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JULIA EXTRA, Band 436

CHRISTY MCKELLEN

Happy End am blauen Meer

An der romantischen Amalfiküste sucht Julien nach seiner Scheidung die Einsamkeit. Was er dagegen nicht sucht, ist eine neue Liebe! Aber genau den Glauben daran will ihm die hübsche Indigo zurückgeben …

ROBIN GIANNA

Auf dem Olymp der Leidenschaft

Andros wollte nur einen Urlaubsflirt mit der schönen Laurel! Aber mit jeder sinnlichen Umarmung wird es für den feurigen Griechen schwieriger, sich eine Zukunft ohne sie vorzustellen …

MELANIE MILBURNE

Gewagtes Spiel in Monte Carlo

Eine Woche wird er mit Clementine zusammen im eleganten Monte Carlo verbringen – genug Zeit für den vermögenden Alistair, um alles auf eine Karte zu setzen und Clementine zu verführen …

MARION LENNOX

In den Armen des Kronprinzen

Claire hat ihm das Leben gerettet, verbringt mit ihm sinnliche Nächte, während über Orca Island ein Sturm tobt – Raoul ist von ihr hingerissen. Nur eins hat er vergessen: ihr zu sagen, dass er ein Prinz ist …

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Happy End am blauen Meer

1. KAPITEL

Das lebendige und quirlige Amalfi ist es, wo deine Reise beginnt …

So hatte Indigo Hughes sich den Beginn ihres Wanderurlaubs entlang der Amalfiküste in Süditalien nicht vorgestellt. Nicht genug damit, dass ihr sorgfältig für die Reise zusammengepackter Rucksack nicht mit ihr in Neapel gelandet, sondern von der Fluggesellschaft nach Gott-weiß-wo befördert worden war, nein! Jetzt schien es auch bei der Buchung ihres Hotelzimmers irgendwelche Probleme gegeben zu haben.

Wenn ihr Glück anhielt, würde sie die erste Nacht ihres so lange ersehnten Urlaubs unter freiem Himmel verbringen müssen. Grundsätzlich hätte sie damit nicht einmal ein Problem. Sie war auf genügend Festivals und Campingtrips gewesen, um damit ohne große Schwierigkeiten zurechtzukommen. Aber sie hatte sich so darauf gefreut, nach einer langen Woche voller durchgearbeiteter Nächte endlich in ein bequemes Bett fallen zu können, dass sie darüber nicht lachen konnte.

„Mein Exfreund hat das Zimmer schon vor Monaten gebucht“, erklärte sie der Dame am Empfang.

Die einschüchternd selbstsichere Rezeptionistin schürzte die blutrot bemalten Lippen und verschränkte die Arme vor ihrem üppigen Dekolleté. „Es tut mir leid, Signorina. Wie ich schon sagte, liegt uns Ihre Buchung nicht vor, und wir sind bedauerlicherweise voll belegt. Könnten Sie eine Buchungsbestätigung vorlegen oder wenigstes die Kreditkarte, mit der die Zahlung erfolgt ist, wäre ich vielleicht in der Lage, etwas für Sie zu tun. So jedoch …“

Der Gesichtsausdruck der Frau machte mehr als deutlich, dass sie es ganz und gar nicht schätzte, wenn jemand, der so verlottert aussah wie Indigo, am auf Hochglanz polierten Empfangsschalter stand und ihre Kompetenz in Frage stellte.

Indigo runzelte die Stirn. „Ich erklärte ja bereits, dass mein Exfreund das Zimmer gebucht hat. Daher habe ich leider nur die Buchungsnummer.“

Die Frau zuckte die Schultern und bedachte die Leute, die hinter Indigo in der Schlange standen, mit einem bedauernden Blick.

Jetzt reicht es aber, dachte Indigo, als ihre Frustration in Ärger umschlug. Doch ehe sie noch etwas sagen konnte, trat plötzlich jemand neben sie an den Tresen.

„Pardon, Mademoiselle“, mischte der Fremde sich gelassen ein, und als sich ihre Blicke begegneten, stockte Indigo für einen Moment der Atem. Sie hatte noch nie erlebt, dass ein Mann ihr einfach mal eben den Boden unter den Füßen wegriss – doch genauso fühlte sie sich in diesem Augenblick. Als hätte allein seine überwältigende männliche Präsenz die Schwerkraft ausgehebelt. Indigo spürte, wie ein Beben sie durchlief.

Sie blickte zu ihm auf – er besaß ungewöhnliche, whiskybraune Augen und sandfarbenes Haar. Ihr Herz klopfte schneller. Der Fremde allerdings blieb gänzlich ungerührt, nickte ihr nur einmal kurz zu und wandte sich dann an die Rezeptionistin.

„Ich habe reserviert“, sagte er. Seiner tiefen, rauchigen Stimme haftete ein schwacher französischer Akzent an. Lässig lehnte er sich an den Tresen und hielt sein Smartphone in die Höhe, sodass die Hotelangestellte die Reservierungsnummer vom Bildschirm ablesen konnte.

Ungläubig schaute Indigo zwischen den beiden hin und her. Sie hätte ebenso gut aus Luft bestehen können, so wie man sie ignorierte. Nicht, dass sie daran inzwischen nicht bereits gewöhnt war …

Als sie sich darüber beschweren wollte, wie unfassbar unhöflich das Verhalten war, das man ihr gegenüber an den Tag legte, runzelte die Empfangsdame die Stirn und schüttelte den Kopf.

„Es tut mir leid, Signor, aber Ihre Buchung liegt uns nicht vor“, erklärte sie dem Mann – und ihre Miene drückte sehr viel mehr Bedauern aus, als es vorhin bei Indigo der Fall gewesen war.

„Das kann nicht sein. Überprüfen Sie das bitte noch mal“, entgegnete er in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.

Indigo konnte kein Mitgefühl für die Rezeptionistin empfinden, als dieser langsam zu dämmern schien, dass es tatsächlich ein Problem mit dem Buchungssystem zu geben schien.

Die Frau war kreidebleich, als sie schließlich wieder zu ihm aufblickte. „Ich bitte um Verzeihung, Signor“, stieß sie nervös hervor. „Ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte. Es scheint, als hätte es eine Computerpanne gegeben, und bedauerlicherweise wurde Ihr Zimmer bereits neu vergeben. Augenblicklich ist nur noch unsere Flitterwochensuite frei – diese würde ich Ihnen gern bis morgen zur Verfügung stellen. Bis dahin sollte es uns gelungen sein, unseren Fehler zu korrigieren.“

Indigo runzelte die Stirn. „Moment mal, warum haben Sie mir die Flitterwochensuite nicht angeboten? Ich war schließlich zuerst hier!“

Die Frau hob eine Braue. „Nun, der Gentleman hat eine Suite gebucht, Signorina – im Gegensatz zu Ihnen …“

„Also schön“, meldete sich der Franzose wieder zu Wort.

„Was?“ Indigo funkelte ihn wütend an. „Sie wollen das Angebot wirklich annehmen, obwohl Sie ganz genau wissen, dass ich vor Ihnen hier war?“

Er musterte sie durchdringend, doch seine Miene blieb unbewegt. Indigo fühlte sich fast ein bisschen nackt unter seinem prüfenden Blick, und widerstand nur mit Mühe dem Drang, schützend die Arme um ihren Oberkörper zu schlingen.

Sie zwang sich, die Augen nicht niederzuschlagen. Wenn sie jetzt nachgab, hatte sie schon so gut wie verloren. Und sie wollte heute Nacht in einem bequemen Bett schlafen – unbedingt. Immerhin hatte sie dafür bezahlt!

Schließlich flackerte etwas in seinen Augen auf, und seine Mundwinkel zuckten. Machte er sich etwa über sie lustig?

„Sie haben recht“, sagte er plötzlich. „Sie sollten Ihr Zimmer bekommen.“

Indigo blinzelte überrascht – damit hatte sie nicht gerechnet. „Oh! Okay …“ Sie runzelte die Stirn, noch immer verblüfft darüber, dass es so einfach gegangen war. „Wirklich?“

Seufzend strich er sich mit einer Hand über das glatt rasierte Kinn. „Um ehrlich zu sein, Mademoiselle, ich bin einfach zu müde, um mich mit Ihnen herumzustreiten. Der Tag war anstrengend.“ Er verzog das Gesicht. „Ich würde mich gern ein wenig entspannen, ehe ich morgen mit meiner Wanderung beginne.“

„Sie wandern auch die Küste entlang?“, fragte sie ungläubig. In seinem maßgeschneiderten Anzug und mit dem Designerkoffer, der zu seinen Füßen stand, wirkte er eher wie ein Geschäftsmann, der einen wichtigen Termin wahrnehmen wollte.

Er hob eine Braue, als er ihren ungläubigen Gesichtsausdruck bemerkte. „Ist das denn so unvorstellbar?“

Sie hob die Schultern. „Ich weiß nicht … Nein, vermutlich nicht.“

„Egal – was wäre ich für ein Mann, wenn ich eine Lady einfach so in einer fremden Stadt in die Nacht hinausjagen würde?“

Ihr lag auf der Zunge, ihm zu sagen, dass sie keineswegs auf die Hilfe irgendeines Mannes angewiesen war – doch der trockene Humor, der in seiner Stimme mitschwang, ließ sie innehalten.

„Aber Signor, es sind auch in anderen Hotels in Amalfi keine Zimmer verfügbar“, mischte die Dame am Empfang sich ein. „Ich weiß das so genau, weil ich mich schon für andere Reisende erkundigt habe.“

Der Franzose wandte sich ihr zu. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie mir für heute Nacht keine Alternative anbieten können?“

Sie senkte den Blick. „Bedauerlicherweise, Signor. Es tut mir wirklich sehr leid, aber heute Nacht sind definitiv keine anderen Zimmer verfügbar.“

„Das ist inakzeptabel“, entgegnete er ruhig, doch die Härte in seiner Stimme ließ selbst Indigo frösteln. „Von einem Haus wie diesem habe ich einen besseren Service erwartet. Rufen Sie bitte Ihren Manager für mich.“

Die Frau richtete sich stocksteif auf. „Ich kann ihn augenblicklich nicht stören. Er schläft gerade und hat strikte Anweisung gegeben, dass …“

„Das interessiert mich nicht. Schaffen Sie ihn heran.“ Er beugte sich vor, die Hände flach auf den Tresen gestützt. „Sofort!“

„Bitte Signor, ich werde meinen Job verlieren“, flüsterte sie. „Ich bin noch neu hier und kann es mir nicht erlauben, irgendwelche Fehler zu machen.“

Nun verspürte Indigo doch einen Anflug von Mitleid. Der Frau standen Tränen in den Augen, und ihr war die Angst vor der Reaktion ihres Chefs deutlich anzusehen. Gleichzeitig hatte sie offenbar nicht die geringste Ahnung, wie sie mit einem solchen Gast umgehen sollte.

„Beschreiben Sie mir die Suite“, platzte es aus Indigo hervor, ehe der Franzose etwas erwidern konnte.

Die Frau am Empfang bedachte sie mit einem überraschten Blick, ehe sie sich wieder fing und zu ihrer beruflichen Professionalität zurückfand. „Die Flitterwochensuite ist mit einem bequemen, extra-großen Bett ausgestattet und …“

„Hat die Schlafzimmertür ein Schloss?“, fragte Indigo.

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass der Franzose sie jetzt ungläubig anstarrte, doch sie ignorierte ihn.

„Ja, Signorina“, erwiderte die andere Frau. „Außerdem einen Wohnbereich und ein hochmodernes Entertainmentsystem …“

„Und ein großes Sofa?“

Die Rezeptionistin blinzelte verwirrt – dann wurde ihr offenbar klar, worauf Indigos Fragen abzielten, und Erleichterung und Dankbarkeit zeichneten sich auf ihrer Miene ab.

Ihre Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Aber natürlich. Es ist sehr bequem und breit genug, dass man sich darauf auch als großer Mensch problemlos ausstrecken kann. Es gibt auch noch ein zweites Bad mit Whirlpool und Regenschauer-Dusche.“

Indigo nickte. „Alles klar – dann teilen wir uns die Suite einfach.“

„Was?“, stieß der Franzose vollkommen entgeistert hervor.

Indigo holte tief Luft und wandte sich ihm mit einem Lächeln zu. „Ich nehme einfach das Sofa im Wohnbereich, und Sie können das Schlafzimmer haben. Auf diese Weise haben wir beide einen Platz für die Nacht.“

Er runzelte die Stirn. „Non. Vielen Dank, aber ich glaube kaum, dass das angemessen ist.“

Sie hob eine Braue. „Ich beiße nicht – versprochen.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem trockenen Lächeln. „Davon bin ich überzeugt. Trotzdem finde ich es nicht richtig, dass Sie sich ein Zimmer mit einem Ihnen völlig fremden Mann teilen müssen.“

Sie winkte ab. „Das ist schon in Ordnung. Wirklich. Es macht mir nichts aus zu teilen, und ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, dass die junge Dame hier ihren Job verliert.“

Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Das wäre keineswegs Ihre Schuld.“

„Ich würde mich trotzdem verantwortlich fühlen und mir mit meinen Gewissensbissen meinen ganzen Urlaub ruinieren.“

Er stieß ein Schnauben aus und schüttelte den Kopf. „Sind Sie sicher, dass dieses Arrangement okay für Sie ist?“, fragte er noch immer zögernd.

„Absolut“, entgegnete sie strahlend. „Wenn das Schicksal einem Steine in den Weg legt, sollte man stets versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.“ Sie lachte leise. „Und was wäre ich für eine Frau, wenn ich einen erschöpften Mann einfach so in die Nacht hinausjagen würde? Vor allem, wenn er so einen schicken Designeranzug trägt!“

Er musterte sie noch einen Moment lang durchdringend, so als wolle er ihr eine letzte Chance geben, ihre Meinung doch noch zu ändern. Als sie nichts dergleichen tat, nickte er knapp.

„Okay, aber Sie nehmen das Schlafzimmer, sodass Sie die Tür verschließen können. Ich möchte nicht, dass Sie sich in irgendeiner Weise unbehaglich fühlen. Ich nehme das Sofa und werde morgen in aller Früh fort sein, sodass Sie ich Ihnen nicht im Weg bin.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm er sein Gepäck auf.

„Ich bin selbst ein Frühaufsteher“, sagte sie – peinlich berührt darüber, wie trotzig ihre Worte klangen.

„Nun, dann müssen wir wohl versuchen, uns gegenseitig so gut es geht zu ignorieren.“ Er reichte der Hotelangestellten seinen Pass. „Wenn Sie uns dann bitte zwei Schlüsselkarten geben würden …“

Die Rezeptionistin erledigte alle Formalitäten und überreichte ihm kurz darauf sämtliche Dokumente sowie die gewünschten Karten. „Im Kleiderschrank finden Sie zusätzliche Decken und Kissen. Ich wünsche Ihnen beiden eine angenehme Nacht.“

Er überreichte Indigo eine der Schlüsselkarten, ehe er sich abrupt abwandte und ohne ein weiteres Wort davonging. Es war offensichtlich, dass er ein typischer Anführer war. Niemand, der daran gewöhnt war, anderen Menschen hinterherzulaufen.

Indigo starrte ihm einen Moment lang nach, und fühlte sich mit einem Mal fast ein wenig verunsichert.

Hatte sie tatsächlich gerade zugestimmt, eine Suite mit einem ihr wildfremden Mann zu teilen?

Von der Arbeit her war sie daran gewöhnt, schnelle und funktionierende Lösungen zu finden. Es war ihr so in Fleisch und Blut übergangen, dass ihr erst jetzt wirklich klar wurde, worauf sie sich da eingelassen hatte.

Jetzt, wo es zu spät war, noch einen Rückzieher zu machen.

Sie beobachtete, wie er die Fahrstühle erreichte und den Rufknopf betätigte, und mit einem Schlag brach eine unglaubliche Erschöpfung über sie herein.

Die vergangenen drei Monate waren hart gewesen. Sie hatte ihr kleines Gemeindecafé auf Vordermann bringen müssen. Anderenfalls wäre sie nie in der Lage gewesen, es mit gutem Gewissen für die Dauer ihrer Reise in andere Hände zu geben. Außerdem stand nach wie vor nicht fest, wie es weitergehen würde. Sie hatte einen Kredit beantragt, ohne den sie das Café wohl nicht auf Dauer halten konnte. Und das alles kam ihr ausgerechnet jetzt in den Sinn.

Dabei hatte dieser Urlaub eigentlich eine Auszeit von all dem Stress und den Sorgen sein sollen. Irgendwann war ihr einfach alles über den Kopf gewachsen, und sie hatte in paar dumme Fehler gemacht, die Geld gekostet hatten, über das sie nicht verfügte.

Ihre Freundin Lacey hatte scherzhaft gemeint, dass etwas Abstand sowohl ihr als auch dem Café guttun würde. Zudem waren die Kosten für Anreise und Unterbringung bereits bezahlt. Es wäre also Geldverschwendung, den Urlaub nicht anzutreten.

Und Verschwendung war etwas, das Indigo ganz und gar nicht gutheißen konnte.

Sie eilte dem Franzosen nach und erreichte ihn gerade, als die Aufzugtüren sich mit einem leisen Pling öffneten.

„Okay, dann wollen wir mal“, sagte sie und merkte selbst, dass sie ein wenig atemlos klang.

Lächelnd wollte er ihr den Vortritt lassen. Sie spürte, wie ihr Puls sich unwillkürlich beschleunigte, und schüttelte den Kopf. „Nein, bitte, nach Ihnen“, sagte er.

Schulterzuckend betrat er den Aufzug. Indigo folgte ihm und drückte den Knopf für ihre Etage. Die Türen schlossen sich. Angespanntes Schweigen breitete sich über ihnen aus.

Unbehaglich trat Indigo von einem Bein aufs andere. Na, das fing ja gut an …

„Vielleicht sollten wir uns einander vorstellen, wo wir uns nun schon eine Suite teilen“, sagte sie und hob fragend eine Braue. „Ich bin Indigo. Indigo Hughes.“

„Julien Moreaux“, antwortete er, trat vor und überrumpelte sie vollkommen, als er sie nacheinander auf beide Wangen küsste.

Sie konnte sich gerade noch davon abhalten, erschrocken zurückzuweichen. Als Engländerin war sie so etwas nicht gewohnt, doch sie wusste, dass es in Frankreich durchaus üblich war, sich auf diese Weise zu begrüßen. Sie holte tief Luft, und sein Duft stieg ihr in die Nase.

Männlich, mit einer würzigen Note.

Atemberaubend.

Es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Sie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen, doch was sie wirklich wollte, war etwas ganz anderes. Sie wollte diesen Mann beim Kragen packen und zu sich heranziehen, ihr Gesicht gegen seine Brust pressen und seinen Geruch tief in sich aufnehmen.

Grundgütiger, was war bloß mit ihr los? So hatte sie noch nie auf einen Mann reagiert. Aber er besaß eine unglaubliche Ausstrahlung, und irgendwie fühlte sie sich in seiner Nähe sicher und geborgen.

Oh Gott, reiß dich zusammen, Indigo!

Die Flitterwochensuite war in freundlichen Farben gehalten und chic, aber nicht übertrieben luxuriös eingerichtet. Nachdem Indigo sich ausgiebig umgeschaut hatte, wandte sie sich Julien zu. Der hatte nicht einmal von seinem Telefon aufgeblickt, um die Suite zu inspizieren.

Nun, vermutlich war er für ihn das Normalste der Welt, stets nur das Beste vom Besten zu bekommen.

Sie schüttelte den Kopf über sein eklatantes Desinteresse und betrat das Schlafzimmer, das ebenso wunderbar eingerichtet war wie der Rest der Suite. Das alles kam ihr beinahe wie ein schöner Traum vor.

Trotz ihres Protests hatte Gavin, ihr Ex, darauf bestanden, die erste Nacht ihrer Urlaubsreise in einem Fünf-Sterne-Hotel zu verbringen, um die restliche Zeit in eher bescheideneren, weniger kostenintensiveren Unterkünften unterzukommen.

Indigo seufzte. Dies hier war also ihr einziger Ausflug in die Welt des Luxus – und sie würde ihn in vollen Zügen genießen.

Sie nahm ein Kissen und eine Decke aus dem Kleiderschrank und brachte beides für Julien ins Wohnzimmer, wo der Franzose noch immer auf das Display seines Smartphones starrte.

„Sie übernachten wohl häufiger in einer Flitterwochensuite, wie?“, kommentierte sie sein Verhalten trocken.

Er blickte auf, und für den Bruchteil einer Sekunde flackerte etwas Dunkles in seinen Augen auf. „Bisher nur ein einziges Mal …“

Sein kurzer Stimmungsumschwung irritierte sie. „Sie sind verheiratet?“, fragte sie, um ihr Unbehagen zu überspielen.

„Nicht mehr.“

Die Temperatur in der Suite schien um mehrere Grad zu fallen.

„Oh, das tut mir leid.“

Er grinste und brach damit die Anspannung, die in der Luft lag. „Ihr Engländer müsst euch immerzu für etwas entschuldigen, wie?“

„Ich wollte nur höflich sein“, entgegnete sie ärgerlich.

Sein Grinsen wurde breiter, und sie hob eine Braue. Daraufhin musterte er sie noch einen Moment lang amüsiert und stellte seinen Koffer dann auf dem Beistelltisch ab. „Nun, ich werde mich jetzt – wie sagt ihr Engländer? – aufs Ohr hauen.“

Das war ihr Stichwort, um sich zurückzuziehen. Was auch besser so war. Sie fühlte sich völlig aufgewühlt – und schuld daran war allein Julien. In seiner Gegenwart knisterte einfach die Luft.

„Ich auch“, erwiderte sie und trat zurück ins Schlafzimmer, blieb aber im Türrahmen stehen. „Dann sehen wir uns wohl morgen früh nicht mehr, oder?“

„Höchstwahrscheinlich nicht.“ Er ließ sich aufs Sofa fallen und streckte sich aus.

Fasziniert schaute sie ihm dabei zu. Nein, sie schaute nicht, sie starrte.

Es kostete sie alle Willenskraft, die sie aufbringen konnte, den Blick von ihm abzuwenden und die Tür hinter sich zu schießen. Es war regelrecht lächerlich, wie stark der Drang war, sich einfach zu ihm zu legen, Brust an Brust, Schenkel an Schenkel.

Sie schloss die Augen. Sie war schon immer ein Mensch gewesen, für den Berührungen unglaublich wichtig waren. Und seit Schluss mit Gavin war, befand sie sich praktisch auf Entzug.

Sofort aufhören mit dem Unsinn!

Seufzend drehte sie den Schlüssel im Schloss. Sich Julien – einem Wildfremden – an den Hals zu werfen, war ganz eindeutig nicht der richtige Weg, mit der Situation umzugehen.

Es wurde Zeit, dass sie sich den attraktiven Franzosen aus dem Kopf schlug und sich stattdessen auf wichtigere Dinge konzentrierte.

Entschlossen wandte sie sich von der Tür ab und ließ den kleinen Rucksack, den sie als Handgepäck dabeigehabt hatte, neben das Bett fallen. Sie war glücklicherweise so vorausschauend gewesen, genau für einen solchen Fall einige wichtige Dinge einzupacken. Dennoch machte es sie nervös, dass sie nun ihre so sorgfältig zusammengestellte Wanderausrüstung nicht dabeihaben würde. Verflixt, sie hatte ja nicht einmal ihre Wanderstiefel bei sich! Und das bedeutete, dass sie Tag für Tag mindestens fünf Stunden in ihren Turnschuhen würde laufen müssen.

Blieb nur zu hoffen, dass ihr Rucksack bald gefunden wurde. Die Fluggesellschaft hatte versprochen, dass man ihr das Gepäck zu einem der Hotels auf ihrer Route schicken würde.

Ihr größtes Problem war, dass sich auch eine Hälfte ihrer Reisekasse sowie ihre Notfall-Kreditkarte im verschwundenen Koffer befanden. Zum Glück beinhalteten alle gebuchten Übernachtungen auch ein Frühstück, sodass sie sich morgens sattessen und dann hoffentlich das Mittagessen ausfallen lassen konnte. Nur solange, bis ihre verschollenen Sachen wieder auftauchten.

Sie wollte versuchen, diese kleine Unannehmlichkeit als einen Teil des Abenteuers zu betrachten.

Indigo leerte ihren Rucksack auf der Bettdecke aus und machte eine kurze Inventur der Dinge, die sie dabeihatte. Einen Slip, ein Paar Socken, eine Zahnbürste sowie eine winzige Tube Zahnpasta. Ein T-Shirt und ein kurzer Baumwollrock, ein Päckchen Pfefferminzbonbons, Mascara und Eyeliner. Außerdem ein Päckchen Schmerztabletten, ihre Brieftasche, ihren Pass und ein Reiseführer über die Amalfiküste. Keine Schlüssel. Kein Handy.

Nachdem sie alles wieder eingepackt hatte, gönnte sie sich eine erfrischende Dusche in dem riesigen, mit Marmor ausgekleideten Badezimmer und schlüpfte dann unter die Laken.

Was für ein Luxus!

Seufzend reckte sie sich. Doch so weit sie ihre Arme auch ausstreckte, ihre Finger berührten auf keiner Seite den Rand der Matratze. Rechts und links von ihr war so viel Platz, dass sie sich unwillkürlich ein wenig einsam fühlte.

Es war ein grausamer Wink des Schicksals, dass sie ausgerechnet in der Flitterwochensuite untergekommen war.

In einem Paralleluniversum, in dem Gavin sich nicht in eine andere Frau verliebt hätte, würde sie jetzt vermutlich mit ihm hier liegen. Sie hätten gelacht und sich gegenseitig damit aufgezogen, wie viel Sex sie haben mussten, um mit den vorherigen Bewohnern dieser Suite mithalten zu können.

Mit einem Schlag kehrten all die negativen Gefühle zurück, die sie stets zu verdrängen versuchte. Die Trennung von Gavin lag drei Monate zurück, und Indigo hatte es sich bis jetzt nicht erlaubt, wirklich um all die verlorenen Träume zu trauern. Sie hatte sich mit anderen Dingen abgelenkt und diesen Urlaub als Lichtblick genutzt, wenn die Traurigkeit sie zu übermannen drohte.

Doch nun, wo sie hier war – allein –, stürzte sie in eine tiefe Depression.

Sie ballte die Hände zu Fäusten und atmete tief durch. Nein! Sie würde sich davon nicht unterkriegen lassen. Auf gar keinen Fall.

Schon als junges Mädchen hatte sie gelernt, dass man mit Weinen und Jammern im Leben nicht weiterkam. Sie war in einem reinen Männerhaushalt mit vier Brüdern aufgewachsen, und die hatten sich nie davon erweichen lassen, wenn Indigo auf die Tränendrüse drückte.

Was sie erreicht hatte, hatte sie aus eigener Kraft erreicht. Sie hatte hart für ihre Erfolge kämpfen müssen und war stolz darauf.

Leider hatte Gavin nie verstanden, warum sie es unbedingt ohne fremde Hilfe schaffen wollte. Warum sie so viel Zeit und Arbeit in das Café steckte und ihn aus gewissen Bereichen ihres Lebens einfach ausschloss. So zumindest hatte er es bei ihrer Trennung bezeichnet.

Wenn man ihm glauben durfte, hatte sie ihn wie eines ihrer Projekte behandelt und war den Kunden in ihrem Café mit größerer Liebe und Freundlichkeit begegnet als ihm.

Indigo schob die dunklen Erinnerungen beiseite, setzte sich auf und schüttelte ihre Kissen, ehe sie sich mit einem leisen Seufzen wieder zurückfallen ließ. Sie würde diesen Urlaub nutzen, um den Kopf freizubekommen und ihre leeren Batterien wieder aufzuladen.

Als sie die Augen schloss, wanderten ihre Gedanken wie von selbst zu Julien. Und obwohl er so überlegen und selbstsicher auftrat, hatte er für einen kurzen Moment regelrecht verletzlich gewirkt. Ob es mit seiner gescheiterten Ehe zu tun hatte? Vielleicht war auch er hier, um eine neue Perspektive zu finden und sein Leben nach einer schmerzhaften Trennung neu zu sortieren.

Gavin war ein Häufchen Elend gewesen, als er damals nach seiner Scheidung übergangsweise in ihrem Gästezimmer unterkam. Es war ein Gefallen für den Freund eines Freundes gewesen. Und sie hatte sich, sechs Monate nach dem Tod ihres Vaters, ohnehin schrecklich einsam gefühlt, in dem großen Haus.

Sich um Gavin zu kümmern war für sie selbst in gewisser Weise heilsam gewesen. Damals hatte sie nicht einmal geahnt, dass sich zwischen ihnen beiden etwas entwickeln könnte, und dennoch war es passiert. Rückblickend war es vermutlich absehbar gewesen.

Sie atmete tief durch.

Vielleicht hätte sie Julien fragen sollen, ob er okay war, als er seine Scheidung erwähnte. Die meisten Leute sprachen ein solches Thema nur an, wenn sie darüber reden wollten. Vielleicht konnte sie ihre eigenen Erfahrungen nutzen, um ihm zu helfen. Da er ebenso allein hier war wie sie, lag die Vermutung nahe, dass er sonst niemanden hatte, mit dem er über seine Gefühle sprechen konnte.

Gähnend kuschelte sie sich in ihre Kissen. Wenn sie Julien auf ihrer Wanderung wiedersah, würde sie ihn darauf ansprechen. Aber damit hatte es sich auch. Die ganze Sache mit Gavin war ihr eine Lehre gewesen. Sie würde sich nicht noch einmal auf einen Mann einlassen, der mitten in einer Scheidung steckte. Und genau deshalb würde sie sich den sexy Franzosen auf der anderen Seite der Tür aus dem Kopf schlagen.

Zumindest für den Augenblick.

2. KAPITEL

Der Wanderweg von Ravello: Über zahllose Stufen führt er entlang an den herrlichen Gärten der Villa Cimbrone über Ravello bis nach Pontone …

Als Julien Moreaux erwachte, drang helles Sonnenlicht durch die großen Fenster der Flitterwochensuite. Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und zwang seinen Verstand, aus dem Ruhemodus in seinen normalen Betriebszustand zurückzukehren.

Er war in Amalfi.

Endlich.

Es war ihm im Grunde nicht wichtig gewesen, wohin die Reise ging, als er seine persönliche Assistentin bat, ihm diese Auszeit zu buchen. Wichtig war nur, dass er sich von einem Ort zum nächsten bewegen konnte und nicht irgendwo festhing, wo er ständig dieselben Gesichter sehen musste.

Ihre Wahl gefiel ihm.

Die Idee eines Wanderurlaubs war ihm schon längere Zeit im Kopf herumgespukt. Es erschien ihm wie eine Gelegenheit, wieder zum Ursprung der Dinge zurückzukehren, und er hatte sich darauf gefreut, sich selbst in harter körperlicher Arbeit und selbstauferlegter Einsamkeit zu verlieren.

Nun, mit der Einsamkeit klappte es im Augenblick noch nicht so richtig.

Er verzog das Gesicht, als er an die Ereignisse des vergangenen Abends zurückdachte. Dass er sich ausgerechnet mit einer Hippie-Idealistin die Suite teilen musste, war vielleicht nicht unbedingt der perfekte Start gewesen. Aber als er das Flehen in Indigos Augen gesehen hatte – die verzweifelte Entschlossenheit, alles in Ordnung zu bringen –, war ihm keine andere Wahl geblieben.

Er war es wirklich leid, immer der Böse zu sein.

Er gähnte herzhaft und fing an, seine steifen Glieder zu strecken. Ein Teil von ihm wollte am liebsten die ganze Woche im Bett verbringen, doch das würde er natürlich nicht tun. Er war hergekommen, um ein bisschen Abwechslung zu erleben und den Druck zu vergessen, der ansonsten permanent auf ihm lastete. Und er würde seine Zeit in Italien nicht eingesperrt zwischen vier Wänden verbringen – selbst, wenn es sich um die Wände der Flitterwochensuite eines herrlichen Fünf-Sterne-Hotels handelte.

Flitterwochensuite.

Das letzte Mal, als er sich in ähnlichen Räumen aufgehalten hatte, war er auf dem absoluten Höhepunkt seines Glücks gewesen. Nun, zumindest hatte er das damals geglaubt. Jetzt, zwei Jahre später, machte er allein Urlaub, nachdem er gerade seine Scheidungspapiere unterzeichnet hatte.

Er setzte sich auf. Es wurde wirklich Zeit, dass er in die Gänge kam. Er wollte fort sein, bevor Indigo das Schlafzimmer verließ. So früh am Morgen besaß er nicht die Energie, ein weiteres Zusammentreffen mit ihr zu überstehen.

Doch als er in Richtung Schlafzimmer blickte, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass die Tür sperrangelweit offen stand. Komisch. Er schaute auf seine Uhr. Es war gerade einmal sieben. Sie hatte also keineswegs gescherzt, als sie sagte, dass sie sich ebenfalls früh auf den Weg machen wollte.

Er stand auf. „Indigo?“, rief er.

Keine Antwort.

Er warf einen Blick ins Schlafzimmer. Das Bett war leer, die Laken unordentlich zurückgeworfen und die Tür zum angrenzenden Badezimmer offen.

Kein Zweifel, Indigo war fort.

Was für ein Glück!

Er spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel. Dennoch hörte er nicht auf, an sie zu denken – selbst, als er kurz darauf unter der Dusche stand. Indigo entsprach ganz sicher nicht seinem üblichen Beuteschema – langbeinig und sehr weiblich geformt. Die Farbe ihres Haares erinnerte ihn an die Klatschmohnfelder zu Hause in der Provence.

Er stand üblicherweise auf kleine, zierliche Blondinen. Dennoch hatte Indigo eindeutig etwas an sich, das ihn anzog.

Vielleicht war es ihr Lächeln. Oder ihre Unbefangenheit.

Sie war ganz eindeutig sexy.

Er stellte das Wasser ab, griff nach einem Handtuch und fing an, sich abzutrocknen. Wenn er ganz ehrlich sein wollte, hatte sie vor allem deshalb sein Interesse geweckt, weil sie sich so offensichtlich nicht für das interessierte, was er zu bieten hatte.

Er war daran gewöhnt. Alle Welt erwartete von ihm, dass er ihre Probleme löste. Es war lange her, dass irgendjemand etwas uneigennützig für ihn getan hatte.

Nun, wie auch immer – es war vermutlich besser, wenn er sie nicht wiedersah. Im Augenblick war er wirklich nicht dazu aufgelegt, neue Bekanntschaften zu schließen.

Nach dem Rasieren zog er sich an – Shorts, ein leichtes Shirt und seine brandneuen Wanderstiefel, die seine Assistentin für ihn besorgt hatte. Danach betrachtete er sich selbst im Spiegel und nickte zufrieden.

Okay, jetzt konnte der Tag beginnen.

Er checkte seine E-Mails übers Smartphone, während er im Fahrstuhl nach unten fuhr, um im Restaurant ein schnelles Frühstück einzunehmen. Es war nichts dabei, was dringend seine Aufmerksamkeit erforderte – was sich vermutlich bis zum Ende der Woche ändern würde.

Vor dem Frühstück ging er noch kurz an die Rezeption, um sicherzustellen, dass das von ihm gebuchte Zimmer zur Verfügung stehen würde, wenn er von seiner Wanderung zurückkehrte. Er wollte sich gerade wieder abwenden, als ihm Indigo in den Sinn kam.

„Haben Sie noch ein weiteres Zimmer für die Dame gefunden, mit der ich mir heute Nacht die Flitterwochensuite geteilt habe?“, fragte er.

„Die Lady hat ausgecheckt, Signor.“

Das bedeutete dann wohl, dass sie nicht nach Ravello wandern und am Abend hierher nach Amalfi zurückkehren würde – was die Gefahr reduzierte, dass sie sich erneut über den Weg liefen. Gut, sagte er zu sich selbst. Sehr gut sogar.

Zu seiner Überraschung war der Speiseraum des Hotels trotz der frühen Stunde bereits überfüllt – und die meisten der anderen Gäste schienen Wanderkleidung zu tragen. Nun, die Einsamkeit, auf die er gehofft hatte, konnte er dann vermutlich abhaken.

Er blickte sich um – und erstarrte, als er zwischen all den Menschen plötzlich einen kirschroten Haarschopf bemerkte. Hastig setzte er sich an einen Tisch und lehnte sich zurück, wobei er das Paar am Nachbartisch nutzte, um sich hinter ihnen zu verstecken – ebenso wie die Speisekarte, die er aufschlug und vors Gesicht hob. So getarnt, lehnte er sich langsam vor und riskierte einen zweiten Blick.

Es handelte sich tatsächlich um Indigo. Sie stand am Frühstücksbüfett und wandte ihm den Rücken zu. Ihr Haar glitzerte feucht, und sie trug ihren kleinen Rucksack über eine Schulter geschlungen. Sie wirkte erfrischt und voller Energie. Ihre Haut schien praktisch zu leuchten, ihre Haltung war völlig entspannt – und das, wo sie im nächsten Augenblick einen Apfel und einige Brötchen vom Büfett unauffällig in ihrem Rucksack verschwinden ließ.

Als niemand etwas zu bemerken schien, folgten einige Scheiben Parmaschinken, eine kleine Flasche Mineralwasser, etwas Butter und eine Packung Käse. Schließlich schien sie genug zu haben, wandte sich vom Büfett ab und zog den zweiten Trageriemen ihres Rucksacks über die noch freie Schulter.

Amüsiert schaute Julien ihr nach, während sie langsam, die Hände in den Hosentaschen vergraben, davonging. Sie übernachtete in einem Fünf-Sterne-Hotel, war aber zu geizig, um Geld fürs Mittagessen auszugeben? Das ergab keinen Sinn.

Sie verschwand in der Lobby, und er bedeutete einer Kellnerin, dass sie ihm Kaffee bringen sollte. Das war wohl das letzte Mal, dass er Indigo Hughes zu Gesicht bekommen hatte.

Warum nur verspürte er bei dem Gedanken ein seltsames Ziehen in der Brust?

Indigo hatte sich stets eingebildet, recht gut in Form zu sein. Sie ging Woche für Woche ins Fitnessstudio und erledigte die meisten Besorgungen zu Fuß, anstatt öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Doch als sie nach gefühlten eintausend Stufen die Villa Cimbrone mit ihren herrlichen Gärten erreichte, musste sie sich eingestehen, dass sie längst nicht so fit war, wie angenommen.

Noch immer ein wenig außer Atem flanierte sie durch die Parkanlage, bis sie schließlich einen Aussichtspunkt erreichte, der La Terrazza dell’Infinito – die Terrasse der Unendlichkeit – genannt wurde. Und als Indigo an die Brüstung trat, unterhalb der das Gelände steil zum Meer hin abfiel, wusste sie auch, warum.

Der Ausblick war einfach unbeschreiblich. Strahlend blaues Meer, das am Horizont mit dem Azur des Himmels verschmolz, zu beiden Seiten flankiert von den schroffen, von Zitronenhainen gesäumten Felsen der Amalfiküste.

Indigo hätte stundenlang hier stehen und alles genießen können. Schließlich riss sie sich jedoch los und wanderte weiter nach Ravello, wo sie durch die engen Gassen schlenderte und staunend vor den Schaufenstern mit Kunsthandwerk stehen blieb. Nachdem sie die Kathedrale besichtigt hatte, ging es zum Glück bergab, weiter in einen kleinen Ort namens Pontone, wo sie eine Rast einlegte, um ihr karges Mittagsmahl einzunehmen.

Sie saß auf einem mit Gras bewachsenen Hügel, über den man einen atemberaubenden Blick über die Küste hatte. Gerade, als sie den letzten Bissen von ihrem Sandwich herunterschlucken wollte, bemerkte sie eine Gestalt, die sich ihrem Picknickplatz näherte.

Eine Gestalt, die ihr sehr bekannt vorkam.

Julien.

Doch ehe er sie erreichte, bog er in Richtung der Trattorien ab, die laut ihrem Reiseführer gern von Wanderern auf dieser Route besucht wurden.

Sie hatte es den ganzen Tag geschafft, nicht an den Anblick seines nackten Oberkörpers zu denken, den er ihr unbewusst präsentiert hatte, als sie am Morgen an ihm vorbeigeschlichen war. Julien nun wiederzusehen, ließ die appetitlichen Bilder erneut vor ihrem geistigen Auge aufblitzen, was ihr ganz und gar nicht behagte.

Doch das würde sie nicht davon abhalten, das Versprechen einzuhalten, das sie sich selbst gegeben hatte. Sie würde in Erfahrung bringen, ob er in Ordnung war. Und nur weil er unglaublich sexy und leicht einschüchternd wirkte, bedeutete das nicht, dass sie sich nicht einfach nett mit ihm unterhalten konnte.

„Hallo“, rief sie ihm laut hinterher.

Er schien sie nicht zu hören.

„Julien! Hey, Julien, hier drüben!“

Sie hätte schwören können, dass er zusammenzuckte, ehe er sich zu ihr umdrehte. Er hob eine Hand und nickte ihr zu. Dann wandte er sich wieder ab und ging einfach weiter.

Na, so was. Was sollte das denn?

Sie hob die Schultern. Vielleicht dachte er ja nur, dass sie lieber allein sein wollte? Ja, das musste es sein. Es gab schließlich keinen Grund, warum er sich absichtlich von ihr fernhalten sollte.

Gab es doch nicht – oder?

Nein, allein der Gedanke war vollkommen absurd.

Sie sprang auf, schnappte sich ihren Rucksack und lief ihm nach. Sie musste sich wirklich beeilen, um ihn einzuholen.

„Hey, Julien, warten Sie!“, rief sie ein wenig atemlos.

Er drehte sich um und hob eine Braue. „Ja?“

„Ich wollte mich nur erkundigen, wie Ihr Tag bisher so verlaufen ist. Sie wirkten gestern etwas … nun … gestresst.“

Er schnaubte. „Alles ganz wunderbar“, meinte er, doch etwas in seinen Augen sagte das Gegenteil. „Vielen Dank.“

Für einen Moment herrschte Schweigen, während sie darauf wartete, dass er sich nach ihrem Tag erkundigen würde.

Was er nicht tat.

„Also schön.“ Sie klatschte in die Hände. „Nun, ich wollte eigentlich nur rasch Hallo sagen, also … Hallo!“ Sie hoffte, dass die Röte, die ihre Wangen überzog, nicht allzu offensichtlich war.

„Hallo“, entgegnete er nüchtern und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ein weiteres bedeutungsschwangeres Schweigen legte sich über sie. Dieses Mal schien er auf etwas zu warten – darauf, dass sie sich entschuldigte und ihn in Ruhe ließ. Nun, da konnte er lange warten. Sie hatte im Laufe des vergangenen Jahres während ihrer Arbeit im Café, so einiges gelernt. Und nur weil jemand zu Anfang unfreundlich war, bedeutete das nicht automatisch, dass er nicht mit einem reden wollte. Manchmal waren die Leute einfach bloß mit ihren Gedanken woanders.

„Wie hat Ihnen Ravello gefallen? Die vielen Stufen waren der Horror, oder?“

Er bemühte sich nicht einmal um ein Lächeln. „Ja, es war alles recht nett.“ Seine Stirn legte sich in Falten. „Man sagte mir an der Rezeption im Hotel übrigens, Sie hätten ausgecheckt. Ich habe daher nicht erwartet, Sie heute hier zu sehen.“

Indigo war irritiert. Täuschte sie sich, oder wirkte er beinahe ärgerlich darüber, dass sie auf derselben Route wanderte wie er?

„Ich habe ein Zimmer in einem anderen Hotel im Ort gebucht. Ein besser organisiertes, wie ich hoffe“, entgegnete sie mit einem leicht gezwungenen Lächeln.

„Okay. Bon.“ Er trat einen Schritt zurück, ehe er plötzlich erstarrte. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie heute wieder in Amalfi übernachten?“

„Ähm … Ja?“

Er blinzelte überrascht. „Warum wechseln Sie schon nach einer Nacht die Hotels?“

„Ich … ich mag es, immer auf dem Sprung zu bleiben.“ Außerdem konnte sie es sich nicht leisten, eine weitere Nacht in diesem Luxusschuppen zu verbringen, aber das würde sie Mister Geldsack ganz gewiss nicht auf die Nase binden.

Er hob eine Braue und musterte sie skeptisch, doch sie begegnete seinem Blick fest, entschlossen, nicht weich zu werden und die Wahrheit hinauszuposaunen.

Er lachte humorlos auf und schaute sich um, so als suche er nach einem Vorwand, sich von ihr verabschieden zu können. Nicht, dass sie ihm daraus einen Vorwurf machen konnte. Ihre Unterhaltung lief nicht gerade besonders flüssig. Ganz im Gegenteil sogar. Indigo verspürte selbst den Wunsch, dem Elend ein Ende zu bereiten. Doch das würde sie nicht tun. Es war eine Sache des Stolzes.

„Haben Sie vor, zum Mittagessen eine dieser Trattorien auszuprobieren?“, fragte sie und nickte in die Richtung, in die er unterwegs gewesen war.

Er schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch, dann lächelte er höflich. „Oui. Ich war nicht so vorausschauend, mir etwas zu essen mitzubringen.“ Er deutete auf die Überreste ihres Sandwiches, das sie immer noch in der Hand hielt.

Die Ironie, die in seinen Worten mitschwang, war nicht zu überhören. Als ihr klar wurde, was das bedeutete, schluckte Indigo hart. Er musste sie heute Morgen am Frühstücksbüfett gesehen haben.

Normalerweise tat sie so etwas nicht; etwas nehmen, das ihr eigentlich nicht zustand. Doch bei ihrem eingeschränkten Budget blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre eigenen Regeln ein wenig zu verbiegen.

Zumindest, bis ihr Gepäck endlich wieder auftauchte.

„Ich habe es vom Hotelbuffet mitgehen lassen“, gestand sie und hielt ihr Kinn trotzig gereckt. „Ich war der Ansicht, dass ein freies Mittagessen das Mindeste ist, was das Hotel mir nach dem Durcheinander gestern schuldete. Davon abgesehen, landet am Ende ein großer Teil der Nahrungsmittel ohnehin im Müll. Ich habe lediglich dabei geholfen, das Entsorgungsproblem zu verringern.“

Er lächelte trocken. „Keine Sorge, Ihr kleines Geheimnis ist bei mir sicher“, flüsterte er, wobei er sich zu ihr vorbeugte.

Sofort wurde sie eingehüllt von seinem männlichen Duft, der ihr für einen Moment den Atem stocken ließ. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht dem Drang nachzugeben, tief einzuatmen.

Was war bloß mit ihr los? Sonderte er irgendwelche Pheromone ab, die ihn so unwiderstehlich machten? So etwas war ihr zuvor noch nie passiert!

Sie räusperte sich. „Danke.“

Er nickte ihr noch einmal kurz zu. „Nun, ich werde dann jetzt essen gehen.“

„Guten Appetit“, entgegnete sie – und trotz seiner herablassenden Art war sie enttäuscht, dass er ging. Nachdem sie den ganzen Morgen allein zugebracht hatte, tat es gut, sich mit jemandem zu unterhalten.

All die anderen englischsprachigen Wanderer, denen sie auf ihrer Route begegnet war, schienen zu einer Gruppe zu gehören. Und sie hatte bisher nicht den Mut aufgebracht, sich einfach so dazuzugesellen.

Sie beobachtete, wie Julien sich entfernte, und versuchte zugleich, dabei nicht zu starren. Aber das war gar nicht so leicht, so, wie er sich bewegte: geschmeidig und kraftvoll wie ein Raubtier.

Dennoch war ihm deutlich anzumerken, wie aufgewühlt er innerlich war. Indigo kannte das gut. Sie wusste aus Erfahrung, wie einsam man sich in einer solchen Situation fühlen konnte. Und sie ertrug es einfach nicht, andere Menschen leiden zu sehen – zumindest nicht, wenn sie eine Möglichkeit sah zu helfen.

Nun, sie würde Julien im Auge behalten.

Nur für den Fall, dass er sich vielleicht später noch nach ein wenig unverfänglicher Gesellschaft sehnte.

3. KAPITEL

Wenn Sie nach Amalfi zurückkehren, sollten Sie in einem der wunderbaren Restaurants und Lokale einkehren – jedoch erst, nachdem Sie der Kathedrale im Ortskern einen Besuch abgestattet haben …

Julien hatte den Frieden und die Einsamkeit während seiner Wanderung wirklich genossen. Doch damit war es vorbei gewesen, als er sich etwas später auf die Suche nach einem Restaurant gemacht hatte. Und schuld daran war niemand anderes als Indigo Hughes – mal wieder.

Es war ihm wirklich nicht leicht gefallen, höflich zu bleiben. Anfangs hatte er ja noch versucht, so zu tun, als hätte er ihr Rufen gar nicht bemerkt. Natürlich erfolglos. Die gesamte darauffolgende Unterhaltung war ungefähr so angenehm gewesen wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt.

Er hatte keine Ahnung, warum sie so erpicht darauf war, mit ihm zu plaudern. Womöglich war sie einsam und hatte bisher keine Englisch sprechenden Wanderer gefunden, mit denen sie sich austauschen konnte. Jedenfalls hoffte er inständig, dass sie ihn für den Rest seines Urlaubs in Ruhe lassen würde, selbst wenn sich ihre Wege noch einmal kreuzen sollten.

Wobei – ganz wohl fühlte er sich jetzt auch nicht, und zwar deshalb, weil er so unfreundlich zu ihr gewesen war. Irgendwie tat es ihm leid. Aber es war nun mal ein denkbar schlechter Moment, um Bekanntschaft mit ihm schließen zu wollen.

Wenn es überhaupt das war, worauf sie es abgesehen hatte.

Vielleicht suchte sie ja auch nach etwas ganz anderem. Und wenn dem so war, dann hatte sie Pech. Nach einer Katastrophe von Ehe wollte er mit Frauen und Beziehungen auf absehbare Zeit erst einmal nichts wissen. Das galt auch für Exemplare mit endlos langen Beinen und Augen, in denen man versinken konnte.

Als er zurück im Hotel war, duschte er erst einmal ausgiebig und machte ein erholsames Nickerchen, ehe er zum Abendessen wieder ins Freie trat. Er schlug den Weg in Richtung des Stadtzentrums ein, wo sich an der Marina einige Restaurants befanden, die ihm die Dame am Empfang empfohlen hatte.

Er stieg die breiten Stufen zum Chiostro del Paradiso hinauf und blickte durch einen der gewaltigen Steinbögen auf die Stadt mit ihren pastellfarbenen Gebäuden und schmiedeeisernen Balkonen hinab.

Julien wusste, dass die Aussicht ihn eigentlich fesseln sollte. Trotzdem fiel es ihm schwer, sich für irgendetwas zu begeistern, seit sein Leben sich in einen einzigen Trümmerhaufen verwandelt hatte. Ihm war, als würde er sich in einer Blase befinden, durch die die Außenwelt nur gefiltert zu ihm vordrang. Nichts mehr schien ihn wirklich berühren zu können.

Er schüttelte den Gedanken ab und drehte sich um – dabei bemerkte er aus den Augenwinkeln etwas feurig Rotes.

Indigo?

Er versuchte, über eine Gruppe von Touristen hinwegzublicken, damit er ihr im Zweifelsfall aus dem Weg gehen konnte, aber sie schien verschwunden zu sein. Hatte er jetzt etwa schon Halluzinationen?

Nein, ganz sicher nicht. Sie war es gewesen. Diese Haarfarbe war so außergewöhnlich, dass ganz sicher keine Zweite mit genau derselben an der Amalfiküste herumlief. Und außerdem wusste er ja, dass sie sich heute wieder in der Stadt aufhielt.

Langsam stieg er die Stufen hinunter, atmete tief durch und entspannte sich. Es war unwahrscheinlich, dass sie sich erneut über den Weg liefen, bei so vielen Menschen, die auf der Straße unterwegs waren.

Er erreichte den Popolo-Brunnen im Zentrum der Piazza und setzte sich auf den Rand. Dann ließ er die Finger durch das kühle Wasser gleiten und atmete tief durch. Was war heute nur mit ihm los? Sein Herz hämmerte, und in seinem Bauch flatterte es.

Vermutlich lag es einfach nur an der Hitze.

Jemand ließ sich neben ihn auf den Brunnenrand sinken, und er drehte sich wie von selbst um.

„Wie schön, dass wir uns hier wiedertreffen“, sagte Indigo und hob eine Braue.

Er schnaubte und schüttelte den Kopf. Das Schicksal meinte es wirklich nicht gut mit ihm. Warum sonst sorgte es dafür, dass sie sich immerzu über den Weg liefen?

„Das Städtchen ist nicht besonders groß. Es war abzusehen, dass wir uns irgendwann begegnen würden“, entgegnete er resigniert.

Sie lehnte sich ein Stück zurück und musterte ihn. „Wollen Sie zu Abend essen?“

Er hob eine Braue. „Oui.“

„Allein?“

Oui.“ Er ahnte bereits, was nun folgen würde – und verspannte sich schon bei der Aussicht darauf.

Er wurde nicht enttäuscht.

„Sie können mich gern begleiten“, schlug sie vor. „Ich wollte mir gerade ein Stück Pizza von einem der traditionellen Lokale etwas abseits der Piazza besorgen.“

„Sie meinen diese Pizzabuden mit den Plastiktischen? Non“, setzte er an, doch sie fiel ihm sogleich ins Wort.

„Sie würden mir wirklich einen Riesengefallen tun. Ich war den ganzen Tag allein und habe schon angefangen, mich mit mir selbst zu unterhalten. Wenn Sie mich nicht begleiten, werde ich vermutlich noch festgenommen und ende in einer Gummizelle.“ Sie reckte kämpferisch ihr Kinn. „Davon abgesehen, schulden Sie mir was.“

„Wofür denn bitte?“

„Dafür, dass ich mein Zimmer mit Ihnen geteilt habe.“

Ihr Zimmer?“

„Ich war zuerst da, schon vergessen?“

Er seufzte, konnte ein Lächeln aber nur mit Mühe unterdrücken. „Wie könnte ich das vergessen?“

„Also, was sagen Sie? Kann ich Sie mit einem Stück Pizza in Versuchung führen?“

Sie wirkte so hoffnungsvoll, dass er drauf und dran war nachzugeben. Doch er musste stark bleiben.

„Ich wollte eigentlich eines der Restaurants unten an der Marina ausprobieren“, erwiderte er und zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Sie sollen ein fantastisches À-la-Carte-Menü haben, mit einer großen Auswahl an frischem Fisch und Meeresfrüchten. Und es heißt, die Spaghetti mit Hummersoße sind ein Gedicht.“

Sie wirkte regelrecht verträumt angesichts solcher Köstlichkeiten, doch schließlich scherzte sie: „Klingt wirklich scheußlich.“ Ein freches Grinsen brachte ihr Gesicht zum Leuchten. „Wissen Sie, solche Lokale sind echte Touristen-Abzocker.“

„Und diese Pizzabuden nicht?“

Sie breitete in einer alles umfassenden Geste die Arme aus. „Sie gehören zum lokalen Flair. Überteuerte Gourmetküche können Sie auch in Paris genießen oder wo auch immer Sie herkommen.“

Sie schaute ihn durchdringend an, und er spürte, wie seine Gegenwehr ins Wanken geriet und schließlich in sich zusammenbrach. Ihm würde nichts anderes übrig bleiben, als mit dieser Frau ein großes, fettiges Stück Pizza zu essen. Vielleicht würde sie ihn ja danach in Ruhe lassen.

„Warum nicht.“ Er ergab sich in sein Schicksal. „Pizza klingt verlockend.“

„Toll!“ Sie lächelte strahlend.

Er konnte nur hoffen, dass sie nicht zu viel in diese Sache hineininterpretierte. Es war eine Sache, die nächsten sechzig Minuten in ihrer Gesellschaft zu verbringen. Das bedeutete jedoch nicht, dass er sich auch für den Rest der Woche mit ihr zusammentun wollte.

Als sie die Piazza hinter sich ließen, kamen sie an einem Obdachlosen vorbei, der auf einer schmutzigen Decke neben einem der Souvenirläden hockte. Aus den Augenwinkeln bemerkte Julien, wie Indigo in ihre Tasche griff und diskret ein paar Münzen in den leeren Hut fallen ließ, der neben dem Mann lag.

Als sie etwas später ihre Bestellung in der einfachen Pizzeria mit roten Plastikstühlen und – tischen aufgegeben hatten, entschuldigte sich Indigo kurz und ging zu den Toiletten, um sich das Gesicht zu waschen.

Vielleicht hatte sie ein bisschen übertrieben, als sie Julien mit hierhergeschleppt hatte, überlegte sie, während sie sich mit einem Papiertuch trockentupfte. Er war nicht gerade begeistert über ihren Vorschlag gewesen, ihr Gesellschaft zu leisten. Doch sie konnte einfach das Gefühl nicht abschütteln, dass er einsam und unglücklich wirkte. Vielleicht würde er ja ein wenig auftauen, wenn sie hartnäckig blieb. Manchmal brauchten die Leute jemanden, der bereit war, ihnen zuzuhören.

Mit einem unbehaglichen Gefühl erinnerte sie sich daran, dass sie genau das auch für Gavin getan hatte. Nicht, dass er es am Ende zu schätzen gewusst hatte …

Seufzend fuhr sie sich mit der Hand durchs Haar. Befand sie sich auf dem besten Wege, sich weiteren Ärger einzuhandeln und in Juliens Drama verwickelt zu werden?

Sie bedachte ihr Spiegelbild mit einem scharfen Blick. Schließlich schüttelte sie den Kopf. Nein. Ganz sicher nicht. Sie war hier, um Bekanntschaften zu schließen und sich zu amüsieren. Und genau das würde sie auch tun – nicht mehr und nicht weniger.

Sie kehrte an ihren Tisch zurück und sah, dass der Kellner die Pizza bereits gebracht hatte. Julien wirkte völlig fehl am Platz in seinen Designerjeans und der Pilotensonnenbrille, wie er da auf seinem kirschroten Plastikstuhl saß und etwas auf seinem Smartphone las. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Er blickte auf, als sie sich auf ihren Platz setzte.

„Wunderbar, das Essen ist ja schon da. Genau so liebe ich es“, sagte sie und nahm einen Schluck von ihrem Wasser, um die Nervosität zu überspielen, die sie plötzlich erfasst hatte. Rasch schüttelte sie das Gefühl ab und stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch. „Nun, Julien, wie kommt es, dass Sie sich ausgerechnet für einen Wanderurlaub an der Amalfiküste entschieden haben?“

Er zog seine Sonnenbrille vom Kopf hinunter auf die Nase, sodass Indigo nur noch ihr eigenes Spiegelbild in den Gläsern erkennen konnte. „Es schien mir ein guter Ort zu sein, um alles einmal hinter sich zu lassen“, sagte er.

„Abgesehen von den Touristen, was?“ Sie schenkte ihm ein Lächeln, das er nicht erwiderte.

„Ich hatte keine Ahnung, dass hier so viel los ist.“

„Haben Sie denn Ihre Hausaufgaben nicht gemacht? Das passt irgendwie überhaupt nicht zu Ihnen.“

Er runzelte die Stirn. „Ach, wirklich? Und warum?“

„Ich weiß auch nicht. Sie wirkten einfach sehr … organisiert. Geschäftsmäßig.“

Er lachte leise auf und nahm einen Schluck von seinem Bier. „Warum sind Sie hergekommen?“

Die Frage kam nicht ganz unerwartet – dennoch brauchte sie einen Moment, um sich die Antwort zurechtzulegen. „Ich wollte diese Wanderung schon immer machen, und in diesem Jahr habe ich dann endlich gebucht“, erwiderte sie mit einem leichten Anflug von Traurigkeit. Sie und Gavin hatten schon von dieser Reise gesprochen, als sie ganz frisch zusammen gewesen waren. Damals, als ihre Welt noch nicht in Scherben gelegen hatte.

Julien lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und musterte sie. „Fahren Sie häufig allein in Urlaub?“

„Nein, dies ist das erste Mal.“ Sie holte tief Luft und beschloss, dass sie ebenso gut auch ehrlich zu ihm sein konnte. „Die Reise war eigentlich für mich und meinen Freund gedacht, aber wir haben uns vor drei Monaten getrennt. Er wollte nicht mit seiner neuen Freundin herkommen, und da eine Rückerstattung der Reisekosten ausgeschlossen war, habe ich die Gelegenheit ergriffen, alles einmal hinter mir zu lassen.“

Sie hatte wirklich versucht, ihrer Stimme einen fröhlichen, optimistischen Klang zu verleihen. Juliens Miene jedoch machte deutlich, dass ihr dies nicht gelungen war. Aber vielleicht würde er ja die Gelegenheit ergreifen und sich ihr öffnen.

„Was ist mit Ihnen?“, fragte sie. „Wollten Sie mit jemandem herkommen?“

Er wich ihrem Blick aus. „Non“, war alles, was er darauf erwiderte, ehe er ein Stück Pizza aufnahm und davon abbiss.

„Oh …“ Nervös zappelte sie auf ihrem Plastikstuhl herum, ehe sie ebenfalls etwas von ihrer Pizza abbiss. Der Appetit war ihr allerdings irgendwie abhandengekommen.

„Nun, auf jeden Fall ist es trotzdem wirklich schön, hier zu sein“, plapperte sie weiter, als sie das Schweigen nicht mehr länger aushielt. „Ich war schon seit Jahren nicht mehr im Urlaub, wenn man die vier Tage nicht mitzählt, die ich zu Weihnachten mit meinen Brüdern und ihren Familien verbracht habe. Es herrschte das reinste Tohuwabohu.“ Fragend schaute sie ihn an. „Haben Sie Kinder?“

„Können wir bitte das Thema wechseln“, entgegnete er kühl.

„Oh … ja, natürlich.“

Offenbar war es ihr gelungen, einen Nerv bei ihm zu treffen. Indigo knabberte am Rand ihrer Pizza, während sie überlegte, über was sie sich als Nächstes unterhalten könnten.

„Ihr Englisch ist sehr gut“, stellte sie fest. „Wo leben Sie?“

„In Paris. Aber viele meiner Geschäftspartner sind englischsprachig.“

„Oh, tatsächlich?“

Zum ersten Mal an diesem Abend hatte sie das Gefühl, dass seine Anspannung ein wenig nachließ. Er schob seine Sonnenbrille wieder in sein Haar zurück. „Oui. Ich kaufe und renoviere Luxusferienhäuser in Frankreich für Kunden auf der ganzen Welt. Wir bieten außerdem Apartments für Führungskräfte in Paris an, die nur vorübergehend in Frankreich arbeiten.“

„Nett.“

„Mir macht der Job Freude.“

„Lukrativ.“

„Oui.“

„Wie schön für Sie.“

„Was ist mit Ihnen? Was tun Sie beruflich?“, fragte er.

„Ich führe ein Café, das zum Großteil Überschussware und Lebensmittel verwendet, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben. Wir bekommen unsere Sachen von Supermärkten und Restaurants, die sie nicht mehr verwenden wollen oder dürfen. Wir bereiten daraus bezahlbare Gerichte zu, sodass Leute mit niedrigem Einkommen die Chance haben, wenigstens an ein paar Tagen in der Woche etwas Anständiges zu Essen zu bekommen.“ Sie lächelte versonnen. „Seit unserer Eröffnung besuchen uns regelmäßig ältere Witwer, die nie gelernt haben, für sich selbst zu kochen. Daher habe ich angefangen, abends auch Kochunterricht zu geben. Das Café läuft recht gut, aber es ist auch harte Arbeit. Wir sind auf Spenden und öffentliche Zuschüsse angewiesen – das bedeutet eine Menge Papierkram und Formulare, Überzeugungsarbeit und auf den Knien herumrutschen.“

Sie biss von ihrer Pizza ab und verdrängte den Gedanken daran, was aus dem Café werden sollte, wenn die nächsten Zuschüsse nicht gewährt wurden.

„Ich kann mir vorstellen, dass Sie sehr gut darin sind, Überzeugungsarbeit zu leisten“, entgegnete er mit einem schiefen Grinsen.

„Normalerweise schon.“ Sie lächelte – endlich schien sie ein Thema gefunden zu haben, über das er sich gern unterhielt. „Dennoch ist es alles andere als leicht, ein solches Projekt zu finanzieren. Ständig besteht die Gefahr, dass Gelder entzogen oder reduziert werden. Ich verbringe eine Menge Zeit damit, nach neuen Geldquellen zu suchen.“

„Haben Sie das alles selbst auf die Beine gestellt?“, erkundigte er sich und aß genüsslich das letzte Stück von seiner Pizza.

„Anfangs schon, aber inzwischen habe ich ein engagiertes Team von bezahlten und ehrenamtlichen Helfern.“

„Eindrucksvoll. Kein Wunder, dass Sie Urlaub brauchen.“

„Ja, das letzte Jahr war schon hart. Und reich werde ich mit dem Café ganz sicher auch nicht werden. Aber ich liebe meinen Job.“

Zumindest bis ihre Beziehung mit Gavin daran zugrunde gegangen war.

Julien musterte sie erneut, dieses Mal mit einem Stirnrunzeln.

„Was?“ Sie neigte den Kopf.

„Ich dachte nur gerade, wie selten man auf jemanden trifft, der so viel Ehrgeiz und Tatkraft besitzt.“

Überrascht schaute sie ihn an, ehe ihre Lippen sich zu einem Strahlen verzogen. „Danke“, stieß sie heiser hervor. Es war schon eine Weile her, dass ihr jemand ein solches Kompliment gemacht hatte. Noch dazu jemand, bei dem sie ziemlich sicher war, dass es nicht aus purer Höflichkeit geschah. „Ich wollte immer mein eigener Chef sein. Es liegt mir einfach nicht, auf Dauer für andere zu arbeiten. Ich glaube, es war mein Schicksal, das Café zu eröffnen.“

Er schnaubte leise. „Sie glauben an Schicksal? Dann sind Sie wohl auch ein Verfechter der Theorie, dass nichts ohne guten Grund geschieht, wie?“

„Aber natürlich.“ Sie nickte enthusiastisch. „Man muss nur immer positiv bleiben, dann klärt sich am Ende alles ganz von selbst.“

Als sie wieder zu ihm aufblickte, funkelten seine Augen amüsiert, beinahe spöttisch.

Irritiert runzelte sie die Stirn. „Was ist falsch daran?“

Er zuckte mit den Schultern und starrte ins Leere. „Das ist doch bloß Geschwätz …“

„Überhaupt nicht! Man nennt es eine positive Einstellung.“

„Dann glauben Sie vermutlich auch an Märchen.“

„Nun, wenn man heiratet, sollte man an so etwas wie ein Happy End glauben“, entgegnete sie.

Mit einem Mal war seine Aufmerksamkeit wieder ganz bei ihr. „Vielleicht. Ein einziges Mal. Aber eine Scheidung treibt einem eine solche Naivität ganz schnell aus.“

Das Wort „Scheidung“ schien die Luft zwischen ihnen zu vergiften. Indigo atmete tief durch. „Warum haben Sie sich getrennt?“, fragte sie behutsam, fast ein wenig erleichtert darüber, dass sie endlich das eigentliche Thema ansprachen.

Er verschränkte seufzend die Arme vor der Brust. „Darüber möchte ich eigentlich nicht sprechen. Ich bin hergekommen, um eine Weile lang zu vergessen, was in meinem Leben schiefgegangen ist, und mich auf eine Zukunft allein zu freuen.“ Er betonte das Wort „allein“.

Indigo runzelte die Stirn. „Das klingt ziemlich einsam.“

„Für mich klingt es wunderbar“, entgegnete er scharf, doch seine Augen wirkten leer, irgendwie leblos.

„Wenn Sie mal jemanden zum Reden brauchen – man sagt mir nach, dass ich eine gute Zuhörerin bin.“

„Sollte ich je das Bedürfnis verspüren, mein Herz einer Hobby-Psychologin auszuschütten, werde ich mich melden – vielen Dank.“

Offenbar war ihr deutlich anzusehen gewesen, wie tief seine Worte sie getroffen hatten, denn er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und schüttelte den Kopf.

Er stand auf, holte ein paar Geldscheine aus seiner Hosentasche hervor und warf sie auf den Tisch. „Ich glaube nicht, dass ich im Augenblick die richtige Gesellschaft für Sie bin, Indigo“, sagte er angespannt und zog seine Sonnenbrille wieder vor die Augen. „Ich halte es für besser, wenn wir uns von nun an aus dem Weg gehen. Ich hoffe, Sie genießen den Rest Ihres Urlaubs.“

Ohne auch nur einen einzigen Blick zurückzuwerfen, ging er davon.

Indigo starrte ihm nach. Seine Worte hallten immer und immer wieder in ihren Ohren wider. Wie unverschämt! Sie hatte sich einfach nur vergewissern wollen, dass er okay war. Dass er sich nicht einsam und allein fühlte. Aber okay. Schön. Wenn er es partout so wollte – sie würde sich kein Bein mehr ausreißen, um ihm zu helfen.

Mühsam schluckte sie den Kloß hinunter, der ihr in der Kehle saß.

Was stimmte nur nicht mit ihr? Nicht einmal im Urlaub war sie in der Lage, sich aus den Problemen anderer Leute herauszuhalten.

Sie sollte ihre kostbare Zeit nicht mit jemandem verschwenden, der eine solch zynische Blickweise auf die Dinge hatte – allem voran auf die Liebe. Das zumindest sagte sie zu sich selbst, als sie ein paar Scheine aus ihrer Geldbörse zu Juliens auf den Tisch legte. Dann straffte sie die Schultern und ging in die entgegengesetzte Richtung davon. Von nun an würde sie genau das tun, worum er sie gebeten hatte.

Nämlich jeden weiteren Kontakt mit einem gewissen Monsieur Julien Moreaux vermeiden.

4. KAPITEL

Weiter nach Praiano – eine anstrengende, aber lohnende Tageswanderung und der erste Abschnitt auf der Reise nach Westen …

Julien wusste, er hätte die Finger vom Alkohol lassen sollen, nachdem er Indigo am vergangenen Abend in der schäbigen kleinen Pizzeria zurückgelassen hatte. Doch er hatte einfach etwas gebraucht, um sich davon abzulenken, wie verbittert und unglücklich er gewirkt haben musste. Und wie tief er sie mit seinen Worten getroffen zu haben schien.

Es hatte vier Bier gebraucht, um das miese Gefühl hinunterzuspülen. Verdammt, genau deshalb hatte er sich auch vom Rest der Welt zurückziehen wollen. Das Allerletzte, was er gewollt hatte, war irgendjemandem mit dem Frust über seine gescheiterte Ehe den Urlaub zu ruinieren.

Er nahm einen Schluck Wasser, um den widerlichen Nachgeschmack des Biers loszuwerden, der ihm noch heute auf der Zunge lag, während er sich den felsigen Küstenpfad nach Praiano emporkämpfte. Mit jedem Schritt nahm das dumpfe Pochen hinter seinen Schläfen zu.

Er war heute Morgen mit einem scheußlichen Kater aufgewacht und deswegen später losgezogen, als eigentlich geplant. Das wiederum hatte zur Folge, dass er sich nun durch die schlimmste Mittagshitze quälen musste, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen.

Die Dame an der Rezeption im Hotel hatte gemeint, dass sich etwa auf halbem Weg zu seinem Ziel ein kleines Lokal befand. Irgendwie musste er es schaffen, noch etwa eine Stunde durchzuhalten, dann konnte er eine Pause einlegen und sich mit einer reichhaltigen Mahlzeit stärken. Und einen kleinen Energieschub hatte er wirklich nötig, so schlapp und ausgelaugt, wie er sich im Augenblick fühlte.

Eine Weile lang versuchte er, sich abzulenken, indem er über das letzte Projekt nachdachte, das er vor seiner Abreise abgeschlossen hatte. Doch sehr zu seinem Ärgernis tauchte immer wieder Indigos Gesicht vor seinem geistigen Auge auf.

Seufzend wischte er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Das Allerschlimmste aber war, dass er tatsächlich anfing, sie zu mögen. Die Leidenschaft, mit der sie ihm von ihrem Café und den Kochkursen berichtet hatte … Wie sie die weniger vom Glück begünstigten Mitglieder ihrer Gemeinde unterstütze …

Wie von selbst verglich er sie mit seiner Exfrau Céline, die, ohne vorher mit ihm darüber zu sprechen, ihren Job als Sekretärin an den Nagel gehängt hatte, kaum, dass sie verheiratet gewesen waren. Um danach die Tage vor dem Fernseher oder mit Shopping zu vertrödeln. Damals hatte er noch nichts dazu gesagt. Er war davon ausgegangen, dass ihr dieses Leben früher oder später zu langweilig werden würde.

Doch das passierte nicht. Und anfangs war es noch okay für ihn gewesen. Nach Jahren, in denen er nur fürs Geschäft gelebt und sein persönliches Glück hinten angestellt hatte, war die Zeit mit Céline unglaublich aufregend. Sie war wie ein Orkan, der sein so strukturiertes Leben vollkommen durcheinandergewirbelt hatte.

Bis zu dem Tag, an dem sich für ihn das Glück wendete, und seine unbekümmerte Ehefrau sich in jemanden verwandelt hatte, den er nicht wiedererkannte.

Julien biss die Zähne zusammen und marschierte stramm weiter. Seine Schritte beschleunigten sich sogar noch, als die Trattoria endlich in Sicht kam. Zwei Stufen auf einmal nehmend, erklomm er die Stufen zum Restaurant. Was er jetzt brauchte, waren Schatten und eine anständige Mahlzeit.

Er schaffte es, einen Platz nahe der Tür zu ergattern, und ließ sich mit einem erleichterten Seufzen auf seinen Stuhl sinken. Von der anderen Seite des Lokals drang schallendes Gelächter zu ihm herüber. Julien drehte sich halb auf seinem Stuhl, um zu sehen, was vor sich ging.

Er sah eine recht große Gruppe von Wanderern, die sich allesamt um einen Tisch im hinteren Bereich versammelt hatten. Jeder von ihnen hatte die Reste einer Mahlzeit vor sich stehen – abgesehen von einer Frau, die lediglich an einem Wasserglas nippte.

Indigo.

Sie unterhielt sich lebhaft mit einem älteren, etwas rundlichen Herrn, und alle anderen lauschten gebannt der Geschichte, die sie zum Besten gab.

Erneut erklang Gelächter, als sie zum Ende ihrer Erzählung kam. Sie lehnte sich mit einem zufriedenen Lächeln zurück, stürzte den letzten Schluck ihres Wassers herunter und stand dann auf.

Sofort war sein Blick wie gefesselt von ihren schlanken langen Beinen. Sein Herz fing an zu hämmern, als er sich vorstellte, wie sie sich wohl um seine Hüften geschlungen anfühlen mochten …

Hastig wandte er sich ab – er wollte nicht dabei ertappt werden, wie er sie anstarrte.

Ärgerlich schüttelte er den Kopf über sich selbst. Was machte er hier eigentlich? Wann, bitte sehr, hatte er sich in solch einen Feigling verwandelt?

Er blickte in dem Moment auf, in dem sie an seinem Tisch vorbeikam, doch sie schien ihn überhaupt nicht wahrzunehmen. Sie wirkte fast ein bisschen benommen. Ob sie heute schon etwas in den Magen bekommen hatte? Vermutlich nicht. Und nun würde sie noch mehrere Stunden durch die sengende Mittagshitze laufen.

Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl herum. Er wusste selbst nicht, warum ihn das eigentlich kümmerte. Es sollte ihm egal sein. Sie war eine erwachsene Frau, die sich um sich selbst kümmern konnte. Ansonsten wäre sie sicherlich nicht allein auf diese Wanderreise gegangen.

Nur, dass sie das eigentlich auch gar nicht vorgehabt hatte …

Der Gedanke irritierte Julien, doch er schüttelte ihn ab. Es war ihre Entscheidung gewesen herzukommen. Und er war nicht für ihr Wohlergehen verantwortlich.

Als er aus dem Fenster blickte, sah er, wie sie langsam davonging. Dann wandte er sich der Speisekarte zu. Es war an der Zeit, dass er sich um seine eigenen Bedürfnisse kümmerte – in Form eines Mittagessens.

Etwa eine Stunde später war er wieder auf den Beinen und unterwegs zu einem Aussichtspunkt, wo er eine weitere kleine Pause einlegen wollte. Mitten auf der Lichtung, im Schatten eines Feigenbaumes, stand eine Bank. Und ausgestreckt darauf, mit ihrem Rucksack als Kopfkissen, lag Indigo.

Julien blieb abrupt stehen und starrte sie an. Sein Puls raste. Sie sah völlig erschöpft aus, das Gesicht gerötet und überzogenen von einer dünnen Schicht Schweiß.

Sein Herz zog sich bei dem Anblick schmerzhaft zusammen.

Er sollte einfach weitergehen und sie in Ruhe lassen; sie hatte ihn noch nicht bemerkt, also wäre es ein Leichtes für ihn, sich einfach umzudrehen und seine Wanderung fortzusetzen. Seine Pause konnte er auch später noch einlegen.

Aber er bewegte sich nicht vom Fleck. Etwas hielt ihn davon ab.

Ein merkwürdiges Gefühl von Verantwortlichkeit.

Seufzend ging er weiter auf sie zu. Wenn er nicht wollte, dass ihn das schlechte Gewissen plagte, musste er sich zumindest vergewissern, dass sie in Ordnung war.

Sie setzte sich hastig auf, als sie ihn bemerkte, zog den Rucksack auf ihren Schoß und schlang die Arme darum, wie um eine Art Schutzschild.

Transportierte sie wirklich alles, was sie die ganze Woche über brauchte, in diesem kleinen Rucksack?

Er selbst hatte locker dreimal so viel Gepäck dabei, weshalb er einen großen Teil davon per Kurier von Ort zu Ort schicken ließ, während er seine Wanderung fortsetzte.

„Hi, Indigo“, sagte er, als er vor ihr stehen blieb.

Sie nickte ihm knapp zu. „Julien.“

„Wie geht es Ihnen heute?“

„Sehr gut, vielen Dank. Und Ihnen?“ Ihrer Stimme war deutlich anzuhören, dass sie sich zwingen musste, höflich zu bleiben.

„Ich habe einen scheußlichen Kater“, gestand er mit einem kläglichen Lächeln, das sie nicht erwiderte.

Das Schweigen, das folgte, war so angespannt, dass die Luft zwischen ihnen zu Knistern schien. Es war das Grollen von Indigos Magen, das es schließlich durchbrach.

„Haben Sie heute ausreichend gegessen?“, fragte er.

Sie schaute zu ihm auf. „Das hängt wohl davon ab, was Sie als ausreichend bezeichnen.“

„Hatten Sie ein Mittagessen?“

Sie schien für einen Moment mit sich zu ringen, ob sie ihm die Wahrheit sagen sollte.

„Nein“, erwiderte sie schließlich.

„Und warum nicht?“

„Ich hatte keinen Hunger.“ In ihrer Stimme schwang eine Schärfe mit, die deutlich machte, dass sie ihre Entscheidungen nicht mit ihm diskutieren wollte.

„Damit meinen Sie vermutlich, dass Sie nichts vom Frühstücksbüfett haben mitgehen lassen können“, scherzte er.

Sie reckte das Kinn. „Ganz genau“, entgegnete sie und schaute an ihm vorbei in die Ferne.

„Sie sind vollkommen verrückt, sind Sie sich dessen eigentlich bewusst? Sie können nicht stundenlang durch die Mittagshitze wandern, ohne etwas Vernünftiges im Magen zu haben.“

Der Blick, mit dem sie ihn bedachte, war eisig.

Seufzend kramte er in seinem kleinen Rucksack, bis er seinen Notfall-Müsliriegel fand. Diesen hielt er ihr hin. „Hier, nehmen Sie den.“

„Vielen Dank, ich brauche nichts von Ihnen.“ Ihrem Tonfall nach zufolge konnte er froh sein, dass sie ihm nicht sagte, wo genau er sich seinen Müsliriegel hinstecken konnte.

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Offenbar hatte er mit seinem Verhalten gestern Abend ihre Gefühle verletzt. Aber daran konnte er jetzt auch nichts mehr ändern. Mit einem ungeduldigen Seufzen ließ er den Riegel neben sie auf die Bank fallen. Doch anstatt ihn zu nehmen, stand sie auf und zog sich die Trageriemen ihres Rucksacks über die Schultern.

„Es ist an der Zeit für mich, meine Wanderung fortzusetzen, damit Sie den Ausblick in Ruhe genießen können. Also, einen schönen Aufenthalt noch, Julien.“

Er schaute ihr nach, wie sie davonging. Großer Gott, diese Frau war sturer als ein Maulesel – und es fiel ihm nicht leicht, den Impuls zu unterdrücken, ihr genau das nachzurufen.

Noch schwerer aber war es, das Gefühl abzuschütteln, dass er mehr hätte tun müssen, um Indigo zur Vernunft zu bringen.

Als Julien anderthalb Stunden später Praiano erreichte, verschwitzt und mit schmerzenden Gliedern, spukte Indigo noch immer in seinem Kopf herum.

Dass es ihm nicht gelungen war, sie davon zu überzeugen, sich von ihm helfen zu lassen, hatte ihn an Céline erinnert. Nicht, dass sich beides irgendwie vergleichen ließ, aber dennoch …

Er hatte Indigo einen zwanzigminütigen Vorsprung gegeben, ehe er wieder aufgebrochen war. Da er sie auf seinem Weg nirgends bewusstlos am Straßenrand aufgefunden hatte, ging er davon aus, dass sie Praiano wohlbehalten erreicht hatte. Das war doch schon mal was.

Sein Hotel befand sich im Zentrum der kleinen Ortschaft, und er wollte gerade eintreten, als er Indigo auf sich zuhumpeln sah.

Sie schien ihn überhaupt nicht zu bemerken, blieb ein paar Meter von ihm entfernt stehen, zog sich den Rucksack von ihren Schultern und nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche.

Während er sie von oben bis unten musterte, fiel ihm auf, dass ihre Turnschuhe auseinanderzufallen drohten. Besaß diese Frau denn gar keinen gesunden Menschenverstand? Zuerst riskierte sie einen Zusammenbruch, weil sie nicht genug zu sich nahm. Und nun machte sie sich auch noch die Füße kaputt, indem sie in solch ungeeignetem Schuhwerk herummarschierte!

Ihre Dummheit machte ihn so wütend, dass er sich nicht zurückhalten konnte. Er stapfte auf sie zu. „Wie sind Sie bloß auf die Idee gekommen, eine solche Wanderung in Turnschuhen zu unternehmen?“, stieß er aufgebracht hervor.

Sie wich einen Schritt zurück, doch der erste Schreck über sein plötzliches Erscheinen verwandelte sich schnell in Ärger.

„Was geht Sie das an?“ Sie hob eine Braue. „Ich dachte, Sie wollten Ihren Urlaub unbedingt allein verbringen. Warum also mischen Sie sich ständig in meinen ein?“

Darauf wusste Julien nichts zu erwidern. Sie hatte ja recht. Er war nicht verantwortlich für sie. Außerdem hatte sie mehr als deutlich klargestellt, dass sie seine Hilfe nicht wollte.

Aber irgendjemand musste ihr doch vor Augen führen, wie unverantwortlich sie sich aufführte! Offensichtlich war sie nicht in der Lage, auf sich selbst aufzupassen.

„Sie werden Ihren Füßen in den Dingern dauerhaften Schaden zufügen!“

Sie trat einen Schritt auf ihn zu. „Ich brauche wirklich niemanden, der mir sagt, was ich tun oder lassen soll – vielen Dank.“

„Sie sind die sturste Person, die mir je über den Weg gelaufen ist!“

Sie schnaubte empört. „Nicht, dass es Sie etwas angeht, aber ich wäre unter normalen Umständen nicht in Turnschuhen unterwegs. Wenn Sie es unbedingt wissen müssen – die Fluggesellschaft hat meine zweite Tasche verloren, in der sich auch meine Wanderstiefel befanden.“

Ungläubig starrte er sie an. „Und warum kaufen Sie sich dann nicht einfach ein neues Paar? Dafür wird doch sicherlich Ihre Versicherung aufkommen!“

„Ein neues Paar kaufen? Und wovon? Es mag für Sie nur schwer vorstellbar sein, aber es gibt Menschen, die nicht einfach so mit Geld um sich werfen können. Auf meinem Bankkonto herrscht momentan Ebbe, und meine Kreditkarte für Notfälle sowie die andere Hälfte meiner Reisekasse befindet sich ebenfalls in meinem verlorenen Gepäck.“

Ihr war deutlich anzusehen, dass sie mit ihren Nerven endgültig am Ende war. Kein Wunder – vermutlich litt sie schon seit Tagen unter Hunger und schmerzenden Füßen.

Mit einem Mal dämmerte ihm, warum sie sich mitunter so seltsam verhalten hatte. Der Hotelwechsel nach nur einer Nacht, das vom Büfett geklaute Mittagessen, die wilde Entschlossenheit, in einer einfachen Pizzabude zu essen …

Geldsorgen.

„Warum haben Sie nicht jemanden um Hilfe gebeten?“, fragte er sanft. „Familie oder Freunde. Irgendjemand wird doch sicher bereit sein, Ihnen etwas Geld zu leihen, bis sie wieder flüssig sind.“

Seufzend verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Weil ich nicht will.“

„Und warum nicht?“

Sie schaute ihm geradewegs in die Augen. „Nun, ich verlasse mich nicht gern auf andere Leute. Ich schlage mich lieber allein durch. Aus eigener Kraft.“

Er runzelte die Stirn. „Das ist ja sehr eindrucksvoll, aber manchmal muss man auch wissen, wann es an der Zeit ist, um Hilfe zu bitten.“

Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, und seufzte schließlich. „Eine alte Gewohnheit. Auch das kleinste Eingeständnis von Schwäche wird gegen einen ausgelegt.“

„Und was ist mit Ihren Eltern?“

Sie holte tief Luft, ehe sie weitersprach. „Meine Mutter starb an Brustkrebs, als ich gerade zwölf Jahre alt war. Mein Vater folgte ihr nur wenige Jahre später.“ Ihr Blick schien sich nach innen zu wenden. Es war offensichtlich, dass das Thema noch immer schmerzlich für sie war. „Er kam nie über ihren Tod hinweg, daher übernahm ich den Haushalt, weil es sonst niemand konnte. Zum Glück hatte meine Mutter mir das Kochen beigebracht, und ich war ziemlich gut darin. Mein Vater litt unter einer schweren Depression und blieb zu Hause, während ich zur Schule ging.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Es waren schwierige Zeiten, aber ich habe gelernt, auf mich selbst aufzupassen.“

Er sah die Traurigkeit in ihren Augen und legte ihr ohne lange nachzudenken eine Hand auf die Schulter. „Tut mir leid.“

„Ach was, das ist nicht nötig. Ich bin okay.“

„Trotzdem – das muss alles sehr schwer für dich … für Sie gewesen sein.“

„Das Du ist schon okay“, entgegnete sie. „Immerhin haben wir bereits ein paar sehr persönliche Dinge miteinander geteilt. Und was die Vergangenheit betrifft – ich habe es überlebt.“

Er lächelte. „Es ist kein Wunder, dass du so engagiert bist.“

„Nun, ich wollte etwas Sinnvolles mit meinem Leben anfangen. Etwas, worauf meine Mutter stolz gewesen wäre. Sie war erst vierundvierzig, als sie starb. Das ist einfach nicht fair. Sie war ein guter, liebevoller Mensch.“

„Das Leben ist nicht immer fair.“

„Das kannst du laut sagen.“

Sie sah so gequält, so niedergeschlagen aus, dass es ihm fast das Herz zerriss. „Okay“, sagte er und nahm ihren Rucksack vom Boden auf. „Komm mit.“

Er schlang die Träger über seinen Rücken und ging die Straße in die Richtung hinunter, aus der sie gekommen war.

Es dauerte einen Augenblick, ehe sie zu ihm aufschloss. „Wo gehst du mit meiner Tasche hin?“, keuchte sie.

„Das wirst du schon sehen.“

„Julien, gibt sie mir zurück!“

„Werde ich – sobald wir angekommen sind.“

„Angekommen? Wo?“

„Das wirst du schon sehen.“

Sie stieß ein leises Grollen aus. „Wer ist hier nun stur?“

Zum Glück befand sich der Laden, der auf Wanderausrüstungen spezialisiert war, nur ein paar Minuten entfernt, denn Indigos Humpeln wurde immer schlimmer. Julien ignorierte ihr ärgerliches Schnauben, als er sie ins klimatisierte Innere des Geschäfts schob.

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich mir im Moment keine neuen Stiefel leisten kann“, erklärte sie.

„Und das habe ich auch durchaus verstanden. Aber du sollst auch gar keine kaufen – das übernehme ich.“ Ehe sie auch nur den Mund öffnen konnte, um zu protestieren, hob er eine Hand. „Streite nicht mit mir. Ich werde dich nicht länger in diesen ausgetretenen Dingern herumlaufen lassen. Das widerspricht meinem Sinn für Ästhetik.“

Sie schüttelte den Kopf. „Julien, das kann ich nicht …“

„Schweig still, stures Weib“, knurrte er – zum Glück nahm sie ihm das nicht übel. Stattdessen fing sie an, lauthals zu lachen.

Sie hatte einen regelrechten Lachanfall, hielt sich die Seiten und schnappte keuchend nach Luft. Als sie sich endlich wieder einigermaßen im Griff hatte, standen ihr die Tränen noch immer in den Augen. „Tut mir leid, ich weiß selbst nicht, warum ich lache. Ich glaube, ich bin ein ganz klein wenig hysterisch. Der Tag war einfach ein bisschen viel. Genau genommen, ist der ganze Urlaub ein bisschen viel. Bisher ist nichts so gelaufen, wie ich es mir ausgemalt habe.“

Er lachte leise auf. „Um ehrlich zu sein, hatte ich mir meine Auszeit auch ein bisschen anders vorgestellt. Anstatt Ruhe und Frieden zu genießen, muss ich mich mit einer dickköpfigen Frau herumschlagen.“

Damit löste er einen erneuten Lachflash aus – und ihm blieb nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass Indigo sich wieder beruhigte.

„Ich habe keine Ahnung, warum dich das Wohlbefinden meiner Füße interessiert“, sagte sie schließlich. „Aber wenn es dir wirklich so wichtig ist, dann gestatte ich dir, mir ein paar neue Stiefel zu kaufen.“ Sie wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln. „Aber du musst mir deine Adresse geben, damit ich dir das Geld zurückgeben kann, wenn ich wieder zu Hause bin.“

Er schüttelte den Kopf. „Das ist wirklich nicht nötig.“

„Doch“, sagte sie, schlagartig ernst. „Das ist es, Julien.“

Ihre entschlossene Miene ließ keinen Zweifel daran, dass sie seine Hilfe nur annehmen würde, wenn sie das Gefühl hatte, es später wiedergutmachen zu können. Nun, damit konnte er leben. Den Preis für ein Paar Stiefel bezahlte er aus der Portokasse, aber er wusste auch, dass es ihr nicht wirklich ums Geld ging. Sondern um Stolz.

„Okay, einverstanden“, entgegnete er mit einem Lächeln und winkte der Verkäuferin zu, die sofort zu ihnen herüberkam. „Und jetzt verpassen wir dir eine neue Ausrüstung.“

5. KAPITEL

Praiano ist ein kleiner Ort mit einem großen Herzen. Einen Sandstrand wie andernorts gibt es zwar nicht, aber die Kiesbucht ist einen Besuch wert – besonders abends, wenn die letzten Sonnenstrahlen den Horizont in ein tiefrotes Glühen tauchen …

Ungeachtet ihres Protests hatte Julien ihr noch spezielle Wandersocken und Pflaster gekauft, die ihre armen, von Blasen übersäten Füße vor größerem Schaden schützen sollten.

Mit einem leisen Seufzen der Erleichterung schaute sie zu, wie die Verkäuferin ihre zerschundenen alten Turnschuhe im Mülleimer verschwinden ließ. Wie es aussah, würde der Tag nun vielleicht doch nicht in einer absoluten Katastrophe enden.

Als sie Praiano erreicht hatte, mit wunden Füßen und völlig entkräftet vor Hunger, war sie an ihrem persönlichen Tiefpunkt angelangt gewesen. Vor allem, als man ihr dann auch noch im Hotel erklärte, dass ihr Gepäck noch immer nicht aufgetaucht war.

Beinahe wäre sie vor Verzweiflung in Tränen ausgebrochen.

Sie war gerade auf der Suche nach einem billigen Lokal gewesen, als sie Julien in die Arme gelaufen war. Und obwohl sie sich alles andere als wohl bei dem Gedanken fühlte, dass er Geld für sie ausgab, hatte sie sich seiner Logik einfach nicht verschließen können.

Deshalb hatte sie so schnell eingelenkt.

Deshalb – und weil sie den Eindruck gehabt hatte, dass er selbst eine Aufmunterung gebrauchen konnte. Vielleicht war es nur typisch männliches Macho-Gehabe, aber irgendwie glaubte sie nicht, dass es sich so verhielt. Obwohl er mehr als deutlich gemacht hatte, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte, war er doch nicht fähig gewesen wegzusehen, als sie in Schwierigkeiten steckte.

Sie war unglaublich dankbar, dass er gemerkt hatte, wie mies es ihr ging. Es schien lange her zu sein, dass irgendjemand sich um sie gekümmert hatte.

Und schon fing sie wieder an, ihn zu mögen. Dabei hatte sie sich doch vorgenommen, sich von ihm fernzuhalten.

Sie verließen gemeinsam den Laden, doch die Atmosphäre zwischen ihnen war irgendwie merkwürdig. Indigo wartete darauf, dass Julien jeden Moment eine Gelegenheit nutzen würde, die Flucht zu ergreifen. Doch stattdessen wandte er sich zu ihr um.

„Warum machst du nicht einen kurzen Spaziergang mit deinen neuen Stiefeln, um zu sehen, ob sie gut sitzen? Ich nehme an, dass du morgen ebenfalls nach Positano weiterreist. Es besteht also nur noch heute die Möglichkeit, etwas zu reklamieren.“

„Das stimmt“, sagte sie. „Gute Idee.“ Sie zog sich den Rucksack über die Schultern. „Und was ist mit dir?“ Sie versuchte, die Frage so unverfänglich wie möglich klingen zu lassen. Was sollte sie tun? Ihn bitten, sie zu begleiten? Es kam ihr unhöflich vor, einfach so loszumarschieren, nach allem, was er für sie getan hatte.

Andererseits wollte sie ihn auch nicht in die Verlegenheit bringen, ihr wieder eine Abfuhr erteilen zu müssen.

„Ich könnte dich begleiten“, sagte er zu ihrer Überraschung. „Die Verkäuferin schien nicht besonders gut Englisch zu sprechen – du wirst also vermutlich meine Hilfe brauchen, wenn es irgendwelche Schwierigkeiten gibt. Das heißt … Ich nehme an, dass du kein Italienisch sprichst.“

„Da vermutest du ganz richtig.“ Sie lachte leise. „Ich kann einen Kaffee bestellen und nach der Toilette fragen, aber das ist auch schon alles.“

Bon. Dann werde ich mit dir kommen.“

„Willst du nicht erst in deinem Hotel einchecken?“

Er schüttelte den Kopf. „Das hat keine Eile.“

„Also schön.“ Sie zuckte mit den Achseln, bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie froh sie darüber war. „Ich werde mir da drüben ein Sandwich holen. Ich sterbe vor Hunger – aber ich kann es unterwegs essen.“

„Wir können uns auch setzen. Ich habe Zeit.“

„Bist du sicher?“

„Absolut.“

Sie kaufte sich ein Panini mit Schinken und Käse und ein paar von den köstlichsten getrockneten Tomaten, die sie je gekostet hatte, und setzte sich an die Theke des kleinen Lokals.

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