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JULIA EXTRA BAND 450

MICHELLE SMART

Schicksalsnacht in der Toskana

Noch nie hat Natasha solch verzehrende Leidenschaft gespürt wie jetzt in Matteos Armen. Doch so nah sie sich ihrer Jugendliebe nun wieder fühlt, kann sie ihm trotzdem ihr Geheimnis nicht anvertrauen …

HEIDI RICE

Sexy Flirt mit süßen Folgen

Betört von Megans Unschuld, verführt Dario De Rossi sie zu einer Liebesnacht in seinem Luxus-Penthouse. Ein erregendes Spiel mit dem Feuer, denn sie ist die Tochter seines größten Rivalen!

ANDIE BROCK

Noch einmal dieses Feuer spüren …

„Ich will dich, Calista, und was ich will, bekomme ich auch!“ Callie erschauert unter Lukas’ sengendem Blick. Was für ein Spiel spielt der stolze Grieche, der ihr einst das Herz gebrochen hat?

LEAH ASHTON

Verlangen gegen alle Vernunft

Der exzentrische Software-Milliardär Hugh Bennell ist hin- und hergerissen: Einerseits liebt er seine Einsamkeit. Andererseits weckt die schöne April nie gekannte leidenschaftliche Sehnsüchte in ihm …

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Schicksalsnacht in der Toskana

1. KAPITEL

Mit starrer Miene sah Matteo Manaserro zu, wie der Sarg in die geweihte Erde des Schlossfriedhofs gesenkt wurde.

Um das offene Grab hatten sich Hunderte von Pieta Pellegrinis Familienangehörigen, Freunden und Kollegen versammelt. Sogar ein paar Staatsoberhäupter waren gekommen, deren Leibwächter sich diskret zurückhielten. Sie alle nahmen ein letztes Mal Abschied von einem für seine Wohltätigkeitsprojekte weltberühmten Mann.

Pietas Mutter Vanessa, deren Mann Fabio erst vor einem Jahr hier auf dem Privatfriedhof des castello bestattet worden war, trat von ihrer Tochter Francesca gestützt vor. Beide Frauen hielten rote Rosen in den Händen. Als Francesca ihre Hand nach Pietas Witwe Natasha ausstreckte, blieb die junge Frau einen Augenblick so reglos stehen wie eine Statue. Kein Lüftchen regte sich. Selbst ihr wunderschönes blondes Haar wirkte wie in Stein verwandelt.

Mit einem Blinzeln löste Natasha ihren Blick vom Sarg, nahm Francescas Hand und trat gemeinsam mit den beiden schluchzenden Frauen ans Grab, um mit einem letzten Rosengruß Abschied von dem Verstorbenen zu nehmen.

Nur mühsam riss Matteo den Blick von der jungen Witwe los. Heute war der Tag, um Abschied zu nehmen, zu trauern und einen Mann zu feiern, der es verdiente, betrauert und gefeiert zu werden. Jedenfalls war nicht der richtige Zeitpunkt, seine auch in ihrer Trauer noch wunderschöne Witwe anzustarren. Oder sich vorzustellen, wie er die Hände auf ihre Schultern legte und …

Pietas Bruder Daniele, der neben Matteo stand, trat einen Schritt vor. Sie waren an der Reihe.

Auf Wiedersehen, Pieta, mein Cousin und Freund. Danke für alles. Ich werde dich vermissen.

Nachdem die engsten Familienangehörigen – Matteo eingeschlossen – ihre Rosen auf den Sarg geworfen hatten, folgten die anderen Trauergäste ihrem Beispiel.

Mit möglichst neutralem Gesichtsausdruck beobachtete Matteo, wie seine Eltern ihrem Neffen den letzten Respekt erwiesen. Sie würdigten ihn, ihren eigenen Sohn, keines Blickes.

Matteo hatte kein Wort mehr mit den beiden gewechselt, seitdem er nach dem Tod seines Bruders vor fünf Jahren seinen Nachnamen geändert hatte …

So viele Todesfälle.

So viele Beerdigungen.

So viel Trauer.

Zu viel Schmerz.

Als die Beerdigung vorbei war und der Priester die Anwesenden zur Trauerfeier ins castello einlud, blieb Matteo zurück, um ein Grab eine Reihe weiter zu besuchen.

Die Inschrift auf dem schlichten Marmorstein lautete:

Roberto Pellegrini

Geliebter Sohn

Nirgendwo stand, dass er auch ein geliebter Bruder gewesen war.

Generationen von Pellegrinis waren hier begraben – seit sechs Jahrhunderten. Mit seinen achtundzwanzig Jahren war Roberto der jüngste Tote seit fünfzig Jahren gewesen.

Matteo hockte sich hin und berührte den Grabstein. „Hallo, Roberto. Tut mir leid, dass ich dich schon länger nicht besucht habe. Ich hatte sehr viel um die Ohren.“

Er lachte bitter auf. In den fünf Jahren seit dem Tod seines Bruders war er nur selten an dessen Grab gewesen, obwohl kein Tag verging, an dem er nicht an ihn dachte. Und keine Stunde, in der er den Verlust nicht schmerzlich spürte. „Ich rechtfertige mich schon wieder. Aber du musst wissen, dass ich dich liebe und vermisse.“

Schweren Herzens ging Matteo zum castello und gesellte sich zu den anderen Trauergästen. Er musste noch mit dem Auto nach Pisa fahren, wo er für die nächsten zwei Tage ein Hotelzimmer gebucht hatte, aber ein kleines Glas Bourbon konnte er sich wohl genehmigen. Er würde nur so lange bleiben wie unbedingt nötig und sich später über die Minibar in seinem Hotelzimmer hermachen.

Er hatte gerade den ersten Schluck getrunken, als seine Cousine Francesca an seiner Seite auftauchte. Er nahm sie in die Arme. „Wie geht es dir?“

Matteo war dreizehn gewesen, als sein Onkel Fabio und seine Tante Vanessa ihn bei sich aufgenommen hatten. Francesca war damals noch ein Baby gewesen. Er hatte ihre ersten Schritte miterlebt, bei ihrem ersten Schulkonzert im Publikum gesessen und war vor brüderlichem Stolz fast geplatzt, als sie vor wenigen Monaten ihr Studium abgeschlossen hatte.

Francesca schüttelte stumm den Kopf. Dann seufzte sie und nahm seinen Arm. „Komm mit, wir müssen etwas besprechen.“

Matteo folgte ihr einen zugigen Korridor entlang zu Fabio Pellegrinis altem Arbeitszimmer, in dem es so muffig roch, als sei es nach seinem Tod nie mehr benutzt worden.

Kurz darauf erschien Daniele in der Tür, Natasha direkt auf den Fersen.

Erschrocken begegnete sie Matteos Blick und schaute dann schnell zur Seite, während Francesca die Tür schloss und alle aufforderte, sich an den ovalen Tisch zu setzen.

Als Matteo Platz nahm, fluchte er innerlich.

Hier mit ihr eingesperrt zu sein war das Letzte, was er gebrauchen konnte. Die Frau hatte ihm vor sieben Jahren übel mitgespielt. Sie hatte ihm Gefühle vorgetäuscht und gleichzeitig mit seinem Cousin angebandelt.

Es gab kein Entrinnen vor ihr. Sie schien überall dort aufzutauchen, wo auch er war. Ständig sah er sie irgendwo aus dem Augenwinkel. Und jetzt saß sie ihm direkt gegenüber – dicht genug, dass er ihr betrügerisches Gesicht hätte berühren können.

Sie hätte Scharlachrot tragen sollen, nicht Schwarz!

Zu seinem Verdruss war Natasha für ihn immer noch die schönste Frau, die er je gesehen hatte. In den letzten Jahren war sie sogar noch schöner geworden.

Nach Makeln suchend ließ er den Blick über ihre leuchtend blauen Augen und ihr ovales Gesicht mit der glatten hellen Haut gleiten. Ihre Nase war etwas zu lang und ihr Mund zu breit, aber das verlieh ihr nur Charakter. Früher einmal hatte er davon geträumt, jeden Morgen neben ihr aufzuwachen.

Und jetzt?

Jetzt verabscheute er sie zutiefst!

„Noch mal zusammengefasst – ich kümmere mich um die Verträge, Daniele um alles Bauliche und Matteo um die Technik. Und was ist mit dir, Natasha? Übernimmst du die PR?“

Natasha hörte Francescas Worte nur wie aus weiter Ferne. Es dauerte eine Weile, bis sie zu ihr vordrangen. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Nur die hitzige Auseinandersetzung zwischen Daniele und Francesca hatte sie während des von Francesca einberufenen Meetings einigermaßen wach gehalten. „Kann ich machen“, flüsterte sie und unterdrückte einen hysterischen Lachanfall.

Reiß dich zusammen! befahl sie sich. Oh Gott, sie hatte gar keine Ahnung von PR! Francesca glaubte anscheinend, Natasha einen Gefallen zu tun, indem sie sie zu diesem Meeting einlud. Sie ging bestimmt davon aus, dass Natasha mit einbezogen werden wollte, so wie jede normale Witwe es tun würde, wenn ihrem geliebten verstorbenen Mann zu Ehren ein bauliches Denkmal errichtet werden sollte.

Und Natasha wollte mitmachen. Pieta mochte als Ehemann ein Versager gewesen sein, aber er hatte viel Gutes getan. Mit seiner vor zehn Jahren gegründeten Stiftung hatte er in verschiedenen Krisenregionen auf der ganzen Welt viel Gutes getan. Er hatte Schulen gebaut, Wohnhäuser und Krankenhäuser.

Als die Karibikinsel Caballeros eine Woche vor seinem Tod von einem schrecklichen Wirbelsturm verwüstet worden war, der fast alle Krankenhäuser zerstört hatte, hatte Pieta sofort beschlossen, dort ein neues zu bauen. Doch noch bevor er die entsprechenden Vorbereitungen hatte treffen können, war er tödlich mit einem Hubschrauber verunglückt.

Er verdiente ein Vermächtnis. Und die leidende Bevölkerung verdiente das Krankenhaus, das Francesca nun in Gedenken an Pieta errichten lassen wollte.

Also versuchte Natasha, sich den Pellegrini-Geschwistern zuliebe zu konzentrieren und gut zuzuhören. Die beiden waren ein Teil ihres Lebens, seitdem sie denken konnte, da ihr Vater und Fabio Schulfreunde gewesen waren. Natasha selbst hatte keine eigenen Geschwister, und während ihrer sechsjährigen Verlobungszeit war sie Pietas Geschwistern sehr nahegekommen.

Wenn nur Matteo nicht da wäre! Dann würde sie sich viel besser konzentrieren können.

In den letzten sieben Jahren hatte er keine Gelegenheit ausgelassen, sie seine Abneigung spüren zu lassen. Natürlich war er nach außen hin immer höflich und korrekt gewesen, doch er hatte ihr nichts vormachen können. Bei jedem seiner Blicke hatte sie das Gefühl gehabt, von seinem Hass verzehrt zu werden. Dabei hatte er sie früher immer so zärtlich angesehen …

Sie spürte seinen hassvollen Blick auch jetzt. Wie war es nur möglich, dass Francesca und Daniele nichts davon merkten? Dieser Blick vergiftete doch die gesamte Atmosphäre!

Sie wusste natürlich, warum er sie so verabscheute. Sie hatte damals weiß Gott versucht, ihm alles zu erklären, aber seitdem waren sieben Jahre vergangen, und eine Menge war passiert. Sie hatte sich verändert, genauso wie er.

Anstatt entstellte Unfallopfer zu operieren, war Matteo inzwischen Schönheitschirurg. Mit achtundzwanzig Kliniken weltweit und einem Patent auf eine von ihm persönlich entwickelte Hautpflegeserie, mit der man Narben und Spuren des Alters mildern konnte, war er zudem ein erfolgreicher Unternehmer. Sein Vermögen war inzwischen so groß wie der Grundbesitz der Pellegrinis und Pietas Privatvermögen zusammengenommen.

Die Klatschpresse nannte ihn „Dr. Charming“. Kein Wunder, so gut, wie er aussah mit seinem dunklen Teint, seinem markanten Kinn und den kurz geschnittenen schwarzen Locken. Natasha konnte kaum an einem Zeitschriftenstand vorbeigehen oder sich ins Internet einloggen, ohne dass ihr sein attraktives Gesicht entgegensah. Meist in Begleitung eines angesagten Models oder einer sonstigen Schönheit …

Doch heute wirkte er weniger überheblich als sonst. Hinter seiner offensichtlichen Verachtung für sie konnte sie seinen Schmerz erkennen. Pieta war nicht nur Matteos Cousin und Ersatzbruder gewesen, sondern auch sein bester Freund.

Ihr blutete das Herz seinetwegen.

Es blutete für sie alle.

Matteo bremste und stellte den Motor aus. Das große Stadthaus, vor dem er geparkt hatte, ragte dunkel vor ihm in den Nachthimmel.

Er beugte sich über das Lenkrad und schloss die Augen. Was wollte er hier überhaupt? Er sollte jetzt in seinem Hotelzimmer sitzen und die Minibar leer trinken. Er hatte extra ein Hotelzimmer gebucht, weil er davon ausgegangen war, dass Natasha mit dem Rest der Familie im castello wohnen würde. Und seitdem sie damals Pietas Heiratsantrag angenommen hatte, hatte er es konsequent vermieden, unter einem Dach mit ihr zu schlafen.

Zu seiner Überraschung war sie nicht im castello geblieben, sondern hatte sich zwei Stunden nach dem Meeting von allen verabschiedet. Oder vielmehr von allen außer ihm, was allerdings niemandem aufgefallen war.

Er legte den Kopf in den Nacken und atmete tief ein, um sein wild klopfendes Herz zu beruhigen. Was zum Teufel war bloß los mit ihm? Warum konnte er Natasha ausgerechnet heute nicht aus dem Kopf bekommen? Warum kehrten auf einmal die Erinnerungen an sie zurück, wo er doch um seinen besten Freund und Cousin trauern sollte?

Vor seinem inneren Auge spielte sich wieder ab, was sich vor sieben Jahren zugetragen hatte …

Matteo hatte damals gerade sein Zimmer im castello verlassen, um zum Rest der Familie zu gehen, die in einem Festzelt im Garten den dreißigsten Hochzeitstag seiner Tante und seines Onkels feierte. Natasha war im selben Moment wie Matteo aus ihrem Zimmer gekommen.

Bei ihrem Anblick hatte Matteos Herz einen Schlag ausgesetzt. Zu seiner Freude hatte er gesehen, dass sie die Kette trug, die er ihr zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschickt hatte. Leider hatte er es nicht auf ihre Party geschafft, da er als Krankenhausarzt in Florida zahlreichen Unfallopfern hatte helfen müssen. Und als er fertig gewesen war, hatte er seinen Flug verpasst.

Mit körperlichen Zärtlichkeiten hatte Matteo sich bei Natasha bis dahin immer zurückgehalten. Er hatte warten wollen, bis sie achtzehn war. Doch als er jetzt Natasha in einem eleganten blauen Kleid in dem zugigen Korridor des castello erblickte, wurde ihm bewusst, dass er sich nicht länger zurückzuhalten brauchte: Sie war eine erwachsene Frau.

All die Briefe und abendlichen Telefonate, die sie seit Monaten austauschten, all ihre Träume und Hoffnungen für die Zukunft mündeten in diesen Augenblick. Ihre Zukunft begann genau jetzt. Sie standen sich gegenüber. Er berührte die Kette, bevor er Natashas Gesicht umfasste und sie zum ersten Mal küsste.

Es war der atemberaubendste Kuss, den er mit seinen achtundzwanzig Jahren je erlebt hatte – wunderschön. Nur zu schnell öffnete sich eine weitere Zimmertür, und Francesca trat auf den Flur. Drei Sekunden früher, und sie hätte sie ertappt.

Drei Sekunden …

Wäre dann alles anders gekommen? Denn nur zwei Stunden später war Pieta am Tisch aufgestanden und hatte Natasha vor dreihundert Gästen einen Heiratsantrag gemacht.

Und sie hatte Ja gesagt …

Matteo rieb sich die Augen, als könnte er so die Erinnerungen vertreiben. Es war müßig, an die Vergangenheit zu denken. Als er den Blick wieder auf das Haus richtete, sah er, wie im ersten Stock ein Licht anging. War Natasha gerade aufgewacht? Oder hatte sie die ganze Zeit über im Dunkeln gesessen?

Und war Francescas Sorge um ihre Schwägerin berechtigt?

Sie hatte ihn abgefangen, als er die Trauerfeier gerade verlassen wollte. Eindringlich hatte sie ihn gebeten, nach ihrer Abreise nach Caballeros ein Auge auf Natasha zu haben, weil sie sich große Sorgen um sie machte.

Natasha und Pieta waren nur ein Jahr verheiratet gewesen. Allerdings hatten sie davor jahrelang als Paar zusammengelebt. So geldgierig und herzlos Natasha auch sein mochte – in all den Jahren ihres Zusammenlebens musste sie irgendwelche Gefühle für Pieta entwickelt haben.

Zumindest hatte Matteo das seinem Cousin gewünscht. Aber wie war das möglich, wenn sie mit ihnen beiden ein doppeltes Spiel getrieben hatte?

Abgesehen von den wenigen Familienfeiern, vor denen er sich nicht hatte drücken können, war er Natasha nach Pietas Hochzeitsantrag komplett aus dem Weg gegangen. Sofort nach ihrer Verlobung hatte er ihre Handynummer blockiert, jede Mail und Nachricht von ihr gelöscht und all ihre Briefe vernichtet. Und bei den Anlässen, bei denen er ihr nicht hatte ausweichen können, hatte er sie mehr oder weniger erfolgreich ignoriert.

Er hätte Francescas Bitte, sich um die junge Witwe zu kümmern, einfach ablehnen sollen. Matteo hätte behaupten können, dass er früher nach Miami zurückmusste als geplant. Doch stattdessen hatte er genickt und ihr versprochen, morgen bei Natasha vorbeizuschauen. Schließlich hatte er ja für die nächsten zwei Tage ein Hotelzimmer in Pisa gebucht.

Und warum war er dann nicht wie geplant in sein Hotel gefahren, sondern geradewegs zu Natashas Haus?

Natasha öffnete die Tür zu Pietas Arbeitszimmer, trat zögernd ein und knipste das Licht an. Nachdem sie in dem Haus, das ein Jahr lang ihr Zuhause gewesen war, in kompletter Dunkelheit von Zimmer zu Zimmer gegangen war, brauchten ihre Augen eine Weile, um sich an die plötzliche Helligkeit zu gewöhnen.

Sie hatte keine Ahnung, was sie eigentlich hier wollte. Sie wusste gar nichts mehr. Sie war völlig orientierungslos.

Und sehr allein.

Sie war nicht länger auf der Trauerfeier geblieben als unbedingt nötig. All die Beileidsbekundungen hatten ihr fast den Rest gegeben. Genauso wie das Wiedersehen mit Matteo, was sogar noch schlimmer gewesen war. Als ihre Mutter sie dann zur Seite genommen und sie gefragt hatte, ob sie vielleicht schwanger war, hatte Natasha endgültig die Nase voll gehabt.

Fluchtartig hatte sie die Trauerfeier verlassen, bevor sie noch das ganze castello zusammenschrie und Dinge enthüllte, die sie bisher geheim gehalten hatte. Die anderen Pellegrinis hatten ihre Erklärung, allein sein zu wollen, Gott sei Dank mit einer Mischung aus Besorgnis und Mitleid akzeptiert.

Und jetzt war sie zum ersten Mal allein zu Hause, seitdem sie die schreckliche Neuigkeit erfahren hatte.

Sich in der Domäne ihres Mannes wie ein Eindringling vorkommend sah Natasha sich um. Ihr Blick wanderte über die mit vollen Bücherregalen bedeckten Wände und einen Stapel Unterlagen, den Pieta aus seiner Kanzlei oder seiner Stiftung mit nach Hause gebracht hatte. Daneben lag die dicke ledergebundene Biografie, die sie ihm zu seinem letzten Geburtstag geschenkt hatte. Ein Lesezeichen ragte daraus hervor.

Natasha schossen die Tränen in die Augen. Sie nahm das Buch und presste es an die Brust, bevor sie schluchzend zu Boden sank und um den Mann weinte, der sie und alle anderen jahrelang belogen und doch so viel Gutes bewirkt hatte.

Pieta würde dieses Buch hier nie zu Ende lesen. Nie würde er das Krankenhaus sehen, das seine Geschwister ihm zu Ehren errichteten. Oder das neue Auto in Empfang nehmen, das er am Tag vor seinem Tod bestellt hatte.

Vor allem aber würde er nie die Chance bekommen, seiner Familie die Wahrheit über sich selbst zu sagen.

„Ach, Pieta“, flüsterte sie unter Tränen. „Ich hoffe, du hast endlich Frieden gefunden, wo auch immer du gerade bist.“

In diesem Augenblick hörte sie die Türklingel, doch sie rollte sich einfach auf dem Fußboden zusammen und hielt sich die Ohren zu.

Der Besucher blieb beharrlich. Er drückte so oft auf die Klingel, bis Natasha es nicht länger ignorieren konnte. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, erhob sich mühsam und ging die Treppe herunter, wobei sie sich ein paar Worte überlegte, mit denen sie ihren unerwünschten Besucher wieder loswerden wollte.

Wenn es bloß nicht meine Eltern sind!

Die Schultern straffend schloss sie die Tür auf und öffnete sie einen Spalt. Ungläubig öffnete sie sie ein Stück weiter. Ihr Herz machte einen Satz, bevor es heftig weiterschlug.

Matteo stand vor ihr im Mondlicht wie eine Geistererscheinung. Er hatte seine Krawatte abgelegt und sein weißes Hemd am Kragen geöffnet. Sein Blick war finster, und er atmete schwer.

Ihre Blicke trafen sich.

Keiner von ihnen sagte ein Wort.

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.

Eine gefühlte Ewigkeit standen sie da und sprachen nur mit Blicken. Natasha las hundert Emotionen in Matteos: Schmerz, Trauer, Wut. Und noch etwas anderes – etwas, was sie nicht mehr gesehen hatte, seitdem er sie vor sieben Jahren in die Arme genommen und sie zum ersten und einzigen Mal geküsst hatte.

Es war das erste Mal seit damals, dass sie sich nun wieder allein sahen.

Nie würde sie vergessen, wie verletzt er sie im Festzelt angesehen hatte, als sie Pietas Antrag angenommen hatte. Dieser Blick würde sie bis in den Tod verfolgen. Genauso wie ihre Trauer um all die verpassten Chancen.

Sie schien sich wie von allein auf ihn zuzubewegen und ihm eine Hand auf eine raue warme Wange zu legen.

Matteo zeigte keinerlei Reaktion. Er rührte sich keinen Zentimeter. Doch all die Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, lösten sich unter Natashas flehendem Blick in Luft auf. Als er ihre zitternde Hand spürte, stiegen Gefühle in ihm auf, gegen die er machtlos war. Er war zu nichts anderem imstande, als hilflos dazustehen und sie anzustarren.

Etwas, was zu stark war, um dagegen anzukämpfen, ergriff Besitz von ihm. Plötzlich wusste er nicht mehr, warum er Natasha eigentlich hasste. Sein Kopf war wie leer gefegt. Er hatte nur noch Sinn für sie – Natasha.

2. KAPITEL

Wortlos trat Matteo über die Schwelle, stieß die Tür hinter sich zu und nahm Natasha in die Arme. Sie unverwandt ansehend trug er sie die Treppe hoch in eines der Schlafzimmer und legte sie aufs Bett. Er schloss die Augen und küsste sie.

Diese Lippen …

Als er ihren süßen Mund erforschte, den er nie hatte vergessen können, war er endgültig verloren.

Einander hungrig küssend streiften sie sich gegenseitig ihre Kleidungsstücke ab, um nackte Haut zu spüren. Miteinander zu verschmelzen. Matteo vergrub die Finger in Natashas Haar und küsste sie mit hungriger Leidenschaft.

Sein Kopf war wie leer gefegt – es gab nur diesen Rausch, der sie beide mitriss.

Er nahm ihre kleinen perfekten Brüste in die Hände und saugte daran. Natashas lustvolles Stöhnen schoss ihm direkt in die Lenden. Er strich mit seinen Händen über ihren glatten Bauch, verteilte wilde Küsse auf ihrer Haut, bevor er tiefer glitt und ihre duftende Hitze einatmete.

Er verschlang sie förmlich, ließ keinen Quadratzentimeter unberührt oder ungeküsst.

Noch nie hatte er so etwas erlebt – diese explosive primitive Gier, eine Frau zu schmecken, Besitz von ihr zu ergreifen.

Sie zu lieben.

Natasha war überwältigt von ihren Empfindungen und Emotionen. Sie klammerte sich an Matteo fest wie eine Ertrinkende, fuhr mit ihren Fingern durch sein Haar und berührte jedes bisschen glatte Haut, an das sie herankam. Jede Berührung, jeder Kuss steigerten noch ihr Verlangen.

Matteos Kuss vor sieben Jahren hatte etwas in ihr aufflammen lassen – ein Feuer, das kurz aufgelodert war, bevor der Lauf der Ereignisse es wieder abgetötet hatte. Doch jetzt entfachte Matteo es von Neuem. Wieder stand sie in Flammen, brannte so heftig, dass sie nicht wusste, wo ihre Lust endete und ihr Schmerz begann. Sie hätte weinen können, so wundervoll war das alles. Wie lange hatte sie das entbehren müssen …

Aber es reicht noch nicht. Sie brauchte mehr. Sie brauchte alles.

Als hätte Matteo ihre Gedanken gelesen, zog er eine Spur heißer Küsse über ihren Bauch und ihre Brüste, bevor er ihre Lippen fand und Natasha so leidenschaftlich küsste, dass es ihr den Atem verschlug.

Als er sich zwischen ihre Schenkel legte, schlang sie instinktiv die Beine um ihn. Aufkeuchend spürte sie seine harte Erektion an ihrer empfindlichsten Stelle. Als er mit einer raschen Bewegung in sie eindrang, keuchte sie ein zweites Mal auf. Sie empfand keinen Schmerz, nur ein leichtes Unbehagen, als ihr Körper dieses schwindelerregende neue Gefühl absorbierte.

Matteo erstarrte für einen Moment, als habe er gespürt, dass etwas nicht stimmte. Um ihn abzulenken, umfasste Natasha seinen Kopf und küsste ihn hungrig.

Dann vergaß sie ihre Sorgen, vergaß alles um sich herum und gab sich ganz dem köstlichen Gefühl hin, ihn in sich zu spüren, als er sich rhythmisch in ihr zu bewegen begann. Völlig neue herrliche Empfindungen überwältigten sie, steigerten sich zu ungeahnten Höhen, bis sie vor Lust zu explodieren schien. Während Natasha den pulsierenden Wellen ihrer Ekstase nachspürte, steigerte Matteo sein Tempo, bis auch er sich aufbäumte und erschauernd auf ihr zusammenbrach.

Lange lagen sie schweigend da. Nur ihre schweren Atemzüge erfüllten die Luft.

Doch als die Empfindungen abebbten und die Leidenschaft abkühlte, ergriff etwas anderes von ihnen Besitz.

Entsetzen.

Sie hörte Matteo an ihrem Hals schlucken, bevor er von ihr herunterrollte, sich aufsetzte und zuerst auf Italienisch und dann auf Englisch fluchte.

Es überlief sie innerlich eiskalt. Gut, dass sie lag, sonst wäre sie bestimmt vor Scham zusammengebrochen.

Was hatten sie getan?

Wie hatte das nur passieren können?

Natasha hatte keine Erklärung dafür. Sie bezweifelte auch, dass Matteo eine hatte.

Starr vor Entsetzen starrte sie an die Decke. Wäre sie imstande gewesen, ihre Zunge zu bewegen, hätte sie vermutlich ebenfalls geflucht.

Matteo atmete ein paar Mal tief durch und suchte seine Kleidungsstücke zusammen. Er musste raus hier. Sofort!

Er fand sein Hemd unter Natashas Kleid, eine seiner Socken hatte sich mit ihrem BH verhakt.

Ihm wurde schlecht.

Was hatten sie nur getan?

Warum zum Teufel war er nur aus dem verdammten Wagen gestiegen? Warum war er nicht einfach wieder weggefahren?

Er streifte sich seine schwarze Hose über, ohne sich die Mühe zu machen, sie zuzuknöpfen, bevor er sich das Hemd verkehrt herum anzog.

Seine andere Socke lag halb unter dem Toilettentisch, auf dem nur eine Vase mit Trockenblumen stand. Gott sei Dank, das hier war nur ein Gästezimmer. Wenigstens das!

Achtlos stopfte er die Socken in seine Jacketttasche, schlüpfte in seine Schuhe und ging zur Tür. Als er den Raum verlassen wollte, kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Voller Selbstekel ballte er die Hände zu Fäusten. Wie hatte er nur so dumm sein können? Er hatte sich absolut verantwortungslos verhalten.

Langsam drehte er sich zu Natasha um.

Sie hatte sich nicht gerührt, seitdem er von ihr heruntergerollt war. Wie erstarrt lag sie da und starrte an die Decke, wandte ihm jedoch das Gesicht zu, als sie seinen Blick spürte. Ihre blauen Augen waren schreckgeweitet.

Ihr Blick bestätigte alles. Sie mussten komplett den Verstand verloren haben, nicht an ein Kondom zu denken. Matteo wusste, dass Natasha nicht die Pille nahm. Pieta hatte ihm selbst erzählt, dass sie versuchten, ein Baby zu bekommen.

Fluchtartig verließ er das Haus und stieg in seinen Wagen.

Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ er seinen Emotionen freien Lauf und schlug heftig auf das Lenkrad. Stöhnend vergrub er das Gesicht in den Händen. Erst nach zwanzig Minuten hatte er sich genug beruhigt, um loszufahren.

Er schaute nicht zurück.

Zwei Wochen später …

Natasha musste sich beherrschen, um nicht an ihren Fingernägeln zu kauen. Noch schwerer fiel es ihr, nicht eine der Flaschen Prosecco zu öffnen, die noch aus der Zeit vor Pietas Hubschrauberabsturz im Kühlschrank lagen. Seit der Trauerfeier hatte sie keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Sie hatte Angst, nicht wieder aufhören zu können, wenn sie erst mal damit anfing.

Sie wartete gerade auf Francesca, die mit ihr die Pläne für das im Angedenken an Pieta entstehende Krankenhaus durchsprechen wollte. Es hatte niemanden überrascht zu erfahren, dass sie kaum eine Woche gebraucht hatte, um die notwendige Baugenehmigung zu bekommen. Francesca war vermutlich der zielstrebigste Mensch, den Natasha kannte. Manchmal wünschte sie, sie hätte zumindest ein Fünkchen ihrer Energie und Entschlossenheit.

Sie selbst schien nämlich jegliche Energie verloren zu haben. In letzter Zeit war sie so müde, dass sie am liebsten nur noch schlafen wollte, aber vermutlich gehörte das zum Trauerprozess dazu, wie man ihr versichert hatte. Anscheinend war jeder heutzutage ein Trauerexperte. Alle beäugten sie, als warteten sie nur darauf, dass sie zusammenbrach.

Und sie trauerte tatsächlich, wenn auch nicht aus den Gründen, die alle vermuteten. Sie trauerte nicht um ihre verlorene Zukunft, sondern um die sieben Jahre, die sie und Matteo verschwendet hatten. Dazu kam nun auch noch die Scham, die jedes Mal in ihr aufstieg, wenn sie daran dachte, was nach der Beerdigung passiert war.

Oh Gott, sie wollte nicht daran denken, aber sie konnte die Erinnerungen einfach nicht abschütteln, sosehr sie es auch versuchte.

Als es an der Tür klingelte, seufzte sie resigniert und versuchte eine halbwegs heitere Miene aufzusetzen, während die Haushälterin Francesca ins Haus ließ.

Schritte hallten durch die große Eingangshalle, bevor Francesca mit ihrem Bruder Daniele das Arbeitszimmer betrat. Die Gestalt hinter ihnen raubte Natasha fast ihre so mühsam errungene Selbstbeherrschung.

Wie in Italien üblich, wurden nicht nur Worte des Trostes, sondern auch Küsse und Umarmungen ausgetauscht. Dann kam Matteo an die Reihe.

Sich innerlich wappnend legte Natasha locker eine Hand auf seine linke Schulter und spürte seine Hand an ihrer Hüfte, als sie einander zur Begrüßung umarmten. Beim Gefühl seiner warmen rauen Wange an ihrer musste sie daran denken, wie sich seine Barstoppeln an den Innenseiten ihrer Oberschenkel angefühlt hatten. Krampfhaft schloss sie die Augen, um die Erinnerung zu verdrängen.

Es war ein schrecklicher Fehler gewesen.

Sie hätte es nie für möglich gehalten, sich selbst so hassen zu können. Obwohl sie Pieta nichts schuldig war, konnte sie ihr Verhalten nicht fassen. Wie hatten Matteo und sie nur so dermaßen die Selbstbeherrschung verlieren können? Es war, als hätten sie komplett den Verstand verloren.

Eine Stunde lang hatte sie das Mädchen hinter sich gelassen, das bisher immer nur versucht hatte, es ihren Eltern recht zu machen, und eine Seite in sich ausgelebt, die sie anscheinend immer unterdrückt hatte.

Verhütung war das Letzte gewesen, woran sie gedacht hatten. Sie waren ja so dumm gewesen, so leichtsinnig!

Francesca hatte nichts davon gesagt, dass sie ihren Bruder und ihren Cousin mitbringen würde, und Natasha hatte nicht gefragt. Sie war einfach davon ausgegangen, dass die beiden viel beschäftigten Männer ihren Beitrag zum Bau des Krankenhauses später leisten würden. Wie sich jetzt herausstellte, hatte sie sich geirrt.

Francesca musterte Natasha forschend. „Alles okay mit dir? Du siehst etwas blass aus.“

Natasha zuckte die Achseln. „Ich bin einfach nur müde.“

„Und du fasst dir ständig an den Rücken. Tut er dir weh?“

„Ein bisschen.“

Die Haushälterin brachte Kaffee und Kekse und lenkte Francescas Aufmerksamkeit zu Natashas Erleichterung von ihrem Zustand ab.

Sie nahmen an dem großen Esszimmertisch Platz, auf den Francesca einen Stapel Unterlagen legte. Natasha hatte keine Ahnung, worum es bei dem Meeting eigentlich gehen sollte. Zumal Matteos Anwesenheit sich nicht förderlich auf ihre Konzentrationsfähigkeit auswirkte …

Warum war er überhaupt hier? Um sie zu bestrafen?

Die Wiedersehen mit ihm in den letzten sieben Jahren waren schon Strafe genug gewesen, auch wenn sie das hingenommen hatte. Schließlich hatte sie sich von ihm küssen lassen und kurz darauf den Heiratsantrag eines anderen Mannes akzeptiert – vor Matteos Augen und denen aller anderen. Und dabei war es nicht um irgendeinen Mann gegangen, sondern um seinen Cousin und engsten Freund.

Wäre alles anders gekommen, wenn sie nicht die Chance verpasst hätte, ihm von Pieta zu erzählen?

Sie hatte Matteo hinterher anzurufen versucht und ihm Dutzende Nachrichten hinterlassen, aber er hatte nie darauf reagiert. Er hatte das Band zwischen ihnen rigoros durchtrennt.

Wäre sie heute glücklicher, wenn es anders gekommen wäre? Sie bezweifelte das inzwischen. Matteo war nicht der Mann, für den sie ihn gehalten hatte. Keine Frau mit gesundem Menschenverstand würde ihr Leben mit ihm verbringen wollen. Er war nicht nur total geldgierig, sondern auch ein zügelloser Hedonist, der jede Woche eine neue Frau am Arm hatte. Ein solcher Mann würde sich nie mit einer einzigen Frau zufriedengeben.

Daniele ergriff als Erster das Wort und schilderte, wie weit das Projekt inzwischen gediehen war. Er kündigte an, in den nächsten zwei Wochen mit Matteo nach Caballeros zu fliegen. Der Bau würde kurz danach beginnen.

„So schnell?“, raffte Natasha sich auf zu fragen.

„Es handelt sich um Caballeros, nicht um Europa“, antwortete Daniele achselzuckend. „Dort ist die Bürokratie nicht so kompliziert wie hier.“

„Hast du schon ein paar PR-Ideen?“, erkundigte Francesca sich.

Natasha senkte beschämt den Blick zur lackierten Tischplatte. In den letzten zwei Wochen war sie zu erschöpft gewesen, um etwas zu tun. „Nein, tut mir leid, aber ich werde mir etwas überlegen und dir meine Ideen in den nächsten Tagen mitteilen.“

Hoffentlich würde sie ihr Versprechen halten können. Je mehr PR sie machten, desto mehr Spenden würden sie bekommen und desto mehr Personal konnten sie einstellen. Als Pietas nächste Angehörige war das ihre Aufgabe. Für alles, was die Stiftung ihres Mannes betraf, war sie jetzt verantwortlich. Bisher hatte sie sich nie darum gekümmert, und wenn es nach ihr ginge, würde das auch so bleiben.

Für immer.

Sie brauchte dringend ein paar Ideen, doch in letzter Zeit konnte sie sich so schlecht konzentrieren, dass sie sich kaum entscheiden konnte, was sie zum Frühstück essen wollte, ganz zu schweigen von wichtigeren Dingen.

So ging es nicht weiter! Keine Ahnung, ob sie wegen Pietas Tod immer noch unter Schock stand oder ob das, was mit Matteo passiert war, für ihren Zustand verantwortlich war, aber sie musste sich zusammenreißen.

Sie hatte jetzt endlich die Chance auf ein eigenes Leben. Was sie mit dieser neu gewonnenen Freiheit anfangen sollte, wusste sie noch nicht. Fest stand nur eins: Sie würde nie wieder heiraten. Nie wieder würde sie zulassen, dass ein anderer Mensch über ihr Leben bestimmte, weder ein Mann noch ihre Eltern.

Francesca zuckte die Achseln. „Kein Grund zur Eile. Ende der Woche reicht völlig.“

Irgendwann war das anstrengende Meeting Gott sei Dank vorbei, und Stühle wurden zurückgeschoben. Als Natasha ebenfalls aufstand, wurde ihr plötzlich schwindlig. Sie musste sich am Tisch festhalten, um nicht umzukippen.

Francesca fiel ihr Zustand zuerst auf. Besorgt legte sie Natasha eine Hand auf einen Arm. „Alles okay mit dir?“

Natasha nickte, obwohl sie sich alles andere als gut fühlte. „Ich bin nur müde. Außerdem habe ich noch nichts gegessen.“

Francesca musterte sie skeptisch, bevor sie sie losließ. „Na ja, du weißt ja, wo du mich erreichst, falls du mich brauchst.“

Matteo musterte Natasha eindringlich.

Sie atmete erleichtert auf, als sie die Haustür geschlossen hatte. Um allein zu sein, schickte sie ihre Haushälterin einkaufen und dankte Pieta im Stillen, dass er ihr zuliebe darauf verzichtet hatte, das übrige Personal im Haus wohnen zu lassen. Sogar in solchen Dingen war sie von seinem guten Willen abhängig gewesen.

Ihre Ehe war das reinste Trauerspiel gewesen. Sie hatte nichts allein entscheiden dürfen.

Das Schwindelgefühl war vorbei, aber plötzlich begann ihr Magen zu knurren. Beim Aufwachen war ihr so übel gewesen, dass sie das Frühstück hatte ausfallen lassen.

Sie öffnete den Kühlschrank. Er war so voll, dass sie sich gar nicht entscheiden konnte. Nach längerem Hin und Her nahm Natasha ein Stück Käse und durchsuchte einen Schrank nach einer Schachtel Cracker.

Ihr knurrte wieder der Magen, als sie den Käse auswickelte, doch als sie ihn anschnitt, wurde ihr von dem intensiven Geruch sofort schlecht. Angewidert warf sie den Käse in den Mülleimer, presste eine Hand auf den Bauch und die andere auf den Mund, um sich nicht zu übergeben.

Ihr Anfall war gerade vorbei, als es an der Tür klingelte.

Natasha erstarrte. Sollte sie öffnen? In den letzten zwei Wochen war es in ihrem Haus wie im Irrenhaus zugegangen, sodass sie froh war, endlich mal allein zu sein.

Es klingelte wieder.

Konnte das ihre Schwiegermutter sein? Vanessa kam seit Natashas Hochzeit mit Pieta öfter unangemeldet vorbei, und seit Pietas Tod verging kein Tag, an dem sie Natasha keinen Besuch abstattete oder sie anrief.

Doch als sie die Tür öffnete, stand statt ihrer Schwiegermutter Matteo auf der Schwelle.

„Was willst du hier?“, fragte Natasha kühl.

„Hier. Mach den.“ Matteo hielt ihr eine längliche Schachtel hin.

Einen Schwangerschaftstest.

Natasha wurde blass. „Ich bin nicht schwanger.“

„Mach den Test, und beweis es. Ich werde nicht eher gehen.“ Nervös sah Natasha an ihm vorbei. „Erwartest du jemanden?“, fragte er. „Vielleicht einen weiteren Liebhaber?“

Natasha presste die Lippen zusammen. „Nein, aber Vanessa kommt öfter unangemeldet vorbei.“

„Die trauernde Mutter kümmert sich um die trauernde Witwe? Wie rührend.“ Matteo hatte es nie verwinden können, dass seine Tante Natasha abgöttisch liebte – so wie der Rest der Pellegrini-Familie. Wäre Francesca nicht so besorgt um Natasha gewesen, wäre er heute nämlich nicht hier. „Wenn du nicht willst, dass sie mich hier sieht – und noch dazu mit einem Schwangerschaftstest, solltest du mich lieber reinlassen.“

Genervt seufzend trat Natasha zur Seite.

Zum zweiten Mal an diesem Tag betrat Matteo das Haus seines verstorbenen Cousins. Er war voller Hass. Auf Natasha und auf sich selbst. Wegen dessen, was sie getan hatten.

Vor Pietas Tod war er nur ein einziges Mal hier gewesen. Natasha hatte damals ihre Eltern in England besucht.

„Hattest du schon deine Regel, seitdem …?“ Er konnte sich nicht überwinden, den Satz zu vollenden.

Natasha errötete heftig. „Nein.“

„Wann ist sie fällig?“

Sie schluckte. „Ich bin seit ein paar Tagen überfällig. Aber meine Regel war noch nie regelmäßig, also hat das nichts zu bedeuten.“

„Du bist müde, hast Rückenschmerzen und warst in den zwei Stunden Meeting drei Mal auf der Toilette“, zählte er ihre Symptome auf. „In drei Stunden geht mein Flieger nach Miami. Mach den Test. Sollte er negativ ausfallen, können wir beide unserer Wege gehen und vergessen, was zwischen uns passiert ist.“ Er hielt ihr die Schachtel hin.

Natasha starrte sie eine Weile an, bevor sie sie Matteo aus der Hand riss und die Treppe hocheilte.

Als Matteo oben eine Tür ins Schloss fallen hörte, ging er ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa und vergrub den Kopf in den Händen. Er hatte sich den Beipackzettel des Schwangerschaftstests gründlich durchgelesen. Es dauerte drei Minuten, bis man eine Antwort hatte.

Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Natasha war schon seit zehn Minuten oben. Er versuchte sich abzulenken, indem er die Einrichtung betrachtete. Ihm fiel wieder auf, dass man nirgendwo Natashas Einfluss entdecken konnte. Dabei hatte sie früher mal Innenarchitektin werden wollen. Zumindest hatte sie ihm das bei einem ihrer vielen Telefonate vor sieben Jahren gesagt.

Matteo hätte nie damit gerechnet, sich mehr hassen zu können als im Alter von zehn Jahren, als er das Leben seines kleinen Bruders zerstört hatte. Doch sein jetziger Selbsthass war mindestens genauso stark. Er wünschte, er könnte die Erinnerungen an jene Nacht einfach auslöschen, aber das war ihm nicht möglich. Erst heute Morgen war er mit der lebhaften Erinnerung aufgewacht, wie er in sie eingedrungen war und das Gefühl gehabt hatte, dass etwas nicht stimmte. Ein Gefühl, dass ihm immer mehr zu schaffen machte.

Er rieb sich den Nacken und verfluchte sein schlechtes Gedächtnis.

Natasha konnte nie im Leben noch Jungfrau sein. Sie war schließlich verheiratet gewesen, verdammt noch mal! Und sie hatte versucht, schwanger zu werden.

Weitere fünf Minuten vergingen, bevor er ein Geräusch hörte. Als er sich umdrehte, stand Natasha in der Tür.

Ein Blick auf ihr Gesicht, und er hatte seine Antwort.

„Das muss ein Fehler sein“, sagte sie heiser. „Ich muss einen anderen Test machen.“

Sie hatte den Streifen auf dem Test so lange angestarrt, bis er vor ihren Augen verschwommen war. Zwei Wochen lang hatte sie sich geweigert, auch nur in Erwägung zu ziehen, schwanger zu sein.

Matteo musterte sie verächtlich aus grünen Augen. „Dieser Test ist der beste auf dem Markt. Wenn er positiv ausfällt, bist du schwanger. Bleibt nur noch zu klären, wer der Vater ist.“

Natasha sank zu Boden und umfasste ihre Knie.

„Wann habt du und Pieta zuletzt …?“

Übelkeit stieg in ihr auf. Was sollte sie jetzt nur tun? Bisher hatte sie nie irgendwelche Entscheidungen zu treffen brauchen. Sie hatte einfach das getan, was ihre Eltern von ihr verlangten.

Zum Beispiel, Pieta zu heiraten.

Doch in diesem Augenblick waren ihre Eltern das Letzte, woran sie dachte.

„Soll ich dein Schweigen so auffassen, dass du und Pieta bis zu seinem Tod aktiv wart?“

Wie sollte sie diese Frage nur beantworten? Es ging einfach nicht!

„Wenn deine letzte Periode einen Monat her ist, ist anzunehmen, dass wir während deiner fruchtbaren Tage Sex hatten. Andererseits gibt es immer Abweichungen, sodass eine Chance besteht, dass Pieta der Vater ist. Wer kommt noch infrage?“

Ihr schwirrte der Kopf. Anscheinend kannte Matteo sich besser mit ihrem Körper aus als sie selbst. „Was?“

„Tu nicht so. Mit wem hast du letzten Monat noch geschlafen?“

Sie zuckte zusammen. „Das ist beleidigend.“

Er lachte brutal. „Ich muss zugeben, dass du die Rolle der trauernden Witwe sehr überzeugend spielst, aber bei mir hast du dich benommen wie eine läufige Hündin. Also liegt der Schluss nahe, dass es noch andere Männer gab.“

Eine läufige Hündin?!

Wie hatte er nur so blind sein können? Und das als Arzt?

„Ich warte auf eine Antwort. Wie viele andere Männer gab es?“

Natasha wusste noch, wie sanft seine volltönende Stimme früher immer gewesen war. Aber vermutlich veränderte man sich, wenn man wie aus dem Nichts ein milliardenschweres Unternehmen gründete. Dann entledigte man sich seiner Prinzipien genauso schnell wie seiner Menschlichkeit.

Sie hob den Kopf und sah ihn trotzig an. „Keinen.“

Er erwiderte ihren Blick eine Weile, bevor er nickend aufstand. „Eine Ultraschalluntersuchung wird zeigen, wie weit du bist. Daraus lässt sich ableiten, wer der Vater ist.“

Matteos emotionsloser Tonfall schnitt ihr ins Herz. Doch dann dachte sie an die Ultraschalluntersuchung. Daran, bald das winzige Wesen zu sehen zu bekommen, das in ihr heranwuchs …

Erst in diesem Augenblick wurde ihr mit voller Klarheit bewusst, was auf sie zukam.

Sie würde Mutter werden.

Eine Hand auf ihren Bauch legend blendete sie Matteos verbittertes Gesicht aus und dachte an das wachsende Leben in ihr. Hallo, mein Kleines! hielt sie stumm Zweisprache mit ihrem Baby. Ein Glücksgefühl durchströmte sie.

Sie sehnte sich schon so lange nach einem Kind, doch mit Pieta wäre es für sie nicht wirklich infrage gekommen. Und jetzt war es plötzlich so weit. Es war ein Wunder.

Sie würde ein Baby bekommen!

„Wie kannst du in dieser Situation lächeln?“, fragte Matteo wütend. „Findest du das etwa amüsant?“

Ihr Lächeln erlosch. Sie straffte entschlossen die Schultern.

Was auch immer die Zukunft für sie bereithielt – sie musste an das Baby denken und deshalb stark sein. „Ich bin schwanger“, erwiderte sie kühl. „Du hast keine Ahnung, wie lange ich schon ein Baby will, also darf ich mich ja wohl freuen. Für mich ist diese Schwangerschaft ein Wunder.“

Matteo musterte sie verächtlich. „Dann willst du es also behalten?“

„Wie kannst du nur so etwas fragen?“

Er ging zu ihr, legte ihr eine Hand in den Nacken und beugte sich vor. „Ich kenne dich, Natasha“, sagte er gefährlich leise. „Du bist total selbstsüchtig. Du denkst nur an dich und deinen Vorteil.“

Seine Berührung und seine Nähe verschlugen Natasha den Atem. Sofort kehrten die Erinnerungen an die Nacht nach der Beerdigung zurück. Jäh grub Natasha ihre Fingernägel in seine Hand und entzog sich seinem Griff. Dann richtete sie sich zu ihrer vollen Körpergröße auf.

„Du kennst mich ganz und gar nicht“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Würdest du mich kennen, würdest du mich gar nicht erst fragen, ob ich das Kind behalten will. Ich will sogar mehr als das. Ich werde es großziehen und lieben.“

Früher einmal hatte sie sich nach einem Kind von Matteo gesehnt. Hätte man ihr vor sieben Jahren prophezeit, dass sie eines Tages eins von ihm bekommen würde, hätte sie einen Freudentanz aufgeführt.

Aber das sagte sie ihm nicht. Er würde ihr sowieso nicht glauben.

Matteo rieb sich die von ihr zerkratzte Hand. „Ich hoffe für dein Kind, dass deine Worte nicht so bedeutungslos sind wie üblich. Ich habe eine Freundin mit einer Praxis in Florenz, die mit den modernsten Geräten ausgestattet ist. Ich werde dich dorthin bringen. Sie sind dort sehr diskret, und ich glaube, wir sind uns zumindest darin einig, dass Diskretion oberste Priorität hat.“

Natasha schwirrte der Kopf. Es ging alles so schnell. Sie fühlte sich völlig überrumpelt, aber andererseits musste sie das tun, was das Beste für sie und ihr Baby war.

Oh Gott, nicht auszudenken, was passieren würde, wenn die Wahrheit ans Licht kam! Wie viele Leben das ruinieren würde. Sie konnte mit niemandem darüber reden, so schrecklich das auch war. Niemand durfte erfahren, dass Matteo der Vater ihres Babys war.

So wie er nie erfahren durfte, dass er der einzige Kandidat für die Vaterschaft war.

„Wann?“

„In zwei Wochen. Bis dahin müsste man den Herzschlag des Babys hören können.“

„So früh schon?“

Matteo nickte grimmig. „Die Schwangerschaft beginnt mit dem ersten Tag der letzten Periode, also bist du in zwei Wochen sechs Wochen schwanger. Der Ultraschall wird uns Genaueres verraten.“

„Ich werde den Herzschlag des Babys hören?“

„Wir beide.“ Er ging zur Tür. „Ich ruf dich an.“

Als sie hörte, wie die Haustür ins Schloss fiel, ließ Natasha sich aufs Sofa fallen und sank nach vorn.

Niemand durfte erfahren, dass sie von Matteo schwanger war! Es gab so viele Menschen, die das unendlich verletzen würde – Vanessa, Francesca …

Seit ihrer Hochzeit mit Pieta ertappte sie ihre Familienangehörigen ständig dabei, ihr auf den Bauch zu starren, als suchten sie nach Anzeichen für eine Schwangerschaft. Seit Pietas Tod war das noch schlimmer geworden. Seine Familie wünschte sich nichts sehnlicher als ein Baby von ihm. Francesca schöpfte sogar schon Verdacht.

Natasha lehnte sich verzweifelt zurück und rieb sich die Schläfen. Was sollte sie nur tun? Wofür auch immer sie sich entschied – sie würde jemandem wehtun und Hoffnungen zerstören. Und dann war da noch das Pellegrini-Vermögen zu bedenken …

Ach, es war einfach alles zu viel.

Verzweifelt brach sie in Tränen aus.

Als ihre Tränen versiegt waren, umarmte sie ihren Bauch, so stark war ihr Wunsch bereits, das Kleine in sich zu beschützen – sogar vor ihrem Kummer.

Die ungeschminkte Wahrheit würde sie alle zerstören, Matteo eingeschlossen. Es war besser, alle Welt glauben zu lassen, dass sie ein Flittchen war, sogar ihre Eltern. Sie würden total entsetzt reagieren, wenn sie erfuhren, dass sie schwanger und Pieta nicht der Vater war. Pieta zu heiraten war ihrer Meinung nach nämlich das Einzige in ihrem Leben, was Natasha richtig gemacht hatte.

Natasha trocknete sich die Augen und seufzte tief. Alle Tränen dieser Welt änderten nichts an ihrer Situation. Sie würde Mutter werden, und das hieß, dass sie ihrem Kind zuliebe stark sein musste. Sollten sie ruhig alle für ein Flittchen halten. Niemand durfte erfahren, dass Matteo der Vater ihres Kindes war.

Oder dass sie bis zur Beerdigung ihres Mannes noch Jungfrau gewesen war.

3. KAPITEL

Die Praxis, bei der Matteo einen Termin für eine Ultraschalluntersuchung vereinbart hatte, befand sich in einem schönen mittelalterlichen Gebäude im Herzen von Florenz, das für nichts ahnende Passanten wie ein Museum oder eine Galerie aussehen musste, innen jedoch auf dem neuestem Stand war.

Die Empfangsdame meldete ihre Ankunft telefonisch an, und kurz darauf wurden sie von Julianna, der Direktorin der Klinik, in Empfang genommen. Matteo kannte sie von Fachkonferenzen. Die beiden begrüßten sich so herzlich wie alte Freunde.

Nachdem er sie und Natasha miteinander bekannt gemacht hatte, gingen sie zu dritt in den Ultraschallraum, in dem schon alles für die Untersuchung vorbereitet worden war.

„Ist es okay für Sie, wenn Dr. Manaserro während der Untersuchung hierbleibt?“, fragte Julianna Natasha auf Englisch.

Natasha streifte ihn mit einem überraschten Blick und zuckte die Achseln. Vermutlich hatte sie noch nie gehört, dass ihn jemand als Doktor anredete.

„Sie werden sich etwas entblößen müssen“, warnte Julianna sie.

Wieder ein Achselzucken. „Er kann ruhig bleiben, wenn er will“, antwortete Natasha tonlos.

Matteo verspürte einen so unwillkommenen wie unerwarteten Anflug von schlechtem Gewissen. Er hatte Natasha seit zwei Wochen nicht mehr gesehen. Abgesehen von der Vereinbarung dieses Termins hatte er sein Bestes getan, sie und die Schwangerschaft zu verdrängen.

Er hatte sich eingeredet, dass die Wahrscheinlichkeit, der Vater des Babys zu sein, extrem gering war. Schließlich waren sie nur einmal intim gewesen, während Natasha mit Pieta …

Sein Magen verkrampfte sich bei der Vorstellung, wie oft die beiden im Laufe der Jahre miteinander geschlafen haben mussten. Sie hatten immerhin versucht, ein Baby zu bekommen. Das hatte Pieta ihm selbst erzählt.

Und sie war froh, schwanger zu sein – vermutlich, weil so ein Teil von Pieta in ihr weiterlebte. Sie hatte die Schwangerschaft sogar als Wunder bezeichnet. So hätte sie doch nicht reagiert, wenn sie davon ausgegangen wäre, dass er der Vater war?

Dio, allein die Vorstellung … Es war undenkbar!

Vor sieben Jahren hatte er Natasha rigoros aus seinen Gedanken verbannt und sich dazu gezwungen, weder an sie noch an ihre Ehe mit Pieta zu denken. Nur bei ihren seltenen Begegnungen war sein Hass auf sie wieder aufgeflammt, doch um diese Gefühle zu verbergen, hatte er Natasha so gut es ging ignoriert. Er hatte seine Freundschaft mit Pieta nicht wegen einer Frau aufs Spiel setzen wollen.

Pieta schien keine Ahnung gehabt zu haben, dass Matteo und Natasha sich vor seinem Heiratsantrag so nahegestanden hatten. Dabei hatten Matteo und Pieta sich oft über Frauen ausgetauscht. Aber damals hatte sich Matteos Verbindung zu Natasha irgendwie zu kostbar angefühlt, um darüber zu reden. Was im Nachhinein natürlich total lächerlich war.

„Okay, Natasha, Sie wollen bestimmt wissen, wann das Kind zur Welt kommt, oder?“, fragte Julianna.

Natasha nickte.

„Legen Sie sich hin, und machen Sie Ihren Bauch frei.“

Matteo heftete den Blick krampfhaft auf den Bildschirm.

Als Natasha fertig war, schützte Julianna den Bund ihres Rockes mit Papiertüchern und nahm auf einem Hocker Platz.

Obwohl Matteo Natasha nicht direkt ansah, nahm er wahr, dass sie zusammenzuckte, als das kühle Geld auf ihrem Bauch verteilt wurde.

Julianna nahm die Ultraschallsonde und presste sie auf Natashas Bauch, den Blick auf den Bildschirm gerichtet. „Da ist es!“, rief sie. „Sehen Sie, Natasha? Da ist Ihr Baby.“

Natasha reckte den Hals. „Wo?“

„Da.“ Julianna zeigte auf den Bildschirm. „Sehen Sie?“

Natasha wusste nicht, was sie erwartet hatte – natürlich kein voll entwickeltes Miniaturbaby –, aber sie hatte auf mehr als nur ein Pünktchen gehofft. Als Julianna ein paar Tasten drückte, wurden Konturen und Umrisse sichtbar. Natashas ohnehin schon schneller Herzschlag beschleunigte sich noch mehr.

„Wollen Sie den Herzschlag hören?“

Kurz darauf hallte das schönste Geräusch, das Natasha je gehört hatte, durch den Raum.

Sie traute sich kaum, Matteo anzusehen, um diesen ganz besonderen Augenblick nicht zu ruinieren. Sie betrachtete das kleine Ding auf dem Bildschirm und lauschte dem kräftigen Herzschlag, während Julianna etwas auf ihrem Computer eintippte.

Schließlich schob die andere Frau ihren Stuhl zurück und wischte Natashas Bauch mit einem weichen Tuch ab. „Ich würde sagen, dass so weit alles gut aussieht.“

„So weit?“

Die ältere Frau lächelte. „Ich bin Ärztin und gebe als solche keine Garantien, aber Ihr Kind entwickelt sich gut. Sie können ganz beruhigt sein. Und was den Stichtag angeht …“ Sie nannte ein Datum Ende Juni.

Natasha schloss verzweifelt die Augen. Als sie auf verschiedenen Internetseiten das Datum der Empfängnis eingegeben hatte, hatte sie immer das gleiche Geburtsdatum erhalten.

Matteo hatte seine Rechenaufgaben auch gemacht. Er wusste jetzt, dass Pietas Vaterschaft ausgeschlossen war. Das Datum der Empfängnis lag deutlich nach seinem Tod.

Das Baby war von ihm selbst.

Natasha musste Matteos Schweigen über sich ergehen lassen, bis sie wieder in seinem Wagen saßen.

„Das ändert alles“, sagte er irgendwann.

„Nicht wirklich. Du wusstest schließlich, dass das Baby deins sein könnte.“

„Klar, aber ich hatte etwas anderes gehofft“, stieß er hervor.

Natasha ballte die Hände zu Fäusten. Sie hatte zwei Wochen Zeit gehabt, sich auf diesen Augenblick vorzubereiten und hatte alles über Schwangerschaften recherchiert, was sie finden konnte, während sie ihre Übelkeit und ihre Rückenschmerzen vor ihren zahlreichen Besuchern zu verbergen versucht hatte.

Hätte das positive Testergebnis sie nicht so schockiert – wer rechnete schon damit, beim ersten Mal schwanger zu werden? –, hätte sie Matteo die Ungewissheit der letzten zwei Wochen ersparen können. Wie sehr sie sich danach sehnte, ihm die Wahrheit zu sagen!

Doch er würde die Wahrheit nicht verkraften. Sie würde allen wehtun, die Pieta nahegestanden hatten. Natasha musste also schweigen, so schmerzhaft das auch für sie war. Es war das kleinere Übel.

„Hast du eine Ahnung, in was für einen Albtraum du mich da versetzt hast?“, fragte er, als sie die Stadt hinter sich ließen und durch die toskanischen Hügel fuhren.

„Ich?, schoss sie zurück. „Wenn ich mich recht entsinne, warst du dabei. Ich gebe gern zu, dass ich mich falsch verhalten habe, aber das hast du genauso, also gib mir gefälligst nicht die Alleinschuld.“

Matteo wechselte den Gang so heftig, dass sie schon dachte, der Schalthebel würde abbrechen. Mit zusammengebissenen Zähnen fuhr er weiter.

Eigentlich liebte Natasha die Toskana. Sie liebte die Weinberge und Olivenhaine und die malerischen alten Kloster, doch heute hatte sie keinen Blick für die schöne Landschaft.

Erst als sie eine Stadt durchquerten, durch die sie auf dem Weg nach Florenz nicht gefahren waren, merkte sie, dass sie eine andere Strecke fuhren. Kurz darauf wusste sie auch, welche, denn das castello tauchte in der Ferne auf – das Kernstück des Vermögens, das Pieta nach dem Tod seines Vaters kurz nach ihrer Hochzeit geerbt hatte. Nur um sich diese Erbschaft zu sichern, hatte er Natasha geheiratet!

Matteo bremste vor der hohen Burgmauer, die das castello umgab. „Was siehst du?“, fragte er.

„Ist das eine Fangfrage?“

„Nein.“

„Na, das castello.“

Hier hatte sie Pieta geheiratet, was sie große Überwindung gekostet hatte. Sie wünschte, sie hätte damals den Mut gehabt, sich einfach umzudrehen und wegzulaufen.

„Was machen wir hier?“

„Ich wollte dich erinnern, in was du reingeheiratet hast. Das Erbe ruht, bis feststeht, dass du keinen Erben von Pieta bekommen wirst – etwas, was sich seine Familie sehnlich wünscht. Jetzt bist du schwanger, aber es kann unmöglich sein Kind sein, also frage ich dich zum letzten Mal: Mit wie vielen Männern hattest du Sex in den Tagen vor und nachdem wir miteinander geschlafen haben?“

Natasha errötete vor Wut und Verlegenheit. „Mit niemandem.“

„Bist du sicher? Es gab niemanden in den drei Tagen davor oder danach? Das ist wichtig, Natasha!“

„Ich weiß selbst, wie wichtig das ist, aber es gab niemanden. Du bist der Vater.“

Seufzend ließ er den Kopf hängen. Jetzt gab es kein Entrinnen mehr. Zwei Wochen lang hatte er sich eingeredet, dass er unmöglich der Erzeuger sein konnte, doch Natashas Versicherung, dass es sonst niemanden gegeben hatte, klang aufrichtig. „Ich will einen DNA-Test, wenn das Baby auf der Welt ist“, murmelte er.

Sie lachte zynisch auf.

„Hast du eine Ahnung, welche Katastrophe das hier ist?“, sagte er aufgebracht. „Diese Situation trifft nicht nur dich, sondern auch mich. Vanessa hat mich aufgenommen, als ich dreizehn war. Sie hat mich wie ihren eigenen Sohn behandelt und nicht wie den Neffen ihres Mannes. Auch Daniele und Francesca haben mich wie einen Bruder akzeptiert. Das hier wird mich meine Familie kosten, also will ich wenigstens Gewissheit.“

„Jetzt hör schon auf!“, erwiderte sie hitzig. „Ich weiß, dass du deine Familie liebst – das tue ich genauso –, aber du bist nun mal der Vater. Es hat keinen Zweck, den Kopf in den Sand zu stecken.“

Matteos Handy vibrierte. Froh über die Ablenkung zog er es aus seiner Jacketttasche. Es war eine Mail von Julianna mit einem Ultraschallfoto und der Bitte, es an Natasha weiterzuleiten.

Als er den Anhang öffnete und das winzige Wesen betrachtete, spürte er, wie etwas von seiner Wut von ihm abfiel. Alle Auseinandersetzungen und Vorwürfe der Welt änderten nichts an der Tatsache, dass Natasha schwanger war … und zwar von ihm.

Er spürte, wie sich etwas in ihm löste und nie gekannte Emotionen in ihm aufstiegen.

Er würde Vater werden. Dio, er würde Vater werden!

Das da in Natashas Bauch war sein Kind. Es wurde Zeit, sich seiner Verantwortung zu stellen. Das Kind konnte nichts für die Fehler seiner Eltern, und es brauchte ihrer beider Schutz. Natasha hatte recht. Es hatte keinen Zweck, den Kopf in den Sand zu stecken.

„Wir werden es nicht mehr lange geheim halten können“, murmelte er. „Man wird dir die Schwangerschaft bald ansehen. Die Leute werden natürlich davon ausgehen, dass es Pietas ist, und sich Hoffnungen machen.“

„Sie werden am Boden zerstört sein, wenn sie die Wahrheit erfahren“, flüsterte Natasha mit erstickter Stimme. „Und mich hassen.“

„Sie werden uns beide hassen, aber wir können den Schock zumindest etwas abmildern.“

„Wie denn?“

„Komm mit mir nach Miami. Ich fliege morgen mit Daniele nach Caballeros, aber nur für zwei Tage. Wenn ich zurückkomme, nehme ich dich mit nach Hause. Den anderen sagen wir einfach, dass du eine Auszeit brauchst. In einem Monat oder so können wir ihnen dann mitteilen, dass du von mir schwanger bist. Es wird ihnen leichterfallen zu akzeptieren, dass wir Trost beieinander gesucht haben und uns dabei nähergekommen sind, als die Wahrheit.“

„Du willst, dass wir lügen?“

„Nein, das will ich keineswegs. Ich verabscheue Unehrlichkeit, aber uns bleibt keine andere Wahl. Willst du etwa zu deinen Eltern nach England zurückkehren und …?“

„Nein!“, protestierte sie vehement.

„Dann ist mein Vorschlag die einzige Lösung. Wenn du in Pisa bleibst und Vanessa und die anderen glauben, dass du von Pieta schwanger bist …“ Er verstummte. Ihre Hoffnungen erst zu schüren und dann zu zerstören, wäre zu grausam. „Von jetzt an müssen wir an einem Strang ziehen.“

„Dann akzeptierst du also, dass das Baby von dir ist?“

„Ja, und ich werde es anerkennen. Komm mit mir! Die anderen haben auch so schon genug durchgemacht.“

Natasha lehnte verzweifelt den Kopf gegen das Fenster und schloss die Augen. Zu Matteos Bestürzung war sie immer noch die schönste Frau, die er je gesehen hatte, obwohl sie total übermüdet aussah.

Sie nickte schließlich. „Okay“, sagte sie heiser. „Ich begleite dich nach Miami. Aber nur für eine Weile. Wir können so tun, als würde sich zwischen uns etwas entwickeln. Ich werde schwanger, und dann trennen wir uns wieder.“

„Wir bleiben bis zur Geburt zusammen.“

Natasha starrte Matteo fassungslos an. „Das sind noch siebeneinhalb Monate!“

„Das hier ist deine erste Schwangerschaft. Du brauchst meine Unterstützung.“ Er konnte sich noch gut an seine ersten Erfahrungen in der Notaufnahme erinnern. Er war zahlreichen Schwangeren mit Komplikationen begegnet und wusste daher, dass Schwangerschaften unberechenbar waren.

„Unterstützung?! Gerade eben hast du noch von einem DNA-Test gesprochen. Auf diese Art Hilfe kann ich ehrlich gesagt verzichten!“

„Verdammt, Natasha, ich habe das alles nie gewollt. Mir wäre es viel lieber, wenn das Kind von Pieta wäre, aber ich stelle mich trotzdem meiner Verantwortung. Und dazu gehört, dich die Schwangerschaft nicht allein durchmachen zu lassen, also kannst du dir das gleich aus dem Kopf schlagen.“

„Und was ist nach der Geburt? Willst du dich dann auch um das Kind kümmern?“

„Woher soll ich das wissen?!“ Wütend schlug er auf das Lenkrad.

Er hatte nicht damit gerechnet, Vater zu werden. Früher einmal hatte er sich eine Ehefrau und eine Familie gewünscht – damals, als er sich auf den ersten Blick in Natasha verliebt hatte. Bis dahin hatte er immer nur kurze Affären gehabt – nichts, was ihn von seinem Ziel ablenkte, Chirurg zu werden.

Die Rawlings waren alte Freunde seiner Tante und seines Onkels gewesen, aber er war ihnen erst Weihnachten vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet. Damals hatte er in Miami Medizin studiert und war Heiligabend für einen Besuch nach Hause zurückgekehrt. Die alljährliche Weihnachtsfeier, die Vanessa und Fabio in ihrer großen Villa in Pisa gaben, war schon in vollem Gang gewesen. Ein Blick auf die kultivierte schöne Frau, die mit ein paar Gästen plauderte, und er war hin und weg gewesen. Als Matteo erfahren hatte, dass sie erst siebzehn war, hatte er sich jedoch bewusst zurückgehalten.

In den nächsten Tagen hatte er Gelegenheit gehabt, Natasha besser kennenzulernen, und hatte schnell herausgefunden, dass sie intelligent war, einen trockenen Humor hatte und für ihr Alter ungewöhnlich reif war. Nach seiner Rückkehr nach Amerika ein paar Tage später hatte er nicht aufhören können, an sie zu denken.

Ostern waren die Rawlings dann wieder bei den Pellegrinis zu Gast gewesen. Diesmal hatte es heftig zwischen Natasha und ihm gefunkt. Er hatte um ihre Telefonnummer gebeten und sie auf ihre Bitte hin sofort nach seiner Rückkehr nach Miami angerufen, um ihr mitzuteilen, dass er gut gelandet war – der erste Anruf von vielen. Schon telefonierten sie täglich nach seinen Schichten im Krankenhaus und tauschten zusätzlich Mails, Nachrichten und Briefe aus. Obwohl sie auf unterschiedlichen Kontinenten lebten, war ihre Trennung nur räumlich. Er vertraute ihr Dinge an, die er noch niemandem anvertraut hatte, und öffnete sich ihr gegenüber auf eine völlig unbekannte Art.

Dass er sie nicht sehen konnte, machte ihm nichts aus. Es würde schließlich nicht mehr lange dauern, bis sie volljährig wurde und sie richtig zusammen sein konnten. Natasha sah das genauso. Sie erkundigte sich sogar nach Universitäten in den USA, damit sie in seiner Nähe studieren konnte.

Was sie verband, war mehr als körperliches Verlangen – sie hatten eine emotionale und geistige Verbindung, die er niemandem erklären konnte, da er sie sich selbst nicht verstand. Natasha weckte etwas in ihm, von dessen Existenz er bisher keine Ahnung gehabt hatte – den Wunsch, eine Familie zu gründen.

Und sie sah etwas in ihm, was sonst niemand sah. Etwas Gutes. Sie wusste von dem Feuer, das seinen Bruder Roberto so entstellt hatte, dass er sich völlig vor der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, doch sie verurteilte Matteo nie dafür. Sie nahm ihn sogar vor sich selbst in Schutz, und sie ermunterte ihn bei seiner Suche nach neuen Operations- und Heilmethoden für Brandopfer.

Die Erkenntnis, dass Matteo ihr gegenüber seine Seele entblößt hatte, während sie offensichtlich nur mit ihm gespielt hatte, war unendlich schmerzhaft gewesen. Er war jedoch darüber hinweggekommen, indem er sich gegen sie verhärtet hatte. Schon bald war er zu dem Schluss gekommen, noch mal mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Er hatte sich in seine Arbeit und die Gründung seiner Firma gestürzt und keinen Gedanken mehr an Natasha verschwendet.

Die Gründung einer Familie hatte er bis auf Weiteres verschoben. Das Leben war kurz; er hatte es erst mal genießen wollen. Zum Teufel mit der Frau, die ihn zum Narren gehalten hatte!

Es hatte ihn mit großer Genugtuung erfüllt, sich vorzustellen, wie sie aus den Medien von seinem Reichtum erfuhr und sich innerlich einen Tritt versetzte, weil sie den falschen Cousin geheiratet hatte.

Welche Ironie, dass sie jetzt doch die Mutter seines Kindes wurde! Die Situation wäre lachhaft, wäre das alles nicht so tragisch gewesen.

Er holte tief Luft. „Doch, ich weiß es“, sagte er so beherrscht wie möglich. „Ich will das gemeinsame Sorgerecht. Wir werden unser Baby gemeinsam großziehen.“

„Gemeinsam?“ Ihre blauen Augen blitzten wütend auf. „Bilde dir bloß nicht ein, dass ich nach der Geburt mit dir zusammenlebe oder dich heirate. Daraus wird nichts!“

„Keine Sorge“, schoss er zurück. „Du bist die letzte Frau, die ich heiraten würde!“

„Gut! Dann sind wir uns ja einig.“

Es fiel Matteo schwer, seine Wut zu zügeln. „Wir werden ein Arrangement finden, das für uns und das Kind am besten ist, aber vorerst müssen wir das verliebte Paar spielen.“

Sie lachte zynisch. „Du und verliebt? Das kauft dir doch niemand ab! Die Medien zeigen dich jede Woche mit einer anderen Frau an deiner Seite!“

„Ich werde tun, was nötig ist, um meine Familie zu schützen, auch wenn ich dafür enthaltsam leben muss. Wir müssen überzeugend wirken.“

Sein Onkel und seine Tante hatten ihn bei sich aufgenommen, als das Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater an einem Tiefpunkt angekommen war. Fabio und Vanessa hatten sich um ihn gekümmert wie um einen eigenen Sohn. Er konnte seiner Tante die Wahrheit über Natashas Schwangerschaft zwar nicht ersparen, aber zumindest konnte er die Wahrheit über die Empfängnis etwas abmildern.

„Ich bin bereit, das Opfer zu bringen“, fuhr er fort. „Wirst du es schaffen, den Leuten vorzugaukeln, dass die trauernde Witwe schon bald eine neue Liebe findet?“

Natasha musterte ihn kühl. „Glaub mir, ich bin Expertin im Vortäuschen.“

Natasha saß im Wohnzimmer und wartete nervös darauf, dass es an der Tür klingelte. Ihre Koffer waren gepackt, ihre Angelegenheiten geregelt, und ihr Reisepass lag bereit. Ihr neues Leben konnte beginnen.

Matteos Vorschlag war tatsächlich die beste Lösung, so unangenehm ihr die Vorstellung auch war, unter einem Dach mit ihm leben zu müssen. Es war sogar die einzige Lösung. Francescas unerwarteter Besuch eine Viertelstunde nach ihrer Rückkehr von der Ultraschalluntersuchung war der beste Beweis gewesen.

Francesca war vorbeigekommen, um Natasha persönlich mitzuteilen, dass sie heiraten würde. Natasha war schockiert gewesen, denn ihre Schwägerin hatte eigentlich ganz andere Pläne gehabt. Obwohl Francesca versucht hatte, ihr Glück nicht zu offensichtlich zur Schau zu stellen, hatte sie förmlich geleuchtet.

Ja, Pisa zu verlassen war die beste Lösung. Sie wollte auf keinen Fall nach England zurückkehren. Ihre Eltern würden genauso wenig Verständnis für ihre Situation haben wie alle anderen.

Sie hatten sie zu der Ehe mit Pieta gezwungen. Es war ihnen egal gewesen, dass Natasha Gefühle für einen anderen Mann gehabt hatte – Hoffnungen und eigene Pläne. Es hatte sie auch nie interessiert, ob sie in ihrer Ehe glücklich war. Sie interessierte nur Pietas Erbe.

Als Natasha ihren Vater angerufen hatte, um ihnen Pietas Tod mitzuteilen, hatte er nach dem Austausch der üblichen Plattitüden sofort gefragt, ob sie schwanger war. Ihre Mutter hatte auf der Beerdigung das Gleiche gefragt. Ihre Schwiegermutter war nicht so unsensibel gewesen.

Und die Hoffnung ihrer Eltern auf eine Schwangerschaft hatte nichts mit Sehnsucht nach einem Enkelkind zu tun. Ihnen ging es nur um das Geld.

Ja, Matteos Option war die einzig vernünftige.

Vernünftig und sinnvoll.

Matteo und sie brauchten diese Zeit, um eine tragfähige Beziehung aufzubauen – eine, die es ihnen möglich machte, ihr Kind als Partner und nicht als Feinde großzuziehen.

Ja, das klang rational. Es war zweifellos das Beste für ihr Kind.

Natashas Eltern hatten nie gefragt, was das Beste für ihre Tochter war. Sie hatten immer nur an ihren eigenen Vorteil gedacht, aber das würde Natasha nicht mehr mitmachen. In ihrem verzweifelten Versuch, anderen zu gefallen, hatte sie sich lange genug herumschubsen lassen – zuerst von ihren Eltern und dann von ihrem Ehemann.

Wenn das Baby erst mal auf der Welt war, würde Natasha ganz für es da sein. Aber zu ihren eigenen Bedingungen, nicht zu denen eines anderen Menschen. Und bis dahin … musste sie eben ihr Bestes versuchen und durfte nicht darüber nachdenken, was es emotional für sie bedeutete, mit Matteo unter einem Dach zu wohnen.

Doch allein schon beim Gedanken an ihn begann sich ihr Puls zu beschleunigen …

4. KAPITEL

Matteos Jet, auf dem in roten Großbuchstaben „Manaserro“ prangte, stand schon bereit, als sie am Flughafen ankamen. Nur wenige Minuten, nachdem sie die Sicherheitskontrolle passiert hatten, befanden sie sich in der Luft.

Matteo hob die Augenbrauen, als Natasha sich ihm gegenüber an seinen Schreibtisch setzte, nachdem er sein Tablet eingeschaltet hatte. „Willst du dich nicht etwas hinlegen? Ich habe hier ein Schlafzimmer, und du siehst müde aus.“

Das ließ sich nicht abstreiten. Ihre Schwangerschaft machte ihr zu schaffen, aber es gelang ihr einfach nicht, ihre Schuldgefühle abzuschütteln und sich zu entspannen. „Später vielleicht. Erzähl mir erst, wie es auf Caballeros war.“

Achselzuckend legte er sein Tablet weg. „So ein desolates Land habe ich ehrlich gesagt noch nie gesehen.“

„So schlimm?“

„Schlimmer. Francescas Verlobter …“ Matteo stockte. „Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass sie sich in ihren Leibwächter verliebt hat? Sie wollen heiraten.“

Natasha nickte. „Das hat sie mir schon erzählt.“

„Ihr Verlobter kümmert sich um die Überwachung der Baustelle. Die Regierung ist total korrupt.“

Natasha konnte sich noch gut daran erinnern, wie vehement Daniele beim Meeting auf Francescas Personenschutz bestanden hatte. Bei dem Gedanken an Daniele biss sie sich schuldbewusst auf die Unterlippe. „Hast du Daniele eigentlich schon von uns erzählt?“

Matteo seufzte niedergeschlagen. „Ich habe ihm gesagt, dass du mit nach Miami kommst, um dich zu erholen. Er schien sich nichts weiter dabei zu denken.“ Abrupt schlug er mit einer Faust auf den Tisch. „Wie machst du das nur?“, fragte er wütend.

„Was meinst du?“

Lügen. Daniele vertraut mir. Er würde nie auf die Idee kommen, dass ich ihm einen Haufen Müll aufgetischt habe. Wie kommt es nur, dass dir das so leichtfällt?“

„Das tut es gar nicht“, erwiderte sie gekränkt. „Ich verabscheue Lügen.“

„Tu doch nicht so. Für dich ist das Lügen doch so leicht wie das Atmen. Du hast mir doch selbst erzählt, dass du ein Profi bist, wenn es darum geht, sich zu verstellen.“

Natasha biss die Zähne zusammen. Stimmt, das hatte sie gesagt. Aber sie hatte ihre Ehe und das darauf aufbauende Lügengespinst gemeint. „Diese Scharade war deine Idee“, entgegnete sie. „Außerdem glaube ich nie im Leben, dass du immer nur die Wahrheit sagst.“

„In meinem Privatleben schon.“

„Ach. Dann lügst du also beruflich?“

„Es gibt keinen Arzt, der noch nie zu einer Notlüge gegriffen hat.“

„Und zu was für Lügen greifst du dann? ‚Ja, Ihre Nase ist riesig, aber keine Sorge – für ein hübsches Sümmchen Geld verkleinere ich sie Ihnen‘?“, höhnte sie. „Du bist ja inzwischen mehr Unternehmer als Arzt!“

Seine grünen Augen funkelten kalt. „Ich beschäftige die besten Chirurgen weltweit, und wir halten uns strikt an ethische Grundsätze. Es ist beleidigend, mir etwas anderes zu unterstellen. Ich habe noch nie einen Patienten belogen, nur ab und zu auf seinen Wunsch hin einen Verwandten. Eine Mutter wollte es ihrem Kind zum Beispiel ersparen, von seinem Hirntumor zu erfahren, bevor es alt genug ist, mit dieser Diagnose umgehen zu können. So etwas ist manchmal nötig, um unnötiges Leid zu verhindern.“

Natasha musterte sein wütendes Gesicht. Zum ersten Mal seit sieben Jahren sah sie wieder eine Spur des Mannes, der er früher einmal gewesen war – eines von Leidenschaft erfüllten Kämpfers. „Warum hast du aufgehört selbst zu operieren?“

„Das habe ich keineswegs. Ich bin nur gleichzeitig Unternehmer.“

„Du hattest damals den Traum, rekonstruktive Chirurgie zu machen – und …“

„Das mache ich doch. Ich operiere so oft, dass ich meine Fähigkeiten nicht verliere. Meine Chirurgen helfen Menschen, die unglücklich mit ihrem Aussehen sind. Genau das, was ich immer wollte.“

„Das stimmt nicht ganz. Du wolltest Menschen helfen, die verstümmelt oder entstellt sind. Von Schönheitskliniken war nie die Rede. Und die Hautcreme, die du entwickelt hast, war eigentlich für deinen Bruder bestimmt …“

„Mein Bruder ist tot“, fiel er ihr heftig ins Wort. Seine Augen funkelten gefährlich.

„Das weiß ich, und das tut mir leid.“

Als Matteo zehn und sein Bruder Robert acht Jahre alt gewesen waren, war Roberto bei einem Brand schrecklich verunstaltet worden. Es war ein Wunder, dass er noch zwanzig Jahre gelebt hatte. Für Matteo war diese Zeit jedoch zu kurz gewesen. Kaum hatte er es endlich geschafft, Chirurg zu werden, war sein geliebter Bruder gestorben. Dabei hatte er ihm so gern helfen wollen.

Natasha hätte ihn damals gern getröstet, aber das hätte er nie zugelassen. „Ich erinnere mich noch gut an all unsere Gespräche. An die Ideale, die du damals hattest.“

„Ideale?“, höhnte er. „Ich habe nur versucht, dich mit meinem Altruismus zu beeindrucken.“

„Dann bist du ja doch ein Lügner!“

Matteo verzog die sinnlichen Lippen zu einem verführerischen Lächeln, doch seine Augen funkelten immer noch gefährlich. „Ich habe lediglich einen anderen Weg eingeschlagen. Das ist das Schöne am Leben – es steckt voller ungeahnter Möglichkeiten, wie du ja selbst weißt. Schließlich hast du trotz anderer Optionen Pieta geheiratet – den Erben des Pellegrini-Vermögens. Und jetzt bist du eine reiche Witwe, die sich jeden Mann aussuchen kann.“ Sein Lächeln wurde grausam. „Hast du vielleicht schon einen im Auge, bella? Einen reichen Chirurgen zum Beispiel, der dir den luxuriösen Lebensstil ermöglicht, den du gewohnt bist?“

„Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich dich nicht heiraten will“, erwiderte sie hitzig. „Ich will nie wieder heiraten.“

„Das kaufe ich dir nicht ab. Solltest du insgeheim hoffen, dass ich noch irgendwelche Gefühle für dich habe, irrst du dich gewaltig. Ich gebe zu, dass ich mal viel für dich empfunden habe, aber das war vorbei, als du Pietas Antrag angenommen hast und mir bewusst wurde, dass du nur mit uns gespielt hast. Sollte ich je heiraten, dann eine Frau, der ich vertrauen kann. Loyalität und Treue sind mir sehr wichtig, und wir wissen beide, dass du dazu unfähig bist.“

Natasha überlief es eiskalt bei seinen bösartigen Worten, aber sie würde sich nicht unterkriegen lassen. „Was weißt du schon über mich? Gar nichts! Und wie kannst du es wagen, von Loyalität zu sprechen, wo du doch am Tag der Beerdigung deines besten Freundes mit dessen Frau geschlafen hast?“

Das spöttische Funkeln in Matteos Augen erlosch. Er erhob sich und sah sie drohend an. „Glaub mir, das werde ich den Rest meines Lebens bereuen. Du hast Pieta damals doch nur den Vorzug gegeben, weil er mehr Geld hatte als ich. Ich kenne dich sehr wohl. Deine geldgierigen Eltern haben mit dem Geld meines Cousins nur so um sich geworfen, aber diese Zeiten sind jetzt vorbei. Du erbst nur sein Privatvermögen – kein Vergleich zu dem, was dir früher zur Verfügung stand. Ich stehe jetzt nur wieder in deinen Gunsten, weil ich inzwischen viel mehr als nur ein überarbeiteter Arzt bin!“

Matteo empfand keinerlei Reue, als er Natasha erblassen sah. Er sagte schließlich nur die Wahrheit. Pieta hatte öfter erwähnt, Natashas Eltern finanziell zu unterstützen. Er hatte sie als Parasiten bezeichnet.

„Du bist zu mir gekommen“, zischte sie. Sie stand ebenfalls auf und stützte die Hände auf den Schreibtisch zwischen ihnen. Ihre blauen Augen blitzten wütend. „Denk von mir aus über mich, was du willst, aber du hast nicht das Recht, die Tatsachen zu verdrehen. Du bist vor meiner Tür aufgetaucht, nicht andersherum. Wir waren beide beteiligt und wissen beide, dass es … einfach passiert ist. Du bist genauso für dieses Baby verantwortlich wie ich, also hör verdammt noch mal damit auf, mir die Alleinschuld zu geben!“

Matteo biss die Zähne zusammen. Dio, sogar in ihrer Wut war sie wunderschön. Ihr Anblick in ihrer eng sitzenden Jeans und dem schulterfreien marineblauen Oberteil war unglaublich erregend.

Er wünschte, es läge in seiner Macht, ihre gemeinsame Nacht ein für alle Mal aus seinem Gedächtnis zu löschen. Dabei war es noch nicht mal eine ganze Nacht gewesen. Streng genommen nur eine knappe Stunde.

Wenn auch explosivste und befriedigendste Stunde seines Lebens.

Sein Verlangen war so heftig aufgeflammt, dass es sich eigentlich hätte ausbrennen müssen, doch stattdessen schwelte es immer noch weiter.

Natasha trieb ihn in den Wahnsinn. Sie war wie Pandora – schön, verführerisch und nach außen hin so unschuldig wie innerlich falsch. Und sie brachte nichts als Unheil.

Aber sie hatte recht – es war unfair von ihm, ihr allein die Schuld zu geben. Wenn er das tat, war er nicht besser als sein Vater, der Matteo die Schuld an dem Feuer gegeben hatte, anstatt selbst Verantwortung dafür zu übernehmen.

Und niemals würde er wie sein Vater werden!

Ja, er war derjenige, der zu Natasha gegangen war und so lange geklingelt hatte, bis sie ihm die Tür geöffnet hatte. Sogar jetzt noch – einen Monat später – hatte er keine Ahnung, welcher Teufel ihn damals geritten hatte.

Seufzend setzte er sich wieder hin. „Du hast recht. Wir sind beide schuld. Ich sollte dir nicht alles allein anlasten.“

Sie sah ihn immer noch gereizt an.

Er rieb sich die Stirn. „Hör mal, die nächsten Monate werden für uns beide nicht leicht.“

„Nein, das werden sie nicht“, stimmte sie etwas besänftigter zu.

„Ob es uns gefällt oder nicht, unser Baby schweißt uns zusammen. Ich habe oft genug mit ansehen müssen, was Eltern anrichten können, die verfeindet sind. Die es kaum im selben Zimmer miteinander aushalten, wenn ihr Kind krank im Nebenraum liegt. Ich will nicht, dass unser Kind unter unserer Beziehung leiden muss. Ihm zuliebe will ich versuchen, über die Vergangenheit hinwegzusehen und ein Verhältnis zu dir aufzubauen, das nicht auf Hass gegründet ist.“

Sie blinzelte überrascht. „Du glaubst wirklich, du kriegst es hin, mir nicht ständig die Vergangenheit unter die Nase zu reiben?“

„Ich will es zumindest versuchen. Ich werde dir zwar nie ganz vertrauen können, aber wir sind nun mal aufeinander angewiesen. Also bin ich bereit, Zugeständnisse zu machen. Und du?“

Sie runzelte die Stirn, als müsse sie nachdenken. Irgendwann nickte sie zögernd. „Ja. Ich bin auch bereit, es zu versuchen“, flüsterte sie.

Fast hätte Matteo ihr eine Hand gereicht, um ihre Abmachung zu besiegeln, bremste sich jedoch gerade noch rechtzeitig. Sein Verlangen, sie zu berühren, war fast unwiderstehlich.

Er räusperte sich. „Wollen wir etwas essen, jetzt, nachdem wir das geklärt haben?“

Kopfschüttelnd wandte sie den Blick ab. Ihr inneres Feuer schien erloschen zu sein. Sie sah plötzlich ganz niedergeschlagen aus. „Nein danke, ich habe keinen Hunger. Ich glaube, ich lege mich doch hin.“

„Ganz wie du willst.“

Natasha ging in Matteos Schlafzimmer. Als sie an der Tür ankam, drehte sie sich noch einmal zu ihm um. Sogar auf die Entfernung sah er etwas in ihrem Blick, was fast wie Schmerz aussah. „Ich weiß, dass du mir das nicht glauben wirst, aber ich habe nichts von dem gewollt, was passiert ist. Ich wollte dir nie wehtun. Ich …“ Sie biss sich auf die Unterlippe.

Matteo spürte, wie sich etwas in ihm regte. Er bekam einen Kloß im Hals. „Du hast mir nicht wehgetan.“

Rasch betrat Natasha das Schlafzimmer, schloss die Tür und blinzelte die Tränen zurück, die ihr in den Augen brannten. Sie wusste, dass sie ihn vor all den Jahren sehr verletzt hatte. Und sich selbst genauso.

Erschöpft zog sie die Jalousien nach unten, zog sich die Schuhe aus und legte sich auf Matteos Doppelbett. Seine Bettwäsche duftete tröstlich frisch.

Hier schlief er also öfter. Wie viele Frauen hatten dieses Bett mit ihm geteilt?

Natasha schloss krampfhaft die Augen. Sie konnte es sich nicht erlauben, über solche Dinge nachzudenken. Matteo war der Vater ihres Kindes, und mehr würde er nie sein. Dieser Zug war längst abgefahren. Und selbst wenn die Dinge anders stünden und sie offen für eine neue Beziehung wäre, wäre Matteo nicht der Richtige für sie.

Die Ehe mit Pieta war schon schlimm genug gewesen, aber eine mit Matteo wäre die reinste Hölle. Er betrachtete ein paar Monate Enthaltsamkeit als Opfer? Weiß der Himmel, wie oft er sie inzwischen betrogen hätte, wenn sie ihn geheiratet hätte. Er wechselte die Frauen so oft wie andere Männer ihre Hemden. Er war nicht der Mann, für den sie ihn damals gehalten hatte.

Die ersten zwei Wochen in Miami verliefen für Natasha angenehmer als gedacht. Dass Matteo ihr das Gästehaus hinter seinem am Meer liegenden Haus gegeben hatte, war natürlich hilfreich. So hatte sie ihr eigenes Reich, anstatt wie befürchtet unter einem Dach mit ihm wohnen zu müssen. Sie hatte sogar einen eigenen Swimmingpool. Sie bekamen einander kaum zu Gesicht, und wenn doch, gingen sie sehr höflich miteinander um.

Bisher klappte alles ganz gut.

Matteo arbeitete viel. Sein Firmensitz und die Klinik, in der er persönlich operierte, lagen zwar nur eine Meile von seinem Haus entfernt, aber er besuchte auch seine anderen Kliniken regelmäßig. Bisher hatten sie nur einmal Zeit miteinander verbracht – als Natasha einen Termin bei einem mit Matteo befreundeten Gynäkologen gehabt hatte, zu dem sie sofort Vertrauen gefasst hatte.

Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft würden Matteo und sie nach Pisa zurückkehren müssen – nach seiner Rückkehr von Caballeros. Dann war der passende Zeitpunkt, mit der Schwangerschaft herauszurücken.

Die Beine im Wasser ihres Pools genoss Natasha die letzten Sonnenstrahlen. Sie hörte leise Soulmusik über ihren Kopfhörer, trank den frischen Orangensaft, den ihr jemand von Matteos Personal unaufgefordert gebracht hatte, und war so tief in Gedanken versunken, dass sie nichts um sich herum mitbekam, bis ein Schatten auf sie fiel.

Als sie den Kopf hob, sah sie Matteo neben sich stehen.

Hastig zog sie die Stöpsel aus ihren Ohren und schüttete dabei aus Versehen Orangensaft über ihre rechte Hand.

„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Ich habe gar nicht mit dir gerechnet.“

„Ich war schneller fertig als gedacht.“ Matteo war am Tag zuvor nach Los Angeles geflogen, um einen neuen Laden für seine Zauberlotion zu eröffnen. Die beiden Läden, die er bereits hatte, platzten vor Kunden aus allen Nähten.

Natasha fand es immer noch unglaublich, dass die Lotion, die er vor all den Jahren für seinen Bruder entwickelt hatte, ein solcher Hit war. Sie glättete nicht nur Brandnarben, sondern auch Aknenarben und Falten. Die Neuigkeit hatte sich über die sozialen Netzwerke so rasant verbreitet, dass Matteo bald eigene Läden eröffnet hatte.

Sie bewunderte seinen Geschäftssinn, der ihn so unermesslich reich gemacht hatte, aber sie hatte nie den bescheidenen Arzt vergessen, der ein erstklassiger Chirurg werden wollte, nur um seinem Bruder zu helfen. Damals hatte Geld ihn nicht interessiert. Sie fand seine Entwicklung irgendwie bedenklich.

Matteo zog die Serviette einer Coffeeshopkette aus seiner Jacketttasche und hockte sich neben Natasha, um ihr den Saft von der Hand zu wischen.

Sie war so überrumpelt, dass sie sich nicht wehrte. Errötend wurde ihr bewusst, dass sie nur einen Badeanzug trug. „Danke“, murmelte sie.

„Wie geht es dir?“ Matteo zog seine Schuhe aus, krempelte sich die Hosenbeine hoch und setzte sich neben sie, um ebenfalls die Füße in das warme Wasser zu tauchen.

„Gut, danke.“

„Keine Schwindelanfälle mehr?“

„Nein.“

Er nickte. „Schläfst du gut?“

„Ja.“ Überraschend gut sogar.

„Das freut mich. Du sagst es mir, wenn du irgendwelche Sorgen oder Probleme hast?“

„Das habe ich dir doch schon mindestens zehn Mal versprochen.“

Sie hätte nicht damit gerechnet, dass Matteo so viel Anteil an ihrer Schwangerschaft nehmen würde. Obwohl sie einander kaum sahen, erkundigte er sich ständig per Handy nach ihrem Befinden oder trug seinem Personal auf, nach ihr zu sehen.

Das Gästehaus war durch einen gläsernen Gang mit dem Haupthaus verbunden. In jedem Zimmer gab es Gegensprechanlagen, mit denen man sofort die Haushälterin erreichen konnte. Natasha hatte so ihre Privatsphäre, ohne sich je einsam oder verlassen fühlen zu müssen. Es war erstaunlich, wie entspannt der Aufenthalt hier war. In Pisa hatte sie es als sehr unangenehm empfunden, Personal im Haus zu haben. Matteos Leute waren jedoch erfrischend sympathisch und unaufdringlich.

„Ich will nur, dass du mich ernst nimmst.“

„Betrachte dich als ernst genommen.“

Ihre Blicke begegneten sich, und für den Bruchteil einer Sekunde sahen sie einander belustigt an, bevor Natasha wieder ihre im Wasser baumelnden Füße betrachtete. Sie zweifelte keine Sekunde daran, dass seine Fürsorglichkeit nur ihrem Baby galt.

„Das Fundament für das Krankenhaus ist übrigens fertig.“

„Jetzt schon? Das ging ja schnell.“

„Auf Caballeros sind die bürokratischen Hürden nicht so groß, und die Regierung steht voll hinter dem Projekt. Außerdem zahlt Daniele seinen Angestellten das Dreifache, damit sie die Nacht über durcharbeiten.“

„Du hast mit ihm gesprochen?“

„Ja, ein paar Mal. Er geht davon aus, dass der Rohbau in einem Monat stehen wird. Er will, dass ich mit ihm dorthin zurückkehre, bevor der Innenausbau losgeht. Dann können noch letzte Änderungen vorgenommen werden, falls das vom medizinischen Standpunkt aus nötig sein sollte.“ Matteo stützte sich auf die Hände und atmete die milde Abendluft ein, um die innere Anspannung loszuwerden, die er immer dann verspürte, wenn er von Daniele oder einem anderen Mitglied der Pellegrini-Familie sprach.

„Habt ihr auch über uns gesprochen?“, fragte Natasha zögernd.

„Ja. Er hat mich gefragt, wie es dir geht. Und erwähnt, dass Vanessa dich vermisst.“

Natasha ließ den Kopf hängen. „Sie schickt mir andauernd Nachrichten“, flüsterte sie mit erstickter Stimme. Eine Träne lief ihr über das Gesicht. Sie wischte sie mit dem Handrücken weg.

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