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JULIA EXTRA BAND 434

LYNNE GRAHAM

Die Rache des griechischen Tycoons

„Werde meine Geliebte, und ich erlass deiner Familie die Schulden!“ Nikolai Drakos bekommt immer, was er will, und er will diese Frau. Auch wenn ihr Herz für einen anderen schlägt …

MICHELLE CONDER

Wer traut schon einem Millionär?

Dare James ist außer sich vor Wut. Diese Frau will an das Geld seines Großvaters! Er eilt auf den Familiensitz – und entbrennt in heißer Leidenschaft für die schöne Carly, die er eigentlich vertreiben will …

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Wüstenkönigin wider Willen

Diese Frau hat Scheich Idris nie vergessen können – und jetzt steht sie plötzlich vor ihm! Er muss sie einfach küssen. Doch der Kuss wird zum Skandal – und bringt ein gut gehütetes Geheimnis ans Licht …

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In Italien wartet das Glück

Wie soll er ihn je wieder hergeben? Millionär Giovanni Laurito liebt den kleinen Vic, auch wenn das Baby bei der Geburt vertauscht wurde. Auch dessen Mutter erobert sein Herz – aber kann diese Liebe von Dauer sein?

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Die Rache des griechischen Tycoons

1. KAPITEL

Nikolai Drakos besah sich das Foto sehr genau. Das konnte nicht dieselbe Frau sein – unmöglich! Niemals würde sein Rivale Cyrus Makris eine Frau aus ärmlichen Verhältnissen heiraten.

Verwirrt hob Nikolai den Kopf und studierte erneut das Bild der ätherisch wirkenden Rothaarigen. Ausgeschlossen! Das konnte nicht die kleine Verführerin, die Parkanweiserin, von damals sein. So winzig war die Welt dann doch nicht. Irgendwie passte es aber, denn er erinnerte sich, dass Cyrus ein Landhaus in Norfolk gehörte. Stirnrunzelnd ließ er die Gedanken in die jüngere Vergangenheit schweifen.

Die Frau, die er kennengelernt hatte, wusste trotz ihrer geringen Körpergröße genau, was sie wollte. Wobei er diese Eigenschaft bei den Schönheiten, die nur für kurze Zeit sein Bett teilten, so gar nicht schätzte. Die Frau auf dem Foto besaß auch noch smaragdgrüne Augen und einen Mund, so weich, samten und rosig wie eine Lotusblüte. Eine heiße Kombination, die zu vergessen ihn viel Zeit gekostet hatte. Unwillig presste er die sinnlichen Lippen aufeinander. Ein anderer Mann hätte vielleicht nach ihr gesucht, nachdem sie ihn abserviert hatte, um noch einen Versuch zu starten. Nikolai jedoch nicht. Er lief Frauen nicht hinterher, raspelte kein Süßholz, hatte nichts für Dates, Blumen oder diesen ganzen romantischen Kram übrig. Niemals. Also war er gegangen. Schließlich lautete sein Lebensmotto: Keine Frau ist unersetzlich, keine ist einzigartig. An die große Liebe glaubte er sowieso nicht. Für ein paar wenige fesselnde Momente hatte sie seine Fantasie beflügelt. Aber dass die schiere Lust ihn dazu brachte, ihr nachzulaufen? Nein, das kam überhaupt nicht infrage. Und überhaupt: Seit wann musste er Frauen nachsteigen?

Dass Cyrus’ ältlicher Vater den Druck auf seinen fünfundvierzigjährigen Sohn und Erben erhöhte, er möge endlich heiraten, war allgemein bekannt. Dennoch fiel es Nikolai schwer, zu glauben, dass Cyrus tatsächlich vorhaben könnte, diesen ungestümen Rotschopf, der seinen, Nikolais, heiligen McLaren Spider zerkratzt hatte, zur Frau zu nehmen. Denn Cyrus stand nur auf reine, unberührte weibliche Wesen. Diese bittere Erfahrung hatte Nikolais verstorbene Schwester machen müssen. Und Nikolai hielt es für ausgeschlossen, dass die lebhafte Rothaarige auf dem Bild noch rein und unberührt war.

Als Nikolai aufsprang, spannten sich seine Muskeln an. Er griff sich die Akte, die er studiert hatte. Der von ihm eingesetzte Privatdetektiv war ein Profi und der gelieferte Bericht gründlich recherchiert. Erneut betrachtete er die Bilder. Zugegeben, die Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen war frappierend. Neugierig begann Nikolai die Fakten über Prunella, die Ella genannt wurde, zu lesen. Ja, in jener Nacht hatte er gehört, wie ihre Chefin diesen Namen benutzt hatte, erinnerte er sich. Ella Palmer war dreiundzwanzig, ehemalige Studentin der Veterinärmedizin und früher mit Cyrus’ verstorbenem Neffen Paul verlobt gewesen. Die Verbindung zwischen ihr und Cyrus hätte er nicht vorhersehen können, denn der kümmerte sich selten um seine Verwandte.

Nikolai, der überraschenderweise mehr wissen wollte, las weiter. Ein Jahr war seit dem Tod des Neffen an Leukämie vergangen, zwei Jahre war der Schlaganfall von Ellas Vater George Palmer her. Aktuell ertrank der alte Mann in Schulden. Nikolai fand es erstaunlich, dass Cyrus, der zwar reich, aber geizig war, sich nicht einschaltete und Ellas Familie half. Aber vielleicht hielt er diese Möglichkeit als Trumpf in seinem Machtspielchen zurück.

Nikolai hingegen erkannte sofort, dass es für ihn die optimale Chance war zu handeln. Er rief seine persönlichen Assistentinnen zu sich und erteilte Anweisungen, noch während er versuchte, zu verstehen, weshalb Ella Palmer sich als Cyrus’ Braut eignen sollte.

Was war so besonders an ihr? Ein paar Jahre lang hatte sie sich in Cyrus’ Nähe aufgehalten. Als Verlobte seines Neffen war sie sicherlich unantastbar gewesen, wobei das Unerreichbare stets eine gewaltige Versuchung für einen Mann darstellte, der geradezu aufblühte, wenn es darum ging, die Regeln zu brechen. Nun war sie allein und schutzlos, und Cyrus schien den Geduldigen zu spielen. Oder war es Ella, die ihrerseits erpicht darauf war, Cyrus zu heiraten? Denn auch wenn er alt genug war, um ihr Vater zu sein, so war er auch ein prominenter und wohlhabender Geschäftsmann.

Was mochte Cyrus, von der Unschuld einmal abgesehen, anziehend an ihr finden? Ella Palmer konnte weder mit Geld noch mit Beziehungen aufwarten. Sie war eine Schönheit, aber eine Frau, die einmal verlobt gewesen war, konnte heutzutage unmöglich noch Jungfrau sein. Verwundert schüttelte Nikolai den Kopf. Oder doch? Hatte sie überhaupt eine Idee, mit welchem Mann sie sich da abgab? Mit einem Typen, den sexuelle Gewalt erregte? Der ihr einen bleibenden Schaden zufügen würde, sofern er die Chance dazu erhielt? Oder betrachtete sie einen Ehering als angemessene Entschädigung für brutale Misshandlungen?

Es war egal, denn Nikolai würde sie vor Cyrus schützen. Dieser Mann war gefährlich, und Nikolai wusste nur zu gut, dass er den dunklen Seiten des Lebens verfallen war. Durch Bestechung, Einschüchterung und Schmiergelder schaffte es Cyrus bis heute, sich der gerechten Strafe zu entziehen. Seit Langem schon sah Nikolai sich gezwungen, zu subtileren Mitteln zu greifen, um sich zu rächen. Da er äußerst reich und intelligent war, hatte er jeden einzelnen Schritt seines Gegners in der Geschäftswelt verfolgt und ihm regelmäßig lukrative Aufträge vor der Nase weggeschnappt. Was sich einfach gestaltete, denn Cyrus machte sich eher Feinde als Freunde. Trotzdem war das nicht im Mindesten so befriedigend, als wenn er Cyrus auf einer persönlicheren Ebene treffen könnte. Ella Palmer zu verlieren, dabei zuzusehen, wie sie seinen schlimmsten Rivalen ihm vorzog, würde Cyrus einen vernichtenden Schlag verpassen. Und alles, was Cyrus Schmerzen zufügte, machte Nikolai glücklich.

Und was die Auswirkungen seiner Handlungen auf Ella Palmer und ihre Familie betraf, kümmerte es ihn überhaupt? In Nikolais Krieg waren sie der Kollateralschaden. Trotz allem wäre ihre Familie gleichzeitig die erdrückenden Schulden los und Ella vor Cyrus in Sicherheit. Rücksichtslose Entschlossenheit stachelte Nikolais brennenden Wunsch nach Rache an. Dass Cyrus’ Opfern jede Art der Gerechtigkeit verwehrt geblieben war, bekräftigte Nikolai nur in seinem Vorhaben. Aber da war noch etwas – ein Gefühl, das ihn die Zähne zusammenbeißen ließ. Obwohl er mit aller Macht versuchte, ruhig zu bleiben, die Kontrolle zu behalten und unbeteiligt zu sein, überkam Nikolai bei dem Gedanken, dass Cyrus Ella in seine schleimigen Hände kriegen und sie verletzen würde, eine unbändige Wut …

„Es sieht schlimm aus, Ella“, sagte Gramma vorsichtig.

„Wie schlimm?“, hakte Ella nach. Ihr Mund fühlte sich trocken an.

George Palmer, Ellas Vater und Grammas Sohn, seufzte schwer. „Wenn es um die Familie geht, bin ich eine absolute Niete … Ich habe alles verloren!“

„Das Geschäft, ja. Wahrscheinlich ist es zu spät, dort etwas retten zu wollen. Das macht dich doch nicht zu einer Niete“, gab Ella mit zittriger Stimme zurück. Seit Ewigkeiten wussten sie, dass der Laden schlecht lief. „Aber das Haus ist …“

„Nein, Ella“, schnitt Gramma ihr das Wort ab. Ihr faltiges Gesicht war bleich und ausdruckslos. „Dieses Mal ist auch das Haus weg.“

„Was?“, rief Ella ungläubig. „Das Haus gehört dir, nicht Dad!“

„Die Scheidung von Joy hat mich die Hälfte des Geschäfts gekostet“, erinnerte sie der ältere Mann.

„Das einzige Vermögen, das wir damals hatten, war dieses Haus. Dein Vater erhielt den Geschäftskredit, den er brauchte, um Joy auszubezahlen, nur unter der Bedingung, dass er das Haus als Sicherheit einsetzt“, erklärte Ellas Großmutter, eine zierliche weißhaarige Dame in den Siebzigern, die sie Gramma nannte. „Also brachten wir es ein und hofften das Beste.“

„So eine Sch… äh … so ein Scheibenkleister“, stieß Ella aus und keuchte, nachdem sie kurz nach einem Wort gesucht hatte, das ihre Oma nicht empören würde.

In Gedanken bei ihrer Stiefmutter, der unberechenbaren Joy, überlegte Ella, dass ihr Vater seit der Scheidung sehr viel glücklicher wirkte. Joy war eine äußerst anspruchsvolle Frau gewesen. Auch wenn der ältere Mann sich relativ gut von dem Schlaganfall vor zwei Jahren erholt hatte, musste er heute einen Stock zu Hilfe nehmen, denn die linke Körperhälfte blieb einfach schwach. Joy hatte ihn während der Reha verlassen. Sobald sein ehemals solides Einkommen abnahm, hatte sie das Weite gesucht. Die Dienste eines guten Anwalts für die darauffolgende Scheidung hatte sich ihr Vater nicht leisten können. Und so war es für alle ein Schock, dass das Scheidungsurteil seiner von ihm getrennt lebenden Frau die Hälfte seines Möbelgeschäftes zusprach. Sie auszubezahlen hatte die Familie unversehens in diese katastrophale finanzielle Notlage gebracht.

„Dass wir das Risiko mit dem Haus eingegangen sind, hat sich für uns nicht bezahlt gemacht. Aber ich tröste mich mit dem Gedanken, dass wir es wenigstens versucht haben“, merkte George Palmer ironisch an. „Andernfalls würden wir uns immer fragen, ob wir es nicht hätten doch tun sollen. Nun hat sich die Sache erledigt, und zu unserem Leidwesen müssen wir meine Gläubiger bezahlen.“

Seine Art, alles kampflos hinzunehmen, trug nicht gerade dazu bei, dass sich Ellas Stimmung besserte. George Palmer war von Natur aus ein Gentleman, der niemals auch nur ein schlechtes Wort über jemanden oder etwas verlor. Stattdessen wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Schreiben auf dem Küchentisch zu und schnappte es sich. „Darum geht es in dem Brief? Um deine Gläubiger?“

„Ja, meine Schulden wurden von einem anderen Unternehmen gekauft. Die Anwälte des neuen Eigentümers erklären, sie wollen das Haus veräußern.“

„Na, das werden wir ja sehen!“, zischte Ella, richtete sich auf und zog ihr Handy hervor. Endlich konnte sie etwas tun, denn herumzusitzen und sich über die miese Lage zu beklagen war nicht ihre Art.

„Hier geht’s nur ums Business, Ella.“ Bedauernd sah Gramma ihre temperamentvolle Enkeltochter an. „An Geschäftsleute zu appellieren ist reine Zeitverschwendung. Sie wollen lediglich ihr Geld und eventuell noch einen Gewinn auf ihre Investition.“

„So einfach ist das aber nicht!“, ereiferte sich Ella. „Du redest hier von unserer Zukunft!“ Damit stolzierte sie aus der Küche, um die Anwaltskanzlei anzurufen und einen Termin auszumachen.

Das Leben kann echt grausam sein, dachte sie. Immer und immer wieder hatte Ella Schicksalsschläge und Enttäuschungen hinnehmen müssen. Sie hatte sich so sehr an diesen Zustand gewöhnt, dass sie bald gelernt hatte, die Zähne zusammenzubeißen und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Wenn es aber darum ging, dass ihre Familie leiden musste, war das etwas völlig anderes. Es weckte ihren Kampfgeist. Die Gesundheit ihres Vaters würde niemals wieder vollständig hergestellt werden, trotzdem verdiente er etwas Frieden nach dem Aufruhr durch seine Scheidung. Sie konnte es nicht ertragen, dass er sein Zuhause verlor, nachdem er schon so viele beängstigende Veränderungen hatte akzeptieren müssen.

Und Gramma? Ellas strahlend grüne Augen füllten sich mit Tränen bei dem Gedanken, dass Gramma ihr geliebtes Heim verlor. Gemeinsam mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann war sie in den 1960er-Jahren in dieses Haus gezogen. Hier hatte ihr Sohn das Licht der Welt erblickt, und sie hatte noch nie woanders gelebt. Auch Dad und ich nicht, überlegte Ella verzweifelt. Das etwas heruntergekommene, aber gemütliche Einfamilienhaus stand für sie alle im Zentrum ihres Sicherheitsgefüges.

George Palmer hatte sich auf der Universität in Ellas Mutter Lesley verliebt und gehofft, sie würden heiraten, als sie mit Ella schwanger wurde. Lesley jedoch zeigte wenig Begeisterung. Kurz nach Ellas Geburt verließ sie George und ihre Tochter, um in Kalifornien Karriere zu machen. Damals schon eine brillante junge Physikerin, hatte sich Ellas Mutter über die Jahre zu einer weltbekannten Wissenschaftlerin entwickelt.

„Offenbar fehlen mir sowohl das Mutter- als auch das Ehefrauen-Gen, denn ich bereue es bis heute nicht, Single und kinderlos zu sein“, hatte Lesley Ella bei ihrem ersten Treffen erklärt. Da war Ella achtzehn Jahre alt gewesen. „George hat dich vergöttert. Und als er Joy heiratete, fand ich es besser, dich Teil einer perfekten kleinen Familie sein zu lassen, ohne dass ich mich einmische …“

Ella versuchte die Gedanken an diese kleine Ansprache, die ihre lieblose Mutter ihr gehalten hatte, zu verdrängen. Lesley hatte nicht im Mindesten erkannt, dass ihr vollkommenes Desinteresse an ihrer Tochter und das mangelnde Mitgefühl sie, Ella, noch mehr verletzten. Im Übrigen waren George, Joy und sie gar keine perfekte Familie gewesen. Sobald sie verheiratet waren, hatte Joy deutlich gemacht, wie sehr ihr Ellas Anwesenheit im Haus missfiel. Hätten George und Gramma sie nicht mit Liebe und Aufmerksamkeit überschüttet, wäre Ella ein zutiefst unglückliches Kind gewesen.

Für Joy, dachte Ella bitter, ist die Scheidung sehr positiv verlaufen. Kopfschüttelnd schob sie diese sinnlosen Überlegungen beiseite. Sie musste sich jetzt auf die Zwangslage, in der ihre Familie steckte, konzentrieren. Währenddessen erklärte sie dem redegewandten jungen Mann, der ihren Anruf entgegengenommen hatte, ihr Anliegen, nachdem sie mit mehreren Mitarbeitern der Anwaltskanzlei gesprochen hatte. Dass sie bei ihm gegen eine Mauer des Schweigens rannte, erschütterte sie. Mit dem höflichen Hinweis auf die Vertraulichkeit von Mandantendaten weigerte sich der Anwalt, ihr die Identität des Gläubigers mitzuteilen. Darüber hinaus informierte er sie, dass etwaige Gespräche nur mit dem Schuldner, also ihrem Vater, geführt werden würden. Wenigstens versprach er ihr, ihre Anfrage weiterzuleiten.

Als sie auflegte und bestürzt auf die Uhr sah, brannten Tränen des Frustes in ihren Augen. Sie musste sich zusammenreißen und zur Arbeit fahren. Immerhin bildete ihr schmales Gehalt zusammen mit Grammas Rente das einzige Haushaltseinkommen. Als sie die Jacke anzog, fiel ihr plötzlich etwas ein. Sie hielt an der Küchentür an und betrachtete die beiden älteren Personen. „Wisst ihr … äh … Habt ihr daran gedacht, Cyrus um Hilfe zu bitten?“, fiel sie mit der Tür ins Haus.

Das Gesicht ihres Vaters wirkte abweisend. „Ella … ich …“

„Cyrus ist ein Freund der Familie“, schaltete sich Gramma ein. „Es wäre falsch, einen Freund unter den gegebenen Umständen anzusprechen, nur weil er Geld hat.“

Ellas herzförmiges Gesicht überzog eine sanfte Röte, und sie nickte verständnisvoll. Aber sie verkniff sich die Bemerkung, dass die Dinge ernst genug lagen, um Missfallen erregen zu können. Vielleicht hatten sie auch schon gefragt, und ihnen war die Hilfe verwehrt worden. Vielleicht wussten sie aber auch mehr als sie. Im Augenblick konnte man Cyrus sowieso nicht ansprechen, denn er befand sich gemeinsam mit einer Wirtschaftsdelegation auf einer ausgedehnten China-Reise.

Sie kletterte in den alten, verbeulten Van – ihr einziges Beförderungsmittel – und fuhr los. Butch verfiel an der Haustür in lautstarkes Gebell, sodass sie blinzelte und sich fast zu spät an ihr Haustier erinnerte, das sie im Allgemeinen zur Arbeit begleitete. Sie bremste und öffnete rasch die Autotür, um das kleine Tierchen zu sich hineinzuheben.

Butch war ein Chihuahua-Jack-Russel-Mischling und absolut winzig, doch er hatte den Mut und die Persönlichkeit eines Schäferhundes. Mit nur drei Beinen auf die Welt gekommen, wäre er unmittelbar nach der Geburt eingeschläfert worden, hätte Ella sich nicht in ihn verliebt, als sie ein Praktikum in der Veterinärchirurgie absolvierte. Jetzt ließ Butch sich ruhig in seinem Hundekorb nieder, da sein Frauchen absolut jede Art der Störung beim Fahren missbilligte.

Ella arbeitete in einem Tierheim ein paar Meilen entfernt. Als Teenager hatte sie sich ehrenamtlich beim Tierheim Animal Companions engagiert und hatte dort später Trost gefunden in der Zeit, als der geliebte Mann mit einer Krankheit kämpfte, die ihn letztlich umbringen sollte. Nachdem sie dann gezwungen gewesen war, ihr Veterinärstudium abzubrechen, hatte sie die Stelle im Tierheim angenommen. Sie hoffte, eines Tages ihre Ausbildung fortzusetzen, um als Tierärztin mit eigener Praxis arbeiten zu können. Doch Pauls Erkrankung und der Schlaganfall ihres Vaters hatten ihr Leben unausweichlich vom Kurs abgebracht.

So schlimm ist das nun auch wieder nicht, sagte sie sich manchmal, wenn ihr Wunsch, als Tierärztin zu arbeiten, angesichts der Bedürfnisse anderer immer wieder in den Hintergrund trat. Im Tierheim konnte sie Arbeitserfahrung sammeln, und sie nutzte die Fähigkeiten, die sie sich während ihrer Ausbildung angeeignet hatte, indem sie inoffiziell als Tierarzthelferin fungierte. Da meine Anwesenheit zu Hause so viel Gutes bewirkt, wäre jeder andere Gedanke sehr egoistisch, schalt sie sich. In dieser schwierigen Zeit hatten Gramma und Dad ihre Unterstützung dringend gebraucht. Natürlich war ihr auch schmerzlich bewusst, welche Vorteile deren liebevolle Unterstützung für sie gehabt hatte.

Ihre Chefin Rosie, eine großherzige Frau in den Vierzigern mit krausen blonden Haaren, stürzte zu Ella auf den Parkplatz heraus, um sie zu begrüßen. „Das wirst du nie glauben … Samson hat ein Zuhause gefunden!“, erklärte sie aufgeregt.

Ella musste lächeln. „Das ist ein Scherz …“

„Na ja, den Hausbesuch, um die neuen Besitzer zu überprüfen, habe ich noch vor mir. Aber es scheinen sehr aufrichtige Menschen zu sein. Da ihr eigener Hund kürzlich aus Altersgründen gestorben ist, hatte ich nicht angenommen, dass sie wieder einen Oldie haben wollen. Aber sie dachten, ein junger Hund würde ihnen vielleicht zu viel werden“, führte Rosie aus.

„Samson verdient wirklich ein gutes Zuhause“, meinte Ella liebevoll. Wegen seines Alters war der dreizehnjährige Terrier wiederholt von möglichen Besitzern übergangen worden.

„Er ist so ein liebenswerter kleiner Kerl …“ Rosie zögerte, und ihr warmes Lächeln verblasste allmählich. „Ich habe gehört, der Laden deines Vaters hat letzte Woche zugemacht? Das tut mir sehr leid für deinen Dad …“

„Da kann man nichts machen“, erwiderte Ella und hoffte, jeden weiteren Kommentar im Keim zu ersticken. Mit Rosie, der hoffnungslosen Tratschtante, konnte sie die finanziellen Angelegenheiten ihrer Familie jedenfalls nicht besprechen.

Während Rosie sich über den Aufstieg der großen Möbelketten ausließ und den Schaden, den sie kleineren Geschäften zufügten, gab Ella hin und wieder einen zustimmenden Laut von sich. Dabei überprüfte sie, ob die Mitarbeiter das morgendliche Großreinemachen der Hundehütten erledigt hatten. Anschließend zog Ella einen Overall über und konzentrierte sich darauf, einen stark abgemagerten Streuner mit verfilztem Fell zu versorgen, der ihnen vom städtischen Hundefänger vorbeigebracht worden war. Danach schälte sie sich aus dem Anzug, wusch und fütterte den Pudelmischling und ließ ihn in einem Freigehege laufen.

Da hörte sie ein Auto und nahm an, dass Rosie sich auf den Weg zu ihrem Hausbesuch machte, um die möglichen neuen Besitzer von Samson zu überprüfen. Lächelnd ging sie ins Büro, wo sie zwischendurch arbeitete, da sie mit dem Papierkram besser zurechtkam als Rosie. Denn die wurde eher von ihrem Bedürfnis angetrieben, Tiere zu retten und ihnen ein neues Zuhause zu geben, als darauf zu achten, alle medizinischen, rechtlichen und finanziellen Bestimmungen einzuhalten, die einer gemeinnützigen Einrichtung auferlegt waren. Als Team waren Rosie und sie äußerst effizient, denn ihre Fähigkeiten ergänzten sich ausgesprochen gut. Der Umgang mit der Öffentlichkeit und die Geldbeschaffung lagen bei Rosie in sehr guten Händen, während Ella es bevorzugte, im Hintergrund die Arbeit mit den Tieren zu erledigen.

Auf der schicken Wohltätigkeitsauktion vor etwa einem Monat, zu der sie Cyrus überredet hatte, hatte sich Ella denn auch sehr unwohl gefühlt. Champagner, High Heels und Abendkleider waren wirklich nicht ihr Ding. Aber wie hätte sie es ihm abschlagen sollen, nachdem Cyrus sich so rührend um Paul gekümmert hatte, als er krank gewesen war? Sich auf einigen gesellschaftlichen Anlässen als seine Partnerin auszugeben ist da sicher nicht zu viel verlangt, sagte sie sich voller Ironie und grübelte wie schon so oft darüber nach, warum Cyrus nie geheiratet hatte. Er war fünfundvierzig Jahre alt, vorzeigbar, erfolgreich und Single. Hin und wieder hatte sie überlegt, ob er schwul war, aber Paul war richtiggehend wütend auf sie geworden. Er fand, sie machte aus einer Mücke einen Elefanten.

Rosie betrat das Büro und riss Ella unsanft aus ihren Grübeleien. Dabei wirkte sie ganz aufgelöst. „Du hast Besuch“, verkündete sie.

Ella runzelte die Stirn, stand auf und umrundete den Schreibtisch. „Besuch?“, wiederholte sie überrascht.

„Er ist Ausländer“, flüsterte sie deutlich hörbar, als ob die Tatsache allein schon furchtbar mysteriös und ungewöhnlich war.

„Aber er ist in Großbritannien auf die Schule gegangen und spricht ausgezeichnet Englisch“, vernahm sie da eine sehr maskuline Stimme durch die immer noch geöffnete Tür zum Warteraum, wo der Besucher offenbar sich selbst überlassen worden war.

Ellas Beine schienen wie gelähmt, und sie blieb wie erstarrt stehen. Kleine Schauer liefen ihr den Rücken hinunter, da sie, so unwahrscheinlich das war, die Stimme erkannte. Obwohl sie sie nur einmal vor etwa einem Jahr gehört hatte. Eigentlich unmöglich, aber es war … es war er! Der süße Typ mit dem schicken Auto, dem jähzornigen Gemüt und Augen, die sie an zartschmelzenden Karamell erinnerten. Warum, zum Teufel, besuchte er sie bei Animal Companions? Hatte er nach ihr gesucht?

„Ich lasse euch dann mal … äh … allein“, erklärte Rosie linkisch und machte Anstalten, den Raum zu verlassen, als der sehr große dunkelhaarige Mann hinter ihr hervortrat und kaum beachtete, dass sie noch immer anwesend war.

Ella hob eine Augenbraue. „Ist das wirklich nötig?“, fragte sie zweifelnd.

Nikolai betrachtete sie unverwandt. Sie war unglaublich klein und hatte eine zerbrechliche Statur. Daran erinnerte er sich. Wie auch an die lange, lockige bronzefarbene Haarpracht, denn die Farbe war eher ungewöhnlich: weder braun noch rot, sondern eine metallische Schattierung irgendwo dazwischen. Sie hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Elfe, die er einmal in einem Märchenbuch gesehen hatte. Seltsam, er fühlte sich irgendwie benommen, hatte einen trockenen Mund und konnte dabei nicht aufhören, sie zu beobachten! Schließlich wollte er nicht das kleinste Detail an dieser zierlichen elfenhaften Erscheinung verpassen. Nein, sie ist nicht perfekt. Keine Frau ist das, versuchte er sich zu überzeugen. Doch diese makellose Porzellanhaut, diese herrlich grünen Augen und der üppige Mund in diesem wunderschönen Gesicht waren unvergesslich. Kurzum: Sie war genauso schön, wie er sie in Erinnerung gehabt hatte.

„Unbedingt“, bestätigte Nikolai unbeirrt und schloss die Tür hinter Rosie. „Bei unserer letzten Begegnung wurden wir einander nicht vorgestellt.“

„Wie denn auch? Sie waren viel zu beschäftigt damit, mich anzuschreien“, erinnerte Ella ihn bissig.

„Ich heiße Nikolai Drakos … und Sie sind?“

Er hielt ihr die Hand hin, und wegen Grammas strenger Erziehung streckte Ella ihm die eigene entgegen. „Prunella Palmer. Die meisten nennen mich Ella. Was wollen Sie, Mr. Drakos? Sind Sie etwa wegen des dämlichen Autos hier?“, erkundigte sie sich vernichtend.

„Dieses ‚dämliche Auto‘ haben Sie ramponiert“, rief er ihr in Erinnerung.

„Ich habe einen winzigen Fleck auf einem Kotflügel hinterlassen. Keine Beule, keinen Kratzer“, erwiderte sie trocken. „Unfassbar, dass Sie sich immer noch darüber beschweren. Niemand wurde verletzt, und ein echter Schaden ist auch nicht entstanden.“

Wie gern hätte er ihr gesagt, wie viel es ihn gekostet hatte, diesen „Fleck“ beseitigen zu lassen. Sie war mit dem Auto an einem Busch vorbeigeschrammt, als sie zu schnell beschleunigt hatte. Aber er biss die Zähne zusammen. Es ist gut, daran erinnert zu werden, wie lästig sie sein kann, ermahnte er sich. Beschweren? Noch nie in seinem Leben hatte er sich beschwert. Nicht wenn sein Vater ihn verprügelte, nicht wenn er in der Schule gemobbt wurde, noch nicht einmal, als seine Schwester und einzige Verwandte gestorben war. Schon in sehr jungen Jahren hatte er gelernt, dass es im Grunde niemanden kümmerte, was mit ihm geschah, und niemand hören wollte, was er durchmachte. Nikolai hatte sich alles hart erkämpfen müssen.

Ella konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Er war so groß und breitschultrig, dass er jeden Zentimeter in Rosies kleinem Büro ausfüllte und es überfüllt und stickig wirkte. Angespannt sah sie ihn an, wie ein Hase, der von einem auf ihn zustürzenden Adler hypnotisiert wurde. Mit seiner olivfarbenen Haut, dem schwarzen Haar und den beeindruckenden karamellfarbenen Augen war Nikolai Drakos die ultimative Frauenfantasie. Dass er wie ein Sportler schlank und muskulös gebaut war, ließ sich in seinem anthrazitfarbenen Anzug nicht verbergen. Sie bemerkte, wie geschmeidig er sich mit seinen langen Beinen bewegte, und konnte nicht genau sagen, was an ihm ihre Aufmerksamkeit derart fesselte. Er war verdammt gut aussehend, ja. Aber das war es nicht. Er besaß eine beeindruckende Statur und würde wahrscheinlich noch im hohen Alter etlichen Frauen die Köpfe verdrehen. Vielleicht war es der elektrisierende, pure maskuline Sex-Appeal, den er ausstrahlte. Vor zwölf Monaten hatte sein Charme sie wie ein Blitz getroffen und sie ganz verlegen gemacht.

„Ich bin nicht wegen des Autos hier“, bemerkte Nikolai trocken. „Sondern weil Sie darum gebeten haben, mich zu treffen …“

Diese Bemerkung erstaunte Ella aufs Höchste. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Wie soll ich Sie um ein Treffen gebeten haben, wenn ich Sie gar nicht kontaktieren kann? Und wieso sollte ich das überhaupt tun, wenn ich nicht den geringsten Wunsch verspüre, Sie wiederzusehen?“, fragte sie scharf. Ihre ganze Haltung drückte aus, welch unerträglicher Egoist er sein musste, um das anzunehmen.

Süffisant lächelnd und mit kaum verhohlener Befriedigung sah Nikolai auf sie herab. Sie hatte sich an ihn gewandt. Sie hatte ihn zuerst gesucht, man konnte also sagen, das Schicksal war auf seiner Seite.

„Sie haben um meine Aufmerksamkeit gebeten“, wiederholte er.

Rasch wurde die Verwirrung, die Ella erfasst hatte, von Frust und Wut abgelöst. Sie hatte wirklich einen sehr miesen Tag und war überhaupt nicht in Stimmung für Überraschungen von großen arroganten Männern. Schon gar nicht von einem, der sie beleidigt hatte, indem er ihr einen One-Night-Stand anbot, noch bevor er sich nach ihrem Namen erkundigt hatte! Ja, erst handeln, dann nachdenken, das ist Nikolai Drakos’ Vorgehensweise, wenn es um Frauen geht, dachte sie verächtlich. Seinetwegen hatte sie sich sehr schlecht gefühlt, und das gestattete sie keinem Mann. Dann sah sie ihn wieder an, bemerkte das kompromisslose Funkeln in seinen Augen und erkannte, dass er ganz und gar nicht leichtfertig war, wie sie erst angenommen hatte. Was sie völlig aus dem Gleichgewicht brachte!

„Mir reicht dieser Unsinn!“, sagte sie ihm deutlich. „Ich möchte, dass Sie gehen.“

Nikolai hob eine wunderschön gebogene schwarze Augenbraue, wodurch er die Situation nur verschlimmerte. „Das glaube ich nicht.“

Die Wut, die Ella nur mühsam unter Kontrolle hielt, gewann immer mehr die Oberhand. „Pech für Sie, ich bin mir nämlich sicher!“, schleuderte sie ihm mit erhobener Stimme entgegen. „Sind Sie nicht verschwunden, wenn ich bis zehn gezählt habe, rufe ich die Polizei!“

„Tun Sie sich keinen Zwang an“, riet Nikolai, lehnte sich mit seinen breiten Schultern an die Tür und verschränkte die Arme vor der Brust – mit der kühlen Gelassenheit eines Mannes, der nicht die geringste Absicht hatte, irgendwohin zu gehen. So wie sie vor ihm stand und beinah platzte vor Wut, erinnerte sie ihn an einen Kolibri, der im Sturzflug eine Blume anvisierte. Winzig, aber genauso farbenfroh, heftig und lebhaft.

Feindseligkeit blitzte in Ellas smaragdgrünen Augen auf. „Ich meine es ernst!“

Nikolai seufzte. „Sie denken nur, Sie meinen es ernst. Ist Ihnen klar, dass Ihr Temperament eine große Schwäche ist?“

Erbost über diesen Angriff, begann Ella zu zählen: „Eins …

„Wenn Sie den Kopf verlieren, geben Sie die Kontrolle ab.“

„Zwei …“

„Und Sie können nicht mehr klar denken“, sagte Nikolai sanft.

„Drei!“

„Wie denn auch?“, fuhr Nikolai fort. „Im Moment kann ich in Ihrem Gesichtsausdruck wie in einer Landkarte lesen. Sie möchten mir an die Gurgel springen und auf mich einschlagen, sind aber nicht groß genug dafür. Also bleibt Ihnen nur, sich völlig unlogisch und kindisch zu verhalten …“

Vier! Und halten Sie den Mund, während ich zähle! Fünf!“, presste Ella entnervt hervor. Ihr Hals fühlte sich wie zugeschnürt an, daher kostete es sie große Mühe, die Worte auszusprechen.

„Die Vorstellung, die Sie mir gerade bieten, ist der Grund dafür, weshalb ich mir nie erlaube, die Beherrschung zu verlieren“, informierte Nikolai sie. Zum ersten Mal seit Langem hatte er enormen Spaß, weil sie so leicht auf die Palme zu bringen war. Er würde sie wie ein Spielzeug aufziehen und kontrollieren können … Es würde ihm leichtfallen.

„Sie könnten sich auch fragen, weshalb Sie so unvernünftig sind. Soweit ich weiß, habe ich nichts getan, was diese Begrüßung rechtfertigt“, murmelte Nikolai seelenruhig, doch um seine Mundwinkel herum zuckte es verdächtig.

„Sechs!“ Doch unversehens erinnerte sie sich an seinen Mund auf ihrem – hart, fordernd, leidenschaftlich. Und überhaupt nicht spielerisch, schüchtern und süß. Neben Paul war er der einzige Mann, der sie je geküsst hatte. Tief in ihrem Innersten brodelten Hass, Wut und Scham, aber ihr Körper schien ein Eigenleben zu führen. Ihre Brustwarzen richteten sich auf. Und tiefer, an einer Stelle, an die sie nicht einmal denken mochte, fühlte sie dieses fast vergessene heiße, pulsierende Gefühl. Vor Ärger biss sie die Zähne zusammen.

„Sieben!“, rief sie aus und griff nach dem Telefonhörer auf dem Schreibtisch. Verzweifelt sehnte sie sich danach, dass er endlich verschwand. In ihrem Kopf wirbelten Bilder und Eindrücke durcheinander.

„Wir werden uns blendend verstehen!“, bemerkte Nikolai süffisant. „Denn auch wenn ich mich unter Kontrolle habe, bin ich doch fordernd, stur und ungeduldig. Und wenn Sie mich ärgern, werden Sie das merken.“

„Raus!“, spie sie ihm wutentbrannt entgegen, weil sie ihn überhaupt nicht dazu bewegen konnte, auch nur im Geringsten auf ihre Drohungen zu reagieren. „Verschwinden Sie! Sofort!!“

„Acht … vielleicht sogar neun“, zählte er für sie weiter. „Wenn Sie erfahren, warum ich hier bin, werden Sie mich anflehen zu bleiben.“

„In Ihren Träumen vielleicht … zehn!“, konterte Ella mit Bestimmtheit, während sie schwungvoll den Hörer abhob.

„Ich habe die Schulden Ihres Vaters aufgekauft“, erklärte Nikolai und beobachtete, wie sie erstarrte und augenblicklich jede Farbe aus ihrem Gesicht wich. Ganz langsam senkte sich ihr Arm, und bestürzt legte sie den Hörer zurück.

2. KAPITEL

„Das ist unmöglich“, flüsterte Ella. „Das kann kein Zufall sein!“

„Doch“, hielt Nikolai dagegen, da er nicht beabsichtigte, sie in seinen Plan einzuweihen.

„Das erscheint mir doch sehr unwahrscheinlich“, haderte Ella, die sich vom Schreibtisch entfernte. Ihr Verstand bemühte sich nach Kräften, diese äußerst überraschende Wendung zu verarbeiten.

„Sie haben die Kanzlei angerufen, die meine Angelegenheiten regelt, und baten darum, mit mir zu sprechen“, erinnerte er sie ruhig. „Also bin ich hier.“

„Ich hätte nicht mit einem persönlichen Treffen gerechnet. Ich dachte eher an einen Anruf, eine Besprechung“, murmelte sie unsicher. Dabei plapperte sie nur so dahin, denn ihre Wut hatte sich in Angst verwandelt. Nein. Sie konnte den wichtigsten Gläubiger ihres Vaters nicht einfach anschreien und vergraulen. Auch wenn sie zornig war, so dumm war sie dann doch nicht.

Zähes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Ungläubig starrte sie ihn an. Unfassbar, welch unliebsamer Zufall Nikolai Drakos zurück in ihr Leben katapultiert hatte. Einen Mann, von dem sie angenommen hatte, dass sie ihn nie wiedersehen würde. Das allein hatte ihr geholfen, die kleine Episode aus ihrem Kopf zu streichen. Ihm nun wieder gegenüberzustehen fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht, und sie spürte, wie ihre Wangen warm wurden und prickelten, als hätte sie einen Sonnenbrand.

„Wie Sie sagten … da sind Sie“, bestätigte Ella hölzern. „Es überrascht Sie sicherlich nicht, dass ich schockiert bin, dass der Gläubiger meines Vaters jemand ist, den ich kenne.“

„Kennen? Unser Zusammentreffen war wohl eher eine flüchtige Begegnung auf einem Parkplatz“, spöttelte Nikolai. Allein dafür hätte sie ihn am liebsten geohrfeigt, denn bei ihm klang es so, als hätten sie mehr als nur einen Kuss geteilt.

Wäre sie damals gefügiger gewesen, hätten sie das auch. Zweifellos. Er war ein Spieler, die Art Mann, der genau das tat, was er wollte und wann er es wollte. Und er war damals in der Stimmung für Sex gewesen. Ihr Gesicht glühte, als ihr bewusst wurde, dass sie – hätte sie zugestimmt – ein heißes sexuelles Abenteuer in seinem Auto hätten haben können. Und dass sie es niemals bis ins von ihm vorgeschlagene Hotel geschafft hätte. Insgeheim verfluchte sie ihre helle Haut, denn die Demütigung brannte auf ihren Wangen und verriet, wie unwohl sie sich fühlte. Er hingegen betrachtete sie aufmerksam.

„Sie sind also der Gläubiger meines Vaters“, fasste Ella zusammen, den persönlichen Aspekt der unerfreulichen Angelegenheit bewusst ignorierend, weil sie dem Prickeln widerstehen wollte, das sie jedes Mal erfasste, wenn sie in Nikolais atemberaubend dunkle, mit schwarzen Wimpern umrahmte Augen sah. Sie hasste sich selbst dafür.

„Sie wollten mit mir sprechen“, sagte Nikolai ruhig. „Wobei ich nicht wüsste, was Sie mir zu sagen hätten. Abgesehen vom Üblichen. Wenn Sie Süßholz raspeln wollen – das funktioniert bei mir nicht. Kommen wir auf den Punkt: Hier geht es ums Geschäft. Es ist nichts Persönliches …“

„Aber für meine Familie ist es etwas Persönliches!“

„Ihre Familie geht mich nichts an“, erklärte Nikolai unmissverständlich. „Allerdings hätte ich ein anderes Angebot für Sie.“

Angespannt verlagerte Ella das Gewicht unmerklich auf die Zehenspitzen. „Ein Angebot?“, erkundigte sie sich atemlos.

Nikolai sah Hoffnung in ihren strahlend grünen Augen aufkeimen, und aus irgendeinem Grund kam er sich wie ein Mistkerl vor. Gereizt vertrieb er dieses fremde Gefühl. Was hatte diese Frau nur an sich? War es der verletzliche Gesichtsausdruck? Dass sie so zierlich war? Die schockierende Naivität, die sie veranlasste, einem völlig Fremden zuzutrauen, den guten Samariter zu spielen? Wieso war sie in ihrem Alter so vertrauensselig? Leider besaß er kein weiches Herz, das hatte er nie getan und würde es nie tun. Er kam niemandem zu nahe; baute keine Bindung auf. So war es schon immer gewesen, und er hatte nicht vor, seinen Charakter zu ändern. Lässt man zu, dass man sich um jemanden sorgt, wird man vor den Kopf gestoßen. Als kleiner Junge war ihm das so häufig passiert, dass er die Lektion schnell gelernt hatte.

„Unter einer Bedingung wäre ich bereit, die Schulden Ihres Vaters zu vergessen.“

Ein unheimliches Schweigen breitete sich aus, ihre Anspannung nahm zu, ebenso wie das beklommene Gefühl in der Magengegend. „Und die wäre?“, presste sie ungeduldig hervor.

„Sie ziehen für drei Monate zu mir nach London“, erklärte Nikolai aalglatt.

Verblüfft riss Ella die Augen auf. „Ich ziehe zu Ihnen? Und was genau soll das beinhalten?“

„Na ja, das Übliche, wenn ein Mann und eine Frau zusammenleben“, gab Nikolai zurück und fragte sich, warum er die Bedingungen nicht mit seiner üblichen Direktheit stellte.

Vielleicht weil sie noch nicht feststanden. Denn ihre Reaktionen und diese unverkennbare Schüchternheit überzeugten ihn allmählich davon, dass sie – so unwahrscheinlich es klang – tatsächlich noch Jungfrau war. Zu gern würde er mit ihr ins Bett gehen, wollte aber nicht, dass sie es nur über sich ergehen ließ. Er war nicht scharf darauf, der Mann zu sein, der ihr die Unschuld raubte. Aber wenn er genau darüber nachdachte, sollte es auch kein anderer tun.

Mit einem Mal schlugen seine Gedanken eine unverhoffte Richtung ein, und er begann, an dem Plan zu zweifeln, der ihm noch vor einer Stunde einfach und unkompliziert erschienen war. Dabei hatte sich zwischenzeitlich nur geändert, dass Ella Palmer jetzt direkt vor ihm stand. Und anstatt sie schlicht als ein geschäftliches Projekt zu betrachten, sah er sie mehr und mehr als Lustobjekt.

Nikolai verwirrte das zutiefst, denn eigentlich war sie überhaupt nicht sein Typ. Er stand mehr auf große, kurvenreiche Blondinen. Ella war winzig, dünn und besaß ungefähr so viele Kurven wie ein Junge im Teenageralter. Nikolai verstand also gar nicht, warum er genau in dem Moment eine schmerzhafte Erektion bekam, als sie sich bewegte und sich ihre kleinen Brüste unter dem T-Shirt abzeichneten. Jetzt konnte er durch den dünnen Stoff ihre aufgerichteten Spitzen sehen, und sein Körper sehnte sich danach, deutlich mehr von ihrer schmalen und trotz allem höchst weiblichen Figur zu sehen. Allerdings ging es da nur um Sex. Nichts weiter. Aber für den Fall standen ihm bequemere Möglichkeiten offen, nicht wahr? Teufel auch! Wieso dachte er überhaupt an so etwas? Was war nur los mit ihm?

„Ich soll Ihre Freundin sein …?“, brachte Ella erstaunt hervor, die kaum glauben konnte, dass sie diese Unterhaltung führten.

Nikolai fuhr zusammen. „Ich habe keine Freundinnen … Ich habe Sex.“

„Dann sind Sie eine männliche Hure“, platzte sie heraus, noch bevor sie sich besinnen konnte. Allerdings gab es ihrer Ansicht nach nur zwei Sorten von Männern. Die eine war offen gegenüber der Möglichkeit, die Eine zu treffen und eine Verpflichtung einzugehen, und die andere wollte lediglich durch die Betten einer möglichst großen Zahl von Frauen hüpfen.

Seine karamellfarbenen Augen funkelten. „So sollten Sie mich nicht nennen!“

„Das sollte keine Beleidigung sein. Ich wollte lediglich ausdrücken, dass Sie nur Sex wollen. Also, auch wenn ich es nicht hätte sagen sollen, ich habe einfach eine Tatsache ausgesprochen.“ Nervös unterbrach sich Ella. „Ich versuche nur das zu interpretieren, was Sie vorgeschlagen haben – wenn nicht Freundin …?“

„Geliebte“, fuhr Nikolai eiskalt dazwischen.

Ella blinzelte ungläubig. Das hatte er jetzt nicht gesagt … oder etwa doch? Andererseits – was wusste sie schon über Nikolai Drakos? Sie wandte sich von ihm ab, schlenderte zum Fenster und entdeckte überrascht eine große, auf Hochglanz polierte dunkle Limousine inklusive Fahrer draußen auf dem Parkplatz. Das Fahrzeug konnte nur ihm gehören. Was wiederum bedeutete, dass Nikolai reich und privilegiert war. Eine Geliebte zu haben, die ihm sexuell jederzeit zur Verfügung stand, mochte für ihn daher so ungewöhnlich nicht sein.

Unglücklicherweise hatte der Schock, dass er ihr ein unmoralisches Angebot unterbreitete, Ella die Sprache verschlagen. Niemals wäre sie darauf vorbereitet gewesen. Sie sah nicht umwerfend gut aus … Er hingegen schon. Männer drehten sich nicht nach Ella um, wenn sie an ihnen vorbeilief. Es fehlten ihr nicht nur die langen Beine, sondern auch die Kurven, die man gemeinhin benötigte, um Aufmerksamkeit zu erregen. Wieso also, um alles in der Welt, machte er ihr so einen Vorschlag?

„Wir kennen uns nicht mal“, entgegnete sie benommen. „Sie sind ein fremder …“

„Das gibt sich, wenn Sie eine Weile bei mir leben“, erklärte Nikolai äußerst ruhig.

Diese unmenschliche Ruhe, diese Kälte ließen sie herumwirbeln. Verzweifelt blickte sie in sein schlankes, finsteres und doch attraktives Gesicht. „Sie können das nicht ernst meinen!“

„Oh, ich versichere Ihnen, ich meine es todernst. Sie ziehen bei mir ein, und ich vergesse die Schulden Ihrer Familie.“

„Das ist verrückt!“ Wieso sah er das nicht ein? Sie schien nicht zu ihm durchzudringen. Offensichtlich wollte er so tun, als wäre so eine Forderung etwas Alltägliches.

„Für mich nicht“, versicherte Nikolai. „Wenn ich etwas will, verfolge ich es erbarmungslos.“

Sie senkte die Lider. Wollte er sie so sehr? Dass er sie aufspürte, die Schulden ihres Vaters aufkaufte und versuchte, sich zusammen mit diesen Schulden Rechte an ihr und ihrem Körper zu erschleichen? „Es ist unmoralisch … Das ist Erpressung!“

„Das ist sicher keine Erpressung. Durch mich erhalten Sie die Möglichkeit einer Wahl, die Sie nicht hatten, bevor ich durch diese Tür kam“, sagte er. „Sie können frei entscheiden!“

„Von wegen!“, feuerte Ella zurück. „Diese ‚Möglichkeit‘ ist skrupellos.“

„Sagte ich je, ich hätte Skrupel?“, erkundigte Nikolai sich fast schon im Plauderton. „Ich weiß, was ich will. Und ich will Sie in London haben, um Sie auszuführen und mit Ihnen anzugeben.“

„Aber … wieso?“, unterbrach sie ihn hilflos, weil sie es unbedingt verstehen wollte. „Wieso ich? Ich habe in jener Nacht Nein gesagt … Hat das ausgereicht, um Sie anzuheizen? Dass Sie mir jetzt so etwas vorschlagen?“

„Ich beantworte diese Fragen nicht“, erklärte er entschieden. „Meine Motive gehen nur mich etwas an. Sie können die Möglichkeit in Erwägung ziehen oder es bleiben lassen. Es liegt ganz bei Ihnen.“

„Aber Ihre Geliebte …!“ Ella lächelte verkrampft. „Ihnen ist schon klar, dass das nicht geht, selbst wenn ich Ja sagen wollte …“

Er runzelte die Stirn. „Was meinen Sie?“

„Mein Vater könnte nicht damit leben, wenn er wüsste, dass ich mit einem Mann schlafe, nur um ihm aus seinen Schwierigkeiten zu helfen! Nein. Die Sache mit der Geliebten ist, soweit es mich betrifft, völlig ausgeschlossen.“

„Das müssen Sie entscheiden.“ Nikolai legte eine Visitenkarte auf den Schreibtisch. „Hier ist meine Telefonnummer. Ich bin bis morgen im Wrother Links Hotel zu erreichen.“

„Meine Antwortet lautet nein“, beeilte Ella sich, ihm mitzuteilen.

Nikolai bedachte sie mit einem ruhigen, frechen Lächeln. „Denken Sie sorgfältig darüber nach, bevor Sie Nein sagen. Allerdings ziehe ich mein Angebot zurück, wenn Sie die Angelegenheit anderen gegenüber erwähnen“, gab er ihr sanft zu bedenken. „Denn sie ist streng vertraulich.“

„Sie können nicht einfach eine wildfremde Frau fragen, ob sie zu Ihnen zieht“, gab sie bissig zurück, außer sich vor Wut – weil er die Stirn besaß, ihr solch einen Vorschlag zu machen, und dabei noch so lässig wirkte.

Nikolai zuckte die breiten Schultern. „Doch, das kann ich.“

„Das ist grausam!“, rief sie aus. „Das ist kein Angebot, sondern eine Mogelpackung!“

Nikolai warf ihr einen glühenden Blick von der Seite zu. „Die einzige Mogelpackung waren Sie, als Sie mich letztes Jahr auf diese Weise geküsst haben, nur um dann einen Rückzieher zu machen und vorzugeben, ich hätte Sie beleidigt“, murmelte er gelassen.

„Sie haben mich beleidigt!“, schleuderte Ella ihm mit hochrotem Kopf entgegen. Ob ihre Weigerung an jenem Abend diese Kettenreaktion ausgelöst hatte? Oder steckte etwas anderes dahinter?

Lässig richtete Nikolai sich auf, als er die Tür öffnete. „Wenn Sie so leicht zu beleidigen sind, ist es wohl besser, dass Ihre Antwort ein Nein ist.“

Wieso das seltsamerweise nicht das war, was sie hören wollte, konnte Ella nicht begreifen. Ebenso wenig wie das Gefühl, dass sein Aufbruch mehr einen Tiefpunkt als einen Anlass zur Freude markierte. Sie beobachtete, wie die Limo davonfuhr, doch ihre Gedanken waren meilenweit entfernt. Sie schweiften ab zurück zu dem Moment, als sie Nikolai Drakos zum ersten Mal begegnet war …

Ailsa, die beste Freundin ihrer Stiefmutter Joy, war Hochzeitsplanerin, und da eine ihrer Teilzeitkräfte krank geworden war, hatte Joy darauf bestanden, dass Ella einsprang. Sie hätte ablehnen können, ja. Aber hätte Ella die ältere Frau verärgert, wäre ein Wutanfall Joys die Folge gewesen. Und das hätte die ganze Familie ausbaden müssen. Sie hatte es gehasst, mit anhören zu müssen, wie ihre Stiefmutter ihren Vater mit bösen, spöttischen Kommentaren quälte. Als Ella an besagtem Abend in dem Landhaus ankam, war sie überrascht, dass sie nicht wie erwartet bedienen, sondern die Autos einparken sollte. Mit ihrer Liebe zu schnellen Autos wäre es sicherlich ein Vergnügen gewesen, die Luxuskarossen zu parken, die die Hochzeitsgäste fuhren. Wäre ihr Fuß nicht vom Pedal des McLaren Spider, der Nikolai gehörte, gerutscht. Und hätte der Kotflügel nicht einen vorstehenden Busch gestreift.

Da Nikolai laut wurde, kam Ailsa eilends dazu, um die Wogen zu glätten. Leider verhallte Ellas direkte Entschuldigung ungehört, und Ailsa machte eine große Show daraus, Ella zu feuern, um Nikolai zu beruhigen. Plötzlich beruhigte sich Nikolai aber, ließ von der Sache ab und bestand darauf, dass Ailsa Ella nicht feuerte. Dann gesellte er sich zu den anderen Gästen ins Haus.

Erst sehr viel später an jenem Abend sah sie Nikolai wieder. Sie stand draußen vor dem Festsaal und hörte dem DJ zu, der für die Abendgesellschaft auflegte. Dabei bewegte sie sich zum Rhythmus, um sich in der Kälte warm zu halten. Als sie hinter sich ein Geräusch hörte, wirbelte sie herum. Da stand er und beobachtete sie mit golden schimmernden Augen, die durch die reflektierenden Lichter wie geschmolzener Karamell wirkten.

„Sie können sich Ihr Auto selbst holen“, sagte Ella geradewegs.

„Wie recht Sie haben, ich würde Sie nicht wieder hinters Steuer lassen“, gab er zu und näherte sich ihr beinahe lautlos, bis er auf sie herabsehen konnte. „Wann sind Sie fertig?“

„Ich warte nur auf einen der Barkeeper, der mich nach Hause fährt.“

„Das könnte ewig dauern“, murmelte er leise.

„Möglich.“ Sie hob den Kopf und schüttelte sich das Haar aus dem Gesicht, das ihr der Wind in die Augen blies.

„Sie haben wundervolles Haar“, flüsterte er.

„Danke …“ Durch das helle Licht, das hinter ihr durch die Fensterfront fiel, konnte sie seine schlanken Züge sehr gut erkennen – und in diesem Moment lediglich daran denken, dass er der umwerfendste Mann war, dem sie je begegnet war.

„Und atemberaubende Augen … aber Sie sind eine lausige Fahrerin.“

„Ich bin vom Pedal abgerutscht. Ich fahre gut und habe sogar ein Fahrsicherheitstraining absolviert.“

„Das glaub ich Ihnen nicht.“

Ella reckte das Kinn. „Ihr Problem, nicht meins.“

„Mein Problem ist, dass ich Sie will“, entgegnete Nikolai offen. „Ich habe Sie am Fenster tanzen sehen, und das hat mich erregt.“

Zutiefst beunruhigt errötete Ella. „Oh …“

„Oh?“, wiederholte er spöttisch. „Mehr haben Sie dazu nicht zu sagen?“

„Was soll ich denn sagen?“ Ella verdrehte die Augen. „Ich bin im Moment nicht auf der Suche nach einem Mann.“

„Und ich suche keine Frau … Ich will nur etwas für eine Nacht“, gab Nikolai mit samtiger Stimme zu, ließ seine schlanken Finger in ihr Haar gleiten und zog sie näher an sich heran, als sie zugelassen hätte – wäre sie bei klarem Verstand.

Was sie offenbar nicht war, denn Nikolai legte die andere Hand auf ihren Rücken und zog sie an sich, sodass sie seinen harten, männlichen Körper spürte. Sekunden später küsste er sie, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Ihr Mund öffnete sich unter dem Druck seiner Lippen. Seine Zunge glitt hinein, und ein heißer Schock durchfuhr sie, der ihr die Sinne benebelte und ihre Knie weich werden ließ. Nikolai war leidenschaftlich, fordernd und hungrig. Die geschmeidigen Bewegungen seiner schmalen Hüften und seiner kräftigen Schenkel an ihrem Körper warnten sie, dass ein Kuss ebenso intim sein konnte wie die Umarmung zweier nackter Menschen.

Als er den Kopf hob, erschauerte sie, denn die kühle Nachtluft stand in starkem Kontrast zu der Hitze seines erregten Körpers. Augenblicklich wurde Ella bewusst, wo sie sich befand. Die Kälte auf ihrer Haut drang ihr bis ins Mark.

„Danke, aber … nein danke“, erwiderte sie scharf und riss sich los.

„Das ist nicht Ihr Ernst“, stieß er hervor, und seiner Stimme war die Überraschung deutlich anzuhören. Denn er wusste, dass ihr Feuer genauso entfacht worden war wie seins.

Was er nicht wusste, war, dass Ella niemals zuvor so erregt gewesen war … niemals! Nur wenige Wochen nachdem die Liebe ihres Lebens mit gerade einmal vierundzwanzig Jahren beigesetzt worden war, schmerzte diese Gewissheit so sehr, dass sie beinahe geschluchzt hätte. Sie hatte wirklich geglaubt, dass sie Paul begehrte. Doch zu keinem Zeitpunkt hatte ihr Verlobter solch intensive Gefühle in ihr ausgelöst.

„Ich gehe jetzt“, erklärte Ella und steuerte auf die Hintertür des Landhauses zu, wo sie auf ihre Mitfahrgelegenheit warten würde. Egal wie lange. Denn das war sicherer, als bei dem Mann zu bleiben, der sie gerade geküsst hatte. Der sie so geküsst hatte, dass sie alles um sich herum vergaß. Sie wusste, dass sie in großen emotionalen Schwierigkeiten steckte. Auch wenn sie nicht den Fehler beging, etwas zu tun, das sie zweifellos bereuen würde …

Während sie Ordnung auf Rosies Schreibtisch schaffte, kehrten Ellas Gedanken wieder in die Gegenwart zurück, und sie erschauerte. Sie hatte Nikolai vor den Kopf gestoßen. Wenn auch unbeabsichtigt, hatte sie ihm während des Kusses vermittelt, dass sie zustimmte. Nur um hinterher ihre Meinung zu ändern. Andererseits konnte jede Frau es sich anders überlegen, das war ihr gutes Recht. Wurde sie dadurch begehrenswerter? Wie viele Frauen hatten Nikolai je abgewiesen? Wahrscheinlich nicht so viele, denn er war äußerst attraktiv und vermögend noch dazu. Hatte sie sein männliches Ego herausgefordert?

Konnte es wirklich bloßer Zufall sein, dass er der Gläubiger ihres Vaters war? Ihre Fragen hatte er unbeantwortet gelassen, stattdessen nur betont, sie hätte durch ihn eine Wahl erhalten. Diese unwillkommene Wahrheit musste sie anerkennen. Ihre Familie stand kurz davor, alles zu verlieren, was ihr verblieben war. Wie konnte sie tatenlos zusehen, wie sie litt, wenn ihr eine Alternative geboten worden war?

Den ganzen Tag über sprudelte sie nur so vor verrückten Ideen. Sie würde beinahe alles unternehmen, um Gramma und Dad das Dach über dem Kopf zu erhalten. Von der Last dieser furchtbaren Schulden und von Joys Extravaganzen befreit, würde ihr Vater endlich einen angemessenen Lebensunterhalt verdienen können. Auch wenn er das Möbelgeschäft verloren hatte, war er zugelassener Steuerberater – und die Chance, arbeiten zu können, würde ihm seine Selbstachtung wiedergeben.

Sosehr Ella auch ihrer Familie helfen wollte, Nikolai Drakos hatte sie in eine unmögliche Situation manövriert. Niemals würde ihr Vater dieses Opfer akzeptieren. Wie also konnte sie dieses offensichtliche Problem umgehen?

Sie könnte Nikolai die eine Liebesnacht anbieten, um die er sich betrogen fühlte. Sie schauderte bei dem Gedanken, unter diesen Umständen mit jemandem schlafen zu müssen, schalt sich aber sofort dafür, dass sie so ein Drama daraus machte. Wenn es diesem Mann so viel bedeutete, ihren Körper zu besitzen, dann bitte sehr.

Schließlich hatte sie sich nicht bewusst dafür entschieden, Jungfrau zu bleiben. Nein, sie hatte auf Paul gewartet, auf den wundersamen Tag, an dem es ihm „gut genug“ gehen würde. Doch dieser Tag war leider nie gekommen. Hätte sie etwas Erfahrung in diesem Bereich sammeln können, wäre es für Ella viel weniger einschüchternd, mit Nikolai ins Bett zu gehen. Eine Nacht, sagte sie sich niedergeschlagen. Ja, eine Nacht könnte sie schaffen, wenn es ihre Familie rettete. Oder gab es noch andere Optionen?

Na ja, Nikolai könnte sie auch heiraten. Wodurch dieses Arrangement einen anständigen Anstrich erhielte, was es ihrem Vater ermöglichen würde, den Erlass seiner Schulden zu akzeptieren. Ein Schwiegersohn gehörte zur Familie, ein Geliebter, ein Fremder, war etwas völlig anderes. Aber Nikolai würde nicht auf den Vorschlag mit dem Ehering eingehen. Der Gedanke, ihm das anzubieten, entlockte Ella ein Grinsen. Der Mann, der keine Dates und nur Sex hatte, würde sich kaum für den heiligen Stand der Ehe erwärmen …

Am Ende ihres Arbeitstages rief Ella dann doch die Nummer auf der Visitenkarte an, die Nikolai zurückgelassen hatte. Noch bevor er etwas sagen konnte, meinte sie: „Ich möchte Sie heute Abend besuchen.“

Überrascht durch diese bestimmte Erklärung, erwiderte Nikolai verdutzt: „Haben Sie Ihre Meinung geändert?“

„Ich möchte reden …“

Nikolai war skeptisch. Er hatte sich bereits gefragt, wie sicher sie sich Cyrus’ Unterstützung war, wenn sie sein Angebot ohne zu zögern zurückwies. Hatte sein alter Feind ihr schon einen Antrag gemacht?

„Es gibt nichts zu reden“, konterte er.

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, zitierte Ella Gramma.

Zehn Minuten später betrat Ella das exklusive Wrother Links Hotel. Etwas zu spät erinnerte sie sich an ihre schäbige Arbeitskleidung, die aus einem T-Shirt und abgetragenen hautengen Jeans bestand, die in zweckmäßigen Stiefeletten steckten. Hätte ich mich doch nur umgezogen und etwas Make-up aufgelegt, dachte sie betreten. Andererseits hatte Nikolai sie bereits in diesem Outfit gesehen. Also würde sie jetzt keinen weiteren Gedanken mehr daran verschwenden.

Was wollte dieser verflixte Mann nur von ihr?

Das Übliche, sagte sie sich gereizt, während der Rezeptionist sie neugierig musterte und zum Fahrstuhl führte. Nikolai will Sex mit mir, urteilte Ella vernünftig. Sein Interesse an mir ist also rein körperlich. Über die Jahre hatte sie Freunde darüber reden hören, dass Sex für Männer von entscheidender Bedeutung war. Was sie sehr irritierte, da sie mit Pauls unbeugsamer Selbstdisziplin hatte umgehen müssen.

Wie dem auch sei, Ella fiel es schwer, zu glauben, dass Nikolai Drakos sie unbedingt erobern wollte. An der Universität hatte sie unzählige sexuelle Avancen erlebt. Daher war sie fast erleichtert gewesen, Paul kennenzulernen, der ursprünglich nur ein Freund gewesen war.

Ein junger Mann, der sich als Nikolais Mitarbeiter vorstellte, öffnete die Tür der Suite und führte sie hinein. Der Schreibtisch, der sich im Zimmer befand, war mit Papieren übersät, auf denen ein geöffneter Laptop thronte. Ella erhaschte einen Blick auf die Zahlenkolonnen, bevor der Mitarbeiter den Laptop schloss und die Papiere zu einer Akte zusammenlegte.

„Mr. Drakos wird in Kürze bei Ihnen sein“, versicherte er ihr zum Abschied.

Ella sah aus dem Fenster auf den berühmten Golfplatz, in der Hoffnung, ihre Nerven zu beruhigen. Als sie hinter sich ein Geräusch vernahm, fragte sie: „Spielen Sie Golf?“

„Nein“, antwortete Nikolai und schüttelte sein Hemd aus. „Ist nicht mein Spiel. Wieso sind Sie hier, Ella?“

Ella wirbelte herum und schaute bestürzt auf Nikolais unglaublich gut definierte, muskulöse Brust und seinen straffen Bauch. Offensichtlich kam er direkt aus der Dusche, denn sein schwarzes Haar war feucht, und sein kantiges Gesicht wirkte frisch rasiert. Der Anblick dieses sonnengebräunten und muskulösen männlichen Oberkörpers verunsicherte sie zutiefst. Sie fühlte, wie sie errötete, und sah zu Boden. „Komme ich ungelegen?“

„Sagen wir, unerwartet“, erwiderte er und ließ den Blick auf ihr ruhen.

Spöttisch bemerkte Nikolai, dass nichts an ihrem Aufzug an eine Verführerin erinnerte. Er hatte angenommen, sie würde sich für ihn herausputzen. Aber die Mühe hatte sie sich nicht gemacht. Was ihn irgendwie störte. War er es nicht wert? Unter der Dusche hatte er sich erinnern müssen, dass der Annäherungsversuch bei Ella Palmer von Anfang an gewagt gewesen war. Denn falls sie einen reichen Mann an der Angel hatte, wieso sollte sie noch einen ertragen, der ihr seine Bedingungen diktieren wollte? Trotzdem, Cyrus war offenbar nicht zur Rettung seiner angeblichen Verlobten herbeigeeilt, sondern zu einer langen China-Reise aufgebrochen. Konnten die Hinweise auf Cyrus’ Heiratspläne bloßer Quatsch sein? Vielleicht spielte Cyrus nur mit Ella. So wie er selbst seine Spielchen zu beginnen pflegte, wenn er den ehrenwerten, respektvollen Mann mimte, um bei den Frauen alle Zweifel an seinen wahren Motiven zu zerstreuen.

„Das Unerwartete muss nicht schlecht sein“, wich Ella ihm aus, während er sein Hemd zuknöpfte. Ihre Wangen glühten heiß, denn seine kleine Peepshow ließ sie alles andere als unberührt.

„Ich glaube, Sie kennen Cyrus Makris“, bemerkte er.

Überrascht sah Ella ihn an. „Ja. Er ist ein Freund der Familie. Ich war mit seinem verstorbenen Neffen Paul verlobt“, erklärte sie. Woher wusste er von ihrer Bekanntschaft mit Cyrus? Da fiel ihr etwas auf: „Ihr Name … Sie sind ebenfalls Grieche, nicht wahr?“

„In der Tat. Möchten Sie etwas trinken?“

„Nein danke.“ Ella wollte eigentlich nur loswerden, was sie zu sagen hatte, und dann verschwinden. „Ich kann nicht lange bleiben. Mein Hund ist im Auto.“

„Also …?“, forderte Nikolai sie auf und beobachtete, wie sich eine Strähne des bronzefarbenen Haares über ihren weißen Hals legte, als sie den Kopf hob. Ihre blasse Haut betonte das strahlende Grün ihrer Augen und das pralle Pink ihrer Lippen. Er spürte, wie er sich anspannte, und kämpfte vergeblich gegen das einsetzende Pochen in seiner Leistengegend.

Ella atmete tief ein und straffte sich. „Ich bin hier, um zu fragen, ob eine Nacht ausreicht.“

„Eine Nacht?“, erkundigte Nikolai sich verständnislos.

„Sie wissen schon, Sex!“, schleuderte Ella ihm in purer Verzweiflung entgegen. „Wenn das alles ist, was Sie wollen, muss ich doch nicht nach London kommen und mit Ihnen zusammenleben!“

Schockiert betrachtete Nikolai sie – und ihn zu schockieren, dazu brauchte es schon einiges. „Lassen Sie mich das klarstellen … Sie bieten mir stattdessen eine Nacht voller Sex?“

„Hören Sie auf! Bei Ihnen hört sich das so schmutzig an!“, hielt sie dagegen.

„Das war ja nicht meine Idee. Nein, eine Nacht voller Sex reicht nicht zur Erfüllung meiner … Bedürfnisse.“ Nikolai wählte das Wort sorgfältig aus. „Darf ich daraus schließen, dass Sie keine Jungfrau mehr sind?“

„Wie kommen Sie darauf … in meinem Alter?“ Dennoch wollte Ella nicht lügen, denn es bestand die leise Hoffnung, dass ihm bei der Wahrheit die Lust verging. „Ich bin tatsächlich unerfahren, aber …“

Die Unterhaltung missfiel Nikolai zusehends mehr. Natürlich nahm sie an, er wolle nur Sex. Was sollte sie sonst denken? Aber er war kein Ekel wie Cyrus, der Frauen wie Spielzeug behandelte und es genoss, sie zu zerstören. Als ihm allmählich aufging, welchen Mut es eine Unschuld wie sie gekostet haben musste, ihm diesen Vorschlag zu unterbreiten, hätte er beinahe geflucht.

„Eine Nacht wird nicht reichen“, erklärte er bestimmt.

Ellas Herz raste wie wild. Erleichterung und Bestürzung ergriffen sie zu gleichen Teilen. Sie war froh, nicht sofort von ihm genommen zu werden – andererseits erstaunte sie, wie unnachgiebig er sie zurückwies.

„Dann habe ich nur noch eine weitere … Idee“, murmelte sie. „Sie heiraten mich.“

„Sie heiraten?“, rief Nikolai nach einer zermürbend langen Pause, in der er sie ungläubig anstarrte. „Haben Sie den Verstand verloren?“

Endlich hatte sie eine ehrliche Reaktion aus Nikolai Drakos herausgekitzelt. Ein seltsames Gefühl des Triumphes mischte sich in ihre Demütigung. Der Gedanke an eine Heirat hatte ihn so schwer getroffen, dass sich seine erstaunlich hohen Wangenknochen verfärbten und sich seine überwältigenden, dunkel umrahmten goldenen Augen weiteten. Offensichtlich war er auf solch einen Vorschlag nicht vorbereitet gewesen.

3. KAPITEL

„Von meinem Standpunkt aus eine gute Alternative“, erklärte Ella.

„Sie sollten dringend Ihren Standpunkt überdenken“, gab Nikolai sarkastisch zurück.

Ihr Gesicht brannte vor Scham. Die Hände hatte sie zu Fäusten geballt, um sich zu beherrschen. „Das geht nicht. Sie müssten mich schon heiraten, um meinen Vater davon zu überzeugen, Sie seine Schulden übernehmen zu lassen. Er ist kein Schmarotzer.“

„Keinesfalls werde ich Sie heiraten, um zu bekommen, was ich will!“, unterbrach Nikolai sie ungeduldig.

„Dann ist unser Gespräch beendet“, bemerkte Ella tonlos, entschlossen, dem feudalen Hotelzimmer zu entfliehen und zu vergessen, dass sie Nikolai je begegnet war. Was hatte ihr Vater gesagt, als er das Elternhaus auf Spiel gesetzt und es verloren hatte? Er hatte es zumindest versucht. Jetzt wusste sie, wie es sich anfühlte, alles zu versuchen und dennoch zu verlieren.

„Verdammt, Ella!“, spie Nikolai aus, als sie die Tür erreicht hatte. „Es muss einen anderen Weg geben!“

Ella drehte sich zu ihm um. „Nein. Mein Vater könnte den Gedanken nicht ertragen, dass seine Tochter zu einem Mann zieht, um seine Schulden zu tilgen.“

Seine warmen Augen funkelten plötzlich wie Gold im Sonnenlicht. „Sie haben die seltene Gabe, alles schäbig klingen zu lassen.“

„Nein. Sie ertragen nur keine offenen Worte. Es sei denn, sie kommen von Ihnen. Und Sie verhalten sich rätselhaft. Erst bitten Sie mich, Ihre Geliebte zu werden, dann lehnen Sie es ab, mit mir zu schlafen.“

„Offenbar will ich mehr von Ihnen als Sex. Den bekomme ich überall, jederzeit“, versicherte er ihr abweisend.

Frustriert fragte sie: „Ich bin keine reiche Erbin, oder?“

„Wovon, zum Teufel, reden Sie?“

„Bin ich etwa die Cousine sechsten Grades eines entfernten Verwandten, der ein Vermögen besitzt, was Sie herausgefunden haben und …“

„Wäre es so, würde ein Mann eine Heirat anstreben, um seinen Anteil zu sichern. In diesem Fall jedoch …“ Nikolai presste die sinnlichen Lippen aufeinander.

Eine Heirat, selbst eine vorgetäuschte, stand für ihn außer Frage. Nie hatte Nikolai daran gedacht, den Bund fürs Leben einzugehen. An seine verantwortungslosen Eltern erinnerte er sich kaum – nur dass sie sich ständig gestritten, ihr Geld für Alkohol und Drogen ausgegeben und dabei die beiden Kinder vernachlässigt hatten. Wahrscheinlich hätte er ohne die liebende Fürsorge seiner älteren Schwester kaum überlebt. Nein, Nikolai wollte keine Nachkommen in diese Welt setzen. Und er konnte sich nicht vorstellen, ein Leben lang nur eine Frau zu begehren. Er erschauerte, so sehr schätzte er seine Freiheit.

„In diesem Fall …?“, hakte Ella nach.

„… brauche ich Sie in London.“

„Ohne Ehering ist das unmöglich. Wissen Sie, ich will Sie auch nicht heiraten“, sagte sie kurz angebunden. „Aber wenn meine Familie dadurch glücklich und in Sicherheit wäre, würde ich es tun.“

„Ich würde das nicht mal in Betracht ziehen. Ich kümmere mich schon um Ihre Familie“, eröffnete er.

„Wie meinen Sie das?“

Letzten Endes kommt es nur darauf an, wie weit ich gehen will, um Cyrus zu bestrafen, überlegte Nikolai. Ein flüchtiges Bild seiner sanft lächelnden Schwester, das durch die Erinnerungen an seine Kindheit heraufbeschworen wurde, ließ ihn erstarren. Sein Wunsch nach Rache sollte und würde keine Grenzen kennen. Ella war ein Köder, weiter nichts.

„Ich werde Ihrer Familie sagen, dass wir uns seit einer Weile treffen und jetzt in London zusammen sein wollen“, erklärte er sanft. „Ihr Vater wird sich nicht abmühen müssen, Schulden zurückzubezahlen, die nicht existieren. Den Luxus einer Wahl hat er nicht.“

„Sie denken, es sei Luxus, es sich auszusuchen, Ihre Geliebte zu werden?“, schleuderte ihm Ella voller Wut über diese Demütigung entgegen. „Ich habe diese Option schon abgelehnt!“

„Was Ihre und meine Zeit vergeudet! Sie können die Bedingungen nicht neu verhandeln, nur weil sie Ihnen nicht gefallen“, versicherte er schroff, die dunklen, attraktiven Gesichtszüge abweisend, sein Blick hart wie Diamant. „Entweder Sie kommen mit mir nach London, oder ich bin weg. Das ist die einzige Wahl, die Sie haben!“

Die gespannte Atmosphäre zwischen ihnen machte Ella schwindelig. Krachend brach ihr Schutzwall zusammen. Er hatte ihre Vorschläge abgebügelt. Sie umklammerte die Stuhllehne vor sich, um sich zu stützen. Schweren Herzens sah sie ihn an.

„Für Sie sollte lediglich das Ergebnis zählen“, erinnerte Nikolai sie trocken. „Und Sie sollten lernen zu gehorchen.“

Ella rümpfte die Nase. „Wenn mir etwas nicht gefällt, ist das bei mir mit dem Gehorchen schwierig.“

„Sie könnten es lernen“, warf Nikolai eiskalt ein. „Lassen Sie es, wenn Sie die Regeln nicht akzeptieren können.“

„Könnten Sie mir auch verraten, wie ich einen Mann respektieren soll, der mich will, auch wenn ich ihn nicht will?“, schoss Ella höhnisch zurück.

„Lügst du immer, anstatt die Wahrheit über dich zu sagen?“, erkundigte sich Nikolai gefährlich sanft und kam näher.

Bevor sie die Gelegenheit ergreifen und aus dem Zimmer schlüpfen konnte, fand Ella sich mit dem Rücken zur Tür wieder. „Ich lüge nicht …“

Nikolai lehnte eine Hand gegen die Tür und schaute spöttisch auf sie herab. „Du weißt, dass du lügst … Aber ich mache bei dem Spiel nicht mit.“

„Ich will gehen.“

„Erst wenn ich es dir erlaube“, räumte Nikolai ein. Er war so groß und imposant, dass Ella sich wünschte, sie würde High Heels tragen, um sich nicht ganz so klein und zerbrechlich vorzukommen.

Entschlossen reckte sie das Kinn. „Ich könnte mein Knie einsetzen, um Sie zu überzeugen.“

„Wieso solltest du etwas schädigen, das dir Freude bereiten soll?“, konterte Nikolai.

„Deinem Ego kann nicht einmal ein Bulldozer etwas anhaben, oder?“

„Wäre ich vorsichtiger, würdest du mich mit Vergnügen herumscheuchen.“ Nikolai konnte den Blick nicht von ihren tiefgrünen Augen abwenden, die mit ihrer weichen porzellanfarbenen Haut kontrastierten. „Aber das willst du nicht von mir, oder? Ich soll dir vielmehr die Wahl nehmen und dir eine Ausrede liefern, mit mir zusammen sein zu können.“

„So ein Blödsinn!“, ereiferte sich Ella. „Ich brauche keine Ausrede!“

„Doch“, beharrte er und drückte sie gegen die Tür. „Du brauchst Ausreden und willst überredet werden – doch von mir bekommst du das nicht. So bin ich nicht.“

„Faszinierende Einschätzung von einem Mann, der sich gern selbst reden hört. Aber ich bin nicht interessiert.“

„Jedes Mal, wenn du mich anlügst, werde ich dich bestrafen.“

„Mich bestrafen?“, wiederholte sie und blinzelte erstaunt.

Nikolai beugte sich herab und drückte sie an sich. Den Arm um sie gelegt, durchquerte er den Raum und betrat das Schlafzimmer. „Meine Strafe wird dir gefallen.“

„Was tust du da?“, rief Ella, als er sie schwungvoll auf die Arme hob.

„Ich besiegle unsere Vereinbarung.“

„Welche Vereinbarung?“, fragte sie rau, als er sie auf ein so gut gepolstertes Bett fallen ließ.

„Dass du meine Geliebte wirst.“ Er kostete dieses Wort aus.

Als Ella versuchte, seitlich vom Bett zu rollen, ließ Nikolai sich auf sie fallen und hielt sie mit seinem Gewicht fest.

„Runter von mir! Lass mich los … Sofort!“, schrie sie ihn an.

„Ich hasse es, angeschrien zu werden“, vertraute er ihr an, kurz bevor er ihren Mund hart und sinnlich zugleich eroberte.

In derselben Sekunde schien Ellas Welt stillzustehen. Mit einem Schlag wurde sie vom Kurs abgebracht, stürzte atemlos und schwindelnd ins Unbekannte. Sengende Hitze übermannte sie, jagte durch sie hindurch. Obwohl er sie nicht mehr auf das Bett drückte, hielt er sie mit den Armen gefangen. Verwirrt registrierte sie, dass ihr die Last auf ihrem Körper gefiel. Ihre Fäuste trafen auf unnachgiebige starke Schultern, in ihrem Mund begann seine Zunge ihr sinnliches Spiel. Sie zitterte heftig. Beinahe schmerzhaft pulsierte es an ihrer intimsten Stelle. Sanft knabberte er an ihrer Unterlippe, sog an ihr und setzte das Spiel seiner Zunge fort. Sie sehnte sich nach so viel mehr, dass es beinahe körperlich schmerzte. Die Wucht dieses Gefühls schockierte sie.

Niemals zuvor hatte sie etwas derart Intensives erlebt. Er ließ eine Hand unter ihr T-Shirt gleiten, umfasste ihre kleine, feste Brust. Lange Finger streiften die pochende Spitze, rieben sie, zogen an ihr, bis Ella als Antwort den Rücken durchdrückte und ihm ihre Hüften entgegenbog. Tief aus ihrem Inneren löste sich ein hilfloses, verlangendes Stöhnen.

Nikolai schob ihr Shirt nach oben und übernahm mit seinem Mund. Diese Stelle war so empfindlich, dass jede Bewegung seiner Zunge, jede neckende Berührung seiner Zähne sie erzittern ließ. Unaufhaltsam schwoll die pulsierende Hitze zwischen ihren Beinen an. Ihre Hüften bewegten sich, angetrieben von dem peitschenden Bedürfnis nach Erlösung. Und dann wurde die Anspannung in ihr so drängend, so überwältigend, dass sie ein heftiger Höhepunkt erfasste. Die Wellen der Erregung, die über sie hinwegschwappten, raubten ihr den Atem und jeden klaren Gedanken.

Blitzschnell rollte sich Ella vom Bett und zog sich mit zittrigen Fingern das T-Shirt hinunter. Ihr Kopf war hochrot, ihr Körper bebte als Nachwirkung eines gewaltigen Orgasmus. Ihre Nerven lagen blank. Kurz schloss sie die Augen und flehte um Selbstbeherrschung. Er küsste sie, berührte sie, und alles löste sich in Luft auf, einschließlich ihres stolzen Protests, dass er ihr gleichgültig war. In seiner Nähe spielte ihr Körper verrückt, auch deshalb hasste sie ihn.

Mit trockenem Mund versuchte Nikolai seine heftig tobende Libido in den Griff zu bekommen. Er litt reale Schmerzen. Am liebsten würde er sie sofort wieder ins Bett zurückziehen, sich auf sie legen und in sie eindringen, um heiße, süße Erlösung zu finden. Die Intensität des Wunsches kühlte ihn merklich ab. Er kannte keine heftigen Gefühle, Sex war nichts Besonderes. Es gab keine Exklusivangebote, und von Romanzen und Komplikationen hielt er sich fern. Rache und Arbeit waren seine Motivation. Er hatte nie etwas anderes gebraucht. Auch keine Frau.

„Ich gehe“, eröffnete sie ihm ausdruckslos, wobei sie sich insgeheim abmühte, zumindest ein wenig Haltung zu bewahren.

Jetzt sprang auch Nikolai aus dem Bett und ordnete sein Hemd. „Ich folge dir.“

Wohin denn? Was hast du vor?“

„Dir deinen Umzug nach London zu erleichtern.“

„Wage es nicht, meiner Familie zu nahe zu kommen!“, warnte Ella ihn. „Du bist ein Fremder für sie.“

„Nicht mehr lange“, versicherte er ihr und nahm sein Jackett.

„Sie sind nicht dumm. Niemals kaufen sie dir ab, dass ich mich heimlich mit einem Mann getroffen habe!“, eröffnete sie ihm verächtlich.

Nikolai hob eine Augenbraue. „Die Menschen glauben, was sie glauben wollen. Und sie werden erleichtert sein, dass du wieder anfängst zu leben!“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

„Auch ich bin nicht dumm. Du bist eine Frau, und die meisten Frauen lieben es dramatisch. Ich wette, du hast deine Trauer wie einen Schutzschild vor dir hergetragen“, meinte Nikolai.

Ella wurde kreidebleich. „Wie kannst du es wagen, Paul da mit reinzuziehen? Woher weißt du überhaupt von ihm?“

„Ich weiß genug über dich, um ein oder zwei Vermutungen anstellen zu können“, antwortete er kühl.

„Tja, du liegst falsch“, versicherte sie ihm, auch wenn sie log. Niemals würde sie eingestehen, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Weil es unheimlich und demütigend war. Denn sie hatte tatsächlich geschworen, niemals wieder zu lieben, sich nach Paul auf keinen anderen Mann mehr einzulassen. Ihre Trauer war so groß gewesen, dass sie bittere, selbstzerstörerische Absichten ausgesprochen hatte, die wenig Sinn ergaben.

„Deine Familie wird gerne glauben wollen, dass du deinen Verlust überwunden hast. Ihre Freude darüber wird sie über Ungereimtheiten in unserer Geschichte hinwegsehen lassen. Sie werden sich wünschen, dass es wahr ist“, erklärte Nikolai sarkastisch lächelnd. „Deine Aufgabe ist, glücklich auszusehen.“

Ein Gefühl der Panik ergriff Ella. Glücklich wirken? Wie sollte sie das anstellen? Ihr Leben war bisher zu schwierig gewesen, um das zu lernen. Dennoch hatte sie um ihrer Familie willen gelernt zu lächeln. Nein, der Gedanke, nach London zu ziehen und in einer fremden Umgebung mit Nikolai zusammen zu sein, schnürte ihr die Luft ab. Die Vorstellung, mit einem Mann wie Nikolai Drakos intim zu sein, brachte sie völlig aus der Fassung.

Drei Stunden später ließ sich Ella von Gramma in die Küche zu einem Gespräch unter vier Augen drängen. Nur widerwillig ging sie mit, denn sie bemühte sich, die Unterhaltung zu belauschen, die Nikolai mit ihrem Vater führte. Sie saßen im Esszimmer, das der ältere Mann zu einem Büro umfunktioniert hatte. Die Männer wurden mal lauter, mal leiser, wobei Nikolai eindeutig versuchte, die Einwände ihres Vaters zu entkräften und ihn zu beruhigen.

„Ich möchte, dass Ella glücklich ist. Und das wird sie nicht, wenn sie sich um ihre Familie Sorgen machen muss“, behauptete Nikolai bestimmt.

Ella wurde bleich. Nikolai würde immer die richtigen Worte finden. Offenbar war er ein geübter Lügner und absolut ruhig in einer Situation, die neun von zehn Männern in die Flucht geschlagen hätte. Kurz nachdem die Familie zu Abend gegessen hatte, war er eingetroffen und hatte sich zu einem Stück Kuchen zu ihnen gesellt. Als er verkündete, dass sie einander seit Monaten trafen, hatte er Ellas Hand ergriffen. Es hatte alles sehr einleuchtend geklungen, sehr überzeugend. Keinen Moment zweifelte sie, dass er die Proteste ihres Vaters beiseitewischen und ihn überreden würde, seine Schulden als getilgt anzusehen.

„Weißt du, was mich am meisten überrascht? Nikolai ist so anders als Paul“, bemerkte Gramma. Um sich irgendwie zu beschäftigen, räumte Ella die Spülmaschine ein. „Er ist ein richtiger Mann.“

Ella presste die Lippen aufeinander. Die ältere Frau sah die Dinge eher traditionell. Männer, die vor dem Frühstück ein Wildschwein erlegten und bis zum Mittagessen einen Stapel Baumstämme zu Kleinholz verarbeiteten, waren ganz nach ihrem Geschmack. Pauls mangelndes Interesse an typisch männlichen Aktivitäten hatte sie amüsiert, aber sie hatte ihn niemals verstanden.

„Ich hätte nie gedacht, dass du dir jemanden wie Nikolai aussuchen würdest. Er ist sehr attraktiv und erfolgreich. Aber bist du dir sicher, auf was du dich mit ihm einlässt?“, erkundigte sich die alte Frau. „Heutzutage ist es normal zusammenzuziehen. Dennoch ist bisher mit keinem Wort eine mögliche Verlobung oder Ähnliches erwähnt worden.“

„Warten wir ab, wie’s läuft. Vielleicht sind wir zu verschieden, und es klappt nicht zwischen uns“, kommentierte Ella und ließ die erste Andeutung bezüglich einer eventuellen Trennung fallen.

„Wieso hast du uns nicht von ihm erzählt?“, erkundigte Gramma sich nun schon zum dritten Mal. „Hast du kein Vertrauen zu uns?“

„Nach Pauls Tod habe ich viel dummes Zeug geredet“, murmelte Ella.

„Du warst verletzt, hast getrauert. Das war nur allzu verständlich“, versicherte ihr Gramma. „Ich will nur sichergehen, dass du nichts überstürzt. Für Nikolai krempelst du immerhin dein Leben um. Wobei mir durchaus gefallen hat, als er sagte, du würdest dein Veterinärstudium fortsetzen.“

Ja, wenn es richtig beeindruckende Dinge zu sagen gibt, hat Nikolai es wirklich leicht – er ist ein Meister darin, dachte Ella bitter. Er kam, sah und siegte. Ihr Vater und ihre Großmutter hatten Nikolai ehrfürchtig zugehört. Vorzugeben, dass er sie liebte, schien ihm so leicht zu fallen, dass es sie erschreckte. Die berühmten Worte hatte er nie ausgesprochen, doch sein Verhalten hatte sein empfängliches Publikum davon überzeugt, dass er tiefe Gefühle für Ella hegte und ausschließlich um ihr Glück besorgt war.

„Er ist das, was du brauchst“, murmelte ihre Großmutter. „Ein neuer Anfang an einem neuen Ort. Für Cyrus wird diese Entwicklung aber ein großer Schock sein.“

„Wahrscheinlich“, bemerkte Ella zögernd. Das war es sogar für sie.

„Du hast keine Ahnung, nicht wahr?“ Gramma zog eine Grimasse. „Ich glaube, Cyrus sieht in dir nicht nur Pauls ehemalige Verlobte. Sein Interesse ist sehr viel persönlicher.“

Ella zuckte zusammen und studierte bestürzt das besorgte Gesicht ihrer Oma. „Aber nein, du irrst dich. Wie kommst du denn nur auf so etwas Furchtbares?“

„Dann wäre es für dich also furchtbar …“, schloss die ältere Frau erleichtert. „Denn ich habe mir schon Sorgen gemacht, seine Aufmerksamkeiten wären willkommen?“

„Was für Aufmerksamkeiten?!“, wehrte Ella ab.

„Die Blumen … die Einladungen zum Mittagessen … die große Wohltätigkeitsveranstaltung … dass er dich bittet, nach seinem Haus zu sehen, während er fort ist.“

„Cyrus hat mir nur ein paar Mal Blumen geschickt, und die Wohltätigkeitssache war ein spezieller Gefallen“, protestierte Ella. „Und dass ich hin und wieder bei ihm zu Hause anrufe, obwohl er eine Haushälterin hat, ist seiner Albernheit geschuldet! Die Einbruchserie vom letzten Jahr macht ihm zu schaffen. Ehrlich, Gramma. Cyrus hat nie etwas getan oder gesagt, dass ich denken könnte, er wäre an mir interessiert.“

„Ich hingegen glaube, du übersiehst die Anzeichen. Mir gefällt nicht, wie er dich ansieht. Und weil ich fürchtete, er würde Bedingungen daran knüpfen, habe ich deinem Vater untersagt, ihn nach einem Kredit zu fragen“, meinte Gramma widerwillig.

Angesichts des offensichtlichen Misstrauens ihrer Großmutter hätte Ella beinah gelacht. Ganz offenbar hatte Gramma Cyrus’ Motive falsch verstanden und misstraute ihm. Nikolai und seine honigsüßen Worte hatte sie dagegen sehr freundlich aufgenommen.

„Ella …?“, rief Nikolai vom Flur aus nach ihr.

Widerstrebend ging sie zur Tür. Wie der Blitz schoss Butch an ihr vorbei und tollte an Nikolais Füßen herum. Vom ersten Moment an war der winzige Hund ganz vernarrt in ihn und suchte seine Aufmerksamkeit.

„Begleite mich hinaus. Um alles in die Wege zu leiten, muss ich zurück ins Hotel. Dieses Tier ist verrückt“, murmelte er und achtete auf seine Schritte, um seinen treuen Begleiter nicht zu treten.

„Was gibt es zu organisieren?“, erkundigte sich Ella, scheuchte ihren Hund weg und wunderte sich, wieso Butch nicht die gleiche Abneigung gegen ihn hegte wie sie.

„Deinen Umzug.“ Nikolai öffnete die Tür und trat hinaus in die kühle Abendluft.

Da Ella dem kleinen Hund die Tür vor der Nase zuschlug, begann dieser zu protestieren und genervt zu bellen. „Du glaubst, du hättest gewonnen, nicht?“, flüsterte sie bitter, sobald sie sicher war, dass niemand aus ihrer Familie sie hörte.

Nikolai wirbelte herum, ein zufriedenes Lächeln umspielte seinen süffisant verzogenen Mund. „Ich weiß, dass ich gewonnen habe. Du solltest zufrieden sein: Alle sind glücklich.“

„Alle, nur ich nicht“, platzte Ella heraus.

„Ich werde dich glücklich machen. Du wirst wundervolle Kleider und teuren Schmuck tragen“, versicherte er ihr und legte ihr eine Hand auf den Rücken, um sie mit sich zu ziehen, als er sich an den Kotflügel seines Sportwagens lehnte.

Ella stellten sich die Haare auf, Verachtung trat in ihre Augen. „Diese Dinge machen mich nicht glücklich.“

„Und wie steht es mit noch sagenhafterem Sex?“, flüsterte Nikolai heiser und schloss sie in die Arme. Aufmerksam beobachtete er, wie ihre Wangen sich rot färbten.

Er konnte es nicht lassen, sie zu berühren. Oder immer wieder Neues an ihr zu entdecken. Außerdem sah er sie gern erröten, obwohl ihre Unschuld ihn immer wieder überraschte. Das muss eine sehr besondere Beziehung zu Paul gewesen sein, überlegte er ehrlich verwirrt.

Denn in Ella brodelte unverhohlene Leidenschaft. Im Hotel hatte sie sich in seinen Armen in eine wilde, heiße Flamme verwandelt. Ihre hitzige, offene Reaktion war unglaublich erregend gewesen. Dabei war es Jahre her, dass Nikolai auch nur einen Aspekt am Sex aufregend gefunden hatte. Seine Sehnsucht nach Ella erreichte langsam einen äußerst schmerzhaften Bereich. Nie würde er vergessen, wie sie sich bei ihrem Höhepunkt zitternd und schwer atmend an ihn gepresst hatte, den gedankenverlorenen Blick auf ihn geheftet. Nach keiner anderen Frau hatte er sich je mehr gesehnt, und das störte ihn enorm. Aber würde er deswegen seinen Plan aufgeben?

Natürlich verspricht er mir ausgezeichneten Sex, dachte Ella verzweifelt. Nikolai war sehr von seinen Fähigkeiten eingenommen. Vielleicht nicht ganz grundlos, räumte sie ein, als ihr Körper sich wie von selbst an ihn lehnte.

Nikolai neigte den Kopf und küsste sie. Langsam eroberte er sie. Die Spitze seiner Zunge zeichnete erst die Konturen ihrer vollen Unterlippe nach, dann teilte er ihre Lippen, um ihren Mund zu erforschen. Ein heiseres Keuchen entschlüpfte ihr, und sie drängte sich ihm noch näher entgegen. Einen Augenblick später wirbelte er sie in seinen Armen herum und presste sie gegen das Auto. Sein Kuss war leidenschaftlich, und sein schlanker, kräftiger Körper drückte sie gegen das unnachgiebige Metall.

Jede einzelne Pore schien zum Leben zu erwachen, als die Begierde wie Lava durch ihren Körper pulsierte. Ella konnte einfach nicht genug von Nikolai bekommen. Wie sehr sie es genoss, den Druck seiner Erregung zu spüren, das Wissen, dass er sie wollte und es nicht verbergen konnte.

Ich will diesen Mann. Dieses Eingeständnis traf sie bis ins Mark. Sie liebte ihn nicht, respektierte ihn nicht. Sie mochte ihn ja noch nicht einmal. Dennoch sprach er ihre Sinne auf primitive Weise an.

Schwer atmend riss er sich von ihr los. Bei ihr fühlte er sich wie ein Teenager mit seiner ersten Freundin. Sie brachte ihn aus dem Gleichgewicht, löste seine Selbstbeherrschung in Luft auf, und er hasste es. „Ich melde mich“, sagte er ausdruckslos.

Auf wackeligen Beinen schritt Ella zur Tür und sah ihm nach, als er davonfuhr. Er verhielt sich, als sei nichts vorgefallen. Keinerlei Gefühlsregung war auf seinem Gesicht zu entdecken gewesen. Dichte, lächerlich lange Wimpern verschleierten seine Augen, und seine Stimme hatte sich kühl angehört. Was hieß das nun für sie?

War sie dabei, den größten Fehler ihres Lebens zu begehen? Oder die größte Entdeckung? Ich werde das entscheiden, schwor Ella sich, nicht er. Sie würde sich nicht von ihrem Verlangen nach ihm lächerlich machen lassen. Und sie würde nicht zulassen, dass er ihr wehtat, dass er sie benutzte. Wenn überhaupt, würde sie die Nutznießerin sein. Wenn er anderes plante, konnte er sich auf eine große Überraschung gefasst machen …

4. KAPITEL

Ella unterdrückte ein Gähnen, während ihre Nägel auf Vordermann gebracht wurden. Ihr war todlangweilig. Früh am Morgen waren sie und Butch von einem Wagen abgeholt und nach London gefahren worden. Sich von ihrem Vater und ihrer Großmutter verabschieden zu müssen, war ihr schwergefallen.

Kaum in London angekommen, war Ella abgesetzt worden, während Butch und ihr Gepäck zu dem Stadthaus gebracht wurden, wo sie offensichtlich wohnen würde.

Vor Stunden schon hatte sie den exklusiven Schönheitssalon betreten, in dem man sie von vorne bis hinten bediente. Eingewickelt in flauschige Handtücher, behandelte man sie wie eine Puppe, die es zu verschönern galt. Keine einzige Stelle an ihr war nicht irgendwie verbessert worden. Selbst ihre Haare waren gewaschen und geschnitten worden und fielen ihr nun in seidigen Wellen über die Schultern.

Nikolai, der in seinem Büro am anderen Ende der Stadt saß, konnte sich nicht konzentrieren. Ella war in greifbarer Nähe. Sein Plan trug Früchte. Heute Abend würde Cyrus Makris in London angekommen und am jährlichen Spendendinner für Nikolais bevorzugte Wohltätigkeitsorganisation teilnehmen. Cyrus war ein großzügiger Wohltäter und legte besonderen Wert darauf, Organisationen Geld zu geben, die sich um Missbrauchsopfer kümmerten. Sein guter Ruf bedeutete ihm außerordentlich viel. Egal, was er sonst so bekommt, Ella gehört nicht dazu, sagte Nikolai sich triumphierend.

Die Vordertür des imposanten Stadthauses wurde von einem älteren Mann mit Fliege und einem adretten schwarzen Jackett geöffnet. „Miss Palmer … bitte kommen Sie herein. Ich bin Max, Mr. Drakos’ Verwalter. Ich kümmere mich um alles.“

Ella betrat eine dunkle Halle und sah sich erstaunt um. Irgendwie hatte sie angenommen, Nikolai würde moderner wohnen. Als sie nun aber in den riesigen und ebenso düsteren Empfangsraum blickte, der über und über mit Krimskrams dekoriert war, musste sie erkennen, dass das Interieur noch aus dem spätviktorianischen Zeitalter ...

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