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JULIA EXTRA BAND 457

SOPHIE PEMBROKE

Winterzauber auf Thornwood Manor

Ein neuer Schlossherr für Thornwood? Alice hofft, dass sie trotzdem dort wohnen bleiben kann. Doch der attraktive Erbe hat andere Pläne! Wird er sie bei Eis und Schnee etwa vor die Tür setzen?

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Winterzauber auf Thornwood Manor

1. KAPITEL

Liam Jenkins kniff zum Schutz vor der tief stehenden Wintersonne die Augen zusammen. Er betrachtete das in der Ferne liegende Thornwood Castle und versuchte sich vorzustellen, dort zu leben.

Es gelang ihm nicht.

Weder das dunkle Grau der steinernen Mauern noch die wehrhaften Zinnen oder der düstere Schatten, den das Schloss inmitten der englischen Landschaft warf, wirkten besonders einladend.

Wenn er es in der Vergangenheit gewagt hatte, von einem Zuhause zu träumen, hatte er immer ein freundliches, ansprechendes Haus vor seinem inneren Auge gesehen. Irgendwo in Strandnähe in seiner Heimat Australien. Ein Haus, das er selbst entworfen und gebaut hatte – das nur ihm allein gehörte und frei war von bedrückenden Erinnerungen.

Stattdessen besaß er nun ein jahrhundertealtes englisches Schloss voll mit den Geschichten und Dingen anderer Menschen.

Und jetzt zog sich der Himmel auch noch zu, und es fing an zu regnen.

Seufzend lehnte Liam sich an seinen Mietwagen und ignorierte die eisigen Tropfen, die ihm von seinem Kragen in den Nacken liefen. Zum wiederholten Mal fragte er sich, was seine Großtante Rose sich nur dabei gedacht hatte. Als sie vor Kurzem starb, hatten sie sich bereits seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Und bevor es damals zu jenem desaströsen Treffen in London gekommen war, hatte er Thornwood Castle nur ein einziges Mal betreten. Von engen Familienbanden konnte also keine Rede sein. In seinen Augen war Rose nur eine von vielen Verwandten, in deren Leben für ihn kein Platz gewesen war.

Schon als er Rose das erste Mal besucht hatte, war Liam klar gewesen, dass er nie nach Thornwood Castle gehören würde. Mit all den Säulen, dem dicken Gemäuer und den verstaubten Rüstungen stellte Thornwood eine ganz andere Welt dar als die, in der er mit seiner Mutter in ihrem kleinen Haus an der australischen Goldküste gelebt hatte. Als er zehn Jahre alt war, starb seine Mutter, von der er immer geglaubt hatte, dass sie unbesiegbar sei. Sie war es nicht. Den Waisenjungen, der er damals war und der um seine Mutter trauerte, hatte der Gedanke, in Thornwood leben zu müssen, mit Angst und Schrecken erfüllt. Und das, noch bevor er seiner Furcht einflößenden Großtante überhaupt begegnet war.

Als Liam jetzt an sie dachte, erschauderte er bei der Erinnerung an ihre eisige Ausstrahlung. Die Art, wie sie über ihm aufragte, die stahlgrauen Haare streng zurückgekämmt, ihre dunkelblauen Augen den seinen so ähnlich. Er hatte die Augen seines Vaters – und niemand hatte wirklich je infrage gestellt, wessen Sohn er war. Nur hatte seine Familie sich nie öffentlich zu ihm bekannt.

Doch nun schob Liam die Erinnerungen beiseite und stieg wieder in den Wagen.

Thornwood gehörte ihm – ein Erbe, das er weder erwartet noch gewollt hatte, eine Last. Thornwood verkörperte mehr als bloß Geschichte. Es war das Vermächtnis einer Gesellschaft, die ihn verstoßen hatte, bevor er überhaupt auf die Welt gekommen war. Andernorts mochte die Zeit der Klassenkämpfe vorbei sein, mochte es egal sein, ob ein Kind außerehelich geboren wurde, aber Liam wusste, dass die alten Vorurteile auf Thornwood noch immer herrschten.

Zumindest, solange Rose gelebt hatte. Jetzt aber war sie tot.

Könnte Thornwood vielleicht doch ein Zuhause werden? Alles, woran Liam sich erinnerte, waren kalte, abweisende Räume und die unübersehbare Ablehnung des Butlers, der ihm damals die Tür geöffnet hatte.

Doch da war dieser Brief, den ihm der Anwalt übergeben hatte, als er Liam über sein Erbe in Kenntnis gesetzt hatte. Rose hatte den Brief nur wenige Tage vor ihrem Tod geschrieben und Liam darum gebeten, Thornwood Castle endlich zu seinem Zuhause zu machen und das Familienvermächtnis anzutreten.

Es ist heute anders, als du es in Erinnerung haben wirst …

Das hatte Rose ihm geschrieben. Aber aus dieser Entfernung sah das Schloss noch genau so aus wie vor fünfundzwanzig Jahren: grau, düster und abweisend. Nicht so, wie ein Zuhause aussehen sollte.

Aber vielleicht irrte er sich auch – schließlich konnte er sich kaum daran erinnern, ein richtiges Zuhause gehabt zu haben. Nachdem seine Mutter gestorben war, hatten ihn seine übrigen Verwandten einer nach dem anderen abgewiesen. Zuerst die seiner Mutter in Australien. Als er nach England gereist war, hatte auch die ihm völlig unbekannte Familie seines Vaters ihn abgelehnt. Danach hatte er bei verschiedenen Pflegeeltern gewohnt, ohne irgendwo längere Zeit zu bleiben. Als Liam erwachsen wurde, schuf er sich das Leben, nach dem er sich gesehnt hatte, eines, das auf seinen Leistungen gegründet war und nicht auf seiner Herkunft.

Und er hatte Erfolg. In seiner Welt wusste niemand, dass er das uneheliche Kind eines Lords oder eine Waise war. Dort kannten ihn alle als einen angesehenen Architekten, der seinen Umsatz mit jedem Jahr verdoppelte. Er hatte seine eigene Erfolgsgeschichte geschrieben.

Und vielleicht würde auch Thornwood ein Erfolg werden.

Das war zumindest der Plan. Die Zeit der altmodischen Herrensitze war vorüber, niemand brauchte noch so viel Platz. Das musste aber nicht bedeuten, dass man mit Thornwood kein Geld verdienen konnte. Auf Touristen übte der alte englische Adel noch immer eine enorme Anziehungskraft aus. Davon hatte seine Ex-Freundin Liam überzeugt, die sich liebend gern historische Fernsehserien ansah. Wenn Thornwood also ihm gehörte, musste es auch Geld einbringen – so wie jedes andere Gebäude, das er je entworfen oder restauriert hatte. Nur besaß Thornwood mehr Potenzial als die meisten anderen Gebäude.

Beim Gedanken an das Gesicht von Großtante Rose, die von oben – oder, was wahrscheinlicher war, von unten – zusah, wie Thornwood sich in einen Vergnügungspark verwandelte, musste Liam lächeln.

Sie würde es hassen. Und das war Grund genug, diesen Plan umzusetzen. Vielleicht konnte man es ja ausgleichende Gerechtigkeit nennen. Endlich übernahm er die Welt, die ihn als Kind zurückgewiesen hatte.

Anschließend würde er wie gewohnt weitermachen können, um sein wirkliches Zuhause zu finden. Und nicht eines, das ihm überlassen worden war, weil es sonst niemanden mehr gab.

Noch einmal sah Liam zu den Zinnen im grauen, trüben Licht des kalten Wintertages, den schmalen Fenstern und den alten Mauern. Er wusste, dass er bleiben würde, so wie Rose es gewollt hatte. Aber nur so lange, bis er mit diesem Kapitel seines Lebens abgeschlossen hatte. Mit der Familie, die ihn nie gewollt hatte.

Dann konnte er sein eigentliches Leben wieder aufnehmen.

Liam startete den Motor und fuhr zurück auf die Straße, um die letzte halbe Meile der langen, gewundenen Auffahrt zum Schloss zurückzulegen. Durch die Windschutzscheibe lächelte er dem Regen zu, der mittlerweile in Strömen fiel.

Er war fast zu Hause – vorerst.

Bestürzt betrachtete Alice Walters die Szene, die sich vor ihr abspielte. „Was ist denn hier passiert?“, fragte sie, während auf einem Rinnsal, das definitiv nicht in den Hauptsaal von Thornwood Castle gehörte, ein paar Stechpalmenbeeren an ihr vorbeitrieben.

„Penelope wollte die Zweige in den Vasen gießen“, erklärte Heather mit verschränkten Armen. Die Furchen, die sich seit Roses Tod dauerhaft in ihre Stirn gegraben hatten, wirkten noch tiefer als sonst. „Anscheinend ist sie abgelenkt worden.“

„Und hat vergessen, die Gießkanne aus dem Becken zu nehmen und das Wasser abzustellen.“ Es war nicht das erste Mal, dass Penelope abgelenkt worden war. Mittlerweile müsste Alice eigentlich daran gewöhnt sein. „Wo ist Danielle?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Heather knapp. „Für eine Assistentin ist sie nicht besonders hilfreich.“

Alice seufzte. Das war ihr auch schon aufgefallen. Anfangs, als sie dem Mädchen angeboten hatte, ihr bei der Verwaltung und anderen Arbeiten auf Thornwood zu helfen – hauptsächlich, damit es nach dem Tod seiner Mutter etwas Geld verdienen konnte –, schien Danielle sich sehr gefreut zu haben. Doch in den letzten Monaten hatte sie sich kaum noch blicken lassen. „Na, dann holen wir besser mal einen Wischmopp. Er muss jede Minute hier sein.“

„Der neue Schlossherr“, sagte Heather mit kaum verhohlener Abneigung in der Stimme. „Ich kann es kaum erwarten.“

„Vielleicht ist er ja gar nicht so schlimm.“ Alice ging zur nächstgelegenen Abstellkammer und nahm einen Eimer und einen Mopp heraus. Da das Dach im Laufe der letzten Jahre zunehmend löchriger geworden war, versuchten sie immer, Eimer und Wischlappen zur Hand zu haben. Das einst stattliche Schloss war mittlerweile undicht wie ein Sieb und unmöglich warm zu halten. Alice fragte sich, ob dem neuen Eigentümer bewusst war, was ihn erwartete. „Sonst hätte Rose ihm das Schloss nie vermacht.“

„Nein?“ Heather nahm ihr den Mopp ab und begann das Wasser aufzuwischen, während Alice sich auf die Suche nach weiteren Lappen machte. „Er ist der letzte Nachkomme, ehelich oder nicht. Ob Rose ihn mochte oder nicht, hat keine Rolle gespielt. Sie musste ihm das Schloss hinterlassen, weil die Tradition es so wollte. Und du weißt, was Tradition ihr bedeutet hat. Solltest du jedenfalls, denn du hast dich oft genug mit ihr darüber gestritten.“

„Das stimmt.“ Wieder seufzte Alice. Als ob die Überschwemmung nicht schon schlimm genug wäre, hatte sie heute Vormittag die Aufgabe, dem neuen Besitzer von Thornwood Castle eine Führung durch sein Erbe zu geben.

Rose war keine einfache Frau gewesen, doch sie hatte über Pragmatismus verfügt. Alices Vorschlag, wie man das Schloss erhalten konnte, hatte ihr vielleicht nicht gefallen, aber sie hatte die Zähne zusammengebissen. Denn sie wollte, dass ihr Zuhause, ihr Familiensitz, überleben konnte und einer neuen Generation Nutzen brachte. Dass es mehr war als nur ein historisches Vorzeigestück. Und, da war Alice sich sicher, sie wollte nicht diejenige sein, die Thornwood Castle aus der Hand gab.

Aber was wollte ihr Großneffe? Er war die unbekannte Größe. Bedeutete Thornwood ihm so viel, dass er mit ihnen zusammenarbeiten würde, um es zu erhalten? Oder würde er es an den erstbesten russischen Oligarchen verkaufen, der ihm eine siebenstellige Summe bot?

Nun, sie würden es vermutlich bald herausfinden.

Nicht, dass es für Alice einen großen Unterschied machte. Es gab immer Arbeit für eine gut organisierte und produktive Frau wie sie. Rose hatte ihr eine exzellente Referenz geschrieben, bevor sie gestorben war. Alice würde keine Probleme haben, einen neuen Job zu finden. Außerdem war es sowieso an der Zeit, weiterzuziehen. Sie war schon länger auf Thornwood Castle, als sie vorgehabt hatte.

„Alice?“ Penelope steckte ihren Kopf durch die Tür und ihre Augen in dem schmalen, blassen Gesicht wirkten noch größer als sonst. Sie war erst sechzehn und schon völlig desillusioniert. Penelope und die anderen Mädchen und Frauen, die eine ähnliche Geschichte hatten, waren der einzige Grund, warum Alice zögerte, Thornwood zu verlassen. Das Schloss war vielleicht nicht ihr Zuhause, aber es war der einzige Ort, den die Frauen, denen sie half, hatten. Der Ort, an dem sie etwas bewirken konnte. Natürlich konnte sie auch in einem Büro arbeiten. Aber hier in Thornwood half sie anderen Menschen, und das zählte mehr als alles andere.

„Was ist, Penelope?“, fragte sie, als das Mädchen schwieg.

Penelope schlüpfte in den Saal, zog die zu große graue Strickjacke enger um sich und verschränkte die Arme. „Draußen ist ein Auto vorgefahren. Ein großer schwarzer Allradwagen.“ Sie sah Alice nicht an, während sie sprach.

Alice und Heather warfen sich einen kurzen Blick zu.

„Das wird er sein“, sagte Heather mit einem Nicken. „Penelope, nimm Alice bitte die Lappen ab und versuch, das Wasser aufzuwischen. Weiß der Himmel, wo Danielle steckt.“

Penelope tat, wie ihr geheißen, und Alice trocknete die feuchten Hände an ihrer Jeans ab. „Na dann.“ Sie wies mit einer Hand in Richtung Haustür.

Heather nickte. „Geh. Stell dich dem Ungeheuer!“

Alice verdrehte die Augen. „Vielleicht ist er ja wirklich nett.“

„Rede dir das nur ein“, antwortete Heather und machte sich daran, Penelope bei den restlichen Wasserpfützen zu helfen. „Nur weil ich noch nie einem wirklich netten Mann begegnet bin, heißt das ja nicht, dass es kein erstes Mal geben kann.“

„Genau.“ Alice gab sich Mühe, überzeugter zu klingen, als sie es war. „Wir sollten ihm zumindest eine Chance geben.“

Sie hoffte nur, dass auch Liam ihr – und Heather, Penelope und all den anderen Frauen – eine Chance geben würde.

Liam nahm seine Tasche von der Rückbank, schloss die Tür und verriegelte den Wagen. Dann wandte er sich das erste Mal seit fünfundzwanzig Jahren Thornwood Castle zu.

„Immer noch ganz schön beeindruckend“, murmelte er und sah empor zu den Schießscharten. Dann lief er die Steintreppe hoch, hin zu der eindrucksvollen Haustür. Er rief sich ins Gedächtnis, wer er war: nämlich ein begehrter und renommierter Architekt, dem prestigeträchtige Projekte auf der ganzen Welt angeboten wurden. Seine Entwürfe waren einzigartig, und er hatte Gebäude erschaffen, von denen jeder andere Architekt gesagt hatte, dass sie unmöglich zu bauen seien.

Es gab also überhaupt keinen Grund, warum er sich von einem alten englischen Schloss eingeschüchtert fühlen sollte.

Er straffte die Schultern und fasste nach dem Türgriff, als die Tür sich im selben Moment wie von Geisterhand nach innen öffnete.

Liam blinzelte in die düstere Empfangshalle und erkannte nach und nach eine, zwei, drei – fünf Frauen, die ihm abwartend entgegensahen.

Kurz fragte er sich, ob es sich um seine Angestellten handelte, die sich aufgereiht hatten, um den neuen Schlossherrn willkommen zu heißen.

Dann bemerkte er, dass die Frauen alle Jeans und dicke Wollpullover trugen – und dass es im Schlossinneren kälter zu sein schien als draußen.

„Sie müssen Liam sein!“ Die Frau, die die Tür geöffnet hatte, lächelte ihn strahlend an. „Mr. Howlett, meinte ich natürlich.“

„Jenkins“, berichtigte er automatisch. „Liam Jenkins. Der Name meiner Mutter.“ Er musste nicht extra erwähnen, dass ihm der Name seines Vaters niemals angeboten worden war.

Die Frau errötete. Anscheinend wusste sie darüber Bescheid. „Natürlich, Mr. Jenkins.“

Der Fauxpas schien ihr so unangenehm zu sein, dass Liam nur die Schultern zuckte. Er mochte es nicht, wenn Menschen sich in seiner Gegenwart unwohl fühlten, und sagte schlicht: „Nennen Sie mich einfach Liam.“

„Liam, na gut. Ich danke Ihnen.“ Das Rot wich langsam aus ihren Wangen, was Liam bedauerte, denn jetzt sah sie blass und verschlossen aus. Ihr honigblondes Haar wirkte matt im düsteren Licht des Schlosses. Doch eben war sie Liam für einen kurzen Moment so … lebhaft erschienen. Sie hatte eine Lebendigkeit ausgestrahlt, die er auf Thornwood Castle nicht erwartet hatte.

Weshalb er natürlich immer noch nicht wusste, wer sie war oder warum sie sich auf seinem Schloss aufhielt. „Und Sie sind …?“

„Oh, ich bin Alice Walters. Ihre Großtante hat mich eingestellt, um, na ja, um Thornwood Castle wieder einen Sinn zu verleihen.“

„Einen ‚Sinn‘?“ Liam runzelte die Stirn. „Es ist ein altes Schloss im einundzwanzigsten Jahrhundert. Wie sinnvoll kann es da schon sein?“ Interessant sah er ja noch ein, oder auch gewinnbringend. Er hätte sich nicht gewundert, wenn er bei seiner Ankunft in eine Gruppenführung durch das Schloss geplatzt wäre – mit lauter Schaulustigen, denen der Zutritt so lange verwehrt worden war, und die endlich all das in Augenschein nehmen konnten, was Rose hinterlassen hatte. Natürlich wäre das nichts im Vergleich zu seinen Plänen mit Thornwood. Er floss über vor Ideen, was er hieraus machen konnte – Ideen, die Rose niemals gut geheißen hätte und die das Schloss in eine Touristenattraktion verwandeln würden. Eine Attraktion, die er selbst nicht besuchen musste, die ihm aber viel Geld einbringen würde.

Seit dem Telefonat, in dem er darüber informiert worden war, dass Thornwood jetzt ihm gehörte, war er im Geiste die zahllosen Möglichkeiten durchgegangen, die sich ihm damit boten.

Nur sinnvoll war darin nicht vorgekommen – wenn man von seinen finanziellen Einnahmen einmal absah.

„Rose war es wichtig, dass Thornwood seine traditionelle Rolle in der hiesigen Gemeinde beibehält“, sagte Alice vorsichtig. „Und deshalb hat sie mich eingestellt.“

„‚Seine traditionelle Rolle‘?“ Allmählich kam Liam sich wie ein Papagei vor.

„Hören Sie“, sagte er und bemühte sich, nicht gereizt zu klingen. „Ich werde mich ganz einfach ausdrücken. Und ich möchte nur eine einfache Antwort auf eine einfache Frage: Was zum Teufel haben Sie alle in meinem Zuhause zu suchen?“

2. KAPITEL

Na gut, es würde also nicht so einfach werden, wie Alice gehofft hatte. Auch wenn sie ihre Hoffnungen nicht besonders hoch gehängt hatte – immerhin hatte sie mit Männern noch schlimmere Erfahrungen als Heather gemacht.

Hinter sich hörte sie Penelope leise nach Luft schnappen und beschloss, die Unterhaltung mit dem neuen Schlossherrn woanders fortzuführen, bevor sie alle Mädchen hier in Angst versetzten. Liam mochte vielleicht locker wirken, aber sie befanden sich immer noch in seinem Haus, und er konnte sie alle sofort vor die Tür setzen, wenn ihr nicht schnell etwas einfiel.

„Mr. Jenkins, sollen wir in mein Büro gehen? Dort kann ich Ihnen alles erklären.“ Außerdem gab es dort einen Wasserkocher und Gebäck. Vielleicht würde das Zusammensitzen bei einer schönen Tasse Tee die Situation ja entspannen.

„Von mir aus“, stimmte Liam schulterzuckend zu.

Alice führte ihn über einen Umweg zu ihrem Büro – teils, um die Überschwemmung im großen Saal zu umgehen, teils, um ihm Räumlichkeiten zeigen zu können, die nicht unter Wasser standen.

„Wann waren Sie das letzte Mal auf Thornwood Castle?“, fragte sie höflich, als sie durch die Bibliothek gingen. In der Mitte des Raumes waren Tische unterschiedlichster Höhe, Form und Größe zusammengeschoben worden, und überall lagen Wollknäuel und Stricknadeln herum. In dem Moment, als Liams Auto vorgefahren war, hatten alle, was sie gerade in den Händen gehalten hatten, fallenlassen. Dafür hatte Alice Verständnis, denn schließlich würde der neue Besitzer über die Zukunft der Mädchen und Frauen entscheiden. Aber sie wünschte sich dennoch, dass sie ein wenig aufgeräumt hätten.

„Vor fünfundzwanzig Jahren.“ Liam hob eine Augenbraue und beäugte ein oranges Wollknäuel, das ihm im Weg lag.

Im Vorbeigehen hob Alice es auf und legte es auf den nächststehenden Tisch. Für einen Australier schien Liam die Herablassung des englischen Adels gut zu beherrschen.

„Das ist eine lange Zeit.“ Alice wusste nicht, was sie sonst sagen sollte.

Ihre Großtante war fünfzehn Jahre lang allein, und Sie konnten sie nicht einmal besuchen?

Natürlich lebte er am anderen Ende der Welt. Aber nachdem Alice von dem Testament erfahren hatte, hatte sie sich über Liam informiert. Und sie würde darauf wetten, dass sein Beruf ihn des Öfteren nach London geführt hatte. Er hatte mehrere Häuser in nur zwei Fahrtstunden Entfernung entworfen und gebaut. Warum war er nicht hier vorbeigekommen, um seine einsame, alte Tante zu besuchen? Oder wenigstens, um nach seinem Erbe zu sehen, wenn er denn wirklich so herzlos war?

Alice runzelte die Stirn. Warum hatte er es nicht getan? Jetzt, wo sie ihm begegnet war, konnte sie sich vorstellen, dass Rose ihm einfach nicht wichtig genug gewesen war. Aber Thornwood Castle hatte er sein Zuhause genannt. Wie konnte das sein, wenn er seit zweieinhalb Jahrzehnten nicht hier gewesen war? Vielleicht hatte er sich versprochen. Oder auch nicht …

Wenn er das Schloss wirklich zu seinem Zuhause machen wollte, müsste er sich damit auseinandersetzen. Und vielleicht würde er den Wert ihrer Arbeit erkennen und Alice weitermachen lassen.

Wenn nicht, verlieren viele Frauen aus der Gegend ihren sicheren Ort, dachte Alice bedrückt, als sie das Büro erreichten. Sie öffnete die Tür, neben der eine verstaubte Rüstung stand. „Das hier ist übrigens Ritter Rusty. Kommen Sie.“

Das Büro war nicht viel größer als eine Abstellkammer. Der in eine Ecke gequetschte Schreibtisch quoll über vor Papieren und Notizzetteln. Thornwood Castle besaß zahllose Räume – viel mehr, als ein Mensch jemals würde bewohnen können. Doch als Alice vor anderthalb Jahren hier eingetroffen war, hatte sie erkannt, dass die anderen Zimmer sehr viel besser genutzt werden konnten. Außerdem waren sie alle viel zu groß – und zu zugig. In ihrem Kämmerchen hatte sie es wenigstens gemütlich. Und kaum jemand verlief sich jemals hierher.

„Setzen Sie sich.“ Sie zeigte auf einen altersschwachen Holzstuhl an ihrem Schreibtisch und zwängte sich an einem Aktenschrank vorbei, um Teewasser aufzusetzen. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Liam den Stuhl misstrauisch inspizierte – sie hatte es genauso gemacht. Rose hatte sie darauf hingewiesen, dass der Stuhl schon über hundert Jahre alt und noch nie zusammengebrochen war. Aber Alice glaubte, dass seine Zeit allmählich gekommen war.

Vielleicht hatte er ja auch auf Liam Jenkins gewartet …

Sie wandte sich fast erwartungsvoll um – doch der Stuhl gab selbst unter Liams Gewicht nicht nach. Und Liam war groß und muskulös. Objektiv betrachtet konnte man ihn vermutlich als gut gebaut bezeichnen, was man von dem Stuhl nicht sagen konnte.

Und vielleicht hatte der Stuhl ja genau so viel Angst vor Liam wie sie …

Nein, das war albern. Sie hatte keine Angst vor dem neuen Schlossherrn. Sie machte sich einfach Sorgen. Schließlich konnte Liam allem, was sie hier aufgebaut hatte, in kürzester Zeit ein Ende bereiten. Hier ging es um nichts Persönliches. Er hatte nicht die Macht, Alice zu verletzen, wie ein anderer Mann es getan hatte. Er war ihr Boss, und wenn er sie rauswarf, würde sie einfach woanders ein neues Projekt starten.

Es war nicht mehr so wie früher. Das durfte sie nicht vergessen, auch wenn Liam sie jetzt so finster ansah.

Sie war nicht mehr die Alice von früher, und sie würde es nie wieder sein. Das Leben hatte sie verändert – nicht immer zum Besseren, aber unumkehrbar.

„Also“, sagte Liam, während sie auf das Teewasser warteten. „Worüber konnten Sie vor den anderen Frauen nicht mit mir sprechen?“

„Können schon, aber ich wollte nicht“, korrigierte Alice ihn.

„Meinetwegen.“ Er zuckte mit den Schultern. Dieser Unterschied spielte für ihn offensichtlich keine Rolle. Alice seufzte. Vielleicht sollte sie damit anfangen.

„Diese Frauen – sie sind Teil meiner Arbeit hier.“

„Richtig, Ihre Arbeit. Mit der Sie Thornwood Castle ‚einen Sinn‘ verleihen.“

Warum musste er das Wort so betonen und ihre Arbeit ins Lächerliche ziehen? „Wie viel wissen Sie über die Geschichte des englischen Adels, Liam?“

„Nicht so viel wie Sie, wage ich zu behaupten.“ Er sah sie neugierig an, während Alice Teeblätter in eine Kanne gab und mit heißem Wasser übergoss. Dann ließ sie den Tee ziehen.

„Eine Expertin bin ich auch nicht“, versicherte Alice ihm. Sie stellte die Teekanne, Tassen und ein Milchkännchen auf ein Tablett, setzte es auf dem Schreibtisch ab und ließ sich auf ihrem eigenen Stuhl nieder. Dann stützte sie die Unterarme auf den Tisch und sah Liam über den Dampf aus der Kanne hinweg an. „Aber ich weiß, was diese Geschichte Ihrer Großtante bedeutet hat.“

„Jedenfalls genug, um mir das Schloss zu vererben.“

„Stimmt.“ Egal, wie falsch diese Entscheidung gewesen sein mochte. Alice wusste, wie sehr Rose damit gehadert hatte, Thornwood jemandem zu vererben, den sie so wenig kannte und der nie irgendein Interesse an dem Schloss und dessen Vermächtnis gezeigt hatte. Aber Liam Jenkins war das letzte noch lebende Familienmitglied. „Ich möchte, dass Sie verstehen, welche Erwartungen Rose daran geknüpft hatte, Sie zu Ihrem Erben zu machen. Thornwood ist sehr viel mehr als ein altes Gemäuer voller staubiger Rüstungen.“

„Das weiß ich“, erwiderte Liam viel zu schnell, um beiläufig zu klingen. „Es ist mein Zuhause, richtig? Mein Familiensitz, sozusagen.“

Da war das Wort wieder. Zuhause. Anscheinend bedeutete ihm das etwas, und wenn Alice den Grund herausfinden konnte, würde sie ihn vielleicht nutzen können. An Liams Anstand appellieren – denn hatte nicht jeder ein Zuhause verdient? Auch die Frauen hier, denen er noch nie begegnet war und die überall Wollknäuel in den scheußlichsten Farben herumliegen ließen oder das Schloss unter Wasser setzten.

Es könnte funktionieren. Vielleicht.

Alice atmete tief ein. Sie würde es versuchen müssen.

Liam musterte Alice über den Tisch hinweg und fühlte eine leichte Nervosität in sich aufsteigen, als sie seinem Blick begegnete und kaum merklich nickte. Sie hatte einen Entschluss gefasst, so viel stand fest. Er wüsste nur gern, worum es ging.

Ihm wurde klar, dass Alice eigene Pläne mit Thornwood Castle verfolgte – Pläne, die seinen Vorstellungen mit Sicherheit nicht entsprechen würden. Gut also, dass ihm das Schloss gehörte und nicht ihr.

Vielleicht war sie ja eine Erbschleicherin. Jemand, der seine Großtante um den Finger gewickelt, ihr Vermögen und ihre Güte ausgenutzt – sofern am Ende auch nur eines von beidem noch vorhanden gewesen war – und darauf spekuliert hatte, das Schloss zu erben. Sollte es wirklich so sein, musste die Tatsache, dass er jetzt der Erbe war, Alice in Rage versetzen. Er hatte vielleicht keine großen Ansprüche darauf gehabt, aber sie in jedem Fall noch viel weniger. Und was machten all die Frauen in den dicken Strickpullovern hier?

„Rose war davon überzeugt, dass das Privileg, ein Schloss wie Thornwood zu besitzen, und der gesellschaftliche Status, der damit einhergeht, ein hohes Maß an Verantwortung mit sich bringen.“ Alice klang so ernst, dass Liam seine Erbschleicher-Theorie fast sofort wieder verwarf. Aber nur fast. Denn wenn sie dieses Ziel ernsthaft verfolgte, musste sie ihre Rolle natürlich perfekt spielen. Und so wie er Rose in Erinnerung hatte, musste Alice eine sehr gute Schauspielerin sein, wenn sie selbst seine Großtante hatte täuschen können.

„Verantwortung für das Anwesen?“, riet er. Thornwood war Roses Lebensinhalt gewesen. Mein Gott, was für eine Überwindung musste es sie gekostet haben, es ihm zu überlassen! Doch Alices Gesichtsausdruck sagte ihm, dass sie mehr als nur das gemeint hatte. Also riet er weiter. „Geht es um den Titel? Den habe ich nicht geerbt.“

Alice schüttelte den Kopf. „Um den Titel geht es nicht. Obwohl …“ Sie seufzte, als ob die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen, ihm die kuriosen Ausprägungen des englischen Adelssystem zu erklären, sie erschöpften. „In der Vergangenheit trug der Lord – oder, wie in Roses Fall, die Lady – die Verantwortung für alle Menschen, die auf dem Schloss und den Ländereien lebten.“

„Sie meinen den Feudalismus“, entgegnete Liam angewidert. „Einfach ein anderes Wort für Sklaverei!“

„Nein, nicht den Feudalismus. Jedenfalls nicht in den letzten Jahrhunderten. Ich wollte sagen … traditionell haben die Menschen, die auf dem Anwesen gelebt haben, auch hier gearbeitet, meistens als Farmer. Auch das Dorf hier gehört zum Grundbesitz. Weshalb die Mieten an den Schlossbesitzer gezahlt werden, der somit die Verantwortung für die Mieter hat. Sie sind wie der Teil einer großen Familie, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Ich glaube schon.“ Darüber hatte Liam noch gar nicht nachgedacht. Er hatte zwar damit gerechnet, mit dem Schloss auch einen Gärtner und andere Angestellte zu übernehmen, aber nicht ein ganzes Dorf! Wie würden die Bewohner darauf reagieren, dass er Thornwood Castle in die größte Touristenattraktion des Landes verwandeln wollte? Er musste es ihnen einfach gut verkaufen – sie für die vielen neuen Jobs und das Geld, das die Touristen einbrachten, begeistern.

„Ja und? Soll ich Eröffnungsreden bei Dorffesten halten oder etwas in der Art?“

„Nein, eigentlich nicht.“ Alice sah aus, als würde sie sich nicht besonders wohlfühlen, sprach aber weiter. Liam bewunderte sie ungewollt für die Entschlossenheit, mit der sie sich für ihre Sache einsetzte, auch wenn er keine Ahnung hatte, worum es sich dabei handelte. „Die Zeiten haben sich geändert. Das Farmland wurde größtenteils verkauft, und das Dorf ist weitgehend unabhängig. Und als Rose älter wurde, konnte sie sich um viele Dinge nicht mehr kümmern. Trotzdem wollte sie, dass Thornwood weiterhin eine wichtige Rolle spielt. Dass es einen Sinn erfüllt.“

Schon wieder dieses Wort. „Also hat meine Großtante Sie eingestellt. Um was genau zu tun?“

„Ich sammle Spenden und organisiere Veranstaltungen für Frauen aus dieser Gegend, die sich in einer Krisensituation befinden.“ Sie sprach die Worte hastig aus, und Liam musste ein paar Mal blinzeln, um das, was Alice gesagt hatte, zu verarbeiten. Er glaubte, sich verhört zu haben.

„Sie leiten hier ein Frauenhaus?“ Das war das Letzte, was er von Rose erwartet hatte. Immerhin hatte sie nicht einmal ihm eine Zuflucht geboten, als er sie gebraucht hatte. Und ob es ihr gefallen hatte oder nicht, er war nun einmal ihr Fleisch und Blut.

„So etwas in der Art. Aber sie können nicht hier wohnen. Viele der Frauen und Mädchen, denen wir auf Thornwood Castle helfen, können sich oft nicht zu Hause aufhalten. Dann kommen sie hierher.“

„Werden sie misshandelt?“ Liam sah Alice direkt in die Augen, als suchte er die Wahrheit darin. „Warum helfen Sie ihnen dann nicht dabei, von zu Hause wegzukommen? Anstatt sie einfach mit ein paar Stricknadeln in einem zugigen Schloss abzusetzen, damit sie sich Wolljacken stricken können?“ Mit Misshandlungen kannte er sich aus; er hatte genug davon in den Pflegefamilien erlebt, in denen er untergebracht worden war. Und er hatte sie am eigenen Leib erfahren – dort und durch die Freunde seiner Mutter selbst zu Hause.

Jetzt erkannte er sie – die Angst in den Augen der Frauen, die ihn an der Tür empfangen hatten. Er hatte angenommen, dass sich darin die Unsicherheit widerspiegelte, die seine Ankunft mit sich brachte. Aber er hätte es besser wissen müssen. Hätte erkennen müssen, was er gesehen hatte. Lebte er schon so lange in einer Welt voller Reichtum und Ansehen, dass er vergessen hatte, wie Angst aussah?

„Wir geben keinen … Okay, manchmal geben wir Unterricht, und heute war es eben Stricken. Aber sie stricken nicht ihre eigenen Jacken.“ Alice runzelte die Stirn. „Jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Und darum geht es auch gar nicht. Sie haben gefragt, warum wir sie nicht aus ihrem gewalttätigen Zuhause befreien. Das tun wir – wenn sie so weit sind. Wir helfen ihnen dabei, dahin zu kommen. Dann stellen wir den Kontakt zu den Organisationen her, die sie auf diesem Weg angemessen unterstützen können. Aber bei manchen …“ Alice seufzte. „Die Frauen und Mädchen, die hierherkommen, haben alle ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Leben, ihre eigene besondere Situation. Manche sind hin und her gerissen, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen. Was für sie und ihre Kinder das Beste ist. Für uns ist es leicht, zu sagen: ‚Du musst da raus!‘. Aber sie brauchen manchmal eine Weile, um das selbst zu erkennen.“

„Also geben Sie den Frauen Handarbeitsunterricht, um sie von dem, was in ihrem Leben falsch läuft, abzulenken?“ So konnte man niemandem helfen.

Alice sah ihn böse an. „Wir bieten ihnen Bildungsmöglichkeiten. Computerkurse, Bewerbungstrainings, Vorträge von hiesigen Colleges darüber, welche Kurse vakant sind, solche Dinge eben. Wir helfen ihnen, Lebensläufe zusammenzustellen, haben eine Tafel für diejenigen, bei denen das Geld knapp ist, organisieren Kleidungsbasare, sammeln Spenden für Schuluniformen oder Anziehsachen für Bewerbungsgespräche. Wir helfen beim Ausfüllen von Anträgen beim Sozialamt, bieten Meditationskurse, Sportgruppen, Kochunterricht, Stillkurse für junge Mütter, helfen bei der Babypflege. Einfach alles, von dem wir glauben, dass es den Alltag der Frauen erleichtert, ihnen und den Familien im Dorf neue Möglichkeiten eröffnet. Und wenn sie sich aus einer Situation befreien müssen, helfen wir ihnen auch dabei. Und wir kümmern uns um Spenden und versuchen, Menschen, die Zeit haben, zu überreden, uns ehrenamtlich zu unterstützen. Also, nein. Nicht nur Strickkurse.“

Alices Augen funkelten, ihre Wangen waren gerötet, und ihr blondes Haar kräuselte sich im Dampf der Teekanne – oder vor Wut. Und Liam erkannte schlagartig, dass Alice Walters keine Erbschleicherin war. Sie war etwas viel Schlimmeres – zumindest in seinen Augen.

Alice Waters war eine Idealistin. Eine entschlossene, hartnäckige und überzeugte Weltverbesserin. Und während er einen solchen Eifer bei jedem anderen bewundert hätte, verfluchte er ihn jetzt innerlich. Nicht, weil er diesen Frauen nicht helfen wollte – im Gegenteil. Und genau das war das Problem.

Denn in seiner Vision für Thornwood Castle, seine Vergeltung an der Gesellschaft und Familie, die ihn abgelehnt hatten, kamen Frauen und Kinder aus schwierigen Verhältnissen, die sein Eigentum als Schutzraum betrachteten, nicht vor. Während Alice ihm Predigten darüber halten würde, dass er mehr geben, mehr helfen, mehr tun musste. Er sah es vor sich – ein Meeting mit einem Lieferanten, in das eine weinende Frau hereinplatzte, oder ein visionärer Bauentwurf, der den Kritzeleien eines Kleinkindes zum Opfer fiel.

Sie würden nicht hierbleiben können, so viel stand fest. Aber er konnte sie auch nicht einfach vor die Tür setzen. Nicht, dass Alice ihn überredet hätte mit ihrer schönen Ansprache über sichere Orte, Zufluchten und Not. Aber wenn Thornwood für die hiesige Gemeinschaft wichtig geworden war, musste er die Gemeinschaft – und insbesondere Alice – davon überzeugen, dass ihren Bedürfnissen woanders besser gedient war. Dann endlich konnte er seine eigenen Pläne umsetzen.

Liam ging davon aus, dass das einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Nun, davon hatte er genug. Thornwood hatte lange Jahre auf ihn gewartet, da kam es nicht darauf an, wenn es etwas länger dauerte, bis er sich hier um alles gekümmert hatte. Irgendwann würde das Schloss ihm – und nur ihm – gehören. In seiner Branche war Liam Jenkins dafür bekannt, immer das zu bekommen, was er wollte. Egal, wie lange es dauerte.

Jetzt aber ging es darum, herauszufinden, womit genau er es hier zu tun hatte. Und ob er sich freikaufen konnte.

Er griff nach einem Keks und sagte: „Sie haben recht. Ich hatte keine Ahnung, was Sie hier alles machen. Wollen Sie mir jetzt vielleicht das Schloss zeigen und mir mehr von Ihrer Arbeit und den Spendensammlungen erzählen?“

Das Lächeln, das auf Alices Gesicht trat, war eine kleine Entschädigung für all die Arbeit, die noch vor Liam lag.

3. KAPITEL

Alice wurde nicht schlau aus diesem Mann. Immer wieder hatte sie gehört, dass die Australier offen und ehrlich, freundlich, aber direkt waren. Anscheinend hatte Liam mehr von seinem Vater, als man vermuten sollte. Er gab nichts preis. Was er wirklich dachte, verbarg er wirkungsvoll hinter einem lässigen Schulterzucken oder Blicken, die nicht zu deuten waren.

Er nickte höflich, als sie ihn durch die unterschiedlichen Räume führte, und zeigte sich nicht einmal von der Zimmerflucht für die englischen Könige beeindruckt.

Als Alice eine weitere Tür schloss, fragte Liam: „Schlafen die Frauen denn nie hier?“

„Doch, manchmal“, gab Alice zu. „Aber es würden zu viele Frauen davon Gebrauch machen, wenn das zum Regelfall würde. Und um ganz ehrlich zu sein, die meisten Schlafzimmer sind in zu schlechtem Zustand, um darin wohnen zu können.“

„Keine Betten?“

„Keine Heizung, keine Dämmung. In manchen Zimmern fehlen sogar die Scheiben in den Fenstern.“ Alice schauderte. „In Thornwood Castle ist es im Winter nicht gerade warm.“

„Darum also die Strickjacken.“ Was hat er nur immer mit diesen Jacken? fragte Alice sich, als Liam vor ihr den Flur entlangschritt. Widerwillig musste sie seine langen, muskulösen Beine, die in einer gut geschnittenen Jeans steckten, bewundern. Sein Gang war raumgreifend und entschlossen. Er wirkte wie ein Mann, der hergekommen war, um seine Pläne in die Tat umzusetzen.

Alice wüsste nur zu gern, wie genau diese Pläne aussahen. Denn daran, dass es sie gab, bestand kein Zweifel.

„Wo schlafen Sie?“, rief Liam ihr zu, und sie beeilte sich, zu ihm aufzuschließen.

„Ich wohne in einer Kammer im Erdgeschoss.“ Nahe dem Heizkessel und den Küchen war es der wärmste Raum im ganzen Schloss, und Alice liebte ihn. Selbst wenn er nicht viel größer als ihr Büro war. Kleine Räume hatten etwas Beruhigendes. In ihnen konnte sich nichts – und niemand – unbemerkt verstecken.

„Rose hat in der Master Suite gewohnt.“ Alice bog nach links in einen weiteren Flur ab und führte Liam zu einer mächtigen Eichentür. „Wir haben sie aufgeräumt und für Sie fertig gemacht, falls Sie die Räume beziehen möchten.“ Sie hoffte, dass er hier wohnen würde, da die Suite der einzige Wohnbereich im Schloss war, dessen Zustand eine dauerhafte Nutzung zuließ. Wenn Liam sich dagegen entschied, würde Alice ein anderes Zimmer in einen bewohnbaren Zustand versetzen müssen – so wie sie sich um fast alles kümmerte.

Rose hatte sie eingestellt, damit Alice sich um Spenden für den Erhalt von Thornwood Castle einsetzte, ohne dass man das Schloss für die Öffentlichkeit zugänglich machen musste. Alice hatte sie davon überzeugen können, dass der einzige Weg, das Schloss und eine gewisse Privatsphäre zu erhalten, darin bestand, den Einheimischen zu helfen. Damit hatte sie Rose bei deren Pflichtgefühl gepackt. Alice kümmerte sich um die Spenden – bettelte Gönner am Telefon an oder organisierte Spendenveranstaltungen auf Thornwood. Aber sie übernahm auch die Organisation von Seminaren und Kursen, die auf dem Schloss angeboten wurden, und kümmerte sich um die Frauen. Ihr Gehalt – so niedrig es auch war – bezog sie aus diesen Spenden. Für sich selbst gab sie nur das Allernötigste aus, denn sie wusste, dass mit diesem Geld anderen Menschen geholfen werden konnte.

Alle anderen – bis auf Maud – waren ehrenamtlich auf Thornwood tätig. Maud war die Köchin und Haushälterin des Schlosses und hatte jahrzehntelang für Rose gearbeitet. Selbst Heather, die stellvertretend die Leitung der Hilfseinrichtung übernahm, wenn Alice zu viel zu tun hatte, arbeitete ohne Bezahlung. Sie hatten Vorratskammern eingerichtet, in denen sich alles fand, was Frauen, Kinder und Babys benötigten – besonders, wenn sie nicht nach Hause zurückkonnten. Einige brauchten nur Nahrungsmittel, um die Zeit bis zum nächsten Zahltag zu überbrücken. Andere brauchten Kleidung, Toilettenartikel, Windeln oder ein Telefon mit einer Geheimnummer – und einen Ausweg. Alice war stolz darauf, dass sie ihnen allen helfen konnten. Sie waren mit zahllosen Frauenhäusern und Hilfsorganisationen im ganzen Land vernetzt, und die Arbeit, die sie auf Thornwood leisteten, erhielt viel Anerkennung. Dadurch kamen mittlerweile auch Frauen aus anderen Regionen und nicht nur aus den umliegenden Dörfern zu ihnen.

Alice konnte nur hoffen, dass Liams Pflichtbewusstsein genauso ausgeprägt war wie das seiner Großtante.

Sie öffnete die Tür der Master Suite und ließ Liam den Vortritt. Sie versuchte, den Stich in ihrer Brust zu ignorieren, den sie jedes Mal fühlte, wenn sie Roses leere Zimmer betrat.

Zu behaupten, dass Rose und Alice Freundinnen gewesen seien, wäre wohl übertrieben, aber Alice hatte großen Respekt für die alte Dame empfunden. Und war von deren Mitgefühl überrascht gewesen.

Rose hätte Thornwood für viele Millionen verkaufen können, oder sie hätte eine Firma engagieren können, die das Schloss in eine Touristenattraktion verwandeln sollte. Stattdessen aber hatte sie Alice angeheuert und ihr aufgetragen, Thornwood wieder einen Sinn zu verleihen. Und das nicht in finanzieller Hinsicht. Sondern so, dass es der Gemeinde diente. Dass es Menschen half, verzweifelten Frauen, wie Alice vor vier Jahren selbst eine gewesen war.

Sie lehnte sich an die schwere Holztür und beobachtete Roses Großneffen, der das Wohnzimmer in Augenschein nahm. Liam fuhr mit der Hand über eine antike Kommode und steckte den Kopf in das relativ moderne Badezimmer. Dann durchquerte er den Raum und sah aus dem Fenster auf den großflächigen Park.

„Und, was denken Sie?“, fragte Alice. „Gefällt es Ihnen?“

„Bitte?“ Offensichtlich in Gedanken versunken, drehte Liam sich zu ihr um. „Oh, ganz bestimmt. Da draußen ist genug Platz für …“ Er brach ab. „Ach, Sie meinten die Zimmer. Ja, sie sind okay. Ich werde sowieso nicht viel Zeit darin verbringen.“

Alice drängte sich die Frage auf, wo er denn seine Zeit zu verbringen gedachte. Und womit. Als Liam aus dem Fenster gesehen hatte, war er gedanklich mit Sicherheit nicht die Anordnung der Zimmer durchgegangen. Er hatte Pläne geschmiedet – Pläne, über die er mit ihr unverkennbar nicht sprechen wollte.

Und diese Tatsache machte Alice äußerst nervös.

„Wollen Sie mir jetzt das Erdgeschoss zeigen?“ Liam schenkte ihr ein breites Grinsen, als wäre nichts gewesen.

Alice kniff die Augen zusammen. Er verbarg etwas vor ihr, so viel war klar. Aber was? Und wie viel Schaden konnte es all dem, das sie hier aufgebaut hatte, zufügen?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

Sie atmete tief durch, zauberte ein strahlendes Lächeln auf ihr Gesicht und sagte: „Sehr gern.“

Liam folgte Alice nach unten durch endlose labyrinthartige Flure. Er dachte noch immer an das riesige, bewaldete Gelände, das er von Roses Zimmer aus gesehen hatte – perfekt für einen Vergnügungspark. Dort konnte man zahllose Attraktionen für Kinder errichten, deren Eltern im Schloss Tee trinken würden. Das Potenzial, das Thornwood bot, erschien gigantisch.

Zumindest, wenn er das Problem mit den derzeitigen Schlossbewohnern gelöst hatte.

Plötzlich standen sie auf einem großen, offenen Absatz, der zu zwei geschwungenen Treppen führte, die sich auf halber Höhe zu einer vereinten. Die dunklen Holzgeländer waren mit grünen Zweigen und leuchtend roten Beeren geschmückt worden. Auf der Ebene darunter stand ein riesiger Weihnachtsbaum, an dem bereits Lichterketten und Kugeln funkelten. Der Engel auf seiner Spitze reichte fast bis oben zur Treppe.

„Ein eindrucksvoller Baum“, bemerkte Liam mit einem Kopfnicken.

Alice lächelte verhalten. „Wir feiern die Festtage gern angemessen. Nach Ihnen vielleicht?“ Sie wies mit einer Hand die Treppe hinunter.

Liam runzelte die Stirn. Die Treppe war so breit, dass sie problemlos nebeneinander gehen konnten, aber Alice schien das erste Mal heute unbedingt hinter ihm bleiben zu wollen. Dabei war sie doch diejenige, die sich hier auskannte, deshalb war sie bisher ja auch immer vorausgegangen. Was war jetzt anders? Was hatte sie vor?

Vorsichtig betrat er die erste Stufe. Er war beruhigt, als er nichts als festes, solides Bauwerk unter den Füßen spürte.

Verwundert hörte er Alice hinter sich erleichtert aufatmen.

Unten angekommen, drehte Liam sich um und bewunderte die Treppe. Sie würde den Gästen ein großartiges Willkommen bieten und ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie wahrhaft aristokratisch empfangen wurden. Er musste blinzeln, als ihm klar wurde, dass es nicht nur die Treppe war, die er betrachtete.

Sondern vor allem Alice.

Sie nahm die Stufen mit schlafwandlerischer Sicherheit. Die Spannung, die er ihr eben noch angehört hatte, schien verschwunden zu sein. Doch Alice wirkte … irgendwie wachsam. Als würde sie ihm etwas vorenthalten wollen – etwas, bei dem es nicht um unzureichende Dämmung oder fehlende Fensterscheiben ging. Etwas, das nichts mit Thornwood zu tun hatte.

Vielmehr mit ihr.

Liam runzelte die Stirn, als Alice unten ankam und zum Weihnachtsbaum ging. Wie hatte es sie eigentlich nach Thornwood verschlagen? In ihrem Job schien sie gut zu sein. Sie musste über viel organisatorisches Geschick und die Fähigkeit, großzügige Spender aufzutun, verfügen – Eigenschaften, mit denen sie es in der Geschäftswelt weit bringen könnte. Was also hielt sie auf Thornwood? Hatte sie den Drang, Gutes zu tun? Und wenn es so war, woher rührte dieses Bedürfnis?

War Alice selbst eine Frau, die einen sicheren Ort wie Thornwood brauchte?

Aus irgendeinem Grund erfüllte ihn diese Vorstellung mit einem Entsetzen, das weit über die Wut oder das Mitgefühl hinausging, die der Gedanke an eine misshandelte Frau sonst in ihm auslöste. Dass Alice – die engagierte, entschlossene, beharrliche Alice – von einem Mann erniedrigt worden sein könnte, war mehr als Liam ertragen konnte.

Jetzt wandte sie sich ihm zu. Das strahlende Lächeln war auf ihr Gesicht zurückgekehrt, das honigblonde Haar fiel in weichen Wellen auf ihre Schultern. Plötzlich sah Liam kein Opfer mehr vor sich. Was er sah, war eine starke, kompetente Frau – jemand, mit dem er verhandeln musste, um seine Pläne für Thornwood umsetzen zu können.

Erleichtert stellte Alice fest, dass die morgendliche Überflutung gründlich aufgewischt worden war und der Hauptsaal so eindrucksvoll wie immer aussah. Der Weihnachtsbaum und die Girlanden am Treppengeländer wirkten stimmungsvoll und festlich. Sie überlegte kurz, ob Liam ihr merkwürdiges Verhalten auf der Treppe wohl bemerkt hatte. Aber selbst wenn, warum sollte er sich darüber Gedanken machen? Dafür schien er nicht der Typ zu sein.

„Wollen wir mit der Bibliothek anfangen?“, fragte sie. Hoffentlich hatte in der Zwischenzeit irgendjemand das Strickzeug weggeräumt, denn mittlerweile sollte dort der nächste Kurs laufen.

An den zusammengeschobenen Tischen saß jetzt eine Gruppe, die auf Bewerbungsgespräche vorbereitet wurde. Alice und Liam blieben an der Tür stehen, weil sie nicht stören wollten. Sie lauschten den Fragen der Frauen.

„Aber was antworte ich, wenn ich gefragt werde, warum ich so lange aus meinem Beruf raus war?“, wollte eine der Teilnehmerinnen wissen.

Melanie, die Berufsberaterin, die sich von Alice dazu hatte überreden lassen, den Kurs ehrenamtlich zu leiten, lehnte sich über den Tisch. „Am besten ist es, ehrlich zu sein. Erzähle ihnen, was du gemacht hast, als du kein Geld verdient hast.“

„Etwa, dass ich Windeln gewechselt und ausgespuckte Milch weggewischt habe?“ Die Frau lachte. „Warum sollte die das interessieren?“

„Weil das, was Sie täglich tun, das ist, was Sie prägt.“ Alice zuckte beim Klang von Liams Stimme zusammen. Alle im Raum wandten sich ihm zu. Aus naheliegenden Gründen waren Männer auf Thornwood Castle keine häufig gesehenen Gäste. Ein oder zwei Frauen sahen verängstigt aus. Andere blickten anerkennend – Alice wollte lieber nicht darüber spekulieren, ob das an Liams Erscheinung lag oder an dem, was er gesagt hatte.

Liam trat näher an den Tisch heran und legte die Hände auf eine Stuhllehne. Dann sagte er: „Jede Firma, die es wert ist, für sie zu arbeiten, weiß, dass Berufserfahrung nicht das Wichtigste ist, was ein möglicher Mitarbeiter mitbringen sollte.“

„Warum fragen dann alle danach?“, fragte Jess, eine der jüngeren Frauen.

„Na ja, natürlich ist Berufserfahrung gut“, gab Liam zu. „Aber was Arbeitgeber wirklich brauchen, ist Lernbereitschaft. Jemand, der in einem Bewerbungsgespräch beweisen kann, dass er helle ist, engagiert und begeisterungsfähig. Wenn es Ihnen gelingt, sie davon zu überzeugen, dass Sie in ihrem Team gut arbeiten können, dass Sie zuhören, lernen und ihr Bestes geben wollen – und der Firma so Nutzen bringen können –, wären sie dumm, Sie nicht zu nehmen.“

„Dann meinen Sie also, dass es mehr um die richtige Einstellung geht?“, fragte Jess stirnrunzelnd. „Und nicht so sehr um Qualifikationen?“

„In neunzig Prozent der Fälle ja.“ Liam zuckte die Schultern. „Sicher, für manche Jobs braucht man besondere Qualifikationen, aber das sind weniger, als man meint. Und viele Firmen werden Sie weiterbilden und Ihnen helfen, diese Qualifikationen zu erreichen, wenn sie von Ihnen überzeugt sind.“

„Hmm.“ Jess lächelte hoffnungsfroh, und der Kummer verschwand aus ihren Gesichtszügen. Alice konnte sich nicht daran erinnern, die junge Frau jemals so erleichtert gesehen zu haben.

Sie war Liam dankbar, weil er Jess, die schon so viel durchgemacht hatte, ermutigt hatte.

Auch Melanie dankte ihm für seinen Beitrag, und Alice fragte Liam, ob sie die Besichtigung fortsetzen sollten. Er nickte.

„Ich hoffe, ich habe gerade keine Grenzen überschritten“, sagte er, während sie durch die Flure liefen.

Alice lächelte ihn schief an. „Das ganze Anwesen gehört Ihnen. Sie müssen sehr weit gehen, bis Sie hier irgendwelche Grenzen überschreiten.“

„Wenn Sie es so ausdrücken wollen …“ Er schüttelte den Kopf. „Ich glaube, bei mir muss das Ganze noch sacken. Ich habe nie damit gerechnet, dass ich Thornwood einmal erben würde. Die Vorstellung, dass das alles jetzt mir gehören soll … Daran werde ich mich erst gewöhnen müssen.“

„Rose hat nie mit Ihnen über das Testament gesprochen?“, fragte Alice überrascht.

Liam zuckte die Achseln. „Ich habe sie vor fünfzehn Jahren das letzte Mal gesehen und Thornwood seit fünfundzwanzig Jahren nicht betreten. Und als wir uns getroffen haben … sagen wir einfach, da gab es andere Dinge zu klären.“

Was für andere Dinge? Alice brannte darauf, mehr zu erfahren, aber ein Blick in Liams Gesicht genügte, um zu wissen, dass jetzt der falsche Zeitpunkt war. Vielleicht später, wenn sie den neuen Schlossherrn besser kennengelernt hatte.

Dass er nicht gewusst hatte, dass er Thornwood Castle erben würde, war äußerst merkwürdig. In ihren letzten Lebensjahren hatte Rose alles regeln wollen – das war einer der Gründe dafür gewesen, dass sie Alice eingestellt hatte. Warum also hatte sie Liam nichts von ihren Plänen erzählt?

„Aber Sie waren ihr letzter lebender Verwandter. Sie hätten wissen müssen, dass sie Ihnen Thornwood vermacht“, sagte Alice, und im selben Moment war ihr klar, dass sie zu weit ging.

„Warum?“ Liam klang bitter. „Sie hat mir auch sonst nie etwas gegeben, obwohl ich ein Anrecht darauf gehabt hätte. Wie hätte ich also ahnen sollen, dass sie ausgerechnet bei Thornwood damit anfängt?“

Während sie über Liams Worte nachdachte, geriet Alice ins Stolpern. Sofort griff er nach ihrem Arm und fing sie auf. „Entschuldigung“, keuchte sie und versuchte, die Hitze, die seine Berührung durch ihren Körper gejagt hatte, zu ignorieren. Oh nein, sie würde nicht zulassen, dass sie sich zu diesem Mann hingezogen fühlte. Denn das würde nichts anderes als nur Schmerz und Frustration zur Folge haben.

„Unebener Belag“, bemerkte Liam und besah sich den Steinboden zu ihren Füßen. „Das werde ich reparieren lassen müssen, bevor …“ Er brach ab.

„Bevor was?“, fragte Alice neugierig.

„Bevor sich hier jemand ernsthaft verletzt.“ Liam ließ ihren Arm los und ging weiter.

Alice beobachtete ihn, während sie ihm folgte. Sie rieb die Stelle, an der er sie festgehalten hatte. Sie hatte genug Erfahrung mit unaufrichtigen Männern gemacht und wusste genau, dass Liam Jenkins etwas vor ihr verbarg.

„So, wohin als Nächstes?“, fragte Liam eilig, um das Thema zu wechseln.

„Hmm … vielleicht zu den Küchen?“

„Klingt gut.“ Liam ging weiter. Er hatte zwar keine Ahnung, wo genau sich die Küchen befanden, aber die verlockenden Gerüche, die ihm entgegenwehten, verrieten ihm, dass die Richtung stimmte. Und wenn sie in Bewegung blieben, war Alice vielleicht zu abgelenkt, um über seinen Patzer gerade eben nachzudenken.

Früher oder später würde er sie über seine Pläne in Kenntnis setzen müssen. Aber den Zeitpunkt wollte er bestimmen. Er wollte nicht, dass Alice zur Unzeit Gerede im Dorf verbreitete.

Er runzelte die Stirn, als Alice zu ihm aufschloss und sagte: „Hier entlang.“ Sie bog links ab in einen weiteren Flur. Auch wenn er zugeben musste, dass sie nicht wirkte wie jemand, der tratschte. Vielmehr wirkte sie wie eine Frau, die Geheimnisse anderer genauso gut hüten konnte wie ihre eigenen. Und bereits nach der kurzen Bekanntschaft mit ihr war er fest davon überzeugt, dass es davon reichlich gab. Genau wie bei ihm. Doch wenn er nicht vorhatte, sie in seine Geheimnisse einzuweihen, gab es keinen Grund, warum sie sich nicht genauso verhalten sollte.

Und wenn er die Dinge richtig anging, würde Alice auch nicht lange genug auf dem Schloss bleiben, als dass er sich für ihre Geheimnisse interessieren könnte.

„Wir sind da.“ Alice blieb vor einer riesigen, gewölbten Holztür stehen und griff nach einem gewaltigen Eisenring, der als Türknauf diente. Als sie die Tür aufschob, wurde Liam von den köstlichen Gerüchen, die er bereits auf dem Flur wahrgenommen hatte, schier überwältigt. Außerdem empfing ihn eine wohlige Wärme, die er im Rest des Schlosses schmerzlich vermisst hatte. Bei dem würzigen Duft nach Braten und Zwiebeln begann sein Magen zu knurren.

Als er an Alice vorbei in den Raum sah, erblickte er zu seiner Überraschung eine glänzende, moderne Küche statt der rustikalen Stein- und Holzausstattung, die er erwartet hatte. Sie war so groß und gut eingerichtet, dass man hier leicht eine ganze Kompanie versorgen konnte. Am Herd stand eine ältere Frau in einer Kochschürze.

„Liam, das ist Maud“, stellte Alice sie vor. „Sie war zwanzig Jahre lang Roses Köchin und Haushälterin. Zum Glück ist sie bei uns geblieben, um uns auch weiterhin zu helfen. Maud, das ist der neue Besitzer von Thornwood, Liam Jenkins.“

Maud wischte sich die Hände an der Schürze ab, bevor sie Liam begrüßte. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Dann wandte sie sich wieder ihrem Topf auf dem Herd zu.

„Ich finde diese Küche ziemlich beeindruckend“, bemerkte Liam anerkennend. Er war der Meinung, dass man sich mit denjenigen, die für das Essen zuständig waren, immer gutstellen sollte.

„Sie ist praktisch“, antwortete Maud, ohne ihn anzusehen. „Aber ehrlich gesagt ist mir die Alte Küche lieber.“

„Die Alte Küche?“, fragte Liam verwundert. „Ich weiß ja, dass das Schloss riesig ist, aber wie viele Küchen kann man denn brauchen? Die hier scheint doch jeder Aufgabe gerecht zu werden.“

Alice lachte hell auf – wenn sie dabei auch ein wenig nervös klang. „Die Alte Küche ist wirklich alt. Geradezu historisch, mit viel Atmosphäre. Wir benutzen sie für Veranstaltungen. Zeigen Kindern dort, wie man in der Vergangenheit Essen und Getränke zubereitet hat. Aber diese Küche hier ist viel praktischer, wenn wir für viele Leute kochen müssen.“

„Wie meistens, anscheinend“, bemerkte Liam.

„Die Alte Küche taugt nicht für die aufwendigen Kanapees, die Alice so gern bei ihren Spendenabenden anbietet“, grummelte Maud und stellte den beiden zwei Teller mit Braten und Kartoffeln auf den Küchentresen. „Ich werde Tage nur damit zubringen, Schinken-Spargel-Röllchen für nächsten Donnerstag vorzubereiten.“

Liam sah Alice neben sich zusammenzucken. „Nächsten Donnerstag?“

„Ich … ich wollte Ihnen gleich davon erzählen. Für nächste Woche haben wir eine Spendenveranstaltung geplant. Schon seit Monaten. Lange bevor wir wussten, dass Rose als Gastgeberin nicht mehr bei uns sein würde. Wir haben bereits einige sehr großzügige Spendenangebote. Es wäre wirklich schade, wenn wir jetzt noch absagen müssten …“

Ihre unausgesprochene Frage hing zwischen ihnen in der Luft. Würde der Spendenabend auch noch stattfinden können, wenn er, Liam, jetzt zuständig war?

Liam dachte darüber nach. Was sollte das bringen? Hier würde sich sowieso alles grundlegend ändern. Er konnte also genauso gut sofort damit anfangen. Andererseits warf es ein schlechtes Licht auf ihn, wenn er als Allererstes einen Spendenabend für Frauen und Kinder in Not absagte.

„Schön. Ich habe nichts gegen Ihren Spendenabend“, verkündete er schließlich. Freudestrahlend klatschte Alice in die Hände.

„Fantastisch! Sie werden ein großartiger Gastgeber sein! Haben Sie einen Smoking mit?“

Moment Mal. Wie bitte? Liam dämmerte allmählich, dass er sich auf sehr viel mehr eingelassen hatte, als ihm bewusst gewesen war – und dass es schwieriger werden würde, Alice Walters aus dem Schloss zu bekommen, als er gehofft hatte.

4. KAPITEL

„Okay, ich glaube, wir müssen den Tisch wieder auf die andere Seite tragen“, sagte Alice. Die Frauen, die sie zusammengetrommelt hatte, um bei den Vorbereitungen für den Spendenabend zu helfen, sahen sie genervt an. „Es ist das letzte Mal, ich verspreche es.“

Alice rieb sich die Stirn, als würde sie die sich ankündigenden Kopfschmerzen so vertreiben können. Die letzten Tage hatte sie all ihre Arbeitskraft in die Vorbereitung des Spendenabends gesteckt. Dass Liam dabei ständig überall aufgetaucht war, um nachzusehen, womit sie gerade beschäftigt war, hatte die Dinge nicht eben leichter gemacht.

Thornwoods neuer Hausherr war jetzt fast eine Woche hier. Und er sorgte dafür, dass niemand seine Anwesenheit vergaß. Als er der Spendenveranstaltung zugestimmt hatte, war Alice etwas optimistischer gewesen, was ihre Zukunft auf dem Schloss anging.

Jetzt war sie es nicht mehr.

Im Laufe der vergangenen Woche war Liam immer wieder in den verschiedenen Kursen aufgetaucht, um dort zuzuhören, und hatte mit den Frauen und Kindern im Speisesaal zusammen Mittag gegessen. Er war auf den Dachboden gestiegen und hatte die Lecks inspiziert. Er war dabei beobachtet worden, wie er die Baupläne des Schlosses studierte und Anmerkungen machte. Und er hatte das Gelände in Augenschein genommen. Den Rest der Zeit verbrachte er in seinem Büro, das er sich in einem Zimmer zwischen Bibliothek und den Küchen eingerichtet hatte. Dort telefonierte er, schrieb auf seinem Laptop und führte Selbstgespräche, während er im Zimmer auf und ab lief. Für die Kinder, die ihre Nachmittage auf dem Schloss verbrachten, hatte es sich zu einem aufregenden Spiel entwickelt, Alice Bericht zu erstatten. Aber Alice hatte nicht die geringste Ahnung, was sie mit all diesen Informationen anfangen sollte.

Wann immer Alice ihn gefragt hatte, ob sie ihm helfen könne, hatte Liam lächelnd abgewinkt. „Nein, nein. Alles bestens. Ich versuche nur, ein Gefühl für das Schloss zu bekommen.“

All das machte Alice äußerst nervös.

Wenigstens hatte sie sich in die Vorbereitungen für den Spendenabend stürzen und so von dem Gedanken ablenken können, welche Pläne Liam für Thornwood ausbrüten mochte. Wenn es schon ihre letzte Veranstaltung auf dem Schloss sein würde, sollte sie wenigstens gelungen sein.

Liam fühlte sich unwohl in seinem Smoking. Natürlich wusste er, dass elegantes Auftreten und Beziehungspflege zum Geschäft gehörten, aber üblicherweise ging es dabei um Häuser, die er entworfen oder saniert hatte. Und nicht um ein altes Schloss, das ihm zwar gehörte, sich aber nicht so anfühlte.

Die letzte Woche hatte er damit zugebracht, mit Thornwood vertraut zu werden. Er hatte Gebäude und Gelände erforscht, Baupläne analysiert, mit Anwälten und Bauunternehmern gesprochen und die Abläufe im Schloss beobachtet. Und endlich, nach langen Tagen, an denen er sich den Kopf zerbrochen hatte, glaubte er, eine Lösung für das Alice-Problem, wie er es im Stillen nannte, gefunden zu haben.

Er konnte Frauen und Kinder, die Hilfe brauchten, nicht einfach vor die Tür setzen. Aber sie konnten auch nicht hier bleiben. Jetzt musste es ihm nur noch gelingen, Alice von seiner Idee zu überzeugen.

Seit er auf Thornwood angekommen war, hatte er sie immer nur in höchst angespanntem Zustand erlebt. Zuerst hatte er geglaubt, dass er die Ursache dafür war, doch mittlerweile schien es ihm, als sei diese Wachsamkeit Teil ihrer Persönlichkeit. Vielleicht würden ein oder zwei Gläser Champagner – und natürlich die eine oder andere großzügige Spende – sie etwas lockerer machen. Er schnappte sich zwei Gläser vom Tablett eines Kellners und sah sich suchend im Ballsaal um.

Liam musste zugeben, dass Alice in der letzten Woche Großartiges geleistet hatte. Die Kerzenleuchter funkelten mit dem Schmuck der anwesenden Damen um die Wette. Das Streichquartett spielte eingängige klassische Stücke, und die Luft war gefüllt von Gesprächsfetzen und dem Geräusch klingender Gläser. Mauds köstliche Kanapees waren ein voller Erfolg bei den illustren Gästen, doch Liam stand der Sinn eher nach einem der deftigen Gerichte, die sie sonst auf den Tisch brachte.

Sein Magen begann zu knurren, und erneut sah er sich nach Alice um. Früher am Abend hatte er sie gesehen. Sie hatte ein goldfarbenes, ärmelloses Kleid getragen, das ihre schlanke Figur betonte, bevor es ab der Hüfte in einen weiteren Rock überging. Er hatte den Blick kaum abwenden können, denn bisher kannte er sie nur in Jeans und weiten Pullovern. Eigentlich war es unmöglich, sie in diesem auffälligen Outfit übersehen. Wo also steckte Alice?

Endlich entdeckte er sie an der Seite eines Paares, das ihm früher am Abend eine Ewigkeit lang mit dem örtlichen Abwassersystem in den Ohren gelegen hatte. Alice hatte heute genug gearbeitet. Das Mindeste, was Liam tun konnte, war, sie aus dieser Situation zu befreien. Dann würden sie sich auf die Suche nach etwas Essbarem machen. Und reden.

Alice war sich noch nicht sicher, ob sie Liam dankbar sein sollte, weil er sie von den langweiligen Haywoods weggeschleust hatte oder ob sie sich ärgern sollte, weil er sie von dem Spendenabend fernhielt, den sie monatelang vorbereitet hatte.

„Ich kann wirklich nicht lange wegbleiben“, sagte sie, während sie Liam durch die langen Korridore weg vom Ballsaal folgte. „Ich muss mich um die Gäste kümmern.“

„Das wird Heather übernehmen“, antwortete Liam, ohne sich auch nur umzudrehen. „Ich habe vorhin mit ihr gesprochen.“

„Tatsächlich?“ Sie wollte ihn gerade fragen, woher er das Recht dazu genommen hatte, als ihr einfiel, dass sie sich in seinem Schloss befanden, und sie biss sich auf die Zunge. „Und was ist jetzt so viel wichtiger als der Spendenabend?“

Liam lächelte sie über die Schulter an. „Dass wir etwas Richtiges zu Essen finden.“

Nun, damit konnte Alice leben, denn auch ihr Magen knurrte, hatte sie den ganzen Abend doch nur zwei Kanapees gegessen.

„Außerdem gibt es etwas, über das ich mit Ihnen reden muss“, fügte er hinzu, und Alices Hunger schwand augenblicklich.

Da Maud und ihr Team in der Neuen Küche arbeiteten, gingen sie in die Alte. Dort befand sich ein kleiner Kühlschrank, der so gar nicht zu der restlichen altmodischen Einrichtung passen wollte und in dem Maud die von den Gemeinschaftsessen übrig gebliebenen Reste aufbewahrte. Alice öffnete die Kühlschranktür und holte Schüsseln mit Braten hervor, während Liam den Tisch deckte. Schließlich setzten sie sich einander gegenüber an den langen Küchentisch. Alice schloss die Finger so fest um ihr Besteck, dass ihre Knöchel weiß wurden.

„Kein Grund, so angespannt zu sein“, bemerkte Liam.

„Ach nein? Wollten Sie mit mir etwa nicht über Ihre Pläne für Thornwood sprechen?“

Liam schmunzelte. „Essen Sie. Wir werden uns danach unterhalten. Ich verhandle nicht gern mit leerem Magen.“

Verhandeln. Darin hatte Liam ganz bestimmt mehr Erfahrung als sie. Aber Alice würde kämpfen.

Konflikte hatte sie noch nie gemocht. Das hatte sie wahrscheinlich von ihrer Mutter geerbt.

Während ihrer Ehe hatte sich diese Konfliktscheue allmählich in Selbstaufgabe verwandelt. Alice hatte sich immer kleiner gemacht, bis kaum noch etwas von ihr übrig war. Sie hatte ihre Überzeugungen verleugnet, nur um die ständigen Streits zu vermeiden. Hatte ihre Meinungen, ihre eigenen Gedanken unterdrückt. Und sich nicht zur Wehr gesetzt.

Bis zu dem Tag, als ein Streit eskalierte und nicht nur in einem bösen Wortgefecht und zugeschlagenen Türen gipfelte.

Als Alice im Krankenhaus zu Bewusstsein gekommen und ihre Welt endgültig zusammengebrochen war, hatte sie sich geschworen, dass sie nie wieder um des lieben Friedens willen einfach nachgeben und den Mund halten würde. Nie wieder.

Wenn Liam also verhandeln wollte, würde er auf die härteste Gegnerin stoßen, die ihm je untergekommen war. Denn Alice kämpfte für das, was ihr wichtig war – das Wohlergehen der Frauen, die auf Thornwood Castle eine Zuflucht gefunden hatten. Das Schloss mochte zwar Liam gehören, doch für ihre Schützlinge war es ein sicherer Hafen.

Und das bedeutete Alice mehr als alles andere, seit sie das Krankenhaus verlassen hatte.

Und dafür würde sie kämpfen.

Als sie fertig gegessen hatte, schob sie den Teller von sich, legte die Hände auf die Oberschenkel und beobachtete Liam, der genüsslich einen Bissen nach dem anderen verspeiste. Er war so mit Essen beschäftigt, dass Alice ihn in Ruhe betrachten konnte. Sie musste zugeben, dass er besser aussah, als sie erwartet hatte. Das Foto auf seiner Website zeigte ihn im Halbschatten – ein professionelles Schwarz-Weiß-Porträt, auf dem er eine schwarze Krawatte und einen ernsten Gesichtsausdruck trug. Seine Ausstrahlung war eine ganz andere als hier auf dem Schloss, wo er entspannt und unbeschwert wirkte.

Alice runzelte die Stirn, als ihr aufging, dass man bei Liam wohl kaum von Unbeschwertheit sprechen konnte.

Sie kannte zwar nicht seine ganze Lebensgeschichte, aber wenn er Roses einziger lebender Verwandter gewesen war, konnte er keine große Familie haben. Und Rose hatte ihr einmal erzählt, dass er früh Waise geworden war. Außerdem wusste jeder, dass sein Vater ihn zu Lebzeiten nie anerkannt hatte. Wie unbeschwert konnte ein Mensch da wirklich sein?

Liam schob die letzte Gabel voller Braten in den Mund, kaute zufrieden seufzend und schluckte mit geschlossenen Augen.

„Das war tausend Mal besser als die ganzen schicken Kanapees.“

Alice lächelte. „Freut mich, dass es Ihnen geschmeckt hat.“

Liam legte das Besteck nieder und sah Alice aus blauen Augen über den Tisch hinweg an. „Zeit, zu reden.“

„Sieht ganz so aus.“ Alice faltete die Hände auf dem Tisch und wappnete sich. „Sie haben jetzt gesehen, welche Arbeit wir hier auf dem Schloss leisten. Ich habe Ihnen von der Bedeutung unseres Projektes erzählt, und Sie haben sich heute den ganzen Abend darüber unterhalten. Ich weiß, dass Sie die vergangene Woche damit zugebracht haben, das Schloss besser kennenzulernen. Jetzt sind Sie also dran. Was haben Sie mit Thornwood Castle vor?“

5. KAPITEL

Liam versuchte im Geiste, von Gaumengenuss auf Geschäftsmäßigkeit umzuschalten. Es fiel ihm wesentlich schwerer als sonst. Vielleicht lag es an der Nervosität in Alices Gesicht oder an dem goldenen Kleid, das sie trug. Es bewegte sich mit jedem Atemzug, den sie tat, und betonte den sanften Schwung ihres Dekolletés …

Aber dies war nicht der richtige Augenblick für derartige Beobachtungen. Jetzt war es an der Zeit, dass er seine Pläne offenlegte und sah, wie Alice darauf reagierte.

Er löste seine Fliege, ließ sie um den Kragen baumeln und öffnete die obersten Hemdknöpfe.

„Ihnen ist ja bekannt, dass ich Thornwood viele Jahre nicht betreten habe. Bis vor einer Woche hatte ich keine Ahnung davon, was Sie hier auf dem Schloss leisten, und alles, was ich mittlerweile darüber weiß, ist das, was Sie mir erzählt haben und was ich gesehen habe, okay?“

Alice nickte.

„Gut. Dann verstehen Sie sicher auch, dass ich, nachdem ich von dem Erbe erfahren habe, meine eigenen Vorstellungen entwickelt habe, was die Zukunft des Schlosses angeht.“

„Vorstellungen, in denen Frauen in Krisensituationen wahrscheinlich nicht vorgesehen waren.“

„Stimmt.“

„Aber jetzt, wo Sie gesehen haben, was wir hier leisten …“

Liam zuckte merklich zusammen. „Meine Pläne sind schon in die Wege geleitet“, gab er zu. „Es gibt bereits Investoren und Bauunternehmer, die sich demnächst hier umsehen werden.“

„Dann werden Sie uns also vor die Tür setzen.“

„Das habe ich nicht gesagt“, betonte er. „Vielmehr möchte ich, dass Ihre Einrichtung in ein anderes Gebäude hier auf dem Gelände zieht.“

Alice kniff die Augen zusammen. „Und wo ist der Haken?“

„Es gibt keinen. Ich bewundere Sie für das, was Sie hier leisten, und möchte, dass Sie weitermachen.“

„Nur nicht im Schloss.“

„Genau.“

Alice lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und beäugte Liam misstrauisch. „Nur, dass ich Sie richtig verstehe. Sie vertreiben uns aus dem Schloss in eines der Nebengebäude, wahrscheinlich ohne Heizung und fließend Wasser, in dem wir uns so lange durchhangeln, bis wir aufgeben und Thornwood Ihnen und Ihren schönen Plänen überlassen.“

Liam atmete tief durch und bemühte sich, gelassen zu bleiben. „Nein. Sie und die Frauen würden in ein passendes Haus auf dem Schlossgelände umziehen. Ich würde Ihr Gehalt weiterzahlen und Ihre Arbeit mit einer monatlichen Zuwendung unterstützen.“

„Es gibt auf dem Gelände kein passendes Gebäude“, erwiderte Alice und ignorierte sein finanzielles Entgegenkommen.

„Ich muss Sie nicht hier behalten, wie Sie sehr gut wissen. Das Testament verfügt nichts Derartiges.“

„Warum tun Sie es dann?“

Diese Frau war aber auch immer auf der Hut. „Weil Sie recht haben – Ihre Arbeit hier ist wichtig. Und das respektiere ich. Ich … Meine Mutter und ich mussten einmal in einem Frauenhaus Zuflucht suchen. Mitten in der Nacht und mit nichts als den Sachen, die wir anhatten. Wir hatten kein Geld, keine Familie, nichts – und sie haben uns dort geholfen. Wenn wir einen Ort wie Thornwood gehabt hätten, wären wir vielleicht besser vorbereitet gewesen oder wären früher gegangen … Aber unabhängig davon werde ich nicht all die Frauen, denen Sie hier helfen, auf die Straße setzen.“

„Das ist sehr löblich“, erwiderte Alice mit einem Anflug von Sarkasmus in der Stimme. „Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es auf dem Schlossgelände kein anderes passendes Gebäude gibt.“

„Wirklich nicht?“ Liam hob die Augenbrauen. „Das scheint mir bei einem Anwesen dieser Größenordnung recht unwahrscheinlich.“ Tatsächlich wusste er auch, dass es nicht stimmte. An nur einem Nachmittag war er allein auf sechs mögliche Bauten gestoßen.

„Hier gibt es nur verfallene Ställe und ein heruntergekommenes Cottage.“

Mit einem zufriedenen Lächeln lehnte Liam sich zurück. „Haben Sie vielleicht irgendwann, nachdem Sie erfahren haben, dass ich Thornwood Castle erben würde, im Internet nach mir gesucht? Nach dem, was ich beruflich mache?“

Alice blinzelte, und die Empörung wich allmählich aus ihrem Gesichtsausdruck, während sie die Augen schloss. „Sie würden eine Scheune für uns renovieren?“

„Ja, wenn das die beste Option ist.“

Er schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Auf dem Anwesen hier werden in nächster Zeit eine ganze Reihe von Baumaßnahmen durchgeführt werden, da macht eine mehr keinen großen Unterschied. Ich bin sicher, dass Sie recht präzise Vorstellungen davon haben, was Sie genau brauchen …“ Er suchte Zustimmung in ihrem Blick, und Alice nickte bestätigend. „Dann werden wir uns also gemeinsam umsehen, ein geeignetes Gebäude finden, es instand setzen, und Sie ziehen ein.“

„So einfach soll das gehen?“ Alice sah noch immer skeptisch aus.

Liam zuckte die Schultern. „Warum nicht?“ Er hatte schon größere Projekte in Rekordzeit umgesetzt. Es konnte nicht so schwer sein, ein Bauwerk so zu verwandeln, dass eine Gruppe von Frauen dort stricken und reden konnte …

So leicht konnte es einfach nicht sein. Das war es nie, wie Alice aus eigener Erfahrung wusste.

„Und was genau erwarten Sie dafür im Gegenzug?“, fragte sie misstrauisch.

Liam hob die Augenbrauen. Er legte die Hände auf die Stuhllehne und sah zu Alice herunter, während die Fliege lose um seinen Hemdkragen hing. Alice widerstand dem Drang, ebenfalls aufzustehen, um ihm auf Augenhöhe gegenüberzutreten. Schließlich befanden sie sich in einer Verhandlung. Er durfte nicht wissen, dass er sie aus dem Konzept gebracht und somit Oberwasser gewonnen hatte. Und das vor allem dadurch, dass er geradezu unverschämt gut aussah.

Er hatte sie völlig überrumpelt. Sie war davon ausgegangen, für ihre Schützlinge kämpfen zu müssen, dafür, ihre Arbeit fortsetzen zu können. Und sie hatte damit gerechnet, dass Liam sich als knallharter Gesprächspartner erweisen würde.

Stattdessen hatte er ihr genau das angeboten, was sie brauchte – ein Haus für ihre Gruppen, womöglich sogar mit einer funktionierenden Heizung. Und bisher hatte er keine Gegenleistung gefordert.

Die Sache musste einen Haken haben.

„Im Gegenzug?“, fragte Liam. „Ich bekomme Thornwood Castle zurück. Welchen Grund sollte ich sonst haben?“

Das klang eindeutig zu unschuldig, damit würde Alice ihn nicht durchkommen lassen.

„Genau das würde ich gern wissen.“

„Ich möchte, dass Thornwood sich selbst trägt“, antwortete Liam. „Und das bedeutet, dass es mit seinen Besuchern Geld verdienen muss.“

Was er sagte, klang vollkommen vernünftig, doch Alice wusste, was seine Worte bedeuteten. „Das heißt, Sie werden Thornwood in genau die Art Touristenattraktion verwandeln, die Ihre Tante gehasst hätte“, sagte sie unverblümt.

„Im Prinzip ja.“ Liam lächelt ungerührt. „Ich kann mir richtig vorstellen, wie meine Vorfahren sich im Grabe umdrehen.“

„Und das gefällt Ihnen? Dass Sie gegen jahrhundertealte Traditionen und Roses Willen verstoßen?“

Liams entspannter Charme war wie weggewischt. „Rose hätte mir Thornwood Castle gar nicht vererbt, wenn sie eine andere Wahl gehabt hätte – und behaupten Sie ja nichts anderes. Sie hat gesagt, dass es endlich mein Zuhause werden soll. Nun gut. Und dieses Zuhause werde ich nach meinen Vorstellungen schaffen.“

„Tatsächlich? Das ist ihre Vorstellung von einem Zuhause? Lauter Fremde, die jederzeit durch Ihre Räumlichkeiten trampeln und ihre Nasen in alles hineinstecken können?“

„Genau das haben Sie doch getan. Sie haben mein Haus für Fremde geöffnet.“

„Sie wissen so gut wie ich, dass man das nicht vergleichen kann“, fuhr Alice ihn an. Dann runzelte sie nachdenklich die Stirn. Etwas an seinen Worten hatte sie aufhorchen lassen, doch sie bekam nicht zu fassen, was es gewesen war.

Liam seufzte auf. „Ich biete Ihnen hier einen wirklich guten Deal an. Sie können sogar das passende Gebäude mit aussuchen …“

„Sehr großzügig“, murmelte sie, während sie im Kopf noch einmal seine letzten Sätze durchging.

„Wenn alles gut geht, können Sie im Frühjahr schon in das neue Haus einziehen – falls es keine Probleme mit der Baugenehmigung gibt.“

Im Frühjahr! Alice sah ihn an. „So spät?“

„Alice, wir haben Dezember. Ich bin zwar gut, doch ich kann nicht zaubern. Vielleicht schaffen wir es bis Februar, aber das auch nur, wenn wir uns schnell auf ein Gebäude einigen können.“ Stirnrunzelnd sah er sie an. „Ist das ein Problem?“

„Es ist nur … Ich hatte nicht vor, noch so lange zu bleiben.“ Sie hatte alle Gedanken an ihren Weggang verdrängt, aber sie hielt sich jetzt schon länger in Thornwood auf als an jedem anderen Ort, seit sie Robert verlassen hatte. Sie hatte sich geschworen, dass sie sich nie wieder so binden würde wie damals – nie wieder würde sie es riskieren, derart in Gefangenschaft zu geraten. Thornwood war ihr immer wie ein sicherer Ort erschienen, als Rose noch gelebt hatte. Es war so leicht gewesen, sich diesem Gefühl der Geborgenheit hinzugeben.

Doch Alice wusste, dass dieses Gefühl eine reine Illusion war. Das hatte Liams Ankunft ihr wieder deutlich vor Augen geführt.

Es war an der Zeit, weiterzuziehen.

„Sie hatten nicht … Sie wollen nicht hierbleiben?“, überrascht hob Liam die Augenbrauen. „Warum gebe ich mir dann so viel Mühe für ein Projekt, das Sie nicht einmal weiterführen wollen?“

„Es ist ja nicht so, dass ich nicht will“, entgegnete Alice rasch. „Ich will ja, sogar sehr. Das, was ich hier aufgebaut habe, ist wichtig. Es ist mit das Beste, was ich je in meinem Leben getan habe.“

„Und warum wollen Sie dann gehen?“

„Es ist einfach … an der Zeit.“

Die Art, wie er sie ansah, gab ihr das Gefühl, als würde Liam sie verstehen.

Und plötzlich wusste sie, welche Worte sie eben nicht hatte greifen können.

Sie hat gesagt, dass es endlich mein Zuhause werden soll.

Endlich.

Es klang, als habe er sich zu Roses Lebzeiten geweigert, in Thornwood zu Hause zu sein. Aber warum?

Wenn sie nicht länger bliebe, würde Alice es niemals erfahren. Und sie würde keinen Einfluss darauf haben, dass Liam die Arbeit, die sie hier begonnen hatte, tatsächlich fortsetzen würde – so, wie er es versprochen hatte, mit einem neuen Haus und ausreichender finanzieller Unterstützung. Sie konnte nicht weggehen, bevor sie nicht davon überzeugt war, dass die Frauen, die sie zurückließ, in Sicherheit waren.

Alice rang sich ein Lächeln ab. „In Ordnung. Ich bleibe, bis hier alles geregelt ist.“

„Und Sie ziehen mit den Frauen in das Haus, das ich für Sie aussuche?“

Netter Versuch. „Nein. Ich bleibe und helfe Ihnen dabei, das perfekte Gebäude für meine Schützlinge zu finden. Etwas, das besser ist als Thornwood Castle. Ich werde beim Umzug helfen und dann gehen.“

„Das ‚perfekte‘ Gebäude?“

„Ja, natürlich.“

Liam seufzte. „Wenn das so ist, sollten wir lieber sofort anfangen. Meiner Erfahrung nach ist Perfektion nur sehr schwer zu erreichen.“

Alice lächelte nicht, denn das wusste sie besser als die meisten Menschen.

Sie würde also abreisen. Hätte er nur ein bisschen länger gewartet, wäre sie vielleicht gegangen, ohne ihm das Versprechen, eine neue Unterkunft für die Frauen zu finden, abzunehmen. Und dann … Was dann? Dann hätte er hilfsbedürftige Frauen und Kinder einfach vor die Tür gesetzt? Oder noch schlimmer, sie zurück nach Hause geschickt, wo sie misshandelt wurden?

Nein, das hätte er nicht gekonnt. Liam kannte das Gefühl, nirgendwo hinzukönnen, selbst nur zu gut. Keinen Ort, an dem man sich sicher fühlen konnte, kein Zuhause zu haben.

Jetzt hatte er Thornwood. Das sich zwar weder sicher noch wie ein Zuhause anfühlte, aber potenziell lukrativ war.

Aber dafür musste er natürlich erst die jetzigen Bewohner loswerden.

Liam streckte Alice über den Tisch hinweg die Hand entgegen. „Dann haben wir also einen Deal?“

Alice nahm seine Hand. Ihr Griff war fester, als er aufgrund ihres blassen Gesichts und der schlanken Figur erwartet hatte. „Ja, den haben wir.“

„Gut.“ Liam musterte sie auf der Suche nach irgendwelchen Gefühlen – Zweifel, Angst, irgendwas, aber er fand nichts. Gar nichts.

Er kannte diesen Gesichtsausdruck – von sich selbst.

Was verbarg Alice? Er vermutete, dass er ihre ganze Geschichte nie erfahren würde, aber etwas wusste er jetzt schon. Was Alice hier auf Thornwood tat, war mehr als ein Job. Dem Ganzen lag etwas Persönliches zugrunde.

Dieser Gedanke machte ihn unerwartet wütend, und er biss die Zähne zusammen.

„Ähm, kann ich meine Hand jetzt wiederhaben?“ Alice neigte ihren Kopf zur Seite und musterte Liam genauso wie er sie.

Er fragte sich, was sie wohl sah. Dann entschied er, dass er die Antwort lieber nicht wissen wollte.

„Natürlich.“ Er ließ ihre Hand los und trat einen Schritt zurück.

„Ich muss zurück in den Ballsaal, schauen, ob alles in Ordnung ist, die letzten Gäste verabschieden, dann kann ich endlich dieses Kleid ausziehen und ins Bett gehen.“

Dieses Kleid. Liam sah sie an, sah die zarten Träger, die aus reinem Gold gesponnen schienen und den zarten Stoff hielten, der sich eng an Alices Formen schmiegte, um dann in den fließenden weiten Rock überzugehen. Er stellte sich vor, wie es sacht zu Boden glitt.

Liam musste zugeben, dass ihm das Kleid wesentlich besser gefiel als die dicken Strickjacken, mit denen Alice sich sonst verhüllte.

„Das Kleid ist wunderbar“, sagte er leise. „Sie sehen umwerfend darin aus.“

Alices Wangen wurden von einem hellen Rosa überzogen. „Danke sehr. Ich mag es hauptsächlich, weil der Rock versteckte Taschen hat. Aber der BH, den ich drunter tragen muss, ist eine Strafe.“ Liam schmunzelte, als sich ihre Gesichtsfarbe noch verdunkelte.

„Glauben Sie mir, das Opfer lohnt sich.“ Grinsend machte er sich auf in Richtung Ballsaal. Allmählich begann er, sich im Schloss zurechtzufinden.

Alice folgte ihm. „Sie machen im Smoking aber auch keine schlechte Figur.“

„Der australische Surfer mimt den Aristokraten, meinen Sie?“

Alice lachte. „So in etwa.“

„Gut, dass mir jemand die Rolle abnimmt.“ Liam runzelte die Stirn, als ein unerwartetes Geräusch durch den kalten Flur hallte. „Haben Sie das gehört?“

„Ich bin mir nicht sicher.“ Sie bogen um eine Ecke und fanden sich im großen Hauptsaal wieder, in dem der gigantische Weihnachtsbaum neben der Treppe aufragte. Hinter den geschlossenen Türen vernahmen sie die gedämpften Geräusche der letzten Partygäste, doch das war es nicht, was Liams Aufmerksamkeit erregt hatte.

Jetzt vernahm er es wieder, und dieses Mal war er sich sicher, was es war. Er wusste, wie sich ein weinendes Baby anhörte. Denn in fast jeder Pflegefamilie hatte es ein Baby gegeben, und immer hatte man von ihm erwartet, dass er sich darum kümmerte.

„Hat irgendjemand von den Gästen heute Abend ein Baby mitgebracht?“

„Ich glaube nicht.“ Alice setzte sich in Bewegung, als das Weinen erneut erklang. Vorsichtig näherte sie sich dem Weihnachtsbaum, als hätte sie Angst, ein scheues Tier zu verjagen.

Liam folgte ihr schweigend.

Das Weinen erklang jetzt ununterbrochen, und es gab keinen Zweifel, woher es kam.

Alice raffte ihr Kleid, kniete sich auf den Steinboden und schob einige der Tannenzweige zur Seite. Dann zog sie einen schlichten Korb darunter hervor. Einen Korb, in dem ein Baby lag.

6. KAPITEL

„Wessen Kind ist das?“ Liam flüsterte, während der Säugling einen Finger von Alice umklammerte und für einen Moment aufhörte zu weinen. Alice sah dem Baby in die Augen und spürte, wie ihr Brustkorb sich zusammenzog. Sie biss die Zähne aufeinander, um ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Es gab einen guten Grund, warum sie sich immer von Babys fernhielt.

Und aus genau diesem Grund musste sie die Mutter so schnell wie möglich ausfindig machen.

„Ich habe keine Ahnung“, murmelte sie. „Aber es ist noch sehr jung. Gerade erst geboren.“

Wer nur mochte das Kind unter den Baum gelegt haben? Welche der Frauen, die hierherkamen, war schwanger gewesen? Susie Hughes hatte ihr Kind letzte Woche bekommen, und Jessica Groves war noch nicht einmal im sechsten Monat. Und keine von ihnen hätte ihr Baby unbeaufsichtigt unter den Baum gelegt.

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