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JULIA EXTRA BAND 442

CAROL MARINELLI

Traue niemals einem Milliardär

Sie ist blond, schön, atemberaubend – und die zukünftige Frau seines Erzfeindes. Wenn Milliardär Raul Di Savo die umwerfende Lydia verführt, könnte er seinen Rivalen empfindlich treffen …

SOPHIE PEMBROKE

In einer Nacht voller Leidenschaft

Bei der Society-Hochzeit des Jahres muss Eloise als Brautjungfer einspringen. Und ausgerechnet Filmstar Noah Cross ist der Trauzeuge. Sie verfällt dem Charme des Herzensbrechers. Aber ist sie für ihn mehr als nur eine Affäre?

SHARON KENDRICK

Verführt von einer schönen Fremden

So hat sie noch nie für einen Mann empfunden. Dabei sollte sich Sophie besser von ihrem neuen Boss, dem Milliardär Rafe Carter, fernhalten. Gilt er doch als berüchtigter Playboy …

SUSAN MEIER

Küss mich unterm Mistelzweig

Will die bezaubernde Kristen auch nur sein Geld? Milliardär Dean gibt ihr, was sie will – und macht sie dann zu seiner Geliebten. Nach sechs Wochen beendet er die Affäre. Aber vergessen kann er sie nicht …

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Traue niemals einem Milliardär

PROLOG

Raul Di Savo stand am Grab seiner Mutter und nahm die Beileidsbekundungen der Trauergäste entgegen. Als sein Blick auf einen jungen Mann im Hintergrund fiel, stockte ihm der Atem.

Wie konnte er es wagen zu kommen?!

Die Glocken in der kleinen sizilianischen Kirche waren längst verstummt, aber sie schienen immer noch in Rauls Ohren zu dröhnen.

„Sentite condoglianze.“

Raul zwang sich, die Aufmerksamkeit von dem jungen Mann am Rand des Friedhofs auf den älteren Herrn vor sich zu richten. „Grazie“, bedankte er sich steif.

In Anbetracht der Umstände von Marias Tod, aber auch aus Furcht vor dem Zorn von Rauls Vater, waren viele Leute weggeblieben. Doch Gino war gar nicht zur Beerdigung seiner Frau erschienen.

„Sie war eine Hure, als ich sie geheiratet habe, und als Hure geht sie auch ins Grab!“ Nie würde Raul die schrecklichen Worte seines Vaters vergessen!

Als Raul von Rom an die sizilianische Westküste nach Casta gefahren war, hatte er nur gewusst, dass Maria einen Autounfall gehabt hatte. Erst bei seiner Ankunft hatte er von ihrem Tod erfahren.

Er war zu spät gekommen.

Inzwischen hatte Raul herausgefunden, welche Ereignisse dem Tod seiner Mutter vorausgegangen waren. Er hatte schmerzliche Dinge erfahren. Schockierende Dinge …

Trotzdem erfüllte Raul nun seine familiären Pflichten und stand neben ihrem Grab, während die wenigen Trauergäste langsam an ihm vorbeidefilierten.

Alle drückten ihm ihr Beileid aus, doch darüber hinaus fielen nur wenige Worte. Die Ereignisse der letzten Tage und die wilden Beschuldigungen, die gefallen waren, ließen auch die schlichtesten Sätze falsch und unaufrichtig klingen.

„Sie war eine gute Frau …“, rang ein lebenslanger Freund der Familie um die passenden Worte. „Sie war …“ Wieder stockte er, bevor er hastig hinzufügte: „Maria wird uns fehlen.“

„Das wird sie“, antwortete Raul pflichtbewusst. Der Geruch frischer Erde stieg ihm in die Nase und brannte in seinem Hals. Er würde hier keinen Trost finden.

Niemals.

Er hatte zu lange gewartet, um sie zu retten. Und jetzt war sie tot.

Als fleißiger Schüler hatte er bei seinen Examen so gut abgeschnitten, dass er dank eines Stipendiums endlich das Tal von Casta hatte verlassen können. Das Tal der Hölle – wie Raul und sein bester Freund Bastiano es immer genannt hatten. Damals hatte Raul sich fest vorgenommen, seine Mutter aus den Klauen seines Vaters zu befreien.

Maria Di Savo.

Zügellos hatten manche sie genannt. Zerbrechlich traf es seiner Meinung nach besser.

Bis zur Begegnung mit Rauls Vater war sie tief religiös gewesen und hatte sogar vorgehabt, Nonne zu werden. Am liebsten wäre sie in das nahe gelegene alte Kloster eingetreten, einen mächtigen Steinbau mit Blick über das Meer. Sie hatte geweint, als das Kloster später geschlossen wurde. Für Maria hatte es sich angefühlt, als hätte ihr Nichteintreten in den Orden irgendwie zum Niedergang des Klosters beigetragen …

Seitdem stand das Klostergebäude leer und verlassen. Und es hatte keinen Tag gegeben, an dem Rauls Mutter nicht bereut hätte, nicht dem Ruf ihres Herzens gefolgt und Nonne geworden zu sein.

Hätte sie das doch nur getan!

Aufgewühlt stand Raul am Grab seiner Mutter und stellte seine eigene Daseinsberechtigung infrage. Nur Marias Schwangerschaft mit ihm hatte sie zu ihrer unglücklichen Ehe gezwungen.

Raul hatte das Tal immer schon gehasst, doch noch nie so heftig wie jetzt. Er schwor sich, nach dem heutigen Tag nie wieder zurückzukehren. Sollte sein versoffener Vater ohne Marias Pflege ruhig zugrunde gehen!

Eine Rechnung hatte Raul jedoch noch offen. Mit dem Mann, der Marias tragisches Ende erst herbeigeführt hatte. Als Raul vorhin eine Handvoll Erde in das offene Grab seiner Mutter geworfen hatte, hatte er sich geschworen, alles zu tun, um diesen Mann zu vernichten!

„Ich werde sie vermissen.“

Raul hob den Blick zu Loretta, einer langjährigen Freundin seiner Mutter, die in der Bar seines Vaters arbeitete.

„Mach bitte keinen Ärger, Raul.“

Er wusste sofort, was sie meinte – die Anwesenheit des jungen Mannes am Rand des Friedhofs.

Bastiano Conti.

Der Siebzehnjährige war ein ganzes Jahr jünger als Raul und stammte aus einer Familie, mit der Rauls Familie verfeindet war. Während Bastianos Onkel fast alle Häuser und Weinberge im Westen des Tals gehörten, beherrschte Rauls Vater den Osten. Die Rivalität bestand schon seit Generationen, doch die beiden Jungs hatten die unheilvolle Tradition durchbrochen und waren Freunde geworden.

Sie waren gemeinsam zur Schule gegangen und hatten während der langen Sommerferien viel Zeit miteinander verbracht. Bevor Raul das Tal verlassen hatte, hatten er und Bastiano sich hingesetzt und Wein aus den sich gegenüberliegenden Weinbergen ihrer beider Familien getrunken. Und sie waren sich sofort einig gewesen, dass beide Weine schrecklich schmeckten!

Äußerlich sahen sie einander sehr ähnlich – beide waren groß gewachsen und dunkelhaarig –, doch in ihrer Wesensart waren sie grundverschieden.

Bastiano, ein Waisenkind, war bei seiner weit verzweigten Familie aufgewachsen und verließ sich vor allem auf seinen Charme, wenn er etwas erreichen wollte. Der ernste und misstrauische Raul hingegen hatte früh gelernt, sich anzupassen. Er sagte, was man von ihm erwartete, weil er damit am besten fuhr.

Die Frauen liefen ihnen beiden hinterher, doch auch in dieser Hinsicht hatten sie sich nie als Konkurrenten empfunden. Es hatte im Tal genug Auswahl gegeben.

Doch dann hatte Bastiano seinen Charme bei der Schwächsten eingesetzt – und sich mit Maria eingelassen.

Im Lauf der Zeit hatten immer mehr Menschen im Tal von ihrem gefährlichen Verhältnis erfahren. Allen war klar, dass Gino nie erfahren durfte, dass Marias Liebhaber ausgerechnet der verfeindeten Familie angehörte!

Als Gino schließlich doch alles erfuhr, hatte Loretta ihre Freundin sofort angerufen und davor gewarnt, dass ihr Ehemann sich gerade wutentbrannt auf den Heimweg gemacht hatte. Maria war daraufhin panisch in einen Wagen gestiegen, mit dem sie nicht zurechtkam, und losgefahren.

Raul war fest davon überzeugt, dass ihr tödlicher Unfall ohne Bastiano nie passiert wäre.

„Raul …“, sagte Loretta, die seine innere Anspannung spürte, und hielt ihn an einer Hand fest. „Du bist Sizilianer. Du hast noch dein ganzes Leben Zeit, dich zu rächen. Aber heute ist nicht der richtige Tag.“

„Nein“, stimmte Raul zu.

Oder widersprach er ihr?

Raul wusste selbst nicht, was in ihm vorging. Seine Stimme war rau vor Trauer, und das Blut rauschte ihm in den Ohren, so vollgepumpt mit Adrenalin war er. Er wusste nur eins: dass er Bastiano von ganzem Herzen hasste.

Er schüttelte Lorettas Hand ab, ging an ihr vorbei und stieß jemand anderen zur Seite, der versuchte, sich ihm in den Weg zu stellen.

„Raul!“, warnte ihn der Priester. „Nicht hier. Nicht jetzt!“

„Dann hätte er sich von hier fernhalten sollen!“, zischte Raul, während er quer über den Friedhof auf jenen Mann zusteuerte, der seine Mutter ins Grab gebracht hatte.

Raul beschleunigte seine Schritte, außer sich vor Hass und Wut.

Jeder normale Mensch in Bastianos Situation hätte sich jetzt sofort umgedreht und wäre davongelaufen, doch stattdessen kam Bastiano Raul entgegen. „Deine Mutter wollte …“

Raul ließ ihn nicht ausreden. Bastiano hatte Marias Ruf schon genug beschmutzt! Er schlug mit voller Wucht zu.

Trauer, Wut und Scham waren eine tödliche Mischung.

Er wollte Bastiano am liebsten umbringen, das war das Einzige, was er noch empfand.

Doch Bastiano setzte sich energisch zur Wehr.

Raul hörte einige Trauergäste erschrocken aufschreien. In der Ferne war eine Polizeisirene zu hören, als Bastiano ihn mit voller Wucht gegen einen Grabstein schleuderte. Eine scharfe Granitkante bohrte sich in Rauls Schulter und riss seinen Rücken auf.

Doch sein Rücken war ohnehin schon von den Schlägen seines Vaters vernarbt, und Adrenalin war ein sehr effektives Betäubungsmittel. Er stand einfach wieder auf, ignorierte die blutende Wunde, und stürzte sich erneut auf seinen Rivalen.

Doch Bastiano gab immer noch nicht nach.

Immer wieder schlug Raul auf Bastiano ein, heftige Faustschläge, mitten ins Gesicht. Erst als Bastiano wehrlos am Boden lag, rief er ihm zu, dass er sich von seiner Mutter hätte fernhalten sollen.

„So wie du?“

Diese Worte trafen Raul schmerzhafter als jeder Schlag.

Denn im tiefsten Innern wusste er, dass Bastiano recht hatte – er hatte Maria im Stich gelassen.

1. KAPITEL

Rom …

Die Stadt der Liebe.

Lydia Hayward lag in ein Handtuch gewickelt auf dem Bett ihrer Hotelsuite und dachte über die Ironie des Schicksals nach. Ja, sie war in Rom und traf sich heute Abend mit einem sehr begehrenswerten Mann, aber Liebe war dabei ganz bestimmt nicht im Spiel.

Es ging eher ums Geschäft.

Woraus natürlich niemand einen Hehl gemacht hatte.

Ihre Mutter hatte sich neulich auf Lydias Bettkante gesetzt und ihr erklärt, dass sie ohne das gewaltige Vermögen dieses Mannes alles verlieren würden. Womit sie das Schloss meinte, in dem sie lebten und das ihren Lebensunterhalt gewährleistete. Valerie hatte dabei natürlich mit keinem Wort gesagt, dass Lydia mit dem Mann würde schlafen müssen, mit dem sie und ihr Stiefvater heute verabredet waren.

Was Valerie jedoch gefragt hatte, war, ob Lydia die Pille nahm. „Du willst doch nicht etwa deinen Urlaub ruinieren?“, hatte sie ihre Frage begründet.

Doch seit wann interessierte ihre Mutter sich für solche Dinge? Lydia war früher schon einmal in Italien gewesen, als Siebzehnjährige auf Klassenreise. Damals hatte ihre Mutter ihr keine solche Frage gestellt.

Außerdem – warum sollte Lydia die Pille nehmen? Schließlich hatte man ihr immer nahegelegt, sich aufzusparen.

Und genau das hatte sie getan.

Allerdings nicht, weil ihre Mutter ihr dazu geraten hatte, sondern weil es ihr schwerfiel, ihre kühle, abweisende Maske abzulegen. Viele Menschen hielten sie für hochmütig und arrogant. Doch Lydia war es lieber, arrogant zu wirken, als sich verletzlich zu zeigen.

Und bisher war sie mit dieser Strategie gut gefahren. Insgeheim sehnte sie sich zwar nach Liebe, aber dieses Glück schien ihr nicht vergönnt zu sein, zumindest nicht mehr in diesem Leben.

Denn sie wusste: Heute Abend würde man sie wie zufällig mit diesem Mann allein lassen.

Als ihr Handtuch verrutschte, bedeckte Lydia sich sofort wieder, obwohl niemand bei ihr im Zimmer war. Sie stand kurz vor einer Panikattacke! Dabei hatte sie keine mehr gehabt seit …

Rom. Oder war es Venedig gewesen? Oh Gott, diese schreckliche Klassenfahrt!

Sie hatte nur Ja zu der jetzigen Italienreise gesagt, weil sie gehofft hatte, damit die Gespenster der Vergangenheit vertreiben zu können. Dass Rom ihr in einem völlig neuen Licht erscheinen würde, jetzt, wo sie erwachsen war. Doch sie hatte feststellen müssen, dass die Welt ihr heute genauso viel Angst machte wie damals als Teenager.

Reiß dich zusammen, Lydia!

Also riss sie sich zusammen, stand auf und zog sich an.

Um acht war sie mit ihrem Stiefvater Maurice zum Frühstück verabredet. Um sich nicht zu verspäten, kämmte sie sich rasch das frisch gewaschene und an der Luft getrocknete lange blonde Haar. Sie hatte sich gestern ein taupefarbenes Leinenkleid mit Knöpfen vom Ausschnitt bis zum Saum gekauft, aber so wie ihr die Hände zitterten, war das anscheinend keine gute Entscheidung gewesen.

Sie erwarten von dir bestimmt nicht, mit ihm zu schlafen!

Lydia versuchte sich einzureden, wie lächerlich diese Vorstellung war. Sie würde heute Abend nur etwas mit diesem Mann trinken, sich anschließend höflich für seine Gastfreundschaft bedanken und ihm erklären, dass sie mit einer Freundin verabredet war. Arabella wohnte nämlich inzwischen hier in Rom und hatte vorgeschlagen, sich mal zu treffen.

Eigentlich …

Lydia griff nach ihrem Handy und tippte rasch eine Nachricht ein.

Hi Arabella,

bin mir nicht sicher, ob du meine Nachricht bekommen hast. Bin jetzt in Rom und habe heute Abend Zeit für ein Treffen, falls du Lust hast.

Lydia

So, und jetzt musste sie zum Frühstück.

Lydia verließ ihre Suite und fuhr mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss. Als sie die luxuriöse Empfangshalle durchquerte, blieb ihr Blick an ihrem Spiegelbild hängen. Die Benimmkurse waren anscheinend doch für etwas gut gewesen – sie sah aus wie die Gelassenheit in Person und hatte den Kopf hoch erhoben.

Obwohl sie am liebsten davonlaufen würde.

„No, grazie.“

Raul Di Savo lehnte einen zweiten Espresso ab und las sich weiter den Geschäftsbericht des Hotels Grande Lucia durch, in dem er gerade sein erstes Frühstück verzehrt hatte. Sein Anwalt hatte umfangreiche Informationen zusammengetragen, die Raul jedoch erst heute Morgen erhalten hatte. In zwei Stunden würde er sich mit Sultan Alim treffen, also gab es noch eine Menge vorzubereiten.

Das Grande Lucia war in der Tat ein fürstliches Hotel. Raul hob für einen Moment den Blick von seinem Computerbildschirm, um den eleganten Speisesaal zu betrachten. Das Klirren von Besteck und Stimmengemurmel erfüllten den Raum, doch trotz der Eleganz war die Atmosphäre locker genug, um sich zu entspannen. Das Hotel verströmte den Charme der Alten Welt und legte Zeugnis von Roms ereignisreicher Geschichte und Schönheit ab.

Raul hatte schon länger mit der Idee gespielt, es seinem Portfolio hinzuzufügen, und hatte die letzte Nacht daher als Sultan Alims Gast in der Präsidentensuite verbracht. Bisher war er tief beeindruckt. Das Hotel war optisch ein Juwel, und das Personal war sowohl aufmerksam als auch diskret. Außerdem war es ausgebucht – es schien sowohl Geschäftsreisende als auch vermögende Touristen anzulocken.

Rauls Entschluss, dieses historische Baudenkmal von einem Hotel zu kaufen, nahm allmählich feste Formen an.

Doch das bedeutete, dass er Bastiano ausstechen musste.

Nach fünfzehn Jahren war ihre Rivalität immer noch ungebrochen. Ihr gegenseitiger Hass war eine stumme, aber beständige Triebfeder – ein schwarzes Band, das sie für immer aneinanderfesselte.

Raul nahm an, dass Bastiano heute ebenfalls eintreffen würde. Bastiano war ein guter Freund Sultan Alims, was Raul anfangs etwas skeptisch gemacht hatte. Doch Alim war ein brillanter Geschäftsmann und würde seine geschäftlichen Entscheidungen nicht von seinem Privatleben beeinflussen lassen, davon war Raul fest überzeugt.

Raul freute sich schon auf Bastianos Gesicht bei seinem Anblick! Denn obwohl sie sich in denselben Kreisen bewegten, liefen sie einander nur selten über den Weg. Raul hatte seinen Schwur wahrgemacht und war nach der Beerdigung seiner Mutter nie wieder nach Casta zurückgekehrt, noch nicht mal zur Beerdigung seines Vaters. Wozu diesem Schweinehund noch seinen Respekt erweisen?

Bastiano hingegen war in Casta geblieben und hatte das alte Kloster in ein Luxushotel für die oberen Zehntausend verwandelt. In Wirklichkeit verbarg sich dahinter jedoch eine extrem exklusive Entzugsklinik.

Rauls Mutter würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie das wüsste!

Das missbilligende Grunzen des gesetzten Herrn mittleren Alters am Nebentisch riss ihn aus seinen finsteren Gedanken. „Muss man hier erst mit jemandem ins Bett gehen, um bedient zu werden?“, murmelte der Mann in makellosem Englisch.

Raul musste innerlich grinsen, als er beobachtete, wie der Kellner den aufgeblasenen Engländer weiter ignorierte. Anscheinend hatte er die Nase gestrichen voll von ihm. Der Mann beschwerte sich nämlich, seitdem man ihn an seinen Tisch gebracht hatte, obwohl er absolut keinen Grund hatte.

Raul konnte das beurteilen, denn er war selbst sehr kritisch, was den Service in Hotels anging. Er verbrachte viel Zeit in Hotels, und zwar meist in seinen eigenen, und kannte sich wirklich gut aus. Seiner Meinung nach gab es im Umgang mit dem Personal bestimmte Regeln, an die dieser Mann sich trotz seines gepflegten britischen Akzents nicht hielt. Er schien zum Beispiel davon auszugehen, dass in Rom niemand Englisch sprach und dass seine Schimpftiraden daher unbemerkt bleiben würden.

Da irrte er sich gewaltig!

Raul zeigte mit einem Zeige- und Mittelfinger auf die kleine Porzellantasse auf seinem Tisch. Eine ganz diskrete, für das ungeübte Auge kaum wahrnehmbare Geste, die dem aufmerksamen Kellner jedoch reichte, um zu wissen, dass Raul seine Meinung geändert hatte und nun doch einen zweiten Espresso wollte.

Raul wusste genau, wie sehr diese Vorzugsbehandlung den Mann zu seiner Rechten aufregen würde. Es bereitete ihm daher große Genugtuung, als er seinen Kaffee serviert bekam und ein empörtes Schnaufen neben sich hörte. Recht so!

Oh ja, er wollte dieses Hotel.

Nach nochmaliger Durchsicht der Zahlen beschloss Raul, ein paar Anrufe zu tätigen, um herauszufinden, warum der Sultan ein so renommiertes Hotel verkaufen wollte. Bisher war er auf keinen plausiblen Grund gestoßen. Die Ausgaben waren zwar hoch, aber das Hotel warf trotzdem Gewinn ab. Die Crème de la Crème übernachtete und feierte im Grande Lucia.

Als er gerade aufstehen wollte, um seine Suite aufzusuchen, betrat eine Frau den Saal.

Für Raul war der Anblick schöner junger Frauen nichts Besonderes, und im Saal war genug los, um sie zu übersehen, aber sie hatte irgendetwas an sich, das sofort seine Aufmerksamkeit fesselte.

Sie war groß und schlank und trug ein taupefarbenes Kleid. Ihr langes blondes Haar fiel ihr in sanften Wellen über die Schultern. Raul beobachtete interessiert, wie sie ein paar Worte mit dem Ober wechselte und dann in seine Richtung ging.

Er konnte den Blick gar nicht wieder von ihr losreißen, als sie sich elegant und anmutig den Weg zwischen den Tischen hindurchbahnte. Sie hatte eine gute Haltung und sehr helle makellose Haut. Schade, dass sie zu weit weg war, um ihre Augenfarbe zu erkennen.

Als sie eine Hand hob und dem Mann am Nebentisch zuwinkte, verspürte er einen Stich der Enttäuschung – ein Gefühl, das ihm eigentlich völlig fremd war, was Frauen anging. Dann gehört sie also zu ihm, dachte er. Sie frühstückte mit dem schrecklichen Briten.

Schade auch.

Als die blonde Schönheit an seinem Tisch vorbeikam, fiel ihm die durchgehende Knopfleiste ihres Kleides ins Auge. Abrupt richtete er den Blick wieder auf seinen Computerbildschirm, weil er sich dabei ertappte, jeden einzelnen dieser Knöpfe der Reihe nach aufzumachen. Seltsam! Frauen, die vergeben waren, interessierten ihn eigentlich grundsätzlich nicht.

Er verabscheute Ehebrecher und Betrüger.

Es gelang ihm, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, bis ihm plötzlich der frische, verführerische Duft der jungen Frau in die Nase stieg.

„Guten Morgen“, hörte er sie sagen. Im Gegensatz zu der Stimme ihres Gefährten klang ihre sehr angenehm.

„Hmpf.“

Der Engländer reagierte kaum auf ihren Gruß. Manche Menschen wussten die guten Dinge des Lebens anscheinend nicht zu schätzen. Und diese Frau hier gehörte mit Sicherheit zu den besseren.

Das schien auch der Kellner zu wissen, denn er war sofort an ihrer Seite und überschüttete sie förmlich mit Aufmerksamkeit. Er lobte sogar ihr schlechtes Schuldmädchenitalienisch, als sie sich einen Tee bestellte und ein unbeholfenes „per favor“ hinzufügte. Auf ein so schlechtes Italienisch würde jeder Kellner normalerweise arrogant auf Englisch antworten, doch er nickte nur freundlich. „Prego.“

„Ich nehme noch einen Kaffee“, sagte der Mann und fügte an seine Gefährtin gewandt hinzu: „Der Service hier ist einfach schrecklich. Seit meiner Ankunft habe ich nichts als Ärger mit dem Personal.“

„Also, ich finde den Service hier ausgezeichnet“, erwiderte sie kühl. „Bitte und Danke wirken manchmal Wunder. Du solltest es mal ausprobieren, Maurice.“

„Was hast du heute noch so vor?“, erkundigte er sich kühl.

„Ich will mir ein bisschen die Stadt ansehen.“

„Du solltest dir lieber ein neues Kleid kaufen. Vielleicht eins, das weniger blass ist“, fügte Maurice hinzu. „Ich habe den Concierge gefragt, und er hat mir einen Schönheitssalon in der Nähe des Hotels empfohlen. In einer Stunde hast du einen Termin.“

„Wie bitte?“

Raul war drauf und dran, seinen Laptop zuzuklappen und zu gehen. Sein Interesse war sowieso erloschen, seitdem er wusste, dass die junge Frau nicht solo war.

Na ja, es war zumindest fast erloschen.

Doch dann sprach der Mann weiter: „Wir treffen uns um sechs mit Bastiano. Dann willst du doch wohl möglichst vorteilhaft aussehen.“

Raul erstarrte, als er den Namen seines Erzfeindes hörte, und spitzte unauffällig die Ohren.

Du triffst dich mit ihm“, widersprach die blonde Schöne. „Ich verstehe nicht, warum ich mitkommen soll, wenn ihr doch sowieso nur über Geschäftliches redet.“

„Du wirst pünktlich um sechs da sein, Ende der Diskussion!“

Raul trank seinen Espresso aus, blieb jedoch sitzen. Er wollte wissen, was die beiden mit Bastiano zu tun hatten – jedes Insiderwissen über den Mann, den er so verabscheute, war Gold wert.

„Das geht leider nicht“, protestierte sie. „Ich treffe mich heute Abend mit einer Freundin.“

„Ich bitte dich!“ Der andere Mann schnaubte verächtlich. „Wir wissen doch beide, dass du keine Freunde hast.“

Was für eine schreckliche Bemerkung! Raul vergaß, so zu tun, als höre er nicht zu, und wandte den beiden das Gesicht zu. Die meisten Frauen, die Raul kannte, würden jetzt empört widersprechen, doch sie lächelte nur dünn und zuckte die Achseln.

„Dann eben eine Bekannte. So oder so bin ich verabredet.“

„Lydia, du wirst das tun, was du für deine Familie tun musst.“

Dann hieß sie also Lydia.

Als sie sich zu Raul umdrehte – vielleicht, weil sie spürte, dass er ihnen zuhörte – und seinen Blick erwiderte, stellte er fest, dass ihre Augen porzellanblau waren. Was die Frage beantwortete, welche Augenfarbe sie hatte. Doch Raul hatte plötzlich noch viel mehr Fragen.

Sie wandte den Blick wieder ab und schwieg, während der Kellner die Getränke servierte.

Raul blieb immer noch sitzen. Er wollte mehr erfahren.

In der Zwischenzeit hatte eine Familie mit kleinen Kindern das Restaurant betreten und wurde an einen Nachbartisch geführt. Ihre Stimmen waren so laut, dass sie die Unterhaltung am Nebentisch fast übertönten.

„… irgendein altes Kloster …“, hörte Raul Lydia sagen.

Abrupt stellte er seine leere Tasse auf die Untertasse, als ihm bewusst wurde, dass sie gerade über das Tal sprachen. Casta.

„Tja, er kennt sich eben mit alten Gebäuden aus“, erwiderte Maurice. „Anscheinend ist sein Hotel ein Riesenerfolg.“

Das Baby nebenan wurde in einen antiken Hochstuhl gesetzt und begann zu weinen. Ungeduldig runzelte Raul die Stirn, als ein älteres Geschwisterkind lautstark einen Kakao verlangte.

„Scusi …“ Er winkte den Kellner zu sich heran und brachte diskret sein Missfallen zum Ausdruck.

Sein Missfallen fiel nicht nur dem Kellner auf, sondern auch Lydia.

Ehrlich gesagt hatte der dunkelhaarige Fremde schon ihre Aufmerksamkeit erregt, als der Ober ihr den Tisch ihres Stiefvaters Maurice gezeigt hatte. Was für ein schöner Mann! Sie hatte den Blick gar nicht von ihm losreißen können, als sie den Speisesaal durchquert hatte.

Wie konnte man um acht Uhr morgens schon so gut aussehen?

Beim Näherkommen war ihr aufgefallen, dass sein glänzendes schwarzes Haar noch feucht war. Er musste ungefähr zur selben Zeit geduscht haben wie sie.

Eine schräge Vorstellung, die sich schnell in eine erotische Fantasie verwandelte. Hastig hatte sie den Blick abgewandt, als sie bemerkte, dass er sie beobachtete.

Etwas später wurde auf Geheiß des schönen Fremden eine Familie mit Kindern zu einem anderen Tisch versetzt, nur weil er sie zu laut gefunden hatte. Nett schien dieser Mann also nicht zu sein!

Doch auf seltsame Weise schien seine Gegenwart Lydia Kraft zu geben, obwohl sie sich über ihn ärgerte.

„Keine Diskussion!“, beharrte Maurice gerade. „Bastiano fliegt extra für unser Treffen nach Rom. Außerdem zahlt er für unseren Aufenthalt hier im Hotel! Du musst dich heute Abend persönlich bei ihm bedanken.“

„Na gut. Ich werde kurz dazukommen. Aber nur für einen Drink!“, sagte Lydia und stand auf. „Ich tue schon seit Jahren alles für die Familie! Ich glaube, es wird Zeit, dass ich endlich mal was für mich mache!“ Hocherhobenen Hauptes verließ sie das Restaurant, doch trotz ihrer beherrschten Fassade war sie innerlich aufgewühlt. Ihre geheimen Befürchtungen hatten sich bestätigt.

Das hier war tatsächlich kein Urlaub.

Es ging auch nicht nur um einen Drink.

Sie wurde feilgeboten, daran bestand kein Zweifel mehr.

„Scusi …“

Jemand hielt sie an einem Ellenbogen fest. Als Lydia sich umdrehte, bekam sie fast einen Herzinfarkt, denn es handelte sich um den Mann vom Nachbartisch.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie scharf.

„Ihr Aufbruch war so plötzlich.“

„Mir war nicht bewusst, dass ich Ihre Erlaubnis brauche, um den Raum zu verlassen.“

„Natürlich nicht.“

Er hatte eine tiefe Stimme mit einem starken Akzent, obwohl sein Englisch ausgezeichnet war. Sie ging Lydia durch und durch …

Tief einatmend blickte sie zu ihrem Gegenüber empor. Eigentlich war Lydia sehr groß, doch in ihren flachen Sandalen war sie fast einen halben Kopf kleiner als dieser Fremde. Was ihr das Gefühl gab, im Nachteil zu sein.

„Ich wollte mich nur vergewissern, dass mit Ihnen alles in Ordnung ist“, bemerkte der Fremde.

„Warum sollte etwas nicht in Ordnung sein?“

„Ich habe ein wenig von Ihrem Gespräch mit angehört.“

„Belauschen Sie andere Leute immer bei ihren Privatgesprächen?“

„Wenn sich die Gelegenheit ergibt?“ Er zuckte die Achseln. „Normalerweise würde ich mich zwar nie einmischen, aber Sie wirkten ziemlich aufgewühlt.“

„Das bezweifle ich aber sehr!“

Lydia wusste genau, dass sie es meisterhaft beherrschte, ihre Emotionen zu verbergen. Doch anstatt den Mann einfach stehen zu lassen, setzte sie noch eins drauf: „Sie hätten sich mal lieber um das Kleinkind vom Nachbartisch kümmern sollen, denn das hatte es nötiger. Aber ihm sind Sie nicht durch den ganzen Speisesaal gefolgt.“

„Ich stehe beim Frühstück eben nicht auf Trotzanfälle“, antwortete er. „Ich habe beschlossen, woanders hinzugehen. Wollen Sie mich begleiten?“

Er war aufdringlich und er log, denn sie hatte gesehen, dass der Kellner seinen Teller abgeräumt hatte, und wusste daher, dass er schon gefrühstückt hatte.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein danke.“

„Aber Sie haben noch nichts gegessen.“

„Das geht Sie nichts an“, erwiderte Lydia kühl.

Doch Bastiano ging Raul sehr wohl etwas an!

Seit Jahren schon versuchte Raul, sich an seinem Feind zu rächen, doch an Bastiano prallte alles ab. Finanziell ging es ihm besser als je zuvor. Irgendetwas musste passieren, und jetzt schien sich endlich eine passende Gelegenheit zu bieten – in Form einer englischen Rose.

Raul war kein Idiot. Er hatte nicht viel vom Gespräch am Nebentisch mitzubekommen brauchen, um zu wissen, was los war. Bastiano wollte sich heute Abend mit Lydia treffen, und sie wollte nicht.

Das genügte Raul, auch wenn Lydia jetzt so tat, als wisse sie nicht, wovon er sprach. Es fiel ihm nämlich nicht schwer, Frauen zu durchschauen.

Deshalb wusste er auch noch etwas anderes: dass sie auf ihn stand.

Genauso wie er auf sie.

„Kommen Sie mit“, bat er und fügte ein „per favore“ hinzu, als ihm einfiel, dass sie Wert auf gute Manieren legte.

Lydia wurde plötzlich bewusst, dass dieser Mann sich jedes ihrer Worte im Speisesaal gemerkt hatte. Was für ein aufdringlicher Typ! Aber irgendwie schmeichelte ihr seine Aufmerksamkeit. Ihre Atemzüge hatten sich beschleunigt, und ihr Arm kribbelte immer noch von seiner Berührung. Sie war in Versuchung, Ja zu sagen – die Einladung dieses dunkelhaarigen Fremden anzunehmen und sich einfach seiner Führung zu überlassen.

Doch das wäre mehr als nur leichtsinnig, und Lydia war alles andere als das.

Er strahlte irgendetwas aus, das sie nicht genau definieren konnte, doch sie spürte es in jeder Zelle ihres Körpers. Dieser Mann war gefährlich, so kultiviert er auch auf den ersten Blick wirkte. Sie spürte die Rastlosigkeit hinter der ruhigen Fassade, irgendetwas Ungezähmtes. Sogar sein subtiler und zugleich betörender Duft hatte etwas Bedrohliches.

Jedenfalls beschleunigte sich in seiner Gegenwart ihr Herzschlag, und so etwas war ihr noch nie passiert. Er beeindruckte sie. So tief, dass sie am liebsten jegliche Vorsicht über Bord geworfen hätte, um mit ihm frühstücken zu gehen.

Aber bisher kannte sie noch nicht mal seinen Namen.

„Laden Sie immer Wildfremde zum Frühstück ein?“, fragte sie spitz.

„Nein.“ Seine tiefe Stimme wurde plötzlich samtweich. „Aber für Sie mache ich gern eine Ausnahme.“

2. KAPITEL

Lydia hatte ein unwirkliches Gefühl, als sie mit dem Fremden an ihrer Seite das Hotel verließ.

Es ist nur ein Frühstück, schärfte sie sich ein, als er sie fürsorglich über die verkehrsreiche Straße führte.

Und trotzdem kam es ihr wie ein Date vor.

Ihr erstes Date.

Irgendwie schräg, wenn man bedachte, dass die Sonne hoch am Himmel stand und der morgendliche Berufsverkehr um sie herumbrauste.

Das Restaurant, in das er sie führte, hatte einen abgesperrten Bereich, in dem sämtliche Tische reserviert waren, doch der Ober löste das Seil und ließ sie hindurch, als seien sie geladene Gäste.

„Haben Sie einen Tisch reserviert?“, fragte Lydia verwirrt, als sie Platz nahmen.

„Nein.“

„Dann …“ Lydia verstummte, denn sie verstand plötzlich, was passiert war – die guten Plätze wurden für Menschen wie ihn freigehalten. Er verströmte jene selbstsichere Aura eines Menschen, der mit völliger Selbstverständlichkeit stets das Beste verlangt.

Kaffee und Mineralwasser wurden serviert. Man reichte ihnen schwere Speisekarten, doch als der Kellner begann, die Gerichte aufzuzählen, bedeutete ihm der Unbekannte zu gehen. Und Lydia war ihm dankbar dafür, weil sie wirklich unbedingt allein mit diesem Mann sein wollte.

Obwohl er ein Wildfremder war …

„Ich weiß noch nicht mal, wie Sie heißen“, sagte sie.

„Raul“, antwortete er mit rollendem R.

Sie wiederholte seinen Namen. „Raul…“ Das R ging ihr nicht leicht über die Lippen. Sie wartete darauf, dass der Mann seinen Nachnamen hinzufügte, doch nichts passierte. „Ich bin Lydia.“

„Ich weiß.“ Raul senkte den Blick zur Speisekarte. Er verschwendete seine Zeit grundsätzlich nicht mit Smalltalk, es sei denn, ihm stand gerade der Sinn danach. „Was wollen Sie essen?“

Lydia fragte sich, warum sie noch immer keinen Hunger hatte. Sie hatte zuletzt gestern im Flugzeug gegessen, danach war sie zu nervös gewesen, um etwas zu sich zu nehmen. Jetzt war sie zwar immer noch nervös, aber irgendwie auf eine angenehme Art. „Ich hätte gern …“ Unschlüssig blickte sie in die Karte. Sie sollte wirklich etwas essen. Schließlich war sie nur deshalb hier. Obwohl mir der Sinn gerade nach etwas ganz anderem steht, dachte sie errötend.

„Das ist ja alles auf Italienisch“, platzte sie heraus und hätte sich im selben Augenblick am liebsten geohrfeigt, so dumm und ignorant war ihre Bemerkung.

Doch Raul wies sie weder zurecht noch machte er sie darauf aufmerksam, dass sie in Italien waren. Er wartete geduldig, bis Lydia über etwas stolperte, das ihr bekannt vorkam.

„Tiramisu zum Frühstück?“, fragte sie stirnrunzelnd.

„Klingt gut.“

Anscheinend hatte Raul ihre Frage nicht als solche aufgefasst, aber er hatte völlig recht – Tiramisu klang gut.

Der Kellner machte ihnen ein Kompliment zu ihrer Wahl, und als Lydia kurz darauf das Dessert probierte, explodierte eine wahre Offenbarung auf ihrer Zunge. „Mmh …“ Das Tiramisu war leicht und nicht zu süß und der Likör sündhaft gut. Sie freute sich über ihre Zufallsentscheidung.

„Schmeckts?“, fragte Raul, der beobachtete, wie sie den ersten Bissen runterschluckte.

Sie nickte. „Sehr sogar.“ Da er den Blick zu ihrem Mund senkte, fragte Lydia sich, ob sie vielleicht einen Krümel auf der Unterlippe hatte, widerstand jedoch dem Impuls, sie abzulecken. Irgendwann wurde der Druck jedoch so groß, dass sie die Lippe stattdessen einsaugte.

Nein, kein Krümel.

Rauls Blick wurde so impertinent, dass sie irritiert die Stirn runzelte. Denkst du etwa gerade, wonach es aussieht? Natürlich sagte sie nichts dergleichen, und sein Gesicht blieb völlig ausdruckslos. Nur seine schwarzen Augen sprachen Bände.

Ja, Lydia, das tue ich.

Hätte sie ihre Handtasche dabeigehabt, hätte sie jetzt um die Rechnung gebeten und fluchtartig das Lokal verlassen. Der Kerl trieb sie in den Wahnsinn. Verstohlen sah sie sich um, ob sie schon unangenehm auffielen.

Doch die Kellner waren beschäftigt, die Gäste kamen und gingen, und die Welt ging einfach weiter, ohne dass jemandem auffiel, dass im VIP-Bereich gerade die Luft brannte.

Oder zumindest nahm sie das so wahr. Raul wirkte nämlich völlig ungerührt.

„Wie gefällt es Ihnen in Rom?“, fragte er höflich.

Lydias erster Impuls war, mit einer nichtssagenden Plattitüde zu antworten, doch stattdessen legte sie ihren Löffel zur Seite und sagte die Wahrheit. „Ich bin fest entschlossen, mich diesmal wirklich in Rom zu verlieben.“

„Okay …?“, fragte Raul gedehnt. Betont entspannt lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, während er innerlich nach einem passenden Aufhänger suchte, um unauffällig auf Bastiano zu sprechen zu kommen.

Lydia kam ihm unglaublich steif und verkrampft vor. Eine falsche Bewegung, und sie würde ihm die Serviette ins Gesicht schleudern und zurück zum Hotel stolzieren.

Trotzdem fand er sie unglaublich sexy.

Offensichtlich gehörte sie zu den Frauen, bei denen man sich mächtig ins Zeug legen musste, denn sie flirtete kein bisschen. Weder spielte sie mit ihrem Haar noch beugte sie sich verführerisch lächelnd vor oder machte versteckte Andeutungen. Sie saß so stocksteif auf ihrem Stuhl wie bei einem unangenehmen geschäftlichen Meeting.

Und trotzdem törnte sie ihn total an.

Raul schärfte sich ein, dass er nur hier war, um an Informationen zu kommen. Also riss er sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch. Oder versuchte es zumindest. „Wie lange bleiben Sie hier?“

„Bis Sonntag, also zwei Tage noch. Und Sie?“

„Solange wie nötig. Ich bin geschäftlich hier.“ Eigentlich hatte er schon heute Abend abreisen wollen. Zu Hause warteten Termine auf ihn. Doch vorher würde er sich noch mit Alim treffen und dann unerwartet bei einem Hotel in Rom reinschneien, das ihm gehörte.

Doch Bastiano hatte natürlich Vorrang. „Sie waren schon mal in Rom?“

„Ja, auf Klassenreise in Italien. Es war schrecklich. Ich fürchte, meine damalige Stimmung hat meine Sicht auf die Stadt getrübt.“

„Was haben Sie sich alles angesehen?“

„Rom, Florenz und Venedig.“

„Und welche Stadt gefiel Ihnen am besten?“

Lydia dachte kurz nach. „Venedig.“

„Und am wenigsten?“

Oh, das war leicht zu beantworten. Lydia brauchte nicht lange darüber nachzudenken, auch wenn er ihre Antwort vermutlich nicht nachvollziehen konnte. „Venedig.“

Raul verstand sie jedoch sehr gut. So gut, dass er schon wieder vergaß, das Gespräch in eine bestimmte Richtung zu lenken. Obwohl er eigentlich nur wegen Bastiano hier saß, fiel es ihm schwer, bei der Sache zu bleiben. Stattdessen dachte er an Venedig – die Stadt, die er liebte und die inzwischen sein Zuhause war.

Nicht dass er das Lydia anvertrauen würde.

Er gab grundsätzlich nichts Persönliches preis.

Oder doch?

Er ertappte sich bei einem Lächeln – einem aufrichtigen Lächeln sogar, was bei ihm nur sehr selten vorkam.

Lydia war für einen Moment wie verzaubert, doch Rauls wahre Schönheit lag in seinen Augen, mit denen er sie so intensiv ansah, als wolle er ihr auf den Grund ihrer Seele sehen.

Und sie ließ es zu. Freiwillig.

„Venedig kann der einsamste Ort der Welt sein“, bestätigte Raul.

„Für mich damals schon“, gestand Lydia.

Plötzlich fühlte sie sich wieder wie damals mit siebzehn, als sie allein am Canal Grande entlanggegangen war und vergeblich darauf gewartet hatte, sich in die Stadt zu verlieben.

Oder sich überhaupt zu verlieben.

Natürlich hoffte jedes Schuldmädchen auf einer Italienreise auf eine kleine Romanze. Doch an jenem schrecklichen Tag wäre sie schon mit einer guten Freundin zufrieden gewesen. Ja, sie war damals sehr einsam gewesen, und seitdem schien sich nichts an diesem Zustand geändert zu haben.

Rauls tiefe, männliche Stimme brachte sie mit einem Ruck in die Gegenwart zurück: „Aber man verzeiht ihr, weil man einfach nicht anders kann.“

„Ihr?“, wiederholte Olivia verständnislos, in Gedanken noch bei gescheiterten Freundschaften.

„Ja, Venedig.“

„Ich war nicht lange genug dort, um der Stadt zu verzeihen.“

„Was genau ist damals passiert?“

„Ach, ich war einfach nur ein melancholischer Teenager …“

Lydia hätte es bei dieser vagen Antwort bewenden lassen können, aber der Grund für ihre Einsamkeit hatte ganz woanders gelegen. Doch es ging ihr zu weit, diesem Fremden hier zu erzählen, dass ihr Vater damals gerade gestorben war und ein schreckliches Chaos hinterlassen hatte. „Schulmädchen können manchmal richtige Zicken sein“, fügte sie nur leise hinzu.

„Ich fürchte, Zickigkeit beschränkt sich nicht nur auf eine bestimmte Altersklasse.“

„Nein!“ Lydia musste lachen. Jene Schulmädchen waren inzwischen Frauen und hatten sich vermutlich nicht verändert.

Sie warf einen Blick auf ihr stummes Handy. Arabella hatte immer noch nicht auf ihre SMS reagiert. Genauso wenig auf Lydias Nachricht davor. Plötzlich kam sie sich wieder so ausgeschlossen und unbeliebt vor wie damals auf der Klassenfahrt.

„Was ist in Venedig passiert?“ Raul fragte das nicht nur aus Berechnung. Er wollte es tatsächlich wissen.

„Wir sind nach Murano gefahren … zu einer Glasfabrik.“ Lydia schüttelte den Kopf, weil es ihr schwerfiel, darüber zu reden. Sie kam sich vor wie eine Verräterin. Über Geld sprach man nicht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit.

„Und?“, hakte Raul sanft nach.

Lydia gab sich einen Ruck und beschloss, die Karten offen auf den Tisch zu legen. Sie würde diesen Mann hier sowieso nie wiedersehen. Trotzdem zögerte sie eine Weile mit den nächsten Worten. „Mein Vater war ein Jahr zuvor gestorben.“

Raul verzichtete darauf, ihr sein Beileid auszudrücken, was sie irgendwie erleichterte. Alle anderen hatten damals voller Mitleid reagiert. Wenn ich irgendetwas für euch tun kann … Mit solchen Angeboten hatte man auf der Beerdigung um sich geworfen wie mit schwarzem Konfetti, doch als es dann so weit war, hatte ihnen kein Mensch geholfen. Sämtliche potenziellen Helfer hatten sich buchstäblich in Luft aufgelöst, als publik geworden war, dass Lydias Familie kein Geld mehr hatte.

„Ich erzählte meiner besten Freundin Arabella von den finanziellen Schwierigkeiten meiner Mutter.“ Lydia begann zu schwitzen. Am liebsten hätte sie den Kellner gerufen, damit er den Sonnenschirm umstellte, aber vermutlich würde das nichts nützen. Sie schwitzte nicht wegen der Wärme, sondern weil die Erinnerungen so unangenehm waren.

„Ich erzählte Arabella, dass wir vielleicht das Schloss verlieren, das seit Generationen im Besitz der Familie meiner Mutter ist. Ich hätte nie damit gerechnet, dass wir pleite sind. Das erfuhr ich nämlich erst nach dem Tod meines Vaters.“

Raul sagte nichts dazu. Er ließ Lydia einfach weiterreden.

„Er hat sich das Leben genommen.“ Bisher hatte sie diese Worte noch nie laut ausgesprochen. Das Thema war tabu gewesen.

„Es tut mir leid, dass Sie damals so etwas durchmachen mussten.“

Lydia nahm Raul sein Mitgefühl sogar ab. Sie nickte tapfer.

„Die Situation war wirklich schlimm. Meine Mutter musste unsere Möbel verkaufen, um meine Schulgebühren zu zahlen. Die Reise nach Italien konnte ich mir nur leisten, weil ich noch etwas Geld gespart hatte. Natürlich hatte ich nicht annähernd das zur Verfügung, was meine Freundinnen hatten. Sie plünderten die Boutiquen, und Arabella fragte mich die ganze Zeit, warum ich nichts kaufe. Irgendwann vertraute ich ihr meine Situation an und bat sie, nichts weiterzuerzählen.“

Raul lachte humorlos. Anscheinend wusste er genau, wie die Geschichte weiterging.

Schweigend sahen sie einander an. Erst in diesem Augenblick begegneten sie einander wirklich. Nicht an diesem Frühstückstisch in Rom, sondern in einer kalten, einsamen und weit entfernten Welt. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlte Lydia sich nicht mehr allein.

„Nach der Führung kauften alle bei den Glasbläsern ein. Ich hielt mich natürlich zurück. Es gab aber einen Tisch mit beschädigten Artikeln, und Belinda, eine andere Freundin, hielt ein dreibeiniges Pferd hoch und schlug mir vor, es zu kaufen, weil ich mir sicher nichts anders leisten könnte. Da war mir klar, dass Arabella es allen erzählt hatte.“

Sie spürte den Stich des Verrats immer noch. Während die anderen gelacht hatten, hatte sie sich zu ihrer vermeintlich besten Freundin umgedreht, doch Arabella war noch nicht mal rot geworden. Sie hatte nicht mit der Wimper gezuckt.

„Also sind Sie gegangen?“, riet Raul.

„Leider nein!“ Lydia schüttelte seufzend den Kopf. „Ich habe von meinem aufgesparten Geburtstagsgeld eine Vase gekauft, die ich mir gar nicht leisten konnte.“ Für diese Reaktion hatte sie sich am meisten gehasst. „Total oberflächlich, oder? Wie dem auch sei, ich habe die anderen nach der Reise nie mehr wiedergesehen.“

„Sie mussten die Schule verlassen?“

„Ja. Ich machte meinen Abschluss an einer staatlichen Schule. Das war vernünftiger … wenn auch die reinste Hölle.“ Sie war nicht nur im Abschlussjahr die Neue gewesen, sondern war ganz anders gewesen als die anderen – von ihrem Dialekt bis hin zu ihrer Handschrift. Sie war von Anfang an Außenseiterin gewesen.

Raul konnte gut nachvollziehen, wie schrecklich das gewesen sein musste.

Zumindest wusste er, wie seine Klassenkameraden sich verhalten hätten, wenn eine italienische Version von Lydia auf seinem alten Schulhof aufgetaucht wäre. Sie musste Schlimmes durchgemacht haben.

„Ich war für die anderen Schüler natürlich eine Witzfigur.“

Sanft drückte er ihr eine Hand – eine so ganz andere Reaktion als sie sonst von anderen Menschen gewohnt war.

„Sie waren den anderen bestimmt zu fein, oder?“, fragte er.

Lydia nickte. Sie versuchte zu lächeln, doch plötzlich war ihr zum Weinen zumute. Dabei weinte sie sonst nicht, niemals. Sie hatte noch nicht mal nach dem Tod ihres Vaters Tränen vergossen. Warum also jetzt damit anfangen? Sie entzog Raul ihre Hand. Genug der Innenschau … und des Rückblicks. Es tat einfach zu weh. Nicht zu fassen, wie viel sie ihm anvertraut hatte.

„Raul, warum bin ich eigentlich hier?“

Er zuckte die Achseln. „Maurice war mir im Weg.“

Lydia musste zu ihrer Überraschung lachen. Es war schön, mit Raul zusammen zu sein. Irgendwie befreiend. Sie hatte einem anderen Menschen einen Teil der Wahrheit erzählt, und er war geblieben. „Maurice ist mein Stiefvater“, erklärte sie.

„Freut mich zu hören“, antwortete Raul. Da Lydia auch auf diesen sanften Flirtversuch nicht reagierte, schlug er einen sachlicheren Tonfall an. Lydia zu verführen konnte warten – jetzt brauchte er erst mal Informationen. „Maurice will, dass Sie heute zu einem Treffen kommen?“

Sie nickte. „Er hat einen wichtigen Termin mit einem potenziellen Investor und will, dass ich dabei bin.“

„Warum?“

Abwehrend schüttelte sie den Kopf. Das würde sie ihm ganz bestimmt nicht verraten! „Ich kann vielleicht gar nicht hingehen“, antwortete sie ausweichend. „Ich treffe mich wahrscheinlich mit einer Freundin …“ Sie stockte, als ihr bewusst wurde, was sie ihm gerade erzählt hatte. „Oder vielmehr einer Bekannten.“

„Mit wem?“

„Mit … Arabella.“ Es war ihr peinlich, das zuzugeben, nach allem, was sie ihm anvertraut hatte. „Sie arbeitet inzwischen in Rom.“

„Ich dachte, Sie beide hätten sich entzweit.“

„Das ist alles schon eine Ewigkeit her.“ Ihr war sehr unbehaglich zumute. Arabella und sie hatten sich nämlich nie wirklich entzweit. Stattdessen hatten sie nie wieder ein Wort über den Vorfall verloren.

Um das Thema zu wechseln, kehrte sie zu Rauls Ausgangsfrage zurück – warum Maurice wollte, dass sie heute Abend mitkam. „Das Schloss meiner Familie ist inzwischen ein beliebter Ort für Hochzeiten.“

„Arbeiten Sie dort auch?“

Lydia nickte.

„Und was machen Sie genau?“

„Ich nehme die Buchungen an und organisiere das Catering.“ Sie lächelte verkrampft. Diese Tätigkeit war nicht gerade ihr Traumjob.

„Dann wohnen Sie also noch zu Hause?“

„Ja.“ Sie verschwieg ihm, dass sie keine andere Wahl hatte. Das Geschäft lief so schlecht, dass sie sich kaum Angestellte leisten konnten, und ihr Gehalt war nicht der Rede wert. „Bastiano – der Mann, den wir heute Abend treffen wollen – ist sehr geschickt bei der Rettung historischer Gebäude. Meine Mutter und Maurice hoffen, dass er das Schloss übernimmt, aber er müsste natürlich zunächst eine Menge Geld reinstecken …“

„Schlösser sind ein Fass ohne Boden“, sagte Raul. „Sie fressen ständig Geld.“ Es fuchste ihn immer noch, dass es Bastiano gelungen war, das Kloster in ein erfolgreiches Sanatorium zu verwandeln. Es war ihm schleierhaft, wie er das geschafft hatte.

„Richtig“, stimmte Lydia zu. „Aber mehr noch als sein Geld brauchen wir seine Expertise.“ Sie führte Rauls schmal werdende Augen zu Unrecht auf Verwirrung zurück. „Viele andere solcher Geschäftsideen scheitern, aber Bastiano scheint es irgendwie immer hinzukriegen.“

„Warum sollte sich dieser erfolgreiche Geschäftsmann ausgerechnet für Ihr Schloss interessieren?“

Lydia verkrampfte sich. Seine Frage kränkte sie irgendwie. Schließlich war das Schloss ein herrschaftliches Anwesen. „Ich kann mir gut vorstellen, dass Bastiano sein Potenzial erkennt.“

„Und er will Sie heute dabeihaben, damit er sich Ihre Zukunftsvisionen anhören kann?“

Lydia schüttelte den Kopf. In Wirklichkeit war sie gegen die Idee, eine Klinik daraus zu machen – nicht dass sich jemand für ihre Einwände interessierte.

„Warum müssen Sie dann hin?“

„Er hat mich mit eingeladen.“

„Lydia, ich habe schon jede Menge Geschäftsessen gehabt“, sagte Raul, als sie nichts weiter hinzufügte. „Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, jemals jemanden gebeten zu haben, seine Tochter oder vielmehr Stieftochter mitzubringen.“

Sie errötete heftig. „Was wollen Sie damit andeuten?“, fragte sie spitz.

Seine Gelassenheit war irritierend, aber noch ärgerlicher fand sie, dass er nicht zurückruderte.

„Ich deute gar nichts an. Ich sage nur, dass dieser Bastiano keinen Grund hat, auf Ihrer Gesellschaft zu bestehen, wenn Sie nicht in die Pläne für die Umwandlung des Schlosses involviert sind.“

„Er besteht nicht darauf.“

„Na schön.“ Raul zuckte die Achseln. „Dann brauchen Sie ja auch nicht hinzugehen.“

„Ich habe aber keinen Grund, nicht hinzugehen.“

„Sie brauchen auch keinen.“

Diesmal war Lydia diejenige, die mit den Schultern zuckte. Sie war immer noch sauer wegen Rauls Anspielung. Oder vielmehr, weil er auf den ersten Blick erkannt hatte, was sie in den letzten Wochen verzweifelt vor sich selbst geleugnet hatte.

„Lydia, darf ich Ihnen etwas sagen?“

Sie schwieg hartnäckig.

„Ich möchte Ihnen einen Rat geben.“

„Warum sollte ich von einem Fremden einen Rat annehmen?“

„Ich bin kein Fremder mehr.“

Da hatte er recht. Sie hatte ihm mehr anvertraut als den Menschen, die sie täglich sah.

„Darf ich?“

Es gefiel ihr, dass er ihr seinen Rat nicht ungefragt geben wollte. Widerstrebend hob sie den Blick zu ihm. „Okay.“

„Sie brauchen mit niemandem Umgang zu haben, mit dem sie keinen haben wollen, und dafür brauchen Sie auch keinen Grund zu nennen.“

„Das ist mir bewusst.“ Schließlich hatte sie Maurice beim Frühstück sitzen lassen. Aber natürlich reichte das nicht. Und obwohl Raul absolut recht hatte, interessierte das in ihrer Familie niemanden.

„Warum sagen Sie Ihrem Stiefvater nicht einfach, dass Sie heute keine Zeit haben, weil Sie sich mit Freunden treffen?“

„Das habe ich doch schon.“

„Aber Sie mögen Arabella gar nicht besonders“, wandte Raul ein. „Warum treffen Sie sich nicht stattdessen mit mir?“

Sie lachte humorlos. „Sie sind kein Freund.“

Das traf zu. „Nein“, antwortete er aufrichtig. „Das bin ich nicht. Aber ich könnte Ihnen für heute Abend einer sein.“

„Das bezweifle ich.“ Lydia lachte verkrampft. Sie war nicht sicher, wie er das meinte. „Haben Sie viele Freunde?“, fragte sie unvermittelt und stellte ihre Kaffeetasse ab. Ihre Frage war vielleicht etwas indiskret, aber sie hatte ihm eine Menge von sich erzählt und war neugierig.

„Ein paar.“

„Enge Freunde?“

„Niemanden, dessen Geburtstag ich mir merken muss.“

„Wirklich niemanden?“

Er schüttelte den Kopf.

„Tja, dann sparen Sie sich wenigstens die Geschenke.“

„Nicht wirklich.“ Raul beschloss, die Dinge einen Schritt voranzutreiben und Lydia offen zu sagen, was sie erwartete. Wenn es um Sex ging, war er immer sehr direkt. „Ich mache meinen Freundinnen am Morgen danach nämlich immer gern ein Geschenk.“

Diesmal verstand Lydia ihn sofort, schaffte es jedoch, nicht zu erröten. Ihr lief ein Schauer über den Rücken, so als habe sich die Sonne hinter einer Wolke verborgen.

Was nicht der Fall war.

Raul war dunkel, gefährlich und verdammt sexy. Sie wusste nicht, wie sie mit ihm umgehen sollte. „Ich bin hier, um mir die Stadt anzusehen, Raul.“

„Dann brauchen Sie jemanden, der sich auskennt.“

Lydia erwiderte seinen Blick. Oh ja, er kannte sich bestimmt aus! Wie würde er wohl reagieren, wenn sie ihm sagte, dass sie total unerfahren war? Dass er ihr erster Liebhaber wäre?

Nicht dass sie es je so weit kommen lassen würde! Obwohl … einen besseren Liebhaber für ihr erstes Mal würde sie bestimmt nicht so schnell finden.

Sie griff nach ihrem Wasserglas, brachte jedoch keinen Schluck herunter. Die Luft knisterte förmlich vor erotischer Spannung.

Raul führte Lydia ernstlich in Versuchung. So etwas war ihr bisher noch nie passiert. Ihr Blick fiel auf seine Hände, die genauso schön waren wie sein Gesicht – sonnengebräunt und langgliedrig, mit sehr gepflegten Nägeln. Unwillkürlich stellte sie sich vor, sie in sich zu spüren.

Oje!

Sie traute sich nicht, den Blick wieder zu heben, damit er ihr nicht ihre schmutzigen Fantasien ansah.

„Und? Was haben Sie heute noch so vor?“, erkundigte Raul sich.

Seine Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen, obwohl er ihre Gedanken komplett ausfüllte. Wenn sie jetzt seine Hand nähme, würde er sie bestimmt mit auf sein Hotelzimmer nehmen. Oh Gott, was ist bloß los mit mir? „Das habe ich doch schon gesagt. Ich will mir die Stadt ansehen. Und mir ein Kleid kaufen.“

„Ich würde Sie gern begleiten.“

„Ich dachte, Männer hassen es, Kleider zu kaufen.“

„Normalerweise schon, aber …“

Pointiert musterte er die Knopfreihe ihres Kleides und ihre harten Brustknospen, die sich fast schmerzlich nach der Berührung seiner Hände, seiner Lippen und seiner Zunge zu sehnen schienen. Dann erhob er den Blick wieder zu ihrem Gesicht. „Ich muss los“, sagte er rau und stand auf.

Lydia blieb sitzen. Aus gutem Grund. Ihre Beine weigerten sich nämlich zu gehorchen. Sie schaffte es kaum aufzustehen, da würde sie es erst recht nicht schaffen, die Straße zu überqueren.

Warum geht er nicht endlich? dachte sie. Sie fühlte sich trunken vor Erregung und wollte nicht, dass er ihr etwas anmerkte.

Raul rief den Kellner und sagte etwas auf Italienisch zu ihm – so langsam, dass Lydia ihn verstand: „Reservieren Sie diesen Tisch für sechs Uhr.“

Als er zu ihr zurückkehrte und sich von hinten über sie beugte, konnte sie seinen heißen Atem an ihrer Wange spüren. Mit klopfendem Herzen wartete sie darauf, dass er sie küsste.

Doch das tat er nicht. Stattdessen stieg ihr sein dezenter und doch so betörender Duft in die Nase, sodass sie den Impuls unterdrücken musste, eine Hand in seinem glänzenden schwarzen Haar zu vergraben und spielerisch mit der Zunge über seine Wange zu lecken.

Und dann hörte sie seine samtene Stimme in ihrem Ohr: „Lassen Sie diesen Gedanken Wirklichkeit werden, wenn wir uns um sechs Uhr wiedersehen!“

Lydia blinzelte. Sie versuchte so zu tun, als ließe er sie völlig kalt und als sei das hier nur ein ganz normales Frühstück. „Ich habe doch schon gesagt, dass ich heute keine Zeit habe.“

Er sah sie ruhig an. „Das ist allein Ihre Entscheidung!“

3. KAPITEL

Lydia sah ihm benommen hinterher, als er ohne jede Hast die Straße überquerte. Sie wünschte, er würde schneller gehen, weil sie dringend wieder einen klaren Kopf bekommen musste. Zugleich hoffte sie, dass er sich noch mal nach ihr umdrehen würde.

Ein Fingerkrümmen, und sie würde sofort aufspringen und ihm hinterherlaufen – und so etwas sah ihr sonst gar nicht ähnlich. Sie hielt sich eigentlich konsequent von anderen Menschen fern – nicht nur körperlich, sondern auch emotional.

Der Tod ihres Vaters hatte ihre Welt aus den Angeln gehoben, und seitdem war ihr Leben die Hölle. Ihre Mutter hatte erst alle Erbstücke verkauft, um den äußeren Schein zu wahren, und dann diesen schrecklichen Mann geheiratet. Herauszufinden, dass ihre Freundinnen in schlechten Zeiten nicht zu ihr hielten, hatte Lydia tief verletzt. Also hatte sie sich abgeschottet – von ihrer Familie, ihren Freunden … und, ja, von Männern.

Seitdem wirkte sie auf Außenstehende distanziert und kalt, und vielleicht war sie das ja sogar.

Aber nicht jetzt – nicht heute Morgen.

Sie hatte das Gefühl, innerlich zu verbrennen, und ihre Nervenenden fühlten sich wund und roh an. Dabei hatte Raul ihr nur ein Frühstück spendiert. Nichts daran war auch nur ansatzweise romantisch gewesen – es hatte weder Kerzen noch Champagner gegeben und auch keinen malerischen Sonnenuntergang.

Aber Raul ging es nicht um Romantik. Er wollte nur eine gemeinsame Nacht mit ihr und ihr anschließend ein Abschiedsgeschenk machen. Sie hätte ihm ins Gesicht spucken sollen!

Und doch beschleunigte sich ihr Herzschlag, wenn sie an den bevorstehenden Abend dachte. Sie war absolut machtlos dagegen.

Aus Lydias Stadtbesichtigung wurde nichts, aber immerhin brachte sie eine kleine Shoppingtour zustande. Und so stand sie irgendwann mit mehreren Optionen in einer Umkleidekabine.

Das schwarze Kleid passte nicht zu ihrer Stimmung. Mit dem Karamellfarbenen konnte man nichts falsch machen. Aber das Rote!

Der weiche Stoff saß hauteng und verlieh Lydia Kurven, wo sie kaum welche hatte. Sie schlüpfte in ein paar rote Pumps und betrachtete sich von hinten. Und dann wieder von vorne. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich schön und sexy … und sogar etwas verwegen, als sie ihr Haar hob, um verschiedene Frisuren auszuprobieren. Unwillkürlich fragte sie sich, wie er wohl auf ihren Anblick reagieren würde.

Nicht Bastiano, sondern der Mann, der sie heute Abend zu einem Date eingeladen hatte.

Obwohl das nicht ganz zutraf. Genau genommen handelte es sich nicht um ein Date, sondern um den Auftakt zu einer Liebesnacht.

„Bellissima!“

Lydia drehte sich um, als die Verkäuferin die Umkleidekabine betrat, und errötete so heftig, als sei sie beim Stehlen erwischt worden.

„Das Kleid sitzt perfekt …“, sagte die Verkäuferin.

„Na ja, eigentlich bevorzuge ich das hier.“

Der Frau war ihre Verwirrung anzumerken, als Lydia nach dem nächstbesten Kleid griff und weiterreichte.

Das Karamellfarbene.

Damit konnte man nichts falsch machen.

Bastiano war nicht so leicht zu schlagen, das wusste Raul aus Erfahrung. Er würde sich daher warm anziehen müssen.

„Haben Sie gut geschlafen?“, erkundigte Sultan Alim sich bei ihrer Begrüßung.

Raul war dem Sultan schon einmal begegnet, allerdings im Mittleren Osten. Alim hatte damals die traditionelle Kleidung seines Landes getragen. Heute hingegen trug er einen marineblauen Anzug.

„Sehr gut“, antwortete Raul. „Ihr Personal ist wirklich ausgezeichnet.“

„Wir haben ein sehr strenges Auswahlverfahren. Nur wenige überstehen das Vorstellungsgespräch und die anschließende dreimonatige Probezeit. Wir behalten nur die Allerbesten.“

Davon hatte Raul sich mit eigenen Augen überzeugen können.

Alim schien keine Eile zu haben, als er Raul in seinem berühmten Hotel herumführte. „Ich habe vier ernsthafte Interessenten“, erklärte er. „Aber nur zwei davon haben die nötigen finanziellen Mittel.“

„Dann habe ich also nur einen ernsthaften Konkurrenten?“, fragte Raul. Es war nicht schwer zu erraten, um wen es sich handelte – nicht dass Alim etwas durchblicken ließ. Raul hatte seine Hausaufgaben gemacht und wusste daher, dass Alim nicht nur ein knallharter Geschäftsmann, sondern auch sehr diskret war.

Und das musste er auch sein.

Allegra, Rauls schwer geprüfte Assistentin, hatte herausgefunden, dass Sultan Alim ein Playboy war, dessen PR-Abteilung alle Hände voll damit zu tun hatte, seine Affären aus den Medien herauszuhalten.

„Ich habe Bastiano noch gar nicht gesehen“, sagte Raul betont beiläufig, als der Fahrstuhl sie in das Geschoss mit den Konferenzräumen brachte. Da Alim nicht antwortete, fügte er hinzu: „Wie ich gesehen habe, sind seine Gäste bereits da.“

Alim hielt sich immer noch bedeckt. „Ich zeige Ihnen jetzt den Ballsaal.“

Raul blieb keine andere Wahl, als das Schweigen des anderen Mannes hinzunehmen. Wenn er wusste, dass Alim und Bastiano Freunde waren, wusste Alim bestimmt auch von Rauls Feindschaft mit seinem Freund.

Er beschloss, sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren. „Warum wollen Sie das Hotel eigentlich verkaufen?“, fragte er den Sultan.

„Ich werde bald heiraten und mich auf den Mittleren Osten beschränken, was mein Immobilienportfolio angeht.“

„Ich würde gern den wahren Grund erfahren.“

Alim blieb stehen und sah Raul fragend an.

„Sie haben doch noch andere Hotels in Europa, die Sie nicht verkaufen. Warum dann ausgerechnet dieses Juwel?“

„Sie haben völlig recht“, antwortete Alim aalglatt. „Das Hotel Grande Lucia ist ein Juwel.“

Als Raul verwirrt die Stirn runzelte, bedeutete Alim ihm mit einer Geste, ihm zu folgen. „Kommen Sie mit und sehen Sie sich das an.“

Sie betraten den Ballsaal, in dem sich eine dunkelhaarige Frau in einem etwas zu engen Kostüm befand. Ihre Schuhe schienen auch zu eng zu sein, denn sie hielt die High Heels in einer Hand.

„Ist alles okay, Gabi?“, fragte Alim scharf.

„Oh!“ Offensichtlich hatte sie sie nicht reinkommen hören, denn sie zuckte erschrocken zusammen. „Ja, alles bestens“, sagte sie verkrampft lächelnd. „Ich überlege mir nur gerade die Tischordnung für Samstag.“

„Wir haben eine große Hochzeit“, erklärte Alim an Raul gewandt.

„Und beide Elternpaare sind zwei Mal geschieden.“ Gabi verdrehte genervt die Augen und schlüpfte in ihre Schuhe. „Sich da eine passende Sitzordnung einfallen zu lassen ist eine einzige …“

„Gabi!“, ermahnte Alim sie streng und drehte sich entschuldigend zu Raul um. „Gabi gehört nicht zu meinem Personal. Das ist wesentlicher diskreter.“ Er wedelte sie ungeduldig hinaus. „Bitte lassen Sie uns allein.“

Raul wunderte sich über Alims Ruppigkeit. Bisher war der Sultan im Umgang mit seinem Personal immer ausgesprochen höflich gewesen.

Gabi eilte verstimmt aus dem Saal und knallte die Tür hinter sich zu.

„Sie ist eine externe Hochzeitsplanerin“, erklärte Alim. „Mein Personal würde selbstverständlich nie vor einem Besucher über unsere Gäste reden.“

„Natürlich nicht.“ Raul nickte und hob den Blick zu den Kronleuchtern hoch, die nach dem heftigen Türenknall in sanfte Bewegung geraten waren. Der Anblick war spektakulär. Mehrere Tausend Kristalltropfen glitzerten in der Spätnachmittagssonne und warfen Regenbögen an die Wände, die Decke und den Boden. Sogar über ihre Anzüge.

„Was für ein schöner Saal.“ Raul war tief beeindruckt, doch er hatte keine Ahnung, warum Alim ihn hierher statt in eins der Konferenzzimmer gebracht hatte.

„Als ich das Hotel gekauft habe, waren die Kronleuchter jahrelang nicht gesäubert worden“, sagte Alim. „Jetzt werden sie regelmäßig abgenommen und sorgfältig abgestaubt. Das ist eine sehr aufwendige Aufgabe. Der Saal muss dann immer für mehrere Tage geschlossen werden.“

„So etwas überlasse ich meinen Managern.“

Alim nickte. „Ich eigentlich auch, aber das Hotel ist mir eine Herzensangelegenheit. Wenn ich in meine Heimat zurückkehre, werde ich mich nicht so darum kümmern können, wie ich es möchte.“

„Das kann der nächste Besitzer vielleicht auch nicht.“

„Das ist dann seine Sache. Aber solange das Hotel mir gehört, will ich nicht mit verantwortlich für seinen Niedergang sein.“

Anscheinend erfuhr Raul gerade den wahren Grund für den Verkauf. Dieses Hotel in dem Zustand zu erhalten, in dem es war, war vermutlich eine Lebensaufgabe. Raul hatte weder die Zeit noch die Neigung dafür. „Jetzt stimmen Sie mich nachdenklich.“

„Das war auch meine Absicht.“ Alim lächelte. „Das Grande Lucia verdient einen Liebhaber als Besitzer. Aber sehen Sie sich gern noch mal in Ruhe um und genießen Sie den Rest Ihres Aufenthalts.“ Er verabschiedete sich und ließ Raul allein im leeren Ballsaal zurück.

Beim Anblick des bunten Lichterspiels an den Wänden musste Raul unwillkürlich an sein Zuhause in Venedig denken. Er konnte Alim gut verstehen. Erst letztes Jahr hatte er einen wundervollen gotischen Palast am Canal Grande gekauft, dessen Instandhaltung ein Vollzeitjob war. Loretta kümmerte sich darum – Marias frühere Freundin, die sie vor all den Jahren vor Ginos Rückkehr gewarnt hatte. Sie war inzwischen Rauls Haushälterin in Venedig und beaufsichtigte sein Personal.

Er betrachtete das verzierte Gesims und die Bogenfenster. Ja, er wusste genau, wovon Alim sprach. Plötzlich wurde Raul etwas klar: Er würde für das Grande Lucia niemals so viel Zeit aufwenden wie für seinen Palast in Venedig! Das hier war ein Hotel, kein Zuhause.

Er beschloss, das Hotel lieber nicht zu kaufen.

Seine Gedanken wanderten wieder zu Lydia. Hoffentlich kam sie heute Abend, und das nicht nur wegen Bastiano. Er konnte es selbst kaum glauben, aber er hatte Lydias Gesellschaft aufrichtig genossen.

Lydia war sich bewusst, dass eine längerfristige Beziehung mit Raul nicht zur Debatte stand.

Um vier Uhr saß sie beim Friseur und bat um eine Hochsteckfrisur, doch die Friseurin schnalzte missbilligend mit der Zunge, griff nach einer langen blonden Strähne und schlug Locken vor. Nach kurzem Zögern stimmte Lydia zu.

Was auch immer heute Morgen mit ihr los gewesen war – ihr Zustand war unverändert.

Sie hatte das seltsame Gefühl, aus einem Kokon zu schlüpfen, so verzweifelt sie sich auch dagegen wehrte. Am liebsten würde sie zurückschlüpfen – sie war ein sehr unwilliger Schmetterling –, doch auf dem Rückweg zum Hotel machte sie doch noch einen Abstecher zur Boutique von vorhin, um sich das rote Kleid zu kaufen.

Für ihn.

Oder vielmehr, um eines Tages etwas zu haben, das sie an ihn erinnerte, wenn sie wieder allein war.

Bei ihrer Ankunft beim Hotel warf sie einen verstohlenen Blick über die Straße auf das Restaurant mit dem abgetrennten VIP-Bereich und dem von Raul reservierten Tisch.

Er war natürlich nicht da. Noch nicht.

Als ihre Mutter anrief, leitete Lydia den Anruf einfach auf ihre Mailbox weiter. Sie hatte jetzt keine Lust auf irgendwelche Ermahnungen – sie wusste selbst, wie viel von dem heutigen Abend abhing. Dass das Schloss kurz vor dem Ruin stand und sie die Einzige war, die es retten konnte.

Sie ließ nur wenig Wasser in die Wanne laufen, um ihre Locken nicht zu ruinieren, und versuchte, an Bastiano zu denken.

Noch nicht mal die Narbe in seinem Gesicht konnte ihn verunstalten, so attraktiv war er.

Er war Gast bei einer Hochzeit im Schloss gewesen, als sie sich begegnet waren. Vielleicht würde sie diesmal besser wissen, wie sie reagieren sollte, wenn er sie wieder küsste.

Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich einfach nicht auf Bastiano konzentrieren. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Raul zurück.

Frustriert stöhnend kletterte Lydia aus der Wanne und trocknete sich ab. Ein letztes Mal versuchte sie, Arabella zu erreichen, um einen Vorwand zu haben – irgendeinen –, um heute Abend nicht zu dem Treffen zu gehen.

„Lydia!“, meldete Arabella sich tatsächlich. „Ich wollte dich auch schon anrufen. Du hattest mir gar nicht gesimst, dass du dieses Wochenende in Rom bist.“

Natürlich hatte Lydia das.

„Ich gehe heute leider auf eine Party“, fuhr Arabella fort.

„Klingt doch gut.“

„Sie ist nur für geladene Gäste.“

Und natürlich war Lydia nicht eingeladen. Mal wieder kam sie sich vor wie eine Bettlerin, die darauf wartete, dass Arabella ihr ein paar Krumen von ihrem reich gedeckten Tisch zuwarf. „Ist schon okay.“ Sie legte auf.

Maurice hatte völlig recht, sie hatte keine Freunde.

Arabella war ihre einzige von damals übrig gebliebene Freundin, doch der Kontakt war nur sporadisch. An der anderen Schule hatte sie jedoch keine einzige Freundschaft geschlossen.

Sie konnte sich noch gut an das schallende Gelächter ihrer Mitschüler erinnern, als sie der Lehrerin am Ende des ersten Tages knicksend die Hand geschüttelt hatte. So hatte man sie nun mal erzogen, aber natürlich benahm sich an ihrer neuen Schule niemand so.

Sie passte anscheinend nirgendwohin.

Heute Morgen hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Gefühl der Zugehörigkeit gehabt. So aufdringlich und anzüglich Raul auch war, im Gespräch war er wie ein guter Freund, dem man sich ohne weiteres anvertrauen konnte.

Dabei wollte er nichts weiter von ihr als Sex.

Lydia erhoffte sich jedoch insgeheim mehr. Nicht viel mehr, nur ein bisschen Romantik. Das war beim ersten Mal doch nicht zu viel verlangt, oder?

Ich trage das falsche Kleid, dachte sie, als sie sich in dem karamellfarbenen Kleid im Spiegel betrachtete. Und das ist der falsche Mann, schoss ihr durch den Kopf, als sie kurz darauf die Hotelbar betrat und Bastiano sah.

Oh ja, er war unglaublich attraktiv – sogar mit der Narbe im Gesicht –, und trotzdem ließ er sie kalt. Obwohl er ihr Romantik bot, denn er war sehr charmant und bestellte sofort Champagner. Der perfekte Gentleman eben.

Sie bedankte sich höflich für seine Großzügigkeit. „Das Hotel ist wirklich toll. Und der Service ist ausgezeichnet.“

„Freut mich“, sagte Bastiano. „Gefällt Ihnen Rom?“

„Sehr sogar.“

Raul hatte sie heute Morgen eine viel ehrlichere Antwort gegeben. Inzwischen war es schon nach sechs. Er würde bestimmt nicht lange auf sie warten, das spürte sie irgendwie. Wenn sie jetzt nicht aufbrach, würde sie es vermutlich für den Rest ihres Lebens bereuen.

„Ich dachte, wir gehen zusammen essen und …“, begann Bastiano.

„Ehrlich gesagt …“, fiel Maurice ihm ins Wort und legte die Finger an die Schläfen. Lydia vermutete, dass er jetzt Kopfschmerzen vortäuschen wollte, um sie mit Bastiano allein zu lassen.

Sieben Minuten nach sechs. Zeit für eine Entscheidung.

„Ach, hat Maurice es Ihnen noch gar nicht gesagt?“, fragte sie, bevor Maurice seinen Abgang machen konnte. Sie ignorierte seinen warnenden Blick. „Ich bin mit einer früheren Freundin verabredet. Ich wollte nur kurz vorbeischauen und mich bei Ihnen bedanken.“ Sie schenkte Bastiano ihr bestes künstliches Lächeln, doch es wurde nicht erwidert. „Ich will Sie nicht bei Ihren geschäftlichen Gesprächen stören.“

„Sie könnten mich nie stören“, erwiderte er aalglatt.

„Zu liebenswürdig von Ihnen.“ Lydia lachte kurz auf, doch ihr männliches Publikum reagierte kühl. „Ich lasse Sie beide dann mal mit ihrem Gespräch über Schlösser allein.“ Sie stellte ihr nicht ausgetrunkenes Glas auf den Tisch und ignorierte Maurices wütenden Blick und Bastianos verkrampfte Gesichtszüge.

Sie wusste genau, dass ihr Verhalten Konsequenzen haben würde, aber sie war bereit, sie zu tragen.

Hauptsache, sie war vorerst frei.

Sie bereute jetzt, nicht das rote Kleid angezogen zu haben. Schließlich hatte sie es extra für den Anlass gekauft, aber ihr blieb keine Zeit mehr, sich umzuziehen.

Hoffentlich ist er nicht schon weg, dachte sie nervös, als sie aus der Drehtür des Hotels trat. Lydia sah hinüber auf die andere Straßenseite und stellte fest, dass der Tisch leer war. Sie verspürte einen Stich der Enttäuschung.

Bis sie seine Stimme hinter sich hörte.

„Sie kommen zu spät.“

Lydia drehte sich um und sah ihn vor sich stehen, groß gewachsen und wahnsinnig attraktiv. Oh ja, sie hatte die richtige Entscheidung getroffen. „Kommen Sie mit“, sagte sie hastig, da sie spürte, dass er sie küssen wollte. Sie eilte ihm voran über die Straße, damit Maurice sie nicht womöglich einholte, und bog in eine Seitengasse.

„Wohin gehen wir?“, fragte Raul.

Lydia blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Ich dachte, Sie sind der Experte.“

Das war er allerdings, denn plötzlich stand sie mit dem Rücken an einer Mauer, seine Hände waren zu beiden Seiten ihres Kopfes aufgestützt. Instinktiv legte sie die Hände auf seine Brust und erschauerte, als sie seine harten Muskeln spürte. Sie erwiderte seinen Blick, als er den Kopf senkte, bis sie die Wärme seiner Lippen an ihren spürte … und er sie küsste.

Und alles, was bisher in ihrem Leben gefehlt hatte, schien plötzlich da zu sein.

Der wundervoll sanfte Druck seiner Lippen löste eine Flut an Empfindungen in ihr aus, weckte ihr Verlangen nach mehr. Und Raul gab ihr mehr, indem er seinen Kuss vertiefte. Sie hatte das Gefühl, von innen zu verbrennen.

Raul wollte ihre Zunge spüren, drängte sie aber nicht – noch nie hatte er sich mit Gewalt Zutritt verschafft.

Das hatte er bisher auch nicht nötig gehabt.

Da …

Als er spürte, dass Lydia der Atem stockte und sie die Lippen öffnete, nutzte er die Gelegenheit, seinen Kuss zu vertiefen. Ihr Stöhnen ließ ihm sofort das Blut in die Lenden schießen. Noch heute würde sie ihm gehören, das spürte er, als sie seinen Hinterkopf umfasste.

Er küsste sie so leidenschaftlich, dass sie erregt die Finger in seinem vollen Haar vergrub, den Rücken an die kalte, harte Mauer gepresst.

Es geschah mitten in der Stadt, kurz nach sechs Uhr, in einer auch um diese Uhrzeit belebten Seitengasse, doch das war Lydia völlig egal.

Er schlang ihr einen Arm um die Taille, um sie dichter zu sich heranzuziehen, sodass sie den Kopf in den Nacken legen konnte.

Wäre ein Bett in der Nähe gewesen, hätten sie sich jetzt hineingelegt.

Wären sie in einem Zimmer gewesen, hätten sie jetzt die Türe verschlossen …

Aber es gab nichts davon, sodass Raul die Reißleine zog – vorerst. Sie eng an sich pressend sah er ihr in die Augen. Sein Mund war feucht von ihrem und sein Haar zerzaust.

„Und was jetzt?“, fragte er, obwohl das für ihn bereits feststand.

Gut, dass es noch früh am Abend war. Er beschloss, Bastiano und Maurice aus dem Weg zu gehen. Plötzlich reizte ihn die Vorstellung nicht mehr, Lydia wie eine Trophäe vorzuführen.

Vielleicht hat das Hotel ja einen Seiteneingang, dachte er, bevor er die Lippen hungrig auf ihren Hals presste.

Lydia hätte nie damit gerechnet, dass ein Kuss unter ihrem Ohr ihr derart den Atem verschlagen und sie völlig um ihren gesunden Menschenverstand bringen würde.

„Und? Was willst du?“, flüsterte er an ihrer nackten Haut und blies sanft gegen ihren von seinen Küssen feuchten Hals. Er hob wieder den Kopf und sah sie an. „Heute Nacht tue ich alles, was du willst.“

„Wirklich alles?“

„Ja.“

Wenn er ihr schon ein solches Angebot machte, sollte sie es auch annehmen, oder? „Ich will Rom bei Nacht sehen – zusammen mit dir.“

„Es ist noch nicht dunkel“, wandte er ein. Er wollte ihr viel lieber seinen nackten Körper zeigen …

„Ich will ein bisschen Romantik bei meinem One-Night-Stand.“

„Romantik ist nicht mein Ding.“

„Probiers aus.“ Lydia hatte kein Interesse an irgendeinem kostbaren Geschenk am Morgen danach! Sie hatte einen anderen Preis. „Nur für eine Nacht.“

Raul, der normalerweise sehr experimentierfreudig war, widerstrebte diese Vorstellung. Andererseits hatte er bereits seinen Flug verschoben. Und Lydias letzte Romreise war das reinste Fiasko gewesen.

Der Sex konnte noch warten.

Außerdem hatte er ihr selbst angeboten, die Regeln zu bestimmen. Und er hatte von Anfang an gewusst, dass Lydia es ihm nicht leicht machen würde. „Okay. Ich weiß auch schon, wo wir anfangen.“

4. KAPITEL

Raul hätte im Hotel einen Wagen bestellen können, aber er hatte nicht riskieren wollen, Maurice über den Weg zu laufen. Weshalb er zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder in einem Taxi saß.

Er fuhr mit Lydia zum Aventin. „Das ist Roms südlichster von sieben Hügeln“, erklärte er, nachdem sie ausgestiegen waren.

„Ich weiß. Wir sind damals auf einer Stadtrundfahrt daran vorbeigekommen.“

Raul stieß sie spielerisch mit einer Schulter an. „Neben wem hast du gesessen?“

„Neben der Lehrerin.“

„Die anderen haben dich wirklich gehasst, oder?“, fragte er grinsend und schlang ihr einen Arm um die Schultern.

Sie musste lächeln. „Das haben sie.“

„Das hier ist der Sitz des Malteserordens“, erklärte er, nachdem er stehen geblieben war. „Normalerweise ist hier mehr los.“ Doch heute schienen die Sterne günstig zu stehen, denn es gab nur eine kleine Gruppe Touristen, die gerade aufbrach. „Nur zu.“

„Was?“ Lydia wusste nicht, was er meinte.

„Sieh durchs Schlüsselloch.“

Lydia bückte sich und gehorchte, konnte am Anfang jedoch nichts Aufregenderes sehen als das dunkle Blattwerk des vor ihr liegenden Laubengangs. Doch als ihre Augen sich an die Aussicht gewöhnten, tauchte genau in der Mitte die Kuppel des Petersdoms vor ihr auf. Sie keuchte verzückt auf. Was für ein magischer Anblick! Sie beschloss, ihn für immer in Erinnerung zu halten. Rom sah von hier aus wie ein verwunschener Garten.

Ihr verwunschener Garten.

Als sie sich wieder aufrichtete, hatte sich hinter ihr eine Schlange gebildet. Sie lächelte den anderen aufmunternd zu.

„Willst du kein Foto machen?“, fragte Raul.

„Nein.“ Sie brauchte kein Foto, um sich zu erinnern. Schon jetzt war dieser Abend der schönste, den sie je erlebt hatte, selbst wenn Raul sie nun sofort zurück ins Hotel bringen würde. Sie würde sogar eigenhändig ein Taxi heranwinken, denn in diesem Moment küsste er sie wieder. Nicht so verlangend wie zuvor, sondern einfach wunderschön.

Raul brachte sie aber nicht zurück, sondern ging mit ihr den Hügel hinunter. Er zeigte ihr die winzigen Straßen, die sie allein nie gefunden hätte, und führte sie vorbei an der Bocca della Verità – dem Mund der Wahrheit. Allerdings verschwieg er ihr wohlweislich die Legende, dass jeder Lügner seine Hand verlor, wenn er sie in den Mund des steinernen Gesichts legte.

Er wollte vermeiden, dass sie ihn auf die Probe stellte.

Obwohl – streng genommen log Raul gar nicht. Er behielt nur gewisse Informationen für sich. Auch als sich eine Gelegenheit ergab, mehr zu erzählen.

Sie saßen inzwischen auf der Terrasse eines Restaurants mit Blick auf das Kolosseum. Ein Kellner servierte ihnen ihre Drinks – Cognac für Raul und für Lydia einen Cocktail, der genauso leuchtend orange war wie der Abendhimmel.

Im Unterschied zu Bastiano ging Raul nicht einfach davon aus, dass sie Champagner trank.

Lydia las sich wie heute Morgen die Speisekarte durch und wählte selbst ihr Gericht aus. Wieder überließ Raul ihr die Entscheidung – ein ungewohntes Gefühl.

Bestimmt würde sie Rom diesmal in positiver Erinnerung behalten.

„Salute“, sagte Raul, und sie stießen an.

Nein, sie würde diese Stadt in wundervoller Erinnerung behalten!

Als die Bedienung Kerzen und Blumen auf den Tisch stellte, bekam Lydia plötzlich einen Kloß im Hals. Raul dachte wirklich an alles. Er war so aufmerksam, dass sie sich einschärfen musste, dass Rom zumindest für sie niemals die Stadt der Liebe sein würde. Denn Raul hatte mit Liebe nichts im Sinn.

„Wie hat Bastiano reagiert, als du einfach verschwunden bist?“, fragte er zu Lydias Überraschung. Sie hatte gar nicht mehr an Bastiano gedacht.

„Gut. Na ja, er blieb höflich. Ich kann ihm keinen Vorwurf machen, dass er sauer ist – das wäre jeder, der einen Abend mit Maurice verbringen muss.“

Raul lag der Einwand auf der Zunge, dass Bastiano sich nie freiwillig mit jemandem abgeben würde, mit dem er nichts zu tun haben wollte, bremste sich jedoch gerade noch rechtzeitig. Lydia wirkte nämlich zum ersten Mal seit ihrem Kennenlernen völlig entspannt. Er wollte nicht das Risiko eingehen, diesen schönen Abend zu ruinieren.

Gott sei Dank brauchte er sowieso nicht weiterzufragen, denn Lydia erzählte von ganz allein mehr. „Er kann Maurice nicht ausstehen.“

„Woher weißt du das?“

„Er hat es mir selbst erzählt.“ Da sie gerade ihren Drink umrührte, entging ihr, dass Rauls Gesicht sich verfinsterte.

Hat sie etwa mit Bastiano geschlafen? fragte er sich.

„Bei einer der größeren Hochzeiten im Schloss ist Maurice bei der Durchsicht der Gästeliste über Bastianos Namen gestolpert“, erzählte Lydia weiter. „Er wusste, dass Bastiano ein Kloster in eine erfolgreiche Nobelklinik umgebaut hat. Also hat er ihn angesprochen und ihn gefragt, ob man auch aus unserem Schloss eine Klinik machen könnte.“ Als Raul spöttisch auflachte, ging Lydia davon aus, dass er über Maurices Dreistigkeit lachte.

Doch Raul lachte, weil er wusste, dass Bastiano nie jemandem umsonst Tipps gab.

„Bastiano hatte gar kein Interesse am Schloss.“

„Hat Maurice dir das gesagt?“, fragte Raul.

„Nein, Bastiano selbst.“ Lydia lachte kurz auf und sah dann nachdenklich vor sich hin. „Ich habe Getränke serviert, und Bastiano hat mich gebeten, ihn vor einem totalen Langweiler zu retten. Ich musste lachen, weil ich genau wusste, wen er meinte, bekam aber sofort ein schlechtes Gewissen. Also habe ich ihm erzählt, dass Maurice mein Stiefvater ist.“

Das war der Unterschied zwischen ihnen. Raul hatte grundsätzlich keine Schuldgefühle, wenn er die Wahrheit für sich behielt. Na ja, vielleicht ein bisschen, aber solche Gefühlsanwandlungen konnte er schnell unterdrücken. „Du hast Bastiano gesagt, dass Maurice dein Stiefvater ist?“

„Ja.“ Lydia nickte. „Er hat sich entschuldigt und gesagt, dass er ihn noch mal ansprechen und ihm zuhören würde.“

„Und das war alles?“

„Wie bitte?“

„Mehr ist nicht zwischen euch passiert?“

Sie errötete.

„Sorry, das geht mich natürlich nichts an.“ Obwohl ihm die Vorstellung zutiefst widerstrebte, dass zwischen den beiden mehr gelaufen war.

„Wir haben uns nur einmal geküsst“, gestand sie widerstrebend.

Raul atmete erleichtert auf. Dann hatten sie also nicht miteinander geschlafen. Obwohl … im Grund war ihm schon ein Kuss zu viel. „Komm, wir gehen weiter“, sagte er, ohne sich seine verwirrende Eifersucht anmerken zu lassen. „Es ist inzwischen dunkel.“

Oh, das war es.

Und bunt und turbulent.

Genauso wie Rom sein sollte. Die Fontana di Trevi hatte also gehalten, was sie versprach, denn Lydia hatte sich beim letzten Mal gewünscht, unter besseren Umständen zurückzukehren.

Sie gingen kilometerweit, und obwohl die gepflasterten Straßen nicht gerade stilettofreundlich waren, hatte Lydia das Gefühl, Ballerinas zu tragen, so leichtfüßig fühlte sie sich.

„Wo sind wir eigentlich?“, fragte sie irgendwann.

„In der Città universitaria – hier habe ich vier Jahre lang gelebt.“

„Das Univiertel? Ich hätte auch gerne studiert. Am liebsten Geschichte.“

„Warum hast du es nicht getan?“

„Ich bin durch die Abschlussprüfungen gerasselt.“

Noch etwas, das sie nur selten erzählte. Sie war in sämtlichen Fächern durchgefallen. Mit Bravour. „Ich habs nicht gepackt“, gestand sie. Sie lieferte ihm weder eine Erklärung noch eine Rechtfertigung, obwohl es jede Menge Gründe gegeben hatte.

Doch Raul verstand sofort.

„Ich musste nach dem Tod meiner Mutter auch ein paar Prüfungen wiederholen“, sagte Raul. Er erzählte nur selten etwas Persönliches und schon gar nichts Negatives, aber unter den gegebenen Umständen machte er mal eine Ausnahme. „Ich habe danach eine ganze Weile ziemlich ausschweifend gelebt.“

Sie lächelte. „Hätte ich das doch auch nur getan.“

„Ich bin gegen den Willen meines Vaters von Sizilien nach Rom gezogen. Er wollte, dass ich für ihn arbeite. Schmutziges Geld“, fügte Raul hinzu. „Wie dem auch sei, nach dem Tod meiner Mutter war ich entschlossen herauszufinden, wie wild Roms Nachtleben wirklich ist.“

„Wo in Si…“

„Hier war meine Wohnung“, unterbrach er sie und zeigte auf die andere Straßenseite. Er wusste, dass Lydia ihn gerade hatte fragen wollen, wo in Sizilien er gelebt hatte, doch sie hatte schon ein paar Mal das Kloster erwähnt und wusste vielleicht, wo es sich befand. Auf keinen Fall durfte sie erfahren, dass er und Bastiano aus demselben Ort stammten.

Er zeigte auf die Fassade eines Hotels. Es war viel kleiner als das, in dem sie gerade wohnten, aber es war kunstvoll erleuchtet und schien ziemlich exklusiv zu sein.

„Wie konntest du dir den Aufenthalt hier als Student leisten?“, fragte Lydia.

„Damals war es ein normales Wohnhaus. Ein ziemlich heruntergekommenes sogar.“

„Und dann kamen die Spekulanten?“

„Nur einer. Ich.“

Was? Raul gehörte das Hotel?!

„Wie bitte?“

Raul redete nur sehr ungern über damals. „Komm, lass uns weitergehen.“

Es war schon nach Mitternacht und er hatte die Nase voll von Taxis, sodass er Allegra trotz der späten Stunde eine SMS schickte. Kurz darauf fuhr eine Limousine vor.

Lydia stieg hinten ein, und Raul folgte ihr und setzte sich mit dem Rücken zur Tür.

Es war ein herrliches Gefühl, endlich bequem sitzen zu können. „Meine Füße bringen mich um“, gestand Lydia. „Diese Schuhe sind nicht zum Laufen geeignet.“

„Dann zieh sie doch aus.“ Raul beugte sich vor und legte sich einen ihrer Füße auf den Schoß.

Lydia konnte seinen harten Schenkel unter ihrer Wade spüren. Obwohl sie versuchte, sich zu entspannen, zitterte ihr Bein, als er den Riemen ihrer Sandale löste.

Sanft ließ er eine Hand über ihre Wade gleiten. Als er feststellte, wie verspannt sie war, begann er sie zu massieren, doch Lydia verkrampfte sich nur noch mehr.

Er legte ihren Fuß auf die Wölbung zwischen seinen Beinen, damit sie seine Erregung spüren konnte.

Sie musste ihm sagen, dass sie noch Jungfrau war, hatte jedoch den Verdacht, dass Raul ihre Unschuld nur wenig reizvoll finden würde.

Er massierte ihre Wade, bis sie lockerer wurde, streifte ihr die Sandale ab und hob ihren nackten Fuß an die Lippen.

„Bitte nicht“, stieß sie hervor. „Ich bin gelaufen …“

„Schmutziges Mädchen.“

Er presste die Lippen auf ihre Fußsohle. Wieder versuchte Lydia, ihren Fuß wegzuziehen, doch diesmal, weil das Gefühl seiner Zunge auf ihrer sensiblen Haut nur allzu erregend war. „Raul …“ Zum ersten Mal ging ihr das R glatt von der Zunge. „Jemand könnte uns sehen.“

„Die Scheiben sind verdunkelt.“

Aber Lydia sah alles. Sie fühlte sich plötzlich ganz seltsam, irgendwie … Das Gefühl war ihr so fremd, dass sie eine Sekunde brauchte, um es zu erkennen: Glück. Sie fühlte sich glücklich.

„Wir sind da“, sagte Raul und ließ ihren Fuß los.

Doch der sorglose, glückliche Augenblick war schlagartig vorbei, denn vor dem Hotel stand ausgerechnet Maurice. Er hielt eine Zigarre in der Hand und telefonierte – zweifellos mit ihrer Mutter.

„Lass uns einen Seiteneingang suchen.“ Raul wollte den Fahrer gerade über die Gegensprechanlage informieren, als Lydia ihm eine Hand auf einen Arm legte.

„Nein.“

Es war vorbei. „Ich muss mich der Situation stellen.“

„Verschieb das doch auf morgen.“

Lydia musterte diesen Mann, der niemanden dicht genug an sich heranließ, um sich Geburtstage zu merken. Einen Mann, der sich nicht an Regeln hielt.

Sie war anders.

„Ich will es jetzt hinter mich bringen, Raul. Wie soll ich mich später Bastiano gegenüber moralisch überlegen fühlen, wenn ich ihm begegne, nachdem ich vorher mit dir im Bett gewesen bin?“

„Lydia …“ Raul zögerte. Er hatte keine moralischen Bedenken, was One-Night-Stands anging, aber Lydia hatte nicht ganz unrecht. „Sag ihm einfach, er soll sich in Zukunft von dir fernhalten, und komm zu mir.“ Er nannte ihr die Nummer seiner Suite, obwohl ihm schwante, dass nun wohl doch nichts aus der von ihm geplanten Liebesnacht werden würde. „Kommst du klar?“

„Natürlich.“ Lydia lachte humorlos auf. „Ich bin vierundzwanzig. Maurice kann mir ja wohl schlecht Stubenarrest geben.“

„Kommst du klar?“, wiederholte er.

Sie nickte. „Ja. Ich schaff das schon.“

Raul bat seinen Chauffeur, ein paar Meter weiter zu fahren, und dann machte er etwas, was er nur sehr selten tat: Er zog seine Visitenkarte aus seiner Tasche.

Und zwar nicht die, die er sonst verteilte.

„Das ist meine private Telefonnummer. Damit erreichst du mich direkt. Sollte es Probleme geben …“

„Das wird bestimmt nicht nötig sein“, sagte Lydia rasch, doch er klappte ihre Handtasche auf und legte die Karte hinein.

Das wars dann also.

Im Grunde hatten sie sich beide etwas ganz anderes gewünscht.

„Vergiss nicht, was ich heute Morgen zu dir gesagt habe“, sagte Raul.

Sie nickte.

Er machte Anstalten, sie zu küssen, doch sie wandte den Kopf ab. Es war ziemlich abtörnend zu wissen, dass Maurice auf sie wartete. Mühsam streifte sie sich ihren Schuh über und stieg aus.

Wieder einmal schien ihr Glück sie zu verlassen …

„Wo zum Teufel hast du gesteckt?“, fragte Maurice, als sie näher kam.

...

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