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JULIA EXTRA BAND 438

MAISEY YATES

Der Milliardär und das Hippiegirl

„Du wirst meine Frau werden!“ Renzo Valentis Plan schockiert die junge Esther. Um keinen Preis will sie ihre Freiheit aufgeben! Doch dann weckt ein überraschender Kuss von Renzo ungeahnte Sehnsüchte …

BELLA BUCANNON

Komm und küss mich, Boss!

Tycoon Matt Dalton glaubt nicht an Happy Ends. Bis die scheue Lauren nicht nur sein Verlangen erregt, sondern überraschend auch sein Herz berührt. Aber Vorsicht: Ist sie womöglich eine Betrügerin?

SUSAN STEPHENS

Das Paradies in deinen Armen

Rosie kann noch so betörend sein, Don Xavier Del Rio darf sich nicht von seinem Ziel ablenken lassen. Er muss die Insel, die zur Hälfte ihr gehört, um jeden Preis ganz in seinen Besitz bringen!

ALISON ROBERTS

Unsere italienische Affäre

In vier Wochen wird Prinz Raoul heiraten und die Krone überneh-men. Doch bis dahin will er nur eins: inkognito seinen leidenschaftli-chen Urlaubsflirt mit Mika genießen! Mit ungeahnten Folgen …

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Der Milliardär und das Hippiegirl

1. KAPITEL

„Ich bin schwanger, Mr. Valenti.“

Verblüfft musterte Renzo Valenti die junge Frau, die plötzlich aus dem Nichts vor seinem Hauseingang aufgetaucht war.

Renzo, der einmal das milliardenschwere Immobilienunternehmen seiner Familie übernehmen sollte, war ganz bestimmt kein Kind von Traurigkeit. Sein Ruf als internationaler Playboy mit hohem Frauenverschleiß eilte ihm voraus. Aber er hätte schwören können, diese Frau noch nie im Leben gesehen zu haben. Sie wirkte, als hätte sie den heißen Tag auf Roms Straßen verbracht statt bei heißem Sex in edler Seidenbettwäsche.

Da die Frau kein Make-up aufgetragen hatte, war deutlich sichtbar, wie sehr ihr die Hitze zusetzte. Das lange dunkle Haar war zu einem nachlässigen Knoten hochgebunden, der sich halb aufgelöst hatte. Das schwarze Tanktop und der bodenlange Rock schienen so eine Art Uniform amerikanischer Studentinnen zu sein, die den Sommer in Rom verbrachten. Unter dem Rocksaum lugten ausgelatschte Sandaletten hervor. An so eine Frau hätte er freiwillig nie einen zweiten Blick verschwendet. Doch was sollte er tun, wenn sie ihn in seinem Hauseingang mit Worten konfrontierte, die er zuletzt im Alter von sechzehn Jahren gehört hatte? Dieses Mal war er sich jedoch keiner Schuld bewusst.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Renzo. „Oder herzliches Beileid? Das liegt bei Ihnen.“

„Sie haben mich nicht richtig verstanden“, antwortete die Frau.

„Offensichtlich nicht. Wie kommen Sie dazu, meiner Haushälterin zu sagen, Sie müssten mich dringend sprechen? Ich kenne Sie überhaupt nicht. Was fällt Ihnen ein, in mein Haus einzudringen?“

„Ich bin hier nicht eingedrungen“, widersprach sie sofort. „Luciana hat mir freiwillig die Tür geöffnet.“

Wenn das so ist … Renzo wunderte sich. Eigentlich wäre das ein Kündigungsgrund. Was hatte sie sich dabei gedacht? Wollte sie ihn bestrafen, weil ihr sein Frauenverschleiß gegen den Strich ging? Allerdings ging sie das überhaupt nichts an. Diese armselige Kreatur hier hätte er eher als Straßenmusikantin in Haight-Ashbury vermutet als in seinem Nobelviertel. Luciana irrte, wenn sie glaubte, er würde sich mit so einer einlassen.

„Gut, und jetzt werden Sie wieder verschwinden“, forderte Renzo ungehalten.

„Aber es ist Ihr Baby.“

Er lachte sie aus. Was hätte er sonst tun sollen? Irgendwie musste er die Anspannung lösen, die ihn bei den Worten überkommen hatte. Ein Widerhall aus der Vergangenheit. Aber mit diesem Hippiemädchen hier hätte er sich niemals eingelassen, schon gar nicht in den vergangenen sechs Monaten, die er schließlich als verheirateter Mann verbracht hatte. Die Ehe war eine Farce gewesen. Ashley war ihm ständig untreu geworden. Er hingegen war nicht ein einziges Mal fremdgegangen. Die Kleine mit dem kaum sichtbaren Babybauch log!

Die kurze Ehe war von unzähligen Auseinandersetzungen mit Ashley geprägt gewesen. Renzo hatte keine Ahnung, wie vielen in seine Richtung geschleuderten Vasen er ausgewichen war. Dabei eilte Kanadierinnen doch der Ruf voraus, freundlich und gelassen zu sein!

Nach jedem heftigen Streit hatte Ashley versucht, Renzo wieder für sich zu gewinnen, ihn zu zähmen. Offenbar war ihr nicht bewusst, dass sich ein Mann wie Renzo nicht zähmen ließ.

Er hatte Ashley nur geheiratet, um seinen Eltern etwas zu beweisen. Der Schuss war nach hinten losgegangen. Nach sechs Monaten wurde die Ehe geschieden, und er war wieder ein freier Mann. Theoretisch hätte er sich also auch mit dieser kleinen Rucksacktouristin vergnügen können. Praktisch konnte er es jedoch kaum erwarten, sie vor die Tür zu setzen.

„Das ist unmöglich, cara mia.“

Schockiert sah sie zu ihm auf.

Hatte sie sich wirklich eingebildet, er würde auf sie hereinfallen? Oder ihr wenigstens helfen? Renzo fing ihren Blick auf. „Tut mir leid. Ich kann ja verstehen, dass Sie Ihr Glück bei mir versuchen wollen. Immerhin bin ich als Playboy bekannt. Aber Sie sind hier an der falschen Adresse.“ Renzo bemühte sich um Gelassenheit. „Ich bin nämlich in den vergangenen sechs Monaten verheiratet und meiner Frau absolut treu gewesen.“

„Ashley Bettencourt“, stieß sie leise hervor.

Renzo musterte sie verblüfft, als sie den Namen seiner Exfrau aussprach. Dann fiel ihm ein, dass die Heirat ja weltweit Schlagzeilen gemacht hatte. Umso seltsamer, dass diese Frau hier ausgerechnet ihn bezichtigte, der Vater ihres Kindes zu sein. „Genau die war meine Frau. Das wissen Sie offensichtlich aus der Boulevardpresse.“

„Nein, ich habe Ashley in einer Bar kennengelernt“, behauptete sie. „Sie hat dafür gesorgt, dass ich schwanger werde.“

Ungläubig wich Renzo zurück. „So ein Unsinn!“

Verzweifelt raufte die Kleine sich die Haare, bevor sie die Hände zu Fäusten ballte. „Ich werde versuchen, es Ihnen zu erklären“, sagte sie leise. „Eigentlich hatte ich gedacht, Sie wüssten, wer ich bin.“

„Wieso sollte ich?“

„Ach, warum habe ich mich nur darauf eingelassen?“, stieß sie verzweifelt hervor. „Wahrscheinlich bin ich tatsächlich so dumm, wie mein Vater behauptet.“

Renzo wurde neugierig. „Das scheint mir auch so, cara“, sagte er vorsichtig. „Trotzdem bin ich gespannt auf Ihre Geschichte.“

„Okay.“ Sie atmete tief durch. „Ich arbeite als Aushilfskraft in einer Bar in der Nähe des Kolosseums. Dort hat Ashley mich angesprochen. Wir haben uns unterhalten. Sie hat mir von den Problemen in Ihrer Ehe erzählt und davon, dass sie einfach nicht schwanger wurde.“

Renzo war schockiert. Ashley und er hatten gar nicht versucht, ein Kind zu bekommen! Bereits kurz nach der Heirat war Renzo klargeworden, dass ein Zusammenleben mit Ashley unmöglich war. Deshalb hatte er die Scheidung eingereicht. Der Gedanke an gemeinsame Kinder war daher absurd.

„Ich fand es merkwürdig, dass sie mir von ihren Problemen erzählte. Wir kannten uns doch gar nicht. Aber Ashley tauchte auch an den nächsten beiden Abenden in der Bar auf. Ich vertraute ihr an, wie ich nach Italien gekommen war und dass ich praktisch von der Hand in den Mund lebe.“ Sie ließ den Kopf hängen. „Dann hat sie gefragt, ob ich bereit wäre, ihr Baby auszutragen“, erklärte sie leise.

Fassungslos musterte Renzo die Kleine. Dann stieß er einen langen Fluch in seiner Muttersprache aus. „Ich glaube kein Wort. Das Miststück hat Sie ausgetrickst.“

„Aber sie hat mir versichert, Sie wüssten Bescheid und wären einverstanden“, entgegnete sie. „Woher sollte ich wissen, dass Sie keine Ahnung hatten? Ashley meinte, es wäre alles ganz einfach. Wir fahren nach Santa Firenze, wo Leihmutterschaft legal ist. Dann müsste ich das Baby nur noch austragen – natürlich gegen Bezahlung – und das Neugeborene seinen Eltern übergeben. Ashley klang richtig verzweifelt. So verzweifelt, dass sie eine Wildfremde um Hilfe bat.“

Ein eiskalter Schauer lief Renzo den Rücken hinunter. Der Schock saß tief. Die Geschichte klang absurd. Andererseits war Ashley alles zuzutrauen. Besonders nach der Scheidung, auf die sie mit einem fürchterlichen Wutausbruch reagiert hatte. Sie hatte Renzo vorgeworfen, in Kanada geheiratet zu haben, weil eine Scheidung dort unproblematisch wäre. Sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen …

„Und Sie haben sich auf so etwas eingelassen? Wieso haben Sie nicht wenigstens darauf bestanden, vorher auch mit dem Ehemann zu reden?“

„Ashley behauptete, Sie könnten nicht mit zur Klinik in Santa Firenze kommen. Jeder hätte Sie sofort erkannt. Sie selbst hat sich mit einer riesigen Sonnenbrille getarnt.“

„Ich kann das alles nicht glauben.“ Frustriert fuhr Renzo sich durchs dichte schwarze Haar. „Wie viel Geld hat diese Schlange Ihnen bezahlt?“

„Nur einen Bruchteil. Den Rest sollte ich bekommen, wenn ich das Baby übergebe. Aber Ashley will das Baby nicht mehr haben, wegen der Probleme mit Ihnen“, fügte sie leise hinzu.

„Probleme?“ Renzo lachte abfällig. „Sie meinte wohl die Scheidung.“

„Vermutlich.“

„Ach, davon wussten Sie gar nichts?“

„Nein. Ich habe in der Jugendherberge keinen Zugang zum Internet.“

„Sie wohnen in der Jugendherberge?“, fragte er erstaunt.

„Ja.“ Verlegen senkte sie den Blick. „Mir ist das Geld ausgegangen. Jetzt halte ich mich mit dem Aushilfsjob in der Bar über Wasser. Eigentlich wollte ich gar nicht so lange in Rom bleiben. Aber vor drei Monaten hat Ashley mich dann ja angesprochen.“

„In der wievielten Woche sind Sie?“

„In der achten. Und nun will Ashley das Baby plötzlich nicht mehr. Aber ich will … ich kann nicht abtreiben, ohne Ihre Meinung gehört zu haben. Deshalb bin ich hier.“

Verständnislos sah er sie an. „Wenn ich das Kind auch nicht will, dann ziehen Sie es selbst auf? Oder wie soll ich das verstehen?“

Die Kleine lachte hysterisch. „Nein, ganz sicher werde ich das Kind nicht aufziehen. Ich will keine Kinder, und heiraten will ich erst recht nicht. Aber ich habe mich nun mal darauf eingelassen, als Leihmutter zu fungieren. Natürlich fühle ich mich jetzt für das Baby verantwortlich. Ashley war ja fast eine Freundin. Sie war der einzige Mensch, der hier mit mir gesprochen hat. Sie hat mir ihr Herz ausgeschüttet und mich praktisch angefleht, das Baby für sie auszutragen, weil sie sich so sehr ein Kind wünscht. Und plötzlich will sie nichts mehr davon wissen. Sie hat es sich anders überlegt, aber ich sitze nun damit da.“

„Was würden Sie denn tun, wenn ich das Baby auch nicht will?“

„Dann gebe ich es zur Adoption frei.“

„Aha.“ Angestrengt dachte Renzo nach. „Sagen Sie mal, hat Ashley Ihnen zugesagt, dass Sie den restlichen Geldbetrag erhalten, wenn Sie das Baby austragen?“

„Nein.“

„Deshalb sind Sie nun zu mir gekommen, oder?“

„Nein, ich bin hier, weil ich Ihre Meinung hören wollte“, erklärte sie. „Es hat mich stutzig gemacht, dass Sie sich offenbar überhaupt nicht für das Wohlergehen Ihres Kindes interessieren.“

Heiße Wut stieg in Renzo auf. „Dann hören Sie mir jetzt bitte mal genau zu! Meine Exfrau hat sich hinter meinem Rücken an Sie gewandt. Ich habe keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte. Wie ist es ihr gelungen, nicht nur Sie zu manipulieren, sondern auch den Gynäkologen? Und mich? Was bezweckt sie mit ihrem plötzlichen Rückzieher? Nach der Scheidung erhält sie keinen Cent von mir, deshalb will sie offensichtlich auch kein Kind mehr von mir haben, um das sie sich für den Rest ihres Lebens kümmern müsste. Vielleicht war es auch eine dieser für Ashley typischen Kurzschlussreaktionen. Ein spontaner Einfall. Möglich, dass sie mir das Baby als Überraschung in die Arme legen wollte und nun das Interesse daran verloren hat. Das spielt ja jetzt auch gar keine Rolle. Tatsache ist, dass ich keine Ahnung von ihrem Plan hatte und dass ich dieses Baby nicht will.“

Die Kleine sackte in sich zusammen, fing sich aber gleich wieder und schaute Renzo herausfordernd an. „Sie finden mich in der amerikanischen Jugendherberge, falls Sie es sich anders überlegen. Wenn ich nicht da bin, arbeite ich in der Bar gegenüber.“ Sie wandte sich um und machte Anstalten, auf die Straße zu gehen. Dann wandte sie sich noch einmal um. „Ich wollte, dass Sie Bescheid wissen, damit Sie später nicht behaupten können, Sie hätten von nichts gewusst.“

Im nächsten Moment war sie verschwunden.

Das war es, dachte Renzo und beschloss, keinen Gedanken mehr an das Hippiemädchen zu verschwenden.

So einfach war das aber nicht. In den nächsten drei Tagen kreisten Renzos Gedanken immer wieder um die Szene in seinem Hauseingang. Ich weiß nicht mal, wie sie heißt, dachte er. Außerdem wusste er nicht, ob sie die Wahrheit sagte oder ob dies auch nur wieder einer von Ashleys skurrilen Einfällen war. Vermutlich Letzteres. Wahrscheinlich sollte er ihr wieder ins Netz gehen. Irgendetwas hatte sie jedenfalls vor. So einfach ließ sie ihn sicher nicht aus ihren Fängen. Zumal sie nach der Scheidung keinen einzigen Cent mehr von ihm erhalten hatte.

Vielleicht ist diese Babygeschichte ihre Rache, dachte Renzo plötzlich. Leihmutterschaft war in Italien nicht rechtens. Deshalb war Ashley mit der jungen Frau nach Santa Firenze gefahren. Was kümmert es mich, dachte Renzo dann. Wahrscheinlich hat das Hippiemädchen sich die Geschichte sowieso nur ausgedacht. Andererseits konnte es nichts schaden, die Kleine aufzusuchen, um ihr mal auf den Zahn zu fühlen. Ja, genau das würde er tun. Das war er sich und Gilian schuldig. Schon einmal hatte er ein Kind verloren. Nie wieder durfte ihm das passieren! Entschlossen machte er sich auf den Weg zu der Bar.

2. KAPITEL

Esther Abbott atmete erleichtert auf. Sie musste nur noch einen Tisch abräumen, dann war ihre Schicht beendet. Hoffentlich hatte sie heute genug Trinkgeld zum Überleben eingenommen. Sonst war die nächste schlaflose Nacht schon vorprogrammiert.

Die schmerzenden Fuße konnte sie wohl kaum auf die Schwangerschaft schieben, dazu war die noch nicht weit genug fortgeschritten. Aber wenn man zehn Stunden auf den Beinen war, taten einem die Füße natürlich weh.

Sie musste aber arbeiten, um zu überleben. Was blieb ihr anderes übrig? Renzo Valenti hatte ja nichts von ihr und ihrem Schicksal wissen wollen. Ashley Bettencourt wollte nichts mehr mit ihr und dem Baby zu tun haben. Wahrscheinlich wäre es am besten gewesen, die von Ashley geforderte Abtreibung vornehmen zu lassen. Doch das brachte Esther einfach nicht übers Herz.

Sie befand sich in einer prekären Lage. Eigentlich hatte Esther sich von der Europareise die lange ersehnte Freiheit erhofft. Sie wollte etwas von der Welt sehen. Zu Hause regierte ihr Vater mit eiserner Hand. Als Mädchen war es ihr strikt verboten, zu lesen und zu lernen. Frauen sollten sich ganz auf die Hausarbeit konzentrieren. Nicht einmal den Führerschein durfte sie machen. Wozu auch? Sie würde ja sowieso immer und überallhin von ihrem Zukünftigen begleitet werden. Freiheit, Unabhängigkeit waren absolut tabu für eine Frau. Genau danach hatte Esther sich aber so sehr gesehnt. Diese Sehnsucht hatte sie in ernste Schwierigkeiten gebracht. Ihr Vater hatte sie aus der Kommune geworfen. Sie hätte es dort sowieso keinen Tag länger ausgehalten.

Natürlich hätte Esther sich fügen können, indem sie ihre geliebten Bücher und CDs entsorgt hätte. Doch das hatte sie kategorisch abgelehnt.

Zwar war die Kommune ihr Zuhause gewesen. Aber was war das für ein Leben, wenn man praktisch unter Gleichgesinnten eingesperrt war? Die Kommune lebte im Stil vergangener Jahrhunderte. Wenn Esther länger dort geblieben wäre, hätte man sie zwangsverheiratet. Esther galt als schwierig und widerspenstig. Deshalb wollte keine der anderen Familien sie als Schwiegertochter haben. Schließlich war ihrem Vater nichts anderes übriggeblieben, als sie aus der Kommune zu verstoßen, um ein Exempel zu statuieren.

Wenn die mich jetzt sehen könnten, dachte Esther und rang sich ein ironisches Lächeln ab. Schwanger, allein und in einer verruchten Bar angestellt. Die Kommunarden würden sie erst recht verachten. Sie selbst war auch nicht gerade glücklich über die Situation, in der sie sich befand. Hätte sie sich doch nur nicht auf Ashleys Vorschlag eingelassen! Aber das Geld hatte sie gelockt. Damit hätte sie ihr Studium finanzieren können. Den Job in der Bar hätte sie an den Nagel hängen können. Die Arbeit dort sagte ihr überhaupt nicht zu.

Als Rucksacktouristin durch Europa zu ziehen war weit weniger romantisch, als sie es sich vorgestellt hatte. Mit Ashleys Geld in der Tasche wären ihr Übernachtungen in schmutzigen Jugendherbergen erspart geblieben. Aber es war nicht nur die Aussicht auf ein finanzielles Polster, das Esther bewogen hatte, auf Ashleys Vorschlag einzugehen. Sie hatte Mitleid mit der Frau gehabt, die sich so sehnlich ein Kind wünschte, um ihre Ehe zu retten. Ashley hatte versichert, das Kind zu lieben und zu umsorgen. Dem Kind würde es niemals an etwas fehlen. Das hatte Esther gerührt. Sie selbst hatte sich immer ungeliebt von ihren Eltern gefühlt.

Nun erwies sich das Bild der glücklichen Vorzeigefamilie, das Ashley gemalt hatte, als Lüge, die Esther nur schwer ertragen konnte.

War das die Strafe für ihren Ungehorsam, für ihren starken Willen, ihr Leben nach ihren eigenen Wünschen zu gestalten? So würde ihr Vater es zweifellos sehen. Esther lachte verbittert.

Irgendwie werde ich es schon schaffen, dachte sie entschlossen. Jedenfalls würde sie ganz sicher nicht wieder zu Hause angekrochen kommen. Diese Genugtuung gönnte sie ihrem Vater nicht.

Sie sah auf. Ja, sie wollte das Kind zur Welt bringen und dann dafür sorgen, dass es von einer liebevollen Familie adoptiert wurde. Die leiblichen Eltern wollten es ja nicht haben, und ihre eigene Aufgabe war es nur, das Baby auszutragen.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden, und wandte sich um.

Renzo lehnte am Eingang der belebten Bar und fing Esthers Blick auf.

Groß, das schwarze Haar aus der Stirn gekämmt, im Maßanzug, der Renzos fantastische Figur perfekt zur Geltung brachte, stand er da und musterte sie.

Renzo Valenti, der Vater des Babys, das sie unterm Herzen trug. Der Mann, der sie vor drei Tagen erbarmungslos in die Wüste geschickt hatte. Esther hatte nicht erwartet, ihn je wieder zu sehen.

Ein Hoffnungsschimmer glomm in ihr auf. Hatte Renzo seine Meinung geändert? Würde er das Baby nehmen und sie für ihre Leihmutterschaft entschädigen?

Esther faltete das Wischtuch, steckte es in die Tasche und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge. Renzos intensiver Blick traf sie mit voller Wucht. Ihr wurde heiß. Schmetterlinge schienen plötzlich im Bauch zu flattern. Ein Beben ging durch Esthers schlanken Körper. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Der Boden unter ihr schien zu schwanken, die Welt stillzustehen. Alles sehr beängstigend.

Doch dann setzte auch Renzo sich in Bewegung und stand wenig später vor ihr. Ein unsichtbares Band schien sie zu verbinden.

„Wir müssen reden“, sagte er ernst.

„Haben wir das nicht schon getan?“, fragte sie mit bebender Stimme.

„Ja, aber ich war zu schockiert und konnte nicht klar denken“, erklärte Renzo.

„Tut mir leid. Ich dachte, Sie wüssten Bescheid.“

„Nein, ich hatte keine Ahnung. Inzwischen habe ich nachgedacht. Wenn Ihre Geschichte der Wahrheit entspricht, müssen wir eine Lösung finden.“

„Okay. Ich habe die Wahrheit gesagt. Die entsprechenden Papiere befinden sich bei meinen Sachen in der Jugendherberge.“

„Wer garantiert mir, dass die Papiere nicht gefälscht sind?“

Esther lachte ihn aus. „Ich habe keine Ahnung, wie man Papiere fälscht.“

„Das behaupten Sie. Aber kann ich Ihnen glauben? Ich kenne Sie nicht, weiß überhaupt nichts von Ihnen.“

„Warum sind Sie hier, wenn Sie mir nicht glauben?“ Sein wütender Blick machte ihr Angst. Trotzdem hielt sie ihm stand. „Offensichtlich halten Sie die Geschichte durchaus für möglich. Warum sollte ich ausgerechnet zu Ihnen kommen, wenn Sie mit der Sache nichts zu tun haben?“ Herausfordernd schaute sie ihn an.

„Dann begleite ich Sie jetzt zur Jugendherberge.“

„Okay, meine Schicht ist sowieso gerade beendet. Ich muss mich nur noch abmelden.“

Renzo hielt sie am Arm fest. Ein Prickeln überlief Esther. Ein ihr bisher völlig unbekanntes Gefühl. Es gab ihr zu denken.

„Sie kommen jetzt mit! Falls nötig, rede ich nachher mit Ihrem Chef.“

„Das geht nicht.“

Renzo lächelte überheblich. „Doch. Auf geht’s, cara mia.“ Unnachgiebig zog er sie hinter sich her auf die Straße.

„Sie wissen doch gar nicht, wo ich wohne“, protestierte sie.

„Doch. Zufälligerweise kenne ich Rom wie meine Westentasche.“

„Dies ist aber nicht der Weg zur Jugendherberge.“

„Oh doch. Sie werden schon sehen“, widersprach er.

Tatsächlich erwies sich diese Route als Abkürzung. Wenige Minuten später standen sie vor dem Eingang der Jugendherberge. Erstaunt musterte Esther ihren Begleiter.

„Gern geschehen“, sagte Renzo und lächelte selbstzufrieden, bevor er ihr höflich die Tür aufhielt.

„Gern geschehen?“ Ratlos sah sie ihn an.

„Ich habe Ihnen gerade eine Abkürzung gezeigt. Sie sparen in Zukunft also Zeit.“

„Ach so.“ Esther schob sich an ihm vorbei und führte ihn zu dem kleinen Zimmer am Ende des Korridors, das seit Wochen ihr Zuhause war. Sie teilte es sich mit drei anderen jungen Frauen.

Sie schlüpfte aus den Sandaletten und ging barfuß über den unebenen Steinfußboden zum Bett, wo sie ihre Sachen aufbewahrte, wenn sie nicht schlief. Müde zog sie den Rucksack heran und suchte nach den Papieren. Renzo kam näher. Die Atmosphäre in dem kleinen Zimmer war angespannt.

„Bitte sehr“, sagte Esther wenig später und hielt ihm einen großen Umschlag entgegen.

Renzo griff danach. „Was ist das?“

„Ergebnisse der medizinischen Untersuchungen und der von Ashley und mir unterschriebene Vertrag“, erklärte sie. „Die Unterschrift Ihrer Frau, Pardon, Exfrau, werden Sie ja wohl erkennen.“

Renzo blätterte in den Unterlagen, fand die Unterschriften und sah auf. „Scheint echt zu sein“, sagte er schließlich und verzog das Gesicht.

„Am besten rufen Sie Ashley an“, schlug Esther vor. „Wahrscheinlich ist sie ebenso wütend auf Sie wie auf mich.“

„Ashley besteht also auf einer Abtreibung? Habe ich Sie da richtig verstanden?“

„Ja.“ Sie ließ den Kopf hängen. „Aber das kann ich nicht. Das Baby lebt. Es ist zwar nicht meins, aber ich bringe es nicht fertig, sein Leben zu beenden.“

„Wenn Ihre Behauptungen stimmen, ist es auch mein Kind“, sagte Renzo nachdenklich. „Selbstverständlich soll es leben.“

„Sie wollen das Baby?“, fragte sie erstaunt.

Seine Miene war undurchdringlich. „Ich werde die Verantwortung für mein Kind übernehmen“, antwortete er schließlich. Von wollen konnte keine Rede sein. „Erst einmal müssen Sie aber hier raus. In diesem Loch bleiben Sie keine Minute länger. Schließlich tragen Sie den zukünftigen Erben des Valenti-Imperiums unterm Herzen.“ Er lächelte ironisch.

Esther glaubte sich verhört zu haben. Ihr Baby sollte ein ganzes Imperium erben? Okay, Renzo war reich. Das war ihr schnell klargeworden, als Ashley mit dem Geld nur so um sich geworfen hatte. Sie sah auf. „Die letzten beiden Monate haben wir ja auch hier gelebt“, gab sie zu bedenken.

„‚Gehaust‘, würde ich eher sagen. Damit ist jetzt Schluss. In der Bar werden Sie auch nicht mehr arbeiten. Ab sofort wohnen Sie in meiner Villa.“

Bevormundung konnte Esther überhaupt nicht leiden. Schockiert musterte sie den Mann, der ihr vorschreiben wollte, wie sie zu leben hatte. „Vielleicht will ich das aber gar nicht.“

„Pech, Sie haben keine Wahl. Schon aus Sicherheitsgründen. In diesem Vertrag steht nämlich, dass Ashley die Schwangerschaft jederzeit beenden kann. Und sie hat ja von Ihnen verlangt, abzutreiben. Es bleibt Ihnen also nichts anderes übrig, als sich an mich zu halten. Sonst gehen Sie komplett leer aus. Ich werde Ihnen mehr zahlen als meine Exfrau, aber nur, wenn Sie sich an meine Anweisungen halten.“

Esther wurde es schwindlig. Schnell setzte sie sich wieder aufs Bett. Vor ihren Augen drehte sich alles. Verzweifelt riss sie sich zusammen. „Okay“, sagte sie schließlich leise. Sie hatte ja keine Wahl. Aber konnte sie Renzo über den Weg trauen? Einem Mann, der mit Ashley verheiratet gewesen war, die sich als Lügnerin entpuppt und behauptet hatte, Renzo würde ständig Lügen erzählen?

Worauf lasse ich mich da ein? überlegte Esther beunruhigt. Was habe ich getan? fragte sie sich schuldbewusst. Schuldbewusstsein kannte sie leider nur zu gut. Ihr ganzes bisheriges Leben in der Kommune hatte sie ein schlechtes Gewissen gehabt, weil sie sich nicht an die Regeln gehalten hatte. Trotz des Verbots ihres Vaters hatte sie Bücher ausgeliehen, CDs. Sie liebte Popmusik und Müsli mit viel Zucker. Das alles war verboten.

Ashleys Angebot hatte sie angenommen, weil das Geld ihr ein neues Leben ermöglichte. Sie konnte studieren, reisen, ihre Freiheit genießen. Ashleys Rückzieher drohte ihre Träume zunichte zu machen. Die einzige Chance bestand darin, mit Renzo zu gehen.

Sie atmete tief durch, packte ihre Sachen, schlüpfte in die Sandaletten und sah Renzo an. „Okay, ich komme mit.“

3. KAPITEL

Aufgeregt und wütend zugleich fuhr Renzo zurück zu seiner Villa. Bei einem Seitenblick auf seine Beifahrerin stellte er fest, dass sie fasziniert die Ausstattung seines italienischen Luxuswagens beäugte.

Hoffentlich war es die richtige Entscheidung, sie mitzunehmen, dachte Renzo nervös. Aber was wäre die Alternative gewesen? Diese Esther Abbott, bettelarme Rucksacktouristin aus den USA, erwartete ein Kind von ihm! Allein die Vorstellung war ungeheuerlich. Ashley hatte ihm einiges zu erklären. Bis dahin war er gezwungen, Esthers Version Glauben zu schenken. Er musste seinem Bauchgefühl vertrauen, denn mit dem Verstand ließ sich die Situation nicht erklären.

Renzo überlegte, wann er sich zuletzt auf seinen Instinkt verlassen hatte. Er konnte sich nicht erinnern. Normalerweise verließ er sich auf seinen Intellekt oder ließ sich von seinem ausgeprägten Sexualtrieb leiten. Wobei er beide Bereiche streng trennte. Wenn es ums Geschäftliche ging, setzte er seinen glasklaren Verstand ein. Auf den konnte er sich hundertprozentig verlassen. Aber wenn Gefühle ins Spiel kamen, sah das ganz anders aus. Das beste Beispiel war seine gescheiterte Ehe mit Ashley. Und natürlich die Geschichte mit Gillian. Bei Frauen schien sein Verstand auszusetzen. Er geriet immer an die falschen.

Automatisch warf er einen weiteren schnellen Blick auf Esther, bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte. Die junge Frau war ganz hübsch, aber eher unauffällig. Nur die großen braunen Augen faszinierten ihn an ihr, auch wenn dunkle Schatten darunter lagen. Die Augenbrauen waren ihm allerdings zu breit. Der natürliche Look war mal etwas Neues. Die Frauen, mit denen Renzo sich sonst umgab, waren so stark geschminkt, dass sie nichts Natürliches mehr an sich hatten.

Auch Esthers Lippen waren sehr attraktiv: weich, voll, hübsch geschwungen, sehr einladend …

Ihr schlanker Körper wirkte auch recht anziehend. Besonders die kleinen, hübsch geformten Brüste zogen seine Blicke auf sich. Esther konnte auf einen BH verzichten und tat das offensichtlich auch.

Eigentlich spielte aber nur ihr Bauch eine Rolle. Wuchs dort sein Kind heran oder nicht?

Renzo konzentrierte sich wieder auf die vor ihm liegende Straße und bog schließlich mit sportlicher Geschwindigkeit ab. Nun befanden sie sich auf der Auffahrt zu seiner Villa.

Vor dem Eingang parkte er, stieg aus und öffnete höflich die Beifahrertür. „Willkommen in Ihrem neuen Zuhause“, sagte er. Sein abweisender Tonfall deutete eher das Gegenteil an.

Esther biss sich auf die Lippe, griff nach dem Rucksack und stieg aus. Sie wirkte etwas bleich um die Nase.

Renzo hatte es bemerkt. „Was ist los? Sie waren doch schon mal hier. Wovor haben Sie Angst?“

„Sie machen mir Angst“, gestand sie unverblümt. „Und natürlich das Haus. Ein Schloss ist nichts dagegen.“ Sie sah ihn an. „Ich weiß, dass ich schon mal hier war. Ich musste Ihnen doch sagen, dass Sie Vater werden. Die Villa habe ich gar nicht richtig wahrgenommen.“

„Sie wollen mir jetzt aber nicht erzählen, Sie würden lieber in der Jugendherberge bleiben, oder? Das würde ich Ihnen nämlich nicht abnehmen. Sie haben sich darauf eingelassen, als Leihmutter zu fungieren – für eine hübsche Summe. Sie sind also schon an Geld interessiert.“

„Ja, aus einem einzigen Grund: Ich möchte studieren.“

Erstaunt musterte er sie. „Wie alt sind Sie denn überhaupt?“

„Dreiundzwanzig.“

Renzo fluchte unterdrückt. Genau so alt wie seine Schwester Allegra. Fast hätte er Mitgefühl mit ihr gehabt. Doch derartige Gefühle hatte er sich schon vor langer Zeit verboten. „Bekommen Sie denn kein Stipendium?“

„Nein. Ich habe in den USA keine Schule besucht, sondern mir alles selbst beigebracht. Aber ich glaube, meine Kenntnisse reichen für die Universität. Nur die Finanzierung des Studiums war immer ein Problem.“

„Wieso sind Sie nicht zur Schule gegangen?“

„Weil der Unterricht zu Hause stattfand. Ich sagte ja, dass ich mir alles selbst beigebracht habe“, antwortete sie ausweichend. „Jedenfalls bin ich nicht geldgierig, sondern will nur studieren.“

„Aha. Kommen Sie erst mal herein.“ In der Eingangshalle blieb Renzo stehen. Irgendwie hatte er den Faden verloren. Seine Haushälterin konnte ihm auch nicht helfen, sie hatte bereits Feierabend gemacht. Wo sollte er nun mit seinem Gast hin? Er riss sich zusammen. „Sie sind bestimmt müde.“

„Und hungrig.“

„Dann kommen Sie erst mal mit in die Küche.“ Er ging voraus. Esther schlurfte erschöpft hinter ihm her.

Das Haus hatte schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel, war aber mit den technischen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts ausgestattet.

Renzo öffnete den riesigen Kühlschrank. „Suchen Sie sich etwas aus!“ Im nächsten Moment stellte er fest, dass es zwar genug Zutaten gab, aber keine Gerichte, die man einfach hätte in die Mikrowelle stellen können. Dann fiel ihm ein, dass seine Haushälterin solche Gerichte in der Tiefkühltruhe lagerte, falls Renzo doch mal zu Hause essen wollte. Das geschah eher selten.

Entschlossen öffnete er die Truhe und förderte einen Behälter zutage, der ein Pastagericht zu enthalten schien. „Bitte sehr.“ Er stellte den Behälter vor Esther auf den Tisch und verschwand. Im Eiltempo stürmte er die Treppe hinauf und betrat sein Arbeitszimmer. Dort griff er zum Telefon und rief seine Exfrau an. Ashley meldete sich bereits nach dem zweiten Klingeln.

„Hallo Renzo“, sagte sie betont gelangweilt. „Was verschafft mir das Vergnügen?“

„Ein Vergnügen wird es sicher nicht, Ashley.“

„Das ist mir klar.“

„Ja?“

„Ja. Es war nie ein Vergnügen mit dir. Dafür musste ich mich anderen Männern zuwenden.“

„Zufälligerweise erinnere ich mich sehr genau, wie sehr du den Sex mit mir genossen hast. Nur emotional waren wir nie auf einer Wellenlänge.“

Ashley lachte abfällig. „Sex ist nicht alles, Renzo.“

„Stimmt. In meiner Küche sitzt übrigens gerade eine junge Frau.“

„Wir sind geschieden, Renzo. Du kannst tun und lassen, was du willst“, antwortete sie in scharfem Tonfall. „Es geht mich nichts mehr an.“

„Doch, die Frau in meiner Küche ist nämlich Esther Abbott. Sie behauptet, einen Vertrag als Leihmutter für dich unterschrieben zu haben.“

Schweigen. Renzo freute sich diebisch. Wohl zum ersten Mal war Ashley sprachlos. Selbst als er sie mit einem anderen Mann im Bett erwischt hatte, war sie nicht vor Schreck verstummt, sondern hatte gekeift, nur um das letzte Wort zu haben. Dieses Schweigen war sehr beredt.

Ashley atmete tief durch. „Ich hatte gehofft, ein Baby würde unsere Ehe retten“, gestand sie schließlich. „Aber dann kam ja die Scheidung dazwischen.“

„Genau. Hast du dir wirklich eingebildet, ich würde tatenlos mit ansehen, wie du mich während unserer kurzen Ehe mit fünf anderen Männern betrügst?“

Ashley lachte. „Es waren mindestens sieben.“

Auch gut, dachte Renzo. Er war froh, die Frau endlich los zu sein. „Dann stimmt die Geschichte als?“, fragte er harsch.

„Ja.“

„Wie hast du das angestellt?“

„Bei unserem letzten Zusammensein hast du ein Kondom benutzt. Ich habe es eingesteckt. Der Inhalt reichte für die Befruchtung.“

Renzo fluchte laut und vernehmlich. „Du schreckst vor nichts zurück, oder?“

„Das bleibt abzuwarten. Aber keine Panik, Renzo, mit dir bin ich fertig.“

„Diese Frau erwartet also unser Kind. Ist das richtig?“

„Offensichtlich. Ich hatte ihr gesagt, sie könnte eine Abtreibung machen, von mir würde sie keinen Cent mehr sehen.“

„Okay, damit bestätigst du ihre Angaben.“

„Und jetzt?“, fragte Ashley neugierig.

Gute Frage. Selbstverständlich würde das Kind bei ihm aufwachsen. Aber wie sollte er das seinen Eltern und der Presse erklären? Die Geschichte würde Schlagzeilen machen, die sein Kind irgendwann im Internet entdecken würde. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder erklärte er offen und ehrlich, wie Ashley ihn hintergangen hatte, oder er musste sich eine Geschichte über eine Frau ausdenken, die ihr Kind aussetzen wollte. Leihmutterschaft war in Italien verboten. Daher war der Vertrag zwischen Ashley und Esther auch nicht bindend.

„Gar nichts“, antwortete er entschlossen. „Esther Abbott erwartet ein Kind von mir. Ich werde mich der Verantwortung stellen.“

„Was willst du damit sagen, Renzo?“, fragte sie wütend.

Für Renzo stand fest, was er zu tun hatte. Er war ja schon einmal in einer ähnlichen Situation gewesen. Damals war er jedoch machtlos gewesen. Seine Eltern, die Frau, um die es ging, und ihr Ehemann hatten entschieden, was zu tun war. Gillian war seine erste Geliebte gewesen. Der Preis dafür war sehr, sehr hoch gewesen. Mit sechzehn Jahren war er zum ersten Mal Vater geworden. Doch er durfte sein Kind nicht einmal sehen. Ein Skandal war damals undenkbar gewesen. Gillians Ehe durfte nicht zerstört werden. Also fand man eine Lösung. Eine Lösung, die Renzo komplett außen vor ließ. Das wird mir nicht noch einmal passieren, dachte er entschlossen.

„Damit will ich sagen, dass ich Esther Abbott heiraten werde“, antwortete er mit fester Stimme.

In Renzos riesiger Küche hatte Esther zehn Minuten gebraucht, um die Mikrowelle zu finden. Das Nudelgericht war teils eiskalt, teils kochendheiß. Schon beim ersten Bissen hätte sie sich fast die Zunge verbrannt. Aber es schmeckte köstlich. Sie liebte Pasta. Esther liebte es, neue Gerichte zu probieren. Zu Hause war die Auswahl eher begrenzt gewesen. In England hatten ihr Scones am besten geschmeckt, in Frankreich Makronen. Nur selten vermisste sie die herzhaften Eintöpfe ihrer Mutter.

Plötzlich wurde Esther von Heimweh überwältigt. Das passierte gelegentlich, obwohl das Leben zu Hause nicht gerade nach ihrem Geschmack gewesen war. Esther drängte die Tränen zurück und nahm noch einen Löffel Pasta. Dann hörte sie Schritte näher kommen und sah auf.

Renzo betrat die Küche und schaute Esther tief in die Augen. Wie gebannt erwiderte sie den intensiven Blick. Das Heimweh war vergessen.

„Ich habe gerade mit Ashley telefoniert.“

Esther ließ den Löffel sinken. „Sie wollten sicher nicht hören, was sie zu sagen hatte, oder?“

„Stimmt.“

„Tut mir leid. Aber es ist, wie es ist. Ich bin keine Lügnerin, und ich bin auch nicht hier, um Sie zu übervorteilen. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, einen Arztbericht zu fälschen. Bevor Ashley mich zu dem Gynäkologen geschleppt hat, bin ich noch nie bei einem Arzt gewesen.“

Renzo musterte sie erstaunt.

Esther lächelte müde. Sie war so anders als andere Leute. Immer wieder erstaunte sie ihre Mitmenschen in Europa. Die hielten sie für eine typische Amerikanerin. Doch das traf es ganz und gar nicht. „Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen“, behauptete sie. Er brauchte ja nicht zu wissen, dass ihre Familie in einer Kommune lebte. Esther war eine geübte Lügnerin. Nur mit Lügen hatte sie vor ihren Eltern verbergen können, dass sie heimlich lernte.

„Und da gab es nicht einmal einen Arzt?“, fragte Renzo ungläubig.

„Doch. Er hat Hausbesuche gemacht.“

„Wie auch immer. Jedenfalls weiß ich jetzt, dass Sie die Wahrheit gesagt haben.“

„Das hatte ich Ihnen doch versichert.“

„Stimmt.“ Nachdenklich blickte er vor sich hin. Dann sah er auf. „Sagen Sie mal, Esther, was erwarten Sie vom Leben?“

Ihr wurde warm ums Herz. Danach hatte sich noch nie jemand bei ihr erkundigt. „Ich möchte reisen, ich möchte studieren.“

„Und was? Betriebswirtschaft? Geschichte? Kunst?“

„Am liebsten alles. Ich möchte so viel wissen.“

„Was genau?“

„Alles, was ich noch nicht weiß.“

„Das ist so gut wie unmöglich. Aber versuchen können Sie es ja. Hier in Rom würde sich Geschichte anbieten.“

„In Paris und London auch. Allein hier in dieser Stadt zu sein ist eine Offenbarung. Das reicht mir aber nicht.“

Renzo tigerte in der Küche auf und ab. „Das kann ich verstehen“, sagte er schließlich. „Ich bin mit all diesen Dingen aufgewachsen. Für mich ist vieles selbstverständlich. Aber auch ich lerne immer wieder dazu. Seit einiger Zeit leite ich das Familienunternehmen, mit großem Erfolg, wie ich stolz behaupten kann.“

„Das freut mich für Sie.“

„Sie könnten davon profitieren“, gab er zu bedenken.

Aufgeregt schaute sie ihn an. „Wirklich?“, fragte sie erwartungsvoll.

„Wirklich. Vor Ihnen steht ein Milliardär, Esther. Ich habe vor, Ihnen die Welt zu Füßen zu legen.“

Esther konnte ihr Glück kaum fassen. Meint er das wirklich ernst? überlegte sie. „Das ist sehr großzügig von Ihnen. Aber in meinem Rucksack ist kein Platz für die ganze Welt.“

„Das ist der Haken an der Sache.“ Renzo lächelte.

„Wie meinen Sie das?“

„Auf den Rucksack müssen Sie in Zukunft verzichten.“

„Wieso?“

„Ich bin ein sehr einflussreicher Mann. Trotzdem muss ich auf meinen Ruf achten. Meine Eltern sind sehr konservativ. Auch darauf muss ich Rücksicht nehmen. Durch sie bin ich zu dem geworden, der ich heute bin.“ Er biss die Zähne zusammen. „Ashley zu heiraten war allerdings ein Fehler. Das ist mir schnell klar geworden. Von einem Mann in meiner Position wird jedoch erwartet, dass er heiratet und Kinder zeugt, die ihn eines Tages beerben und sein Werk fortsetzen. Es wäre fatal, wenn ich in einen Leihmutterskandal verwickelt werden würde. Sollte je herauskommen, was Ashley hinter meinem Rücken angezettelt hat, wäre ich erledigt. Der gute Ruf meiner Familie darf nicht beschädigt werden, Esther.“

„Was hat das alles mit mir zu tun?“ Verständnislos schaute sie ihn an.

Renzo musterte sie, als sähe er sie zum ersten Mal. Sein Blick ging ihr unter die Haut. Esther wurde es heiß, als er den Blick über ihren Körper gleiten ließ. Unruhig veränderte sie die Position auf dem Küchenstuhl. Ein heftiges Pulsieren im Schoß ließ sich dadurch nicht unterdrücken. Tränen schimmerten plötzlich in ihren Augen. Die Situation überforderte Esther. Sie konnte sie nicht einschätzen.

„Esther Abbott, du wirst meine Frau werden“, erklärte Renzo ernst.

4. KAPITEL

Ich muss träumen, dachte Esther verwirrt. Wie sonst war es zu erklären, dass ein unwiderstehlicher Mann ihr in seiner prachtvollen Villa vor den Toren Roms gerade einen Heiratsantrag gemacht hatte?

Unwiderstehlich, aber hart und kantig, mit Augen, die kalt wie Onyx schimmerten, so kalt, dass ihr ein eisiger Schauer über den Rücken lief. Dieser Mann wollte sie heiraten. Ein Albtraum. Nie wieder würde sie ihr Leben von einem Mann beherrschen lassen. Das hatte sie sich geschworen, als sie die Kommune verlassen hatte.

Natürlich konnte man Renzo nicht mit ihrem Vater vergleichen. Aber auch er wollte sie unterdrücken. Esther wurde es schwarz vor Augen.

„Nein!“, stieß sie heftig hervor. „Das ist unmöglich. Ich habe andere Ziele. Niemals …“

„Mit meiner Hilfe kannst du deine Ziele viel leichter erreichen“, versprach er.

„Darum geht es gar nicht. Ich will nicht in Rom bleiben. Ich will etwas von der Welt sehen.“

„Das hast du doch. Die Jugendherbergen und anrüchige Bars auf diesem Kontinent. Sehr romantisch, das muss ich schon sagen.“ Er lachte sarkastisch. „Viel Zeit, sich die Sehenswürdigkeiten anzuschauen, bleibt nicht, wenn du im Schichtdienst arbeitest.“

„In meiner Freizeit habe ich genug Gelegenheit dazu. Ich bin sehr genügsam und brauche nicht viel. Aber das kannst du sicher nicht nachvollziehen, denn du wurdest ja mit einem silbernen Löffel im Mund geboren, ich dagegen in einer armseligen Holzhütte im Wald, die ich mit meinen Eltern, sechs Brüdern und drei Schwestern teilen musste. Irgendwann wird einer meiner Brüder die Hütte erben. Wir Mädchen bekommen gar nichts.“ Esther atmete tief ein und aus. „Ich bin stolz, dass ich jetzt meine Freiheit habe. Für mich ist sie das Kostbarste auf der Welt.“

„Alles schön und gut, cara. Aber sie ernährt weder dich noch das Baby, das du erwartest“, antwortete er in scharfem Tonfall. „Außerdem finanziert sie dir nicht das Studium, geschweige denn Reisen um die Welt. Das alles kann ich dir aber ermöglichen. Komm in meine Welt, Esther. Sie wird dir gefallen.“

Die Versuchung war groß. Wie hypnotisiert schaute sie Renzo an. Gleichzeitig schrie Esthers innere Stimme, sie sollte weglaufen, so schnell sie konnte.

Entschlossen straffte Esther sich. „Nein danke. Mir genügt das Geld, das mir vertraglich zugesichert wurde, wenn ich das Baby austrage.“

„Warum solltest du dich damit zufriedengeben, wenn du Zugang zu meinem Vermögen haben kannst?“ Ratlos musterte er sie.

„Ich wüsste gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Bisher hatte ich nie etwas Eigenes.“

„Keine Sorge, Esther, du lernst schnell. Bald wirst du wissen, wie du mein Geld ausgeben kannst.“

In diesem blendend aussehenden Mann verbarg sich ein Teufel in Menschengestalt.

„Du bist verrückt, Renzo Valenti. Jetzt weiß ich, warum deine Frau dich verlassen hat.“

Er lachte amüsiert. „Hat sie versucht, dir das weiszumachen? Die Frau lügt, wenn sie den Mund aufmacht. Willst du die Wahrheit wissen? Ich habe sie in meinem Haus in flagranti erwischt und sie hinausgeworfen.“

Esther war schockiert. Wie konnte Ashley das Treuegelübde so mit Füßen treten? Unvorstellbar! Die Ehe war doch heilig. Genau deswegen konnte sie Renzo auch nicht heiraten. Sie kannte ihn ja gar nicht.

„Ashley hat dich betrogen?“

„Allerdings. Ich hingegen war meiner Frau treu. Ich will nicht behaupten, ich hätte sie aus Liebe geheiratet, aber wir hatten unseren Spaß zusammen – wenigstens am Anfang.“

„Spaß?“

„Ja, in den meisten Räumen.“

Meinte er Sex? Die Schamröte stieg Esther ins Gesicht. Verlegen senkte sie den Blick. „Ich … ich bin die falsche Frau für dich.“ Sex mit Renzo konnte sie sich nicht vorstellen. Sie war noch nie geküsst worden, geschweige denn … Und sie wollte das auch nicht. Jedenfalls noch nicht. Irgendwann würde sie vielleicht einen Mann kennenlernen, mit dem sie mal ausprobieren wollte, was sie nur aus Büchern und Filmen kannte. Jetzt war sie dazu noch nicht bereit. Zuerst musste sie herausfinden, wer sie war und was sie wollte. Jedenfalls dachte sie nicht im Traum daran, sich einem Mann zu unterwerfen. Etwas anderes kannte sie jedoch nicht.

„Wieso? Hast du dir vorgenommen, aus Liebe zu heiraten? Das ist kindisch, Esther.“

„Nein, ich will überhaupt nicht heiraten. Ich kenne nur Beziehungen, in der die Frau unterworfen wird. Der Mann betrachtet sie als seinen Besitz. Tut mir leid, aber das ist nichts für mich.“

„Aha. Dann bist du also tatsächlich so wankelmütig, wie ich vermute. Du tust nur, was dir gefällt“, stieß er abfällig hervor.

„Genau. Was ist daran auszusetzen?“, fragte sie herausfordernd. „Ich bin niemandem etwas schuldig. Das ist ein gutes Gefühl. Leider bin ich jetzt durch meine Naivität in diese Situation geraten. Immerhin habe ich dich darüber aufgeklärt, dass du Vater wirst, damit du Bescheid weißt und entsprechend reagieren kannst.“

„Schade, dass dir das nicht früher eingefallen ist.“

„Ja, das tut mir wirklich leid.“ Schuldbewusst ließ sie den Kopf hängen. „Auf die Idee bin ich erst gekommen, als Ashley das Baby nicht mehr wollte“, gab sie zu. „Sie hat behauptet, du würdest dich verzweifelt nach Nachwuchs sehnen. Mir kam es verdächtig vor, dass du plötzlich deine Meinung geändert haben solltest.“

„Ich sage ja, sie lügt, wenn sie den Mund aufmacht.“

„Offensichtlich. Aber ich will nicht zwischen die Fronten geraten. Ich werde das Baby zur Welt bringen und dann verschwinden.“

„Darüber reden wir, wenn es so weit ist. Bis dahin werden wir der Welt das glückliche Paar vorspielen. Wir sind verlobt und wollen bald heiraten.“

„Aber … ich will das nicht.“

„Ich bin ein sehr einflussreicher Mann, Esther. Sei froh, dass ich dich nicht zur nächsten Kirche schleppe, um dich auf der Stelle zu heiraten. Möglich wäre mir das. Allerdings bin ich selbst nicht wild darauf, gleich nach einer missglückten Ehe erneut mein Heil zu versuchen. Also wirst du bis zur Geburt des Kindes meine Verlobte spielen. Danach wird neu verhandelt.“

„Die ganze Welt wird davon erfahren.“ Entsetzt sah sie ihn an. Nicht auszudenken, wenn ihre Eltern davon Wind bekamen!

„Ich schätze, die Publicity wird sich auf Europa beschränken“, antwortete Renzo gelassen.

„Wenigstens was.“ Esther atmete erleichtert auf. „Also gut.“

Renzo musterte sie misstrauisch. „Sag mal, bist du vor irgendjemandem auf der Flucht? Das musst du mir sagen! Nicht, dass das Kind in Gefahr ist.“

Sie lachte schroff. „Nein, keine Panik. Nur … meine Eltern sind sehr streng und strikt dagegen, wie ich mein Leben führe. Ich möchte nicht, dass sie von meiner Schwangerschaft aus der Zeitung erfahren.“ Insgeheim wusste Esther, dass die Trennung von ihren Eltern endgültig war. Niemals würde sie wieder in den Schoß der Familie aufgenommen werden. Esther wurde es flau im Magen.

„Sie sind also traditionsbewusst?“

„Du hast ja keine Ahnung, Renzo. Nicht einmal Make-up durfte ich tragen.“

„Gegen dieses Verbot wirst du auch verstoßen.“

„Wieso?“ Esther musterte ihn verständnislos. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte. Wenn sie Make-up tragen wollte, würde sie es sich kaufen. Bisher hatte sie aber noch keine Gelegenheit gehabt, sich zu stylen.

„Weil die Frauen, mit denen ich ausgehe, einen gewissen Standard haben.“

Typisch, dachte Esther und wollte sofort rebellieren, riss sich aber zusammen. „Du gehst viel aus, oder?“

Renzo nickte. „An meiner Seite wirst du eine ganz neue Welt kennenlernen, von der du bisher nicht einmal zu träumen gewagt hast.“

Eigentlich klang das sehr spannend. Was sollte denn schon passieren? „Also gut, ich bin einverstanden.“

„Womit?“ Forschend sah er sie an.

„Ich spiele deine Verlobte, so lange du willst. Nach der Geburt des Babys gehe ich meiner Wege.“

Renzo kam näher und umschloss behutsam ihr Kinn. Die leichte Berührung ging Esther durch und durch. „Ausgezeichnet, Esther“, flüsterte er zärtlich. „Du hast jetzt einen Verlobten.“

Ihm war klar, dass er in den kommenden Wochen extrem umsichtig vorgehen musste. Sein Leben hatte sich von einem Tag auf den anderen drastisch verändert. Ein amerikanisches Hippiemädchen war bei ihm eingezogen. Er musste Esther als seine Verlobte präsentieren, bevor Ashley vor Fernsehkameras ihr Gift verspritzen konnte. Renzo hatte bereits einen Plan entworfen, wie das zu verhindern war. Sein Anwalt würde Ashley über ihren Rechtsbeistand ein finanzielles Angebot machen, das sie nicht ablehnen konnte. Sie würde ein hübsches Sümmchen erhalten, vorausgesetzt, sie bewahrte Stillschweigen über den Deal mit Esther. Geld hatte Ashley noch nie widerstehen können. Allerdings liebte sie es auch, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen.

Bevor er an die Öffentlichkeit ging, musste er seinen Eltern schonend beibringen, dass er sich wieder verlobt hatte. Er hoffte, sie würden nicht allzu viele Fragen stellen, wenn sie von Esthers Schwangerschaft erfuhren. Sie hatten sich ja schon lange ein Enkelkind gewünscht. Außerdem waren sie sicher heilfroh, Ashley loszuwerden.

Gut, dann sollte er das Gespräch mit seiner Mutter wohl besser gleich erledigen. Widerstrebend griff er nach dem Telefon und wählte ihre Nummer.

Seine Mutter meldete sich schon nach dem ersten Klingeln. „Hallo Renzo. Du rufst mich viel zu selten an“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Das wirfst du mir bei jedem Anruf vor“, antwortete er gelassen.

„Es stimmt ja auch. Dann erzähl mal, was du planst. Du rufst ja nur an, wenn es wichtig ist.“

Renzo lachte verlegen. Seine Mutter kannte ihn in- und auswendig. „Ich wollte mal fragen, ob du schon Pläne für das Abendessen hast, Mutter.“

„Selbstverständlich, Renzo. Es gibt Lamm, Gemüse und Risotto.“

„Ausgezeichnet. Ist genug für Gäste da?“

„An wie viele Personen hattest du gedacht?“

„An mich und meine Begleitung.“

„Du bist frisch geschieden und hast schon eine Neue?“, fragte seine Mutter pikiert.

„Ja, Mutter. Es ist etwas Ernstes. Ich möchte euch meine Verlobte Esther Abbott vorstellen.“

Schockiertes Schweigen.

Das beunruhigte Renzo mehr als eine Schimpftirade.

Schließlich fand Signora Valenti die Sprache wieder. „Abbott? Aus welcher Familie stammt sie?“

Renzo überlegte angestrengt. Ihm fiel ein, dass Esther erwähnt hatte, ihre Familie lebte in einer Hütte im Wald. Das konnte er seiner Mutter wohl kaum auf die Nase binden. „Kennst du nicht, Mutter.“

„Du hast dich doch wohl nicht etwa wieder in eine Kanadierin verliebt, Renzo!“

„Nein, keine Panik. Sie stammt aus den USA.“

Signora Valenti stockte der Atem. Das war ja noch schlimmer! Genau das sagte sie ihrem Sohn auch.

„Es ist meine Entscheidung, Mutter.“ Er spielte mit dem Gedanken, ihr zu sagen, dass Esther schwanger war. Doch das würde seine Mutter wohl doch lieber von Angesicht zu Angesicht erfahren. Verständlich, denn Allegras Schwangerschaft war ihr durch eine ‚gute Bekannte‘ zugetragen worden.

„Das ist mal wieder typisch Renzo“, schimpfte sie.

Sie irrt sich, dachte er. Es war noch gar nicht so lange her, dass andere Menschen die Entscheidungen für ihn getroffen hatten. Schnell verdrängte er den Gedanken an Gillian und an seine Tochter, die nicht bei ihm, sondern bei Gillians Ehemann aufwuchs. Gelegentlich erhaschte er bei offiziellen Terminen einen Blick auf das Mädchen. Nicht zuletzt deshalb sprach er bei diesen Veranstaltungen dem Alkohol als Heilmittel gegen die Erinnerungen zu.

Renzo war sechzehn Jahre alt gewesen, als seine Eltern die Entscheidung für ihn getroffen hatten. Seitdem hatte er sein Leben selbst in die Hand genommen. Er war nicht verbittert. Seine Eltern hatten es nur gut gemeint. Wahrscheinlich war es tatsächlich die einzig richtige Entscheidung gewesen. Damals war er einfach noch nicht bereit gewesen, die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Das war jetzt anders.

„Kann sein, Mutter. Sind wir heute Abend trotzdem willkommen?“

„Meinetwegen. Aber dann müssen noch zusätzliche Einkäufe erledigt werden.“

„Das wird dein gutbezahltes Personal wohl noch schaffen.“

„Selbstverständlich. Seid bitte pünktlich um acht Uhr hier! Du willst doch wohl nicht, dass ich dir ein Glas Wein voraus bin.“

Renzo lachte amüsiert. „Nein, das geht natürlich gar nicht.“ Er beendete den Anruf, dachte kurz nach und wählte dann die Nummer der Stylistin, die schon seit Jahren für seine Mutter arbeitete. Tatsächlich konnte er sie überreden, alle anderen Termine abzusagen und stattdessen mit ihrem Team in die Villa zu kommen. Vielleicht gelang es den Fachleuten ja, Esther einigermaßen präsentabel zu machen.

Nachdem er die Telefonate erledigt hatte, machte Renzo sich auf die Suche nach Esther. Sie saß im Esszimmer – auf dem Fußboden! Die Augen hatte sie geschlossen. Offenbar genoss sie die warmen Sonnenstrahlen auf dem Gesicht. In den Händen hielt Esther eine Müslischale. Bei diesem Anblick war Renzo sehr, sehr froh, dass er ein ganzes Team in die Villa bestellt hatte. Die Expertinnen würde Esther schon auf ‚Hochglanz‘ bringen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er hinter ihr.

Erschrocken zuckte sie zusammen. Dabei spritzte Milch aus der Schale auf den Fußboden. „Bis eben schon“, antwortete Esther ärgerlich.

„Warum sitzt du nicht am Tisch?“ Er deutete auf den riesigen antiken Esstisch.

„Weil ich am Fenster sitzen wollte. Ich hätte mir ja einen Stuhl holen können, aber die sind so schwer. Keine Sorge, der Boden ist schön warm von der Sonne.“

„Übrigens sind wir heute Abend bei meinen Eltern zum Essen eingeladen“, sagte Renzo. „Dort wirst du bitte nicht auf dem Fußboden sitzen.“ Die Vorstellung, Esther mit einer Lammkeule in der Hand am Boden sitzen zu sehen, war schon sehr belustigend. Seine Mutter würde vermutlich einen Anfall bekommen. Oder auch nicht. Vermutlich hielt sie dieses Verhalten sogar für normal – schließlich stammte Esther ja aus den USA. Für Amerikaner hatte seine Mutter wenig übrig.

Nachdenklich betrachtete er das Hippiemädchen einen Moment lang. Das Haar war wieder nachlässig zu einem Dutt zusammengenommen. Statt eines schwarzen Tops trug sie heute ein braunes.

Esther runzelte die Stirn. „Du kannst dich darauf verlassen.“

„Gut, meine Eltern sind nämlich etwas altmodisch. Sehr freundlich sind sie leider auch nicht. Eher arrogant und hochnäsig. Beide kommen aus wohlhabenden, traditionsreichen italienischen Familien und sind sehr stolz darauf. Sie wissen, dass du Amerikanerin bist und dass wir heiraten werden. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen.“

Entsetzen malte sich auf Esthers hübschem frischem Gesicht, wie Renzo erstaunt feststellte. Er hätte nicht gedacht, dass sie sich um die Meinung anderer Leute scheren würde.

„Klingt nach einem amüsanten Abend“, sagte sie schließlich ironisch.

„Wir werden ihn schon überleben“, meinte Renzo zuversichtlich.

„Ich kann es nicht leiden, in eine Schublade gesteckt zu werden, Renzo.“

„Ich auch nicht. Aber da müssen wir jetzt durch. Ach ja, noch was, Esther: Was ziehst du heute Abend an?“

„Die Sachen, die ich jetzt trage.“

„Das hatte ich befürchtet. Deshalb habe ich eine Auswahl an Kleidung bestellt, die nachher geliefert wird. Um Frisur und Make-up kümmern sich Expertinnen.“ Renzo warf einen Blick auf die Armbanduhr. „Sie werden gleich eintreffen.“

In diesem Moment betrat seine Haushälterin das Esszimmer. „Tierra ist hier, Mr. Valenti“, sagte sie mit besorgter Miene.

„Ausgezeichnet.“

„Soll ich sie nach oben führen?“

„Ja, direkt in Esthers Zimmer.“

„Was soll das heißen, Renzo?“, fragte Esther argwöhnisch.

„Du wirst völlig neu eingekleidet. In diesen abgetragenen Sachen kann ich dich meinen Eltern wohl kaum präsentieren“, erklärte er.

„Gefällt dir mein Look nicht?“

„Das habe ich nicht gesagt. Aber er ist dem Anlass nicht angemessen. Ich würde sagen, er ist perfekt in einer Bar voller Touristen. Um meinen Eltern und der Öffentlichkeit als meine Verlobte präsentiert zu werden, bedarf es einer anderen Garderobe.“

Die Haushälterin verzog das Gesicht und redete in ihrer Muttersprache auf Renzo ein. Er konnte nur hoffen, dass Esther nur wenig Italienisch verstand.

„Sie erwartet ein Kind von mir. Ich muss sie heiraten“, erklärte er seiner mütterlichen Haushälterin.

„Was ist nur aus Ihnen geworden?“, fügte sie auf Englisch hinzu, bevor sie ärgerlich hinausstürmte.

„Warum ist sie so wütend auf dich?“, fragte Esther erstaunt.

„Vermutlich denkt sie, ich hätte ein armes kleines Hippiemädchen aus den USA geschwängert, obwohl ich noch nicht geschieden war.“

„Aha. Aber was geht sie das an? Sie ist doch nur eine Angestellte, oder?“

„Luciana war hier schon Haushälterin, als ich die Villa vor gut zehn Jahren erworben habe, und gehört praktisch zum Inventar. Manchmal frage ich mich selbst, wer hier der Boss ist.“ Renzo grinste verlegen.

„Aha.“ Sie musterte ihn misstrauisch. „Und was jetzt?“

„Jetzt wirst du neu eingekleidet. Die alten Klamotten werden verbrannt.“

„Das ist aber nicht sehr nett.“

Gespielt überrascht zog er eine Augenbraue hoch. „Tut mir leid. Dabei bemühe ich mich doch so sehr, nett zu sein.“

„Sehr witzig.“

„Sieh mich nicht so finster an, Esther! Reiß dich zusammen! Sonst nehmen dir Luciana und Tierra niemals ab, dass du meine Verlobte bist.“ Renzo zog sie hoch und schob sie Richtung Treppe. Die Müslischale stellte er auf den Esstisch.

Interessiert beobachtete er ihren graziösen Hüftschwung, als Esther die Treppe erklomm. Dann beschloss er, ihr zu folgen.

In Esthers Zimmer hatte Tierra bereits begonnen, die neue Garderobe auszubreiten, und wandte sich um, als sie Schritte hinter sich hörte. Ihr erster Blick fiel auf Esther. „Ach du liebe Zeit!“, stieß sie überrascht hervor. „Wir machen uns am besten gleich an die Arbeit.“

5. KAPITEL

Zwei Stunden lang ließ Esther alles über sich ergehen, was die Stylistin mit ihr anstellte. Sie war froh, dass Renzo sie mit der Schönheitsexpertin allein gelassen hatte. Es wäre Esther sehr unangenehm gewesen, wenn er Zeuge des offensichtlichen Missfallens von Tierra über den ungepflegten Zustand ihrer neuen Kundin geworden wäre.

Zuerst entkleidete sie Esther und forderte sie auf, frische Wäsche und neue Schuhe anzuziehen. Esther hatte nicht einmal geahnt, dass es so wunderbare Materialien gab, die sich praktisch an ihren Körper schmiegten. Unglaublich, wie viele neue Erfahrungen sie schon gesammelt hatte, seit sie die elterliche Holzhütte verlassen hatte. Leider hatte sie bisher noch keine Gelegenheit gehabt, zum Friseur zu gehen oder sich neu einzukleiden. Dazu fehlte ihr schlicht das Geld. Es war wichtiger, sich einigermaßen gesund zu ernähren.

Nun lernte sie im Schnelldurchgang, welche Farben und Designs ihr am besten standen. Von Tierras Erklärungen in rasantem Italienisch verstand sie allerdings nur die Hälfte. Doch das Spiegelbild sprach für sich. Esther trug ein dunkelgrünes Abendkleid mit Flügelärmeln und einem atemberaubenden V-Ausschnitt. So ein Kleid hätte sie zu Hause niemals tragen dürfen. Der Saum umspielte die elegantesten Schuhe, die Esther je gesehen hatte. Die Absätze waren schwindelerregend hoch. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich darauf fortbewegen sollte.

Inzwischen waren zwei Kollegen von Tierra aufgetaucht. Der eine bearbeitete das lange schwarze Haar, das bald glatt und seidig schimmernd über die Schultern fiel. Etwa zwanzig Zentimeter waren der Schere zum Opfer gefallen.

Der Make-up Artist brachte Esthers Pluspunkte perfekt zur Geltung. Schwarzer Lidstrich und goldener Lidschatten in den Winkeln ließen die Augen noch größer wirken. An Rouge wurde auch nicht gespart. Rotbraunes Lipgloss rundete das Bild ab.

Esther erkannte sich im Spiegel kaum wieder. Die Schatten unter den Augen waren verschwunden, die Nase wirkte schmaler, die Wangen konturierter. Das raffiniert geschnittene Kleid brachte die festen kleinen Brüste perfekt zur Geltung und betonte die schlanke Taille. Bauschig fiel das dunkelgrüne Abendkleid über die Hüften und vermittelte den Eindruck, Esther habe eine Sanduhrfigur.

Nach einiger Zeit tauchte Renzo wieder auf. Etwas unsicher wartete sie auf seine Reaktion.

Bewundernd ließ er den Blick über sie gleiten, bevor er sich den Stylisten zuwandte. „Ich bin sehr angenehm überrascht.“

„Sie hat eine Traumfigur“, schwärmte Tierra. „Ihr Goldbronzeteint ist fantastisch. Dazu passen Farben, die nur wenige Frauen tragen können.“

„Damit kenne ich mich nicht aus“, antwortete Renzo. „Aber ich erkenne eine Schönheit, wenn sie vor mir steht.“

Das Kompliment ging ihr runter wie Öl, selbst wenn es vielleicht nichts zu bedeuten hatte. Es fühlte sich gut an, bewundernde Blicke zu erhaschen. Davon hätte sie noch vor einigen Monaten nicht zu träumen gewagt. Fühlte sich so Freiheit an? Verführung? Sehnsucht? Leidenschaft? Durfte sie der Versuchung erliegen?

Warum nicht? Wenn sie Renzo begehrte, könnte sie ihn haben, oder? Aber sie kannte die Spielregeln nicht.

Esther straffte sich. Langsam wurde es ihr unangenehm, alle Blicke auf sich zu ziehen.

Renzo setzte sich in einen Sessel. „Das Kleid ist fantastisch, aber leider etwas zu formell für ein Abendessen. Was gibt die Garderobe noch her?“

Geschäftig schob Tierra die Kleider auf dem Ständer hin und her und zog ein korallenrotes Minikleid heraus. „Wie wär’s damit?“

Kritisch betrachtete Renzo das Kleid. „Ich muss es angezogen sehen.“

„Selbstverständlich.“ Tierra zog Esther mit sich, sodass sie Renzo den Rücken zuwandte. Dann zog sie den Reißverschluss des Abendkleides hinunter.

Esther blieb starr. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte. Sie konnte sich doch vor den Augen eines Fremden nicht einfach ausziehen lassen, oder? Andererseits fühlte sie sich gezwungen mitzuspielen. Die Scharade durfte ja nicht auffliegen.

Jetzt war es sowieso zu spät. Das grüne Kleid lag bereits auf dem Boden. Praktisch nackt stand sie mit dem Rücken zu Renzo.

„Sehr hübsch“, kommentierte er. „Neu?“

Sie wusste sofort, dass er nur das schwarze Spitzenhöschen meinen konnte. Etwas anderes trug sie ja nicht. Am liebsten hätte sie ihn wütend zurechtgewiesen. Seine Kommentare machten ihr das Leben nicht gerade leichter. Doch dazu hätte sie sich umdrehen müssen und hätte ihm dadurch noch mehr nackte Haut gezeigt. Das fehlte noch!

Stattdessen gab sie sich betont gelassen. „Ja“, antwortete sie nur kühl.

Kurz darauf hatte sie das Minikleid angezogen und drehte sich um. Heißes Verlangen spiegelte sich in Renzos Blick.

„Komm mal her!“

Zögernd gehorchte sie.

„Danke, Sie können jetzt gehen“, beschied er das Expertenteam.

Eilig kamen sie der Aufforderung nach.

„Tanzen alle Leute nach deiner Pfeife?“, fragte Esther heiser.

„Selbstverständlich. Komm näher!“

Zögernd gehorchte sie. Das Gehen auf den hohen Absätzen, die sich für Esther wie Stelzen anfühlten, fiel ihr schwer. Davon sollte Renzo aber nichts merken.

Betont geduldig schaute er ihr entgegen. „Manchmal dauert es allerdings etwas länger.“

Esther warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. „Willst du, dass ich mir die Beine breche?“

Sofort stand er auf, eilte auf sie zu und schloss sie in die Arme, bevor er Esther in den Sessel schob, in dem er selbst gerade noch gesessen hatte.

Sie hatte in Renzos Armen gelegen! Es hatte sich wundervoll angefühlt, obwohl sein Körper hart und unnachgiebig wie ein Fels schien.

Renzo ließ den Blick über die Kleider und Schuhe gleiten. „Wie kannst du überzeugend wirken, wenn du auf den Dingern kaum vorankommst? Dann fliegen wir ja gleich auf.“

„Wieso?“

„Weil ich auf einen spezifischen Frauentyp stehe. Meine Eltern sollen nicht glauben, ich hätte eine naive und unschuldige Rucksacktouristin manipuliert.“

Hält er mich wirklich für naiv und unschuldig? überlegte Esther. Das traf ja den Nagel tatsächlich auf den Kopf. „Würden sie dir das zutrauen?“

Renzo lachte harsch. „Aber sicher.“ Er bückte sich nach einem Paar flacher, mit Strass besetzter Pumps, ging vor Esther in die Knie und ließ abwesend eine Hand über die schlanken Fesseln gleiten. Ihr wurde heiß.

Im nächsten Moment zog Renzo ihr die High Heels aus und die flachen Pumps an. Die Berührung entfesselte ein wildes unbekanntes Gefühl in Esther. Sie erschauerte.

Interessiert sah Renzo auf und lächelte wissend.

Dieses gewisse Lächeln verunsicherte sie erst recht. Er schien genau zu wissen, was sie empfand. Wenn sie ehrlich war, wusste sie auch Bescheid. Seit sie Renzo zum ersten Mal in die Augen geschaut hatte, war sie praktisch verloren. Doch davon wollte sie nichts wissen.

„Ich komme mir vor wie Aschenputtel“, stieß sie heiser hervor. Natürlich war es ihr verboten gewesen, Märchenbücher zu lesen, aber sie hatte sich darüber hinweggesetzt. ‚Aschenputtel‘ gehörte zu ihren Lieblingsmärchen.

Renzo stand wieder auf. „Leider bin ich kein Prinz.“

„Ich weiß.“

„Dann ist es ja gut.“

„Du hältst mich wirklich für eine dumme kleine Rucksacktouristin, oder?“ Dabei war sie tatsächlich sehr belesen. Aber zu Hause hatte sie sich beengt gefühlt. Sie wollte hinaus in die Welt, sehnte sich nach Freiheit. Dieses Intermezzo in Rom war nur ein kleiner Umweg, sonst nichts. Basta!

Esther nahm sich vor, den vorübergehenden Luxus zu genießen – schöne Kleider, neue Frisur, Renzos Villa, die erregenden Gefühle, die der faszinierende Mann in ihr entfesselte …

„So.“ Zufrieden betrachtete er sein Werk. „Jetzt wirst du wohl nicht über deine eigenen Fuße stolpern, wenn wir bei meinen Eltern sind.“ Er streckte ihr eine Hand entgegen.

Esther zögerte. Eine erneute Berührung würde unweigerlich wieder heiße Lust in ihr entfesseln. Wenn sie Renzos Geste ignorierte, wüsste er aber sofort Bescheid. Also griff sie nach seiner Hand. Er zog, und Esther stand vor ihm – leicht schwankend. Schnell suchte sie Halt bei Renzo. Dabei fühlte sie sein Herz aufgeregt pochen. Es überraschte sie, dass offensichtlich auch er erregt war.

Was hatte das zu bedeuten? So genau wollte sie das lieber nicht wissen. Schnell ließ sie ihn wieder los und zupfte das Kleid zurecht, um sich und Renzo abzulenken.

Wieder lächelte er wissend, dann wurde er ernst. „Ich glaube, wir werden den Abend gut überstehen.“ Behutsam umschloss er ihr Kinn und schaute Esther tief in die Augen. „Du musst allerdings aufhören, zurückzuzucken, sobald ich dich berühre.“ Abrupt wandte er sich ab und verließ das Zimmer.

Auch an diesem Abend bewahrheitete sich Renzos Befürchtung. Ein Abendessen bei seinen Eltern entbehrte nie einer gewissen Dramaturgie.

Die Haushälterin öffnete die Tür. Eine andere Angestellte nahm Esther und Renzo die Mäntel ab, eine dritte führte sie in den Salon. Signora Valenti trat erst in Erscheinung, als zu Tisch gebeten wurde. Ihr Mann spielte mit, weil er befürchtete, seine temperamentvolle Frau könnte anderenfalls mit Gegenständen nach ihm werfen. Das hatte sie allerdings schon seit Jahren nicht mehr getan. Aber man konnte ja nie wissen …

Das barocke Ambiente überwältigte Esther sichtlich. „Lass dir deine Überraschung nicht so deutlich anmerken“, bat Renzo leise. „Meine Eltern glauben, wir beide wären schon seit mindestens zwei Monaten ein Paar. Du musst so tun, als wäre diese Umgebung völlig normal für dich.“

„Aber ich fühle mich wie in einem Museum“, flüsterte sie und schaute ihn mit großen Augen an.

Renzo war gerührt, fing sich jedoch schnell. „Stimmt. Das Interieur spiegelt wider, was meine Familie über die Jahrhunderte erreicht hat. Ich habe dir ja erzählt, wie stolz meine Eltern auf ihre Herkunft und den Namen ‚Valenti‘ sind.“ Er biss sich auf die Lippe. „Kein Schatten darf auf diesen Namen fallen.“

Seine Eltern würden Esther in die Familie aufnehmen, um einen Skandal zu vermeiden. Dessen war Renzo sich sicher.

„Renzo!°“

Überrascht wandte er sich um, als er die Stimme seiner Schwester hinter sich hörte. Allegra und Cristian hätte er heute Abend nicht hier vermutet. Cristian hielt seine kleine Tochter im Arm.

„Das ist aber eine Überraschung, Allegra.“ Erfreut gab Renzo seiner jüngeren Schwester einen Kuss auf die Wange, schüttelte Cristians Hand und streichelte die Wange seiner Nichte.

„Ja, Mutter ist immer für eine überraschende Einladung gut.“ Allegra lachte.

„Seid ihr extra aus Spanien eingeflogen?“

Cristian zuckte lässig die Schultern. „Wenn deine Mutter ruft, macht man sich am besten sofort auf den Weg, oder?“

„Genau.“ Renzo nickte zustimmend und wandte sich zu Esther um. Sie saß auf einem Sofa, die Hände im Schoß gefaltet. Am liebsten wäre sie wohl auf und davon gelaufen. „Darf ich euch meine Verlobte vorstellen? Das ist Esther Abbott.“

Esther horchte auf, als sie ihren Namen hörte. Sie stand hastig auf und geriet prompt ins Stolpern. „Hallo. Sie müssen … äh …“

„Ich bin Allegra Acosta. Renzos jüngere Schwester. Das ist mein Mann Cristian.“

„Freut mich.“ Esther machte keine Anstalten, dem Ehepaar die Hand zu reichen.

Renzo verdrehte die Augen. Nicht einmal die einfachsten Höflichkeitsregeln beherrschte sie. Da kam eine Menge Arbeit auf ihn zu …

„Dann ist ja jetzt die ganze Familie versammelt“, sagte er schnell, um von Esthers Fauxpas abzulenken.

„Du bist verlobt, Renzo?“ Überrascht musterte Allegra ihren Bruder. „Deshalb hat Mutter darauf bestanden, dass wir uns in Cristians Privatjet setzen und sofort herfliegen.“

„So sieht’s aus.“

„Wieso weiß ich nichts davon?“, fragte Allegra vorwurfsvoll.

„Wieso hast du mir nicht erzählt, dass du ein Kind von meinem besten Freund erwartest? Das habe ich erst erfahren, als es nicht mehr zu übersehen war“, entgegnete Renzo brüsk.

Verlegen senkte Allegra den Blick, sah jedoch gleich wieder auf und bemerkte Esthers ängstliche Miene. „Keine Sorge.“ Allegra lachte. „Er ärgert mich gern. Das hat aber nichts zu bedeuten. Renzo und ich sind nicht nur Geschwister, sondern auch beste Freunde.“

„Typisch Renzo“, antwortete Esther.

Cristian lachte amüsiert. „Du hast ihn wohl schon fest im Griff, obwohl ihr euch noch nicht lange kennt.“

Esther wich seinem Blick aus. „Da bin ich mir nicht so sicher.“

Renzo schenkte sich ein Glas Wein ein. Es tat ihm fast leid, Esther keins anzubieten. Sie hätte jetzt sicher einen Drink vertragen können.

„Da Mutter euch nichts von meiner Verlobung erzählt hat, wird sie die andere Neuigkeit wohl auch für sich behalten haben“, vermutete er.

„Wir wissen von nichts.“ Allegra und Cristian musterten ihn gespannt.

„Esther und ich erwarten ein Baby.“ Beschützend legte er einen Arm um Esthers schmale Schultern. Als sie daraufhin erstarrte, begann er, den nackten Arm zu streicheln. Das half allerdings auch nicht viel.

Diese Neuigkeit schockierte Allegra und Cristian sichtlich. Cristian fasste sich zuerst. „Herzlichen Glückwunsch! Ich kann nur empfehlen, schon mal vorzuschlafen. Wenn das Baby da ist, kommt ihr nicht mehr dazu.“

Inzwischen hatte auch Allegra sich von dem Schock erholt. „Das ist aber eine Überraschung, Renzo. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.“

„Aber Schwesterherz! Du solltest doch inzwischen wissen, dass ich immer für eine Überraschung gut bin oder für einen Schock. Aber genug davon, sonst ist auch Esther schockiert. Noch hält sie mich für einen Gentleman.“

Esther sah auf. „Wie kommst du denn darauf?“, fragte sie.

Allegra und Cristian lachten herzlich. Sie dachten wohl, Esther meinte das ironisch. Renzo hingegen befürchtete, es war Esthers Ernst. Mit Zynismus konnte er umgehen, mit Aufrichtigkeit nicht. Die war er von einer Frau nicht gewohnt. Aber Esther war anders als all die Frauen, mit denen er bisher zusammen gewesen war. Sie reagierte anders auf seine Blicke, auf seine Berührungen. Vielleicht stimmte die Geschichte doch, die sie ihm über ihre Herkunft aufgetischt hatte. Er durfte nicht so skeptisch sein. Esther war Esther – sie verstellte sich nicht, sondern war wirklich unschuldig und naiv. Sie kam aus einer ganz anderen Welt und begegnete seiner Welt, der Welt seiner Eltern mit großem Staunen.

Dieses Mädchen war nicht hinter seinem Geld her, dessen war er sich ganz sicher. Renzo wurde sehr nachdenklich. Ein Gentest des Babys würde beweisen, dass Esther nicht die Mutter des Kindes sein konnte, sondern es nur ausgetragen hatte. Aber es war sein Kind, er hatte Esther gebeten, ihn zu heiraten. Auf diese Weise hätte sie selbstverständlich Zugriff auf sein Vermögen. Das schien ihr aber nicht wichtig zu sein. Vielleicht würde sich das später ändern, vielleicht aber auch nicht. Esther Abbott war ein einzigartiges Geschöpf. Sie war authentisch.

„Ich bin froh, dass du dir keine Illusionen über meinen Bruder machst“, sagte Allegra freundschaftlich.

Renzo küsste Esther flüchtig auf den Mund. „Sie weiß, wie durchtrieben ich sein kann.“ Renzo lachte und wartete auf Esthers Reaktion. Die Wangen schimmerten rosig, Feuer brannte in den schönen Augen.

Esther fasste sich. „Ja, wir kennen einander recht gut. Schließlich erwarten wir ein Baby“, sagte sie leise.

„Klar.“ Allegra musterte sie neugierig.

In diesem Moment bat ein Hausangestellter die Gäste zu Tisch. „Entschuldigen Sie, aber Signora Valenti hat mich gebeten, Sie ins Esszimmer zu geleiten.“

Wortlos schob Renzo seine Verlobte aus dem Zimmer. Sie wurde mit jedem Schritt nervöser. Offensichtlich fürchtete sie die Begegnung mit seiner Mutter. Recht hat sie, dachte Renzo. Seine Mutter konnte ein Eisberg sein. Manchmal war es schier unmöglich, es ihr recht zu machen.

„Entspann dich!“, raunte er Esther zu, bevor sie das Esszimmer betraten. „Atme tief durch!“

Sie gehorchte.

„Du musst bis zum Dessert durchhalten.“ Entschlossen schob er sie ins Zimmer.

Seine Mutter erwartete sie bereits. Wie jung sie aussieht, dachte Renzo. Man sah ihr wirklich nicht an, dass sie zwei erwachsene Kinder hatte und demnächst zwei Enkelkinder. Sein Vater hingegen wirkte alt, aber sehr distinguiert. In dreißig Jahren sehe ich wohl auch so aus, dachte Renzo.

„Hallo.“ Signora Valenti hielt es nicht für nötig, sich zu erheben. „Wie nett, Sie kennenzulernen, Esther.“ Sie wandte sich sofort wieder ab. „Schön, dass ihr es einrichten konntet, Allegra und Cristian. Und mein Lieblingsenkelkind habt ihr auch mitgebracht.“

„Sie ist dein einziges Enkelkind“, gab Allegra provokant zu bedenken, während Cristian die Kleine in einen Hochstuhl setzte, der für das kleine Mädchen bereit stand.

Das war Salz in Renzos Wunde. Er liebte seine kleine Nichte, wurde bei ihrem Anblick jedoch immer an seine eigene Tochter erinnert, die man ihm vorenthalten hatte.

„Allerdings nicht mehr lange“, fügte Allegra hinzu. „Hat Renzo dir noch nichts gesagt?“

„Nein. Was hätte er mir denn sagen sollen?“, fragte Signora Valenti und suchte irritiert den Blick ihres Sohnes. „Hast du noch mehr Überraschungen parat?“

„Nein, im Moment nicht.“

Das Abendessen verlief unspektakulär. Die Gastgeber bestritten einen Großteil der Tischgespräche. Den Rest übernahm Cristian. Er war ein spanischer Herzog und somit sehr interessant für seine Schwiegereltern.

Unvermittelt konzentrierte der Gastgeber seine Aufmerksamkeit auf Renzo. „Du und Esther kommt doch sicher zur Benefiz-Kunstausstellung in New York in zwei Wochen, oder?“

Verflixt, die Ausstellung hatte er völlig vergessen! Sein Vater galt als einer der großen Kunstmäzene und bestand darauf, dass auch Renzo an Benefizveranstaltungen teilnahm, nicht zuletzt um sein Engagement für die gute Sache zu demonstrieren. Wie sollte er Esther von der Notwendigkeit überzeugen, an seiner Seite zu sein? Erschwerend kam noch hinzu, dass auch Gillian dort sein würde – und Samantha. Immer wieder begegnete Renzo ihnen bei solchen Veranstaltungen. Bisher hatte er sie alle gut gemeistert, warum nicht auch dieses Mal? Das große Problem war Esther. Wahrscheinlich würde sie sich unter einem der Büffettische verstecken oder auf dem Fußboden sitzend eine Schale Mousse au Chocolat verspeisen. Er konnte wohl von Glück sagen, dass es sich um eine Abendveranstaltung handelte. Esther würde also nicht versucht sein, den letzten Sonnenstrahl zu erhaschen.

„Selbstverständlich werden wir dort sein“, antwortete Renzo schnell, bevor Esther nachfragen konnte. Seine Eltern sollten glauben, er hätte schon alles mit Esther besprochen. In Wirklichkeit hatte er die Benefizveranstaltung in New York vergessen. Seltsam, das war ihm in all den Jahren zuvor noch nie passiert. Der Schock, ohne wissentliche Beteiligung Vater zu werden, saß tiefer als angenommen.

„Ausgezeichnet“, sagte sein Vater zufrieden. „Ein Mann wie du sollte nie allein zu so einer Veranstaltung gehen.“

„Wieso nicht?“ Fragend musterte Renzo ihn.

„Weil du dich aufs Geschäft konzentrieren sollst, statt dich nach einem Date umzusehen.“

Diese unverblümte Erklärung erstaunte Renzo. Was sollte Esther von ihm denken? So einen Affront hätte er eher von seiner Mutter erwartet. „Du lebst noch immer im Mittelalter, Vater“, antwortete er gelassen. „Heutzutage besetzen auch Frauen hochkarätige Posten. Da war es bisher von Vorteil für mich, ungebunden zu sein. Aber du hast recht, Vater, Esther wird eine Bereicherung sein.“

„Genau, mein Sohn. Sie wird die Blicke der Geschäftsleute auf sich ziehen. Du hast dann leichte Beute.“

So hatte Renzo das noch gar nicht gesehen. Ein interessanter Gedanke. „Bist du auch dabei, Vater?“

„Nein, dieses Mal nicht. Daher ist es mir so wichtig, dass ihr hingeht und in der Zeitung steht.“

Renzo lachte und widmete sich dem Dessert.

Sie hatten das Abendessen fast überstanden, als eine Angestellte Esther zur Seite nahm. Renzo bemerkte das aus dem Augenwinkel, konnte jedoch nicht reagieren, weil sein Vater ihn gerade ansprach.

„Ich hoffe, du nimmst uns mit deiner neuen Beziehung nicht wieder auf den Arm, Renzo. Die Ehe mit dieser Kanadierin war ja wohl ein böser Scherz.“

„Wie kommst du darauf, Vater?“

„Esther ist ein sehr liebes Mädchen und hat es nicht verdient, durch den Kakao gezogen zu werden. Sie ist erfrischend anders als die geistlosen Models, mit denen du bisher liiert warst. Außerdem wäre ich untröstlich, ein weiteres Enkelkind zu verlieren“, fügte er drohend hinzu.

„Das war ja wohl nicht meine Schuld, Vater, sondern ist Mutter und dir zuzuschreiben. Mach mir nicht weis, dass es dir plötzlich leidtut.“ Renzo musterte ihn mit eisigem Blick.

„Ich will damit nur sagen, dass du die Kleine heiraten solltest und dafür sorgst, auch mit ihr verheiratet zu bleiben. Ein uneheliches Kind ist in der Familie Valenti nicht akzeptabel.“

„Was wirst du tun, wenn ich dich wieder enttäusche, Vater?“, fragte Renzo herausfordernd. „Planst du, mich zu enterben?“

„Dein Schwager ist ebenso geeignet wie du, die Unternehmensbereiche weiterzuführen, die noch nicht unter deiner Kontrolle sind. Ich würde dir also empfehlen, mich nicht noch einmal zu enttäuschen, mein Sohn.“ Ohne ein weiteres Wort wandte der alte Herr sich ab.

Im nächsten Moment war Esther wieder an Renzos Seite. Sie machte einen vollkommen verängstigten Eindruck. Da wusste Renzo, dass er keine Wahl hatte. Er musste Esther Abbott heiraten, ob sie wollte oder nicht. Und er wusste auch schon, wie er sie überzeugen konnte, seine Frau zu werden. Sie fand ihn attraktiv, das wollte er sich zunutze machen. Sie war naiv und unerfahren. Es wäre ihm ein Leichtes, sie zu verführen und sie emotional an sich zu binden. Er kam sich wie ein Schuft vor. Aber er hatte keine Wahl. Sie musste sich in ihn verlieben. Erst wenn es zu spät war, würde ihr bewusst werden, dass er selbst nicht fähig war, tiefe Gefühle zu empfinden.

„Komm, Esther, wir fahren jetzt nach Hause.“ Entschlossen umfasste er ihre Hand.

6. KAPITEL

Esther war an die hektische Arbeit in der Bar gewöhnt. Es war sehr anstrengend, jeden Abend bis in die Morgenstunden zu arbeiten. Aber sich herauszuputzen, um mit Renzo in einem Nobelrestaurant zu dinieren, war auch eine Herausforderung. Plötzlich stand sie im Licht der Öffentlichkeit. Bisher hatte sich niemand für sie interessiert.

Im Haus seiner Eltern war sie vor zwei Tagen gründlich durchleuchtet worden. Als Renzo und sie sich nach dem Abendessen schließlich verabschieden konnten, fühlte sie sich völlig entblößt. Renzos Vater schien sie auf Herz und Nieren prüfen zu wollen.

Am vergangenen Abend hatten sie dann ein sehr schönes Restaurant besucht. Renzo hatte sie eingehend auf die Benefizveranstaltung in New York vorbereitet. Heute gingen sie wieder zum Abendessen aus. Esther war etwas nervös, weil sie nicht wusste, was sie erwartete.

Renzo hatte auch einen Termin beim Frauenarzt für sie arrangiert. Nun musste sie sich für den Arzt fein machen. Lächerlich! Aber anschließend sollte es ja gleich zum Abendessen gehen.

Nun saß sie im Fond der Limousine auf dem Weg zum Frauenarzt. Renzo wollte sich in der Praxis mit ihr treffen.

Schließlich hielt der Wagen vor einem beeindruckenden Gebäude an, das keine Ähnlichkeit mit einer Klinik aufwies. Der Chauffeur öffnete den Wagenschlag. Widerstrebend stieg Esther aus. Ein Horrorszenario schoss ihr durch den Kopf: Sie lag auf dem Untersuchungsstuhl, und der Gynäkologe erklärte ihr bedauernd, sie hätte das Kind verloren. Nein! Das durfte nicht sein! Renzo schien sich doch schon auf das Baby zu freuen und ordnete sein Leben neu. Sie wollte das Baby austragen, komme, was da wolle. Zwar war es nicht ihr Baby, aber sie fühlte sich für das Lebewesen verantwortlich und wollte es beschützen. Wahrscheinlich spielen meine Hormone verrückt, dachte Esther. Seltsam nur, dass ihr seit zwei Tagen nicht mehr übel war. Hoffentlich hatte das nichts Schlimmes zu bedeuten.

Sie stellte sich am Empfang vor und wurde zu einem Wartezimmer für Privatpatientinnen geführt. Nervös strich sie sich über die Beine. Die Schwangerschaft war eine Erfahrung, die sie nur einmal machen würde. Dessen war Esther sich sicher. Sie wollte alles in ihrer Macht Stehende für das Wohl des Babys tun.

„So nachdenklich?“

Erschrocken sah sie auf. Etwas Wildes, Geheimnisvolles lag in Renzos Blick. Sie hatte keine Ahnung, was in diesem Mann vorging.

„Wo steckt der Arzt?“

„Keine Ahnung. Ich bin auch gerade erst eingetroffen.“

„Es ist aber unerhört, dich hier warten zu lassen, statt dich gleich ins Sprechzimmer zu führen.“

„Schon gut, Renzo. Wir werden sicher gleich aufgerufen.“

„Du hättest wenigstens schon auf die Untersuchung vorbereitet werden können“, murrte er.

Forschend sah Esther ihn an. Warum regte er sich so auf? War er etwa ebenso nervös wie sie? Vermutlich. Immerhin ging es ja um sein Kind.

„Ms. Abbott? Folgen Sie mir bitte ins Sprechzimmer“, sagte die Arzthelferin freundlich.

Esther atmete tief durch und stand auf. Sie schwankte. Renzo sprang ihr sofort zur Seite und legte stützend einen Arm um sie.

„Es geht schon“, behauptete Esther und rang sich ein Lächeln ab.

„Du siehst aus, als würdest du gleich umkippen“, behauptete er.

„Du übertreibst.“

Ungerührt begleitete er sie in den Untersuchungsraum.

„Machen Sie sich bitte frei und ziehen sich dann das Hemd über.“ Die Arzthelferin reichte ihr ein weißes Krankenhaushemd. „Frau Doktor kommt gleich.“

Esther versuchte mit Blicken, Renzo zum Rückzug zu bewegen. Vergeblich. „Gehst du bitte hinaus?“, bat sie daher leise.

„Wieso? Du bist doch meine Verlobte.“

„Aber nur formal. Wir wissen beide, dass das Kind nicht auf normalem Weg entstanden ist. Du hast kein Recht, mir beim Ausziehen zuzusehen.“

„Okay, ich drehe mich um.“ Gesagt, getan.

Zu mehr konnte sie ihn wohl nicht bewegen. Also gab Esther klein bei und zog sich aus. Wohl war ihr dabei nicht. Es hatte etwas Intimes, Erotisches, sich in Renzos Gegenwart zu entkleiden, auch wenn er ihr den Rücken zuwandte. Renzos Anwesenheit erregte sie. Ihr wurde heiß. Seine Präsenz schien sie zu umhüllen. Seltsam …

Schließlich stand Esther nackt da – in der Gesellschaft eines sexy Mannes im Maßanzug. Es war ein merkwürdiges, gleichzeitig erhebendes Gefühl.

Dieses Gefühl wollte sie jetzt lieber nicht analysieren. Schnell zog sie das Hemd über und legte sich auf den Untersuchungsstuhl.

„Hier erinnert nichts an Santa Firenze“, sagte sie nachdenklich.

Renzo drehte sich um. „Wie meinst du das?“

„Ich glaube, Ashley wollte nicht, dass du erfährst, was sie vorhat. Das Klinikpersonal war diskret, aber die Klinik war alles andere als modern.“

Fassungslos schaute Renzo sie an. „Das ist ja unglaublich! Sie hat dich in eine Brutbatterie geschleppt.“ Er ballte die Hände zu Fäusten. „Sollte ich die Frau je wieder sehen, ich schwöre, ich …“

„Nein, Renzo. Die Frau ist schon genug gestraft.“

Er lachte. „Wahrscheinlich hast du recht.“

Nach einem kurzen Klopfen eilte eine zierliche Ärztin herein. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Ms. Abbott, Mr. Valenti, und die Schwangerschaft zu begleiten. Wir machen einen Ultraschall, hören die Herztöne an und werfen einen Blick auf das Baby“, erklärte die Ärztin.

Esther kniff kurz die Augen zusammen. Gleich stellte sich heraus, ob sie tatsächlich schwanger war.

Geschäftig verteilte die Gynäkologin Gel auf Esthers Bauch und machte sich an die Arbeit.

Gespannt betrachtete Esther den Monitor, auf dem etwas flatterte. „Ist das das Herz?“, fragte sie ergriffen.

„Ja.“ Die Ärztin drückte auf einen Knopf. Ein schnelles Pochen ertönte. „Jetzt können Sie das Herz Ihres Kindes klopfen hören.“ Sie ließ die Sonde über Esthers Bauch gleiten. „Jetzt sehe ich mir das Kind an.“

Wie gebannt verfolgte Esther die Bilder, konnte sie jedoch nicht deuten.

„Gibt es Zwillinge in Ihren Familien?“, erkundigte die Ärztin sich plötzlich.

Schockiert hielt Esther die Luft an. Was sollte sie sagen? Mit ihrer Familie hatte das ja nichts zu tun. „Ich …“

„Nein“, antwortete Renzo knapp. Dann rang er sich zu einer Erklärung durch. „Das Kind wurde aber künstlich empfangen, falls Ihnen das weiterhilft.“

„Ja, das könnte eine Erklärung sein. Ms. Abbott, Mr. Valenti: Sie erwarten Zwillinge.“

Esther konnte es nicht fassen. Zwillinge? Das war ja absurd! „Ich verstehe das nicht“, stieß Esther schließlich ratlos hervor. „Bei der letzten Untersuchung hat mir niemand etwas von Zwillingen gesagt.“

„Am Anfang der Schwangerschaft ist das auch schwer zu sehen“, erklärte die Ärztin freundlich. „Ich kann Ihren Schock durchaus nachvollziehen.“

„Kein Problem“, meldete sich Renzo. „Wir bringen auch zwei Kinder durch.“ Er lachte.

„Das sieht alles sehr gut aus.“ Die Gynäkologin schob das Gerät zur Seite und wischte das Gel von Esthers Bauch. „Aber ich möchte Sie regelmäßig untersuchen. Eine Zwillingsschwangerschaft birgt immer ein erhöhtes Risiko. Kein Grund zur Sorge, Ms. Abbott, Sie sind jung und gesund. Sie schaffen das.“

Esther nickte geistesabwesend. Renzo stand einfach nur reglos da.

„Gut. Dann lasse ich Sie jetzt allein.“ Freundlich nickte die Ärztin ihnen zu und verließ das Untersuchungszimmer.

Sowie die Ärztin die Tür hinter sich geschlossen hatte, sackte Esther förmlich in sich zusammen. „Ich kann das nicht glauben“, sagte sie fassungslos.

Du kannst es nicht glauben? Was soll ich denn sagen? Du verschwindest doch nach der Geburt. Dir kann es egal sein. Aber ich werde allein mit Zwillingen dasitzen.“

„Ich bin aber diejenige, die zwei Babys austragen muss“, stieß sie frustriert hervor. „Du hast im Prinzip gar nichts damit zu tun.“

Renzo wurde bleich. „Stimmt.“ Er wandte sich ab. „Egal. Zieh dich an! Ich habe einen Tisch bestellt.“

„Du willst jetzt essen gehen? Tut mir leid, ich muss mich erst mal von dem Schock erholen.“

„Das kannst du auch beim Abendessen tun. Zieh dich jetzt bitte an, Esther. Wir müssen los.“

Widerstrebend stand sie auf und schleppte sich zu dem Stuhl in der Ecke, auf dem sie ihre Kleidung deponiert hatte. Frustriert schlüpfte sie in die Seidenwäsche, die Renzos Stylistin für sie ausgesucht hatte. Dem erotischen Gefühl von Seide auf nackter Haut konnte sie dieses Mal nichts abgewinnen. Zwillinge … Diese Tatsache musste Esther erst mal verdauen. Wie in Trance zog sie sich an. „Fertig“, sagte sie dann knapp.

„Prima. Dann können wir ja los.“ Entschlossen zog Renzo sie mit sich, hielt ihr draußen höflich die Beifahrertür seines schnittigen Sportflitzers auf und wartete, bis Esther sich gesetzt hatte. Sie sah zu Renzo auf.

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