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JULIA EXTRA, Band 435

MAISEY YATES

Küss mich, schöne Unbekannte!

Auf einem Maskenball in Venedig gerät Allegra in den sinnlichen Bann eines geheimnisvollen Fremden. Machtlos gegen seine magische Anziehungskraft, gibt sie sich ihm hin. Mit ungeahnten Folgen …

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Für Leo ist es ein kühl kalkulierter Deal: Samantha soll seine Verlobte spielen, damit er das Sorgerecht für die kleine Adele bekommt. Doch ein erster Kuss zur Probe weckt plötzlich heißes Verlangen …

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Küss mich, schöne Unbekannte!

1. KAPITEL

Es sah aus, als würde der Tod höchstpersönlich die Stufen herabschreiten, direkt in den venezianischen Ballsaal hinein. Malerisch bauschte sich der schwarze Umhang hinter der dunklen Gestalt. Als der Unbekannte mit einer Hand beiläufig über das elegante Marmorgeländer strich, glaubte Allegra plötzlich seine Fingerspitzen auf ihrer nackten Haut zu spüren. Noch lange danach grübelte sie über die unglaubliche Intensität dieses Gefühls …

Alle Gäste trugen mehr oder weniger fantasievolle Kostümierungen auf diesem Maskenball. Das war aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit zwischen dem geheimnisvollen Fremden und den übrigen Gästen. Im Gegensatz zu den farbenfrohen Seidenoutfits vieler Männer war er ganz in Schwarz gekleidet, und seine metallisch schimmernde Maske hatte die Form eines Totenschädels. Selbst das Gesicht darunter musste er geschwärzt haben, denn Allegra konnte keine menschlichen Züge hinter den Aussparungen der Maske erkennen.

Auch andere Frauen im Ballsaal verfolgten die Ankunft der düsteren Gestalt mit gebanntem Blick. Die plötzliche Spannung war deutlich spürbar. Jedes weibliche Wesen im Raum wartete darauf, von dem faszinierenden Gast wahrgenommen zu werden.

Allegra ging es da nicht anders! Zum Glück war ihr Gesicht perfekt verborgen unter der kunstvoll aufgetragenen weißen Schminke und der edlen Maske. So konnte sie sich getrost erlauben, die dunkle Erscheinung ausgiebig zu mustern …

Der Ball fand in einem der schönsten und ältesten Hotels in Venedig statt und wurde von einem Geschäftspartner ihres Bruders veranstaltet. Wer eine der heiß begehrten Einladungen erhalten hatte, stammte entweder aus einem ehrwürdigen Adelsgeschlecht oder gehörte zu einer der reichsten Familien der Welt. So manche verführerische reiche Erbin hielt auf diesem Ball Ausschau nach einer ebenbürtigen Partie.

Auch Allegra entstammte altem italienischem Adel und kam aus reichem Elternhaus. Mit der Geschäftsidee, dem Verfall ausgesetzte Immobilien aufzukaufen und ihnen zu neuer Blüte zu verhelfen, hatte Allegras Vater das Familienvermögen beträchtlich erhöht. Inzwischen hatte ihr Bruder Renzo das Traditionsunternehmen übernommen und es zu einem Global Player entwickelt.

Auf eine gute Partie war Allegra allerdings nicht aus. Sie sah sich selbst nicht als Verführerin. Viel eher fühlte sie sich als Gefangene. Doch dieser Ball war ihre Chance! Er bot Allegra die perfekte Gelegenheit, ihre Jungfräulichkeit an einen Mann ihrer Wahl zu verlieren statt an den Prinzen, dem sie versprochen war. Ein Prinz, zu dem sie sich überhaupt nicht hingezogen fühlte.

Vielleicht beging sie damit eine Todsünde, aber wenigstens einmal im Leben wollte sie heiße Lust in den Armen eines Mannes empfinden. Warum dann nicht gleich mit dem Teufel persönlich, wenn er nun schon mal unter den Gästen wandelte? Auf den ersten Blick hatte der dunkle Fremde tiefe Gefühle bei ihr entfesselt. Das war ihrem Verlobten bisher noch nie gelungen.

Wie ferngesteuert machte Allegra einen Schritt Richtung Treppenaufgang, blieb dann jedoch wieder stehen. Das Herz klopfte ihr bis zum Zerspringen, ihr war fast übel vor Aufregung.

Was in aller Welt tue ich eigentlich hier? schoss es Allegra durch den Kopf. Es sah ihr gar nicht ähnlich, sich einem Mann an den Hals zu werfen. Noch dazu einem Wildfremden! Verwirrt wandte sie sich ab. Nein! Auf diesem Ball würde sie „den kleinen Tod“ nicht erleben. Ihr fehlte der Mut. Es war gut und schön, davon zu träumen, einen begehrenswerten Mann für eine Nacht zu finden. Aber den Traum zu verwirklichen war eine ganz andere Sache.

Ihr Bruder hatte sie nur widerstrebend mit auf die Party genommen und würde Allegra die Hölle heißmachen, wenn sie ihn blamierte. Renzo Valenti brannten schnell mal die Sicherungen durch. Sie selbst hatte dagegen schon früh gelernt, ihr Temperament zu zügeln. Als Kind war sie ein echter Wildfang gewesen, doch ihren Eltern hatte viel daran gelegen, ihre Tochter zu bändigen. Schließlich sollte aus Allegra eine Dame werden!

Und ihre Bemühungen waren erfolgreich gewesen. Zumindest aus Sicht ihrer Eltern. Über Renzos enge Freundschaft mit dem spanischen Herzog Cristian Acosta war Prinz Raphael De Santis von Santa Firenze in Allegras Familie eingeführt worden.

Allegra verfluchte den Tag, an dem ihr Vater ihre Verlobung mit dem Prinzen vereinbart hatte! Und den gemeinen Cristian hätte sie für seine Bemühungen, sie unter die Haube zu bringen, am liebsten im Meer versenkt. Ihre Eltern waren natürlich begeistert von dieser Partie und verlangten von Allegra ebensolchen Enthusiasmus über die Aussicht, einen Prinzen zu heiraten.

Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr war sie nun offiziell mit Raphael verlobt. Inzwischen lag der zweiundzwanzigste Geburtstag hinter ihr, und ihr Verlobter ließ sie noch immer kalt. Eigentlich seltsam, denn er sah wirklich gut aus. Doch was sollte sie tun? Sie fühlte sich nicht zu ihm hingezogen. Nicht das leichteste Prickeln stellte sich in seiner Nähe ein.

Im Gegensatz zu ihrem älteren Bruder war Prinz Raphael sehr darauf bedacht, keine Schlagzeilen in der Boulevardpresse zu machen. Er war eine Respektsperson, stets wie aus dem Ei gepellt, ob im Anzug oder in Freizeitkleidung.

Während der sechs Jahre, die Allegra nun mit Raphael verlobt war, hatte sie ihm nie mehr als freundschaftliche Wangenküsse erlaubt. Sie empfand einfach keine Leidenschaft für den Prinzen. Vielleicht rebellierte sie auch innerlich dagegen, praktisch zwangsverheiratet zu werden. Vielleicht lag es aber auch an Raphael, der ja nun eher der kühle Typ war, der nicht gerade vor Leidenschaft glühte – im Gegensatz zu ihr. Zumindest theoretisch.

Allegra brannte darauf, endlich in der Praxis zu erproben, wie leidenschaftlich sie tatsächlich sein konnte – mit dem richtigen Mann. Cristian würde ihr natürlich puren Egoismus vorwerfen. Da er es ja gewesen war, der ihre Familie mit Raphael bekannt gemacht hatte, fühlte er sich persönlich dafür verantwortlich, dass kein Schatten auf die Verlobung fiel. Welchen Nutzen zieht er eigentlich aus meiner Verbindung mit Raphael? überlegte Allegra plötzlich. Vermutlich ewige Dankbarkeit von Raphael, der tief in seiner Schuld steckte und alles für ihn tun würde! Allegra hätte es Cristian gern heimgezahlt, was er ihr mit der Verlobung angetan hatte. Wenn Cristian in ihrem Elternhaus zu Besuch war, entfesselte er allein durch seine Anwesenheit heiße Wut in ihrem Innern. Dabei hatte Allegra ihre Gefühle ansonsten unter Kontrolle. Ihre Eltern konnten sich wirklich nicht über irgendein Fehlverhalten beschweren.

Was für ein langweiliges Leben, dachte Allegra. Zu gern wäre sie aus diesem öden Dasein ausgebrochen. Doch sie wagte es nicht einmal anzudeuten, wie unglücklich sie war.

Sie sah auf und ließ den Blick über die illustren Gäste wandern, wobei sie es sorgsam vermied, den ganz in Schwarz gekleideten Mann anzusehen. Entschlossen bewegte sie sich zum anderen Ende des Ballsaals, wo ein exklusives Buffet aufgebaut war. Allegra griff nach einem Teller. Wenn sie schon keinen Lover haben durfte, dann musste sie sich eben mit Naschereien zufriedengeben. Ihre Mutter hätte ihr das sofort verboten! Sie hätte sogleich befürchtet, dass Allegra bei der Hochzeit in zwei Monaten nicht mehr ins Brautkleid passen könnte. Das wäre natürlich nicht auszudenken! Sie erwartete von ihren Kindern äußerste Disziplin und perfekte Pflichterfüllung, um das in Generationen erwirtschaftete Vermögen weiter zu mehren und dem Familiennamen Ehre zu machen.

Frustriert legte Allegra noch einen kleinen Sahnewindbeutel auf ihren Teller. Ihre Mutter sah es ja nicht. Außerdem arbeitete eine fantastische Schneiderin für die Familie, die sicher in der Lage war, das Brautkleid notfalls weiter zu machen. Kein Grund, die Hochzeit abzusagen, weil die Braut einige Kilo mehr auf den Hüften hatte.

Auch ihr Bruder Renzo hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie sich mit Süßigkeiten vollstopfen wollte. Ihm lag Allegras bevorstehende Hochzeit viel weniger am Herzen als ihren Eltern. Es war schon seltsam! Was den Beruf betraf, war ihrem Bruder keinerlei Freiheit erlaubt. Es war immer klar gewesen, dass er einmal das Familiengeschäft übernehmen musste. Doch in seinem Privatleben durfte er machen, was er wollte. Bei ihr selbst traf das genaue Gegenteil zu. Allegras Privatleben wurde von ihren ehrgeizigen Eltern diktiert. Aber beruflich durfte sie theoretisch machen, was sie wollte – solange ihr die Arbeit später genügend Zeit für Ehemann und Kinder ließe.

Ihr Bruder verstand wahrscheinlich nur zu gut, in welchem Zwiespalt sich Allegra ständig befand. Doch ihre Eltern hatten keine Ahnung. Und Cristian schon gar nicht! Wenn der spanische Herzog in ihrem Elternhaus zu Besuch war, kam es immer wieder zu Wortgefechten zwischen ihnen. Manchmal hatte Allegra ein schlechtes Gewissen dabei, denn Cristian hatte es im Leben bisher nicht leicht gehabt. Andererseits hatte er kein Recht, immer so hart mit ihr ins Gericht zu gehen.

Nachdenklich betrachtete Allegra die Naschereien auf ihrem Teller und wunderte sich, wieso sie gerade jetzt an Cristian dachte. Wahrscheinlich würde er beim Anblick der süßen Leckereien missbilligend eine dunkle Augenbraue hochziehen und sich in seiner Meinung bestätigt sehen, dass Allegra ein verwöhntes, verantwortungsloses Kind war. So ein Idiot!

Die Musik wurde lauter. Walzerklänge drangen an Allegras Ohr. Geistesabwesend wiegte sie sich zu der sinnlichen Musik und betrachtete die scheinbar übers Parkett schwebenden Tanzpaare. Wie es sich wohl anfühlte, in den starken Armen eines Mannes durch den Ballsaal zu tanzen? Ihr Zukünftiger war sicher ein exzellenter Tänzer, vermutete sie. Schließlich gehörte es zur Ausbildung eines Prinzen, sich sicher auf dem Parkett zu bewegen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Allegra eine mit einem schwarzen Handschuh bekleidete Hand. Ihr stockte der Atem. Als sie etwas sagen wollte, hob der Mann die andere Hand und presste einen Finger auf den Bereich der Metallmaske, unter dem sich seine Lippen befanden, zum Zeichen, dass Allegra schweigen sollte.

Also war sie ihm aufgefallen. Genau wie er ihr. Heißes Verlangen hatte sie durchströmt, als er die Treppe heruntergeschritten war. Allegra hatte sich vorgestellt, er berührte nicht das Geländer, sondern sie. Offenbar hatte er bei ihrem Anblick ähnlich empfunden. Wie aufregend!

Sie griff nach der ausgestreckten Hand und stand auf. Sofort begann es in ihrem Schoß heiß zu pulsieren. So eine heftige Reaktion auf einen ihr völlig Fremden war ja lächerlich! Woher sollte sie denn wissen, wer hinter der Totenkopfmaske steckte?

Als der düstere Unbekannte sie an sich zog und an seinen muskulösen Körper presste, wurde ihr noch heißer. Das Verlangen nach diesem Mann war eindeutig – und unbegreiflich.

Wie ein eingespieltes Paar schwebten sie über die Tanzfläche, fast so, als existierten die anderen Tänzer gar nicht.

Allegra sah auf, direkt in die dunklen Tiefen seiner Augen. Der intensive Blick ging ihr durch und durch. Schnell sah sie weg und betrachtete zur Ablenkung die funkelnden Kronleuchter. Dann ließ sie den Blick über die schweren Samtvorhänge gleiten, die nur teilweise die Wandgemälde vergnügter Göttinnen verbargen.

Ein Beben durchlief ihren Körper, als ihr Tanzpartner mit einer Hand über ihren Rücken strich. Das Pulsieren im Schoß wurde verlangender. Dieser sinnliche Tanz schien nur der Auftakt zu einem heißen Spiel zu sein. So etwas hätte Allegra in ihren kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten. Aber ihr fehlte es ja auch an Erfahrung. So eng umschlungen zu tanzen war ihr neu. Aber die Wirkung war unglaublich. Der Mann übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie aus. Bereits beim ersten Blick auf ihn war ihr heiß geworden.

Ihr wurde schwindlig vor Lust, und sie suchte Halt bei ihm. Dann riskierte sie einen erneuten Blick in diese unglaublich dunklen Augen. Fand der Mann es abstoßend, dass sie mehr von ihm wollte als einen Tanz?

Behutsam zog er Allegras Hand weg von seiner Brust. Allegra erschrak. Hatte sie etwas falsch gemacht? Nein, denn nun strich er mit einem behandschuhten Finger sinnlich über die zarte Innenseite ihres Handgelenks. Es war wie eine Antwort. Er wollte sie …

Widerstrebend wandte Allegra den Blick ab und ließ ihn auf der Suche nach Renzo durch den Ballsaal schweifen. Keine Spur von ihrem Bruder. Wahrscheinlich hatte er sich schon mit seiner neuesten Flamme aus dem Staub gemacht. Prima, dachte Allegra, dann bin ich meinen Aufpasser ja los.

Und wie ging es nun weiter? Der geheimnisvolle Fremde legte offensichtlich keinen Wert auf eine Unterhaltung. Seine Geste vorhin war eindeutig gewesen. Allegra fand es sehr aufregend. Es steigerte die Spannung, dass sie ihre Identitäten geheim hielten. Die Verlobte des Prinzen von Santa Firenze in den Armen eines wildfremden Mannes? Wenn das herauskäme, wäre sie geliefert. Nein, niemand durfte wissen, wer sie war.

Der aufregende Fremde entführte sie aus dem Ballsaal. Sie befanden sich nun auf einem verlassenen Korridor. Allegras Herz klopfte zum Zerspringen. Einen Moment lang befürchtete sie sogar, der Mann könnte sie entführen …

Er schob sie in einen Alkoven. Hier war die Musik kaum noch zu hören. Allegra hatte das Gefühl, der schwarz gekleidete Mann mit der Totenkopfmaske und sie wären die einzigen Menschen auf dem Planeten.

Sinnlich ließ er einen Finger mit Allegras hübsch geschwungenen Lippen spielen, dann strich er mit einer Hand über ihren langen Hals und über ihr Dekolleté.

Diese leichte Berührung entfachte heißes Begehren in Allegra. Es gab keinen Zweifel mehr, der geheimnisvolle Mann wollte sie verführen! Und sie konnte es kaum erwarten, sich verführen zu lassen. Schon spürte sie die andere Hand unter dem Kleid. Er schob es bis zur Taille hoch, strich leicht über ihren flachen Bauch und liebkoste ihre Brüste. Allegra stöhnte leise und ließ ihn gewähren. Die Liebkosungen wurden immer erregender, so sehr, dass Allegra sich ihm instinktiv entgegenbog. Sofort schob er eine Hand zwischen ihre Beine und begann, sie aufreizend zu streicheln.

Ein heißes Lustgefühl durchströmte Allegras Körper. Es fühlte sich fantastisch an. Sie wollte mehr davon. Und sie bekam mehr.

Ihr wurde schwindlig. Sie suchte Halt an seiner breiten Brust, begann dann, das schwarze Hemd aufzuknöpfen und atmete tief ein, als sie zum ersten Mal seine nackte Haut spürte. Hingerissen fuhr sie mit ihren Händen über den muskulösen Oberkörper, der eine überwältigende Hitze ausstrahlte. Allegras Knie drohten nachzugeben. Hastig riss sie sich zusammen. Er durfte nicht wissen, wie unerfahren sie noch war, sonst würde er seinen Verführungsplan womöglich aufgeben. Das wäre schrecklich gewesen für Allegra. Dieser Mann war perfekt für sie, entfesselte eine Leidenschaft in ihr, die ihr bis dahin unbekannt gewesen war. Selbstvergessen platzierte sie kleine Küsse auf dem starken Hals, wobei sie eine tiefrote Lippenstiftspur hinterließ. Auch das weiße Make-up hinterließ Spuren. Das gefiel Allegra. Es war ein schöner Gedanke, ein Zeichen zu hinterlassen auf diesem Mann, von dem sie schon jetzt wusste, dass sie ihn nie vergessen würde …

Der geheimnisvolle Verführer schob sie gegen die Wand, während er zugleich mit einer Hand seine Hose öffnete. Als sie seine mächtige Erektion an ihrem feuchten Inneren spürte, stöhnte Allegra erwartungsvoll. Immer dichter presste der Fremde sich an sie, und eine Welle der Lust überschwemmte ihren Körper. Allegra legte den Kopf in den Nacken und keuchte laut auf. Geschickt schlang der Unbekannte sich Allegras Bein um die Hüften und drang mit einer schnellen Bewegung tief in sie hinein.

Allegra stieß einen Schmerzensschrei aus. Natürlich hatte sie damit gerechnet, dass es wehtun würde, ihre Unschuld zu verlieren, aber so heftig hatte sie sich den Schmerz nicht vorgestellt. Der Mann schien nichts bemerkt zu haben. Er zog sich zurück und glitt erneut in sie hinein. Dieses Mal tat es nicht mehr so weh. Mit jedem Stoß ließ der Schmerz etwas mehr nach, bis wieder die Lust überwog. Schon bald spürte Allegra nur noch überwältigendes Verlangen im ganzen Körper und begann, den Rhythmus des dunklen Verführers aufzunehmen. Immer drängender wurde ihr Verlangen. Dann war es so weit. Sie suchte Halt an den Schultern, barg das Gesicht an seinem Hals und gab sich ganz ihrem Orgasmus hin. Selbstvergessen küsste sie den Hals des Fremden, während sie unter einem nicht enden wollenden Höhepunkt erbebte.

Erneut drängte der dunkle Fremde sie dicht an die Wand. Mit einem letzten Stoß in Allegras heißes Inneres fand auch er nun mit einem rauen Aufschrei seine Erlösung.

Einen Moment lang schien die Welt stillzustehen. Allegra spürte einen tiefen Frieden und eine innere Verbundenheit zu diesem wildfremden Mann.

Schließlich zog er sich zurück, löste sich von ihr und richtete seine Kleidung. Die Maske war nicht einmal verrutscht. So hatte Allegra noch immer keine Vorstellung, wer sich dahinter verbergen mochte.

Einen Moment lang schaute er sie eindringlich an, dann zupfte er die Handschuhe zurecht, drehte sich um und kehrte zurück in den Ballsaal.

Allegra sah ihm nach. Noch konnte sie nicht fassen, was gerade geschehen war. Sie hatte sich von einem wildfremden Mann entjungfern lassen. Ohne Schutz, ohne einen Gedanken an die Zukunft.

Langsam verebbte ihre Erregung, und ihre Befriedigung machte blankem Entsetzen Platz. Was habe ich getan? dachte Allegra verstört. Sie würde diesen Mann nie wiedersehen. Aber sollte sie darüber nun froh sein oder unglücklich?

2. KAPITEL

Schlimmer kann es nicht werden, dachte Allegra. Seit Wochen wartete sie auf ihre Regel, doch es tat sich nichts. Schließlich hatte Allegra sich dazu durchgerungen, einen Schwangerschaftstest zu kaufen. Nun starrte sie ahnungsvoll auf das Teströhrchen. Ihre schlimmsten Befürchtungen hatten sich bestätigt: Sie war schwanger!

Es spielte keine Rolle mehr, dass sie mit einem Prinzen verlobt war und seine Erben zur Welt bringen sollte, um die Dynastie zu sichern. Vorbei! Sie war ja nicht von ihm schwanger, sondern von einem wildfremden Mann.

Angestrengt überlegte Allegra den ganzen Morgen lang hin und her. Eine Möglichkeit bestand darin, ihren Verlobten zu verführen, wo auch immer er sich gerade aufhielte. Diese Idee verwarf sie umgehend. Raphael das Kind eines anderen Mannes unterschieben? Nein, mit dieser Lebenslüge könnte sie keine Nacht mehr ruhig schlafen. Außerdem war Raphael nicht dumm. Als Prinz musste er einen unanfechtbaren Erben vorweisen. Wenn das Kind viel zur früh zur Welt kam, würde er sofort einen Vaterschaftstest verlangen. So weit wollte sie es gar nicht erst kommen lassen. Allegra war eine ehrliche Haut und spielte stets mit offenen Karten.

Die Alternative war zu gestehen, was passiert war. Ihre Eltern würden ihr den Kopf abreißen, aber Renzo hatte vielleicht Verständnis und würde ihr helfen. Also suchte sie ihn am Nachmittag in seinem Büro in Rom auf.

Behutsam tastete sie sich an das eigentliche Thema heran, als sie ihrem Bruder gegenübersaß. „Hat dir die Party Spaß gemacht, Renzo?“

Verwundert zog er eine Augenbraue hoch. „Welche Party meinst du?“

„Stimmt. Du bist ja ständig auf Partys. Das hatte ich vergessen. Ich spreche von dem Maskenball in Venedig.“

„Ach ja.“ Er dachte kurz nach. „Eine wirklich coole Veranstaltung, so weit ich das beurteilen kann. Ich bin nicht lange geblieben.“ Er stand auf und musterte seine Schwester forschend. „Wieso fragst du? Habe ich mal wieder unfreiwillig Schlagzeilen gemacht?“

„Keine Ahnung. Wie kommst du darauf?“ Neugierig sah sie Renzo an.

„Weil ich ein Leben führe, das die Paparazzi dazu verleitet, mich ständig abzuschießen.“

Allegra lachte. „Stimmt.“ Dann verging ihr das Lachen. Wenn die Medien Wind von dem Vorfall auf dem Maskenball bekamen, würde sie unweigerlich Schlagzeilen machen. All die Jahre war sie ein braves Mädchen gewesen, nun setzte ein einziger Fehltritt ihren guten Ruf aufs Spiel.

„Sag mir, warum du mich sprechen wolltest, Allegra! Dann kannst du die Boutiquen stürmen. Das ist ja wohl der eigentliche Grund, warum du nach Rom gekommen bist, oder?“

„Nicht unbedingt.“ Sie wich seinem Blick aus. „Du kennst doch fast alle VIPs, Renzo.“ Allegra war sicher, dass der Mann, mit dem sie Sex gehabt hatte, zu dieser Personengruppe gehörte. Seine Autorität, sein Charisma hatten zumindest darauf hingedeutet. Als er im Ballsaal erschienen war, hatten sich alle Blicke auf diesen Mann gerichtet.

„Fast alle“, antwortete Renzo trocken. „Präsidenten, Könige … Warum fragst du?“

„Ach, nur so.“ Sie sah auf. „Auf dem Maskenball war ein Mann.“

„Du willst wissen, wer das war? Du bist verlobt, Allegra“, sagte er streng.

„Ja, schon. Trotzdem möchte ich wissen, wer der Mann war.“

„Unmöglich! Unser Vater würde mich einen Kopf kürzer machen.“

„Unsinn! Du hast dich doch noch nie darum geschert, was unsere Eltern denken.“ Allegra widersprach vehement. „Du machst, was du willst. Mir kannst du nichts vormachen, Renzo.“

„Also gut.“ Widerstrebend gab er sich geschlagen. „Was willst du wissen?“

„Er ist erst spät auf den Ball gekommen, trug eine Totenkopfmaske und einen schwarzen Umhang.“

Renzo lächelte wissend, dann lachte er herzlich – was eher selten geschah.

„Was ist denn?“, fragte sie ärgerlich. Sie steckte in größten Schwierigkeiten, und ihr Bruder lachte!

„Es ist wirklich zu komisch“, prustete Renzo. „Der Unbekannte, der dir den Kopf verdreht hat, muss Cristian sein. Dabei kannst du ihn doch nicht ausstehen.“

Allegra wurde es flau im Magen. Das konnte doch nicht wahr sein! „Nein, das war ganz sicher nicht Cristian“, stieß sie heiser hervor.

„Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, Schwesterherz, aber er war es ganz bestimmt. Wahrscheinlich ist es doch ein Segen, dass unsere Eltern deine Verlobung arrangiert haben. Du scheinst einen ziemlich schlechten Geschmack zu haben, was Männer betrifft.“

Wütend musterte sie ihren Bruder. „Nie im Leben war der Mann Cristian Acosta. Ich wäre … ich wäre zur Salzsäule erstarrt.“

„Nach einem Blick auf ihn?“ Eine gewisse Ahnung beschlich Renzo plötzlich.

Allegra senkte den Blick. „Ja.“ Dann sah sie wieder auf. Früher oder später würde Renzo es ja doch erfahren. Er und der Rest der Welt. Oder nicht? Cristian musste ja nicht unbedingt wissen, dass er Vater wurde. Raphael hingegen musste sie reinen Wein einschenken. Die Verlobung musste gelöst werden. Sehr zu Allegras Erleichterung. Und Cristian würde ihr sowieso kein Wort glauben. Für ihn war sie ja noch immer das verwöhnte kleine Mädchen. Niemals würde er auf die Idee kommen, dass es Allegra gewesen war, mit der er auf dem Ball Sex gehabt hatte.

Wieder wurde ihr flau im Magen. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Was hatte sie da angerichtet? Wie hatte sie sich darauf einlassen können? Diese Fragen beschäftigten sie seit Wochen. Und natürlich die Frage nach der Identität ihres Sexpartners. Die hatte Renzo jetzt beantwortet – und alles noch schlimmer gemacht.

Allegra traf eine Entscheidung. Cristian durfte niemals erfahren, dass er sie geschwängert hatte. Er würde ihr sowieso nicht glauben und nichts mit ihr und dem Baby zu tun haben wollen. Oder er würde die volle Verantwortung übernehmen. Eher Letzteres, so wie sie ihn einschätzte.

Sie stand auf. „Ist ja auch egal. Ich war wohl etwas neben der Spur“, sagte sie.

„Das scheint mir auch so.“ Damit war die Sache für Renzo erledigt. Er setzte sich wieder an den Schreibtisch, um weiterzuarbeiten.

Die Verlobung werde ich auf alle Fälle lösen, dachte Allegra und beschloss, ihr Kind allein großzuziehen. Auf Cristians Hilfe wollte sie gern verzichten.

„Die Entlobung deiner Schwester macht Schlagzeilen“, sagte Cristian gereizt, schenkte sich ein Glas ein und wandte sich dann seinem Freund zu. Allegras Handeln schadete seinem Ruf, denn schließlich hatte er damals Raphael den Valentis vorgestellt und sich dafür verbürgt, dass Allegra dem Prinzen eine gute Frau sein würde. Und nun das! Raphael zählte zwar nicht zu seinem Freundeskreis, aber er war immerhin ein guter Bekannter. Alter Adel musste zusammenhalten. Deshalb hatte Cristian vorgeschlagen, Raphael sollte Allegra zur Frau nehmen und so zwei alte Adelsfamilien verbinden.

Cristian fühlte sich der Familie Valenti tief verbunden, denn sie war immer für ihn da gewesen. Allerdings hätte er wissen müssen, dass Allegra ihm einen Strich durch die Rechnung machen würde. Äußerlich wirkte Allegra sanft und gelassen, doch in ihr brodelte ein Vulkan. Das wusste Cristian nur zu genau, denn er kannte sie ja schon viele Jahre. Allegra war unzufrieden mit sich und der Welt, wollte aus dem goldenen Käfig ausbrechen, hatte sich jedoch bisher nicht getraut. Er hatte so gehofft, sie würde ruhiger werden, wenn sie erst einmal mit dem Prinzen verheiratet war. Stattdessen machte sie nun Negativschlagzeilen! Ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse.

Wie oft habe ich sie gewarnt, dachte Cristian frustriert. Aber sie hatte ja ihren eigenen Kopf. Raphaels Eheversprechen hatte leider nicht die erhoffte beruhigende Wirkung auf Allegra gehabt.

„Ist doch klar, dass die Absage einer royalen Hochzeit Schlagzeilen macht“, sagte Renzo gelassen.

„Wohl wahr.“ Nachdenklich sah Cristian vor sich hin. Ein einziges Mal hatte er bei einem Abendessen Raphael und Allegra zusammen gesehen. Sie hatte ganz offensichtlich keine Ahnung gehabt, was sie mit ihrem Verlobten anfangen sollte. Und Raphael hatte auch keine Anstalten gemacht, ihr seine Aufmerksamkeit zu widmen. Als Prinz war er es gewohnt, dass die Menschen sich um ihn bemühten, nicht umgekehrt. Allegra hatte keine Ahnung, wie sie sich um ihn bemühen sollte und hatte in beleidigtem Schweigen das Abendessen über sich ergehen lassen. Dieser Abend lag allerdings schon einige Zeit zurück. Cristian hatte gehofft, Allegra hätte inzwischen dazugelernt. Nun war klar, dass dies nicht der Fall war.

Okay, dann muss ich mich wohl damit abfinden, dachte er missgestimmt. Er wusste ja nur zu gut, wie arrangierte Ehen enden konnten. Eine unglückliche junge Braut, die sich nach Freiheit sehnte, konnte unter der Last der an sie gestellten Erwartungen zusammenbrechen. Aber sie ist nicht Sylvia und du bist nicht Raphael, dachte Cristian.

„Zum Glück hat die Presse noch nicht herausgefunden, warum die Verlobung gelöst wurde. Aber das ist nur eine Frage der Zeit“, sagte Renzo, durchquerte das Büro und schenkte sich auch ein Glas ein.

„Warum wurde sie denn gelöst?“, fragte Cristian misstrauisch.

„Weil Allegra schwanger ist.“

Cristian zuckte zusammen, als hätte Renzo ihm einen Schlag in die Magengrube versetzt. Er hasste die Vorstellung einer immer runder werdenden Allegra, einer Allegra mit einem Baby in den Armen. Das war natürlich absolut lächerlich, denn hätte sie in wenigen Monaten Raphael geheiratet, wäre sie früher oder später auch schwanger geworden. Cristian hatte keine Ahnung, was mit ihm los war. Entschlossen biss er die Zähne zusammen.

„Das Kind ist aber offensichtlich nicht von dem Prinzen.“

„Nein. Sie weigert sich, mir oder unseren Eltern den Namen des Vaters zu nennen. Ich wusste nicht einmal, dass sie sich mit einem Mann eingelassen hat. Keine Ahnung, wer sie geschwängert hat.“ Renzo runzelte die Stirn. „Irgendwas an der Geschichte macht mich stutzig. Im Gegensatz zu mir ist Allegra nicht der Typ, sich leichtfertig auf eine Affäre einzulassen. Jemand muss eine Situation ausgenutzt haben.“

Cristian wunderte sich über das Bild, das sein Freund offensichtlich von seiner Schwester hatte. Er selbst traute Allegra durchaus zu, sich in ein Abenteuer zu stürzen. Möglicherweise führte sie ein Doppelleben – hinter dem Rücken ihrer ahnungslosen Familie. Cristian hatte plötzlich ein flaues Gefühl im Magen. Spielte Allegra bei den gemeinsamen Abendessen allen die gesittete junge Frau mit besten Manieren vor, während sie sich insgeheim bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit den unterschiedlichsten Männern vergnügte?

„Bist du sicher?“, fragte Cristian betont gelassen.

„Ja. Soweit ich weiß, ist sie noch völlig unerfahren.“ Renzo räusperte sich. „Sie war unerfahren, meine ich.“ Nachdenklich blickte er vor sich hin. „Seltsam, erst kürzlich hat sie mich allerdings nach einem Mann gefragt, der ihr vor gut einem Monat auf dem Maskenball in Venedig aufgefallen war.“

Cristian versuchte, seine Anspannung zu verbergen. „Wirklich?“ Vor seinem geistigen Auge malten sich Szenen des Balls. Eine verführerische Frau, das Gefühl, sie zu besitzen, ihre willige Hingabe – die erste Frau, die er seit Jahren gehabt hatte.

„Ja. Sie war entsetzt, als ich ihr sagte, dass du es warst, in den sie sich verguckt hatte.“

Mit leicht bebender Hand stellte Cristian das Glas ab. Das war doch nicht möglich, oder? Allegra? Er musste sich vergewissern. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. „Was hat sie denn an dem Abend getragen?“

„Eine Maske, wie alle anderen Frauen auch. Sie war weiß geschminkt und trug ein violettes Kleid. Meine Eltern waren entsetzt, sie in dieser Aufmachung zu sehen.“

Cristian fluchte lautlos. Die erste Frau, die er seit Jahren besessen hatte, war ausgerechnet Allegra Valenti! Und die war nun … Sie erwartete seinen Erben! Den Erben seines Herzogtums. Des Herzogtums in Spanien, das er verwaltete. Hunderte Menschen waren vom Fortbestehen der Dynastie abhängig. Er war sich schon lange bewusst gewesen, dass es Zeit wurde, für Nachwuchs zu sorgen. Dieses Problem hatte sich auf wundersame Weise gerade erledigt. Ich bin also Teil von Allegra Valentis sündhaftem Doppelleben, stellte er verwirrt fest. Und wie aufregend diese Sünde gewesen war! Seit dem Maskenball träumte er jede Nacht von dieser erotischen Begegnung.

Cristian sah auf. „Wo steckt sie?“, fragte er, leicht atemlos.

Renzo musterte seinen Freund misstrauisch. „Sag, dass es nicht wahr ist!“

„Kann ich nicht. Wo ist sie, Renzo?“

„In meiner Wohnung in Rom.“

„Ich muss sie sofort sprechen.“ Sollte sich bewahrheiten, was er stark vermutete, hätte es sowieso keinen Sinn, die Sache zu vertuschen.

„Nach eurem Gespräch muss ich sofort über alles informiert werden!“, verlangte Renzo drohend.

„Ich hoffe, es wird nichts zu berichten geben!“ Cristian wandte sich um und stürmte aus dem Büro.

Er musste Allegra persönlich damit konfrontieren, um Licht ins Dunkel zu bringen. Noch weigerte er sich zu glauben, dass sie sein Kind erwartete. Die Angelegenheit musste so schnell wie möglich geklärt werden. Diese kleine Göre konnte doch nicht die verführerische Frau gewesen sein, die ihn auf dem Maskenball mit ihrer Sinnlichkeit halb um den Verstand gebracht hatte! Ausgeschlossen!

Verzweifelt versuchte Allegra, die Wirklichkeit auszublenden. Leichter gesagt als getan, denn der Skandal um die abgeblasene Hochzeit mit Raphael kochte gerade erst so richtig hoch. Man warf ihr vor, egoistisch zu sein, die Gefühle des armen Prinzen verletzt zu haben. Das Bild von ihr in den Medien war ungerecht und völlig verzerrt. Ihr tat es ja selbst leid, Raphael verletzt zu haben. Falls er das überhaupt war. Während der langen Verlobungszeit hatte er keine menschliche Regung für seine Zukünftige gezeigt. Natürlich war das keine Entschuldigung.

Als sie sich auf dem Maskenball dem verführerischen Unbekannten hingegeben hatte, war das für sie ein einmaliges Abenteuer gewesen. Sie hatte einfach ein einziges Mal ihrer unerfüllten Sehnsucht nach Lust und Leidenschaft nachgegeben, die sie für Raphael einfach nicht empfand. Es sollte ihr kleines Geheimnis bleiben. Natürlich war es nicht ihre Absicht gewesen, deswegen die Verlobung zu lösen. Aber das Schicksal hatte ihr einen Streich gespielt. Die ganze Welt wusste, dass Allegra Valenti sich von ihrem Prinzen entlobt hatte. Und die Familie Valenti wusste, dass sie schwanger war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Presse Wind davon bekam.

Irgendwie fühlte Allegra sich aber auch wie befreit. Sie musste keinen Mann heiraten, für den sie nichts empfand, und konnte ihr Leben nun nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. Das Kind würde sie allein großziehen. Den Namen des Vaters wollte sie für sich behalten.

Okay, sie hatte viele Menschen enttäuscht. Sie rechnete auch damit, dass ihre Eltern sie verstoßen würden – ohne einen Cent. Seit Tagen diskutierten sie darüber, ihre Tochter zu enterben. Sollen sie doch, dachte Allegra. Sie war entschlossen, auf eigenen Beinen zu stehen, sich eine eigene Existenz aufzubauen, für sich und ihr Kind. Als Prinzessin wäre ihr jede Eigenständigkeit versagt geblieben. Insofern war sie ihrem Schicksal direkt dankbar.

Ein energisches Klopfen an der Wohnungstür riss Allegra aus ihren Gedanken. Sie stand auf und ging zur Tür. Da unten niemand geklingelt hatte, musste es eine von Renzos Angestellten sein, die wohl nach dem Rechten sehen sollte.

Sehr fürsorglich von ihm, dachte Allegra dankbar. Als Einziger hielt er noch zu ihr.

Sie öffnete die Tür und erschrak zutiefst, fing sich aber schnell. „Renzo ist nicht da“, sagte sie mit fester Stimme zu Cristian Acosta. Er ahnt nichts, redete sie sich energisch ein. Als sie nun in seine dunklen Augen blickte, fragte sie sich, wieso sie ihn auf dem Maskenball nicht sofort an seinen Augen erkannt hatte.

Finster musterte er sie mit durchdringendem, wissendem Blick. Cristian war so groß, so durchtrainiert. In seiner Gegenwart fühlte sie sich plötzlich klein und schwach. Ihre Hoffnung, den Namen des Kindsvaters für sich zu behalten, zerplatzte wie eine Seifenblase.

Gerade hatte Allegra sich noch wie befreit gefühlt, und nun tauchte Cristian auf.

„Ich wollte auch gar nicht zu Renzo.“

„Falls du hier bist, um mir zur bevorstehenden Heirat zu gratulieren …“

„Spar dir die Worte!“ Energisch betrat er die Wohnung. „Ich bin nicht hier, um auf deine Spielchen einzugehen. Hattest du vor, es mir irgendwann mitzuteilen?“ Wütend musterte er sie.

„Was denn?“, fragte Allegra heiser.

„Dass du ein Kind erwartest.“

„Ich …“

„Ich weiß, dass du die Frau bist.“ Er lächelte gequält. „Und du weißt, dass ich der Mann war. Du brauchst mir also nicht das Unschuldslamm vorzuspielen.“

„Unschuldig bin ich nicht mehr, wie du sehr wohl weißt“, gab sie schlagfertig zurück.

„Dann gibst du also zu, dass ich der Vater deines Kindes bin?“, fragte Cristian lauernd.

Allegra verschränkte die Arme. „Ich gebe gar nichts zu.“ Sie wünschte, sie wäre unsichtbar.

„Aber du hast doch gerade gesagt, ich müsste wissen, dass du nicht mehr unschuldig bist. Damit gibst du zu, dass ich dir die Unschuld genommen habe. Woher hätte ich es sonst wissen sollen?“

„Keine Ahnung. Vielleicht hat Renzo dir ja gesteckt, dass ich schwanger bin. Woher soll ich wissen, wer der Vater ist? Schließlich bin ich als Hure bekannt“, behauptete sie ironisch.

„Hör auf! Du machst dich lächerlich, Allegra.“

„Das ist mir egal. Jedenfalls habe ich keine Lust, mich weiter mit dir abzugeben, Cristian. Hätte ich gewusst, dass du dich hinter der Maske verbirgst, hätte ich dich einfach stehen lassen.“

„Hast du aber nicht.“

„Lass mich einfach in Ruhe, Cristian. Ich will nichts von dir“, stieß sie heiser hervor. „Ich hatte keine Ahnung, dass du der Mann warst.“

„Ich hatte auch keine Ahnung, dass du die Frau warst, Allegra. Bilde dir bloß nichts ein. Für mich bist du eine verzogene Göre, die eine strahlende Zukunft vor sich hatte. Aber die hast du dir ja nun zerstört. Offensichtlich hast du überhaupt nicht begriffen, was deine Eltern für dich getan haben.“

„Ebenso wenig wie Renzo. Dem hältst du aber nicht bei jeder Gelegenheit eine Gardinenpredigt.“

„Renzo ist der Geschäftsführer des Familienunternehmens. Er hat sich seiner Verantwortung nicht entzogen.“

„Du misst mit zweierlei Maß.“ Vorwurfsvoll funkelte sie ihn an.

„Genau wie der Rest der Welt“, behauptete er.

Allegra machte eine wegwerfende Geste. „Wenn du es nur einsiehst.“

Dazu fiel ihm nichts mehr ein. Unheilschwangeres Schweigen folgte.

„Eins ist mir immerhin klar geworden, Allegra“, sagte er schließlich, von oben herab. „Man muss die Konsequenzen seines Handelns tragen. Man entkommt ihnen nicht.“

„Schon gar nicht, wenn man kein Kondom benutzt“, entgegnete sie wütend. Natürlich war sie auch verantwortlich, weil sie nicht verhütet hatte.

„Du hast nicht protestiert“, gab er zu bedenken.

„Du hattest mir ja den Mund verboten.“

„Trotzdem hättest du dich wehren können.“

Allegra stöhnte frustriert. „Schon gut. Mach dir keinen Kopf, Cristian, ich komme schon allein klar.“

„Geht es vielleicht etwas genauer?“

„Ich habe beschlossen, das Kind allein großzuziehen. Ich habe zwar kein eigenes Einkommen, aber meine Eltern werden mich ja wohl kaum auf die Straße setzen und mich enterben.“ Genau das erwogen ihre Eltern gerade, aber das behielt sie wohl lieber für sich.

„Bist du sicher?“

„Dann wird Renzo eben für mich sorgen.“ Darauf würde es wahrscheinlich zunächst hinauslaufen, denn ihre Eltern waren unglaublich wütend auf sie und redeten nicht mehr mit ihr. Ihre Mutter musste schrecklich enttäuscht sein, dass sie nun keine spektakuläre Hochadelshochzeit mehr organisieren konnte. Darüber wollte Allegra gar nicht nachdenken.

„Offen gestanden ist es mir egal, ob deine Eltern dich enterben oder nicht, ob dein Bruder für dich und das Kind sorgt oder nicht. Du wirst das Kind aber nicht allein großziehen.“

„Niemand wird glauben, dass wir beide miteinander geschlafen haben, Cristian.“

Sein amüsiertes Lachen berührte Allegras Innerstes. Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch. Diese Wirkung hatte Cristian noch nie auf sie gehabt. Bisher hatte sie sich stets über ihn geärgert. Seltsam … Es musste an der Ballnacht liegen. Das passte Allegra nicht.

„Wir haben nicht miteinander geschlafen, wir hatten Sex im Stehen, Allegra.“

Beschämt senkte sie den Blick. „Das glaubt uns auch keiner.“

„Wieso nicht? Weil ich einen so untadeligen Ruf genieße?“

„Auch deshalb, ja.“

„Es geht niemanden etwas an, wie es passiert ist. Das bleibt unser Geheimnis. Du wirst deinen Eltern erzählen, dass du dich in mich verliebt hast. Du konntest deine Gefühle nicht mehr leugnen. Sonst hättest du die Verlobung niemals aufs Spiel gesetzt.“

„Das nehmen sie mir nicht ab. Eher glauben sie, du hast mich in aller Öffentlichkeit geschwängert“, stieß Allegra frustriert hervor.

„Meinst du?“

„Die Behauptung, dich zu lieben, ist vollkommen unglaubwürdig. Es ist doch allgemein bekannt, dass wir einander nicht ausstehen können.“

„Wie du willst. Du hat ja einen Ruf zu verlieren, ich nicht. Du bist dem Prinzen untreu geworden. Dir wird man Vorwürfe machen, mir nicht.“

„Vorwürfe macht man mir schon, seit ich die Verlobung gelöst habe. Sind dir die Schlagzeilen entgangen, Cristian?“

„Du wirst lachen, aber ich habe Besseres zu tun, als die Boulevardblätter nach Berichten über deine Eskapaden zu durchforsten. Die Zeit kann ich mir sparen, ich frage lieber gleich Renzo. Der weiß nur zu gut Bescheid.“

Verblüffung malte sich auf Allegras Gesicht. „Willst du damit sagen, dass Renzo im Bilde ist?“

„Dein Bruder kann zwei und zwei zusammenzählen. Er wurde misstrauisch, als ich ihn gefragt habe, was du auf dem Maskenball getragen hast. Als ich dann hinausgestürmt bin, nachdem er mir von deiner Schwangerschaft erzählt hat, war ihm alles klar, denn du hattest ihn ja bereits nach dem Mann mit der Totenkopfmaske ausgefragt.“

„Ein Wunder, dass du noch am Leben bist“, stieß Allegra ironisch hervor. Renzo musste ihm doch wohl wenigstens die Meinung gesagt haben, oder?

„Wahrscheinlich ist dein Bruder überzeugt, dass ich nicht wusste, wer sich hinter der Maske verbirgt. Schließlich weiß er, was ich von dir halte.“

Allegra zuckte zusammen, als hätte er sie geohrfeigt. „Es muss ja die Enttäuschung deines Lebens gewesen sein, herauszufinden, mit wem du es getrieben hast – mit einer Frau, die unter deiner Würde ist“, sagte Allegra verbittert. „Allerdings wissen wir beide, wie viel Spaß du hattest. Für dich war es so gut, dass es ein kurzes Vergnügen war.“

Er lächelte zynisch. „Kurz oder nicht, dir hat es auch gefallen.“

„Du musst es ja wissen.“

„Ich erinnere mich noch sehr genau an deinen heftigen Orgasmus, Allegra“, konterte er rau. „Der war nicht vorgetäuscht.“

„Ach, weißt du, Cristian, Frauen können alles vortäuschen“, entgegnete sie nonchalant.

„Aber nur, wenn ihr Partner dumm oder unerfahren ist. Das trifft auf mich nun wirklich nicht zu.“ Er kam auf sie zu. „Ich habe gespürt, wie du den Höhepunkt erlebt hast. Dein Körper hat gebebt, als die Wogen der Lust dich überspült haben. Dein Orgasmus war mindestens so heftig wie meiner. Willst du das jetzt abstreiten, weil du nun weißt, wer dir zu diesem Höhepunkt verholfen hat?“

Sie lachte abfällig. „Dein männliches Ego muss gestreichelt werden, oder? Dabei kannst du mich doch nicht ausstehen. Das finde ich schon seltsam, Cristian.“

Er lachte trocken. „Ich bin eben ein seltsamer Mensch.“

Darüber ging sie hinweg. „Mich willst du nicht, dann willst du das Baby wohl auch nicht.“

„Da irrst du dich gewaltig, Allegra. Das Baby kommt wie gerufen.“

„Wie meinst du das?“

„Vielleicht erinnerst du dich an meinen Titel. Ich bin ein spanischer Herzog, Allegra.“

Sie lachte spöttisch. „So benimmst du dich auch. Deine Arroganz spottet jeder Beschreibung.“

Cristian schüttelte den Kopf. „Ich brauche einen Erben. Einen Erben, der ehelich geboren wird. Diese Gelegenheit kann ich mir nicht entgehen lassen, Allegra.“

„Du bezeichnest unser Baby als Gelegenheit?“

„Wieso nicht? Es ist die Gelegenheit, mein Herzogtum zu retten. Ich bin Witwer, meine verstorbene Frau konnte mir keine Kinder schenken. Dieses Kind schickt der Himmel. Mein Vater hat mich auch versehentlich gezeugt. Meine Mutter war nur ein Model, aber er hat sie geheiratet, um mich vor der Schande zu bewahren, unehelich aufzuwachsen. Gleichzeitig habe ich meinem Vater das Herzogtum gerettet. Nun wird unser Baby es eines Tages erben.“

„Was genau schlägst du also vor, Cristian?“

„Ich halte um deine Hand an.“

„Wie bitte?“ Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Dröhnend pulsierte das Blut in den Ohren. Allegra meinte zu ertrinken.

„Allegra Valenti, du erwartest mein Baby. Heirate mich!“

3. KAPITEL

Cristian musterte die widerspenstige Frau, die neben ihm in seinem Privatjet saß. Er bot ihr allen erdenklichen Luxus, und sie war einfach nur wütend. So etwas war ihm noch nie passiert. Das war nicht die einzige Premiere in den vergangenen Wochen. Er hatte auch noch nie eine Frau im Stehen an einem öffentlichen Ort besessen. Das war mit nichts zu entschuldigen, auch nicht mit dreijähriger Enthaltsamkeit. Die Strafe folgte auf dem Fuße. Dabei hatte das Schicksal ihn doch wohl bereits genug gestraft …

Aber war es gerecht, Allegra Valenti als Strafe zu bezeichnen?

Eigentlich fand er sie besonders hübsch, wenn sie so wütend war. Sie hatte sich auf dem Sitz so weit wie möglich von ihm entfernt und sah aus dem Fenster, als würde sie lieber hinausspringen, als noch eine Minute länger in seiner Gegenwart sein zu müssen.

„Hast du mir irgendwas zu sagen, Allegra?“

„Was denn? Ich habe meine Meinung doch wohl schon in Renzos Wohnung und dann in deinem Wagen deutlich zum Ausdruck gebracht. Ich habe keine Lust, mich zu wiederholen.“

„Schade, ich höre mir deine Ausflüchte gern noch einmal an, auch wenn sie alle schrecklich egoistisch sind.“

„Was ist daran egoistisch, wenn ich keinen Mann heiraten will, der mich nicht leiden kann?“

„Ach, das kommt in den besten Familien vor. Du musst nur einen langen Atem haben. Wie heißt es so passend? Bis dass der Tod euch scheidet.“

„Kommt man in Spanien leicht an Arsen heran?“, fragte sie zynisch.

„Es ist ein Vergnügen, sich mit dir zu unterhalten, Allegra. Seltsam, dass ich nicht schon viel eher darauf gekommen bin.“

„Worauf? Auf die Idee, Arsen einzusetzen?“

Cristian lachte. „Nein, auf diese starke Anziehungskraft zwischen uns, querida.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest, Cristian. Wir mussten uns beide erst bis zur Unkenntlichkeit verkleiden, bevor Leidenschaft zwischen uns aufflammen konnte.“

Heißes Verlangen durchströmte ihn, als Allegra die Ballnacht erwähnte, von der er seitdem ständig träumte. Seit er wusste, dass seine Partnerin damals Allegra Valenti gewesen war, hatte sich dieser Traum für ihn zwar in einen Albtraum verwandelt. Das änderte aber nichts an der heißen Erotik ihrer Begegnung.

Seit Sylvias Tod hatte er keine Frau mehr gehabt. Er war aber auch nie wirklich in Versuchung gewesen. Doch dann war sein Blick auf dieses wilde Wesen in Violett gefallen, das auf ihn wie die verkörperte Sinnlichkeit wirkte. Das Kleid brachte die sexy Figur perfekt zur Geltung, die langen dunklen Locken umschmeichelten die nackten Schultern auf unwiderstehliche Weise. In jenem Augenblick hatte es für ihn nur eines gegeben: Verlangen!

So sehr hatte er noch keine Frau zuvor begehrt. Es kam ihm fast vor, als wäre ein Urinstinkt in ihm erwacht. Dieser Instinkt überdeckte alles. Wie besessen war Cristian von dem Verlangen, diese Frau zu besitzen. Nichts durfte dazwischenkommen, nichts sollte ihn ablenken. Deshalb hatte er ihr mit einer Geste bedeutet zu schweigen. Auch er hatte keinen Ton gesagt, aus Angst, die Magie zwischen ihnen zu zerstören. Es war eine magische Begegnung gewesen. Und nun musste er dafür bezahlen.

Ein einziger schwacher Moment hatte sein perfekt kontrolliertes Leben gründlich durcheinandergewirbelt.

„Die Chemie zwischen uns kannst du nicht leugnen, Allegra“, sagte er schließlich betont lässig.

„Du hörst ja, dass ich es kann“, widersprach sie trotzig.

„Leere Worte angesichts der Tatsache, dass du mein Kind unterm Herzen trägst.“

„Ich wusste doch nicht, mit wem ich mich auf dem Ball eingelassen hatte“, behauptete sie wütend.

„Das sagst du jetzt.“

Sie überhörte den skeptischen Kommentar. „Unsere Ehe würde niemals funktionieren, Cristian. Das musst du doch einsehen.“

„Ja, das ist mir sonnenklar. Trotzdem wirst du mich vor der Geburt unseres Kindes heiraten. Wenn eine gewisse Zeit verstrichen ist, sagen wir zwei Jahre, können wir uns über eine Scheidung unterhalten.“

„Scheidung? Da kennst du meine Eltern aber schlecht.“

„Sie sind erzkatholisch, ich weiß.“

„Allerdings. In ihren Augen werden wir bis zum Ende unserer Tage verheiratet bleiben.“

„Es wird nicht leicht sein für deine Eltern. Für mich zählt im Augenblick aber nur, dass mein Erbe ehelich zur Welt kommt.“

„Und deshalb erwartest du von mir, dass ich zwei Jahre meines Lebens auf irgendeiner finsteren Burg in Spanien vergeude?“

„Eigentlich ist es eher eine Villa.“

„Du bist ja auch nur ein Herzog. Versprochen war ich einem Prinzen.“

„Den du betrogen hast. Langsam gewinne ich den Eindruck, du bist ganz froh, aus der Nummer mit Prinz Raphael raus zu sein“, sagte Cristian unverblümt.

„Tja, offensichtlich hast du wohl einen Fehler gemacht, ihn meiner Familie vorzustellen und die Verlobung einzufädeln“, konterte sie gereizt.

„Es wäre eine für alle Beteiligten vorteilhafte Verbindung gewesen“, beharrte er. „Ich konnte ja nicht voraussehen, dass sich deine Leidenschaft für Raphael so offensichtlich in Grenzen halten würde.“

„Wie kommst du darauf?“

„Weil du nicht einen Augenblick in Erwägung gezogen hast, das Kind könnte von ihm sein. Sonst hättest du ja wohl nicht sofort die Verlobung gelöst. Es ist eindeutig, dass du nicht mit ihm geschlafen hast.“

Sie musterte ihn mit undurchdringlichem Blick. „Vielleicht ist das Kind auch nicht von dir. Woher willst du wissen, dass ich mich nicht auf jeder Party mit einem anderen Mann vergnüge? Ich bin nur sicher, dass es nicht von Raphael ist. Er ist ein vollendeter Gentleman und hat mich noch nie angerührt.“

„Immer noch Ausflüchte.“ Cristian verdrehte die Augen himmelwärts.

„Wieso? Du kannst doch gar nicht wissen, wie hoch mein Männerverschleiß ist. Du kennst mich überhaupt nicht, Cristian. Für dich bin ich immer noch das verwöhnte kleine Mädchen. Es scheint dir entgangen zu sein, dass ich inzwischen eine erwachsene Frau von zweiundzwanzig Jahren bin.“ Sie wandte sich abrupt wieder ab.

Er lachte amüsiert. „Das ist natürlich uralt.“

„Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass ich eine Frau bin. Auch wenn du das nicht wahrhaben willst.“

„Deine feminine Ausstrahlung ist mir durchaus bewusst, Allegra.“

Als er einen provokanten Blick über sie gleiten ließ, legte sich ein rosa Schimmer auf ihre Wangen, und ihn durchströmte wilde Lust.

„Schön für dich. Anderen Männern ist meine Ausstrahlung auch schon aufgefallen“, antwortete sie schnippisch. „Sie konnten mir nicht widerstehen.“

Er glaubte ihr kein Wort. Allegra in den Armen eines anderen Mannes – die Vorstellung erzürnte ihn. So besitzergreifend kannte er sich gar nicht. Lag es daran, dass sie sein Baby erwartete? Oder daran, dass sie die erste Frau war, mit der er sich seit Jahren eingelassen hatte?

„Du redest Unsinn, Allegra. Ich weiß, warum du dir so sicher bist: Du warst noch Jungfrau.“ Gespannt wartete er auf ihre Reaktion, während er sich daran erinnerte, wie es sich angefühlt hatte, als er in sie eingedrungen war. Wie eng sie gewesen war! Wie sie aufgeschrien hatte …

Was er für einen Ausdruck der Lust gehalten hatte, könnte durchaus ein Schmerzensschrei gewesen sein! Die Erkenntnis, dass er Allegra entjungfert haben könnte, war irgendwie aufregend. Insgeheim wunderte sich Cristian über dieses Gefühl. Hätte er nicht ein schlechtes Gewissen haben müssen? Doch was er empfand, war eindeutig Triumph. Was war nur mit ihm los?

„Das ist ja lachhaft“, behauptete sie heiser.

„Aber es ist die Wahrheit, Allegra. Gib es zu!“

„Welche Frau würde sich denn auf diese Art und Weise entjungfern lassen?“ Nun klang sie leicht hysterisch.

„Eine Frau, die einem Mann versprochen ist, den sie nicht liebt“, antwortete Cristian wie aus der Pistole geschossen. Als Allegra nicht reagierte, wusste er Bescheid. Am liebsten hätte er laut gejubelt. „Das Kind ist also zweifelsfrei von mir.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Musst du auch gar nicht.“ Er ließ sie keine Sekunde lang aus den Augen. Gleichzeitig musste er das heiße Verlangen niederkämpfen, das ihn erneut durchströmte. „Du wirst mich heiraten und mir meinen Erben schenken, Allegra. Wenn du willst, kannst du mich danach ja wieder verlassen.“

„Ich habe noch nicht Ja gesagt“, gab sie trotzig zu bedenken. „Sag mal, du erwartest doch nicht etwa, dass ich mein Kind bei dir lasse, oder?“ Ungläubig funkelte sie ihn an.

„Der Erbe der Acosta-Dynastie sollte in Spanien aufwachsen, Allegra.“

„Lächerlich“, stieß sie wütend hervor und verschränkte trotzig die Arme. Instinktiv glitt Cristians Blick zu ihren hübsch geschwungenen Brüsten. „Ich werde mein Kind ganz sicher nicht bei dir zurücklassen, Cristian.“

„Ich kann dich nach der Scheidung gern im Personaltrakt unterbringen!“, spottete er.

„Das würdest du nicht wagen!“

„Dir muss doch inzwischen klar sein, dass ich vor nichts zurückschrecke. Trotzdem forderst du mich heraus?“

Indigniert wandte sie sich ab. Wie wunderschön sie ist, dachte Cristian ergriffen. Natürlich hatte er schon früher ihre Schönheit bemerkt. Sie war nicht zu übersehen! Und wenn Allegra eine ihrer Launen hatte, war sie oft am allerschönsten. Dieser entzückende Schmollmund, den sie immer gezogen hatte, sowie die Sprache auf die Hochzeit mit dem Prinzen gekommen war. Und dieser stürmische Ausdruck in ihren Augen, wenn andere über ihre Zukunft sprachen …

Cristian hatte schon immer Allegras Schönheit bewundert, auch wenn er ihre Eigenwilligkeit missbilligte. Doch wenn er sie jetzt anschaute, hatte er stets die Verführerin vor Augen, die ihn im Ballsaal halb um den Verstand gebracht hatte. Eine Frau, die ihn berührt hatte, als würde sie ein Wunder mit ihm erleben. Etwas vollkommen Neues.

Das war es ja auch, dachte Cristian. Sie ist schließlich noch Jungfrau gewesen!

Der Sex mit ihr war fantastisch gewesen. Im Nachhinein kam sich Cristian nun aber doch wie ein Schurke vor.

„Sobald wir in Spanien gelandet sind, werde ich mich um einen Verlobungsring für dich kümmern. Dann muss die Hochzeit vorbereitet werden.“

„Offensichtlich ist dir entgangen, dass ich dir mein Einverständnis dazu nicht gegeben habe“, bemerkte sie spitz.

„Das benötige ich gar nicht.“

„Doch! Mein Exverlobter war ein Prinz, nicht mal er konnte mich zur Heirat zwingen. Du schon gar nicht!“

„Okay, dann reden wir mal über die Möglichkeiten, die dir offenstehen. Du kannst nach Italien zurückkehren und ein uneheliches Kind zur Welt bringen. Unmittelbar nach der Geburt werde ich das Sorgerecht für mein Kind beantragen. Deine Eltern habe ich bestimmt auf meiner Seite.“ Als Cristian bemerkte, wie blass sie bei seinen Worten geworden war, hätte er fast ein schlechtes Gewissen bekommen. Aber nur fast.

„Deine Eltern werden annehmen, dass dir ihr Enkelkind gleichgültig ist, wenn du dich weigerst, den Vater des Kindes zu heiraten. Wenn du also um dein Besuchsrecht kämpfen willst, oder wenn du ein Leben als Ausgestoßene führen willst, nur zu! Dann gebe ich Anweisung, auf dem nächstgelegenen Flugplatz zu landen, damit du aussteigen kannst. Ansonsten solltest du dich besser damit abfinden, dass du eine arrangierte Ehe für die andere eingetauscht hast. Immerhin kannst du dir bei mir sicher sein, dass ich deinen Körper nicht noch einmal in Anspruch nehmen werde!“

Allegra schwieg. Ihre Gedanken rasten. Sie war den Tränen nahe.

Das merkte Cristian natürlich sofort. Wieder fühlte er sich wie ein Schuft. Dabei war er doch lediglich pragmatisch.

„Du bist ja plötzlich so schweigsam, Allegra. Hast du mir gar nichts zu sagen?“

„Was soll ich denn sagen?“ Sie gab sich einen Ruck. „Also gut, ich heirate dich. Ich habe ja keine Wahl.“

Am Flughafen wartete bereits eine Limousine auf sie. Die Fahrt führte hinter Barcelona die Berge hinauf und endete vor einer eleganten Villa, die so gar nicht zu ihrem finsteren Eigentümer passte, wie Allegra fand.

Das Haus war hell, sonnendurchflutet und sehr geräumig. Panoramafenster gestatteten einen spektakulären Blick aufs Meer. Die moderne Ausstattung überraschte Allegra positiv. Ihr Elternhaus in Italien war eher düster und altmodisch. Da auch Cristians Familie auf viele Generationen zurückblicken konnte, hatte Allegra angenommen, auch in seinem Haus auf Zeugnisse der Vergangenheit zu stoßen, wo sie ging und stand. Das Haus ihrer Eltern war vollgestopft mit Antiquitäten und fadenscheinigen Teppichen. Die Wände zierten Gemälde mit Vorfahren oder biblischen Szenen. Hier jedoch waren die Wände nicht getäfelt, sondern weiß gestrichen, die Einrichtung entsprach dem Zeitgeist. In dieser modernen Umgebung wirkte der konservative Cristian plötzlich wie ein Fossil.

„Das hier ist nicht dein Familiensitz“, schloss Allegra haarscharf.

Er lachte amüsiert. „Ich habe dir doch versprochen, dich nicht auf eine Burg zu entführen. Das heißt aber nicht, dass ich keine besitze.“

„Was sollte dann das Geschwafel, dein Sohn müsste auf geheiligtem Grund und Boden aufwachsen?“

„Wir Spanier übertreiben manchmal, Allegra. Wichtig ist nur, dass mein Kind in Spanien zur Welt kommt und zwar ehelich. Ob hier oder in der alten Burg ist unerheblich.“

„Ist es wirklich eine alte Burg oder eher eine Ruine?“, fragte Allegra neugierig.

„Ruine ist vielleicht übertrieben. Es handelt sich um ein großes Gut, in dessen Mitte eine uralte Burg steht, in der ich aber ganz sicher nicht mehr wohnen möchte. Das Personal hält dort alles einigermaßen in Schuss. Der Gutsverwalter kümmert sich um die Bauernhöfe und die Pächter. Meine Mutter hat schon vor langer Zeit das Weite gesucht, und mein Vater ist tot, wie du weißt.“

Seltsam, wie emotionslos er über seine Eltern spricht, dachte Allegra. Es klang fast wie einstudiert. Offensichtlich hatte der gute Cristian etwas zu verbergen.

„Meine Eltern fühlen sich untrennbar mit dem Erbe ihrer Vorfahren verbunden“, erzählte sie. „Nicht im Traum fiele ihnen ein, den Familiensitz zu verlassen. Wenn Renzo den mal erbt und verfallen lässt, wird ihn mein Vater aus seinem Grab heraus heimsuchen und mit seinen Ketten anklagend über dem ungeputzten Silber rasseln.“

Cristian musterte sie durchdringend. „Du siehst deinen Vater im Totenreich in Ketten?“

„Da habe ich wohl etwas übertrieben. Auch wir Italiener neigen zur Übertreibung, falls du das noch nicht bemerkt haben solltest.“

Erstaunt stellte Allegra fest, dass seine Augen im hellen Sonnenlicht nicht vollkommen schwarz aussahen, sondern in einem tiefen Braun erglänzten. Es ließ ihn beinah menschlich erscheinen …

„Mein Vater liegt mit Sicherheit in Ketten“, sagte Cristian kalt. „Falls es so etwas wie Gerechtigkeit nach dem Tod gibt.“

„Ich hoffe, dass es dort Gerechtigkeit gibt. In diesem Leben gibt es jedenfalls keine“, antwortete Allegra leise.

Cristian betrachtete sie forschend. „Fühlst du dich in diesem Moment etwa ungerecht behandelt?“

„Was dachtest du denn?“

„Ich denke, dass du dich in einer Luxusvilla in einem der schönsten Landstriche Spaniens befindest, in der Gesellschaft eines Herzogs, der milliardenschwer ist, dich heiraten will und deinem Kind zu dem Erbe verhilft, das ihm mal zustehen wird. Was ist daran ungerecht?“

Allegra zog eine Augenbraue hoch. „Alles, aber das kann nur beurteilen, wer dich so gut kennt wie ich.“

Cristian kam näher. Seine Augen funkelten nun wieder wie schwarze Diamanten. „Und du kennst mich ja sogar sehr gut, oder?“, fragte er anzüglich.

Ihr wurde heiß. Es ärgerte sie, dass er diese Wirkung auf sie hatte. „Das zählt nicht. Du warst der Tod, Cristian.“

„Aber es ist doch sehr romantisch, den Tod zu zähmen, indem man ihn verführt.“ Er strich sich übers unrasierte Kinn und sah sie herausfordernd an. Hitze loderte in Allegra empor.

„Allerdings, meine Liebe, fühle ich mich noch nicht ausreichend gezähmt …“

Allegra schluckte. Dann reckte sie ihr Kinn empor. „Auch gut. Solltest du jemals von einer Frau gezähmt werden, Cristian, dann hoffentlich nicht von mir! Ich habe nicht vor, die Verantwortung für ein herrenloses Hündchen zu übernehmen!“

Diese hässlichen Worte wären wohl besser unausgesprochen geblieben. Allegra taten sie auch sofort leid. Zu spät. Cristian kam noch näher. Wie gebannt schaute sie ihn an. Dann wich sie Schritt für Schritt zurück, bis sie eine Wand im Rücken spürte. Das Gefühl entfesselte sofort die Bilder der verhängnisvollen Nacht, als Cristian sie genommen hatte, so heftig, so gründlich, so fantastisch.

„Ich bin kein Hündchen“, sagte er mit gefährlich leiser Stimme, als er so dicht vor ihr stand, dass sie seine Körperwärme spürte. Er machte keine Anstalten, Allegra zu berühren. Trotzdem schmolz sie vor Verlangen förmlich dahin, spürte das sehnsüchtige Pulsieren zwischen den Beinen.

„Es ist wohl wahrscheinlicher, dass ich dich zähmen werde, Allegra.“ Forschend schaute er sie an und lächelte zufrieden. „Du begehrst mich. Das ist dir deutlich anzusehen. Behaupte nur weiterhin, dass du nicht wusstest, mit wem du dich einlässt, dass du mich verachtest, aber du bist jetzt so heiß auf mich wie beim Maskenball in Venedig. Und jetzt weißt du, wer ich bin.“ Er wandte sich ab.

Allegra atmete erleichtert auf. Ihr war schwindlig.

„Interessant.“ Cristian schaute sie wieder an.

„Interessant? Ich würde eher widerwärtig sagen“, entgegnete sie. Zwischen Cristian und ihr kam es immer zu Streitgesprächen. Aber dieses Mal war der Ton schärfer.

„So widerwärtig, dass du dich danach sehnst, mich in dir zu spüren? Was sagt das über dich aus, Allegra?“

Sie biss die Zähne zusammen. „Warum provozierst du mich eigentlich ständig, Cristian? Ich heirate dich unter der Bedingung, dass du mich nie wieder anrührst. Wir werden aber nicht kirchlich heiraten. Selbst für mich gibt es Grenzen.“

„Für mich nicht.“

„Dein Seelenleben ist deine Sache. Ich möchte, dass meine Seele möglichst keinen Schaden nimmt.“ Sie wollte in Gegenwart ihrer Eltern nicht lügen. Und wenn sie es doch tun musste, dann wollte sie wenigstens vermeiden, dass es in der Kirche geschah.

„Dafür kann ich nicht garantieren, Allegra. Gut möglich, dass du schrecklich gezeichnet aus unserer Ehe hervorgehen wirst!“

Trotzig verschränkte Allegra die Arme. „Na klar. Zum Beispiel durch die Gewichtszunahme nach der Geburt!“

Doch er ließ sich nicht provozieren. „Schon möglich.“

Allegra atmete tief durch und suchte Cristians Blick. „Wir müssen es meiner Familie sagen.“

„Wenigstens mögen sie mich.“

„Aber den Prinzen mochten sie noch lieber. Du bist ja nur ein Herzog.“

„Spanien ist aber viel größer als Santa Firenze. Ich finde nicht, dass du dich verschlechtert hast. Im Gegenteil.“

Allegra lachte. Dabei war ihr eher zum Heulen zumute.

„Noch was, Allegra. Wenn du dich mir verweigerst, werde ich mich mit anderen Frauen vergnügen“, sagte er in fast gelangweiltem Tonfall.

Sofort malte sich vor ihrem geistigen Auge das Bild von Cristian in den Armen einer anderen Frau, einer Blondine mit sehr heller Haut – das genaue Gegenteil von ihr selbst. Ob er sie auch im Stehen nehmen, sich in ihr verströmen würde? Beim Maskenball war er ja unglaublich leidenschaftlich gewesen. Die Leidenschaft hatte ihn so fest im Griff gehabt, dass er völlig vergessen hatte, sich zu schützen – und sie. Cristian mit anderen Frauen? Nein, das konnte Allegra nicht ertragen. Seltsam, eigentlich sollte sie doch froh sein, wenn er sie in Ruhe ließ und nicht ständig seine Bedürfnisse bei ihr befriedigen wollte. Aber sie war ganz und gar nicht froh darüber!

„Von mir aus.“ Sie gab sich vollkommen ungerührt. „Mir ist vollkommen gleichgültig, was du mit wem treibst.“

„Das nehme ich dir nicht ab, Allegra.“ Ihre Reaktion belustigte ihn.

„Denk doch, was du willst! Mach mit anderen Frauen, was du willst, aber lass mich in Ruhe!“

„Sprichst du von Gruppensex? Interessant …“, sagte er heiser und kam wieder näher. „Du und ich hatten ja nur einige Momente im Stehen zusammen. Stell dir doch mal vor, wozu ich in einem großen Bett fähig wäre, mit einer weichen Matratze unter uns. Ich könnte dich von hinten nehmen, von vorne, von unten …“

Allegra hatte das Gefühl, in hellen Flammen zu stehen – nicht vor Lust, sondern vor Wut. Was bildete dieser unmögliche Typ sich eigentlich ein? Ständig musste er sie provozieren. Ständig beleidigte er sie, um ihre Reaktion zu testen. Er begehrte sie nicht, er wollte ihr nur demonstrieren, wer das Sagen hatte.

Ich darf mich von ihm nicht mehr provozieren lassen, dachte Allegra, wild entschlossen. Sie sah auf. „Träum weiter, aber ich stehe für deine Orgien nicht zur Verfügung.“

Cristian lachte nur. „Wie auch immer“, sagte er schließlich, als er sich wieder beruhigt hatte. „Wichtig ist nur, dass die Leute mir meine Brautwahl abnehmen, Allegra.“

„Wieso sollten sie das nicht? Immerhin entstamme auch ich einem alten Adelsgeschlecht, war mit einem Prinzen verlobt.“

„Stimmt, aber Letzteres hat sich ja durch deine Schuld nun erledigt.“

„Du warst auch beteiligt. Vergiss das nicht, Cristian!“, entgegnete sie wütend.

„Aber ich bin niemandem untreu geworden.“

Eine Weile standen beide nur stumm da und musterten sich vorwurfsvoll. Schließlich brach Allegra das Schweigen.

„Eins musst du mir noch erklären, Cristian. Seit wann ist es dir so wichtig, einen Erben zu haben?“

„Das ist mir schon immer wichtig gewesen, Allegra. Ich habe jung geheiratet, um schnell Vater zu werden und somit die Familiendynastie zu retten. Leider konnte Sylvia kein Kind austragen. Als sie starb, hatte ich weder Frau noch Kind.“

„Das tut mir sehr leid, Cristian. Aber du kannst sie doch nicht einfach durch mich ersetzen.“

„Natürlich nicht. Zumal du völlig anders bist als sie.“ Verzweifelt fuhr er sich durchs Haar.

Sein trauriger Blick erschütterte sie. „Du musst sie sehr geliebt haben“, sagte sie leise.

„Sie war meine Frau“, antwortete er ausdruckslos.

Er weicht mir aus, dachte Allegra. Ihr fiel auf, dass er im gleichen Tonfall über seine Eltern gesprochen hatte. Irgendwie … unbeteiligt. Seltsam. Sie beschloss, das Thema zu wechseln.

„Du musst also einen Erben produzieren, um die Dynastie zu sichern“, vermutete sie.

„Genau. Sonst ist alles verloren, der Titel, das Gut, alles. Trotzdem werde ich kein Vater sein, der sich rund um die Uhr um sein Kind kümmert.“

„Wieso nicht?“

„Für mich ist Vaterschaft eine Pflicht, die ich erfüllen muss, Allegra. Mit Gefühlen hat das nichts zu tun. Ich bin zwar ein Ehrenmann, aber ich bin äußerst gefühlskalt. Das Baby würde sich in meinen Armen einen Schnupfen holen.“

„So ein Unsinn!“ Sie musterte ihn ungläubig.

„Leider nicht. Ich war ein schrecklicher Ehemann, Allegra. Ich konnte Sylvia nicht geben, wonach sie sich gesehnt hat. Bei einem Kind wird das auch nicht anders sein.“

„Was genau willst du damit sagen, Cristian? Sylvia und du habt immer einen glücklichen Eindruck auf mich gemacht.“

„Sie war aber zutiefst unglücklich. Daran konnte ich leider nichts ändern.“

„Hast du es denn versucht?“

„Natürlich habe ich es versucht. Aber es hat nichts genützt. Empfindsame Naturen sind bei mir schlecht aufgehoben.“

„Babys sind sehr empfindsam.“

„Ich weiß.“

„Wer soll unser Baby denn großziehen, nachdem wir uns scheiden lassen haben?“

„Ich werde gut ausgebildete Erzieherinnen einstellen.“

Allegra wurde es schwindlig vor Angst um ihr ungeborenes Kind. Sie hatte keine Ahnung, was eine gute Mutter ausmachte, aber sie wollte ihrem Kind eine sein. Dem Prinzen hätte sie auch einen Erben gebären müssen. Das war Teil der Vereinbarung gewesen. Auch um dieses Baby hätte sie sich selbst gekümmert. Genau das wollte sie Cristian nun vermitteln.

„Wer ist qualifizierter, ein Kind großzuziehen, als seine Mutter?“ In diesem Moment empfand sie zum ersten Mal Muttergefühle für das kleine Wesen, das sie unterm Herzen trug. Ich werde alles tun, um mein Baby glücklich zu machen, schwor sie sich.

„Jemand, der eine gute Ausbildung als Erzieherin bekommen hat“, antwortete Cristian.

Allegra lachte schockiert. Typisch Cristian! Wahrscheinlich hasst er mich, dachte sie frustriert. „Du hast wirklich keine Ahnung, Cristian. Ein Kind muss mit Elternliebe aufwachsen.“

„Dann bin ich schon mal ungeeignet“, stieß er rau hervor. „Du wahrscheinlich auch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du die Windeln selbst gewechselt hättest, wenn du einen kleinen Prinzen geboren hättest. Selbstverständlich hättest du das dem Kindermädchen überlassen.“

„Du kennst mich wirklich überhaupt nicht, Cristian. Für dich bin ich noch immer das verwöhnte kleine Mädchen. Mach doch endlich mal die Augen auf!“

„Wie bin ich wohl zu diesem Urteil über dich gelangt?“, fragte er sarkastisch. „Im Umgang mit dir.“

„Welchen Umgang meinst du?“

„Beispielsweise, als du mir letzte Weihnachten unmissverständlich zu verstehen gegeben hast, ich sollte zur Hölle fahren.“

„Ja, weil du behauptet hast, in meinem Kleid sähe ich aus wie eine frustrierte Schäferin, die es kaum erwarten kann, dass der Stallbursche ihr an die Wäsche geht.“

Cristian rang sich ein Lächeln ab. „Stimmt. Genauso war es.“

Es wunderte sie, dass er sich daran erinnerte. Sie war überzeugt gewesen, in seinen Augen nur ein Nichts zu sein, zu unbedeutend, um sich an Streitgespräche mit ihr zu erinnern. Sie fing seinen Blick auf. „Immer hast du mich belehrt, wusstest alles besser. Du warst ziemlich unausstehlich, Cristian, und du bist es noch immer. Ständig trampelst du auf meinen Gefühlen herum. Hätte ich auf die Knie fallen und meinen Eltern dafür danken sollen, dass sie mich mit einem Prinzen verkuppelt haben?“

„Nein, nicht dafür. Sondern dafür, dass sie dich lieben und für dich sorgen, Allegra, weil sie an dich glauben. Sie wussten, wie sehr sich dein Leben durch die Ehe mit Prinz Raphael verändern würde. Aber sie haben es dir zugetraut. Sie glauben an dich und deine Stärke. Und sie glauben an Renzo. Seltsam, dass euch dieses große Geschenk nicht bewusst ist.“

Allegra wurde stutzig. Cristian hatte diese Elternliebe offensichtlich nicht erfahren.

„Du musst wissen, Cristian, dass meine Eltern nicht mich unterstützen, sondern das Bild, das sie sich von mir gemacht haben.“

„Soll das heißen, du hättest Raphael sowieso nicht geheiratet?“ Cristian musterte sie verblüfft.

„Nein. Ich hätte ihn geheiratet. Schließlich ist das von mir verlangt worden. Es ist übrigens interessant, dass du glaubst, meine Eltern hätten mir wegen meiner Stärke zugetraut, Prinzessin zu werden. Ich bin mir nämlich nicht sicher, dass ich stark bin. Ich glaube, ich bin einfach gehorsam.“ Allegra wandte sich ab und ließ den Blick übers Mittelmeer zu ihren Füßen gleiten.

„Würdest du mir jetzt bitte mein Zimmer zeigen, Cristian?“, bat sie dann leise. „Ich bin zu erschöpft, um mich weiter mit dir zu streiten.“

Worüber denn auch? Ihrem Kind zuliebe hatte Allegra einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.

Doch einen Hofnungsschimmer gab es: Im Gegensatz zur Hochzeit mit Prinz Raphael war das Abkommen mit Cristian zumindest zeitlich begrenzt.

4. KAPITEL

„Was genau ist eigentlich los, Cristian? Du wolltest dich doch viel eher bei mir melden. Seit du aus meinem Büro gestürmt bist, habe ich nichts mehr von dir gehört. Nun habe ich durch Zufall erfahren, dass du meine Schwester überredet hast, dich nach Spanien zu begleiten.“

Allegra und Cristian waren erst vor fünf Stunden in Spanien eingetroffen. Das musste sich ja in Windeseile bis zu ihrem wütenden Bruder herumgesprochen haben.

„Du bist ja nicht auf den Kopf gefallen, Renzo.“ Cristian schaute aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. „Daher kannst du dir sicher zusammenreimen, was genau los ist.“

„Willst du damit sagen, du bist wirklich der Vater von Allegras Baby?“

„Es scheint so zu sein“, gab Cristian widerstrebend zu.

Renzo schäumte vor Wut. „Sei froh, dass du nicht hier bist. Ich hätte dir eigenhändig den Hals umgedreht.“

Cristian rang sich ein müdes Lächeln ab. „Dann müsste dein Neffe ohne Vater aufwachsen. Hast du darüber mal nachgedacht?“

„Wie konntest du es wagen …?“ Renzo war so außer sich, dass er Cristians Einwand nicht einmal zur Kenntnis genommen hatte. „Sie ist ganz anders, als du denkst, nämlich naiv und idealistisch.“

Müde strich Cristian sich über die Stirn. „Es war nicht meine Absicht, deiner Schwester die Unschuld zu rauben. Ich wusste doch gar nicht, wer sich unter der Maske verbarg. Ebenso wenig wie Allegra ahnte, mit wem sie sich einließ.“

Renzo lachte abfällig. „Du willst mir doch nicht weismachen, dass du nicht einmal geahnt hast, dass es Allegra war?“

Cristian zuckte zusammen, fing sich aber sofort. „Verzogene Gören, die noch dazu verlobt sind, interessieren mich nun wirklich nicht, Renzo. Das solltest du eigentlich wissen.“

Nach kurzem Schweigen fragte Renzo: „Und was nun?“

„Ich werde sie natürlich heiraten. Du wirst es nicht glauben, aber ich halte den Verlobungsring gerade in meiner Hand.“ Cristian ließ das Schmuckkästchen aufschnappen, das auf Cristians Anweisung per Kurier aus dem Castillo gebracht worden war. Er beabsichtigte, Allegra den Ring beim festlichen Abendessen, mit dem er das Hauspersonal beauftragt hatte, über den Finger zu streifen.

Cristian konnte nachvollziehen, dass Allegra wütend auf ihn war. Er neigte nun mal nicht zum Süßholzraspeln, war eher der in sich gekehrte zynische Typ. Okay, das musste sich ändern. Er nahm sich vor, daran zu arbeiten. Die Mutter seines Kindes durfte nicht bevormundet, sondern musste umworben werden. Dann hätten sie vielleicht doch die Chance auf ein friedliches Zusammenleben.

„Hat sie Ja gesagt?“, fragte Renzo.

„Ja, das hat sie.“

„Das wundert mich. Allegra kann dich nicht ausstehen, Cristian.“

„Ich weiß, sie lässt es mich deutlich spüren. Aber sie ist auch nicht dumm, und ich trage den Titel eines Herzogs. Mein Kind muss ehelich zur Welt kommen. Ich hoffe, dass wir beide trotz dieser delikaten Angelegenheit Freunde bleiben, Renzo.“

„Wir werden sehen. Ich kann dir nicht verzeihen, meine Schwester geschwängert zu haben. Andererseits muss Allegra nun wenigstens nicht das Leben führen, das meine Eltern für sie vorgesehen hatten. Sie war von Anfang an dagegen, Prinz Raphael zu heiraten. Ich übrigens auch. Warum soll sie ihre eigenen Ideen und Vorstellungen, wie sie ihr Leben gestalten will, aufgeben, nur weil sie eine Frau ist? Sie hat es gar nicht nötig, eine gute Partie zu machen. Wir leben doch nicht mehr im achtzehnten Jahrhundert!“

„Dein Leben wird ja auch von der Vergangenheit diktiert, Renzo. Hättest du dich aus freien Stücken entschieden, das Unternehmen deines Vaters zu führen? Eines Tages wirst auch du heiraten und einen Erben zeugen müssen, der das Familienunternehmen von dir übernimmt.“

„Wen ich heirate, ist meinen Eltern aber ziemlich egal. Ich könnte auch mit einem drittklassigen Filmsternchen vor dem Altar stehen.“

„Das wirst du nicht tun.“

Renzo lachte amüsiert. „Unterschätz nicht meine Schamlosigkeit. Ich habe mir fest vorgenommen, die ungeeignetste Frau zu heiraten, die mir über den Weg läuft. Damit lasse ich mir aber noch zwanzig Jahre Zeit.“

Cristian hatte noch nie verstanden, dass Renzo die Wünsche seiner Eltern einfach ignorierte und in seinem Privatleben unbekümmert tat und ließ, was er wollte.

„Wenn wir wieder voneinander hören, werde ich offiziell mit deiner Schwester verlobt sein. Danach werde ich mit deinen Eltern sprechen.“

„Warum bist du eigentlich mit ihr nach Spanien geflogen?“

„Damit du es schwerer hast, mir den Hals umzudrehen! Und weil ich mir so bessere Chancen ausgerechnet habe, dass sie meinen Antrag auch annimmt. Sie ist übrigens viel vernünftiger, als ich dachte. Trotzdem hat sie erst während des Fluges in meinem Privatjet Ja gesagt.“

„Ich könnte dich wirklich umbringen, Cristian, wenn ich das höre!“

„Dann reden wir nicht mehr davon. Ich muss jetzt auflegen, Renzo, sonst komme ich zu spät zu meiner eigenen Verlobung.“

„Ich freue mich so sehr, dass Sie hier sind.“

Bei dem herzlichen Empfang durch die Haushälterin Maria wurde Allegra warm ums Herz.

Maria legte vorsichtig ein Kleid in einer halb durchsichtigen Schutzhülle aufs Bett. „Er ist in all den Jahren tieftraurig gewesen, viel zu ernst, hat nie gelacht.“

Die Jahre nach Sylvias Tod, dachte Allegra.

„Es wird ihm guttun, wenn hier wieder eine Frau wohnt“, fuhr Maria fort. „Ein Mann sollte nicht allein leben.“

Cristian war aber ganz gern allein. Allegra war sich ganz sicher. Jedenfalls wäre er lieber allein geblieben, als mit ihr zusammen zu sein. Natürlich behielt sie das für sich. Sie wollte Maria nicht erschrecken. „Ja, ich bin froh, dass er nicht mehr allein ist“, sagte sie leise und betrachtete das verhüllte Kleid auf dem Bett.

„Das Kleid für heute Abend“, erklärte Maria.

„Ich weiß nicht, ob für heute Abend ein besonderes Kleid erforderlich ist.“

„Cristian besteht darauf. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, alles zu seiner Zufriedenheit zu erledigen. Sie werden mich doch nicht enttäuschen, oder?“ Maria musterte sie streng.

„Niemals.“

Maria lächelte triumphierend. „Gut. Dann ziehe ich mich jetzt wieder zurück.“

Neugierig enthüllte Allegra das Kleid und zog es sofort an. Es war wunderschön! Tiefrote Spitze, die perfekt zu Allegras Teint und Haar passte. Es war figurbetont und hatte lange Ärmel. Der herzförmige Halsausschnitt brachte ihr Dekolleté perfekt zur Geltung.

Prüfend blickte sie in den Spiegel, drehte sich zur Seite und betrachtete ihren noch flachen Bauch. Wie lange es wohl dauern würde, bis ihr die Schwangerschaft anzusehen war? In der achten Woche war sie ja schon. Das kleine Wesen, das sie unterm Herzen trug, hatte ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt, blieb aber noch unsichtbar.

Das festliche Kleid saß wie angegossen. Allegra beschloss, sich besondere Mühe mit der Frisur zu geben, und ging ins Badezimmer. Dort fand sie auch Make-up, das zu Teint, Augen- und Haarfarbe passte. Cristian hatte wirklich an alles gedacht. Erfreut legte Allegra goldenen Lidschatten auf, benutzte Eyeliner und schminkte die Lippen tiefrot. Cristian würde sich natürlich einbilden, sie gäbe sich seinetwegen so viel Mühe. Vielleicht glaubte er auch, sie wollte ihn verführen. Darauf kann er lange warten, dachte sie, wandte sich ab und ging hinaus auf den Flur und die Treppe hinunter – langsam und vorsichtig, weil das enge, knielange Kleid sie in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkte.

Erst als Allegra sicher unten angekommen war, sah sie auf – direkt in Cristians Augen. Das Herz blieb ihr fast stehen, dann begann der Puls zu rasen, und heiße Lust pulsierte zwischen den Beinen.

Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn er sie küsste. Ihre Körper hatten sich vereinigt, doch Küsse waren Allegra verwehrt geblieben, weil Cristian ja eine Maske getragen hatte. Die schicksalhafte Begegnung auf dem Maskenball hat unser Leben vollkommen verändert, dachte Allegra.

„Ich hatte befürchtet, du würdest in Jeans erscheinen.“ Cristian rang sich ein Lächeln ab.

„Tatsächlich? Wieso? Hältst du mich für einen Trampel? Ich bin eine Frau aus gutem Hause, Cristian, und weiß, wie ich mich zu benehmen habe“, erklärte sie von oben herab.

„Wie auch immer. Jedenfalls bin ich angenehm überrascht.“ Er reichte ihr die Hand – wie vor acht Wochen auf dem Maskenball.

„Wollen wir?“

Sie hatte das Gefühl, er bitte sie nicht nur um ihre Hand, sondern auch um ihre Seele. Die Arme wurden Allegra schwer. Sie sah davon ab, nach seiner Hand zu greifen. Die Szene erinnerte sie viel zu sehr an den Maskenball in Venedig, als Cristian die dunkle Maske des Todes getragen hatte.

Cristian schien zu verstehen, was in Allegra vorging, und zog die Hand zurück. „Ich gehe schon mal vor. Komm einfach nach.“

Er ging hinaus auf die Terrasse. Dort war für zwei Personen gedeckt. Allegra bewunderte die festliche Tischdekoration und war froh, Marias Aufforderung nachgekommen zu sein, das extravagante Kleid anzuziehen.

Allegras Lieblingsgerichte waren bereits aufgetragen worden: Pasta, Carpaccio, grüner Salat mit Vinaigrette und Käsehaube.

„Woher weißt du, was ich gern esse?“, fragte Allegra verwundert.

„Überleg doch mal, wie oft ich bei deiner Familie mit zu Abend gegessen habe. Allegra. Ich bin ein guter Beobachter, und mein Gedächtnis ist auch nicht so schlecht.“

Sie war gerührt, kämpfte jedoch dagegen an. „Du hast mich beim Essen beobachtet? Das nehme ich dir nicht ab, Cristian. Du hast kaum einen Blick an mich verschwendet.“

„Vielleicht habe ich ja auch deinen Bruder gefragt. Such es dir aus!“ Höflich rückte er Allegra den Stuhl zurecht. „Setz dich doch!“

Schuldbewusst gehorchte sie schweigend. Vielleicht hatte sie Cristian unrecht getan. Andererseits war er derjenige, der sie zur Heirat zwang und schon vor der Geburt ihres Babys mit Sorgerechtsklagen drohte.

„Das sieht köstlich aus“, sagte sie schließlich, um irgendetwas zu sagen.

„So schmeckt es bestimmt auch. Mein Personal ist sehr gut ausgebildet und erfahren.“

„Das Küchenteam kennt sich mit italienischer und spanischer Küche aus“, sagte sie anerkennend.

„Die italienischen Gerichte gehen auf das Konto eines italienischen Chefkochs, den ich extra beauftragt habe“, gestand er beiläufig.

Erneut kämpfte sie gegen das warme Gefühl der Rührung an. Offensichtlich versuchte Cristian alles, damit sie sich hier wohl- und willkommen fühlte. Leider kam es Allegra vor, als säße sie in der Todeszelle bei der letzten Mahlzeit.

„Sag mal, Cristian, sollten wir den Hochzeitstermin nicht etwas aufschieben?“, fragte sie leise.

„Aber nicht zu lange. Ich habe keine Lust auf Fotos von dir, wie du praktisch zum Altar rollst. Wie sollen wir das später unserem Kind erklären, falls es diese Fotos zufällig im Internet entdeckt?“

„Ich meinte eigentlich, wir warten die kritischen ersten drei Monate ab“, erklärte sie.

„Wann wäre das?“

„In vier Wochen.“

„Vorher lässt sich die Hochzeit sowieso nicht arrangieren. Der Papierkrieg nimmt viel Zeit in Anspruch. Und erst die Gästelisten. Adelshochzeiten wollen sorgfältig geplant werden. Selbst wenn wir in kleinem Rahmen heiraten, kommen einige Leute zusammen. Jedenfalls möchte ich, dass die Welt von unserer Hochzeit Notiz nimmt. Das sind wir unserem Kind schuldig.“

Allegra wunderte sich. Er wollte wirklich eine richtige Adelshochzeit feiern? Sie hatte eher mit einer schlichten standesamtlichen Trauung gerechnet. „Aber du warst doch schon mal verheiratet, Cristian.“

„Genau. Auch von der Hochzeit wurden Fotos veröffentlicht, die unser Kind entdecken könnte. Ich will nicht, dass es mich fragt, warum die Hochzeit mit dir weniger prunkvoll war als die mit meiner ersten Frau.“

„Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir überstürzt heiraten.“

„Die ist aber nur uns bekannt, Allegra. Der Schein muss gewahrt werden.“

Ja, das wusste sie nur zu gut. Ihren Eltern sträubten sich immer wieder die Nackenhaare über Renzos Eskapaden. Er war ein unverbesserlicher Playboy. Da er jedoch das Familienunternehmen mit großem Erfolg führte, sahen seine Eltern ihm so manches nach. Für Allegra hatten von jeher strengere Regeln gegolten. Sie durfte sich in der Öffentlichkeit nicht den kleinsten Fauxpas leisten.

Sie suchte Cristians Blick. „Wir könnten behaupten, wir hätten uns so heftig ineinander verliebt, dass wir unbedingt sofort heiraten wollten.“

Cristian lachte harsch. „Vielleicht würde man uns das sogar abnehmen, wenn wir uns nicht zwei Jahre später scheiden lassen würden.“ Er wandte den Blick ab und widmete sich dem Essen auf seinem Teller.

Schweigend ließen sie sich das köstliche Abendessen schmecken. Allegra dachte über die Abendessen bei ihrer Familie nach, bei denen Cristian anwesend gewesen war. Renzo und er hatten sich stets angeregt unterhalten. Ihre Eltern freuten sich immer über Cristians Besuch. Sie selbst hatte immer Angst gehabt, etwas Falsches zu sagen, und schwieg meist. Wenn sie doch mal etwas zur Unterhaltung beitrug, endete es oft im Streit mit Cristian.

Ein schrecklicher Gedanke schoss ihr plötzlich durch den Kopf: Ob sie dasselbe Brautkleid tragen musste, das für die Hochzeit mit Raphael ausgewählt worden war? Da würde sie in vier Wochen ganz sicher nicht mehr hineinpassen. Sie war schwanger und konnte sich keine Radikaldiät leisten. Oje, ihre Mutter würde im Dreieck springen. Nachdenklich legte Allegra schließlich das Besteck auf den leeren Teller.

Auf dieses Zeichen schien Cristian gewartet zu haben. Er stand auf, griff in seine Sakkotasche und zog ein Schmuckkästchen hervor.

„Cristian …“

Doch er kniete bereits vor ihr und ließ das Kästchen aufschnappen.

Beim Anblick des exquisiten Smaragdrings stockte Allegra der Atem.

„Wir machen das jetzt ganz traditionell“, sagte Cristian ernst, nahm den Ring heraus und hielt ihn hoch. Das Licht brachte den edlen Stein zum Funkeln. Dann umfasste Cristian Allegras Hand und schob ihr den Ring über den Finger. „Du wirst mein sein“, sagte er altmodisch. „Du wirst meine Frau sein.“

Ergriffen saß Allegra einfach nur da.

„Sag Ja, querida!“

Sie brachte kein Wort heraus, also nickte sie zustimmend. Nun war sie zum zweiten Mal verlobt. Aber es war das erste Mal, dass ein Mann vor ihr auf die Knie gegangen war.

Lächelnd schaute er sie an. So hatte er sie noch nie angesehen, so sinnlich, so begehrlich, so heiß.

„So“, sagte er zufrieden. „Sollten da draußen irgendwelche Paparazzi lauern, dann haben sie jetzt wohl, was sie wollten.“ Er erhob sich und setzte sich wieder hin.

Allegra meinte, sich verhört zu haben. „Wie bitte?“

„Du bist momentan in den Schlagzeilen. Vermutlich ist man uns heimlich gefolgt. Ich wette, dass ein Teleobjektiv auf uns gerichtet ist. Jedenfalls wissen die Pressefritzen jetzt, was Sache ist.“

„Dann war das alles nur Show?“ Allegra war wütend und beleidigt zugleich. Sie hatte gerade begonnen, etwas für ihn zu empfinden, und nun das! Alles nur für die Paparazzi!

Wütend stand Allegra auf und ging auf Cristian zu. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, die Hände bebten. „Das war eine lahme Show, Cristian. Komm, wir bieten ihnen mal was. Du hast nämlich etwas Wichtiges vergessen.“

Cristian sah zu ihr auf. „Ich wüsste nicht, was ich vergessen haben soll. Ich habe vor dir niedergekniet, dir den Verlobungsring über den Finger geschoben …“

Allegra umfasste sein heißes Gesicht. „Ich zeige dir, was ich meine.“ Sie beugte sich vor und presste ihre Lippen auf seine.

Cristian fühlte ein wildes Feuer in sich lodern. Allegras Lippen waren weich und nachgiebig. Der Kuss verriet, wie unerfahren Allegra noch war. Diese Erkenntnis überwältigte Cristian. Der erste Kuss von Allegra – süß und unglaublich erregend.

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