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JULIA EXTRA BAND 431

NATASHA OAKLEY

Kleines Glück in meinen Armen

Rafe versteht nicht, warum Lorna sich auf keinen Fall um ihre verwaiste Nichte kümmern will. Die Kleine hat doch nur noch sie! Vielleicht wäre es leichter, wenn Lorna einen Mann in ihrem Leben hätte – ihn?

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Kleines Glück in meinen Armen

1. KAPITEL

Sittiford war zwar ganz hübsch, aber es war kein Ort, an dem man länger blieb als nötig. Jedenfalls nicht, wenn man mehr erreichen wollte, als die perfekte Petunie zu züchten.

Lorna Drummond nahm ihre Handtasche auf den Schoß, während ihr Taxi auf dem Parkplatz des Krankenhauses stoppte. Weshalb um alles in der Welt war ihre Schwester nach Sittiford zurückgekehrt, um ihr Baby zu bekommen? Man musste raus aus dieser Stadt, in dem Punkt waren sie sich ausnahmsweise einmal einig gewesen.

Es ergab keinen Sinn. Außer, Vikki hätte irgendeine Art von Eingebung gehabt. Lorna schaute hoch, und ihr Blick traf den des Taxifahrers im Rückspiegel.

Der Mann drehte sich zu ihr um. „Sind Sie nicht die Schwester dieser jungen Frau, die bei dem Unfall gestorben ist?“

„Richtig.“ Lorna senkte den Kopf, damit ihr die Haare in das Gesicht fielen, als sie ihr Portemonnaie aus der Tasche zog. „Wie viel schulde ich Ihnen?“

„Sieben Pfund vierzig, meine Liebe.“ Der Taxifahrer streckte eine tätowierte Hand nach dem Zehn-Pfund-Schein aus, den Lorna ihm hinhielt. „Es tut mir aufrichtig leid wegen Ihrer Schwester.“

„Danke.“ Hastig stieß Lorna die Tür auf. Sie konnte nicht früh genug aus diesem Auto kommen.

„Dem Baby geht es doch gut, nicht wahr?“

„Ich habe es noch nicht gesehen, aber ich glaube schon. Danke. Der Rest ist für Sie.“ Sie stieg aus dem Wagen und schlug die Tür zu. Dann trat sie zurück, damit sie dem Taxifahrer nicht im Weg stand.

Lorna holte tief Luft und betrachtete die hohen Mauern des Sittiford Hospital. Verschwunden war das düstere viktorianische Gebäude, das sie in Erinnerung hatte. An seiner Stelle ragte eine Fassade mit dekorativen Ziegelbögen und Skulpturen in den Himmel.

Irgendwo dort oben befand sich das Baby ihrer Schwester. Vikkis Baby. Es war kaum zu glauben. Lorna bekam beinahe ein schlechtes Gewissen, weil ihr dieser Gedanke durch den Kopf schoss, aber Vikki als Mutter ergab ebenso wenig Sinn wie die Rückkehr nach Sittiford. Im Leben ihrer Schwester drehte sich alles um Partys, Reisen, aufregende Leute …

Darum hatte sich früher alles gedreht, berichtigte Lorna stumm. Vikki war tot. Doch obwohl sie sich das immer wieder sagte, konnte sie es nicht wirklich verstehen.

Seit jenem Anruf am späten Abend fühlte sie sich wie eine Nichtschwimmerin in einem riesigen Wellenbad. Eine Woge nach der anderen überrollte sie. Eine Konsequenz nach der anderen wurde offenbar. Und jede folgte der Vorgängerin so schnell, dass Lorna keine Ahnung hatte, auf welche sie zuerst reagieren sollte.

Sie ging die geschwungene Auffahrt entlang zum Klinikflügel mit dem Schild Rainbow Wing. Die Türen öffneten sich automatisch, und Lorna blieb kurz stehen, um ihre Hände mit Desinfektionsmittel aus einem Spender einzureiben. Genau wie die Hinweistafel am Eingang es vorschrieb.

Ihre Absätze klickten laut auf dem harten Bodenbelag, und der beißende Geruch im Krankenhaus verschlug ihr fast den Atem. Vikki musste aus einem anderen Grund als ihrer Schwangerschaft zurückgekommen sein. Sie hatte diese Stadt gehasst. Gar nicht früh genug hatte sie damals wegziehen können …

Steckte ein Mann dahinter?

Irgendwo dort draußen befand sich der Vater von Lornas kleiner Nichte. Vielleicht sogar hier? In Sittiford? Wenn ja, warum hatte er sich nicht gemeldet? Vikki war schon immer verantwortungslos gewesen und hatte Entscheidungen meist getroffen, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Doch sie musste zumindest gewusst haben, wer der Vater ihres Kindes war. Oder etwa nicht?

Gewiss hatte sie es jemandem anvertraut? Auch, wenn es der Polizei noch nicht gelungen war, diese Vertrauensperson zu finden. Lorna stoppte abrupt am Empfang und wartete, während ein Herr ein verzwicktes Gespräch zwischen seiner Mutter und der Klinikangestellten übersetzte.

Es fühlte sich ausgesprochen merkwürdig an zu wissen, dass der Vater des Babys überall sein konnte. Jener Mann, der in einer Ecke saß und Zeitung las. Oder vielleicht der, den Lorna eben auf dem Parkplatz überholt hatte? Es konnte absolut jeder und überall sein.

War er verheiratet? Hatte er weitere Kinder? Schwieg er aus diesem Grund? Und falls er verheiratet war – hieß das, er würde sich niemals melden? Wusste er überhaupt von seinem Baby?

„Kann ich Ihnen helfen?“

Schnell wandte sich Lorna der Klinikmitarbeiterin zu. „Ich bin hier, um das Drummond-Baby zu sehen. M…meine Schwester …“

„Ah ja. Man erwartet Sie schon in der Neonatologie.“ Die Frau griff zum Telefonhörer, bevor Lorna überlegen konnte, wie sie den Satz beenden sollte. „Ms. Drummond ist jetzt am Empfang. Ich schicke sie rauf.“

Die Augen der Empfangsdame waren verdächtig feucht und mitfühlend, als sie sich ihr wieder zuwandte. Und dieser Blick brachte Lornas Selbstbeherrschung gefährlich ins Wanken. Es war ihr schon immer schwergefallen, mit einem Übermaß an Mitgefühl umzugehen. „Sie müssen in den dritten Stock. Der Aufzug ist …“

„Ich laufe lieber. Vielen Dank.“ Lorna hätte alles getan, um dieser Güte schnellstmöglich zu entfliehen. Sie machte einen Schritt auf eine Doppeltür zu, hinter der sie die Treppe vermutete. „Dort entlang?“

„Ja. Dritter Stock.“

Lorna zog die Tür auf und ging die Treppe hoch. Vor dem Schild mit der schwarzen Drei blieb sie stehen, um sich zu orientieren. Links ging es zur Neonatologie. Nachdem sie die Brandschutztür geöffnet hatte, fand sie sich auf einem kahlen Korridor wieder.

Ein großes Fenster gab den Blick frei auf eine hässliche Ansammlung zylinderförmiger Container, die durch Rohre miteinander verbunden waren – warum auch immer. Lorna hielt kurz inne und wappnete sich für das, was nun kommen würde. Alle möglichen Gefühle brodelten in ihr hoch.

Das hier war so plötzlich und unerwartet gekommen. In einem Moment lebte sie das Leben, das sie selbst gewählt hatte, und steckte hochzufrieden bis über beide Ohren in ihrer Arbeit an der Universität. Im nächsten Moment saß sie in einem Flugzeug Richtung Heathrow und musste mit dem Tod einer Schwester klarkommen, die sie seit fast neun Jahren nicht gesehen hatte. Obendrein schien man von ihr zu erwarten, sich wie selbstverständlich um den Säugling zu kümmern, den Vikki zurückgelassen hatte.

Es war alles so lächerlich.

Was wusste sie schon über Babys? Oder auch nur über Familie? Sie hatte ein ganzes Jahrzehnt damit verbracht, einen Bogen um beides zu machen. Lorna legte eine Hand auf ihren flachen Bauch, als könnte sie dem Magengrummeln dadurch Einhalt gebieten. Sie hatte Angst. Babys waren nichts für sie. Sie kannte sich einfach nicht mit ihnen aus.

„Nicht gerade die schönste Aussicht“, erklang eine Männerstimme hinter ihr. Sexy, tief …

Verdutzt fuhr Lorna herum. Sie sah, wie sich die Aufzugtüren schlossen und ein Mann auf sie zukam. Er war groß und trug Freizeitklamotten, die schon bessere Tage gesehen hatten … Und trotzdem sah er aus wie ein Schauspieler, der gerade Werbung für seinen neuen Film machte.

„Wollen Sie reingehen?“, fragte er und nickte in Richtung des Klingelknopfes an der Wand.

Lornas Blick glitt von seinen Oberschenkeln, die in Jeans steckten, über die abgetragene Lederjacke hinauf bis zu seinen Haaren, die mal wieder einen Schnitt vertragen konnten. Vor ihr stand ein selbstbewusster und allem Anschein nach sehr von sich überzeugter Mann – der einen pinkfarbenen Teddy locker unter den Arm geklemmt hatte.

Gerade überlegte sie, wie seltsam es war, einen Typen wie ihn mit einem Kuscheltier zu sehen, doch im gleichen Moment fiel ihr wieder ein, dass sie vor der Neonatologie standen. Auf dieser Station musste sein Baby liegen …

Sie biss sich auf die Unterlippe. Vielleicht machte sich der Mann gerade große Sorgen um sein Kind. Er sah zwar nicht traumatisiert aus, aber das Äußere konnte bekanntlich täuschen.

Wenigstens war er hier. Unterstützte jemanden. Gab sein Bestes. Schade wäre nur, falls sein Bestes lediglich dieser pinkfarbene Teddy war. „Ja. Ja, das will ich“, antwortete sie.

„Ich frage bloß, weil Sie klingeln müssen. Sonst weiß drinnen niemand, dass Sie hier warten.“

Lorna zog die Brauen hoch. „Ich wollte gerade klingeln.“ Sah sie wirklich so dumm aus, dass er glaubte, sie könne nicht von selbst darauf kommen?

Er ist genau Vikkis Typ. Dieser Gedanke kam aus heiterem Himmel. Ihre Schwester hatte immer für Männer geschwärmt, die Lorna das Gefühl gaben, ihre eigene Bluse sei zu hochgeschlossen und ihr Make-up ein bisschen zu perfekt.

Jetzt schlenderte er näher und drückte den roten Knopf selbst. Dadurch hatte Lorna reichlich Gelegenheit, beeindruckt festzustellen, dass sich seine Jeans eng an seinen festen Po schmiegten. Sein ganzer Körper strahlte eine fast schon arrogante Selbstsicherheit aus. Allein die Art, wie er sich bewegte, war unerhört sexy.

Sie hasste das. Neben so einem Mann fühlte sie sich unwohl in ihrer Haut. Eine vage Erinnerung stieg in ihr auf. Sie hatte ihn schon einmal gesehen. Oder nur jemanden, der ihm ähnelte?

Vielleicht auf einem von Vikkis Fotos?

„Normalerweise dauert es nicht so lange, bis sich jemand meldet“, erklärte er und spähte durch die Glasblende in der Tür.

„Ich – ich habe keine Ahnung. Ich bin heute zum ersten Mal hier.“

Er blickte kurz über seine Schulter zu Lorna und dann wieder zurück. Da öffnete eine junge, gehetzt wirkende Hebammenschülerin die Tür.

„Ihre Schwester ist noch nicht mit der Schicht fertig“, sagte sie zu dem Mann.

„Kein Problem. Richten Sie ihr bitte aus, dass ich im Bistro auf sie warte? Oh, und den hier bringe ich für das Drummond- Baby …“

„Warum?“, platzte es aus Lorna heraus, noch bevor sie richtig wahrgenommen hatte, dass die Hebammenschülerin den Besucher kannte.

„Wie bitte?“, fragte er.

„W…warum haben Sie den für meine Nichte mitgebracht?“ Lorna zeigte auf das Stofftier.

„Nichte?“ Der Mann drehte sich um und musterte sie eingehend. Das hatte er vorhin nicht getan, und es machte sie nervös. „Dann musst du Lorna Drummond sein. Ich hätte dich nicht wiedererkannt.“

Zerstreut strich sie mit einer Hand durch ihre blonden Haare. „Kennen wir uns?“

Er streckte ihr die rechte Hand entgegen. „Raphael McKinnion. Ellies Bruder.“

Raphael McKinnion. Rafe McKinnion.

Lorna legte ihre Hand in seine und fühlte sich, als würden mehrere Hundert Schmetterlinge in ihrem Bauch herumflattern.

Ellies älterer Bruder. Mit vierzehn hätte sie gedacht, sie wäre gestorben und im Himmel gelandet, wenn der Bruder ihrer besten Freundin das Wort an sie gerichtet hätte. Jetzt schüttelte er ihre Hand.

Und hielt immer noch den pinkfarbenen Teddy für ihre Nichte. War Raphael McKinnion der Grund für Vikkis Rückkehr nach Sittiford?

Ihre Schwester wäre von einem Mann wie Rafe McKinnion nicht eingeschüchtert gewesen. Hätte sie ihn gewollt, hätte sie nur mit dem kleinen Finger winken müssen, und schon wäre er angerannt gekommen. Wie alle anderen Männer auch. Immer. Die berühmten Motten, die sich um eine Kerzenflamme drängten.

Während Lorna … solche Typen bedrohlich fand. Sie schluckte den harten Kloß in ihrer Kehle hinunter. „Und der Teddybär?“

„Ach, der. Ich fürchte, du wirst feststellen, dass er nur die Spitze des Eisberges ist. Das Krankenhaus ist mit Plüschtieren überschwemmt worden“, antwortete er und bedachte die Hebammenschülerin mit einem flüchtigen Lächeln – woraufhin die junge Frau sichtlich dahinschmolz.

Lorna fühlte Ärger in sich aufsteigen. Also hatte sich Rafe nicht verändert.

„Weshalb?“ Ihre Stimme klang unnötig scharf.

„Alle Zeitungen in dieser Gegend haben über den Unfall deiner Schwester berichtet. Die Artikel haben einen Nerv getroffen. Hunderte von Lesern wollten etwas Gutes tun.“

Aber der Vater des Babys offenbar nicht. Es kam Lorna vor, als würde jemand sie fest in einen großen, schwarzen Umhang wickeln. Er nahm sie gefangen, drohte sie zu ersticken …

Und es gab kein Entrinnen.

Jeder schien von ihr zu erwarten, dieses Baby aufzunehmen. Aber wie? Sie hatte bislang noch nicht mal ein Baby im Arm gehalten. Kein einziges Mal. Sie konnte es schlichtweg nicht. Dafür war sie einfach ungeeignet. Übelkeit durchflutete sie.

„Es tut mir leid wegen Vikki“, erklärte Rafe aufrichtig, der sie noch immer beobachtete. „Uns allen tut es leid.“

„D…danke. Ich …“ Lorna legte eine Hand an ihren Kopf, als die Wände auf sie zuzukommen schienen. Sie fühlte sich fiebrig. Fiebrig und ein bisschen durcheinander. Die Farben verschwammen vor ihren Augen, und Schwärze überlagerte die Wände.

Dann sah sie gar nichts mehr …

„Sie ist in Ohnmacht gefallen.“

Lorna hörte die Worte, als würden sie vom anderen Ende eines langen, dunklen Tunnels zu ihr dringen.

„Rafe, holst du bitte einen Stuhl aus meinem Büro? Wir müssen sie aufsetzen und vom Boden heben. Da unten wird sie sich noch ihren Rock ruinieren, und der sieht aus, als hätte er ein Vermögen gekostet.“

Mit ihr direkt zu sprechen schien nicht der Mühe wert zu sein. Lornas Kopf dröhnte, und ihre Lider fühlten sich unglaublich schwer an.

„Lorna? Lorna? Kannst du mich hören?“ Die Frauenstimme klang ziemlich energisch, deshalb öffnete Lorna doch die Augen. „Gleich geht es dir wieder besser. Du bist vorhin in Ohnmacht gefallen.“ Zehn Sekunden später sagte die Frau: „Stell den Stuhl hierhin.“

Das schien sich jedoch nicht an Lorna zu richten, deshalb schloss sie ihre Augen wieder.

„Lorna?“ Jemand schob eine Hand unter ihren Arm. „Komm, ich helfe dir auf den Stuhl. Genau, so ist es richtig. Jetzt leg deinen Kopf zwischen die Beine.“

Eigenartig und peinlich fühlte sich das an, doch wenig später hörte die Welt auf zu schwanken. Lorna registrierte, dass jemand mit leichten, regelmäßigen Bewegungen ihren Rücken streichelte und über ihr eine leise Unterhaltung geführt wurde.

„Verzeihung. Wirklich, ich …“, begann sie und wollte sich gerade hinsetzen.

„Immer mit der Ruhe“, hörte sie die Stimme, die alle Anweisungen gegeben hatte. Dann kniete sich die Frau, der sie gehörte, vor Lorna hin und lächelte. „Fühlst du dich besser?“

Das vertraute Gesicht war noch ein wenig verschwommen. „Ellie! Ist das schön, dich zu sehen.“ Gott sei Dank war es Ellie. Wenn Lorna jemals einen freundlichen Mitmenschen gebraucht hatte, dann in diesem Moment. In dem ganzen Chaos hatte sie nicht einmal zu hoffen gewagt, dass ihre alte Schulfreundin ausgerechnet jetzt Dienst haben könnte.

Ellie verstand garantiert, wie unfair es war, von Lorna zu erwarten, die Verantwortung für Vikkis Baby zu übernehmen.

„Wie fühlst du dich?“

Grässlich. „Gut. Besser“, räumte Lorna ein und legte eine Hand an ihren Kopf, weil dieser eine Stütze zu brauchen schien. „Gib mir eine Minute. In einer Minute bin ich wieder fit.“

„Kein Grund zur Eile. Lass dir Zeit.“ Ellie erhob sich wieder vom Boden.

Lorna beugte sich vor und stützte ihren pochenden Kopf in beide Hände. Noch nie in ihrem ganzen Leben war sie in Ohnmacht gefallen. Langsam richtete sie sich auf. „Entschuldigung.“

„Sei nicht albern.“ Ellie brach ihre Unterhaltung ab und kniete sich erneut hin, damit sie auf Augenhöhe mit Lorna war. „Eigentlich sollte ich einen Arzt rufen, aber …“

„Nein! Bitte nicht. Ich hätte zwischendurch eine Pause machen und etwas essen sollen. Nur daran liegt es.“

Ellie nagte an ihrer Unterlippe. „Lass uns gucken, wie es dir in einer Viertelstunde geht. Jetzt bekommst du erst mal eine Tasse Tee. Rafe?“ Sie sah zu ihrem Bruder hoch. „Stützt du Lorna? Sie könnte noch etwas wackelig auf den Beinen sein. Ich kümmere mich um den Stuhl.“

Die Hand unter ihrem Ellenbogen fühlte sich stark an. Lorna atmete zittrig ein und erhob sich. Der Korridor schien leicht zu schwanken. Instinktiv streckte sie einen Arm aus, um sich irgendwo festzuhalten. Prompt schlossen sich ihre Finger um weiches Leder, und als sie den Kopf hob, blickte sie in Rafe McKinnions Gesicht. „Meine Tasche …“

„Die habe ich“, sagte eine fremde Stimme hinter ihr … Es war zu schwierig, herauszufinden, wem diese Stimme gehörte.

Lorna wollte sich nur noch hinlegen. An einen Ort, wo es dunkel und leise war. Wo Rafe McKinnion nicht mitbekam, wie sehr sie sich hier blamierte.

„Schwester, einen Tee, bitte.“ Ellie setzte den Stuhl in einem Büro ab und bugsierte Lorna hinein. „Sobald es sich machen lässt.“

„Es tut mir so leid. Ich bin noch nie ohnmächtig geworden. Ich …“

„… erlebe gerade den schlimmsten Tag meines Lebens“, vollendete Rafe den Satz für sie. Lorna blickte ihn an. Er lächelte leicht. „Du brauchst dich für nichts zu entschuldigen. Das hier muss sehr schwierig für dich sein. Wie fühlst du dich jetzt?“

Sie ließ die Hände in ihren Schoß fallen. „Das war nicht der Grund. Ich …“ Sie brach ab. … erlebe gerade den schlimmsten Tag meines Lebens. Dies stimmte tatsächlich hundertprozentig. Genau genommen befand sie sich mitten in der schlimmsten Woche ihres Lebens.

„Tee.“ Ellie tauchte wieder in Lornas Blickfeld auf und reichte ihr eine Untertasse, auf der eine dampfende Tasse stand. „Ich habe auch Toast mit Butter bestellt.“

Lorna lächelte, obwohl ihr schleierhaft war, wie sie irgendetwas herunterkriegen sollte. Seit sie die Nachricht von Vikkis Tod erhalten hatte, schmeckte alles wie Pappe.

Es war seltsam, wie ihr jetzt schöne Erlebnisse einfielen, die sie längst vergessen zu haben glaubte. Zum Beispiel die wirklich netten gemeinsamen Stunden, als ihre Schwester und sie noch Kinder gewesen waren …

„Der Toast wird dir guttun, auch wenn du keinen Appetit hast“, meinte Ellie, die Lornas Gedanken erraten hatte. Sie setzte sich hinter den Schreibtisch. „Erinnerst du dich noch an meinen Bruder, Raphael? Rafe, dies ist Lorna Drummond.“

„Wir haben uns schon am Eingang zur Station begrüßt“, antwortete Rafe und machte schnell einen Schritt nach vorn, weil Lornas Tasse in Schieflage geriet. „Vorsicht.“

Sie fühlte sich so benommen. Der Tee war warm. Süß. Lorna hob den Kopf und sah, dass Rafe wieder leicht lächelte. Er musste sie für einen absoluten Waschlappen halten. Aber das hatte er wohl schon immer getan. Falls er denn überhaupt je über sie nachgedacht hatte. Was höchstwahrscheinlich nicht der Fall war.

Die Einserschülerin und der Mädchenschwarm. Irgendwie war das witzig. Ach, verdammt.

Lorna nippte wieder an ihrem Tee und konzentrierte sich darauf, die Tasse auf der Mitte der Untertasse abzusetzen. Das war einfacher, als in der Miene von Ellies älterem Bruder zu lesen, was er wohl über sie dachte.

Es klopfte kurz, und gleich darauf fragte jemand: „Schwester, können Sie einen Blick auf Baby Benjamin werfen? Sein Blutdruck ist recht niedrig …“

„Du musst mich leider kurz entschuldigen.“ Ellie stand auf. „Bleib einfach ruhig sitzen und trink deinen Tee. Ich bin gleich wieder bei dir.“

Ellie zog die Tür hinter sich zu, und Stille trat ein.

Rafe schlüpfte aus seiner Jacke, die er achtlos über die Rückenlehne eines Stuhls fallen ließ. „Ganz schön warm hier drinnen.“ Pause. „Bist du gerade erst gelandet?“

„Ja“, antwortete sie gereizt wegen der unterschwelligen Kritik. Zweifellos war er in der Lage, seinen Schreibtisch innerhalb von Minuten leer zu räumen, doch sie hatte Verpflichtungen. Es gab Dinge, die sie vor ihrem Abflug noch hatte erledigen müssen. „Fast.“ Sie war fast gerade erst gelandet. Lorna trank noch einen Schluck Tee, spürte die Wärme in ihrer Kehle und machte einen neuen Anlauf. „Ich bin vorher noch bei der Polizei gewesen.“

Erschöpft rieb sie sich die linke Schläfe. Sie fühlte sich so müde. So mitgenommen.

„Haben dir die Polizisten alle Einzelheiten erzählt? Wegen des Unfalls?“

„Na ja, sie haben mir gesagt, dass Vikkis Auto in einem Graben lag.“ Ganz schön wenige Einzelheiten, fand sie. Die Polizisten waren offensichtlich mehr daran interessiert gewesen, ihr Fragen zu stellen.

Fragen, auf die sie keine Antworten wusste. Sie hatte keine Ahnung, ob ihre Schwester normalerweise eine sichere Fahrerin war. Sie konnte nicht sagen, warum Vikki wieder nach Sittiford gekommen war. Und sie konnte erst recht nicht darüber spekulieren, ob es sich bei dem Unfall möglicherweise gar nicht um einen Unfall handelte.

Das Schuldgefühl versetzte ihr einen heftigen Stich, und ihre linke Schläfe pochte noch stärker. Eigentlich sollten Schwestern doch alles Mögliche übereinander wissen. Sie hätte sich mehr anstrengen müssen, um Gemeinsamkeiten zwischen ihnen beiden zu finden. Darum kämpfen müssen, einen Kontakt aufrechtzuerhalten, der diesen Namen auch verdiente.

Rafe setzte sich auf den Schreibtisch, der vor Lorna stand. „Falls das ein Trost ist, ich glaube, Vikki hat nicht viel von dem Unfall mitbekommen. Ellie sagt, sie hat das Bewusstsein nicht wiedererlangt.“

„Das sagen die Polizisten auch.“ Lorna nippte an ihrem Tee und versuchte, trotz des Kloßes in ihrem Hals zu schlucken. „Sie dachten, ich wüsste, wen sie wegen des Babys kontaktieren sollen.“

„Tust du das denn nicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich wusste nicht einmal, dass Vikki schwanger war.“

Rafe ließ sich keine Reaktion anmerken. „Und jetzt?“, fragte er leise.

Die Millionen-Dollar-Frage. Was passierte jetzt? „Sie möchten anscheinend, dass ich die Verantwortung für das Baby übernehme. Weil ich die einzige Verwandte bin, die sich bisher gemeldet hat.“

„Du willst das doch auch, oder?“

Lornas Hand zitterte, als sie die Tasse nahm. „Nein. Nein, das tue ich nicht.“ Tief in ihrem Inneren wollte sie losschreien vor Panik, Zorn und nackter Angst. „Warum zur … Hölle denken alle, dass ich das will?“

2. KAPITEL

Rafes Augen verengten sich, doch abgesehen davon hatte er seine Mimik im Griff. Schließlich ging ihn diese Sache überhaupt nichts an.

Trotzdem konnte er nicht umhin, sich eine Meinung über so eine Bemerkung zu bilden. Er fand Lornas Worte abstoßend.

Und sie würden jeden Menschen schockieren, der sie hörte. Hier gingen alle davon aus, dass sich Lorna um das Baby ihrer Schwester kümmern wollte. Sogar Ellie glaubte das … Und die kannte Lorna besser als die meisten Leute.

Wenn auch offenkundig nicht gut genug.

Diese zickige Blondine schien nicht die Absicht zu haben, irgendetwas zu tun, was nicht in ihr wohlgeordnetes Leben passte. Er mochte nachvollziehen können, dass sie die Verantwortung für ein Kind scheute – die scheute er selbst ja auch –, doch gutheißen konnte er ihre Einstellung nicht.

Selbstsucht war unattraktiv. Immer. Und wenn es um ein neugeborenes Mädchen ging, das jemanden brauchte, der es liebte und umsorgte, dann war Selbstsucht in Rafes Augen unentschuldbar. Die Familie kam für ihn immer an erster Stelle. Jede Alternative konnte nur zweite Wahl sein.

„Ich verstehe nichts von Babys.“ Verzweifelt wischte sich Lorna mit einer Hand über das Gesicht. „Ich mag sie nicht. Und sie mögen mich auch nicht.“

Rafe schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? Er verstand ja ebenfalls wenig von Babys. Hielt sie für Zeitbomben, die jede Sekunde hochgehen konnten. Und dennoch …

Hier handelte es sich um eine Ausnahmesituation. Unter diesen Umständen konnte man die Aufgabe doch sicher bewältigen?

Neugierig sah er Lorna an. Sie musste noch kälter als Eis sein, um ernsthaft zu erwägen, die Tochter ihrer Schwester in ein Heim oder eine Pflegefamilie zu geben. Denn genau das würde ihre Weigerung bedeuten. Wusste sie das eigentlich?

„Entschuldigung.“ Ellie kehrte zurück und schloss die Tür. „Alles in Ordnung mit Baby Benjamin. Wie geht es dir?“

„B…besser. Viel besser.“

Lorna sah nicht noch einmal in Rafes Richtung. Kein Zweifel, sie schämte sich. Und zwar aus gutem Grund.

Rafe bemerkte das warme Lächeln seiner Schwester und die aufrichtige Sorge, mit der sie ihre Freundin anblickte. Er verstand Ellie nicht. Normalerweise schätzte sie Güte mehr als irgendeine andere Tugend. Wenn Lorna dermaßen kaltherzig war, weshalb mochte Ellie sie dann so gern? Denn das tat sie noch immer. Lorna Drummond gehörte zu den wenigen Menschen, mit denen Ellie über die Jahre regelmäßig in Kontakt geblieben war.

Ihm entging nicht, wie Lorna nervös mit den Händen zuckte und die Lippen aufeinanderpresste. Die Frau war angespannter als ein Flitzebogen. Doch diese Reaktion geht über Trauer hinaus, dachte er irritiert. Sie fürchtet sich.

„Warum ziehst du nicht deinen Cardigan aus?“, schlug Ellie vor. Sie nahm am Schreibtisch Platz und zog einen Papierstapel zu sich heran. „Wegen der Babys ist es auf dieser Station immer sehr warm. Und anschließend … Am besten bringen wir die Formalitäten gleich hinter uns, damit ich dir deine Nichte vorstellen kann.“

Rafe stand auf und streckte eine Hand nach der leeren Teetasse aus. Lorna gab sie ihm, ohne ihn anzuschauen.

„Ich warte unten im Bistro auf dich“, sagte er zu seiner Schwester, während er die Tasse auf dem Tisch deponierte. „Lass dir Zeit.“

Als er sich umdrehte, zog Lorna gerade die zartrosafarbene Schleife auf, die ihren Cardigan vorne zusammenhielt. Wie ihr Rock machte auch der Cardigan einen sündhaft teuren Eindruck. Was immer Ms. Drummond auch fehlen mochte, Geld war es nicht. Es gab also keinen finanziellen Grund, warum sie ihre kleine Nichte nicht aufnehmen wollte.

Ellie würde enttäuscht sein. Und er hasste die Aussicht, dass ihre idealistische Vorstellung von der Menschheit einen Dämpfer bekam.

„Danke, Rafe.“ Ellie lächelte erst ihn und dann Lorna an, die ihr gegenübersaß. „Mein Auto ist zurzeit in der Werkstatt, und da Rafe nichts zu tun hat …“

„Außer dir zu dienen“, ergänzte er und nahm seine Jacke von der Stuhllehne.

Vielleicht urteilte er zu schnell über Lorna? Sie hatte nur gesagt, sie wolle nicht aus freien Stücken die Verantwortung für Vikkis Baby. Nicht, dass sie sie tatsächlich nicht übernehmen würde.

Zweifellos müsste Lorna in sehr kurzer Zeit sehr viel lernen. Allerdings glaubte Rafe keine Sekunde, dass sie viel Anteil an der eigentlichen Pflege haben würde. Ms. Drummond machte nicht gerade einen mütterlichen Eindruck.

„Bis später.“ Er nickte Lorna zu. „Hat mich gefreut, dich zu sehen … wiederzusehen.“

Er ging und schloss die Tür hinter sich.

Ellie lächelte. „Rafe hilft mir sehr, seit Steve mich verlassen hat. Ich finde es toll, dass er jetzt in der Nähe wohnt und nicht mehr ständig durch die Weltgeschichte reist. Vor Kurzem hat er ein Haus in der Nähe von Framley gekauft …“

Lorna konnte sich nicht daran erinnern, was für Häuser es außer dem ehrwürdigen Priory Manor in der Nähe von Framley gab. Aber sie interessierte sich auch nicht besonders dafür, wo Ellies Bruder eine Immobilie gekauft hatte. Sie fand es nur gut, dass er weg war und seine beunruhigende Ausstrahlung mitgenommen hatte.

Rafe McKinnion schien die Fähigkeit zu besitzen, durch seine bloße Anwesenheit einen Raum zu dominieren. Allein dadurch schon fühlte sie sich unwohl. In seiner Gegenwart hatte sie sich immer unwohl gefühlt. Schon damals, als jedes Mädchen heimlich gehofft hatte, er möge sich mit ihm zum Knutschen hinter den Fahrradschuppen verdrücken. Ein bisschen verrucht – und überaus faszinierend.

„Das mit Vikki tut mir furchtbar leid. Ich weiß, ihr beide standet euch nicht nahe, aber …“ Ellie brach ab und zog einen braunen Hefter aus dem Stapel auf ihrem Schreibtisch. „Hattest du in letzter Zeit mit ihr gesprochen?“

„Nein. Ich habe ihr Weihnachten eine E-Mail geschickt, und darauf kam auch eine Antwort.“ Lorna rieb sich mit der rechten Hand den linken Arm. „Zu der Zeit muss Vikki schwanger gewesen sein, aber sie hat mir nichts davon geschrieben.“

„Und du ahnst nicht, wer der Vater sein könnte?“

„Ich hatte es schon lange vorher aufgegeben, sie zu fragen, ob es einen Mann in ihrem Leben gibt.“ Es war zu mühselig gewesen. Vikkis Alltag unterschied sich so drastisch von allem, was Lorna für sich selbst anstrebte. „Ich hätte mich mehr dahinterklemmen sollen. Vielleicht hätte ich ihr helfen können.“

„Wenn sie dir die Schwangerschaft verschwiegen hat, dann wollte sie nicht, dass du davon weißt.“

Aber sie hätte es wissen sollen. Darum ging es doch, oder? Sie waren Schwestern gewesen. Schwestern sollten sich einander anvertrauen, umeinander kümmern …

Jetzt war es zu spät. Vikki lebte nicht mehr … Und Lorna fühlte sich wie betäubt. Warum hatte sie bislang keine Träne vergossen? Irgendetwas konnte nicht mit ihr stimmen, wenn sie nicht mal um ihre eigene Schwester weinte.

„Ich weiß überhaupt nicht, wie ich mich fühle“, brach es aus ihr heraus. „Ich habe nicht geweint. Kein einziges Mal.“

Ellie legte ihre Hand auf Lornas. „Vielleicht ist der Zeitpunkt dafür noch nicht gekommen, Schätzchen. Es gibt kein richtiges oder falsches Gefühl. Und es ist sinnlos, so zu tun, als würde man etwas fühlen, wenn man es in Wirklichkeit nicht tut. Vikki war ein schwieriger Mensch.“

Zittrig atmete Lorna ein. Sie war heilfroh, dass ausgerechnet Ellie auf der anderen Seite des Schreibtisches saß. Zutiefst freute sie sich über die Berührung von Ellies Hand und das Verständnis, das sie in den Augen ihrer Freundin las.

Sie schniefte – dabei schniefte sie sonst nie. Dann nahm sie ihre Handtasche und zog das kleine Päckchen Taschentücher heraus, das immer im vorderen Fach mit dem Reißverschluss steckte. „Was muss ich tun?“

„Vor allem musst du deine Nichte kennenlernen. Außerdem brauche ich deine ausführlichen Kontaktdetails.“

Lorna nickte. Sie fühlte sich unendlich erschöpft. Normalerweise war sie eine zupackende, souveräne Frau, die jede Situation meisterte. Doch hier und jetzt kam sie sich vor, als müsste sie sich ihren Weg durch dichten Nebel bahnen.

„Wo übernachtest du?“

„In Mums altem Haus. Vikki lebt da – hat da gelebt.“ Lorna stellte ihre Handtasche auf den Boden. „Ich habe mein Gepäck dortgelassen, bevor ich zur Polizeiwache gefahren bin.“

Ellie schrieb die Adresse auf. „Was konnten dir die Polizisten denn über den Unfall erzählen?“

„Sie scheinen noch nicht viel darüber zu wissen. Offenbar waren keine anderen Autos beteiligt. Vikki hatte auch keinen Alkohol getrunken.“ Lorna presste die Fingerspitzen an die linke Schläfe und versuchte, sich die genauen Worte der Polizisten in Erinnerung zu rufen. „Sie sagten, einem Rettungssanitäter sei aufgefallen, dass Vikki Wehen hatte …“

Lornas Kehle war wie zugeschnürt. Sie ertrug den Gedanken an ihre im Wrack eingeklemmte Schwester nicht. Das Bild war zu schlimm, zu lebendig.

„Vikki hatte eine Fruchtwasserembolie“, erläuterte Ellie nach einer kurzen Pause. Ihre Stimme klang sachlich. Genau das brauchte Lorna jetzt. Fakten kamen ihrer Neigung zum Wissenschaftlichen entgegen. Mit Fakten kam sie klar, konnte angemessen auf sie reagieren.

„Das ist selten – und in den meisten Fällen tödlich, sowohl für die Mutter als auch für das Kind“, fuhr Ellie fort.

„W…was genau passiert bei einer Fruchtwasserembolie?“

„Dazu kommt es, wenn …“ Ein zögerliches Klopfen ertönte. „Ja?“, rief Ellie. Die Tür wurde geöffnet, und die Hebammenschülerin erschien mit einem Teller mit Toast. „Ah, vielen Dank.“ Ellie wandte sich an Lorna. „Du fühlst dich garantiert deutlich besser, wenn du etwas gegessen hast.“

Lorna lächelte die junge Frau dankbar an, obwohl sie Butter eigentlich schon vor Jahren von ihrem Speiseplan gestrichen hatte. Mögliche künftige Probleme mit dem Cholesterinspiegel kamen ihr auf einmal sehr unwichtig vor.

Die Hebammenschülerin verschwand, und Ellie kam auf Lornas Frage zurück: „Eine Fruchtwasserembolie tritt auf, wenn Fruchtwasser in den Blutkreislauf der Mutter eindringt. Wie gesagt, das geschieht äußerst selten und ist in der Regel tödlich für Mutter und Kind.“

Aber nicht diesmal. Diesmal hatte das Baby überlebt. Lorna nahm ein Toastdreieck und biss hinein.

„Deine Nichte ist ein kleines Wunder. Das Drummond-Baby, wie wir es nennen, wurde nach einem Notkaiserschnitt am sechsundzwanzigsten dieses Monats geboren, morgens um sechs Minuten nach fünf. Wir schätzen, dass Vikki zu dem Zeitpunkt in der vierunddreißigsten Woche war. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie während der Schwangerschaft zu irgendwelchen Vorsorgeuntersuchungen gegangen ist.“ Ellie schaute auf ihre Notizen. „Deine Nichte hatte eine Drei im Apgar-Test …“

Lorna versuchte gar nicht erst zu erraten, was das bedeutete. Drei von wie viel? Fünf? Zehn? Sie sah ihrer Freundin an, dass das Resultat nicht gut war.

„Aber jetzt hält sie sich wacker, und ich denke, dass sie am Ende der Woche entlassen werden kann. Vielleicht schon früher, weil sie sich ausgesprochen gut entwickelt.“ Ellie blickte auf. „Lorna?“

Diese fuhr zusammen und hob ebenfalls den Kopf. „Entschuldige. Ich habe gerade überlegt, ob ich weiß, wo Vikki vor vierunddreißig Wochen war.“ Sie schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Ich bin wirklich keine große Hilfe, nicht wahr?“

„Konzentrier dich einfach auf das, was du tun kannst.“ Ellie lächelte freundlich. „Ich finde, du solltest dir deine Nichte jetzt einmal ansehen. Sie ist wunderschön. Du wirst sie lieben.“

Aus der Entfernung. Zu mehr war Lorna einfach nicht in der Lage. Sie hatte schon jetzt jedes Fitzelchen Fürsorglichkeit aufgebraucht, das in ihr steckte. Das wusste Ellie doch bestimmt?

„Für ein Frühchen ist ihr Gewicht inzwischen richtig gut. Ihr größtes Problem war der gravierende Sauerstoffmangel bei der Geburt.“

Lorna versuchte, Ellie zu folgen, doch es fiel ihr ungeheuer schwer. Gehorsam desinfizierte sie ihre Hände noch einmal und ging zu der kleinen Station, in der ein halbes Dutzend Brutkästen standen. Oder hießen sie Babybetten? Babybetten aus Kunststoff.

Nur zwei waren besetzt. „Dies ist Benjamin. Bei seiner Geburt hat er eintausendvierhundert Gramm gewogen. Er ist ein echter Kämpfer. Und das hier“, Ellie ging weiter, „ist deine Nichte.“

Lorna starrte Vikkis Baby an.

Es war unglaublich. Das Kind ihrer Schwester. Winzig. Perfekte Händchen. Beinahe durchsichtige Haut.

„Sie wäre jetzt gar nicht mehr in der Neonatologie, wenn Vikki sich um sie kümmern könnte. Das kleine Mädchen macht sich wirklich ausgezeichnet.“

„Muss sie diesen Schlauch in ihrer Nase haben?“, fragte Lorna. Sie fühlte sich … überwältigt. Von allem.

„Das ist eine nasogastrale Sonde. Eine Magensonde zum Füttern. Wenn es keine Komplikationen gibt, wird sie wohl innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden entfernt. Deine Nichte trinkt mittlerweile problemlos aus der Flasche.“

Wieder zuckte ein scharfer Schmerz durch Lornas Kopf.

Vikkis Baby. Es gab Fotos, auf denen Vikki den gleichen dunklen Haarschopf hatte wie dieses Kind. Ein kleines Bündel voller Möglichkeiten lag vor Lorna.

„Weißt du, wie Vikki eine Tochter nennen wollte?“

Lorna schüttelte den Kopf. Sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung. War das nicht furchtbar? Nie hatten sie darüber gesprochen, wie sie ihre Kinder nennen wollten. Auch nicht über Lieblingsnamen.

Nicht einmal diesen Dienst kann ich Vikki erweisen. Lorna fühlte, wie Tränen in ihren Augen brannten.

„Nicht? Na, das war eine dumme Frage von mir, schließlich wusstest du gar nichts von der Schwangerschaft. Trotzdem braucht das Kind einen Namen.“ Ellie schaute von dem schlafenden Baby hoch. „Wie willst du sie nennen?“

„Ich?“

„Sie kann nicht ewig das Drummond-Baby bleiben.“

Lorna legte sich eine Hand auf den Bauch. Ein Name? Vikki hätte vermutlich einen eher ungewöhnlichen ausgesucht. Vielleicht Delilah … Oder Lola? Oder …?

In ihrem Kopf herrschte gähnende Leere. Sie mochte nicht der mütterliche Typ sein, auf den alle hier hofften, aber sie wollte das Richtige tun. Einen Namen trug man schließlich sein Leben lang.

„Such einen aus, der dir gefällt“, ermunterte Ellie ihre Freundin.

„Katherine.“ Lornas Stimme war rau. Sie wusste nicht, warum ihr ausgerechnet dieser Name einfiel. Die Eingebung kam aus ihrem tiefsten Inneren. „Ich werde sie Katherine nennen“, erklärte sie, diesmal entschiedener.

„Schön.“ Ellie schnappte einen Kuli und schrieb ‚Katherine‘ auf die Patientenakte, die am Ende des Bettchens hing. Dann lehnte sie sich über das Baby. „Hallo, Katherine. Deine Tante ist hier, also darfst du bald nach Hause.“

„Sie kann nicht mit mir nach Hause kommen“, widersprach Lorna laut. Zu laut. Das hatte sie gar nicht beabsichtigt.

Ellie richtete sich auf und sah ihre Freundin an.

„I…ich möchte, dass sie es rundherum gut hat. Ehrlich. Aber bei mir kann sie nicht bleiben.“

„Lorna …“

„Mit Babys kenne ich mich überhaupt nicht aus“, versicherte sie mit einer Mischung aus Panik und Verzweiflung. „Ich habe noch nicht mal eins im Arm gehalten, und …“

„Im Moment muss noch gar nichts beschlossen werden“, unterbrach Ellie sie. „Überstürz nichts. Ich sorge dafür, dass du mit allen Beteiligten reden kannst. Entscheidungen kommen dann später. Viel später. Es ist eine Menge passiert, das musst du erst einmal verarbeiten.“

Doch Lorna schämte sich vor ihrer Freundin für ihre eigene Unzulänglichkeit. Sie war mit Elli aufgewachsen, war in ihre Geheimnisse eingeweiht gewesen und wusste mit Sicherheit, dass Ellie an ihrer Stelle keine Sekunde gezögert hätte. Bei Ellie hätte Katherine mit Sicherheit ein Zuhause und Liebe gefunden.

„Es gibt mehrere Optionen für Katherines Zukunft. Du wirst sorgfältig über jede von ihnen nachdenken müssen, denn es ist wichtig, dass wir die Weichen richtig stellen. Ihre Mutter hat sie schon verloren. Das ist für jeden Menschen ein harter Start ins Leben.“

Lorna senkte den Blick wieder auf Katherine. Die schlief. Ihre rechte Hand war zu einer Faust geschlossen und lag an ihrer Wange. „Was würde aus ihr?“

„Du meinst, wenn sich kein Verwandter um sie kümmert?“

Lorna nickte.

„Wahrscheinlich kommt sie dann in Pflege, während alle Beteiligten mit Hochdruck versuchen, doch noch einen Angehörigen zu finden.“

Und wenn es keinen gibt? Lorna musste die Frage nicht aussprechen.

„Falls das nicht klappt, wird sie früher oder später zur Adoption freigegeben. Aber erst, wenn alle sicher sind, dass ihr Vater nicht auftauchen und Anspruch auf sie erheben wird. Bis dahin vergeht noch viel Zeit.“

Das war genau die Antwort, von der Lorna gedacht hatte, sie wolle sie hören. Den ganzen Flug hindurch. Doch es fühlte sich anders an, wenn man einen Menschen aus Fleisch und Blut vor sich hatte, kein abstraktes ‚Es‘. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht. Die Hitze und der Stress machten ihr zu schaffen. Ihre Schläfen pochten noch immer heftig. Wenn sie nur schlafen könnte. Sie war davon überzeugt, dass sie dann alles klarer sehen würde.

„Bist du mit einem Taxi hergekommen?“, fragte Ellie, ohne ihre Freundin aus den Augen zu lassen.

„Ja.“

„Dann fahren Rafe und ich dich heim.“

Heim. Es war ihr nie wirklich wie ein Zuhause vorgekommen. Nicht wie das von Ellie. Ellie und Rafe. Deren Heim war voll mit gemütlichen Sofas, Kaffeeduft und Bücherwänden gewesen. Ein wundervoller, zauberhafter, warmer Ort.

Deren Mutter hatte nicht ständig lautstark Aufmerksamkeit gefordert oder Tablettencocktails geschluckt, um den Tag zu überstehen. Und anders als Lornas Mutter hatte sie sich auch nicht darauf verlassen, dass eins ihrer Kinder für sie den Haushalt schmiss.

„Das braucht ihr nicht …“

„Wir fahren praktisch an deiner Haustür vorbei.“

„Vielleicht hat Rafe etwas dagegen.“

Ellie lachte. „Warum sollte er? Ich nehme das als ein Ja.“

3. KAPITEL

Als Rafe aufblickte, betrat Lorna Drummond gerade das Bistro. Sie blieb auf der Schwelle stehen und schaute sich suchend um.

Er mochte die Frau zwar nicht besonders, doch sie sah umwerfend aus. Ihre weißblonden Haare waren so geschnitten, dass sie immer ein bisschen zerzaust fielen. Als käme sie gerade aus dem Bett. Sie war gertenschlank und ebenso schick wie teuer gekleidet. Ihre Beine, die endlos lang zu sein schienen, steckten in hohen Schuhen. Er hatte eine Schwäche für Frauen mit schönen Beinen.

Rafe lehnte sich zurück und genoss das Bild, das sich ihm bot. Wer hätte gedacht, dass sich Lorna Drummond zu einem derart glamourösen Wesen entwickeln würde? Vor einem Jahrzehnt hatte rein gar nichts darauf hingedeutet. Von den beiden Schwestern war Vikki die Hübsche gewesen. Ein bisschen zu forsch für seinen Geschmack, aber zweifellos eine Augenweide.

Lorna bahnte sich einen Weg zwischen den melaminbeschichteten Tischen hindurch und stellte sich vor der Selbstbedienungstheke an. Rafe zwang seinen Blick weg von ihrem wohlgeformten Po, an den sich ihr enger cremefarbener Rock schmiegte. Vielleicht hatte Lorna ja mehr Gemeinsamkeiten mit ihrer flatterhaften jüngeren Schwester gehabt, als irgendjemand damals vermuten konnte?

Er nippte an seinem schwarzen Kaffee und trug das Wort ‚Botticelli‘ in sein Kreuzworträtsel ein. In diesem Moment fiel ein Schatten auf die Tischplatte.

Rafe sah zu, wie Lorna auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz nahm. Sie stellte die Kaffeetasse vor sich ab. „Ellie hat mich gebeten, dich zu suchen. Ich fürchte, du wirst mich nach Little Mellingham mitnehmen müssen. Deine Schwester kommt in zehn Minuten her.“

Wortlos faltete er die Zeitung zusammen.

Lorna drehte die Tasse, bis der Henkel nach rechts zeigte und sie ihn richtig greifen konnte. „Eigentlich wollte ich ein Taxi nehmen, aber …“ Sie sah Rafe an, und er beobachtete, wie sich ihre Wangen langsam rot färbten. „Nachdem ich ohnmächtig geworden bin, will Ellie nichts davon hören.“

„Ist wahrscheinlich auch besser so“, erwiderte er leichthin und streckte die Beine unter dem Tisch aus.

Sie ist rot geworden. Er hätte gewettet, dass es keine Frau über sechzehn gab, der das noch passierte. Seine Neugierde erwachte prompt.

Vikki hatte das Erröten bestimmt schon mit elf Jahren eingestellt. Rafe konnte sich keinen Reim auf Lorna machen. Was für ein Typ Frau war sie? Ihre Worte deuteten in eine Richtung. Ihre roten Wangen in eine völlig andere.

Jetzt hob sie die Tasse an den Mund und trank einen Schluck. Sie verzog das Gesicht, so bitter schmeckte der Kaffee. „Der ist ja grässlich.“

„Wie Teer“, bestätigte Rafe. „Man muss eine robuste Gesundheit mitbringen, um ihn runterzukriegen.“

Lorna stellte die Tasse hin und legte die Hände flach auf den Tisch. Sie hatte schöne Hände. Lange Finger mit sorgfältig manikürten Nägeln. Rafe mochte Frauen mit schönen Händen.

Ihm gefiel auch die Art, wie die welligen Haare ihr Gesicht einrahmten. Die Frisur betonte ihre mandelförmigen Augen. Dunkelbraune Augen mit winzigen topasfarbenen Sprenkeln darin.

Rafe legte die Zeitung auf seinen Schoß und leerte seine Tasse. „Hast du das Baby inzwischen gesehen?“

„Ja.“ Ihre Hände glitten fahrig über die Tischplatte. „Ich habe sie Katherine genannt. Sie brauchte einen Namen.“

Er hörte Lorna gern reden. In den Akzent ihrer Heimat, des Südosten Englands, mischte sich die Andeutung eines amerikanischen Tonfalls. Aber es war diese leicht raue Note, die ihre Stimme so sexy machte.

Unter anderen Umständen hätte sich Rafe möglicherweise sehr für diese neue Lorna Drummond interessiert.

Vor allem, weil er die alte Lorna gekannt hatte. Jenes Mädchen, das zu begabt gewesen war, um sich problemlos in die Cliquen der Gleichaltrigen einzufügen. Ihre klobige Brille und einige sehr altmodische Klamotten hatten ihr den Anpassungsprozess nicht gerade erleichtert. In seiner Erinnerung war sie ein Anhängsel seiner lebhaften Schwester gewesen, das oft rot anlief. Bis heute hatte sie in seiner Gegenwart vermutlich nicht mehr als drei Worte am Stück herausgebracht.

„Entschuldigt bitte, dass ich so spät dran bin. Tut mir echt leid.“ Ellie gesellte sich zu ihnen. Sie trug ihre Handtasche und eine große Plastiktüte vom Supermarkt.

Rafe stand auf und nahm seine Zeitung. „Möchtest du austrinken?“, fragte er Lorna, deren Tasse noch voll war.

Sie schüttelte den Kopf und beugte sich vor, um ihre Handtasche vom Boden aufzuheben.

„Ich habe noch schnell die Werkstatt wegen meines Wagens angerufen …“

„‚Wagen‘ ist ein schmeichelhafter Begriff für das Ding, das Ellie fährt“, warf Rafe ein. Ihm fiel auf, wie fest Lorna ihre Tasche umklammerte.

Seine Schwester lachte. „Damit könntest du sogar richtigliegen. Die Reparatur würde sechshundert Pfund kosten. Ich habe gesagt, dass ich mich bis morgen früh entscheide.“

„So viel Geld ist es nicht wert. Du solltest das Auto verschrotten und ein anderes kaufen.“ Rafe nahm Ellie die Plastiktüte ab und ging voran zum Parkplatz. „Ich helfe dir gern dabei. Es wäre mir nämlich lieber, dich in einem verkehrssicheren Wagen zu sehen.“

Sobald er die Worte ausgesprochen hatte, wünschte Rafe, er könnte sie zurücknehmen. Die Gefahr von unsicheren Autos gehörte nicht gerade zu den taktvollsten Themen für eine Unterhaltung in Lornas Gegenwart, und er war schon vorher undiplomatisch gewesen. Ihm war noch allzu bewusst, welchen Schreck er bekommen hatte, als Lorna zu seinen Füßen zusammengebrochen war.

Rafe schaute sie an. Auf einen oberflächlichen Beobachter wirkte sie wie jemand, der alles im Griff hatte. Nur die Leere in ihrem Blick und das Umklammern der Handtasche verrieten sie.

Vielleicht hatte Ellie recht. Sie war fest davon überzeugt gewesen, dass Lorna nach Großbritannien zurückkehrte, wenn sie von dem Unfall erfuhr – und genau das hatte ihre Schulfreundin getan. Ebenso entschieden glaubte Ellie, dass Lorna ihre Nichte nicht verlassen würde. Vielleicht stimmte auch das.

„Ich gehe nach hinten“, erklärte Ellie, als sie sich Rafes elegantem alten Jaguar näherten.

Lorna nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Rafe konnte nicht umhin zu sehen, wie ihr enger cremefarbener Rock hochrutschte. Sie hatte wirklich erstklassige Beine. Lang und schlank. Er spürte den Drang, eine Hand über die seidige Haut gleiten zu lassen, die weiche Innenseite ihres Oberschenkels zu spüren …

Rafe steckte den Schlüssel ins Schloss und startete den Motor. Was war bloß mit ihm los? Wahrscheinlich lag seine letzte Beziehung schon zu lange zurück, denn seine Gedanken waren absolut unangebracht.

Trotzdem beobachtete er, wie Lorna ihren Rock zurechtzupfte. Nahm den leichten Duft ihres Parfums wahr, als sie sich vorbeugte, um die Handtasche neben ihren Füßen abzustellen. Vermutlich hatte sie auch schöne Füße. Schmal, genau wie ihre Hände. Aus Erfahrung wusste Rafe, dass sich Hände und Füße normalerweise ähnelten.

„Weißt du, wo wir hinmüssen?“, riss Ellie ihn aus seinen nicht jugendfreien Gedanken.

„Little Mellingham“, antwortete er lässig.

Das Dorf lag knapp drei Meilen außerhalb von Sittiford. Es war winzig, mit einer Mischung aus alten, recht hübschen Häusern und ausdruckslosen Sozialwohnungen. Rafe blickte zu seiner schweigenden Beifahrerin hinüber. Ihr Gesicht war wie eine Maske und gab ihm keinen Hinweis darauf, wie sie sich fühlte. Doch die Hände in ihrem Schoß waren angespannt und fest verschränkt. Lornas Selbstbeherrschung hing am seidenen Faden.

„Sag mir bitte, wo ich anhalten soll.“

Sie schaute ihn an, und er las Angst in ihren braunen Augen. „Irgendwo an der Hauptstraße, bitte.“

„Nein.“ Auf dem Rücksitz beugte sich Ellie vor. „Ich will sicher sein, dass du gut zu Hause ankommst. Und ich finde eigentlich, dass du bei mir übernachten solltest. Wenigstens heute.“

„Ich komme schon klar. Du weißt doch, das tue ich immer.“ Lorna sah ihre Freundin über die Schulter hinweg an. „Ich kann ebenso gut damit anfangen, das Haus auszuräumen.“ Sie machte eine kurze Pause und sagte dann: „Es ist die zweite Straße links.“

Rafe bog in eine schmale Sackgasse mit Sozialwohnungen ab.

„Nummer dreiundzwanzig. Direkt bei dem roten Lieferwagen.“

Dass Lorna in so einer Umgebung aufgewachsen war, hatte er nicht erwartet. Sie sah aus, als wäre sie mit einem silbernen Löffel im Mund zur Welt gekommen. Über Vikki wusste er zwar nur wenig, doch auch sie hatte Luxus geliebt. Das war interessant.

Er parkte vor dem Reihenmittelhaus mit dem Kieselrauputz, das früher ebenfalls zum Sozialwohnungsbau gehört hatte. Die ursprüngliche Tür war gegen ein weißes Exemplar mit Doppelverglasung ausgetauscht worden. Daneben hing eine farbenfrohe Blumenampel.

„Vielen Dank.“ Lorna drehte sich zu ihren beiden Begleitern um. „Euch beiden. Wir reden morgen“, sagte sie an Ellie gewandt.

„Nein, ich rufe dich nachher noch einmal an. Lass dein Handy eingeschaltet.“

Lorna nickte.

Rafe ließ seinen Sicherheitsgurt zurückschnappen und machte Anstalten auszusteigen.

„Ich komme schon zurecht“, wollte Lorna ihn aufhalten. „Bemüh dich nicht. Es ist alles in Ordnung.“

Er stieg trotzdem aus und ging zur Haustür. Lorna folgte ihm, den Schlüssel in der Hand. Rafe blickte kurz zu seiner Schwester. Ihr Kopfschütteln war kaum wahrnehmbar, reichte jedoch, damit er nichts sagte.

„Danke. Fürs Fahren …“ Lorna hob die rechte Hand und schloss die Tür auf.

„Nein, das begreife ich nicht.“ Rafe lehnte an der Arbeitsplatte in Ellies Küche.

Seine Schwester reichte ihm zwei Pizzakartons. „In die Gefriertruhe.“

Gehorsam öffnete er die Gefriertruhe und suchte ein Fach, in dem genügend Platz für die Kartons war. „Erklär mir bitte noch einmal, wieso ihr beide Freundinnen seid.“

„Kühlschrank“, sagte Ellie und drückte ihm sechs Joghurtbecher in die Arme. „Wir kennen uns aus der Schule. Weißt du das nicht mehr?“

„Doch.“ Rafe zog einen Barhocker zu sich heran. „Aber sie ist anders als deine üblichen Freundinnen. Und warum nimmst du es so locker, dass sie nicht scharf darauf ist, Vikkis Baby aufzunehmen? Das sieht dir gar nicht ähnlich.“

Lächelnd faltete seine Schwester die Plastiktüte zusammen und stopfte sie in einen Korb an der Innenseite einer Schranktür. „Es gibt da einige Dinge, die du über Lorna wissen musst.“

Er wartete.

„Erinnerst du dich zum Beispiel daran, wie wir hergezogen sind?“ Ellie nahm den Wasserkocher und ging zur Spüle, um ihn zu füllen. „Dir ging es bestens. Den Mädchen lief bei deinem Anblick das Wasser im Mund zusammen.“

Rafe lächelte. So hätte er es nicht ausgedrückt, aber im Großen und Ganzen stimmte es, dass er sich mühelos in Little Mellingham eingelebt hatte.

„Bei mir war das anders. In den ersten Wochen ging es mir ziemlich mies.“

„Das wusste ich gar nicht.“

„Nichts Dramatisches. Hänseleien und so.“

Er beugte sich vor und zog zwei farbenfrohe Tassen vom Becherbaum auf der Arbeitsplatte.

„Lorna hat das mitbekommen. Eines Tages hat sie sich beim Mittagessen neben mich gesetzt. Sie sagte, sie könnte morgens bei mir klingeln und zusammen mit mir zur Schule gehen.“ Ellie schaltete den Wasserkocher ein. „So hat sie es dann auch gemacht. Jeden Tag, rund sieben Jahre lang. Sie hat ein gutes Herz. Wenn sie etwas verspricht, zieht sie es auch durch.“

Und Katherine? Bezog sich Lornas Gutherzigkeit auch auf ihre kleine Nichte?

Als hätte Ellie seinen Gedanken gelesen, meinte sie: „Warte ab wegen des Babys. Wenn es hart auf hart kommt, glaube ich nicht, dass Lorna sich weigern wird.“

„Und falls doch?“

„Dann hat sie sich verändert.“ Ellie holte Milch aus dem Kühlschrank und goss ein wenig in beide Tassen. „Ob sie wohl etwas zu essen im Haus hat? Ich habe gar nicht daran gedacht, sie zu fragen. Ach, Mist.“

Interessant, dass seine nach außen hin immer selbstbewusst wirkende Schwester die scheue Lorna Drummond gebraucht hatte. Rafe fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, während Ellie einen Zettel aus ihrer Handtasche zog, das Telefon von der Arbeitsplatte nahm und eine Nummer wählte.

Die Küchentür wurde unsanft aufgestoßen. „Mum, ich kriege meine Hausaufgaben nicht hin.“

Ellie hielt eine Hand hoch, um ihren Sohn zu stoppen. „Es klingelt nicht.“ Mit einem Seufzer stellte sie den Hörer wieder in die Ladestation. „Sie hat ihr Handy ausgestellt.“

„Ist das ein Problem?“

Seine Schwester biss sich auf die Lippen. „Rafe …“

Er wusste, was jetzt kam. „Ja, in Ordnung. Auf meinem Weg nach Hause.“ Und es hatte wirklich nichts mit Lornas erstklassigen Beinen zu tun.

„Vergewissere dich einfach, dass sie okay ist. Du könntest ihr auch einen Liter Milch mitbringen. Ich habe vergessen, ihr zu sagen, dass der Tante-Emma-Laden vor ein paar Jahren dichtgemacht hat. Richte ihr das bitte aus.“

„Mum …“

„Augenblick.“ Ellie scheuchte ihren Sohn aus der Küche. „Erst trinke ich meinen Tee, dann komme ich zu dir.“

Belustigt schaute Rafe zu. Ellies Leben entsprach seiner Vorstellung von der Hölle. Nie hatte sie einen Moment für sich – doch sie blühte in dieser Umgebung auf. Jetzt schaltete sie den Wasserkocher, der sich inzwischen automatisch ausgestellt hatte, ein zweites Mal ein und goss das sprudelnde Wasser in eine Teekanne.

„Vielleicht macht Lorna die Tür nicht auf.“ Ellie musste daran denken, wie erschöpft ihre Freundin ausgesehen hatte. „Ich glaube, sie war kurz davor, im Stehen einzuschlafen.“

Sie zog eine Schublade auf. „Benutz ihn nur, wenn es nicht anders geht … Ich habe einen Schlüssel.“

„Woher …?“

„Vikki.“ Ellie lächelte traurig. „Ich bin ihr im Einkaufszentrum von Sittiford über den Weg gelaufen, kurz nach ihrer Rückkehr. Danach habe ich manchmal bei ihr vorbeigeschaut und ihr geholfen, ein paar Sachen für das Baby zu besorgen.“

„Weiß Lorna das?“

„Nein. Es sei denn, Vikki hat es ihr gesagt.“

Also nicht. Rafe wusste nicht recht, was er davon halten sollte. Er steckte den Schlüssel, den Ellie ihm gab, in seine hintere Hosentasche. „Ich werde ihn nur benutzen, wenn ich glaube, dass Lorna in Schwierigkeiten steckt. Und wenn du meinen Rat hören willst: Erzähl ihr von dem Schlüssel und biete an, ihn zurückzugeben.“

„Mach ich.“

„Im Ernst. Ich kenne Lorna nicht annähernd so gut wie du, aber auf mich wirkt sie wie ein zurückhaltender Mensch, der seine Privatsphäre schätzt.“

„Darum schicke ich ja auch dich, statt einen Babysitter zu besorgen und selbst hinzugehen. Lorna zieht es vor, allein zurechtzukommen.“ Ellie stellte den Milchkarton auf die Arbeitsplatte. „Wenn du vorbeigehst, ist es bloß eine freundliche Geste.“

Freundlich. Er dachte darüber nach, als er vor Lornas Haustür stand und der Schlüssel ein Loch in seine Hosentasche zu brennen schien. Besonders freundlich war er Lorna nicht gesinnt. Genau genommen wusste er nicht wirklich, wie er sie fand. Er klingelte.

Keine Reaktion.

Wo steckte die Frau?

Rafe machte einen Schritt zur Seite und spähte durch das Fenster. Hinter der Scheibe hing eine dichte Gardine, deshalb sah er nichts. Und da es sich um ein Reihenmittelhaus handelte, konnte er nicht auf die Rückseite gehen.

Aus irgendeinem Grund war er sicher, dass Lorna noch nicht im Bett lag. Deshalb klappte er den Briefschlitz in der Tür auf und rief: „Lorna? Ich bin es, Rafe McKinnion! Ellie hat mich gebeten, dir Milch vorbeizubringen!“ Gleich darauf kam er sich albern vor und zog den Schlüssel aus seiner Tasche.

Falls er sich irrte und sie einfach erschöpft ins Bett gefallen war, könnte er leise wieder gehen. Vielleicht stellte er die Milch in den Kühlschrank und legte einen Zettel mit einer kurzen Nachricht dazu …

Er schloss die Tür auf. „Lorna?“

Im schmalen Flur war es dunkel. Rafe blickte die Treppe hoch und sah, dass der Vorhang im Obergeschoss zugezogen war. Vielleicht hatte sich Lorna tatsächlich früh schlafen gelegt? Müde genug hatte sie ja ausgeschaut.

„Lorna.“

Rafe öffnete die Tür am Ende des Flurs und betrat eine kleine Küche. Die Möbel waren alt und unpraktisch. Vor dem Fenster hing eine grellbunte Jalousie. Alles war blitzsauber.

Er deponierte die Milch im Kühlschrank. Viele Vorräte befanden sich dort nicht gerade. Ein bisschen Käse, ein paar Gläser Marmelade. Rafe guckte sich um und entdeckte den Mülleimer neben der Tür – übervoll mit Konservendosen und Kartons. Den sichtbaren Beweisen einer gründlichen Aufräumaktion. Lorna? Oder Vikki?

„Lorna …?“ Er machte die Tür auf, die links von der Küche abging, und kam in das Wohnzimmer. Ein dunkelbrauner Teppich mit Wirbelmuster und schwere grüne Samtvorhänge dominierten den Raum.

In einer Sofaecke saß Lorna, das Gesicht in einem Kissen vergraben. Rafe konnte ihr Schluchzen hören. Auf dem Tisch stand eine leere Sherryflasche.

„Lorna.“ Er ging näher und kniete sich vor sie hin. „Hey.“ Als er ihr die Haare aus dem Gesicht strich, ließ sie das Kissen sinken. Ihre Augen glänzten feucht, und ihr Gesicht war gerötet. Sie fragte ihn nicht einmal, wie er hereingekommen war. Stattdessen streckte sie die Hände aus, als wollte sie ihn umarmen. Er reagierte prompt, zog sie an sich und wiegte sie hin und her, als wäre sie ein Kind.

„Ich weiß nicht, was ich machen soll“, schluchzte sie.

Mit den Lippen an ihren Haaren murmelte Rafe beruhigende Worte. Er hielt sie fest, und allmählich ließ das Schluchzen nach. Lorna wischte sich mit einer bebenden Hand über das Gesicht und hickste.

„Wenn du so viel getrunken hast, wie ich glaube, wirst du morgen früh einen ordentlichen Kater haben.“ Er schob sie behutsam zurück auf das Sofa, wo sie sich sofort zusammenrollte.

Rafe stand auf und betrachtete ihr schmales Gesicht. Die hohen Wangenknochen. Die langen Wimpern auf ihrer hellen Haut. Er rieb sich den Nacken und drehte Lorna den Rücken zu.

Wasser. Paracetamol. Das brauchte sie jetzt. Anschließend musste sie sich richtig ausschlafen.

Erst auf seinem Rückweg zur Küche fiel ihm der Stapel Babysachen an der Wand auf. Der zusammengeklappte Kinderwagen, der gebrauchte Kindersitz, die noch in Plastikfolie verpackten Strampler.

Alles erinnerte daran, wie Vikki die Ankunft ihres Babys vorbereitet hatte. Der Anblick war schwer zu ertragen. Falls Ellie von diesen Sachen wusste, konnte er gut nachvollziehen, warum sie ihn gebeten hatte, bei ihrer Freundin vorbeizufahren.

Rafe schaute zu Lorna, die immer noch zusammengerollt auf dem Sofaende lag. Dann ging er in die Küche. In einem der Hängeschränke fand er Gläser.

Die Suche nach dem Paracetamol gestaltete sich schwieriger. Schließlich wurde er in einem alten Eisbehälter fündig, füllte ein Glas mit Leitungswasser und kehrte in das Wohnzimmer zurück.

Lorna bewegte sich leicht. Eine Hand lag unter ihrem Kinn. Sie sah friedlich aus. Rafe hockte sich neben sie und strich ihr erneut die Haare aus dem Gesicht. „Lorna? Setz dich hin und trink ein bisschen Wasser. Lorna? Na komm schon.“

Schläfrig öffnete sie die mandelförmigen Augen und blickte ihn an. Ihre Pupillen waren weit. „Ich habe ein Baby. Sie wollen, dass ich hierbleibe und für ein Baby sorge.“

„Ich weiß.“ Er streichelte ihr über die Haare. Sie fühlten sich weich an, glatt wie Seide. „Setz dich auf und trink etwas Wasser. Tu mir den Gefallen.“

Einen Moment lang dachte er, sie würde ablehnen, doch dann gehorchte sie. Rafe setzte sich neben sie, um sie zu stützen. Er spürte ihre Körperwärme. Seltsamerweise wollte er seine Finger in ihr Haar schlingen, Lorna an sich ziehen und küssen. Ihre Lippen auf seinen fühlen. Diese Frau schmecken.

Stattdessen lächelte er flüchtig und reichte ihr das Glas. „Trink.“

„Das ist ja Wasser.“

„Du brauchst Flüssigkeit.“ Er zog die Tabletten aus seiner Jeans-tasche. „Und wenn du schon dabei bist, nimm auch gleich ein paar von diesen hier.“

„Ich bin aber gar nicht durstig.“

„Trink trotzdem.“

Er überredete sie, das Glas fast auszutrinken und zwei Tabletten zu schlucken. Immer wieder fielen ihr die Augen zu. Ihr Kopf sank auf seine Schulter. Ihre Haare dufteten fruchtig, nach Zitronen. Rafe lehnte seine Wange an ihren Kopf und gab dem Impuls nach, Lornas bloße Schulter zu streicheln.

Ellie kennt ihre Freundin gut, dachte er. Heute hatte Lorna nur mit knapper Not die Fassung wahren können. Die echte Lorna Drummond hatte er gar nicht erlebt. Noch nicht.

Was würde sie wegen ihrer Nichte unternehmen? Jetzt empfand er sogar Mitgefühl für sie. Alleinerziehend zu sein war für jeden Menschen schwierig. Aber einfach mit dieser Aufgabe konfrontiert zu werden, wenn man überhaupt nicht darum gebeten hatte …

Rafe hörte, wie sich Lornas Atmung veränderte. Er setzte sich aufrecht hin. „Schlaf nicht hier ein“, murmelte er und strich ihr zum dritten Mal die Haare aus dem Gesicht. „Ich bringe dich nach oben.“

„Ich will schlafen.“ Ihre Worte klangen dumpf und waren schwer zu verstehen.

Er lächelte. Keine Spur mehr von der beherrschten Eiskönigin. Rafe stand auf und zog Lorna hoch. „Dann ist es Zeit fürs Bett.“

Schade, dass er sie nicht dazu hatte bewegen können, noch mehr Wasser zu trinken, aber etwas war besser als nichts. Ohne ihn hätte sie die Nacht auf dem Sofa verbracht und wäre mit einem sehr steifen Nacken aufgewacht.

Mit Rafes Arm um ihre Taille schaffte Lorna es die Treppe hinauf, ohne öfter als zweimal leicht zu stolpern. Ihr Kopf ruhte an seinem Brustkorb, während sie sich mit beiden Händen an seinem dünnen T-Shirt festhielt.

„Welches Zimmer?“, fragte er, als sie oben angekommen waren. Lornas Augen waren geöffnet, blickten aber durch ihn hindurch. Er atmete scharf ein. Für diese Aktion schuldete Ellie ihm einen Gefallen. Und zwar einen großen.

Er stieß die nächstgelegene Tür auf. Das Bad. Nützlich, aber nicht das, wonach er suchte. Neben dem Bad befand sich eine Abstellkammer und neben dieser wiederum ein Zimmer mit Einbauschränken und einem ungemachten Doppelbett.

Menschenskind! Langsam wurde es wirklich kompliziert. Rafe bugsierte Lorna auf einen Rattansessel und ging weiter. Der dritte und letzte Raum im Obergeschoss war das Schlafzimmer. Schmink-utensilien lagen verstreut auf einer Frisierkommode, und die Bettdecke war zerwühlt – das konnte nur Vikki gewesen sein.

Verdammt.

Rafe schloss die Tür wieder und rieb sich das Gesicht. In diesem Zimmer würde er nicht schlafen wollen, und Lorna ging es wahrscheinlich genauso. Er guckte über seine Schulter. Irgendwo musste es in diesem Haus doch einen Wäscheschrank geben …

In einer Ecke der Abstellkammer fand er ihn schließlich. Ordentlich gestapelt lagen dort Handtücher, Decken und Bettlaken. Rafe zog ein paar Teile aus dem Schrank und kehrte zum Zimmer mit dem Doppelbett zurück. „Jetzt beziehe ich erst einmal die Matratze“, sagte er mit einem Blick auf Lorna, die im Sessel eingenickt war.

Er musste lächeln. So hatten sie bisher wahrscheinlich nur wenige – oder gar keine – Menschen gesehen. Rafe vermutete, dass sie stets die Fassung wahrte und nie aus der Rolle fiel. Das Bild von sich selbst, das sie der Welt präsentierte, war präzise und sorgfältig durchdacht.

Das Bett war recht sperrig und schwer zu beziehen, aber er bekam es ganz gut hin. „So, hinein mit dir, Lorna.“

Sie ließ sich von ihm aus dem Sessel ziehen und schenkte ihm ein ausgesprochen sexy Lächeln. „Ich bin promovierte Statistikerin, weißt du?“

„Tatsächlich?“ Die hohen Schuhe und den Cardigan hatte sie längst ausgezogen. In dem Seidentop konnte sie problemlos schlafen, fand Rafe, aber sie sollte eigentlich noch aus dem Rock schlüpfen.

Doch allein bei der Vorstellung, ihr den Rock über die Hüften zu streifen, strömte Hitze durch seinen Körper. Sein Lächeln wurde ein bisschen starr, und er entschied, dass Lorna das Kleidungsstück doch lieber anbehalten sollte. Sie sank auf das Bett, und er deckte sie zu.

„Rafe …?“

Er hielt die Decke fest, als wäre es dadurch einfacher, mit den Folgen von Lornas aufregender Stimme zurechtzukommen. „Ja?“

„Bleib bei mir.“

Wie einfach wäre es, sich neben sie zu legen, ihren schönen Körper eng an seinen zu ziehen …?

„Ich habe Angst.“

Rafe traf eine spontane Entscheidung: „Ich bin unten, falls du mich brauchst. Ruf einfach.“ Er streckte eine Hand aus, um ihr eine feine blonde Strähne von der Wange zu streichen. Es fühlte sich nicht gut an, Lorna in ihrem Zustand allein zu lassen.

„Du bleibst hier?“

„Ja.“ Morgen früh würde sie sich vermutlich an nichts mehr erinnern. Ganz im Gegensatz zu ihm. Er würde nie wieder auf das frostige Image hereinfallen, das sie an den Tag legte.

Lorna legte eine Hand auf die von Rafe. Seine Finger fühlten sich kühl an, als sie ihre warme Handfläche um sie schloss. Er hatte es noch nie so sexy gefunden, die Hand einer Frau zu halten.

„Ich kann nicht mehr nachdenken“, meinte sie und schloss die Augen. „Ich bin so müde.“

„Du brauchst auch nicht nachzudenken. Das können wir morgen früh erledigen.“

Wir. Irgendwie hatte er sich in der letzten Stunde in diese Sache hineinziehen lassen. Dabei ging ihn die ganze Angelegenheit, so traurig sie auch sein mochte, überhaupt nichts an. Und doch …

Ihr Atem ging gleichmäßig, und der Griff um seine Finger wurde ein wenig lockerer. Rafe zog seine Hand aus Lornas und blickte ihr noch einmal ins Gesicht. Sie war schön. Fast wie eine Porzellanpuppe, aber viel, viel spannender.

Lornas Mund war sinnlich, vielleicht sogar einen Hauch zu breit. Ihre mandelförmigen Augen wirkten ungemein verführerisch. Die Haare schimmerten in verschiedenen Goldtönen, und ihre Haut fühlte sich unbeschreiblich weich an. Unbewusst hatte Lorna Drummond ein Netz ausgeworfen. Rafe hatte sich darin verfangen, und nun zog sie ihn erbarmungslos näher. Wie zum Teufel ist das passiert?

Er kehrte zur Abstellkammer zurück und holte noch ein paar Decken und ein Kissen aus dem Wäscheschrank. Wenn er die Polster vom Sofa auf den Boden legte, konnte er sich ein halbwegs bequemes Bett machen.

Rafe hielt inne. Ich sollte Ellie sagen, wie ich Lorna vorgefunden habe, überlegte er. Seine Lederjacke hing über der Sofalehne. Er zog das Handy aus der oberen Tasche.

Ellie hatte schon auf seinen Anruf gewartet, das hörte er ihr an. „Wie ist es gelaufen?“

Er setzte sich auf das Sofa. „Sie hat den Löwenanteil einer Flasche Sherry intus.“

„Lorna trinkt nicht!“

„Trank nicht“, berichtigte er seine Schwester trocken. „Ganz schön dramatischer Einstand. Ich habe ein Bett bezogen und sie hineinverfrachtet. Jetzt werde ich die Nacht auf dem Sofa verbringen.“

Rafe schloss die Augen und lehnte seinen Kopf gegen die Rückenlehne, während Ellie ihn mit Fragen bombardierte. Die meisten von ihnen konnte er nicht beantworten, denn Lorna war nicht in der Lage gewesen, irgendetwas zu erklären.

Wenn man ihn fragte: Er tippte darauf, dass die Babysachen das Fass zum Überlaufen gebracht hatten. Zusammen mit dem fleckigen Mantel, der in der Diele an einem Haken hing, und dem Schlafzimmer, das auf die Rückkehr seiner Bewohnerin zu warten schien …

Rafe musste an die schlafende Frau im Obergeschoss denken. Ellie mochte morgen Abbitte leisten, weil sie ihn in diese Lage gebracht hatte, aber er wusste, dass er heute Nacht nirgendwo anders sein wollte. Obwohl ihm eine andere Bettenaufteilung möglicherweise lieber gewesen wäre …

4. KAPITEL

Lorna erwachte, weil Tageslicht durch einen Spalt zwischen den Vorhängen drang. Eine Minute lang rätselte sie, wo sie sich befand und wie sie hier gelandet war. Doch allmählich stellten sich vage Erinnerungen ein, und sie schlug eine Hand vor die Augen, als müsste sie dadurch nicht mehr an die Ereignisse des gestrigen Abends denken.

Oder genauer gesagt: An ihr peinliches Verhalten vom Vorabend.

Sie wusste noch, dass sie Rafe schluchzend in den Armen gelegen und ihn gebeten hatte zu bleiben … Auch noch, wie warm und beschützt sie sich gefühlt hatte, als er es versprach.

Bleib.

Wie hatte sie das nur sagen können? Innerlich krümmte sie sich beim bloßen Gedanken daran. Was, wenn er tatsächlich geblieben war?

Hastig blickte sie zum Kissen neben ihrem und erwartete halb, ihn dort zu sehen. Das einzige andere Zimmer in diesem Haus war Vikkis, und Lorna bezweifelte, dass Rafe dort übernachtet hatte. Für sie selbst war der Anblick von Vikkis Sachen jedenfalls zu viel gewesen.

Lorna rieb sich das Gesicht mit beiden Händen. Wie um alles in der Welt war sie in dieses Zimmer gekommen? Das Bett hatte sie nicht bezogen, da war sie ganz sicher.

Plötzlich gefror ihr das Blut in den Adern. Sie hob die Bettdecke hoch, um nachzusehen, was sie anhatte.

Während ihrer Teenagerjahre mochte eine Situation wie diese zu ihren Fantasien über Rafe McKinnion gehört haben, doch das war lange her. Sie legte Wert auf Sicherheit. Und sicher war er nicht. Kein bisschen.

Allerdings hatte er ihr offenbar ins Bett geholfen, ohne ihr ein einziges Kleidungsstück zu viel auszuziehen … Das war ohne Frage nett von ihm gewesen. Hoffentlich hatte sie nichts allzu Peinliches gesagt oder getan. Mal abgesehen von dem Weinen … Und der Tatsache, dass sie sich an Rafe geklammert hatte.

Lorna stöhnte und vergrub das Gesicht wieder in den Händen. Warum hatte sie den Sherry getrunken? Sie mochte doch gar keinen Alkohol. Hasste den bitteren Geschmack ebenso wie das grässliche Verhalten, das Menschen an den Tag legten, wenn sie zu viel tranken.

Außerdem machte es überhaupt keinen Spaß, am nächsten Tag mit einem Kater aufzuwachen. Sie setzte sich hin und war zunächst heilfroh, dass sie nur leichte Kopfschmerzen hatte – bis die Folgen ihrer Unbeherrschtheit sie mit voller Wucht trafen.

Jäh schien sich in ihrem Kopf alles zu drehen, und Lorna hatte das Gefühl, ihr Magen wolle in ihre staubtrockene Kehle klettern.

Vorsichtig ließ sie den Kopf wieder auf das Kissen sinken.

Und manche Leute trinken aus Vergnügen zu viel?

Lorna kämpfte die Übelkeit nieder, legte sich langsam auf die Seite und rappelte sich hoch. Sie brauchte Wasser. Das sollte man doch tun, oder? Ganz viel Wasser trinken?

Im Zeitlupentempo, als könnte ihr Kopf bei der kleinsten unbedachten Bewegung abfallen, ging sie den Flur entlang. Auf dem Weg die Treppe hinunter hielt sie das Geländer ganz fest. Jeder Schritt kam ihr wie ein großer Erfolg vor.

„Lorna?“

Beim Klang von Rafes Stimme drehte sie den Kopf. Doch in der nächsten Sekunde legte sie die freie Hand an den Schädel, als wäre dies die einzige Möglichkeit, ihn festzuhalten.

Rafe stand am unteren Ende der Treppe, und seine blauen Augen funkelten schadenfroh. „Schlimm?“

„Ich bin nicht an Sherry gewöhnt.“

Seine Augen leuchteten noch intensiver. „Das sagt Ellie auch.“

Ellie? Dann musste er sie angerufen und erzählt haben, dass er ihre Freundin betrunken angetroffen hatte. Entschlossen, sich nicht von ihm einschüchtern zu lassen, reckte Lorna das Kinn vor. Was machte es schon, wenn es ihn amüsierte, sie mit einem Kater zu sehen?

Er hielt ihr eine Hand entgegen und half ihr die letzten beiden Treppenstufen hinunter. Jetzt war sein Blick weicher. Fast, als könne er verstehen, wie sehr es ihr zu schaffen machte, wenn man sich über sie amüsierte. „Geh und setz dich schon mal auf das Sofa. Ich bringe dir etwas, das deinen Kater vertreibt.“

Echt? Sie wollte ihm nur zu gern glauben. Gab es tatsächlich ein Heilmittel, abgesehen davon, sich einen Kopf kürzer machen zu lassen? Lorna stützte sich mit einer Hand an die Raufasertapete in der Diele. Sie bezweifelte, dass irgendetwas ihren Magen davon abhalten konnte, sich immer wieder um die eigene Achse zu drehen.

Als sie im Wohnzimmer ein Kissen und eine Decke sah, ordentlich zusammengefaltet und gestapelt, wäre sie am liebsten im Boden versunken. Rafe musste die Nacht auf dem Sofa verbracht haben. Sie stolperte vorwärts und setzte sich zögernd hin. Niemals zuvor in ihren ganzen einunddreißig Jahren war ihr so etwas passiert.

„Bitte sehr.“ Rafe kam aus der Küche und hielt ihr ein Glas hin mit einem Inhalt, der nicht nach Wasser aussah.

„Was ist das?“

Er nahm auf dem Stuhl ihr gegenüber Platz. „Es ist vermutlich besser, wenn du das nicht weißt.“

Lorna nahm das Glas und schnupperte daran. „Nein, im Ernst. Ich möchte es wissen.“

„Mein Spezialrezept. Ich habe es während meiner Jahre an der Uni perfektioniert …“ Er lächelte. „In erster Linie Whiskey mit Eigelb.“

Rohes Eigelb. Ungläubig starrte sie auf das Glas in ihrer Hand. „Du willst, dass ich etwas mit rohem Eigelb darin trinke?“

„Du hast dich selbst in diese Lage gebracht“, neckte er Lorna und sah sie herausfordernd an.

„Und das hier funktioniert?“

Er zuckte die Schultern. „Scheint so. Ich bin sicher, dass es eine wissenschaftliche Erklärung dafür gibt, aber die kenne ich noch nicht.“

Lorna schloss die Augen und trank möglichst viel in einem Zug. Es schmeckte wirklich schauderhaft. Die schleimige Konsistenz war noch schlimmer als der Geschmack. Sie stellte das fast leere Glas auf den Beistelltisch. „Ich glaube, jetzt geht es mir noch etwas schlechter.“

Rafe lachte. „Um ehrlich zu sein, ich dachte nicht, dass du es trinken würdest.“

Sie zog die nackten Füße näher an das Sofa heran und strich ihren Rock mit den Händen glatt. Eigentlich hatte sie keinen Anlass, so zufrieden zu sein, nur weil sie seine Erwartungen durchkreuzt hatte. Lorna kam sich vor wie ein Schulmädchen, dem der angesagteste Junge wider Erwarten Beachtung schenkt. Endlich. Und dafür hatte sie nur zwei Drittel einer Sherryflasche und ein rohes Eigelb trinken müssen.

„Jetzt brauchst du ein anständiges Frühstück.“

Lorna schüttelte den Kopf. „Das soll wohl ein Witz sein.“

„Vertrau mir“, erwiderte er und lächelte noch breiter.

Irgendetwas an seinem Lächeln gab ihr das Gefühl, dass ihre sorgsam ausgearbeiteten Fünfjahrespläne belanglos waren.

Sie war nie berauscht gewesen. Das durften Mädchen sein, die keine so große Verantwortung tragen mussten. Und doch brachte Rafe es mit einem einzigen Lächeln fertig, dass sie sich berauscht fühlte.

Es machte ihr Angst. Wie konnte allein ein Lächeln so etwas in ihr auslösen?

„Was dir fehlt, sind Speck, Eier, gebratenes Brot …“

Lorna schaffte es, sich nicht angewidert zu schütteln, obwohl ihr Magen bei der Aufzählung all der fettigen Sachen rebellierte. „Ich frühstücke nie.“ Sie drehte ihren schmalen Armreif aus Platin. „Außerdem gibt es so etwas in diesem Haus gar nicht. Ich habe nicht einmal Milch. Daran hätte ich gestern denken sollen.“

„Ellie hat für dich mitgedacht. Darum war ich ja überhaupt hier. Als Milchmann.“ Rafe stand auf. „Tee oder Kaffee?“

„Tee. Aber den sollte ich eigentlich machen …“ Lorna erhob sich, aber er winkte ab.

„Ich bin nicht derjenige mit dem Kater. Setz dich hin.“

Dankbar gehorchte sie, wobei die Übelkeit sie einmal mehr wie eine Welle packte. Die weiterhin kam und ging – während ihr Kopf mehr oder weniger durchgängig hämmerte.

Lorna ließ sich auf das Sofa sinken und legte sich ein Kissen auf den Bauch. Sie konnte Rafe in der Küche rumoren hören. Eine Schranktür klappte zu, und der Wasserkocher schaltete sich mit einem Klick aus.

Es ist schön, nicht allein zu sein.

Nett von ihm, dass er hier übernachtet hatte.

Der gestrige Abend in diesem Haus war zu viel für Lorna gewesen. Aus mehreren Gründen.

Seit ihrem Auszug hatte sich wenig verändert – dieselben Gardinen, derselbe Teppich, dasselbe Sofa … Lorna strich mit den Fingerspitzen über die braunen Kunstfasern. Fast hatte sie vergessen, wie es hier aussah. Sie schloss die Augen, und eine Träne rollte über ihre Wange.

Rafe legte ihr leicht eine Hand auf die Schulter. Sie öffnete die Augen und wischte verschämt die Träne fort.

„Tee.“

„Danke.“

Er strich mit den Knöcheln über ihren bloßen Oberarm. Es war eine schlichte Geste des Mitgefühls, und doch war es tröstlicher als alles, was irgendjemand seit der Nachricht von Vikkis Tod für Lorna getan hatte.

Wieder setzte er sich gegenüber von ihr hin. Lorna nahm die Teetasse in beide Hände und genoss die Wärme an ihrer kalten Haut. Vorsichtig und zögernd nippte sie von dem wohltuenden Getränk.

„Tut mir leid wegen gestern Abend. Du hältst mich bestimmt für eine grässliche Person“, entschuldigte sie sich mit rauer Stimme und sah Rafe an.

„Nein.“ Er beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf die Knie.

Lorna holte zittrig Luft. „Es ist so seltsam, in diesem Haus zu sein. Ich war ziemlich lange nicht mehr hier.“ Zu lange. Überall holten sie die Erinnerungen an die Vergangenheit ein. Auf dem Kaminsims zum Beispiel stand das gerahmte Foto von Großtante Edna, noch immer mit dem kleinen Lavendelzweig, den Lornas Mutter zwischen Glas und Rahmen geklemmt hatte.

Alles war unverändert. Lorna glaubte fast, ihre Mum zu hören, wie diese lautstark nach Frühstück verlangte.

„Warum haben du und Vikki das Haus nach dem Tod eurer Mutter nicht verkauft?“

Rafe lehnte sich zurück und streckte die Beine mit den nackten Füßen aus. Sogar bei einer banalen Tätigkeit wie Teetrinken sah er sexy aus. Er hatte den Daumen durch den Henkel geschoben und hielt die Tasse mit einer Hand.

Sie schluckte. Um dieses Haus zu verkaufen, hätte sie sich damit auseinandersetzen müssen, und das hatte ihr immer widerstrebt. Darum kümmere ich mich später, hatte sie stets beschlossen. Viel später.

„Ich schätze, es kam mir ganz gelegen, noch einen Wohnsitz in Großbritannien zu haben. Als ich damals nach Amerika gezogen bin, wusste ich ja noch nicht, dass ich dort bleiben würde. Dieses Haus war mein Sicherheitsnetz.“

„Und Vikki?“, hakte er nach, weil nichts weiter kam.

„Ihr hat der Gedanke gefallen, Immobilienbesitzerin zu sein. Das glaube ich wenigstens. Wir hatten eine halbe Ewigkeit nicht mehr über das Thema geredet.“

Rafe trank seinen Tee. Lorna beobachtete, wie sich sein Adamsapfel beim Schlucken bewegte. Es sah erotisch aus. Sie fasste die Porzellantasse fester.

„Vor Jahren haben wir mit dem Gedanken gespielt, das Haus zu vermieten … Aber dann hätten wir renovieren müssen. Die alten Teppiche und Vorhänge ausrangieren, eine neue Küche einbauen und das Badezimmer modernisieren.“

„Das hätte sich doch gelohnt.“

„Wahrscheinlich.“ Sie zuckte die Schultern. „Aber solange ich weit weg war, ist es uns zu kompliziert vorgekommen.“

Außerdem war Vikki zu beschäftigt mit ihrem eigenen Leben gewesen, um etwas wegen des Hauses zu unternehmen. Lorna nestelte an ihrer Halskette. Damals hatte ihr die Untätigkeit ihrer Schwester missfallen.

„Was wirst du denn jetzt damit machen?“

Lorna schaute Rafe aufrichtig an. „Verkaufen. Ich habe nicht vor, nach England zurückzukehren.“

Er nickte, stand auf und streckte eine Hand nach ihrer leeren Tasse aus. „Ellie lässt dir ausrichten, dass sie dir gern dabei hilft, Vikkis Sachen auszuräumen. Du sollst es nicht allein machen müssen.“

„Ellie ist wirklich lieb.“ Lorna schloss die Augen und lehnte sich nach hinten.

Rafe betrachtete sie einen Moment. Offenkundig hatte sie noch immer nicht die Absicht, sich um ihre Nichte zu kümmern. Solange unklar war, ob Katherines Erzeuger das Baby aufnehmen wollte, konnte Lorna sie wohl ohnehin nicht nach Amerika mitnehmen – selbst, wenn sie es wollte.

Er ging in die Küche und spülte die Tassen. Lorna verwirrte ihn. Er wollte sie nicht mögen, und er verurteilte ihr mangelndes Verantwortungsbewusstsein für ihre Nichte, doch … irgendetwas passte nicht zu seinen Überlegungen.

Alles an Lorna schien widersprüchlich zu sein. Seine undeutliche Erinnerung an sie als Teenager passte nicht zu der Eleganz, die sie heute ausstrahlte. Und trotz ihrer deutlichen Anspannung und Unsicherheit spürte er, dass sie eine starke Frau war.

Rafe fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Vielleicht machte genau diese Stärke es ihm so schwer zu akzeptieren, dass Lorna nicht für Katherine sorgen wollte. Hätte sie es nicht gekonnt, wäre er mitfühlend gewesen. Aber so …

Hinter sich hörte er Schritte. Nackte Füße auf dem Vinylboden. Er drehte sich um und kam sich vor, als hätte ihn jemand beim Flüstern ertappt.

„Ich habe ganz vergessen, mich bei dir zu bedanken, dass du hiergeblieben bist.“

„Gern geschehen.“

Sie schlang beide Arme um ihren Oberkörper. „Es muss sehr unbequem gewesen sein, so auf das Sofa gequetscht zu schlafen.“

„Ich habe schon unter viel schlechteren Bedingungen übernachtet.“ Rafe wischte seine Hände an einem Geschirrtuch ab und hängte es wieder über die Stange.

Er beobachtete, wie Lorna seine Bemerkung sacken ließ und einen völlig falschen Schluss zog. Die Frau schien nicht viel von ihm zu halten. Vielleicht ging sie nur mit Männern aus, die einen Doktortitel vorweisen konnten? Männern, die schwarze Anzüge trugen und zu berechenbar waren, um Lorna herauszufordern.

Am liebsten hätte er sie auf der Stelle so lange und so heftig geküsst, bis ein bisschen von ihrer abweisenden Haltung aus ihrem schönen Kopf mit den seidigen blonden Haaren gewichen wäre. Ja, das hätte er zu gern getan.

Lorna lächelte schwach. „Jedenfalls wollte ich dir nur sagen, dass ich deine Unterstützung zu schätzen weiß …“

Rafe steckte beide Hände in die Jeanstaschen. Sie wollte ihn hinauskomplimentieren. Das konnte er ihr anhören und ansehen.

Er wäre allerdings gern geblieben, um ihr zu helfen. In jedem Quadratzentimeter dieses Hauses steckten Erinnerungen an ihre Mum. Und an Vikki. Und die Vorstellung, dass Lorna hier ganz allein war, gefiel ihm überhaupt nicht.

„Soll ich dir wirklich kein Frühstück machen, bevor ich nach Hause fahre? Du wirst dich besser fühlen, wenn du etwas im Magen hast.“

„Ich mache mir einen Toast.“ Als sie lächelte, erkannte Rafe in ihren Augen zum ersten Mal die Andeutung eines Lachens. Ihm wurde ganz anders. „Zumindest, wenn mein Magen dein Heilmittel verdaut hat.“

Diese Lorna Drummond hat etwas an sich. Ehrlich. Ihre Mischung aus Verletzlichkeit und Stärke war außerordentlich anziehend. „Wie du meinst. Kann ich sonst noch irgendetwas für dich tun?“

Entschieden schüttelte sie den Kopf. „Ich komme schon klar. Und ich bin sicher, dass du selbst auch einiges zu tun hast.“

Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden. Gestern hatte er nicht herkommen wollen. Und heute wollte er nicht gehen. Er schlenderte an Lorna vorbei zu einem der altmodischen Esszimmerstühle, über die er seine Jacke gehängt hatte.

„Rafe?“ Er drehte sich um und sah, dass Lorna die Stirn runzelte. „Mir fällt gerade ein … Ich meine … Wie bist du eigentlich ins Haus gekommen? Ich habe doch nicht die Tür offen gelassen, oder?“

Er zog den Schlüssel aus seiner Hosentasche. „Vikki hat ihn Ellie gegeben. Soll sie ihn behalten, für den Fall, dass du dich einmal aussperrst?“

„Vikki?“

Noch ein Thema, in das er sich nicht hatte hineinziehen lassen wollen. „Sieht ganz so aus.“

Gedankenverloren hob Lorna eine Hand zum Mund und kaute an einem Fingernagel. Zu seiner eigenen Überraschung fand Rafe das hinreißend. Jeder ihrer manikürten Fingernägel war perfekt, also musste dies hier sehr selten vorkommen.

„Soll Ellie den Schlüssel vorläufig behalten?“

Lorna nickte. Dann fragte sie langsam: „Glaubst du, dass noch jemand einen hat?“

„Möglich“, antwortete er nach kurzem Zögern. Diese Option fiel ihm erst jetzt ein. „Allerdings bezweifle ich es. Nach allem, was ich weiß, hatte Vikki keinen Kontakt mehr zu irgendjemandem aus Sittiford. Wem könnte sie einen Schlüssel gegeben haben?“

Vielleicht Katherines Vater?

Rafe wusste, dass auch Lorna sich diese Frage stellte, denn in ihren Augen blitzte Unsicherheit auf. „Falls du dir Sorgen machst, kannst du jederzeit bei Ellie übernachten. Bei mir auch, wenn du das Chaos bei Ellie nicht erträgst.“

Als Lorna beinahe unmerklich zusammenfuhr, wünschte Rafe, er hätte sich den letzten Satz gespart. Das zwischen ihnen beiden wurde zu schnell zu eng.

„Obwohl ich dir einen Pinsel in die Hand drücken würde, wenn du dich für mein Haus entscheiden solltest.“

Sie lächelte, aber er wusste, dass sie ihn loswerden wollte.

5. KAPITEL

Ellie legte eine Hand auf die Seite des Babybettchens und sah Lorna an. „Möchtest du Katherine füttern?“

„Sie füttern?“

„Körperkontakt tut Babys gut.“

Lorna zögerte. Ja zu sagen kam ihr ungefähr so abwegig vor, wie in ein Fass Limonade zu springen. „Ich weiß gar nicht, wie man das macht.“

„Dann zeige ich es dir.“ Ellie drehte sich um und sprach eine jüngere Kollegin an: „Schwester, holen Sie bitte die Milch?“ Sie wandte sich wieder ihrer Freundin zu. „Setz dich hin und mach es dir bequem.“

Lorna gehorchte. Ihre Hände waren klamm, und ihr Herz pochte derart heftig, dass es wehtat. Das Baby war so winzig. So zerbrechlich. Sie fragte sich, ob sie dem kleinen Wesen bleibende Schäden zufügen konnte, wenn sie etwas falsch machte, doch Ellie schien optimistisch zu sein.

„Leg dir ein Handtuch über den Schoß. Deine Nichte spuckt manchmal, und du willst bestimmt nicht mehr Geld als nötig in die Reinigung schleppen.“

„Ist es so richtig?“ Lorna bedeckte ihren Schoß mit einem Frotteetuch.

„Perfekt.“

Lorna schaute zu, wie Ellie Katherine vorsichtig aus dem Bettchen holte. Das Mädchen spreizte die Finger, als wäre es erschrocken.

„Halte sie gut fest. Wie jeder Mensch möchte sie sich sicher fühlen.“

Sicher. Im Moment fühlte sich überhaupt nichts sicher an. Lorna legte Katherine in ihre Armbeuge, fühlte das Gewicht des kleinen Körpers und dessen Wärme.

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