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JULIA EXTRA BAND 440

EMILY FORBES

Zeit der Liebe – Zeit der Wunder?

Es war nur eine kurze Winteraffäre im mondänen Skiort Moose Ridge. Aber als Jess den charmanten Hotelier Lucas dort sieben Jahre später wiedersieht, hat sie ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk für ihn …

CAITLIN CREWS

Im Château der erfüllten Träume

Schon lange schwärmt Liliana für ihren Vormund Izar Agustin, auch wenn sie fürchtet, dass er in ihr nichts als ein verzogenes Kind sieht. Aber warum lädt der spanische Tycoon sie in sein Château in den verschneiten Schweizer Alpen ein?

CAROLE MORTIMER

Weihnachtzauber auf Bestellung

Seit wann hat Santa Claus rote Locken, Rehaugen und eine süße Figur? Am liebsten würde Milliardär Max Hamilton die hübsche Sophie, die für ihn das Weihnachtsfest ausrichtet, unter dem nächsten Mistelzweig küssen …

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Das Glück kam in der Christnacht

Mit einem ganzen Koffer voller Träume fliegt Hayley nach England. Sie will unbedingt ihre große Liebe Patrick wiedersehen! Doch als sie am Weihnachtsabend bei ihm klingelt, erwartet sie eine Überraschung …

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Zeit der Liebe – Zeit der Wunder?

1. KAPITEL

Sie war wieder hier – in Moose River, dem Ort, der ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt hatte. Jess erinnerte sich noch genau an jenen Tag, an dem ihre Cousine Kristie sie mit auf diese Party genommen hatte. Der Tag, an dem sie ihr Herz verloren hatte, an Lucas, ihre große Liebe …

Jess schob die kalten Hände in die Jackentaschen und atmete tief die frische Abendluft ein. Das kleine kanadische Bergdorf kam ihr immer noch vertraut vor, obwohl sich viel verändert hatte, seit sie zum letzten Mal hier gewesen war, genau vor sieben Jahren.

Als Jess das Stellenangebot gelesen hatte, dass im Medizinischen Zentrum eine Krankenschwester gesucht wurde, hatte sie sich gleich beworben, denn sie hatte schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken gespielt, nach Moose River zu ziehen. Sie liebte diesen Ort, an dem sie bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr fast jedes Weihnachtsfest mit ihrer Familie gefeiert hatte.

Das kleine Dorf sah wunderschön aus in der Abenddämmerung – wie in einem Wintermärchen. Dächer und Straßen waren dick mit Pulverschnee bedeckt, und die Lichter, die aus den Hotels und Ferienapartments drangen, funkelten wie Hunderte von Edelsteinen. Der Geruch von Kaminfeuer und Tannennadeln löste ein wohliges Gefühl in Jess aus. Es duftete nach Winter, nach Weihnachten – und nach Lucas.

Jess schüttelte den Gedanken ab, denn sie war nicht hierhergekommen, um ihrer verlorenen Liebe nachzutrauern, sondern um ein neues Leben zu beginnen. Dies war der Ort, an dem sie früher glücklich gewesen war, und genau das wollte sie auch wieder werden.

An der strengen Kälte, die in den Wintermonaten hier herrschte, störte Jess sich nicht, denn in ihrer Heimatstadt Vancouver war das Wetter meistens schlechter. Herbst und Winter waren zwar mild, aber dafür regnete es dauernd, und Jess hatte mittlerweile einfach genug von der ständigen Feuchtigkeit.

Sie sah sich um und stellte dabei fest, dass sich auch in dieser Straße einiges verändert hatte. Neben dem großen Fünf-Sterne-Hotel Moose River, das noch genauso imposant wie früher wirkte, gab es mehrere neue Gebäude, von denen ihr eines sofort ins Auge sprang: Es war ein nicht allzu großes, aber auffallend schönes Hotel gegenüber der Bushaltestelle, das den Namen Crystal Lodge trug.

Es schneite wieder stärker, und Jess versuchte, die weißen Flocken mit der Zunge aufzufangen, wie sie es als Kind so gern getan hatte. Doch sie war kein kleines Mädchen mehr, sondern beinahe fünfundzwanzig und Mutter einer sechsjährigen Tochter. Ja, Jess hatte sehr früh lernen müssen, dass das Leben alles andere war als ein schönes Märchen mit einem Happy End. Und dass es verdammt hart sein konnte.

Vor sieben Jahren hatte Jess noch voller Träume gesteckt und war davon überzeugt gewesen, dass alles möglich war, wenn man es nur wollte. Und sie wollte einen Märchenprinzen, den sie bis heute nicht vergessen konnte – Lucas.

Jess erinnerte sich nur zu gut an jenen Tag, an dem sie ihm zum ersten Mal begegnet war – am Sessellift, wo er, damals noch Student, im Team des Moose River Alpine Resort gearbeitet hatte. Siebzehn Jahre war sie damals alt gewesen, naiv und völlig unerfahren. Als Tochter wohlhabender Eltern, überbehütet und verwöhnt, war sie nie auf die Idee gekommen, dass sich ihr Leben von einem Moment auf den anderen drastisch ändern könnte.

Da ihr Vater damals äußerst streng gewesen und ihr vieles nicht erlaubt worden war, hatte Jess, anders als die meisten Mädchen ihres Alters, kaum Gelegenheit gehabt, sich mit Jungs zu treffen und Erfahrungen zu sammeln. Doch genau das hatte sie gewollt: Sie wollte wissen, wie das Leben wirklich war in dieser großen Welt, die ihr so faszinierend erschien.

Und dann war da plötzlich Lucas – für Jess der Inbegriff von Abenteuerlust und Freiheit. Er bot ihr die Chance, all das zu erleben, was sie noch nicht kannte und sich so aufregend und schön vorstellte. Doch Jess’ Freiheit war nur von kurzer Dauer gewesen, und die Welt, die sie erobern wollte, viel unerbittlicher als gedacht. Die Realität hatte sie knallhart getroffen und erwachsen werden lassen – viel schneller, als ihr lieb gewesen war.

Ein Geländewagen hielt direkt vor Jess, und das riss sie aus ihren Gedanken. Die Fensterscheibe auf der Fahrerseite glitt hinab, und der Fahrer sprach sie direkt an. „Jess Johnson?“

„Ja?“

Da stieg der Mann aus und gab ihr freundlich die Hand. „Ich bin Cameron Baker vom Moose River Medical Center, wir haben heute Morgen miteinander telefoniert.“

„Oh, hallo, freut mich, Sie kennenzulernen“, erwiderte Jess höflich und schüttelte ihm die Hand.

Cameron Baker war ihr neuer Chef und leitete gemeinsam mit seiner Frau Ellen das kleine Medizinische Zentrum im Dorf, in dem Jess ihren neuen Job antreten sollte. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen mit dem Gepäck.“ Er wies auf die drei Koffer und mehrere Kartons, die der Busfahrer mittlerweile ausgeladen hatte und die nun neben Jess auf dem Gehweg standen. „Ist das alles?“

„Ja, zumindest an Gepäck. Jetzt muss ich nur noch meine Tochter holen.“

Sie stieg zurück in den Bus, mit dem sie angekommen waren, und hob das schlafende Kind vorsichtig aus dem Sitz. Lily war noch nie zuvor in Moose River gewesen, obwohl Jess gern schon früher mit ihr hierhergekommen wäre, denn der kleine Ferienort hatte besonders Kindern viel zu bieten. Doch Jess hatte nie genügend Geld gehabt für einen Urlaub, und so hatte sie es Jahr um Jahr verschoben.

Aber jetzt war es so weit, jetzt waren sie endlich hier! Jess wollte ihrer Tochter zeigen, wo sie als Kind am glücklichsten gewesen war, die schmerzlichen Erinnerungen, die damit verbunden waren, würde sie jedoch für sich behalten.

Nachdem Cameron ihr Gepäck eingeladen hatte, stieg Jess mit Lily hinten ein. Das kleine Mädchen öffnete dabei nur kurz die Augen und schlief dann gleich wieder ein. Das Personalwohnheim, in dem sich Jess’ Mietwohnung befand, lag nur ein paar Straßen entfernt, sodass sie nicht weit fahren mussten. Jess war sehr froh und dankbar, dass ihr durch den neuen Job auch diese Wohnung angeboten worden war. Es war ein kleines möbliertes Apartment, und die Miete war so günstig, dass Jess sie sich problemlos leisten konnte.

Schon zwei Minuten später hatten sie ihr Ziel erreicht. Jess hob Lily aus dem Wagen und folgte Cameron zu ihrer Wohnung. Als sie den schmalen Gang entlangging, schlug ihr Herz plötzlich schneller, denn sie war früher schon einmal hier gewesen. Nummer dreizehn, vierzehn, fünfzehn – Jess hielt den Atem an, als Cameron nun stehen blieb.

„Das ist es – Nummer sechzehn, hier ist Ihre Wohnung.“

Jess atmete erleichtert auf, denn sie hatte schon befürchtet, dass sie Nummer fünfzehn kriegen würde – das Apartment, in dem damals Lucas gewohnt hatte.

Sie trat mit Lily auf dem Arm ein und trug sie ins Schlafzimmer, wo sie ihre Tochter behutsam aufs Bett legte.

„Meine Frau hat ein paar Sachen für Sie im Kühlschrank deponiert“, sagte Cameron, während er Jess’ Koffer in die Wohnung trug. „Das müsste auf jeden Fall für ein Abendessen und ein Frühstück reichen.“

„Vielen Dank, das ist sehr nett von ihr.“

Cameron lächelte. „Dann sehen wir uns morgen früh um elf an Ihrem neuen Arbeitsplatz. Schönen Abend noch, Miss Johnson.“

Jess schüttelte ihm erneut die Hand. „Danke, das wünsche ich Ihnen auch.“

Nachdem Cameron gegangen war, sah Jess sich in ihrer neuen Wohnung um. Sie war mit schlichten Möbeln ausgestattet und verfügte über ein Wohnzimmer, ein kleines Schlafzimmer, eine noch kleinere Küche, ein Badezimmer und einen kleinen Balkon. Luxus gab es keinen, doch das hatte Jess auch nicht erwartet. Sie war zufrieden mit der Wohnung, denn sie war zweckmäßig, recht gemütlich eingerichtet und groß genug für sie und Lily.

Jess öffnete die Balkontür und trat hinaus ins Freie. Es war inzwischen stockdunkel geworden, aber der Vollmond warf ein sanftes, fahles Licht aufs Dorf. Unwillkürlich wanderte Jess’ Blick zur Wohnung nebenan, zu Apartment fünfzehn, das Lucas damals bewohnt hatte. Dort hatte alles angefangen. Auf der Party, auf der sie einander nähergekommen waren …

Jess schloss die Augen und sah im Geiste alles vor sich: Wie sie mit Lucas auf dem Balkon gestanden und wie er sie zum ersten Mal geküsst hatte. Wie berauscht sie von diesem Kuss gewesen war und sich sofort in Lucas verliebt hatte.

Ja, er war ihr Märchenprinz gewesen, und sie hatte sich eine traumhafte Zukunft mit ihm ausgemalt. Jess hatte ihm ihr Herz geschenkt und dabei nicht geahnt, was das für Konsequenzen haben würde. Konsequenzen, die sich bis heute auf ihr Leben auswirkten.

Heute, mit knapp fünfundzwanzig Jahren, glaubte Jess nicht mehr an Märchenprinzen.

2. KAPITEL

„Mummy?“

Lilys Stimme riss Jess aus ihrer Träumerei, und sie erschauerte, als sie plötzlich spürte, wie kalt es draußen war. Wie lange stand sie denn schon hier auf dem Balkon?

Lily hielt ihr Lieblingskuscheltier im Arm, einen kleinen grauen Plüschkoala, den Jess ihr geschenkt hatte, als sie noch ganz klein gewesen war. Mit ihrem hellblonden Haar und dem herzförmigen Gesicht war sie ein kleines Ebenbild von Jess.

„Mummy, ich hab Hunger“, sagte Lily, als Jess hereinkam und die Balkontür schloss.

Das überraschte Jess, denn Lily hatte selten Appetit, was ihr allmählich Sorgen machte. So war es in der Regel schwierig, etwas zu kochen, das ihrer kleinen Tochter wirklich schmeckte.

„Na komm, schauen wir mal nach, was wir im Kühlschrank finden.“ Jess ging mit Lily in die Küche und entdeckte im Kühlschrank Toastbrot, Milch, Butter, Marmelade, Eier, Käse, Schinken und Tomaten. „Na, damit lässt sich doch was anfangen. Wie wär’s, wenn ich uns Schinken-Käse-Toasts zum Abendessen mache? Oder weichgekochte Eier mit kleinen Toaststreifen?“

Lily nickte. „Au ja. Eier mit Reiterchen.“

Eine Viertelstunde später war das Essen fertig. Lilly schaffte ein Ei mit drei Toaststreifen, den sogenannten Reiterchen, die restlichen drei aß Jess mit Butter und Marmelade.

Danach ging Lily ins Bad, um sich zu waschen und die Zähne zu putzen, dann zog sie ihren Schlafanzug an und legte sich wieder ins Bett. Im Gegensatz zu ihrer kleinen Tochter, die kurz darauf erneut eingeschlafen war, fand Jess noch keine Ruhe, weil ihr einfach zu viel durch den Kopf ging. Nach einer Stunde gab sie es schließlich auf und schlich in die Küche, um sich Tee zu kochen.

Ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, nach Moose River zu kommen? Im Grunde war es paradox, zu glauben, dass sie ausgerechnet an dem Ort glücklich werden sollte, an dem sich vor sieben Jahren ein großes Drama abgespielt hatte. Doch Jess brauchte diesen neuen Job, der ihr so viele Vorteile bot. Als alleinerziehende Mutter war sie auf regelmäßige Arbeitszeiten angewiesen, und genau die wurden ihr im Medical Center von Moose River geboten, und das sogar mit dem Bonus einer Wohnung, die ausgesprochen günstig war. So konnte Jess morgens zu Hause bleiben, bis Lily zur Schule aufbrach, und kurz nach Lilys Schulschluss war auch ihre Arbeitszeit zu Ende, sodass sie keinen Babysitter brauchte, der eine Menge Geld kostete. Sie musste keine Überstunden oder Extraschichten einlegen, um eine teure Miete oder Kinderbetreuung zu bezahlen.

Es gab aber auch noch andere Dinge in Moose River, die Jess wichtig waren. In dem beschaulichen kleinen Dorf würde Lily eine unbeschwerte Kindheit haben, denn hier konnte sie sich – anders als in einer Großstadt – frei bewegen, was Jess als Kind und Teenager verwehrt geblieben war. Ja, Lily sollte eine Kindheit ohne Sorgen haben, voller Spaß und spannender Erfahrungen.

Jess ging mit ihrer Tasse zum Balkon und blickte gedankenversunken hinaus. Wo Lucas jetzt wohl sein mochte? Und was er wohl gerade tat?

Vielleicht leitete er ein großes Strandcafé am Bondi Beach, hatte eine hübsche Frau und Kinder, die die gleichen tollen blauen Augen hatten wie er, und sie waren eine glückliche Familie.

Möglicherweise hatte es das Schicksal aber auch nicht so gut mit ihm gemeint, und er hatte Pech gehabt. Weshalb sollte er ein glückliches und sorgenfreies Leben führen, während sie schwer kämpfen musste, um als alleinerziehende junge Mutter über die Runden zu kommen? Vielleicht hatte Lucas irgendeinen schlecht bezahlten Job und war dick und unansehnlich geworden. Ob sie sich dann besser fühlen würde?

Nein, ganz sicher nicht. Sie wünschte Lucas nichts Schlechtes, im Gegenteil, was hätte sie denn auch davon? Lucas war ihr Märchenprinz gewesen, doch das war Vergangenheit. Der Traum war ausgeträumt, und Jess befand sich im realen Leben.

Sie atmete tief durch. Es hatte keinen Sinn, mit der Vergangenheit zu hadern, denn was passiert war, ließ sich nicht mehr ändern, und sie hatte ihren Weg bewusst gewählt. Sie hatte sich dafür entschieden, Lily zu behalten und würde das auch nie bereuen. Jess liebte ihre Tochter über alles, sie war das Einzige, das sie noch hatte.

Und Lucas? Ihr Vater hatte wohl doch recht gehabt. Sie hatte Lucas nichts bedeutet, sonst hätte er schon längst versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Nein, er würde nicht mehr kommen und sie retten wie der edle Ritter, und sie täte gut daran, sich solche Träume endlich aus dem Kopf zu schlagen.

Die ersten zwei Wochen in Moose River waren ausgesprochen gut verlaufen. Lily fühlte sich in ihrer neuen Schule wohl und hatte sehr schnell Freundinnen gefunden. Sie war begeistert vom Skiunterricht, der nach der Schule angeboten wurde, und Jess freute sich schon darauf, am Wochenende zum ersten Mal mit ihr auf die Piste zu gehen, um zu sehen, was sie schon so alles konnte.

Und dass sie bereits viel konnte, daran hatte Jess nicht den geringsten Zweifel. Lily war ein aufgewecktes kleines Mädchen, das über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügte – ganz im Gegensatz zu Jess, die früher ausgesprochen schüchtern und zurückhaltend gewesen war. Aber Jess freute sich darüber und hatte sich fest vorgenommen, Lilys Tatendrang zu fördern und ihr so viel Freiraum wie möglich zu lassen. Sie sollte ihre Grenzen testen dürfen, ohne ständig überwacht und kontrolliert zu werden, so wie es bei Jess der Fall gewesen war.

Lilys beste Freundin war ein Mädchen namens Annabel, und ihre Mutter Fleur besaß die beliebte Konditorei in der Hauptstraße. Schon seit der zweiten Woche ging Lily täglich nach der Schule mit Annabel dorthin und blieb so lange, bis Jess sie nach Dienstschluss abholte.

Anfangs war es Jess nicht unbedingt so recht gewesen, Fleur täglich ihre Tochter aufzubürden, doch die warmherzige Frau hatte ihr versichert, dass dies keine Mühe für sie wäre, ganz im Gegenteil. Wenn Lily da sei, langweile Annabel sich nicht, was ihr, Fleur, wiederum zugutekam. Auch wenn es Jess immer wieder Überwindung kostete, andere um Hilfe zu bitten, hatte sie doch einsehen müssen, dass sie nicht alles allein schaffen konnte. Jeder Mensch brauchte hin und wieder Hilfe, und Jess war froh, dass sie in Moose River so viel Unterstützung fand. Das war einer der Vorteile, die das Leben in einer kleinen Gemeinschaft mit sich brachte, wo einer für den anderen da war. In Vancouver war Jess mit Lily viel allein gewesen und hatte dieses Gefühl der Zugehörigkeit vermisst.

Ihre Einarbeitung im Medizinischen Zentrum verlief ebenfalls problemlos. Jess hatte überwiegend Routineaufgaben zu erledigen, was zwar nicht besonders spannend war, doch dafür hatte sie auch keinen Stress. Sie konnte pünktlich gehen, sodass Lily nicht lange auf sie warten musste. Auch die Wochenenden waren frei, was Jess genügend Zeit für ihre kleine Tochter ließ, und das war für sie das Allerwichtigste.

Jess blickte auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zum Dienstschluss. Heute war Freitag, und sie freute sich schon auf zu Hause, weil ihre Cousine Kristie sie besuchen und das ganze Wochenende bleiben würde. Gerade schaltete Jess den Computer aus, da kam Donna, die Pflegedienstleiterin, herein.

„Hör mal, Jess, kannst du heute etwas länger arbeiten? Eben kam ein Anruf aus dem Crystal Lodge. Dort ist eine Schwangere, sie ist in der sechsunddreißigsten Woche und hat das Gefühl, dass die Wehen bei ihr eingesetzt haben. Es scheint aber nicht so dramatisch zu sein, deshalb wollte ich dich bitten, ob du mal nach ihr sehen könntest, geht das? Und wenn du es für nötig hältst, schicken wir gleich einen Arzt hin.“

Jess überlegte kurz. Kristie hatte ihr eine SMS geschickt, dass sie bereits vor einer Stunde angekommen war. Wenn sie Lily bei Fleur abholen könnte, wäre das eine Lösung. „Okay, lass mich nur kurz ein paar Dinge regeln, dann gehe ich gleich hin.“

Nachdem Jess ihre Cousine angerufen und alles Nötige mit ihr geklärt hatte, machte sie sich auf den Weg zum Crystal Lodge, dem neuen Fünf-Sterne-Hotel, das ihr schon bei ihrer Ankunft in Moose River aufgefallen war. Es war ein eher kleines, aber sehr ansprechendes Hotel, das keinesfalls pompös wirkte, sondern von einer zurückhaltenden Eleganz gekennzeichnet war. Gleich neben dem Haupteingang auf der Südseite des Gebäudes befand sich eine weitläufige Terrasse, die bei gutem Wetter zum Verweilen einlud und den Blick auf das Stadtzentrum freigab.

Als Jess am Hotel ankam, sah sie wieder den roten Pferdeschlitten mit dem großen braunen Pferd vor dem Haupteingang stehen, den ihre Tochter schon vor ein paar Tagen so bewundert hatte. Lily, die sehr für Pferde schwärmte, bettelte seitdem ständig, dass sie mal mit dem Schlitten fahren durfte, und Jess hatte sie vertröstet, weil sie befürchtete, dass sie sich das nicht leisten konnte. Trotzdem wollte sie sich in den nächsten Tagen nach dem Preis erkundigen und Lily die Fahrt vielleicht zu Weihnachten schenken.

Wie schon so oft plagte sie auch jetzt das schlechte Gewissen, weil sie ihrer Tochter viele Wünsche nicht erfüllen konnte. Mit ihrem Job als Krankenschwester verdiente sie gerade mal genug, um den Lebensunterhalt für sich und Lily zu bestreiten, irgendwelche Extras waren da nur selten drin. Und als sie schließlich das Crystal Lodge betrat, wurde Jess noch mehr bewusst, wie sehr ihr Leben sich verändert hatte. Früher, als sie noch bei ihren wohlhabenden Eltern lebte, war Geld kein Thema gewesen. Sie hatte sich alles leisten können, was ihr Herz begehrte, während sie heute jeden Dollar zweimal umdrehen musste.

Obwohl bis Weihnachten noch vier Wochen vergingen, war die Lobby bereits festlich dekoriert, und im Kamin brannte ein knisterndes Feuer, was die gemütliche Atmosphäre noch unterstrich.

Jess trat an die Rezeption und fragte nach der Schwangeren.

„Gut, dass Sie so schnell kommen konnten“, erwiderte die Dame am Empfang. „Die Frau heißt Aimee Bertillon, Sie finden sie in Zimmer dreihundertfünf im dritten Stock.“

Jess bedankte sich und fuhr dann mit dem Lift nach oben. Auf ihr Klopfen öffnete ein Zimmermädchen.

„Gott sei Dank!“, rief die junge Frau erleichtert. „Ich musste die ganze Zeit hierbleiben und auf Mrs. Bertillon aufpassen, bis jemand kommt. Sie liegt im Bett und stöhnt vor Schmerzen. Ich mach mich jetzt wieder an die Arbeit, bleibe aber auf dem Stockwerk, falls Sie etwas brauchen.“ Sie lächelte. „Rufen Sie mich einfach, wenn was ist, ich heiße Margaret.“

Jess erwiderte ihr Lächeln. „In Ordnung, Margaret, vielen Dank.“

Rasch ging sie zu der Schwangeren und untersuchte sie behutsam. Dabei erzählte Aimee ihr, dass dies ihre erste Schwangerschaft sei und sie bisher keinerlei Probleme gehabt habe. Deshalb hätte sie auch gemeinsam mit ihrem Mann beschlossen, vor der Geburt des Kindes noch einmal in Winterurlaub zu fahren.

„Heute früh fing es mit Rückenschmerzen an, und seit ein paar Stunden habe ich so ziehende Schmerzen im Bauch“, berichtete sie weiter. „Und wenn ich … auuuh …“

Aimee krümmte sich vor Schmerzen, und Jess war sich sofort sicher, dass Aimee wirklich Wehen hatte. Sie blickte auf die Uhr, um die Dauer der Kontraktion zu messen.

Als die Wehe vorüber war, überprüfte Jess die Lage des Babys und stellte dabei fest, dass Aimees Muttermund schon weit geöffnet war. Die Geburt stand also kurz bevor, was bedeutete, dass ein Arzt hermusste.

„Wo ist denn Ihr Mann?“, erkundigte sich Jess.

„Auf der Piste. Warum, ist es … schon so weit?“

„Ja, das Baby ist bereits im Anmarsch, es wird nicht mehr lange dauern. Sie sollten ihm Bescheid sagen, falls er bei der Geburt dabei sein will. Hat er ein Handy, können Sie ihn anrufen? Oder soll ich das für Sie machen?“

„Ach du meine Güte, das kommt jetzt aber plötzlich!“, rief Aimee bestürzt. „Ich … ich rufe ihn gleich an.“ Sie nahm ihr Handy vom Nachttisch und schüttelte dabei den Kopf. „Also ich verstehe das nicht … ich hab doch bis vor ein paar Stunden noch gar nichts gespürt. Aber vielleicht …“ Sie biss sich verlegen auf die Lippe. „Vielleicht hatten wir einfach zu viel Sex in letzter Zeit. Kann es sein, dass dadurch die Wehen ausgelöst werden?“

Jess konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal zu viel Sex gehabt hatte. Tatsächlich wusste sie nicht einmal, wann sie überhaupt zum letzten Mal mit einem Mann zusammen gewesen war.

„Nein, ganz bestimmt nicht, machen Sie sich darüber keine Gedanken“, beruhigte sie die Schwangere. „Babys kommen häufig früher als erwartet und oft ohne ersichtlichen Grund. Ich rufe gleich im Medizinischen Zentrum an und fordere einen Arzt und einen Krankenwagen an. Und Sie informieren bitte Ihren Mann, okay?“

Aimee nickte, und Jess ging kurz aus dem Zimmer, um den Anruf zu tätigen. Als sie zurück zu der Patientin kam, kämpfte die schon mit der nächsten Wehe, und Jess unterstützte sie dabei so gut wie möglich. Die Wehen kamen mittlerweile schon alle zwei Minuten, was Jess nun doch etwas beunruhigte. Wenn der Krankenwagen nicht bald eintraf, würde sie Aimee entbinden müssen. Jess hatte in dieser Hinsicht zwar bereits einige Erfahrung, aber ohne Arzt oder Hebamme war es schon riskant.

Jess ging ins Bad und nahm alle frischen Handtücher mit, die dort zu finden waren, dann bat sie Margaret, noch mehr Handtücher zu besorgen. Danach fragte sie Aimee, ob sie ihren Mann schon erreicht hätte.

„Nein, es meldet sich immer nur die Mailbox“, klagte Aimee und krümmte sich erneut vor Schmerzen. „Vielleicht … kann man ihn … irgendwie … anders erreichen.“

„Bestimmt.“ Als Margaret mit den Handtüchern kam, fragte Jess die junge Frau nach einer Möglichkeit, den werdenden Vater zu benachrichtigen.

„Da muss ich an der Rezeption nachfragen. Warten Sie kurz, ich bin gleich wieder da.“

Jess nickte und hoffte inbrünstig, dass der Krankenwagen endlich kam. Seit ihrem Anruf waren zwar erst zehn Minuten vergangen, doch es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Kaum hatte sie zwei große Handtücher unter die Patientin geschoben, da platzte Aimees Fruchtblase.

„Okay, Aimee, jetzt geht es los“, sagte Jess und versuchte, dabei nicht zu zeigen, wie aufgeregt sie selbst war. „Das schaffen wir schon, keine Angst.“

Prompt kam auch schon die erste Presswehe, und Aimee schrie erschrocken auf. „Ich glaube, ich … muss pressen …“

„Das ist kein Problem, pressen Sie, wenn Sie den Drang dazu verspüren“, sagte Jess so ruhig wie möglich, um Aimee ein Gefühl von Sicherheit zu geben. „Ich helfe Ihnen, es kann nichts passieren.“

Aimee presste einmal, zweimal, dreimal, und schon mit der dritten Wehe trat das Köpfchen des Babys hervor.

„Gut so, Aimee, ich kann schon das Köpfchen sehen“, ermutigte Jess die werdende Mutter. „Nur noch eine Wehe, dann haben wir’s geschafft.“

Und tatsächlich, Aimee schrie noch einmal auf, und schon glitt das Kind in Jess’ Hände.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte sie lächelnd und zugleich heilfroh, dass die Geburt so glatt verlaufen war. „Sie haben ein Mädchen.“ Sie trennte die Nabelschnur durch und rieb dem Neugeborenen behutsam den Rücken, bis es den ersten Schrei ausstieß, dann legte sie das Kind der jungen Mutter auf die Brust. Und just in diesem Moment ging die Tür auf, und das Notfallteam erschien.

Jess fiel ein Riesenstein vom Herzen – das war noch einmal gut gegangen! Aimee strahlte übers ganze Gesicht, während sie ihr Baby in den Armen hielt, was Jess an Lilys Geburt erinnerte. Sie wusste noch genau, welch überwältigendes Gefühl das gewesen war. Auch sie hatte ihr Baby ohne Beisein seines Vaters zur Welt gebracht, doch im Gegensatz zu Aimee, dessen Ehemann bald kommen würde, war Jess auch danach allein gewesen.

Noch bevor sie wusste, dass sie ein Kind erwartete, war die Skisaison vorbei gewesen und Lucas abgereist. Jess hatte verzweifelt versucht, ihn irgendwie zu finden – doch vergeblich. Sie hatte nur gewusst, dass er in Australien lebte, weiter nichts. Und so war ihr nichts anderes übrig geblieben, als alles ganz allein durchzustehen.

Erst als sie den Behandlungskoffer schloss, merkte Jess, dass ihre Hände zitterten. Während Aimees Entbindung war sie ganz ruhig gewesen, doch jetzt spürte sie, wie die Anspannung aus ihrem Körper wich. Zum Glück waren keine Komplikationen aufgetreten! Aimee und das Baby waren inzwischen gut versorgt und wurden auf einer Bahre aus dem Zimmer geschoben.

Da hörte Jess Stimmen auf dem Korridor. Ob Aimees Mann gekommen war? Nein, unmöglich, so schnell hatte er das ganz bestimmt nicht schaffen können. Dann fiel ihr plötzlich auf, dass einer der Männer mit australischem Akzent sprach, was sie stutzig machte. Aimee hatte nichts davon gesagt, dass ihr Mann Australier wäre.

Jess runzelte die Stirn und hörte genauer hin. Es war eine tiefe männliche Stimme mit eindeutig australischem Akzent, die ihr sehr bekannt vorkam – sie klang nach Lucas!

Ihr Herz begann zu rasen, und sie vergaß für einen Moment zu atmen. Nein, das konnte nicht sein, das war unmöglich! Es war sieben Jahre her, seit sie seine Stimme zum letzten Mal gehört hatte – Jess musste sich täuschen. Sie bildete sich nur ein, dass er es war, weil sie schon so lange davon träumte.

Jess nahm ihren Koffer und trat auf den Gang. Der Arzt und die beiden Sanitäter, die gekommen waren, unterhielten sich mit einem Mann, der mit dem Rücken zu ihr stand. Er war groß, hatte eine sportliche Figur und blondes, leicht zerzaustes Haar.

Das Blut rauschte Jess in den Ohren, und sie hatte das Gefühl, jeden Moment ohnmächtig zu werden. Es war tatsächlich Lucas!

3. KAPITEL

Lucas war ihr nun so nahe, dass sie bloß die Hand auszustrecken brauchte, um ihn zu berühren, doch Jess stand nur wie angewurzelt da und war zu keiner Regung fähig. Und dann drehte er sich plötzlich um, und ihre Blicke trafen sich.

„J J?“

So hatte sie seit sieben Jahren niemand mehr genannt. Es war der Kosename, den Lucas ihr gegeben hatte und den sonst niemand kannte außer ihm.

Jess konnte immer noch nicht fassen, dass er leibhaftig vor ihr stand. Lucas, ihr Traummann mit den tollen blauen Augen und dem kleinen Grübchen auf der rechten Wange, das sich bei jedem Lächeln zeigte. Und als er sie dann auch noch kurz umarmte, wurde sie von ihren Emotionen förmlich übermannt.

Lucas sah fantastisch aus, noch besser als vor sieben Jahren. Er trug das Haar nun etwas kürzer, aber immer noch leicht zerzaust, sein markantes Gesicht war sonnengebräunt, was seine blauen Augen zum Strahlen brachte, und der Dreitagebart ließ ihn ausgesprochen männlich wirken. Die schwarze Jeans saß hervorragend, und Lucas hatte die Ärmel des hellblauen Hemdes hochgekrempelt, sodass Jess einen Blick auf seine kräftigen Unterarme werfen konnte.

Sie war derart überwältigt, dass ihr die Worte fehlten. Was suchte Lucas hier? Wieso war er nicht in Australien? „Was … machst du hier?“, brachte sie schließlich stockend hervor.

„Arbeiten“, erwiderte er lächelnd. „Ich bin der Manager vom Crystal Lodge.“

„Der Manager vom Crystal Lodge?“, wiederholte Jess perplex.

„So ist es.“

Sein Lächeln wurde breiter, und Jess spürte Schmetterlinge in ihrem Bauch. Aimee und ihr Baby sowie das Notfallteam waren mittlerweile weg, sodass sie nun allein mit Lucas auf dem Gang stand.

„Bist du hier fertig?“

„Fertig?“, fragte sie verwirrt, denn sie hatte Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen, weil Lucas sie total in seinen Bann zog. Nichts hatte sich geändert, er wirkte noch genauso stark auf sie wie früher!

„Na, mit deiner Arbeit.“

„Oh … ja, ich … ich bin hier fertig.“

„Dann komm, fahren wir zusammen runter.“

Im Fahrstuhl versuchte Jess, möglichst viel Abstand zu Lucas zu halten, denn sein plötzliches Erscheinen brachte sie total durcheinander. Sie wusste überhaupt nicht, was sie sagen oder machen sollte. Sieben lange Jahre hatte sie von ihm geträumt, und jetzt stand er wahrhaftig vor ihr!

Jess lehnte sich an die Wand, denn Lucas’ spezieller Duft, der sie schon damals unwiderstehlich angezogen hatte, nahm sie erneut gefangen. Er roch nach Winter in den Bergen, nach frischen Tannennadeln, und der Drang, ihn zu berühren, wurde nun so stark, dass sie die Hände zu Fäusten ballte, um sich daran zu hindern. Und dann tat Lucas auch noch etwas, das sie völlig aus der Fassung brachte. Er kam ihr nun ganz nahe und strich ihr so sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht, dass Jess ein heißes Prickeln überlief.

„Dein Haar ist kürzer als früher, steht dir aber gut“, sagte er lächelnd.

Verdammt, wie konnte er so locker bleiben, während in ihrem Kopf völliges Chaos herrschte? Jess atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Lucas sollte nicht merken, wie aufgeregt sie seinetwegen war.

„Danke“, mehr fiel ihr nicht ein.

Der Aufzug hielt im Erdgeschoss, und die Türen gingen auf, doch Jess blieb unbeweglich stehen. Ihre Knie waren weich, und sie hatte das Gefühl, als wäre sie am Boden festgewachsen. Warum war Lucas hier? Was bedeutete das für sie? Und was für Lily?

„Mr. White?“ Ein Page trat auf Lucas zu. „Mr. Bertillon ist hier und wartet an der Rezeption. Was soll ich ihm sagen?“

„Sagen Sie, ich komme gleich. Und bestellen Sie ihm ein Taxi, damit er seiner Frau in die Klinik folgen kann.“

Nachdem der Page weggegangen war, wandte Lucas sich erneut an Jess, die den Fahrstuhl inzwischen verlassen hatte. „Hör zu, Jess, ich brauche nur fünf Minuten für Mr. Bertillon, dann bin ich gleich wieder bei dir. Hast du Zeit für einen Kaffee?“

Sie schüttelte den Kopf, denn das alles war zu viel für sie, Jess musste diesen Schock erstmal verdauen. „Ich … ich kann nicht, ich muss zurück zur Arbeit“, log sie, um sich irgendwie herauszuwinden.

„Macht nichts, dann sehen wir uns eben später.“ Er drückte sanft ihren Arm, und sie hatte das Gefühl, als würde ihre Haut unter der Berührung brennen. „Bis bald, J J.“

Auf dem Heimweg wirbelten Jess’ Gedanken wild durcheinander, denn das unerwartete Wiedersehen mit Lucas hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. Wieso war er in Moose River? Und warum wollte er sie sehen? Was wollte er von ihr?

Jess war nicht mehr das naive junge Mädchen von damals, sondern Mitte zwanzig und Mutter einer kleinen Tochter, von der Lucas nichts wusste. Nein, sie konnte keinen Kaffee mit ihm trinken, dazu war sie viel zu aufgewühlt. Zuerst musste sie ihre Gedanken ordnen und überlegen, wie sie mit der ganzen Sache umgehen sollte. Und darum musste sie ihm vorerst aus dem Weg gehen.

Damals, mit knapp achtzehn Jahren, hatte Jess sich auf den ersten Blick in ihn verliebt – und in den vergangenen sieben Jahren immer wieder versucht, sich einzureden, dass es keine tiefen Gefühle waren, die sie für Lucas empfand, sondern nur die Schwärmerei eines naiven jungen Mädchens, das von der großen Liebe träumte. Was sie mit Lucas hatte, war lediglich ein Urlaubsflirt gewesen, weiter nichts.

Aber war es wirklich so? Ein Lächeln und eine einzige Berührung von ihm hatten genügt, um ihr Herz in Flammen zu setzen. Es war genau wie früher, nichts hatte sich geändert. Nein, sie war nie über ihn hinweggekommen, wie hätte sie ihn auch vergessen können, da ihre kleine Tochter sie jeden Tag an ihn erinnerte?

Natürlich war Jess klar, dass sie ihn nicht ewig meiden konnte, dazu war Moose River einfach zu klein, und früher oder später würde sie ihn zwangsläufig irgendwo wieder treffen. Außerdem würde sie es ohnehin nicht schaffen, ihn zu ignorieren, denn sie wollte unbedingt wissen, wie es ihm in den letzten sieben Jahren ergangen war. Wie viel sie ihm jedoch von sich erzählen würde, musste sie noch überlegen.

„Mummy, wo warst du denn so lange?“, rief Lily vorwurfsvoll, als Jess die Wohnungstür aufschloss. „Kristie hat mich abgeholt, und wir warten schon ’ne Ewigkeit!“

„Es tut mir leid, mein Schatz, ich musste länger arbeiten.“ Jess nahm ihre kleine Tochter liebevoll in den Arm und gab ihr einen Kuss.

Normalerweise brauchte sie nach einem anstrengenden Arbeitstag nur in Lilys strahlendes Gesicht zu sehen, und schon hob sich ihre Laune, doch heute war es anders. Jess konnte nur an Lucas denken und fragte sich in einem fort, wie sie mit der Situation umgehen sollte.

Als sie ins Wohnzimmer trat, kam Kristie auf sie zu und umarmte sie. „Hi Jess, da bist du ja. Was war denn los, gab’s Probleme bei der Arbeit?“

„Nein, alles bestens.“

Kristie runzelte die Stirn, denn sie merkte gleich, dass da etwas nicht stimmte, irgendwas war passiert. „Lily, zeigst du deiner Mummy deinen neuen Skianzug?“, forderte sie die Kleine auf, um kurz allein mit Jess zu sein. „Sie möchte ihn bestimmt gern sehen.“

Lily lief sogleich ins Schlafzimmer, um den neuen Anzug anzuziehen, und Kristie wandte sich erneut an Jess. „Was ist denn los, du siehst so komisch aus. Ist mit der Patientin im Hotel etwas schiefgelaufen?“

„Nein, da war alles gut.“ Eigentlich wollte Jess vorerst nichts über die Begegnung mit Lucas erzählen, doch Kristie konnte sie so leicht nichts vormachen. Sie merkte Jess immer sofort an, wenn sie etwas bedrückte. „Es … ist Lucas.“

Kristie zog die Brauen hoch. „Lucas? Wieso Lucas?“

Jess ließ sich erschöpft aufs Sofa sinken. „Er ist nicht in Australien, sondern hier.“

„Hier? In Moose River?“

„Ja.“

„Aber wieso? Was macht er hier?“

„Er ist der Manager vom Crystal Lodge.“

„Der Manager vom Crystal Lodge?“ Kristie setzte sich zu Jess auf die Couch. „Jetzt bin ich aber platt! Woher weißt du das?“

„Weil ich ihn dort getroffen habe.“

„Wie bitte?“

Jess atmete tief durch. „Du hast schon richtig gehört. Als ich mit der Patientin fertig war, hab ich ihn auf dem Gang getroffen und sogar mit ihm gesprochen.“

„Ach du meine Güte! Was hat er denn gesagt? Und was hast du zu ihm gesagt?“

„Nicht besonders viel, dazu war ich viel zu perplex.“ Jess war immer noch so durcheinander, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Aber eines wusste sie noch ganz genau: Wie toll Lucas ausgesehen und welche Wirkung er auf sie gehabt hatte …

„Guck mal, Mummy, ist der nicht schön?“ Lily kam in ihrem neuen lila Skianzug ins Wohnzimmer gehüpft und strahlte dabei wie ein Weihnachtsengel.

„Sehr schön, Liebes.“ Jess zwang sich zu einem Lächeln, denn Lily sollte nicht merken, wie aufgewühlt sie war. „Nachher zum Essen musst du ihn aber wieder ausziehen, ich mach uns gleich etwas.“

„Ich will aber nichts essen, ich will lieber noch den schönen Skianzug anbehalten.“

„Hier in der Wohnung ist es dafür doch viel zu warm, Lily. Außerdem möchtest du doch nicht, dass er beim Essen schmutzig wird, oder?“

Lily verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Ich mag nichts essen, ich hab keinen Hunger.“

„Ich hab ihr nach der Schule einen Burger mit Pommes gekauft“, erklärte Kristie. „Deshalb hat sie jetzt noch keinen Hunger.“

„Und das hat sie alles gegessen?“

„Die Pommes ganz und die Hälfte von dem Burger.“

Das freute Jess, denn normalerweise aß Lily oft beunruhigend wenig. Doch die frische Bergluft schien dem Mädchen gutzutun und ihren Appetit anzuregen, und Jess hoffte, dass es auch so blieb.

„Also gut, dann brauchst du jetzt nichts mehr zu essen, aber duschen musst du vor dem Schlafengehen schon“, sagte sie mit sanftem Nachdruck. „Nun geh ins Bad und mach dich fertig, dann darfst du im Bett noch einen kleinen Zeichentrickfilm auf dem Notebook sehen.“

Damit war Lily einverstanden und ging ohne Murren ins Schlafzimmer, um sich auszuziehen. Und während Jess sie kurz darauf ins Bett brachte, bestellte Kristie Pizza und deckte den Tisch.

„Und was jetzt?“, fragte sie schließlich gespannt, als sie wenig später in der Küche saßen und die Pizza aßen. „Was hast du vor?“

„Keine Ahnung, vorerst nichts.“

„Nichts? Das geht nicht, Jess, du musst mit Lucas sprechen. Er hat ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren.“

„Ach was, er hat überhaupt keine Rechte, was Lily betrifft!“, widersprach Jess gereizt. „Er hat sich all die Jahre nicht um uns geschert, hat nicht einmal versucht, mit mir in Kontakt zu treten. Also geht ihn unser Leben gar nichts an.“

„Er hat doch keine Ahnung, dass es Lily gibt, und hätten wir ihn damals ausfindig gemacht, hätte er sich ganz bestimmt um euch gekümmert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lily ihm egal gewesen wäre.“

„Wir haben ihn aber nicht gefunden, weil er nicht gefunden werden wollte – so einfach ist das. Mein Leben ist okay, so wie es ist, ich will gar nichts daran ändern.“

„Und was ist mit Lily?“, wandte Kristie ein. „Hat sie denn kein Recht, zu wissen, wer ihr Vater ist?“

Jess presste grimmig die Lippen zusammen, denn sie wollte darauf keine Antwort geben.

„Früher oder später wirst du es ihm sagen müssen“, beharrte Kristie. „Du kannst das nicht ewig aufschieben.“

Das war Jess natürlich klar, doch sie war einfach noch nicht dazu bereit, mit Lucas zu sprechen. „Ach Kristie, ich weiß doch überhaupt nicht, wie er heute ist. Es ist sieben Jahre her, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben, und in dieser Zeit ist viel passiert. Ich habe mich verändert und er natürlich auch. Vielleicht … vielleicht würden wir uns gar nicht mehr so gut verstehen wie früher.“

Obwohl Jess sich all die Jahre so danach gesehnt hatte, Lucas wiederzusehen, war sie nun, wo es tatsächlich wahr geworden war, total verunsichert. Das unerwartete Treffen hatte ihr einen regelrechten Schock versetzt, den sie erst einmal verdauen musste. Was, wenn Lucas Schwierigkeiten machte, wenn er erfuhr, dass er Lilys Vater war? Und was war mit Lily? Wie würde sie die Neuigkeit verkraften? Über all das musste Jess erst gründlich nachdenken, bevor sie irgendwelche vorschnellen Entscheidungen traf.

„Ich … ich muss mir über einiges erst klarwerden, bevor ich mit ihm rede“, sagte sie entschlossen. „Und so lange gehe ich ihm einfach aus dem Weg.“

„So einfach ist das aber nicht, Moose River ist ein kleines Dorf.“

„Das weiß ich auch, aber ich brauche noch ein bisschen Zeit, Kristie. Was auch immer ich mit Lucas hatte, ist vorbei. Er war nur ein Urlaubsflirt, weiter nichts.“

„Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Du warst total verknallt in ihn, und das Ergebnis davon liegt drüben im Schlafzimmer. Du kannst Lucas nicht aus deinem Leben ausschließen, weil du durch Lily immer mit ihm verbunden bist.“

Jess seufzte auf, denn genau das war der Punkt. Und wie sie damit umgehen sollte, wusste sie noch nicht.

4. KAPITEL

Normalerweise ließ Lucas sich nicht leicht aus der Ruhe bringen, doch das Wiedersehen mit Jess hätte ihn fast umgehauen. Völlig unerwartet stand sie plötzlich vor ihm, und als er sich schließlich von dem ersten Schreck erholt hatte und sie zum Kaffee einladen wollte, hatte sie ihm einen Korb gegeben. Warum?

Und weshalb war er ihr nicht nachgelaufen? Warum hatte er sie gehen lassen, nachdem er sieben Jahre auf ein Wiedersehen mit ihr gewartet hatte? Gut, er hatte sich um Mr. Bertillon kümmern müssen, aber das hatte ja nur fünf Minuten gedauert, und danach war Jess weg gewesen.

Lucas war so aufgewühlt, dass er sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren konnte. Schließlich zog er seinen Mantel an und teilte seiner Assistentin mit, dass er mal kurz weg müsse. Er musste nachdenken, und das ging am besten draußen an der frischen Luft.

Nachdem er etwa zehn Minuten lang unterwegs war, kam ihm die Idee, nach Jess zu suchen. Da sie wegen eines Arbeitseinsatzes im Hotel gewesen war, ging er davon aus, dass sie im Medizinischen Zentrum beschäftigt war. Außerdem hatte sie gesagt, dass sie zurück zur Arbeit musste, also vermutete er, dass sie jetzt dort war.

Im Medizinischen Zentrum angekommen, trat er an die Rezeption, wo Donna saß. „Ich suche eine Ärztin namens Jess Johnson. Wo finde ich die bitte?“

„Jess Johnson?“, wiederholte Donna. „Jess ist keine Ärztin, sondern Krankenschwester.“

Lucas runzelte überrascht die Stirn. „Oh, das wusste ich nicht, ich dachte … naja, sie war vor einer halben Stunde in meinem Hotel und hat dort eine Schwangere entbunden. Ich bin Lucas White, Manager des Crystal Lodge. Ich hatte vorhin angerufen, weil wir einen Arzt brauchten, und Miss Johnson ist gekommen.“

„Ich weiß, wir haben Jess geschickt, weil unsere Ärzte gerade alle im Einsatz waren“, erklärte Donna. „Sie sollte die Patientin untersuchen und bei Bedarf einen Arzt anfordern, was sie auch getan hat. Aber dann ging alles sehr schnell, und das Baby war bereits da, bevor das Team dort angekommen ist. Jess ist schon nach Hause gegangen, aber wenn es Probleme gab, würde ich sie …“

„Nein, nein, es gab keine Probleme, alles war in bester Ordnung“, versicherte Lucas schnell, denn er hatte ja nur wissen wollen, wo Jess war. „Vielen Dank für die Auskunft.“ Da Donna ihm bestimmt nicht Jess’ Privatadresse nennen würde, verabschiedete er sich höflich.

Draußen war es inzwischen nicht nur dunkel, sondern auch noch kälter geworden, sodass Lucas den Kragen seines Mantels hochschlug. Krankenschwester war Jess also, hm … Lucas erinnerte sich noch gut daran, dass sie eigentlich Ärztin hatte werden wollen. Warum hatte sie sich dagegen entschieden? Es gab viele Fragen, die er ihr gern gestellt hätte, denn er hatte häufig überlegt, was aus ihr geworden war, nachdem sie sich hatten trennen müssen.

Lucas schüttelte den Kopf, als er daran dachte, welch ein Drama das gewesen war. Hätte er damals gewusst, dass er Jess nicht wiedersehen würde, hätte er sich nicht so leicht verjagen lassen. Von ihrem Vater, der außer sich vor Wut gewesen war, weil Jess mit ihm, Lucas, geschlafen hatte.

Nach dem Ende der Skisaison war er schließlich nach Australien zurückgeflogen und hatte sich geschworen, etwas aus seinem Leben zu machen, damit er ihrem Vater imponieren konnte. Sieben Jahre war das nun schon her, viel länger als geplant. Aber das war jetzt egal, denn nun war er wieder hier und konnte ihr beweisen, dass er nicht der verantwortungslose Nichtsnutz war, als den ihr Vater ihn bezeichnet hatte.

Jess … das süße Mädchen mit dem langen blonden Haar, das sein Herz im Sturm erobert hatte. Obwohl Lucas seitdem mehrere Beziehungen gehabt hatte, konnte er Jess niemals vergessen. Und obwohl es alles hübsche, nette Frauen waren, hatte er sich nie in sie verliebt, denn keine hatte ihn so fasziniert wie Jess. Sie war das Mädchen seiner Träume – die unwiderstehliche Mischung aus Schönheit, Intelligenz, Unschuld und heißer Leidenschaft.

Nur sieben Tage hatte er mit ihr gehabt, aber diese eine Woche hatte sein Leben entscheidend geprägt. Was zwischen ihm und Jess passiert war, hatte ihn zu dem gemacht, was er heute war – entschlossen, zielgerichtet und erfolgreich im Beruf. Und all die Jahre hatte ihn der Gedanke begleitet, seine Traumfrau wiederzusehen und sie davon zu überzeugen, dass er ihrer wert war.

Als sich ihm vor neun Monaten schließlich die Gelegenheit geboten hatte, das Crystal Lodge zu übernehmen, hatte Lucas sofort zugegriffen. Und schon kurz nach seiner Ankunft in Moose River hatte er versucht herauszufinden, ob Jess hier gewesen war, was aber nicht der Fall zu sein schien. Warum war sie nicht mehr hergekommen? Was war passiert?

Und warum hatte sie sich so seltsam verhalten? Weshalb war sie derart distanziert gewesen? Nicht mal eine Tasse Kaffee hatte sie mit ihm trinken wollen, doch warum? Hatte sie sich nicht gefreut, ihn wiederzusehen? Interessierte es sie nicht, wie es ihm in den letzten sieben Jahren ergangen war?

Nein, so war es sicher nicht, Lucas hatte ihr ganz deutlich angemerkt, dass auch sie das Wiedersehen alles andere als kaltgelassen hatte. Als er sie umarmt hatte, war es, als wären sie nie getrennt gewesen, und er hatte gespürt, dass Jess ähnlich empfand. Also musste er sie wiedersehen, unbedingt!

Lucas überlegte, wo sie wohnen könnte. Vielleicht in dem Ferienhaus, das, soweit er wusste, ihren Eltern gehörte. Schon fünf Minuten später stand er davor und drückte auf den Klingelknopf, doch niemand öffnete. Nirgendwo im Haus brannte Licht, es schien unbewohnt zu sein. Schade, es wäre auch zu schön gewesen.

Auf dem Weg zurück zum Crystal Lodge kam er an dem mehrstöckigen Personalwohnheim vorbei, in dem er damals mit seinem Kumpel Sam gewohnt hatte – Nummer fünfzehn hatten sie gehabt. Das Apartment lag im Dunkeln, aber in der Wohnung nebenan brannte Licht. Lucas ließ seinen Blick wieder zu Nummer fünfzehn schweifen, wo vor sieben Jahren alles angefangen hatte.

Hier hatte er Jess zum ersten Mal geküsst, auf der Party, die er und Sam gegeben hatten. Und danach hatte er sich jeden Tag mit ihr getroffen, eine ganze Woche lang. Sie hatte ihm ihr Herz geschenkt, doch er war damals viel zu jung gewesen, um diesen Wert zu schätzen zu wissen. Erst viel später, in Australien, war ihm klar geworden, was er an Jess verloren hatte.

Keine Frau, die er kennengelernt hatte, war wie Jess, keine hatte ihn je so tief berührt wie sie. Und Lucas hatte viel von der Welt gesehen. Während seines Studiums hatte er in verschiedenen Ländern im Hotelgewerbe gearbeitet, um wichtige Kenntnisse und Erfahrungen zu sammeln, die man brauchte, um ein Hotel zu führen. Und jetzt, mit siebenundzwanzig Jahren, hatte er sein Ziel erreicht: Er war Hotelier und konnte Jess und ihrer Familie beweisen, dass er es geschafft hatte. Und dass er ihrer würdig war.

Lucas fröstelte und beschloss, zurück zum Crystal Lodge zu gehen. Es hatte keinen Sinn, noch länger hier herumzustehen und in Erinnerungen zu schwelgen. Er würde morgen weiter nach Jess suchen.

Lucas war schon seit fünf Uhr morgens wach. Er hatte kaum geschlafen, weil die Gedanken an Jess ihn nicht mehr losließen, und so war er sehr früh ins Büro gegangen, wo jede Menge Arbeit auf ihn wartete. Heute startete die Hauptsaison, und das Crystal Lodge war bereits ausgebucht. Das freute Lucas sehr, denn genau das war sein Ziel gewesen – das Hotel zu einem der beliebtesten in Moose River zu machen.

Ja, beruflich war er sehr erfolgreich, nur war ihm plötzlich klar geworden, dass Erfolg allein nicht glücklich machte, wenn man ihn mit niemandem teilen konnte. Und für Lucas gab es nur eine Person, für die er das alles tat – und zwar Jess.

Wie wohl ihr Leben in den letzten sieben Jahren verlaufen war? Was hatte sie daraus gemacht? Warum hatte sie nicht Medizin studiert, was früher mal ihr Traum gewesen war? Und was empfand sie noch für ihn? Hatte sie in all den Jahren noch an ihn gedacht oder interessierte sie sich gar nicht mehr für ihn?

Lucas stand am Fenster und blickte auf die schneebedeckte Straße. In der Nacht hatte es erneut geschneit, und weitere starke Schneefälle waren für das ganze Wochenende vorhergesagt worden, das war perfekt fürs Skifahren.

Und dann stand auch bald Weihnachten vor der Tür. Schon nächste Woche sollte ganz Moose River in feierlichem Glanz erstrahlen. Überall im Ort wurde bereits die festliche Beleuchtung installiert, und ein zehn Meter hoher Tannenbaum sollte auf dem Weihnachtsmarkt direkt gegenüber vom Crystal Lodge auf dem zentralen Platz der Stadt aufgestellt werden. Am nächsten Wochenende sollte dann beim feierlichen Akt der Weihnachtsmarkteröffnung die Baumbeleuchtung eingeschaltet werden, was Lucas übernehmen würde. Es gab also jede Menge zu erledigen, und trotzdem war er unentwegt mit Jess beschäftigt.

Gegen elf Uhr gönnte er sich eine Pause und beschloss, an die frische Luft zu gehen. Er lief durch das winterliche Dorf, vorbei an all den Orten, an denen er mit Jess gewesen war, bis er schließlich an den Rodelbahnen und Skipisten landete. Dort hatte er vor sieben Jahren, als er noch Student gewesen war, mit seinem Kumpel Sam für das Moose River Alpine Resort gearbeitet. An der Liftanlage, wo sie die Touristen eingewiesen hatten, war er Jess zum ersten Mal begegnet, und sie hatte bei ihm eingeschlagen wie ein Blitz. In dem engen Skianzug und mit der bunten Strickmütze auf dem Kopf hatte sie so süß und unschuldig, aber gleichzeitig verteufelt sexy ausgesehen. Sie war mit ihrer Cousine Kristie da gewesen, und Sam und er hatten die Gelegenheit sofort genutzt und die beiden angesprochen …

Lucas ließ seinen Blick über die Wintersportler schweifen – und plötzlich sah er sie! Jess stand am Ende der Piste und schaute zu, wie die Menschen vergnügt mit ihren Schlitten den Hang hinuntersausten. Wie damals trug sie einen eng anliegenden Overall und dazu eine bunte Strickmütze und sah darin sogar noch toller aus als früher.

Am liebsten hätte er vor Freude gejubelt – er hatte sie gefunden!

„J J!“

Jess drehte sich um, und ihr Herz schlug sofort schneller. Lucas kam direkt auf sie zu und lächelte dabei so süß, dass ihr trotz der Kälte warm wurde. Wie konnte ein einziges Lächeln nur derart auf sie wirken?

„Glück muss man haben“, sagte er, als er schließlich vor ihr stand, und strahlte sie an. „Ich habe dich gesucht und tatsächlich gefunden.“

„Und … warum hast du mich gesucht?“, fragte sie nervös, denn sie hatte ein Zusammentreffen mit Lucas ja eigentlich vermeiden wollen.

„Ich wollte dich zum Kaffee einladen, schon vergessen? Oder magst du lieber abends mit mir essen?“

„Also, ich … keins von beidem“, lehnte sie unbehaglich ab. Sie brauchte einfach noch mehr Zeit, um über alles nachzudenken.

„Jessiiee!“

Ein Schlitten rauschte an ihnen vorbei, und Kristie und Lily winkten ihr ausgelassen zu. Da es nachts so stark geschneit hatte, waren die Pisten momentan für Skianfänger ungeeignet, und so hatten Jess und Kristie beschlossen, mit Lily rodeln zu gehen. Aber natürlich hatte Jess nicht damit gerechnet, Lucas hier zu begegnen.

„War das eben Kristie?“, fragte er überrascht.

„Ja.“

Lily saß zwischen Kristies Beinen und jauchzte vor Vergnügen, als sie gerade einen anderen Schlitten überholten.

„Wer ist denn das kleine Mädchen, das sie mit dabei hat?“

Jetzt begann Jess’ Herz zu rasen. Was sollte sie nur sagen? Sie überlegte für einen kurzen Augenblick, Lucas vorzuschwindeln, dass es Kristies Tochter sei, doch dann verwarf sie den Gedanken, denn Lügen hatten ja bekanntlich kurze Beine.

„Meine Tochter.“

„Du hast eine Tochter?“ Lucas war die Überraschung deutlich anzusehen.

„Ja.“

Kristie und Lily waren inzwischen unten angekommen, sprangen vom Schlitten, und Kristie zog ihn auf ihrem erneuten Weg nach oben hinter sich her. Gott sei Dank, sie fahren weiter! dachte Jess erleichtert, denn dadurch war sie nicht gezwungen, ihre Tochter Lucas vorzustellen.

„Sie sieht dir ziemlich ähnlich“, stellte er prompt fest. „Wie alt ist sie denn?“

„Fünf.“ Jess wurde es ganz heiß bei dieser Lüge. Lily war zwar sechs, aber da sie ziemlich klein für ihr Alter war, konnte man sie leicht auf fünf schätzen. Hätte Jess ihm Lilys wahres Alter verraten, hätte Lucas sicher zwei und zwei zusammengezählt.

„Willst du deshalb nicht mit mir essen gehen? Weil du mit deiner Familie hier bist und dein Mann etwas dagegen hätte?“

Jess schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht verheiratet.“

„Geschieden?“

„Nein, ich bin ledig, aber das hat nichts damit zu tun, ich habe trotzdem keine Zeit. Mein Leben ist nicht mehr so unkompliziert wie früher.“

„Das kann ich mir vorstellen, du hast ja jetzt ein Kind.“ Lucas lächelte erneut. „Aber falls du dich irgendwann mal freimachen kannst, sag mir einfach Bescheid, du weißt ja, wo du mich findest.“

Falls du dich irgendwann mal freimachen kannst – also wollte er mit ihr allein sein. Er wollte Lily nicht dabeihaben, was vielleicht ein Zeichen dafür war, dass er keine Kinder mochte.

Jess spürte einen Stich im Herzen. Wie hätte Lucas reagiert, wenn sie ihn damals doch gefunden hätte? Wäre er schockiert gewesen, wenn er von ihrer Schwangerschaft erfahren hätte? Hätte er nichts von seiner Tochter wissen wollen und wäre er froh gewesen, dass er in Australien war und sich nicht um sie kümmern musste? Jess hatte keine Ahnung, wie Lucas dachte oder fühlte, was er für Wünsche und Träume hatte. Selbst damals hatte sie das nicht gewusst, schließlich hatten sie nur sieben Tage miteinander verbracht, was viel zu wenig war, um einen Menschen richtig kennenzulernen.

Ob er je daran gedacht hatte, eine Familie zu gründen? Aber vielleicht war er ja schon Vater, vielleicht hatte er in Australien eine Familie und ging bald zurück zu ihr. Die Frage lag Jess auf der Zunge, doch sie verkniff sie sich. Wenn Lucas tatsächlich Kinder hatte, mit einer anderen Frau – das würde sie nur schwer verkraften.

Er lächelte noch kurz, dann machte er sich wieder auf den Rückweg. Und Jess ließ ihn gehen und überlegte, während sie Lucas aufgewühlt nachblickte, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie ihn nicht verloren hätte.

Jess stand am Fenster ihrer kleinen Wohnung und sah zu, wie die Sonne in einem beeindruckenden Farbenspiel allmählich hinter den Bergen verschwand. Nach dem Vormittag an den Rodelbahnen hatten sie zu dritt zu Mittag gegessen, dann war Kristie mit Lily zu einem Schaufensterbummel aufgebrochen, sodass Jess nun ein bisschen Zeit für sich hatte.

Das Abendrot war wunderschön, doch Jess nahm das Naturschauspiel kaum wahr, weil sie immer nur an Lucas denken musste. Auch wenn sie es nicht wollte, kehrten die Erinnerungen zurück – an ihren ersten Kuss, hier im Apartment nebenan. Lucas hatte mit seinem Kumpel Sam dort gewohnt und sie und Kristie zu ihrer Party eingeladen. Da Jess’ Eltern, die ihr das nie erlaubt hätten, erst in einer Woche nach Moose River kommen würden, mussten sie nur Kristies überzeugen. Und dafür hatte sich Jess’ Cousine eine Geschichte ausgedacht: Die Mädchen gaben einfach vor, auf die Geburtstagsparty einer Freundin zu gehen, und versprachen, spätestens bis Mitternacht zu Hause zu sein.

Jess wusste, dass sie alle Regeln brach, indem sie der Einladung folgte, aber das war ihr in dem Moment egal. Sie wollte Lucas unbedingt wiedersehen und ihn kennenlernen.

Als sie und Kristie schließlich eintrafen, war die Party bereits in vollem Gange.

„Hey, ihr beiden, schön, dass ihr gekommen seid“, begrüßte Lucas sie erfreut. Da tauchte auch schon Sam auf und zog Kristie mit sich in das Zimmer, in dem getanzt wurde.

Lucas sah Jess bewundernd an. „Die siehst toll aus.“

Die Mühe hatte sich also gelohnt. Stundenlang hatten sie und Kristie vor dem Spiegel gestanden. Jess hatte sich ihr langes blondes Haar von ihrer Cousine glätten lassen, und nun fiel es ihr in einem sanften Schwung über den Rücken. Die Wimpern waren schwarz getuscht, was Jess’ grüne Augen strahlen ließ, und der rosa Lipgloss gab ihren Lippen einen verlockenden Glanz.

Jess war wegen der Party schrecklich aufgeregt gewesen. Sie war so etwas nicht gewöhnt, hatte Angst, all den fremden Menschen zu begegnen. Hatten ihre Eltern ihr doch jahrelang eingeschärft, Fremden gegenüber wachsam zu sein. Aber ein Lächeln von Lucas genügte, und ihre Anspannung verschwand. Bei ihm fühlte sie sich sicher, merkte, dass sie ihm vertraute.

„Ich freu mich wirklich sehr, dass du hier bist“, sagte er und lächelte erneut. „Hätte nicht unbedingt gedacht, dass du wirklich kommst.“

„Ich auch nicht“, gab sie offen zu. „Fast hätte es auch nicht geklappt.“

„Warum denn nicht?“

„Normalerweise darf ich nicht auf Partys gehen von Leuten, die meine Eltern nicht kennen.“

Lucas zog die Brauen hoch. „Tatsächlich? Heißt das, du bist noch nicht achtzehn?“

„Ich werde nächste Woche achtzehn“, sagte Jess schnell, denn sie wollte nicht, dass Lucas das Interesse an ihr verlor, weil sie erst siebzehn war.

„Dann wissen eure Eltern also gar nicht, dass ihr hier seid?“ Lucas runzelte die Stirn. „Also, ich bin mir nicht sicher, ob das eine so gute Idee ist …“

„Ach, das ist kein Problem“, wiegelte Jess ab, weil sie unbedingt bleiben wollte. „Wenn wir vor Mitternacht zu Hause sind, gibt es keinen Ärger.“

„Aha … was könnte denn nach Mitternacht passieren, was nicht auch davor geschehen kann?“

Jess verzog den Mund. „Mach dich nicht lustig über mich.“

„Wieso, das ist doch eine berechtigte Frage.“ Er sah Jess auf eine Art und Weise an, die ihr Herz schneller schlagen ließ.

„Ich … ach, keine Ahnung“, sagte sie nervös und zuckte mit den Schultern. „Wir müssen einfach nur vor Mitternacht zu Hause sein, dann ist alles in Ordnung. Wenn wir später dran sind, gehen sie uns vielleicht suchen, und das gäbe dann so richtig Ärger. Also halte ich mich lieber an die Regeln und gehe kein Risiko ein.“

„Nicht einmal ein bisschen?“, fragte Lucas herausfordernd, und plötzlich konnte Jess sich viele riskante Dinge vorstellen, die sie gern mal tun würde. Sie hatte einfach keine Lust mehr, auf alles verzichten zu müssen, weil ihre Eltern das von ihr erwarteten. Sie wollte übermütig und ausgelassen sein, was sie sich bisher noch nie erlaubt hatte.

„Also, ich … ich hatte einfach noch keine Gelegenheit dazu.“

Ihre Eltern hatten ihr keinerlei Freiräume gelassen, sie wussten immer, wo Jess war und wen sie traf. Um die beiden nicht zu belasten, hatte Jess nie gegen ihre Strenge rebelliert. Aber sie wollte endlich ein bisschen Spaß haben, und wenn sie vorsichtig war und nicht zu spät nach Hause kam, würde niemand Schaden nehmen.

„Vielleicht hast du die Gelegenheit auch nur nicht erkannt“, erwiderte Lucas. „Oder du musst sie dir selbst schaffen.“

Jess sah ihm in die Augen, und ihr Herz schlug Purzelbäume. Lucas war ihr nun so nahe, dass sie seine Wärme spüren konnte. Was, wenn er sie jetzt küssen wollte?

„Hey, Lucas, wo bleibst du denn so lange?“, rief einer der Jungs von drinnen, und der Zauber war gebrochen.

Jess hätte schreien können, denn bestimmt hätte Lucas sie geküsst, wenn dieser dumme Kerl nicht dazwischengefunkt hätte! Die jungen Männer grölten und schwenkten Bierflaschen in der Luft.

„Komm, gehen wir woandershin“, schlug Lucas vor, und als er ihre Hand nahm, fühlte Jess sich gleich wie berauscht, obwohl sie noch keinen Tropfen Alkohol getrunken hatte. Was war bloß los mit ihr? War sie etwa schon verliebt?

Lucas zog sie durch die Menschenmenge zum Balkon und trat mit ihr hinaus ins Freie. „Warte kurz, ich bin gleich wieder da.“

Jess fragte sich, worauf sie warten sollte, doch sie nicke nur und schob die Hände in ihre Manteltaschen. Lucas hatte etwas an sich, das sie total faszinierte und wogegen sie sich überhaupt nicht wehren konnte. Und jetzt verstand sie plötzlich, was Kristie meinte, wenn sie von diesem ganz besonderen, elektrisierenden Prickeln sprach, das sie spürte, wenn ein Junge ihr gefiel. Ja, genau das spürte Jess jetzt auch und konnte es kaum erwarten, bis Lucas wiederkam. Er sah so toll aus, und wenn er redete, mit diesem sexy australischen Akzent, dann …

„Da bin ich wieder.“ Lucas hatte eine Daunenjacke angezogen und ein Bier mitgebracht.

„Und du? Trinkst du nichts?“, fragte Jess verwundert, als er ihr die Flasche reichte.

„Nein, ich hab momentan was anderes im Sinn, was viel besseres …“ Er sah sie nun so intensiv an, dass ihr richtiggehend heiß wurde, obwohl es draußen bitterkalt war.

Jess glaubte an Liebe auf den ersten Blick, und genau das schien ihr jetzt mit Lucas zu passieren. Sie war davon überzeugt, dass es für jeden Menschen jemanden gab, der genau zu einem passte, und wenn man ihm begegnete, wusste man es gleich. Ja, sie hatte das Gefühl, als wäre Lucas dieser Mensch, und wenn sie in seine tollen blauen Augen blickte …

„Wie lange bleibt ihr denn in Moose River?“, fragte er und riss sie damit aus ihrer Träumerei.

„Noch zweieinhalb Wochen, bis Neujahr.“

„Kommt ihr jedes Jahr hierher?“

„Ja, immer in den Weihnachtsferien.“

Seit neun Jahren, um genau zu sein. Früher, als Jess’ Bruder noch am Leben war, hatte die ganze Familie jedes zweite Weihnachtsfest in Kalifornien verbracht, bei Verwandten ihrer Mutter. Das hatte sich jedoch nach Stephens Tod geändert. Jess wollte Lucas diese traurige Geschichte aber nicht erzählen, weil sie sich den Abend nicht mit trüben Gedanken verderben wollte. Heute hatte sie endlich mal die Chance, die Freiheit zu genießen, die sie nach Stephens Tod verloren hatte und nach der sie sich so sehnte.

„Ich hab noch nie weiße Weihnachten erlebt“, erklärte Lucas lächelnd. „Das wird mein erstes Weihnachtsfest im Schnee.“

„Im Ernst?“

„Klar. In Australien ist es im Dezember immer heiß.“

Als er sie erneut so intensiv ansah, hielt Jess es nicht länger aus. „Stimmt etwas nicht?“

„Doch, ich frage mich nur, was du gerade denkst.“

„Worüber denn?“

„Über mich?“, antwortete er entwaffnend ehrlich.

Jess wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie konnte ihm wohl kaum gestehen, dass sie sich auf den ersten Blick in ihn verliebt hatte und sogar der Überzeugung war, dass sie Seelenverwandte waren. Er würde sie vermutlich für völlig verrückt halten. Also entschied sie sich für eine ausweichende Antwort: „Ich kenne dich doch kaum.“

„Was möchtest du denn von mir wissen?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich hab wirklich keine Ahnung.“

Jess war nicht besonders gut in Small Talk, da sie sich nur selten mit fremden Leuten unterhielt. Normalerweise war sie immer nur mit Menschen zusammen, zu denen sie irgendeine Art von Beziehung hatte, entweder waren es Familienangehörige oder Freundinnen und Freunde aus der Schule. Und die hatten alle reiche Eltern so wie sie und gingen auf Privatschulen, wohnten in Vancouvers noblen Stadtvierteln, machten Urlaub in eigenen Ferienhäusern und bekamen zum sechzehnten Geburtstag ein nagelneues Auto geschenkt. Ob Lucas auch ein solches Leben führte?

„Also, wenn du mich nichts fragen willst, dann frag ich eben dich“, meinte er leichthin. „Hast du einen Freund?“

„Einen Freund?“, wiederholte Jess erstaunt. „Hab ich nicht, warum willst du das denn wissen?“

Lucas lächelte. „Na, warum wohl? Weil ich dich unheimlich süß finde und gern küssen würde. Darum muss ich wissen, ob es einen gibt, der was dagegen hätte.“

Nun begann Jess’ Puls zu rasen, denn Lucas wollte sie tatsächlich küssen! Er bot ihr die Gelegenheit, das Verbotene zu kosten und Dinge zu erleben, die ihr sonst verwehrt blieben. Und wenn sie diese Chance jetzt nicht nutzte, kam sie vielleicht nie wieder, denn Lucas würde ja nicht ewig in Moose River bleiben. Jetzt oder nie, das war die Devise!

„Nein, da … ist niemand, der was dagegen hätte“, sagte sie mit klopfendem Herzen.

Und dann war es endlich so weit. Lucas neigte den Kopf, und als seine Lippen ihre sanft berührten, war das so unglaublich schön, dass Jess alles um sich herum vergaß. Zuerst küsste er sie langsam und ganz zärtlich, dann schob er die Zunge zwischen ihre Lippen und erforschte ihren Mund. Es war das erste Mal, dass Jess auf diese Art geküsst wurde, und sie fand es wahnsinnig prickelnd und berauschend. Lust erfasste sie und breitete sich in ihrem ganzen Körper aus, ja, sie hatte sogar das Gefühl, als würde sie vor Leidenschaft in Flammen aufgehen.

Lucas zog sie an sich, und sie schlang die Arme um seinen Nacken und verlor sich ganz in diesem Kuss, konnte einfach nicht genug davon bekommen.

Ja, Lucas war ihr Traummann, und sie wollte ihn. Und zwar für immer!

5. KAPITEL

„Wir sind wieder da!“

Jess fuhr erschrocken zusammen. Sie war so tief in Gedanken versunken gewesen, dass sie Kristie und Lily gar nicht hatte kommen hören.

„Oh … hallo, ihr beiden“, sagte sie verwirrt und versuchte sich zu sammeln, denn die Erinnerungen hatten sie sehr aufgewühlt.

Kristie merkte Jess gleich an, wie durcheinander sie war. „Hör mal, Lily, hast du Lust, heute etwas ganz Besonderes zu machen?“, fragte sie das kleine Mädchen. „Du brauchst nur deinen Schlafanzug und deine Zahnbürste einzupacken, das ist alles.“

„Au ja!“, rief die Kleine begeistert.

„Was hast du denn vor?“, fragte Jess ihre Cousine, als Lily ins Schlafzimmer lief, um ihre Sachen zu richten.

„Ich habe immer noch den Schlüssel von unserem alten Ferienhaus und werde mit Lily dort übernachten. Sie muss ja nicht wissen, dass es unseren Familien gehört.“

Jess sah sie skeptisch an.

„Er geht dir nicht mehr aus dem Kopf, stimmt’s? Ruf ihn doch an und frag ihn, ob er heute Abend Zeit hat“, schlug Kristie ihr vor.

Doch Jess schüttelte den Kopf. „Nein, das will ich nicht, ich bin einfach noch nicht dazu bereit, mit ihm zu reden.“

„Aber du kannst ihm nicht ewig aus dem Weg gehen, und du willst ihn sehen, das merke ich dir an. Warum dann nicht gleich? Wenn Lily bei mir schläft, hast du den ganzen Abend frei für Lucas. Ich hab mir überlegt, dass wir ein paar Lebensmittel einkaufen und ich dann mit ihr Pferdeschlitten fahren gehe, das wünscht sie sich so sehr.“

„Pferdeschlitten?“ Das lenkte Jess endlich von Lucas ab. „Kannst du bitte etwas anderes mit ihr unternehmen, weil ich das mit ihr machen möchte. Als Weihnachtsgeschenk sozusagen.“

Jess wurde das Herz schwer, denn immer wieder kam es vor, dass sie Wünsche ihrer Tochter nicht erfüllen konnte. Eine Pferdeschlittenfahrt war teuer, und sie musste dafür erst mal sparen. Natürlich wusste sie, dass Kristie gern die Kosten dafür übernehmen würde, doch das wollte Jess auf keinen Fall. Sie wollte unabhängig sein und es allein schaffen.

„Kein Problem, mir fällt schon etwas Schönes ein“, meinte Kristie leichthin, da sie wusste, wie schwer es ihrer Cousine fiel, finanzielle Unterstützung anzunehmen. „Aber übernachten kann sie doch auf jeden Fall bei mir, dann hast du den Kopf für Lucas frei.“

Jess verzog düster das Gesicht. „Du weißt ja, was passiert ist, als ich das letzte Mal allein mit ihm war. Ich wurde schwanger.“

Da grinste Kristie frech. „Also, gegen ein Geschwisterchen hätte Lily ganz bestimmt nichts einzuwenden, und über einen Daddy würde sie sich noch mehr freuen. Weißt du, was ich glaube? Dass es Schicksal ist, dass ihr beide euch im Crystal Lodge getroffen habt. Jetzt bist du gezwungen, endlich die Entscheidungen zu treffen, die du die ganze Zeit schon vor dir herschiebst. Lucas hat ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren, auch wenn dir das nicht passt.“

„Richtig“, erwiderte Jess trotzig. „Das passt mir ganz und gar nicht!“

Obwohl Jess es zunächst nicht wollte, hatte sie Lucas letztendlich doch angerufen, weil sie irgendwann schließlich mit ihm reden musste. Sie hatten vereinbart, sich im Crystal Lodge zu treffen.

Als Jess die Eingangshalle betrat, kam gleich Weihnachtsstimmung in ihr auf. Zwei schön geschmückte Tannenbäume standen in den Ecken, und an den Wänden hingen bunte Lichterketten sowie Kiefern- und Mistelzweige, die einen angenehmen Duft verströmten.

Weihnachten in Moose River – Jess hatte es geliebt und sich immer schon das ganze Jahr darauf gefreut. Und da sie kurz vor Weihnachten auch noch Geburtstag hatte, war der Dezember perfekt für sie gewesen.

Bis ihr Bruder Stephen starb.

Nach seinem Tod war plötzlich alles anders, und Weihnachten hatte seinen Glanz verloren. Wie ein dunkler Schatten hatte dieser Schicksalsschlag über Jess’ Familie gelegen und keine festliche Stimmung mehr zugelassen. Doch jetzt war Jess entschlossen, das zu ändern, vor allem Lilys wegen. Jess würde dafür sorgen, dass dieses Fest wieder glanzvoll würde, damit Lily hier genauso glücklich wurde, wie Jess es früher gewesen war.

Lucas wartete schon an der Bar, und als er Jess erblickte, stand er auf und kam lächelnd auf sie zu. Er trug einen eleganten dunklen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte, der ihn ausgesprochen seriös und erwachsen wirken ließ. Jess kannte Lucas nicht in so einem Outfit, doch es passte gut in dieses Umfeld. Natürlich war ihr klar, dass Lucas sich verändert hatte, schließlich war es sieben Jahre her, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Außerdem war er der Manager des Crystal Lodge und musste sich entsprechend präsentieren.

Zur Begrüßung nahm er Jess in den Arm und küsste sie auf die Wange. Sein unverwechselbarer Duft hüllte sie ein, und auch wenn Jess versuchte, sich dagegen zu wehren, löste Lucas’ Nähe sofort eine tiefe Sehnsucht in ihr aus. Sie reagierte immer noch so stark auf ihn wie früher – so etwas hatte sie mit niemandem sonst jemals erlebt.

Zwar hatte Jess in den vergangenen Jahren einige Dates gehabt, aber keiner der Männer hatte ihr wirklich gefallen. Keiner war wie Lucas, keiner ließ ihr Herz allein durch seinen Anblick schneller schlagen, und in keinen hatte sie sich je verliebt. Schließlich hatte Jess es aufgegeben, sich zu verabreden, denn ihr war klar geworden, dass sie nur Lucas wollte. Wenn sie ihn nicht haben konnte, wollte sie auch keinen anderen.

Und nun war er plötzlich wieder da, zurück in ihrem Leben, und ein Blick, eine einzige Berührung reichten, um ihr Herz im Sturm zu erobern. Und genau das war das Gefährliche daran. Jess musste auf der Hut sein und immer daran denken, was hier auf dem Spiel stand, nämlich Lily.

„Schön, dass du gekommen bist, J J“, sagte Lucas sanft, und seine etwas heisere Stimme jagte Jess einen heißen Schauer über den Rücken. „Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn wir hier im Hotel essen?“

Damit hatte Jess nicht gerechnet, sie hatte eigentlich erwartet, dass Lucas sie in ein Restaurant ausführen würde. „Dafür bin ich wohl nicht passend angezogen“, meinte sie zögernd. Enge Jeans und ein schwarzer Wollpullover waren sicherlich nicht die richtige Wahl für ein Dinner im Fünf-Sterne-Hotel, auch wenn beides ihre Figur betonte.

„Unsinn, du siehst toll aus.“ Lucas nahm ihr kurzerhand den Mantel ab. „Außerdem sitzt du ja bei mir am Tisch, sodass ich notfalls ein gutes Wort für dich einlegen kann“, fügte er lächelnd hinzu.

„Na ja, ich möchte ja nicht euren Standard senken.“

Da musste Lucas lachen. „Glaub mir, Jess, du senkst unseren Standard ganz bestimmt nicht!“ Wieder sah er sie auf diese ganze besondere Art und Weise an, und wieder wurde Jess ganz heiß. „Wir sind fürs Wochenende ausgebucht, darum will ich lieber hierbleiben, falls irgendein Problem auftaucht und ich mich darum kümmern muss.“

Jess folgte ihm ins Restaurant. „Kommt das öfter vor? Ich meine, rechnest du denn heute Abend mit Problemen?“

„Irgendwas passiert immer, wenn wir ausgebucht sind, darauf kannst zu wetten. Aber bisher haben wir noch jedes Problem gelöst.“ Lucas hängte ihren Mantel an die Garderobe und führte Jess an einen Tisch mit Blick auf die Terrasse und den Marktplatz. Als sie sich gesetzt hatten, nahm Lucas die Flasche Champagner aus dem Kübel auf dem Tisch und füllte zwei Gläser mit dem prickelnden Getränk.

„Auf alte Zeiten“, sagte Jess, bevor sie mit ihm anstieß.

„Und auf neue Abenteuer“, fügte Lucas mit einem herausfordernden Blitzen in den Augen hinzu. „Ich freue mich wirklich sehr, dass du wieder hier bist, J J.“

Ich mich auch, dachte sie, doch ehe sie es sagen konnte, trat der Kellner an den Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Jess war jedoch so aufgeregt, dass sie kaum Appetit verspürte und sich beim besten Willen nicht auf die Speisekarte konzentrieren konnte. „Ach, such du doch etwas für mich aus, du kennst dich hier am besten aus.“

Jess war nervös und angespannt, was an ihren widersprüchlichen Gefühlen lag. Einerseits hatte sie es kaum erwarten können, Lucas wiederzusehen, und jetzt, da sie vor ihm saß, hatte sie Angst davor, einen Fehler zu machen.

Während Lucas die Bestellung aufgab, blickte Jess aus dem Fenster. Auch die Terrasse und der dahinter liegende Platz waren mit bunten Lichterketten dekoriert, die ein zauberhaftes, warmes Licht verströmten. Es sah traumhaft aus.

„Es ist unheimlich schön hier“, sagte sie beeindruckt, als der Kellner gegangen war. „Die Einrichtung, das ganze Arrangement ist einfach total stilvoll, aber trotzdem gemütlich. Das habt ihr ganz toll hingekriegt.“

Lucas lächelte. „Freut mich, dass es dir gefällt.“

„Eure Gäste sind bestimmt begeistert“, fuhr Jess fort. „Schon wenn man in die Eingangshalle kommt, hat man das Gefühl, als wäre man zu Hause. Und dann auch noch die schöne weihnachtliche Dekoration, einfach toll. Wer hat sich das Konzept denn ausgedacht?“

„Ich.“

„Du?“

Lucas nickte. „Ich hab mir viele Gedanken darüber gemacht, wie es hier aussehen soll, weil es mir äußerst wichtig ist, dass sich meine Gäste wohlfühlen.“

„Bist du denn für so was zuständig?“, fragte Jess verwundert. „Ich dachte, als Manager kümmert man sich hauptsächlich um Verwaltung und Finanzen.“

„Da hast du recht, aber als Hotelier muss man alles im Blick haben.“

„Als Hotelier?“, wiederholte sie perplex. „Heißt das, dir gehört das Crystal Lodge?“

„Ja, das ist sozusagen mein Baby.“

Damit hatte Jess nicht gerechnet. Lucas war erst siebenundzwanzig und hatte schon ein eigenes Hotel! „Aber du hast mir doch damals erzählt, dass du die Welt bereisen willst, wenn du mit der Uni fertig bist. Du wolltest dich nicht so früh festlegen, sondern deine Freiheit genießen, und jetzt …“

„Daran erinnerst du dich noch?“

Ich erinnere mich an alles, was du zu mir gesagt hast, dachte Jess. Aber sie nickte nur, weil der Kellner kam, um die Vorspeise zu servieren.

„Weißt du, im Grunde ist es so, dass ich alles, was ich heute bin und habe, hauptsächlich dir verdanke“, fuhr Lucas fort, als sie wieder allein waren.

„Mir? Wieso denn das?“

„Weil mir einiges klar geworden ist an dem Tag, an dem du mich verlassen hast. Da habe ich mir vorgenommen, etwas aus meinem Leben zu machen. Etwas, worauf ich stolz sein kann, verstehst du?“

„Ich hab dich nicht verlassen“, widersprach Jess. „Ich durfte dich nicht wiedersehen, mein Vater hat es mir verboten.“

„Für mich hat es sich aber so angefühlt. Du warst plötzlich verschwunden. Ich habe versucht, dich zu finden, aber es war unmöglich.“

Jess sah ihn fassungslos an. „Du hast versucht, mich zu finden?“

„Natürlich, glaubst du etwa, ich hätte dich einfach so gehen lassen, nach dem, was wir miteinander hatten? Gleich am nächsten Tag, nachdem dein Vater mich hinausgeworfen hatte, bin ich zurück zu eurem Ferienhaus gegangen und habe an der Tür geläutet, aber es hat niemand aufgemacht. Und als ich am übernächsten Tag dann noch mal hinging, hab ich euren Nachbarn getroffen, und der hat mir erzählt, dass ihr alle abgereist seid, er wusste aber nicht, warum. Dann bin ich wieder abgezogen in der Hoffnung, dass du mich irgendwann schon kontaktieren würdest. Das hast du aber nicht getan, und so bin ich am Ende der Saison nach Australien zurückgeflogen.“

Lucas fuhr sich frustriert durchs Haar, bevor er weitersprach. „Und dann … na, du weißt ja, wie das ist. Ich ging zurück zur Uni und nach dem Studium auf Reisen, und so ist die Zeit vergangen. Aber ich habe mich immer gefragt, was aus dir geworden ist. All die Jahre.“

Obwohl es so lange her war, erinnerte Jess sich noch genau an jenen unheilvollen Tag. Es war ihr Geburtstag gewesen, der so vielversprechend angefangen und in einem Desaster geendet hatte.

Schon bei ihrem ersten Kuss hatte Jess sich unsterblich in Lucas verliebt und sich gewünscht, mit ihm zu schlafen. Sie hatte sich schon lange vorher ausgemalt, wie sie ihr erstes Mal erleben wollte: in einem schönen großen Bett, bei romantischer Musik und Kerzenschein. Lucas’ kleine Wohnung, die er sich mit seinem Kumpel teilte, war dafür völlig ungeeignet, und daher wollte Jess warten, bis sich eine bessere Option ergab.

Und dann, an ihrem achtzehnten Geburtstag, kam schließlich die Gelegenheit. Kristies Eltern machten einen Ausflug und wollten erst am Abend wiederkommen, sodass die beiden jungen Mädchen den ganzen Tag allein und ohne Aufsicht waren.

Jess hatte Lucas gleich Bescheid gesagt. Seit dem Abend auf der Party hatte sie jede Möglichkeit genutzt, um ihn zu sehen, was alles andere als leicht gewesen war, denn außer Kristie durfte niemand wissen, dass sie sich mit Lucas traf. Wie spannend das gewesen war! Die sonst so brave Tochter, die nie die Regeln ihrer Eltern brach, lebte endlich einmal auf. Endlich durfte sie Spaß mit anderen jungen Leuten haben, ohne dafür Rechenschaft ablegen zu müssen.

Das Ferienhaus, in dem sie mit Kristie und ihren Eltern wohnte, verfügte über drei große Schlafzimmer und war somit der ideale Ort für Jess’ erstes sexuelles Abenteuer. Und es war toll gewesen. So wundervoll, dass sie noch heute davon träumte …

„Tja, der Tag damals ist nicht ganz so gelaufen, wie ich es mir erhofft hatte“, versuchte sie, den Schmerz zu überspielen. „Mein Vater hat beschlossen, dass wir noch in der Nacht abreisen.“

„Aber warum? Nur weil du mit mir geschlafen hast?“

„‚Nur‘ ist gut. Dad war außer sich vor Zorn und wollte unter allen Umständen verhindern, dass ich mich noch weiter mit dir treffe.“

Jess’ Eltern sollten eigentlich erst abends in Moose River eintreffen, hatten sich aber spontan entschlossen, früher zu kommen, um Jess an ihrem Geburtstag zu überraschen. Und das war ihnen wirklich gelungen – mitten im schönsten Liebesspiel. Jess hatte sich vollkommen in Lucas’ Zärtlichkeiten verloren und nicht genug von ihm bekommen können. Er entführte sie in eine andere Welt, in der es nur sie beide gab. In eine wundervolle, erfüllende, ekstatische Welt, bis Jess schlagartig zurück in die Realität katapultiert wurde. Nachdem sie zum zweiten Mal gemeinsam den Gipfel der Lust erklommen hatten, lagen sie eng umschlungen im Bett, um wieder zu Atem zu kommen.

Da hörten sie plötzlich Kristie im Flur, die übertrieben laut ihre Tante und ihren Onkel, die offenbar gerade das Haus betreten hatten, begrüßte, um Jess und Lucas zu warnen. Der sprang blitzschnell aus dem Bett, griff seine Sachen und flüchtete ins Bad, während Jess sich hektisch Shorts und T-Shirt anzog.

Was dann folgte, war ein Riesendrama. Kaum war Jess notdürftig angezogen, ging auch schon die Tür auf, und ihre Eltern kamen herein, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Natürlich merkten sie sofort, dass da was nicht stimmte. Ein Blick auf Jess’ zerzaustes Haar, ihre überhitzten Wangen und das zerwühlte Bett genügten ihnen, um zu wissen, was da gerade abgelaufen war.

Und Lucas – da er sich nicht ewig im Bad verstecken konnte, kam er schließlich raus. Jess’ Vater tobte wie verrückt und beschimpfte Lucas auf das Übelste, nannte ihn einen Weiberhelden und Taugenichts, der sich skrupellos an naive junge Mädchen heranmachte, und warf ihn kurzerhand hinaus. Jess und Kristie mussten auf der Stelle ihre Sachen packen und saßen wenig später schon im Auto, auf dem Weg zurück nach Vancouver.

Ja, so hatte dieser Tag geendet, und danach war nichts mehr wie früher.

„Ich hab mich so für Dad geschämt“, sprach Jess weiter. „Weil er dich so mies beschimpft hat, ohne dich zu kennen. Das hab ich ihm bis heute nicht verziehen.“

Lucas bedankte sich beim Kellner, der nun die Hauptspeise brachte. „Ach weißt du, im Nachhinein finde ich das gar nicht mehr so schlimm. Ich kann sogar verstehen, warum er sich so aufgeregt hat. Du warst gerade erst achtzehn geworden, und er wollte dich beschützen, das ist doch ganz normal. Im Grunde sollte ich ihm sogar dankbar dafür sein, dass er mich hinausgeworfen hat.“

„Dankbar?“, wiederholte Jess perplex. „Wieso denn das? Er hat dich schwer beleidigt und …“

„Das stimmt, aber das hat mich eigentlich nur motiviert. Er hat gesagt, ich sei ein Weiberheld und verantwortungsloser Taugenichts, der es nicht wert sei, sich mit seiner Tochter einzulassen, und ich wollte ihm das Gegenteil beweisen.“

„Heißt das, du bist Hotelier geworden, nur um meinem Vater etwas zu beweisen?“

„In gewissem Sinne ja. Damals war ich zwanzig und hatte jede Menge Flausen im Kopf, ich nahm das Leben einfach nicht so ernst. Um nach Moose River zu gehen, hatte ich mein Studium auf Eis gelegt, und das hätte ich vielleicht noch jahrelang so weitergemacht, wenn ich dich nicht kennengelernt hätte. Dein Vater hat mir den Anstoß gegeben, nicht nur auf Abenteuer aus zu sein, sondern ein Ziel zu verfolgen und etwas zu schaffen, worauf ich stolz sein kann, und genau das habe ich getan. Ich wollte ihm beweisen, dass ich es wert bin, mit seiner Tochter zusammen zu sein, und das kann ich jetzt.“

Lucas nahm ihre Hand und streichelte sie sanft. „Am wichtigsten ist mir aber, was du von mir denkst, J J. Es tut mir leid, dass ich damals so schnell aufgegeben habe. Ich hätte um dich kämpfen sollen, hätte alles daran setzen müssen, dass wir uns wiedersehen, und das hab ich einfach nicht getan. Aber so was wird nicht mehr passieren, J J, das verspreche ich dir.“

„Du musst mir nichts versprechen, Lucas. Ich bin nicht mehr das naive junge Mädchen von damals, das vom Leben keine Ahnung hat. Ich bin erwachsen geworden und habe mich verändert.“

Ja, sie hatte sich verändert, sehr sogar, aber eines war noch immer so wie früher – sie liebte Lucas und sehnte sich so sehr nach ihm, dass sie am liebsten heute Abend schon mit ihm ins Bett gegangen wäre.

Doch sie musste sich zusammenreißen, durfte ihm nicht zeigen, wie sehr sie ihn begehrte. Denn wenn sie ihrer Sehnsucht nachgab, würde das bedeuten, dass sie ihm die Wahrheit sagen musste, und genau davor hatte sie so große Angst. Jess wusste nicht, wie er darauf reagieren und vor allem, was das für sie und Lily dann bedeuten würde.

Was sollte sie nur tun? Sie war mit Lily nach Moose River gezogen, weil sie ihrer Tochter eine unbeschwerte Kindheit ermöglichen wollte, aber was sie nun erwartete, waren weitere Probleme. Wenn sie sich erneut mit Lucas einließ, würde sie das Risiko eingehen, dass ihr noch einmal das Herz gebrochen wurde, und das würde sie nicht verkraften.

Sie zog ihre Hand zurück und trank einen Schluck Champagner, um sich zu beruhigen. All die Jahre hatte sie davon geträumt, Lucas wiederzusehen, und nun, da er leibhaftig vor ihr saß, wusste sie nicht, was sie machen sollte.

Jess atmete tief durch und beschloss, den Stier an den Hörnern zu packen. Ihr war klar, dass sie Lucas reinen Wein einschenken musste, und je eher sie es tat, desto befreiter würde sie sich fühlen. Sie stellte ihr Glas wieder ab, nahm all ihren Mut zusammen und sah ihm in die Augen.

„Lucas, ich muss dir etwas sagen.“

6. KAPITEL

„Lucas? Bitte entschuldige die Störung, aber wir haben einen Notfall.“

Eine hübsche junge Frau im eleganten Kostüm trat an ihren Tisch. Sie hatte dunkelbraunes, perfekt gestyltes Haar und trug ein Namensschild, auf dem Sofia stand.

Lucas runzelte die Stirn. „Was ist los, Sofia?“

„Ein kleiner Junge wird vermisst.“

„Aus unserem Hotel?“

„Nein, er wohnt mit seinen Eltern in einem der Ferienapartments am Ortsausgang. Das Rettungsteam ist schon unterwegs, aber weil es so stark schneit, gibt es kaum Spuren. Deshalb haben sie hier nachgefragt, ob du bei der Suche helfen könntest.“

„Natürlich.“ Lucas stand auf und wandte sich an Jess. „Tut mir leid, J J, aber da kann ich nicht Nein sagen. Ich bin Mitglied beim Freiwilligen Such- und Rettungsteam. Wir unterstützen die Profis, wann immer es nötig ist.“

„Kann ich mitkommen?“, fragte Jess spontan. „Je mehr Leute suchen, desto besser.“

„Gern“, stimmte Lucas zu. „Sofia, schau doch bitte nach, ob du für Jess eine dickere Jacke und Schneestiefel findest, ich ziehe mich in der Zwischenzeit um, okay?“

Sofia führte Jess in einen kleinen Nebenraum, wo es Kleidung und Winterstiefel in verschiedenen Größen gab. Jess fand tatsächlich eine passende Jacke und Stiefel, und wenige Minuten später traf sie Lucas am Haupteingang. Es schneite immer noch sehr stark, sodass die Weihnachtsdekoration des Marktplatzes fast nicht mehr zu sehen war.

Lucas machte sich mit Jess auf den Weg zum Ferienapartment, in dem der Junge wohnte. Dort hatte sich auch das Rettungsteam versammelt, um die Suche zu koordinieren.

„Der Junge heißt Michael, ist sieben Jahre alt und vor etwa zwanzig Minuten verschwunden“, erklärte Ed, der Einsatzleiter, den freiwilligen Helfern.

„Wo genau wurde er zuletzt gesehen?“, erkundigte sich Lucas.

„Im Garten hinter dem Haus, dort hat er mit seinen Brüdern und ein paar anderen Kindern gespielt. Irgendwann sind die Kinder dann zurück ins Haus gegangen, aber da war Michael schon nicht mehr da.“ Der Einsatzleiter umschrieb einen Kreis auf dem Ortsplan. „Unsere Leute sind von hier aus ausgerückt und arbeiten sich jetzt langsam nach außen vor. Leider gibt es kaum Fußspuren, weil es so stark schneit.“

Lucas überlegte kurz. „Sie sagen, die Kinder hätten hinterm Haus gespielt – was haben sie denn dort gemacht?“

„Einen Schneemann gebaut, und da war Michael noch dabei, wie seine Brüder uns berichtet haben.“

„Okay, dann schaue ich mir zunächst den Garten noch mal an“, erklärte Lucas entschlossen.

Ed nickte. „Einverstanden. Nehmen Sie das hier mit.“ Er gab ihm eine große Taschenlampe sowie eine Trillerpfeife.

„Danke.“ Lucas nahm die Sachen an sich und wandte sich an Jess. „Komm mit, J J.“

Gemeinsam stapften sie hinters Haus, wo sie gleich den Schneemann sahen. Um ihn herum waren zwar viele Fußspuren zu erkennen, doch Lucas ging davon aus, dass die eher von dem Suchtrupp stammten als von Michael und den anderen Kindern. Lucas sah sich aufmerksam um, dann blickte er zum Dach des Hauses empor und runzelte die Stirn.

„Was ist? Hast du was entdeckt?“, fragte Jess gespannt.

„Schau mal, da ist eine Menge Schnee vom Dach gerutscht.“ Lucas wies auf einen etwa drei Meter hohen Schneehaufen direkt an der Hauswand. „Vielleicht wurde Michael hier verschüttet. Komm, versuchen wir’s.“

Er kniete sich auf den Boden und begann mit den Händen in dem Schneeberg zu graben, während Jess ihm schweigend zusah. Ihr Herz krampfte sich zusammen, und sie hatte das Gefühl, als würde ihr die Kehle zugeschnürt. Was, wenn Michael wirklich unter diesem Haufen lag? Würde er ersticken so wie Stephen damals?

Die Erinnerung an jenen fürchterlichen Tag lähmte sie und sie stand da wie festgefroren. Ihr Bruder war gestorben, weil jede Hilfe zu spät gekommen war …

„Jess, hilf mir bitte.“

Sie hörte Lucas’ Stimme, war jedoch zu keiner Regung fähig.

„J J, was ist denn los mit dir? Komm und hilf mir graben!“

Sein schroffer Tonfall riss sie endlich aus ihrer Starre, und sie kniete sich neben Lucas und begann ebenfalls zu graben. Ja, sie musste diesem Jungen helfen, musste alles dafür tun, um ihn zu retten!

Jess grub nun wie besessen, bis ihr der Schweiß aus allen Poren lief. Ihre Arme und die Finger schmerzten, doch sie grub immer weiter. Stephen hatte sie nicht helfen können, aber dieser kleine Junge musste leben!

„Michael, hörst du mich?“, rief Lucas laut, während er weitergrub. „Halte durch, wir sind gleich bei dir!“

Jess’ Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust, und alle ihre Muskeln schmerzten, doch sie gab nicht auf. Unermüdlich gruben sich ihre Hände in den kalten Schnee, bis sie plötzlich auf etwas Hartes stießen.

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