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JULIA EXTRA BAND 432

JENNIFER HAYWARD

Heiratsantrag in der Karibik

König Kostas muss Stella heiraten! Dafür küsst er sie nicht nur genauso heiß wie damals, er verspricht ihrem Land auch Frieden. Doch warum behandelt die schöne Prinzessin ihn trotzdem wie einen Feind?

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Heiratsantrag in der Karibik

1. KAPITEL

So schmeckt also die Freiheit.

Prinzessin Styliani Constantinides oder Stella, wie sie seit ihrer Geburt genannt wurde, führte einen tropischen Cocktail auf Rum-Basis an die Lippen und trank einen Schluck. Genüsslich nahm sie den Kontrast von bitteren und süßen Aromen wahr, bevor sich der Alkohol seinen feurigen Weg in den Magen bahnte und dort ein wohliges Gefühl verbreitete.

Es war die perfekte Kombination für diesen Moment, in dem sie in der kleinen Bar ihrer Freundin Jessie an der Westküste von Barbados saß, weit weg von ihrem Zuhause in Akathinia, und über ihre Zukunft nachdachte.

Süß in Anbetracht ihres Burnouts nach über hundert öffentlichen Auftritten im letzten Jahr, die sie zusätzlich zu ihrer Arbeit als Vorsitzende von zwei internationalen Agenturen für Jugendarbeit geleistet hatte. Bitter, weil ihr Bruder Nik ihr vorgeworfen hatte, vor dem eigentlichen Problem davonzulaufen.

Sie fühlte sich, als wäre es gestern gewesen, dass sie ihre Ausbildung in der Schweiz abgebrochen hatte, um einen Monat in Paris zu verbringen, weil sie das Gefühl gehabt hatte, das streng reglementierte Studium nehme ihr die Luft zum Atmen. Als würden die vielen Opfer, die sie seit damals gebracht hatte, nichts bedeuten …

„Wie schmeckt der?“

Der testosteronschwangere Barkeeper mit den Dreadlocks legte die Unterarme auf die graue Marmortheke und zog eine dichte dunkle Augenbraue hoch.

„Perfekt.“ Das Lächeln, das sie ihm schenkte, war das erste echte seit Monaten. Er hob den Daumen, dann wandte er sich ab, um einen weiteren Gast zu bedienen.

Entspannt umschloss sie das tulpenförmige Glas mit beiden Händen und betrachtete die feurige Farbgebung des Cocktails. Sie war anderer Meinung als ihr Bruder, der König. Sie rannte nicht weg, sondern zog lediglich eine klare Grenze. Ihren Kindheitstraum mochte sie für ihr Land aufgegeben und die Freiheit geopfert haben, die ihr so wichtig war wie die Luft zum Atmen, doch der neueste Befehl ihres Bruders ging entschieden zu weit.

Sie würde es nicht tun.

Tief atmete sie aus. Und als sie die salzige Seeluft einsog, fühlte sie, wie die Anspannung von ihr abfiel, wie ihr Kopf frei wurde und sich die Enge in ihrer Brust löste.

Wann hatte sie das letzte Mal das Gefühl gehabt, atmen zu können? Dass nichts ihr Leben auf den Kopf stellen könnte? Als wäre der Irrsinn, der sie in dieses karibische Paradies gebracht hatte, einfach ein ärgerliches Schreckgespenst gewesen, das sie mit einem unter falschem Namen gekauften Flugticket und der lebenslangen Übung, Bodyguards zu entkommen, vertreiben konnte?

Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Es war ein unwiderstehliches Spiel gewesen. Fast so lustig wie die, die sie und Nik früher mit den Palastbediensteten gespielt hatten. Unter dem Vorwand, zu einem heimlichen Rendezvous zu wollen, obwohl ein Mann im Moment das Letzte war, was sie in ihrem Leben gebrauchen wollte, hatte sie ihren Exbodyguard Darius dazu gebracht, sie allein aus dem Palast gehen zu lassen. Der Mann war rot geworden und hatte zugestimmt, ihr Verschwinden zu „übersehen“. In einem Harvard-T-Shirt und mit Sonnenbrille an Bord eines Linienflugzeugs zu gehen und die Flucht von der paradiesischen Mittelmeerinsel anzutreten, die sie ihr Zuhause nannte, war noch einfacher gewesen.

Der einzige Wermutstropfen war die SMS von Nik. Sie hatte ihm die Nachricht geschickt, dass es ihr gut ging und dass sie Zeit zum Nachdenken brauchte. Seine schroffe, mahnende Antwort hatte sie dazu veranlasst, das Handy auszuschalten.

Ihr Bruder könnte sie natürlich finden, wenn er wollte. Doch sie wusste, dass er sie nicht suchen würde. Einst selbst ein Rebell, kannte Nik den Preis, den sie gezahlt hatte, um sich die Flügel stutzen zu lassen und ihre eigenen Interessen hintanzustellen. Auch für ihn war es ein großes Opfer gewesen, sein Leben in New York aufzugeben, um den Platz ihres Bruders Athamos als König einzunehmen, als dieser bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen war – ein trauriges Ereignis, das ganz Akathinia erschüttert hatte. Er würde ihr die Zeit geben, sich selbst zu finden.

„Möchten Sie die Speisekarte?“ Der Barkeeper hielt ihr eine entgegen.

„Gern.“ Keine Paparazzi lagen auf der Lauer, kein Darius beobachtete sie mit Argusaugen, niemand ahnte, wer die junge Frau in Jeans, T-Shirt und Sonnenbrille war. Da Jessie erst Zeit haben würde, wenn der abendliche Ansturm vorüber war, könnte sie genauso gut essen und den wunderschönen Sonnenuntergang von der Terrasse aus beobachten.

„Der Tintenfisch soll spektakulär sein.“

Die tiefe, raue Stimme kam von rechts – von dem Mann, der sich gerade auf den Barhocker neben ihrem setzte. Sie erstarrte, ihr stockte der Atem, und ihre Nackenhaare richteten sich auf, ein Gefühl von Unwirklichkeit überkam sie. Das kann nicht sein. Denn diese tiefe, erotische Stimme mit dem carnelianischen Akzent gehörte …

Neeeein! Jeder Muskel in ihrem Körper verspannte sich, ihr Herz begann zu stolpern, ihre Atmung setzte aus, als sie den erdigen, sinnlichen Duft des Mannes wahrnahm. Ihre Füße befahlen ihr – flehten: Renn weg. Doch sie war noch nie feige gewesen, deshalb blieb sie und sah den König von Carnelia an.

Groß und muskulös wie er war, ließ er den Barhocker, auf dem er saß, klein erscheinen. Schon seine Muskelkraft war fesselnd, furchterregend. Aber noch gefährlicher für eine Frau war, dass diese pure männliche Kraft in einer kultivierten Hülle steckte, was ihn immer von seinem grausamen Vater unterschieden hatte und was sie einst hatte glauben lassen, er wäre anders.

Mit einer Handbewegung machte Kostas Laskos den Barkeeper auf sich aufmerksam. Eine unnötige Geste, da ihn ohnehin jeder in der Bar anstarrte. Die Frauen wegen seines markanten, attraktiven Gesichts, das noch von seinem kurz geschnittenen schwarzen Haar betont wurde. Die Männer, weil jemand, der so gefährlich wirkte, sofort eingeschätzt werden musste.

„Den ältesten Mount Gay Rum, den Sie haben“, bestellte der König.

Diavole. Sie bekam ein beklommenes Gefühl in der Magengegend, eine Reaktion, die nur dieser Mann jemals in ihr hatte auslösen können. So atemberaubend er in seiner Galauniform ausgesehen hatte, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte – beim Ball in Akathinia am Unabhängigkeitstag –, so unwiderstehlich wirkte er in Jeans und dem Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln.

Seine langen Finger erregten ihre Aufmerksamkeit. Er hatte gefährliche Hände – Hände, die einem Mann ebenso leicht das Genick brechen konnten, wie sie ihr achtzehnjähriges Herz zerquetscht hatten. Hände, die angeblich so gekonnt verführten, dass Frauen bei ihm Schlange standen, was sie jedoch nicht bestätigen konnte, weil er sie auf grausamste Weise zurückgewiesen hatte.

Sie biss sich auf die Unterlippe, seine Wirkung auf sie spürte sie im ganzen Körper. Sein wunderbar sinnlicher Mund hatte sie geküsst, um sie zu trösten, nachdem ihr Traum zerstört worden war. Er hatte ihr gezeigt, wie wahre Leidenschaft aussehen konnte, dann war er gegangen und hatte sich über ihre Schwärmerei lustig gemacht.

Sie hasste ihn.

Mit unbewegter Miene beobachtete er sie, analysierte jede ihrer Reaktionen auf ihn. Also zwang sie sich, etwas zu sagen. „Solltest du nicht zu Hause sein und deinen Piratenstaat regieren, oder ist deinem Jet der Treibstoff ausgegangen?“

„Du weißt, warum ich hier bin.“

Ruckartig setzte sie das Glas ab. „Keine Sorge, du kannst tanken und dich auf den Weg machen. Ich habe Nik meine Antwort gegeben. Ich würde dich niemals heiraten, selbst dann nicht, wenn du hundert Milliarden Euro zahlen würdest.“

„Du hast abgelehnt, bevor du dir überhaupt angehört hast, was ich biete.“

Sie legte sich den Finger an den Mund. „Lass mich nachdenken … Hmm. Ein Barbar als Ehemann, ein Leben im Lager des Feindes, eine Verbindung mit einem Mann, der nicht einmal den Mut hatte, seinen Vater zu stoppen, als dieser versucht hat, Akathinia zu übernehmen? Nein, danke.“

Ein Muskel trat an seinem Kiefer hervor. „Pass auf, was du sagst, Stella. Du kennst nicht alle Fakten.“

„Du kommst anderthalb Jahre zu spät. Es interessiert mich nicht mehr.“ Sie rutschte von dem Barhocker. „Flieg nach Hause, Kostas.“

„Setz dich“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Tu mir den Gefallen, und hör mich an. Die Zeit für Trotzanfälle ist lange vorbei.“

Gäste drehten sich zu ihnen um und starrten sie an. Jessie, die gerade Stühle um einen Tisch stellte, blickte zu ihr herüber und machte große Augen, als sie den Mann neben Stella wahrnahm. Stella gab ihr ein Zeichen und setzte sich wieder, weil sie keine Szene machen und ihre Tarnung auffliegen lassen wollte. Nicht weil der König es befohlen hatte.

Kostas nagelte sie mit seinem Blick fest. „Iss mit mir zu Abend. Hör zu, was ich zu sagen habe. Wenn du das tust, verspreche ich dir, dass ich gehen und jede Entscheidung akzeptieren werde, die du triffst.“

Jede Entscheidung akzeptieren? War er immer so arrogant gewesen? Wie hatte sie jemals so blind verliebt sein können, dass sie sich zu einer totalen Idiotin gemacht hatte?

Ihr wurde heiß. „Kala“, sagte sie mit ihrer süßesten Stimme. „Du hast recht. Diese Unterhaltung ist längst überfällig. Bestell uns doch eine gute Flasche Bordeaux, such einen Tisch aus, und dann unterhalten wir uns beim Essen wie zwei zivilisierte Erwachsene.“

Erneut rutschte sie vom Hocker und rauschte an ihm vorbei in Richtung Damentoilette.

Kostas wusste, dass Stella nicht zurückkehren würde. Er kannte sie. Kannte sie seit der Kindheit, als die königlichen Familien von Akathinia und Carnelia sich oft bei offiziellen Anlässen begegnet waren, die die Saison am Mittelmeer auszeichneten. Seine Familie hatte großen Respekt genossen, als die Neigung seines Vaters zu einer diktatorischen Regentschaft noch nicht so stark ausgeprägt gewesen war.

Er hatte miterlebt, wie Stella sich von einem unbestreitbar hübschen Teenager zu einer temperamentvollen jungen Frau entwickelte, die den größten Teil ihrer Zeit damit verbrachte, den Aufstand zu proben. Erst in den letzten Jahren war aus der rebellischen Prinzessin von Akathinia eine angesehene, weltweit agierende Wohltäterin geworden.

Und darüber war er froh. Es war ihre Willenskraft, die er immer respektiert hatte, ja, er hatte sich regelrecht davon angezogen gefühlt. Von ihrem starken Charakter. Dies war eine Eigenschaft, die er bei einer Ehefrau suchte, einer Frau, die außergewöhnliche Dinge mit ihm vollbringen könnte – die die Struktur einer Nation ändern könnte, die schwer gelitten hatte. Wenige hätten den Mut, die Herausforderung anzunehmen, die er ihr bieten wollte. Stella war er angeboren.

Er ließ sich einen Tisch am Rand der Terrasse geben, an dem sie in Ruhe sprechen könnten, und ging dann zu den Damentoiletten, wo er sich an die Wand lehnte, die Arme vor der Brust verschränkt. Als Stella herauskam und direkt auf den Ausgang zusteuerte, räusperte er sich.

„Ich dachte, du brauchst vielleicht Hilfe bei der Suche nach unserem Tisch“, sagte er freundlich. „Ist ein Château Margaux okay?“

Sie machte große Augen, kniff sie dann zusammen, und ein ganzes Spektrum an Emotionen blitzte in ihrem Gesicht auf, als sie sich einen Plan B überlegte. „Wunderbar“, erwiderte sie und rauschte an ihm vorbei ins Restaurant.

Er folgte ihr amüsiert und genoss den Anblick ihres knackigen Pos in den engen Jeans. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal so lebendig gefühlt hatte, so voller Lebenslust.

Galant führte er sie zu dem Tisch auf der Terrasse und rückte ihr den Stuhl zurecht. Sie setzte sich, und er berührte wie zufällig ihre Schultern, als er die Hände zurückzog, woraufhin die Prinzessin sichtbar zusammenzuckte. Ein Test. Zufrieden registrierte er das Ergebnis. Sie wünschte sicherlich, sie könnte ihn hassen, doch er wusste, dass es anders war.

Während der Kellner die Weinflasche entkorkte, widmete er der Frau, die ihm gegenübersaß, seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ohne Make-up, die Haare zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden, waren die kühnen Gesichtszüge eine Herausforderung an sich. Nicht schön im klassischen Sinn, aber unvergesslich, insbesondere da sie mit eisblauen Augen und blondem Haar gepaart waren.

Jede andere Frau war irgendwann zu einer verschwommenen Kopie der vorherigen verblasst, doch Stella war einzigartig geblieben. Sie hatte er nie mit den anderen in einen Topf werfen können. Immerhin war sie die Frau, der er im Alter von dreiundzwanzig Jahren mit beeindruckender Selbstbeherrschung widerstanden hatte.

Der Kellner gab dem Wein Zeit zu atmen. Kostas verschränkte die Finger und packte gleich ein heißes Eisen an. „Tut mir leid wegen Athamos. Ich weiß, wie sehr du ihn geliebt hast und wie sehr ihr, du und deine Familie, um ihn trauert.“

„Tatsächlich?“ Sie reckte das Kinn und sah ihm in die unglaublich blauen Augen. „Ich glaube nicht, dass du unsere Trauer nachempfinden kannst, denn du lebst, Kostas, und Athamos ist tot.“

Volltreffer. Er schnappte nach Luft, doch er hatte es verdient. Seit der Nacht, in der Athamos gestorben war, wünschte er jeden wachen Moment, er könnte die Uhr zurückdrehen. Wünschte, er könnte Stellas Bruder, den früheren Kronprinzen von Akathinia, zu seiner Familie zurückbringen. Aber das konnte er nicht. Der Albtraum jener Nacht würde ihn für immer an seine Fehler erinnern. Alles, was er tun konnte, war, sich selbst zu verzeihen, und versuchen weiterzumachen, bevor er zugrunde ging. Und da sein Land alle Hoffnungen in ihn setzte, war das keine Option.

Er hielt ihrem kalten, verbitterten Blick stand. „Er war ebenso sehr Freund wie Rivale, das weißt du. Unsere Beziehung war sehr komplex. Ich übernehme die Verantwortung für den tragischen Unfall in jener Nacht, aber wir haben beide in das Rennen eingewilligt. Wir haben beide schlechte Entscheidungen getroffen.“

„Ja, aber du warst der Anführer. Ich habe die Geschichten über euch in der Flugschule gehört – sie sind legendär. Du hast ihn angestachelt, bis ihr beide nichts anderes mehr kanntet, als eure Besessenheit, zu gewinnen. Aber in jener Nacht ging es nicht darum, Punkte zu sammeln, ihr habt mit eurem Leben gespielt. Wie kann ich dir das jemals verzeihen?“

„Du musst es“, stieß er mühsam beherrscht hervor. „Verbitterung bringt nichts. Ich kann ihn nicht wieder lebendig machen, Stella. Ich würde es, wenn ich könnte. Du musst mir verzeihen, damit wir weitermachen können.“

„Dafür ist es zu spät. Was hattest du so Wichtiges zu tun, dass du nicht zu uns kommen und uns erklären konntest, was passiert ist? Was war so dringend, dass du gehen musstest, ohne uns aus unserem Elend zu befreien?“

„Ich hätte es tun sollen.“ Er schloss die Augen, suchte nach den richtigen Worten. „Was in jener Nacht passiert ist, hat mich erschüttert. Ich brauchte Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten. Um die Scherben aufzusammeln …“

„Und das war wichtiger als der wertvolle Frieden und die Demokratie, die du predigst.“ Sie feuerte die Worte regelrecht auf ihn ab. „Während du dich selbst gefunden hast, haben wir in Angst gelebt, dein Vater würde Akathinia wieder Catharian Islands angliedern. Warum hast du nicht eingegriffen?“

„Mein Vater war der König. Ich konnte ihn nicht vom Thron stürzen, sondern bloß versuchen, vernünftig mit ihm zu reden. Am Ende hat das aber nicht mehr funktioniert. Er litt zunehmend unter Demenz. Ich musste den richtigen Augenblick abwarten, um die Herrschaft zu übernehmen.“

„Deshalb hast du dich selbst ins Exil geschickt?“

„Ich bin nach Tibet gegangen.“

„Tibet?“ Ihre Augen wurden groß. „Du hast mit den Mönchen gelebt?“

„So ähnlich.“

Sie starrte ihn an, als suchte sie nach einem Hinweis, dass er scherzte. Als er nichts sagte, lehnte sie sich zurück, der Blick kalt. „Hat dir dein Aufenthalt dort die ersehnte Vergebung gebracht? Die Absolution? Vielleicht war es auch Frieden, wonach du gesucht hast. Weiß der Himmel, wir alle haben danach gesucht. Wir hatten nicht einmal eine Leiche, die wir begraben konnten.“

Er biss die Zähne zusammen. „Es reicht, Stella.“

„Sonst was? Ich bin nicht dein Untertan, Kostas. Du kannst nicht hierherkommen, den ersten Urlaub stören, den ich seit Jahren habe, und mich rumkommandieren, wie dein Vater es so gern getan hat. Du bewegst dich gerade auf ganz dünnem Eis.“

Er wusste es. „Sag mir, was ich tun soll.“

Der Kellner kam, um den Wein einzuschenken, und verschwand sofort wieder. Stella trank einen Schluck, dann nahm sie das Glas zwischen beide Hände, den Blick unverwandt auf Kostas gerichtet. „Was ist in jener Nacht passiert? Warum habt ihr das Rennen veranstaltet?“

Sein Herz pochte laut in seiner Brust. Jedes Detail, jede Sekunde jener Nacht hatten sich in sein Gedächtnis eingeprägt. Er hatte sich selbst versprochen, nie wieder darüber zu sprechen, doch wenn er es nicht tat, würde Stella ihn einfach sitzen lassen.

„Athamos und ich haben auf Carnelia eine Frau kennengelernt. Cassandra Liatos. Wir hegten beide Gefühle für sie. Sie war hin und her gerissen, mochte uns beide. Wir beschlossen, es mit einem Autorennen durch die Berge zu klären – der Gewinner sollte die Frau bekommen.“

Ihr fiel die Kinnlade hinunter. „Ihr hattet ein illegales Autorennen, und der Preis war eine Frau?“

Er kniff die Lippen zusammen. „Einer von uns musste weichen. Cassandra konnte sich nicht entscheiden, also haben wir es getan.“

„Sie war also nur eine Figur in dem Spiel zwischen zwei zukünftigen Königen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das passt nicht zu meinem Bruder. Er hat Frauen nicht wie Gegenstände behandelt. Was war nur los mit ihm?“

Er sah weg. „Es war keine gewöhnliche Nacht.“

„Nein, es war eine Todesnacht.“ Ihr rauer Ton ließ ihn wieder aufblicken. „Wo ist Cassandra jetzt? War sie nach Athamos’ Tod mit dir zusammen?“

„Nein. Es war … unmöglich, einfach weiterzumachen.“

Stella sah in den Sonnenuntergang am Horizont. Er merkte ihr an, wie hart sie um Beherrschung kämpfte. Als sie den Blick schließlich wieder auf ihn richtete, hatte sie sich fest im Griff.

„Bist du fertig? Hast du alles gesagt, was du sagen wolltest? Denn wenn du glaubst, ich würde dich heiraten, nachdem ich das gehört habe, Kostas, dann spinnst du komplett.“

Er beugte sich vor, legte die Unterarme auf den Tisch. „Es war ein Fehler. Ich habe einen Fehler gemacht, für den ich den Rest meines Lebens bezahlen werde. Was ich für uns vorschlage, ist eine Partnerschaft. Die Chance, den Frieden und die Demokratie im Ionischen Meer wiederherzustellen.“

„Ich soll dir helfen, nach allem, was du getan hast? Ich soll zulassen, dass du mich als Gallionsfigur benutzt, die du der Welt bei irgendwelchen PR-Aktionen vorführst, um Carnelias Glaubwürdigkeit wiederherzustellen?“

Ihre Feindseligkeit schockierte ihn. „Seit wann bist du so zynisch? So gnadenlos unversöhnlich? Wo ist die Frau, die alles für eine bessere Welt getan hätte?“

„Ich kämpfe für eine bessere Welt. Jeden Tag tue ich das mit meiner Arbeit. Du bist derjenige, der die Orientierung verloren hat. Du bist nicht mehr der Mann, den ich mal kannte. Der Mann, der geblieben wäre und seinen Vater aufs Schärfste bekämpft hätte.“

„Du hast recht“, sagte er barsch und fühlte tiefstes Bedauern. „Ich bin nicht mehr der Mann, der ich mal war. Ich bin Realist, kein Idealist. Nur so kann ich meinem Land aus der Misere helfen, in der es steckt.“

Sie betrachtete ihn über den Rand ihres Glases hinweg. „Und wie willst du das erreichen? Wie willst du Carnelia retten?“

„Mein Vater hat den Beliebtheitsgrad der Monarchie in ein historisches Tief geführt. Für den Herbst plane ich eine Wahl, um Carnelia in eine konstitutionelle Monarchie zu verwandeln. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die Militärjunta, die meinen Vater unterstützt hat, vorher die Herrschaft übernimmt. Wenn du mich heiraten würdest und Akathinia und Carnelia damit eine symbolische Verbindung eingingen, dann wäre das ein starkes Zeichen für die Zukunft, die ich meinem Volk bieten kann, wenn es mir die Möglichkeit dazu gibt. Eine Vision von Frieden und Freiheit.“

Ungläubig sah sie ihn an. „Du bittest mich, dich zu heiraten, mich in das Lager des Feindes zu begeben, das jeden Moment von einer mächtigen Militärfraktion übernommen werden kann, und ein Land, eine Regierung, mit dir umzuwandeln?“

„Ja. Du hast den Mut, die Kraft und das Mitgefühl, um mir dabei zu helfen, Carnelia in die Zukunft zu führen, die es verdient.“

Ihre Augen funkelten. „Und was ist mit mir? Soll ich auf mein Glück verzichten? Soll ich aus einem Pflichtgefühl heraus einen Mann heiraten, den ich nicht ausstehen kann?“

Er schüttelte den Kopf. „Du hasst mich nicht, Stella. Du weißt, dass das gelogen ist. Außerdem wäre es nicht aus einem Pflichtgefühl heraus. Du könntest dir einen Traum erfüllen. Du hast mir mal erzählt, dass du Anwalt für Menschenrechte werden wolltest, um weitreichende Veränderungen zu erreichen. Als meine Königin könntest du das tun. Du würdest den Lauf der Geschichte ändern. Du würdest Menschen Glück bringen, die genug gelitten haben. Willst du wirklich sagen, dass es das nicht wert ist?“

Sie schürzte die Lippen. „Du spielst dein Ass aus, Kostas? Jetzt weiß ich, wie verzweifelt du bist.“

„Wir wissen beide, dass es nicht mein Ass ist, aber dass wir sehr gut zusammenpassen. Mehr als gut sogar.“

Sie wurde rot. „Das war vor zehn Jahren, und es war nur ein Kuss.“

„Aber was für einer. Er hat gereicht, dass du in durchsichtiger Wäsche in mein Bett gesprungen bist und bis ein Uhr morgens auf mich gewartet hast, während die Gäste auf der Party dachten, du wärst krank.“

„Ein toller Gentleman bist du, dass du das auf den Tisch bringst.“

„Nein“, entgegnete er sanft. „Das war ich, als ich dich rausgeworfen habe. Du warst Athamos’ kleine Schwester. Erst achtzehn Jahre alt. Ich war der Sohn eines Diktators. Dich zu küssen war dumm von mir, denn ich wusste doch, auf welchen Sockel du mich gestellt hattest. Ich habe versucht, es zu beenden, aber du hast ein Nein als Antwort nicht akzeptiert. Manchmal ist Grausamkeit Freundlichkeit in seiner rudimentärsten Form.“

Ihre saphirblauen Augen funkelten. „Dann hättest du mir den Mitleidskuss ersparen sollen.“

„Es war weit komplizierter zwischen uns, und das weißt du.“ Sie war am Boden zerstört gewesen, weil ihre Eltern ihr verboten hatten, wie ihr Bruder Nik an der Harvard Law School zu studieren. Damit hatte sich ihr größter Traum in Luft aufgelöst. Und er war nicht darauf vorbereitet gewesen, dass es derart zwischen ihnen funken könnte.

„Wäre es dir lieber gewesen, ich hätte mit dir geschlafen?“ Er hielt ihrem wütenden Blick stand.

„Nein. Du hast mir einen Gefallen getan. Und da wir jetzt festgestellt haben, dass du ein herzloser Kerl bist, den ich niemals heiraten würde, denke ich, es ist alles gesagt, was gesagt werden musste.“

Sie sprang auf, nahm ihre Tasche und schob den Stuhl zurück.

„Du brichst die Abmachung?“

„Die Abmachung war, dass ich dir zuhöre. Aber ich merke plötzlich, dass ich keinen Appetit mehr habe.“

Er stand ebenfalls auf, nahm sein Portemonnaie und zog eine Karte von dem Jachthafen heraus, wo er auf der Jacht eines Freundes wohnte. Sie zuckte zusammen, als er ihr die Karte in die Hosentasche steckte. „Triff diese Entscheidung nicht, weil du mich hasst, Stella. Triff sie für das, woran du glaubst. Triff sie für Akathinia. Wenn das Militär nicht gestoppt wird, dann wird es versuchen, den Job zu beenden, den es letztes Jahr begonnen hat, als es ein Schiff von Akathinia gekapert hat. Menschen werden sterben.“

Sie verkrampfte sich.

„Ich kenne dich“, murmelte er. „Du wirst das Richtige tun.“

„Nein, du kennst mich nicht.“ Langsam schüttelte sie den Kopf. Ein Meer an Emotionen spiegelte sich in ihren blauen Augen. „Du kennst mich überhaupt nicht.“

2. KAPITEL

Kostas konnte sie nicht kennen, sie kannte sich in diesem Moment ja selbst nicht. Allein die Tatsache, dass sie sich mit seinem Vorschlag überhaupt beschäftigte, war schon irrsinnig.

Unruhig lief Stella auf der Terrasse von Jessies Villa am Meer auf und ab. Ihr rauchte der Kopf. Wie konnte Kostas es wagen hierherzukommen? Wie konnte er es wagen, Schuldgefühle in ihr zu wecken? Sie war nach Barbados gereist, um nachzudenken und zu sich zu finden. Stattdessen lastete jetzt das Gewicht von zwei Ländern auf ihren Schultern.

Wenn das Militär nicht gestoppt wird, dann wird es versuchen, den Job zu beenden, den es letztes Jahr begonnen hat, als es ein Schiff von Akathinia gekapert hat.

Ihr Magen verkrampfte sich, kalte Angst breitete sich in ihr aus. Fünf Mitglieder der Crew waren ums Leben gekommen, als sich ein abtrünniger Commander aus Carnelia im letzten Jahr während einer Routineübung in den Gewässern zwischen Akathinia und Carnelia eines akathinianischen Schiffes bemächtigt hatte. Wenn Kostas die Kontrolle über Carnelia verlor und das Militär an Macht gewann, dann war Akathinia in Gefahr.

Aber ihn heiraten, um ihr Land zu schützen?

Sie blieb stehen und blickte hinaus auf das dunkle Meer. Ein schmerzhafter Knoten formte sich in ihrem Magen. Zumindest kannte sie jetzt die Wahrheit über Athamos. Es erklärte allerdings nicht, was Cassandra Liatos an sich hatte, dass er sich ihretwegen ein Todesrennen mit Kostas lieferte – warum er so dumm gewesen war, sein Leben für eine Frau wegzuwerfen, die nicht wusste, was sie wollte.

Es sei denn, er hat sie geliebt.

Hat er sie geliebt? fragte sie sich frustriert. War das die Antwort auf das Geheimnis, das sie quälte. Sie wollte mit den Fäusten gegen die breite Brust ihres Bruders trommeln, doch Athamos war nicht hier. Würde nie wieder bei ihr sein.

Heiße Tränen brannten ihr in den Augen. Irgendwie musste sie loslassen. Sie wusste nur nicht, wie.

Als Jessie mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern nach Hause kam, tigerte sie immer noch auf und ab.

„Was macht Kostas hier? Er hätte fast deine Tarnung auffliegen lassen.“

„Er will, dass ich ihn heirate.“

Jessie fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Ihn heiraten?“

„Mach die Flasche auf.“

Ihre Freundin entkorkte den Wein, schenkte zwei Gläser ein und reichte ihr eins.

Sie trank einen Schluck. „Es wäre eine rein politische Verbindung.“

„Warum?“

„Ich bin der symbolische Schlüssel zu Frieden und Demokratie im Ionischen Meer.“

Ungläubig sah Jessie sie an. „Das ist doch keine Basis für eine Ehe. Denk an deine Mutter. Sie hat aus denselben Gründen geheiratet und wäre daran fast zugrunde gegangen.“

Wir alle haben darunter gelitten, schoss es Stella durch den Kopf. Die Ehe ihrer Eltern mochte eine politische Verbindung gewesen sein, doch ihre Mutter hatte ihren Vater geliebt. Leider war ihr Vater unfähig gewesen, irgendjemanden zu lieben, weder seine Frau noch seine Kinder. Die ständigen Affären des Königs hatten für Schlagzeilen in der Presse gesorgt und die Familie zerstört.

„Kostas macht sich Sorgen wegen der Militärjunta, die seinen Vater unterstützt hat. Er will im Herbst Wahlen einberufen, um eine konstitutionelle Monarchie zu etablieren, doch er fürchtet, dass das Militär vorher die Herrschaft übernimmt, wenn er nicht ein deutliches Signal für Veränderung setzt.“

„Und du als Vorzeigefrau für globale Demokratie wärst das.“

„Ja.“

Entsetzt starrte Jessie sie an. „Du denkst doch nicht wirklich darüber nach, oder?“

Stella schwieg.

Jessie trank einen Schluck Wein und betrachtete dabei ihre Freundin. „Stella, du warst mal in ihn verliebt. Warst verrückt nach ihm. Soll sich alles wiederholen?“

„Es war eine kindische Schwärmerei und hatte nichts zu bedeuten.“

Jessie verzog den Mund. „Ihr beide habt den ganzen Sommer nur Augen füreinander gehabt. Es war vorherbestimmt, dass ihr … Und dann handelst du endlich, und er lässt dich einfach stehen.“

Stella schüttelte den Kopf. „Es hat nicht sollen sein. Es war zu kompliziert.“

„Vergleichst du deshalb jeden anderen Mann mit ihm? Schätzchen, mach dir nichts vor. Ich kenne dich. Du warst total verstört, als er in die Bar kam. Und du bist es immer noch.“

„Ich habe mich unter Kontrolle.“

„Tatsächlich? Damals gab es nur ihn für dich. Er war der neueste Superheld, geschickt, um uns alle vor den bösen Jungs zu retten.“

Was für eine sinnige Beschreibung ihrer jugendlichen Schwärmerei für Kostas … Sie hatte ihn auf ein Podest gestellt wegen seiner Entschlossenheit, sein Land in die Demokratie zu führen. Und sie hatte daran geglaubt, dass nur er erkennen konnte, wie schrecklich einsam sie war, weil er, dessen war sie sicher gewesen, es auch war.

„Ich kenne jetzt seine Fehler“, sagte sie und sah Jessie an. Sie hatte längst nicht mehr dieses unrealistische Bild von ihm. „Die Sache ist die, dass ich schon lange nicht mehr glücklich bin, Jess. Ich bin rastlos, fühle mich wie eingesperrt. Ich führe ein geborgenes, ein perfektes Leben, und doch bin ich unglücklich.“

„So etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht. Aber warum? Du leistest erstaunliche Arbeit. Sinnvolle Arbeit. Befriedigt dich das nicht?“

„Doch, aber es ist nicht wirklich meins. Außer dass ich die Abrüstung unterstütze, ist es die gesäuberte, geschönte Presseversion von Menschenliebe, die der Palast steuert.“ Sie schüttelte den Kopf. „Du weißt, ich dachte immer, dass ich zu etwas Höherem berufen bin. Dass ich die Fähigkeit und Macht besitze, weitreichende Veränderungen zu bewirken. Doch jedes Mal, wenn ich versucht habe, meine Flügel auszubreiten, wurden sie gestutzt. Athamos und Nik haben die Vorrangstellung eingenommen. Ich war diejenige, die sich fügen musste.“

Jessie schwieg. „Ich verstehe, was du meinst“, sagte sie schließlich. „Doch das hier ist eine große Sache, Stella. Unabänderlich. Wenn du ihn heiratest, dann bist du Königin und Vorbild einer ganzen Nation. Eine sehr heikle Situation, über die du nicht wirklich die Kontrolle hast.“

Aber war das nicht gerade die Art von Herausforderung, die ihrem Leben diesen besonderen Kick gäbe? Trotz aller Risiken? War das nicht das, wonach sie sich ihr ganzes Leben gesehnt hatte? Die Chance, sich einen Namen zu machen?

Sie und Jessie sprachen bis spät in die Nacht. Als ihre Freundin schließlich todmüde zu Bett ging, blieb Stella noch auf der Terrasse sitzen und schaute in den sternenklaren Himmel.

Sie stellte ihre Fähigkeit, das zu tun, worum Kostas sie bat, nicht infrage. Sie hatte Kriegsgebiete bereist, um sich für den Frieden in Ländern einzusetzen, in denen junge Menschen die unschuldigen Opfer des Konflikts waren. Sie hatte Stammesführer getroffen und herausgefordert, einen besseren Weg zu finden, als sich gegenseitig zu zerstören. Wovor sie Angst hatte, war Kostas. Was er ihr antun könnte in einer politischen Ehe mit ihr als seiner Schachfigur.

Der heutige Abend hatte gezeigt, dass sie auch jetzt, zehn Jahre später, noch nicht immun gegen ihn war. Im Gegenteil, er hatte offenbart, was die Ursache für ihren schlimmen Fehler mit Aristos Nicolades im letzten Jahr gewesen war.

Sie hatte eine Reihe Männer kennengelernt und einen nach dem anderen abserviert, ohne auch nur einen näher an sich heranzulassen. Als sich das als unbefriedigend erwies, hatte sie ihre Fühler nach Aristos ausgestreckt, um sich zu beweisen, dass sie einen Mann für sich gewinnen konnte, der mindestens so unerreichbar war wie Kostas. Ebenso faszinierend. Sie hatte versucht, den Geist der schmerzlichsten Zurückweisung ihres Lebens zu vertreiben und zu beweisen, dass sie mehr wert war. Doch Aristos hatte ihr das Herz gebrochen und, was noch schlimmer war, sich Hals über Kopf in ihre Schwester verliebt und diese geheiratet.

Sie war dazu bestimmt, allein zu bleiben. Hatte akzeptiert, dass Liebe für sie unerreichbar war. Dass sie zu oft zu tief verletzt worden war, um Liebe als etwas anderes als eine destruktive Kraft zu sehen. Was die Idee einer politischen Verbindung fast erträglich machte. Wenn es dabei um jemand anderen als Kostas gegangen wäre.

Sich an einen Mann zu binden, der sie zerstören konnte, schien eine weitere schlechte Entscheidung in der langen Liste von vielen zu sein. Es sei denn, sie bekam seine Wirkung auf sie in den Griff.

Wenn sie Kostas heiraten und überleben wollte, dann musste sie ihre Gefühle für ihn tief vergraben, damit er sie nicht gegen sie benutzen konnte.

Die Frage war nur … Könnte sie das?

„Die Prinzessin ist gekommen, um Sie zu sprechen, Hoheit.“

Kostas blickte von den geheimdienstlichen Anweisungen auf, die er gerade prüfte. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Es waren zwei Tage vergangen, seit er seine Karten hoffnungsvoll vor Stella aufgedeckt hatte. Zwei Tage ohne Antwort. Da er morgen wegen eines Gipfeltreffens nach Carnelia zurückkehren musste, dachte er schon, dass er sein Verhandlungsgeschick bei der Prinzessin, die einen sehr persönlichen Groll gegen ihn hegte, überschätzt hatte.

Er zeigte nicht, wie erleichtert er war, als er seinem Berater Takis zunickte. „Ich komme nach oben.“

Nervös lief er die Stufen zum oberen Deck der Jacht seines alten Freundes Panos Michelakos hinauf, die im Hafen der kleinen Bucht Carlisle Bay ankerte, während der Besitzer sich um Geschäfte auf den Westindischen Inseln kümmerte. Stella stand an der Reling des beeindruckenden siebzig Fuß langen Boots und blickte hinaus aufs Meer.

Ihre schlanke Silhouette zeichnete sich gegen die untergehende Sonne ab, ihr honigfarbenes Haar fiel ihr über den Rücken. Sie trug einen weißen Rock und ein karamellfarbenes Top. Sie wirkte ganz wie die kühle, weltgewandte junge Frau, die sie angeblich war. Allerdings wusste er aus Erfahrung, dass Stella alles andere als kalt war. Sie war leidenschaftlich in allem, was sie tat.

Das Bild von ihr in blutroten Dessous, ausgestreckt auf seinem Bett im Palast von Akathinia, hatte sich für immer in sein Gedächtnis eingeprägt. Es war dort abgespeichert, um ihn mit der Erinnerung an die einzige Frau zu quälen, bei der er sich den Sex versagt hatte. Die einzige Frau, die er nie vergessen hatte.

Brennende Hitze breitete sich in ihm aus, als das erotische Bild in seinem Kopf aufblitzte. Es war schon früher Morgen gewesen, als er nach einer Party im Palast die Stufen zu seinem Zimmer hinaufstieg, etwas berauscht von zu vielen Gläschen Tsipouro. Er hatte nicht gemerkt, dass noch jemand in seiner Suite war, hatte sich ausgezogen, die Kleidung auf den Boden fallen lassen und war auf das Bett gefallen.

Erst als seine Hand die seidige Haut einer Frau berührte, war ihm bewusst geworden, dass er nicht allein war. Zuerst hatte er gedacht, dass er vielleicht zu viel getrunken hatte und nur von Stella träumte, bis sie anfing zu reden und ihm sagte, dass er der aufregendste Mann war, den sie je kennengelernt hatte, dass der Kuss in der Bibliothek unglaublich gewesen war und dass er der Erste sein sollte, mit dem sie Sex hatte.

Er war damals dreiundzwanzig Jahre alt gewesen und war fast durchgedreht. Mit ihren festen, wunderschönen Brüsten und den endlos langen Beinen war sie der Traum eines jeden heißblütigen Mannes. Unbändiges Verlangen und sein Verstand hatten miteinander gerungen. Für einen Mann, der damit kämpfte, sich von seinem autokratischen Vater abzugrenzen, war sie zu unschuldig, zu rein, zu bestrebt, die Welt zu verändern. Und er zweifelte daran, jemals ihren hohen Idealen entsprechen zu können.

Trotz seines Alkoholkonsums war er vernünftig genug gewesen, sie aus dem Bett zu heben, zur Tür zu tragen und mit der Bemerkung, sie solle in ihrer eigenen Sandkiste spielen, außerhalb seiner Suite wieder auf die Füße zu stellen. Er war sicher, dass sie eines Tages begreifen würde, dass er ihr ein gebrochenes Herz erspart hatte. Dass Frauen für ihn nur flüchtige Abenteuer waren. Er amüsierte sich mit ihnen und warf sie dann weg, um die nächste zu erobern. Dieser Zwang, Eroberungen zu machen und stets gewinnen zu müssen, charakterisierte sein Leben.

Doch nach dieser Nacht hatte er begriffen, dass seine Gefühlloslosigkeit die zähe, unverwüstliche Stella tiefer getroffen hatte, als er geglaubt hatte. Dass sein Bedürfnis, ihr zu zeigen, dass er nicht der richtige Mann für sie war, sie tief verletzt hatte.

Stella spürte Kostas’ Anwesenheit, noch bevor er sich bemerkbar machte. Die Hände an der Reling, drehte sie sich um, und sein Anblick erschütterte sie bis ins Mark. Ihr angehender Verlobter betrachtete sie mit einer Neugier und Intensität, die jede der Schutzbarrieren zu zerlegen schien, mit denen sie sich gerüstet hatte.

„Überlegst du gerade dein weiteres Vorgehen, Kostas?“

„Nein, ich bewundere dich.“

Ungewollte Hitze durchströmte sie und erreichte Stellen, die eiskalt bleiben mussten. „Du musst mir nicht schmeicheln“, sagte sie. „Du weißt, warum ich hier bin.“

„Ehrlichkeit“, entgegnete er, als er vor ihr stehen blieb, „ist etwas, das du immer von mir bekommen wirst, Stella. Ob dir gefällt, was ich zu sagen habe, oder nicht.“

War das noch eine weitere Anspielung auf seine demütigende Zurückweisung?

„Ich kann mit Ehrlichkeit umgehen. Das war immer meine Stärke. Und dass ich meinen Prinzipien treu bleibe und dazu stehe, wenn ich etwas verbockt habe.“

Er ignorierte den Seitenhieb. „Was hat dich umgestimmt?“

„Du hattest recht. Als notorischer Regimekritiker kann ich unseren beiden Ländern nicht den Rücken kehren. Auch nicht meinen Träumen, denn ja, die habe ich noch. Aber ich werde nur unter gewissen Bedingungen deine Königin.“

„Lass hören.“

„Ich bin nicht nur das Aushängeschild eines patriarchischen Establishments. Du gibst mir Entscheidungsbefugnis und einen klaren Status.“

„Denkst du da an etwas Bestimmtes?“

„Einen Sitz im Exekutivrat.“

„Das wäre höchst … ungewöhnlich.“

„Sag Ja, Kostas, oder aus der Sache wird nichts.“

Lange sah er sie an. „Kala. Du kannst einen Sitz im Exekutivrat haben. Aber ich warne dich, es wird nicht einfach werden. Akathinia mag modern sein, aber in Carnelia herrscht noch finsteres Mittelalter.“

„Ich liebe Herausforderungen. Zweitens werde ich meine Arbeit bei den Organisationen fortsetzen, die ich gegenwärtig unterstütze, es sei denn, mein Terminkalender ist zu voll.“

„Damit habe ich kein Problem. Du leistest großartige Arbeit. Was du allerdings nicht tun kannst, ist durch Kriegsgebiete spazieren. Das ist zu riskant.“

„Ich spaziere nicht, Kostas. Das Foto von mir mit diesen Kindern hat Millionen von Dollar für die Unterstützung eines regionalen Abrüstungsabkommens gebracht.“

Er neigte den Kopf. „Schlechte Wortwahl. Aber Tatsache ist, dass ich meine Königin lebend brauche.“

Nicht weil er Zuneigung für sie empfand, sondern weil sie für ihn von Wert war.

„Drittens“, fuhr sie fort, „nimmst du dir keine Geliebte. Solltest du es tun, kann ich mich sofort scheiden lassen. Ich brauche kein von der Regierung unterschriebenes Dekret.“

„Ich bin nicht wie dein Vater, Stella. Ich habe nicht die Absicht, mir Affären zu gönnen. Warum sollte ich auch, wenn ich eine Frau wie dich im Bett habe?“

„Da wir gerade davon sprechen, es ist eine politische Heirat. Das heißt, ich muss nicht zwingend mit dir schlafen.“

„Das könnte ein Problem sein, denn ich muss schnell einen Erben zeugen, um die Laskos-Linie zu sichern. Auch steht dein vierter Punkt im Widerspruch zu deinem dritten. Ich darf mir keine Geliebte nehmen, aber wir werden auch keinen Sex haben?“

Sie winkte ab. „Der Erbe – das ist möglich.“

„Wie soll das funktionieren?“ Er trat einen Schritt näher. „Eheliche Besuche sind erlaubt? Ich komme zu dir, wenn du fruchtbar bist?“

„So in etwa.“

Seine dunklen Augen funkelten. „Gefällst du dir in der Rolle der Märtyrerin, Stella?“

Sie reckte das Kinn. „Ich wäre nicht die erste Prinzessin, die sich aus einem Pflichtgefühl heraus opfert. Die Geschichte ist voll davon. Wir werden für unsere Schönheit und Haltung geschätzt, unser Mitgefühl und unsere Empathie, doch am Ende sind wir nicht mehr als bessere Zuchtstuten.“

Einen Moment lang sah er sie schweigend an. „Ich biete dir weit mehr als das. Es wäre eine echte Partnerschaft.“

„Nebst Erben, den du unbedingt brauchst.“

„Was passiert, wenn du gerade nicht als meine Zuchtstute fungierst? Wenn ich normale männliche Bedürfnisse habe?“

Bei den erotischen Bildern, die vor ihrem geistigen Auge auftauchten, wurde sie rot. Sie sah ihn vor sich … nackt, und in jeglicher Hinsicht prächtig ausgestattet. Heiß strömte das Blut durch ihre Adern, und ihre Haut begann zu prickeln.

Diavole, aber so würde es nicht laufen. Sie reckte das Kinn noch höher und funkelte ihn rebellisch an. „Es ist nicht meine Sache, das herauszufinden, Kostas. Das ist dein Job.“

„Tatsächlich?“ Langsam ließ er den Blick über ihre heißen Wangen wandern. „Ich denke, wenn du die Vergangenheit ruhen lässt, wenn du mir endlich verzeihst und erkennst, wie gut wir zusammenpassen, dann werden wir im Bett genauso harmonieren wie als Herrscherpaar meines Landes.“

„Nein“, entgegnete sie, obwohl die Funken zwischen ihnen sprühten. „Das wird nicht passieren. Frauen sind nur Objekte für dich. Auch ich bin lediglich ein Mittel zum Zweck. Ich wäre blöd, wenn ich das vergessen würde.“

„Du wirst meine Ehefrau sein, kein Objekt. Und nur weil ich in jener Nacht nicht mit dir geschlafen habe, Stella, bedeutet das nicht, dass ich dich nicht wollte. In meiner Fantasie habe ich mir oft einen ganz anderen Ausgang des Abends ausgemalt.“

Ihre Bauchmuskeln zogen sich zusammen. Es war ein verführerischer Gedanke, dass er sie begehren könnte. Dass das Verlangen nicht so einseitig gewesen war, wie sie gedacht hatte. Wenn sie genauer darüber nachdachte, könnte sie vielleicht sogar seine Zurückweisung vergessen. Doch ihr Verstand sagte ihr, dass das Ganze reine Taktik von ihm war. Verhandlungsgeschick. Manipulation.

Sie hob den Kopf. „Deinen Erben zu empfangen wird ein Akt sein. Mehr nicht. Ich habe kein Interesse mehr an Größenwahnsinnigen in schöner Verpackung.“

„Größenwahnsinnige?“

„Ja – du.“

Er betrachtete sie einen Moment. „Schließt du Aristos Nicolades in diese Gruppe ein?“

Erstaunt zog sie eine Augenbraue hoch. „Verfolgst du mein Liebesleben, Kostas? Aristos war einfach der letzte Versuch. Ich habe für mich entschieden, Beziehungen genauso ablehnend gegenüberzustehen wie du. Es lohnt sich einfach nicht.“

„Das bist nicht du, Stella. Du lebst für die Leidenschaft.“

„Nicht mehr. Du solltest übrigens glücklich über meine neue Sichtweise sein. Denn nur deshalb heirate ich dich.“

„Das und dein Wunsch, unglaublich viel Gutes zu tun, denn das wirst du.“

„Behandle mich nicht so herablassend.“ Sie trat einen Schritt zurück, denn sie musste unbedingt tief durchatmen, was in seiner Nähe nicht möglich war. „Ich bin an Bord, wenn du meinen Bedingungen zustimmst.“

„Abgemacht. Sollen wir jetzt die nächsten Schritte besprechen?“

Ihr wurde ganz schwindlig. Das alles geschah tatsächlich. „Schieß los.“

„Ich fliege morgen zu einem Gipfeltreffen nach Carnelia. Es wäre ideal, wenn du mich begleiten würdest, damit wir die Verlobung verkünden und mit den Vorbereitungen für die Hochzeit beginnen können.“

Morgen? Sie hätte dringend etwas Zeit für sich gebraucht.

Er spürte ihre Bestürzung. „General Houlis, die treibende Kraft hinter der Militärjunta, hat seine Kampagne begonnen und mobilisiert die nötigen Kräfte im Hintergrund. Seine Unterstützung ist keineswegs solide – er hat noch einen langen Weg vor sich. Wir müssen ihn aufhalten, solange wir noch können.“

„Ich vermute, die bevorstehenden Wahlen sind deine größte Waffe?“

„Ja. Ich werde sie bei dem Gipfeltreffen diese Woche ankündigen. Es werden viele Medienvertreter anwesend sein. Nik ist auch da. Wir werden Einigkeit präsentieren.“

„Und unsere Verlobung? Verkünden wir sie vorher oder nachher?“

„Das bespreche ich mit meinem PR-Team, aber ich dachte an kommenden Freitag. Dann würde die Woche mit einem Knaller bei der Konferenz beginnen und mit einer gleichermaßen starken Aussage zur Zukunft enden.“

„Und die Hochzeit? Wann soll die stattfinden?“

„In sechs Wochen, dachte ich.“

„Sechs Wochen?“

„Meine Eventmanagerin wird sich um alles kümmern. Du musst nur erscheinen.“

Ich bin nur eine Schachfigur, die herumgeschoben wird.

Sein Gesichtsausdruck wurde versöhnlich. „Ich weiß, es ist Tradition, dass die Verlobungsparty im Land der Braut gefeiert wird, aber in diesem Fall muss sie in Carnelia stattfinden, und alle Schlüsselfiguren sollten anwesend sein.“

„Das ist in Ordnung.“

„Gut.“ Er griff in seine Tasche und zog einen Ring heraus. Überrascht blickte sie auf den funkelnden Brillanten.

„Warst du dir so sicher?“

„Ich habe es gehofft. Dieser Ring gehörte meiner Mutter. Eins der wenigen Erinnerungsstücke, die ich habe.“

„Du warst noch sehr klein, als sie starb.“

„Ich war erst vier. Ich habe keine wirkliche Erinnerung an sie.“

Sie betrachtete seinen ungerührten Gesichtsausdruck. Wie musste es gewesen sein, ohne Wärme aufzuwachsen? Nur mit seinem allgemein verhassten Tyrann von Vater? Hatte es in seinem Leben einen Menschen gegeben, dem er sich anvertrauen konnte, der ihn geliebt hatte – eine Großmutter, eine Patin? Sie konnte sich nicht erinnern, dass er jemals davon gesprochen hätte.

Athamos hatte einmal bemerkt, dass Kostas der einzige ihm bekannte Mensch war, der selbst inmitten einer Ansammlung von Leuten einsam und verlassen wirkte.

„Deine Hand“, riss Kostas sie aus ihren Gedanken.

Sie streckte die Hand aus, und ihre Finger zitterten leicht, als er ihr den Ring überstreifte und ihr dabei tief in die Augen sah. „Efharisto, Stella. Danke. Ich verspreche, dass du es nie bereuen wirst. Wir werden ein starkes Team abgeben und den Carnelianern die Zukunft geben, die sie verdienen.“

Seine Energie übertrug sich auf sie, pulsierte durch ihren Körper. Sank mitten in ihr Herz. Ihre Zukunft war jetzt unwiederbringlich mit einem Mann verbunden, den sie hassen wollte, einem Mann, für den ihre Gefühle weit komplexer waren, als sie jemals erwartet hätte. Doch jetzt gab es kein Zurück mehr.

3. KAPITEL

Die Tage, die auf Stellas Rückkehr nach Akathinia folgten, vergingen wie im Flug. Sie wusste, dass ihre Entscheidung, Kostas zu heiraten, richtig war, wusste, dass dies die Herausforderung war, nach der sie gesucht hatte. Der Rummel, der darum gemacht wurde, setzte ihr allerdings gehörig zu.

Jeder schien eine Meinung zu ihrer bevorstehenden Hochzeit mit dem König von Carnelia zu haben. Angefangen bei ihrer Friseurin, die ihn als „richtigen Mann unter all den Pseudomännern“ bezeichnete, über ihre Schwester Aleksandra, die sich mit der Friseurin darüber einig war, dass Kostas „ein blendend aussehender, sexy Mann“ war, bis hin zur Regenbogenpresse, die ihre Verbindung als „die aufregendste, die in den letzten Jahrzehnten in den Königshäusern eingegangen war“ titulierte.

Die traditionelle Presse dagegen, Kostas’ härtester Kritiker, nahm eine abwartende Haltung ein. Nicht alle waren überzeugt, dass König Idas’ Sohn, der zweiunddreißigjährige, in Oxford ausgebildete Befürworter einer Demokratie, das Land retten konnte. Das Militär war gegen ihn, die Stimmungswerte für die Monarchie waren niedrig, und es war nicht vorauszusehen, ob Kostas die Herzen der carnelianischen Bevölkerung gewinnen konnte.

Aber es gab auch Hoffnung. Die Menschen schienen vorsichtig optimistisch. Auf den Straßen wurde spontan gefeiert, als die erste Wahl in der Geschichte des Landes angekündigt wurde. Diese Freudenfeste dauerten an, als sich die Nachricht über die bevorstehende Hochzeit mit der Prinzessin von Akathinia verbreitete. Für die große Mehrheit war sie das vielversprechende Licht am Ende des Tunnels, doch für andere war sie eine unbekannte Größe in einer Kultur, die Fremden gegenüber schon immer verschlossen gewesen war.

Diese Hürde muss genommen werden, dachte Stella grimmig, als sie eine Woche vor der Verlobungsparty zu einem offiziellen Termin nach London flog. Die Zukunft des Landes und die Selbstbestimmung seines Volkes hingen davon ab.

Aufdringliche Pressevertreter verfolgten sie, als sie an einem Benefizessen zugunsten einer Krebsstation in einem der größeren Krankenhäuser teilnahm. Was als friedliche Veranstaltung begann, wurde wegen der bevorstehenden Hochzeit zu einem Medienrummel. Sie wusste, dass das alles nur ein kleiner Vorgeschmack auf das war, was sie bei der Hochzeit erwartete, und war entsprechend schlecht gelaunt, als sie nach Akathinia zurückkehrte, um mit ihrer Schwägerin Sofía und ihrer Schwester Alex ein Kleid für die Verlobungsfeier und eins für die Hochzeit auszusuchen.

„Was hältst du von dem?“ Sofía hielt ein aufsehenerregendes, rückenfreies saphirblaues Kleid hoch.

„Zu auffallend.“

Sofía hängte das Kleid wieder an den Ständer und nahm das nächste. Ein weißes Chiffongewand.

„Zu jungfräulich.“

Ihre Schwägerin ging die Reihe mit Kleidern durch und zeigte ein elegantes mitternachtsblaues Spitzenkleid.

Stella schüttelte den Kopf. „Auch nicht.“

„Was ist los?“ Nachdenklich sah Alex sie an.

„Entschuldigt, ich weiß, dass ich eine Plage bin, aber es war eine schlimme Woche.“

Sofía legte das Kleid über den Arm. „Du musst es nicht tun. Es ist noch nichts passiert, was nicht rückgängig gemacht werden könnte.“

Ihre Schwägerin sollte es wissen. Sie war eine ehrgeizige Boutiquebesitzerin gewesen, bevor sie sich in Stellas Bruder verliebt hatte und Königin geworden war. Doch der Weg zum Glück war für sie und Nik nicht einfach gewesen.

„Ich tue das Richtige.“

„Für dich oder für dein Land?“

„Beides.“

Es klopfte, und ihr Bruder trat ein, das Jackett überm Arm, die Krawatte gelöst. Neugierig warf er einen Blick auf den Kleiderständer. „Wie läuft’s?“

Alex zog eine Grimasse. „Überhaupt nicht.“

Nik sah Stellas finsteres Gesicht. „Könnt ihr uns einen Moment allein lassen?“, bat er Sofía und Alex, die sichtlich erfreut waren über die Verschnaufpause. „Alles okay mit dir?“, wandte er sich an seine Schwester.

„Es war nie besser.“

„Es war deine Entscheidung, Stella.“

„Das ist es nicht.“ Sie winkte ab. „Ich brauchte eine Herausforderung wie diese. Es ist der Medienrummel, der mir an die Nerven geht. Man könnte meinen, ich hätte eine Lösung für den Hunger auf der Welt gefunden, statt mich zu verloben.“

„Sieh es als Vorteil für Carnelia. Die Menschen sind aufgeregt.“

„Ich weiß.“

„Kostas ist ein guter Mann. Es ist nicht einfach für ihn, mit den Schuldgefühlen fertig zu werden. Lass ihm ein wenig Zeit.“

„Du sprichst ihn von jeder Verantwortung frei?“

„Ich habe entschieden, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Das solltest du auch tun. Aber ich wollte über etwas anderes mit dir sprechen. Darius wird mit dir nach Carnelia gehen. Für immer.“

„Das kann ich nicht von ihm erwarten. Er lebt hier.“

„Er möchte es gern. Seine Loyalität dir gegenüber war immer unstrittig.“

„Weiß Kostas das?“

„Er ist einverstanden. Ich vertraue Kostas bedingungslos – er wird auf dich aufpassen. Doch wenn er mal nicht da ist, dann möchte ich einen zuverlässigen Mann aus Akathinia bei dir wissen.“

„Warum? Meinst du, ich bin in Gefahr?“

„Es ist einfach eine kluge Vorsichtsmaßnahme. Du begibst dich in eine sehr heikle politische Situation.“

Ihr gefiel seine Antwort nicht. Andrerseits hatte sie gewusst, dass sie volles Risiko ging, als sie die Herausforderung annahm.

„Kala.“ In Ordnung.

Niks Blick wurde weich. „Ich finde es sehr mutig von dir, dies zu tun, Stella. Ich bin stolz auf dich. Denk immer daran, dass du nicht allein bist. Niemals. Wir sind immer bei dir.“

Ihr wurde warm ums Herz. Nik war immer ihr Fels in der Brandung gewesen. Leidenschaftlich und voller Idealismus – genau wie sie. Der Gegenpol zu Athamos. Er war zu Athamos ins Internat geschickt worden, als Stella vier war, und sie hatte ihre Brüder nur noch in den Ferien gesehen. Als sie alt genug war, allein zu reisen, hatte sie Nik häufig in New York besucht, in der Hoffnung, eines Tages studieren zu können. Doch ihre Eltern hatten diesen Traum zerstört.

S’agapao.“ Ich liebe dich. „Das weißt du.“

„Ki ego s’agapao.“ Ich liebe dich auch. Er umarmte sie. „Und jetzt such dir ein Kleid aus. Die Feier ist schon in ein paar Tagen.“

Sofía und Alex kehrten mit Kaffee und Keksen zurück. Stella betrachtete das Tablett. „Nervennahrung.“ Sie lächelte und spürte, wie ihr alter Kampfgeist zurückkehrte.

„Ich denke, ich nehme das saphirblaue Kleid.“

Sie würde glänzen, die Welt aufrütteln. Sie würde ihren Weg gehen und vollenden, was sie sich vorgenommen hatte. Der König hatte keine Ahnung, welcher Sturm ihn erwartete.

Der Orkan in Stella war zu einem stürmischen Tropenwind abgeflaut, als sie die Küste vor dem Palast von Carnelia erreichte. Als Kind war sie oft mit ihrer Familie in dem massiven grauen Steinpalast gewesen. Damals war die Beziehung zwischen Akathinia und Carnelia noch friedlich gewesen, fast freundschaftlich. Der Palast war ein aufregender Ort, dunkel und voller Geheimnisse, der perfekte Platz zum Versteckspielen.

Sie war immer das mutigste unter den Kindern gewesen, war am längsten im Versteck geblieben, ihre Gänsehaut und die klappernden Zähne waren nichts gewesen verglichen mit dem Siegesrausch. Nicht einmal der tapfere Athamos hatte die Dunkelheit gemocht. Doch als sie sich jetzt in der Suite einrichtete, die sie bis zu ihrer Hochzeit mit Kostas bewohnen würde, war sie eher nervös als aufgeregt. Vielleicht weil sie der Gedanke, dies wäre ihr künftiges Zuhause, mit Angst erfüllte. Vielleicht weil sie Nik, Sofía und Alex schrecklich vermissen würde.

Da Kosta am Tag ihrer Ankunft bis spätabends in Meetings war, hatte er ihr ausrichten lassen, dass sie sich am nächsten Morgen sehen würden. Doch erst als Page, ihre Dienerin, dabei war, Stella das Haar für die Feier am Abend zu frisieren, ließ er sich dazu herab zu erscheinen. Der Tag war fast vorbei, und das Warten hatte den Sturm in Stellas Adern wieder aufbrausen lassen.

Als sie der Dienerin ein Zeichen gab, den König hereinzulassen, merkte sie, dass Schmetterlinge in ihrem Bauch aufflatterten. Gekleidet in einen leichten grauen Anzug, dazu ein weißes Hemd, das sein gutes Aussehen noch hervorhob, die dunklen Haare aus dem Gesicht gekämmt, strahlte er so viel Macht und Männlichkeit aus, dass es sie fast umhaute.

Sie hatte geglaubt, ihre Reaktion auf ihn unter Kontrolle zu haben, doch die geräumige Suite schrumpfte auf die Größe eines Schuhkartons zusammen, als er sich neben sie stellte und ihre Blicke sich im Spiegel des Frisiertisches trafen.

Sie befeuchtete sich die Lippen, suchte nach einer klugen Bemerkung, doch ihr fiel keine ein.

Er senkte den Kopf und hauchte einen Kuss auf ihre Wangen. Diese zärtliche Geste traf sie völlig unvorbereitet, und sie zuckte zusammen.

Mit funkelnden Augen richtete Kostas sich auf. „Lassen Sie uns allein“, befahl er der Dienerin, die sich hastig zurückzog

„Du musst lernen, deine … distanzierte Haltung mir gegenüber zu verbergen, wenn andere in der Nähe sind oder wenn heute Abend Fotos gemacht werden, sonst entpuppt sich unsere Hochzeit schnell als Farce.“

Trotzig reckte sie das Kinn. „Das mache ich nicht absichtlich, Kostas. Es passiert einfach.“

Sein Blick verdunkelte sich. „Vielleicht sollten wir es noch einmal tun, uns richtig küssen, üben sozusagen, damit es heute Abend völlig natürlich wirkt.“

„Ich glaube nicht, dass das nötig ist.“

„Warum nicht? Hast du Angst vor deiner Reaktion?“

„Wohl kaum. Aber warum da aufhören? Warum tun wir es nicht gleich richtig? Hier. Im Stehen an der Wand, während Page draußen wartet. Wärst du dann zufrieden? Würde das als Reaktion ausreichen? Dass der ganze Palast begeistert ist, wie du mich auf Kurs hältst?“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Augen funkelten eher amüsiert als verärgert. „Ist das der Plan, Stella? Willst du mich dafür bestrafen, dass ich dich hergelockt habe? Willst du mich provozieren, bis ich den Verstand verliere? Du vergisst, wie gut ich dich kenne. Ich weiß, wie du ausweichst, wenn du gestresst bist und dich in die Ecke gedrängt fühlst, und wie verdammt gut du Sarkasmus als Waffe einsetzt.“

Sie zuckte mit der Schulter. „Man muss mit den Waffen arbeiten, die einem zur Verfügung stehen.“

„Warum sagst du mir nicht einfach, was dich ärgert?“

„Warum sollte ich? Ich habe so viel Spaß an deiner laienhaften Psychologie, dass ich denke, du solltest es mir sagen.“

Er schürzte die Lippen. Sah sie an. „Es waren zwei anstrengende Wochen. Wir standen beide dauernd unter Beobachtung. Die meisten Carnelianer scheinen dich willkommen zu heißen, aber einige haben auch ein Problem mit einer Ausländerin. Heute Abend musst du ihnen beweisen, dass du hierhergehörst. Du wärst kein Mensch, wenn du den Druck nicht spüren würdest.“

„Ich bin Medienrummel gewöhnt. Ich werde damit fertig.“

Er neigte den Kopf. „Trotzdem, ich weiß zu schätzen, wie gut du dich der Lage gewachsen zeigst.“

Da ihr keine schlagfertige Antwort einfiel, beließ sie es dabei. Kostas wandte den Blick ab und ließ ihn durch die aufwendig, wenn auch recht dunkel ausgestattete Suite schweifen. „Hast du dich schon eingewöhnt?“

„Einigermaßen. Ehrlich gesagt hast du recht, Kostas. Es ist, als wäre man im finsteren Mittelalter. Alles wirkt so kalt. Es ist keine Wärme in den Räumen, kein Leben. Warum?“

„Seit dem Tod meiner Mutter ist nichts verändert worden. Mein Vater wollte es nicht. Ich stimme dir aber zu, dass dringend renoviert werden muss. Es ist nicht der Ort, an dem ich unsere Kinder aufwachsen sehen will.“

Da war es wieder. Kinder. Ein Erbe. Sie wünschte, sie könnten das Thema für eine Weile vergessen.

„Wie war es für dich, hier aufzuwachsen?“

„Einsam. Kalt. Manche sagen, dass mein Vater nach ihrem Tod innerlich auch tot war und er deshalb zu dem Diktator wurde, der er war.“

„Er hat sie sehr geliebt.“

„Zu sehr.“

Die Schöne und das Biest. „War er wirklich so, wie er dargestellt wird?“

„Ein Tyrann, meinst du?“ Er verzog den Mund. „Es kommt darauf an, wie man ihn antraf. Er konnte charmant, charismatisch und warmherzig sein, wenn er wollte, und dann wieder war er egoistisch, gefühllos und sadistisch. Ein Chamäleon. Ein notorischer Lügner. Machte sich und anderen etwas vor.“

Sadistisch. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. „Und wie war er zu dir, seinem Sohn?“

„Ich war sein Protegé, seit ich fünf Jahre alt war. Es ging darum, die Rolle des Thronerben zu erlernen, in seine Fußstapfen hineinzuwachsen. Es war nie eine normale Vater-Sohn-Beziehung.“

„Hat er dich gemaßregelt?“

„Du meinst, ob er mich geschlagen hat? Ja, körperliche Züchtigung gehörte mit zu seinen erzieherischen Maßnahmen. Angst und Einschüchterung – nach dem Motto kontrollierte er alle Menschen um sich herum. Manchmal waren es Schläge, manchmal böse Gemeinheiten, die er mir an den Kopf warf. Er war ein Meister in beidem.“

„Bitte sag mir, dass es irgendjemanden in deinem Leben gab, zu dem du gehen konntest. Eine Großmutter, eine Tante.“

„Meine yaya. Die Grußmutter väterlicherseits, Königin Cliantha. Sie starb, als ich zwölf war. Aber zu der Zeit war ich schon im Internat.“

„Was passierte, als du deine eigenen Ideen entwickelt hast? Als offensichtlich wurde, dass sich deine Lebensphilosophie von der deines Vaters unterscheidet?“

„Zuerst habe ich versucht, es für mich zu behalten. Meine Großmutter meinte, es wäre besser so. Aber irgendwann, als ich selbstbewusster wurde und von außen die Bestätigung für meine Ideen bekam, kam es raus. Ich wurde als Bedrohung betrachtet. Als Konkurrent. Jeder, der die Praktiken meines Vaters infrage stellte, wurde auf geeignete Weise ‚entsorgt‘. Die größte Bedrohung aber war ich – der Thronfolger, der etwas anderes für sein Land wollte. Ich war nicht so leicht in Schach zu halten.“

„Wie konntet ihr so nebeneinander bestehen?“

„Es war nicht einfach. Ich habe meinem Vater klargemacht, dass ich den richtigen Augenblick abwarten würde. In der Zwischenzeit nahm ich die offiziellen Verpflichtungen wahr, die er nicht schaffte, habe der Welt ein zivilisiertes Verhalten gezeigt und versucht, die internen Angelegenheiten des Lands am Laufen zu halten, während er davon besessen war, Akathinia zu übernehmen. Aber mit Beginn der Demenz wurde sein Verhalten immer unberechenbarer, und für mich wurde es schwieriger, mich zurückzuhalten und nichts zu tun.“

„Die Situation eskalierte, bevor du gegangen bist.“

„Ja. Es gab diejenigen, die meinen Vater ersetzen wollten, die, die mich und meine demokratischen Ideen unterstützten, und jene, die gegen jede Dezentralisierung von Macht kämpften, die ihnen ihre eigene nehmen würde. Es war ein … gefährlicher Zustand.“

Das unbehagliche Gefühl in ihrem Bauch wurde intensiver. Sie sah Kostas an. „Bist du deshalb in jener Nacht mit Athamos das Rennen gefahren? Weil du frustriert warst? Weil du nicht richtig bei Verstand warst?“

„Es war … kompliziert“, sagte er nur und reichte ihr einige Blätter Papier, bevor er zur Tür ging. „Die endgültige Gästeliste. Du solltest einen Blick darauf werfen.“

„Irgendjemand, auf den ich besonders achten muss?“

„General Houlis und seine zwei Rädelsführer. Halt dich von ihnen fern.“

„Warum?“

„Weil sie gefährlich sind. Du hältst dich vielleicht für einen Drachentöter, Stella, und ohne Zweifel bist du das auch, aber hier mischst du dich nicht ein. Konzentrier dich darauf, die Leute kennenzulernen, die ich markiert habe. Es sind Menschen, die gesellschaftlich, geschäftlich und politisch wichtig sind und die wertvoll für dich sein werden.“

Sie nickte. Sie würde das tun und General Houlis kennenlernen, Kostas’ größten Gegner, denn er würde auch ihr Feind sein.

An der Tür drehte Kostas sich noch einmal zu ihr um. „Was ziehst du heute Abend an?“

„Das ist eine Überraschung.“

„Davon wird es heute Abend sicherlich eine Menge geben.“

Er verließ sie, und Stella ging die Gästeliste durch und prägte sich jeden wichtigen Namen und Titel ein. Glücklicherweise hatte sie ein fotografisches Gedächtnis.

Als sie zu L kam, machte sie große Augen. Cassandra Liatos würde teilnehmen? Laut Liste als Gast von Captain Mena, einer von General Houlis Anhängern.

Die Frau, wegen der Athamos gestorben war. Die Frau, mit der ihr Verlobter vermutlich geschlafen hatte.

Ihr Puls beschleunigte sich. Ein unwichtiges Detail, das Kostas vergessen hat zu erwähnen?

4. KAPITEL

„Es ist schon spät, Hoheit.“

Kostas, der im Foyer des Schlosses auf Stella wartete, war sich dessen wohl bewusst. Die Ankunft der ersten Gäste stand unmittelbar bevor. Tausende, so war ihm gesagt worden, standen im Hof. Alle warteten darauf, einen Blick auf ihren König und die zukünftige Königin zu erhaschen.

Auch die Presse wartete ungeduldig. Die Notwendigkeit, die Presse und sein Volk zu begrüßen, bevor die geladenen Gäste eintrafen, belastete ihn ebenso sehr wie die Rede, die er halten würde. Vielleicht die wichtigste seines Lebens. Er hatte keine Zeit für eine aufmüpfige Prinzessin.

Etwas Blaues auf dem Treppenabsatz fiel ihm ins Auge. Als würden ihm die Ohren klingeln, erschien in dem Moment die zukünftige Königin. Den Saum des knöchellangen Kleides etwas angehoben, schritt sie vorsichtig die Treppe hinab. Ihm stockte der Atem beim Anblick ihres konzentrierten Blicks, des entschlossenen Kinns, des Feuers in den blauen Augen. Sie kam, um zu erobern, und sie war sexy wie keine andere Frau.

Er holte tief Luft und genoss ihren Anblick. Das Abendkleid passte farblich perfekt zu ihren wunderschönen Augen. Es schmiegte sich verführerisch um ihren schlanken Körper, das hochgesteckte Haar brachte den schönen, langen Hals gut zur Geltung, die funkelnden Brillanten an ihren Ohren und auf ihrem Dekolleté spiegelten ihr inneres Strahlen wider.

Nicht zum ersten Mal in seinem Leben war er fasziniert von Stella. Sobald sie einen Raum betrat, verblasste alles andere.

Auf der letzten Stufe blieb sie stehen, den Blick auf ihn gerichtet. Ihre saphirblauen Augen weiteten sich kaum wahrnehmbar, als er keinen Versuch unternahm, zu verbergen, welche Wirkung sie auf ihn hatte. Die Luft zwischen ihnen knisterte wie eklektrisch aufgeladen. Er wartete ab, was sie tun würde. Die Lippen zusammengepresst, senkte sie das Kinn und nahm einen kühlen, blasierten Gesichtsausdruck an.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin“, sagte sie. „Mein Haar saß nicht richtig.“

Er betrachtete die perfekte Frisur. „Nicht ein Haar tanzt aus der Reihe.“

„Ja, jetzt nicht mehr.“ Sie blickte zu den antiken Glastüren, die zum Eingang des Schlosses führten. „Da draußen stehen Tausende von Menschen. Ich habe sie von meinem Fenster aus gesehen.“

„Zehntausende. Und wir sind spät dran. Bist du bereit?“

Sie nickte, und er reichte ihr die Hand. Sie ergriff sie, und als er die Finger um ihre schloss, erschauerte sie.

„Du siehst wunderschön aus. Aber es fehlt ein Stück Stoff – am Rücken.“

Sie verzog den Mund. „Ich dachte, wir müssten die Sache mal etwas beleben.“

Blitzlichtgewitter setzte ein, und ein Raunen ging durch die Menge, als sie in die Säulenhalle des Schlosses traten. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Sein Herz setzte für einen Moment aus. Bei seinem Vater war alles wesentlich geordneter abgelaufen. Es hatte gestellte Fotos gegeben, die die Botschaft seiner mächtigen Herrschaft in die Welt hinaustragen sollten – die Menschen legten ein Lippenbekenntnis zum Diktator ab, aus Angst vor Repressalien.

Dies war spontan. Niemand war gezwungen worden zu kommen – und doch waren sie da. Dicht gedrängt standen die Menschen im Schlosshof und bestätigten damit den Anstieg seines Beliebtheitsgrads, seit er die Wahlen und seine Verlobung mit Stella angekündigt hatte. Es bewies, dass sich Hoffnung in seinem Land regte.

Stella drückte seine Hand und sah ihn an. Ihm war gar nicht bewusst gewesen, dass er stehen geblieben war. Geh weiter, schien ihr Blick zu sagen. Pack die Gelegenheit beim Schopf.

Sie traten vor, lächelten und winkten der Menge zu. Sie ließen sich fotografieren, bevor sie ihren Platz auf der Treppe neben der Stellas Familie einnahmen, als die erste Limousine vorfuhr.

Selbstbewusst begrüßte Stella die Gäste. Fasziniert beobachtete Kostas, dass sie für jeden die richtigen Worte fand, sodass die Begegnung unvergesslich wurde.

Nachdem die ersten drei Fluchten von königlichen Hoheiten, Politikern und Prominenten abgeschritten waren, die wichtig genug waren, um persönlich begrüßt zu werden, reichte es ihm.

Er legte die Hand an den sexy nackten Rücken seiner Verlobten, und gemeinsam mit dem PR-Manager gingen sie hinein.

Stella blickte auf die Menge, die immer noch winkte und ihre Namen rief. „Wir können sie nicht einfach so stehen lassen.“

„Wir müssen. Der Zeitplan ist knapp bemessen.“

„Wenn du die Menschen für dich gewinnen willst, Kostas, dann musst du sie kennen.“ Und damit hob sie ihr Kleid an und ging in Richtung Treppe.

Er fluchte leise und wollte ihr nachlaufen. Sein Bodyguard trat vor. „Sie können sich nicht unter die Menge mischen, Hoheit. Sie kennen die …“

„Gefahr.“ Er war sich sehr wohl bewusst, dass er ein Ziel für Attentäter war. Dass es viele Menschen gab, die ihn gern tot sehen würden. Aber seine zukünftige Königin war schon die Treppe hinuntergelaufen und nahm einen Blumenstrauß von einem jungen Mädchen entgegen. Der Anblick ihres nackten Rückens war die reinste Herausforderung, ihr zu folgen.

Und er tat es. Die Bodyguards wurden hektisch. Stella lächelte ihn süß an, als er neben sie trat und den Arm um ihre Taille legte. „Das ist Berdina von der Westküste. Dein Vater hat ihr mal die Hand gegeben.“

Er schüttelte Berdinas Hand. Dann die Hand einer älteren Lady, die Stella gerade umarmt hatte. Umarmt. Ein Mann, dessen faltiges Gesicht zeigte, dass er schon viel vom Leben gesehen hatte, trat vor und klatschte in die Hände. „Wird es die Wahl wirklich geben? Wir haben so lange darauf gewartet.“

„Ja“, sagte Kostas. „Sie haben mein Wort. Gemeinsam werden wir dieses Land verändern.“

Als sie schließlich von dem nervösen PR-Manager zurückgerufen wurden, legte er die Hand fest an Stellas Taille und führte sie zur Treppe.

Zufrieden sah sie ihn an. „Bist du froh, dass du es getan hast?“

„Ja. Mein Sicherheitsdienst aber nicht.“

„Warum? Unsere Bodyguards sind bei uns.“

„Ich bin die Zielscheibe von Attentätern, Stella.“

Ihr fiel die Kinnlade hinunter. Sie starrte ihn an und wäre fast gestolpert, doch er hielt sie fest.

„Attentäter? Oh mein Gott, ich habe nicht …“

„Nachgedacht“, beendete er ihren Satz. „Du warst zu sehr damit beschäftigt, deinen Willen durchzusetzen.“

Thee mou. Mein Gott. Stella wurde ganz schwindelig. Das Blut rauschte durch ihre Adern, als sie Kostas durch die langen Korridore zum Ballsaal folgte. Attentate. Sie hätte daran denken müssen. Kostas hatte ausführlich von seinen Feinden und politischen Gegnern berichtet, der offenen Feindseligkeit, die ihm entgegenschlug.

Lypamai“, murmelte sie, als sie vor den großen Türen zum Ballsaal stehen blieben. Es tut mir leid.

Kostas sah sie an. „Wie wäre es mit etwas weniger Schaumschlägerei und mehr Gehorsam?“

„Als ob ich …“

Er legte den Finger an ihren Mund, ein strahlendes Lächeln erhellte sein düsteres Gesicht. „Ich will dich nur etwas reizen … du brauchst dieses Feuer heute Abend noch da drinnen, yineka mou.“

Ihre Lippen brannten dort, wo er sie berührt hatte, das Kosewort brachte sie völlig aus dem Gleichgewicht. Sie wollte nicht diese pulsierende Anziehungskraft verspüren, dieses Knistern, das sie begleitete, seit sie heute Abend die Treppe hinuntergekommen war. Seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte.

Sie senkte das Kinn, und er nahm den Finger von ihren Lippen. „Mach dir keine Gedanken. Das habe ich verstanden.“

„Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.“

Eine dröhnende Stimme kündete den Gästen im Ballsaal ihre Ankunft an. An Kostas’ Arm schritt Stella durch die fast fünfhundert festlich gekleideten Menschen zur anderen Seite des Saals, wo Nik wartete.

Sie und Kostas nahmen ihre Plätze neben Nik auf der niedrigen Bühne ein. Stella bekam eine Gänsehaut, als sie die vielen Menschen bewusst wahrnahm, eine schillernde, privilegierte Menge, die über das Schicksal des Königs entscheiden würde. Über mein Schicksal, korrigierte sie sich, denn es ging jetzt auch um sie.

Es wurde still, als Kostas die Gäste begrüßte. Wenn er auch unnahbar in der Menge war, als Redner brillierte er. In seiner Stimme schwang die Leidenschaft für seine Vision eines neuen Carnelia mit, gegründet auf der Selbstbestimmung des Volkes und der Modernisierung des Landes, um es in ein „helleres“ Zeitalter zu führen. Wenn er ahnte, dass er sich einige zu Feinden machte bei dem Versuch, das Vertrauen der anderen zu gewinnen, so ließ er sich davon nicht abschrecken. Er bat sein Volk, die Herausforderung anzunehmen und von einer glänzenden Zukunft zu träumen.

„Ich bin dazu bereit“, murmelte sie, als er fertig war und wieder an ihre Seite trat, um Nik vorzulassen.

Er beugte den Kopf, sein warmer Atem streifte ihr Ohr. „Efharisto. Vielleicht bist du irgendwann auch bereit für … andere Dinge in unserer Partnerschaft.“

Sie hob das Kinn, ihr brannten die Wangen. „Träum weiter, Kostas.“

Langsam ließ sie den Blick über die Menge schweifen, als Nik eine wortgewaltige Rede über Frieden und Freundschaft hielt. Anschließend verließen sie die Bühne und mischten sich unter die Gäste.

Stella versuchte, die Gesichter mit den Namen zu verbinden, die Kostas ihr gegeben hatte, lernte VIPs kennen und betrieb Smalltalk. Sie legte den Grundstein für Beziehungen, die sie später ausbauen würde. Bei einigen würde es eine große Herausforderung sein, andere dagegen begegneten ihr offen und neugierig und hießen sie willkommen.

Es war ermüdend, die vielen Informationen abzuspeichern. Trotz ihres guten Gedächtnisses. Sie sehnte sich gerade eine Pause herbei, als Kostas sich neben ihr verkrampfte und seine Hand sich fester um ihre schloss.

Sie folgte seinem Blick zu einem Paar, das in unmittelbarer Nähe stand. Der große, dunkelhaarige Mann mittleren Alters trug eine Militäruniform mit vielen Streifen auf den Schultern. Er war nicht unbedingt attraktiv, doch sein stechender Blick erregte ihre Aufmerksamkeit. Ein Blick, der nichts Gutes verhieß.

General Houlis.

Kostas führte sie zu dem Paar, die Hand an ihrer Taille. „General Houlis, darf ich Ihnen meine Verlobte vorstellen, Stella Constantinides? Stella, General Houlis ist der Befehlshaber unserer Marine und Mitglied im Exekutivrat.“

Stella reichte ihm die Hand, die er zu einem Kuss an die Lippen führte. „Es ist mir eine Ehre, Hoheit“, sagte er. „Sie wurden hier in Carnelia mit Spannung erwartet.“

Der General stellte seine Frau vor, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Stella. „Das war ja ein unglaublicher Empfang für Sie beide heute Abend.“

Sie neigte den Kopf. „Es war wundervoll. Ich freue mich darauf, die enge Verbindung zu erneuern, die Carnelia und Akathinia einst hatten. Ich erinnere mich an viele glückliche Momente in meiner Kindheit. Es war auch herrlich, die freudige Erregung der Menschen über die bevorstehenden Wahlen zu erleben. Ihr Glaube an eine bessere Zukunft ist …“

„Allerdings“, unterbrach sie der General. „Aber sind die Menschen wirklich bereit für solch eine umfassende Veränderung? Das ist die eigentliche Frage.“

„Sie sind schon lange dafür bereit.“ Kostas sah den General an. „Angst und Einschüchterung haben sie schweigen lassen. Ein Wandel ist immer schwer, doch für die, die einen besseren Weg suchen, bringt die kurze, vielleicht schmerzliche Zeit der Ungewissheit einen langfristigen Gewinn. Daran müssen wir glauben. Diejenigen, die sich einem Wandel widersetzen, tun dies aus purem Eigennutz. Sie fürchten zu verlieren, was sie haben.“

Die Augen des Generals funkelten. „Oder sie wollen den Wandel nicht, der ihnen aufgezwängt wird. Es gibt viele Beispiele für Nationen, die zuerst einen Freudentanz aufgeführt haben, dann aber feststellten, dass die alten Wege besser waren.“

„Mit alten Wegen meinen Sie die Unterdrückung der Rechte? Oder die Angst um die Sicherheit, wenn sie nicht spuren? Ich bin sicher, Sie stimmen mir zu, dass das nicht besser genannt werden kann.“

„Manchmal“, konterte der General, „haben die Menschen nicht das Zeug, solch wichtige Entscheidung für sich zu treffen. Manchmal haben sie nicht die nötige Weitsicht. Es könnte alles den Bach runtergehen, wenn man nicht richtig damit umgeht.“

„Deshalb wird die Übergangszeit dazu genutzt, den Weg zu ebnen.“ Kostas’ Ton war jetzt eisig. „Ich glaube an unser Volk. Für dieses Land gibt es nur einen Weg nach vorn.“

General Houlis zuckte die Schultern. „Die Zeit wird es zeigen.“

Stella holte Luft, während der General ihr das Gesicht zuwandte. „Sie beanspruchen einen Sitz im Exekutivrat, wie ich gehört habe …“

Sie wollte antworten, doch Kostas verstärkte den Griff um ihre Taille. „Erst die Wahlen“, erklärte er. „Es müssen vielen Details beachtet werden, bevor der neue Rat Gestalt annimmt.“

„Aber sie wird einen Sitz darin haben?“

„Ihre Hoheit“, betonte Kostas, „wird eine bedeutende Rolle beim Regieren dieses Landes spielen, ja.“

„Finden Sie nicht“, warf Stella ein, „dass es an der Zeit ist, dass der Rat über die Meinung einer Frau nachdenkt? Dass etwas Empathie, etwas Mitgefühl sicher helfen könnte, die testosteronträchtigen Fehler der Vergangenheit auszumerzen? Schließlich befinden wir uns nicht mehr im düsteren Mittelalter, oder?“

„Nein“, erwiderte der General, „sicher nicht. Aber wenn Emotionen der Gesetzgebung im Weg stehen, dann wird es schwierig.“

„Ich verspreche Ihnen, General Houlis, dass meine Gefühle mein klares Denken nicht beeinträchtigen werden. Meiner Meinung nach hat Empathie, der Versuch, andere zu verstehen, mit ihnen zu kommunizieren, die Macht, einige der größten Konflikte der Welt zu lösen.“

„Und Sie bringen ein großes Maß an Popularität mit, um diese Botschaft zu verbreiten. Ihre Arbeit in der ganzen Welt hat Ihnen viel Anerkennung eingebracht.“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Sind Sie vielleicht die nächste Eva Perón?“

„Diesen Vergleich würde ich kaum treffen.“

„Aber er ist sehr reizvoll. Einige behaupten, dass Eva die ganze Macht hatte.“

Kostas wurde gefährlich ruhig neben ihr. „Macht zu haben ist nicht mein Ziel, General Houlis – vielmehr, sie den Menschen in die Hand zu geben.“

Der Mann zuckte die Schultern. „Ich stelle fest, dass Ihre zukünftige Frau eine Größe ist, mit der gerechnet werden muss.“

Ein Schauer lief Stella über den Rücken. Waren seine Worte eine verborgene Botschaft?

Kostas verabschiedete sich von General Houlis und dessen Frau und zog Stella mit sich durch die Menge. Er kochte vor Wut.

„Wenn ich dich bitte, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, dann befolgst du das. Deine Ernennung zum Ratsmitglied ist eine delikate Angelegenheit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Es bringt nichts, jetzt schon für Aufruhr zu sorgen.“

„Hast du vielleicht deine Meinung geändert?“

„Ich halte immer meine Versprechen. Aber du musst geduldig sein.“

„Das habe ich verstanden, Kostas, aber ich lasse mich nicht mundtot machen. Du wirst mir nicht vorschreiben, was ich sagen darf und was nicht.“

„Ich gebe dir vielleicht Macht, aber ich bin immer noch der König des Landes, Stella. Du wirst auf mich hören, wenn ich dir einen direkten Befehl gebe. Und mir gehorchen, wenn ich dich um Kooperation bitte.“

„Ich habe nicht zugestimmt, dir zu gehorchen. Daran solltest du denken, bevor du hier den starken Mann markierst, sonst stehst du ganz schnell ohne Ehefrau da.“

„Stella …“

„Ich brauche eine Pause.“

Sie stolzierte davon und suchte Alex und Sofía in der Menge.

„Was ist passiert?“, fragte Alex. „Du siehst aus, als würdest du gleich explodieren.“

„Dreimal darfst du raten.“

„Kostas, Kostas und Kostas.“ Ihre Schwester nahm ein Glas Champagner vom Tablett eines vorbeikommenden Kellners. „Du hast eindeutig noch nicht genug davon.“

Stella trank einen Schluck. „Ich bringe ihn um.“

„Was hat er jetzt wieder getan?“

„Er hat mir gesagt, dass ich ihm gehorchen muss.“

Alex verzog die Lippen. „Und was hast du geantwortet?“

„Dass ich das nicht unterschrieben habe.“ Sie holte tief Luft. „Wie war euer Abend?“

Alex warf Sofía einen schnellen Blick zu. „Ach, du weißt schon, das übliche Geschwätz. Es ist etwas verwirrend, dass diese Menschen letztes Jahr noch unsere Feinde waren und wir jetzt gesellschaftlich mit ihnen verkehren.“

„Nicht die Menschen“, bemerkte Stella, „die Führung. Und warum macht ihr so ein komisches Gesicht? Was ist los?“

Alex warf noch einen Blick auf ihre Schwägerin. „Nichts, ich …“

„Alex.“

„Cassandra Liatos ist hier. Die Frau, die …“

„Ich weiß, wer sie ist.“ Ihr Herz pochte heftig in ihrer Brust. „Wo ist sie?“

„Sie steht neben dem Schokobrunnen … bei dem Mann im grauen Anzug.“

Möglichst unauffällig drehte Stella sich um. Der Mann neben Cassandra musste Captain Mena sein, doch es war die Frau, die Aufmerksamkeit erregte. Sie war von mittlerer Größe, hatte eine Figur, von der Stella immer geträumt hatte, und sah einfach umwerfend aus. Mit ihren langen schwarzen Haaren und den exotischen Augen war sie genau der Typ Frau, bei dem Männer schwach wurden.

Für einen Moment verschlug es Stella die Sprache, und sie konnte die Frau, die ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte, nur anstarren. „Weiß Nik, dass sie hier ist?“

„Ja. Er hat sich entschieden, nicht mit ihr zu sprechen.“

Das könnte sie nicht. Diese Selbstbeherrschung war ihr nicht gegeben. „Ich muss mit ihr reden.“

„Das halte ich für keine gute Idee.“ Alex legte die Hand an Stellas Arm. „Lass es.“

Doch Stella war schon losmarschiert. Cassandra blickte auf und schien überrascht. Stella begrüßte zuerst Captain Mena, dann die Frau an seiner Seite. „Haben Sie einen Moment für mich?“

Die Frau nickte. Das Funkeln in ihren dunklen Augen war der einzige Hinweis darauf, dass dies etwas anderes war als ein höflicher Austausch. Stella ging voran auf die Terrasse. Sie holte tief Luft, als sie endlich der Frau, die wochenlang ihre Gedanken beschäftigt hatte, persönlich gegenüberstand.

„Efharisto“, murmelte sie. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie so überrumpelt habe.“

Cassandra schüttelte den Kopf. „Als ich Nikandros sah, wollte ich mit ihm sprechen. Mein Verlobter hat mich überredet, es nicht zu tun. Er meinte, es wäre besser, das Thema ruhen zu lassen.“

„Jeder scheint das zu meinen. Doch ich muss wissen, ob Sie meinen Bruder geliebt haben. Ob er sie geliebt hat. Es wäre für mich die einzige Erklärung dafür, dass er etwas getan hat, was so untypisch für ihn war. Sicher, der Konkurrenzkampf zwischen Kostas und ihm war immer blöd, aber es musste mehr gewesen sein.“

„Ich mochte beide, das müssen Sie wissen. Irgendwie befand ich mich in einer unmöglichen, sehr schwierigen Situation …“

„Aber Sie müssen doch für einen stärkere Gefühle gehabt haben?“

„Ich war in Kostas verliebt“, erklärte Cassandra ruhig. „Athamos habe ich verehrt, doch Kostas wollte ich haben.“

Auf die Eifersucht, die Stella plötzlich verspürte, war sie nicht vorbereitet gewesen. „Wusste er es?“

„Keine Ahnung. Ich habe den beiden gesagt, dass ich Zeit brauche. Ich wollte über einen Weg nachdenken, wie ich Athamos sagen konnte, dass nicht er derjenige war, den ich wollte. Es war …“ Cassandra legte die Hände an die Wangen. „Sie haben es getan, bevor ich überhaupt wusste, was geschah. Von dem Unfall habe ich erst erfahren, als ich am nächsten Morgen in der Zeitung davon las.“

Als Athamos schon tot war. „Fragen Sie sich manchmal“, fuhr Stella fort, „ob, wenn Sie sich früher geäußert hätten …“

Cassandra wurde blass. „Jeden Tag, seit es geschehen ist. Aber irgendwann musste ich mir selbst verzeihen. Mein Leben weiterleben. Mich selbst zu bestrafen würde Athamos nicht zurückbringen. Es würde nicht ändern, was geschehen ist.“

Stella betrachtete die Frau, die ihr gegenüberstand. „Haben Sie jetzt ihr Glück gefunden? Mit Ihrem Verlobten?“

Cassandra sah weg, und Stella glaubte die Antwort auf ihre Frage bereits zu kennen.

„Ich habe … Frieden gefunden.“

„Bei einem Mann, der diesem Land den Frieden nehmen will?“

„Man sollte nicht voreilig über andere urteilen.“

Sie sah Cassandra an. „Ich wünsche Ihnen und Captain Mena alles Gute. Hoffentlich finden Sie den Frieden, nach dem Sie suchen. Ich wünsche es Ihnen wirklich.“

Stella drehte sich um und ging. Alex hatte recht gehabt. Das Gespräch hatte nichts gebracht.

„Wie viele Richter am Obersten Gericht wollen Sie benennen?“

Kostas versuchte, sich auf die Unterhaltung mit einer hochrangigen Richterin zu konzentrieren, doch der Anblick seiner Verlobten in den Armen von Aristos Nicolades hatte ein Gefühl heraufbeschworen, das ihm eigentlich fremd war. Eifersucht. Wenn er eine Frau wollte, dann flirtete er mit ihr und bekam sie. Wenn sie Spielchen spielte, eine dieser wenig effektiven Übungen, um ernsthaftes Interesse in ihm zu wecken, dann war sie innerhalb einer Stunde vergessen.

Doch Stella in den Armen des Casino-Moguls auf der Tanzfläche zu sehen, in ein intensives Gespräch vertieft, ließ ihn alles andere als kalt.

Er atmete tief aus und widmete sich wieder seiner Gesprächspartnerin, einer mächtigen Frau, die eine wichtige Unterstützerin war und eine Verbündete im Justizsystem sein würde. „Ich weiß es noch nicht. Aber seien Sie versichert, Sie gehören auf jeden Fall dazu.“

Er entschuldigte sich und ging verärgert in Richtung Tanzfläche. Es war Tradition, dass das Verlobungspaar den Tanz eröffnete, doch da seine Verlobte mit Cassandra Liatos auf der Terrasse gewesen war – eine Begegnung, die er nicht hatte verhindern können – und dann von Aristos aufgefordert worden war, hatte er warten müssen, während seine Eventmanagerin aussah, als würde sie gleich der Schlag treffen.

Auch er hatte das Gefühl, kurz vor einem Herzinfarkt zu stehen. Wütend griff er nach Stellas Hand, als sie mit Aristos die Tanzfläche verließ. Ihr gleichgültiger Gesichtsausdruck ließ seinen Blutdruck noch weiter ansteigen.

„Die Grenze, von der ich mal gesprochen habe“, murmelte er. „Wir nähern uns ihr in Lichtgeschwindigkeit.“

Sie sah ihn an. „Was passiert, wenn wir sie erreichen? Wirst du mich bestrafen?“

„Der Gedanke ist sehr reizvoll.“

„Du würdest doch wohl nicht Hand anlegen …?“

„Nein, das würde ich nicht. Es gibt andere Arten der Bestrafung, yineka mou. Ich würde etwas Passendes finden.“

Sie warf ihm einen hitzigen Blick zu. „Du wusstest, dass sie hier sein würde, und hast es mir nicht gesagt.“

„Cassandra?“

„Ja.“

„Sie stand auf der Gästeliste. Daher fand ich es unnötig, ihr Erscheinen extra zu betonen.“

Fassungslos starrte sie ihn an. „Mein Bruder ist gestorben, als sein Wagen über die Klippen stürzte. Entschuldige, dass ich die ganze Geschichte hören möchte.“

„Ich habe mich entschuldigt. Und ich habe dir die Geschichte erzählt, Stella. Irgendwann muss auch mal Schluss damit sein.“

„Hattest du Angst davor, dass ich entdecken könnte, dass sie dich noch liebt? Liebst du sie auch noch, Kostas? Ich möchte wissen, was Sache ist, bevor ich dich heirate. Wird es eine Ehe zu dritt sein?“

„Nein. Ich liebe sie nicht. Ich habe dir gesagt, dass es damals vorbei war. Doch es freut mich, dass du dir darüber Gedanken machst. Vielleicht gibt es noch Hoffnung für uns.“

„Ich mache mir keine Gedanken. Ich will nur nicht gedemütigt werden.“

Sie stritt es ab, doch er sah ihr an, dass sie eifersüchtig war. Das erfüllte ihn mit tiefer Befriedigung. In dem Moment gab ihnen der Orchesterchef das Zeichen, sich auf die Tanzfläche zu begeben. „Vielleicht solltest du dich gedanklich lieber damit beschäftigen, dass es in Carnelia Tradition ist, sich beim ersten Tanz zu küssen, und da jeder darauf wartet, sollten wir es überzeugend tun.“

Sie sah ihm in die Augen, als er den Arm um ihre Taille legte und sie an sich zog. „Warum hast du mir das nicht gesagt?“

„Frag dich selbst, paidi mou. Ich bin sicher, du findest die Antwort darauf.“

Sie wurde blass. „Hör mit diesen albernen Kosenamen auf. Sie passen nicht zu uns.“

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