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JULIA EXTRA BAND 462

KIM LAWRENCE

So heiß küsst nur ein Wüstenprinz

Liebe? Nichts für Scheich Zain. Doch um das Thronerbe anzutreten, braucht er dringend eine Braut an seiner Seite. Da kommt es ihm gerade recht, dass er die schöne Abby ihren Kidnappern abkaufen muss …

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So heiß küsst nur ein Wüstenprinz

1. KAPITEL

Abby Foster war heiß, und die Füße taten ihr weh, weil sie für das Fotoshooting immer wieder in Shorts und Stöckelschuhen eine Sanddüne hinaufgelaufen war. Außerdem hatte sie etwas in den Arm gestochen. Die dicke Schicht Schminke verdeckte die Stelle zwar, trotzdem juckte und pochte es höllisch.

Die Krönung aber war diese Autopanne. Mitten in der Wüste waren sie mit dem Wagen liegen geblieben, und Abby versuchte, die immer wütender und lauter werdenden Stimmen draußen zu ignorieren. Sie sollte sich ein Beispiel an Rob nehmen, der die Gelegenheit zu einem Nickerchen nutzte. Er war derjenige, der sie zehn Mal diese blöde Düne hinaufgescheucht hatte, bis er mit den Aufnahmen zufrieden war.

Abby verdrehte die Augen und zog eine Wasserflasche aus ihrer Tasche. Sie hatte den Deckel bereits halb aufgedreht, als ihr einfiel, dass sie sich das Wasser lieber gut einteilen sollte. Was, wenn sie hier länger festsaßen?

Ihr stummer Kampf mit sich selbst dauerte nicht lange. Ihre Großeltern hatten ihr beigebracht, immer vorsichtig zu sein. Leider hatten sie selbst diese Vorsicht vergessen, als sie sich von einem windigen Finanzberater um ihre gesamten Ersparnisse hatten bringen lassen.

Gregorys hübsches Gesicht mit dem aufrichtigen Lächeln tauchte vor ihrem inneren Auge auf, während sie die Wasserflasche wieder verschloss und in der Tasche verstaute. Die vertraute Mischung aus Schuldgefühlen und Selbstverachtung überkam sie, wie immer, wenn sie daran dachte, welchen Anteil sie an der misslichen Lage ihrer Großeltern hatte. Sie setzten fröhliche Gesichter auf, aber Abby wusste, wie unglücklich sie waren. Und egal, wie man es betrachtete, es war ihre Schuld, dass Nana und Pops ihre finanziellen Rücklagen verloren hatten. Wenn sie nicht so dumm gewesen wäre, auf Gregorys Lächeln und seine blauen Augen hereinzufallen, dann würden sie immer noch ihren komfortablen Ruhestand genießen, für den sie ihr Leben lang hart gearbeitet hatten.

Abbys Kehle wurde eng, doch sie schüttelte ungeduldig den Kopf.

Tränen bringen gar nichts. Kämpferisch reckte sie das Kinn. Wenn sie jeden Auftrag annahm, den sie kriegen konnte, würde sie in achtzehn Monaten das Haus zurückkaufen können, das ihre Großeltern wegen ihres betrügerischen Freundes verloren hatten. Abby hatte ihn in ihr Leben gebracht, und ihre Großeltern hatten ihm ihr Vertrauen geschenkt. Dann war er mit den Ersparnissen von Nana und Pops verschwunden.

Nach der Trennung hatte er ihr eine gemeine E-Mail geschickt mit dem Foto von sich mit einem anderen Mann in einer eindeutigen Pose, darunter der Spruch: Du bist nicht ganz mein Typ. Gregorys angebliche Geduld mit ihrer Unerfahrenheit und seine ständigen Versicherungen, dass er warten könne, hatten einen ganz neuen Sinn ergeben.

Abby schob die Erinnerungen beiseite und kramte ein Erfrischungstuch aus dem Innenfach ihrer Tasche hervor. Der immer weiter anschwellende Stich an ihrem Arm machte ihr Sorgen. Sie rollte den Ärmel ihrer Bluse auf, um den Druck an der Stelle zu mildern und die Haut zu kühlen.

Draußen vor dem mit Fliegendreck beschmutzten Fenster sah es gar nicht gut aus. Jez und Bill sprangen hastig zurück, als ihnen aus dem Motorraum eine Wolke heißen Dampfes entgegenschlug. Dann begannen sie erneut, sich anzuschreien.

Abby stupste Rob mit dem Fuß an. Glück für ihn, dass sie die Schuhe mit den Pfennigabsätzen gegen Turnschuhe getauscht hatte.

„Wir sollten aussteigen und ihnen helfen.“

Oder sie zumindest davon abhalten, sich gegenseitig umzubringen. Sie kramte einen leichten Schal aus ihrer Tasche und band sich die ungezähmten Locken im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammen. Als sie aufstand, öffnete Rob ein Auge, nickte, schloss das Auge wieder und schnarchte leise weiter.

Draußen war es nicht wesentlich kühler als im Wagen, aber die Hitze war zumindest weniger drückend.

„Also, wie lautet das Urteil?“, fragte sie und bemühte sich um einen fröhlichen Ton.

Keiner der Männer ging darauf ein. Jez, der Lichttechniker, trat vom dampfenden Motor zurück. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß.

„Er funktioniert nicht, und ehe jemand fragt, ich habe keine Ahnung, was es sein könnte oder wie man es reparieren kann. Falls jemand sein Glück versuchen möchte … bitte sehr!“ Der stämmige Techniker warf Bill einen herausfordernden Blick zu, doch dessen Aggression hatte sich verflüchtigt. Der junge Mann wirkte plötzlich sehr jung und sehr verängstigt.

„Kein Grund zur Sorge“, sagte Abby. „Sobald sie merken, dass wir nicht nachkommen, schicken sie jemanden los, um uns zu suchen.“ Sie war entschlossen, optimistisch zu bleiben, obwohl die Sonne bald untergehen und Dunkelheit die Wüste um sie herum einhüllen würde.

„Wir hätten nicht anhalten sollen“, brummte Bill leise und trat gegen einen Reifen.

Jez nickte zustimmend. „Was macht er?“ Mit einem Nicken deutete er auf das Fahrzeug, in dem der Fotograf schlief, vermutlich erschöpft von der Anstrengung, mehrere Dutzend Fotos von einem ungewöhnlich geformten Felsen mit einer Eidechse darauf zu schießen. Als er endlich mit dem Ergebnis zufrieden gewesen war, waren die beiden anderen Fahrzeuge ihres kleinen Konvois längst verschwunden.

„Er schläft.“

„Wie bitte?“ Entgeistert starrte Jez sie an.

„Haben wir hier Handy-Empfang?“, fragte Bill.

Abby schüttelte den Kopf. „Also, Jungs, was wäre das Schlimmste, was uns passieren könnte?“

„Wir verdursten und sterben einen langsamen und qualvollen Tod?“, schlug Rob vor, während er gähnend aus dem Wagen kletterte.

Abby sah ihn wütend an. „Im Ernst, was kann schlimmstenfalls passieren? Zumindest werden wir eine nette Anekdote zu erzählen haben, wenn wir wieder zu Hause sind.“

„Leute.“

Sie drehten sich alle zu Jez um, der breit grinsend auf eine Staubwolke in der Ferne deutete. „Sie kommen zurück.“

Seufzend wischte Abby sich über die feuchte Stirn. „Gott sei Dank!“ Dann schüttelte sie den Kopf, als sie das Geräusch hörte, das aus der Richtung der sich schnell nähernden Fahrzeuge kam. „Was ist das?“

Bill wirkte genauso verwirrt, wie Abby sich fühlte.

Die beiden älteren Männer tauschten ernste Blicke, und Rob wandte sich an sie. „Vielleicht solltest du besser wieder einsteigen, Liebes.“

„Aber …“ Dieses Mal war das scharfe, knallende Geräusch noch lauter, und Abbys anfängliche Erleichterung darüber, dass man sie gefunden hatte, verflog. Angst wallte in ihr auf, als sie auf die näher kommende Staubwolke blickte. „Waren das Schüsse?“, flüsterte sie.

„Uns passiert schon nichts“, sagte Jez und beschattete mit beiden Händen seine Augen. „Wir sind hier in Aarifa. Es ist genauso sicher wie zu Hause. Das weiß doch jeder.“ Eine weitere Gewehrsalve zerriss seine Worte. Er sah zu Abby. „Steig lieber ein, nur zur Sicherheit, und zieh den Kopf ein …“

Der reinrassige Araberhengst suchte sich seinen Weg durch eine Dunkelheit, die so tief, so samtig schwarz war, dass sich das flatternde weiße Gewand seines Reiters deutlich davon abhob.

Reiter und Pferd bewegten sich in vollkommener Harmonie im vollen Galopp über den Sand. Sie wurden erst langsamer, als sie die ersten felsigen Ausläufer erreichten. Aus der Ferne schien die Felswand senkrecht aufzuragen, doch in Wahrheit wurde der schmale Pfad, der sich spiralförmig zum Gipfel wand, immer wieder von flacheren Plateaus unterbrochen.

Das Pferd schnaubte, als sie den Gipfel erreichten und eine Pause einlegten, und sog die Luft durch die geblähten Nüstern ein. Der Reiter wartete auf das Gefühl von Frieden, das ihn an diesem Ort stets überkam.

Aber nicht in dieser Nacht.

Nicht einmal das atemberaubende Panorama konnte die düstere Stimmung von Zain Al Seif heben. Die erleuchteten uralten Mauern des Palastes mit seinen Türmen und Dächern waren meilenweit zu sehen und strahlten heute noch heller als üblich. Auch die alte Stadt, die im Schatten der Zitadelle lag, war hell erleuchtet, ebenso die neue Stadt mit den geometrisch angelegten, von Bäumen gesäumten Boulevards mit den hohen Gebäuden und Glasfassaden.

Heute Nacht herrschte überall Festbeleuchtung, denn das ganze Land feierte Hochzeit. Eine königliche Hochzeit.

Alle Welt liebt königliche Hochzeiten, dachte Zain, die sinnlich geformten Lippen zu einem spöttischen Lächeln verzogen. Alle Welt minus eins.

Das Pferd antwortete mit einem Schnauben auf Zains leisen Fluch. Das Tier spürte die Stimmung seines Reiters und begann, mit den Hufen zu scharren und in engen Kreisen zu tänzeln, die einen weniger erfahrenen Reiter rasch aus dem Sattel katapultiert hätten.

„Entschuldige, alter Freund …“ Zain beruhigte den Hengst und tätschelte dem nervösen Tier den Hals, wobei eine Wolke aus rotem Staub aufstieg, der sich in der Wüste überall festsetzte. Zain wartete, bis sein Pferd sich beruhigt hatte, ehe er mit einer geschmeidigen Bewegung absaß. Seine Stiefel machten kein Geräusch, als er leichtfüßig auf dem unebenen, steinigen Boden landete.

Er ließ die Zügel los und machte zwei Schritte auf den Rand des Plateaus zu, ohne auf die schwindelerregende Schwärze zu achten. Der Blick aus seinen tiefblauen Augen wurde von den Lichtern der Stadt angezogen. Während er hinunterstarrte, verschwand das leichte Lächeln, und er presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. Er zog die dunklen, geschwungenen Augenbrauen hoch, als das vertraute Gefühl der Selbstverachtung ihn überkam.

Er verdiente es, sich wie ein Idiot zu fühlen, weil er ein Idiot war. Ein selbstzufriedener, bescheuerter Idiot.

Was hatte er sich auf seine Menschenkenntnis eingebildet! Doch die wunderschöne Braut, die vom ganzen Land und ausgewählten ausländischen Würdenträgern bejubelt wurde, hatte ihn zum kompletten Narren gemacht. Zum Glück war er nicht mit dem Herzen bei der Sache gewesen. Es reichte schon, dass sein Stolz einen kräftigen Dämpfer bekommen hatte.

Heute konnte Zain die Zusammenhänge natürlich klar erkennen, aber während der sechs Monate, die ihre Affäre gedauert hatte, war er blind gewesen. Ihm hatte sogar das Wort Beziehung im Kopf herumgespukt. Wer wusste schon, wohin das erst geführt hätte.

Zum Glück würde er das nie herausfinden, denn Kayla hatte keine Lust mehr gehabt, länger zu warten. Sobald sie ein besseres Angebot bekommen hatte, hatte sie zugegriffen. Zain, der sich immer noch eingebildet hatte, er würde die Regeln bestimmen, hatte keinen Moment lang den Verdacht gehabt, die hübsche Kayla könnte ihm etwas vorspielen.

An ihrem letzten gemeinsamen Tag war sie nach einem Besuch in Aarifa früher als erwartet in seiner Wohnung in Paris aufgetaucht. Er hatte sich gefreut und seine Termine abgesagt, um den Nachmittag mit ihr im Bett zu verbringen. Als Kayla sich danach wieder anzog und vor dem Spiegel saß, um ihr Make-up aufzufrischen, hatte er spontan gesagt: „Das hast du doch gar nicht nötig.“

Mit dem Lippenstift in der Hand hatte sie sich zu ihm umgedreht. In ihrem Lächeln lag eine Härte, die er nie zuvor bei ihr gesehen hatte.

„Ach wirklich?“, sagte sie und legte eine zweite Schicht Rouge auf, ehe sie aufstand und zum Bett geschlendert kam. „Ich habe so getan, als würde ich Kunst und Oper mögen, ich habe sogar Interesse für deine langweilige Politik geheuchelt, aber ich bin nicht bereit, mich mit dem natürlich-frischen Aussehen zu begnügen, das du für deine Frauen zu bevorzugen scheinst.“

Ihr schrilles Lachen ließ ihn zusammenzucken. Es passte so gar nicht zu ihren üblichen Schmeicheleien für sein Ego.

„Sex ohne Hintergedanken … hast du wirklich geglaubt, das sei alles, was ich will? Hast du wirklich geglaubt, wir wären uns zufällig begegnet, dass ich diesen miesen, schlecht bezahlten Job in der Galerie angenommen habe, weil ich mich für Kunst begeistere? Zugegeben, es war kein totaler Reinfall. Im Bett zumindest musste ich dir nie etwas vorspielen …“ Das Geständnis endete mit einem tiefen Seufzer. „Das werde ich wirklich vermissen.“

Zain, der immer noch versuchte zu begreifen, was sie ihm da gerade sagte, reagierte nicht. Sie setzte sich auf die Bettkante. Mit den roten Fingernägeln war sie ihm über seine nackte, behaarte Brust gefahren … Jetzt verzog sich sein Mund zu einem angewiderten Lächeln, als er sich daran erinnerte.

„Ich dachte, ein letztes Mal, um der alten Zeiten willen, würde niemandem wehtun. Nächstes Wochenende werden meine Eltern meine Verlobung mit deinem Bruder bekannt geben. Ich fürchte also, mein Liebster, dass wir eine Weile keinen Spaß mehr zusammen haben können. Sieh mich nicht so schockiert an! Es ist auch deine Schuld!“

Jetzt, allein in der Wüste, spürte Zain, wie sich seine Lippen verächtlich kräuselten. Er hatte vielleicht nicht das charakteristische Aussehen seines Vaters geerbt, aber er schien von ihm die Neigung übernommen zu haben, die Augen vor den Fehlern der Frauen zu verschließen. Er schüttelte den Kopf, ließ den Blick über die vom Mond beschienene Landschaft gleiten und schob seine Selbstverachtung energisch beiseite.

Eine Schwäche zu kennen, hieß, sich dagegen wappnen zu können.

Sein Vater hatte die letzten fünfzehn Jahre seines Lebens in einer Kombination aus Selbstmitleid und jämmerlicher Hoffnung gelebt. Er konnte die Realität nicht akzeptieren, und das war sein Untergang.

Zain würde nicht an der Realität zerbrechen.

Er starrte hinaus in die Dunkelheit, als sich der Film in seinem Kopf mit gnadenloser Klarheit wieder in Gang setzte.

„Natürlich hätte ich lieber dich geheiratet, Liebster, aber du hast mich ja nie gefragt.“ Kayla hatte ihn tadelnd angeschaut und zum ersten Mal ihren Ärger gezeigt. „Aber sobald etwas Ruhe eingekehrt ist, können wir ja da weitermachen, wo wir im Bett aufgehört haben. Wir müssen nur diskret bleiben. Und das Schönste daran: Khalid ist nicht in der Position, zu widersprechen. Ich habe genügend schmutziges Material gegen ihn in der Hand, um …“

Energisch beendete Zain die Unterhaltung in seinem Kopf.

Die Leute schrieben lange Listen, was sie alles noch machen wollten, ehe sie starben. Mit neun Jahren hatte der praktisch veranlagte Zain eine Liste geschrieben mit Dingen, die er auf keinen Fall tun würde, solange er lebte. Im Laufe der Jahre hatte er das eine oder andere davon gestrichen – inzwischen wusste er frisches Gemüse sehr zu schätzen, und ein Mädchen zu küssen war doch nicht so schrecklich, wie er es sich vorgestellt hatte. Aber an anderen Dingen hielt er immer noch strikt fest. Das Wichtigste war, dass er niemals zulassen würde, dass er sich verliebte. Und er würde niemals heiraten. Er war fest entschlossen, die Fehler seines Vaters nicht zu wiederholen.

Ehe und Liebe hatten nicht nur seinen stolzen Vater gebrochen. Sie bedrohten auch die Stabilität des Landes, über das er herrschte, und die Menschen, denen er verpflichtet war. Zum Glück war der Scheich von einem Kreis aus loyalen Höflingen und Ratgebern umgeben, die ihn abschirmten und es schafften, vor dem Volk die Illusion eines starken, weisen Herrschers aufrechtzuerhalten.

Zain hatte niemanden, der auf seiner Seite stand. Die Liebe und der Respekt, die er für seinen Vater empfunden hatte, waren längst Ärger und Scham gewichen.

Eine Bewegung am Rand seines Blickfelds riss Zain aus seinen Gedanken.

Lauschend legte er den Kopf schräg, drehte sich um und starrte in die Dunkelheit, dorthin, wo die unsichtbare Grenze zwischen Aarifa und dem Nachbarland Nezen verlief.

Er wollte sich gerade wieder abwenden, als er erneut etwas aufblitzen sah. Dieses Mal wurde das Licht von einem entfernten Geräusch begleitet, das über die vom Mond erhellte Ebene getragen wurde. Es klang wie laute Rufe.

Zain verspürte wenig Lust, schon wieder ein paar dämliche Touristen zu retten, die keinerlei Ehrfurcht vor der natürlichen Umgebung hatten. Zain liebte die Wüste, aber er verspürte auch einen gesunden Respekt vor den Gefahren, die sie bereithielt.

Manchmal fragte er sich, ob die tiefe Verbundenheit, die er für das Land seiner Geburt empfand, dadurch verstärkt worden war, dass er als Kind manchen Menschen als Eindringling gegolten hatte. Immer wieder hatte er beweisen müssen, dass er dazugehörte. Heute war das anders, heute beschimpfte ihn niemand mehr, und keine von seinem Bruder aufgehetzten Banden bewarfen ihn mit Steinen oder verprügelten ihn. Aber man brauchte nur an der Oberfläche zu kratzen, um zu merken, dass die Vorurteile immer noch lebendig waren. Seine bloße Existenz war für viele Menschen im Land eine Beleidigung, vor allem für die Mitglieder der führenden Familien in Aarifa.

Er war ein noch größeres Ärgernis als seine Mutter, die wenigstens auf einem anderen Kontinent lebte. In vielerlei Hinsicht wäre es einfacher gewesen, wenn er unehelich geboren worden wäre, aber seine Eltern hatten geheiratet. Sie hatten sich in ihrer wahren Liebe nicht von Kleinigkeiten aufhalten lassen, wie davon, dass sein Vater bereits eine Ehefrau und einen Erben hatte.

Liebe …

Zain knurrte verächtlich, als er sich wieder in den Sattel schwang und nach den Zügeln griff. Dieses Wort allein schon! Kaum zu glauben, dass geistig gesunde Menschen etwas feierten, das seit Jahrhunderten dazu benutzt wurde, alles Mögliche zu rechtfertigen – von schlechten Entscheidungen bis hin zu blutigen Kriegen.

Liebe war Egoismus in Reinform.

Er brauchte sich doch nur seine eigenen Eltern anzuschauen, um die Zerstörungskraft der Liebe zu erkennen. Er zweifelte nicht an der immerwährenden Liebe seines Vaters für seine Mutter, aber ihre Geschichte war wie gemacht, um die Umsätze der Boulevardpresse zu steigern: Der Scheich eines wohlhabenden Landes im Nahen Osten, der bereits mit einer Frau verheiratet war, die ihm einen Erben geschenkt hatte, verliebt sich in den leidenschaftlichen italienischen Superstar der Opernwelt – in Zains Mutter.

Obwohl Aarifa den Ruf hatte, ein fortschrittliches Land zu sein, kam es vor, dass eine Ehefrau verstoßen wurde. Manchmal wurden die Eheleute sogar dazu ermutigt. Es kam auch vor, dass die Familie der verstoßenen Frau zustimmte, wenn die Erbfolge auf dem Spiel stand.

Aber Zains Vater hatte bereits einen Erben, und seine erste Frau stammte aus einer der mächtigsten Familien des Landes. Ihre Demütigung wurde noch verstärkt durch den Umstand, dass die neue Braut von Scheich Aban Al Seif als absolut unangemessen galt. Doch Zains Mutter verzauberte alle mit ihrem Charme und ihrem Lächeln. Eine ganze Nation liebte sie – bis sie ihren Mann und den achtjährigen Sohn verließ, um sich wieder ihrer Karriere zu widmen.

Eine tiefe Demütigung für den Scheich, der bekannt war für seine Stärke und Entschlossenheit. Doch trotz ihres Verrats hatte er niemals aufgehört, sie zu lieben. Er würde sie ohne zu zögern wieder aufnehmen, und beide Söhne wussten das. Was einer der Gründe dafür sein mochte, dass sie sich niemals auch nur ansatzweise nahe gewesen waren.

Khalid war, genau wie ihr Vater, in der Vergangenheit verhaftet. Wenn er seinen Halbbruder ansah, blitzte in seinen Augen pure Bösartigkeit auf. Er machte Zain für alles Schlechte verantwortlich, was ihm und seiner Mutter zugestoßen war. Er wollte alles haben, was Zain hatte, seien es Erfolge und Auszeichnungen oder wie jetzt die Frau in seinen Armen. Letzten Endes ging es ihm nicht darum, etwas selbst zu besitzen, sondern nur darum, es Zain wegzunehmen. Sobald Khalid etwas hatte, verlor er rasch das Interesse daran.

Würde er auch das Interesse an Kayla verlieren, jetzt, wo er sie besaß?

In der Dunkelheit zuckte Zain mit den Schultern. Das war nicht mehr sein Problem.

2. KAPITEL

Zain hatte die halbe Strecke zum liegen gebliebenen Fahrzeug zurückgelegt, als er etwas entdeckte, das ihn erst langsamer werden und schließlich absteigen ließ, um sich die Sache genauer anzusehen.

Seine resignierte Stimmung verflog, als er die Reifenabdrücke im Sand musterte, die sich deutlich im Mondlicht abzeichneten. Er hob eine der Patronenhülsen auf, die hier überall herumlagen, und wog sie einen Moment nachdenklich in der Hand, ehe er sie fortschleuderte und sich wieder in den Sattel schwang.

Zehn Minuten später hatte er das Auto erreicht, das mit eingeschalteten Scheinwerfern an der Piste stand. Er rief laut, um auf sich aufmerksam zu machen, bis die drei Männer, die sich im Inneren des Wagens versteckt hatten, sich zeigten. Die Tatsache, dass er akzentfreies Englisch sprach, machte ihn in ihren Augen wohl eher zum Freund als zum Feind.

Als sie alle drei auf einmal zu einer Erklärung ansetzten, verlangte er, dass nur einer reden sollte, dann hörte er zu. Er beherrschte sich, so gut er konnte, als er sich die lange Liste von Unfähigkeiten anhören musste, aber irgendwann reichte es ihm.

„Sie hatten hier draußen eine Frau dabei?“ Er konnte seine Verachtung nicht verbergen.

„Wir hatten nicht vor, hier zu stranden, Mann“, verteidigte sich einer der beiden älteren Männer. „Und als die Bande näherkam, haben wir Abby gesagt, sie soll sich im Wagen verstecken. Aber als die anfingen, Rob fertigzumachen …“, mit einem Kopfnicken deutete er auf den größeren Mann, und Zain fiel die Wunde an dessen Stirn auf, „… ist sie rausgekommen und hat sich mit dem Kerl angelegt, der …“

„Mit ihrer Tasche. Sie hat ihn mit ihrer Tasche verprügelt.“

„Und dann haben die Kerle Abby verprügelt.“

„War sie bei Bewusstsein, als sie entführt wurde?“, fragte Zain.

Der älteste Mann antwortete. „Ich bin mir nicht sicher, aber sie hat sich nicht bewegt, als sie sie auf die Ladefläche geworfen haben.“

Der Jüngste, fast noch ein Junge, begann zu schluchzen. „Was werden sie mit ihr anstellen?“

Der Ältere legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ihr passiert schon nichts. Du kennst doch Abby – sie ist zäh, und sie kann sich aus jeder Situation herausreden. Ihr passiert schon nichts“, wiederholte er und warf Zain einen bittenden Blick zu.

Zain sah keinen Grund, die Wahrheit zu verschleiern. „Sie werden sie am Leben lassen, bis sie herausgefunden haben, ob sie Geld für sie bekommen können.“

Seine schonungslosen Worte riefen ein unterdrücktes Schluchzen bei dem Jungen hervor.

Was, wenn ich hier sterbe? Wer soll dann Nana und Pops’ Schulden bezahlen?

Du wirst nicht sterben! Abby, denk nach!

Vorsichtig hob sie den Kopf und blinzelte. Laut johlende Männer ritten auf Kamelen und feuerten dabei Gewehrsalven ab. Abby zuckte zusammen.

Als man sie auf den Truck geworfen hatte, hatte sie das Bewusstsein verloren. Seit sie wieder zu sich gekommen war, wuchsen ihre Angst und das Gefühl von Desorientierung ins Unermessliche. Wie spät war es? Wo war sie, und was würde mit ihr passieren?

Einer der Männer packte mit seiner schmutzigen Hand in ihr Haar. Unwillkürlich versteifte sie sich. Er zog sie zu sich und grinste anzüglich. Sie starrte an ihm vorbei und atmete erst wieder, als er sie losließ und sich entfernte.

Sie unterdrückte die Panik, die an ihrer Fassade der Entschlossenheit nagte. Denk nach, Abby!

Der Versuch, ihr Gehirn zum Arbeiten zu bewegen, fühlte sich an, als würde sie versuchen, im Sand zu rennen. In dem Sand, der hier alles bedeckte.

Sie biss die Zähne zusammen und ignorierte den Schmerz an ihrer Wange. Dort hatte sie ein Schlag getroffen, als sie versucht hatte, die Kerle davon abzubringen, Rob zu schlagen. Wie lange war sie ohnmächtig gewesen? Es kam ihr vor wie in einem anderen Leben, dass der Jeep mit den bewaffneten Männern ihr defektes Auto umkreist hatte, aber es konnte nur wenige Stunden her sein.

Es war dunkel, aber ihre nähere Umgebung wurde von einem riesigen Lagerfeuer und den Scheinwerfern von zwanzig oder mehr Autos und Trucks erhellt. Die Wagen begrenzten das staubige Areal auf drei Seiten und bildeten eine Art Wagenburg.

Verstohlen zerrte Abby an dem Seil um ihre Handgelenke, doch der Knoten hielt. Ihre Füße waren ungefesselt. Sie könnte einfach losrennen, aber sie bezweifelte, dass sie weit kommen würde. Die Männer, die auf Kamelen ritten, hätten sie in null Komma nichts wieder eingefangen.

Und wohin sollte sie auch fliehen?

In ihrem ganzen Leben hatte Abby sich noch nie so allein gefühlt und noch nie solche Angst gehabt. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass man sich so sehr fürchten konnte. Nachdem ihr Verstand im ersten Moment wie gelähmt gewesen war, fing er jetzt mit fieberhafter Eile und Klarheit an zu arbeiten. Einer der Männer, die sie entführt hatten, kam zu ihr und sagte etwas in harschem Ton zu ihr.

Sie schüttelte den Kopf, um ihm zu zeigen, dass sie ihn nicht verstand. Er schrie sie an. Als sie immer noch nicht reagierte, beugte er sich vor und zerrte sie auf die Beine. Er stieß sie vor sich her, bis sie vor einem Halbkreis aus vielleicht zwölf Männern stand. Sie wollte zurückweichen, doch der Mann hinter ihr stieß sie heftig in den Rücken und zückte einen langen, gebogenen Dolch. Abby rechnete mit dem Schlimmsten und kämpfte gegen die Tränen an, als der Mann sie an sich zog. Als er das Seil durchtrennte, mit dem ihre Arme hinter dem Rücken gefesselt gewesen waren, begann sie zu weinen, teils aus Erleichterung, teils vor Schmerz.

Während sie sich die wunden Handgelenke rieb, wandte der Mann sich an die Männer vor ihnen und redete auf sie ein. Dabei deutete er immer wieder auf Abby. Jemand rief etwas, und der Mann packte ihr Haar, hielt es ins Licht des Lagerfeuers. Die Männer schnappten nach Luft und musterten Abby mit gierigen Blicken.

Ihre Haut juckte, als sie die Blicke auf ihrem Körper spürte und sich ihrer nackten Beine bewusst wurde. Am liebsten hätte sie sich zu einer Kugel zusammengekauert. Sie wollte so tun, als würde das alles gar nicht ihr zustoßen. Ein überwältigendes Gefühl der Hilflosigkeit erfasste sie, bis sie vor Angst zu zittern begann.

Der Mann neben ihr sprach erneut, und als die anderen laut ihre Antworten brüllten, begriff sie, was hier geschah. Sie wurde gerade an den Meistbietenden versteigert. Der Mann neben ihr riss ihre Bluse auf. Johlender Applaus brandete auf, als die Zuschauer ihren BH erblickten.

Unbändige Wut durchdrang den Nebel aus Angst und spornte Abby an. Sie verschwendete keinen Gedanken an die Konsequenzen, sondern ballte einfach nur die Faust und schlug zu. Der Mann wich im letzten Moment aus, aber sie erwischte ihn mit einem heftigen Schlag an der Schulter, was ihm einen Schmerzensschrei entlockte.

Jemand lachte, und der schockierte Ausdruck im Gesicht des Mannes wich einer hässlichen Fratze.

Abby wollte fliehen, aber wie? Und wohin? Es gab keinen Ort, zu dem sie sich flüchten könnte. Die Entschlossenheit, ihre Furcht nicht zu zeigen, wurde stärker als die Furcht selbst. Sie hob ihr Kinn und kratzte ihren ganzen Stolz zusammen, als sie die zerrissenen Fetzen ihrer Bluse enger um sich zog. Der Mann kam auf sie zu und knurrte wütende Worte, die sie nicht verstand, aber das war auch nicht nötig. Es war ziemlich klar, was er vorhatte.

Er holte zum Schlag aus, doch dann erstarrte er mitten in der Bewegung. Alle erstarrten, als ein Pferd mit einem Reiter, der ein wehendes Gewand trug, in vollem Galopp in den Halbkreis donnerte. Chaos brach aus, als die Männer sich mit beherzten Sprüngen zur Seite in Sicherheit brachten, um den Hufen des Tieres auszuweichen. Gerade als es aussah, als würden Mann und Pferd genau in die Flammen reiten, blieb das Pferd abrupt stehen.

Nach diesem filmreifen Auftritt sah sich der Reiter in aller Ruhe um. Er ließ sich nicht im Geringsten von den Gewehren beeindrucken, deren Läufe auf ihn gerichtet waren. Schließlich ließ er die Zügel fallen. Das Pferd rührte sich keinen Zentimeter, als der Reiter geschmeidig zu Boden sprang und dabei eine Mischung aus Arroganz und Verachtung ausstrahlte.

Mit jeder Faser, jeder Bewegung zeigte der Mann, dass er es gewohnt war zu befehlen. Mit langen Schritten kam er auf Abby zu. Wie alle anderen war auch sie wie gelähmt vom Anblick dieser hochgewachsenen Gestalt. Seine Eleganz verzauberte jede seiner Bewegungen. Mit jeder Pore versprühte er einen männlichen Sex-Appeal, der nichts damit zu tun hatte, wie er gekleidet war, oder dass er sicher fast zwei Meter groß war, mit ausgesprochen breiten Schultern.

Auch die anderen Männer trugen einen Thawb, das traditionelle arabische Gewand, aber damit endete die Ähnlichkeit auch schon. Die Männer, die um Abby geboten hatten, wirkten schmutzig und ungepflegt. Dieser Mann hingegen war eine Augenweide.

Abby registrierte diese Tatsache, ohne zu vergessen, dass er wahrscheinlich eine ebenso große Bedrohung für sie darstellte wie die anderen Männer. Sie sollte in ihrer Situation nicht an solche Dinge denken, aber sein Gesicht hatte perfekt geschnittene Züge, so wunderschön, dass er ihren Blick wie magisch anzog.

Der Fremde starrte den Mann neben ihr an, bis dieser den Arm senkte. Der Fremde nickte ihm knapp zu, dann wanderte sein Blick weiter zu Abby. Seinem bohrenden Blick fehlte die Lüsternheit der übrigen Männer, aber er war ähnlich verstörend, wenn auch auf völlig andere Weise. Abbys Magen zog sich zusammen, als er sie aus blauen Augen musterte.

Sie hob das Kinn, stemmte die Hände in die Hüften und starrte zurück, bis ein Luftzug ihr bewusst machte, dass ihre zerrissene Bluse ziemlich viel nackte Haut sehen ließ. Mit heißen Wangen senkte sie den Kopf und versuchte ungeschickt, die Bluse fester über der Brust zu schließen.

Sie glaubte, ein kurzes bewunderndes Aufblitzen im Gesicht des Reiters zu sehen, ehe er sich abwandte und mit dem Mann sprach, der zuvor als eine Art Auktionator aufgetreten war.

Die Stimme des Fremden war tief. Ein kehliges, raues Brummen verlieh ihr eine merkwürdig samtige Färbung. Was er sagte, schien nicht allen zu gefallen.

Einer der Männer, der mitgeboten hatte, trat vor und protestierte wild gestikulierend. Er kam Abby so nahe, dass sie seinen fauligen Atem riechen konnte. Doch dann blieb er abrupt stehen, als der hochgewachsene Reiter ihn am Oberarm packte. Die gefährlich aussehende Dolchklinge, die auf ihn deutete, machte dem Reiter offensichtlich keine Angst. Der stumme Kampf dauerte einige Sekunden an, bis der stinkende Mann die Augen aufriss, den Blick abwandte und die Dolchklinge zurück in die verdeckte Scheide in seinem Thawb schob.

Er hatte sein Gesicht verloren, doch er zog sich nicht würdevoll zurück. Er gestikulierte weiter wütend, während er etwas schrie, das vom Publikum mit zustimmendem Geraune kommentiert wurde.

Der Reiter wirkte vollkommen unbeeindruckt von der wachsenden Spannung, während er leise und im Befehlston mit dem Mann sprach, der für diese Versteigerung verantwortlich war. Er streckte eine Hand aus, streifte einen Ring von einem schlanken Finger und ließ ihn in die Hand des wartenden Mannes fallen. Dann nahm er seine Uhr ab und warf sie ebenfalls dem Auktionator zu.

Der Mann wandte sich ab und untersuchte seine Beute im Schein einer Taschenlampe. Er nickte wortlos, zog ein zusammengerolltes Stück Papier aus seinem Gewand und entrollte es auf einer Kiste, die als Tisch diente.

War das etwa ein Kaufvertrag?

Die Vorstellung erfüllte Abby mit einer Mischung aus Abscheu und Unglauben. Das durfte doch nicht wahr sein! Sie musste träumen!

Ohne sie anzuschauen, ergriff der Reiter ihren Arm und zog sie zum improvisierten Tisch. Er nahm den angebotenen Stift und unterschrieb mit seinem Namen.

Dann wandte er sich ihr zu und hielt ihr den Stift hin. Sie starrte den Kugelschreiber an, als wäre es eine Schlange, ehe sie den Kopf schüttelte und die Hände hinter dem Rücken verschränkte.

„Was ist das?“

„Das Kleingedruckte kannst du dir später durchlesen“, murmelte der Mann leise. „Wenn du dein Zuhause und deine Familie je wiedersehen willst, dann unterschreibst du jetzt, du Dummkopf!“

Ihr Blick huschte über sein Gesicht. Sie hatte nicht erwartet, eine Antwort auf ihre Frage zu erhalten, und noch dazu in perfektem Englisch. Doch seine Worte machten ihr auch klar, wie dringend es war. Je länger sie zögerte, desto schlechter wurden ihre Chancen, hier rauszukommen.

Abby nickte unmerklich. Die Worte auf dem Papier verschwammen, als sie sich vorbeugte, und der Stift in ihrer Hand zitterte. Sie hätte ihn beinahe fallen gelassen, doch die schlanken, starken Finger legten sich fest über ihre Hand und führten sie zum Papier.

Sie sah, wie ihre zittrige Unterschrift entstand, doch sie fühlte keine Verbindung damit. Sie konnte nur dastehen wie eine Statue, während der Reiter ihr den Stift aus der Hand nahm. Ein leises, immer weiter anschwellendes Summen erfüllte die Luft. Die Männer, die das Nachsehen hatten, protestierten heftig, als der Reiter das Schriftstück zusammenrollte und es in seinem Thawb verstaute.

Die Frau blickte aus glasigen grünen Augen zu ihm auf. Sie steht unter Schock, stellte Zain nüchtern fest. Mitleid würde sie hier nicht rausbringen, sondern nur ein klarer Verstand und schnelles Handeln. Es gab nichts Besseres als drohende Lebensgefahr, um einen Mann dazu zu bringen, sich zu konzentrieren. Zain lächelte. Ein wenig Glück wäre auch ganz hilfreich.

Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass der Streit am Lagerfeuer zu einem Kampf ausartete. Immer mehr Männer mischten sich ein und ergriffen für die eine oder andere Seite Partei.

„Komm“, sagte er durch die zusammengebissenen Zähne.

Als seine Finger sich um ihren Ellbogen schlossen, spürte er, dass sie am ganzen Körper zitterte. Er verdrängte jeden Anflug von Mitgefühl. Im Moment ging es allein darum, sie beide heil aus diesem Camp zu bringen, ehe jemand ihn erkannte und begriff, dass er viel mehr Geld einbringen würde als jede Frau, selbst eine mit Haaren wie Feuer, verführerischen Kurven und Beinen, die …

„Kannst du gehen?“, fragte er barsch.

Die Frau ignorierte ihre zitternden Knie und reckte das Kinn in die Höhe. Zain musste zugeben, dass seine Frage ziemlich kalt und leicht anklagend geklungen hatte.

„Natürlich.“ Sie schwankte leicht, hielt aber mit ihm Schritt. Es war offensichtlich, dass er in ihren Augen immer noch eine Gefahr darstellte, aber sie erkannte auch, dass er allein sie von diesem schrecklichen Ort wegbringen konnte.

„Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“ Trotz seiner ungerührten Miene war er beeindruckt, dass sie sich immer noch auf den Beinen hielt. Und sie flippte nicht aus, was ihre Flucht wesentlich einfacher machte.

„Beeil dich!“

Die Frau war offensichtlich nicht daran gewöhnt, zu anderen Menschen aufzuschauen. Sie hob den Kopf, um ihm einen verärgerten Blick zuzuwerfen. „Ich versuche es“, murmelte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

„Dann gib dir mehr Mühe. Sonst holen sie dich zurück. Trotz des Brautpreises, den ich für dich bezahlt habe.“ Sein Blick wanderte von den flammenden Haaren über die entzückenden Kurven bis zu ihren Füßen, ehe er an seiner eigenen Hand hängen blieb. Sie wirkte merkwürdig nackt ohne den Ring, den er seit seinem achtzehnten Geburtstag getragen hatte. „Oder mich“, fügte er leise hinzu.

Zum Glück war er nur der zweite Sohn, nicht der Erbe.

Mit einem schnellen Blick zurück versuchte er abzuschätzen, wie viele Männer sich ihnen in den Weg stellen könnten, ehe sie sein wartendes Pferd erreicht hatten. Seine Zuversicht wuchs, als er feststellte, dass die meisten sich dem Tumult zugewandt hatten, von dem er sich mit der Frau immer weiter entfernte. Zain war heilfroh, dass die Männer sich untereinander prügelten. Hoffentlich kamen sie nicht auf die Idee, sich gegen den gemeinsamen Feind – ihn und den Rotschopf – zu verbünden.

Keiner dieser Gedanken verriet sich in seiner Körpersprache. Schon vor langer Zeit hatte er gelernt, wie wichtig das Auftreten war. Es hatte nichts mit der Arroganz eines Machos zu tun, der keine Schwäche zeigen wollte. Es war der gesunde Menschenverstand. Feinde würde die gezeigte Schwäche immer ausnutzen, und das galt umso mehr, wenn die Feinde bewaffnet waren.

Als sie sich dem Hengst bis auf wenige Schritte näherten, wurde die Frau langsamer und blieb schließlich nervös stehen.

„Er wird dich nicht beißen“, sagte er ungeduldig. „Es sei denn, du ärgerst ihn.“

Abbys Reiterfahrung beschränkte sich auf einen Eselritt am Strand. Ihre langen Beine hatten fast den Boden berührt, und der kleine Esel hatte sie mit traurigem Blick angeschaut. Dieses Tier dagegen wirkte, als wäre es etwa drei Meter hoch. Es stampfte mit den Hufen und schnaubte nicht gerade freundlich.

„Ich glaube nicht, dass er mich mag.“

Der geheimnisvolle Fremde achtete nicht auf ihre Bemerkung und schwang sich in den Sattel. Er beugte sich nach vorn und zog sie zu sich auf den Pferderücken, als würde sie nichts wiegen.

Mit einem leisen Aufschrei landete Abby vor ihm im Sattel und klammerte sich an das Erste, was sie zu packen bekam. Es war der Reiter selbst, und durch die Kleidung spürte sie die festen Muskeln ohne ein Gramm überflüssiges Fett.

Erst als das Pferd aufhörte, wie eine Ballerina herumzutänzeln und sich ihr Atem langsam beruhigte, fiel ihr die Bemerkung des Mannes wieder ein. „Brautpreis?“

„Kannst du irgendetwas mit deinen Haaren machen? Ich kann nichts sehen!“ Er hielt die Zügel in einer Hand und schob ihre wilden kupferfarbenen Locken zur Seite, während er das Pferd antrieb. „Ja, wir sind jetzt verheiratet.“

Sie drehte sich zu ihm um und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, während er das nervöse Pferd antrieb. Binnen weniger Sekunden preschten sie im vollen Galopp dahin.

Ihr Schrei wurde vom warmen Wind davongetragen. Abby verstärkte ihren Griff, klammerte sich an dem Mann fest und schloss die Augen. Der schneidende Sand zwang sie, sich an ihn zu schmiegen und das Gesicht an seiner breiten Schulter zu verbergen.

„Halt dich fest!“

Sie hatte nicht die Absicht, loszulassen oder die Augen zu öffnen, obwohl ihr Magen heftig rebellierte. Nachdem sie die Lichter des Camps hinter sich gelassen hatten, konnte sie nichts mehr sehen. Es war stockfinster. Wie um alles auf der Welt konnte ihr Retter sehen, wohin sie ritten?

Wohin ritten sie überhaupt?

Und waren sie tatsächlich verheiratet?

Das Pferd galoppierte weiter, ohne zu straucheln. Nach kurzer Zeit hatte das rhythmische Donnern der Hufe sogar einen beruhigenden Effekt auf Abby. Allmählich ließ das Entsetzen nach, das von ihr Besitz ergriffen hatte, bis sie sogar den Kopf von der Schulter des Mannes lösen konnte.

„Folgen sie uns?“, fragte sie.

„Vielleicht. Ich konnte nur die Hälfte der Motoren unschädlich machen, ehe ich …“ Er schien noch etwas sagen zu wollen, unterbrach sich jedoch. „Haben sie dir … etwas angetan?“

„Nicht so, wie du denkst.“ Sie versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken. Jetzt war es nicht mehr die Angst, die sie die Augen schließen ließ, sondern die Tatsache, dass es einfach zu anstrengend war, sie offen zu halten.

Aber sie musste es versuchen – es gab Fragen, auf die sie unbedingt eine Antwort brauchte. Wer war er, wohin brachte er sie?

„Das ist doch verrückt“, sagte sie, als sie erneut gähnen musste. Sie fühlte sich seltsam taub, selbst den Stich an ihrem Arm spürte sie kaum noch. Mit geschlossenen Augen hatte sie fast das Gefühl zu fliegen. Die Hand, die sie an der Taille spürte, hielt sie sicher und fest.

„Es ist nicht verrückt, das ist ein normaler physiologischer Prozess. Bei einem Schock werden Hormone freigesetzt.“

Und man sollte die Macht der Hormone niemals unterschätzen. Zain dachte an den wilden Zorn, der ihn wie ein Tsunami erfasst hatte, als dieser Haufen Männer den Rotschopf wie ein Stück Fleisch behandelt hatte. Er war ein Mann, der Probleme kühl und überlegen anging. Dass es offensichtlich Momente gab, in denen auch er Mühe hatte, seinen Instinkt zu kontrollieren, und sich, ungeachtet der Konsequenzen, blindlings dem Hass ergeben konnte, beunruhigte ihn.

„Ich habe keinen Schock“, erklärte sie mit einem Hauch Trotz in der Stimme, während sie mühsam die Augen öffnete und den Kopf schüttelte.

Er warf einen kurzen Blick auf die Frau vor ihm. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, nur die glänzenden Haare und ein Stück von ihrem Kinn. Es war ein störrisches Kinn, aber es brauchte auch eine gewaltige Portion Sturheit, um in ihrer Situation jemanden zu schlagen. Es war dumm gewesen, ja, aber auch das Mutigste, das er je gesehen hatte.

„Die Gefahr ist vorüber, und dein Adrenalinpegel sinkt.“

Die Frau lachte kurz auf, als fände sie die Vorstellung lustig, außer Gefahr zu sein.

„Immerhin kannst du in dieser Situation noch lachen.“

„Ich könnte auch hysterisch werden, wenn dir das lieber ist“, sagte sie verärgert und verzog den Mund. Doch dann schien ihre tiefe Erschöpfung überhandzunehmen. Zain spürte, wie sie den Kampf gegen die Müdigkeit verlor. Ihr Kopf sank gegen seine Brust, ihr Atem wurde tiefer, und ihr Körper entspannte sich.

Zain zog den weichen, nachgiebigen Körper enger an sich und ließ die Zügel locker. Endlich empfand er die tiefe Ruhe, die er schon den ganzen Tag vermisst hatte. Viel war dazu nicht nötig gewesen. Nur ein paar Schüsse auf ihn, die Tatsache, dass er ein unschätzbar wertvolles Schmuckstück fortgegeben hatte, das sich seit Generationen im Besitz seiner Familie befand, und eine wunderschöne, wenn auch schmutzige und zerzauste Frau, die leise in seinem Arm schnarchte. Und er hatte schon gedacht, das Leben sei vorhersehbar.

Er warf einen Blick in Richtung Osten. Ein schmales Lichterband in der Ferne verriet ihm, dass sie verfolgt wurden, aber sie hatten einen guten Vorsprung. Wenn er einen Umweg zur Qu’raing Oase machte, würden sich ihre Wege nicht kreuzen.

Die Gefahr war vorüber. Warum hatte er das Gefühl, bereits der nächsten gegenüberzustehen?

3. KAPITEL

„Hier kannst du dir die Beine etwas vertreten.“

Abby achtete nicht auf die Stimme, aber das Geräusch des knarzenden Leders und das Verschwinden des warmen festen Körpers, an dem sie gelehnt hatte, konnte sie nicht ignorieren. Sie kämpfte sich durch die Müdigkeit und blinzelte. Sie hatte tatsächlich geschlafen. Der Boden war ziemlich tief unter ihr, und das Pferd, auf dem sie saß, stampfte mit den Hufen und schnaubte ungeduldig.

Sie streckte den Rücken, bis es knackte, und da verlor sie auch schon das Gleichgewicht. Hastig klammerte sie sich an der Mähne des Pferdes fest. Als sie sich etwas sicherer fühlte, riskierte sie es, die Mähne kurz loszulassen und sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen, die sie buchstäblich blind machten. Erst jetzt sah sie, dass der hochgewachsene Mann mit verschränkten Armen vor ihr stand und sie beobachtete.

Unwillkürlich wanderte ihr Blick von seinen staubigen Stiefeln zu der Goldstickerei an seinem Gewand. Als sie sein Gesicht ansah, schien ihre Kehle plötzlich wie ausgetrocknet zu sein. Er war atemberaubend schön, so attraktiv, dass es in ihrem Bauch zu kribbeln begann und sich ihr die Nackenhaare aufstellten. Seine dunklen, scharf geschnittenen Züge wirkten wie gemeißelt, die helle Kopfbedeckung umgab sein Gesicht wie ein Rahmen.

Hastig kontrollierte sie ihre Miene, wandte den Blick ab und tadelte sich im Stillen, weil diese sinnlich geformten Lippen sie so sehr faszinierten.

„Ich würde lieber weiterreiten“, sagte sie.

„Wirklich?“

Sein Tonfall ließ sie erröten. „Ich meine … Ich war nicht allein, als sie …“ Sie hielt inne, als sie sich an die Angst erinnerte, die sie empfunden hatte, als man sie auf den Truck geworfen hatte. Sie musste ein paar Mal schlucken, ehe sie den Satz mit heiserer Stimme zu Ende bringen konnte. „… als sie mich mitgenommen haben.“

Der Mann betrachtete sie nachdenklich, und sie versuchte, sich wieder in den Griff zu bekommen.

„Wir hatten eine Autopanne. Der Rest der Gruppe ist noch irgendwo da draußen. Wir müssen …“ Sie schwieg frustriert, weil er nicht einsehen wollte, wie dringend es war.

„Das sind drei erwachsene Männer.“

Erleichterung durchströmte sie. „Du hast sie gesehen?“

Er nickte.

„Sind sie verletzt? Haben sie den Wagen wieder zum Laufen gebracht?“

„Sie haben einen Unterschlupf. Eine Nacht in der Wüste werden sie schon überleben.“

„Hast du irgendjemandem gemeldet, wo sie sind?“

„Dir zu folgen erschien mir wichtiger.“

Sie biss sich auf die Lippen. „Natürlich bin ich dir dafür sehr dankbar. Ich mache mir nur Sorgen um meine Freunde.“

„Um einen besonderen Freund womöglich?“

Die Andeutung ließ sie erröten. „Es sind Arbeitskollegen. Ich bin Model. Wenn es dir also nichts ausmacht, würde ich gerne nach ihnen suchen.“

„Nur zu.“ Er trat einen Schritt zurück und streckte die Arme aus. Meilenweit war nichts als wellenförmiger, ockerfarbener Sand zu sehen, der sich im Licht der ersten Sonnenstrahlen nur vage erahnen ließ. „Was schlägst du vor? Wohin sollen wir reiten?“

In ihrer Frustration suchte sie Zuflucht in kindlichem Trotz. „Ich soll also den Mund halten und tun, was mir gesagt wird, weil du es besser weißt?“

Er legte den Kopf schräg. „In der Wüste kenne ich mich definitiv besser aus“, erwiderte er ruhig. „Steigst du jetzt ab?“

„Wo sind wir?“

Jedenfalls nicht in der Zivilisation, so viel verriet ihr die graue Morgendämmerung bereits. Der Boden war mit trockenem Gras bedeckt, links von ihnen versperrten ein paar verkümmerte Bäume den Blick auf das, was dahinter liegen mochte. Vor ihnen erstreckten sich endlose Meilen nackter, öder Wüste, die vom Morgenlicht rosa gefärbt wurde. Abby begann zu zittern.

Zain ahnte, dass die Frau in der Wüste nur eine Furcht einflößende Leere sehen würde. Er dagegen wusste, wie viel Leben es hier gab. Doch mit dem anbrechenden Tag verbargen sich diese Tiere vor der Hitze und blieben für das ungeübte Auge unsichtbar.

Doch seine Gedanken galten nicht der faszinierenden Schönheit der Wüste, sondern dieser Frau … Nie zuvor hatte er so glatte Haut gesehen, so klare Gesichtszüge …

Er riss sich zusammen und wandte den Blick ab. Heute hatte ihre Schönheit sie zum Opfer werden lassen, aber in der Regel brachte ihr Aussehen ihr natürlich mehr Vorteile als Nachteile. Wie viele Männer mochten sich ihretwegen bereits zum Narren gemacht haben?

Diese schlanken, langen Beine! Zain verzog spöttisch die Lippen. „Für Vorsicht ist es ein wenig zu spät, meinst du nicht?“ Sein Herz mochte erkaltet sein, aber seine Libido war immer noch aktiv und funktionstüchtig.

War das vielleicht die Lösung für die Zukunft?

Nicht hier, nicht jetzt und ganz eindeutig nicht mit einer Frau, der wahrscheinlich nicht einmal bewusst war, wie verletzlich sie war. Aber unverbindlicher Sex war eine gut erprobte Methode, um eine Beziehung zu vergessen – wesentlich verlockender als in Selbstmitleid zu versinken oder ein Leben in Keuschheit. Wenn man die Gefühle heraushielt, war Sex gesund. Und Zain hatte schon vor Jahren gelernt, seine Gefühle zu kontrollieren … meistens jedenfalls. Unwillkürlich dachte er an den Moment, als er die entführte Frau zum ersten Mal gesehen hatte.

Es war ein Kinderspiel gewesen, sich an das improvisierte Camp heranzuschleichen. Alle Aufmerksamkeit war auf sie gerichtet.

Zain hatte einen Moment gebraucht, um jedes Detail ihres geschmeidigen, sinnlichen Körpers in sich aufzunehmen. Die unglaublich langen Beine, die wohlgeformten Rundungen, die blasse Haut und die flammend roten Haare. An ihr wirkte nichts künstlich oder aufgeblasen – sie war einfach nur eine begehrenswerte Frau. Eine Frau, die einen Mann seinen Ärger vergessen ließ.

Nicht, dass er so ein Mann wäre, aber selbst für ihn war die Zeit auf dem Pferderücken, als er ihren weichen Körper an sich gedrückt hatte, etwas Besonderes gewesen. Den ganzen Tag hatte er sich beherrschen müssen, jedes Wort abwägen, jeden Blick kontrollieren. Doch dann hatte es nur noch ihn und die schlafende Schönheit gegeben. Die Einfachheit, die in dieser Erfahrung lag, hatte ihm eine seltsame Erleichterung verschafft.

Abby brauchte ein paar Sekunden, bis ihr stressgeplagter, übermüdeter Verstand die Bemerkung des Mannes richtig erfasste.

„Du meinst also, es sei meine Schuld, dass ich entführt wurde? Dass ich vielleicht sogar scharf darauf war? Wenn ich eines hasse, dann sind das Leute, die den Opfern die Schuld geben … Nicht, dass ich ein Opfer wäre. Ich meine … Was zum Teufel!“

Sie machte eine wütende Geste, ließ dazu die Mähne des Pferdes los und verlor prompt das Gleichgewicht. Eine Sekunde später landete sie in den offenen Armen ihres Retters.

Der Aufprall auf die feste, kräftige Brust des Mannes raubte ihr für einen Moment den Atem, bis sich der Griff um ihren Oberkörper lockerte und er sie langsam zu Boden gleiten ließ. Dabei spürte sie, wie hart und durchtrainiert sein Körper war. Dieser Mann schien nur aus Muskeln zu bestehen. Der Sturz selbst war weniger alarmierend gewesen als dieser berauschende Schwindel, der sie jetzt erfasste. Das Gefühl war so stark, dass sie einen Moment brauchte, um ihren Atem so weit unter Kontrolle zu bekommen, dass sie protestieren konnte.

„Lass mich lo…os!“

Er ließ sie los, mit einer unerwarteten Behutsamkeit, die fast an Zärtlichkeit grenzte.

„Ich bin nicht derjenige, der sich festklammert“, sagte er und warf einen fragenden Blick auf ihre Finger, die sie immer noch in sein Gewand gekrallt hielt.

Ehe sie darauf reagieren konnte, zogen sich seine Brauen über den ausdrucksvollen blauen Augen zusammen. „Was ist das?“

Mit dem Finger strich sie über die gerötete, geschwollene Stelle an ihrem Arm, die er beinahe vorwurfsvoll anstarrte. „Ein Stich vermutlich.“

Er legte ihr eine Hand an die Stirn und ergriff ihren Arm, um die Stelle genauer zu untersuchen. Nach allem, was passiert war, kam es ihr merkwürdig vor, dass er sich um so eine Kleinigkeit sorgte.

„Du läufst herum, als wolltest du Beachvolleyball spielen, und benutzt noch nicht einmal Insektenspray. Weißt du eigentlich, wie gefährlich diese Wüste ist?“

Abby widerstand dem Drang, am Saum ihrer Shorts zu zupfen, um sich vor seinem verächtlichen Blick zu schützen. Trotzig hob sie das Kinn.

„Ich war auf einem Fotoshooting. Ich habe mir nicht ausgesucht, was ich trage, und ich habe mich gegen Insekten geschützt.“ Sie hatte förmlich in dem Zeug gebadet. „Falls du nichts dagegen hast, würde ich jetzt gerne zurück in mein Hotel“, verkündete sie.

Er schwieg verblüfft, doch dann lachte er. „Ich bin kein Taxi.“

Seine amüsierte Antwort minderte ein wenig ihr Gefühl, sich wie eine versnobte Touristin aufzuführen, aber sie sah ein, dass er recht hatte.

Sie lächelte, und damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet. „Natürlich nicht. Bitte entschuldige. Vermutlich kommt das reichlich spät, aber ich bin dir wirklich ungeheuer dankbar.“ Ihr Dank war ebenso aufrichtig wie ihre Hoffnung, dass er wirklich zu den Guten gehörte. Sie spürte, wie ihr Magen sich vor Angst zusammenzog, und weigerte sich, es zur Kenntnis zu nehmen.

Die Furche auf seiner Stirn wurde tiefer. Ihr Retter hatte nicht mit diesen Worten – mit ihrer Ehrlichkeit – gerechnet, und offensichtlich berührte es ihn.

„Was habt ihr eigentlich da draußen zu suchen gehabt?“ Seine Stimme klang unerwartet heiser.

Abby holte tief Luft, um die Tränen zurückzudrängen, die ihr unvermittelt in die Augen stiegen, und versuchte, ihre Gefühle zu beruhigen. Sie sollte sich an die Tatsachen halten.

„Wir wollten die Fotos eigentlich näher bei der Stadt machen, aber niemand hatte an die Hochzeit gedacht. Wusstest du davon? Jedenfalls hat das alles verkompliziert – es gab eine Flugverbotszone, Absperrungen und jede Menge Einschränkungen.“ Sie bemühte sich, nicht weinerlich zu klingen, und wich seinem Blick aus. „Als die Männer auftauchten …“ Sie schluckte, als sie den schrecklichen Moment erneut durchlebte. „Ich habe mich im ersten Moment sogar gefragt, ob das nicht ein Publicity-Gag ist.“ Sie schluckte erneut und rieb sich mit den Händen über die Oberarme. Zu gut erinnerte sie sich an das Gefühl der völligen Hilflosigkeit.

„Ich fühle mich schmutzig“, sagte sie leise. Sie meinte nicht nur den Sand, der auf ihrer Haut klebte, oder die Dreckspuren auf ihrer unpassenden Kleidung.

„Dann komm.“ Er deutete mit dem Kopf auf die Bäume. „Dort kannst du dich frisch machen.“

Die unerwartete Antwort ließ sie blinzeln.

„Mein Pferd braucht Wasser.“ Er nahm die Zügel und ging auf das struppige Unterholz zu.

Ein schmales Tal hinter den knorrigen Bäumen entpuppte sich als kleine Oase mit Palmen und einer Quelle. Das Wasser sprudelte aus dem Boden und verschwand als Bachlauf in einem silbrigen Band unter den Bäumen. Doch weder Pferd noch Reiter blieben stehen, und bald hatten sie einen natürlichen, von Palmen gesäumten Tümpel mit türkisfarbenem Wasser erreicht.

Abby starrte auf das glitzernde, perfekte Bild und schnappte nach Luft. Diese Idylle zu sehen half ihr, die Schrecken der Nacht hinter sich zu lassen. „Es ist wunderschön!“ Ihre Stimme klang belegt.

Der Fremde beobachtete sie, als sie versuchte, die Tränen zurückzudrängen. Sie blinzelte und schniefte, weigerte sich aber störrisch, ihnen freien Lauf zu lassen. Stattdessen presste sie sich eine Hand auf die zitternden Lippen. Sie wusste, dass sie lächerlich zerbrechlich aussah, wie sie hier stand – völlig zerzaust, das Gesicht dreckig und zerkratzt. Dickköpfiger Stolz war das Einzige, was sie aufrecht hielt.

„Wir müssen deinen Arm behandeln.“

Der Hauch von Sanftheit in seiner Stimme öffnete die Fluttore. Die Tränen brachen aus ihr heraus und rannen ihr über die Wangen, als sie aufschluchzte, erst einmal, dann noch einmal. Sie konnte nichts dagegen tun. Heftige Schluchzer stiegen tief aus ihrem Inneren auf, und sie zitterte am ganzen Körper.

Zain dachte nicht lange nach. Er trat auf sie zu, nahm sie in die Arme und hielt sie einfach fest. Ihre Körper berührten sich, und er legte das Kinn auf ihren Kopf, während sie laut weinte. Ihre mit Tränen gefüllten Augen und die Angst darin, die mit ihrem Stolz rang, berührten ihn in einem Winkel seines Herzens, von dessen Existenz er nichts gewusst hatte.

Allmählich ließen die Schluchzer und das heftige Zittern nach, bis sich die Frau aus der Umarmung löste. Sie wirkte eher verlegen als dankbar.

„Ich muss furchtbar aussehen“, schniefte sie, ohne ihn anzusehen.

„Allerdings“, bemerkte er, zu abgelenkt von den Bildern in seinem Kopf, um an so etwas wie Taktgefühl zu denken.

Sie liegt unter mir, ich spüre ihre Wärme, ihr ganzer Körper drängt sich mir entgegen, als ich in sie eindringe.

Er kannte sie erst seit wenigen Stunden, und schon hatte sich dieses Bild in ihm festgesetzt und wurde immer wieder um weitere erotische Details erweitert.

Seine abwesende Antwort verwirrte sie offensichtlich. Doch ihre Empörung schmolz dahin, und sie brach das Schweigen mit einem amüsierten Lachen.

„Immerhin weiß ich jetzt, dass du ein ehrlicher Mann bist. Was bedeutet … dass ich in Sicherheit bin.“ Sie schwieg, als wollte sie das Gesagte kurz überdenken. „Ich meine, ich dachte nicht, dass …“

Sie hatte ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht, und er konnte die albtraumhaften Szenen, die sie sich ausgemalt hatte, fast bildlich vor sich sehen.

„Dann denk auch nicht“, empfahl er. Schuldgefühle wegen seiner erotischen Gedanken plagten ihn und ließen ihn schroff klingen. Sie war gerade erst der Hölle entkommen, und sein Mitgefühl belief sich darauf, an das sinnliche Versprechen ihrer unglaublichen Lippen zu denken – an das sinnliche Versprechen ihres Körpers. Was bin ich doch für ein einfühlsamer Mann, dachte er spöttisch.

„Ich bin nur erleichtert.“ Mit der Erleichterung kam erneute Erschöpfung, und sie protestierte nicht, als er sie drängte, sich neben dem Teich ins Gras zu setzen.

Zain ließ sie allein und ging zu seinem grasenden Hengst. Aus der Satteltasche zog er eine Thermosflasche, mit der er zu der wartenden Frau zurückkehrte. Er setzte sich im Schneidersitz neben sie, schraubte die Flasche auf und reichte sie ihr.

Sie trank gierig, wischte sich über die Lippen, als sie fertig war, und gab sie ihm zurück.

„Hast du einen Namen?“, fragte er.

„Abby. Und du bist?“

„Zain. Zeig mir deinen Arm, Abby.“

Er untersuchte ihn vorsichtig, dann nickte er und sah sich um. „Rühr dich nicht von der Stelle.“

Abby bezweifelte, dass sie sich bewegen könnte, selbst wenn sie es gewollt hätte. Stattdessen folgte sie ihm mit den Blicken. Er war einfach schön anzusehen – diese Kombination aus Dominanz, Anmut und perfekter Körperbeherrschung. Sie spürte ein erregendes Kribbeln in sich aufsteigen, bis sie schuldbewusst den Blick abwandte.

Was ist denn schon dabei, ihn anzuschauen?

Sie müsste sich eher Sorgen machen, wenn sie ihm nicht nachschauen würde. Jede Frau, die sich diesem Mann gegenüber vollkommen gleichgültig gab, konnte nur eine Lügnerin sein.

„Das könnte etwas brennen“, sagte er, als er wieder bei ihr war.

Könnte? Sie biss die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien, als er etwas Grünes auf die rote, geschwollene Stelle legte. „Was sind das für Blätter?“, fragte sie und sah zweifelnd zu.

„Neem-Blätter. Halt sie fest.“

Er ging zum Wasser, löste das goldene Band, das seine Kopfbedeckung hielt, und zog den weißen Stoff herunter.

Abby hatte sich vorgestellt, er hätte lange Haare, doch sie waren kurz und bis auf eine hellere Strähne an der Stirn sehr dunkel. Atemlos sah Abby zu, wie er sich kurz mit der Hand über den Kopf fuhr, bis die Haare verführerisch strubbelig waren. Er ging in die Hocke, spritzte sich Wasser ins Gesicht und über den Kopf und zog dann ein Messer aus den Falten seines Gewandes hervor.

Als er sich umdrehte, wandte sie hastig den Blick ab. Sie kam sich vor wie ein kleines Kind, das sich die Nase an einem Süßigkeitenladen platt drückte. Nur, dass die Gedanken, die ihr dabei durch den Kopf gingen, weder unschuldig noch kindlich waren.

„Was ist Neem?“, fragte sie und sah zu, wie er den weißen Stoff mit dem Messer zerschnitt und mehrere lange Streifen daraus machte.

„Die Menschen nutzen die Blätter des Baumes seit Jahrhunderten für medizinische Zwecke. Es heißt, es wirke antiseptisch.“

„Und das ist kein Märchen?“

„Wissenschaftliche Forschungen haben gezeigt, dass an dem Märchen etwas dran ist. Pharmazieunternehmen sind ausgesprochen interessiert an der Pflanze. In Aarifa gibt es ein Projekt, um die Bäume gezielt anzubauen. Sie wachsen schnell und so gut wie überall.“

Zain konzentrierte sich auf das, was er tat. Er spürte Abbys Blicke, als er ein Blatt zerquetschte und es auf ein Stück nassen Stoff legte. Er tat es mit derselben Präzision, wie er alles tat.

„Du klingst wie ein Lehrer.“

„Ich bin aber keiner.“ Er spürte, dass sie neugierig war, aber sie löcherte ihn nicht mit Fragen. „Die Blätter müssten eigentlich zerstampft werden, um eine richtige Packung zu machen. Aber das muss reichen.“

„Woher weißt du so etwas … lebst du in der Wüste?“, bohrte sie vorsichtig nach, und erneut gab er ihr eine Antwort, die nichts verriet.

„Nein, auch wenn es seinen Reiz hätte. Du kannst jetzt loslassen.“

Er nahm das Blatt von ihrer Haut und ersetzte es durch ein Stück Stoff, das mit dem Saft des Blattes getränkt war. Mit einem trockenen Stoffstreifen befestigte er den improvisierten Verband.

Fragend sah er sie an. „Ist es nicht zu fest?“

Sie schüttelte den Kopf und senkte den Blick. „Aber mein Schuh ist zu eng“, sagte sie und wackelte mit dem rechten Fuß. „Der Fuß ist eine halbe Nummer größer als der andere.“

Verdutzt starrte er sie an. Hatte sie jetzt den Verstand verloren?

„Du musst mehr trinken“, sagte er und reichte ihr die Wasserflasche, die sie wie in Trance annahm. Ihre Augen wurden glasig, während sie den Blick in die Ferne richtete, ohne etwas zu sehen. Holte ihre Erinnerung an die Nacht sie gerade ein? Als ihr die Flasche aus den Fingern glitt, fing er sie geschickt auf.

„Eine gute Vorstellungskraft kann ein Fluch sein.“ Seine schroffe Art verbarg das Mitgefühl, das er gegen seinen Willen für sie empfand.

Abby nickte und sah zur Seite. Sie wischte über die nasse Stelle auf ihrer Bluse, wo sie etwas Wasser verschüttet hatte. Ihre Bewegungen fesselten Zains Blick und setzten seine eigene verstörende Fantasie in Gang.

Er atmete tief ein und aus, um die Begierde, die ihm fast den Verstand raubte, zurückzudrängen. Das war alles andere als einfach, denn in seiner Vorstellung umfasste er diese festen, hohen Brüste mit den Händen und beugte den Kopf, um die Süße der harten Knospen zu schmecken, die sich unter dem dünnen Stoff abzeichneten …

„Dein Stich hat sich entzündet“, sagte er.

4. KAPITEL

Sie sah in sein Gesicht und fragte sich, was sie getan hatte, dass er so verärgert klang.

„Du solltest den Stich behandeln lassen, sobald wir wieder in der Zivilisation sind. Du brauchst so schnell wie möglich Antibiotika.“ Mit einer geschmeidigen Bewegung stand Zain auf und reichte ihr die Hand.

Abby ergriff sie. Als sie neben ihm stand, war sie sich seiner körperlichen Ausstrahlung sehr bewusst. Sie war groß und es daher gewohnt, auf Männer hinunterschauen zu müssen oder ihnen zumindest in die Augen blicken zu können. Es war noch gar nicht so lange her, da hatte sie die Schultern ständig hochgezogen, weil sie sich für ihre Körpergröße geschämt hatte.

„Wie lange brauchen wir bis zur Stadt?“, frage sie.

„Etwa eine halbe Stunde, jetzt, wo er ausgeruht ist“, schätzte Zain.

Der Hengst kam zu ihnen, als wüsste er, dass über ihn gesprochen wurde, und stupste seinen Herrn am Arm.

Also dann, zurück ins normale Leben. Abby runzelte die Stirn. Warum freute sie sich nicht? Ich habe Glück, rief sie sich in Erinnerung. Sie führte ein Leben, von dem viele träumten, und es war ihr quasi in den Schoß gefallen.

„Hast du das eigentlich ernst gemeint? Das mit dem Brautpreis? Sind wir wirklich verheiratet?“

Sie hatte gehofft, er würde lachen. Es wäre ihr tausendmal lieber, ausgelacht zu werden, als mit einem völlig Fremden verheiratet zu sein.

„Keine Sorge, ich kläre das.“

Das Eingeständnis, dass es etwas zu klären gab, verstärkte das unangenehme Gefühl in ihrer Magengegend. „Und wie? Du schwingst einmal deinen Zauberstab und schnipst mit den Fingern? Oder hast du ein eigenes Team von Anwälten zur Hand?“

„Ich kläre das“, wiederholte er ruhig.

Sie konnte ihre Skepsis nicht verbergen, doch sie klammerte sich an die Hoffnung, dass es gar nichts zu klären gab. „Muss ich nicht irgendwo melden, was passiert ist?“ Den Gedanken, einem fremden und nicht unbedingt netten Polizisten erklären zu müssen, was ihr zugestoßen war, fand sie ziemlich abschreckend.

„Ich bringe dich zur britischen Botschaft. Dort wird man sich um alles kümmern.“

„Danke.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen und war sich prompt bewusst, wie lächerlich diese Geste wirken musste. Genau diesen Moment wählte das ungeduldige Pferd, um sie von hinten mit der Nase anzustoßen und sie buchstäblich zu seinem Herrn zu schieben.

Zain öffnete die Arme, um ihren Sturz abzufangen. Als sie aufsah in sein wunderschönes Gesicht, glaubte sie einen Moment tatsächlich, den Boden unter den Füßen zu verlieren. In seiner Umarmung fühlte sie sich sicher, trotzdem wand sie sich, um den Emotionen zu entkommen, die diese Nähe bei ihr auslösten. Ihre Arme waren zwischen ihrem und seinem Körper eingeklemmt, und sie wollte ihn von sich wegschieben, aber das Bedürfnis verschwand, als sie ihn weiter ansah.

„Ich …“ Ihre Stimme versagte, als sie heftig erschauerte. Ihre eigene Erregung beschleunigte ihren Herzschlag. Sie hörte die Stimme des gesunden Menschenverstands irgendwo im Hintergrund etwas zischeln und ignorierte sie. Das Leben war kurz, und was hatte man davon, wenn man eine Gelegenheit nicht nutzte?

Sie konnte den Blick nicht von dem kleinen Muskel abwenden, der unter den Bartstoppeln an seinem Kinn zuckte.

In einem langen Seufzer stieß sie die Luft aus. „Ich möchte wirklich …“

Zain schluckte. Mit allerletzter Kraft klammerte er sich an die Überreste seiner schwindenden Selbstbeherrschung. Er wollte diese wunderbare Weichheit – diesen Körper, diese Kurven – weiter festhalten und nie wieder loslassen. Ihre vollen Lippen wirkten so zart und einladend. Würden sie sich genauso gut anfühlen, wie sie aussahen?

Sie hob langsam die Hände. Mit bebenden Fingern berührte sie sein Gesicht, mit verzückter Miene zeichnete sie die Konturen seiner Wangen nach.

Jede Faser seines Körpers erstarrte. Er musste die letzten Reserven seiner Selbstkontrolle mobilisieren, um ihre Handgelenke zu ergreifen und sich zurückzubeugen.

Zain verachtete Männer, die die missliche Lage einer Frau ausnutzten. Männer wie seinen Bruder, der alle gering schätzte, die ähnliche Skrupel zeigten.

Aber bei Gott, die Versuchung war groß.

„Abby.“

„Ich wollte mich richtig bei dir bedanken.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und legte den Kopf in einer stummen Einladung in den Nacken.

Unwillkürlich beugte er sich vor, und für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke. Das tiefe, verzweifelte Verlangen, das er spürte, wurde von dem dunklen Grün ihrer Augen zurückgeworfen wie von einem Spiegel. Abby stieß einen leisen Seufzer aus, als sein Mund ihre Lippen berührte. Er schloss die Augen und gab sich vollkommen dem Gefühl der langsamen, sinnlichen Verschmelzung ihrer Lippen hin.

Es war verrückt, aber es war wunderbar verrückt. Es ergab überhaupt keinen Sinn, aber das war egal. Es ging hier nicht um Logik, sondern um Verlangen. Ein Verlangen, wie Abby es nie zuvor verspürt hatte, ein Verlangen, das meilenweit von den Gefühlen entfernt war, die Gregorys verlegene Küsse in ihr geweckt hatten.

Das tiefe Stöhnen, das Zains kräftige Brust vibrieren ließ, verstärkte die Erregung, von der ihr schon jetzt ganz schwindelig war. Als er sie an sich zog, ihre Körper sich berührten und sie den Druck seiner Erektion spürte, durchfuhr Abby eine primitive Lust.

Und dann war es vorbei, genauso schnell, wie es gekommen war. Er hob sie einfach hoch und setzte sie einen Schritt von sich entfernt wieder ab.

Sie blinzelte, als würde sie aus dem Wasser auftauchen und nach Luft schnappen. Dann begriff sie, und einen Moment später traf sie die Demütigung.

„Entschuldige“, sagte er.

Was soll ich entschuldigen? Dass ich dir nicht gefalle?

„Ich weiß, es hat nichts mit mir zu tun.“ Sie überdeckte ihre Demütigung mit Stolz und reckte das Kinn. Heute war sie immerhin in der Lage, in einer peinlichen Situation die Oberhand zu behalten, anders als in ihren Jugendjahren, als sich ein Date mit einem der heißesten Jungs als Scherz entpuppt hatte.

„Du brauchst eine medizinische Behandlung, keine …“

„Schnelle Nummer“, warf sie ein. Aus bitterer Erfahrung hatte sie gelernt, dass es immer besser war, selbst die Witze über sich zu machen, ehe der Gegner die Gelegenheit dazu bekam. „Du hast vollkommen recht.“ Die einzige medizinische Behandlung, die ich brauche, ist die Couch eines Psychiaters, dachte sie dabei.

Warum zum Teufel hatte sie das gemacht? Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie so etwas getan. Als sie an seine Hände und seinen Mund dachte, die sie vor wenigen Sekunden berührt hatten, hätte sie sich am liebsten in einem Mäuseloch versteckt. Ein Gefühl, an das sie sich nur zu gut aus ihrer Schulzeit erinnerte, als sie immer wieder zur Zielscheibe für den Spott der anderen Jugendlichen geworden war, weil sie so groß und mager war und zudem noch die Streberin der Klasse. Sie hatte sich immer weiter in ihr Schneckenhaus verkrochen, doch immerhin hatte sie ausgezeichnete Abschlussnoten bekommen.

Dieser Situation dagegen konnte sie nichts Positives abgewinnen.

„Meinetwegen können wir los. Ich hoffe, du führst darüber Buch, wie viel ich dir für deine Zeit schulde …“ Sie hielt inne und biss sich auf die Lippe. Was war der Preis dafür, jemandem das Leben zu retten?

Zain wischte die Beleidigung mit einem Schulterzucken beiseite. Es wäre einfacher, wenn er sich angegriffen fühlen würde, doch unter seinem verständnisvollen Blick kam sie sich noch mehr vor wie eine Idiotin.

„Es war einfach ein gutes Timing.“ Ein weiteres gleichgültiges Achselzucken, dann half er ihr wieder in den Sattel.

Es war nicht einfach, die Distanz zu wahren, wenn man direkt vor jemandem auf einem Pferd saß, das ziemlich schnell galoppierte. Abby war erleichtert, als endlich die ummauerte Stadt mit ihren Türmen und Minaretten in Sicht kam.

Es war seltsam, aber nach allem, was passiert war, nagte die letzte Demütigung am meisten an ihr. Wie ein sexbesessenes Groupie hatte sie sich diesem Mann an den Hals geworfen. Sie war wütend auf sich, weil sie sich diese Zurückweisung selbst eingebrockt hatte und weil sie sich darum Gedanken machte.

Sie näherten sich dem ersten Checkpoint, noch ein ganzes Stück vor der Stadt. Siedend heiß fiel Abby ein, dass sie ihren Reisepass nicht dabei hatte. Würde man sie trotzdem in die Stadt lassen? Der Mann, mit dem sie unterwegs war, entsprach auch nicht unbedingt dem Bild eines braven Bürgers.

Vielleicht dachte Zain dasselbe, denn noch vor dem Checkpoint zügelte er sein Pferd, stieg ab und befahl ihr, ebenfalls abzusitzen.

„Hast du einen Passierschein?“, fragte sie. „Soll ich mit den Männern reden?“

„Bleib hier.“

Es war nicht ganz klar, ob er mit ihr oder dem Pferd redete, aber er schaute sich nicht um, als käme er gar nicht auf die Idee, einer von ihnen könnte sich seinem Befehl widersetzen. Er ging direkt auf die uniformierten Männer zu, und Abby hoffte, dass er ihnen gegenüber nicht dieselbe selbstherrliche Art an den Tag legte.

Die Unterhaltung dauerte nur wenige Minuten, und die Waffen der Männer blieben über ihren Schultern. Das musste doch ein gutes Zeichen sein, oder? Als Zain sich umdrehte und zu ihr zurückkehrte, erfasste sie eine Woge der Erleichterung. Die jedoch prompt wieder verebbte, als eine der Wachen ihm folgte. Der Mann musste joggen, um mit Zain Schritt zu halten. Ihr Verlangen flackerte erneut auf, als sie seine hochgewachsene, dominante Gestalt beobachtete. Der Ausdruck auf dem umwerfend schönen Gesicht verriet ihr nichts darüber, wie die Diskussion mit den Wachen verlaufen war. Aber niemand fuchtelte mit einer Waffe herum, was sie einigermaßen beruhigte.

Der Wächter nickte ihr zu und sagte etwas. Er wirkte nicht aggressiv – im Gegenteil, seine Worte klangen fast ehrerbietig.

„Er sagt, es täte ihm leid, dass du solche schlimmen Erfahrungen gemacht hast, und er hofft, dass du jetzt keinen schlechten Eindruck von unserem Land bekommen hast“, übersetzte Zain.

Abby nickte dem Mann lächelnd zu. „Und nun?“

Wie als Antwort auf ihre Frage kam ein Jeep angefahren und hielt nur wenige Schritte neben ihnen an. Ein Fahrer in Uniform stieg aus und kam auf sie zu. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, eine Waffe oder zumindest ein Paar Handschellen in seinen Händen zu erblicken. Doch das Metall, das in der Sonne aufblitzte, entpuppte sich als Schlüsselbund voller Schlüssel.

Zain streckte die Hand danach aus, gab dem Fahrer einige Anweisungen und schickte ihn fort.

Abby hatte kein Wort der einseitigen Unterhaltung verstanden, und ihre Verwirrung wuchs, als der Mann den Hengst fortführte.

„Du kannst doch nicht ein Tier gegen ein Auto tauschen!“, protestierte sie.

„Das Pferd hat aber keine Klimaanlage.“

Sie starrte ihn entgeistert an.

„Entspann dich, das war ein Witz. Ich habe mein Pferd nicht eingetauscht. Sie werden sich nur für mich um ihn kümmern.“

„Und dir solange ihren Wagen überlassen?“ Sie betrachtete ihn weiterhin voller Skepsis. „Hast du sie bestochen oder so etwas?“, fragte sie, als er sich auf den Fahrersitz setzte.

„Ich habe ihnen einfach die Situation erklärt. Und jetzt steig ein.“

Abby tat, was er sagte, auch wenn seine Geschichte sie absolut nicht überzeugte. Sie musste irgendetwas übersehen haben, aber was?

Offenkundig kannte er die Stadt gut, denn er fuhr zügig und wich mehrmals auf kleinere Nebenstraßen aus, um einen Stau zu umfahren oder wenn eine Straße wegen der Hochzeitsfeierlichkeiten gesperrt war. Die Feststimmung schien auch die Polizisten milde zu stimmen, denn sie wurden durch unzählige Checkpoints gewunken, ohne auch nur einmal angehalten zu werden.

„Da sind wir.“

Zain parkte den Jeep vor einem Gebäude mit schmiedeeisernem Zaun. Das einzige Detail, das es von den anderen wohlhabend wirkenden Häusern in der Straße unterschied, war ein kleines, diskretes Schild über der Tür.

Sie drehte sich zu ihm um. „Ich kenne deinen Namen nicht, dabei hast du mir … Menschen sagen andauernd, jemand habe ihnen das Leben gerettet.“ Sie hatte es selbst schon oft gesagt, wenn jemand ihr einen Kaffee gebracht hatte, den sie dringend nötig gehabt hatte. „Aber du hast mich wirklich gerettet. Du bist ein echter Held.“ Zum ersten Mal wirkte er tatsächlich verlegen. „Und gerade dachte ich noch, du hättest keine Schwachstelle“, murmelte sie, halb zu sich selbst.

„Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort, mehr nicht.“

Sie schüttelte den Kopf und tastete nach dem Türgriff, wobei sie versehentlich an den verbundenen Arm stieß. Sie biss die Zähne zusammen. Gegen den Schmerz anzukämpfen war wesentlich einfacher, als sich gegen das wohlige Gefühl zu wehren, das sie jedes Mal erfasste, wenn sie diesen Mann nur ansah.

Zain öffnete ihr die Beifahrertür, ehe sie auch nur bemerkt hatte, dass er überhaupt ausgestiegen war. Er streckte die Hand aus, um ihr aus dem Wagen zu helfen.

„Pass auf dich auf, und lass gleich einen Arzt einen Blick auf deinen Arm werfen.“

„Das mache ich“, versprach sie. Als sie ihn ansah, spürte sie eine verräterische Hitze zwischen den Schenkeln. Warum reagierte sie nur auf ihn so, warum auf keinen anderen Mann?

Sie wollte ihm die Hand schütteln, aber dann dachte sie, was beim letzten Mal dabei herausgekommen war, und überlegte es sich anders. Stattdessen neigte sie den Kopf in einem stummen Dank.

Er nickte, drehte sich um und ging zum Wagen zurück. Sie hatte den verrückten Impuls, ihm hinterherzulaufen, bevor er aus ihrem Leben verschwand, aber die Vernunft schritt ein, ehe sie sich ein zweites Mal zum Narren machte. Er war kein Teil ihres Lebens, und es gab keinen Grund, daran etwas zu ändern.

Als sie auf die Tür der Botschaft zuging, war sie froh, dass er ihre Tränen nicht sehen konnte. Dass jemand anders sie sah, ahnte sie nicht.

Im Keller der britischen Botschaft hockte ein Mann vor mehreren Monitoren. Jetzt drehte er sich um und rief seinen Kollegen, der in einem Stuhl döste.

„Ruf Mr. Jones, ich glaube, das wird ihn interessieren.“

Er ließ das Video zurücklaufen und stoppte, als das Gesicht des Mannes in Großaufnahme zu sehen war, den viele Menschen sich insgeheim als nächsten Scheich wünschten.

Doch leider war Zain Al Seif nur der zweitgeborene Sohn.

5. KAPITEL

Zehn Monate später

Selbst in einer Gegend, in der offen zur Schau getragener Reichtum und Statussymbole normal waren, zog das tief gelegte, silbrig glänzende Auto begehrliche Blicke auf sich. Doch der Mann, der über den von Bäumen gesäumten Boulevard darauf zu ging, stahl jedem Luxusauto die Show. Eine fast greifbare Aura umgab ihn, natürliche Dominanz vermischt mit purer Männlichkeit.

Zain nahm gar nicht wahr, dass alle Köpfe sich nach ihm umdrehten. Auch die perfekten Formen der funkelnden Karosserie beeindruckten ihn nicht. Seine Aufmerksamkeit galt nicht dem Wagen, sondern allein seinem Besitzer.

Eine Traube kichernder junger Frauen hatte sich um das Auto gebildet. Die Menge teilte sich und gab den Blick auf einen Mann frei, den Zain erst auf den zweiten Blick erkannte.

Er war froh, dass die dunklen Sonnengläser sein Erstaunen verbargen, und rechnete kurz nach. Vor sechs Wochen hatte er seinen Bruder das letzte Mal gesehen. In dieser Zeit hatte Khalid gut zehn Kilo verloren, und sein Gesicht wirkte eingefallen. Als sein Bruder einer der kichernden Frauen die Hand auf den Po legte, verkrampfte sich Zain. Khalid war nicht mehr übergewichtig und wirkte insgesamt fitter, doch seine Moral hatte sich offensichtlich nicht verbessert. Dabei war er inzwischen verheiratet.

Genau wie ich.

Allerdings betrog er, anders als sein Bruder, seine Frau nicht. Natürlich war seine Treue reiner Zufall und hatte nichts mit dem Eheversprechen oder der Erinnerung an den Rotschopf zu tun, den er geheiratet hatte. Das wäre ja lächerlich. Nein, er arbeitete einfach so viel, dass er noch nicht dazu gekommen war, sich um diese Heiratsurkunde zu kümmern, die immer noch sicher verwahrt in seinem Safe lag.

Seit er sich von der Frau verabschiedet hatte, wartete Zain darauf, dass die Geschichte herauskam. So eine Geschichte kam immer heraus. Die Frage war nur, wie groß der Schaden sein würde, den die Enthüllung anrichtete.

Bisher hatte sich allerdings weder ihr Agent gemeldet noch hatten irgendwelche Boulevardzeitungen mit Schlagzeilen aufgewartet. Ein einziges Mal war er auf die Rettung angesprochen worden, bei einem Dinner in der britischen Botschaft. Ein eher unauffälliger Mitarbeiter hatte Zain zu verstehen gegeben, dass er Bescheid wisse und ihm zugleich seine vollste Verschwiegenheit zugesichert. Der Mann hatte auch eine mögliche Erklärung geliefert, warum noch niemand versucht hatte, Geld aus der Geschichte zu schlagen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob Miss Foster wusste, wer Sie sind.“

Unvermittelt kam ihm ihr Bild in den Sinn, und er rief sich die Einzelheiten dieses perfekt geschnittenen, ovalen Gesichts ins Gedächtnis. Diese ungewöhnlichen Augen, eingerahmt von langen Wimpern und samtigen, geschwungenen Brauen. Prompt reagierte sein Körper darauf.

„Zain, ich freue mich, dass du es geschafft hast!“

Hastig schob er das Bild beiseite und sah seinem Bruder zu, als Khalid den Arm um die Taille der nächsten Blondine schlang.

Zain verbarg seine Verachtung hinter den verspiegelten Gläsern seiner Sonnenbrille.

Als er nicht weiter reagierte, ließ Khalid die Frau los und scheuchte die kichernde Menge davon. Er öffnete eine der Wagentüren, damit sein Bruder einen Blick auf die teure Innenausstattung werfen konnte.

„Was sagst du? Sie haben weltweit nur fünf von diesen Schönheiten gebaut.“

„Ich denke, dass die Menschen daheim, die unter den Kürzungen im Gesundheitssektor leiden, sich fragen werden, wo deine Prioritäten liegen.“

Khalids Lachen war kein angenehmes Geräusch, genauso wenig wie das folgende abgehackte Husten. Als der Hustenanfall andauerte, runzelte Zain die Stirn. Doch er blieb auf der Hut.

Khalid richtete sich auf, ein weißes Taschentuch an den Mund gepresst. „Müssen wir uns immer streiten?“ Sein Blick strahlte eine unverhüllte Feindseligkeit aus, die seine Worte Lügen strafte. Er seufzte tief und riss die Beifahrertür weiter auf.

Ein Friedensangebot. Aus Erfahrung wusste Zain, dass er besser das Weite suchen sollte, aber er blieb. Er schalt sich einen Dummkopf und hoffte zugleich, dass Blut vielleicht doch dicker war als Wasser.

Zain strich sich mit der Hand über das dunkle Haar, die Bewegung wirkte müde. „Ich bin nicht dein Feind, Khalid.“

„Dann fahr eine Runde mit mir.“ Khalid zog die Tür noch weiter auf. „Ich muss dieses Prachtstück noch auf Herz und Nieren prüfen.“

Nach kurzem Zögern stieg Zain ein.

„Alle angeschnallt?“, fragte Khalid und sah seinen Bruder an. „Man kann nicht vorsichtig genug sein. Ich dachte, wir nehmen die Route durch die Berge.“

Die Strecke war bekannt für ihre Haarnadelkurven und die Unfälle, die sich hier regelmäßig ereigneten. Bei der ersten Kurve schielte Zain nach dem Tacho. Er hob die Brauen, als er die Anzeige sah, aber nervös wurde er nicht. Sein Halbbruder hatte viele Fehler, aber er war ein guter Fahrer. Doch als sie die dritte Kurve erreichten, konnte er eine leichte Anspannung nicht unterdrücken.

„Soll ich langsamer fahren, Bruderherz?“, spottete Khalid, als er in einer Kurve einen LKW überholte und gerade rechtzeitig wieder rechts hinüberzog, um einen Zusammenprall mit dem entgegenkommenden Wagen zu verhindern.

„Bist du high?“, fragte Zain.

„High vom Leben. High vom … Wahrscheinlich bin ich tatsächlich zugedröhnt, aber die Tabletten wirken nicht mehr richtig. Verstehst du, Bruderherz, ich sterbe. Ich habe Lungenkrebs, und er hat bereits gestreut. Ich habe nicht mehr lange.“

Das tiefe Schnurren des Wagens wurde zu einem Knurren, als Khalid um die nächste Kurve jagte.

„Mach nicht so ein trauriges Gesicht, Bruderherz. Wir müssen alle sterben. Aber den Zeitpunkt zu kennen, verändert alles und verleiht dir Macht. Ja …“ Er beobachtete lächelnd, wie Zain nach dem Türgriff tastete. „Sie ist verschlossen, aber wenn du bei dieser Geschwindigkeit aussteigst, stirbst du ohnehin. Weißt du, was das Schlimmste für mich ist? Das Wissen, dass du dann noch da sein wirst und meinen Platz einnehmen wirst. Auf dem Thron, im Bett meiner Frau … Aber das muss nicht so sein. Ich habe begriffen, dass der Tod in Wahrheit ein Geschenk ist. Weil ich dich mitnehmen kann.“

Zain beugte sich vor, um in das Lenkrad zu greifen, aber sein Bruder hielt den Wagen auf der Spur, die ihn über die Klippen und ins Leere führen würde. Zain richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tür, trat und hämmerte dagegen, um nur aus dem Wagen zu gelangen.

„Entspann dich, und genieße es, Bruderherz.“ Khalids Lachen wurde zu einem Wutschrei, als die Tür endlich nachgab und Zain sich hinauswarf.

Breite, kühle Gänge gingen strahlenförmig vom achteckigen zentralen Atrium ab. Das Glasdach ließ Licht herein, und der Springbrunnen im mosaikverzierten Bassin produzierte einen permanenten Regenbogen.

Es fühlte sich mehr wie ein Fünf-Sterne-Hotel an als irgendein Krankenhaus, das Abby je betreten hatte, und schon gar nicht wie das aus ihrer Kindheit. Sie war sechs Jahre alt, als man sie in einem Krankenwagen in das Krankenhaus gebracht hatte. Sie erinnerte sich an die breiten Doppeltüren und die nicht enden wollenden Korridore. Dann gab es eine Lücke in ihrer Erinnerung, doch später saß sie auf einem harten Stuhl. Sie hatte angefangen, die roten Punkte auf dem gefliesten Boden zu zählen, während hinter einem Vorhang Menschen versuchten, das Leben ihrer Eltern zu retten.

Sie hatten es ziemlich lange versucht. Abby war vom Stuhl geklettert und losgewandert, lange bevor sie aufgaben. Ihre Großmutter erzählte ihr später, dass man sie schlafend in der Spülkammer gefunden hatte, den Daumen im Mund.

„Bitte entschuldigen Sie, dass Sie warten mussten.“

Abby ließ die Hand sinken, mit der sie die Augen beschattet hatte, um den Springbrunnen zu bewundern. Bei der Bewegung verrutschte der Seidenschal, der das tiefe Smaragdgrün ihrer Augen gut zur Geltung brachte. Sie schob den Schal wieder über ihre glänzenden Locken, die wild entschlossen schienen, sich nicht bedecken zu lassen.

„Können wir heute Abend noch zurückzufliegen, Mr. Jones?“, fragte sie.

„Es ist in unser aller Interesse, diese Angelegenheit so schnell wie möglich zu regeln“, lautete die frustrierend vage Antwort.

Seine Stimme war, wie alles an diesem Mann, nichtssagend und unauffällig. Abby war ihm einmal begegnet, und wenn sie sich nicht unter solch außergewöhnlichen Umständen kennengelernt hätten, hätte sie ihn schon längst wieder vergessen. Als sie vor zehn Monaten in der britischen Botschaft in der Hauptstadt von Aarifa aufgetaucht war, hatte sie Mr. Jones ihre Geschichte ausführlich erzählt.

„Ich bin doch nicht wirklich verheiratet, oder?“, hatte sie nervös gefragt, doch er hatte sie beruhigt.

Natürlich sei sie nicht verheiratet. Er hatte ihr geraten, zu vergessen, was passiert war, nach Hause zu fahren und ihr Leben zu leben.

Und das hatte Abby getan. Nun, sie hatte einfach weitergemacht wie zuvor. Das mit dem Vergessen war eine andere Sache. Ihre Erinnerungen bekamen etwas Surreales. Der Mann, der sie gerettet hatte, schien einem Märchen entsprungen zu sein. Immer wieder schlich sich die hochgewachsene Fantasiegestalt in ihre Träume, und obwohl sie sich meistens an keine Einzelheiten erinnerte, wusste sie doch, wann er ihr wieder ...

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