, die regelmäßig in das Schloss einfielen, um Prosecco in Massen zu trinken und bis in die frühen Morgenstunden zu feiern, während sie sich nicht einmal die Zeit nahmen, die herrliche Kulisse um sie herum zu bewundern. Aber was sollte sie sonst hier machen? Nur wenige Touristen fanden hierher, zu dem kleinen See von San Tomo. Die meisten bevorzugten die Urlaubsorte rund um den Gardasee oder fuhren tiefer in die Berge.

Die blassen Wangen der Frau hatten eine rosige Färbung angenommen, als sie endlich den Kopf hob, um ihn anzusehen. Mit festem Blick fixierte sie ihn, ihre kühlen grauen Augen erinnerten Dante an den See an einem Wintertag. Fast silberfarben waren sie, gesprenkelt mit einer Dunkelheit, die unergründliche Tiefen erahnen ließ.

„Ich hab nicht aufgepasst, entschuldigen Sie bitte“, sagte sie nun mit klarer, fast glockenheller Stimme.

„Sie waren sicher abgelenkt, nicht wahr? Der Ausblick von hier auf den See ist ziemlich atemberaubend.“ In seiner Stimme lag ein wissender Unterton, doch sie ließ sich nicht anmerken, dass es ihr peinlich war.

„Die Berge sind wunderbar, finden Sie nicht auch?“, entgegnete sie, jetzt mit ehrlicher Begeisterung. „Ich werde sie niemals für selbstverständlich nehmen, sie überwältigen mich jedes Mal aufs Neue.“

„Das freut mich, Signorina …“ Er zögerte und beobachtete sie, wie sie mit sich haderte, als wollte sie ihn einerseits ungern gehen lassen, andererseits aber auch nicht aufdringlich wirken.

„Fitzroy, Madeleine Fitzroy.“ Dann lächelte sie. Und überraschenderweise war es die Art von höflichem Lächeln, das man einem Fremden schenkte, wenn man keine Lust hatte, sich mit ihm zu unterhalten. „Entschuldigen Sie nochmals, einen schönen Tag noch!“ Und damit wandte sie sich um und lief sicheren Schrittes auf dem Pfad weiter, als wäre nichts passiert. Für einen kurzen Moment blieb Dante still stehen, genoss den Anblick ihrer schwingenden Hüften unter dem leichten Leinenrock.

Erst das Klingeln seines Handys erinnerte ihn wieder an seine Pflichten. Er konnte hier nicht ewig rumstehen, auch wenn die Aussicht noch so schön war. Morgen würde er eine lange Wanderung hoch in die Berge unternehmen, so wie früher. Aber heute musste er sich dringend um einigen Papierkram kümmern und die neuen Mitarbeiter treffen, die in den letzten paar Monaten angefangen hatten. Es war viel Zeit vergangen seit seinem letzten flüchtigen Besuch im Schloss.

Inzwischen war die junge Frau hinter einer Biegung des Pfads verschwunden, der um den See herumführte, und Dante machte sich in die gleiche Richtung auf. Er kannte den Weg wie seine Westentasche, an jeder Ecke warteten Erinnerungen. Selbst jetzt, nach all den Jahren, nach all dem Leid, konnte er nicht anders, als einen Moment innezuhalten, als das Castello Falcone vor ihm auftauchte. Der Anblick des Schlossgartens mit seinen kunstvoll gestalteten Fontänen und terrassenförmig angelegten Teichen, hinter denen die mächtigen Türme des Schlosses aufragten, beeindruckte ihn immer wieder. Die Kulisse war einfach märchenhaft, selbst ein Filmemacher könnte sich nichts Besseres ausdenken. Und hinter den dicken Mauern verbargen sich Jahrzehnte voller Skandale und Geheimnisse – einschließlich seiner eigenen.

Sein Handy klingelte erneut. Er runzelte die Stirn, während er es aus seiner Tasche zog. Eigentlich hatte er Arianna versprochen, diesen Sommer richtig abzuschalten und nicht an die Arbeit zu denken, aber das gelang ihm meistens nicht. Es gab zu viel, was auf ihm lastete. Ein Blick auf das Display ließ sein Gesicht aufleuchten, es war seine Schwester. Blitzschnell kalkulierte er, dass es in Neuseeland jetzt fast Mitternacht sein musste.

„Ciao, Luciana. E tutto okay?“

„Warum sollte es nicht?“

Dante unterdrückte ein Lächeln, als er die vertraute Stimme hörte. Nach fast zehn Jahren am anderen Ende der Welt hatte seine Schwester einen einzigartigen Akzent. Nämlich eine Mischung aus Italienisch und dem typischen Kiwi-Akzent. Normalerweise sprach sie mit ihm Englisch, das sie mit italienischen Koseworten und Flüchen würzte. Seine Brust zog sich zusammen – wie sehr er sich wünschte, dass sie näher beieinander wohnten, damit sie ihm dabei helfen konnte, Arianna großzuziehen.

„Es ist spät“, bemerkte er sanft. „Ich bin nur überrascht, dass du jetzt anrufst.“

„Ich wollte nur sichergehen, dass es dir gut geht, mio fratello. Bist du im castello?“

„Ich bin heute Morgen angekommen“, bestätigte Dante, während er die sich windende Zufahrt zum Schloss hochlief und schließlich eine der Steintreppen erreichte, die auf die Terrasse führten. „Ariannas Au-pair-Mädchen bringt sie in ein paar Tagen, sobald ich alles für sie vorbereitet habe.“

„Gut. Es wird auch Zeit, dass sie wieder zu ihrem Vater kommt. Es tut euch beiden nicht gut, so lange getrennt zu sein und allein. Vor allem ihr nicht. Sie ist noch so klein.“

Dante versuchte, die bissige Antwort, die ihm auf der Zunge lag, zu unterdrücken, doch es gelang ihm nicht. „Ihre Mutter starb wegen dieser verdammten gefährlichen Bergstraße. Während ich am anderen Ende der Welt war. Aber auch damals war Arianna nicht allein …“

„Es war nicht die Straße, die Violetta umgebracht hat“, unterbrach seine Schwester ihn mit scharfer Stimme. Tatsächlich hatten sie diese Konversation schon unzählige Male geführt, doch Dante musste immer wieder aufs Neue daran erinnert werden. „Es war auch nicht das Eis auf der Straße“, fuhr Dantes Schwester fort. „Es war der Fahrer des Wagens, in dem sie saß. Und der Alkohol und die Drogen. Und ich weiß, Dante: Arianna war sicher bei ihrer Nanny und den anderen Mitarbeitern. Also hör bitte auf, dich zu quälen. Es ist jetzt über fünf Jahre her.“

Über fünf Jahre? Was machten schon Jahre, wenn das Ergebnis immer das gleiche war? Seine Tochter hatte keine Mutter mehr, und der Tod seiner Frau hatte für immer ein schwarzes Loch in seine Seele gerissen.

„Ich weiß, wie lang es her ist, Ciana.“ Er wusste es bis auf den Tag, bis auf die Stunde genau. Ebenso wie er genau wusste, wie unglücklich seine Frau gewesen war. Wie sie sich, kaum, dass sich ihre erste Freude darüber, in einem Schloss leben zu dürfen, gelegt hatte, von den Bergen um sie herum eingeengt gefühlt hatte. Isoliert, weil San Tomo so abgelegen lag. Und wie sie ihn dafür verflucht hatte, dass er so viel gearbeitet hatte und so oft auf Geschäftsreise gewesen war – auch wenn er damit ihren extravaganten Lebensstil finanziert hatte. Dieses unglückliche Leben hatte sie umgebracht – und Dante wusste genau, wer daran Schuld hatte.

Nicht das Glatteis, der Wagen, ihr Liebhaber oder der Alkohol. Er ganz allein war für den Tod seiner Frau verantwortlich gewesen. Und ganz gleich, wie sehr er sich bemühte, er würde es seiner Tochter gegenüber niemals wiedergutmachen können. „Mir geht’s gut, Luciana. Ich freue mich darauf, den Sommer hier zu verbringen. Und Rom für ein paar Monate zu entkommen.“ Er blickte zurück in Richtung See. „Ich war bereits schwimmen.“

„Dein erstes Bad im See in diesem Jahr? Oh, ich vermisse den See so sehr! Die Schulferien haben für mich immer erst dann begonnen, wenn ich im Wasser war …“ Lucianas Stimme hatte einen Hauch von Nostalgie in sich. Dante hingegen verdrehte die Augen, wissend, dass seine Schwester ihn nicht sehen konnte. Er wusste nur zu gut, dass das Haus seiner Schwester inmitten einer wunderschönen Hügellandschaft lag und dass sie in nur fünf Fußminuten an einem See war, der mindestens zehn Mal so groß wie der See von San Tomo war.

„Wir haben hier genug Platz für euch, wenn ihr auf einen Besuch nach Europa kommen wollt.“ Das Angebot war ehrlich gemeint, aber Dante wusste, dass sie die zweitägige Reise in ihr Heimatland so bald wohl nicht antreten würde. Nicht mit drei Jungen im Alter von fünf bis acht und dem großen Weingut, das sie zusammen mit ihrem Mann führte.

Grazie – es ist viel zu lange her, seit ich meine Nichte zuletzt gesehen habe. Dante, darf ich dich um einen Gefallen bitten?“, erkundigte sie sich.

Es gab also doch einen Grund für ihren Anruf. „Jaaaa“, entgegnete er wenig begeistert.

„Meine Amica Giovanna, erinnerst du dich an sie? Sie wurde gerade geschieden – ihr Ehemann war kein netter Mann –, und sie ist nach Mailand gezogen. Sie könnte gerade einen guten Freund gebrauchen. Würdest du dich ein wenig um sie kümmern? Vielleicht könntest du sie zum Essen ausführen?“ Luciana sprach so schmeichelnd, dass Dante unwillkürlich seufzte.

„Ich hatte eigentlich nicht vor, diesen Sommer nach Mailand zu fahren“, gab er zurück. Er hätte wissen sollen, dass so etwas kommen würde, immerhin war es inzwischen mindestens drei Monate her, dass seine Schwester zuletzt versucht hatte, ihn zu verkuppeln.

„Sie hat eine Villa am Gardasee und verbringt ihre Wochenenden regelmäßig dort. Das ist nicht weit entfernt. Und dir würde es sicher auch guttun, ein wenig auszuspannen …“

Perdonami, Luciana, aber ich suche gerade keine neuen Freunde. Ich weiß, du meinst es nur gut, aber bitte, hör doch endlich auf, mich mit deinen Freundinnen zusammenbringen zu wollen.“

„Ich kann die Vorstellung einfach nicht ertragen, dass du ganz alleine bist und niemanden an deiner Seite hast.“ Nun klang Luciana ganz erstickt, und Dante wusste, was das bedeutete. Seine Schwester war kurz davor zu weinen.

Es wäre alles ganz anders, wenn sie hier in der Nähe wäre. Wenn sie sehen könnte, dass es ihm und Arianna gut ging. Er wusste, sie hatte große Schuldgefühle, dass sie Dantes damals so sehr zu der Hochzeit mit Violetta gedrängt hatte. Sie wollte einfach nur, dass er glücklich war. Er konnte es ihr nicht übel nehmen. Wenn sie doch nur endlich aufhören würde, sich Sorgen zu machen …

„Ich bin nicht mehr allein …“ Die Worte sprudelten aus ihm heraus, noch ehe er darüber hatte nachdenken können. „Ich habe eine Frau kennengelernt, aber es ist alles noch sehr frisch, also freu dich nicht zu früh.“

Eine harmlose kleine Lüge. Was machte das schon? Solange Luciana glücklich war? Und aufhörte zu versuchen, ihn mit allen möglichen ihrer Freundinnen zu verkuppeln?

„Tatsächlich? Warum hast du das nicht gleich erzählt?“

„Es ist nichts Ernstes. Ich wollte nicht, dass du dir zu viele Hoffnungen machst.“ Ganz zu schweigen davon, dass sie allenfalls seine imaginäre Freundin war.

„Und? Erzählst du mir mehr von ihr?“, forderte Luciana gespannt, während Dante erstarrte. Mehr? Natürlich, seine Schwester wollte es wie immer ganz genau wissen. Versonnen wandte er sich um und blickte aus dem Fenster hinaus auf den See. Sein Blick fiel auf den Steg auf der anderen Seite, und er dachte zurück an die Frau, die er dort stehen sehen hatte. Wie intensiv sie ihn betrachtet hatte, ganz so, als ob sie in ihm jemanden sah, nach dem sie sich verzehrte.

Zu seiner eigenen Überraschung spürte er, wie das Blut mit einem Mal heißer durch seine Adern rauschte. Wie sein Herz ein klein wenig lauter zu schlagen schien. Sicher, er hatte sich von ihr gestört gefühlt. Schließlich hatte sie sein Feierabendritual gestört. Die Intensität ihres Blickes war fast aufreizend gewesen. Und doch … Der Moment hatte etwas Sinnliches gehabt. Nur sie beide, von Hunderten Metern von Wasser getrennt und doch miteinander verbunden. Für einen Moment.

„Sie ist Engländerin“, antwortete Dante langsam. „Groß und blond.“

„Engländerin? Aha. Und? Was macht sie, wo habt ihr euch kennengelernt? Was meint Arianna?“

Dankbar griff Dante ihre letzte Frage auf, denn auf die anderen Fragen fiel ihm spontan gar keine glaubhafte Lüge ein. „Arianna weiß es noch nicht, also sag bitte nichts, wenn du mit ihr telefonierst. Wie ich schon sagte, wir haben uns gerade erst kennengelernt. Luciana, ich rufe dich später noch einmal an. Ich bin gerade erst vor ein paar Stunden angekommen.“ Bis dahin hatte er sich hoffentlich eine überzeugende Geschichte ausgedacht. Es würde eine lange Sommerromanze werden, auf die eine bedauerliche Trennung im Herbst folgen würde – so hätte er wenigstens ein paar Monate Ruhe vor seiner Schwester.

„Okay, aber dann will ich alles über sie wissen“, drohte Luciana lachend. „Ciao, Dante!“

Ciao. Und, Luciana? Danke für den Anruf. Für all deine Anrufe.“

„Stupido“, murmelte sie bloß und legte auf.

Dante ließ sein Handy zurück in seine Hosentasche gleiten und lächelte zum ersten Mal an diesem Tag ungezwungen. Er freute sich immer über die Anrufe seiner Schwester, er wollte nur, dass sie aufhörte, sich Sorgen um ihn zu machen. Jetzt hatte er es dank seines genialen Geistesblitzes geschafft.

Für die nächste Zeit jedenfalls.

2. KAPITEL

„Großartig! Ich freue mich, Sie in zwei Wochen zu treffen.“ Madeleine legte das Telefon beiseite und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Eigentlich sollte jetzt alles erledigt sein – aber sie würde darauf wetten, dass sie noch mindestens vier weitere Telefongespräche mit Sally Capper führen würde, ehe das Brautpaar zu seiner Hochzeitsfeier in San Tomo ankam.

Natürlich übertrugen die Paare Maddie mit der Organisation ihrer Feier eine große Verantwortung. Sie organisierte die Abholungen am Flughafen, die Zimmer für die Gäste. Sie arrangierte die Zeremonien in der Kirche und in der kleinen Kapelle im castello und machte Vorschläge für das Menü. Nicht zu vergessen die Dekoration des Saales oder des Innenhofs. Sie buchte Frisöre und Visagisten. Sie nahm die Hochzeitskleider entgegen und stellte sicher, dass sie ordentlich gebügelt und aufbewahrt wurden. Jetzt gerade hingen gleich vier Stück in dem urigen Zedernholzschrank hinter ihr.

Sie trocknete Tränen und hörte sich Geschichten über egoistische Verwandte an – sie war Beraterin und Seelsorger zugleich. Manche Bräute waren so angetan von ihr, dass sie Maddie wohl am liebsten als neue beste Freundin hätten. Maddie interessierte das alles nicht besonders. Sie war nur hier, um ihren Job zu machen.

In Wahrheit ließen die meisten Hochzeiten sie ziemlich kalt. Es war die Perfektion, die dem Ganzen seinen Zauber nahm. Tatsächlich war sie immer nur dann berührt, wenn Braut und Bräutigam sich nicht daran störten, dass irgendetwas schiefging. Wenn sie lachten, wenn es anfing zu regnen, wenn sie lächelten, wenn der Großonkel zu einer langatmigen emotionalen Rede ansetzte – all das machte ihnen nichts aus, denn sie waren einfach nur glücklich, sich gefunden zu haben. Später am Abend beobachtete Maddie diese Paare beim Tanzen, wie sie einander ansahen, und jedes Mal wurde ihr das Herz schwer. Würde sie jemals so von einem Mann angeschaut werden – oder würde sie immer nur die hilfsbereite Maddie sein, das Mädchen aus gutem Hause, das einem alle Wünsche erfüllte?

Alles, was sie wollte, war, eines Tages jemanden zu haben, für den sie die Welt bedeutete.

Vielleicht sollte sie sich einen Hund anschaffen.

Als sie im Hof hinter ihrem Büro Stimmen hörte, wandte sie sich um. Eigentlich sollte dort draußen jetzt niemand sein, sie hatte gerade die Hinterlassenschaften der Feier vom Vorabend aufgeräumt und die Zimmer für die neuen Gäste vorbereitet. Es war alles so weit fertig. Maddie stand auf, um aus dem Fenster zu schauen, doch sie sah niemanden.

Ein wenig müde streckte sie sich und schloss ihren Laptop. Heute würde sie ohnehin nichts mehr schaffen, und morgen stand eine weitere anstrengende Hochzeitsfeier bevor. Eigentlich hätte sie an den Tagen zwischen den Feiern freinehmen sollen, aber das machte sie nur selten. Für Freizeit würde sie noch genug Zeit haben, wenn sie endlich genug gespart hatte, um auf Reisen zu gehen.

Sie griff nach ihrer Tasche und ging zu der schmalen Glastür, die sie hinaus auf den überdachten Laubengang brachte, an dessen Ende eine Steintreppe in den Innenhof führte. Ihr Büro befand sich auf der Rückseite des Schlosses mit Blick auf den wunderschönen gepflasterten Hof mit seinen eleganten Mauerbögen, Blumentöpfen und dem beeindruckenden Marmorspringbrunnen in der Mitte.

Madeleine war ein Zimmer im Schloss angeboten worden, doch sie hatte sich dafür entschieden, ein kleines Apartment in einem Chalet am Dorfrand zu mieten. Schließlich war sie inmitten von Prunk und mittelalterlichen Gewölben aufgewachsen. Zugige Korridore, rauchende Kamine und glitschige Steinstufen sowie winzige Fenster, durch die kaum Licht fiel, waren ihr nur zu vertraut. Ebenso wie antike Möbelstücke und verstaubte Ölgemälde, von denen streng ausschauende Vorfahren einen anschauten.

Nein, sie überließ es lieber den Brautpaaren, die vermeintliche Romantik all dessen von ihrem Himmelbett aus zu bewundern, während sie selbst ihr kleines Apartment mit seinen spektakulären Ausblicken auf die Seen und seiner bescheidenen, aber praktischen Einrichtung genoss. Maddie gefiel es genau so, sie brauchte all den Pomp nicht. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, die sich über die modernen leuchtenden Farben ihrer Überdecken und Kissen, mit denen Maddie ihr neues Zuhause dekoriert hatte, schrecklich aufregen würde.

In Gedanken versunken stieg sie die alten Steinstufen hinab und listete innerlich all die Dinge auf, die sie am nächsten Tag zu erledigen hatte. Dabei registrierte sie die kleine Gruppe Menschen, die in der Ecke des Innenhofes stand, erst, als sie unten angekommen war. Der Klang ihrer Absätze auf dem Pflaster schien bis zu ihnen vorgedrungen zu sein, denn auf einmal hörten alle drei Männer auf zu reden und wandten sich um. Maddie lächelte, als sie ihren Chef, den Verwalter des Schlosses, Guido, erkannte sowie den älteren Mann, einen der Buchhalter im Falcone-Hauptquartier in Rom.

Als ihr Blick jedoch auf den dritten Mann fiel, setzte ihr Herz fast aus. Was machte der Mann vom See hier? Dem Aufflackern seiner blauen Augen nach war er ebenso überrascht, sie zu sehen, wie sie es war – andererseits war das Dorf winzig klein. Jeder kannte hier jeden. Die Wahrscheinlichkeit, dass er in irgendeiner Weise mit dem Schloss zu tun hatte, war also recht hoch.

Nachdem der erste Ausdruck von Erstaunen in seinem Gesicht einer diskreten Neutralität gewichen war, machte er einen Schritt auf sie zu. „Nett, Sie wiederzusehen, Signorina.“

Guido blickte überrascht von einem zum anderen. „Ihr kennt euch?“

„Wir sind uns am See über den Weg gelaufen, aber wir wurden einander noch nicht vorgestellt“, erklärte der Fremde.

Maddie ballte beim spöttischen Tonfall in seiner Stimme die Fäuste, doch sie schaffte es, ein Lächeln aufzusetzen. „Genauer gesagt bin ich in ihn hineingelaufen. Es war mein Fehler.“

„Ich glaube, die Signorina war einfach zu fasziniert gewesen von der Aussicht.“

Maddies Fäuste verkrampften sich noch fester, doch sie überspielte es mit einem breiten Lächeln. „Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders“, gab sie zu und gab ihr Bestes, ihn nicht merken zu lassen, wie sehr er sie ärgerte.

„Maddie ist eine unserer fleißigsten Mitarbeiterinnen. Wir können uns sehr glücklich schätzen, dass wir sie haben.“ Zu Maddies Erleichterung hatte Guido sich eingeschaltet. „Dante, das ist Madeleine Fitzroy. Sie organisiert die Hochzeiten hier im Castello. Maddie, darf ich vorstellen? Graf Falcone.“

Maddie hatte ihm bereits die Hand entgegengestreckt, noch ehe sie die neue Information richtig verarbeitet hatte. Es war gar nicht einmal der Titel des dunkelhaarigen Mannes, der sie verblüffte – die meisten ihrer Verwandten trugen Adelstitel. Es war die Erkenntnis, dass der Mann ihr Arbeitgeber war. Ihr allererster Arbeitgeber überhaupt, und ausgerechnet ihn hatte sie am See so obsessiv beobachtet. Und er hatte es auch noch bemerkt. War das jetzt die Strafe dafür?

„Sie sind die Hochzeitsplanerin?“ Seine Stimme klang ebenfalls überrascht. Als er ihre Hand ergriff, war es nur eine kurze Berührung, aber sie durchfuhr sie wie ein Stromstoß.

„Ich … ja, ich …“

Herrgott, Maddie, reiß dich gefälligst zusammen.

Schließlich war sie doch bereits drei Mal zum Tee bei der Queen eingeladen gewesen und hatte es auch dort geschafft, höflich Konversation zu betreiben und dabei die Fassung zu wahren. Dieser große gut aussehende Mann mit dem boshaften Lächeln schüchterte sie doch wohl nicht mehr ein als die Königin von England? „Ich bin schon seit fast einem Jahr dabei“, erklärte sie endlich. Genauer genommen hatte sie kurz nach ihrer Flucht vor ihrer eigenen Hochzeit hier angefangen. Sie hatte einfach nur der Presse entkommen wollen, und der offensichtlichen Enttäuschung ihrer Mutter. Ein Freund hatte ihr erzählt, er habe von einem Stellenangebot irgendwo in den italienischen Dolomiten gehört, für jemanden, der flüssig Italienisch sprach und gut organisieren konnte. Maddie hatte keine Sekunde gezögert.

„Du hattest ihrer Einstellung letzten Sommer zugestimmt, ehe du zurück nach Rom geflogen bist“, bestätigte Guido. „Maddie hat bereits ähnliche Events in England organisiert.“

Ihr Lebenslauf hatte obendrein preisgegeben, dass einer dieser Veranstaltungsorte der Wohnsitz ihrer Familie war, während der andere sich im Besitz ihres Ex-Verlobten befand. Dass sie dazu nicht einmal Geld für ihre Arbeit bekommen hatte, änderte nichts an der Tatsache, dass sie ihre Sache extrem professionell gemacht hatte. Darum hatte sie auch nicht die geringsten Bedenken gehabt, diese Erfahrung zu nutzen, um einen Job zu bekommen, für den sie auch bezahlt wurde.

, ich erinnere mich. Ich hatte nur jemanden erwartet, der ein wenig älter ist …“

„Ich habe früh angefangen mit dem Arbeiten“, erklärte Maddie und rückte die Tasche auf ihrer Schulter zurecht, um diskret zu signalisieren, dass sie, so nett die Begegnung mit ihrem Chef auch sein mochte, eigentlich anderes zu tun hatte.

„Offensichtlich.“ Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht, und Maddie wand sich innerlich. Sie fühlte sich sichtlich unwohl unter seinem eindringlichen Blick.

„Hast du es eilig?“, fragte Guido sie. „Ich hatte vor, dem Grafen einige der Veränderungsmaßnahmen zu zeigen, die du in den Zimmern durchführen lassen hast. Aber du könntest es viel besser erklären, vielleicht möchtest du uns begleiten?“

Unbehaglich trat Maddie von einem Bein auf das andere. Normalerweise würde sie sich eine Gelegenheit, ihre gute Arbeit zu präsentieren, nicht entgehen lassen. Sie war sehr stolz auf all das, was sie die letzten Monate erreicht hatte. Aber sie fühlte sich einfach zu unwohl unter Dante Falcones stechendem Blick.

„Ich bin mir sicher, die Signorina hat für den Abend bereits etwas Besseres vor, vielleicht einen Spaziergang um den See?“, zog der Graf sie auf und funkelte sie aus seinen dunklen Augen an.

Stolz hob Maddie ihr Kinn. „Natürlich führe ich Sie gern herum. Wenn Sie mir bitte folgen möchten?“

Den Großteil ihrer Arbeitszeit verbrachte Maddie im Bereich des Innenhofs. Die beiden oberen Etagen der alten Ställe waren für Gäste ausgebaut worden. Sie boten Platz für etwa sechzig Personen in gemütlichen En-Suite-Schlafzimmern. Das Erdgeschoss des einen Flügels war mit einem Aufenthaltsraum, einer Bibliothek und einem Spielezimmer ausgestattet worden, während der andere Flügel einen großen Speisesaal beherbergte sowie einen Trockenraum für Wanderschuhe oder Ski für die etwas abenteuerlustigeren Gäste.

Im dritten Flügel, dem ältesten Teil des Schlosses, befand sich ein mittelalterlicher Saal, der häufig für Hochzeitszeremonien und Empfänge genutzt wurde. Wobei die Gäste im Sommer es meist bevorzugten, draußen zu heiraten. Dieses Angebot war eine der Innovationen, die Maddie gleich am Anfang durchgesetzt hatte.

Jetzt würde sie den Grafen mit all den anderen Dingen beeindrucken. Die Buchungen waren nie so zahlreich eingegangen wie in letzter Zeit. Der große Erfolg war eindeutig Maddie zu verdanken.

Dante musste zugeben, dass die junge Engländerin wahre Wunder bewirkt hatte. All diese Zimmer waren bei seinem letzten Besuch noch mit düster wirkenden antiken Möbelstücken des Schlosses ausgestattet gewesen. Jetzt waren die Wände hell gestrichen, die Räume mit bequem wirkenden Sofas und Stühlen eingerichtet, die großzügig mit hellen Decken und Kissen versehen waren. Alles wirkte angenehm, sauber und gemütlich.

Die gleiche Magie hatte auch in den oberen Räumen für kleine Sensationen gesorgt. Die uralte Einrichtung war fast komplett ersetzt worden durch einladende helle Holzbetten, weiche Stoffe und farbenfrohe Drucke an den Wänden. „Wir haben noch immer einige der antiken Stücke hier, wie die große Vase da drüben zum Beispiel“, erklärte Maddie. „Aber es sind nur noch Akzente, die einen besonderen Blickfang darstellen.“

„Ich bin sehr positiv überrascht“, gab Dante zu, als sie das letzte Zimmer im Korridor erreicht hatten, einen von Sonnenlicht durchfluteten Raum, der in fröhlichen Gelb- und Orangetönen gehalten war. „Das muss aber einiges gekostet haben, oder nicht?“

Nicht dass er es sich nicht hätte leisten können. Aber die Hochzeiten machten nur einen winzig kleinen Teil seines Geschäfts aus. Das Falcone-Vermögen stammte aus der Landwirtschaft, der Schifffahrt und aus dem Oliven- und Weinanbau. Er war froh, dass das Schloss mehr war als bloß eine seelenlose Sommerresidenz, und er war dankbar, den Dorfbewohnern einen Arbeitsplatz bieten zu können, aber er betrieb nun einmal keinen Wohltätigkeitsverein, und auch das Castello Falcone musste sich bezahlt machen.

„Es war nicht billig, das ist richtig“, gab sie zu. „Aber ich denke, die Ergebnisse sprechen für sich. Wir sind bereits für das komplette nächste Jahr ausgebucht.“ Maddie begegnete seinem Blick betont kühl, doch Dante entging der Anflug von Unsicherheit in den grauen Tiefen ihrer Augen nicht.

„Sehr beeindruckend“, murmelte er leise und beobachtete fasziniert, wie ihre Unsicherheit sich löste und die Farbe ihrer Augen zu einem hellen Silberton wechselte. Es war nicht zu übersehen, wie stolz sie sein Kommentar machte.

Die Zeit schien stillzustehen, als ihre Blicke sich trafen. Guido und Toni, der Buchhalter, waren wieder ins Erdgeschoss zurückgekehrt, um sich etwas anzusehen, was repariert werden musste, sodass Dante allein war mit seiner neuen Eventmanagerin. Und plötzlich schien diese Situation sehr gefährlich zu sein.

Das hier war sein Zuhause, sein Arbeitsplatz – und was noch viel wichtiger war: Seine Tochter würde in zwei Tagen kommen. Er hatte keine Zeit für eine Affäre, selbst wenn Maddie Interesse haben sollte.

Nein, es war besser, er dachte gar nicht erst an eine interessierte Maddie. Nicht, wenn sie beide hier allein waren und sie ihn immer noch mit ihren Blicken verschlang, die Lippen leicht geöffnet. Nicht mit der noch viel zu lebhaften Erinnerung daran, wie sie ihn über den See hinweg angesehen hatte.

„Ich glaube, jetzt haben wir alles gesehen“, sagte sie mit leicht rauer Stimme. Ihre Wangen waren etwas gerötet, dann wandte sie sich ab und lief vor ihm aus dem Schlafzimmer in Richtung Treppe. „Ich bin mir sicher, Guido hat Ihnen bereits von der Strategie berichtet, die wir uns überlegt haben?“

„Haben Sie die Hochzeitssuite auch verändert?“, erkundigte er sich plötzlich, sodass Maddie abrupt stehen blieb, eine Hand bereits auf dem Treppengeländer.

„Ich habe einige Änderungen vornehmen lassen, ja.“

„Zeigen Sie sie mir.“

In ihren Augen blitzte es auf, doch sie entgegnete nichts, sondern nickte bloß leicht, ehe sie vor ihm die schmale Treppe hinunterstieg. Dante folgte ihr und musste sich anstrengen, nicht das Schwingen ihrer Hüften und ihres langen seidigen Haars zu beobachten. Wenn er sich auch nur einen letzten Funken Verstand bewahrt hätte, dann würde er Madeleine Fitzroy jetzt gehen lassen, damit sie ihren Feierabend genießen konnte, und sich die Hochzeitssuite allein anschauen. Nach einem weiteren Bad im eiskalten See.

Nein. Es war nicht so, dass er insgeheim noch mehr Zeit mit Maddie verbringen wollte. Hier ging es einfach nur ums Geschäft. Wenn sie Renovierungsarbeiten veranlasst hatte, dann war es nur vernünftig, dass sie ihm die Änderungen persönlich zeigte. Seine Entscheidung hatte rein gar nichts damit zu tun, dass etwas in ihm erwacht war, seit sie ihn am See so unverschämt neugierig angeschaut hatte. Es hatte ein Feuer in ihm entfacht, das sich nicht mehr ersticken ließ. Und es hatte auch nichts damit zu tun, dass das Telefongespräch mit seiner Schwester ihm erneut bewusst gemacht hatte, wie einsam sein Leben eigentlich war.

Es dauerte nicht lange, bis sie an der mächtigen hölzernen Rundbogentür angelangt waren, die in den ältesten Teil des Schlosses führte. Der Flügel, in dem sich die Zimmer der Mitarbeiter und die Büros befanden, lag genau im rechten Winkel zu dem alten Saal. Die neueren Teile mit den vielen Türmchen und Terrassen befanden sich auf der anderen Seite in Richtung des Sees. Selbst sie waren bereits vor fünfhundert Jahren errichtet worden.

„Hier habe ich gar nichts verändert“, sagte Maddie leise, als sie vor Dante den großen Saal betrat. „Es ist perfekt, so wie es ist.“

Und das war es tatsächlich. Das Deckengewölbe beeindruckte mit seinen massiven Holzbalken, die Fenster aus buntem Glas färbten das einfallende Tageslicht auf dem Steinboden in die schönsten Farben. In einer Ecke stand eine überdimensionale Vase, gefüllt mit duftenden Blumen. Die Stühle waren in ordentlichen Reihen aufgestellt und mit weißem Leinen bezogen. Am Ende jeder Reihe standen auf einem Sockel weitere Blumenvasen.

„Es ist alles vorbereitet für morgen“, kommentierte sie.

Dante beobachtete sie, wie sie den Blick durch den Raum schweifen ließ und überprüfte, ob nichts fehlte. Dann zog sie ein Notizbuch aus ihrer Tasche und schrieb einige Dinge nieder. Es war nicht zu übersehen, dass sie ganz in ihrer Aufgabe aufging.

Dante war es gar nicht gewohnt, ignoriert zu werden. Erst recht nicht von Frauen. Es war ein neues, ungewohntes Gefühl, und es erweckte ein tiefes, fast animalisches Verlangen in ihm, sie dazu zu bringen, ihm Aufmerksamkeit zu schenken.

„Entschuldigung, mir sind gerade noch ein paar Dinge eingefallen“, erklärte sie schließlich entschuldigend und wandte sich ihm wieder zu. Dann deutete sie in Richtung der Wendeltreppe am anderen Ende des Saals. „Sollen wir?“

„Gern.“

Die Wendeltreppe führte direkt in die Hochzeitssuite. Das letzte Mal, dass Dante hier gewesen war, war es noch eine reichlich dekorierte Reihe von Räumen gewesen, in die nur wenig Licht durch die schmalen Fenster fiel. Antike Wandteppiche hatten an den Wänden gehangen, während der Steinboden mit schweren Teppichen ausgelegt gewesen war. Dunkle, massive Möbel hatten den Raum dominiert. Alles hatte mehr an die Höhle eines mittelalterlichen Verführers erinnert als an eine romantische Unterkunft für Frischverheiratete.

Doch jetzt konnte er seinen eigenen Augen nicht trauen. War das noch die gleiche Suite? „Wo sind die Wände?“, brachte er schließlich mühsam hervor.

„Es waren keine Originalwände, keine Sorge“, beruhigte sie ihn. „Laut dem Architekten, den ich beauftragt habe, waren sie erst im neunzehnten Jahrhundert hinzugefügt worden“, beeilte Maddie sich zu erklären, den Blick ängstlich auf ihn gerichtet. „Wie finden Sie es?“

Das Apartment war jetzt ein großer Raum und dank des geschickten Einsatzes von Spiegeln viel heller als vorher. Das mächtige Himmelbett – ein Bett, das Dantes Urururgroßvater den Erzählungen nach genutzt hatte, um unzählige verheiratete Frauen zu verführen – stand noch immer an seinem Platz und war mit zahlreichen pastellfarbenen Kissen dekoriert. Es wirkte jetzt eher einladend, nicht mehr furchteinflößend wie früher.

Trotz des warmen Sommertages war der offene Kamin mit Holzscheiten gefüllt. Davor standen eine bequem aussehende Chaiselongue und ein kleines Sofa. Weiche Teppiche bedeckten den kühlen Steinboden.

Dante sog alles in sich auf. Wie konnte ein solch dunkler, formeller Ort auf einmal so behaglich wirken?

„Warum steht die Badewanne mitten im Raum?“ Dante musste zwei Mal hinschauen, doch er irrte sich nicht. Die antike Eisenwanne aus dem Badezimmer stand jetzt festgeschraubt auf einem Podest in der Mitte des Raums. Ein freistehender hölzerner Handtuchhalter stand auf einer Seite, auf einem schmalen Konsolentisch auf der anderen standen Kerzen und Badeöle.

„Wir haben das Badezimmer in eine Nasszelle umgewandelt.“ Maddie wagte es kaum, ihn anzusehen. Ihre langen Wimpern verdeckten ihren Blick. „Guido hatte angeboten, Ihnen die Pläne zu schicken, aber Sie hatten damals die Details uns überlassen wollen.“

„Sì“, erinnerte Dante sich, den Blick noch immer auf die imposante Badewanne gerichtet. Man sah sie von jeder Ecke des Raumes aus. Ein Mann könnte im Bett liegen und seiner Braut beim Baden zuschauen … während das Kerzenlicht ihre feuchte Haut in ein warmes Licht tauchte. „Und das sind also die Details, die Ihnen gefallen? Jemandem beim Baden zuzusehen?“

„Ich …“ Sie brach ab.

Dante hatte sich gegen die Wand gelehnt und richtete jetzt den Blick fest auf sie.

„Viele luxuriöse Schlafzimmer haben die Badewanne in der Mitte“, rechtfertigte sie sich und wandte sich ab, doch Dante hatte die Röte auf ihren Wangen bereits gesehen. „Das ist nichts Neues.“

„Das ist mir wohl bewusst“, gab er ein wenig spöttisch zurück. „Es kann dem Abend aber auch eine besonders intime Atmosphäre verleihen.“ Er sprach betont langsam, als wollte er sie ein wenig quälen. „Das war aber gar nicht meine Frage … Madeleine … Darf ich Sie duzen?“, erkundigte er sich auf einmal und sprach erst weiter, als sie zögernd nickte. „Ich hatte gefragt, ob es dir gefällt, Leuten beim Baden zuzuschauen.“

„Ich …“, begann sie, dann schien sie nicht weiterzuwissen. Nach einem kurzen Augenblick richtete sie sich jedoch auf und blickte ihm fest in die Augen, stolz wie eine junge Göttin. „Ich schulde Ihnen … dir … eine Entschuldigung. Ich habe dich heute bei einem sehr privaten Moment gestört und …“ Wieder hielt sie inne, und ihre Augen wurden ganz dunkel. Fasziniert beobachtete Dante sie. „Nein, eigentlich will ich mich nicht entschuldigen“, sagte sie dann ein wenig lauter. „Du warst an einem öffentlichen Strand, jeder hätte dich sehen können. Wenn sich überhaupt jemand entschuldigen müsste, dann bist du es. Denn du hast versucht, mich in Verlegenheit zu bringen.“

Dante wusste nicht, was er denken sollte, er war hin- und hergerissen zwischen Belustigung über ihre Empörung – und Scham. Sie hatte recht. Er hatte sie in Verlegenheit gebracht. Aber warum hatte er das getan? Wegen des unerwarteten Hochgefühls, das ihn überkommen hatte, als er heute Mittag ihren Blick bemerkt hatte? Als er festgestellt hatte, wie verzaubert sie von ihm gewesen war? Und wie sicher es war, ihren Blick zu erwidern, wo doch der See zwischen ihnen lag.

Er war ihr Chef. Er hatte Macht über sie. Es war unter seiner Würde, sich auf diese Art von Spiel einzulassen.

Mi scusa, du hast recht. Es war nicht richtig von mir, und es wird auch nicht wieder vorkommen. Vielen Dank, dass du mir alles gezeigt hast, Signorina, ich wünsche dir noch einen schönen Abend.“ Mit einem Nicken drehte Dante sich um und ging. Er schwor sich, von nun an jede Interaktion mit Madeleine Fitzroy so sachlich und knapp wie möglich zu halten. Auch wenn sie das castello den ganzen Sommer lang miteinander teilen würden. Zum Glück bot es viel Platz. Sie würden sich schon aus dem Weg gehen können.

3. KAPITEL

Dante schaute aus dem Fenster. Der See war spiegelglatt, und Sonnenstrahlen glitzerten auf dem Wasser. Hinter dem See erhoben sich die Berge in einem majestätischen Halbkreis. Das Herz wurde ihm schwer bei dem vertrauten Anblick, der wie so oft eine Mischung aus Sehnsucht und Widerwillen in ihm weckte. Das castello war einmal sein Zuhause gewesen. Der Ort, den er mehr geliebt hatte als jeden anderen. Jetzt war es eine ständige Erinnerung an seine Ehe. Die größte Niederlage seines Lebens.

Abrupt wandte er sich vom Fenster ab, um sich wieder seinem Computer zu widmen. Doch stattdessen fiel sein Blick auf das gerahmte Foto auf seinem Schreibtisch. Ein Schwarz-Weiß-Porträt einer jungen Frau, die ein Baby in den Armen wiegte. Violetta mit der gerade geborenen Arianna.

Wenn es nach Dante gegangen wäre, hätte er sämtliche Fotos von Violetta am Tag nach ihrer Beerdigung zerrissen, aber das hätte er seiner Tochter nicht antun können. Sie brauchte es, Bilder von ihrer Mutter im Haus zu sehen. An ihr Gesicht erinnert zu werden, ihren Namen zu hören. Also hatte er die Zähne zusammengebissen und Violettas Bilder und Porträts sowohl in Rom als auch hier im castello hängen gelassen. Und wenn er nun bittere Schuldgefühle und Selbsthass empfand, jedes Mal, wenn er ihr Gesicht sah – war es nicht genau das, was er verdient hatte?

Er konnte keine Ehe bereuen, die ihm seine Tochter beschert hatte, aber er würde es sich nie verzeihen, dass er ein solcher Idiot gewesen war und sich von einem schönen Gesicht hatte verführen lassen. Die Erfüllung all seiner Hoffnungen und Träume hatte er in dieser Frau mit dem schönen Gesicht gesehen. Wäre er älter und weiser gewesen und hätte sich die Mühe gemacht, hinter die Maske zu schauen, dann hätte er gesehen, dass Violetta an nichts anderem als an seinem Titel und dem Schloss interessiert war – und das Schloss hatte sie schon nach kürzester Zeit gelangweilt. Er war ständig auf Geschäftsreisen gewesen, und sie hatte nichts mit sich anzufangen gewusst. Er hatte geglaubt, das Mutterdasein würde sie besänftigen und ihr etwas zu tun geben. Leider hatte er sich geirrt.

Das Tragische daran war, dass er sich viel zu sehr in diese hübsche Maske verliebt hatte. Er hatte sie von ganzem Herzen geliebt, und ein Teil von ihm trauerte ihr immer noch nach. Dabei hatte sich die Liebe für ihn als die größte Lüge überhaupt entpuppt. Violetta war es nur um den Status gegangen, und er hatte sich von einer bildschönen Fassade blenden lassen.

„Al diavolo“, fluchte er leise. Es war ein wunderschöner Sommertag. Irgendwo draußen im Schlossgarten spielte seine Tochter. Die Arbeit musste jetzt erst einmal warten, schließlich war Wochenende. Diese Lektion hatte er zum Glück endlich gelernt. Doch als er gerade seinen Stuhl zurückschob, ging ein Videoanruf ein. Einen kurzen Moment lang zögerte er, dann ließ er sich seufzend wieder in seinen Stuhl sinken und drückte „Annehmen“. Nur wenige Leute hatten seine Nummer, es musste also etwas Wichtiges sein.

„Ciao!“

Dante lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück, als das strahlende Gesicht seiner Schwester auf dem Display erschien. Luciana war fünf Jahre älter, jedoch wirkte sie eher jünger als ihr Bruder. Sie war Mutter von drei Kindern, doch ihre olivfarbene Haut wies nicht eine einzige Falte auf. Ihr Haar war so dunkel und glänzend wie eh und je. Nur ihre Augen wirkten irgendwie müde, nicht so lebhaft wie sonst.

„Schon zum zweiten Mal in dieser Woche. Was verschafft mir die Ehre?“

„Wie geht es meiner Nichte?“, erkundigte Luciana sich. „Ist sie gut angekommen?“

„Sie ist draußen beim Spielen, und ja, sie hat sich sogar schon gut eingelebt und kennt jede Ecke im Schloss. So wie wir damals.“ Luciana und Dante hatte es das Herz gebrochen, als ihre Eltern mit ihnen vom Schloss in ein langweiliges Stadthaus in Mailand gezogen waren. Dante hatte sich damals geschworen, dass er niemals woanders als im Schloss leben würde, wenn er einmal der Graf war.

Seit vier Jahren hatte er nun nicht mehr hier gewohnt. Er hatte sich eingebildet, dass es glückliche Jahre gewesen waren. Offenbar war er blind gewesen – oder einfach ignorant.

„Und? Wie läuft es mit deiner heimlichen neuen Freundin?“ Aus schmalen Augen sah Luciana ihn über das Display an. „Hast du mir eigentlich schon ihren Namen verraten?“

Natürlich hatte er das nicht getan – und Dante wusste, dass seiner Schwester diese Tatsache sehr wohl bewusst war. „Soweit ich mich erinnere, nein.“ Er lehnte sich noch weiter in seinem Stuhl zurück und grinste, als seine Schwester ihn strafend ansah.

„Dante, spann mich doch nicht so auf die Folter.“

„Ich sagte doch, es ist noch nichts Verbindliches …“

, ich weiß. Aber ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht, mio fratello. Darum möchte ich jetzt ein wenig an deinem Glück teilhaben. Erzähl mir von ihr, wie habt ihr euch kennengelernt?“

Verdammt. Was sollte er jetzt sagen? Er war ohnehin nicht gut darin, über Beziehungskram zu sprechen, aber nun sollte er über eine Freundin berichten, die es gar nicht gab. Dante blickte hinaus zum See, als hoffte er, dort eine Art Inspiration zu finden. Eine Gruppe junger Leute mit Kajaks und Ruderbooten stand am Strand direkt vor den Toren des Schlosses – sicherlich Hochzeitsgäste. Guido hatte erwähnt, dass Maddie für die Sommermonate ein Wassersportangebot eingeführt hatte.

Maddie. Natürlich. Warum borgte er sich nicht von ihr ein paar Informationen für seine Geschichte?

Mit heimlich gekreuzten Fingern schlug er einen leichtfertigen Tonfall an. „Sie arbeitet hier im castello. Ich habe sie letzten Monat kennengelernt, als wir eine Mitarbeiterbesprechung hatten.“

„Und?“

„Und was?“

„War es Liebe auf den ersten Blick?“

Dante dachte zurück an den Moment, als er Maddie am anderen Seeufer hatte stehen sehen. Wie sie einander mit Blicken fixiert hatten. Wie sein Herz immer schneller gepocht hatte. Dann erinnerte er sich daran, wie sie ihn im alten Stallflügel herumgeführt hatte. Wie er versucht hatte, ihr näher zu kommen, so wie sie ihn in ihren Bann gezogen hatte mit ihren Blicken. Wie er jetzt während der vergangenen drei Tage strikt jegliche Orte gemieden hatte, an denen sie sich möglicherweise aufhalten könnte. „Ich weiß nicht so recht“, entgegnete er langsam. „Aber die Chemie hat auf jeden Fall gestimmt.“

„Und jetzt werdet ihr den ganzen Sommer über zusammen arbeiten! Bitte versprich mir, Dante, vermassle es nicht aus irgendeiner lächerlichen Loyalität Violetta gegenüber. Es sind fünf Jahre vergangen. Zeit, nach vorn zu schauen.“

Dante antwortete nicht. Er hatte Violettas Tod einigermaßen verarbeitet, aber er hatte seine Lektion gelernt: Seinem Herzen konnte er nicht trauen. Sollte er jemals wieder heiraten, dann wäre es eine praktisch veranlagte Frau. Jemand, der ihm mit seinem Geschäftsimperium half und damit klarkam, dass er aufgrund seines Titels nun einmal soziale Verpflichtungen hatte.

„Ihr seid euch also begegnet, und die Chemie hat gestimmt, und jetzt wirst du mit … wie war ihr Name noch?“

Dante wusste, wann es keinen Sinn mehr machte, seiner Schwester etwas vorzuenthalten. „Madeleine. Maddie.“

„Und jetzt wirst du mit Madeleine deinen Sommer verbringen. Perfekt! Ich kann es gar nicht abwarten, sie kennenzulernen.“

Wie bitte? „Kennenlernen?“

. Oh, ich Dummchen, das war doch der Grund meines Anrufs. Ich bin so erschöpft, Dante, überhaupt nicht mehr ich selbst. Phil hat mich sogar zum Arzt geschickt …“

Dante hatte es sich also nicht eingebildet. Die Müdigkeit in Lucianas Augen war echt. „Ist alles in Ordnung?“

„Abgesehen von einem Dutzend Tests und schmerzenden Spritzen, ja. Der Arzt hat mir geraten, es eine Weile langsamer angehen zu lassen. Nur – wie soll ich das machen mit den Jungs und dem Weingut und allem anderen, worum ich mich kümmern muss? Ich bin einfach fertig mit den Nerven, und Phil besteht darauf, dass ich mir einen ausgiebigen Urlaub genehmige. Dass ich für ein paar Wochen nach Hause fahre und mich von meinem geliebten Italien wiederbeleben lasse.“

„Du kommst also nach San Tomo?“

„Ist das nicht wundervoll?“

„Ja.“ Das war es tatsächlich. Natürlich war es das.

Wenn da nicht seine Lüge wäre.

„Ich hatte mir gedacht, ich verbringe ein paar Tage mit dir und fahre dann nach Luzern, um Mama zu besuchen. So könnte ich Arianna noch einmal richtig kennenlernen und deine Madeleine, und gleichzeitig entkomme ich unserem Winter. Mein Flug geht in drei Tagen, das heißt, ich werde schon am Donnerstag bei euch sein!“

„Donnerstag?“ Während er mechanisch die Ankunftsdaten seiner Schwester notierte, wirbelten in seinem Kopf die Gedanken wild durcheinander. Er brauchte dringend einen Plan. Luciana würde in weniger als einer Woche in Rom landen, das hieß, er hatte gerade einmal vier Tage Zeit, sich vorzubereiten.

Vielleicht könnte er sagen, dass seine Freundin nach England hatte zurückkehren müssen?

Dummerweise hatte er seiner Schwester jedoch ihren Namen verraten und ihr erzählt, dass sie im castello arbeitete. Vielleicht könnte er Maddie für ein paar Wochen in sein Büro in Rom oder Mailand schicken?

Das Problem war, dass der ganze Sommer bereits mit Hochzeiten verplant war.

Vielleicht sollte er die Wahrheit sagen. Auch wenn er seiner Schwester damit das Herz brechen würde – und sich zur Wiedergutmachung doch wieder mit ihren Freundinnen einlassen würde. Egal was er tat, er würde mit seiner Schwester Ärger haben.

Es sei denn …

Womöglich konnte er die Situation doch noch retten.

Während der letzten Tage hatte Maddie keine Lust gehabt, in der Mittagspause ihre üblichen Spaziergänge um den See zu machen. Ihr wurde immer noch ganz heiß vor Scham, wenn sie an den Moment dachte, in dem sie realisiert hatte, dass ihr geheimnisvoller Schwimmer und der Graf von Falcone ein und dieselbe Person waren – und wenn sie sich an die sonderbar aufgeladene Atmosphäre erinnerte, als er sie mit seinen Blicken fixiert hatte.

Stattdessen hatte Maddie begonnen, die weitläufigen Gärten auf der Rückseite des Schlosses zu erkunden. Die von kleinen Steinwällen begrenzten Blumengärten grenzten an ein Wäldchen mit unzähligen Pfaden und interessanten Sehenswürdigkeiten – von kleinen Sommerhäusern aus längst vergessenen Zeiten bis hin zu Statuen aus dem Falcone-Erbe.

Auf einer hübschen steinernen Bank, die sie gestern entdeckt hatte, ließ sie sich nieder, um ein kleines Picknick zu machen. Sie hatte nicht lange gebraucht, bis sie realisiert hatte, dass sie nicht zum Essen kam, wenn sie ihr Büro mittags nicht verließ. Wenigstens waren die derzeitigen Hochzeitsgäste allesamt recht vernünftig. Heute war der Großteil von ihnen zu einer Wanderung in die Berge aufgebrochen, während einige der jüngeren mit den Kajaks auf dem See unterwegs waren.

Die Beine entspannt von sich gestreckt, nahm sie einen großen Bissen von ihrem Sandwich und wandte den Kopf der Sonne entgegen. Herrlich.

Wenn da nicht dieses eigenartige Gefühl wäre, beobachtet zu werden … Sorgfältig sah sie sich um. Nichts. Und dennoch wurde Maddie das Gefühl nicht los, nicht allein zu sein. War einer der Schlosshunde ihr gefolgt?

„Ciao!“, rief sie probeweise und wartete. Sie fühlte sich ein wenig albern, denn um sie herum blieb es totenstill.

Bis ein Zweig sich in einem der Büsche neben ihr bewegte und ein kleines Mädchen auf die Lichtung trat.

Maddie hatte nicht viel mit Kindern zu tun, daher konnte sie das Alter schlecht schätzen. Es mochte zwischen fünf und acht Jahren alt sein. Ihr langes dunkles Haar war zu zwei unordentlichen Zöpfen geflochten. Bei jeder Bewegung lösten sich weitere Strähnen, ihr Gesicht war dreckverschmiert. Doch Maddie bemerkte sogleich, dass ihre Kleidung hochwertig war. Das hier war ein reiches kleines Mädchen, das sich nicht darum scherte, ob es sich schmutzig machte.

„Du siehst aus, als wärst du irgendwo durchs Gebüsch gekrochen“, sagte Maddie auf Italienisch.

Das Mädchen lächelte ein wenig zögernd. „Ich bin abgehauen.“

„Von wo bist du abgehauen?“

„Vom castello. Mein Au-pair wollte, dass ich eine Siesta halte. Schlafen! Aber es ist doch so schön draußen.“ Demonstrativ schaute das Mädchen zum strahlend blauen Himmel, und Maddie hatte für einen kurzen Augenblick Mitleid mit dem armen Au-pair-Mädchen, das sich bei diesem eigensinnigen Kind durchsetzen musste.

„Das wäre wirklich schade“, stimmte sie dem Kind jedoch lächelnd zu und brach ihr Sandwich in zwei Hälften. „Hier, du bist sicher hungrig. Ich weiß noch, wie meine abenteuerlichen Ausflüge früher immer meinen Appetit geweckt haben, als ich so alt war wie du. Ich bin Maddie.“

„Ich bin Arianna Falcone.“

Natürlich. Jetzt sah Maddie den Grafen in der Art, wie das Kind stolz das Kinn hob, im Blau seiner Augen. „Nett, dich kennenzulernen, Arianna.“

„Hier hast du dich also versteckt!“

Beim Klang der strengen Stimme fuhren Maddie und das Mädchen zusammen, als hätte man sie bei etwas Verbotenem ertappt. Sofort verspannte Maddie sich, als sie den Grafen erkannte. Die Hitze schien ihm nicht das Geringste auszumachen, er wirkte äußerst entspannt in seiner gut geschnittenen Leinenhose und dem langärmeligen weißen Hemd.

Mit nur einem kurzen Blick hatte er die Situation erfasst. „Leisten Sie meiner Tochter etwa Schützenhilfe, Signorina?“

„Ich gebe zu, ich habe sie bei ihrer Flucht mit einem halben Sandwich unterstützt“, gestand Maddie lächelnd.

„Das ist ein halbes Sandwich mehr, als sie verdient. Piccola, die arme Isabella sucht überall nach dir. Geh und finde sie, und dann entschuldigst du dich bei ihr.“

„Aber es ist ein viel zu schöner Tag, Papa! Ich will keine Siesta.“

„Dann, mein Kind, hättest du dich nicht schnappen lassen sollen. Und nun geh und ertrage deine Strafe wie eine echte Falcone. Wenn du danach brav bleibst, können wir nachmittags vielleicht segeln gehen.“

Der trotzige Gesichtsausdruck des Kindes hellte sich mit einem Mal auf, und Arianna warf sich ihrem Vater in die Arme, um dann eilig zurück in Richtung Schloss zu laufen. Zu Maddies Überraschung machte der Graf keinerlei Anstalten, seiner Tochter zu folgen. Stattdessen fixierte er Maddie mit einem unergründlichen Blick.

Mit einem innerlichen Seufzen legte sie ihr Sandwich zurück in die Dose. Der Koch hatte es großzügig mit Mozzarella, Salat und sonnengetrockneten Tomaten belegt, aber es war nicht möglich, es würdevoll zu essen, und sie brauchte jetzt alle Würde, um vor diesem Mann zu bestehen.

„Ein herrlicher Tag.“

Wollte er etwa über das Wetter reden? „Ja.“ Es war nicht gerade die sinnigste Antwort, aber Maddies kostspielige Erziehung in puncto Benimmregeln und Etikette hatte sie leider nicht darauf vorbereitet, wie man antwortete, wenn ein Mann etwas sagte, seine Körpersprache jedoch auf etwas ganz anderes schließen ließ. Er wirkte, als wollte er ihr vielmehr eine Lektion erteilen.

Instinktiv ballte Maddie die Hände zu Fäusten. Sie fühlte sich, als würde sie jeden Moment verschlungen werden. Doch sie schaffte es, dem Impuls zu widerstehen, verlegen ihren roten Rock glatt zu streichen, weil sie nicht wusste, wohin mit ihren Händen. Schließlich wusste man, was mit Mädchen in roter Kleidung geschah, die mit wolfsartig aussehenden Fremden im Wald sprachen.

Was für große Augen du hast …

„Wärst du vielleicht so nett, mich auf einen kurzen Spaziergang zu begleiten? Es gibt da etwas, das ich gern mit dir besprechen möchte.“

Maddie vermied es, ihrem Sandwich einen sehnsüchtigen Blick zuzuwerfen. Eigentlich hatte sie nur hier sitzen und ihre Mittagspause genießen wollen und nicht irgendwelche anstrengenden Spaziergänge mit unangenehmen Männern unternehmen müssen. Sie hatte weniger als zwei Stunden in Dante Falcones Gesellschaft verbracht, und in diesen zwei Stunden hatte er sie bewusst in eine peinliche Lage gebracht. Während sie selbst mehrfach die Grenzen der Höflichkeit überschritten hatte und sich damit für sich selber schämte. Warum also sollte sie sich etwas Derartiges erneut antun wollen?

„Bitte“, setzte er hinzu. Und dann lächelte er. Und das änderte alles.

Das Lächeln veränderte Dante Falcones Gesicht völlig, seine harten, markanten Züge wirkten auf einmal viel weicher und warmherziger. Zu ihrem Unwillen musste Maddie sich eingestehen, dass sie sich sofort von ihm angezogen fühlte. Sein gutes Aussehen erinnerte nun nicht mehr an eine perfekt gemeißelte Statue, sondern an einen lebendigen Menschen aus Fleisch und Blut, und das machte ihn umso attraktiver. Ein heißes Verlangen durchströmte sie, raubte ihr den Atem und ließ sie nicht mehr klar denken.

Sie rang nach Worten, nach irgendetwas, was sie sagen könnte, aber sie brachte keinen Ton hervor. Darum nickte sie bloß, und er drehte sich um und lief auf einen Pfad zu, den sie bisher noch nicht gegangen war. Offenbar hatte er keinen Zweifel daran, dass sie ihm folgen würde. Und sie tat es, denn sie fühlte sich viel zu schwach zum Protestieren.

„Dein Italienisch ist sehr gut.“

Fast hätte sie laut aufgelacht, denn im Moment schaffte sie nicht einmal, ein vernünftiges Wort auf Englisch hervorzubringen. „Ich bin auf eine Oberschule in Genf gegangen … dort wurde hauptsächlich Französisch und Italienisch gesprochen“, erklärte sie stockend.

Sie spürte mehr, als sie es sah, wie er seine Brauen hochzog. „Und was hat dich zum Eventmanagement gebracht?“

„Ich bin quasi reingewachsen“, erklärte sie vorsichtig, doch der Graf reagierte nicht. Ein wenig widerwillig sprach sie weiter. „Ich bin auf einem Anwesen aufgewachsen, das dem Castello Falcone ähnelt.“

„Ich verstehe.“

In seinen Worten war nichts Wertendes, doch Maddie fühlte sich dennoch unwohl. Die Leute glaubten oft, sie verbrachte ihre ganze Zeit damit, ein wenig an Blumensträußen herumzuzupfen und zu telefonieren und das als Arbeit zu betrachten. Entschlossen richtete sie sich auf und passte ihren Schritt seinem an, um nicht hinter ihm zurückzufallen. Sie war stolz auf das, was sie erreicht hatte, und sie wünschte sich, dass jemand das auch einmal anerkennen würde.

„Und warum bist du dort weggegangen?“, fragte er weiter.

Das altvertraute Gefühl, unfair behandelt worden zu sein, stieg in ihr hoch, und Maddie musste tief Luft holen, um sich zu sammeln. Fast war sie froh über die vertraute Bitterkeit, immerhin vertrieb sie den letzten Rest an Verlangen, der noch in ihr glühte. „In England werden Kloster an den ältesten Sohn vererbt, nicht an das älteste Kind.“

„Das ist hier etwas anders, jedes Anwesen muss gerecht unter den Kindern aufgeteilt werden“, entgegnete er. „Meine Schwester hat die Hälfte vom Vermögen meines Vaters bekommen.“

„Aber nicht das castello?“ Maddie schaffte es kaum, unbeteiligt zu klingen. Dieses Thema wühlte sie immer wieder aufs Neue auf.

„Sie lebt in Neuseeland, daher hätte sie nicht viel davon gehabt.“

„Wenigstens hatte sie eine Wahl.“ Unwillkürlich beschleunigte Maddie ihren Schritt. Es ärgerte sie, dass sie so viel von sich erzählt hatte. Sie liebte jeden Stein, jede geheime Ecke des alten Klosters. Und sie hatte all ihr Herzblut dafür gegeben, es in ein florierendes Unternehmen zu verwandeln. Aber es wurde ihr sehr deutlich klargemacht, dass sie in ihrem Zuhause keine Zukunft haben würde. Ihr Bruder interessierte sich zwar mehr für Geologie als für Geschichte, aber das Kloster gehörte ihm. Natürlich war ihr bewusst, dass es ein Luxusproblem war, nicht die offizielle Eigentümerin des Klosters zu sein. Am Ende hatte sie all den Ärger und Frust darüber heruntergeschluckt und beschlossen, das zu tun, wozu sie erzogen worden war: einen Adligen zu heiraten, der Besitzer eines anderen alten Schlosses war.

Doch das war auch nicht so gut verlaufen.

Für einige Minuten sagte Dante nichts, und Maddie war einfach nur erleichtert, während sie dem verschlungenen Waldpfad immer weiter folgten. All diese Dinge waren Vergangenheit. Sie brauchte keine weiteren aristokratischen Titel mehr. Und Herrschaftshäuser würde sie nur noch aus beruflichen Gründen betreten oder als zahlende Besucherin – abgesehen von ihren Reisen nach Stilling Abbey, als ein Familienmitglied, das längst ein eigenes Leben in der Ferne führte.

Nein. Sie hatte einen Plan. Die nächsten Jahre würde sie ganz für sich nutzen, um herauszufinden, wer sie war – wenn sie keine Adlige, keine Tochter, Schwester oder Ehefrau von jemandem war, der nur deshalb Privilegien genoss, weil er zufällig in die richtige Familie hineingeboren worden war.

Sie wollte wissen, was sie wirklich wert war – abgesehen von ihrer blaublütigen Abstammung. Ob jemand sie jemals so ansehen würde, wie ihr Ex-Verlobter seine Gemahlin anschaute.

„Deswegen bist du also nach Italien gekommen? Für einen Neuanfang?“

Erstaunt über die Erkenntnis, die seine beiläufige Frage offenbarte, holte Maddie erst einmal tief Luft. „Teilweise. Ich wollte Abstand von Großbritannien bekommen. Um zu reisen, und um auf eigenen Füßen zu stehen – aber das kostet alles Geld, und ich habe keins.“ Sie grinste ein wenig. „Man braucht kein Gehalt, wenn man zu Hause wohnt und nur darauf wartet, dass ein passender Baron oder Herzog vorbeikommt, um einen zu heiraten. Ich bin hier, um mein eigenes Geld zu verdienen.“

Und um England hinter sich zu lassen und ihr altes Leben dort, aber das musste Dante nicht wissen. Sie hatte bereits genug über sich verraten.

„Und dann?“

„Dann will ich reisen!“, antwortete sie, ohne zu zögern. „Ich will die Welt sehen.“

„Die ganze Welt?“

„So viel wie möglich. Ich werde mir unterwegs etwas dazuverdienen. Denn eines kann man als Mädchen, das in einem riesigen Haushalt aufgewachsen ist: seine Hände benutzen. Ich kann kellnern, putzen, Pferdeställe ausmisten, Obst pflücken. Ich habe keine Angst davor, mir die Hände schmutzig zu machen.“

„Gibt es überhaupt etwas, wovor du Angst hast?“ Seine Stimme klang ganz sanft, fast so, als fragte er sich das selbst. Ob diese junge Frau tatsächlich vor nichts zurückschreckte.

Wie sollte sie die Frage beantworten, wo sie doch so viele Ängste hatte? Angst, dass sie niemals wirklich leidenschaftlich geküsst werden würde. Dass niemand sie je so ansehen würde, als wäre sie die begehrenswerteste Frau auf der ganzen Welt. Dass sie niemals wirklich wissen würde, wer sie war? All diese Dinge würde sie vor dem großen dunkelhaarigen Mann neben ihr niemals zugeben.

„Ich bin eine Fitzroy. Wir fürchten uns nicht.“

Ihr Spaziergang hatte sie vom Anwesen fort immer tiefer in die Pinienwälder geführt, die das Bergmassiv umgaben, an dem San Tomo und der See lagen. Der Pfad begann nun, sich die Berghänge hinaufzuwinden. Irgendwann blieb Dante stehen, um zu sehen, ob Maddie ihm folgte. Unter ihnen lag das Tal, der See reflektierte das strahlende Blau des Himmels. Und inmitten des Tals ragten anmutig die Türme des Castello Falcone empor.

„Meine Schwester kommt mich nächste Woche für ein paar Tage besuchen“, sagte Dante auf einmal abrupt. Maddie sah zu ihm auf und ahnte, dass sie nun erfahren würde, was es mit diesem unerwarteten Spaziergang auf sich hatte.

„Wie nett.“ Manchmal waren banale Antworten das Beste.

Sein Mund verzog sich zu einem halben Lächeln, und Maddies Herz machte einen Satz. „. Wir sind uns sehr nahe, Luciana und ich. Sie …“ Er schien einen Moment zu überlegen. „Sie macht sich Sorgen um mich. Und um Arianna.“

„Oh.“ Maddies Gedanken rasten. Sie wusste nur wenig über ihren Arbeitgeber, aber sie hatte gehört, dass er Witwer war, dass seine junge schöne Frau, eine Schauspielerin, bei einem Autounfall tragisch ums Leben gekommen war. Auch hatte sie Gerüchte über einen Skandal gehört, ein Geheimnis, von dem niemand erfahren sollte, aber sie hatte nicht weiter nachgeforscht. Sie wusste selbst nur allzu gut, wie leicht Gerüchte entstanden, wie leicht Dinge falsch interpretiert wurden.

„Sie ist der Meinung, dass ich eine Frau brauche. Dass Arianna eine Mutter braucht. Und sie hat eine Menge Freundinnen, die sie für passend hält.“

„Dann würde sie sich bestens mit meiner Mutter verstehen“, entgegnete Maddie lächelnd. „Die schickt mir nämlich regelmäßig Infos über potenzielle Ehemänner.“ Es hatte nicht einmal einen Monat gedauert, bis ihre Mutter ihr nach der Trennung von Theo einen neuen Mann vorgeschlagen hatte.

„Luciana denkt nun, ich sei in einer Beziehung“, stellte er klar und verzog das Gesicht.

„Sie denkt es?“ Maddie konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „Und tatsächlich ist es gar nicht so?“

Dante versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie peinlich ihm die Situation war. Es gelang ihm nicht ganz. „Ich habe ihr wohl etwas Falsches erzählt“, gab er zu, und Maddies Grinsen wurde noch breiter. „Mit besten Absichten natürlich. Es hat sie glücklich gemacht zu glauben, dass ich eine Freundin habe, und vor allem hält es sie erst einmal davon ab zu versuchen, mich mit ihren Freundinnen zu verkuppeln. Es schien mir eine gute Idee zu sein, eine kurze Beziehung zu erfinden, die sich in ein paar Monaten in aller Freundschaft wieder auflöst.“

Warum erzählte er ihr das alles? „Aber jetzt kommt sie dich besuchen. Das wird dann ja schwierig. Könntest du ihr nicht sagen, dass deine imaginäre Freundin verreist ist? Oder dass sie dich verlassen hat?“

„Mich verlassen hat?“ Dante hätte nicht entrüsteter klingen können, wenn sie über eine reale Beziehung gesprochen hätten.

„Warum nicht? Spiel ihr doch einfach etwas vor und sag ihr, dass du Zeit brauchst, dich von der Trennung zu erholen, und nicht bereit bist, jemand Neues kennenzulernen.“ Die Verwirrung in Dantes Gesicht sagte ihr, dass er es nicht gewöhnt war, dass man sich über ihn lustig machte. Heimlich freute sie sich, zur Abwechslung ihn in einer peinlichen Lage zu sehen.

„Das Problem ist …“ Er nahm einen tiefen Atemzug, und Maddies Magen krampfte sich ahnungsvoll zusammen. „Das Problem ist, sie glaubt, dass du meine Freundin bist. Darum, Maddie Fitzroy, hatte ich gehofft, du tust mir einen Gefallen und gibst ein paar Tage lang vor, meine Freundin zu sein. Eine junge Dame deiner Herkunft und Bildung sollte dazu doch in der Lage sein, was meinst du?“

Ihre Herkunft und Bildung? Da war es wieder. Es ging nicht um Maddie selbst, sondern nur um ihre Gene. Würde sie jemals einfach nur Maddie sein können? Stolz hob sie den Kopf. „Es tut mir leid, Signor, aber ich fürchte, das ist nicht möglich.“

„Warum nicht?“

„Warum nicht? Muss ich diese Frage wirklich beantworten?“

„So abwegig ist es doch gar nicht“, beharrte er. „Ich habe ihr gesagt, dass wir noch nichts Festes miteinander haben, das heißt, sie erwartet gar nicht, dass wir uns wie ein typisches Paar verhalten. Wir werden ihr einfach sagen, dass du viel zu arbeiten hast. Dann hast du eine Ausrede und musst nicht viel Zeit mit uns verbringen – und wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann bin ich mir sicher, dass du das schon hinbekommst, meinst du nicht? Du bringst doch alle notwendigen Qualitäten für so etwas mit.“

Notwendige Qualitäten? Wurde sie eigentlich immer nur als perfekt geeignete Gattin gesehen? Nein, es war sogar noch schlimmer: Dieses Mal sollte sie bloß als imaginäre Gattin herhalten.

„Wie freundlich von dir, das zu sagen“, stieß sie so kühl wie möglich hervor. „Aber ich fürchte, ich muss deinen Vorschlag dennoch ablehnen. Ich muss jetzt wieder an die Arbeit. Es war …“ Sie zögerte und suchte das richtige Wort. „Es war interessant, mit dir zu reden. Auf Wiedersehen.“

Als Maddie sich umwandte und davonstolzierte, wurde ihr bewusst, dass da noch ein anderes Gefühl in ihr war außer Ärger über ihren Chef. Es war Enttäuschung.

Der Graf hatte sie verunsichert, und sie war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn überhaupt sympathisch fand. Aber irgendwie fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Es hatte fast schon etwas Animalisches. Es fühlte sich so natürlich an, das hatte sie so noch nie erlebt. Sie hatte nicht gewusst, was sie von ihrem Spaziergang hatte erwarten sollen, aber insgeheim hatte die Hitze, die zwischen ihnen glühte, sie erregt, und sie hätte nur zu gern noch mehr davon erlebt.

Doch es schien fast, als hätte sie sich diese Hitze nur eingebildet. Denn der einzige Reiz, den sie auf den Grafen ausübte, beruhte auf ihrem Adelstitel und ihrer guten Erziehung.

Es war immer das Gleiche. Aber dieses Mal würde sie sich nicht darauf einlassen.

4. KAPITEL

Er brauchte dringend einen Plan – und bisher hatte er nichts dergleichen.

Dante wirbelte herum und blickte seinem Ururgroßvater auf dem Ölgemälde tief in die Augen. Vielleicht hatte ja er eine rettende Idee? Oder war es an der Zeit, dass Dante seine längst fällige Unterredung mit seiner Schwester führte? Um ihr die Wahrheit zu sagen.

Bei dem Gedanken wurde ihm ganz eng in der Brust. Sie wusste nicht alles über seine Ehe mit Violetta. Dass sie ihn nie geliebt hatte, dass er im Grunde ein Phantom geliebt hatte.

Beim Klang von Schritten vor der Tür hielt er inne.

Normalerweise kam niemand hier in diese alte Bildergalerie. Darum liebte er diesen Ort so sehr, denn hier konnte er in Ruhe nachdenken.

Der Türgriff senkte sich, die Tür öffnete sich – und Maddie stand im Türrahmen. Sie schien ebenso überrascht zu sein, ihn hier zu sehen, wie er es bei ihrem Anblick war. Doch sie fing sich schnell wieder und bedachte ihn mit einem höflichen Lächeln.

Dante kannte diesen Ausdruck inzwischen schon. Es war ein vorsichtiger, aber zugleich undurchschaubarer Blick, der nichts über ihre wahren Gedanken verriet. Er nützte ihr vor allem bei der Arbeit, zum Beispiel, wenn sie einen übermäßig betrunkenen Hochzeitsgast hinauseskortieren musste oder um den Koch zu beruhigen, wenn sie ihm von drei unangemeldeten Lebensmittelunverträglichkeiten berichten musste.

Und sie nutzte diesen Blick bei ihm. Jedes Mal, wenn sie sich zufällig über den Weg liefen. Er unterschied sich von dem sonnigen Lächeln, mit dem sie ihre Mitarbeiter grüßte, und auch von dem beinahe verschwörerischen Grinsen, das sie mit Arianna austauschte, die sehr von ihr angetan zu sein schien.

„Entschuldigung“, sagte Maddie, ganz in ihrer Rolle als Eventmanagerin. Ihr Kleid war makellos glatt und sauber. Trotz der späten Stunde und der Hitze des Tages wirkte sie frisch und aufgeweckt, jedes Haar in ihrem ordentlich zusammengebundenen Knoten saß am richtigen Platz, ihr diskretes Make-up wirkte, als hätte sie es eben erst aufgetragen. „Mir war nicht klar, dass jemand hier sein würde. Ich kann auch später wiederkommen …“

Sie machte einen Schritt zurück und hatte die Hand schon auf dem Türgriff. Es wäre viel einfacher, sie gehen zu lassen, doch Dante rief ihr nach. „Wegen mir musst du nicht gehen. Brauchst du etwas aus dem Raum hier?“

„Na ja, eine meiner Bräute möchte sich bei ihrer Hochzeit unbedingt traditionell kleiden, und ich habe ihr versprochen, ihr einige Bilder der damaligen Gräfinnen zu schicken, damit sie sich an deren Kleidern orientieren kann.“ Sie hob die Kamera in ihrer Hand, als wollte sie nachweisen, dass sie die Wahrheit sprach.

„Komm rein und mach gern deine Bilder.“

Nach einem schnellen Blick auf ihn trat Maddie zögernd ein. „Danke, ich werde nicht lange brauchen.“

Dante nickte und fuhr fort, das Ölgemälde zu studieren, doch aus dem Augenwinkel beobachtete er jeden Schritt, den Maddie machte. Wie sie amüsiert lächelte beim Anblick einiger ausgefallener Kleider. Es entging ihm nicht, dass sie vor Violettas Porträt innehielt.

„Sie war sehr schön, nicht wahr?“, bemerkte er, doch er schaute weder Maddie noch das Porträt an.

„Sehr.“ Sie schwieg einen Moment, ehe sie weitersprach. „Es tut mir leid, dass ich nicht helfen konnte mit deiner Schwester. Hast du schon eine Lösung gefunden?“

„Noch nicht.“ Dante nahm einen tiefen Atemzug, ehe er Maddie ansah – und dann das Porträt. Die beiden Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Violetta mit ihrem dunklen Haar, dem kühlen Blick und den üppigen Kurven, die fast aus dem eleganten Designerkleid herausquollen, und dagegen die blonde Maddie, rank und schlank und immer ordentlich und praktisch gekleidet. „Ich bin mir sicher, dass mir etwas einfallen wird.“

„Bestimmt.“ Maddie wandte sich wieder zur Tür, doch im letzten Augenblick drehte sie sich wieder um und sah ihn an. „Es ist nur … Ich verstehe einfach nicht, warum du sie überhaupt angelogen hast. Ich verstehe, dass ihr euch sehr nah seid und dass du ihr keine Sorgen bereiten willst, aber warum macht sie sich so viele Gedanken? Ich würde auch wollen, dass mein Bruder glücklich ist, natürlich, aber ich würde es niemals so weit treiben, dass er seine Mitarbeiter dazu bringt, so zu tun, als wären sie mit ihm in einer Beziehung!“

Wenn man es so sah, dann wirkte die ganze Geschichte tatsächlich ein wenig verrückt – aber sie kannte eben Luciana nicht.

„Tut mir leid“, beeilte Maddie sich dann, hinzuzufügen. „Ich weiß, es geht mich nichts an.“

Dabei ging es sie etwas an. Dafür hatte Dante schließlich gesorgt, indem er versucht hatte, sie zu involvieren. Und ganz gleich, was er Luciana morgen erzählte, wenn sie ankam und Maddie kennenlernte – sie wäre definitiv neugierig. Immerhin wäre sie mit ihrem Adelstitel perfekt für ihn. Er warf ihr einen Blick zu, wie sie ihn ruhig beobachtete und auf eine Antwort wartete. Sie war außerdem sehr attraktiv. Wen von seinen Mitarbeitern hätte er sonst wählen sollen?

„Ich habe meine Frau von mir weggetrieben“, stieß er mit einem Mal hervor. „Deswegen ist sie gestorben. Arianna hat wegen mir keine Mutter mehr, und sie steht bei mir an erster Stelle. Ich habe keine Zeit, mich um eine neue Beziehung zu kümmern.“ Eigentlich hatte er nicht so viel verraten wollen. „Meiner Schwester ging es eine ganze Zeit lang nicht gut. Ich wollte ihr keinen weiteren Kummer bereiten“, erklärte er dann. „Aber es war falsch von mir, zu lügen und dich mit hineinzuziehen. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen.“

Maddie zögerte kurz, dann holte sie tief Luft. „Ein Flugticket“, sagte sie schließlich. Zu ihrem eigenen Erstaunen klang ihre Stimme fest, auch wenn sie innerlich zitterte angesichts des Angebots, das sie ihm machen würde.

Belustigt zog Dante die Augenbrauen hoch.

„Und Überstunden. Die doppelte Zeit für jegliche Zeit, die ich mit dir und deiner Schwester verbringe. Aber das darf keiner wissen. Ich will nicht, dass man hier über mich redet. Und es wäre auch deiner Tochter gegenüber nicht fair, ihr vorzumachen, dass wir ein Paar sind. Du musst deiner Schwester also sagen, es für sich zu behalten, weil wir uns gerade erst kennenlernen. Das wären meine Bedingungen.“ Maddies Herz hämmerte wild in ihrer Brust, während sie sprach. Was zur Hölle machte sie da bloß? Würde sie tatsächlich eine ganze Woche in Dante Falcones Gesellschaft aushalten?

„Warum hast du es dir jetzt anders überlegt?“ Sein Blick war scharf und penetrierend, als könnte er direkt durch sie hindurchschauen und ihre lächerliche Sehnsucht sehen, geliebt und gebraucht zu werden.

Maddie straffte die Schultern. Das hier war anders. Er brauchte sie – und das bedeutete, dass sie alle Karten in der Hand hielt. „Weil mir klar geworden ist, dass wir beide davon profitieren könnten. Und weil ich, glaube ich, verstehe, warum du deine Schwester angelogen hast. Du hast es in guter Absicht gemacht.“

„Sie kommt schon morgen.“

„Dann sollten wir wohl besser abstimmen, was wir ihr erzählen. Nicht, dass wir ihr unterschiedliche Geschichten von unserem Kennenlernen erzählen – wenn meine Bedingungen für dich akzeptabel sind.“

„Sie sind sehr akzeptabel.“ Er streckte ihr die Hand entgegen, und nach kaum merklichen Zögern nahm Maddie sie. Seine Finger schlossen sich um ihre, sein Händedruck war fest und entschlossen. Die Berührung ging ihr durch und durch.

Glaubte sie wirklich, alle Karten in der Hand zu halten?

Auf einmal war sie sich nicht mehr so sicher.

„Gut, dann hätten wir das geklärt.“ Sie versuchte, ihrer Stimme einen festen Klang zu verleihen, und trat einen Schritt zurück.

Ihre Hand fühlte sich ganz kalt an, jetzt, wo er sie nicht mehr hielt.

Maddie sprach kein Wort, als Dante den Wagen geschickt die kurvige Bergstraße entlangmanövrierte. Er hatte sie zum Essen eingeladen, damit sie in Ruhe alles besprechen konnten.

Gebannt blickte sie aus dem Fenster und betrachtete die an ihnen vorbeiziehende Landschaft. Während der vergangenen zehn Monate hatte sie das Schloss und das Dorf kaum verlassen. Sie wusste gar nicht, wie wunderbar die nähere Umgebung war.

Irgendwann bog Dante ab und hielt auf einen kleinen Hafen direkt an der Spitze des Sees zu. Ehe Maddie sich versah, wurde ihre Tür auch schon geöffnet, und ein junger Mann in weißer Uniform verneigte sich vor ihr, während er ihr aus dem tief liegenden Sportwagen half.

Sie blickte sich um und bemerkte, dass sie auf einer kleinen Lichtung standen. Vor ihnen lag ein hölzerner Steg, an dem eine hübsche kleine Jacht vertäut war. Fragend blickte sie zu Dante auf, als er sich zu ihr gesellte.

„Ich wollte nicht, dass man unser Gespräch belauscht“,

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