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JULIA EXTRA BAND 445

CAROL MARINELLI

Schicksalhafte Nächte in Rom

Für Sophie steht fest, die Nacht in Bastianos Luxussuite wird sie nie bereuen! Bis die loyale Hotelangestellte wegen seiner Falschaussage den Job verliert. Hat sie sich in Bastiano etwa so getäuscht?

MAISEY YATES

Gefangen im Schloss des dunklen Prinzen

Prinz Adam Katsaros will nicht nur Rache, sondern sein Königreich zurück. Mit der strahlend schönen Belle an seiner Seite bekommt er beides. Aber kann er die Tochter seines Erzfeinds jemals lieben?

BELLA FRANCES

Schillernde Nächte in der Karibik

Arrogant und selbstherrlich! Männer wie Polo-Star Dante Hermida sind für Lucie ein rotes Tuch! Aber warum schmilzt sie vor Verlangen, als er sie unter der karibischen Sonne verlangend in seine Arme zieht?

CHRISTY MCKELLEN

Nie kann ich dich vergessen!

Nach einem Unfall kann Tycoon Caleb Araya sich an nichts mehr erinnern. Nur die hinreißende Elena und ihre heißen Küsse geben seinem Leben wieder Sinn. Doch ist Elena wirklich so ehrlich, wie er glaubt?

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Schicksalhafte Nächte in Rom

PROLOG

Bastiano Conti war hungrig auf die Welt gekommen.

Hungrig und unerwünscht.

Seine Mutter war bei Bastianos Geburt gestorben – den Namen seines Vaters hatte sie nie offenbart. Ihren einzigen Besitz hatte sie ihrem kleinen Sohn vermacht, einen Ring aus Gold mit einem kleinen, von Süßwasserperlen umgebenen Smaragd.

Bastianos Onkel, selbst mit vier Kindern gesegnet, hatte vorgeschlagen, das schreiende Baby von Nonnen aufziehen zu lassen. In der Nähe von Casta gab es nämlich ein Kloster mit Blick auf das Meer, und Waisenkinder wurden normalerweise dorthin geschickt.

Aber das Kloster stand kurz vor dem Ruin.

Die Krankenschwestern im Tal von Casta hatten viel zu tun, doch manchmal erbarmte sich eine und hielt Bastiano nach dem Füttern ein bisschen länger im Arm.

Manchmal.

„Famiglia, sagte der Priester zu Bastianos Onkel. „Die Contis sind dafür bekannt, sich um ihre Familienangehörigen zu kümmern.“

Die Contis beherrschten das Tal im Westen und die Di Savos im Osten.

Hier war Familienzusammenhalt von höchster Bedeutung!

Und so nahmen Bastianos Onkel und dessen widerstrebende Frau den kleinen Bastard mit nach Hause. Doch für Bastiano wurde es nie ein echtes Zuhause.

Er blieb immer ein Außenseiter. Wenn etwas schiefging, gab man zuerst ihm die Schuld. Und wenn es vier Brioches gab, wurden sie nicht geteilt, um fünf Kinder satt zu kriegen. Nein, Bastiano ging dann leer aus.

In der Schule, wo er seinen Platz neben Raul Di Savo hatte, ahnte Bastiano eines Tages, warum das so war.

„Was würden eure Eltern zuerst aus einem Feuer retten?“, fragte Schwester Francesca die Klasse. „Raul?“

Der Junge zuckte nur die Achseln.

„Dein Vater“, hakte sie nach. „Was wäre das Erste, wonach Gino greifen würde?“

„Nach seinem Wein?“

Die Kinder lachten, und Schwester Francesca wandte die Aufmerksamkeit gereizt von Raul ab. „Bastiano“, sagte sie scharf. „Wen würde deine Tante wohl retten?“

Er sah sie ernst aus grauen Augen an und runzelte nachdenklich die Stirn. „Ihre Kinder?“

„Richtig.“

Sie drehte sich wieder zur Tafel um, doch Bastiano hing noch lange seinen Gedanken nach. Er hatte in der Tat die richtige Antwort gegeben – seine Tante würde ihre Kinder retten.

Aber nicht ihn.

Er würde nie an erster Stelle kommen.

Als er mit sieben zum Bäcker geschickt wurde, um Brioches zu holen, zauste die Frau des Bäckers ihm das Haar. Er war zärtliche Gesten damals so wenig gewohnt, dass sein Gesicht sich schlagartig aufhellte. Sie machte ihm ein Kompliment über sein niedliches Lächeln.

„Ihres ist auch niedlich“, antwortete Bastiano.

Lachend schenkte sie ihm einen Cannolo, und Bastiano und Raul setzten sich auf den Hügel und genossen die süße Leckerei.

Die Jungs hätten eigentlich Erzfeinde sein müssen – die Contis und die Di Savos kämpften seit Generationen um die Weinberge dieser Gegend –, doch Bastiano und Raul waren dicke Freunde.

Der kleine Zwischenfall beim Bäcker machte Bastiano bewusst, dass er mit Charme besser durchkam. Ein Lächeln wirkte oft Wunder! Später lernte er, mit Blicken zu flirten … und wurde dann oft mit etwas viel Süßerem belohnt als einem Cannolo.

Trotz der Proteste ihrer beider Familien blieben Bastiano und Raul Freunde. Oft saßen die Jugendlichen auf dem Hügel neben dem inzwischen verlassenen Kloster und tranken billigen Wein. Den Blick auf das Tal gerichtet, erzählte Raul ihm eines Tages, dass sein Vater seine Mutter schlug und er deshalb nicht sicher war, ob er wirklich zum Studieren nach Rom gehen konnte.

„Dann bleib doch hier, Raul.“

Für Bastiano stand eins fest: Hätte er eine Mutter oder jemanden, dem er etwas bedeutete, würde er nie weggehen. Außerdem würde er Raul sehr vermissen, obwohl er ihm das natürlich nie sagen würde.

Doch Raul ging.

Eines Morgens, als Bastiano die Straße entlangging, sah er Gino schreiend aus Rauls Haus stürmen, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Da Raul bereits fortgezogen war, beschloss Bastiano, nach dessen Mutter zu sehen.

„Signora Di Savo?“ Er klopfte an die offene Tür, doch sie gab keine Antwort. Er konnte sie lediglich weinen hören.

Seine Tante und sein Onkel nannten sie zügellos, aber zu ihm war Rauls Mutter früher immer sehr lieb gewesen.

Besorgt betrat er das Haus und fand sie schluchzend auf den Knien in der Küche.

„Hey.“ Er goss ihr ein Glas Wasser ein, nahm ein Tuch und befeuchtete es, um den blauen Fleck unter ihrem Auge zu kühlen. „Soll ich jemanden anrufen?“

„Nein.“

Als er ihr beim Aufstehen half, lehnte sie sich weinend an ihn. Bastiano wusste nicht, wie er reagieren sollte. „Warum verlassen Sie ihn nicht?“, fragte er hilflos.

„Das habe ich doch schon oft versucht.“

Bastiano runzelte verwirrt die Stirn, denn Raul hatte ihm erzählt, dass er sie wiederholt angefleht hatte zu gehen, sie sich jedoch immer geweigert hatte. „Können Sie nicht zu Raul nach Rom ziehen?“

„Er will mich dort nicht haben. Er hat mich verlassen“, schluchzte Maria. „Niemand will mich.“

„Das stimmt nicht.“

Hoffnungsvoll hob sie den Blick zu ihm. „Meinst du das ernst?“

Bastiano wollte sie schon korrigieren und ihr sagen, dass es bestimmt Menschen gab, die sie wollten … nur nicht gerade er.

Maria legte ihm eine Hand auf eine Wange. „Du bist so hübsch.“ Sie fuhr mit der anderen Hand durch sein volles schwarzes Haar. Es fühlte sich anders an als damals bei der Frau des Bäckers. Nicht mütterlich, sondern … Verunsichert nahm Bastiano ihre Hand weg und trat einen Schritt zurück. „Ich muss gehen.“

„Geh noch nicht.“

Sie trug nur ein Unterkleid, das etwas verrutscht war, sodass eine ihrer Brüste entblößt war. Er wollte Maria nicht in Verlegenheit bringen und drehte sich daher um.

„Bitte geh nicht“, wiederholte sie.

„Ich muss zur Arbeit.“

Bastiano war inzwischen von der Schule abgegangen und arbeitete in der Bar, in deren Hinterzimmern sein Onkel seine illegalen Geschäfte abwickelte.

„Bitte, Bastiano …“, flehte Maria. Sie hielt ihn an einem Arm fest und ging um ihn herum. „Oh“, sagte sie leise, als ihr auffiel, wie viel ihr Unterkleid preisgab.

Bastiano wandte den Blick ab und versuchte verzweifelt so zu tun, als sei ihm nichts aufgefallen. Er ging davon aus, dass sie ihr Kleid jetzt zurechtzupfen würde, aber das tat sie nicht. Stattdessen nahm sie eine seiner Hände und legte sie auf die nackte Wölbung ihrer Brust. Dann tastete sie mit einer Hand nach Bastianos Hose. „Du bist ganz hart.“

„Gino könnte jeden …“

„Er kommt erst zum Abendessen zurück.“

Bastiano war normalerweise derjenige, der bei Frauen die Initiative ergriff, aber nicht an diesem Morgen. Schon sank Maria vor ihm auf die Knie. Nach wenigen Minuten war es vorbei.

Als er ging, schwor er sich, nie wieder zurückzukehren.

Doch noch am selben Nachmittag machte Bastiano einen Abstecher zur Apotheke, um Kondome zu kaufen, und eine Stunde später landeten sie zusammen im Bett.

Der Sex war heiß, verboten und intensiv. Sie trafen sich, wann immer sie konnten, doch für Maria war es nie genug.

„Lass uns von hier weggehen“, schlug Bastiano eines Tages vor. Er konnte die Vorstellung nicht mehr ertragen, dass sie mit Gino zusammen war.

„Das geht nicht“, wandte sie ein und bat ihn, ihr seinen Ring zu zeigen. Sie steckte ihn sich an den Finger. „Wenn du mich lieben würdest“, sagte sie, „würdest du mir so etwas Hübsches schenken.“

„Maria, gib mir den Ring zurück.“ Der Ring war alles, das ihm von seiner Mutter geblieben war, aber Maria weigerte sich.

Bastiano drehte sich um und ging. Er stieg den Hügel zum Kloster hinauf und setzte sich, um nachzudenken. Sein ganzes Leben lang hatte er sich nach Liebe gesehnt, doch jetzt stellte er fest, dass Liebe ihm egal war. Er brauchte keine Liebe.

Doch er wollte den Ring seiner Mutter zurück.

Entschlossen stand er auf, um ihn sich zurückzuholen, als sich vor seinen Augen das Drama abspielte.

Ein Wagen bog zu schnell um eine Kurve. „Dummkopf!“, murmelte er abfällig. Aber dann sah er, dass der Fahrer bei der nächsten Kurve von der Straße abkam.

Bastiano rannte auf das brennende Wrack zu, doch jemand hielt ihn zurück. Es war Ginos Wagen. Aber nicht Gino saß in dem brennenden Auto … sondern Maria.

Marias Tod machte Bastiano zum völligen Außenseiter.

Raul kehrte aus Rom zurück. Am Abend vor der Beerdigung trafen sie sich auf dem Hügel nahe der Klosterruine, wo sie früher so oft beieinandergesessen hatten.

„Du hättest jede andere Frau im Tal haben können!“ Raul konnte seine Wut kaum zügeln.

„Ich habe mich nur vergewissern wollen, dass es ihr gut geht, aber …“

Doch Raul wollte nicht hören, dass seine Mutter diejenige gewesen war, die Bastiano verführt hatte. „Du hast sie einfach mit deinem falschen Charme rumgekriegt …“

Raul kannte Bastiano und wusste daher, dass Bastiano sogar die scheueste Frau mit Blicken ermuntern und jeden Widerstand mit einem bloßen Lächeln zunichtemachen konnte. „Es war ein Fehler von mir, dir zu vertrauen. Im Grunde bist du an ihrem Tod schuld.“

Ja, Bastiano war immer der Erste, dem man die Schuld gab …

„Halt dich bloß von der Beerdigung fern!“, warnte Raul ihn.

Doch Bastiano brachte das nicht fertig.

Am nächsten Tag wurde alles nur noch schlimmer. Nach einer blutigen Auseinandersetzung auf dem Friedhof stellte sich nämlich schon bald heraus, dass Maria die Hälfte ihres Geldes Bastiano hinterlassen hatte.

Raul, sein ehemals bester Freund, beschuldigte ihn jetzt sogar, Marias Tod absichtlich herbeigeführt zu haben, und schwor, den Rest seines Lebens damit zu verbringen, Bastiano zu ruinieren.

Man sagt, es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.

Die Menschen im Tal von Casta hatten sich früher nie viel um Bastiano gekümmert, doch nun hielten ihn alle für einen Lügner und Betrüger. Für sie war er der schlechteste Mensch im ganzen Tal.

Und Bastiano sah das genauso …

1. KAPITEL

Manche Nächte waren die Hölle.

„Bastiano!“

Als er den vertrauten süßlichen Ruf hörte, wusste Bastiano, dass er nur träumte, denn Maria war schon lange tot.

„Bastiano!“, rief sie wieder lockend seinen Namen.

Er griff nach unten und spürte keine Erektion – ein kleiner Triumph. Er unterdrückte ein finsteres Lächeln, als er ihr im Traum kühl mitteilte, dass sie keine Wirkung mehr auf ihn hatte.

Maria gab ihm eine Ohrfeige.

Sie trug den Ring seiner Mutter, sodass er spüren konnte, wie ihm das kalte Metall die Wange aufschlitzte. Blut quoll ihm zwischen den Fingern hindurch.

Bastiano wusste, dass er träumen musste, denn der heftige Kampf mit Raul war auf dem Friedhof passiert. Die Wunde hatte er erst nach Marias Beerdigung bekommen.

Alle hatten ihm damals die Schuld an ihrem Tod gegeben.

Doch jetzt, fünfzehn Jahre später, befand sich Bastino nicht mehr in Casta, sondern in einer der Präsidentensuiten des Hotels Grande Lucia in Rom. Er hatte erfahren, dass sein Erzfeind Raul Di Savo mit dem Gedanken spielte, das Hotel zu kaufen, und Bastiano wollte ihm unbedingt zuvorkommen.

Bastiano zwang sich, wach zu werden, und warf einen Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch. Grimmig schaltete er die Weckfunktion aus. Jetzt konnte er sowieso nicht wieder einschlafen.

Er wusste, warum Maria in seine Träume zurückgekehrt war. Im Grunde war sie nie wirklich daraus verschwunden, aber dieser Traum war so lebendig gewesen, dass es nur einen Grund dafür geben konnte – er und Raul wohnten im selben Hotel.

Er hörte ein leises Klopfen an seiner Tür und dann jemanden einen Servierwagen ins Wohnzimmer schieben.

„Minchia!“

Bastiano musste lächeln, als er den typisch sizilianischen Fluch hörte. Anscheinend war das Zimmermädchen über irgendetwas gestolpert.

Leise klopfte sie an seine offenstehende Schlafzimmertür.

„Herein!“

Als Besitzer mehrerer Kureinrichtungen und Nobelhotels war Bastiano an Zimmerservice gewöhnt. Um keinen Smalltalk mit dem Zimmermädchen machen zu müssen, schloss er einfach die Augen.

Als Sophie sah, dass er keinerlei Anstalten machte, sich aufzusetzen, verzichtete sie auf einen Morgengruß. Es gab klare Regeln im Grande Lucia, und das Personal war perfekt geschult.

Sophie liebte ihren Job, und obwohl sie den Gästen normalerweise nicht das Frühstück brachte, hatte man sie ausnahmsweise nach ihrer Nachtschicht darum gebeten. Da sie bei der Übergabe nicht dabei gewesen war, wusste sie nicht, wer in dieser Suite wohnte, aber sie hatte sich vorsorglich den Namen auf der Frühstücksbestellung eingeprägt.

Signor Bastiano Conti.

So leise wie möglich öffnete Sophie die schweren Vorhänge und Fensterläden, sodass der Gast beim Aufsitzen den wundervollen Anblick Roms in der Morgensonne genießen konnte.

Was für ein herrlicher Tag! Es kam ihr so vor, als öffneten sich die Vorhänge zu einem wunderschönen Bühnenbild.

Am Himmel trieben nur wenige Wolken, die sich jedoch schnell auflösen würden, denn es versprach ein warmer Sommertag zu werden. Das Kolosseum sah aus wie gemalt. Sophie bekam wie immer eine Gänsehaut bei dem Anblick der Ewigen Stadt.

Oh ja, es war ein guter Tag, denn hätte sie nicht die schwierige Entscheidung getroffen, Luigi trotz des Wunsches ihrer Familie nicht zu heiraten, würde sie morgen ihren ersten Hochzeitstag feiern.

Für einen Moment vergaß sie völlig, wo sie war, und genoss die schöne Aussicht, ganz in Erinnerungen versunken. Ja, sie hatte ein paar schwere Entscheidungen getroffen, aber es waren die richtigen gewesen.

Bei dem Gedanken an die Hochzeitsnacht mit Luigi war es ihr eiskalt über den Rücken gelaufen. In Rom war sie zwar mit ein paar jüngeren Männern ausgegangen, aber Luigis nasse und nach Whisky schmeckende Küsse hatten Spuren hinterlassen. Trotz ihrer Neugier auf Männer hatte Sophie sämtliche Annäherungsversuche abgewehrt.

Und ihre Eltern dachten, dass sie ein ausschweifendes Leben hier in Rom führte!

Eigentlich schade, dass sie nicht recht hatten …

Doch Sophie schämte sich ihrer Unerfahrenheit nicht. Sie wusste, dass sie nicht nur unerfahren war, sondern auch stark. Stark genug jedenfalls, um einen Mann und eine Ehe abzulehnen, die sie nicht wollte.

„Buongiorno!“, riss eine tiefe Stimme sie aus ihren Gedanken. Als Sophie sich umdrehte, wurde ihr bewusst, dass sie gerade von einem wichtigen Gast beim Tagträumen erwischt worden war – und das auch noch in seiner Suite! Sie öffnete den Mund, um sich zu entschuldigen, doch sein Anblick verschlug ihr buchstäblich den Atem.

Der Mann im Bett war großgewachsen … und offensichtlich splitterfasernackt unter der bis zu den Hüften hochgezogenen Decke. Er hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt.

Er sah umwerfend aus mit seiner braunen Haut und seinem jettschwarzen Haar. Das Einzige, das die Perfektion trübte, war eine gezackte Narbe auf einer Wange, doch die machte ihn auf seltsame Weise nur umso attraktiver.

Es waren vor allem seine grauen Augen, die Sophies Aufmerksamkeit fesselten. Er sah sie so intensiv an, dass ihr der Atem stockte. Sie konnte den Blick gar nicht wieder von ihm losreißen! Was ungewöhnlich für sie war. Bei ihrem Job war sie an den Anblick reicher und schöner Männer gewöhnt, aber dieser hier ließ sie alles andere als kalt.

„Ich habe gerade die Aussicht für Sie arrangiert, Signor Conti“, versuchte sie zu scherzen, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

„Danke.“ Dünn lächelnd richtete er den Blick auf das Panorama hinter den Fenstern. „Gute Arbeit.“

Dann konzentrierte er sich wieder auf Sophie.

Da sie sich mit dem Öffnen der Vorhänge und Fensterläden so viel Zeit gelassen hatte, hatte Bastiano irgendwann doch genervt die Augen aufgeschlagen, aber bei ihrem Anblick hatte er seine Ungeduld schlagartig vergessen.

Fasziniert musterte er ihre braunen Augen und ihre gertenschlanke Figur. Sie hatte sich das volle schwarze Haar zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt, aus dem ein paar Strähnen quollen.

Ihm fiel auf, dass sie müde aussah. Vermutlich war ihre Schicht gerade vorbei.

Zu seiner Überraschung hatte sie ihn zum Lächeln gebracht … ein Wunder nach seinem schrecklichen Traum.

„Soll ich Ihnen das Frühstück servieren?“, fragte sie eine Spur nervös, und das nicht nur, weil er sie dabei ertappt hatte, ihn fasziniert anzustarren. Sophie hob eine der Silberhauben und sah ihn fragend an.

„Nein danke. Aber ich wäre dankbar für einen Kaffee.“

„Möchten Sie auch etwas Wasser oder Saft?“ Ihre Lippen zuckten belustigt. „Oder vielleicht beides?“

Wieder musste er lächeln. Anscheinend hatte sie ihn im Verdacht, einen heftigen Kater zu haben. „Ja, gern.“

Sie brachte ihm zwei Gläser. Bastiano trank das kalte Wasser, während sie zurück zum Wagen ging und ihm einen Kaffee einschenkte. Normalerweise übernahm Bastiano das immer selbst, um Smalltalk zu vermeiden, aber diesmal verspürte er das seltsame Bedürfnis zu plaudern. „Kommen Sie aus Sizilien?“, fragte er, als sie ihm seinen Kaffee auf den Nachttisch stellte.

Sie nickte, verzog dann jedoch schuldbewusst das Gesicht. Anscheinend wurde ihr gerade bewusst, dass er sie hatte fluchen hören.

„Ich auch. Was ist das?“ Er zeigte auf den Servierwagen, von dem ein würziger Duft aufstieg, obwohl Sophie die Haube wieder aufgesetzt hatte.

„Schakschuka“, erklärte Sophie. „Pochierte Eier in Tomatensoße.“

Als ihr umwerfender Gast die Nase rümpfte, vergewisserte sie sich mit einem Blick auf den Beleg, dass die Küche seine Bestellung nicht verwechselt hatte. „Die haben Sie selbst bestellt.“

„Was habe ich mir nur dabei gedacht?“, fragte er mit gedehnter Stimme.

„Sie sollen ganz köstlich sein. Soll ich sie wieder wegbringen und Ihnen etwas anderes holen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ist schon okay.“

„Einen schönen Tag noch“, wünschte Sophie ihm.

Er lachte freudlos. „Ihnen auch.“

Sie machte Anstalten, die Schlafzimmertür hinter sich zu schließen, aber Bastiano bat sie, sie offen stehen zu lassen.

Als Sophie das Wohnzimmer durchquerte, hob sie die leere Champagnerflasche auf, über die sie vorhin gestolpert war, und legte sie auf ein Tablett. Im Zimmer herrschte das reinste Chaos. Es juckte sie in den Fingern aufzuräumen, aber das war heute nicht ihre Aufgabe. Mit einem bedauernden Seufzen verließ sie die Suite.

Wenig später stempelte Sophie aus und holte ihre Sachen.

„Wie kommst du dazu, einem Gast das Frühstück zu bringen?“, fragte ihre Kollegin Inga, als Sophie ihre Jacke aus ihrem Spind holte, und wies sie in ihrer üblichen belehrenden Art darauf hin, dass das die Aufgabe der dienstälteren Zimmermädchen war.

„Ich mache nur, was man mir sagt“, antwortete Sophie und streckte Inga heimlich die Zunge heraus, nachdem die ihr den Rücken zugekehrt hatte.

Sie verstanden sich nicht besonders.

Inga brachte den Gästen gern selbst das Frühstück, vor allem den reichen Männern, und obwohl es streng verboten war, mit ihnen anzubandeln, war Sophie davon überzeugt, dass es kein Zufall war, dass Inga gerade eine Designerhandtasche in ihren Spind gehängt hatte.

Doch Sophie wollte sich kein Urteil erlauben.

Ihre Abneigung gegen Inga war vor allem auf deren abfällige Kommentare und endlose Spitzen ihr gegenüber zurückzuführen. Manchmal fiel es Sophie schwer, sich davon abzugrenzen, zumal sie keine Ahnung hatte, was sie Inga eigentlich getan hatte.

Sie beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken und einfach nach Hause zu fahren.

Wie so oft machte sie einen Abstecher in die Küche. Erstens kam sie von dort aus schneller zu ihrer kleinen Wohnung, die sie mit zwei anderen Mädchen teilte, und zweitens bekam sie oft ein Gratisfrühstück mit auf den Weg.

In der Küche arbeiteten mehrere Köche, aber natürlich war ihr Lieblingskoch Sizilianer. Als sie an ihm vorbeiging, zog er gerade ein Tablett mit Brioches aus dem Ofen. Nicht die französischen Brioches oder die süßen Croissants, die im Norden Italiens unter dem Namen üblich waren, sondern die köstlichen einfachen Brötchen von zu Hause. Plötzlich musste Sophie an den gut aussehenden sizilianischen Gast aus der Präsidentensuite denken. Sie konnte sich gut vorstellen, dass diese Brötchen ihm schmecken würden.

Abgesehen von Inga kam Sophie mit ihren Kollegen sehr gut aus. Der Koch arrangierte daher rasch einen Teller mit frischem Gebäck für sie, Sophie stülpte eine silberne Haube darüber, hängte sich ihre Jacke über einen Arm und ging zurück zu Signor Contis Suite.

Sie klopfte an und trat ein.

„Zimmerservice!“

Bastiano hatte nach einem angeekelten Blick auf die Eier auf sein Frühstück verzichtet. Sein Freund Alim, der Besitzer des Hotels, hatte ihm das orientalische Gericht schon oft empfohlen, und gestern hatte es noch nach einer guten Idee geklungen. Doch Bastiano hatte gerade absolut keinen Appetit darauf.

Allmählich fragte er sich, was er überhaupt hier sollte.

Gestern Abend hatte Alim ihm nämlich mitgeteilt, dass er seine Pläne plötzlich geändert hatte und er ihn jetzt doch nicht wie verabredet durch die gesamte Hotelanlage führen konnte. Und das war noch nicht alles, was Bastiano wurmte.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte ihn eine Frau zurückgewiesen.

Vor einigen Wochen hatte er beschlossen zu heiraten, und Lydia Hayward war ihm wie die ideale Partie erschienen. Sie besaß nicht nur ein Schloss in England, für das sie nicht mehr aufkommen konnte, sie war auch nobelster Abstammung und hatte ein exquisites Äußeres. Sie hätte genauso von ihrer Verbindung profitiert wie er – finanziell. Also hatte er sie und ihren Stiefvater nach Rom fliegen lassen, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Er wollte Alim ein Angebot für das Hotel machen, mit dem er Raul ausstechen konnte.

Und er wollte mit der perfekten Braut nach Casta zurückkehren.

Je mehr er darüber nachgedacht hatte, desto besser hatte ihm die Idee gefallen. Doch leider war aus seinen Plänen nichts geworden. Lydia hatte gestern nämlich beschlossen, den Abend lieber mit Freunden zu verbringen, und hatte ihn mit dem widerlichen Maurice allein gelassen.

Bastiano hatte noch nicht mal versucht, Smalltalk zu machen. Stattdessen war er in seine Suite zurückgekehrt und hatte ein bisschen zu tief in die Flasche geguckt. Rückblickend eine saudämliche Entscheidung, denn nur so war es Maria gelungen, sich in seine Träume zu stehlen.

Fünfzehn Jahre waren seit ihrem Tod vergangen, und seitdem hatte ihm kein anderer Mensch mehr etwas bedeutet.

Kein einziger.

Bastiano eilte der Ruf voraus, kaltherzig und mitleidlos zu sein, sowohl im Konferenzraum als auch im Schlafzimmer. Raul Di Savo zu schlagen, war das Einzige, das ihn interessierte …

Er hörte ein Klopfen an seiner Tür und eine fröhliche weibliche Stimme „Zimmerservice!“ rufen.

Nicht schon wieder!

Genervt wickelte Bastiano sich ein Handtuch um die Hüften und verließ das Schlafzimmer, um das Zimmermädchen aufzufordern zu verschwinden, doch sie lächelte so lieb, dass er das nicht fertigbrachte.

„Besser?“, fragte sie, nachdem sie die Haube von dem Teller in ihrer Hand genommen hatte.

Bastiano senkte den Blick. Ja, das war ein vernünftiges Frühstück.

Als er die Aufmerksamkeit wieder auf Sophie richtete, stellte er fasziniert fest, dass ihre Augen doch nicht dunkelbraun waren, sondern bernsteinfarben. „Viel besser“, sagte er widerstrebend.

„Habe ich mir schon gedacht. Wollen Sie noch einen Kaffee?“

„Das wäre gut.“

Er kletterte zurück ins Bett, und zum zweiten Mal an diesem Morgen servierte Sophie ihm das Frühstück.

„Das wäre nicht nötig gewesen“, sagte Bastiano, als sie ihm den Teller reichte. Er nahm an, sie wollte sich bei ihm einschmeicheln, weil sie wusste, dass ihm dieses Hotel vielleicht bald gehören würde.

„Ich weiß“, antwortete sie lächelnd. „Aber als ich mir in der Küche eine Brioche für den Heimweg holen wollte, fielen Sie mir plötzlich ein.“

Vielleicht wusste sie doch noch nicht, wer er war. Bastiano war es zwar völlig egal, wenn sein Personal sich in der Küche bediente, weil er sowieso für dessen Mahlzeiten sorgte, aber manche Besitzer waren sehr streng, was das anging. „Wie heißen Sie?“

„Sophie.“ Ihr fiel auf, dass sein Blick auf der Jacke lag, die über ihrem Arm hing. „Wirklich, das war kein Problem. Meine Schicht ist gerade vorbei.“

„Möchten Sie dann vielleicht noch etwas bleiben und pochierte Eier essen? Sie sollen ganz toll sein“, witzelte er.

„Nein danke.“ Verlegen lachend schüttelte Sophie den Kopf. Sie war daran gewöhnt, dass Geschäftsmänner ihr solche Vorschläge machten, hatte bisher jedoch immer abgelehnt. Sie war schließlich nicht Inga! „Aber Ihnen einen guten Appetit.“

„Den werde ich haben.“ Er brach eine Brioche in zwei Hälften. Als ihm der Duft in die Nase stieg, musste er an seine Heimat denken. „Die habe ich als Kind immer beim Bäcker geholt“, sagte er, ohne nachzudenken.

Sophie, die schon am Gehen gewesen war, drehte sich wieder zu ihm um. „Bevor ich nach Rom zog, habe ich in einer Bäckerei gearbeitet.“

„Wie lange?“

„Sieben Jahre. Gleich nach der Schule.“

Über ihre Heimat zu reden, versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. Sophie liebte Rom, aber manchmal bekam sie Heimweh. Sie genoss es deswegen sehr, mit Bastiano noch eine Weile über sizilianisches Essen zu plaudern und über die landschaftliche Schönheit Siziliens … Er wollte sie gerade fragen, ob sie wie er aus dem Westen stammte, als Sophie plötzlich gähnte.

„Tut mir leid“, entschuldigte sie sich, „aber ich muss jetzt wirklich los. All das Gerede über Ess…“ Sie verstummte, um nicht den Eindruck zu erwecken, es auf eine zweite Einladung anzulegen.

Oder legte sie es darauf an?

Später würde sie sich diese Frage stellen, jedoch zu dem Schluss kommen, dass sie keine Hintergedanken gehabt hatte. Dass sie sich einfach nur in Bastianos Gesellschaft wohlgefühlt hatte.

Und ihm ging es genauso, was sehr ungewöhnlich für ihn war, denn normalerweise tat er nichts ohne Hintergedanken. Er reagierte nur auf ihren offensichtlichen Hunger und wiederholte sein Angebot daher.

Sophie nickte nach kurzem Zögern. „Gern. Danke.“

2. KAPITEL

Es fühlte sich völlig natürlich an, sich mit Bastiano zu unterhalten.

Sophie legte ihre Jacke auf einem Stuhl ab, goss sich ein Glas kaltes Wasser ein und stellte es zusammen mit dem Teller Schakschuka auf ein Tablett, bevor sie sich nach einem Sitzplatz umsah.

Zuerst fiel ihr Blick auf den Stuhl, auf den sie ihre Jacke gelegt hatte, aber da hing schon Bastianos Jackett. Ihr fiel auf, dass es auf links gedreht war und daneben auf dem Fußboden ein zerknülltes weißes Hemd lag.

Bastiano rutschte ein Stück zur Seite, um ihr Platz auf dem breiten Bett zu machen.

Ja, es fühlte sich auch völlig selbstverständlich an, sich neben ihn zu setzen. Sie stellte das Tablett auf dem Schoß ab.

Die Haube hatte die Eier in ihrer aromatisch duftenden Tomatensoße warm gehalten. Sie probierte ein kleines Stück. Es schmeckte ein bisschen schärfer als gedacht, sodass sie zu ihrem Wasserglas griff.

Bastiano musste bei dem Anblick lächeln. „Schmeckt’s?“

Sie wandte ihm das Gesicht zu. Für einen Moment verweilte ihr Blick auf seiner Narbe – sie wüsste nur zu gern, woher er die hatte –, bevor sie ihm wieder in die Augen sah. „Kennen Sie das Gefühl, wenn man etwas ausprobiert, das man schon lange probieren wollte …?“

Ihre Worte waren weder zweideutig gemeint noch wurden sie so aufgefasst, denn er ging davon aus, dass sie jetzt die Nase rümpfen und ihre Enttäuschung zum Ausdruck bringen würde. Doch zu seiner Überraschung sagte sie: „Es schmeckt besser als gedacht.“

Erst da bekamen ihre Worte einen zweideutigen Unterton, wenn auch nur für Sophie – denn Bastianos Gegenwart rief ihr plötzlich ganz andere Dinge ins Gedächtnis, die sie noch nie ausprobiert hatte.

Er war wirklich umwerfend attraktiv. Bei seinem Anblick musste sie schlucken, und ihr Herzschlag beschleunigte sich wieder.

Von den Lippen an abwärts war sie noch unschuldig, und sogar diese Lippen hatte sie so gut es ging geschlossen gehalten, wenn sie ihren Verlobten geküsst hatte. Noch nie war sie mit einem Mann in dessen Schlafzimmer gewesen. Und noch nie hatte sie einem Mann so intensiv in die Augen gesehen.

Es war tatsächlich besser als gedacht.

Lag es an der scharf gewürzten Soße, dass ihr plötzlich das Blut ins Gesicht schoss, oder waren das die ersten Regungen ihres Verlangens?

Sophie riss den Blick von Bastiano los und versuchte ihr Bestes, diese Fragen zu verdrängen. „Sultan Alim hat einige neue Gerichte auf die Speisekarte gesetzt, als er das Hotel übernahm“, sagte sie.

„Sultan?“, hakte Bastiano nach. Er und Alim waren Freunde, und sie machten oft zusammen die Stadt unsicher, wenn Bastiano in Rom war, doch bisher war es Alim erfolgreich gelungen, seinen Titel trotz seiner heftigen Exzesse geheim zu halten.

„Wir haben erst vor ein paar Monaten erfahren, dass er ein König ist“, erklärte Sophie. „Seine Familie war hier zu Besuch, und das Personal fand sein Geheimnis natürlich schnell heraus. Er ist ein guter Chef“, fügte sie nach kurzem Nachdenken hinzu.

„Inwiefern?“, fragte Bastiano. Es interessierte ihn, was das Personal dachte, und er wusste, dass solche Informationen nicht durch Fragebögen zu bekommen waren. Außerdem wollte er Sophies Meinung hören, so schräg das auch war.

„Er kennt zum Beispiel den Namen jedes Angestellten. Und er ist fair und immer freundlich. Weihnachten gab es ein Festessen und ein Geschenk für alle Angestellten, die arbeiten mussten.“ Sie schwieg einen Moment nachdenklich, als sie an jenen einsamen Tag zurückdachte. Arbeiten zu müssen, hatte ihre Stimmung aufgehellt.

„Wie lange sind Sie schon hier?“

„Seit fast zehn Monaten. Ich lebe seit einem guten Jahr in Rom.“

Sophie konnte sich noch gut erinnern, wie nervös sie anfangs gewesen war. Bis dahin hatte sie jede Nacht zu Hause verbracht. „Ich habe ein paar Wochen gebraucht, um einen Job zu finden, und war überglücklich, als es mir gelang, diesen hier zu ergattern. Manchmal kann ich mein Glück kaum fassen.“

„Warum?“

„Ich mag Ordnung und Sauberkeit. Wenn ich eine Suite wie Ihre sehe, juckt es mich sofort in den Fingern aufzuräumen.“

„Echt?“

„Ja, echt.“ Sie zeigte auf den Stuhl. „Ich würde als Erstes das Jackett richtig aufhängen und das Hemd in die Wäscherei geben.“ Sie richtete den Blick wieder auf Bastiano. „Und ich würde das Bett machen, sogar mit Ihnen drin …“ Sie stockte. So etwas sagte sie normalerweise nur zu den Gästen im elften Stock. Bei einem Gast wie Bastiano war das völlig unangebracht.

Doch nicht nur dieser Gedanken ließ sie verstummen, sondern die ganze Situation, die ihr erst jetzt in voller Tragweite bewusst wurde. Ihr wurde plötzlich unangenehm heiß.

Bastiano erwiderte nichts, sondern sah sie nur an, bis sie weitersprach.

„Es ist der perfekte Job für mich. Manchmal fragen mich die Gäste, ob ich neben dem Studium arbeite, aber ich will nichts anderes. Ich bin glücklich hier.“

„Das hier ist ein sehr gutes Hotel“, bestätigte Bastiano, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass ihn ein Job als Zimmermädchen befriedigen würde. Je mehr er besaß, desto mehr wollte er. Je mehr er erreichte, desto mehr Ziele setzte er sich. „Vermissen Sie Ihre Familie und Ihre Freunde?“

„Ich habe in Rom ein paar neue Freunde gefunden …“ Sie dachte an ihre Mitbewohnerinnen, mit denen sie sich ganz gut verstand. Und an Gabi, eine Hochzeitsplanerin, die sie an ihrem ersten Wochenende im Hotel kennengelernt hatte.

Normalerweise würde Bastiano spätestens hier das Gespräch abbrechen. Genau genommen würde er gar nicht erst eins anfangen.

Aber diese Frau hier wollte er aus irgendeinem Grund besser kennenlernen. „Vermissen Sie Ihre Heimat manchmal?“

„Manchmal schon“, gab sie zu. „Aber wenn ich dortgeblieben wäre …“ Sie verstummte wieder und legte ihr Besteck weg, obwohl sie noch nicht aufgegessen hatte. Das Gespräch entwickelte sich offensichtlich in eine für sie sehr unangenehme Richtung.

Ihre neuen Freundinnen wussten nur wenig über sie. Für sie war sie einfach Sophie, vierundzwanzig Jahre alt und glücklicher Single. Sie hatten keine Ahnung, wie hart sie hatte kämpfen und wie viel sie hatte aufgeben müssen, um einen so kleinen Sieg zu erringen.

„Was wäre passiert, wenn Sie dortgeblieben wären?“, hakte Bastiano nach.

Sophie spielte mit dem Gedanken aufzustehen und das Gespräch zu beenden, um in ihre Welt zurückzukehren – die echte Welt –, doch zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass sie sich in seiner sehr wohlfühlte. Es war so herrlich still hier, und das Gespräch floss so angenehm dahin.

Sie hatte den Rest seines Lächelns gesehen, als er sie heute Morgen beim Fluchen ertappt hatte. Offenkundig hatte er sofort gewusst, woher sie kam.

Irgendwie gab er ihr das Gefühl, dass er sie … verstand. Und obwohl sie im letzten Jahr im Großen und Ganzen sehr glücklich gewesen war, fühlte sie sich doch manchmal sehr einsam.

„Ich war verlobt“, gestand sie. „Wäre ich zu Hause geblieben, würde ich morgen meinen ersten Hochzeitstag feiern.“

„Dann waren Sie also diejenige, die die Beziehung beendet hat?“

„Ja, und zwar auf eine sehr reife und erwachsene Art“, sagte sie trocken. Sie lachte verunsichert auf. „Ich lief einfach davon. Einen Monat vor der Hochzeit setzte ich mich in einen Zug nach Rom, und als ich hier ankam, rief ich meine Eltern an und teilte ihnen mit, dass ich Luigi nicht heiraten würde.“

Conti lachte, aber ohne jeden Spott – ein tiefes volltönendes Lachen, das sie irgendwie für das schreckliche Telefonat mit ihren Eltern entschädigte. Aus irgendeinem Grund hatte sie den Eindruck, dass er nicht oft lachte und dass das, was heute Morgen zwischen ihnen passierte, etwas ganz Seltenes und Wundervolles war.

Als sein Lachen verebbte, musste sie an nachlassendes Donnergrollen denken.

Bei ihr hatte der Blitz bereits eingeschlagen.

Sie war allein mit ihm in diesem Zimmer, und sie wollte nirgendwo anders sein.

„Waren Sie seitdem wieder da?“, fragte er – offensichtlich ohne ihr anzusehen, wie aufgewühlt sie innerlich war.

Sophie war ihm dankbar für seine Fragen. Das lenkte sie wenigstens von ihren verwirrenden Gedanken ab. „Nein. Meine Familie betrachtet mein Verhalten als große Schande. Sie sind stinksauer auf mich. Noch nicht mal an meinem Geburtstag kam meine Mutter ans Telefon.“

„Wann hatten Sie Geburtstag?“

„Ein paar Monate, nachdem ich weggelaufen bin.“ Sie nannte ihm das Datum. „Ich war todunglücklich.“ Geburtstage wurden in ihrer Familie immer groß gefeiert.

Diesmal jedoch nicht.

Weihnachten war es ganz ähnlich gewesen. Hätte Alim nicht für sein Personal eine Weihnachtsfeier organisiert, wäre sie über die Feiertage ganz allein gewesen. Ihre Mitbewohnerinnen waren nämlich alle nach Hause gefahren.

„Ihre Familie vermisst Sie bestimmt“, sagte Bastiano.

Sophie schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Ich habe jede Menge Geschwister. Meine Eltern wollten, dass ich endlich heirate, damit ich versorgt bin. Sie wissen ja, wie es bei uns im Süden ist.“

Bastiano nickte. Er konnte sich gut vorstellen, wie ihr Leben ausgesehen hatte, aber sie wurde unter Garantie vermisst. Sie hatte eine so positive Ausstrahlung. Von dem Moment an, als sie die Vorhänge aufgezogen hatte, war ihm die Sonne irgendwie heller vorgekommen. „Werden Sie zurückkehren?“

„Ich bin die einzige Tochter.“ Sophie zuckte die Achseln, um ihren Schmerz zu überspielen. „Wenn ich dorthin zurückkehre, werde ich mich ihren Regeln beugen müssen. Vorerst folge ich lieber meinem Traum.“ Sie schwieg einen Moment. „Und was ist mit Ihnen?“

„Ich habe keine Familie.“

„Gar keine?“

Bastiano schüttelte den Kopf. „Ich wurde vom Bruder meiner Mutter und dessen Frau großgezogen.“

„Was ist mit Ihrer Mutter?“

„Sie ist tot.“

„Wie alt waren Sie, als sie starb?“

Er antwortete nicht.

„Und Ihr Vater?“

„Sie wissen genauso viel über ihn wie ich – nichts.“

„Nicht ganz“, sagte Sophie lächelnd. „Ich weiß, dass er gut aussah.“

Ja, sie war wirklich wie die Sonne, denn wenn er bisher seinen unbekannten Vater erwähnt hatte, war das Gespräch immer entweder beendet gewesen, oder seine Gesprächspartner hatten peinlich berührt den Blick abgewandt oder eine abfällige Bemerkung gemacht. Nicht so Sophie. Sie reagierte mit einem Lächeln.

„Was ist mit Ihrem Onkel und Ihrer Tante?“, fragte sie sanft.

„Die sehe ich gelegentlich, aber wir stehen uns nicht besonders nahe.“ Bastiano reichte ihr ein Stück Brioche, um die Soße aufzutunken. „Sie haben mich rausgeworfen, als ich siebzehn war.“ Er musste an ihren gewaltigen Streit denken, als herausgekommen war, dass er eine Affäre mit dem Feind gehabt hatte – einer Di Savo. „Zu Recht.“

„Und was machen Sie so hier in Rom? Sind Sie geschäftlich hier?“

„Zum Teil“, antwortete Bastiano ausweichend. Sophie hatte anscheinend tatsächlich keine Ahnung, dass er darüber nachdachte, das Hotel zu kaufen, und er hatte nicht die Absicht, sie aufzuklären. Er wollte keinen Keil zwischen sie treiben. Also erzählte er ihr stattdessen etwas ziemlich Persönliches: „Ich … habe letzte Nacht einen Korb bekommen.“

„Oh! Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Ihnen jemand einen Korb gibt“, sagte sie lächelnd.

„Mein Ego konnte es auch nicht fassen“, witzelte Bastiano. „Sie ist Engländerin und lebt auf einem Schloss.“

„Klingt gut!“, bemerkte Sophie.

Bastiano zuckte die Achseln. „Das wäre ganz schön viel Arbeit geworden.“

Sophie runzelte verwirrt die Stirn, stellte aber keine weitere Frage.

„Und? Wie war Ihr Verlobter so?“ Er war neugierig auf den Mann, den sie verlassen hatte.

„Viel älter als ich, schon über vierzig.“ Sophie verzog angewidert das Gesicht.

„Haben Sie deshalb mit ihm Schluss gemacht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“ Sie konnte sich noch gut an den Moment erinnern, an dem sie ihr ganzes Leben vor sich ausgebreitet gesehen hatte. Die Aussicht hatte ihr nicht gefallen.

Sophie hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen, aber an diesem Morgen war irgendwie alles anders als sonst. Nie zuvor war sie jemandem begegnet, der ihr so vertraut war, obwohl sie ihn gar nicht kannte. Bastiano wusste inzwischen mehr über sie als ihre Mitbewohnerinnen, mit denen sie seit über einem Jahr zusammenwohnte. Mehr als Gabi, zu der sie seit einiger Zeit nur noch sporadisch Kontakt hatte. Und mehr als ihre Eltern, die nie nach ihrer Meinung gefragt hatten.

„Luigi kam wie so oft zu meinen Eltern zum Abendessen …“

Bastiano sagte nichts, hob jedoch eine Augenbraue. Mit über vierzig hätte der Typ Sophie doch mal einladen können, oder?

Sophie sah ihn etwas ängstlich an, doch er erwiderte ihren Blick so ruhig, dass sie Mut fasste weiterzusprechen. „An jenem Abend war mir etwas übel, und ich aß daher nicht viel. Als meine Mutter die Teller abräumte und meine Brüder und mein Vater uns allein ließen, fragte Luigi mich, ob etwas nicht stimmt, und ich teilte ihm mit, dass ich angefangen hätte, die Pille zu nehmen.“

Sie errötete ein bisschen, wenn auch nicht so heftig wie damals. Bastiano schien das Thema nicht im Geringsten unangenehm zu sein.

Im Gegensatz zu Luigi.

Empfängnisverhütung war bei ihr zu Hause nie zum Thema gemacht worden, sodass Sophie alles allein hatte herausfinden müssen. Sogar der Arzt im Dorf war nicht besonders hilfsbereit gewesen. Schließlich hatte ihre Freundin in der Bäckerei ihr von der Pille erzählt und dass man damit die Periode ganz vermeiden konnte.

„Und wie hat er reagiert?“, fragte Bastiano.

„Verärgert. Er hat gesagt, dass er sofort Kinder will, und zwar einen ganzen Haufen.“

Sie verzog so angewidert das Gesicht, dass Bastiano lachen musste.

Sein tiefes Lachen erinnerte Sophie erneut an Donnergrollen. Mit jeder neuen Enthüllung und mit jedem Wort schien das köstliche, in der Luft liegende Gewitter näher zu rücken.

„Ich habe eingewandt, dass wir mein Gehalt brauchen und dass ich das Kinderkriegen deshalb verschieben will. In diesem Augenblick kam meine Mutter rein und hat gesagt, dass sie sich um die Kinder kümmern würde. Es ist ja nicht so, dass ich keine will …“

„Sophie“, fiel Bastiano ihr mit seiner volltönenden Stimme ins Wort, „es war die richtige Entscheidung davonzulaufen.“

Bastiano war der erste Mensch, mit dem sie darüber gesprochen hatte. Seine Reaktion erfüllt sie mit Stolz, anstatt mit Scham wie bei ihren Eltern.

„Danke.“

Bastiano folgte seinem Impuls, ihr ebenfalls mehr über sich zu erzählen. Es fiel ihm überraschend leicht.

„Ich habe Lydia zusammen mit ihrem Stiefvater Maurice unter dem Vorwand, Geschäftliches besprechen zu wollen, aus England einfliegen lassen. Gestern wollten wir uns zu dritt in der Bar treffen und dann zu Abend essen, aber Lydia wollte lieber mit Freunden ausgehen. Ich glaube, sie hat sich schon gedacht, dass es um mehr als nur ein Abendessen ging.“

Sophie errötete, doch Bastiano hatte nicht Sex gemeint. Sex konnte er überall und jederzeit bekommen. „Wie Ihr Verlobter hatte ich mir in den Kopf gesetzt, dass es Zeit wird zu heiraten.“

Obwohl sein Hauptmotiv gewesen war, Raul zuvorzukommen.

Bastiano hatte alles, das man für Geld kaufen konnte – genauso wie Raul. Das Einzige, was sie nicht hatten, war eine Familie.

Er hatte unbedingt der Erste sein wollen.

„Waren Sie schon lange zusammen?“, erkundigte Sophie sich.

„Wir waren nie ein Paar.“ Bastiano gähnte. Er empfand es als sehr angenehm, ihr nicht erst erklären zu müssen, dass Liebe nicht immer ausschlaggebend für eine sizilianische Ehe war. „Anfangs fand ich die Idee gut, aber inzwischen nicht mehr.“ Er zuckte die Achseln. „Wenn ich es recht bedenke, bin ich doch besser für das Singledasein geeignet.“

„Na ja, mit Ihrem Aussehen und …“, Sophie sah sich in der luxuriösen Suite um, „… und Ihrem Geld spricht nichts gegen ein bisschen Spaß.“

„Oh, den habe ich.“

Obwohl dieses Leben ihm in letzter Zeit nicht mehr wirklich Spaß machte.

Bastiano lehnte sich ins Kissen zurück und betrachtete Sophie. Als sie seinen Blick erwiderte, breitete sich ein spannungsgeladenes Schweigen zwischen ihnen aus. Ihm fiel auf, dass sie überhaupt kein Make-up trug. Als ihr Blick zu seinem Mund wanderte, wusste er zum ersten Mal in seinem Leben nicht, wie er reagieren sollte. Normalerweise stellte sich diese Frage für ihn nicht, wenn eine Frau in seinem Bett lag.

Komm her! hätte er am liebsten gesagt.

Und Sophie wusste das genau.

Das Gewitter war inzwischen zum Greifen nahe, und Sophie hätte sich davon mitreißen lassen können, aber sie war nun mal nicht Inga, auch wenn Bastiano sie vielleicht dafür hielt.

Die Zimmermädchen wurden aus gutem Grund dazu angehalten, keine Geschenke von männlichen Gästen anzunehmen. Doch da Bastiano nichts von ihr zu erwarten schien, fühlte Sophie sich auch nicht unter Druck. Sie trank einen Schluck Wasser und stand auf, um ihren Teller auf den Servierwagen zurückzustellen. „Danke, das war köstlich“, sagte sie höflich, in die Rolle des Zimmermädchens zurückschlüpfend.

„Gern geschehen. Die Brioches auch.“

Sie ging zurück, um ihm seinen Teller abzunehmen. Als ihr Blick an dem gekräuselten schwarzen Haar auf seiner Brust hängenblieb, wurde ihr ganz heiß vor Verlangen. Sie musste sich beherrschen, ihm nicht die Decke wegzuziehen. Plötzlich war sie doch nicht mehr das Zimmermädchen. Ihre Finger streiften seine eine Sekunde zu lange, doch anstatt ihre Hand zurückzuziehen, genoss sie die Berührung. So flüchtig sie auch war, sie weckte Sehnsucht nach mehr.

„Ich muss gehen“, sagte sie, nur mühsam um Selbstbeherrschung ringend.

„Selbstverständlich.“

Doch sie zögerte immer noch. Anstatt Bastianos Teller zum Servierwagen zu bringen, stellte sie ihn auf dem Nachttisch ab. Nicht diese Situation verunsicherte sie, sondern eher ihre eigene Neugier. „Danke“, wiederholte sie unbeholfen.

Bastiano wurde nicht schlau aus ihr. Er konnte ihr Verlangen spüren, aber auch ihre Zurückhaltung. Er beschloss, die Dinge ein bisschen voranzutreiben, und klopfte einladend auf eine Wange – diejenige, die nicht vernarbt war.

Gegen einen Wangenkuss ist nichts einzuwenden, dachte Sophie. Sie küsste schließlich auch ihre Freundin Gabi zum Abschied. Trotzdem – diese Situation hier war viel weniger unschuldig.

Es war noch nicht mal eine bewusste Entscheidung. Sie fühlte sich wie ferngesteuert, als sie sich vorbeugte und die Lippen auf die Stelle presste, auf die er getippt hatte – dort, wo seine Bartstoppeln in glatte Haut übergingen. Der Kontrast ließ sie erschauern. Seine warme Haut fühlte sich so gut an. Sie musste sich beherrschen, nicht mit der Zunge darüber zu schnellen.

Als Sophie spürte, wie Conti die Luft anhielt, beschleunigten sich ihre eigenen Atemzüge. Sie machte Anstalten, ihn auf die andere Wange zu küssen, doch Bastiano zuckte zusammen. Er mochte es nicht, wenn jemand seine Narbe berührte. Ein Kuss auf den Mund war ihm lieber … und normalerweise bekam er seinen Willen.

Diesmal jedoch nicht.

Sophie küsste ihn so sanft auf die andere Wange, als würde die Narbe unter ihren Lippen gar nicht existieren.

3. KAPITEL

Ihre Oberkörper berührten sich nicht, aber Sophie war so auf jede Bewegung Bastianos fixiert, dass sie ihn trotzdem intensiv spürte.

Sie wusste, dass sie jetzt eine Entscheidung treffen musste. Noch konnte sie so tun, als sei nichts passiert, und die Suite verlassen.

Oder … sie konnte Bastiano auf die Lippen küssen und etwas ganz Wundervolles erleben.

Vor Luigis Küssen hatte ihr immer gegraut, ganz zu schweigen von der Vorstellung, mit ihm zu schlafen.

Doch jetzt war alles anders.

Als sie mit dreiundzwanzig von zu Hause weggegangen war, hatte sie Schande über ihre Familie gebracht. Jetzt war sie vierundzwanzig, aber nichts hieran kam ihr schändlich vor. Es war schöner als in ihren kühnsten Träumen. Und so unendlich viel besser als die Realität, vor der sie geflohen war.

„Komm her“, stöhnte Bastiano und zog ihren Kopf zu sich herunter.

Sie hatte Lippenkontakt bisher immer vermieden, aber jetzt verzehrte sie sich förmlich danach.

Seine Lippen waren weich, und seine von Bartstoppeln raue Haut ließ sie nicht vor Ekel erschauern, sondern steigerte nur ihr Verlangen.

Anstatt Widerstand zu leisten, öffnete sie begierig die Lippen.

Bastianos Zungenspiel fühlte sich wundervoll an. Sanft saugte er an ihrer Zungenspitze, bevor er ihren Mund erforschte. Sophie erwiderte sein Zungenspiel. Sie versetzten einander in Flammen, und das nicht nur mit Lippen und Zungen, sondern auch mit den Händen. Als er ihre Brüste durch den Stoff ihres Kleides streichelte und mit dem Daumen über eine Brustknospe rieb, sehnte Sophie sich nach dem Bett.

Nach seinem Bett.

Sie wich ein Stück zurück. Sogar jetzt noch könnte sie jederzeit gehen.

„Du schmeckst würzig“, sagte Bastiano.

„Und du süß.“

„Ich bin nicht süß“, warnte er sie.

„Ich arbeite gerade“, wandte sie ein. Sie konnte großen Ärger bekommen, wenn das hier herauskam.

„Deine Schicht ist schon seit einer Stunde vorbei“, rief er ihr ins Gedächtnis und drückte auf den Knopf, der draußen an der Tür der Suite das Bitte-nicht-stören-Signal aufleuchten ließ.

„Aber ich bin in Uniform …“

„Umso besser.“

Anscheinend hielt er sie für erfahren. Vielleicht war jetzt der passende Zeitpunkt, ihm zu sagen, dass sie noch Jungfrau war. Dass sie so etwas wie das hier noch nie gemacht hatte.

Andererseits war ihr bewusst, dass das alles verändern würde. Und sie wollte nichts verändern.

Wieder kam sie sich vor wie ferngesteuert, als sie sich von ihm auf seinen Bauch setzen ließ.

Bastiano knöpfte ihr das Oberteil ihrer Uniform auf und enthüllte einen BH, der so abgetragen war, dass ihre Brustknospen sich deutlich unter dem durchscheinenden Stoff abzeichneten. Er umfasste ihre Brüste und wartete, dass sie sich das Kleid und den BH abstreifte, doch sie schloss genüsslich die Augen, während er mit ihren Brüsten spielte.

„Öffne dein Haar“, sagte er. Er wollte es wie einen Vorhang spüren, wenn sie ihn in den Mund nahm, und schob sie nach hinten auf seine Schenkel, wobei die Decke verrutschte und seine harte Erektion entblößte.

Fasziniert betrachtete Sophie ihn. Sie hatte noch nie einen erigierten Penis gesehen, geschweige denn einen berührt. Sanft nahm sie ihn in ihre Hände.

„Sophie …“ Bastiano wollte mehr spüren als nur ihre Hände, doch der Anblick ihrer tastenden Finger faszinierte ihn.

Für Sophie war es atemberaubend, ihn so zu berühren. Er fühlte sich so weich und glatt an … und war zugleich so hart. Sie konnte spüren, dass es ihn erregte, als sie härter zupackte.

„Öffne dein Haar“, wiederholte er, doch Sophie hörte nicht auf ihn, so absorbiert war sie von ihren eigenen Empfindungen. Ihr Slip war so feucht, dass sie es kaum erwarten konnte, ihn in sich zu spüren. Sie hätte sich ausgezogen, wenn sie sich hätte rühren können, doch ihre Schenkel schienen mit seinen verschmolzen zu sein.

Sie streichelte zart mit einem Finger über die samtweiche Spitze und kitzelte einen Tropfen heraus. Als sie ihn stöhnen hörte, kniete sie sich instinktiv hin, damit er ihr den Rock hochstreifen konnte. Schon fühlte sie seine harte Erektion an ihrem feuchten Slip.

Sie stützte die Hände auf seine Brust und biss sich auf die Unterlippe, so gut fühlte es sich an. Sie hatte gar nicht gewusst, was ihr bisher alles entgangen war, kam sich vor wie eine Farbenblinde, die zum ersten Mal einen Regenbogen sehen konnte.

Ihre Angst vor Sex war plötzlich komplett verschwunden. Noch nie war sie so erregt gewesen, noch nicht mal in ihren kühnsten Fantasien.

Trotz des Slips drang er ein kleines Stück in sie ein – genug, um ihr Verlangen noch weiter anzustacheln.

Er nahm ein Kondom aus der Nachttischschublade, während sie sich hungrig an ihm rieb. Nachdem sie sich den Slip abgestreift hatte, hielt er ihr das Kondom hin.

„Streif es über“, sagte er mit rauer Stimme, eine Hand auf ihre intimste Stelle gepresst. „Sophie …“, drängte er, als sie nicht reagierte. „Streif es über.“

Ihre nächsten Worte ließen ihn erstarren: „Ich weiß nicht, wie man das macht.“

Bastiano hatte schon lange kein Gewissen mehr. Vermutlich war es mit Maria begraben worden. Andere Menschen waren ihm völlig egal. Als ihm jedoch bewusst wurde, dass er Sophies erster Mann sein würde, meldete sich zu seiner Überraschung sein Gewissen.

Er kannte das Spiel in- und auswendig – vor allem in Hotels –, und nicht selten brauchte er nicht mal auszugehen oder sich jemanden aufs Zimmer kommen zu lassen, um Sex zu haben.

Bei Sophie jedoch war alles anders.

„Was zum Teufel machst du dann hier?“, fragte er.

„Das Gleiche wie du.“ Störrisch presste sie die Lippen zusammen und gab ihm einen ersten Vorgeschmack auf ihre Sturheit.

„Du gehst jetzt besser.“ Sein Gewissen gab ihm die richtigen Worte ein: „Ich suche keine Frau. Ich habe beschlossen, Single zu bleiben, Sophie.“

„Das hast du schon gesagt.“

„Du hast dich bisher aufgespart, und ein One-Night-Stand in einem Hotelzimmer …“

„Es ist schon Morgen“, fiel Sophie ihm ins Wort, doch Bastiano schob sie von seinem Schoß herunter und zog die Decke hoch.

„Geh!“, befahl er.

Sein Tonfall ließ keinen Widerspruch zu, doch sie blieb trotzdem sitzen. „Raus mit dir!“, fügte er eine Spur schärfer hinzu.

Sophie stand auf und steckte gedemütigt ihren Slip in die Tasche ihrer Unform, während Bastiano starr an die Decke blickte.

Und wieder sah sie ihr ganzes Leben vor sich ausgebreitet: Ein Leben voller Reue. Voller Bedauern, ihr erstes Mal nicht mit jemandem gehabt zu haben, der so schön und sinnlich war wie dieser Mann.

Sie war vierundzwanzig und wollte endlich Sex!

Und Bastiano war exquisit.

Er war für sie der Inbegriff männlicher Schönheit, edel und rau zugleich, mit einer unterschwelligen Wildheit, auf die sie körperlich instinktiv reagierte.

Nur deshalb hatte sie so lange gewartet – bis sie jemanden fand, der solche Empfindungen in ihr auslöste.

Vielleicht würde sie eines Tages dem stummen Befehl ihrer Eltern folgen und nach Hause zurückkehren. Heiraten und in ihrer Hochzeitsnacht so tun, als sei es das erstes Mal. Nie einer Menschenseele erzählen, dass sie zuvor mit Bastiano geschlafen hatte … na ja, fast.

„Du hast recht“, sagte sie, während sie sich ihre Uniform zuknöpfte. „Ich habe mich aufgespart – für den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Mann.“

„Du kannst etwas Besseres finden.“

„Mach dich nicht lächerlich!“

Irritiert sah er sie an.

„Letztes Jahr um diese Zeit hat man mir gesagt, dass ich nie etwas Besseres kriegen würde als den Mann, den man mir ausgesucht hat, um mir meine Unschuld zu nehmen.“

„Zumindest wäre er dein Ehemann gewesen.“

„Glaubst du wirklich, das hätte es leichter gemacht?“

„Nein“, räumte Bastiano ein. Schuldgefühle stiegen in ihm auf, weil er selbst eine lieblose Ehe hatte eingehen wollen. Er beobachtete Sophie beim Zuknöpfen ihrer Uniform. Sie war klug und stark und wusste genau, was sie wollte. „Sophie …“

Sie ignorierte ihn und ging zur Tür. Ihre Wangen waren hochrot, und sie war den Tränen nahe, was ungewöhnlich für sie war.

Ich tue ihr nur einen Gefallen, versuchte Bastiano sich einzureden.

Doch es war ein Gefallen, den keiner von ihnen wollte.

„Sophie!“, wiederholte er und stand auf.

Sophie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Er war komplett nackt, hatte noch nicht mal Anstalten gemacht, sich zu bedecken. Bei seinem Anblick beschleunigten sich ihre Atemzüge so heftig, als sei sie gerade eine Treppe hochgelaufen.

Als er direkt vor ihr stehenblieb, fiel ihr wieder auf, wie groß er war.

„Du hast deine Jacke vergessen.“

Sie hatte den Blick starr auf seine Brust gerichtet. Der Stuhl am Fenster kam ihr unerreichbar vor. „Würdest du sie mir bitte holen?“

„Bist du sicher?“ Sanft, aber entschlossen hob er ihr Kinn, sodass sie ihn ansehen musste.

„Was meinst du?“

„Das weißt du genau.“ Sie wusste genauso gut wie er, dass seine Frage nichts mit ihrer Jacke zu tun hatten, aber er klärte sie trotzdem auf. „Sophie, ich reise morgen früh ab. Vielleicht können wir heute Abend essen gehen?“

Schon allein das war ein Zugeständnis für ihn, denn normalerweise lief es bei ihm andersherum – erst Abendessen und dann Sex.

Trotz seiner Hand an ihrem Kinn schüttelte sie den Kopf. „Ich muss heute Abend arbeiten.“

„Bist du ganz sicher, dass du das hier willst?“

Noch nie in ihrem Leben war Sophie sich einer Sache so sicher gewesen. Ja, sie wollte diesen Mann hier.

Bisher hatten immer andere über sie bestimmt, hatten ihr alle Entscheidungen aus der Hand genommen – von der Wahl ihrer Freundinnen über ihre Kleidung bis hin zu ihrem Beruf. Nie hatte sie das Gefühl gehabt, ein eigenes Leben zu führen.

Dass man ihr auch noch den Ehemann aussuchen wollte, hatte Sophie den Rest gegeben.

Es bedeutete ihr daher umso mehr, dass Bastiano sie nach ihren Wünschen fragte und sich ihre Antwort sogar bestätigen ließ.

Zum ersten Mal lag eine Entscheidung bei ihr.

Also entschied sie sich. Ja, sie würde mit Bastiano schlafen.

„Ganz sicher.“

Diesmal war er derjenige, der sich an den Fenstern zu schaffen machte. Bastiano schloss die Fensterläden, zog die Gardinen zu und knipste die Nachttischlampen an. Er schob den Servierwagen aus dem Schlafzimmer und schloss die Tür.

Sophie hatte mit einem leidenschaftlichen Kuss gerechnet – damit, dass er dort weitermachen würde, wo er aufgehört hatte, aber Bastiano hatte anscheinend beschlossen, sich Zeit zu lassen.

„Bist du nervös?“, fragte er.

„Nein.“

Ihre Antwort überraschte ihn, aber an diesem Morgen war eben alles anders als sonst. „Kein bisschen?“, hakte er nach, als er vor ihr stehenblieb und ihre Uniform erneut aufknöpfte – langsamer diesmal.

Sophie musste lächeln, als sie seinen ernsten Gesichtsausdruck sah. „Ich bin nervös, wenn ich meine Eltern anrufe. Oder wenn ich an der Kasse stehe und nicht weiß, ob mein Konto ausreichend gedeckt ist.“ Als er ihr Lächeln erwiderte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und strich mit ihren warmen Lippen langsam über seine Wange. „Jetzt nicht!“, flüsterte sie ihm in sein Ohr.

Bastiano schob Sophie die Uniform über die Schultern und ließ sie zu Boden fallen. Dann ging er um sie herum, um ihren BH aufzuhaken. Mehr war nicht nötig, um sie komplett zu entblößen. Seine Hände fühlten sich angenehm warm auf ihrer Haut an, als er ihr die Träger langsam über die Arme streifte und mit einem Finger sanft über ihre Wirbelsäule fuhr.

Ihr wurde so schwindlig, dass sie die Augen schloss. Als er sie wieder zu sich umdrehte, kribbelte ihre Haut von Kopf bis Fuß. Sie war wie elektrisiert. Schon allein sein Blick schien sie in Flammen zu versetzen.

„Ich habe das Gefühl, dich schon lange zu kennen“, flüsterte sie. Das machte zwar keinen Sinn, da sie einander vorher noch nie begegnet waren, aber in seiner Gegenwart verspürte sie keinerlei Scheu.

Eindringlich sah er sie an. „Niemand kennt mich.“

Er führte sie zum Bett, und diesmal gab er ihr keine Anweisungen. Sophie würde sie ohnehin nicht befolgen – er kannte sie inzwischen gut genug, um das zu wissen.

Noch immer wartete sie vergeblich auf einen Kuss, als sie in die Matratze sank.

Bastiano legte sich neben sie und stützte sich auf einen Unterarm. „Fühlst du dich wohl?“, fragte er, als sie die Augen schloss.

„Sehr sogar.“

Als er sanft ihre Brüste berührte, atmete sie scharf ein. Er beugte sich über sie und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen, so wie sie es vorhin bei ihm getan hatte.

Jedes Mal, wenn seine Lippen ihre streiften, gab die Berührung ihr einen Vorgeschmack auf mehr. Unter seinen geschickten Fingern wurden ihre Brustknospen so hart wie Stein. Mit der Zunge steigerte er noch ihre Erregung und löste fast quälend lustvolle Empfindungen aus. Als er eine Knospe zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und drückte, stöhnte Sophie auf und wurde endlich mit einem Kuss belohnt.

Sie war so auf seine Lippen fokussiert, dass sie seine Hand zwischen den Schenkeln erst spürte, als es schon zu spät war. Anstatt die Beine instinktiv zusammenzupressen, öffnete sie sie.

Bastiano bedeckte ihren Hals mit Küssen – ganz sanft zunächst und dann immer hungriger. Sophie klammerte sich an seinen Schultern fest, als er die Lippen senkte und an ihren Knospen zu saugen begann. Seine Bartstoppeln fühlten sich wundervoll auf ihrer empfindlichen Haut an. Stöhnend vergrub sie die Fingernägel in seinen Schultern.

Bastiano wollte mehr von ihrem Stöhnen hören und führte vorsichtig einen Finger in ihr feuchtes Inneres. Die Hitze in ihrem Unterleib breitete sich aus, bis sie von Kopf bis Fuß in Flammen zu stehen schien. Es fühlte sich so herrlich an! Er presste die Lippen wieder auf ihren Mund, und diesmal küsste er sie wild und leidenschaftlich.

Sich unter seiner Hand windend, öffnete Sophie die Lippen. Sie hatte das Gefühl zu fliegen.

Bastiano hatte ihren Körper eigentlich von Kopf bis Fuß mit Küssen bedecken und jeden Quadratzentimeter ihrer Haut schmecken wollen, aber er als er ihre feuchte Hitze an den Fingern spürte, konnte er sich nicht länger zügeln und griff wieder nach einem Kondom.

„Ich nehme die Pille“, sagte Sophie und ließ ihn in der Bewegung erstarren.

Dann hatten sie heute beide ein erstes Mal, denn Bastiano hatte bisher noch nie ohne Kondom Sex gehabt. Kein einziges Mal.

Er traute niemandem.

Sophie zitterte etwas, als er sich auf sie legte, aber ihre Begierde war stärker als ihre Nervosität.

Aber Bastiano war nervös. Sie war so hingebungsvoll und willig, doch er wollte ihr nicht wehtun.

Behutsam drang er in sie ein. Er spürte etwas Widerstand, aber auch willkommen heißende Hitze.

Nein, Bastiano nahm Sophie nicht ihre Unschuld. Sie schenkte sie ihm freiwillig, als sie den Schmerz zusammen mit ihrer Lust hinnahm.

Er stützte sich auf die Ellenbogen und küsste sie auf die Lippen. Er war so erregt, dass es ihm schwerfiel, sich zurückzuhalten.

Sophie schloss die Augen, als Bastiano immer wieder langsam in sie eindrang. Sie legte ihm die Hände auf die Brust – eine stumme Bitte, sich mehr Zeit zu lassen, aber als er sich komplett aus ihr zurückzog, verwandelte ihr Schmerz sich in Begierde, und sie hob die Hüften, damit er sie wieder ganz ausfüllte.

„Langsam!“, flüsterte sie, als sie sein verzerrtes Gesicht sah, und er tat sein Bestes.

Sie konnte spüren, wie schwer es ihm fiel, das köstlich langsame Tempo aufrechtzuerhalten, das sie von ihm verlangte. Und als ihr Schmerz nachließ, als jeder Stoß ihre Begierde immer mehr steigerte, löste Sophie die Hände von seiner Brust und hob die Hüften, um ihn anzustacheln.

Einander in die Augen sehend, fanden sie einen gemeinsamen Rhythmus. Außer sich vor Verlangen, strich Sophie mit ihren Händen über seinen muskulösen Rücken. Als er das Tempo steigerte und sich ihr linkes Bein um die Hüften schlang, grub sie ihre Finger in seine Pobacken und zog ihn noch dichter zu sich.

„Bastiano …“ Sophie wurde von ihrer Lust davongerissen. Das Kopfkissen rutschte zur Seite. Bastiano hielt ihren angespannten Körper fest, stützte ihren Kopf mit seiner Hand.

Erst als er spürte, wie sie kam, ließ auch er sich gehen. Er kniete sich hin und bewegte sich ungezügelt in ihr. Er nahm sie hart, wild und schnell.

Sophie hatte keine Ahnung, wo ihre Lust aufhörte oder wo sie begann, als sich ein zweiter Orgasmus in ihr aufbaute – diesmal kam sie gemeinsam mit ihm.

Den Blick zu der Stelle ihrer Vereinigung gesenkt, ergoss er sich restlos in ihr.

Als er sie losließ und sich aus ihr zurückzog, fühlte sie sich plötzlich beraubt. Bastiano hatte ihr alles gegeben, was sie bei ihrem ersten Mal nur hatte erwarten können, und sie wollte mehr davon.

Doch das würde vermutlich nie geschehen.

4. KAPITEL

Erst am Nachmittag wachte Sophie in Bastianos Armen auf.

Sie war noch nie so glücklich gewesen, so tief befriedigt.

Es gab absolut nichts, wonach es sie gerade verlangte. Von einer Toilette einmal abgesehen … Doch sie schreckte davor zurück, jetzt aufzustehen. Sie wollte ihn nicht wecken. Sophie war noch nicht bereit, sich der Realität zu stellen.

Heute war ihr großer Tag, und den wollte sie restlos auskosten.

Vorsichtig machte sie sich von Bastiano los, nahm ihre Uniform und ihre Unterwäsche und ging ins Bad. Es war sehr luxuriös ausgestattet, mit einer riesigen Alabasterwanne in der Mitte. Die Fenster waren so konzipiert, dass die Gäste beim Baden den Anblick Roms genießen konnten, ohne selbst gesehen zu werden.

Durchtrieben lächelnd warf Sophie ihre Kleidungsstücke in das Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Es ging ihr nicht so sehr darum, ihre Uniform zu waschen. Sie wollte vor allem dafür sorgen, dass sie die Suite nicht so schnell würde verlassen können.

Ihr Blick streifte das verlockend aussehende Alabasterbecken. Warum eigentlich nicht? In ihrer Wohnung befand sich nur eine schmale Dusche, die sie auch noch mit ihren Mitbewohnerinnen teilen musste. Eine Chance wie diese hier würde sich nicht so schnell wieder bieten.

Nachdem sie ihre nassen Sachen über die Handtuchwärmer gehängt hatte, ließ sie sich Wasser einlaufen und fügte alles hinzu, was ihr in die Hände fiel – Öle, Salze, Schaumbäder. Sie leerte all die schönen Fläschchen, die sie täglich ersetzte, in das dampfende duftende Wasser und kletterte selbst hinein.

Herrlich! dachte sie, als das warme Wasser sie umfing. Sie fühlte sich unglaublich wohl. Das lag nur an Bastiano. Er war derjenige, der ihr dieses wundervolle Gefühl gab.

Sie empfand keinerlei Schuldgefühle, obwohl das vielleicht noch kommen würde. Lächelnd schloss sie die Augen und gab sich ihren Erinnerungen hin.

Und so fand er sie, als er reinkam – bis zum Hals im Schaum dösend.

„Warum hängen hier überall Kleidungsstücke herum?“, fragte er. „Hier sieht es ja aus wie in einem Zeltlager.“

Sophie öffnete die Augen und lächelte ihm zu. In seiner Nacktheit war er umwerfend schön. „Wenn du es genau wissen willst – ich habe meine Uniform gewaschen, weil ich weiß, dass du ein Gentleman bist und mich nicht mit nassen Kleidungsstücken wegschicken wirst.“

„Ich bewundere deine Durchtriebenheit. Aber ich bin kein Gentleman, und wenn ich wollte, dass du gehst, würde ich keine Rücksicht auf nasse Kleidungsstücke nehmen.“

„Ach was!“

Sie glaubte ihm anscheinend kein Wort. Offensichtlich hielt sie ihn für perfekt.

Sophie streckt eine Hand nach ihm aus, aber er zögerte, ihr Gesellschaft zu leisten. Er hielt nichts von solchen Intimitäten, gab jedoch nach ein paar Sekunden nach und setzte sich ihr gegenüber in die Wanne. Vergeblich versuchte er sich einzureden, dass es nur an dem einladend duftenden Wasser lag …

Genüsslich legte ihm Sophie ihre Füße auf die Brust.

Obwohl er nicht damit gerechnet hätte, legte auch er entspannt den Kopf zurück und döste. Zumindest für eine Weile. Bis er den Druck ihrer Fersen auf seiner Brust spürte.

Er ignorierte ihn. „Was ist?“, fragte er, als Sophie ihm keine Ruhe gab.

„Massier mir die Füße!“

Er war zu entspannt, um zu widersprechen, also presste er die Daumen in ihre Fußsohlen und genoss ihr Stöhnen.

„Deine vornehme Engländerin weiß nicht, was ihr entgeht“, murmelte Sophie.

Bastiano war sonst eigentlich nicht so aufmerksam, fand es jedoch überflüssig, sie aufzuklären. „Bist du wund?“, fragte er. Womit er nicht ihre Füße meinte.

„Ein bisschen“, gab Sophie zu. Ihre Lippen zuckten provozierend, als sie die Augen aufschlug und seinen Blick erwiderte. „Aber nicht wund genug, um es nicht gleich wieder zu tun.“

Oh ja, Lydia wusste wirklich nicht, was ihr entging, denn Bastiano massierte Sophie die Waden, so fachmännisch, dass sie sich herrlich verwöhnt fühlte.

„Für so zarte Beine hast du ganz schön viele Muskeln“, stellte er fest.

„Das liegt daran, dass ich den ganzen Tag auf den Beinen bin und ständig Treppen steigen muss.“

Nur heute nicht.

Sophie beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, ihre Neugier zu befriedigen: „Was ist mit deiner Wange passiert?“

Es kam nur selten vor, dass er entspannt genug war, um diese Frage zu beantworten. „Ich geriet in einen Kampf.“

„Wie alt warst du?“

„Siebzehn.“

Er hatte ihr bereits erzählt, dass er in diesem Alter von seinem Onkel rausgeworfen worden war. „Hast du mit deinem Onkel gekämpft?“

„Nein.“

„Dann hattest du ja ein ziemlich ereignisreiches siebzehntes Lebensjahr.“

„Mag sein.“

„Mit wem hast du gekämpft?“, fragte Sophie, seinen warnenden Blick ignorierend. Sie genoss das Gefühl seiner warmen Hände auf ihren nackten Füßen zu sehr.

„Mit einem Mann, den ich bis heute abgrundtief hasse.“

Sein veränderter Tonfall beunruhigte Sophie nicht im Geringsten. Sie wartete darauf, dass er fortfuhr, doch er sagte nichts mehr.

Stattdessen wurde er nun selbst neugierig. „Und was hast du mit siebzehn so gemacht?“

„Das habe ich doch schon gesagt. Ich habe in einer Bäckerei gearbeitet.“ Sie lehnte wieder den Kopf zurück und schloss die Augen. „Normalerweise mache ich dieses Bad sauber“, fügte sie träge hinzu. „Einmal musste ich einen Champagnerkühler hier reinbringen. Nicht dass das etwas Ungewöhnliches ist, aber das Paar saß schon im Becken.“

„Tja, ich war das nicht“, bemerkte Bastiano trocken.

„Natürlich nicht, dafür bist du viel zu rücksichtsvoll.“

Diesmal lag es ihm auf der Zunge, sie zu korrigieren – ihr zu sagen, dass es ihm egal war, ob er ein Zimmermädchen in Verlegenheit brachte oder nicht, aber er schwieg. „Was hast du hier noch so alles beobachtet?“

„Eine Menge.“ Sophie lächelte träge. „Hier finden viele Hochzeiten statt. Ich bringe den Gästen nicht oft das Frühstück, aber manchmal schon, und manche Paare trinken schon um sieben Uhr morgens Champagner …“ Beim ersten Mal war ihr das noch völlig abwegig vorgekommen, aber inzwischen fand sie es romantisch. „Ich habe noch nie Champagner getrunken, schon gar nicht um diese Uhrzeit.“

„Soll ich uns welchen kommen lassen?“

„Nein.“ Sophie hatte die Augen immer noch geschlossen, während sie in sich hineinhorchte. Sie hatte keine wirklichen Bedürfnisse – die waren mehr als gestillt –, doch ein bisschen Appetit regte sich doch. „Ich könnte ein Eis mit einem Schuss Espresso vertragen.“

Bastiano griff sofort nach dem Telefon neben dem Becken. Er gab seine Bestellung mit dem Hinweis auf, dass das Nicht-Stören-Signal vorübergehend ignoriert werden durfte.

Zehn Minuten später hielt Sophie sich eine Hand vor den Mund, um nicht laut loszuprusten, als Inga den Servierwagen mit dem Eis in die Lounge schob.

Bastiano hatte sich einen Bademantel übergestreift, aber nicht die Badezimmertür geschlossen, sodass Sophie jedes Wort hören konnte.

„Kann ich noch etwas für Sie tun, Signor Conti?“, fragte Inga beflissen.

„Nein, das war alles.“

Als er ins Bad zurückkehrte, rümpfte Sophie die Nase. „Ich kann sie nicht ausstehen.“

„Warum nicht?“

„Ach, nur weil …“ Sophie zuckte errötend die Achseln, als ihr auffiel, dass sie gerade das Gleiche machte wie Inga. Aber ihr ging es nicht um Geld oder Designerhandtaschen. Sie löste nur ihr Versprechen an sich selbst ein, ihr erstes Mal erst dann zu haben, wenn sie es wollte und dafür bereit war. „Wo ist mein Eis?“

Statt einer Antwort hob er sie aus dem Bad und trug sie tropfnass zum Bett. Sie protestierte lachend, als er sie aufs Bett fallenließ.

Er lehnte sie gegen die Kissen, goss einen Schuss heißen Kaffee über einen Teller mit Eis und reichte ihn ihr. Sophie probierte und schnurrte vor Vergnügen. Nach dem heißen Bad war das Eis köstlich kalt, und das süße Eis und der bittere Espresso waren eine perfekte Kombination.

Sie beobachtete, wie Bastiano sich seinen Bademantel abstreifte und nach seinem Teller griff, jedoch auf den Kaffee verzichtete. Er schob sich einen großen Löffel Eis in den Mund, sodass Zunge und Lippen ganz kalt wurden.

„Was tust du da?“, fragte sie, als er sich aufs Bett kniete und ihre Beine spreizte.

„Kleine Abkühlung …“

Oh ja, dieser Tag mit ihm war in der Tat herrlich!

Sie verbrachten den Tag im Bett, liebten einander oder dösten oder lachten und redeten. Als sie zum zweiten Mal in Bastianos Armen aufwachte, widerstrebte es ihr, auf die Uhr zu sehen.

Die Vorhänge und Fensterläden waren so schwer, dass sie das Tageslicht komplett ausschlossen, aber so still, wie es im Hotel war, musste es schon Nacht sein. Ganz bestimmt begann ihre Schicht in weniger als einer Stunde.

Und dann würde alles vorbei sein.

Sie schlüpfte aus Bastianos Armen und ging zurück ins Bad. Diesmal duschte sie nur kurz, steckte sich das Haar hoch und zog sich ihre inzwischen trockenen Kleidungsstücke an.

Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte, schlief Bastiano immer noch.

Nein, sie würde diese Nacht nie bereuen.

Wenn ihre Freundinnen über ihr erstes Mal geredet hatten, waren ihre Geschichten entweder okay oder abschreckend gewesen. Sophies erstes Mal hingegen war perfekt. Bastiano war ein unglaublich guter und rücksichtsvoller Liebhaber.

Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich verwöhnt und begehrt gefühlt. Sie hätte Bastiano gern geweckt, um sich von ihm zu verabschieden, hatte jedoch Angst, in Tränen auszubrechen. Sie beschloss, ihm stattdessen eine Nachricht zu hinterlassen, ging zum Sekretär und griff nach einem Blatt Briefpapier.

Non ti dimenticheró mai, schrieb sie darauf. Ich werde dich nie vergessen.

Es war ihr egal, ob er das sentimental fand oder nicht. Es war die Wahrheit.

Lautlos schlüpfte sie aus der Suite. Als sie zum Fahrstuhl ging, war sie zwar traurig, empfand jedoch keinerlei Reue.

Natürlich wusste sie, dass ihre Mutter ihr das hier nie verzeihen würde. Genauso wenig Benita, ihre Chefin hier im Hotel. Ja, viele Menschen würden sie dafür verurteilen, aber Sophie war im Einklang mit sich und der Welt. Sie würde diese Erinnerungen hüten wie einen Schatz.

Der heutige Tag war ohne jeden Zweifel der schönste ihres Lebens gewesen …

Da ihre Schicht erst in zehn Minuten anfing, beschloss sie, einen Abstecher zum Ballsaal zu machen, wo ihre Freundin Gabi gerade eine Hochzeit organisierte, doch der Saal war leer.

Sophie hatte schon länger das Gefühl, dass Gabi ihr aus dem Weg ging. Früher hatten sie sich regelmäßig getroffen, aber in letzter Zeit war Gabi immer zu beschäftigt oder zu müde gewesen.

Sophie ging zur Rezeption, wo Anya gerade Dienst hatte. „Hast du Gabi irgendwo gesehen?“

Anya rollte dramatisch mit den Augen. „Und ob! Ich musste vorhin einen Krankenwagen rufen. Sie hat Wehen bekommen.“

Sophie traute kaum ihren Ohren. „Was soll das heißen? Gabi ist doch nicht schwanger …“ Doch noch während sie das sagte, verstand sie plötzlich, warum Gabi ihr in den letzten Monaten ausgewichen war.

„Sie ist im siebten Monat. Ich hatte keine Ahnung! Ihre Fruchtblase ist geplatzt. Ich glaube, ihr Baby kommt heute Nacht zur Welt.“

„Ist jemand bei ihr?“

„Sie wollte ihre Mutter anrufen, sobald sie im Krankenhaus ist.“

Geistesabwesend ging Sophie zur Übergabe, um zu erfahren, wo sie arbeiten würde.

„Hörst du mir eigentlich zu, Sophie?“, fragte Benita nach ein paar Minuten.

„Natürlich.“ Sophie bemühte sich um einen aufmerksamen Gesichtsausdruck.

„Würdest du dabei mithelfen, den Ballsaal für die Hochzeit morgen vorzubereiten? Es ist noch eine Menge zu tun, jetzt, wo Gabi plötzlich weg ist.“

Sophie nickte und notierte sich die Instruktionen, während Benita sich an den Rest des Personals wandte.

„Sultan Alim musste unerwartet nach Hause zurück. Laura, du und ich werden sein Apartment übernehmen, sobald wir die Zeit dafür finden. Und in der Präsidentensuite B haben wir Signor Conti …“

Sophies Herzschlag beschleunigte sich beim Klang seines Namens.

„Er ist ein sehr wichtiger Gast. Er wollte heute nicht gestört werden, aber falls er uns doch Zutritt gewährt, macht ihr bitte dort sauber, Inga und Laura. Aber vergesst nicht, dass Signor Conti ein ernsthafter Interessent für dieses Hotel ist. Er könnte eines Tages euer Chef sein, also zeigt euch von eurer besten Seite. Er ist hier, um das Personal zu beobachten und sich so viele Informationen wie möglich zu verschaffen.“

Sophie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie bekam kein Wort vom Rest der Übergabe mit. Am liebsten hätte sie Benita gebeten, ihr mehr über Bastiano zu erzählen. Panik stieg in ihr auf.

Sie war so aufgelöst und durcheinander, dass sie sich kaum auf ihre Arbeit konzentrieren konnte, zumal Gabis tyrannische Chefin Bernadetta sie rücksichtslos durch die Gegend scheuchte.

Um zwei Uhr nachts streckte Benita endlich den Kopf in den Ballsaal und teilte Sophie mit, dass es Zeit wurde, Pause zu machen.

„Alles in Ordnung?“, fragte der Portier Ronaldo, als Sophie draußen frische Luft schnappte.

„Ich bin froh, wenn die Nacht endlich vorbei ist“, gestand Sophie. „Es ist schrecklich, für Bernadetta zu arbeiten, und dann auch noch das Gerede von der Übernahme des Hotels.“

„Ich weiß! Hoffentlich kriegt Di Savo den Zuschlag. Er hat schon ein Hotel hier in Rom.“

„Was ist mit dem anderen?“

„Conti?“ Ronaldo hob die Augenbrauen. „Er hat den Ruf, eiskalt und skrupellos zu sein.“

„In welcher Hinsicht?“

„In jeder Hinsicht. Er und Di Savo sind Erzfeinde. Das Sicherheitspersonal wurde dazu angehalten, besonders gut aufzupassen, solange die beiden unter einem Dach wohnen.“

„Echt?“

Ronaldo nickte. „Zumal Di Savo letzte Nacht Contis Gast bewirtet hat.“ Er grinste wissend. „Wir können nur hoffen, dass er nicht nur das Mädchen, sondern auch das Hotel kriegt. Bastiano soll ein kaltherziger Bastard sein.“

„Woher weißt du das?“

„Ich bin der Portier. Er wohnt öfter hier, wenn er den Sultan besucht. Die beiden sind befreundet. Glaub mir, ich würde meine Schwester nie auch nur in seine Nähe lassen.“

„Er und der Sultan sind Freunde?“, vergewisserte Sophie sich. Bastiano hatte heute Morgen so getan, als habe er keine Ahnung, dass Alim Sultan war.

Ronaldo nickte. „Gute Freunde sogar. Obwohl ich dem Sultan einen besseren Geschmack zugetraut hätte.“

Dann hatte sie also nicht nur mit ihrem potenziellen neuen Chef geschlafen, sondern ihm auch noch alles Mögliche anvertraut. Wie demütigend! Plötzlich kam sie sich beschmutzt vor. Sie hatte gedacht, dass er ihr all diese Fragen nur stellte, weil er sich für sie interessierte, doch in Wirklichkeit hatte er die ganze Zeit Hintergedanken gehabt.

Gott sei Dank hatte sie ihm nicht verraten, was Inga alles auf dem Kerbholz hatte! Sophie mochte Inga zwar nicht, aber sie wollte ihr auch keinen Ärger bereiten.

Schon gar nicht wegen etwas, das sie gerade selbst getan hatte.

Wie auch immer sie ihre Situation drehte und wendete – sie hatte Mist gebaut. Ihr Job war die größte Errungenschaft ihres Lebens. Sophie ging gern zur Arbeit und mochte ihre Kollegen. Und jetzt konnte von einem Augenblick zum nächsten alles vorbei sein.

Als der Morgen kam, war im Ballsaal alles für die Hochzeit vorbereitet, aber Sophie war immer noch voller Panik und meldete sich daher nicht, als Benita fragte, ob jemand beim Frühstücksdienst aushelfen wollte.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie Bastiano gegenübertreten sollte.

Bastiano hingegen war mehr als bereit, Sophie gegenüberzutreten.

Er war gegen Mitternacht ausgeruhter aufgewacht als seit Langem und hatte eine Weile gebraucht, um zu registrieren, dass sie fort war. Er war sogar ins Bad gegangen, weil er gehofft hatte, sie wieder bis zum Hals im Schaum liegen zu sehen.

Da er wusste, wie sehr sie Ordnung schätzte, hatte er den Butler gerufen und ihn gebeten, ein Zimmermädchen auf seine Suite zu schicken, doch zu seiner Enttäuschung war nur Inga gekommen, die Frau, die das Eis gebracht hatte.

Er bestellte sein Frühstück bei ihr. Schakschuka für Sophie und sizilianisches Gebäck für sich. Nach kurzem Nachdenken fügte er frische Beeren und eine Flasche Champagner zu seiner Bestellung hinzu.

Als der Morgen kam, hörte er jemanden an seine Tür klopfen und einen Servierwagen in die Lounge schieben. Kurz darauf klopfte jemand an seine Schlafzimmertür.

„Herein!“

Bastiano war lange genug im Hotelgeschäft, um zu wissen, dass Sophie sich nicht aussuchen konnte, wen sie bediente, war aber trotzdem enttäuscht, als nicht sie sein Zimmer betrat.

Er schloss die Augen, als die Vorhänge und die Fensterläden geöffnet wurden.

„Soll ich Ihnen das Frühstück servieren?“, fragte Inga und ignorierte damit seinen unmissverständlichen Wunsch, nicht angesprochen zu werden.

„Nein.“

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Signor Conti?“

Er schlug die Augen auf und musterte sie irritiert. Obwohl ihr Angebot sehr subtil war, verstand er es sofort. Kein Zweifel, Inga würde gern mit dem zukünftigen Chef schlafen. „Sie können gehen“, sagte er kurz angebunden und winkte sie hinaus.

Inga ging, und die Minuten dehnten sich endlos, während er vergeblich auf Sophie wartete. Als sie kurz vor sieben immer noch nicht da war, spielte Bastiano mit dem Gedanken, an der Rezeption anzurufen und nach ihr zu fragen, doch er wusste, dass das keinen guten Eindruck machen würde. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu warten.

Irgendwann wurde es ihm zu bunt, und er stand auf, um sich selbst einen Kaffee einzuschenken. Als er die Zeitung aufschlug, wurde sein Morgen nur noch schlimmer.

Sein Blick fiel auf ein Foto seines Erzfeindes Raul Di Savos, das ihn zeigte, wie er in dem Café auf der anderen Straßenseite des Hotels mit Lydia Hayward Händchen hielt.

Also hatte Lydia sich nicht mit Freunden getroffen! Raul musste herausgefunden haben, dass Lydia Bastianos Gast war, und hatte sie ihm weggenommen. Wütend knüllte Bastiano die Zeitung zusammen und warf sie auf den Fußboden.

Sein Handy klingelte. Maurice war dran und entschuldigte sich wortreich, weil Lydia immer noch nicht erreichbar war. Anschließend fragte er, wann sie sich treffen konnten, um über das Schloss zu reden.

Doch Bastiano hatte kein Interesse mehr an Maurices zugigem altem Kasten. „Es wird kein Treffen geben, Maurice. Wenn Sie Ihre Stieftochter sehen, richten Sie ihr bitte aus, dass Raul Di Savo sich nur für sie interessiert, um mir eins auszuwischen. Mehr steckt nicht dahinter.“

Er hatte keinen Zweifel, dass Maurice diese Nachricht bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit weiterleiten würde. Hoffentlich hatten Raul und Lydia bald einen Riesenstreit!

Als Nächstes rief Bastiano an der Rezeption an und bat darum, alles für seine Abreise vorzubereiten.

Vergiss Rom! Vergiss duftende Bäder und sizilianisches Gebäck! Und vor allem …

Vergiss Sophie!

Oh ja, Bastiano war wieder ganz der Alte. Ein skrupelloser Bastard!

Sophie hatte beim besten Willen nicht gewusst, wie sie Bastiano gegenübertreten sollte.

Es war nicht nur, dass sie Angst um ihren Job hatte – sie war auch wütend und fühlte sich gedemütigt. Insgeheim hatte Bastiano sich bestimmt die ganze Zeit ins Fäustchen gelacht.

Vielleicht wird er das Hotel ja nicht kaufen, versuchte sie sich zu trösten, als sie nach ihrer Rückkehr nach Hause vergeblich einzuschlafen versuchte.

Als sie ein paar Stunden später die Entbindungsstation des Krankenhauses betrat, in dem Gabi lag, war ihr nur allzu bewusst, dass es genauso gut sie sein könnte, die jetzt blass im Krankenhausbett lag und ihr erstes Kind zur Welt brachte, den ungeliebten Luigi an ihrer Seite.

Nein!

Ihr Tag mit Bastiano mochte unangenehme Konsequenzen haben, aber ihr erstes Mal war genau so gewesen, wie sie es sich immer gewünscht hatte. Sie bereute nichts, auch wenn es sie ihren Job kostete.

„Sophie …“ Gabi brach in Tränen aus, als ihre Freundin mit einem Blumenstrauß und einem kleinen gelben Teddy das Zimmer betrat.

„Ist schon okay.“ Sophie nahm ihre Freundin in die Arme. „Geht es dem Baby gut? Die Schwestern haben mir nichts gesagt.“

„Ich habe ein kleines Mädchen bekommen“, schluchzte Gabi. „Sie heißt Lucia.“

„Ist sie wohlauf?“

„Sie ist auf der Frühchenstation, aber anscheinend geht es ihr gut.“

„Ich habe ihr das hier mitgebracht.“ Sophie gab Gabi den kleinen Bären.

Die frischgebackene Mutter musste beim Anblick des ersten Spielzeugs ihres Babys lächeln. „Ich kann noch gar nicht fassen, dass sie da ist.“

„Glaub mir, das geht uns allen so! Das ganze Personal steht unter Schock. Warum zum Teufel hast du mir nichts von deiner Schwangerschaft erzählt?“

„Es kam mir verkehrt vor, wenn es noch nicht mal der Vater weiß“, gestand Gabi.

Sophie wartete, dass Gabi weiterredete, doch sie schüttelte den Kopf. Offensichtlich war sie immer noch nicht bereit zu enthüllen, wer der Vater war.

„Ist es Ronaldo?“, fragte Sophie, weil sie die beiden öfter im Gespräch gesehen hatte.

„Ich bitte dich!“ Gabi lachte unter Tränen. „Ronaldo?!“

„Na ja, er sieht nicht schlecht aus.“ Sophie zuckte die Achseln. „Und ihr versteht euch gut.“

„Ich rede nur mit ihm, weil er den ganzen Klatsch kennt.“

Nicht den ganzen, hoffte Sophie.

Sie blieb noch eine Weile und versprach Gabi beim Abschied, sie bald wieder zu besuchen. Auf dem Rückweg zur Arbeit schwankte sie zwischen der Angst, was sie dort erwartete, und der Hoffnung, Bastiano wiederzusehen, hin und her.

Benita lächelte Sophie zu, als sie zur Übergabe dazustieß. „Die Hochzeit ist in vollem Gang“, sagte sie und organisierte den Rest des Ablaufs für die kommende Nacht. „Signor Conti hat heute Morgen ausgecheckt.“

Niemand hörte, wie Sophie das Herz in die Hose rutschte. Ihren über ihrem Notizblock erhobenen Kugelschreiber anstarrend, kämpfte sie mit den Tränen.

„Das Personal hatte tagsüber so viel zu tun, dass es noch nicht dazu gekommen ist, die Präsidentensuite B sauberzumachen. Sophie, würdest du bitte schon mal anfangen? Ich komme so schnell wie möglich nach. Danach kannst du beim Aufräumen des Ballsaals helfen.“

Schweren Herzens stieg Sophie in den Fahrstuhl – in denselben, in dem sie gestern in die Realität zurückgekehrt war.

Jede Präsidentensuite hatte eine eigene Abstellkammer mit Reinigungsutensilien, sodass sie keinen Wagen brauchte. Sie durchquerte die leere Lounge und ging ins Schlafzimmer. Auf einem Servierwagen stand ein nicht angerührtes Frühstück. Sie hob die Hauben und sah Gebäck und Schakschuka … und frische Beeren.

Beim Anblick einer nicht geöffneten Champagnerflasche in einem Kühler voller Wasser schossen ihr die Tränen in die Augen. Hatte Bastiano sie für sie bestellt?

Das war das Romantischste, was ihr je passiert war.

Vielleicht war sie zu voreilig gewesen.

In der Luft lag noch Bastianos teurer Duft …

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