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JULIA EXTRA BAND 443

CAROL MARINELLI

Im Bann des Wüstenscheichs

Er will sie – um jeden Preis! Sultan Alim al-Lehan kann Gabis süße Küsse nicht vergessen. Als der Wüstenprinz erfährt, dass sie ihm seinen Erben vorenthält, schmiedet er einen gewagten Plan …

MARION LENNOX

Der blonde Wirbelwind und der Milliardär

Auf der Flucht vor der Presse stolpert Millionenerbin Penny nicht nur dem umwerfenden Minenbesitzer Matt in die Arme, der Milliardär versetzt auch all ihre Sinne in Aufruhr. Aber kann sie ihm vertrauen?

RACHAEL THOMAS

Heißer Kuss, kaltes Herz

Um die Journalistin Emma von seinem dunklen Familiengeheimnis abzulenken, ist Banker Nikolai jedes Mittel recht. Doch als er in ihre moosgrünen Augen blickt, begeht er einen verhängnisvollen Fehler …

SOPHIE PEMBROKE

Und plötzlich ist es echte Liebe!

Männer? Sind für Laurel passé! Nur um vor ihrem Ex zu glänzen, lässt sie sich von Dan Black auf einen Ball begleiten! Fatal, denn als der attraktive Mann mit ihr tanzt, schlägt ihr Herz viel zu schnell …

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Im Bann des Wüstenscheichs

1. KAPITEL

Gabi Deramo war noch nie Brautjungfer gewesen, geschweige denn Braut.

Obwohl Hochzeiten ihr Leben waren und fast all ihre Gedanken und Träume beherrschten.

Und zwar schon immer.

Bereits als kleines Mädchen hatte sie mit ihren Puppen am liebsten Hochzeit gespielt. Einmal hatte sie zum großen Ärger ihrer Mutter sogar zwei Packungen Zucker und eine Packung Mehl über das Arrangement gestreut, um den Effekt einer Winterhochzeit zu erreichen.

„Du hast nichts als Flausen im Kopf!“, hatte Carmela geschimpft.

Was Gabi ihr nie erzählt hatte, war, dass sie bei jeder Puppenhochzeit ihre eigene Mutter in der Rolle der Braut sah. Die Rolle des Bräutigams war natürlich stets an ihren unbekannten Vater vergeben. Zu gern hätte Gabi auf magische Weise rückgängig gemacht, dass er die schwangere Carmela damals einfach verlassen hatte!

Als Assistentin einer Hochzeitsplanerin war Gabi Spezialistin für alles, was mit Romantik zu tun hatte! Doch sie selbst war bisher noch nicht einmal geküsst worden …

Sie träumte sogar nachts von Hochzeiten.

Und von Alim.

In diesem Augenblick drehte sie nachdenklich eine Strähne ihres langen schwarzen Haars, während sie über ihr Tablet gebeugt darüber nachgrübelte, wie sie es schaffen sollte, eine sehr überstürzte, aber exklusive Winterhochzeit in Rom zu organisieren.

Mona, die künftige Braut, kam gerade in dem dritten, nicht von Gabi empfohlenen Hochzeitskleid aus der Umkleidekabine.

Es stand Mona überhaupt nicht. Die antike Spitze verlieh ihrer olivbraunen Haut eine fahle Blässe, und der schwere Stoff brachte ihre zarte Figur kaum zur Geltung.

„Was sagen Sie dazu?“, fragte Mona, während sie sich von hinten im Spiegel betrachtete.

Gabi wusste aus Erfahrung, wie man mit Bräuten umgehen musste, die etwas völlig Unpassendes trugen. „Was sagen Sie, Mona?“

„Ich weiß nicht.“ Mona seufzte. „Es gefällt mir ganz gut.“

„Dann ist es nicht das richtige Kleid für Sie. Sie müssen es lieben.“

Mona hatte Gabis Vorschlag entgegen dem Rat der Boutiquebesitzerin verworfen – ein weißes, schmal geschnittenes Kleid mit dezenter Stickerei.

Gabis Vorschläge wurden ziemlich oft ignoriert.

Sie selbst war eher üppig gebaut, weshalb das formlose schwarze Kostüm, auf dem ihre Chefin Bernadetta bestand, bei ihr ganz besonders unvorteilhaft aussah – was künftige Bräute zu dem Fehlschluss veranlasste, dass Gabi keine Ahnung von Mode hatte.

Sie irrten sich gewaltig!

Gabi konnte zwar nicht bestimmen, was sie selbst trug, aber sie konnte auf hundert Meter Entfernung das richtige Hochzeitskleid für eine Braut erkennen.

Und sie mussten sich heute entscheiden!

Eine Aufgabe, die Gabi zufiel, da Bernadetta heute frei hatte.

Mal wieder.

Je größer das Budget, je schwieriger die Aufgabe, desto wahrscheinlicher war es, dass der Auftrag an Gabi hängenblieb.

Es war gerade die Flaute zwischen Weihnachten und Neujahr. Der Brautmodenladen hatte heute eigentlich geschlossen, aber Gabi kannte Rosa schon sehr lange, sodass die Besitzerin ihr zuliebe geöffnet hatte.

Rosa würde sie zwar nicht gerade rauswerfen, aber sie hatten um vier einen Termin mit Marianna, der Eventmanagerin im „Grande Lucia“.

„Warum probierst du nicht das Kleid an, das Gabi dir vorgeschlagen hat?“, fragte Fleur, die Mutter des Bräutigams. Was ein bisschen seltsam war.

Normalerweise wurden Bräute von ihrer Mutter, Schwester oder einer Freundin begleitet, aber anscheinend war Fleur diejenige, die hier das Sagen hatte.

Fleur war Engländerin, sodass Gabi und Mona aus Höflichkeit nicht Italienisch sprachen.

Ja, es versprach ein langer und anstrengender Tag zu werden. Und morgen würden sie mit den Brautjungfern zurückkehren!

Widerwillig, sehr widerwillig gab Mona nach und verschwand mit Gabis Favorit in der Kabine.

Als Rosa das Spitzenkleid zurückhängte, fiel Gabi ein Abendkleid ins Auge. Sie hob es am Bügel hoch. Es war silbergrau, elegant, schlicht … und es war eindeutig für eine Frau mit üppigen Kurven gemacht worden! Und der Schnitt war so raffiniert! Rosa war wirklich eine begnadete Schneiderin.

„Es würde dir gut stehen“, sagte Rosa.

„Das bezweifle ich.“ Gabi seufzte sehnsüchtig. „Aber es ist wunderschön.“

„Der Auftrag wurde storniert. Zieh es doch mal an. Du siehst bestimmt toll darin aus.“

Gabi schüttelte den Kopf. „Nicht in meiner Arbeitszeit. Und selbst wenn es mir passt, wann sollte ich es je tragen?“

Ihre Frage blieb unbeantwortet, denn in diesem Augenblick verließ Mona strahlend die Umkleidekabine.

Das Kleid war einfach perfekt für sie. Es betonte ihre schlanke Figur und ihre dunkle Haut.

„Hätte sie doch nur gleich auf Sie gehört“, murmelte Fleur. „Jetzt kommen wir zu spät zum Hotel.“

„Wir liegen noch gut in der Zeit“, versicherte Gabi ihr nach einem raschen Blick auf die Liste.

Sie stiegen wieder in den Wagen und fuhren durch Roms Straßen zum „Grande Lucia“, doch Mona klagte schon wieder.

„Ich war vor einiger Zeit bei einer Hochzeit im ‚Grande Lucia‘, und es war so …“, sie rang nach dem passenden Wort, „… verstaubt.“

Gabi schüttelte den Kopf. „Inzwischen ist das anders. Das Hotel hat eine neue Geschäftsleitung, und Alim ist …“ Jetzt war Gabi diejenige, die ins Stocken kam. „Alim hat das Hotel umfassend renovieren lassen. Es ist inzwischen ein Prachtstück.“

Wie peinlich! Sie errötete schon, wenn sie nur seinen Namen nannte.

Gabi sah Alim nur ab und zu, dachte jedoch oft an ihn. Immer wenn sie im „Grande Lucia“ eine Hochzeit organisierte und Alim zufällig dort war, hoffte sie insgeheim, ihm zu begegnen.

So wie heute.

„Warten Sie ab, bis Sie das ‚Grande Lucia‘ gesehen haben“, fuhr sie fort. „Und vergessen Sie nicht, dass es nicht einfach ist, dort einen Termin zu bekommen, schon gar nicht so kurzfristig.“

„Fleur scheint da keine Bedenken zu haben“, entgegnete Mona spitz. Gabi entging nicht der kritische Blick, den die künftige Braut der Mutter des Bräutigams zuwarf. Soweit Gabi mitbekommen hatte, hatte Fleur sich bereit erklärt, die Hochzeit zu finanzieren. Aber nur, wenn sie im „Grande Lucia“ stattfand.

„Wir kriegen schon einen Termin, keine Sorge“, sagte Fleur gelassen.

Gabi war sich da nicht so sicher. Marianna, die für die Terminvergabe zuständige Mitarbeiterin des Hotels, war nämlich ziemlich unflexibel, und die Hochzeit sollte schon in gut zwei Wochen stattfinden!

Sie kamen gut voran, da auf den Straßen vergleichsweise wenig los war. Das Weihnachtsgeschäft war vorbei, sogar das Kolosseum hatte geschlossen. Gabi unterdrückte ein Gähnen. Sie wünschte, sie könnte selbst eine Weile ein Schild mit der Aufschrift „Bitte nicht stören!“ aufhängen. Eigentlich hatte sie gehofft, die Feiertage nutzen zu können, um sich zu überlegen, wie sie sich als Hochzeitsplanerin selbstständig machen konnte, doch stattdessen musste sie mal wieder arbeiten. Sie war todmüde.

Zu müde jedenfalls, um ihren Traum von der Selbstständigkeit in die Tat umzusetzen.

Sie hatte mit achtzehn Jahren bei Matrimoni di Bernadetta angefangen, um sich das nötige Rüstzeug als Hochzeitsplanerin anzueignen, aber jetzt, sechs Jahre später, war sie immer noch keinen Schritt weiter.

Das lag vor allem an Bernadetta. Sie ließ Gabi kaum eine ruhige Minute.

Trotzdem liebte Gabi ihren Job.

Sie blickte hoch, als das schöne alte Gebäude des „Grande Lucia“ in Sichtweite kam. Kurz darauf bremsten sie vor dem Haupteingang.

Sofort öffnete Ronaldo, der Portier, die Tür ihrer Limousine. „Willkommen zurück!“, sagte er, doch es war nicht Gabi, die er willkommen hieß, sondern Fleur. Anscheinend kannte er sie von früheren Aufenthalten. Sie musste ein ganz besonderer Gast sein, so zuvorkommend wie er sie behandelte.

Als Gabi ausstieg, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Würde sie heute vielleicht Alim begegnen?

Er war ihr gegenüber immer sehr höflich, wenn auch etwas distanziert. Sie nahm das jedoch nicht persönlich. Alim war bei jedem so. Sie fand ihn absolut faszinierend und geheimnisvoll.

Er bewohnte ein ganzes Stockwerk im „Grande Lucia“, wenn er in Rom war. Dank der gut florierenden Gerüchteküche im Hotel wusste Gabi, dass er sich gern mit schönen Frauen umgab und mit so vielen von ihnen schlief wie nur möglich – obwohl er ihnen nie mehr als eine Nacht gewährte. Ohne Frühstück, wohlgemerkt.

Gabis Freundin Sophie, die als Zimmermädchen im Hotel arbeitete, hatte ihr erzählt, wie kalt und herzlos seine abgelegten Geliebten das fanden.

Doch Gabi fand diesen Mann alles andere als kalt und herzlos. Wenn er sie ansah, fühlte sie sich nämlich immer irgendwie … besonders.

Sophie zufolge gab es für Alims One-Night-Stands jedoch ein Trostpflaster: Angeblich belohnte er sie für die kurze Zeit in seinen Armen mit einem Diamanten.

Irgendwie krass. Aber Alim ließ sich eben nicht mit normalen Maßstäben messen.

Leider passte Gabi überhaupt nicht in sein Beuteschema, er stand nämlich auf schlanke blonde Supermodeltypen mit jeder Menge Erfahrung im Bett. Mit Novizinnen gab er sich anscheinend nicht ab.

Doch Gabi fand es nicht schlimm, dass Alim für sie absolut unerreichbar war. So konnte sie wenigstens nach Herzenslust von ihm träumen …

Es gab keinen Hinweis auf seine Anwesenheit, als sie durch die Drehtür das prachtvolle Foyer des „Grande Lucia“ betrat. Sie liebte dieses Foyer mit seinem roten Teppich, den eleganten üppigen Seidentapeten, den dunklen Möbeln und seiner gelungenen atmosphärischen Mischung aus Behaglichkeit und Geschäftigkeit.

Nur eins störte sie jedes Mal: das Arrangement aus roten Rosen und Nelken auf einer Säule in der Mitte des Raums. Gabi hatte einen guten Blick für Details, und es war ihr schon lange ein Dorn im Auge. Es blieb nämlich immer gleich, ganz egal, welche Jahreszeit gerade herrschte.

Marianna, die schon auf sie gewartet hatte, nahm sie in Empfang und führte sie zu einer der privateren Lounges, die vom Foyer abzweigten. Wie sich herausstellte, hatte sie tatsächlich noch einen passenden Termin frei, aber damit waren noch nicht alle Hindernisse aus dem Weg geräumt.

„Ich brauche noch das Okay vom Besitzer“, erklärte sie. „Wir erwarten im Januar hochrangige Gäste, sodass das Sicherheitspersonal alle Hände voll zu tun haben wird. Ich weiß nicht, ob wir Sie dann tatsächlich unterbringen können, zudem Alim mich gebeten hat, Rücksprache mit ihm zu halten, bevor ich Termine fest zusage …“ Sie verstummte. „Ach, da kommt er ja!“

Gabi drehte sich klopfenden Herzens zum Hoteleingang um. Alim betrat gerade mit der obligatorischen Blondine das Foyer. Marianna ging vermutlich davon aus, dass Alim nicht mit irgendwelchen unwichtigen Details belästigt werden wollte, denn sie verzichtete darauf, Mona und Fleur auf ihn aufmerksam zu machen. Was sowieso völlig überflüssig war. Schon allein seine Ausstrahlung reichte, um die Aufmerksamkeit der beiden Frauen zu erregen.

Gabi schlug das Herz inzwischen bis zum Hals.

Alim trug einen schmal geschnittenen dunklen Anzug und hatte eine so herrschaftliche Aura, dass sich alle nach ihm umdrehten. Nicht nur weil er auf eine dunkle orientalische Art gut aussah – er hatte viel mehr zu bieten als das –, sondern weil er groß war und so aufrecht ging, dass Gabi in seiner Gegenwart immer unbewusst die Schultern straffte.

Wann immer er in ihrer Nähe war, reagierte sie so stark auf ihn, dass es ihr schwerfiel, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Neben ihm schien eben alles andere zu verblassen.

Sie hörte Mariannas Frage, wie viele Hochzeitsgäste erwartet wurden, nur wie aus weiter Ferne, sodass Mona sie beantwortete.

Gabi fing nämlich gerade Alims Blick auf.

Was für ein schöner Mann!

Mit seiner natürlichen Eleganz und seiner höflichen, korrekten Art wirkte er verglichen mit der eher temperamentvollen Gabi wie ein stilles, tiefes Wasser.

Er war vielleicht nicht ihre Liga, aber das hieß noch lange nicht, dass sie nicht von ihm träumen durfte. Und ihre Fantasien waren äußerst lebhaft. Unschuldig war Gabi nur körperlich.

Seine Augen – dunkelgrau mit silbernen Flecken – waren so dunkel und exotisch wie eine orientalische Nacht. Gabi saß wie gebannt unter seinem Blick, und ihr wurde innerlich ganz heiß.

Am liebsten hätte sie sich bei den anderen entschuldigt, um auf Alims stumme Aufforderung hin zu ihm zu gehen. In ihrer Fantasie löste sich die Blondine in Luft auf, und Alim legte sie auf ein mit Seidenbettwäsche bezogenes Bett …

„Gabi?“, riss Marianna sie aus ihren erotischen Träumen.

„Alim!“, hörte Gabi die Blondine vorwurfsvoll rufen.

Aber er kam schon auf Gabi zu. „Tutto bene?“, fragte er in seinem ausgezeichneten, wenn auch von einem starken Akzent geprägten Italienisch, ob alles in Ordnung war.

Gabi blieb stumm. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er sie ansprechen würde.

Diesmal war Marianna diejenige, die an ihrer Stelle antwortete. Sie fragte ihn, ob ihm der Hochzeitstermin passte.

„Das geht.“ Alim nickte Marianna und den beiden weiblichen Gästen flüchtig zu und richtete den Blick dann wieder auf Gabi. Sie ertappte sich dabei, seinen Mund zu betrachten, während er sprach. Immerhin war das sicherer, als ihm in die Augen zu sehen. „Wie geht es Ihnen, Gabi?“

„Gut.“

„Das freut mich.“ Er drehte sich um und schlenderte zu der Blondine zurück.

Gabi fiel es schwer zu atmen, obwohl im Grunde nichts passiert war – nur ein kurzer Wortwechsel. Den anderen schien gar nichts aufgefallen zu sein, aber Gabi würde jetzt wochenlang davon zehren.

Er kannte also ihren Namen!

„Zeigen Sie Mona doch schon mal den Ballsaal, während ich mit Fleur die Details bespreche“, schlug Marianna ihr vor.

„Natürlich.“ Gabi stand auf und glättete ihren Rock.

Wie sie dieses schwarze Kostüm mit Goldlogo hasste! Es passte eher zur Leiterin eines Beerdigungsinstituts, nicht zu einer Hochzeitsplanerin. Wenn sie selbstständig wäre, würde sie ein grün-rosa kariertes Kostüm tragen. Sie hatte den Stoff schon ausgesucht. Außerdem würde sie auf die klobigen schwarzen High Heels verzichten, auf denen Bernadetta bestand, denn darin kam Gabi sich immer viel zu groß und schwerfällig vor.

Als sie Alim und die Blondine in seinen privaten Fahrstuhl steigen sah, wo die andere Frau sich ihm förmlich an den Hals warf, runzelte Gabi irritiert die Stirn. Irgendwie beneidete sie die Blonde um die Erfahrung, die sie gleich machen würde.

Gut, dass es Fahrstuhltüren gab!

Gut für Gabis Selbstbeherrschung jedenfalls, denn erst, als die Gittertür sich hinter dem Paar schloss, fiel ihr wieder ein, dass sie eine Hochzeit organisieren musste.

Kurz darauf öffnete sie die große Doppeltür zum Ballsaal, damit Mona beim Eintritt die volle Wirkung genießen konnte.

Der Saal war eine Pracht. Die riesigen Kronleuchter zogen zuerst den Blick auf sich, aber auch alles andere war eine Augenweide.

„Wunderschön …“, seufzte Mona. „Ich hatte den Saal ganz anders in Erinnerung.“

„Alim hat ihn komplett sanieren lassen. Der Boden wurde in den Originalzustand zurückversetzt, und die Kronleuchter wurden repariert. Das ‚Grande Lucia‘ ist wieder der Ort für eine Hochzeit.“

„Ich weiß“, gestand Mona. „James und ich sind uns hier begegnet. Meine Großeltern hatten hier ihren Hochzeitstag gefeiert. James war hier, um sei…“ Mona verstummte abrupt. „Jedenfalls … Es passt mir einfach nicht, dass Fleur alles bestimmen will, nur weil ihr …“ Wieder presste Mona die Lippen zusammen. Sie wollte offensichtlich nicht noch mehr verraten.

Zur Enttäuschung von Gabi, die von Natur aus neugierig war. Vor allem, was Fleur anging. Sie war irgendwie so geheimnisvoll.

Der Gästeliste nach zu urteilen brachte der Bräutigam nicht viele Gäste mit. Nur ein Trauzeuge würde aus Schottland kommen, das war alles. Einen Vater schien James nicht zu haben.

Ob Fleur verwitwet war?

Doch sie war nicht hier, um sich mit solchen Fragen zu beschäftigen, also konzentrierte Gabi sich wieder darauf, die schönste Hochzeit aller Zeiten zu organisieren.

„Stellen Sie sich doch nur vor, unter diesen Kronleuchtern zu tanzen“, sagte Mona ehrfürchtig.

„Es gibt nichts Schöneres“, versicherte Gabi ihr und zeigte auf eine kleine Galerie an der Westwand. „Der Fotograf kann von dort oben tolle Fotos knipsen. Wir kennen jemanden, der ganz wundervolle Aufnahmen macht.“

Da Mona sich allmählich für ihre Hochzeitsfeier zu erwärmen schien, nutzte Gabi die Gelegenheit, ihr ein paar Fragen zu stellen. „Sie waren also zum Hochzeitstag Ihrer Großeltern hier?“

„Ja, sie haben hier geheiratet“, erklärte Mona. „Manchmal legen sie die Schallplatte auf, zu der sie auf ihrer Hochzeit getanzt haben.“

„Echt?“

„Ich erkenne den Fußboden sogar von ihren Hochzeitsfotos wieder. Es ist fast wie eine Zeitreise.“

Ja, der Intarsienboden war prachtvoll. „Tanzen Ihre Großeltern immer noch zu der Musik?“

Als Mona nickte, schlug Gabi ihr vor, den ersten Tanz zur selben Aufnahme zu tanzen wie ihre Großeltern. Mona war sofort begeistert von der Idee.

Und wieder einmal nahm eine wundervolle Hochzeit Gestalt an …

Die künftige Braut war viel besser gelaunt, als sie in die Lounge zurückkehrte und sich angeregt mit Fleur und Marianna über die weiteren Pläne unterhielt.

Gabi hingegen war verwirrt, denn sie sah plötzlich Alims Blondine wütend durch das Foyer zur Drehtür eilen. Sie hatte zwar keine Ahnung, was passiert war, würde aber ihre Ersparnisse darauf verwetten, dass Alim sich aus ihren Armen gelöst hatte, nicht umgekehrt!

Viel später, als die Hochzeitsvorbereitungen noch weiter vorangeschritten waren, rief Gabi schließlich Rosa an, um ihr das offizielle Datum mitzuteilen. Rosa versprach ihr, sich sofort an die Änderung des Kleids zu machen.

Und dann tat Gabi endlich mal etwas für sich, nachdem sie sich den ganzen Tag um die Bedürfnisse anderer Menschen gekümmert hatte. Sie war immer noch ganz beflügelt von ihrer kurzen Begegnung mit Alim … und vom wütenden Abgang seiner Geliebten. Natürlich hatte das nichts mit Gabi zu tun, aber sie war nun mal eine Träumerin. Ihre Fantasie spielte förmlich verrückt. „Darf ich später vielleicht doch das silberfarbene Kleid anprobieren?“, fragte sie Rosa verlegen.

Oh ja, es war herrlich, von Alim zu träumen!

Die Hochzeit wurde tatsächlich wunderschön.

Nicht dass Gabi auch nur eine Sekunde Zeit hatte, sie zu genießen.

Der in einen Kilt gewandete Trauzeuge wurde von der ersten Brautjungfer verfolgt und versuchte sein Bestes, von ihr wegzukommen. Fleur war angespannt und drängte zur Eile. Die kleinen Blumenmädchen froren und waren den Tränen nahe, als im Schnee Fotos gemacht wurden, und Gabi kam sich vor wie eine zerrupfte Schäferin, als sie Regenschirme verteilte und versuchte, die Gästeschar zusammenzuhalten.

Endlich waren alle in den Wagen verstaut und unterwegs zum Empfang, während Gabi dafür sorgte, dass der Chor bezahlt wurde. Bernadetta saß schon in ihrem Wagen und rauchte, als Gabi zitternd vor Kälte die vereisten Kirchenstufen hinunterkam.

Und dann passierte es.

Sie rutschte aus und polterte die letzten drei Stufen unelegant auf dem Po herunter.

Natürlich half ihr niemand hoch.

Sie brauchte eine Weile, um sich von ihrem Schreck zu erholen. So wie ihr Po sich anfühlte, würde sie einen riesigen blauen Fleck bekommen.

Als sie aufstand, stellte sie fest, dass nicht nur ihr Rock schmutzig und nass war, sondern dass sie auch noch ihren Blazer aufgerissen hatte. Und als ob das nicht schon gereicht hätte, reagierte Bernadetta äußerst ungehalten, erst recht, als sie erfuhr, dass Gabi keine Wechselkleidung dabeihatte.

„Warum hast du nicht dein Ersatzkostüm mitgenommen?“, fragte sie.

Weil du mir nur zwei Kostüme zur Verfügung stellst, hätte Gabi am liebsten geantwortet, aber sie wusste, dass das zwecklos war. „Es ist in der Reinigung.“

„Geh nach Hause und zieh dich um“, zischte Bernadetta. Anders als bei ihren anderen Mitarbeiterinnen verzichtete sie bei Gabi jedoch, darauf hinweisen, dass sie nichts anziehen sollte, was die Braut in den Schatten stellte.

Dafür bestand ihrer Meinung nach bei Gabi anscheinend keine Gefahr.

Oh, wie gern Gabi kündigen würde!

Sie war den Tränen nahe, als sie in ihrer kleinen Wohnung ankam, und natürlich fand sie nichts Passendes in ihrem Kleiderschrank.

Außer …

Rosas silbergraues Kleid, obwohl Bernadetta das vermutlich völlig overdressed finden würde. Andererseits war es schlicht geschnitten …

Rasch zog Gabi sich aus und stellte fest, dass sie in der Tat blaue Flecken am Po und am linken Oberschenkel hatte. Noch dazu war sie völlig durchgefroren.

Als sie sich unter der heißen Dusche aufwärmte und merkte, wie gut ihr diese kleine Pause an diesem stressigen Hochzeitstag tat, nahm sie sich vor, später einmal dafür zu sorgen, dass ihre Angestellten zwischen der Trauung und der Feier abwechselnd Pause machten. Und vielleicht die Kleidung wechselten …

Frustriert schlug Gabi sich diese Fantastereien aus dem Kopf. Wie sollte sie sich selbstständig machen, wenn Bernadetta sie nicht gehen ließ?

Und jetzt hatte sie sowieso keine Zeit, darüber nachzudenken.

Da Rosa ihr das Kleid geschenkt hatte, hatte Gabi sich verpflichtet gefühlt, zumindest passende Unterwäsche von Rosa zu kaufen. Rasch schlüpfte sie in Silber-BH und Silberslip und stieg in das Kleid.

Rosa war wirklich eine Zauberin – das Kleid saß perfekt und betonte Gabis Kurven aufs Vorteilhafteste.

Sie setzte sich an ihren kleinen Toilettentisch und steckte sich ausnahmsweise mal das Haar hoch. Außerdem trug sie etwas Lippenstift und Mascara auf, aber nur ganz dezent. Normalerweise schminkte sie sich nämlich nie.

Aber wenigstens einen Abend lang wollte sie mal nicht wie eine Beerdigungsinstitutsdirektorin aussehen … oder wie eine abgehetzte Hochzeitsplanerin.

Gabi warf einen Blick in den Spiegel. Ja, genau so würde sie aussehen, wenn sie selbst entscheiden dürfte, welches Outfit sie auf einer von ihr organisierten Hochzeit trug.

Im Grunde war das hier ihr wahres Ich.

Gabi zog sich einen Mantel und Stiefel über, steckte ein Paar hübsche Pumps in ihre Handtasche und ging zurück zum Hotel.

Die Sicherheitskontrolle war heute besonders gründlich, sodass Ronaldo ihren Ausweis verlangte, obwohl er sie kannte. „Im Hotel wohnen VIPs“, erklärte er.

„Das kommt doch öfter vor.“

„Irgendwelche Hoheiten“, grummelte er, weil das immer viel Zusatzarbeit bedeutete.

„Wer denn?“

„Der Obersultan und seine Tochter.“

„Wow!“

Hoffentlich konnte sie einen Blick auf die beiden erhaschen – wie aufregend!

Gabi gab ihren Mantel am Empfang ab und verzog das Gesicht, als ihr Blick wieder auf das dunkelrote Blumenarrangement im Foyer fiel.

Nervös, aber fest entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen, kehrte sie zur Hochzeitsfeier zurück – und erregte prompt Bernadettas Missfallen.

„Wenn die Braut eine aufgetakelte Weihnachtsdekoration gewollt hätte, hätte sie welche bestellt“, zischte sie. Gabi spürte, wie ihr neu gefundenes Selbstvertrauen in sich zusammenfiel. „Wir müssen dringend überprüfen, ob das Grammophon funktioniert“, fuhr Bernadetta fort. „Und den Galerieschlüssel für den Fotografen besorgen.“

Mit „wir“ meinte sie natürlich wie immer Gabi.

Gabi eilte im Laufschritt in den Ballsaal, um dafür zu sorgen, dass für das frisch verheiratete Paar alles glatt lief.

Die beiden sahen tatsächlich glücklich aus. Monas Kleid war exquisit, und ihr Mann war unglaublich attraktiv und …

Gabi runzelte die Stirn. James erinnerte sie an jemanden, aber an wen nur? Oder kam er ihr nur deshalb so bekannt vor, weil er so groß und blond war wie seine Mutter?

Ihr blieb jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken, sie hatte einfach zu viel zu tun.

Von ihrer Enttäuschung über Alims Abwesenheit durfte Gabi sich nicht ablenken lassen.

Auch wenn sie sich eigentlich nur für ihn so in Schale geworfen hatte …

2. KAPITEL

Alim war tatsächlich im Hause, ließ sich jedoch ausnahmsweise nicht blicken.

„Warum können wir nicht zur Hochzeit?“, beschwerte Yasmin sich zum etwa hundertsten Mal und schob ihr nicht aufgegessenes Dessert zur Seite.

Alim erwiderte nichts darauf. Er war die Launen seiner Schwester gewohnt.

„Wir werden einfach weggescheucht wie Ungeziefer“, klagte sie und warf ihre Serviette auf den Tisch.

„Wohl kaum“, erwiderte Alim belustigt. Er würde sich nicht in eine Auseinandersetzung hineinziehen lassen. Außerdem saßen sie gerade im Privatbereich des Hotelrestaurants.

Ihr Vater hatte darauf verzichtet, ihnen Gesellschaft zu leisen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Alim war das nur recht.

Zumindest heute Abend.

Das Personal im „Grande Lucia“ war an bedeutende Gäste gewöhnt, aber Alim wollte nicht, dass man herausfand, dass Obersultan Oman sein Vater war.

Im Job verzichtete Alim auf seinen Titel Sultan Alim al-Lehan von Zethlehan.

Er benutzte ihn auch nicht privat. Er bezahlte mit Diamanten dafür, dass die Leute seinen Rang für sich behielten, und zusätzlich sorgte die PR-Abteilung des Palasts dafür, etwaige Indiskretionen dezent zu beseitigen.

Dabei war eine Indiskretion seines Vaters der Grund, warum sie heute Abend in diesem Speisesaal saßen. In der Nähe der Hochzeit, aber nicht anwesend.

Heute Nacht, wenn das glückliche Paar sich in die Honeymoon-Suite zurückzog, würde Fleur, die Mutter des Bräutigams, ihre eigene luxuriöse Suite aufsuchen – Seite an Seite mit der Suite von Alims Vater.

Fleur war nämlich Omans langjährige Geliebte. Und sie hatte dem Obersultan seinen ersten Sohn geboren …

James führte allem Anschein nach ein privilegiertes Leben. Er war in Windsor zur Schule gegangen, hatte in Schottland studiert und verfügte über einen Treuhandfonds, der den meisten Menschen vor Neid die Tränen in die Augen treiben würde.

Doch der Name seines Vaters stand nicht in seiner Geburtsurkunde, und er hatte keinen Titel. Für das Volk von Zethlehan existierte er einfach nicht.

Er war Alims, Kalebs und Yasmins Halbbruder, und sie liebten ihn sehr.

Kaleb, jünger als Alim, würde das frisch vermählte Paar in Paris besuchen, wo sie zurzeit lebten.

Yasmin, die sehr behütet in Zethlehan aufgewachsen war, hatte gebettelt, bei der Hochzeit dabei sein zu dürfen. Da ihr Vater Nein gesagt hatte, hatte Alim ihr angeboten, zumindest die Hochzeitsgesellschaft bei ihrer Ankunft im Foyer betrachten zu können.

Yasmin hatte sich sehr darüber gefreut. „Was zum Teufel trägt der Mann da?“, hatte sie sich erkundigt, als sie den Trauzeugen des Bräutigams gesehen hatte.

„Einen Kilt. Er kommt aus Schottland.“

„Wie aufregend!“

Doch der bloße Anblick der Hochzeitsgesellschaft hatte ihr nicht gereicht. „Ich will sie tanzen sehen“, hatte sie geschmollt.

Sie war daran gewöhnt, ihren Willen durchzusetzen, doch diesmal würde ihr das nicht gelingen. Zethlehan hatte eine Menge komplizierter und alter Gesetze, und bis Alim Herrscher war, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich an diese Gesetze zu halten. Er liebte sein Land und respektierte dessen Traditionen, hatte jedoch schon als Kind beschlossen, einiges zu ändern, wenn er erst mal auf dem Thron saß.

Doch vorerst musste er seine Schwester vertrösten. „Du wirst James und Mona morgen zum Frühstück sehen und kannst ihnen dann gratulieren.“

„Das ist aber nicht das Gleiche!“ Yasmin wollte sich offenbar nicht so leicht abspeisen lassen. „Warum kann ich nicht ganz kurz in den Ballsaal schlüpfen? Du machst das doch auch, Alim.“

„Aber nur, weil mir das Hotel gehört und ich bei jeder Feier reinschaue. Du würdest dort viel zu sehr auffallen.“

Doch Alim sah seine Schwester nur ungern unglücklich, und er wusste, wie sehr sie sich auf diese Reise nach England gefreut hatte. „Im Ballsaal gibt es eine Galerie“, fügte er hinzu. Yasmins Augen weiteten sich überrascht. „Der Fotograf baut dort gerade seine Kamera auf, aber wenn er wieder runterkommt, kannst du für eine Weile hochgehen. Ich gebe dir einen Schlüssel.“

„Au ja!“, rief sie freudestrahlend.

„Aber nur ganz kurz“, warnte Alim sie. „Der Fotograf kommt gegen Ende der Feier zurück, und du solltest ihm möglichst aus dem Weg gehen. Es gibt einen separaten Eingang.“

„Wird gemacht.“

Er gab Yasmin den Schlüssel und weitere Instruktionen und tat so, als würde er nicht mitbekommen, dass sie beim Verlassen des Speisesaals heimlich eine Flasche Champagner mitgehen ließ. Yasmin war sehr behütet aufgewachsen und hatte nicht Alims und Kalebs Freiheiten. Alim gönnte ihr daher das bisschen Spaß.

Er brachte sie zur Treppe und schärfte ihr ein letztes Mal ein, sich unauffällig zu verhalten.

„Danke, Alim!“

„Mach ja keinen Ärger! Sieh einfach eine Weile zu und geh dann ins Bett.“

Als Alim wieder allein war, beschloss er, einen kurzen Abstecher zu seinem Halbbruder zu machen. Außerdem wollte er mit Gabi sprechen.

Er war ein gewiefter Geschäftsmann, und ihm war daher nicht entgangen, dass Gabi als Hochzeitsplanerin Gold wert war. So erstklassig das Hotel unter seiner Leitung auch lief – es gab noch eine Menge zu verändern. Marianna war dafür zu unflexibel; Alim spielte daher mit dem Gedanken, Gabi zu engagieren.

Er beschloss, den Ballsaal vom Innenhof aus zu betreten, um weniger aufzufallen. Draußen schneite es schon wieder. Für einen Moment blieb er stehen und lauschte dem im Anschluss an die Reden aufbrandenden Applaus und der Ankündigung des Zeremonienmeisters, dass ein Paar, das vor sechzig Jahren hier geheiratet hatte, den ersten Tanz der Frischvermählten einleiten würde.

Die Hochzeit hier stattfinden zu lassen war das Mindeste, was Alim für seinen Halbbruder hatte tun können. Das Risiko, dass das Personal herausfand, dass James sein Halbbruder war, ging er dafür gern ein.

Alim fragte sich, wie es seinem Vater wohl so ganz allein in seiner Königlichen Suite ging, während sein Ältester unten heiratete.

Als Alim die Terrassentür öffnete, fiel sein Blick auf Fleur, die ein Stück abseits saß. Alim hatte nichts gegen sie – eigentlich hatte sie sein volles Mitgefühl. Sie war James immer eine gute Mutter gewesen und hatte seiner Familie nie irgendwelche Probleme bereitet.

Er hingegen machte einer gewissen Person ziemlich große Probleme.

So unauffällig Alim auch reingekommen war, so unpassend fand Gabi sein Timing. Warum kam er ausgerechnet jetzt, wo das Hochzeitspaar auf die Tanzfläche wollte und sie sich total konzentrieren musste?

Sie hatte ein altmodisches Grammophon und ein Mikrophon aufgestellt, um die Geschichte in diesem wunderschönen alten Ballsaal wieder aufleben zu lassen. Als sie nach der Nadel griff, zitterte ihre Hand so heftig, dass sie Angst hatte, alles zu ruinieren. Schon allein Alims Nähe machte ein zitterndes Wrack aus ihr.

Sieh nicht zu ihm rüber, schärfte sie sich ein. Ignorier ihn einfach.

Unter Bernadettas wenig ermutigendem Blick setzte sie die Nadel auf das Vinyl, und eine Melodie vergangener Zeiten erfüllte den Raum. Nicht die Braut und der Bräutigam beherrschten die Tanzfläche, sondern die Großeltern der Braut.

Als das jüngere Paar sich zu ihnen gesellte, schossen Gabi die Tränen in die Augen. Es war unglaublich bewegend zu beobachten, wie das alte Paar und die Frischvermählten Seite an Seite tanzten und der Stab gewissermaßen an die nächste Generation weitergereicht wurde.

Schon allein dieser Anblick machte all die schlaflosen Nächte wieder wett!

Sie hob den Blick zur Galerie und sah den Fotografen Foto um Foto knipsen. Die Aufnahmen würden bestimmt ganz wundervoll werden.

Gabi warf einen Blick auf die Liste auf ihrem Tablet. Zu ihrer Erleichterung lief alles nach Plan.

„Noch ein Erfolg von Matrimoni di Bernadetta“, hörte sie ihre Chefin hinter sich sagen und knirschte innerlich vor Wut mit den Zähnen. „Kann ich mich darauf verlassen, dass du ohne mich klarkommst?“

Also blieb auch der Rest der Feier an Gabi hängen. Dabei hatte sie schon die Vorbereitungen allein getroffen. Bernadetta war nämlich erst heute Morgen aus dem Urlaub zurückgekehrt und hatte den Großteil des Tages in ihrem warmen Luxuswagen gesessen.

Gabi unterdrückte Tränen der Frustration, als Bernadetta davonmarschierte – natürlich nicht ohne Kontakte zu pflegen. Bernadetta wusste ganz genau, wer ihre Brötchen bezahlte und war freundlich und charmant zu allen, die ihr nützlich sein konnten. Sie ging auch zu Alim und hob mit falscher Bescheidenheit die Hände, als er etwas zu ihr sagte. Zweifellos beglückwünschte er sie gerade für eine weitere erfolgreich organisierte Hochzeit.

Gabi sehnte sich nach den Zeiten, in denen all das endlich vorbei sein würde. Eines Tages würde sie diejenige sein, die das Lob einheimste – und der Alim gratulierte.

Als er kurz darauf auf sie zukam, hatte Gabi wie immer das Gefühl aufzublühen. Wenn er sie so ansah wie jetzt, lösten ihre Selbstzweifel sich schlagartig in Luft auf.

Kein Mann hatte ihr bisher dieses Gefühl gegeben, so als ob sie völlig in Ordnung wäre, so wie sie war.

„Darf ich um…“, begann Alim mit seiner sexy dunklen Stimme.

Instinktiv legte Gabi das Tablet weg und trat auf ihn zu. „Gern.“

Erst zu spät wurde ihr bewusst, dass er gar nicht vorhatte, sie zum Tanzen aufzufordern. Am liebsten wäre sie vor Scham im Erdboden versunken. Wie hatte sie nur so blöd sein können? Wie peinlich!

„Ich arbeite gerade, Gabi“, sagte Alim höflich. „Ich wollte Sie um ein Gespräch unter vier Augen bitten.“

„Die Braut braucht mich vielleicht noch“, erwiderte Gabi hochrot vor Verlegenheit. „Bernadetta ist gerade gegangen.“

„Ich weiß. Sollte jemand Sie sprechen wollen, wird jemand vom Personal Ihnen Bescheid sagten.“

Sie nahm wieder ihr Tablet und ließ sich von Alim aus dem Ballsaal führen.

„Die Hochzeitsfeier läuft ausgezeichnet“, sagte er, nachdem sie an einem Tisch mit Stühlen Platz genommen hatten.

„Matrimonio di Bernadetta hat ihr Bestes getan“, antwortete Gabi pflichtschuldig.

„Ich glaube, wir wissen beide, dass Bernadetta keinen Anteil daran hatte.“

Gabi blinzelte überrascht.

„Sie ist nicht hier“, fuhr Alim fort. „Also können Sie offen reden, Gabi.“

„Warum sollte ich?“

„Weil ich Ihnen vielleicht helfen kann. Ich weiß gutes, hart arbeitendes Personal zu schätzen. Und bezahle großzügig dafür.“

„Ich werde bereits gut entlohnt.“

Alim hob eine Augenbraue. Sie wussten beide, wie lächerlich niedrig ihr Gehalt war.

„Ich habe gehört, das Grammophon war Ihre Idee?“

„Stimmt. Wer hat Ihnen das erzählt?“

„Ich … kenne den Bräutigam. Deshalb kam ich auch kurz vorbei. Um mich zu vergewissern, dass alles nach Plan läuft.“

„Aha?“

„Er hat mir versichert, dass er und seine Frau sehr beeindruckt von Ihrer Arbeit sind.“ Das stimmte zwar nicht ganz, aber Alim merkte, dass Gabi total nervös war und wollte sie beruhigen. „Warum wurden Sie eigentlich Hochzeitsplanerin?“

„Weil ich Hochzeiten liebe.“

„Immer noch? Wie alt sind Sie?“

„Vierundzwanzig. Und ja, immer noch. Das war schon so, als ich noch klein war.“

„Und wie lange arbeiten Sie für Bernadetta?“

„Sechs Jahre. Davor habe ich für eine Schneiderin gearbeitet. Und während meiner Schulzeit …“ Sie verstummte, um ihn nicht zu langweilen.

„Fahren Sie fort.“

„Ich habe für eine Floristin gejobbt. Meine Aufgabe war, freitags die Sträuße für die Hochzeiten zu binden. Dafür ging ich noch vor der Schule auf den Markt und …“

Sie hatte genau die Art Leidenschaft für ihren Beruf, die Alim so an seinem eigenen Personal schätzte.

„Ich hatte großes Glück, dass Bernadetta mich eingestellt hat.“

„Warum?“

„Na ja, weil ich keine Qualifikationen hatte. Da meine Mutter auf mein Einkommen angewiesen war, ging ich schon mit sechzehn von der Schule ab, und Matrimoni di Bernadetta hatte einen guten Ruf.“ Sie lächelte. „Die Konkurrenz war groß, also bot ich ihr eine kostenlose Probezeit an. Und tat einfach so, als wüsste ich, was ich tue.“

„Aber das wussten Sie doch. Sie hatten bereits für eine Schneiderin und eine Floristin gearbeitet …“

„Ja, aber …“ Gabi zögerte. „Wie dem auch sei, ich habe sehr viel von Bernadetta gelernt.“

„Natürlich, sie ist die Beste in ihrer Branche. Ich würde sie jederzeit weiterempfehlen. Trotzdem ist mir aufgefallen, dass Sie in letzter Zeit den Löwenanteil an den Vorbereitungen hatten. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, sich selbstständig zu machen?“

Gabi errötete erneut – diesmal jedoch vor Frust. „Daraus wird leider nichts.“

„Warum?“

„Alim …“ Gabi schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich ihrer Arbeitgeberin gegenüber zu Loyalität verpflichtet, so unverdient das vielleicht auch war.

„Reden Sie mit mir.“

„Warum wollen Sie das alles eigentlich wissen?“

„Wie schon gesagt, ich kann Ihnen vielleicht helfen.“

Gabi seufzte. „Na schön. In meinem Arbeitsvertrag steht, dass ich ein halbes Jahr nach meiner Kündigung keine der Läden beauftragen darf, mit denen Bernadetta zusammenarbeitet. Was bedeutet, dass ich neue Kontakte knüpfen müsste.“

„Aber Sie arbeiten schon mit den Besten zusammen.“

„Stimmt.“ Gabi nickte, froh dass er die Situation sofort erfasste. Von ihrer Mutter hörte sie immer nur, dass sie froh sein könne, überhaupt einen Job zu haben. Es tat gut, mit Alim zu reden. „Und diese Kontakte hat nicht alle Bernadetta eingefädelt.“

Gabi hatte bisher noch mit niemandem über ihre Situation gesprochen. Es war ein befreiendes Gefühl, sich ihren Frust endlich von der Seele reden zu können. „Das Brautkleid heute zum Beispiel. Es stammt von der Schneiderin, bei der ich früher gearbeitet habe. Leider habe ich nie daran gedacht, mir von Bernadetta schriftlich bestätigen zu lassen, dass der Kontakt über mich zustande kam.“

Alim sah ihr an, wie sehr sie das belastete. Er unterdrückte ein Lächeln, als sie sich nervös eine Haarsträhne um einen Finger wickelte.

Gabi redete weiter. Jetzt, wo sie angefangen hatte, sich alles von der Seele zu reden, konnte sie gar nicht wieder aufhören. „Auch die Blumen, die Gardenien – es war die Idee der Floristin meiner Schulzeit, den Strauß der Großmutter nachzumachen. Sie ist inzwischen eine der besten Brautstraußfloristinnen Roms.“

„Dann wären Ihre besten Kontakte also für Sie unbrauchbar“, stellte Alim fest.

Gabi nickte. „Zumindest sechs Monate lang. Ich bezweifle, dass ich mich so lange über Wasser halten kann. Vorausgesetzt, ich kriege überhaupt Aufträge. Bernadetta wird mir bestimmt kein gutes Zeugnis schreiben.“

„Sie wird Sie überall schlechtmachen.“

Er sagte das so sachlich, als stelle er eine Tatsache fest, und vermutlich hatte er recht.

Alim kam ins Grübeln. Er hatte gedacht, ihr einen Job im Hotel anzubieten, wäre die ideale Lösung, aber wie sich jetzt herausstellte, war die Situation komplizierter als gedacht … und das nicht nur, weil Gabi auf ihn stand. An so etwas war er bei Frauen gewöhnt.

Nein, das eigentliche Problem war, dass er Gabi mochte – zumindest ein bisschen, wie er sich jetzt widerwillig eingestehen musste. Wenn Gabi im Hotel arbeitete, war die Atmosphäre irgendwie … herzlicher. Sie brachte ihn oft zum Lächeln, zum Beispiel wenn sie mal wieder in diesen schrecklichen schwarzen Pumps strauchelte … oder vor lauter Stress laut vor sich hin fluchte.

Doch erst heute fiel ihm auf, dass sie eine wunderschöne Frau war. Er konnte die Augen nicht länger davor verschließen.

Sie sah geradezu umwerfend aus.

Einzelne Strähnen hatten sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst, und ihr schimmerndes Kleid betonte ihre sexy Kurven. Es war ihm inzwischen schleierhaft, warum er vorhin nicht mit ihr getanzt hatte. Es wurde Zeit, endlich den Tatsachen ins Auge zu sehen: Er kämpfte schon länger gegen die Versuchung an, die sie für ihn darstellte.

In letzter Zeit war seine Laune nicht die beste, und das lag nicht nur an der vielen Arbeit oder an den drängenden Problemen zu Hause. Ihn quälte schon länger ein vages Gefühl der Unzufriedenheit, dessen Ursache ihm bisher unklar gewesen war … oder er hatte bewusst nicht darüber nachdenken wollen.

Er wusste nur eins: Als er Gabi zwischen Weihnachten und Neujahr zusammen mit Mona und Fleur im Foyer hatte sitzen sehen, war es ihm schlagartig besser gegangen. Sie hatte vorher länger keine Hochzeit mehr im Hotel organisiert; er hatte sie vermisst.

Er zwang sich, zum Thema zurückzukehren. „Was würden Sie anders machen als Bernadetta?“

Gabi runzelte angestrengt die Stirn. Sie kam sich immer mehr vor wie bei einem Vorstellungsgespräch. „Ich würde die schwarzen Kostüme weglassen.“

„Das haben Sie bereits.“

Dann ist mein Kleid ihm also aufgefallen.

Plötzlich hatte diese Unterhaltung gar nichts mehr von einem Vorstellungsgespräch. Beide mussten sich beherrschen, nicht miteinander zu flirten – Gabi, um sich nicht schon wieder lächerlich zu machen, und Alim, weil er Arbeit und Privates nicht gern vermischte.

„Vorhin nach der Trauung gab es einen kleinen … Zwischenfall“, erklärte Gabi. „Ich habe mir das Kostüm zerrissen. Gott sei Dank erst, als die Hochzeitsgesellschaft schon weg war.“

„Haben Sie sich verletzt?“

„Ein bisschen.“

Am liebsten hätte er ihr das Kleid abgestreift und nachgesehen, doch er ließ sich nichts anmerken. „Was würden Sie stattdessen tragen?“

„Ich habe da so einen grün-rosa karierten Stoff gesehen. Das klingt wahrscheinlich schrecklich, aber …“

„Nein“, widersprach Alim. „Nur etwas ungewöhnlich. Haben Sie ein Foto dabei?“

Natürlich hatte sie eins. Sie brauchte nicht lange, um es zu finden. Sie klickte es an und zeigte es Alim.

Er betrachtete das Foto. Der Stoff war unauffälliger als gedacht und wäre tatsächlich passender als Schwarz.

„Und was würden Sie hier im ‚Grande Lucia‘ ändern?“, fragte er, als er ihr das Tablet zurückgab.

„Ich würde rote Nelken für immer aus dem Hotel verbannen“, antwortete Gabi wie aus der Pistole geschossen.

Alims schöne Lippen zuckten belustigt. Er kannte sich in vielen Bereichen aus, aber Blumen gehörten nicht dazu. „Ich mische mich nicht in die Blumenarrangements ein.“

„Ich schon.“ Gabi lächelte. „Ich bin geradezu zwanghaft in solchen Dingen.“

„Echt?“

„Echt.“

„Und was für Blumen würden Sie nehmen?“

„Sahara-Rosen sehen immer gut aus, aber ich würde das Arrangement von Tag zu Tag ändern. An den Wochenenden würde ich es dem Thema der wichtigsten Feier anpassen.“

„Dann sind Sahara-Rosen also Ihre Lieblingsblumen?“

„Nein.“

„Welche dann?“

„Wicken.“ Sie lächelte wieder. „Marianna würde bei der Vorstellung zwar in Ohnmacht fallen, aber wenn man sie richtig arrangiert …“

Alim erwiderte ihr Lächeln. Gabi hatte so viel erfrischend jugendliche Begeisterungsfähigkeit. Das, gepaart mit Mariannas Erfahrung … Doch es fiel ihm zunehmend schwer, sich auf das Geschäft zu konzentrieren.

Viel zu schwer.

„Möchten Sie etwas trinken?“

„Ich arbeite gerade.“

Alim grinste, weil er den Eindruck hatte, dass sie ihn absichtlich zitierte. Doch dann wurde er unvermittelt ernst. „Gabi …“

Er zögerte. Vielleicht wäre es besser, zuerst alles gründlich zu durchdenken, bevor er ihr eine Stelle anbot. Wenn sie erst mal für ihn arbeitete, konnte es kompliziert werden. Früher oder später würden sie vielleicht etwas miteinander anfangen, und das wäre nicht gut für Gabi. Er beschränkte sich grundsätzlich auf One-Night-Stands, und sie wollte unter Garantie etwas Festes.

„Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, Bernadetta eine Partnerschaft anzubieten?“

„Eine Partnerschaft?“ Gabi war fassungslos. „Sie würde sich halb totlachen, wenn ich ihr das vorschlage!“

„Aber nachdem sie sich wieder beruhigt hat, könnten Sie ihr klarmachen, dass es besser wäre, Sie zur Geschäftspartnerin zu haben als zur Rivalin!“

Auf diese Idee war Gabi bisher noch nie gekommen.

„Sollten Sie lieber weiter im Angestelltenverhältnis arbeiten wollen, setzen Sie ihr Grenzen. Sagen Sie ihr, was sie von Ihnen erwarten kann und was nicht.“ Er zögerte. „Allerdings gäbe es da noch eine dritte Option …“

„Gabi!“, rief einer der Kellner in diesem Augenblick. „Der Fotograf will mit Ihnen sprechen.“

„Entschuldigen Sie mich bitte.“

Alim, ganz der Gentleman, erhob sich, als Gabi aufstand und davonging.

Er schlenderte zurück in den Ballsaal und blickte hoch zur Galerie, deren Westtür sich gerade öffnete. Er musste lächeln. Vermutlich stahl Yasmin sich gerade hinein.

Als er sich umdrehte, stand er plötzlich seinem Halbbruder gegenüber. „Herzlichen Glückwunsch, James.“

„Danke.“

Mehr Austausch war in der Öffentlichkeit nicht möglich.

James Haut und Haar waren zwar viel heller als Alims, aber wenn man sie nebeneinander sah, war die Ähnlichkeit frappierend. James war praktisch eine blonde Ausgabe von Alim. Sie durften nicht länger zusammenstehen, wenn sie nicht wollten, dass jemand sie sah und eins und eins zusammenzählte.

Violetta rief Alim an und teilte ihm mit, dass der Obersultan ihn sprechen wollte.

Das Verhältnis zwischen Alim und seinem Vater war ziemlich angespannt. Oman missbilligte Alims freien westlichen Lebensstil, während Alim seinen Vater im Stillen wegen seiner Geliebten verurteilte. Er liebte seine Mutter und fand es schlimm, wie sie behandelt wurde.

Alim verneigte sich, als er die Königliche Suite betrat, und berichtete seinem Vater vom Verlauf der Feier. „Alles lief hervorragend.“

„Wo ist Yasmin?“, fragte Oman scharf.

„Wir haben zusammen zu Abend gegessen. Sie ist jetzt in ihrer Suite.“

Da die Hochzeitsfeier bald vorbei sein würde, ging Alim davon aus, dass Fleur schon bald hier sein würde und rechnete daher damit, von Oman entlassen zu werden.

Stattdessen schnitt sein Vater ein leidiges Thema an: „Ich will, dass du nach Hause zurückkehrst.“

Alim war nicht in der Stimmung für dieses Gespräch, ließ sich seine Irritation jedoch nicht anmerken. „Ich war letzten Monat in Zethlehan und komme bald …“

„Ich meine für immer“, fiel Oman ihm ins Wort.

„Daraus wird nichts.“

Sie hatten schon zahllose ergebnislose Diskussionen über das Thema geführt. Alim hatte keine Lust, den Platzhalter für seinen Vater zu spielen, nur damit der öfter ins Ausland reisen konnte. Er hatte nicht vor, seinen Vater in seiner Untreue zu unterstützen!

„Du bist zweiunddreißig, Alim. Es wird allmählich Zeit für dich zu heiraten.“

Alim sagte nichts dazu, doch sein Blick verriet, dass er sich keine Vorschriften von einem Mann machen ließ, der eine Frau und eine Geliebte hatte. Alim betrog grundsätzlich niemanden. Er war in seinen Beziehungen immer ehrlich.

„Ich werde dir eine Braut aussuchen“, drohte Oman. „Dann bleibt dir keine andere Wahl.“

„Man hat immer eine Wahl.“

Als er Gabi vorhin geraten hatte, Bernadetta Grenzen zu setzen, hatte er genau gewusst, wovon er sprach. Das machte er bei seinem Vater nämlich schon lange.

„Eine Braut ohne meine Zustimmung auszusuchen, würde nicht nur die Braut, sondern auch unser Land beschämen. Nämlich dann, wenn der Bräutigam sich bei der Hochzeit nicht blicken lässt. Ich werde mich nicht zur Ehe zwingen lassen.“

Sein Vater schüttelte den Kopf. „Alim, es geht mir nicht gut.“

„Wie schlecht ist dein Zustand?“ Alim wusste nicht, ob er seinem Vater glauben konnte oder nicht.

„Ich … gehe bald ins Krankenhaus und werde mich für mindestens ein halbes Jahr aus der Öffentlichkeit zurückziehen müssen.“

Alim hörte seinem Vater zu, als dieser ihm nun genauer schilderte, um was es ging. Es schien sich wirklich um eine ernstere Angelegenheit zu handeln …

„Ich werde dich vertreten“, sagte Alim schließlich. „Das weißt du genau.“

Doch das war nicht die Antwort, die sein Vater sich erhofft hatte. „Unser Volk braucht gute Neuigkeiten. Eine Hochzeit wäre genau das Richtige.“

Alim hatte keine Lust, sich manipulieren zu lassen. „Unser Volk würde den Obersultan bestimmt bei der Hochzeit sehen wollen. Wenn ein Sohn ohne seinen Vater heiratet, würde man das so deuten, dass er die Entscheidung seines Sohns missbilligt, und das würde nichts als Unruhe bringen.“ Alim sah seinem Vater an, wie sehr ihm dieser Einwand missfiel. „Lass uns wieder darüber reden, wenn es dir besser geht.“

Oman machte Anstalten zu widersprechen, doch hinter der Tür zur Nachbarsuite war ein Geräusch zu hören. Fleur war anscheinend gerade von der Hochzeitsgesellschaft zurückgekehrt.

„Wir sehen uns dann morgen früh beim Frühstück“, sagte Alim, verneigte sich und ging.

Als er den Flur entlangging, war er äußerlich gefasst, aber innerlich stinksauer. Ihm war natürlich bewusst, dass er eine Heirat nicht ewig vor sich herschieben konnte, hatte aber keine Lust, ein Leben wie seine Eltern zu führen. Und schon gar nicht wollte er eine Frau, die sein Vater für ihn ausgesucht hatte.

Er wollte …

Tja, was?

Es fiel ihm schwer, seine miese Laune abzuschütteln. Er versuchte sich damit zu trösten, dass sein Freund Bastiano nächste Woche kommen würde. Aber Bastiano war auch nur ein reicher Playboy, und die Casinos und Clubs, die Alim immer mit ihm aufsuchte, übten auf ihn nicht mehr denselben Reiz aus wie früher.

Eigentlich hatte Alim sein oberflächliches Liebesleben ziemlich satt. Seitdem sich ihm die Frauen förmlich an den Hals warfen, war für ihn der Reiz des Eroberns sowieso vorbei.

Im Foyer stellte er fest, dass die letzten Hochzeitsgäste gerade aufbrachen. Er stieg die Treppe zur Galerie hoch und schloss die Tür auf.

Keine Spur von seiner Schwester, doch Alim vermutete, dass sie schon in ihre Suite zurückgekehrt war. Der Fotograf hatte einen Teil seiner Ausrüstung zurückgelassen. Alim beschloss abzuschließen, wenn er ging.

Er warf einen Blick über die Brüstung auf den Saal, wo das Personal gerade das Geschirr und die Tische wegräumte.

Die Hochzeit seines Halbbruders war ein voller Erfolg gewesen, aber Alim hatte das Fest nicht genießen können. Der einzige Lichtblick war sein Gespräch mit Gabi gewesen.

Plötzlich sah er sie allein im nun leeren Saal stehen.

Er hatte sich inzwischen dazu entschlossen, ihr doch keinen Job im Hotel anzubieten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es auf der Gefühlsebene zu Konflikten kommen würde, war einfach zu groß. Also wäre es völlig überflüssig, jetzt zu ihr zu gehen.

Andererseits hatte er jetzt die Gelegenheit, etwas nachzuholen, was er vorhin versäumt hatte.

Denn er arbeitete gerade nicht …

3. KAPITEL

Gabi beschloss, nach Hause zu fahren. Sie musste nur noch das Grammophon und die Schallplatte der Großeltern wegbringen.

Sie sah sich ein letztes Mal in dem inzwischen leeren Saal um. Statt der Kronleuchter brannte die helle Deckenbeleuchtung, die eingeschaltet worden war, nachdem die Musik verklungen war.

Gabi ging zum Sicherungskasten und knipste sämtliche Lichter aus. Die schönen Kronleuchter waren auch ohne Elektrizität gut zu erkennen, da der Mond durch die hohen Fenster schien und es draußen schneite. Einzelne Bäume warfen ihre Schatten an die Wände, genauso wie das Treiben der Schneeflocken. Der Saal sah aus wie ein in einem silbrigen Licht schimmernder Zauberwald.

Als sie hörte, wie eine Tür aufging, drehte sie sich um. Vermutlich kehrte jemand vom Personal zurück, um die letzten Reste wegzuräumen.

Doch es war Alim.

„Ich habe gerade …“, begann sie, stockte dann jedoch.

An dich gedacht, hatte ihr auf der Zunge gelegen, aber das konnte sie natürlich nicht sagen.

„Die Feier war sehr gut gelungen.“

„Danke.“

Das Beste wäre, einfach das Grammophon und die Schallplatte zu nehmen und nach Hause zu fahren, aber sie blieb stehen. Sie brannte innerlich wie Feuer, als Alim den Saal durchquerte und auf das alte Grammophon zuging. Was hatte er vor?

Plötzlich erschauerte sie – nicht weil ihr kalt war, sondern weil sie das leise Kratzen einer Nadel auf Vinyl hörte. Die Melodie vergangener Zeiten erwachte wieder zum Leben und prägte sich für immer in ihr Herzen ein, als Alim sich umdrehte und sie wortlos zum Tanzen aufforderte.

Ebenso wortlos akzeptierte sie.

Er hielt sie sanft, aber fest in den Armen. In seinem schweren moschusartigen Aftershave nahm sie eine exotische Note wahr, die ihr bisher noch nie aufgefallen war.

Aber heute war sowieso alles anders.

Heute hatte sich einiges zwischen ihnen verändert. Sogar der sonst immer so korrekte und höfliche Alim schien das gemerkt zu haben.

„Sie sollten sich lieber von mir fernhalten“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Das weiß ich.“

Er beschloss, sich deutlicher auszudrücken. „Vor allem, wenn Sie mich mögen.“

„Das weiß ich auch“, erklärte Gabi. Das Problem war nur, dass ihr das in diesem Augenblick, in seinen Armen, egal war.

Sie hob das Gesicht. Heute war ihre Nacht.

Sie kannte Alims Ruf, und ihr war daher bewusst, dass sich nie mehr zwischen ihnen abspielen würde als eine Nacht, obwohl sie schon seit Jahren für ihn schwärmte. Sie wusste genau, worauf sie sich mit ihm einließ und würde mit den Konsequenzen leben können.

Wenn sie diese Chance nicht ergriff, würde sie es bestimmt für immer bereuen.

Sie hatte sich so lange nach seiner Umarmung gesehnt, dass sie sich nun glücklich an ihn schmiegte. Er war so schlank und stark und bewegte sich so anmutig, dass Gabi sich zum ersten Mal in ihrem Leben leichtfüßig fühlte.

Tief sahen sie einander in die Augen. Sein Blick hatte ihr schon immer das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein, und jetzt durfte sie ihn endlich erwidern.

Sein ganzes Leben lang hatte Alim versucht, Geschäftliches und Privates auseinanderzuhalten. Das war vernünftiger so, aber in diesem Augenblick kam ihm nichts vernünftiger vor, als diese Frau hier in den Armen zu halten.

Es wäre wundervoll, nach seinen häufigen Reisen nach Zethlehan in den nächsten Monaten ins „Grande Lucia“ zurückzukehren und Gabi in seinem Bett vorzufinden. Und mit ihr zusammenzuarbeiten. Und warum auch nicht? Sie würden schließlich beide davon profitieren.

Als er den Kopf senkte und sie küsste, beschloss Gabi, das hier nie zu bereuen. Seine Küsse waren in ihrer Fantasie immer sanft und zurückhaltend gewesen, doch dieser Kuss hier – ihr erster Kuss überhaupt – war ganz anders. Sie schmolz förmlich dahin.

Seltsamerweise schienen ihre Lippen genau zu wissen, was sie zu tun hatten, denn sie passten sich Alims Lippen perfekt an.

Als Alim mit den Händen über ihre üppigen Kurven strich und sie so eng an sich presste, dass er ihre vollen Brüste spüren konnte, fragte er sich, warum er sich bisher immer so zurückgehalten hatte.

Er wollte sie, und das nicht nur heute Nacht.

Aber vorher mussten sie erst ein paar Dinge klären.

Er löste die Lippen von ihren. „Hast du einen Freund?“

Obwohl er sie in den Armen hielt und sie seine Erektion spüren konnte, klang seine Frage so sachlich und direkt, dass Gabi sich plötzlich wieder wie bei einem Vorstellungsgespräch fühlte. „Hochzeitsplanerinnen haben kein Privatleben“, sagte sie ausweichend. Sie konnte es kaum erwarten, wieder seine Lippen auf ihren zu spüren.

„Hatten deine Partner ein Problem mit deinem Job?“

Sie zögerte einen Moment. „Ich hatte bisher … noch keine Beziehungen“, gestand sie.

Ihre Worte stachelten Alims Erregung nur noch mehr an. Er zog sie an den Hüften zu sich heran, um sie weiterzuküssen.

Als er ihren Mund erforschte, flackerte für einen Moment fast so etwas wie Panik in Gabi auf, so schockierend intensiv und erregend war es, seine Zunge zu spüren – und unendlich viel besser als in ihrer Fantasie.

Seine Küsse machten Lust auf mehr.

Sie schmeckten nach Sünde.

Ihr Mund schien nach Nektar zu schmecken, so gierig wie er sie küsste. Sein raues Kinn kratzte erregend an ihrer Haut.

Ihre Brüste schmerzten vor Verlangen, als sie seine Hände auf ihrem Körper spürte, seine harte Erektion an ihrem Bauch.

So oft kam Gabi sich plump und ungeschickt vor. Würde war nicht gerade ihre Stärke, doch heute war alles anders. Heute tanzte sie mit ihrem Traummann.

Es ist nur ein Tanz, mehr nicht, schärfte sie sich ein.

Doch ihr Körper sah das anders. Oh, es war so viel mehr als das!

Alim blieb stehen und presste sie so eng an sich, dass sie seine Hitze spüren konnte, doch sie hatte Angst, die Situation schon wieder fehlzudeuten. Es sah ganz danach aus, als wolle er mit ihr schlafen, aber was war, wenn sie sich irrte?

„Komm mit“, sagte Alim und beseitigte damit ihre Zweifel.

Er zog sie an einer Hand von der Tanzfläche, ließ sie vor der Tür jedoch wieder los.

„Wenn das hier funktionieren soll, müssen wir diskret sein“, sagte er.

Gabi hatte keine Ahnung, dass er von den nächsten Wochen und Monaten sprach, als sie zustimmend nickte. Sie ging von einer Nacht aus. Ihre Wangen waren erhitzt, und ihre Hormone spielten so verrückt, dass sie ihm einfach nur dankbar war, ihr morgen früh peinliche Blicke ersparen zu wollen.

„Ich muss noch meinen Mantel holen, sonst wissen die anderen morgen sofort, dass ich über Nacht geblieben bin.“

„Tu das. Sag einfach, du willst noch ein paar Kleider holen …“

Er kannte ihre Arbeitsabläufe anscheinend gut. Bevor Gabi nach einer Hochzeit nach Hause fuhr, holte sie nämlich oft noch die Kleider der Brautjungfern aus der Garderobe. Dann hatte er sie also beobachtet? Erstaunlich.

„Ich geh schon mal hoch“, sagte er. „Ich habe einen privaten Fahrstuhl …“

„Ich weiß.“

„Ich werde ihn zu dir runterschicken.“

Alim verließ den Ballsaal als Erster. Gabi folgte nach einer Weile.

Wie in jeder anderen Nacht auch ging Alim zu seinem Fahrstuhl und schob die antike Gittertür auf, während Gabi zum Empfang ging.

„Ich muss nur noch ein paar Kleider holen, dann bin ich hier fertig“, sagte sie. „Kann ich schon mal meinen Mantel haben?“

„Klar.“

Gabi schlüpfte in die kleine Garderobe hinter dem Tresen und streifte sich ihren Mantel über. Und wie in jeder anderen Nacht am Ende einer Hochzeitsfeier durchquerte sie das Foyer.

Vor den Fahrstühlen stand ein Paar, das Gabi von der Hochzeit wiedererkannte, und durch die Drehtür trat eine elegant gekleidete Menschengruppe. Niemand würdigte Gabi eines Blickes.

Alims Fahrstuhltür war so schwer, dass sie sie zunächst nicht aufbekam und panisch daran herumzerrte, bis sie plötzlich doch nachgab. Gabi betrat den Fahrstuhl und zog die Tür hinter sich zu.

Alims exotischer Duft hing noch in der Luft. Sie lehnte sich gegen die gepolsterte Wand und nahm sich bewusst vor, sich diesen Augenblick für immer einzuprägen. Denn danach würde nichts mehr so sein wie vorher, davon war sie fest überzeugt.

Sie wusste, dass es bei dieser einen Nacht bleiben würde, aber es würde die schönste Nacht ihres Lebens werden. Sie würde sie nie bereuen!

Noch bevor sie auf den Knopf drücken konnte, ruckelte der Fahrstuhl und begann seinen Aufstieg. Alim war anscheinend ungeduldig geworden …

Alim hatte die Zeit vor dem Fahrstuhl zum Nachdenken genutzt und beschlossen, Gabi doch eine Stellung hier im Hotel anzubieten … Außerdem wollte er sie als Geliebte behalten. Aber das hatte Zeit bis morgen, wenn er einen klareren Kopf hatte. Jetzt würde er sie erst mal nach allen Regeln der Kunst verführen. Sie war anscheinend noch unerfahren und verdiente daher seine volle Aufmerksamkeit.

Als der Fahrstuhl mit Gabi oben ankam, war sein Kopf jedoch wie leergefegt. Er und sie griffen gleichzeitig nach dem Griff der Gittertür, sodass ihre Finger sich streiften. Plötzlich konnten sie keine Sekunde länger warten.

Hungrig und fieberhaft küssten und berührten sie sich durch das Gitter hindurch, so verrückt das auch war. Nur eine Sekunde, und sie hätten sich in den Armen liegen können, doch sogar diese eine Sekunde der Trennung war schon zu viel.

Irgendwann trat Gabi von der Tür zurück, und Alim riss sie auf. Anstatt wie in ihren Fantasien scheu und zurückhaltend zu sein, ließ Gabi sich einfach in seine Arme fallen.

Es war ihm ein Rätsel, dass er ihr so lange hatte widerstehen können.

„Ich fand es schrecklich, als du vorhin mit ihr hier hochgefahren bist …“ Gabi war bewusst, dass sie eifersüchtig klingen musste, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, bei Alim ganz offen sein zu können.

Er wusste sofort, wovon sie sprach. „Wenn du dich recht entsinnst, habe ich sie wieder runtergeschickt.“ Er presste sie an die nächstbeste Wand und küsste sie leidenschaftlich.

„Warum?“

„Das weißt du ganz genau. Weil ich scharf auf dich war.“

So wie jetzt.

Sie vergrub die Hände in seinem Haar und küsste ihn trotz ihrer Unerfahrenheit so wild und ungezügelt, dass er sie hart am Po packte.

Gabi wand sich und stieß einen Schmerzenslaut aus. „Mein blauer Fleck“, erklärte sie, als er sie verwirrt ansah.

Ach ja, stimmt.

Alim küsste sie hungrig weiter, bevor er sie plötzlich losließ. „Ins Bett“, befahl er.

Sie fielen fast durch seine Tür. In dem Raum dahinter brannte zu Gabis Überraschung ein Feuer im Kamin. Es war so angenehm warm, und sie waren so unbeherrscht, dass Alim schon hier den Reißverschluss ihres Kleides öffnete. „Zeig mir, wo du Schmerzen hast.“

Gabi schloss krampfhaft die Augen. Es wäre ihr lieber, wenn er sie im Dunkeln auszöge, aber er streifte ihr das Kleid schon über die Schultern. Sie hatte plötzlich Angst, ihm nackt nicht zu gefallen.

Sie hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen, denn er ließ stöhnend einen Finger über ihre Wirbelsäule gleiten.

„Alim …“, keuchte sie, als er ihr den Slip über die Hüften schob und sich hinkniete.

Sie spürte seinen heißen Atem an ihrem Po und dann seine warmen weichen Lippen. Ihr zitterten die Knie, als sie aus ihrem Höschen trat.

Alim spreizte von hinten ihre Schenkel, bis sie die Beine etwas auseinanderstellte und bedeckte die Innenseite ihrer Schenkel mit Küssen, sogar den blauen Fleck. Es fühlte sich wundervoll an, aber es reichte ihr noch nicht. Sie wollte mehr, unendlich viel mehr.

Ihm ging es nicht anders. Er erhob sich, hakte ihren BH auf und drehte sie zu sich um.

Im Gegensatz zu ihr war er noch immer komplett angezogen, so als sei er gerade hereingekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Niemand würde vermuten, dass er vor einer Sekunde noch zwischen ihren Schenkeln gekniet hatte.

„Ich fühle mich dir gegenüber im Nachteil“, gestand sie.

„Dabei hast mich voll in der Hand.“ Sie könnte ihn jederzeit wieder auf die Knie zwingen, wenn sie das wollte.

Als sie ihre hübschen Pumps abstreifte, verlor sie fast das Gleichgewicht, aber vielleicht lag das auch an Alim, denn er ließ sie nicht aus den Augen, während er sich sein Jackett auszog.

Gabi atmete so schwer, als sei sie gerannt.

Er nahm eine Brustknospe zwischen Daumen und Zeigefinger und senkte den Kopf. Gabi schluckte, als er langsam daran zu saugen begann. Um Halt zu finden, hielt sie sich an seinem Kopf fest, doch er zog ihre Hände weg.

Kühle Luft schlug an ihre feuchte Brust, als er seine Krawatte löste und sein Hemd abstreifte.

Wie lange hatte sie sich schon nach diesem Anblick gesehnt! Seine Haut schimmerte wie Karamell, seine Brust war hart und muskulös. Fasziniert betrachtete sie das schwarze Haar und die dunkle Haut seiner Brustwarzen. Am liebsten hätte sie die Lippen darauf gepresst, doch es gab noch viel mehr zu erforschen.

Langsam streichelte sie mit einer Hand über seinen linken Oberarm, ertastete behutsam seine Muskeln. Alim hätte nicht damit gerechnet, aber ihre behutsame Berührung war unglaublich erregend.

Sie senkte den Blick zu seinem dunklen Schamhaar, das aus der Hose hervorlugte, und zu der Schwellung darunter – und biss sich auf die Unterlippe. Das würde bestimmt wehtun.

Alim schien ihr anzusehen, was in ihr vorging. „Ich bin auch ganz vorsichtig.“

„Ach, wirklich?“, fragte sie mit einem verführerisch provozierenden Unterton, von dem sie bisher gar nicht gewusst hatte, dass sie ihn beherrschte.

Spielerisch strich sie mit ihren Fingern über das Haar auf seinem Bauch und presste die Lippen auf seine flache Brustwarze. Als sie mit der Zungenspitze über die salzige Haut fuhr, war es Alim, der stöhnend ihren Kopf hielt. Und Gabi war diejenige, die den Reißverschluss seiner Hose öffnete.

Alim hatte mit Zurückhaltung gerechnet, mit Zögern, doch Gabi berührte ihn mit offener Neugier und Hemmungslosigkeit.

Sie waren inzwischen beide nackt, sodass niemand im Nachteil war.

Gabi konnte sein Verlangen sehen … und spüren, denn sie berührte ihn und ließ ihn erst los, als sie ihn weiterküssen wollte. Er war so feucht und hart an ihrem Bauch. Sie wollte ihn in sich spüren.

In ihrer Fantasie hatten sie immer im Bett gelegen, aber in der Realität schafften sie es noch nicht mal am Kamin vorbei.

Sich unverwandt weiterküssend, knieten sie sich hin, während Gabi gierig über seine breiten muskulösen Schultern streichelte. Sonst kam sie sich oft sehr ungeschickt vor, aber heute nicht.

Er spürte ihr Lächeln an seinem Mund. „Was ist?“, murmelte er.

„In deiner Gegenwart verspüre ich irgendwie immer das Bedürfnis, gerader zu sitzen.“

„Dann tu es!“

Das fiel ihr schwer, denn als er mit seiner Zunge über ihr Schlüsselbein fuhr, zitterte sie vor Erregung. Wieder saugte er an einer Brust, während er die andere knetete und die geschwollene Knospe zwischen Daumen und Zeigefinger rollte.

„Sitz gerade!“, befahl er und schob eine Hand zwischen ihre Beine.

Halb vor Lust und halb vor Schmerz aufschreiend, umklammerte sie seine Schultern, als sie seine Finger in ihrer feuchten Hitze spürte. Da sie unfähig war, sich länger aufrechtzuhalten, legte Alim sie auf den Fußboden, wobei er sie unverwandt streichelte und küsste.

Er ließ sich jede Menge Zeit, sie zu dehnen.

Es gab einen Moment, an dem Gabi seine Hand am liebsten weggezogen hätte, doch dann ließ der Schmerz nach, und ihre Lust wurde immer intensiver. Er sprach Arabisch mit ihr, und obwohl sie seine Worte nicht verstand, steigerten sie ihr Verlangen noch.

Alim war leidenschaftlich, sinnlich und alles andere als kalt, als er sie bis kurz vor die Schwelle brachte.

„Komm“, forderte er sie auf, und Gabi gab nach, ließ einfach los und bäumte sich zuckend auf.

Alim spürte sie an seinen Fingern pulsieren, was ihn so erregte, dass er sich beherrschen musste, sie nicht sofort zu nehmen.

Auch er war völlig außer Atem. Anders als andere Frauen hatte sie nicht gelogen, denn er konnte sehen, dass etwas Blut an seinen Fingern klebte, als er seine Hand nun auf ihren warmen Unterleib legte.

Es war jetzt an der Zeit, sie in sein Bett zu bringen, doch stattdessen streichelte er fasziniert Gabis Schenkel. Als Gabi sie instinktiv spreizte, wurde die Versuchung zu stark für Alim, doch er nahm sich vor, nur ein kleines Stück in sie einzudringen.

„Wird es wehtun?“, fragte Gabi, innerlich hin- und hergerissen zwischen Angst und Verlangen.

„Ein bisschen“, räumte er ein.

Es war ganz anders als in ihren Fantasien.

In ihren Träumen hatte er sie mühelos und zärtlich genommen und ihr dabei seine Liebe gestanden. In Wirklichkeit hatte sie das Gefühl, dass es sie zerriss.

Trotzdem gefiel ihr die Realität besser.

„Gabi …“, stöhnte er. Sie fühlte sich so gut an und duftete so wundervoll, dass er sich nicht länger beherrschen konnte und sie ganz ausfüllte.

Als sie laut aufschrie, erstarrte er und verfluchte sich für seine Rücksichtslosigkeit. Sie brauchte jedoch nicht lange, um sich an ihn zu gewöhnen und sich wieder zu entspannen … und dann flehte sie ihn sogar an weiterzumachen.

Alim gehorchte.

Wieder und wieder drang er in sie ein.

Lustvoll stöhnend und einander küssend, wälzten sie sich auf dem Teppich herum. Sie, die Jungfrau, brachte ihn fast um den Verstand, denn er konnte sich kaum noch beherrschen. Normalerweise hielt er alles dicht unter Verschluss – seine Identität, sein Innerstes und sogar seinen Samen, doch jetzt ging nichts mehr.

Weder zog er sich zurück, noch leistete sie Widerstand. Stattdessen schlang sie die Beine noch enger um seine Hüften und kam heftig pulsierend.

„Alim …“, sagte sie fast flehentlich, sodass Alim sämtliche Bedenken in den Wind schlug und sich laut stöhnend tief in sie ergoss.

Sie küssten sich weiter, bis das Kaminfeuer erlosch und ihnen kalt wurde, doch das Feuer der Leidenschaft brannte noch immer …

4. KAPITEL

Alim war immer vorsichtig gewesen.

Grundsätzlich.

Zumindest bis heute.

Doch diese Nacht ließ sich nicht mit anderen Nächten vergleichen! Sie liebten sich ein weiteres Mal, doch danach schliefen sie nicht ein, sondern lagen dicht beieinander, tranken eisgekühltes Mineralwasser – und redeten.

Es war erfrischend anders. Selbst über Fehler konnten sie sprechen.

„Morgen lasse ich einen Arzt kommen“, sagte er zu Gabi, als sie über die Pille danach diskutierten.

„Darum kümmere ich mich.“ Auf keinen Fall wollte sie hier im Hotel einen Arzt konsultieren.

„Es tut mir leid.“

„Du brauchst dich nicht bei mir zu entschuldigen.“ Gabi bereute nichts, keine Sekunde. Hätte sie geahnt, dass ihre Fantasien diese Nacht Wirklichkeit werden würden, hätte sie natürlich vorher die Pille genommen, aber woher hätte sie das wissen sollen?

Sie schwärmte schon so lange für diesen Mann, doch die Realität mit ihm war noch schöner als ihre kühnsten Träume.

Sie hatte gewusst, dass er ein toller Liebhaber war, aber zu ihrer Überraschung war er auch ein erstaunlich guter Gesprächspartner. Sie hatte fast das Gefühl, mit einem Freund im Bett zu liegen, so entspannt und locker unterhielten sie sich. „Glaub mir, ich habe nicht die Absicht, so zu enden wie …“ Sie stockte.

„Wie wer?“

„Wie meine Mutter. Ich meine nicht, dass ich sie als Mensch ablehne, aber ich will nicht …“ Wieder verstummte sie.

„Sprich weiter.“

„Ich war ein Unfall“, erklärte Gabi. „Einer, für den meine Mutter immer noch bezahlt.“

„Wo ist dein Vater?“

„Ich habe keine Ahnung, wer er ist“, gestand Gabi. „Aber es interessiert mich auch nicht. Es macht keinen Unterschied, ob ich es weiß oder nicht.“

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Gabis Wunsch, ihren Vater kennenzulernen, war oft fast übermächtig, aber sie spielte ihn jedes Mal herunter. „Meine Mutter musste ihr Studium abbrechen, um mich großzuziehen.“

„Es ist nicht deine Schuld, dass sie ihre Träume nicht verwirklicht hat.“

„Es fühlt sich aber so an. Hätte sie mich nicht bekommen …“

„Dann hätte sie eine andere Ausrede gefunden.“

Verdutzt sah sie ihn an. „Das ist ganz schön hart.“

„Mag sein“, räumte Alim lächelnd ein.

„Bist du immer so direkt?“

„Ja.“

Jetzt war Gabi diejenige, die lächelte.

„Du hast also schon immer davon geträumt, Hochzeiten zu planen?“

Gabi nickte. Sie erzählte ihm, was sie als kleines Mädchen zum Leidwesen ihrer Mutter mit Mehl und Zucker angestellt hatte. „Ich hatte ganz schön Bedenken wegen der Hochzeit heute. Sie war so überstürzt, aber als ich James und Mona tanzen sah, wusste ich, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauchte.“

„Weshalb?“

„Es war offensichtlich, wie sehr sie einander lieben und wie glücklich sie sind.“

Alim war froh, das zu hören, denn er wünschte seinem Bruder alles Glück der Welt.

Was ihn selbst anging, machte er sich jedoch keine Illusionen.

Er glaubte nicht an glückliche Ehen. In seiner Welt waren Ehen ein rein geschäftliches Arrangement. Für James war das natürlich anders, auf ihm lastete nicht die Bürde einer Krone.

Obwohl es immer später wurde, war an Schlaf nicht zu denken. Sie redeten und redeten, während Gabi verträumt mit ihren Fingern über seine Brust strich.

Alim empfand eine Mischung aus Entspannung und Erregung. Ihm gefiel Gabis Neugier auf seinen Körper, und mit ihren Geschichten über Bernadetta und die vielen chaotischen Hochzeitsvorbereitungen brachte sie ihn immer wieder zum Lachen.

Doch dann überschritt sie eine Grenze.

„Die Mutter des Bräutigams hat die Hochzeit übrigens bezahlt.“

„Gabi!“, warnte er sie.

„Was ist?“

Er wollte ihr eine führende Position anbieten, und sie warf mit vertraulichen Informationen um sich? „Du solltest solche Dinge lieber für dich behalten.“

„Ach, komm schon! Ich sitze nicht unten in der Bar, sondern liege mit dem Chef im Bett. Und du bist derjenige, den sie bezahlt, also weißt du es doch sowieso schon.“

Ihr Lächeln war so hinreißend, dass Alim nicht anders konnte, als es zu erwidern. „Okay.“ Er zog sie an sich und legte ihren Kopf auf seine Brust.

„Trotzdem seltsam“, sagte Gabi nachdenklich. „Normalerweise zahlen die Eltern der Braut, oder sie machen halbe-halbe …“

Alim zuckte die Achseln. „Vielleicht haben Monas Eltern kein Geld.“

Gabi gähnte. „Mag sein. Fleur offensichtlich schon. Irgendwie fasziniert sie mich.“

„Wer?“

„Fleur. Die Mutter des Bräutigams.“

Alim schwieg.

„Ich werde nicht ganz schlau aus ihr. Ist sie geschieden, verwitwet oder eine alleinerziehende Mutter wie meine?“

„Macht das denn einen Unterschied?“

„Wahrscheinlich nicht“, murmelte sie. Ihr fielen langsam die Augen zu.

Alim gefielen Gabis neugierige Fragen nicht, auch wenn sie ihn nicht überraschten. Er wusste, wie gern sein Personal klatschte. Es würde vermutlich nicht mehr lange dauern, bis Gabi von seinem Titel erfuhr und alle wussten, dass die gekrönten Häupter, die in seinem Hotel ein- und ausgingen, zu seiner engsten Familie gehörten.

Er beschloss, ihr reinen Wein einzuschenken, aber das hatte bis morgen Zeit. Er musste erst mal darüber nachdenken, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Denn eins stand für ihn fest: Er wollte mehr Zeit mit Gabi verbringen.

Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr erwärmte er sich für die Idee. Die nächsten Monate würden sehr anstrengend werden. Solange er nicht verheiratet war, konnte er sich die Zeit zumindest etwas versüßen. Ein Jahr lang vielleicht.

Mit Gabi.

Da sie sich jedoch vermutlich nicht auf ihn einlassen würde, wenn er weiterhin mit anderen Frauen schlief, würde er ihr treu sein.

Von einem solchen Arrangement würden sie beide profitieren. Gabi würde dem Einflussbereich Bernadettas entzogen sein und konnte in Ruhe ihre eigene Karriere planen. Er zweifelte nicht daran, dass sie seinen Vorschlag sofort annehmen würde. Bisher hatte noch nie eine Frau Nein zu ihm gesagt, und er bot Gabi mehr als jeder anderen zuvor.

Die Sonne ging bereits auf, als er seine Entscheidung traf.

Gabi spürte seine Hände auf ihrem Körper, als sie aufwachte, und wandte ihm lächelnd das Gesicht zu. „Das war eine wundervolle Nacht.“

Alim war froh, das zu hören. In ihren Augen spiegelten sich weder Reue noch Verwirrung. Nur Verlangen.

Ihm ging es genauso. Oh, er wollte viel mehr als nur diese eine Nacht.

„Fleur hat nicht für die Hochzeit bezahlt“, sagte er unvermittelt.

Gabi sah ihn verwirrt an.

„Die Hochzeit war mein Geschenk an Mona und James.“

„Warum?“

„Weil James mein Halbbruder ist.“

Verwirrt schaute Gabi ihn an … bis ihr rückblickend auffiel, wie ähnlich James und Alim einander sahen. James war ihr schon gestern auf der Hochzeit irgendwie bekannt vorgekommen, aber da hatte sie noch nicht die Verbindung zu Alim gezogen. Schön blöd von ihr!

„Fleur ist die Geliebte meines Vaters“, fügte Alim hinzu.

„Ich verstehe nicht.“

„Sie war früher mit meinem Vater zusammen, aber mein Großvater hielt sie als Ehefrau für ungeeignet. Als sie mit James schwanger war, befahl er meinen Vater nach Hause und arrangierte die Ehe mit meiner Mutter, obwohl Fleur diejenige war, die mein Vater liebte.“

„Warum hat er das mitgemacht?“

„Weil ihm keine andere Wahl blieb. Sein Vater war Obersultan, und dessen Wort ist Gesetz. Jetzt hat mein Vater den Titel.“

Gabi bekam eine Gänsehaut. „Und was bist du dann?“

„Sultan. Eines Tages werde ich Obersultan sein.“

„Warum erzählst du mir das alles?“

„Weil mein Vater gerade hier im Hotel wohnt und es vermutlich nicht lange dauern wird, bis das Personal eins und eins zusammenzählt. Dann würdest du es sowieso erfahren.“

„Aber warum erzählst du es mir jetzt?“

„Weil sich die Situation zu Hause geändert hat. Mein Vater hat gesundheitliche Probleme, sodass ich ihn in den nächsten Monaten oft vertreten muss.“ Sie sah ihn immer noch verwirrt an. „Ich möchte gern mehr Zeit mit dir verbringen, wenn ich in Rom bin. Ich wollte dich gestern eigentlich fragen, ob du hier als Eventmanagerin arbeiten willst.“

Gabi fand die Vorstellung sehr verlockend. Hoffentlich hatte er es sich nicht inzwischen anders überlegt … auch wenn sie natürlich nichts bereute.

„Und jetzt nicht mehr?“, fragte sie zögernd.

„Doch, aber ich habe mein Angebot gewissermaßen erweitert“, antwortete er lächelnd. „Was hältst du von einem Einjahresvertrag?“

„Wie bitte?“

„In einem Jahr bist du von Bernadetta frei und kannst bis dahin Kontakte knüpfen.“

„Ist Sex mit dir Bestandteil des Vertrages?“, fragte sie spitz.

Alim war überrascht, dass sie so empört klang. „Gabi, nach letzter Nacht wissen wir ja wohl beide, dass wir nicht zusammenarbeiten können, ohne dass der Sex uns dazwischenfunkt. Natürlich werden wir dem Personal gegenüber diskret sein, aber …“

„Du hast dir alles gründlich überlegt, oder?“

„Ich habe eingehend darüber nachgedacht, ja.“

Als Gabi letzte Nacht mit zu ihm gekommen war, hatte sie keinen Zweifel gehabt, dass am nächsten Morgen alles wieder vorbei sein würde. Irgendwie war die Vorstellung sogar beruhigend gewesen. Alim war ein bekennender Playboy. Es wäre zu gefährlich, sich auf ihn einzulassen.

„Und was passiert, wenn dir eine andere über den Weg läuft?“

Ihre Direktheit gefiel ihm.

„Alim, ich nehme meine Karriere sehr ernst …“

„Dafür bewundere ich dich ja auch“, erwiderte er. „Ich werde dir nicht im Weg stehen. Und es wird keine anderen Frauen geben“, fügte er hinzu, was für ihn ein großes Zugeständnis war.

„Warum ein Jahr?“

„Weil ich irgendwann heiraten muss.“

Gabi versteifte sich. Wie grausam von ihm, so etwas zu sagen, während er sie in den Armen hielt.

„Gabi, als Fleur schwanger wurde, hat mein Großvater ein Dekret erlassen. Es ist ein sehr strenges Gesetz, mit dem ein widerstrebender Bräutigam zur Raison gebracht werden soll. Sobald es in Kraft tritt, sind Geliebte nur noch in der Wüste erlaubt.“

„Wüste?“, fragte sie entsetzt. „Du meinst in einem Harem?!“

„So in der Art, ja. Aber Fleur weigerte sich, seine Wüstengeliebte zu sein.“

„Ich kann ihr keinen Vorwurf daraus machen.“

„Als James geboren wurde, war meine Mutter schon schwanger mit mir. Fleur brachte ihren Sohn in London zur Welt. Mein Vater konnte damals nicht zu ihr, aber nachdem er drei Erben gezeugt hatte, konnte mein Vater wieder öfter verreisen …“

Gabi hatte genug gehört. Sie setzte sich auf und hüllte sich in die Decke. „Das klingt ja alles total steinzeitlich!“

Alim ignorierte ihre Bemerkung. „Wenn du nachher zum Arzt gehst, könntest du dir vielleicht auch gleich die Pille verschreiben lassen. Ich kann auch einen Arzt hierher bestellen, wenn du willst …“

„Ich kümmere mich selbst um meine Termine, Alim, und ich mag es nicht, wenn man mir Vorschriften macht!“ Wütend funkelte sie ihn. „Ich brauche die Pille nicht, denn ich werde nicht deine Geliebte sein, bis dein Vater dich endgültig zurück nach Hause beordert.“

„Ich verstehe nicht. Wo liegt dein Problem?“

„Zum Beispiel darin, dass du mein Einverständnis einfach voraussetzt.“ Sie stand auf und ging unter die Dusche. Sie war noch wund von letzter Nacht, und ihr schwirrte der Kopf von allem, was er ihr erzählt hatte.

Unter der Dusche fiel ihr noch etwas ein, das ihr nicht gefiel. Sie hüllte sich in ein Handtuch und ging wieder zu ihm. „Was ist eigentlich mit Marianna? Sie arbeitet schon seit Jahren hier, und du willst sie einfach so fallen lassen?“ Gabi versuchte, mit den Fingern zu schnalzen, aber sie waren zu nass.

„Sie will ihre Arbeitszeit sowieso reduzieren“, erklärte Alim. „Ich würde ihr einen Beraterposten anbieten.“

Skeptisch sah Gabi ihn an. Vielleicht war er ja doch nicht so skrupellos, wie er klang … doch als er ihr das Handtuch wegzog und sie splitternackt vor ihm stand, wusste sie, dass er keine Rücksicht auf sie nehmen würde … oder auf ihre Gefühle.

Und trotzdem hatte sie schon wieder Lust auf ihn.

Es wäre leichtsinnig, sich nicht die Pille verschreiben zu lassen.

„Mir ist bewusst, dass du das alles erst mal verdauen musst“, sagte Alim. „Aber denk zumindest darüber nach.“

Er konnte ihre wütende Reaktion nicht ganz nachvollziehen. Die meisten anderen Frauen wären dankbar, wenn sie mehr Zeit mit ihm verbringen dürften. „Wäre es dir lieber, wenn es bei einem One-Night-Stand bleiben würde?“

„Ja.“

„Lügnerin.“

„Ich soll dir also ein Jahr lang auf Abruf zur Verfügung stehen?“

„Wir hätten beide etwas davon“, erwiderte Alim achselzuckend. „Ich stünde auch dir zur Verfügung.“

Errötend streifte sie sich ihren Slip über und setzte sich aufs Bett, um ihren BH anzuziehen. Alim richtete sich auf, hakte den BH zu und presste die Lippen auf Gabis Nacken.

Sie erschauerte lustvoll, als er von hinten ihre Brüste umfasste. „Alim …“

Seine Berührungen machten sie so heiß, dass sie weiche Knie bekam, und das wusste er ganz genau. Langsam schob er eine Hand in ihren Slip und begann sie zu streicheln, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie von letzter Nacht immer noch wund und geschwollen war.

Diese Liebe tat weh.

Und es würde Liebe werden – war es vielleicht sogar schon jetzt. Ein Jahr mit Alim würde alles nur noch schlimmer machen.

„Alim …“ Am liebsten hätte sie sich zu ihm umgedreht und ihn wild mit ihren Beinen umschlungen, aber er hielt sie fest in seinen Armen und stimulierte sie weiter, bis sie kam. Erst dann ließ er sie los.

Irgendwie gelang es Gabi aufzustehen.

„Mein Angebot steht“, sagte er.

Es kostete Gabi fast übermenschliche Willenskraft, sich anzuziehen und zu gehen, aber sie musste dringend an die frische Luft, um nachzudenken.

Alim war jedoch noch nicht fertig mit ihr. Er beugte sich vor und öffnete seine Nachttischschublade, in dem sich ein Schälchen voller Diamanten befand.

Dann stimmten die Gerüchte also doch. Verlockend funkelten die Steine im Licht der Wintersonne. Schon einer von ihnen würde Gabi in den nächsten Monaten finanziell über Wasser halten.

„Such dir einen aus“, sagte Alim. „Und morgen …“

„Ich werde nicht deine Hure sein!“

„In meinem Land ist es Tradition …“

„Wir sind aber in Rom, Alim!“, fiel sie ihm hitzig ins Wort. Aus einem Impuls heraus ging sie in die Lounge, um ihre Handtasche zu holen. Sie wunderte sich selbst, dass sie ihm so viel Widerstand entgegensetzte. Aber irgendwie fühlte sie sich in seiner Gegenwart stark und selbstsicher. Sicher genug, um sie selbst zu sein.

Und dieses Selbst war gerade stinksauer!

„Hier!“ Sie öffnete ihre Handtasche und leerte den gesamten Inhalt aufs Bett. Sie hatte nicht viel Geld dabei – nur ein paar Münzen und Scheine –, aber sie kippte alles aus, um aus ihm die Hure zu machen. „Bediene dich, Baby!“

Als sie das Zimmer verließ, hörte Alim sich zu seiner Überraschung lachen. Dabei lachte er sonst nie, schon gar nicht am frühen Morgen.

Und als Gabi wütend die Tür hinter sich zuknallte, wurde Alim etwas klar. Wenn er eine Geliebte wollte, dann diese Frau!

„Der Obersultan ist bereit, Sie zu empfangen“, teilte Violetta Alim eine halbe Stunde später mit.

Alim hatte bereits geduscht, sich eine schwarze Leinenhose und ein weißes Hemd angezogen und ungeduldig darauf gewartet, dass sein Vater ihn zu sich rief.

Er freute sich schon auf das Frühstück mit den Frischvermählten … und inzwischen sogar auf den Rest des Tages.

Auf das ganze nächste Jahr genau genommen.

Ihm war bewusst, dass er Gabi vorhin ganz schön viel zugemutet hatte. Kein Wunder, dass sie erst mal wütend reagiert hatte, aber sie würde bestimmt einlenken, wenn sie erst mal in Ruhe über alles nachgedacht hatte.

Alim freute sich nicht nur auf die Nächte mit ihr, sondern auch auf die Tage. Mit Gabi als neuer Event-Managerin ging ihm die Arbeit bestimmt viel besser von der Hand.

Violetta nahm ihn vor der Königlichen Suite in Empfang und klopfte drei Mal kurz an die Tür, um Alims Ankunft anzukündigen. Als er eintrat, traf er jedoch statt seiner Familie nur seinen Vater an.

„Alim“, begrüßte ihn Oman unterkühlt.

Alim verneigte sich. „Wo sind James und Mona?“

„Schon unterwegs nach Paris. Sie haben mir vorhin Gesellschaft geleistet.“

„Sie waren bestimmt ganz begeistert, so kurz nach ihrer Hochzeit geweckt zu werden“, sagte Alim ironisch, obwohl er wusste, dass sein Vater keinen Sinn für Ironie hatte.

Und kein Verständnis für Alims Beziehung zu James. Als Alim von der Existenz seines Halbbruders erfahren hatte, hatte er sofort Kontakt zu ihm aufgenommen – gegen den Willen seiner Eltern.

Seitdem besuchten die Geschwister einander regelmäßig und hielten telefonisch oder per Mail Kontakt.

„Was ist mit Yasmin?“, erkundigte er sich.

„Violetta hat mir mitgeteilt, dass es ihr nicht gut geht. Anscheinend hat sie Migräne – zu viel Aufregung wegen gestern.“

Eher zu viel Champagner, dachte Alim belustigt, sagte jedoch nichts.

„Mir ist das nur recht“, sagte sein Vater. „Ich wollte sowieso mit dir allein sein.

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