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JULIA EXTRA BAND 447

CAROLE MORTIMER

Verliebt in den Erzfeind

Er bekommt immer, was er will! Nur bei Lia stößt Gregorio de la Cruz an seine Grenzen: Sie weist ihn ständig brüsk zurück! Für sie muss er sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen …

MAISEY YATES

Feurige Nacht – kaltes Erwachen

Rafe kann sie nicht sehen, doch ihr Duft ist unverkennbar: Charlotte ist da! Die Frau, der er sein Herz geschenkt – und die es weggeworfen hat. Und die er immer noch unsterblich liebt …

MAGGIE COX

Leidenschaft unter dem Wüstenmond

Mit Grauen denkt Scheich Zafir el-Kalil an den Tag, als er seine Freundin Darcy mit seinem Bruder erwischt hat. Niemals wieder wird er ihr vertrauen! Auch wenn Darcy alles tut, um ihm erneut nahezukommen …

THERESE BEHARRIE

Küss mich endlich, Boss!

Attraktiv, humorvoll, charismatisch: Ihr Chef ist genau Callies Typ! Und es gibt Momente, in denen auch Blake ihren Reizen nicht abgeneigt zu sein scheint. Doch warum lässt er sie dann ständig abblitzen?

Verliebt in den Erzfeind

PROLOG

„Was will der denn hier?“ Lia konnte den Blick gar nicht von dem Mann losreißen, der etwas im Hintergrund auf der anderen Seite des offenen Grabes stand, in dem ihr Vater gleich zur letzten Ruhe gebettet werden würde.

„Wer …? Um Himmels Willen, nein …“

Sie ignorierte das erschrockene Aufkeuchen ihrer Freundin, als sie wie ferngesteuert auf den dunkelhaarigen und gefährlich aussehenden Mann zuging, der seit zwei Wochen ihre Gedanken – und ihre Albträume – beherrschte.

„Lia, nein!“

Ihr war kaum bewusst, dass sie Cathys Hand abschüttelte, so sehr war sie auf diese eine Sache fokussiert. Diesen einen Mann.

Gregorio de la Cruz.

Der älteste der drei de-la-Cruz-Brüder war hochgewachsen – über eins neunzig. Sein längeres dunkles Haar war professionell gestylt. Er hatte olivfarbene Haut und das strenge, aber anziehende Gesicht eines Eroberers.

Und war zweifellos genauso kalt und erbarmungslos.

Der Mann war der durch und durch skrupellose sechsunddreißigjährige Geschäftsführer des milliardenschweren weltweiten Geschäftsimperiums der de-la-Cruz-Familie – eines Imperiums, das er und seine zwei Brüder in den letzten zwölf Jahren durch reine Willenskraft erschaffen hatten.

Er war auch derjenige, der Lias Vater in eine so verzweifelte Lage gebracht hatte, dass er vor zwei Wochen einem Herzinfarkt erlegen war.

Lia hasste ihn mit jeder Faser ihres Seins!

„Wie können Sie es wagen, hierherzukommen?“

Gregorio de la Cruz hob den Kopf und sah sie unter halbgeschlossenen Lidern an. Seine Augen waren so schwarz und seelenlos wie sein Herz. „Miss Fairbanks …“

„Ich habe Sie gefragt, wie Sie es wagen können, sich hier blicken zu lassen?“, zischte sie, die Hände so fest zu Fäusten geballt, dass die Nägel ihr in die Handflächen schnitten.

„Das hier ist nicht der richtige Zeitpunkt für …“

Sie fiel ihm ins Wort, indem sie ihn ins Gesicht schlug und dabei Blutspuren von den kleinen Schnitten in ihren Handflächen hinterließ.

„Nein!“ Abwehrend hob er eine Hand, um zwei Männer in dunklen Anzügen daran zu hindern, näherzukommen. „Das ist das zweite Mal, dass Sie mich geohrfeigt haben, Amelia. Ein drittes Mal werde ich nicht dulden.“

Das zweite Mal?

Großer Gott, ja! Lias Vater hatte sie vor zwei Monaten in einem Restaurant mit de la Cruz bekannt gemacht. Sie waren dort beide in Begleitung gewesen, was Gregorio de la Cruz jedoch nicht davon abgehalten hatte, sie die ganze Zeit anzustarren, nachdem sie einander vorgestellt worden waren. Trotzdem hätte sie nie damit gerechnet, ihn nach einem Besuch auf der Damentoilette im Flur anzutreffen, geschweige denn mit seinem Geständnis, dass er sie begehrte … und dann hatte er es auch noch gewagt, sie zu küssen!

Deshalb hatte sie ihn das erste Mal geohrfeigt.

Sie war damals noch verlobt gewesen. Gregorio war ihrem Verlobten an jenem Abend sogar vorgestellt worden, was sein Verhalten nur noch unentschuldbarer gemacht hatte.

„Ihr Vater wäre nicht einverstanden mit Ihrem Benehmen“, sagte er so leise, dass die anderen Trauergäste ihn nicht verstehen konnten.

Lias Augen blitzten wütend auf. „Woher, zum Teufel, wollen Sie das wissen? Sie kannten ihn doch gar nicht! Sie wissen nichts über ihn … außer dass er tot ist“, setzte sie nachdrücklich hinzu.

Gregorio hatte so langsam den Eindruck, dass er viel mehr über Jacob Fairbanks wusste als seine Tochter. „Ich wiederhole: Das hier ist nicht der richtige Zeitpunkt für dieses Gespräch. Wir werden uns ein anderes Mal weiter unterhalten, wenn Sie sich etwas beruhigt haben.“

„Vergessen Sie’s!“, schleuderte sie ihm voller Verachtung ins Gesicht.

Er verkniff sich eine Entgegnung. Ihm war bewusst, dass Amelia Fairbanks Aggressionen ihm gegenüber auf ihre Trauer nach dem plötzlichen Verlust ihres Vaters zurückzuführen waren – eines Mannes, den er respektiert und gemocht hatte. Auch wenn Jacobs Tochter ihm das vermutlich nicht glauben würde.

Die Zeitungen hatten seit Beginn des internationalen Medienrummels nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters vor zwei Wochen mehrere Fotos von ihr veröffentlicht, aber Gregorio, der sie von Anfang an begehrt hatte, fand, dass sie ihr nicht gerecht wurden.

Ihr schulterlanges Haar war nicht einfach nur rot, sondern mit goldenen und zimtfarbenen Strähnen durchsetzt. Ihre Augen waren nicht undefinierbar hell, sondern intensiv grau mit einem schwarzen Ring um die Iris und mit langen dunklen Wimpern. Sie war natürlich hellhäutig, aber diese Blässe schmälerte weder die Wirkung ihrer hohen Wangenknochen noch die ihrer glatten Haut. Sie hatte eine kleine Stupsnase und volle Lippen über einem spitzen Kinn.

Sie war zierlich und so schlank, dass ihr schwarzes Kleid etwas zu locker saß – so als habe sie kürzlich abgenommen, was zweifellos auch der Fall war. Trotzdem war Amelia Fairbanks eine wunderschöne Frau.

So schön, dass ihn schon ihr bloßer Anblick und der Duft ihres Parfums erregten … was in Anbetracht der Situation natürlich völlig unangemessen war.

„Wir werden uns unterhalten, Miss Fairbanks“, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.

„Ich glaube kaum!“

Oh doch, das werden wir. Dafür würde er schon sorgen.

Er verbeugte sich höflich und ging über den Rasen zu seiner schwarzen Limousine, die vor dem Friedhof bereitstand.

„Señor de la Cruz?“

Gregorio drehte sich zu Silvio um, einem seiner beiden Leibwächter. Der andere hielt ihm ein Taschentuch hin. „Sie haben etwas Blut auf einer Wange. Von ihr, nicht von Ihnen“, ergänzte er, als Gregorio ihn fragend ansah.

Gregorio griff nach dem Taschentuch und rieb sich damit das Blut ab. Nachdenklich betrachtete er die roten Spuren auf der blütenweißen Baumwolle.

Amelia Fairbanks’ Blut.

Geistesabwesend steckte er das blutbefleckte Taschentuch in die Brusttasche seines Jacketts, während er zu ihr herübersah. Sie stand neben einer großen Blondine am Grab ihres Vaters und sah zart und zerbrechlich aus. Gefasst trat sie vor, um eine einzelne rote Rose auf den Sarg ihres Vaters zu legen.

Oh ja, er und Amelia Fairbanks würden sich wiedersehen. Ob es ihr nun passte oder nicht.

Er begehrte sie nämlich schon seit zwei Monaten. Und er konnte es kaum erwarten, sie endlich in Besitz zu nehmen!

1. KAPITEL

Zwei Monate später …

„Ich wusste gar nicht, dass ich so viel Zeug habe“, stöhnte Lia, als sie den dreizehnten großen Umzugskarton in ihre neue Wohnung schleppte. „Dabei brauche ich das meiste wahrscheinlich gar nicht. Keine Ahnung, wo ich das alles unterbringen soll.“ Hilflos drehe sie sich in ihrer Londoner Wohnung mit der winzigen Wohnküche, einem Schlafzimmer und einem Bad um – ein ganz schöner Abstieg nach dem dreigeschossigen Haus im Regency-Stil, das sie mit ihrem Vater geteilt hatte.

Leider blieb ihr keine andere Wahl. Nicht dass es ihr wirklich schlecht ging – sie hatte ein bisschen Geld von ihrer Mutter geerbt –, aber von dem bequemen Lebensstil ihrer ersten fünfundzwanzig Lebensjahre musste sie sich verabschieden.

Das Vermögen ihres Vaters war eingefroren, bis das Ausmaß seiner Schulden ermittelt und seine Schuldner ausgezahlt worden waren, was Monate, wenn nicht Jahre dauern konnte. Lia bezweifelte ehrlich gesagt, dass etwas übrigbleiben würde.

Das Haus hatte zu seinem Besitz gehört. Sie hätte dort wohnen bleiben können, bis die Ermittlungen abgeschlossen waren, aber das hatte sie abgelehnt. Ohne ihren Vater wollte sie dort nicht länger leben.

Lia hatte die Beerdigung ihres Vaters und die Kaution für diese Wohnung mit ihrem eigenen Geld bezahlt, genauso wie die paar Möbel, die sie brauchte. Es war ihr nämlich nicht gestattet gewesen, etwas von zu Hause mitzunehmen – abgesehen von ein paar persönlichen Gegenständen.

Sie hatte auch die Wohltätigkeitsarbeit niedergelegt, die bisher so viel von ihrer Zeit in Anspruch genommen hatte, und sich einen Job gesucht, für den sie tatsächlich bezahlt wurde. Zumindest wollte sie ihren Lebensunterhalt und die Miete für die Wohnung allein bestreiten.

Endlich übernahm sie die Kontrolle über ihr Leben – komischerweise ein gutes Gefühl.

Cathy zuckte die Achseln. „Anscheinend hast du das beim Packen anders gesehen.“ Sie verzichtete auf den Hinweis, dass viele dieser Gegenstände nicht Lia gehörten, sondern deren Vater. Persönliche Dinge, die zwar keinen Wert hatten, ihm aber viel bedeutet hatten. Weshalb es ihr schwerfiel, sich davon zu trennen.

Lia hatte die Kartons zwei Monate lang einlagern lassen, während sie bei ihrer besten Freundin Cathy und deren Mann Rick gewohnt hatte. Doch so gut der seelische Beistand ihr auch getan hatte – sie wollte die Gastfreundschaft ihr Freunde nicht länger beanspruchen.

Inzwischen war sie über den größten Schock hinweg, ihren Vater tot an seinem Schreibtisch aufgefunden zu haben. Die Rettungssanitäter hatten ihr versichert, dass er nicht hatte leiden müssen, was jedoch nur ein schwacher Trost gewesen war. Sie hatte ihn nämlich aus ganzem Herzen geliebt.

In mancher Hinsicht wünschte sie, die Betäubung des Anfangs hätte noch nicht nachgelassen, denn inzwischen überwältigte sie die Trauer oft so heftig, dass sie gar nicht wieder aufhören konnte zu weinen – meistens dann, wenn sie am wenigsten damit rechnete. Wenn sie zum Beispiel im Supermarkt in der Schlange stand, im Park spazieren ging oder in der Badewanne lag.

„Es wird Zeit für ein Glas Wein, findest du nicht?“, fragte Cathy munter. „Hast du eine Ahnung, in welchem Karton die Gläser sind?“

„Klar.“ Lia ging auf den mit „Geschirr“ markierten Karton zu und riss das Paketband ab, bevor sie zwei mit Zeitungspapier umwickelte Gläser herauszog und sie triumphierend hochhielt. „Tada!“

Sie hatte keine Ahnung, was sie ohne Cathy und Rick getan hätte. Mit Cathy war sie schon seit dem Internat befreundet und stand ihr so nahe wie eine Schwester. Näher vielleicht sogar, wenn stimmte, was man über schwesterliche Rivalität sagte.

Gut, dass Cathy Immobilienmaklerin war und Lia diese günstige Wohnung hatte vermitteln können.

„Du solltest allmählich zu deinem Mann zurückkehren“, sagte sie zu ihr, als sie sich mit ihrem Wein auf einen Karton setzten. „Rick hat dich heute noch gar nicht zu Gesicht bekommen.“

Rick Morton war einer der sympathischsten Männer, die sie kannte. Er war ihr in den letzten zwei Monaten genauso ein Freund gewesen wie Cathy, konnte es inzwischen jedoch bestimmt kaum erwarten, seine Frau und seine Wohnung endlich wieder für sich zu haben.

„Bist du sicher?“, fragte Cathy besorgt.

„Klar.“

Sie hatten Rick vorhin dazu ermuntert, sich mit Freunden ein Fußballspiel anzusehen, und die Zeit für den Umzug genutzt. „Ich packe nur rasch das Nötigste aus. Dann mache ich mir noch eine Kleinigkeit zu essen und gehe danach ins Bett.“ Lia gähnte. Es war ein langer Tag gewesen. „Morgen muss ich den Rest auspacken, und am Montag beginnt mein neuer Job.“

Cathy schlüpfte in ihr Jackett. „Das schaffst du schon.“

Daran zweifelte Lia keine Sekunde. Nach den letzten zwei Monaten wusste sie, dass sie gut allein zurechtkam. Trotzdem war die neue Situation noch ungewohnt für sie.

Manchmal konnte sie immer noch nicht fassen, dass ihr Vater tatsächlich gestorben war … was vermutlich nie passiert wäre, wenn Gregorio de la Cruz nicht das Angebot von ‚De la Cruz Industries‘ zurückgezogen hätte, Fairbanks Industries zu übernehmen! Es mochten die Anwälte der Firma gewesen sein, die ihrem Vater den Todesstoß versetzt hatten, aber Lia zweifelte nicht daran, dass Gregorio de la Cruz dahintersteckte.

Ihr Vater hatte monatelang hilflos mitansehen müssen, wie seine Firma den Bach runtergegangen war, bevor er die Entscheidung getroffen hatte, sie zu verkaufen. Der geplatzte Verkauf hatte ihm bestimmt den Todesstoß versetzt. Lia hasste de la Cruz daher abgrundtief.

Sie musste an das letzte Mal denken, als sie ihn gesehen hatte. Gott sei Dank hatte die Beerdigung im kleinen Kreis stattgefunden, sodass bei ihrer Ohrfeige keine Fotografen zugegen gewesen waren. Der plötzliche Tod ihres Vaters hatte auch so schon genug Medienrummel verursacht.

Es hatte sie mit einer gewissen Genugtuung erfüllt, Gregorio de la Cruz zu ohrfeigen.

Nachdem er sein ominöses Versprechen, sie zu kontaktieren, auch nach mehreren Wochen noch nicht eingelöst hatte, war es ihr gelungen, ihn weitestgehend aus ihren Gedanken zu vertreiben. Was gut so war, denn sie hatte ihre Energie für andere Dinge gebraucht. Zum Beispiel dafür, sich einen Job und eine neue Wohnung zu suchen.

Inzwischen hatte sie beides. Montag würde sie an der Rezeption eines der renommiertesten Hotels Londons anfangen. Um unangenehme Fragen oder – schlimmer noch – mitleidige Blicke zu vermeiden, hatte sie sich unter dem Namen Faulkner beworben – dem Mädchennamen ihrer Mutter.

Trotzdem war zweifellos ihre Zeit als die Amelia Fairbanks ausschlaggebend dafür gewesen, dass sie den Zuschlag bekommen hatte. Den Hotelmanager hatte ihr Auftreten offensichtlich tief beeindruckt. Er hatte ihr einen Probetag angeboten und hinterher seine Anerkennung für ihre herzliche und zugleich souveräne Art ausgedrückt, mit der sie auch mit schwierigeren Gästen umgegangen war. Der arme Mann hatte natürlich keine Ahnung gehabt, dass sie sich normalerweise auf der anderen Seite der Rezeption befand.

Eine neue Wohnung und ein neuer Job also. Cathy hatte recht. Sie würde es schon schaffen.

Allerdings nicht, wenn einer ihrer neuen Nachbarn um neun Uhr abends an ihrer Tür klingelte, während sie sich gerade ein wohlverdientes Bad gönnte. Es konnte sich nur um einen neuen Nachbarn handeln, da außer Cathy und Rick noch keiner ihre Adresse kannte. Das war ihr nächstes Projekt, nachdem sie sich eingerichtet hatte.

Nicht, dass sie mit vielen Besuchern rechnete. Es war erstaunlich, wie viele vermeintliche Freunde sich von ihr abgewandt hatten, seitdem sie nicht mehr Amelia Fairbanks, die Tochter des reichen Geschäftsmannes Jacob Fairbanks, war. Sogar David hatte die Verlobung mit ihr gelöst.

Doch sie weigerte sich, jetzt an ihren Ex-Verlobten zu denken! Oder überhaupt je wieder. Der Mistkerl hatte sie ausgerechnet in dem Moment verlassen, als sie ihn am dringendsten gebraucht hatte.

Lia beschloss, die Tür zu öffnen, auch wenn der Zeitpunkt alles andere als ideal war. Aber wenn sie gar nicht reagierte, würde man sie im Haus vielleicht als arrogant und desinteressiert abstempeln.

Meine neuen Nachbarn sind ja ganz schön ungeduldig, dachte sie, als es erneut an der Tür klingelte, noch bevor sie sich ein Handtuch um den Oberkörper geschlungen hatte.

Sie mochte neu hier sein, trotzdem dachte sie daran, einen Blick durch den Spion zu werfen, bevor sie die Tür öffnete. Leider konnte sie niemanden dahinter sehen. Tja, sie konnte immer noch die Kette vorlegen, um zu verhindern, dass sich jemand unbefugt Zutritt verschaffte. Sie wollte sowieso nur kurz Hallo sagen und ein Gespräch auf ein anderes Mal verschieben.

Doch sie wusste sofort, warum ihr Besucher sich abseits vom Spion aufgestellt hatte, als sie die Tür öffnete und Gregorio de la Cruz erblickte!

„Denken Sie nicht mal dran!“ Er schob einen mit einem italienischen Lederschuh bekleideten Fuß in den Türspalt und verhinderte so, dass Lia ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

„Was wollen Sie hier?“, fragte sie ungehalten.

Wieder trug er einen dunklen maßgeschneiderten Anzug mit einem makellosen weißen Hemd und einer perfekt geknoteten dunkelgrauen Seidenkrawatte. Mit seinem kunstvoll zerzausten Haar sah er aus wie ein Model.

„Diese Frage haben Sie mir schon öfter gestellt“, erwiderte er gedehnt. „Vielleicht sollten Sie sich schon mal darauf einstellen, mich in Zukunft öfter zu sehen.“

Lia wollte sich auf gar nichts „einstellen“, schon gar nicht auf diesen Mann. Woher wusste er überhaupt, dass sie hier wohnte? Schließlich war sie erst heute eingezogen. Aber der allmächtige Gregorio de la Cruz bekam vermutlich alles heraus, was er herausfinden wollte.

„Scheren Sie sich zum Teufel!“ Sie versuchte wieder vergeblich, die Tür zu schließen.

„Was haben Sie da an … oder vielmehr nicht an?“ Gregorio musste sich eingestehen, dass ihn der Anblick von Amelias nackten, mit Wassertropfen bedeckten zarten Schultern ziemlich aus der Fassung brachte. Sie hatte sich ein Badetuch um den Körper geschlungen, das ihr bis zu den Knien reichte. Das Haar hatte sie zu einem lockeren Knoten aufgesteckt, aus dem sich ein paar Strähnen gelöst hatten, die ihren schlanken Hals umschmeichelten.

„Das geht Sie überhaupt nichts an!“ Ihre Wangen waren gerötet. „Verschwinden Sie, Mr. de la Cruz, bevor ich die Polizei rufe und Sie abführen lasse.“

Er hob eine Augenbraue. „Und mit welcher Begründung?“

„Stalking? Belästigung? Keine Sorge, ich denke mir schon etwas Passendes aus!“

„Ich mache mir keine Sorgen“, versicherte er ihr gelassen. „Ich will nur mit Ihnen reden.“

„Egal, was Sie mir zu sagen haben, ich will es nicht hören.“ Wütend funkelte sie ihn an. Ihre Augen schimmerten metallisch grau.

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Ich weiß es eben!“

Gregorio war nicht gerade für seine Geduld bekannt, und er hatte schon zwei qualvoll lange Monate gewartet, bis er diese Frau hier aufgesucht hatte. Zwei Monate, in denen er gehofft hatte, dass sie ihm diesmal nicht gleich ins Gesicht springen würde, doch offensichtlich war ihre Abneigung gegen ihn nicht abgekühlt. Sie schien ihm auch nach wie vor die Schuld am vorzeitigen Tod ihres Vaters mit nur neunundfünfzig Jahren zu geben.

Jacob Fairbanks’ Tod hatte ihn tief getroffen. Die Ermittlungen der Finanzaufsichtsbehörde mussten sehr belastend für den Mann und seine Firma gewesen sein.

Gregorio war bewusst, dass der Abbruch der Verhandlungen zwischen ‚De la Cruz Industries‘ und ‚Fairbanks Industries‘ diese Ermittlungen erst ausgelöst hatten. Trotzdem fühlte er sich nicht verantwortlich für die prekäre finanzielle Lage von dessen Firma. Oder für seinen tödlichen Herzinfarkt.

„Heute keine Leibwächter dabei?“, fragte Lia höhnisch. „Ganz schön mutig von Ihnen, ganz allein einer Frau gegenüberzutreten, die nur einssiebenundfünfzig groß ist.“

Gregorio presste ungeduldig die Lippen zusammen. „Silvio und Raphael sitzen draußen im Wagen.“

„Natürlich! Haben Sie einen Panik-Knopf dabei, damit die beiden jederzeit angerannt kommen können?“

„Seien Sie nicht kindisch, Miss Fairbanks!“

Ihre Augen blitzten wütend auf. „Ich bin nicht kindisch, sondern will nur einen unerwünschten Besucher loswerden. Und jetzt nehmen Sie gefälligst ihren verdammten Fuß aus meiner Tür!“

Er biss die Zähne zusammen. „Wir müssen reden, Amelia.“

„Nein, das müssen wir nicht. Und Amelia war meine Großmutter. Ich heiße Lia. Nicht dass ich Ihnen die Erlaubnis gebe, mich so zu nennen“, fügte sie verächtlich hinzu. „Nur meine Freunde haben dieses Privileg.“

Gregorio war nur allzu bewusst, dass er nicht dazugehörte. Und dass „Lia“ auch nicht die Absicht hatte, ihn je in ihren Freundeskreis aufzunehmen. Zu blöd nur, dass er darauf keine Rücksicht nehmen würde. Er wollte nämlich nicht nur ihr Freund sein, sondern ihr Liebhaber.

Als seine Eltern vor zwölf Jahren gestorben waren, hatten sie ihren Söhnen nur ein heruntergekommenes Weingut in Spanien hinterlassen. Als Ältester von drei Brüdern hatte Gregorio sich das Ziel gesetzt, es wieder zum Laufen zu bringen und zu erweitern. Inzwischen konnten er und seine Brüder stolz auf den sehr rentablen Betrieb sein … und auf mehrere andere florierende Firmen weltweit. Das alles hatte er nur erreicht, weil er immer genau gewusst hatte, was er wollte, und dafür gesorgt hatte, dass er es bekam.

Lia hatte er von Anfang an gewollt, und er würde nicht aufgeben, bis er sie hatte.

Er musste fast lächeln – aber nur fast –, als er sich vorstellte, wie sie reagieren würde, wenn er ihr das hier und jetzt mitteilte. Er würde es jedoch vorerst für sich behalten. „Wir müssen trotzdem reden. Wenn Sie also so freundlich wären, mir die Tür zu öffnen und sich etwas überzuziehen …?“

„Dieser Befehl ist aus zweierlei Gründen unangemessen.“

„Das war eine Bitte, kein Befehl.“

Lia hob die Augenbrauen. „Ach, ja? Bei Ihnen klingt das aber so. Wie dem auch sei, ich werde Ihnen weder die Tür öffnen noch mir etwas überziehen. Außerdem“, fuhr sie fort, als er den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, „will ich, wie gesagt, nichts hören von dem, was Sie mir mitzuteilen haben. Nur Ihretwegen ist mein Vater jetzt tot!“ Tränen schossen ihr in die rauchgrauen Augen. „Verschwinden Sie einfach, Mr. de la Cruz, und nehmen Sie Ihr schlechtes Gewissen mit.“

„Ich habe kein schlechtes Gewissen“, stieß er wütend hervor.

„Wie dumm von mir – natürlich nicht.“ Sie musterte ihn verächtlich. „Männer wie Sie ruinieren das Leben anderer Menschen ja schließlich jeden Tag. Was kratzt es Sie schon, wenn ein Mann Ihretwegen einen tödlichen Herzinfarkt bekommt?“

„Seien Sie nicht so melodramatisch!“

„Ich stelle nur Tatsachen fest.“

„Und was heißt überhaupt Männer wie ich?“

„Na, reiche und skrupellose Tyrannen, die sich über alles und jeden hinwegsetzen, das sich ihnen in den Weg stellt.“

„Ich war nicht immer reich.“

„Aber immer schon skrupellos!“

Um für sich und seine Brüder zu sorgen, hatte Gregorio sich keine falsche Rücksichtnahme erlauben können. Ihm war nichts anderes übriggeblieben, um sich in einer Welt durchzusetzen, in der er sonst keinen Fuß auf den Boden bekommen hätte. Doch was Lia anging, war er alles andere als skrupellos.

„Sie sind nicht nur melodramatisch, sondern liegen auch völlig daneben, und das nicht nur, was Ihren Vater angeht“, sagte er kopfschüttelnd. „Was Sie übrigens erfahren würden, wenn Sie mir erlauben würden, reinzukommen und mit Ihnen zu reden.“

Lia schüttelte vehement den Kopf. „Nie im Leben!“

„Ich werde nicht eher gehen, bis Sie mit mir reden.“

„Dann muss ich eben zu anderen Maßnahmen greifen.“

Gregorio sah sie aus schmalen Augen an. „Was soll das heißen?“

„Dass ich nicht zögern werde, die nötigen rechtlichen Schritte einzuleiten, wenn Sie damit fortfahren werden, mich zu belästigen.“

Er hob die Augenbrauen. „Was für Schritte?“

„Ich werde eine einstweilige Verfügung gegen Sie beantragen.“

Eine so sture Frau wie sie hatte er noch nie erlebt. Normalerweise wagte es niemand, sich ihm zu widersetzen. Lia hingegen tat das nicht nur, sie schien sogar Spaß daran zu haben. Noch nie hatte er solche Lust verspürt, eine Frau zu erwürgen … und zugleich zu küssen. „Bräuchten Sie dafür nicht einen Anwalt?“

Ihr war nur allzu bewusst, worauf de la Cruz anspielte: Dass David Richardson nicht nur nicht länger der Anwalt ihrer Familie, sondern auch nicht mehr ihr Verlobter war. Ihr schoss das Blut ins Gesicht. „Sie Mistkerl!“

Gregorio hatte seine Worte schon bereut. Andererseits konnte er sie nicht zurücknehmen, denn er hatte nur die Wahrheit gesagt. David Richardson hatte diese Frau im Stich gelassen, als ihr Vater gestorben und ‚Fairbanks Industries‘ unter Beschuss geraten war.

Er griff nach seiner Brieftasche und zog eine Visitenkarte heraus. „Hier ist meine private Handynummer.“ Er hielt ihr eine blütenweiße Karte mit Goldrand hin. „Rufen Sie mich an, wenn Sie bereit sind, mit mir zu reden.“

Lia starrte die Karte an wie eine giftige Schlange. „Das wird nie passieren.“

„Nehmen Sie die Karte, Lia!“

„Nein!“

Der Spanier biss frustriert die Zähne zusammen. Anscheinend war er nicht an Widerspruch gewohnt. Für ihn war es anscheinend selbstverständlich, dass alle nach seiner Pfeife tanzten.

Lia war jahrelang Gastgeberin für ihren Vater gewesen und hatte daher andere mächtige und ehrgeizige Männer wie Gregorio kennengelernt. Na ja … vielleicht nicht ganz so wie Gregorio de la Cruz, denn dessen Arroganz war nicht zu überbieten. Aber er war nicht der Einzige, der ein Nein nicht akzeptieren konnte.

Tja, sie hatte kein Problem damit, Nein zu Gregorio zu sagen!

Lia konnte sich nicht mehr an ihre Mutter erinnern, die bei einem Autounfall gestorben war, als sie noch ein Baby gewesen war. Aber ihrem Vater hatte sie sehr nahegestanden – er war immer für sie da gewesen, hatte ihr zugehört und viel Zeit mit ihr verbracht. Sie vermisste ihn sehr. Mit ihm hatte sie nicht nur ihren einzigen Elternteil verloren, sondern auch ihren besten Freund und Vertrauten.

„Ich fordere Sie zum letzten Mal auf zu gehen, Mr. de la Cruz“, sagte sie, plötzlich total erschöpft. Wieder einmal überwältigte die Trauer sie im unpassendsten Augenblick.

Gregorio runzelte die Stirn, als ihm ihre plötzliche Blässe auffiel. „Haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmert?“

Sie blinzelte gegen ihre Erschöpfung an. Was sie jedoch nicht davon abhielt, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. „Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass ich allein bin – bieten Sie mir dann an, reinzukommen und mir eine heiße Schokolade zu kochen? So wie mein Vater es immer getan hat, wenn ich Kummer oder Sorgen hatte?“

„Wenn Sie es so wünschen?“

„Was ich mir wünsche, bekomme ich sowieso nicht.“

Sie brauchte Gregorio nicht zu sagen, dass sie sich die Rückkehr ihres Vaters wünschte. Das erkannte er an ihrem traurigen Blick und ihren zitternden Lippen. „Soll ich jemanden für Sie anrufen?“

„Wen denn?“

Ganz bestimmt nicht ihren Ex-Verlobten. David Richardson konnte sie nicht wirklich geliebt haben, sonst wäre er an ihrer Seite geblieben, als nach dem Tod ihres Vaters die Hölle losgebrochen war. Stattdessen hatte er sich von ihr losgesagt, um nicht mit in den Skandal hineingezogen zu werden.

Gregorio teilte solche Bedenken nicht. Es interessierte ihn nicht, was bei den Ermittlungen herauskommen oder wie andere Menschen über Lia oder ihn urteilen würden. Sein Privatleben ging schließlich niemanden etwas an. Er begehrte sie, das war alles, was zählte.

Lia schwankte. Sie war inzwischen kreidebleich und wirkte so schwach, als könne sie ein Windhauch umstoßen.

„Lösen Sie die Kette und lassen Sie mich rein“, befahl Gregorio in seinem gebieterischstem Tonfall. Wenn er ihn anschlug, wagte es normalerweise niemand, sich ihm zu widersetzen.

Sie versuchte den Kopf zu schütteln, aber selbst das schien ihr zu anstrengend zu sein. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das kann“, sagte sie schwach.

„Warum nicht?“

„Ich … meine Finger scheinen mir nicht zu gehorchen.“

Gregorio trat dicht an die einen Spalt geöffnete Tür heran. „Heben Sie die rechte Hand und schieben Sie die Kette langsam nach rechts, bis sich die Arretierung löst.“ Er hielt die Luft an und wartete. Würde sie tun, was er ihr sagte?

Sie leistete Widerstand bis zum Letzten: „Ich will aber nicht!“

„Tun Sie einfach, was ich Ihnen sage!“

„Aber ich … es ist … Sie …“

„Heben Sie die Hand, Lia. Ja, so ist es gut“, sagte er sanft, als sie zögernd die Hand auf die Sicherheitskette legte. „Und jetzt schieben Sie sie zur Seite. Ja, genau so. Ein bisschen weiter und … fertig.“

Erleichtert atmete er auf, als sich die Arretierung löste. Er öffnete die Tür – nicht hastig oder gewaltsam, sondern gerade weit genug, um in die Wohnung eintreten zu können.

Und um endlich mit Lia allein zu sein.

2. KAPITEL

Die Wohnung sah total chaotisch aus. Überall standen Umzugskartons herum, und in dem winzigen Wohnzimmer waren Möbel unordentlich übereinandergestapelt. Die Küche wirkte wie nach einer Explosion. Unter all den verstreuten Töpfen, Pfannen und Besteck konnte man keine freie Oberfläche erkennen.

Gregorio war noch nie selbst umgezogen. Das Weingut in Spanien war schon so lange im Besitz seiner Familie, dass das große Haus voller alter Erbstücke und Erinnerungen steckte. Und was seine Wohnungen und Häuser in New York, Hong Kong, Paris und auf den Bahamas anging, hatte er immer erstklassige Inneneinrichter engagiert.

Kein Wunder, dass Lia so erschöpft war.

Die ins Schloss fallende Tür riss sie aus ihrer Apathie. Wie hatte Gregorio de la Cruz es nur geschafft, in ihre Wohnung zu gelangen?

Jetzt fiel es ihr wieder ein … Sie hatte ihm selbst die Tür geöffnet und ihn reingelassen. Nicht freiwillig, sondern wie unter Zwang. Seine Stimme hatte so tief und gebieterisch geklungen, und sie war so fertig gewesen, dass sie seiner Aufforderung, die Kette zu lösen, einfach gefolgt war.

Er wirkte größer denn je in ihrem unordentlichen kleinen Apartment. Größer, dunkler … und gefährlicher. Wie ein Raubtier kurz vor dem Sprung.

Sein fast schwarzes Haar über dem strengen, markanten Gesicht war wieder kunstvoll zerzaust, und seine Schultern unter dem maßgeschneiderten Anzug wirkten unglaublich breit. Er hatte eine athletische Ausstrahlung mit seinem muskulösem Oberkörper, den schmalen Hüften und den kräftigen Oberschenkeln.

Lia konnte sein Aftershave riechen. Sie erkannte den Duft sofort – er kostete ein Vermögen. Und sein Gesicht sah aus, als könnte es eine zweite Rasur vertragen.

Als sie den Blick noch höher hob, stand sie sofort im Bann seiner intensiv schimmernden fast schwarzen Augen. „Ich …“

„Sie sollten sich setzen, bevor Sie noch hinfallen.“ Gregorio durchquerte das Zimmer und entfernte ein paar Gegenstände von einem Sessel, bevor er Lia sanft an einem Arm hinführte und sie hinsetzte. „Haben Sie Brandy da?“

Irgendwie wirkte sie in dem Sessel zerbrechlicher denn je.

„Nein, nur Wein.“ Vage winkte sie Richtung Küche.

Wein würde sie zwar nicht so beleben wie Brandy, war aber besser als nichts. Er entdeckte eine halbvolle Flasche Rotwein auf der Frühstücksbar und daneben ein benutztes Glas. Natürlich handelte es sich nicht um einen de-la-Cruz-Jahrgang.

„Hier.“ Er hielt ihr das frisch gefüllte Glas hin. Sie nahm es mit zitternden Fingern. „Haben Sie heute schon etwas gegessen?“

„Hm …“ Nachdenklich runzelte sie die Stirn. „Eine Schale Müsli heute Morgen und vorhin etwas Toast. Glaube ich zumindest …“, setzte sie verunsichert hinzu.

Missbilligend schnaubend ging er in die Küche. Auf einer Arbeitsfläche lagen ein Laib Brot, ein Stück Butter und eine Packung Milch. Mehr hatte sie nicht im Haus, wie ihm der gähnend leere Kühlschrank verriet.

„Sie haben ja gar nichts zu essen hier.“ Kopfschüttelnd schlug er die Kühlschranktür zu.

„Das mag daran liegen, dass ich erst vor wenigen Stunden eingezogen bin“, erwiderte Lia spitz.

Gregorio unterdrückte ein Lächeln. Ihr Sarkasmus war zurückgekehrt. Anscheinend ging es ihr schon wieder etwas besser.

„Was die Frage aufwirft, woher Sie eigentlich wissen, dass ich hier wohne?“ Sie beäugte ihn argwöhnisch.

Gregorio wusste über ihren Wohnsitz genauso Bescheid wie über alles, was sie betraf. Seit zwei Monaten erstattete ihm sein Sicherheitschef nämlich täglich Bericht über sie.

Ihm war zwar bewusst, dass das ein Eingriff in ihre Privatsphäre war, den sie nie gutheißen würde, aber er wollte nun mal für sie da sein, ob ihr das passte oder nicht. „Trinken Sie Ihren Wein“, sagte er und zog sein Handy aus der Jacketttasche.

„Hören Sie, Mr. de la Cruz …“

„Nennen Sie mich Gregorio. Oder Rio, falls Ihnen das lieber ist. So nennen mich meine Familienangehörigen und engen Freunde.“

„Ich gehöre weder zu den einen noch den anderen und lege darauf auch keinen Wert. Was machen Sie da?“, fragte sie stirnrunzelnd, als er zu wählen begann.

„Ich wollte Sie eigentlich zum Abendessen ausführen, aber jetzt lasse ich uns lieber etwas liefern.“ Gregorio legte sein Handy ans Ohr und sah Lia herausfordernd an, während er darauf wartete, dass am anderen Ende der Leitung jemand abhob.

So langsam fragte sie sich, ob sie in der Wanne eingeschlafen war und schon wieder einen Albtraum hatte? Gregorio de la Cruz konnte doch nicht wirklich in ihrer Wohnung sein und etwas zu essen für sie bestellen. Oder?

Leider wirkte er ziemlich real. Groß, muskulös und total dominant. Nach all den schrecklichen letzten Wochen kam ihr die Situation irgendwie surreal vor – und diese Zeit war nur seinetwegen so schrecklich gewesen!

Sei nicht so unfair, hörte sie eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Er war weder für den Niedergang der Firma ihres Vaters noch für die schlechte Wirtschaftslage verantwortlich. Es war auch sein gutes Recht, ein Kaufangebot zurückzuziehen, wenn er eine Firma nicht für solvent hielt.

Doch Lia war fest davon überzeugt, dass sein Rückzieher die Ermittlungen erst ausgelöst hatten, genau wie wenige Wochen später den Herzinfarkt und vorzeitigen Tod ihres Vaters. Sie brauchte einfach einen Schuldigen, und Gregorio de la Cruz war dafür der geeignetste Kandidat.

Er hatte sein Telefonat inzwischen beendet und sah sie immer noch durchdringend an.

Lias Herz machte einen Satz. Mehrere sogar. Ihr wurde ganz heiß, als sie etwas in den Tiefen dieser schwarzen abgründigen Augen aufblitzen sah, das … sie so nervös machte, dass sie kaum weiteratmen konnte.

Sie schluckte. Hoffentlich konnte er nicht ihr laut klopfendes Herz hören! „Ich habe keinen Hunger.“ Abrupt stand sie auf, um das leere Weinglas auf den Tresen zurückzustellen, zögerte jedoch, als ihr plötzlich bewusst wurde, wie dicht sie vor Gregorio stand.

„Es ist nachvollziehbar, dass Sie in letzter Zeit keinen Appetit hatten“, sagte er sanft. „Aber das heißt nicht, dass Ihr Körper keine Nahrung braucht.“

Warum klang das nur so … so zweideutig – als würde er gar nicht über Essen reden?

Plötzlich wusste Lia, was sie in seinem intensiven Blick sah. Verlangen. Heißes brennendes Verlangen. Nach ihr. Ein Verlangen, das er ihr schon vor vier Monaten offenbart hatte. Und offensichtlich immer noch empfand.

Instinktiv trat sie einen Schritt zurück, doch Gregorio folgte ihr einfach. Nervös fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Ich finde, Sie sollten jetzt gehen.“

„Nein.“

Er stand inzwischen so dicht vor ihr, dass sie seinen heißen Atem in ihrem Gesicht spüren konnte. „Sie können doch nicht einfach Nein sagen!“

„Doch, das kann ich. Ich habe es soeben getan“, setzte er befriedigt hinzu.

Lia blinzelte ihn verwirrt an. Ihr Herz klopfte wie wild, und sie hatte feuchte Hände. „Das ist doch verrückt.“ Aber in Wirklichkeit war sie es, die aus dem Gleichgewicht geraten war. Denn ein Teil von ihr – oder vielmehr gewisse Körperteile – reagierten tatsächlich auf die Begierde in seinen flammenden kohlschwarzen Augen.

Ihre Haut fühlte sich an wie unter Strom. Ihre Brustspitzen kribbelten, und es pochte heiß zwischen ihren Schenkeln.

„Ist das so?“ Gregorio hob eine Hand und strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr, bevor er die Fingerspitzen sanft über ihre erhitzte Wange gleiten ließ.

„Ja …“, hauchte Lia und widerstand dem Impuls, sich an ihn zu lehnen.

Seit dem Tod ihres Vaters und Davids Verlust war sie von niemandem mehr umarmt worden – außer gelegentlich von Cathy. Sie war offensichtlich ausgehungert nach körperlicher Nähe.

Mit Gregorio de la Cruz?!

Dieser Mann war ein gefährlicher Hai, der skrupellos kleine Fische verschluckte. Außerdem gaben sich bei ihm die Frauen die Klinke in die Hand – auf jedem Pressefoto hatte er eine andere im Arm. Für gewöhnlich große, gut aussehende Blondinen mit langen Beinen … die zweifellos auch das Bett mit ihm teilten. Er schien sie sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit zuzulegen und wieder abzustoßen wie seine Firmen.

Lia hingegen war weder groß noch blond noch hatte sie lange Beine.

Und sie stand nicht zur Verfügung.

Abrupt trat sie einen Schritt zurück – und vermisste seine körperliche Nähe sofort. „Ich gehe mich jetzt anziehen“, sagte sie fest. „Und ich rate Ihnen, weg zu sein, wenn ich zurückkomme.“

Er verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Ich habe es mir zur Regel gemacht, mir Ratschläge zwar anzuhören, aber ich nehme nur selten einen an.“

Herausfordernd hob sie das Kinn. „Woran das wohl liegen mag? Dass Sie immer recht haben?“

Sein Lächeln vertiefte sich, dass seine weißen Zähne blitzten. „Kann es sein, dass Sie mir grundsätzlich die Worte im Mund umdrehen, ganz egal, was ich sage?“

Da hatte er nicht ganz unrecht.

Wie immer?

„Oder dass Sie nur hören wollen, was Ihre schlechte Meinung über mich bestätigt, obwohl Sie mich gar nicht kennen?“, fügte er hinzu.

Lia musterte ihn irritiert. „Ich weiß genug über Sie, um Sie nicht hier haben zu wollen!“

„Und trotzdem bin ich da.“

„Nur weil … weil ich … Ach, wissen Sie, was? Verschwinden Sie einfach aus meiner Wohnung!“ Ihre Wut war zurückgekehrt, heftiger denn je. „Ich werde jedenfalls nicht bei Ihrem kranken Spielchen mitspielen!“

Gregorio wurde ernst. „Ich spiele keine Spielchen, Lia, weder kranke noch sonst welche.“

„Seltsam, das fühlt sich gerade ganz anders an!“

Er holte tief Luft. Lia gab sich keine Mühe, ihre Abneigung und ihr Misstrauen ihm gegenüber zu verbergen, doch ihr Körper sprach eine andere Sprache.

Ihre Brüste waren voller geworden. Die Spitzen zeichneten sich hart unter ihrem Handtuch ab, und Gregorio merkte genau, wie erregt sie war.

Lia mochte ihm misstrauen, aber ihr Körper verriet, dass sie ihn genauso wollte wie er sie.

„Sie haben recht, Sie sollten sich etwas überziehen“, sagte er heiser. Seine Selbstbeherrschung war zwar legendär, doch auch er hatte seine Grenzen. Und Lias Anblick mit nur einem Handtuch bekleidet, stellte sie ganz schön auf die Probe.

„Dankeschön, aber ich brauche Ihre Erlaubnis nicht!“

Ein Muskel zuckte in seinem Gesicht. „Das Abendessen wird gleich gebracht.“

„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich nichts essen will!“

Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Hatte Ihr Vater eigentlich irgendwelche Grenzen, die Sie besser nicht überschritten hätten?“

„Oh ja.“ Ein wehmütiges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Und Sie wussten bestimmt ganz genau, bis zu welchem Punkt Sie bei ihm gehen durften, oder?“

„Ja … warum fragen Sie?“ Argwöhnisch sah sie ihn an.

„Weil die Grenzen bei mir inzwischen erreicht sind.“

„Soll mir das etwa Angst einjagen?“

Lias Widerstandskräfte waren bewundernswert. Leider verriet sie sich durch den raschen Pulsschlag an ihrem Hals. Ihr war durchaus bewusst, wie gefährlich die Situation für sie war. Aber offensichtlich war sie bereit, das Risiko einzugehen.

Gregorio presste die Lippen zusammen. „Sie sind wirklich …“ Er verstummte, als es an der Tür klingelte. „Das wird Silvio mit dem Abendessen sein.“

Überrascht sah sie ihn an. „Wow, Sie müssen ja Stammgast sein, wenn man Sie so schnell beliefert.“

Gregorio hatte Essen bei Mancini’s‘ bestellt, einem der exklusivsten Italiener Londons. Sie glaubte ja wohl nicht, dass er einfach etwas vom Chinesen kommen lassen würde! „Jetzt gehen Sie endlich und ziehen sich etwas an“, sagte er schroff. „Es sei denn, Sie wollen, dass Silvio Sie in diesem Aufzug sieht.“

Lia schreckte diese Vorstellung längst nicht so wie ihn. Sie spielte mit dem Gedanken, ihn noch weiter zu provozieren, indem sie so blieb wie sie war, lenkte dann jedoch ein. Schließlich würde sie sich bekleidet auch selbst wohler fühlen. Sie drehte sich um und ging zu ihrem Schlafzimmer … nicht ohne Gregorios hungrigen Blick im Rücken zu spüren.

Dort angekommen, lehnte sie sich gegen die geschlossene Tür und atmete erstmal tief durch. Was, zum Teufel, passierte da eigentlich gerade? Irgendetwas ging hier vor.

Er hatte nicht nur sein Versprechen eingelöst, mit ihr zu reden, sondern hatte sich auch noch Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft … und machte keinen Hehl aus der Tatsache, dass er sie nach wie vor begehrte.

Was ihr jedoch am meisten zu schaffen machte, war die verräterische Reaktion ihres Körpers auf ihn. Er war Gregorio de la Cruz, verdammt noch einmal! Ein Mann, der daran beteiligt gewesen war, ihren Vater in den Tod zu treiben!

„Seit wann gebe ich ihm eigentlich nicht mehr die Alleinschuld?“

Denn das tat sie immer noch. Oder nicht? Doch, natürlich!

Gregorio war hartherzig, skrupellos … und ganz schön furchterregend. Außerdem war er mindestens zehn Jahre älter als sie und viel erfahrener.

Großer Gott, sie musste ausgehungerter nach menschlicher Wärme sein als ihr bisher bewusst gewesen war, wenn ein Mann, den sie eigentlich hassen sollte, körperlich eine solche Wirkung auf sie hatte!

„Schmeckt’s?“

Lias einzige Erwiderung war ein heiseres „Hmm“, weil sie gerade ein Stück Spargel mit Butter verspeiste.

Gregorio hatte sein Jackett und seine Krawatte abgelegt und die Ärmel seines Hemds hochgekrempelt, bevor Lia voll angekleidet aus dem Schlafzimmer gekommen war. Sie trug eine enge schwarze Jeans und einen grauen Pullover, der perfekt zu ihren Augen passte. Und das Haar offen – so wie er es bevorzugte. So wie er sie kannte, hätte sie es jedoch bestimmt streng hochgesteckt, wenn sie das gewusst hätte.

Er hatte das Essen zum Warmhalten in den Ofen gestellt, den Frühstückstresen abgeräumt und Besteck hingelegt, sodass sie gleich nach ihrer Rückkehr aus dem Schlafzimmer anfangen konnten.

Nachdem sie nochmals betont hatte, keinen Hunger zu haben, hatte sie mit offensichtlichem Appetit Garnelen mit Avocado verspeist und aß jetzt mit dem gleichen Genuss Steak mit Spargel und Kartoffeln. Auch der Rotwein, den Gregorio mitbestellt hatte, schien ihr zu schmecken.

Er fand das Essen genauso köstlich wie immer, aber es bereitete ihm noch größeres Vergnügen, Lia beim Essen zu beobachten.

Je mehr sie zu sich nahm, desto mehr Farbe bekam ihr Gesicht und desto stärker leuchteten ihre Augen. Anscheinend hatte sie in den letzten Monaten gehungert. Nicht absichtlich natürlich, sondern weil sie sich unter den derzeitigen Lebensumständen nicht fürs Essen interessierte.

Er beschloss, dafür sorgen, dass sie von jetzt an genug zu sich nahm.

Lia legte das Besteck auf ihren leeren Teller. „Ich habe ganz vergessen, wie gern ich immer bei ‚Mancini’s‘ gegessen habe.“

Ihm fiel auf, dass sie die Vergangenheitsform benutzte. Offensichtlich weil sie es sich nicht länger leisten konnte, exklusive Restaurants aufzusuchen. Gregorio betrachtete das als Stichwort, um wieder auf den Tod ihres Vaters zurückzukommen, so konfliktträchtig das Thema auch war. Aber bisher stand es zwischen ihnen wie eine unsichtbare Mauer.

Und er wollte nicht, dass etwas sie voneinander trennte, unsichtbar oder nicht. Er wollte alles über diese Frau erfahren, was es zu erfahren gab. Er wollte nicht nur ihren Körper kennenlernen, sondern auch ihre Persönlichkeit.

Genau wie umgekehrt.

„Das war sehr lecker, danke.“ Verlegen fügte sie hinzu: „Aber jetzt brauche ich etwas Schlaf. Es war ein langer Tag.“

Lia sah tatsächlich müde aus. Und so lange wie Gregorio mit dem Besuch gewartet hatte, kam es auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht mehr an.

Er betrachtete das Chaos um sich herum. „Soll ich morgen wiederkommen und Ihnen beim Auspacken helfen?“

Sie sah ihn verwirrt an. „Warum sind Sie eigentlich so nett zu mir?“

„Sie haben eben diese Wirkung auf mich.“ Er zuckte mit den Schultern.

Schultern, die ohne Jackett noch breiter und muskulöser aussahen. Ohne Krawatte und mit hochgekrempelten Ärmeln wirkte er irgendwie viel zugänglicher als sonst … und noch attraktiver. Tödlich attraktiv geradezu.

Machte er das mit Absicht? Wollte er eine arme verwirrte Frau erst durcheinanderbringen und dann über sie herfallen?

Cathy würde ihr kein Wort glauben, wenn sie ihr morgen am Telefon von seinem Besuch erzählte. Sie konnte es selbst kaum glauben.

Es fiel Lia immer schwerer, das an der Vernichtung ihres Vaters beteiligte Monster in Gregorio de la Cruz zu sehen. Er war so aufmerksam und nett. Ganz egal, wie unhöflich sie ihn behandelte – er blieb immer respektvoll und liebenswürdig.

Will er mich in Sicherheit wiegen, bis er endlich mit seinen wahren Absichten herausrückt?

Was er zu wollen schien, war sie. Und offensichtlich ließ er sich durch nichts abschrecken. Obwohl er diesen Kampf nie im Leben gewinnen würde.

„Nein danke, das ist nicht nötig.“ Sie stand auf, um ihm zu signalisieren, dass sein Besuch hiermit beendet war, doch er ignorierte ihren Wink und blieb einfach sitzen. „Wir haben das Dessert noch nicht gegessen.“

„Nehmen Sie es mit. Ich kriege jetzt sowieso nichts mehr hinunter.“

„Ich werde Ihnen doch nicht ‚Mancini’s‘ berühmte Schokoladentorte vorenthalten.“

Lia stöhnte auf. „Er hat Ihnen wirklich etwas von seiner berühmten Schokoladentorte mitgegeben?“ Das Dessert beruhte auf einem Geheimrezept. Lia hatte es bei jedem Besuch gegessen. Es war sündhaft lecker – orgasmisch geradezu.

„Uns“, korrigierte Gregorio sie.

„Woher wusste er, dass Sie mit mir essen?“

„Von mir natürlich. Ich habe ihn persönlich gebeten, Ihre Lieblingsgerichte zu schicken.“

Überrascht starrte sie ihn an. „Sie haben ihm gesagt, dass wir gemeinsam zu Abend essen?“

Gregorio sah sie unter halb geschlossenen Lidern an. „Ja. Ist das ein Problem für Sie?“

„Für mich nicht.“

„Für mich auch nicht.“

Es war ihm anscheinend völlig egal, ob jemand davon erfuhr, dass er mit der Tochter von Jacob Fairbanks aß. In Anbetracht der Tatsache, wie schnell einige ihrer sogenannten Freunde und ihr Verlobter verschwunden waren, fand Lia Gregorios Verhalten ziemlich schräg. „Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch.“

Er stand auf. „Auf gute oder schlechte Art?“

„Kann ich noch nicht beurteilen.“

Ein Lächeln erhellte seine strengen Gesichtszüge. „Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie so weit sind?“

„Sie sind irgendwie ganz anders, als ich dachte.“

„Inwiefern?“

„Na ja, an dem Abend im Restaurant, als … als Sie mich geküsst haben, hielt ich Sie einfach nur für einen arroganten Mistkerl, der kein Nein akzeptieren kann.“

„Ein Aspekt davon trifft zu.“

Lia wusste, welchen er meinte. Er hörte nicht gern ein Nein. Zweifellos war er auch arrogant, aber da war noch etwas anderes. Etwas, das sie nicht recht greifen konnte. Etwas, das ihn dazu bewog, sich um sie zu kümmern, aus welchem Grund auch immer. „Sie haben vorhin gesagt, Sie wären nicht immer reich gewesen?“

„Nein.“ Er setzte sich wieder. „Als ich mit der Uni fertig war und nach Spanien zurückkehrte, stellte ich fest, dass mein Vater unser Weingut total heruntergewirtschaftet hatte. Sieben Jahre schlechte Ernte und kranke Reben.“ Er zuckte die Achseln. „Da meine beiden Brüder noch studieren wollten, verschob ich meine Pläne und sorgte dafür, dass wir finanziell wieder auf die Beine kommen.“

„Indem Sie Ihr Firmenimperium gründeten?“

„Ja.“

„Und? Müssen Ihre Pläne immer noch warten?“

Er musterte sie von Kopf bis Fuß. Begehrlich. „Offensichtlich nicht.“

Lia schüttelte den Kopf. „Ich halte es für keine gute Idee, wenn wir uns wiedersehen.“

„Und warum nicht?“

Sie wich seinem Blick aus. „Abgesehen von dem, was auf der Hand liegt, gehöre ich nicht mehr in Ihre Welt.“

„Und was liegt auf der Hand?“

„Ich halte Sie für mitverantwortlich am Tod meines Vaters.“ Da, sie hatte es ausgesprochen. Jetzt kapierte er hoffentlich endlich, dass sie sich nie auf ihn einlassen würde.

Oder protestierte sie etwa zu vehement?

Vielleicht wegen ihrer Reaktion auf ihn vorhin?

Vielleicht. Aber sie wollte Gregorio wirklich nicht wiedersehen. Er … verunsicherte sie irgendwie und machte sie total nervös. Mehr, als sie es je bei einem anderen Mann erlebt hatte – einschließlich dem, den sie hatte heiraten wollen.

„Tut mir leid, dass Sie das so sehen. Aber Sie können in jeder Welt zu Hause sein, in der Sie sein wollen.“

„Seien Sie doch nicht so naiv! Mein Vater ist tot, meine Verlobung ist geplatzt, und die meisten meiner Freunde haben mich im Stich gelassen. Ich habe mein Zuhause verloren. Gegen die Firma meines Vaters wird ermittelt, und keine der Wohltätigkeitsorganisationen, für die ich gearbeitet habe, will noch mit dem Namen Fairbanks in Verbindung gebracht werden. Ich wohne jetzt in dieser winzigen Wohnung und fange Montag einen neuen Job an.“

„Nichts davon macht einen anderen Menschen aus Ihnen.“

„Ich weiß selbst noch nicht mal, was für ein Mensch ich bin!“ Wenn es in ihrer Wohnung genug Platz gegeben hätte, hin und her zu gehen, hätte Lia das jetzt getan, so rastlos war sie. „Ich versuche ja selbst, mir einzureden, dass nichts davon eine Rolle spielt …“ Sie stockte.

„Aber?“, half er ihr auf die Sprünge.

„Aber damit mache ich mir nur etwas vor.“ Sie verfluchte sich im Stillen, als ihre Stimme brach. Gregorio war der Letzte, vor dem sie Schwäche zeigen wollte. „Und Sie belügen sich, wenn Sie glauben, dass ich Ihre Beteiligung an dem, was passiert ist, vergesse, nur weil Sie nett zu mir sind und mir etwas zum Abendessen bestellen.“

„Jede Barriere zwischen zwei Menschen lässt sich überwinden, wenn sie es nur wollen.“

„Aber ich will es ja gar nicht!“

„Sind Sie sich da so sicher?“

Wann war Gregorio eigentlich aufgestanden und zu ihr gekommen? Er war so groß, und seine erotische männliche Ausstrahlung machte sie total nervös – eine tödliche Mischung. „Sie müssen jetzt gehen.“

„Wirklich?“

„Ja!“

Trotz der stärkenden Mahlzeit fehlte Lia die Energie, seinem bezwingenden Blick zu widerstehen. Und die Kraft, sich gegen die Versuchung zu wehren, die sein harter und muskulöser Körper darstellte. Es half ihr noch nicht mal, sich in Erinnerung zu rufen, wer er war. Sie war so hilflos wie ein Reh im Scheinwerferlicht, als er langsam den Kopf senkte.

Jetzt wird er mich küssen …

Ganz egal, wie schwach sie sich fühlte, das durfte sie nicht zulassen!

„Nein!“ Sie brachte gerade genug Energie auf, um ihn mit einer Hand abzuwehren, doch schon dieser kurze Körperkontakt reichte, um seinen Herzschlag zu spüren … und die Hitze, die von ihm ausging. „Sie müssen jetzt gehen. Bitte.“ Seine Lippen waren nur wenige Zentimeter von ihren entfernt, und sie spürte seinen warmen Atem im Gesicht.

Tief Luft holend, richtete Gregorio sich wieder auf und trat einen Schritt zurück. „Tja, wenn Sie mich so lieb darum bitten …“

Lia lachte erstickt. „Statt Ihnen mit der Polizei zu drohen, meinen Sie?“

„Ganz genau.“ Er krempelte die Ärmel herunter, knöpfte sie zu und schlüpfte in sein Jackett. „Denken Sie morgen an mich, wenn Sie die Torte essen“, fügte er noch hinzu, bevor er ihre Wohnung verließ und leise die Tür hinter sich ins Schloss zog.

Lia atmete erleichtert auf … bis ihr bewusst wurde, was gerade passiert war. Oh, Gott! Sie hätte sich gerade fast von ihm küssen lassen! Sie …

Sie erstarrte, als sie seine Visitenkarte auf dem Frühstückstresen liegen sah.

Dieselbe Visitenkarte, die sie vorhin nicht hatte annehmen wollen. Mit Gregorio de la Cruz’ persönlicher Handynummer und Goldrand.

3. KAPITEL

„Guten Morgen, Lia!“

Lia spürte förmlich, wie sie beim Anblick des Mannes auf der anderen Seite der Rezeption des Londoner ‚Hotel Exemplar‘ erbleichte. Ihr Blut schien zu stocken, denn je länger sie Gregorio de la Cruz anstarrte, desto schwindliger wurde ihr.

Er legte den Kopf schief. Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie in Zukunft öfter mit mir rechnen sollten.“

Das hatte er – aber Lia wäre nie in den Sinn gekommen, dass er gleich am nächsten Morgen bei ihrer neuen Arbeitsstelle auftauchen würde.

Mit Absicht?

Oder war es reiner Zufall, dass er ausgerechnet jetzt hier hereinschneite? Das bezweifelte sie. Bei so mächtigen und gut vernetzten Männern wie Gregorio gab es keine Zufälle. Was hieß, dass er von ihrer Anwesenheit hier gewusst haben musste. Und das vermutlich aus derselben Quelle, die ihm ihre neue Adresse verraten hatte.

„Lassen Sie mich etwa beschatten, Mr. de la Cruz?“, fragte sie kalt.

„Beschatten? Nein. Ich sorge nur für Ihre Sicherheit“, gab er ungerührt zurück.

„Was kümmert Sie meine Sicherheit?“

„Na ja, Sie sind jetzt ganz allein auf der Welt.“

„Wir wissen ja wohl beide, woran das liegt!“

„Lia …“

„Gibt es hier ein Problem …? Ach, Mr. de la Cruz!“ Michael, der Hotelmanager, verbarg seine Überraschung rasch und begrüßte Gregorio freundlich.

„Guten Morgen, Michael!“ Gregorio schüttelte dem anderen Mann die Hand. „Nein, es gibt kein Problem. Ich bin nur kurz runtergekommen, um Hallo zu Miss … Faulkner zu sagen“, sagte er mit einem beredten Blick auf das Namensschild, das am linken Aufschlag von Lias Jackett steckte.

Gregorio wusste, dass das nicht ihr richtiger Nachname war. Und anscheinend kannte er den Manager des Hotels gut genug, um ihn beim Vornamen zu nennen.

Das bedeutete nichts Gutes.

Er hatte sie vermutlich wirklich beschatten lassen. Vielleicht hatte er sogar bei ihrer Einstellung ein Wörtchen mitgeredet? Aber warum? War sein Gewissen etwa doch nicht so rein, wie er vorgab? Nein, er hatte abgestritten, sich wegen des Todes ihres Vaters schuldig zu fühlen.

Der einzige Grund, der ihr einfiel, war, dass sie jetzt gewissermaßen in seiner Schuld stand. Sie saß in der Falle! Sie war nämlich dringend auf diesen Job angewiesen, wenn sie ihre Rechnungen bezahlen wollte.

„Natürlich.“ Michael schien Gregorios Erklärung anstandslos zu akzeptieren. „Wenn Sie früher Mittagspause machen wollen, lässt sich das bestimmt ein…“

„Nein!“, platzte Lia heraus und wiederholte ihr Nein etwas leiser, als ihr bewusst wurde, wie unhöflich sie geklungen haben musste. „Ein so vielbeschäftigter Mann wie Mr. de la Cruz wird bestimmt anderswo gebraucht.“ Herausfordernd funkelte sie ihn an.

Was auch immer hier vor sich ging, und ob Gregorio bei ihrem neuen Job seine Hand im Spiel gehabt hatte oder nicht – sie wollte nicht, dass ihre Kollegen gleich an ihrem ersten Tag den Eindruck bekamen, dass sie bevorzugt wurde. Weiß der Himmel, was für Rückschlüsse sie allein aus diesem Gespräch ziehen würden!

„Danke für das Angebot, Michael“, sagte Gregorio glatt. „Aber wie Lia schon gesagt hat – ich habe in wenigen Minuten einen weiteren Termin.“

„Ach so … okay.“ Der andere Mann wirkte ziemlich durcheinander. „Dann lasse ich Sie beide mal allein.“ Er eilte in sein Büro hinter der Rezeption zurück.

Gregorio drehte sich zu ihr um. „Mir gefällt Ihr Haar nicht, wenn Sie es hochstecken.“

Sie sah ihn erbost an. „Das ist mir vollkommen egal!“

„Ihre Ausdrucksweise gefällt mir ebenfalls nicht.“

Runtergekommen?“, wiederholte sie wütend. „Sie haben Michael gesagt, dass Sie runtergekommen sind, um Hallo zu mir zu sagen …“, erklärte sie, als Gregorio fragend die Augenbrauen hob.

„Ich bewohne die gesamte Penthouse-Etage des Hotels“, gab er unumwunden zu.

Lia starrte ihn entgeistert an. „Gehört Ihnen etwa das Hotel?“

„Es gehört zur De-la-Cruz-Hotelgruppe, ja.“ Gregorio lächelte befriedigt.

Okay, ich sitze eindeutig in der Falle!

Sie hatte jetzt keinen Zweifel mehr, dass er hinter ihrer Einstellung steckte! Wütend stand sie auf.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, warum ihre Wangen so gerötet waren. Sie war stinksauer auf ihn. „Tun Sie jetzt nichts, das Sie hinterher bereuen werden“, warnte er sie leise.

„Ich bereue nur, Sie Samstag tatsächlich nett gefunden zu haben!“ Sie bückte sich, um ihre Handtasche unter dem Tresen hervorzuziehen. „Ich werde jetzt doch vorzeitig Mittagspause machen. Vielleicht erklären Sie das Ihrem Kumpel Michael?“

„Er ist nicht mein …“

„Bleiben Sie mir vom Leib, Gregorio!“, zischte sie und beugte sich über den Tresen, sodass nur er sie hören konnte. „Suchen Sie sich eine andere Maus, die Sie in die Falle locken können, aber lassen Sie mich in Ruhe!“ Hochrot vor Wut marschierte sie hinterm Tresen hervor, durchquerte die Hotellobby und verließ das Hotel durch die Eingangstür.

Gregorio bezweifelte, dass jetzt der richtige Augenblick war, sie darauf hinzuweisen, dass die Benutzung dieses Eingangs dem Personal nicht gestattet war. Tja, das war ja nicht so toll gelaufen.

Ihm blieb anscheinend nichts anderes übrig, als sich zu gedulden, so wie Lia Fairbanks sich gegen ihn sperrte. Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, dafür zu sorgen, dass sie in einem der de-la-Cruz-Hotels unterkam, aber sie brauchte nun mal ein regelmäßiges Einkommen und hätte Probleme gehabt, eine passende Stelle zu finden. Außerdem hatte er ihr den Job ohne Weiteres zugetraut.

Sie war freundlich, anmutig, kultiviert, schön … Und als Gastgeberin und Gesellschafterin ihres Vaters erfüllte sie die Anforderungen an die Empfangsdame eines renommierten Hotels spielend.

Natürlich hätte er einen passenderen Zeitpunkt abwarten können, um ihr zu sagen, dass ihm das Hotel gehörte. Doch nach einem frustrierenden Sonntag, an dem er sich die ganze Zeit gefragt hatte, was Lia wohl tat und mit wem sie gerade zusammen war, hatte er einfach nicht widerstehen können, sie wenigstens zu sehen. Und als er sie dann gesehen hatte – so gelassen, ruhig und souverän wie erwartet – hatte er sich nicht bremsen können, sie anzusprechen.

Hoffentlich hatte er sie jetzt nicht verjagt.

„Darf ich Sie nach Hause bringen?“

„Nein, danke!“

Lia brauchte den Fahrer des langsam neben ihr fahrenden dunklen Sportwagens nicht anzusehen, um zu wissen, dass es sich um Gregorio handelte.

„Sie fahren lieber mit öffentlichen Verkehrsmitteln, als sich bequem von mir nach Hause chauffieren zu lassen?“

„Ich krieche lieber auf allen vieren nach Hause, bevor ich Ihre Fahrdienste in Anspruch nehme!“

„Seien Sie nicht so kindisch!“

„Ich bin eine unabhängige Frau – trotz Ihrer gegenteiligen Bemühungen!“ Lia ballte die Hände zu Fäusten. Sie hatte befürchtet, ihn wieder im Hotel anzutreffen, als sie von ihrer Mittagspause zurückgekehrt war, doch zu ihrer Erleichterung hatte er sie nicht mehr belästigt … bis jetzt. Sie hätte sich natürlich gleich denken können, dass er nicht so schnell aufgeben würde.

Als er bremste, trat sie an das offene Beifahrerfenster heran und beugte sich zu ihm herunter. „Mir ist bewusst, dass Sie es gewohnt sind, keine Rücksicht auf die Gefühle anderer Menschen zu nehmen, wenn Sie etwas wollen. Aber glauben Sie ja nicht, dass Sie mich mit ein paar teuren Abendessen und einem Job ins Bett kriegen …“ Sie keuchte erschrocken auf. „Was machen Sie da?“, fragte sie, als Gregorio den Motor ausstellte und ausstieg.

Mit finsterem Gesichtsausdruck ging er um den Wagen herum auf sie zu. Instinktiv trat sie einen Schritt zurück.

Er trug eine Jeans mit schwarzem Polohemd und Lederjacke. Schon im Anzug sah er atemberaubend aus, aber jetzt wirkte er noch attraktiver … dunkler und gefährlicher.

Er packte sie an einem Arm und öffnete die Beifahrertür. „Steigen Sie ein!“, stieß er hervor.

„Ich …“

„Steigen Sie in den verdammten Wagen, Lia, bevor ich Sie eigenhändig reinverfrachte!“

Er klang, als stünde er kurz davor, die Selbstbeherrschung zu verlieren. Sie hatte nicht die Absicht, sich in seine Gewalt zu begeben, als sie in seinen Wagen stieg. Vom Bürgersteig aus konnte sie zumindest weglaufen.

Herausfordernd hob sie das Kinn. „Ich glaube, jetzt überschreiten Sie meine Grenzen.“

Seine dunklen Augen glitzerten gefährlich. „Sie haben gerade eine unerhörte Anschuldigung vorgebracht. Eine, die ich nicht mit einer Antwort zu würdigen gedenke, solange wir hier auf der Straße stehen, wo uns jeder hören kann.“

Das Blut schoss ihr in die Wangen. „Sie haben Samstagabend keinen Zweifel daran gelassen, was Sie von mir wollen. Oder irre ich mich in der Annahme, dass Sie mit mir schlafen wollen?“

Ein Muskel zuckte in seinem Unterkiefer. „Nein, Sie irren sich nicht.“

Sie nickte. „Warum sind Sie dann so überrascht? Schließlich musste ich heute auch noch erfahren, dass Sie mein neuer Arbeitgeber sind!“

Gregorio verlor nie die Selbstbeherrschung. Grundsätzlich nicht. Er betrachtete das als Schwäche. Schwächen konnten ausgenutzt werden … und machten einen manipulierbar. Doch in diesem Augenblick war er drauf und dran, die Kontrolle zu verlieren. Niemand hatte je eine so unerhörte Anschuldigung gegen ihn erhoben wie Lia. Niemand hätte es je gewagt.

Und warum sollte er überhaupt zu solch schäbigen Mitteln greifen, um sie ins Bett zu kriegen? Schließlich war sie genauso scharf auf ihn wie er auf sie, sosehr sie sich auch dagegen sperrte.

Er half ihr nur aus einem einzigen Grund: weil sie nämlich sonst niemanden mehr hatte. Und weil sie finanziell in einer schwierigen Situation war. Lias Vorwurf, sie erpressen zu wollen, mit ihm das Bett zu teilen, war daher inakzeptabel. „Wir gehen heute Abend essen.“

„Haben Sie nicht gehört, was ich gerade gesagt habe?“

„Natürlich habe ich Sie gehört“, erwiderte Gregorio ungehalten. „Wie auch nicht? Aber wie ich gesagt habe, werde ich nicht in der Öffentlichkeit mit Ihnen darüber diskutieren.“

Seine Leibwächter hatten ihren SUV hinter ihm geparkt und waren ebenfalls ausgestiegen. Sie beobachteten die beiden wachsam.

„Ich habe nicht die Absicht, allein mit Ihnen zu sein. Ganz egal, wo!“, protestierte sie heftig.

Er musterte sie genervt. Ihre Augen glänzten, ihre Wangen waren gerötet und ihre Lippen voll und rot. Es war so warm, dass sie das Jackett ihres Kostüms ausgezogen hatte. Unter ihrer cremefarbenen Bluse konnte er die Umrisse ihres hellen BH’s erkennen. Ihre Brüste hoben und senkten sich unter ihren Atemzügen, und ihre harten Spitzen zeichneten sich dunkel unter dem dünnen Stoff ab.

Langsam hob er den Blick wieder zu ihrem Gesicht „Sie wollen mich doch genauso wie ich Sie“, sagte er heiser.

„Das ist eine Lüge!“ Lia prallte zurück, als hätte er sie geschlagen. „Wie könnte ich Sie wollen?“, fragte sie schwer atmend. „Sie haben doch dabei mitgeholfen, meinen Vater in den Tod zu treiben!“

Noch während sie diese Worte sagte, verhärteten sich seine Gesichtszüge. Er hatte recht. Sie protestierte nur deshalb so heftig, weil sie tatsächlich scharf auf ihn war. Aber das war falsch! Aus allen möglichen Gründen.

Leider sah ihr verräterischer Körper das anders. Ihre Brüste fühlten sich voller und empfindsamer an, und zwischen ihren Schenkeln pochte es.

„Sie machen sich doch nur etwas vor, Lia“, sagte Gregorio. „Das wissen Sie genauso gut wie ich.“

„Ihre Selbstgefälligkeit ist anscheinend noch größer als Ihre Arroganz!“

Er lächelte humorlos. „Rufen Sie mich an, wenn Sie bereit sind, die Wahrheit über Ihren Vater zu erfahren. Bis dahin …“ Er nickte den beiden Bodyguards zu, um ihnen zu signalisieren, dass er weiterfahren wollte.

Diesmal war Lia diejenige, die ihn an einem Arm festhielt. Sie konnte seine innere Anspannung durch das Leder seiner Jacke spüren. „Die Wahrheit über meinen Vater? Wovon reden Sie?“

Er sah sie aus schmalen Augen an. „Wie gesagt, rufen Sie mich an, wenn Sie zu einem Gespräch bereit sind.“

„Was ist denn jetzt mit meinem Job?“

Er richtete sich zu seiner vollen bedrohlichen Höhe auf. „Ihre Anstellung ist nicht davon abhängig, ob Sie mich sehen oder mir zuhören wollen. Oder von etwas anderem“, sagte er scharf.

Lia ließ ihn los. „Ich verstehe Sie nicht …“

„Sie stellen sich doch nur so quer, weil Sie an Ihren Vorurteilen gegen mich festhalten wollen!“

Da war etwas Wahres dran. Mehr als nur „etwas“, wie sie sich widerstrebend eingestehen musste. Gregorio war zwar arrogant und daran gewohnt, seinen Willen durchzusetzen. Aber seine Wut über ihren Vorwurf, sie in eine Beziehung mit ihm zwingen zu wollen, war echt.

Außerdem … Samstagabend war er so lieb und aufmerksam gewesen. Wäre er wirklich so skrupellos, wie sie gern glauben würde, hätte er seine Machtposition schon da ausnutzen können. Er hätte ihr Nein nicht zu akzeptieren brauchen. Er hatte sie voll in der Hand gehabt.

Sie nickte widerstrebend. „Okay, ich gehe mit Ihnen essen. Aber nur, wenn Sie mir alles über meinen Vater erzählen.“

„Ich dachte, wir essen in einem Restaurant.“ Verunsichert sah Lia sich in dem luxuriösen Privatjet um, in dem sie und Gregorio saßen und Gott weiß wohin flogen. „Ich habe keinen Reisepass dabei.“

„Wir werden nirgendwo landen“, versicherte er ihr. „Und wir brauchen nicht in ein Restaurant zu gehen, weil ich Mancini dazu überreden konnte, uns heute an Bord zu begleiten.“

„Dann fliegen wir also einfach so in der Gegend herum, während wir essen?“

Gregorio zuckte die Achseln. „Warum nicht? So haben wir wenigstens Privatsphäre.“

Privatsphäre war das Letzte, was Lia mit diesem Mann haben wollte. „Erzählen Sie mir jetzt endlich, was Sie angeblich über meinen Vater wissen?“

Er sah plötzlich verschlossen aus. „Wir haben uns doch darauf geeinigt, erst zu essen.“

Sie seufzte frustriert. „Dann lassen Sie uns anfangen. Schenken Sie uns doch schon mal den Wein ein!“

„Sind Sie immer so dominant? Ich meine … auch im Bett?“

Sie keuchte schockiert auf. „Gregorio!“

Belustigt öffnete er den gekühlten Weißwein. Es freute ihn insgeheim, dass Lia ihn beim Vornamen nannte. „Das sollte keine Kritik sein. Ich will nur wissen, worauf ich mich einstellen muss.“

Sie errötete. „Ich bin nur hier, weil Sie mir Informationen über meinen Vater versprochen haben.“

„Wobei Sie genau wussten, wie sehr ich Sie will.“

„Ich war nur … Ich habe nicht … Warum müssen Sie eigentlich ständig auf dem Thema …?“

„Sex herumreiten?“, ergänzte er, als sie verstummte. „Vielleicht, weil ich mir schon fast zwanghaft vorstelle, Sie zu besitzen.“

Sie schnaubte verächtlich. „Das ist doch Unsinn!“

Er füllte zwei Gläser mit Wein und schob ihr eins hin. „Was? Dass ich Sie begehre? Oder dass ich ständig an Sie denken muss, seitdem ich Sie das erste Mal gesehen habe?“

„Ich war mit einem anderen verlobt!“

Gregorio warf einen flüchtigen Blick auf ihre nackte linke Hand. „Eine Verlobung ist keine Ehe.“

„Offensichtlich nicht. Aber es fällt mir schwer zu glauben, dass Sie sich spontan zu einer Frau hingezogen fühlen, der Sie gerade erst begegnet sind.“

„Vielleicht weil Sie es vorziehen, einen Mann in mir zu sehen, der fähig ist, Menschen in den Tod zu treiben?“

Schuldbewusst verzog sie das Gesicht. „Na ja, davon zu reden, jemanden zu besitzen – mich – ist jedenfalls nicht normal“, protestierte Lia schwach.

„Dann würden Sie es also vorziehen, wenn ich Ihnen schmeichle und Sie mit Worten verführe, bevor ich mit Ihnen schlafe?“

„So läuft das normalerweise, ja.“

Er schüttelte belustigt den Kopf. „Für solche Spielchen habe ich keine Zeit.“

„Mir wäre es sogar noch lieber, wenn Sie nie wieder darüber reden würden!“

„Wie schon gesagt, Sie belügen sich selbst.“

„Sie …“

„Soll ich es Ihnen beweisen?“

„Nein!“ Lia sah die Leidenschaft in seinem Blick und hatte keine Lust, ihn auf die Probe zu stellen.

Er holte tief Luft, als er sie von Kopf bis Fuß musterte. „Trinken Sie Ihren Wein“, forderte er sie auf.

„Und Sie nennen mich dominant!“

Gregorio beobachtete sie weiter über den Rand seines Glases hinweg, während er trank. Er wartete, bis Mancini den ersten Gang serviert hatte, bevor er weitersprach. „Halten Sie mich etwa für einen Macho?“

„Ich weiß nicht. Aber vielleicht besteht zwischen uns ein kultureller Unterschied.“

„Das glauben Sie doch wohl selbst nicht. Sie hätten mal meinen Vater sehen sollen – verglichen mit ihm bin ich wirklich fortschrittlich. Ich glaube nämlich an die Gleichberechtigung aller drei Geschlechter.“

„Er … lebt nicht mehr?“

„Nein. Meine Eltern sind beide tot.“ Gregorio hätte sich ohrfeigen können, das schmerzhafte Thema angesprochen zu haben. „Mein Vater sah die Aufgabe meiner Mutter darin, seine Ehefrau zu sein und seine drei Söhne großzuziehen.“

„Und Sie nicht?“ Lia griff nervös nach ihrem Glas Wein. Das Gespräch wurde ihr plötzlich viel zu intim. Diese Situation – der Privatjet, der persönliche Koch – verunsicherten sie total.

„Meine Mutter hat meine beiden Brüder und mich modern erzogen.“ Gregorio zuckte die Achseln. „Sie hat zum Beispiel darauf bestanden, dass wir kochen lernen.“

„Und was hat Ihr Vater dazu gesagt?“

„Er war natürlich entsetzt.“ Ein Lächeln erhellte sein Gesicht, das seinen strengen Gesichtsausdruck milderte und ihn unglaublich attraktiv machte. „Meine Mutter hat meinen Vater genug geliebt, um ihn in dem Glauben zu lassen, dass er das Familienoberhaupt ist, während in Wirklichkeit sie diejenige war, die sämtliche Entscheidungen getroffen hat.“

„Sie muss eine tolle Frau gewesen sein“, sagte Lia sehnsüchtig.

Er wusste, dass sie ohne Mutter aufgewachsen war. Anscheinend trat er heute von einem Fettnäpfchen ins nächste. „Allerdings“, bestätigte er kurz angebunden.

„Sie selbst haben nie geheiratet?“

„Ich hatte bisher keine Zeit für eine Frau.“

„Das sieht die Klatschpresse aber anders!“

„Ich meine eine Frau, die ich auch heiraten will.“

„Anstatt bloß mit ihr zu schlafen?“

Er presste die Lippen zusammen. „Ja.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Ihr Leben je für eine Frau verändern würden.“

„Nein?“

Lia war sich seiner körperlichen Gegenwart so bewusst, dass es ihr schwerfiel, innerlich auf Distanz zu bleiben. Aber das musste sie, wenn sie ihm widerstehen wollte … was immer schwieriger für sie wurde, je mehr er ihr über sich erzählte. Und sie wollte mehr über ihn erfahren. Was zweifellos seine Absicht war.

Sie durfte auf keinen Fall vergessen, wer er war!

Aufsässig funkelte sie ihn an. „Ich habe kein Interesse an Ihnen!“

Er lächelte selbstgefällig. „Ach, nein?“

„Nein!“, fauchte sie. Dabei war sein wissender Blick nur allzu gerechtfertigt. Sie konnte sich nicht erinnern, je so erregt in der Gegenwart eines Mannes gewesen zu sein. Nie.

Lia hatte David über ein Jahr gekannt, als er sie zum ersten Mal um ein Date gebeten hatte. Bis zu seinem Heiratsantrag waren sie ein weiteres Jahr zusammen gewesen, und erst einen Monat später hatte er sie zum ersten Mal gefragt, ob sie die Nacht bei ihm verbringen wollte. Wie immer hatte sie Ja gesagt.

Bis zu dem Abend, an dem David ihre Verlobung gelöst hatte, war er ihr gegenüber in jeder Hinsicht ein echter Gentleman gewesen.

Gregorio hingegen war kein Gentleman. Er bat nicht um etwas, sondern forderte es einfach ein.

Aber war das nicht besser so? Sich einfach davonreißen zu lassen, ohne darüber nachzudenken, ob es vernünftig war oder die möglichen Folgen zu bedenken?

Nein, natürlich nicht! Jetzt, wo Lia ganz allein auf sich gestellt war, war es umso wichtiger für sie, auf sich aufzupassen. Vor allem, wenn es um Gregorio de la Cruz ging!

4. KAPITEL

„Sie haben mich reingelegt“, beschwerte Lia sich zwei Stunden später, als sie ihre Wohnungstür aufschloss.

„Ich habe nur vorgeschlagen, das Dessert hier zu essen.“ Gregorio folgte ihr in die Wohnung.

„Damit Sie unser Gespräch über meinen Vater noch länger hinauszögern können. Machen Sie es sich lieber nicht zu bequem“, warnte sie ihn, als er sich an den Frühstückstresen setzte. „Sie werden nämlich nicht lange bleiben.“

„Sie sind bestimmt dominant im Bett.“

„Das werden Sie nie erfahren.“

Gregorio gab keine Antwort darauf. Wozu sich die Mühe machen, ihr zu widersprechen, wenn er doch wusste, dass sie ihn genauso wollte wie er sie?

Wollen Sie überhaupt Dessert?“

„Nein danke, ich kriege keinen Bissen mehr hinunter.“

„Habe ich mir schon gedacht.“ Sie stellte den Nachtisch in den Kühlschrank und richtete sich wieder auf. „So, ich habe mit Ihnen gegessen und damit meinen Teil der Abmachung erfüllt. Jetzt sind Sie dran. Schießen Sie los!“ Sie lehnte sich gegen einen der Küchenschränke und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Natürlich.“ Gregorio stand auf und sah sich in der inzwischen sehr ordentlichen Wohnung um. Sämtliche Kartons waren geleert und entsorgt und die Möbel sorgfältig arrangiert worden. Lia hatte mehrere Fotos von sich und ihrem Vater aufgestellt. „Ich mochte Ihren Vater sehr … aber offensichtlich sehen Sie das anders“, fügte er hinzu, als sie verächtlich schnaubte.

„Ich habe keinen Grund, Ihnen auch nur irgendetwas zu glauben.“

„Und ich keinen, Sie zu belügen.“ Er runzelte die Stirn. „Lia, meine Firma hat ihr Angebot, ‚Fairbanks Industries‘ zu kaufen, nicht zurückgezogen.“

„Natürlich haben Sie das!“

„Nein“, beharrte er. „Ihr Vater war derjenige, der einen Rückzieher gemacht hat.“

Sie löste sich von der Arbeitsplatte. „Das ist doch lächerlich! Warum um alles in der Welt sollte er das getan haben? Er hätte mit dem Verkauf der Firma schließlich den Bankrott abwenden können.“

„Da die Finanzaufsichtsbehörde jetzt ermittelt, nehme ich an, er hat ein paar … Unregelmäßigkeiten festgestellt.“

„Was für Unregelmäßigkeiten?“

„Ich glaube, mehrere Millionen wurden von den Firmenkonten ins Ausland transferiert.“

„Glauben Sie das nur, oder wissen Sie es?“

„Ich weiß es“, gab er zu.

„Mein Vater hat jedenfalls keine Gelder von seiner eigenen Firma veruntreut, falls Sie das meinen!“ Lia ballte die Hände zu Fäusten.

„Natürlich nicht.“

„Wer war es dann?“

Er zuckte die Achseln. „Nur wenige Menschen hatten Zugriff auf die betroffenen Konten.“

Nachdenklich runzelte Lia die Stirn. Wer außer ihrem Vater war das gewesen? Sie natürlich … und die beiden Vizepräsidenten der Firma. Die Buchhaltung hatte auch begrenzten Zugriff, aber nicht genug, um so große Summen zu transferieren. Es gab sonst niemanden, außer …

Sie sah Gregorio schockiert an. „Wissen Sie zufällig, wen er im Verdacht hatte?“

„Ich glaube, Sie kennen die Antwort.“

Es gab nur einen Menschen, der infrage kam. Aber das konnte nicht sein!

David war nicht nur der Anwalt ihres Vaters, sondern auch ihr Verlobter gewesen. Außerdem war seine Familie unglaublich reich. Er hatte keinen Grund, Geld zu stehlen.

Lia hatte weiß Gott keinen Grund, ihn zu verteidigen, nachdem er sie einfach so im Stich gelassen hatte. Aber sie konnte trotzdem nicht glauben, dass der Mann, den sie hatte heiraten wollen, zu so etwas fähig war. „Sie müssen sich irren.“ Abwehrend schüttelte sie den Kopf.

Gregorio sah ihr an, was sich in ihr abspielte – auf ihre anfängliche Verwirrung folgte die Erkenntnis, direkt darauf gefolgt von Abwehr. „Sagen Sie das, weil Sie wissen, dass ich mich irre, oder weil Sie es hoffen?“

Ein paar Sekunden lang schaute sie ihn verständnislos an. „Ich gebe zu, dass David nicht der Mann ist, für den ich ihn gehalten habe, als ich seinen Heiratsantrag annahm, aber er ist doch kein Dieb.“

„Ich wiederhole meine Frage: Wissen Sie das genau, oder wollen Sie es nur glauben?“

Sie straffte die Schultern. „David kommt aus einer sehr reichen Familie. Er ist Partner in einer der renommiertesten Anwaltskanzleien Londons. Seinem Vater gehört die Kanzlei, um Himmels Willen!“

„Und das beweist seine Unschuld?“

„Also … nein. Natürlich nicht.“ Ungeduldig sah sie Gregorio an. „Aber warum hätte er meinen Vater bestehlen sollen?“ Trotzig hob sie das Kinn. „David hat selbst genug Geld.“

„Meinen Quellen zufolge hat Richardson ein ernstes Glücksspielproblem.“

„Ihre Quellen müssen sich irren.“ Entschlossen schüttelte sie den Kopf. „Ich war ein Jahr lang mit ihm zusammen und drei Monate lang mit ihm verlobt. Er ist kein Spieler.“

„Ich fürchte doch, und zwar exzessiv. Man hat mir glaubwürdig versichert, dass er allein letzten Monat mehr als sechzigtausend Pfund in einem Kasino verspielt hat.“

Schockiert sah Lia ihn an. „Aber ich habe nie mitbekommen … Es gab nie Anzeichen für … Sollte ich mich wirklich so in ihm getäuscht haben?“

Gregorio hatte gewusst, dass dieses Gespräch sehr schwierig werden würde. Nur deshalb hatte er es so lange hinausgezögert. Ihm war klargewesen, dass es ihr schwerfallen würde zu glauben, dass ihr Ex-Verlobter zu einem Delikt dieser Größenordnung fähig war – obwohl er sie eiskalt verlassen hatte, als sie ihn am dringendsten gebraucht hatte.

Und dass sie Gregorio diese Enthüllungen sehr übel nehmen würde.

Er hatte keinen Zweifel dran, dass die Finanzaufsichtsbehörde das verschwundene Geld schließlich finden würde, doch damit würden die Ermittlungen abgeschlossen sein. Das Ausland entzog sich ihrem Zugriffsbereich.

Gregorio hingegen brauchte sich nicht an solche Grenzen zu halten. Seine eigenen Sicherheitsleute folgten der Geldspur gerade zu einem Auslandskonto, das unter dem Namen ‚Madras Enterprises‘ lief. Er hatte keinen Zweifel, dass David Richardson sich dahinter verbarg.

„Wer auch immer dahintersteckt … Mein Vater ist an dem Stress gestorben, dem er deswegen ausgesetzt war!“ Tränen schimmerten in Lias Augen.

Gregorio presste grimmig die Lippen zusammen. „Ich werde der Sache auf den Grund gehen, das verspreche ich Ihnen“, versicherte er ihr. „Und sobald ich weiß, wer dafür verantwortlich ist, wird derjenige dafür bezahlen.“

„Das bringt meinen Vater auch nicht zurück.“

„Nein.“

Sie ließ sich in einen Sessel fallen. „Dann spielt es nicht wirklich eine Rolle, wer Schuld hat, oder?“ Sie lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen.

Er sah das anders. Wenn David Richardson tatsächlich hinter der Veruntreuung steckte, durfte er nicht ungeschoren davonkommen. Oder in einer Position bleiben, die es ihm erlaubte, noch andere Mandanten zu betrügen.

„Haben Sie mir das alles erzählt, damit ich Sie nicht mehr hasse?“, fragte sie plötzlich.

Gregorio sah sie forschend an, wurde aus ihrem Blick jedoch nicht schlau. „Ich habe es Ihnen gesagt, damit Sie die Wahrheit wissen.“

„Aber auch, damit ich Sie nicht mehr hasse?“, wiederholte sie.

„Ist das eine Fangfrage?“ Misstrauisch sah er sie an. „Ich habe das Gefühl, nur verlieren zu können, egal wie meine Antwort ausfällt.“

„Schön möglich.“ Humorlos lächelnd stand sie auf. „Sie gehen jetzt besser. Mir schwirrt der Kopf von allem, was Sie mir erzählt haben, und ich muss mich auf meine Arbeit morgen konzentrieren.“

Er musterte sie besorgt. „Geht es Ihnen gut?“

„Ja.“

Lia wünschte, sie wäre so zuversichtlich, wie sie klang. Was Gregorio ihr gerade erzählt hatte, war tief verstörend. Sie konnte nicht glauben, dass David involviert war. Aber falls ihr Vater tatsächlich herausgefunden hatte, dass jemand Gelder veruntreute und deshalb die Verhandlungen mit ‚De la Cruz Industries‘ abgebrochen hatte, lag dieser Verdacht nahe.

Oh Mann, kaum hatte sie ihr Leben endlich wieder einigermaßen im Griff, kam schon der nächste Schlag!

Sie musste jetzt erst mal verdauen, was Gregorio ihr erzählt hatte. Sollte sein Verdacht sich bestätigen, hatte David ihren Vater auf dem Gewissen. Sie fragte sich inzwischen, warum er sie überhaupt umworben und ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte.

Und vor allem, ob sie ihrer Menschenkenntnis trauen konnte?

Sie hatte ihm vertraut. Selbst wenn Gregorios Anschuldigungen unbegründet waren – David hatte sie nach dem Tod ihres Vaters eiskalt fallen lassen.

Gregorio hingegen, dem sie von Anfang an misstraut hatte, war ihr gegenüber bisher immer nur hilfsbereit gewesen. Er hatte sie die ganze Zeit beschützt und vermutlich sogar dafür gesorgt, dass sie den Job am Empfangstresen bekam. Und ihr dadurch etwas von dem Stolz und dem Selbstvertrauen zurückgegeben, die sie verloren hatte.

Konnte es sein, dass der Gute in Wirklichkeit der Schurke war und der Schurke der Gute?

Lia bekam allmählich Kopfschmerzen, so verwirrend war das alles. „Ich bringe Sie zur Tür“, sagte sie.

Gregorio wusste, dass ihm keine andere Wahl blieb, als zu gehen. Langsam folgte er ihr zur Wohnungstür.

„Danke“, sagte sie zu seiner Überraschung, als sie dort ankamen.

„Wie bitte?“

Sie hob das Kinn. „Es muss Ihnen sehr schwergefallen sein, mir das zu sagen.“

Gregorio atmete tief durch. Lia schien allmählich Vertrauen zu ihm zu fassen.

„Das heißt noch lange nicht, dass ich Ihnen verzeihe“, fügte sie trotzig hinzu. „Nur, dass ich nicht mehr so fest von Ihrer Schuld überzeugt bin.“

Er musste lächeln. „Damit kann ich leben.“

„Und rufen Sie Ihre Wachhunde zurück. Die Vorstellung, dass jemand mich beobachtet, ist mir sehr unangenehm.“

Es war ihm lieber, dass sie sich unbehaglich fühlte, als dass ihr etwas zustieß. Wenn Richardson auch nur für einen Moment der Verdacht kam, dass sie über ihn im Bilde war, war ihm vermutlich alles zuzutrauen. Zurzeit wähnte er sich in Sicherheit, aber das konnte sich schnell ändern.

„Gregorio?“, hakte sie nach.

Er zog eine Grimasse. „Ihr Vater hätte bestimmt gewollt, dass jemand auf Sie aufpasst.“

Sie hob die Augenbrauen. „Ich bezweifle, dass er dabei an Sie gedacht hätte.“

„Stimmt“, bestätigte er trocken. „Kriege ich noch einen Gutenachtkuss?“

Sie öffnete protestierend den Mund, brach dann jedoch in schallendes Gelächter aus. „Haben Sie je eine Frau um Erlaubnis gebeten, sie zu küssen?“

„Nein“, gab er zu.

Sie lachte wieder. „Das war zumindest eine ehrliche Antwort.“

„Und wie lautet Ihre?“

Trotz seines lockeren Tonfalls konnte sie seine innere Anspannung spüren. Sie erkannte sie in seinem Gesichtsausdruck, seinen steifen Schultern und seinen zu Fäusten geballten Händen … langen und eleganten Händen, die sie beim Abendessen verstohlen beobachtet hatte. Alles an Gregorio war elegant und beherrscht. Die Art, wie er sich bewegte. Wie er aß. Wie er redete …

Lia war versucht, diese Selbstbeherrschung auf die Probe zu stellen – nur für ein paar Sekunden. Außerdem war es sehr eng im Flur, vor allem in Gregorios Gegenwart. Sie konnte seine Wärme spüren und sein verführerisches Aftershave riechen …

Sie sah ihm direkt in die unergründlichen schwarzen Augen. „Ja.“

Er sah sie fast verdutzt an. „Ja?“

Sie lächelte. Es tat tut, wieder natürlich zu lächeln, statt die höfliche Maske aufzusetzen, die sie sich in den letzten Wochen in der Öffentlichkeit angewöhnt hatte. Außerdem erfüllte es sie mit einer gewissen Genugtuung, ihn überrumpelt zu haben. „Ja“, wiederholte sie etwas fester.

Sie sehnte sich gerade nach körperlicher Wärme – und zwar nicht der irgendeines Menschen, sondern Gregorio de la Cruz‘. Sie musste einfach wissen, wie es sich anfühlte, von ihm umarmt und geküsst zu werden.

Gregorio zögerte nicht länger. Er umfasste Lias Gesicht und hielt ihren Blick mit seinem gefangen, bevor er langsam den Kopf senkte und sie küsste.

Unter dem Druck seiner Lippen öffneten ihre sich wie von selbst. Er ergriff Besitz von ihrem Mund, sanft und erregend. Sie umfasste seine Handgelenke und stellte sich auf die Zehenspitzen, um den Kuss zu vertiefen.

Gregorio war schon seit Tagen … ach was, Wochen, in einem Zustand der Dauererregung. Als er Lia jetzt endlich küsste, wollte er am liebsten nie wieder damit aufhören. Er legte ihr die Arme um die Taille und zog sie fest an seine Erektion. Sanft ließ er die Zunge über ihre Lippen und dazwischen gleiten.

Er hatte das Gefühl, in ihr zu sein, als sie seinen Kuss leidenschaftlich erwiderte – ein Vorspiel auf das, was kommen würde, wenn er zwischen ihren Schenkeln lag. Sie fühlte sich so heiß und feucht an … so unglaublich gut.

Stöhnend vor Begierde vertiefte Gregorio sein Zungenspiel und legte die Hände auf ihren Po, um sie noch fester an sich zu ziehen.

Sie stöhnte auf, als sie seine Erektion in voller Länger an ihrem Bauch spürte. Heiß pochte es zwischen ihren Schenkeln, und ihre Brustwarzen fühlten sich so hart an, dass sie sich schmerzhaft an der einengenden Spitze ihres BHs rieben.

Sie presste sich an ihn und strich fieberhaft über seinen Rücken. Sie wollte mehr von ihm, sehnte sich schmerzlich nach Erfüllung.

Gregorio ließ die Lippen über ihren Hals gleiten. „Darf ich bleiben?“, fragte er heiser. „Bitte, Lia, lass mich …“

„Ja.“

Sie ließ ihn noch nicht mal ausreden. Sie wollte gerade nicht reden – sie wollte … wollte … ihn. Ihn und die Lust, die sie einander schenken würden.

David war bisher ihr einziger Liebhaber gewesen, und sie war immer davon ausgegangen, dass es an ihr gelegen hatte, dass sie keinen Orgasmus bekam. Sie hatte sich damit getröstet, dass sie sich erst aneinander gewöhnen mussten. Dass die Lust schon noch kommen würde, wenn sie erst vertrauter miteinander waren.

Aber schon nach wenigen Minuten in Gregorios Armen, als sie seine Lippen und Hände spürte, hatte sie das Gefühl zu explodieren. So als wolle etwas aus ihr herausbrechen, das sich bisher nie hatte Bahn brechen können.

„Ich habe Ja gesagt“, sagte sie, als er sie forschend ansah.

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