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JULIA EXTRA BAND 428

MIRANDA LEE

Die Eiskönigin und der Milliardär

Liebe? Nein danke! Jeremy steht auf kurze Affären … und auf Alice. Selbst seine größte Charme-Offensive lässt sie kalt. Doch noch läuft alles nach Plan … bis sie in aller Unschuld seine Lippen küsst …

RACHAEL THOMAS

Ich schenke dir mein Wüstenreich …

Als Scheich Zafir die schöne Destiny engagiert, um seinen Hengst zu retten, verfällt er ihr komplett. Selbst sein Land legt er ihr zu Füßen. Warum nur will sie trotzdem vor ihm fliehen?

AMANDA CINELLI

Sinnliche Frühlingsnächte in Paris

Für Rigo Marchesi ist Nicole eine Lügnerin. Wie kann sie nur behaupten, dass er der Vater ihres Kindes ist? Alles spricht dagegen. Jetzt muss er nur noch den süßen Geschmack ihrer Küsse vergessen …

SUSAN MEIER

Hochzeitsküsse am Mittelmeer

Prinz Alex ist von Evas Persönlichkeit fasziniert. Trotzdem, er wird die verschmähte Braut seines Bruders nicht heiraten, basta! Doch warum beschützt er sie dann wie ein Löwe, als sie in Gefahr ist?

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Die Eiskönigin und der Milliardär

1. KAPITEL

Ich müsste eigentlich besser drauf sein, dachte Jeremy, während er sich in seinem Schreibtischstuhl zurücklehnte und die Füße auf die Tischplatte mit eingelassener Lederschreibfläche legte. Dabei ist mein Leben doch nahezu perfekt. Ich bin kerngesund, stinkreich und – dem Himmel sei Dank – Single. Außerdem sind meine Tage als Chef-Anlageberater in der Londoner Filiale der Barker-Whittle-Bank vorbei. Wie unglaublich befreiend!

Für seinen hyperehrgeizigen Vater zu arbeiten hatte Jeremy nicht gerade Spaß gemacht. Er war zwar verdammt gut in seinem Job gewesen, doch trotz der Anerkennung und großzügigen Boni der letzten Jahre zog er es vor, sein eigener Herr zu sein. Daher hatte er einen Teil seines kürzlich gemachten Vermögens dazu genutzt, einen strauchelnden Verlag zu übernehmen und in ein florierendes Unternehmen zu verwandeln. Ganz schön schräg, wenn man bedachte, dass es eigentlich nur ein Zufallskauf gewesen war.

Ursprünglich hatte Jeremy sich als Bauträger selbstständig machen wollen und als Erstes ein Haus in einer der besten Wohngegenden Mayfairs erstanden. Doch der Verlag, der sich in das Gebäude eingemietet hatte, hatte darauf bestanden, zu bleiben, bis der Mietvertrag auslief. Also hatte Jeremy beschlossen, der Verlagsleitung ein Angebot zu unterbreiten, das sie nicht ablehnen konnte, und den Verlag in einem anderen Gebäude unterzubringen, um das Haus in Mayfair sanieren zu lassen und in drei Luxuswohnungen aufzuteilen.

Doch es war alles ganz anders gekommen. Die Leute bei Mayfair Books waren ihm rasch ans Herz gewachsen, und auch das alte, holzvertäfelte und mit Antiquitäten eingerichtete Haus hatte ihm so gefallen, wie es war – etwas schäbig zwar, aber mit sehr viel Charme und Charakter.

Gespräche mit den Angestellten und ein Blick in die Buchhaltung hatten jedoch rasch offenbart, dass der Verlag dringend eine Verjüngungskur brauchte. Jeremy, der bis dato keine Ahnung von der Branche gehabt hatte, war es dank seiner Intelligenz und seiner guten Beziehungen – darunter zur Marketingabteilung eines renommierten Londoner Verlags – gelungen, das Unternehmen finanziell zu sanieren.

Jetzt, ein Jahr später, war er Chef von Barker Books, dessen Namen er geändert und in ein florierendes Verlagshaus verwandelt hatte. Im letzten Quartal hatten sie sogar Gewinne erzielt. Jeremy ging seitdem jeden Morgen glücklich zur Arbeit, ganz anders als während seiner Zeit in der Bank.

Sein Job konnte also nicht daran schuld sein, dass er so unzufrieden war.

Genauso wenig sein Liebesleben, denn das lief wie immer prima, obwohl sein Fokus seit der Verlagsübernahme mehr auf seiner Arbeit als auf den Frauen lag.

Trotzdem kam er sexuell nicht zu kurz. Es fiel ihm nie schwer, willige Frauen zu finden, die ihn zu den zahlreichen gesellschaftlichen Anlässen begleiteten, zu denen er regelmäßig eingeladen wurde. Ein Mann seiner gesellschaftlichen Stellung und mit seinem Geld war überall ein gern gesehener Gast.

In der Regel verbrachte er anschließend die Nacht mit seiner jeweiligen Begleitung, wobei er vorab immer klarstellte, dass nichts Dauerhaftes daraus entstehen würde. Er hielt nichts von der Liebe oder womöglich – Gott bewahre! – der Ehe! Gott sei Dank akzeptierten die meisten Frauen das anstandslos, denn gebrochene Herzen waren auch nicht gerade Jeremys Ding.

Da ihm also auf Anhieb kein Grund für seine derzeitige Unzufriedenheit einfiel, würde er wohl einmal gründlich über sich selbst und sein Leben nachdenken müssen – etwas, das er sonst um jeden Preis vermied.

Er hielt nicht viel von Selbstanalyse oder Psychotherapien. Seinen Brüdern zumindest hatte das nicht weitergeholfen. Außerdem wusste Jeremy auch ohne Seelenklempner, warum er so war, wie er war. Seine negative Einstellung zur Ehe war eindeutig auf die ständigen Scheidungen und neuen Hochzeiten seiner Eltern zurückzuführen. Und darauf, dass sie ihn mit acht in ein Internat gesteckt hatten, wo man ihn gnadenlos terrorisiert hatte.

An jene Jahre dachte er so ungern zurück, dass er die Erinnerungen lieber verdrängte und sich stattdessen glücklichere Zeiten ins Gedächtnis rief – seine Jahre an der Londoner Universität zum Beispiel. Dort hatte man ihn endlich intellektuell gefordert. Seine guten Noten hatten seine Großmutter mütterlicherseits wiederum so erfreut, dass sie ihn zu ihrem Erben eingesetzt hatte – unter der Voraussetzung, dass er in Oxford weiterstudierte.

Das hatte Jeremy getan, und sein großzügiges Privateinkommen – Gran war kurz nach seiner Immatrikulation gestorben – hatte ihm jenen luxuriösen Lebensstil ermöglicht, an den er sich rasch gewöhnt hatte. Für die Uni hatte er gerade genug getan, um sein Examen zu bestehen, aber ansonsten hatte er nur ein Ziel verfolgt: Spaß zu haben. Er hatte so viel gezecht, dass das auch ins Auge hätte gehen können, wenn seine beiden neuen Freunde nicht etwas vernünftiger gewesen wären als er.

Beim Gedanken an Sergio und Alex ließ Jeremy den Blick zu dem Foto von ihnen dreien auf seinem Schreibtisch wandern. Alex’ Frau Harriet hatte es bei Sergios Hochzeit mit seiner früheren Stiefschwester gemacht, bei der Alex und Jeremy Trauzeugen gewesen waren. Jeremy glaubte inzwischen zwar nicht mehr, dass Bella so geldgierig wie ihre Mutter war, konnte sich jedoch trotzdem nicht vorstellen, dass die Ehe halten würde. Liebe verging früher oder später, das war nun einmal so.

Schade, dass er seine besten Freunde kaum noch zu Gesicht bekam. Das letzte Mal hatten sie sich bei Alex’ Hochzeit mit Harriet in Australien gesehen. Er vermisste die Zeiten, als sie alle noch in London gewohnt und einander regelmäßig getroffen hatten – als sie noch Junggesellen und keine Milliardäre gewesen waren.

Und noch nicht fünfunddreißig. Dieses Alter hatte ihr Auseinandergehen besiegelt – das und der Verkauf ihres WOW-Weinbar-Franchise-Unternehmens an eine amerikanische Firma. Damit hatte sich alles verändert. Der Junggesellenclub, den sie in Oxford gegründet hatten, war hinfällig geworden und damit womöglich auch ihre Freundschaft.

Seufzend nahm Jeremy die Füße vom Schreibtisch. Er beugte sich vor, griff nach dem Foto und betrachtete stirnrunzelnd die drei lächelnden Gesichter.

Jeremy beneidete seine Freunde nicht um ihre Ehen, aber er fand die Vorstellung deprimierend, dass er sie von jetzt an kaum noch sehen würde. Sie würden sich um ihre Ehefrauen und ihre Kinder kümmern und nicht um ihn. Eines Tages würden sie sich kaum noch an ihn erinnern oder höchstens mit einem Gefühl vager Zuneigung, wenn sie sein Foto zufällig in einem alten Album entdeckten.

„Wer ist dieser Mann, Dad?“, könnte Alex’ Sohn irgendwann fragen, da Harriet demnächst einen Jungen erwartete.

„Ach, das ist Jeremy, ein alter Freund von früher. Wir haben zusammen in Oxford studiert. Er war Trauzeuge auf unserer Hochzeit. Großer Gott, ich habe ihn schon ewig nicht gesehen.“

Frustriert knallte Jeremy das Foto mit der Vorderseite nach unten auf den Schreibtisch und griff nach seinem Handy. „Verdammt, so weit werde ich es gar nicht erst kommen lassen“, grummelte er, während er Alex’ Nummer wählte.

Als ihm einfiel, dass es in Australien mitten in der Nacht war, legte er auf und beschloss, stattdessen eine Mail zu schicken und sich als Taufpate anzubieten, wenn es so weit war. Nachdem er das erledigt hatte, richtete er das Foto wieder auf, stellte es an seinen Ehrenplatz zurück und setzte sich hin, um die aktuellen Verkaufszahlen zu überprüfen. Er war noch nicht weit gekommen, als jemand energisch an seine Tür klopfte.

„Kommen Sie rein, Madge“, sagte er.

Madge betrat sein Büro genauso flott, wie sie alles machte. Sie war Mitte fünfzig, schmal und unscheinbar. Jeremy hatte sie kurz nach der Übernahme des Verlags eingestellt, da die Sekretärin des Vorbesitzers gekündigt hatte. Madges pragmatische Art und ihre Erfahrungen im Verlagswesen hatten ihn tief beeindruckt. Er mochte sie sehr – eine Zuneigung, die auf Gegenseitigkeit zu beruhen schien.

„Wir haben ein Problem“, kam sie ohne Umschweife zur Sache.

„Und das wäre?“

„Kenneth Jacobs kann bei der Wohltätigkeitsversteigerung heute nicht Auktionator sein, weil er total heiser ist. Ich konnte ihn am Telefon kaum verstehen.“

„Okay“, sagte Jeremy, obwohl er nur Bahnhof verstand. Er wusste nur, wer Kenneth Jacobs war. Kein Wunder, er war der einzige Bestsellerautor des Verlags, dessen blutrünstige Thriller eine riesige Fangemeinde hatten, obwohl er nie gut vermarktet worden war. Trotzdem war Kenneth dem Verlag immer treu geblieben. Als verknöcherter alter Junggeselle war er etwas nachlässig, wenn es ums Geschäft ging. Jeremy hatte Kenneths frühere Bücher inzwischen unter neuem Cover als eBooks veröffentlicht.

„Was für eine Wohltätigkeitsauktion?“

Ungeduldig verdrehte Madge die Augen. „Oje! Gut, dass Sie mich haben. Ihr Kurzzeitgedächtnis ist wirklich miserabel.“

„Dafür habe ich ein fotografisches Gedächtnis“, protestierte Jeremy.

„Wenn das so ist, werde ich in Zukunft alles für Sie abfotografieren, anstatt es Ihnen mitzuteilen“, konterte Madge.

Jeremy mochte Madges trockenen Humor, auch wenn er ihn manchmal nervte. „Machen Sie das, Madge. Doch bis dahin seien Sie so gut und erklären mir noch mal, worum es sich bei dieser Auktion handelt. Und inwiefern ich das Problem mit Kenneth beheben soll.“ Inzwischen ahnte er bereits, worum es ging. Er war schließlich nicht auf den Kopf gefallen.

Madge stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. „Ich hätte gedacht, das Wort Wohltätigkeitsauktion sei selbsterklärend, aber darum geht es hier nicht. Nach der letzten Wohltätigkeitsveranstaltung haben Sie gesagt, dass ich keine Einladungen mehr für Sie annehmen soll, weil Sie sich lieber die Pulsadern aufschlitzen, als schlecht zu essen und sich unerträglich langweilige Reden anzuhören. Dass Sie bereitwillig jede Summe spenden, sich aber nicht freiwillig Folterqualen aussetzen lassen würden, seitdem Sie nicht mehr für Ihren Vater arbeiten. Sie haben gesagt …“

„Ja, ja“, unterbrach Jeremy sie ungeduldig. „Ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber die letzte Wohltätigkeitsveranstaltung war ein Dinner, nicht etwas so Interessantes wie eine Auktion. Beschränken Sie sich doch bitte auf die Fakten, anstatt mir irgendwelche Vorträge zu halten.“

Madge wirkte für einen Moment ganz betreten. „Okay. Also, die Auktion findet im Ballsaal des Chelsea Hotels statt, um Geld für zwei Frauenhäuser in der Innenstadt zu sammeln. Vor der Auktion wird es ein Dinner mit erstklassigem Essen geben. Schon allein dabei müsste eine Menge Geld zusammenkommen, da jeder Sitzplatz ein kleines Vermögen kostet. Ich nehme an, die gesamte High Society wird zugegen sein.

Kenneth sollte eigentlich die Auktion übernehmen und dabei auch das Privileg versteigern, namentlich als Charakter in seinem nächsten Buch erwähnt zu werden. Andere Autoren haben so was schon gemacht, aber Kenneth noch nie. Der arme Kerl ist völlig fertig und fühlt sich schuldig, weil er Alice im Stich lassen muss. Sie ist diejenige, die alles organisiert hat. Wie dem auch sei, ich habe ihm gesagt, dass Sie für ihn einspringen.“

„Ach, ist das so?“, fragte Jeremy und zog gespielt missbilligend eine Augenbraue hoch.

Madge wirkte für einen Augenblick ganz verunsichert, doch dann musste sie lächeln. „Sie nehmen mich mal wieder auf den Arm, oder?“

Jeremy grinste nur.

Madge war erleichtert. Sie mochte Jeremy sehr. Was Frauen anging, war er vielleicht etwas zügellos – zumindest hatte sie so etwas gehört –, aber er war ein guter Mensch und ein noch besserer Chef. Er war intelligent, besonnen und überraschend empfindsam. Sie zweifelte nicht daran, dass er sich eines Tages in die richtige Frau verlieben und sie heiraten würde. „Sie können einen manchmal ganz schön verunsichern. Soll ich denn jetzt Alice anrufen und ihr sagen, dass Sie den Job übernehmen? Oder wollen Sie das lieber selbst machen?“

„Was schlagen Sie vor, Madge?“

Auch das gefiel Madge an ihrem Chef. Dass er sie nach ihrer Meinung fragte – und manchmal sogar auf sie hörte. „Ich finde, Sie sollten sie selbst anrufen, damit sie beruhigt ist. Sie wirkte ganz schön gestresst. Ich habe den Eindruck, dass sie den Job noch nicht lange macht.“

„Okay.“ Jeremy nickte. „Geben Sie mir ihre Nummer.“

Madge hatte die Nummer schon parat.

„Sie sind ganz schön durchtrieben“, sagte er, als sie ihm den Zettel hinhielt.

„Und Sie sind sehr hilfsbereit“, erwiderte sie lächelnd, bevor sie ihn allein ließ.

Grinsend tippte Jeremy Alice’ Nummer in sein Handy ein.

„Alice Waterhouse?“, meldete sie sich geschäftsmäßig. Ihr gestochen scharfes Englisch ließ auf eine jener privaten Mädchenschulen schließen, deren Absolventinnen unweigerlich in PR-Jobs oder bei Wohltätigkeitsorganisationen landeten, bevor sie jemanden aus ihrer Gesellschaftsschicht heirateten.

Jeremy stand nicht auf Frauen aus guten Kreisen, was bei seiner Herkunft natürlich reine Heuchelei war. Früher war er nicht so wählerisch gewesen. Wenn ein Mädchen hübsch und scharf auf ihn gewesen war, war ihr Charakter ihm genauso egal gewesen wie ihre Herkunft, doch inzwischen fand er Mädchen aus guten Familien unglaublich langweilig, sowohl im Bett als auch sonst. Ihm missfielen ihre Anspruchshaltung und ihr Bedürfnis, ständig Komplimente zu bekommen und unterhalten zu werden.

Vielleicht zogen Gegensätze sich wirklich an, denn Frauen, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten mussten und nicht auf Daddys Geld zurückgreifen konnten, fand er sehr anziehend.

Alice Waterhouse mit dem feinen Akzent war bestimmt auch nur so eine kleine Prinzessin.

„Jeremy Barker-Whittle“, sagte er, wobei ihm die Wirkung seiner tiefen vollen und, ja, beeindruckenden Stimme durchaus bewusst war. Alex und Sergio sagten immer, er könne als Radiomoderator ein Vermögen verdienen. Menschen, die ihn nur vom Telefon kannten, waren oft überrascht, wenn sie ihn das erste Mal sahen. Meistens hatten sie mit jemandem gerechnet, der älter und kräftiger gebaut war, so wie ein Opernsänger zum Beispiel.

Tja, irren war menschlich.

Jeremy fragte sich, ob er vielleicht auch ein falsches Bild von Alice Waterhouse hatte, kam jedoch zu dem Schluss, dass das mit Sicherheit nicht der Fall war. „Ich bin Kenneth Jacobs’ Verleger“, erklärte er. „So wie es aussieht, springe ich wohl heute Abend als Auktionator ein.“

„Ach, das ist ja toll!“ Alice Waterhouses Freude und Erleichterung waren deutlich hörbar. „Madge hat schon gesagt, dass Sie das vielleicht machen. Ich wäre sonst völlig aufgeschmissen. Vielen Dank!“

Wider besseres Wissen verspürte Jeremy plötzlich so etwas wie Zuneigung. „Gern geschehen.“ Er hatte schon immer gern den Alleinunterhalter gespielt. Daher würde es ihm bestimmt Spaß machen, eine Auktion zu leiten.

„Sie können gern jemanden mitbringen“, bot Alice ihm an. „Ich habe für Mr. Jacobs zwei Plätze am Haupttisch reserviert, aber da er niemanden hatte, hätte ich neben ihm gesessen.“

„Ich bringe auch niemanden mit“, erklärte Jeremy. Er hätte zwar Ellen mitnehmen können, eine Anwältin, mit der er ab und zu etwas unternahm und deren Gesellschaft er genoss, doch sie war gerade beruflich in Washington. „Wie Kenneth bin ich ein verknöcherter alter Junggeselle“, fügte er hinzu. „Also würde ich mich über die Ehre freuen, heute Abend neben Ihnen zu sitzen.“

„Diese Freude wäre ganz meinerseits.“

„Ich nehme an, ich muss einen Smoking tragen?“

„Ja. Ist das ein Problem für Sie?“

Jeremy lächelte selbstgefällig. „Nein, ganz und gar nicht.“ Wenn man sich bei ihm auf etwas verlassen konnte, dann auf sein Stilempfinden. Er war sehr modebewusst und stets stolz auf seine makellose Erscheinung. In seiner Garderobe war alles vertreten, von lässig bis formell. Er beschloss, für den heutigen Anlass den Smoking zu tragen, den er sich für Sergios Hochzeit in Mailand hatte schneidern lassen.

Als Alice wieder ansetzte, sich bei ihm zu bedanken, unterbrach er sie mit der Frage, wann und wo sie sich heute Abend treffen würden. Nachdem er die nötigen Infos hatte, verabschiedete er sich, legte auf und rief nach Madge.

Sofort steckte sie den Kopf zur Tür herein. „Alles geklärt?“

„Ja. Nur eine Frage noch: Sind Sie dieser Alice schon mal begegnet?“

„Nein, ich habe nur mit ihr telefoniert.“

„Für welche PR-Firma arbeitet sie?“

Verdutzt sah Madge ihn an. „Für gar keine. Ich meine … habe ich Ihnen das denn nicht gesagt? Sie arbeitet für zwei Frauenhäuser.“

„Nein, Madge, das haben Sie nicht erwähnt.“

„Sorry, ich bin heute anscheinend etwas durch den Wind. Wie dem auch sei, Alice hat erzählt, dass ihre Organisation sich das Honorar eines professionellen Spendensammlers nicht leisten kann und sie daher alles allein macht. Kein leichter Job, muss ich sagen.“

„Nein“, pflichtete Jeremy ihr bei.

Anscheinend hatte er sich doch in dieser Alice getäuscht. Klar konnte es vorkommen, dass die Töchter reicher Männer ein soziales Bewusstsein hatten und sich für die einsetzten, die weniger Glück hatten als sie, doch seiner Erfahrung nach war das eher unwahrscheinlich. Alice Waterhouse war faszinierend … und sie beeindruckte ihn tief. Er nahm sich vor, alles dafür zu tun, dass die Auktion ein Erfolg wurde. Und er freute sich schon sehr darauf, mehr über diese rätselhafte und faszinierende Frau herauszufinden.

2. KAPITEL

„Danke für die Leihgabe“, sagte Alice zu ihrer Mitbewohnerin Fiona und betrachtete sich im Spiegel. „Das ist ein tolles Cocktailkleid.“ Es war schwarz, hauteng und trägerlos. Ein dazu passender Mantel würde sie vor der kalten Abendluft schützen, bis sie das Hotel betrat, denn obwohl es bald Sommer war, war es draußen noch empfindlich kühl.

„Gern geschehen“, antwortete ihre Mitbewohnerin.

Diese Worte erinnerten Alice an ihr vorangegangenes Telefonat mit Kenneth Jacobs’ Verleger. Was für ein sympathischer Mann, und was für eine tolle Stimme. Als Auktionator eignete er sich viel besser als Mr. Jacobs.

„Ich wünschte, ich könnte heute zu deiner Veranstaltung mitkommen anstatt mit Alistairs Eltern essen zu gehen“, fügte Fiona hinzu. „Aber seine Mutter hat heute Geburtstag, und es wäre bestimmt keine gute Idee, es mir mit meiner künftigen Schwiegermutter zu verscherzen.“ Resigniert zuckte sie die Achseln.

„Wahrscheinlich nicht“, stimmte Alice zu, froh, sich über solche Dinge keine Gedanken machen zu müssen. Sie würde nämlich niemals heiraten.

„Du siehst wirklich toll aus.“ Fiona lächelte. „Ich wünschte, ich hätte deine Figur. Und deine Größe. Und dein Haar.“

Alice wunderte sich über die Komplimente. Ihr schönes blondes Haar gefiel ihr auch gut, aber ihre Figur war nichts Besonderes. Wirklich groß war sie auch nicht, höchstens im Vergleich zu Fiona, die trotzdem wahnsinnig attraktiv war. Sie hatte volles dunkles Haar, große braune Augen und einen üppigen Körper, der die Blicke sämtlicher Männer auf sich zog. Nicht, dass Alice sie darum beneidete. Aufmerksamkeit auf sich zu lenken war das Letzte, das sie wollte.

„Das Kleid steht dir viel besser als mir“, fuhr Fiona fort. „Wenn ich es getragen habe, quollen mir immer fast die Brüste aus dem Dekolletee. Die Männer haben mich die ganze Zeit angestarrt. Alistair hat mir verboten, es je wieder anzuziehen, also gehört es dir, wenn du willst, Süße.“

Alice mochte es nicht, wenn Fiona sie „Süße“ nannte, so als sei sie viel jünger als ihre gleichaltrige Mitbewohnerin. Sie war auch nicht mehr das Mädchen, das bei seiner Ankunft in London völlig mittellos vor Fionas Tür gestanden hatte. Sie hatten dasselbe Internat besucht, aber nicht in denselben Kreisen verkehrt. Alice hatte Fionas Adresse nur deshalb gewusst, weil Fiona nach ihrem achtzehnten Geburtstag überall herumerzählt hatte, dass ihr reicher Vater ihr eine Wohnung in Kensington geschenkt hatte.

Es war Fiona hoch anzurechnen, dass sie Alice bei sich aufgenommen und sie mietfrei hatte wohnen lassen, bis Alice selbst Geld verdiente. Als Alice ein paar Wochen später hatte ausziehen wollen, hatte Fiona sie gebeten zu bleiben, weil sie ihre Gesellschaft genoss. In den sieben Jahren ihres Zusammenwohnens waren sie einander ziemlich nahegekommen. Fiona wusste, warum Alice nichts von Männern hielt, hatte jedoch noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass Alice eines Tages einem Mann begegnen würde, dem sie trauen und den sie lieben konnte.

„Habe ich dir schon erzählt, dass Kenneth Jacobs in letzter Sekunde als Auktionator abgesagt hat?“, fragte Alice, während Fiona sie mit Parfum einsprühte. „Er ist total heiser.“

„Oh nein!“, rief Fiona. „Wie hast du reagiert?“

„Zuerst hatte ich Panik.“

Fiona lachte. „Du und Panik? Niemals! Du hast bestimmt sofort eine Lösung gefunden.“

Fionas blindes Vertrauen in ihr, Alice’, Organisationstalent amüsierte sie immer wieder, aber neben Fiona würde sie vermutlich ruhig und gelassen wirken.

„Ich hatte großes Glück. Kenneth hat mir die Telefonnummer einer netten Dame bei Barker Books gegeben, und ehe ich wusste, wie mir geschah, hat mich der Besitzer des Verlags zurückgerufen und mir angeboten, für Mr. Jacobs einzuspringen.“

„Wow, das war echt Glück.“

„Es kommt noch besser. Dieser Typ hat nämlich eine ganz tolle Stimme und wird bestimmt ein großartiger Auktionator. Schluss mit dem Parfum, Fiona, ich muss mich fertig machen. Das Taxi wird jeden Moment hier sein. Ich treffe mich um sieben mit Mr. Barker-Whittle im Hotel.“

„Was?“

„Ich treffe mich mit …“

„Ich weiß, was du gesagt hast“, fiel Fiona ihr ungeduldig ins Wort. „Aber ich hoffe doch, wir reden hier nicht von Jeremy Barker-Whittle?“

Alice runzelte die Stirn. „Doch, so hat er sich vorgestellt. Warum? Was stimmt nicht mit ihm?“

„Er ist einer der notorischsten Londoner Playboys – das stimmt nicht mit ihm. Teuflisch gut aussehend und unglaublich charmant. Meine Schwester war nur ungefähr fünf Minuten mit ihm zusammen, hört aber seitdem nicht auf, von ihm zu schwärmen. Sie sagt, niemand ließe sich mit ihm vergleichen. Himmel, ich hätte dir nie dieses sexy Kleid geschenkt, wenn ich gewusst hätte, neben wem du heute Abend sitzt!“

Alice fand diese Neuigkeit zwar etwas beunruhigend, aber noch viel ärgerlicher war sie darüber, dass Fiona auch nur für einen Moment glauben konnte, dass sie dem zweifelhaften Charme irgendeines Playboys erliegen würde. Niemals würde es ihm gelingen, ihr Interesse zu wecken, jetzt, da sie gewarnt war, ganz egal, wie attraktiv oder charmant er war. Und Charme hatte er tatsächlich, so gut wie er ihr am Telefon gefallen hatte. Was für eine Unverfrorenheit, sich als verknöcherten alten Junggesellen zu bezeichnen!

„Ich bin ja jetzt vorgewarnt, Fiona“, widersprach sie. „Da kann mir gar nichts passieren. Außerdem solltest gerade du wissen, dass ich gegen diesen Typ Mann immun bin.“

Ehrlich gesagt stimmte das nicht ganz. Alice hatte sich schon immer zu gut aussehenden Frauenhelden hingezogen gefühlt. Zwar vor allem zu Filmstars, aber auch zu echten Männern. Attraktive Typen mit einem gewissen Ruf hatten mal eine starke Anziehungskraft auf sie ausgeübt – bis sie mit einem ausgegangen war und es bitter bereut hatte. Seitdem war sie zwar nicht ganz immun, aber sie hatte ihre Lektion gelernt. Sollte Barker-Whittle sich daher einbilden, dass sie ihm nach der Auktion noch ein weiteres Unterhaltungsprogramm bieten würde, hatte er sich gründlich geschnitten!

„Aber ich verstehe nicht“, sagte Fiona verwirrt. „Jeremy ist Banker, kein Verleger.“

„Tja, jetzt schon.“

„Seltsam. Aber mit seinem Geld kann man sich vermutlich überall einkaufen. Die Barker-Whittles sind stinkreich.“

„Du scheinst ja eine Menge über sie zu wissen.“

„Tja, wie schon gesagt, Melody war eine Weile förmlich besessen von dem Mann und hat versucht, alles über ihn rauszufinden, was sie in Erfahrung bringen konnte.“

„Gibt es noch etwas, das ich über ihn wissen sollte?“

„Nicht wirklich. Glaub ihm einfach kein Wort. Und geh bloß nicht mit ihm aus.“

Alice hätte fast gelacht. Als ob! „Das ist bestimmt mein Taxi“, sagte sie, als ihr Handy klingelte. „Viel Spaß noch heute Abend, und mach dir keine Sorgen um mich. Jeremy Barker-Whittle wird von mir noch nicht mal einen Kuss kriegen.“

Fiona sah wenig überzeugt aus – etwas, das Alice wieder einfiel, als sie kurz nach sieben das Hotelfoyer betrat und ihr Blick auf Jeremy Barker-Whittle fiel. Fiona hatte recht, dachte sie unangenehm berührt.

Er saß auf einem Sofa und telefonierte. Obwohl sich noch viele andere Männer im Foyer aufhielten, wusste Alice sofort, dass es sich um ihn handeln musste, denn er war der Einzige in einem schwarzen Smoking. Außerdem entsprach niemand besser ihrer Vorstellung von einem notorischen Playboy. Er sah tatsächlich sündhaft gut aus und strahlte eine Eleganz aus, die man nicht nachahmen konnte. Auf den ersten Blick war klar, dass er viel Geld hatte. Männer waren bestimmt neidisch auf ihn, während Frauen sich nach ihm verzehrten.

Für Alice galt das natürlich nicht, aber seine Erscheinung beschleunigte eindeutig ihren Herzschlag. Sie holte tief Luft. Gut, dass er sie bisher noch nicht bemerkt hatte. Das gab ihr Zeit, sich innerlich gegen ihn zu wappnen … und ihn unauffällig zu beobachten. Sein mittelbraunes Haar war leicht gewellt und fiel ihm sexy in die Stirn. Er hatte eine gerade kräftige Nase und leuchtend blaue Augen, die intensiv funkelten. Zumindest als er den Blick hob und sie sah. Sofort steckte er sein Handy weg, stand auf und kam lächelnd auf sie zu.

Sein Lächeln lenkte ihre Aufmerksamkeit auf seinen Mund … oder vielmehr seine sinnliche Unterlippe und seine strahlend weißen Zähne. Alice bekam ein beklommenes Gefühl in der Magengegend.

„Bitte sagen Sie, dass Sie Alice sind“, sagte er mit jener unglaublichen Stimme, die sie schon vom Telefon kannte. Dunkel wie Schokolade. Aus seinem Mund klang ihr Name geradezu sexy, was eigentlich ein Wunder war. Alice hatte ihren Namen immer gehasst. Sie fand ihn zu mädchenhaft und zu altmodisch.

Es war nicht leicht, immun gegen Jeremys Charme zu bleiben, doch es gelang ihr, jene reservierte Maske aufzusetzen, die sie sich in Gegenwart solcher Männer angewöhnt hatte.

„Ja, ich bin es“, bestätigte sie kühl und widerstand dem Impuls, sein Lächeln zu erwidern. „Und Sie sind Mr. Barker-Whittle, nehme ich an?“

Hoppla! dachte Jeremy. Er war nicht daran gewöhnt, dass Frauen ihm gegenüber so unterkühlt waren, schon gar wenn sie so sexy aussahen wie Alice. Für einen Moment brachte ihn das etwas außer Fassung, aber nicht lange. Er fragte sich, warum sie sich so reserviert gab, nachdem sie am Telefon so reizend gewesen war, aber ihm fiel keine andere Erklärung ein als die, dass er sich beim Telefonat als verknöcherter alter Junggeselle bezeichnet hatte. Vielleicht nahm sie ihm ja das übel.

Seine Mundwinkel zuckten belustigt, als ihm ein Wortspiel mit ihrem Namen einfiel. Alice. All ice.

Sehr witzig, Jeremy! Jetzt sieh zu, dass du die Eisprinzessin mit deinem berüchtigten Barker-Whittle-Charme erwärmst, sonst wird der Abend ein echter Reinfall.

Was eine Schande wäre, wenn man bedachte, dass schlanke Blondinen mit kühler Ausstrahlung genau sein Typ waren, vor allem solche mit schönen blauen Augen und sündhaft sinnlichen Lippen.

„Bitte nennen Sie mich Jeremy“, sagte er, während er sie unauffällig von Kopf bis Fuß musterte. „Niemand sagt Mr. Barker-Whittle zu mir, nicht mal Madge. Schon gar nicht Madge“, fügte er lachend hinzu. „Sie hat übrigens vorgeschlagen, zwei Namen zu versteigern, nicht nur einen“, fügte er aus einem Impuls heraus hinzu. „Falls Sie damit einverstanden sind.“

„Was? Oh, ja. Ja. Das wäre … toll. Danke.“

Er hatte sie anscheinend etwas aus dem Konzept gebracht, genau das, was er beabsichtigt hatte. Für den Bruchteil einer Sekunde war sie wieder die Alice vom Telefon, äußerst liebenswürdig und dankbar. Doch dann saß ihre unterkühlte Maske wieder perfekt.

Jeremy beschloss, sich nicht davon beirren zu lassen. Er hatte schließlich den ganzen Abend Zeit, die Eisprinzessin aufzutauen. Er fand diese Herausforderung sogar ganz reizvoll. Es kam nicht jeden Tag vor, dass ihn eine Vertreterin des anderen Geschlechts auf Distanz hielt, schon gar nicht, wenn sie Single war. Er hatte schon festgestellt, dass Alice keinen Ring trug und daher weder verheiratet noch verlobt sein konnte. Natürlich war es möglich, dass sie einen Freund oder Lebensgefährten hatte, aber dann wäre sie bestimmt nicht allein hier.

Nein, es gab bestimmt keinen Mann in ihrem Leben. Ihre Rühr-mich-nicht-an-Ausstrahlung musste jeden Durchschnittsmann abschrecken.

Jeremy grinste siegessicher. Er selbst war nämlich alles andere als durchschnittlich, und niemand konnte ihn davon abhalten, die wundervolle Alice zu erobern. Sie hatte schon seine Neugier geweckt, als er ihre glasklare Stimme gehört hatte, und jetzt, da er ihr begegnet war, wollte er mit ihr schlafen. Er würde nicht lockerlassen, bis sie sich bereit erklärte, mit ihm auszugehen.

„Sie wollten mir den Ballsaal zeigen“, rief er ihr ins Gedächtnis. „Aber erst nehme ich Ihnen den Mantel ab …“

Alice spürte einen Anflug von Panik bei der Vorstellung, ihren Mantel auszuziehen und sich damit noch mehr den lüsternen Blicken dieses Mannes auszusetzen. Wenn er glaubte, dass ihr seine gründliche Inspektion von Kopf bis Fuß nicht aufgefallen war, hatte er sich geirrt.

Alice wusste, dass Männer sie attraktiv fanden – ein Los, das die meisten Blondinen mit guter Figur und hübschem Gesicht teilten. Sie zog es jedoch vor, nur wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem sie kein Make-up trug und sich das Haar zu einem Pferdeschwanz hochband. Anders als heute Abend, wo sie das Beste aus ihrem Typ gemacht hatte.

Warum hatte Fiona ihr nur dieses sexy Kleid geschenkt und sie mit teurem Parfum eingesprüht? Hätte sie geahnt, dass sie den Abend in der Gesellschaft eines Mannes verbringen würde, der den Wunsch in ihr wecken würde, eine andere Frau zu sein, hätte sie sich nicht einmal geschminkt!

Gott sei Dank hatte sie sich wenigstens das Haar hochgesteckt, was weniger verführerisch aussah, als wenn sie es offen trug. Sie spielte mit dem Gedanken, ihren Mantel anzubehalten, doch Mr. Barker-Whittle stand bereits hinter ihr, und ehrlich gesagt konnte sie nicht den ganzen Abend in einem wadenlangen Mantel herumlaufen.

Mit dem Rücken zu ihm streifte sie sich den Mantel von den Schultern und keuchte erschrocken auf, als sie spürte, wie Mr. Barker-Whittles Fingerspitzen ihren Nacken berührten. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie war zu verwirrt über ihre körperliche Reaktion, um sich umzudrehen. Zu schockiert.

Der Mann schien eine gefährliche Macht über sie zu haben, wenn er mit einer flüchtigen Berührung solche Empfindungen in ihr auslösen konnte.

Schon öfter hatte sich Alice sexuell zu Männern hingezogen gefühlt, zumindest bevor sie derart misstrauisch geworden war. Während der Pubertät hatte Sex sie fasziniert, und sie hatte ständig Tagträume von gut aussehenden Schauspielern gehabt. Bis sie auf dem College jenen großen dunkelhaarigen Charmeur kennengelernt hatte, der ihr den Eindruck vermittelt hatte, Gefühle für sie zu haben. Es war ein Riesenfehler gewesen, mit ihm auszugehen!

Doch verglichen mit der elektrisierenden Wirkung von Mr. Barker-Whittles Berührung, verblasste die Erinnerung an die Anziehung, die sie damals empfunden hatte. Plötzlich verspürte sie den Impuls, leichtsinnig zu sein, sämtliche Lektionen zu vergessen, die sie über Männer gelernt hatte, Fionas Warnung zu ignorieren und einfach mit Jeremy Barker-Whittle ins Bett zu gehen, so verrückt das auch erscheinen mochte. Was natürlich genau seine Absicht war. Er war schließlich ein Playboy, oder? Und Playboys kannten nur ein Ziel: so viele Frauen wie möglich flachzulegen.

Aber nicht mich, dachte Alice entschlossen. Weder heute Nacht noch sonst irgendwann!

„Ich gehe mal kurz zur Garderobe und gebe Ihren Mantel ab“, erklärte Jeremy, nachdem Alice sich endlich zu ihm umgedreht hatte. „Dann können wir den Abend beginnen.“

Sein Gang ist genauso elegant wie alles andere an ihm, stellte Alice zu ihrem Bedauern fest. Keine Spur von Hektik oder Unbeholfenheit.

Viel zu schnell kehrte er zu ihr zurück und sah sie diesmal mit unverhohlener Bewunderung an. „Es geht doch nichts über ein kleines Schwarzes, oder?“, fragte er, als er sie beim Ellenbogen nahm und sie zu den Fahrstühlen dirigierte. „Der Concierge hat mir gesagt, dass sich der Ballsaal im ersten Stock befindet.“

Alice machte sich von ihm los und warf ihm einen Blick zu, der ihm unmissverständlich zu verstehen gab, dass er in Zukunft gefälligst die Hände von ihr lassen sollte. Auf keinen Fall würde sie ihn die Kontrolle über den Abend übernehmen lassen, geschweige denn über sie.

Niemals!

Jeremy widerstand der Versuchung, belustigt die Augen zu verdrehen. Ehrlich gesagt erinnerte Alice Waterhouse ihn an die Heldin eines viktorianischen Liebesromans. Nicht, dass er je einen gelesen hatte, aber er konnte sie sich gut als viktorianische Heldin vorstellen. Prüde und verklemmt und Männern gegenüber voller Verachtung, vor allem jenen, die es wagten, ihren jungfräulichen Leib zu berühren.

Alice wäre perfekt für eine solche Rolle, wenn nicht drei Dinge dagegensprächen: erstens ihr Kleid. Trägerlos und eng anliegend, ließ es kaum einen Zweifel daran, wie sie nackt aussah. Sehr hübsch nämlich, mit festen Brüsten, flachem Bauch, wundervoll schmaler Taille, langen schönen Beinen und gerade genug Hüften und Po zum Streicheln.

Zweitens hatte sie ihn bei ihrer Ankunft nicht wie eine prüde Jungfrau angesehen, sondern sehr interessiert. Jeremy zweifelte nicht daran, dass sie ihn sexuell genauso anziehend fand wie er sie. Und drittens hatte sie von Kopf bis Fuß gezittert, als er ihren Nacken berührt hatte – was übrigens ein Versehen gewesen war. Er hatte es nicht nötig, Frauen zu verführen. Dass Alice trotzdem so intensiv auf ihn reagiert hatte, sprach Bände.

Während der kurzen Fahrt in den ersten Stock kam Jeremy zu dem Schluss, dass Alice Waterhouse nichts weiter war als eine Schauspielerin. Ihre Eisprinzessinnen-Rolle war nur Fassade. Er hatte zwar keine Ahnung, was dahintersteckte, aber das würde er schon noch herausfinden!

Alice wusste bereits, dass sich der Ballsaal im ersten Stock befand. Sie war vorhin schon da gewesen, um sich zu vergewissern, dass alles ihren Anordnungen entsprechend arrangiert worden war. Auch hatte sie persönlich die Tischkarten verteilt.

Sie verließ den Fahrstuhl zuerst, um Jeremy keine Gelegenheit zu geben, sie wieder am Ellenbogen zu fassen. Sie war nicht gern so unhöflich, aber manchmal musste das eben sein. Außerdem blieb ihr nichts anderes übrig, wenn seine Berührungen körperliche Reaktionen in ihr auslösten, über die sie lieber nicht nachdenken wollte.

„Der Saal ist gleich da drüben“, sagte sie und eilte den Flur entlang.

Mühelos hielt Jeremy mit ihr Schritt, aber natürlich war er auch viel größer als sie und hatte längere Beine. Außerdem konnte sie mit den hohen Absätzen und dem kurzen engen Kleid nicht schnell gehen.

Der Flur mündete in ein größeres Foyer, wo mehrere Hotelangestellte gerade letzte Hand an die Bar anlegten.

„Begrüßungsdrinks gibt es ab halb acht“, erklärte Alice kurz angebunden und öffnete eine der beiden Flügeltüren zum Ballsaal. Sie konnte es nicht länger vermeiden, ihren Begleiter anzusehen. „Das Dinner beginnt offiziell um halb neun. Ich habe Sie gebeten, um sieben da zu sein, damit Sie Zeit haben, sich die Liste mit Objekten anzusehen und sich zu überlegen, wie Sie am besten vorgehen.“

„Vorgehen?“, wiederholte er mit seiner wunderbaren sexy Stimme und trat einen Schritt vor, um ihr die Tür aufzuhalten.

Alice unterdrückte ein Seufzen. War ja klar, dass er ein Kavalier war. Vermutlich gehörte es zu seinem Repertoire an Verführungskünsten, den Gentleman zu spielen. Zweifellos öffnete er einer Frau auch die Autotür. Und benutzte immer ein Kondom.

Erschrocken fuhr Alice zusammen. Wie, zum Teufel, kam sie denn jetzt darauf? Klar fand sie Jeremy Barker-Whittle attraktiv – jede Frau würde sich zu ihm hingezogen fühlen, so umwerfend wie er war –, aber das hieß noch lange nicht, dass sie daran dachte, mit ihm zu schlafen.

Andererseits … als sie den Blick von seinen schönen blauen Augen zu seinem sexy Mund senkte, fragte sie sich unwillkürlich, wie es wohl wäre, mit ihm ins Bett zu gehen. Wenn Fionas Schwester nicht aufhört, von ihm zu schwärmen, ist er bestimmt gut im Bett, dachte sie. Melody war eine echte Partymaus, die laut Fiona mit allem in die Kiste hüpfte, das Hosen trug. Sie musste also mit Jeremy geschlafen haben.

„Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“ Belustigt grinste Jeremy sie an.

Alice blinzelte benommen und lächelte steif. „Sorry, mir fiel nur gerade etwas sehr Unangenehmes ein.“

„Etwas, das ich wissen muss?“

„Ganz und gar nicht.“ Alice war froh, dass sie nicht so leicht rot wurde. Früher war sie ständig errötet, aber in Frauenhäusern zu arbeiten härtete einen anscheinend ab. „Mir ist nur gerade eingefallen, dass ich bei der Verteilung der Tischkarten einen Fehler gemacht habe.“ Sie log überzeugender als gedacht. „Aber das lässt sich leicht korrigieren“, fuhr sie fort. „Was ich mit ‚vorgehen‘ meinte, ist, ob Sie die Auktion in einem Rutsch nach dem Dinner machen wollen oder abschnittsweise zwischen den Gängen.“

„Ganz klar die zweite Option. Dann bleiben die Gäste in Kauflaune und langweilen sich nicht so schnell.“

„Klingt einleuchtend. Okay, kommen Sie mit.“

Als Jeremy Alice in den Ballsaal folgte, genoss er den Anblick ihres in Satin gekleideten Pos erheblich mehr als ihr immer noch alles andere als freundliches Verhalten. Sie war vielleicht nicht mehr ganz so unterkühlt wie vorhin, gab ihm aber noch immer keine Chance, sie in ein Gespräch zu verwickeln, das seine Neugier befriedigen und ihm eine Gelegenheit geben würde, sie um ein Date zu bitten. Gott sei Dank blieben ihm noch mehrere Stunden Zeit, um sein Ziel zu erreichen.

Alice führte ihn zwischen zahlreichen runden Tischen hindurch Richtung Bühne.

„Ich bin beeindruckt“, sagte Jeremy. „Alles sieht ganz wundervoll aus.“

Alice blieb weder stehen, noch drehte sie sich um. „Stimmt“, sagte sie nur kühl über eine Schulter hinweg.

Jeremy runzelte die Stirn. Wo war eigentlich ihr Problem? So sprang sie doch bestimmt nicht mit jedem Mann um, den sie kennenlernte, oder? Hatte die hübsche Miss Waterhouse etwas gegen ihn persönlich, oder steckte etwas anderes dahinter? „Haben Sie das alles hier allein organisiert?“, rief er ihr hinterher.

„Das meiste schon“, gab sie zurück. „Obwohl das Hotelpersonal mir natürlich eine große Hilfe war.“

Sie kamen bei der Bühne an, die sich entlang der Rückseite des Ballsaals erstreckte. In der Mitte stand ein Rednerpult mit einem Mikrofon, und dahinter befand sich ein langer Tisch mit zahlreichen Gegenständen und einem aufgeklappten Laptop. Offensichtlich würde Alice dort stehen, ihm die Gegenstände reichen und die Ziffer des jeweiligen Gewinners notieren.

Vor den Stufen zur Bühne blieb Alice stehen und drehte sich endlich zu Jeremy um. Ihr Gesicht war leicht gerötet, doch ihr Blick war kühl. „Ich habe die Liste mit den Objekten auf das Pult gelegt. Vielleicht sollten Sie sie sich schon mal ansehen, während ich das Problem mit dem Sitzplatz behebe.“

„Okay.“ Jeremy sah ihr hinterher, als sie auf einen Tisch neben der Tür zusteuerte, bevor er achselzuckend die Bühne betrat.

Die Liste war lang und abwechslungsreich. Es gab mehrere Dinner-Gutscheine für Fünfsternerestaurants, einen für ein Wochenende in einem B&B in Weymouth, einen für einen Kurzurlaub in Spanien, Tickets für ein Rockkonzert, Flüge in verschiedene europäische Hauptstädte, ein Ölgemälde der Herzogin von Cambridge von einem gerade angesagten zeitgenössischen Maler und nicht zuletzt das Privileg, namentlich in Kenneths nächstem Thriller erwähnt zu werden.

Jeremy brauchte nicht lange, um die Liste zu überfliegen. Er legte sie zurück aufs Pult und begutachtete den Hammer. Als er probeweise damit schlug, hallte das Geräusch laut im Saal wider und ließ mehrere Kellner aufblicken. Nicht so jedoch Alice, die anscheinend den Saal verlassen hatte. Jeremy fragte sich, ob das angebliche Problem mit der Tischkarte nur ein Vorwand gewesen war, um nicht länger als unbedingt nötig in seiner Gegenwart zu bleiben.

Zähneknirschend verließ er die Bühne und steuerte auf den Ausgang zu. Allmählich wurde es ihm zu bunt. Außerdem verwirrte ihn Alice’ Verhalten. Was genau hatte sie eigentlich gegen ihn? Normalerweise mochten ihn die Frauen. Er war es nicht gewöhnt, dass sie ihm die kalte Schulter zeigten.

Schnell stellte er fest, dass Alice auch nicht im Foyer war, wo die ersten Gäste bereits eingetroffen waren. Ihr auffälliger Blondschopf war nirgendwo zu sehen.

„Jeremy Barker-Whittle!“, hörte er da eine männliche Stimme direkt hinter sich. „Was für ein Zufall!“

Widerstrebend drehte Jeremy sich um. George Peterson hatte zu Jeremys Kunden gehört, als er noch als Anlageberater gearbeitet hatte. George war in den Fünfzigern, genauso wie seine Frau. Jeremy rechnete es ihm hoch an, dass er sie nicht gegen ein jüngeres Modell ausgetauscht hatte.

George strahlte. „Ich habe vorgestern gerade mit Mandy über sie gesprochen, nicht wahr, Schatz? Ich habe sie gefragt, was ich jetzt tun soll, wo Jeremy nicht mehr auf mein Geld aufpasst. Letzten Monat wurde ich so nervös, dass ich meine ganzen Aktien verkauft und den Erlös aufs Konto gepackt habe.“

„Keine schlechte Entscheidung, George. Die Börsenkurse sind gerade unberechenbar. Auf dem Konto wirft Ihr Geld allerdings nicht viel ab. Vielleicht sollten Sie in Immobilien investieren?“

„Was habe ich dir gesagt, Schatz? Jeremy ist immer am Puls der Zeit. Und? Womit vertreiben Sie sich heutzutage so die Zeit? Haben Sie inzwischen endlich eine richtige Freundin, oder treiben Sie es immer noch bunt?“

Welche Ironie, dass Alice ausgerechnet in diesem Augenblick in Jeremys Gesichtsfeld geriet. Lächelnd ging sie zwischen den Gästen umher und wechselte hier und da ein paar Worte, ein Glas Champagner in der Rechten. Als ihre Blicke sich begegneten, lächelte Jeremy ihr zu.

Neugierig drehte George sich um. „Sehr hübsch“, sagte er, Gott sei Dank mit gesenkter Stimme. „Ist das Ihr Date heute Abend?“

„Nein“, gab Jeremy zurück. „Sie ist diejenige, die das alles hier organisiert hat. Sie heißt Alice Waterhouse. Alice!“, rief er ihr zu und winkte sie zu sich. „Ich will Ihnen zwei sehr gute Freunde von mir vorstellen.“ Er feixte innerlich. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr aus dem Weg gehen.

„Ich kenne Alice“, schaltete Mandy sich ein. „Ich habe mit ihr telefoniert, als ich die Einladung bekam. Als ich ihr erzählt habe, dass ich ein großer Fan von Kenneth Jacobs’ Büchern bin, hat sie mir versprochen, mich mit ihm an einen Tisch zu setzen.“

3. KAPITEL

Alice lächelte höflich, als Jeremy sie seinen Freunden vorstellte. Sie brauchte nicht lange, bis ihr das Telefonat mit Mandy einfiel.

„Es tut mir schrecklich leid“, sagte sie sofort, froh, die Aufmerksamkeit nicht auf Jeremy richten zu müssen, dessen selbstgefälliges Lächeln ihr extrem auf die Nerven ging. „Mr. Jacobs kann heute leider nicht kommen, er ist schrecklich erkältet. Wir versteigern seinen Preis jedoch trotzdem. Sein Verleger hier hat sich freundlicherweise bereit erklärt, die Auktion zu moderieren.“ Sie schenkte Jeremy ein künstliches zuckersüßes Lächeln.

„Was?“ George weitete überrascht die Augen. „Spricht Sie etwa von Ihnen, Jeremy?“

„Das tut sie.“

„Seit wann sind Sie Verleger?“

„Seitdem ich dem Bankgewerbe den Rücken gekehrt habe.“

„Gibt es denn da Geld zu machen?“

„Wahrscheinlich nicht“, erwiderte Jeremy trocken. „Aber wie steht es so schön in den Klassikern – es geht nicht immer nur ums Geld.“

George lachte dröhnend. „Der war gut! Ein Barker-Whittle, der aufs Geld pfeift.“

Alice fiel auf, dass Jeremys Augen für einen Moment aufhörten zu funkeln. Nicht, dass die Gründe dafür sie interessierten.

Ein Kellner blieb mit einem Tablett neben ihnen stehen und bot ihnen Sekt und Orangensaft an. Außer Alice, die schon ein Glas hatte, entschieden sich alle für Sekt. Sie hatte jedoch beschlossen, nichts zu trinken, da sie es sich nicht leisten konnte, einen Schwips zu bekommen – nicht mit Lover Boy an ihrer Seite. Zu ihrem Unmut war der Versuch, ihm bis zum Abendessen aus dem Weg zu gehen, gescheitert.

„Ich sollte mich allmählich wieder unter die Leute mischen“, sagte sie. „Wir sehen uns dann beim Dinner. Wir sitzen nämlich am selben Tisch.“

„Wie schön!“, rief Mandy entzückt.

„Ich begleite Sie“, bot Jeremy ihr sofort an.

„Das ist nicht nötig“, platzte Alice alarmiert heraus. „Sie sollten bei Ihren Freunden bleiben.“

„Das ist absolut nicht nötig“, erklärte George. „Gehen Sie nur, Sie beide.“

Das verschwörerische Lächeln, das er Jeremy zuwarf, entging Alice nicht. Wusste der Himmel, was Jeremy ihm erzählt hatte.

„Warum hat George Sie so angesehen?“, fragte sie ganz direkt, als sie sich mit Jeremy an ihrer Seite einen Weg durch die Menge bahnte.

„Wie hat er mich denn angesehen?“

Sie blieb stehen und funkelte Jeremy wütend an. „So als ob er uns heimlich verkuppeln will.“

„Ist mir gar nicht aufgefallen.“

Alice seufzte genervt.

„George ist ein ziemlicher Romantiker“, erklärte Jeremy. „Beachten sie ihn einfach nicht.“

Alice wusste immer noch nicht, was sie darauf erwidern sollte, als Jeremy von einem weiteren ihm bekannten Paar in Anspruch genommen wurde. Und so ging es die nächsten vierzig Minuten weiter. Die Leute stürzten sich auf ihn, als sei er berühmt, und alle gingen davon aus, dass Alice seine Freundin war, was er keineswegs immer abstritt. Nicht, dass das die Frauen davon abhielt, schamlos mit ihm zu flirten. Oder Alice davon, eifersüchtig zu sein, so irrational und albern das auch war.

Alice irritierte und verwirrte ihre eigene Reaktion so maßlos, dass es ihr schwerfiel, ihre übliche kühle Gelassenheit zu wahren. Irgendwann war sie drauf und dran, eine stark geschminkte Blondine unhöflich anzuherrschen, so heftig klimperte die mit den falschen Wimpern. Alice holte tief Luft und drehte sich spröde lächelnd zu Jeremy um. „Tut mir leid, aber ich muss mich noch frisch machen, bevor der Abend beginnt. Wir sehen uns später am Tisch. Er hat die Nummer eins.“

Ihre Erleichterung, endlich seiner Gegenwart entrinnen zu können, war enorm. Doch der Anblick ihrer glänzenden Augen im Spiegel auf der Toilette, versetzte ihr einen Dämpfer. Pass bloß auf, Alice, schärfte sie sich ein. Pass gut auf!

Als Jeremy kurz vor halb neun den Ballsaal betrat, stieß er wieder auf George und seine Frau und unterhielt sich auf dem Weg zu ihrem Tisch angeregt mit ihnen. Der Tisch befand sich direkt vor der Bühne. Zu Jeremys Frustration war Alice nirgendwo zu sehen.

Da er nicht gern auf ein totes Pferd setzte, war er drauf und dran, zu akzeptieren, dass Alice sich vielleicht doch nicht zu ihm hingezogen fühlte. Aber wenn das der Fall war, warum hatte sie dann so negativ auf die mit ihm flirtenden Frauen reagiert? Ihre Irritation war unübersehbar gewesen, vor allem bei der aufgetakelten Blondine.

Er rätselte immer noch, warum Alice ihm so beharrlich aus dem Weg ging, als sie plötzlich die Bühne betrat und aufs Podium zuging. Sie sieht wundervoll aus, dachte Jeremy bewundernd. Es fiel ihm schwer, den Blick von ihr loszureißen. Sie erinnerte ihn an die junge Audrey Hepburn, nur in Blond. Sie tippte ein paar Mal gegen das Mikrofon und brachte das Stimmengewirr im Saal zum Verstummen. Als alle Platz genommen hatten, ließ sie den Blick lächelnd über die Menge gleiten und begann, mit jener kultivierten kristallklaren Stimme zu sprechen, die Jeremy schon vom Telefon kannte.

„Willkommen alle miteinander“, eröffnete sie ihre Ansprache. „Zuerst möchte ich mich bei Ihnen für Ihr Kommen und für Ihre Unterstützung in einer Sache bedanken, die mir sehr am Herzen liegt. Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass Frauenhäuser auch in unserer angeblich so zivilisierten und aufgeklärten Welt notwendig sind. Einige von Ihnen wissen es vielleicht nicht, aber ich arbeite als Betreuerin für zwei dieser Frauenhäuser in der Innenstadt und weiß daher aus eigener Erfahrung, dass solche Institutionen finanziell zu kämpfen und große Schwierigkeiten haben, alle Frauen aufzunehmen, die bei ihnen Zuflucht suchen.

Wir brauchen dringend weitere Frauenhäuser und Sozialarbeiter. Natürlich kostet das Geld, aber ich hoffe, heute Abend dank Ihrer Güte und Großzügigkeit einen Teil davon zusammenzubekommen. Also bitte … greifen Sie tief in die Taschen. Und glauben Sie mir, wenn ich Ihnen versichere, dass Ihre Spende diesen Frauen, die sonst niemanden haben, an den sie sich wenden können, eine große Hilfe sein wird. Diese Frauen brauchen Sie. Danke.“

Als Alice verstummte, brandete lauter Applaus auf. Jeremy empfand fast so etwas wie Stolz auf sie. Und er war gerührt. Was für eine Ansprache. Oder vielmehr was für eine Frau! So mancher Politiker konnte sich bei ihr eine Scheibe abschneiden, wenn es darum ging, inspirierende Worte zu finden. Wäre er nicht der Auktionator, würde er in Versuchung geraten, bei allen Preisen selbst mitzubieten, um einen möglichst hohen Erlös zu gewährleisten.

Er nahm sich vor, stattdessen am Ende des Abends einen großzügigen Betrag zu spenden. Wer weiß? Vielleicht bewog diese Geste sie ja, mit ihm auszugehen. Denn das wollte er mehr als je zuvor.

Nachdem Alice sich an den Tisch gesetzt hatte, redeten alle gleichzeitig auf sie ein, um ihr zu ihren ergreifenden Worten zu gratulieren und ihr ihre Spendenbereitschaft zu versichern. Als es Jeremy endlich gelang, auch mal ein Wörtchen einzuwerfen, senkte er die Stimme. „Das war eine wirklich beeindruckende Rede, Alice. Sie könnten das Spendenbeschaffen zum Beruf machen, wenn Sie wollten.“

Alice versteifte sich, als ihr Körper sofort auf seine tiefe männliche Stimme und seinen warmen Atem an ihrem Ohr reagierte. Sie erschauerte, und ihre Brustknospen wurden hart – etwas, das ihr noch nie passiert war. Das Phänomen war so furchterregend wie faszinierend. Sie verspürte ein unwiderstehliches Verlangen, sich zu Jeremy umzudrehen und ihm ein aufrichtiges Lächeln zu schenken – eins, das ihm verriet, wie sehr sie die knisternde Erotik zwischen ihnen genoss und wie empfänglich sie für ihn war.

Doch das zu tun gliche einem Pakt mit dem Teufel abzuschließen, und sie wusste aus eigener Erfahrung, was das bedeuten konnte.

Okay, Jeremy war vielleicht nicht so schlimm wie ihr Schwager, der seine Frau schlug, und auch nicht wie dieser gestörte Typ vom College, mit dem sie einmal ausgegangen war. Aber er war trotzdem ein Weiberheld, der nur eins von einer Frau wollte: Sex. Zugegeben, seit ihrer ersten Begegnung mit ihm wollte sie das Gleiche. Jeremy war eindeutig ein ausgewachsener Casanova, dem die Frauen reihenweise zu Füßen lagen. Dafür sorgten schon allein sein gutes Aussehen, sein Charme und seine natürliche Eleganz.

Ach ja, und seine herrlich sexy Stimme.

Doch so groß die Versuchung auch war, sie, Alice, wollte auf keinen Fall zu seinen Eroberungen gehören. Also setzte sie ein höfliches Lächeln auf und drehte sich zu ihm um. Leider hatte sie nicht bedacht, wie dicht Jeremy neben ihr saß. Nur wenige Zentimeter trennten ihre Nasen, ihre Augen, ihre Lippen …

Ihr Lächeln erstarb, als ihr Blick an Letzteren hängen blieb und sie sich zu ihrer Bestürzung fragte, wie es wohl wäre, von ihm geküsst zu werden. Sie war machtlos gegen solche Gedanken. Es hatte keinen Zweck, sich etwas vorzumachen, sie begehrte ihn. Oh ja, sie wollte ihn! Beinah hätte sie dem verrückten Impuls nachgegeben, die Augen zu schließen und sich vorzubeugen, riss sich jedoch in letzter Sekunde zusammen. Zu ihrer Erleichterung lehnte er sich in seinem Stuhl zurück.

„Ich könnte keine professionelle Spendensammlerin sein“, erklärte sie betont reserviert. „Denn ich bitte Menschen nicht gern um Geld. Doch hier bekommen die Leute wenigstens einen Gegenwert für ihre Spende.“

„Essen Sie doch etwas“, sagte Jeremy ein paar Minuten später, als sie immer noch mit der Gabel in der Hand dasaß, in Gedanken ganz woanders. „Ich mag Frauen, denen ihr Essen schmeckt.“

Genervt verdrehte Alice die Augen. „Ich habe eher den Eindruck, dass sie alle Frauen mögen.“

Jeremy lächelte, nicht im Mindesten gekränkt. „Da könnten Sie recht haben. Frauen sind auf jeden Fall das schönere Geschlecht.“

„Mit der Betonung auf Geschlecht“, erwiderte sie schnippisch, bevor sie sich davon abhalten konnte.

Forschend sah er sie an. „Sie mögen Männer nicht besonders, oder? Oder haben Sie nur etwas gegen mich?“

Alice bekam prompt Schuldgefühle, weil sie ihn so schlecht behandelte, obwohl er eigentlich nichts falsch gemacht hatte. Bis jetzt hatten sich seine Schandtaten nur in ihrer überhitzten Fantasie abgespielt … und nicht zuletzt dank ihrer nicht minder überhitzten Libido.

„Es tut mir leid“, gab sie ernst zurück. „Normalerweise bin ich nicht so unhöflich, aber es war ein langer und anstrengender Tag. Ich mag Sie, wirklich. Und ich freue mich, dass Sie heute gekommen sind. Es ist nur so, dass …“

„Was?“

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Wie sollte sie ihm die Situation nur erklären, ohne schon wieder unhöflich zu wirken? „Nichts“, antwortete sie, schlug die Augen auf und lächelte schwach. „Ich bin nur etwas müde.“

„Sie sehen nicht müde aus, sondern wunderschön.“

Oh Gott! Er war wie die chinesische Wasserfolter. „Bitte nicht …“ Gequält stöhnte sie auf.

„Bitte nicht was? Darf ich Ihnen nicht sagen, wie wundervoll ich Sie finde? Ich würde gern mit Ihnen ausgehen, Alice. Zum Abendessen. Ich lade Sie ein.“

Alice fand es erschreckend, wie sehr sie in Versuchung war, einfach Ja zu sagen. Ja, ja, bitte führen Sie mich zum Abendessen aus und dann direkt ins Bett. Das Ausmaß ihres Verlangens war schockierend. Fiona hatte ja so recht gehabt! Jeremy war wirklich gefährlich, auch für sie.

„Danke“, sagte sie. „Ich bin geschmeichelt, aber ich muss leider ablehnen.“

Er musterte sie aus schmalen Augen. „Und warum, wenn ich fragen darf? Sie haben gerade gesagt, dass sie mich mögen.“

„Muss ich Ihnen einen Grund nennen? Vielleicht habe ich ja einen Freund.“

„Haben Sie einen?“

„Nein.“ Alice führte ihr Weinglas zum Mund. Das war’s dann wohl mit ihrem Vorsatz, nicht zu trinken. Aber großer Gott, dieser Mann würde jede Frau zum Alkohol treiben!

„Dann eine Freundin?“

Vor Schreck verschüttete sie ihren Wein.

Blitzschnell zauberte Jeremy ein schneeweißes Taschentuch aus seiner Brusttasche und betupfte Alice’ Kinn und ihren Hals, bevor er zielsicher auf ihren Ausschnitt zusteuerte.

„Lassen Sie das!“, ermahnte sie ihn scharf, obwohl ihr ein lustvoller Schauer über den Rücken lief.

„Seien Sie nicht albern“, erwiderte er, während er fortfuhr, den Wein wegzutupfen.

George und Mandy sagten etwas, doch Alice hörte gar nicht hin, da sie die volle Aufmerksamkeit auf das infame Taschentuch gerichtet hatte, das ihren steinharten Brustknospen immer näher kam. Als Jeremy es in letzter Sekunde wegsteckte, wusste Alice nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte.

„Warum wollen Sie nicht mit mir ausgehen?“, fragte er leise, während Alice nach der Gabel griff und versuchte, endlich ihre Vorspeise zu essen. „Ich will eine ehrliche Antwort.“

Sie schluckte einen winzigen Bissen hinunter und legte die Gabel wieder hin. „Wenn Sie es genau wissen wollen, es liegt an Ihrem Ruf.“

Verwirrt sah er sie an. „Welcher Ruf?“

„Ach kommen Sie schon, Jeremy! Sie müssen doch wissen, dass die Leute über Sie reden. Dass Sie den Ruf eines Playboys haben.“

„Ach, mehr steckt nicht dahinter?“ Er lachte. „Das ist Ihr einziger Grund?“

Alice blinzelte irritiert. „Reicht der nicht aus?“

„Bis heute Abend ist mir jedenfalls noch keine Frau mit diesem Argument gekommen.“

Verblüfft sah Alice ihn an. Sie war noch nie einem Mann wie ihm begegnet. Er war arrogant, aber gleichzeitig entwaffnend locker und witzig. „Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht viele Frauen Nein zu Ihnen sagen, aber ich schon. Bitte akzeptieren Sie das einfach. Ich will meine Zeit nicht mit einem Mann verschwenden, der Beziehungen nur für ein Spiel und Frauen für austauschbar hält.“

„Ich würde Sie nie für austauschbar halten, Alice. Sie sind absolut einzigartig.“

„Warum? Weil ich Ihnen einen Korb gebe?“

Beim Anblick seines selbstgefälligen Lächelns hätte Alice ihn am liebsten geschlagen. Und ihn geküsst. Und Ja zu ihm gesagt.

Sie straffte die Schultern, so wie immer, wenn sie sich in die Ecke gedrängt fühlte. „Es wird Zeit, ein paar Gegenstände zu versteigern“, erklärte sie kühl und stand auf.

Am Ende des Abends kam Jeremy zu dem Schluss, dass er jederzeit Auktionator werden konnte, sollte er eines Tages sein ganzes Geld verlieren und keine Lust haben, ins Bankgewerbe zurückzukehren. Die Gäste für die zu versteigernden Gegenstände zu begeistern fiel ihm leicht, aber er hatte schon immer ein Talent für die Bühne gehabt.

Und profitabel war die Auktion auch gewesen. Alice wirkte zumindest sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Allein die Auktion hatte über vierhunderttausend Pfund eingebracht. Zusammen mit den Einnahmen vom Dinner kam eine halbe Million zusammen.

Der gute George hatte mehr als seinen Beitrag geleistet, indem er sich hartnäckig gegen ein paar andere Bieter durchgesetzt hatte, um seinen Namen – und den seiner geliebten Frau – in Kenneths nächstem Thriller verewigt zu sehen. Mandy war überglücklich gewesen.

„Ich kann es kaum fassen“, sagte Alice hinterher. „Diese Summe hätte ich mir nie träumen lassen. Aber natürlich habe ich das Ihnen zu verdanken, Jeremy. Sie waren einfach brillant.“

Jeremy freute sich lieber nicht zu früh über ihr Kompliment, da Alice immer noch ziemlich zugeknöpft wirkte. Sein Verstand sagte ihm, dass er vermutlich nur seine Zeit mit ihr verschwendete, aber sein Verlangen nach ihr gewann die Oberhand. Alice war geheimnisvoll und faszinierend, eine herausfordernde Mischung aus Freundlichkeit und frostiger Reserviertheit.

Insgeheim wurmte es Jeremy, dass ihm sein Ruf als Playboy zum ersten Mal schadete. Normalerweise waren die Frauen ganz versessen darauf, herauszufinden, ob er wirklich ein so guter Liebhaber war, wie man sagte. Andere hofften, diejenige zu sein, der es gelingen würde, ihn zu erobern, auch wenn sie damit nur ihre Zeit verschwendeten. Ihm persönlich gefielen die am besten, die einfach nur ihren Spaß haben wollten.

Und Alice Waterhouse gehörte eindeutig nicht zur letzten Kategorie, dafür war sie viel zu ernst. Jeremy fragte sich, ob ihre etwas männerfeindliche Art auf irgendeiner früheren Erfahrung beruhte. Oder es lag an ihrer Arbeit. Wie sollte man eine gute Meinung über das andere Geschlecht haben, wenn man ständig mit Frauen zu tun hatte, die von ihren Ehemännern und Freunden geschlagen und sexuell missbraucht wurden?

Jeremy würde Alice niemals wehtun. Er wollte nur eine Chance, sie besser kennenzulernen. Was war so verkehrt daran?

Es ist verkehrt, Jeremy, hörte er eine ihm unbekannte Stimme in seinem Hinterkopf. Vielleicht sein Gewissen? Alice ist nicht der Typ für eine Affäre. Du würdest ihr nur wehtun, ob absichtlich oder nicht.

Blödsinn, konterte eine andere Stimme sofort. Vielleicht sein männliches Ego? Du bist genau das, was Alice braucht. Mit dir auszugehen wird ihr guttun. Mit dir wird sie jede Menge Spaß haben.

Seine Lenden prickelten bei diesem Gedanken.

Natürlich gewann die zweite Stimme die Oberhand. Jeremy weigerte sich, Alice’ halbherzige Zurückweisung zu akzeptieren. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, davon war er fest überzeugt. Sie musste ihn nur erst etwas besser kennenlernen, und dann …

„Ich habe ein paar reiche Freunde, die bestimmt gern für Ihre Frauenhäuser spenden würden“, sagte er, als er sie zurück ins Hotelfoyer begleitete. Er dachte an Sergio und Alex, die beide großzügige Spender waren, vor allem Alex. „Ich rufe sie gleich morgen an und melde mich dann bei Ihnen. Und dann wollte ich selbst auch noch spenden.“

Alice blieb abrupt stehen und sah ihn mit einem Gesichtsausdruck an, den man nur als panisch bezeichnen konnte. „Aber das … das brauchen Sie … Sie nicht“, stammelte sie. „Es war schon mehr als großzügig, heute Abend Ihre Zeit zu opfern.“

„Ich habe das gern gemacht. Ehrlich gesagt habe ich jede Sekunde genossen. Aber ich habe weder mein Abendessen bezahlt noch etwas ersteigert. Ich kann es mir leisten, Alice, und dachte, ich lege einfach noch mal die Summe drauf, die Sie heute eingenommen haben. Sie brauchen sich deshalb zu nichts verpflichtet zu fühlen“, fügte er hinzu, bevor sie protestieren konnte. „An wen soll ich das Geld überweisen?“

„Was?“ Alice wirkte komplett durcheinander.

„Sie sind doch als Wohltätigkeitsorganisation registriert, oder?“

„Ja, natürlich. Sie heißt Save Our Refuges.“

„Okay, das werde ich meinen Freunden sagen.“

„Die Bank of England verwaltet unsere Spenden. Sie können das Geld direkt auf unser Konto überweisen. Die Bankverbindung steht in der E-Mail, die ich allen Gästen geschickt habe, aber natürlich waren Sie kein Gast.“ Alice runzelte nachdenklich die Stirn. „Ich werde Madge gleich morgen früh die nötigen Details mailen. Aber mal im Ernst, Jeremy, eine so große Spende ist nicht nötig.“

„Warum nicht? Mit einer halben Million kommt man nicht weit. Wenn Sie mehr Frauenhäuser eröffnen wollen, brauchen Sie mehr als das Doppelte.“

„Schon möglich …“

„Ihre Organisation könnte auch ein paar einflussreiche Schirmherren gebrauchen, zum Beispiel moi. Sie brauchen Unterstützung, wenn Sie Ihre Ziele erreichen wollen. Ich sag Ihnen mal was: Wenn Sie nicht mit mir ausgehen wollen, dann kommen Sie doch diese Woche bei mir im Büro vorbei, und wir überlegen uns gemeinsam, wie Sie noch mehr Geld zusammenbekommen. Ich werde Madge bitten, uns Gesellschaft zu leisten. Sie ist ein absolutes Organisationstalent und macht bestimmt gern mit. Wie wär’s mit Freitagnachmittag? Sind Sie dann frei? Falls nicht, können wir uns gern die Woche drauf treffen.“

Alice war offensichtlich hin und her gerissen. „Ich … also … ja, ich glaube, das krieg ich hin, aber nicht vor vier Uhr. Oder ist Ihnen das zu spät?“

„Ganz und gar nicht. Vier passt gut.“

So, Schritt eins war erledigt, nämlich ihr zu zeigen, dass er doch nicht so übel war, wie sie dachte. „Ich werde Madge bitten, Ihnen meine Adresse zu mailen. Sagen Sie ihr Bescheid, falls Sie doch keine Zeit haben, dann vereinbaren wir einen neuen Termin.“ Jeremy wollte ihr nicht zeigen, wie gern er sie wiedersehen würde, auch wenn er es kaum erwarten konnte.

Er konnte und wollte Alice nicht einfach so aus seinem Leben verschwinden lassen. Seit Jahren hatte ihn keine Frau mehr so fasziniert. Oder ihn vor eine solche Herausforderung gestellt. Es würde jedoch nicht leicht werden, sie herumzukriegen, denn trotz seines Rufs als Frauenheld war er kein Wüstling, da er Frauen einfach viel zu sehr mochte.

Bisher hatte er es noch nie nötig gehabt, eine Frau zu verführen, und Alice konnte er noch nicht einmal dazu bewegen, mit ihm auszugehen! Er würde viel Geduld und Fingerspitzengefühl aufbringen müssen, war aber davon überzeugt, dass es die Mühe wert war.

Ein letztes Mal musterte er sie und prägte sich ihr hübsches Gesicht und ihre Figur ein, um in den nächsten zwei Tagen davon zu zehren. „Ich hole Ihren Mantel.“

4. KAPITEL

„Neue Klamotten?“, fragte Fiona am Freitagmorgen beim Frühstück und runzelte die Stirn.

Alice blickte von ihrer Müslischüssel hoch und beschloss, nicht auf Fionas Spitze einzugehen. Seitdem Fiona von Jeremys geplanter Schirmherrschaft wusste, kamen ständig solche Bemerkungen. „Ja“, erwiderte Alice kühl. „Ich habe mir schon ewig nichts Neues mehr gekauft und kann ja wohl schlecht in einer alten Jeans in Jeremys Büro auftauchen.“

„Die Bluse ist auch neu“, stellte Fiona fest. „Und dann auch noch rot. Du trägst sonst nie Rot.“

Alice zuckte die Achseln. „Sie war reduziert.“

„Ganz schön sexy.“

„Ach ja?“

„Ja, und das weißt du auch. Genauso wie die hautengen Jeans. Jeremy ist dir unter die Haut gegangen, oder? Du magst vielleicht seine Einladung zum Abendessen abgelehnt haben, aber wir wissen doch beide, dass er nicht so schnell aufgeben wird. Sich für deine Wohltätigkeitsorganisation zu engagieren ist für ihn nur Mittel zum Zweck. Und der bist du.“

„Ich finde Jeremy attraktiv“, räumte Alice ein, obwohl das die Untertreibung des Jahres war. „Trotzdem werde ich nicht mit ihm ausgehen.“ Zumindest redete sie sich das ein. „Hör mal, der Mann ist stinkreich, Fiona. Es wäre dumm von mir, auf sein Geld zu verzichten, damit würde ich nur meiner Organisation schaden. Soll er mir doch ruhig helfen. Ich weiß nicht, warum du dir solche Sorgen machst. So unwiderstehlich ist er nun auch wieder nicht.“ Alice stand auf und trug ihre noch halb volle Schüssel zur Spüle.

„Hm. Sag das mal den Frauen, die ihm immer noch hinterhertrauern.“

Erneut musste Alice an die aufgetakelte Blondine denken, die ihren Begleiter bestimmt sofort links liegen gelassen hätte, wenn Jeremy nur mit dem Finger geschnippt hätte. Alice war seinem Charme den ganzen Abend lang ausgesetzt gewesen und musste ständig an Jeremy denken. Deshalb war sie am Vorabend vermutlich auch shoppen gewesen. Die rote Seidenbluse war in der Tat sexy und keineswegs reduziert gewesen.

„Willst du noch etwas Kaffee?“, fragte sie Fiona.

„Versuch nicht, mich mit Kaffee abzulenken! Ich will dich doch nur wieder zur Vernunft bringen.“

Alice verlor allmählich die Geduld. Entnervt drehte sie sich um und sah ihre Freundin kühl an. „Ich brauche niemanden, der mich zur Vernunft bringt, Fiona! Ich treffe meine eigenen Entscheidungen. Bitte hör auf, mich vor Jeremy Barker-Whittle zu warnen. Sollte ich je meine Meinung ändern und mit ihm ausgehen – was äußerst unwahrscheinlich ist –, ist das ganz allein meine Sache. Habe ich etwa versucht, dir die Verlobung mit Alistair auszureden, nur weil er eine anstrengende Mutter hat?“

Betreten blickte Fiona zu Boden. „Sie ist wirklich anstrengend, oder?“

„Allerdings! Außerdem bist du doch diejenige, die mir ständig in den Ohren liegt, dass ich Männer nicht so negativ sehen sollte und nicht alle von ihnen Halunken sind. Und vielleicht hast du recht. Was kann es schon schaden, mit Jeremy auszugehen? Oder sogar mit ihm zu schlafen?“

„Du denkst ernsthaft darüber nach, mit ihm zu schlafen?“ Entsetzt riss Fiona die Augen auf.

Die ganze Zeit, dachte Alice. Jede Sekunde.

„Nein“, log sie. „Ich sage ja nur, dass das kein Weltuntergang wäre.“ Sie konnte es selbst kaum glauben, dass sie tatsächlich etwas so Leichtsinniges von sich gab.

„Aber Jeremy ist ein Halunke!“

„Ist er nicht“, verteidigte Alice ihn. „Im Grunde ist er ein guter Mensch, nur ein bisschen oberflächlich und verwöhnt. Geerbtes Geld tut niemandem gut. Aber er ist nicht schlecht.“

„Oh Gott, du hast dich schon in ihn verliebt!“

„Sei nicht albern! Ich würde mich nie in einen Playboy verlieben. Aber es macht Spaß, Zeit mit ihm zu verbringen, das muss ich ihm lassen.“

Verzweifelt stöhnte Fiona auf. „Ich weiß nicht mehr, was ich noch sagen soll!“

Alice musste lachen. „Dann halt einfach die Klappe. Ich muss jetzt zur Arbeit. Gehst du heute aus?“

„Ja, Alistair will mit mir in ein schickes neues französisches Restaurant in Soho.“

„Dann viel Spaß. Wir sprechen uns morgen.“

Alice versuchte ihr Bestes, auf dem Weg zur Arbeit nicht an Jeremy zu denken, was nicht gerade einfach war, da sie allein in der U-Bahn saß. Fionas kritische Bemerkungen trugen auch nicht gerade dazu bei, sich den Mann aus dem Kopf zu schlagen.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht, ihn zu verteidigen? Oder in den Raum zu stellen, dass sie mit ihm schlafen würde? Denn das würde nie passieren! Sie konnte das einfach nicht. Abgesehen von ihrem tiefsitzenden Misstrauen dem anderen Geschlecht gegenüber war sie immer noch Jungfrau. Total ignorant, wenn es um Sex ging. Jeremy würde sie für komplett gestört halten, wenn er das herausfand!

Als Alice bei der Station Hammersmith ausstieg, war sie fest entschlossen, Jeremy später gegenüber höflich und professionell zu bleiben und ihm noch nicht mal ansatzweise zu verraten, was in ihr vorging. Sollte er wieder mit ihr flirten, würde sie einfach nicht reagieren. Und wenn er sie erneut bat, mit ihm auszugehen, würde sie Nein sagen. Fiona hatte völlig recht, er war ein Halunke. Zwar hatte er Manieren, aber keine Moral. Es war pervers, dass sie ihn trotzdem sehr attraktiv fand, aber so war das Leben eben manchmal.

Seufzend ging Alice zum nur wenige Blocks von der U-Bahn-Station entfernten Frauenhaus. Dort arbeitete sie am liebsten – in einem hübschen Gebäude mit einem großen Garten, das nur etwas heruntergekommen war. Zurzeit beherbergte es sechs Frauen mit mehreren kleinen Kindern. Die vier Räume waren überfüllt, aber zumindest waren die Frauen dort in Sicherheit.

Das Haus nebenan steht immer noch zum Verkauf, stellte Alice fest, als sie daran vorbeiging. Vermutlich wollte niemand neben einem Frauenhaus wohnen. Vielleicht konnte ihre Organisation es sich ja leisten, wenn Jeremys reiche Freunde tatsächlich spendeten. Sie war schon gespannt. Falls das Geld nicht kam, würde Alice zumindest die Gewissheit haben, dass Jeremys Hilfsbereitschaft nur vorgetäuscht war.

Aus irgendeinem Grund deprimierte sie die Vorstellung zutiefst. Hoffentlich würde er sich ihrer Zuneigung als würdig erweisen. Na ja, das würde sie heute Nachmittag herausfinden, oder? Und bis dahin …

Innerlich wappnete sie sich für den anstrengenden Tag, der vor ihr lag. Ihr Job war nicht einfach, da die meisten Frauen, die sie beriet, zu wenig Selbstachtung hatten, um ihre Ratschläge zu befolgen. Doch Alice tat ihr Bestes, und mehr konnte sie nicht tun.

Unwillkürlich wanderten ihre Gedanken wieder zu dem Wiedersehen mit Jeremy. Ob er heute noch so gut aussah und so charmant war wie in ihrer Erinnerung? Und würde er sie wieder bitten, mit ihm auszugehen?

Hoffentlich! Und hoffentlich besaß sie genug gesunden Menschenverstand, um Nein zu sagen. Obwohl sie allmählich Zweifel hatte, was das anging.

Jeremy war wirklich ein Teufel. Ein unwiderstehlicher Teufel!

„Kommen Sie rein, Madge“, sagte Jeremy, als er die vertrauten energischen Schritte seiner Assistentin vor seiner Bürotür hörte. Ein rascher Blick auf die Uhr an der Wand verriet ihm, dass es schon zwölf Minuten vor vier war – ein bisschen zu früh für Alice, die ihn bestimmt wieder warten lassen würde.

Madge eilte ins Zimmer, einen riesigen Wälzer in den Händen. „Ich dachte, Sie wollen vielleicht etwas mehr über Alice erfahren.“ Verschwörerisch blinzelte sie ihm zu. „Also habe ich im aktuellen Who’s Who nachgesehen.“

„Und?“

„Sie ist die jüngste Tochter von Richard William Waterhouse, dem zweiundzwanzigsten Earl von Weymouth. Er ist verstorben, steht hier. Ihre Mutter ist Lily Amaryllis Waterhouse, geborene Knight. Sie hatten drei Kinder: Arthur William, der schon als Kind starb, Marigold Rose und Alice Hyacinth.“

„Da hat aber jemand eine Vorliebe für Blumennamen“, stellte Jeremy trocken fest.

„Passt zu Alice, oder?“

„Ich finde schon. Mehr steht da nicht über sie?“

„Eigentlich nicht. Das Haus ihrer Familie heißt Hilltop Manor und liegt in Dorset, in der Nähe von Weymouth.“

Was gar nicht so weit weg vom Landsitz von Jeremys Familie in Cornwall war. Vielleicht würde er irgendwann mal übers Wochenende mit ihr dorthin fahren. Sobald sie aufhörte, die Eisprinzessin zu spielen, und sich wie eine normale junge Frau benahm. „Danke, Madge. Das erklärt aber nicht, warum sie einen solchen Job hat.“

„Sie haben während der Auktion nicht viel über sie erfahren, oder?“

„Nein. Sie mag es anscheinend nicht, wenn man ihr persönliche Fragen stellt.“

Madge hob die Augenbrauen. „Klingt geheimnisvoll.“

„Das ist sie. Sehr geheimnisvoll.“

„Sie gefällt Ihnen, oder?“

„Sehr sogar.“

„Das dachte ich mir. Ich meine, Sie sind sehr großzügig, aber normalerweise engagieren Sie sich nicht so sehr für wohltätige Zwecke.“

Jeremy grinste. „Sie kennen mich einfach zu gut, Madge. Aber von meinen persönlichen Motiven abgesehen halte ich Alice’ Sache für unterstützenswert. Ich hätte ihr auch so geholfen.“

Madges Mundwinkel zuckten, als müsse sie ein Lächeln unterdrücken. Oder sogar ein Lachen.

„Okay, Sie haben mich durchschaut“, gab er zu. „Aber lassen Sie um Himmels willen nicht die Katze aus dem Sack, wenn Alice hier ist. Ich will sie beeindrucken und sie nicht noch misstrauischer machen.“

Verdutzt sah Madge ihn an. „Sie misstraut Ihnen?“

„Entweder das, oder sie hat ein generelles Problem mit Männern. Ich habe sie jedenfalls gefragt, ob sie mit mir ausgeht, und sie hat Nein gesagt.“

„Nein!“

„Doch, genau so war es.“

„Vielleicht hat sie ja einen Freund.“

„Hat sie nicht. Aber anscheinend eilt mir mein Ruf als Playboy voraus.“

„Oje!“

Jeremy wusste nicht, warum er Madge das alles erzählte. Sie konnte ihm sowieso nicht helfen. Es war jedoch ein tröstliches Gefühl, eine mitfühlende Zuhörerin zu haben. Er war nämlich längst nicht mehr so zuversichtlich wie vorgestern Abend, dass es ihm gelingen würde, Alice’ Meinung zu ändern.

„Ich gehe mal zurück an die Arbeit“, erklärte Madge. „Es ist schon fast vier.“

„Wenn Sie Alice reinbringen, bleiben Sie bitte ein Weilchen, bevor ich Sie bitte, uns allen Kaffee zu holen.“

Madge lächelte. „Okay.“

Alice brach ihren Vorsatz, so sparsam wie möglich zu sein, und nahm ein Taxi nach Mayfair. Sie warf nur sehr ungern Geld zum Fenster hinaus, da sie seit Jahren für eine eigene Wohnung sparte, ganz egal wie klein. Hoffentlich hatte sie genug angespart, wenn Fiona im August heiratete. Diese Taxifahrt war nur eine Ausnahme …

So wie neue Klamotten zu kaufen?

Ihr schlechtes Gewissen rang mit ihrer Vorfreude, als das Taxi in die Straße bog, in der sich Barker Books befand. Es bremste vor einem stilvollen weißen Stadthaus mit einer frisch gestrichenen schwarzen Eingangstür und bunt bepflanzten Blumenkästen. Alice bezahlte den Fahrer, stieg aus und blieb eine ganze Minute lang auf dem Bürgersteig stehen, um ein paar Mal tief durchzuatmen.

Eine junge Frau mit zwei Pappbechern Kaffee eilte an ihr vorbei, lief die Stufen hoch und stieß die Tür mit einem Ellenbogen auf, bevor sie sich neugierig nach Alice umdrehte. „Wollen Sie hier rein?“

„Ja.“

„Die Tür steht offen, sie fällt nur manchmal zu. Zu wem wollen Sie?“

„Zu Mr. Barker-Whittle.“

„Okay, dann wenden Sie sich besser an Madge. Sie sitzt im zweiten Zimmer links.“

„Danke.“

Alice holte ein letztes Mal tief Luft und stieg langsam die Stufen zur Höhle des Löwen hinauf.

Madge bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck, als Alice eintrat, doch sie sah auf den ersten Blick, was Jeremy so an dem Mädchen faszinierte. Es war bildhübsch mit einem frischen Teint, schönen blauen Augen, einer niedlichen Nase und vollen Lippen. Alice’ Kleidung war modern und ja, ziemlich sexy, aber sie trug kein Make-up und hatte sich das Haar zu einem mädchenhaften Pferdeschwanz hochgebunden. Sie hatte sich eindeutig nicht für den Anlass aufgebrezelt. Und war daher zweifellos nicht so angetan von Jeremy wie er von ihr.

„Sie müssen Alice sein“, sagte Madge. Sie stand auf und ging um ihren Schreibtisch herum, um Alice zu begrüßen.

„Und Sie Madge“, erwiderte das Mädchen freundlich lächelnd. „Vielen Dank für Ihre Hilfe mit der Auktion. Weiß der Himmel, was ich getan hätte, wenn Ihr Chef nicht eingesprungen wäre.“

„Ich habe gehört, er hat gute Arbeit geleistet, oder zumindest hat er das behauptet“, sagte Madge trocken. „Kommen Sie mit, ich bringe Sie zu ihm.“

Alice bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend, als Madge ihr zu einer schweren Holztür voranging und anklopfte.

„Kommen Sie rein, Madge“, hörte Alice Jeremy rufen. Seine tiefe volltönende Stimme überraschte sie immer wieder. Kein Mann hatte das Recht, eine solche Stimme zu haben! Als Madge die Tür öffnete, wappnete Alice sich innerlich gegen Jeremys sexy Anblick und fragte sich zum wiederholten Mal, warum sie sich das eigentlich antat. Anscheinend ging es ihr nicht nur um Jeremys Schirmherrschaft. In Wirklichkeit wollte sie ihn wiedersehen.

Schön blöd von ihr!

Der Anblick von Jeremys Büro hätte Alice eigentlich nicht überraschen dürfen. Schließlich war ihr schon vorher aufgefallen, dass man den Verlag nicht so wie viele andere alte Häuser modernisiert hatte. Alice gefielen die holzvertäfelten Wände, die Büchervitrinen, der Holzfußboden und der antike Teppich vor Jeremys Schreibtisch.

An Jeremy jedoch war nichts antik. Sein dunkelblauer Anzug, sein blauweißgestreiftes Hemd und seine rote Krawatte waren ultramodern.

„Alice ist hier“, sagte Madge.

„Ausgezeichnet.“ Er stand sofort auf. „Ich freue mich, dass Sie es geschafft haben.“

Diesmal taxiert er mich nicht, stellte Alice zu ihrem Bedauern fest. Er würdigte sie kaum eines Blickes, als er zwei Sessel vor seinen Schreibtisch platzierte und sich wieder zurück auf seinen Stuhl setzte.

„Nehmen Sie Platz, Ladys, dann können wir direkt zur Sache kommen.“

Alice und Madge setzten sich, während Jeremy nach einem Blatt Papier griff, das vor ihm lag.

„Ich habe mir schon mal ein paar Möglichkeiten einfallen lassen, weitere Spendengelder einzutreiben“, sagte er, den Blick auf den Zettel geheftet. „Und ein paar Ideen notiert, die ich Ihnen gern vorstellen würde.“ Endlich hob er den Blick und sah Alice an. Kein Funkeln diesmal. Kein Lächeln. Seine Miene war todernst.

„Fahren Sie fort“, forderte sie ihn auf und verachtete sich für ihre Enttäuschung.

„Erstens müssen wir eine Website einrichten und uns damit bei einer Social-Media-Seite anmelden, damit die Menschen über unsere Ziele informiert werden und spenden können. Wir sollten uns nicht nur auf die Reichen beschränken. Normale Menschen mit kleinen Spenden sind die Haupteinnahmequelle von Wohltätigkeitsorganisationen. Vielleicht könnten Sie das übernehmen, Madge. Sie sind gut in so was.“

„Kein Problem, mach ich.“

„Natürlich würde es sich nach dem Erfolg des Dinners und der Auktion am Mittwoch empfehlen, die Veranstaltung zu wiederholen, aber nicht zu früh. Ich dachte an Anfang Dezember. Dann könnte man ein weihnachtliches Motto wählen. Was halten Sie davon, Alice?“

Alice fiel es schwer, sich auf seine Worte zu konzentrieren. „Ich finde die Idee gut“, sagte sie mit falscher Fröhlichkeit. „Wir könnten den Ballsaal und die Tische weihnachtlich dekorieren und einen großen Tannenbaum auf die Bühne stellen, unter dem hübsch verpackt die Preise liegen.“

„Klingt gut. Am besten buchen Sie das Hotel so schnell wie möglich. Ich bezahle die Dekoration und kümmere mich um die Preise. Ich habe jede Menge Kontakte, aber Sie können mich natürlich trotzdem unterstützen. Madge, würden Sie bitte etwas Kaffee und Kekse holen, falls es Ihnen nichts ausmacht? Ich habe heute nicht zu Mittag gegessen. Was ist mit Ihnen, Alice? Lust auf einen Kaffee? Oder Tee, falls Sie den bevorzugen? Madge hat alles in der Küche vorrätig.“

„Kaffee wäre schön. Mit Milch und zwei Stück Zucker.“

„Das ist ja eine ganze Menge Zucker für jemanden, der so schlank ist“, bemerkte er, nachdem Madge das Zimmer verlassen hatte. „Wie schaffen Sie das?“

Alice zuckte die Achseln. Sie hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass Jeremy das Interesse an ihr verloren hatte. „Ich gehe jeden Morgen vor dem Frühstück eine Stunde joggen.“

„Ich bewundere Menschen, die so diszipliniert sind. Ich muss gestehen, dass ich kein Morgenmensch bin. Abends gehe ich manchmal ins Fitnessstudio, trainiere aber nicht sehr intensiv. Sie sollten trotzdem auf Zucker verzichten, Alice. Er schadet Ihnen.“

Sie seufzte. „Ich weiß. Ich habe es versucht, aber ich scheine ihn mir nicht abgewöhnen zu können. Im Internat gab es immer gesüßten Tee. Als ich dann anfing, Kaffee zu trinken, war er mir ohne Zucker zu bitter.“

Zum ersten Mal an diesem Nachmittag flackerte so etwas wie Interesse in seinem Blick auf. „Sie waren auf dem Internat?“

„Ja.“

„Wie lange?“

„Sieben Jahre.“

„Und hat es Ihnen gefallen?“

„Es hat mir nichts ausgemacht. Alles war besser, als zu Hause zu sein.“

Plötzlich verdüsterte sich sein Blick. „Ich wurde mit acht aufs Internat geschickt und fand es schrecklich.“

Alice’ Neugier war geweckt, aber sie beschloss trotzdem, nicht nachzuhaken. „Haben Sie eigentlich schon Ihre spendenfreudigen Bekannten kontaktiert?“, fragte sie stattdessen.

„Ich habe Alex und Sergio E-Mails geschickt. Es könnte eine Weile dauern, bis sie sie bekommen, vor allem bei Alex. Seine Frau kriegt jeden Augenblick ein Baby. Er lebt in Sydney und Sergio in Italien.“

„Großer Gott! Wo haben Sie sich kennengelernt?“

„Wir waren zusammen in Oxford.“

„Ich verstehe“, sagte Alice langsam. Dann sah Jeremy also nicht nur gut aus und war reich und charmant, sondern auch noch hochintelligent.

„Sie sind doch bestimmt auch zur Uni gegangen, oder?“

„Nein, ich war auf dem College. Ich habe abends Psychologie studiert und tagsüber gemodelt.“

„Tja, Sie sehen jedenfalls gut genug dafür aus.“

Das Kompliment klang so neutral, dass Alice sich nicht darüber freuen konnte.

„Hat Ihnen das Modeln Spaß gemacht?“

„Es war ganz okay. Es reichte für meinen Lebensunterhalt, aber ich wollte eigentlich etwas anderes machen.“

„Wollten Sie schon immer Sozialarbeiterin werden?“

„Ehrlich gesagt, ja.“

Jeremy hätte ihr gern weitere Fragen gestellt, wollte jedoch nicht zu viel Interesse zeigen. Er hatte beschlossen, eine Taktik auszuprobieren, die er bei anderen Männern beobachtet hatte, wenn sie eine Frau erobern wollten – sich desinteressiert zu geben und sich damit interessant zu machen. Bisher hatte er das zwar noch nie nötig gehabt, aber Alice war eine ziemlich harte Nuss.

Das sah man schon an ihrem Erscheinungsbild. Ihre rote Bluse war zwar sexy, aber von einem schwarzen Jackett verdeckt. Ihr fehlendes Make-up und ihr mädchenhafter Pferdeschwanz ließen auch nicht gerade darauf schließen, dass sie seine Aufmerksamkeit erregen und seine Begierde wecken wollte.

Und Jeremy begehrte sie, mehr denn je. Er wollte ihre kühle Fassade einreißen und die Frau dahinter entdecken. Er hatte nämlich schon einen flüchtigen Eindruck von dieser Frau bekommen und fand sie total scharf.

Jeremy verzog das Gesicht, als er spürte, wie ihm bei diesem Gedanken das Blut in die Lenden schoss. Zu seiner Erleichterung kehrte Madge gerade mit einem Tablett zurück.

Alice fragte sich, was wohl Jeremys leicht missbilligenden Gesichtsausdruck ausgelöst hatte. Vermutlich lag es an ihr. Vielleicht hatte er auf den zweiten Blick, ungeschminkt wie sie war, das Interesse an ihr verloren. Vielleicht fand er sie plötzlich langweilig. Vielleicht bedauerte er inzwischen, so viel Aufwand betrieben zu haben.

Die neuen Klamotten hätte sie sich anscheinend sparen können. Dabei sollte sie eigentlich dankbar statt niedergeschlagen sein, dass er das Interesse an ihr verloren hatte.

Sie versuchte, ihre widersprüchlichen Gefühle für Jeremy zu verdrängen, und richtete die Aufmerksamkeit auf Madge. „Was für hübsche Becher“, sagte sie, als die Frau Kaffee aus einer silbernen Kaffeekanne in drei blauweiße Becher goss.

„Die sind von Spode“, erklärte Madge. „Sie gehörten meiner Mutter, genauso wie die Kaffeekanne. Sie mochte schöne Dinge. Zwei Stück Zucker, haben Sie gesagt?“

„Ja, bitte.“

Madge benutzte eine zierliche silberne Zuckerzange, ließ zwei Würfel in einen der Becher fallen und fügte etwas Milch hinzu, bevor sie umrührte und den Becher an Alice weiterreichte.

„Danke“, murmelte Alice höflich.

„Ich lasse den Teller mit Keksen auf dem Tablett stehen“, sagte Madge und schenkte die anderen beiden Becher voll. „Bitte bedienen Sie sich.“

Als Alice sich vorbeugte, um sich einen Keks zu nehmen, fiel ihr Blick zufällig auf Jeremy, und zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass er ihr nicht ins Gesicht, sondern in den ziemlich tiefen Ausschnitt ihrer roten Bluse sah. Sie errötete heftig, ihre Brustknospen wurden hart, und ihre rechte Hand begann so heftig zu zittern, dass sie sich fast Kaffee auf den Schoß geschüttet hätte.

Den Henkel krampfhaft fest umklammernd, hob sie den Becher an die plötzlich trockenen Lippen und trank einen kleinen Schluck. Jeremy folgte ihrem Beispiel und begegnete ihrem Blick über den Rand seines Bechers hinweg, ohne zu ...

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