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JULIA EXTRA BAND 419

SOPHIE PEMBROKE

Im Bann des reichen Playboys

Als er sie das erste Mal sah, war sie vergeben – jetzt ist Sadie frei! Als sexy Tycoon Dylan erfährt, dass sie in finanziellen Schwierigkeiten steckt, bietet er ihr seine Hilfe an. Warum nur sträubt sie sich dagegen?

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Eine zweite Chance für ihre Liebe? Auf keinen Fall! Keith wird Cara nie verzeihen. Zu groß war seine Enttäuschung über ihren schmählichen Verrat. Doch im Zauber karibischer Nächte erwacht die Sehnsucht neu …

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Im Bann des reichen Playboys

1. KAPITEL

Sadie Sullivan blinzelte in die Sonne und winkte zum Abschied, als der Mietwagen vom Hotel Azure losfuhr. Wenn sie die Augen leicht zusammenkniff, konnte sie Finns kleines Gesicht ausmachen, das er gegen die Rückscheibe presste. Ihr Vater, der den Wagen lenkte, war offenbar voll auf den Verkehr konzentriert. Ihre Mutter saß neben Finn, und Sadie wusste, dass sie ihn festhielt und ihm den Sicherheitsgurt umgelegt hatte.

Er war in guten Händen, das musste sie sich immer wieder in Erinnerung rufen, auch wenn ihr das Herz bei dem Gedanken wehtat, von ihrem kleinen Jungen getrennt zu sein.

Der Wagen nahm die letzte Kurve am Ende der Auffahrt, dann verschwand er hinter einer Reihe von Wacholderbäumen, als er in die Küstenstraße einbog, die zum Flughafen von Izmir führte. Tief atmete Sadie durch und wischte sich hastig mit dem Handrücken über die Augen, damit niemand ihre Tränen sah. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war Gerede über den Boss, der in Tränen ausbrach. Professionalismus, so lautete die Parole.

„Es ist ja nur eine Woche, Sullivan“, sagte sie sich leise. „Jetzt reiß dich zusammen. In sieben Tagen bist du bei ihm in England und kannst ihn wieder mitnehmen. Bis dahin genieß die Ruhe.“

Sie schluckte und ging zurück in die kühle Hotellobby. Selbst Ende August war es in Kusadasi immer noch sehr warm. In ein paar Wochen würden die Einheimischen Pullover anziehen und sich über die kalte Luft beschweren, während sie selbst und die wenigen Touristen, die noch da waren, am Strand die Sonne genossen.

„Ist Finn mit deinen Eltern zum Flughafen unterwegs?“, fragte Esma, die hinter der Rezeption saß und hochsah, während ihre langen Finger mit den rot lackierten Nägeln auf der Computertastatur lagen.

Sadie nickte nur, da sie ihrer Stimme noch nicht traute.

„Er war so aufgeregt, dass er zu seinen Großeltern darf“, fuhr Sadies Stellvertreterin fort. „Und die Zeit passt auch perfekt.“

Sadie nickte wieder, dann blinzelte sie. „Ach ja?“

Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf musterte Esma sie. Sadie versuchte, sich wie die Chefin zu geben, die sie war. Das Kostüm verlieh ihr ein professionelles Aussehen, genau wie die Frisur, das Make-up. Äußerlichkeiten, hinter denen sie sich normalerweise versteckte, wenn sie verunsichert war.

Diese Rüstung hatte ihr geholfen, den Tod ihres Mannes zu überstehen und mit diesem Geschäftsprojekt weiterzumachen, von dem sie keine Ahnung hatte. Warum um alles in der Welt sollte sie jetzt scheitern, nur weil ihr Sohn eine Woche fort war?

Esma zuckte bloß die Schultern und schob ihr den Kalender über den Empfangstresen zu.

„Ich meinte nur, weil der potenzielle Investor diese Woche kommen will. Wenn du dir um Finn keine Sorgen machen musst, hast du mehr Zeit, ihn für dich zu gewinnen.“

„Ja, natürlich“, antwortete Sadie automatisch und starrte auf die großen roten Buchstaben, die im Kalender die nächsten fünf Tage blockten. Besuch Investor, stand dort. Wie hatte sie das vergessen können?

Nur um diesen Investor sollte sie sich jetzt Gedanken machen und um sein Geld.

Eigentlich hatte sie nicht auf fremde Hilfe zurückgreifen wollen, doch um die Finanzen war es mehr als schlecht bestellt, auch wenn nur sie und Neal das wahre Ausmaß der Probleme kannten. Nachdem sie keine einheimischen Investoren hatten auftreiben können, hatte Neal vorgeschlagen, im Ausland zu suchen – mit ähnlich niederschmetterndem Ergebnis.

Doch er hatte noch einen letzten Trumpf im Ärmel, als sie nicht mehr weiterwusste. Ein Geschäftsfreund, dessen Unternehmen Hotels aufkaufte. Vielleicht wäre er interessiert und würde einen seiner Angestellten schicken, um sich das Hotel Azure anzuschauen.

Sadie war voller Zweifel gewesen, aber eine andere Möglichkeit gab es wohl nicht. Sie vertraute Neal. Er war nicht nur ihr Buchhalter, sondern auch einer der besten Freunde ihres verstorbenen Mannes Adem gewesen. Neal hatte seinen Freund sicher gebeten, nachsichtig mit ihr zu sein, so, wie es alle mit ihr waren.

Sie ist Witwe. Die Leute schüttelten dann immer traurig die Köpfe. Hat ihren Mann bei einem Autounfall verloren. Er war noch so jung.

Oft wussten sie nicht mehr als das über sie. Und natürlich, dass sie ihr Hotel renovierte, das aus Mangel an Kapital wohl niemals fertig werden würde.

Da Esma sie besorgt ansah, setzte Sadie ein Lächeln auf. Sie musste die negativen Gedanken abschütteln. Sie liebte das Azure, genau wie Adem es geliebt hatte. Es war ihr Zuhause, und sie würde es in ein erfolgreiches Hotel verwandeln, wie auch immer.

Sadie hatte ein Versprechen abgegeben, sich verpflichtet. Sie würde sich daran halten und ihr Versprechen einlösen.

„Hat Neal gesagt, wie der Mann heißt, den das Unternehmen schickt?“, fragte sie. „Er wird mit einem Wagen vom Flughafen abgeholt, richtig?“

„Ja, um vier Uhr“, bestätigte Esma. „Ich habe Alim losgeschickt.“

„Gut.“ Alim war verlässlich. Er sprach sehr gut Englisch – besser als sie Türkisch, obwohl sie schon vier Jahre in diesem Land lebte und sich sehr bemühte, die Sprache zu lernen. Wie sich herausgestellt hatte, lernte Finn viel schneller als sie.

Sadie warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon fast fünf.

„Hat Alim Bescheid gegeben, ob sie schon auf dem Weg sind?“, fragte sie.

„Ja, vor fast einer Stunde. Sie müssten jeden Moment hier sein.“ Esma biss sich auf die Lippe. „Es wird schon alles gut gehen, Sadie“, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.

Sadie lächelte breit. „Aber sicher“, log sie, dann merkte sie plötzlich, dass Esma nicht all ihre Fragen beantwortet hatte. „Hat Neal gesagt, wie er heißt?“ Wie peinlich, diesen Mann begrüßen zu müssen, ohne seinen Namen zu wissen.

Esma schob einen Stoß Papiere hin und her und starrte verlegen auf ihre Nägel.

„Esma? Wie heißt er?“

Plötzlich blass, sah Esma sie endlich an. „Neal meinte, es wäre vielleicht besser, wenn du …“

„Wenn ich was?“, bohrte Sadie. „Wenn ich den Namen des Mannes nicht kenne, der vielleicht die Zukunft dieses Hotels in Händen hält? Warum denn bloß …?“

Sie hörte, wie die automatische Tür hinter ihr aufging, dann wurde ein schwerer Koffer auf dem Marmorboden abgestellt. Ihr Herz schlug schneller.

Langsam drehte Sadie sich um und fühlte sich plötzlich dreizehn Jahre in der Zeit zurückversetzt. Sie konnte Adem förmlich neben sich spüren – jünger, nervöser, lebendig –, während er seine neue Freundin seinen beiden besten Freunden vorstellte. Neal Stephens und Dylan Jacobs.

Doch Adem war tot, Neal in England, sodass sie ihn jetzt nicht zusammenstauchen konnte. Nur Dylan stand in der Hotellobby. Dylan, der eigentlich Tausende von Meilen entfernt in Australien sein sollte, wo er hingehörte. Stattdessen war er hier, genauso selbstbewusst und arrogant wie immer. Und genauso attraktiv.

Kein Wunder, dass Neal ihr nichts gesagt hatte. Denn er wusste, dass sie dann den erstbesten Flug mit Finn genommen hätte. Auch wenn er vielleicht nicht über alles Bescheid wusste, musste Neal zumindest gemerkt haben, dass sie Dylan seit der Beerdigung aus dem Weg ging.

Aber jetzt konnte sie nicht davonlaufen. Sie musste ihre Pflicht erfüllen – und dafür brauchte sie Dylan Jacobs, ausgerechnet ihn.

Sadie setzte ein Lächeln auf, trat einen Schritt vor und streckte die Hand aus, die nur leicht zitterte.

„Dylan! Wie schön, dich wiederzusehen“, log sie in der Hoffnung, dass er es nicht merkte.

Bei ihrem Anblick beschleunigte sich Dylans Puls sofort. Trotz des langen Flugs war er immer noch nicht darauf vorbereitet, ihr gegenüberzutreten. Das spürte er, als er auf Sadie zuging.

Vor fünf Minuten, als sie die gewundene Auffahrt zum Hotel genommen hatten, war er drauf und dran gewesen, dieses Treffen abzusagen. Er hatte den Fahrer anweisen wollen, ihn zum Flughafen zurückzubringen. War überzeugt, dass die ganze Reise ein Fehler war.

Andererseits ließ Dylan Jacobs sich nie ein potenzielles Geschäft entgehen. Außerdem ging es um Sadie.

Seit zwei Jahren hatte er sie nicht mehr gesehen. Zwei endlos lange Jahre seit der Beerdigung. Sie hatte nicht einmal auf seine Karte geantwortet, als er ihr geschrieben hatte, sie solle sich melden, wenn sie irgendetwas brauchte.

Was jetzt offensichtlich der Fall war.

Er wünschte nur, sie hätte ihn selbst gefragt, statt Neal vorzuschicken. Dann hätte er mit ihr sprechen, ihre Stimme hören und erspüren können, in welcher Stimmung sie war.

Dann hätte er gewusst, was ihn erwartete.

„Sie kommt klar“, hatte Neal gesagt. „Besser als viele andere in so einer Situation. Aber sie hat Adem verloren, Dyl. Natürlich ist sie nicht mehr dieselbe. Und sie braucht dich. Das Azure ist alles, was ihr von ihrem Mann geblieben ist, und du kannst ihr helfen, das Hotel zu retten.“

Also hatte Dylan in aller Eile einen Flug nach Izmir gebucht. Und jetzt war er da. In Adems Traumhotel. Bei Adems Traumfrau.

Er warf einen Blick zu dem Schriftzug an der Hoteltür und zuckte zusammen. Warum hatte Adem das Hotel ausgerechnet Azure genannt? Es gab doch genügend andere Namen.

Eine Erinnerung flackerte in ihm auf. Adem, der ihm aufgeregt am Telefon von seinem großen Projekt erzählte. Er und Sadie würden in die Türkei ziehen, um ein altes, heruntergekommenes Hotel zu renovieren, das früher seiner türkischen Großmutter mütterlicherseits gehört hatte. Am deutlichsten erinnerte Dylan sich an den scharfen Schmerz in seiner Brust, der ihn erfasste, als er den Namen des Hotels hörte.

Es ist doch nur ein Name, sagte er sich. Es hat nichts zu bedeuten.

Und trotzdem, er stand für all das, was er vor so vielen Jahren verloren hatte. Für den Verlust seines Vaters, den Verlust seiner Freiheit, seiner Hoffnung, all der Möglichkeiten, die sich ihm geboten hatten.

Vielleicht kam es diesmal anders. So vieles hatte sich verändert. Dies hier war ein anderes Hotel, Tausende von Meilen und mehr als zwanzig Jahre entfernt von dem Azure. Und dem Mann, der ihn großgezogen und dann seine Familie für immer verlassen hatte.

Dylan hatte Adem nie die ganze Geschichte von seinem Vater erzählt und ganz sicher nie den Namen des Hotels erwähnt. Denn sonst hätte sein Freund sich bestimmt für einen anderen Namen entschieden, um Dylan nicht zu verletzen. So war Adem gewesen, ein guter, fürsorglicher und aufmerksamer Mann.

Ein Mann, der es verdient hatte, von einer Frau wie Sadie geliebt zu werden.

Dylan dachte daran, wie er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Ganz in Schwarz, statt in den bunten Farben, die sie immer geliebt hatte. Es war kalt und regnerisch gewesen, und sie hatte vor dem offenen Grab gestanden.

Als er bemerkt hatte, wie fest sie die Hand ihres kleinen Sohns umklammerte, hatte er instinktiv gespürt, dass sie Finn das alles hatte ersparen wollen. Damals hatte er sich gefragt, wer wohl darauf bestanden hatte, dass der Kleine an der Beerdigung teilnahm, und wie verloren Sadie sich gefühlt haben musste, um dies widerspruchslos zuzulassen.

Verloren, das war das richtige Wort. Sie hatte schmal gewirkt, müde und traurig, aber vor allem verloren. Als wäre ihr mit Adem auch jede Orientierung genommen worden.

Ihr Anblick hatte Dylan schier das Herz zerrissen. Als er nun draußen vor dem Hotel stand, überlegte er, wie es ihr jetzt wohl ging.

Höchste Zeit, es herauszufinden.

Mit klopfendem Herzen nahm er die Stufen zum Eingang. In der kühlen Lobby war es recht dunkel im Vergleich zum strahlenden Sonnenschein draußen. Nachdem seine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, fiel sein Blick sofort auf Sadie. Sie stand an der Rezeption und hatte ihm den Rücken zugewandt, sodass er ihr Gesicht nicht sehen konnte.

Obwohl sie ein einfaches graues Kostüm trug und ihre Haare kürzer waren, zweifelte er nicht einen Moment daran, dass sie es war. Erinnerungen überfluteten ihn bei ihrem Anblick – an den Freund, den er verloren hatte, an die Frau, bei der er nicht die geringste Chance gehabt hatte.

Er wappnete sich, als sie sich umdrehte, war jedoch nicht auf den Schock und das Entsetzen vorbereitet, die sich in ihrer Miene spiegelten, ehe sie eine freundlich lächelnde Maske aufsetzte.

Sie wusste nicht, dass ich komme. Verfluchter Neal. Er würde ihn umbringen.

Dylan riss sich zusammen, nahm ihre Hand. Als wären sie wirklich nur potenzielle Geschäftspartner statt alte Freunde.

„Dylan! Wie schön, dich zu sehen.“ Offensichtlich eine Lüge, begleitet von einem künstlichen Lächeln, sodass Dylan am liebsten zurück zum Flughafen gefahren wäre, wie sein Instinkt es ihm zuvor schon geraten hatte.

Aber jetzt war es zu spät.

Dylan ignorierte den Schmerz, der ihn bei der Lüge durchzuckte, legte locker den Arm um ihre Taille. Allein ihr betörender Duft brachte ihn völlig durcheinander, und er musste schwer schlucken, ehe er sprechen konnte.

„Es tut so gut, dich wiederzusehen, Sadie.“ Das war zumindest nicht gelogen. Als er sie jetzt in den Armen hielt, wurde ihm wieder einmal bewusst, was ihm all die Jahre schon klar gewesen war. Dass er seine Gefühle für sie nie richtig hatte abstellen können.

Ja, er würde Neal umbringen, weil er ihm das hier angetan hatte.

Sadie lächelte immer noch, als sie einen Schritt zurücktrat. Offenbar war ihr nicht bewusst, was in ihm vorging. Er erinnerte sich daran, wie Adem sie vor dreizehn Jahren vorgestellt hatte: „Dyl, das ist Sadie. Sie ist etwas ganz Besonderes.“ Sadies Wangen hatten sich bei Adems Kompliment gerötet, und sie hatte Dylan angelächelt.

Es war ein echtes Lächeln gewesen, ganz anders als jetzt.

„Du solltest erst einmal einchecken“, sagte Sadie, und Dylan nickte.

Obwohl er wusste, dass er lieber davonlaufen sollte, möglichst weit weg.

Vielleicht hatte sein Vater damals doch richtig gehandelt.

Sadies Hände zitterten, während sie die Treppe zu ihrem kleinen Büro hochstieg, das früher Adem gehört hatte. Als sie nach der Türklinke griff, drehte sie sich instinktiv um, weil sie sichergehen wollte, dass Dylan ihr nicht gefolgt war. Zum Glück war er nirgends zu sehen.

Sie konnte nur hoffen, dass er es sich schon in der schönsten Suite bequem gemacht hatte, die das Azure zu bieten hatte. Auch wenn sie wahrscheinlich nicht annähernd dem entsprach, was er sonst gewohnt war. Er hatte Sadie nicht gehen lassen, ohne ihr das Versprechen abzunehmen, mit ihm zu Abend zu essen. Natürlich hatte sie zugestimmt, weil sie sich in ihrer Lage wohl kaum erlauben konnte, abzulehnen.

Sie betrat ihr Büro, ließ sich auf ihren Schreibtischsessel fallen, griff mit zitternden Fingern nach dem Telefon und wartete, dass Neal am anderen Ende abnahm. Er musste da sein, schließlich wusste er, dass sie anrufen würde.

„Tut mir leid“, sagte er ohne Einleitung.

„Das sollte es auch, verdammt. Was hast du dir dabei gedacht? Warum hast du mich nicht gewarnt?“ Sie kannte die Antwort, aber das machte die Sache auch nicht besser.

„Du hättest Nein gesagt“, erklärte Neal. „Er will dir wirklich helfen, Sadie. Und du brauchst ihn.“

„Ich will nicht, dass man mir aus Mitleid hilft.“ Sadie spürte, wie sie schon wieder wütend wurde, und hielt nicht damit zurück. Neal verdiente ihren Zorn.

„Du brauchst ihn. Und das weißt du auch“, antwortete Neal ruhig, aber entschieden.

Ja, das wusste sie. Trotzdem wünschte sie, dass es nicht so wäre.

„Aber warum muss es gerade er sein?“, wandte sie ein.

„Kennen wir denn sonst noch jemanden, der Millionen besitzt, sich kein Geschäft entgehen lässt und eine Schwäche für deine Familie hat?“, meinte Neal.

„Nein.“ Was nicht hieß, dass es ihr gefallen musste. Aber sie kannte Dylan gut genug, um zu wissen, dass dieses Hotel kein langfristiges Projekt für ihn war. Er würde nur bleiben, solange sie ihn brauchte, dann würde er wieder verschwinden.

„Ist das denn wirklich ein Problem für dich?“, wollte Neal wissen. „Sicher, dein Stolz würde einen Kratzer abbekommen. Andererseits willst du das Azure auf Teufel komm raus retten. Das hast du mir selbst gesagt.“

Ja, das stimmte. „Und der Teufel hat jetzt Gestalt angenommen.“

Am anderen Ende war es still, und Sadie bereute schon fast ihre ironische Bemerkung. Denn das Letzte, was sie außer Dylan Jacobs jetzt brauchte, war, dass Neal erkannte, warum sie Dylan so sehr ablehnte.

„Weshalb machst du dir um ihn so viele Gedanken?“ Neal klang neugierig, als wollte er das Rätsel um Sadie und Dylan unbedingt lösen.

Sadie seufzte. Sie wollte Neal nicht verraten, worum es ging. „Ich weiß es nicht. Wir haben … es einfach nie richtig geschafft, einer Meinung zu sein.“

Außer in dieser einen Nacht, als sie sich ein bisschen zu gut verstanden hatten und Sadie bewusst geworden war, welche Bedrohung Dylan Jacobs für ihr geordnetes Leben darstellte.

„Er ist ein prima Kerl“, meinte Neal. „Und er will dir wirklich helfen.“

„Ich weiß.“ Das war ja das Schlimme. Dylan war nicht gekommen, um ihr Probleme zu machen. Sie kannte ihn gut genug, um das zu wissen. Er war hier, um ihr beizustehen. Wahrscheinlich aus Pflichtgefühl gegenüber ihrem Mann, der bereits zwei Jahre tot war.

„Ja, ich brauche ihn. Aber ich hätte ihn selbst anrufen müssen.“ Sie dachte an die Beileidskarte, die bei den anderen in einer Schublade im Schlafzimmer lag. Eine Lilie war vorne eingraviert. Mit seiner ausdrucksstarken Schrift hatte Dylan geschrieben:

Es tut mir so leid, Sadie. Ruf mich an, wenn du irgendetwas brauchst. Jederzeit.

D.

Sie hatte nicht angerufen.

„Alles wieder in Ordnung mit uns?“, fragte Neal.

„Ja. Alles in Ordnung. Ich melde mich in ein paar Tagen noch mal und berichte dir, wie es läuft.“

„Okay.“ Neal klang immer noch verunsichert, legte aber auf, als sie sich von ihm verabschiedete.

Sadie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und starrte zur Decke. Sie musste nur einen Weg finden, wie sie mit Dylan zusammenarbeiten konnte, ehe er sich zu seinem nächsten großen Projekt aufmachte. Das würde bestimmt nicht lange dauern. Jobs, Geschäfte, Frauen – all das hatte ihn schnell gelangweilt. Warum sollte es beim Azure anders sein?

Soweit Sadie wusste, war die Freundschaft zu Adem und Neal das Einzige, was in Dylans Leben Bestand gehabt hatte. Allein darum ging es auch jetzt. Er fühlte sich seinem Freund verpflichtet und der Frau und dem Kind, das Adem zurückgelassen hatte. Sie brauchte nicht ihn, sondern sein Geld und sein Know-how als Geschäftsmann.

Sofort fühlte sie sich schuldig, weil sie den besten Freund ihres verstorbenen Mannes in gewisser Weise ausnutzen wollte. Aber wenn es der einzige Weg war, um das Azure zu retten …

Er würde ihr das Geld geben, weil Adem sein Freund gewesen war. Danach konnten sie beide wieder getrennte Wege gehen.

2. KAPITEL

Dylan wartete eine Weile, bevor er Neal anrief, um ihn zurechtzustutzen. Er wollte Sadie die Chance geben, ihrem gemeinsamen Freund zuerst den Kopf zu waschen.

Er nutzte die Zeit, um sich in seiner Suite einzurichten. Kingsize-Bett mit frischer weißer Bettwäsche. Am liebsten hätte er sich hingelegt und bis zum Abendessen geschlafen. Aber der Job, den er hier erfüllen musste, erforderte, dass er hellwach war, also riss er sich zusammen.

Der Raum war recht groß, wobei Dylan vermutete, dass es wahrscheinlich der größte im ganzen Hotel war. Also würde er sich die kleineren Zimmer ansehen müssen, ehe er ein Urteil fällen konnte. Im Bad, das sauber gefliest war und gut ausgeleuchtet, fand er einen Stapel flauschiger Handtücher und eine Dusche, die er später gerne ausprobieren würde.

Er durchquerte das Schlafzimmer, warf einen Blick auf den kleinen Tisch und die Stühle am Fenster, dann ging er durch die Rundbogenöffnung in den Wohnbereich, der ebenfalls recht geräumig war. Die Sofas sahen gemütlich aus, und auf dem Beistelltisch lagen Magazine und Broschüren. Schnell blätterte er durch die Seiten, ehe er sich die Minibar vornahm.

Nachdem er den kleinen Kühlschrank geöffnet hatte, nickte er anerkennend. Eine gut gefüllte Minibar war für Dylan ein absolutes Muss, auch wenn er sich nie daraus bediente. Schließlich ließ er sich in den Drehstuhl vor dem Schreibtisch fallen. Er checkte seine Mails, dann stand er auf, durchquerte den Raum, zog die Vorhänge zurück und trat auf den kleinen Balkon hinaus.

Der Ausblick war es wirklich wert, so viele Meilen zu reisen. Dylan genoss die warme Sonne auf seinem Gesicht. Jetzt konnte er verstehen, warum Adem von diesem Hotel auf Anhieb begeistert gewesen war.

Die Aussicht war grandios. Unterhalb des Hotels schlugen die Wellen der tiefblauen Ägäis gegen die Felsen, Gischt spritzte auf. Büsche und Wacholderbäume reckten ihre Zweige zum strahlend blauen Himmel. Dylan hatte zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder das Gefühl, dass er sich entspannen und den Moment genießen könnte.

Allerdings müsste er sich in erster Linie mit Sadie befassen und herausfinden, wie schlecht es tatsächlich um das Azure stand. Wobei Sadie seine Hilfe offenbar gar nicht wollte.

Nachdem er eine Weile versonnen übers Meer geschaut hatte, ging er wieder hinein. Sadie hatte inzwischen genug Zeit gehabt, ihren unglückseligen Buchhalter anzuschreien. Also setzte er sich wieder an den Tisch und rief Neal an.

Nach dem zweiten Klingen hob Neal schon ab und seufzte.

„Du wirst wohl kaum überrascht sein, meine Stimme zu hören“, sagte Dylan.

„Ja, ja, ich weiß.“ Neal klang gestresst. So kannte Dylan seinen alten Kumpel gar nicht. „Sie hat sich bereits gemeldet.“

„Das dachte ich mir“, meinte Dylan. „Also? Will sie mich rauswerfen, oder lässt sie zu, dass ich ihr helfe?“

„Sie akzeptiert deine Hilfe.“

„Weil sie verzweifelt ist.“

„Ziemlich.“

„Na toll.“ Dylan klang sarkastisch. „Ich liebe es, die letzte Hoffnung zu sein.“

Erneut seufzte Neal frustriert. „Du kennst Sadie, Dyl. Sie ist stolz. Und sie glaubt, dass sie ganz allein dafür verantwortlich ist, Adems Träume zu erfüllen.“

„Von dir hat sie sich helfen lassen.“ Was ihn immer noch ein wenig ärgerte, wie Dylan sich eingestehen musste.

„Klar, aber ich bin auch nicht so selbstgefällig wie du.“

Selbstgefällig? „Ich bin nicht …“

„Doch, bist du. Aber bitte nicht diese Woche.“ Neal klang jetzt ernst. Und das gefiel Dylan gar nicht.

„Steht es denn so schlecht?“, fragte er.

Neal schnaubte ungeduldig. „Hast du denn die Info nicht gelesen, die ich dir geschickt habe?“

„Natürlich habe ich sie gelesen.“ Nun ja, eigentlich eher unterwegs überflogen, was praktisch dasselbe war. Natürlich war Dylan daran interessiert, wie es um das Azure stand, aber er hatte einfach zu viele Projekte laufen. Außerdem musste er sich vor Ort erst einmal ein Bild machen, ehe er etwas sagen konnte.

„Sie braucht mehr als dein Geld, Dyl. Dein Geschäftssinn ist vor allem gefragt.“

„Dann soll ich sie also nur beraten?“

„Nein, sie braucht auch Kapital“, erklärte Neal. „Sie will unbedingt Adems Traum erfüllen und aus dem Azure ein erfolgreiches Hotel machen.“

Typisch Sadie. Sie fühlte sich Adem immer noch verpflichtet. Weil sie ihn über alles geliebt hatte.

„Einfach wird es nicht.“ Das lag auf der Hand. Sonst hätte Sadie nie zugestimmt, sich von ihm helfen zu lassen. Hätte sie es allein geschafft, würde sie seine Hilfe niemals in Anspruch nehmen.

„Wahrscheinlich nicht“, stimmte Neal zu. „Aber Adems Traum könnte Wirklichkeit werden. Und Sadies.“

Genau deshalb würde Dylan ihr helfen.

„Ich werde heute Abend mit ihr essen.“ Er griff nach einem Blatt Papier mit dem eingravierten Logo des Azure und nahm einen Stift. „Womit soll ich denn anfangen?“

„Es muss wie ein richtiges Geschäft rüberkommen“, sagte Neal. „Nicht wie eine Rettung aus Mitleid, auch wenn es eigentlich so ist.“

Mitleid? Es war viel mehr als das. Dylan konnte den Gedanken nicht ertragen, dass Sadie so hart ums Überleben kämpfen musste. Deshalb würde er alles tun, um sie zu unterstützen. Und er vermutete, dass Neal das auch wusste.

„Wie soll ich sie davon überzeugen, dass es kein Mitleid ist?“

„Indem du zulässt, dass sie dir das Azure und Kusadasi als eine ernst zu nehmende Investition vorstellt. Sie muss das Gefühl haben, dass du auch dann investieren würdest, wenn sie nicht beteiligt wäre. Lass sie ihren Vorschlag machen, dann kannst du entscheiden, ob du dein Geld reinstecken möchtest.“

Plötzlich begann ein Plan in ihm Gestalt anzunehmen. „Okay“, sagte Dylan, während ein Lächeln um seine Lippen spielte.

Seufzend stand Sadie vor ihrem Kleiderschrank. Sie fand einfach nicht das Richtige für heute Abend. Hätte Neal ihr gesagt, dass Dylan kommt, hätte sie noch Zeit gehabt, shoppen zu gehen. Wobei sie es natürlich nicht getan hätte. Denn Dylan sollte sich auf keinen Fall einbilden, dass sie sich seinetwegen neu einkleidete.

Was sollte sie nur anziehen? Ein schwarzes Kostüm? Nein, das war zu konservativ für ein Essen mit einem alten Freund, auch wenn es nur um Geschäftliches ging. Ein graues Etuikleid mit züchtigem Ausschnitt? Es sah langweilig aus und ließ sie noch unscheinbarer wirken, als sie sich fühlte.

Hatte sie früher nicht schicke, farbenfrohe Kleider besessen? Adem hatte mit seinem Tod alle Farbe und Helligkeit aus ihrem Leben gelöscht, was sich selbst in ihrer Garderobe widerspiegelte.

Sadie griff nach hinten in den Schrank und nahm ein Kleid aus Satin heraus. Es war hellrot, sah sehr verführerisch aus. Ihre Schwester hatte sie bei ihrer letzten Shoppingtour in London dazu überredet, ehe Sadie und Adem in die Türkei gezogen waren. Bis jetzt hatte sie nicht mehr den Mut gefunden, es anzuziehen. Zumal Rachel ihr erklärt hatte, es sei das perfekte Kleid, um Adem davon zu überzeugen, Finn noch einen kleinen Bruder oder eine Schwester zu schenken.

Nein, für den heutigen Abend war es sicher nicht das richtige Outfit.

Deshalb entschied sie sich für ein schwarzes Kleid, das sie zu offiziellen Anlässen immer trug.

Seufzend ließ Sadie sich aufs Bett fallen. Dies war ihre letzte und einzige Chance. Und sie konnte es sich nicht erlauben, an Dylan als Adems alten Freund zu denken. Dylan war für sie nicht länger der Mann, der zweiundzwanzig Jahre mit Adem befreundet gewesen war.

Sie schluckte, blinzelte die Tränen weg. Ihr Problem war, dass sie in Dylan eben doch diesen Mann sah. Gegen ihren Willen musste sie daran denken, was sie einmal gefragt hatte. Nämlich ob sie je darüber nachgedacht hatte, was vielleicht passiert wäre, hätte sie ihn und nicht Adem zuerst kennengelernt.

Hastig stand sie auf. Sie liebte ihren Ehemann – und das würde immer so sein. Sie wollte seine Erinnerung für ihren Sohn bewahren, indem sie das Hotel rettete. Für sie ging es jetzt nur ums Geschäft, und sie war sicher, dass es für Dylan auch so war.

Inzwischen wusste sie, was es hieß, ein Hotel zu führen, und das wollte sie Dylan klarmachen. Er musste wissen, dass sie nicht mehr das Mädchen von früher war. Sie war erwachsen geworden, hatte dazugelernt und sich verändert. Und sie könnte das Azure allein retten, brauchte lediglich eine Finanzspritze von ihm.

Sadie war als Erste unten in der Bar und bestellte beim Barkeeper zwei Gläser vom hiesigen Weißwein. Sie wies den Mann an, den Chefkoch zu bitten, Spezialitäten der Region zu servieren. Vielleicht konnte sie so Dylans Interesse an Kusadasi wecken.

Seufzend trank sie einen Schluck Wein. Zum ersten Mal an diesem Tag hatte sie das Gefühl, wieder alles unter Kontrolle zu haben. Dylans unerwartetes Auftauchen hatte sie zwar geschockt, aber es brauchte mehr als das, um Sadie Sullivan völlig aus dem Konzept zu bringen.

Plötzlich stand er in der Tür, und sie hätte sich fast an ihrem Wein verschluckt. Er sah viel zu gut aus in seinem dunkelblauen Anzug und dem Hemd, das am Kragen offen stand.

Seltsam. Sie hatte ganz vergessen, wie attraktiv er war. Sicher, er hatte immer gut ausgesehen, doch jetzt wirkte er reif, seriöser. Aber der Schein trog. Denn sie wusste von Neal, dass er noch derselbe Playboy war wie früher.

„Du siehst toll aus.“ Dylan gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Sadie ignorierte den wohligen Schauer, der sie überlief. „Und du bist noch genauso ein Charmeur wie früher“, schalt sie Dylan, und wurde mit einem frechen Grinsen belohnt. „Setz dich.“ Sie deutete auf den Barhocker neben sich. „Wein für dich.“

Er schwang sich auf den Hocker, nahm sein Handy aus der Tasche und legte es auf die Bar, ehe er nach seinem Glas griff.

„Der ist gut“, meinte er nach dem ersten Schluck. „Ist der Wein von hier?“

Sie nickte. „Alles, was du heute Abend bekommst, stammt aus der Region. Noch ein Grund mehr, warum du in Kusadasi und das Azure investieren solltest.“

„Na, das nenne ich mit der Tür ins Haus fallen.“

„Deswegen bist du doch hier, oder nicht?“ Es war am besten, sofort auf den Punkt zu kommen, entschied sie. Dieses Abendessen hatte nichts mit der Vergangenheit zu tun. Es ging nur ums Geschäft.

„Ja, sicher.“ Dylan lehnte sich gegen die hölzerne Rücklehne und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Dann mach weiter. Ich bin bereit, mich überzeugen zu lassen.“

„Was das Essen betrifft?“, fragte Sadie, plötzlich verunsichert.

„Nein, in Bezug auf das Hotel. Du hast recht, es geht ums Geschäft. Auch wenn ich persönlich dir gerne so viel Geld geben würde, wie du brauchst, sind die Aktionäre und die Mitglieder des Vorstands vielleicht nicht so erpicht darauf. Deshalb musst du mich davon überzeugen, dass es sich lohnt, in das Azure zu investieren, ehe ich zustimmen kann.“

Er klang sachlich, auch wenn er zugegeben hatte, dass er sie aus Mitleid retten würde, wenn er könnte. Genau das, was Sadie nicht wollte. Er sollte kein Mitleid haben mit der armen Witwe. „Also“, sagte sie scharf. „Womit sollen wir anfangen?“

3. KAPITEL

Kaum hatte man sie zu ihrem Tisch geführt – offensichtlich der beste, den es in diesem Haus gab –, begann Sadie, die Fakten vor ihm auszubreiten. Dylan versuchte sich darauf zu konzentrieren, als sie ihm aufzählte, wie viele Zimmer es gab, wie sie eingerichtet waren und so weiter, aber nur wenig davon blieb hängen. Denn er konnte die Augen nicht von ihr lassen.

Sadie war noch genauso schön wie früher, wobei ihre Schönheit nur vordergründig mit ihrem Äußeren zu tun hatte. Jetzt wirkte sie allerdings zerbrechlicher, distanzierter. Und irgendwie noch verbotener als damals zusammen mit Adem.

Es tat ihm weh zu sehen, dass ihr Leuchten verblasst war. Vielleicht konnte ihr diese Woche auch in anderer Hinsicht nutzen. Natürlich würde er ihr mit dem Hotel helfen, aber er wollte auch versuchen, wieder dieses Leuchten in ihr zu entzünden. Wollte sicherstellen, dass es ihr hier wirklich gut ging – allein mit einem heruntergekommenen Hotel, einem kleinen Jungen und ihren Erinnerungen.

Aber nur als Freund. Denn es war offensichtlich, dass sie ihn nicht näher an sich heranlassen würde, das hatte sie noch nie getan. Er konnte ihr bloß das Geld anbieten, das sie brauchte, und vielleicht seine Unterstützung bei geschäftlichen Dingen. Danach würde er wieder verschwinden. Er war nicht Adem, konnte ihn nicht ersetzen.

Dylan kannte sich und wusste daher, dass er seinem Vater viel zu ähnlich war, um sich nur auf eine Sache einzulassen, wenn das nächste Projekt schon am Horizont wartete. Also war er bloß vorübergehend hier, und das war in Ordnung für ihn.

Was hieß, dass er nur eine Woche Zeit hatte, um einen Plan für das Azure zu entwickeln. Also sollte er sofort damit anfangen. Prioritäten setzen, Dylan.

Die Vorspeisen wurden serviert, ohne dass man ihm die Speisekarte gereicht hätte. Die Platte mit dem Fisch sah so vielversprechend aus, dass es ihm egal war. Zumindest das Essen und der Wein im Azure waren gut.

„Hat Adem dir das erzählt?“, fragte er, nachdem Sadie endlich alles heruntergerasselt hatte und nach einem frittierten Calamares griff.

„Nein“, antwortete sie. „Nun ja, vielleicht zum Teil.“

„Aber es ist sein Plan, stimmt’s?“ Er kannte Adem, seit sie beide achtzehn gewesen waren.

„Wie kannst du nur glauben …? Wir haben natürlich zusammen daran gearbeitet.“

„Sicher. Aber es war sein Traum.“ Dylan nahm sich ebenfalls von den Calamari in der Hoffnung, dass sie so gut schmeckten, wie sie aussahen. Denn zähe Calamari konnten ein ganzes Essen ruinieren. Doch sie waren perfekt.

„Sein Erbe.“ Sie zuckte die Schultern. „Er wollte unserer Familie hier die Zukunft sichern.“

Familie … Hör auf, Sadie anzustarren, und konzentrier dich auf das Wesentliche. „Wo steckt Finn überhaupt?“

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Dylan bedauerte schon beinahe, gefragt zu haben. „Er ist diese Woche bei meinen Eltern. Wenn du wieder weg bist, fliege ich nach England, um ihn abzuholen.“

„Hast du ihn wegen mir weggeschickt?“ Der Gedanke tat weh. Auch wenn er Finn seit seiner Geburt kaum gesehen hatte, war er trotzdem sein Nennonkel.

Sadie warf ihm den gleichen Blick zu wie damals, als sie zweiundzwanzig gewesen waren und er sich wie ein Idiot aufgeführt hatte. „Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, dass ausgerechnet du hier auftauchst. Also war das nicht der Grund. Er kommt nächstes Jahr in die Schule, und meine Eltern wollten ihn außerhalb der Ferien noch einmal bei sich haben.“

Dylan spürte, dass noch etwas anderes dahintersteckte, doch es wäre ein Fehler, sie zu bedrängen. Er musste Geduld haben. Irgendwann würde sie sich ihm schon wieder öffnen.

Ein Kellner räumte ihre Vorspeisenteller ab, während ein anderer den Hauptgang brachte. Ein würziges, köstlich aussehendes Lamm-Stew.

„Also schön, jetzt kenne ich deine großartigen Pläne“, meinte Dylan zwischen zwei Bissen. „Wie weit bist du denn überhaupt damit gekommen?“

Sadie legte ihre Gabel beiseite. „Wie du ja gesehen hast, sind die Lobby, das Restaurant und die Bar fertig. Auch das Spa. Außerdem der oberste Stock mit der Penthousesuite, in der du untergebracht bist. Und die Luxusdoppelzimmer im ersten Stock.“

„Und was muss noch gemacht werden?“ Er versuchte, sich daran zu erinnern, wie viele Stockwerke das Hotel hatte. „Noch weitere vier Stockwerke? Dazu eine neue Rezeption und Veranstaltungsräume?“

Sie nickte. „Wir hatten einen Zeitplan erstellt, aber …“

„Das Geld ist ausgegangen.“ Was ihn nicht überraschte. Zu oft hatte er so etwas erlebt, selbst bei Projekten, die nicht von einer solchen Tragödie überschattet wurden.

„Ja. Aber wir haben trotzdem geöffnet, damit wir genug Geld einnehmen, um weitermachen zu können. Doch einige Zimmer sind noch unbewohnbar, sodass wir nie besonders stark belegt sind.“

„Was ist mit der Anlage draußen?“ Ein wichtiger Punkt bei einem Klima wie diesem.

„Der Außenpool muss neu gekachelt und der Weg zum Strand ausgebessert werden. Der Pool innen gehört Gott sei Dank zum Spa, also ist er gleich zu Anfang mit renoviert worden, bevor …“ Ihre Stimme brach.

„Es gibt noch viel zu tun“, schloss Dylan nüchtern.

„Deshalb brauchen wir dein Geld.“

Er sah auf seinen leer geputzten Teller. „Allein das Essen ist es schon wert, in dieses Hotel zu investieren. Es war köstlich.“

Sadie errötete. „Freut mich, dass es dir geschmeckt hat. Aber ich fürchte, das genügt nicht, um deine Anteilseigner zu überzeugen.“

„Vielleicht nicht. Ich werde dir ein bisschen über mein Unternehmen erzählen, dann kannst du entscheiden, ob du willst, dass wir einsteigen. Falls ja, können wir darüber sprechen, was ich noch sehen und tun muss und welche Fragen noch offen sind, ehe ich dem Vorstand meinen Vorschlag unterbreite.“ Da er den Eindruck hatte, dass sie aufrichtig zu ihm gewesen war, wollte er es ihr gegenüber auch sein.

„Mein Unternehmen ist grundsätzlich nur an lohnenden Investitionen interessiert. Meistens übernehmen wir gescheiterte Geschäftsprojekte, reißen sie entweder ab oder bauen sie neu auf, um sie dann weiterzuverkaufen.“

„In diesem Fall ist das Azure wohl perfekt geeignet.“ Sie griff nach ihrem Wein, diesmal ein roter, und nahm einen Schluck.

„Entscheidend ist, dass das Projekt das Potenzial hat, ein Erfolg zu werden“, stellte er klar. „Und dass der Richtige die Sache in die Hand nimmt.“

„Also du.“ Sie klang skeptischer, als Dylan es für nötig hielt.

„Oder wer auch immer die Verantwortung übernimmt. In diesem Fall müssen wir sicher sein, dass du allein zurechtkommst – mithilfe unseres Geldes und unserer Einweisung.“ Er sollte ihr gleich klarmachen, dass er nicht bleiben würde, wobei sie das seiner Meinung nach auch gar nicht wollte.

„Verstehe.“

„Außer, du lässt das Hotel abreißen, von jemand anderem wieder aufbauen, und wartest, bis das Geld kommt.“ Er wusste, dass sie dem nicht zustimmen würde, obwohl er fast schon darauf hoffte. Es wäre das Einfachste, aber Sadie hatte noch nie den einfachen Weg gewählt.

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber ich habe mich verpflichtet, dieses Hotel zum Laufen zu bringen. Für Adem.“

„Das sagtest du bereits. Vermutlich hast du nie daran gedacht, den Namen zu ändern, oder?“

„Nein.“ Neugierig sah sie ihn an. „Warum auch? Was ist falsch daran?“

„Nichts.“ Dylan seufzte, als sie ihn eindringlich fixierte. Er hätte wissen müssen, dass sie sich mit dieser Antwort nicht zufriedengeben würde. „Ich habe mal schlechte Erfahrungen in einem Hotel Azure gemacht.“

Sadie lächelte spöttisch. „Lass mich raten. Irgendein gehörnter Ehemann ist im falschen Moment aufgetaucht?“

Natürlich musste sie auf diesen Gedanken kommen, das konnte er ihr nicht einmal übel nehmen. „Du kennst mich.“ Aber nicht all seine Geheimnisse, was wahrscheinlich auch gut war, für sie beide.

„Wenn wir also nicht abreißen, wie kann ich dich dann überzeugen, dass dieses Hotel deine Zeit, dein Geld und deine Arbeit wert ist?“

Im Grunde könnte er seine Entscheidung wahrscheinlich anhand der Bilanzen treffen. Was bedeuten würde, dass er morgen nach Sydney zurückfliegen könnte, statt Zeit mit Sadie zu verbringen. Nein, er musste ihr eine reelle Chance geben, ihn zu überzeugen.

„Also, hier ist mein Vorschlag. Ich will mir das Hotel genau ansehen. Danach die Umgebung, damit ich ein Gefühl dafür kriege, was möglich ist. Zahlen sind gut und schön, aber man muss auch den Ort auf sich wirken lassen. Dann setzen wir uns zusammen hin und überlegen, wie ich dir helfen kann, das Hotel zu erhalten.“

„Okay. Soll ich dir eine Führung beim hiesigen Reisebüro buchen?“

Bitte nicht! „Nein. Es wäre viel besser, wenn du mir selbst alles zeigst.“ So würde er vielleicht auch herausfinden, wie Sadie nach dem Tod ihres Mannes zurechtkam.

Als sie zustimmend nickte, lächelte Dylan in sich hinein. Alles lief nach Plan.

Nach einer unruhigen Nacht traf Sadie Dylan am nächsten Morgen in der Lobby. Sie hatte ihr bestes schwarzes Kostüm angezogen und war entschlossen, ihn mit ihren Fähigkeiten zu beeindrucken. Sein Vorschlag war sehr fair gewesen. Neal musste ihm gesagt haben, in welcher Notlage sie sich mit dem Azure befand. Trotzdem hatte Dylan zugestimmt, sich alles anzusehen, ehe er eine Entscheidung traf.

Erstaunt registrierte sie, dass Dylan zu diesem Treffen eine leichte Baumwollhose und ein hellblaues Hemd mit lässig hochgekrempelten Ärmeln trug. Nicht gerade das, was man bei einem Geschäftstreffen erwarten würde.

„Dann lass uns gleich aufbrechen“, schlug er vor. „Wir müssen uns heute einiges ansehen.“

„Noch eins, ehe wir anfangen. Ich habe gestern vergessen, dir etwas zu zeigen. Und das solltest du auf keinen Fall verpassen.“

Sie ging voraus zu den Fenstern. Dylan folgte ihr, den Blick auf sein Handy gerichtet. „Ach, wirklich? Was denn?“

„Unsere Aussicht.“ Sadie schaute aus dem Fenster auf das türkisblaue Meer, das fast die gleiche Farbe wie der Himmel hatte, an dem weiße Wölkchen entlangzogen. Das Hotel lag hoch genug, sodass man über das Wasser bis zur Küste sehen konnte. Das Herz ging ihr auf, wie immer, wenn sie diesen spektakulären Ausblick genoss. Was auch immer hier geschehen war, sie war glücklich, in einem so wunderschönen Land leben zu können. Das durfte sie nie vergessen.

„Es gibt einen Weg hinter dem Hotel, der direkt zum Strand führt“, murmelte sie, doch Dylan schien sie gar nicht zu hören, war voll und ganz in die überwältigende Aussicht vertieft. Sie hatte gewusst, dass er sich diesem Anblick nicht entziehen könnte.

Dylan wirkte genauso begeistert wie sie selbst damals, als Adem sie mit diesem Ausblick überredet hatte, das heruntergekommene Hotel wieder aufzubauen. Sadie lächelte in sich hinein. Vielleicht würde die Sache einfacher werden als gedacht.

„Natürlich wäre die Aussicht immer noch dieselbe, auch wenn du das alte Gebäude niederreißen und ein neues bauen lassen würdest“, scherzte Dylan. „Man könnte hier in der Lobby eine Glasfront einsetzen und in den Zimmern mit Seeblick Glastüren und Balkone. Die Vorzüge des Hotels müssen voll zur Geltung kommen – und wenn du schon dabei bist, solltest du den Namen ändern …“

Sadie verdrehte die Augen. Irgendeine Frau – oder deren Ehemann – musste ihn in einem Hotel Azure ausgetrickst haben. Seltsam, dass ausgerechnet diese Geschichte ihr nie jemand erzählt hatte.

War das der Grund, warum Dylan keinen Blick für den Charme dieses Hauses hatte? Dieses alte Gebäude bestand aus mehr als nur aus Steinen und der Aussicht. Es war das Herz des Ganzen.

„Komm, starten wir unsere Tour. Aber denk daran, es geht nur ums Geschäft. Ich will, dass du mich genauso behandelst wie jeden anderen Kunden. Ich bin hier, um dich zu beeindrucken. Also, was willst du dir als Erstes ansehen?“

Dylan schenkte ihr ein schiefes Lächeln. „Dann lass uns mit den Schlafzimmern anfangen.“

„Mit den Suiten? Oder den Luxusdoppelzimmern?“

„Mit denen, die nicht bewohnbar sind“, sagte Dylan und nahm ihr damit jede Hoffnung, ihn beeindrucken zu können. Sadie verfluchte sich im Stillen für ihre lockere Zunge beim Abendessen. Das musste am Wein gelegen haben.

„Hier entlang“, sagte sie, und ihr Lächeln erlosch, als sie sich abwandte und zum Lift ging.

Die Schlafzimmer sahen schlimmer aus, als Sadie sie in Erinnerung hatte. Viel schlimmer.

„Hier muss einiges gemacht werden“, bemerkte Dylan, womit er einen Preis für die Untertreibung des Jahres gewonnen hätte. Sadie seufzte, als sie die zerbrochenen Fliesen betrachtete, die zerrissenen Tapeten und die seltsamen schwarzen Flecken auf dem Boden. Es gab weder ein Bett noch Teppiche.

„Ja“, räumte sie ein. „Das wird einiges kosten.“ Falls etwas Dylan zum Aufgeben bewegen konnte … dann das hier. Und sie hatte ihn direkt hierhergeführt. Warum hatte sie ihm überhaupt die Wahl überlassen?

Doch Dylan zuckte nur die Schultern und lächelte. „Ich habe schon Schlimmeres gesehen. Okay. Dann schauen wir uns jetzt die Zimmer an, die bereits fertig sind.“

Nachdem sie ihren Rundgang beendet hatten, war Sadie völlig erschöpft von all den detaillierten Fragen, die Dylan ihr gestellt hatte. Zumindest konnte sie sich nicht beschweren, dass er die Sache nicht ernst nahm.

Zurück in der Lobby, warf sie einen Blick auf die handgeschriebene Liste der Dinge, die sie für ihn nachsehen musste. Es waren bereits zwei Seiten, dabei war er noch nicht einmal einen Tag da.

„Ich gehe jetzt besser ins Büro und gebe meine Notizen in den Computer ein“, sagte sie.

„Ich bin noch nicht fertig mit unserer Besichtigung, Mrs. Sullivan“, bemerkte er lächelnd. „Als Nächstes möchte ich die Stadt anschauen.“ Er sah an ihr hinunter. „Warum ziehst du dir nicht etwas Passenderes an für eine Sightseeingtour?“

Etwas Passenderes … Was stellte er sich denn vor? Ein Hawaiihemd und eine Gürteltasche? Sadie verkniff sich die Bemerkung und sagte stattdessen: „Gib mir zehn Minuten.“

Er nickte, aber da er bereits den Blick auf sein Handy gerichtet hatte, war sie nicht sicher, ob er überhaupt mitbekam, dass sie verschwand.

Auf dem Weg zu ihrem Zimmer ging sie in Gedanken noch einmal den Vormittag durch. Dylan schien wenig begeistert von dem Hotel und hatte mehr Fragen als Lob gehabt. Kusadasi hingegen mit seiner blühenden Wirtschaft und den vielen Touristen würde ihn beeindrucken. Sie musste nur dafür sorgen, dass er das auch registrierte.

4. KAPITEL

Es fühlt sich fast wie ein Date an, dachte Dylan, als sie ins Stadtzentrum fuhren. Das Azure lag ein bisschen außerhalb, man konnte nicht zu Fuß in die Stadt gehen. Ein weiterer Minuspunkt. Doch mit Sadie neben sich, die nun ein helles Sommerkleid trug, die Haare offen über den Schultern, fiel es ihm schwer, sachlich zu bleiben.

Denn genau davon hatte er früher geträumt, ohne es sich richtig einzugestehen: dass er mit ihr allein war, etwas Neues erkundete. Damals, als er darüber nachgedacht hatte, wie es wohl wäre, wenn er Sadie als Erster kennengelernt hätte.

Diese Fantasien hatte er sich nicht oft gestattet. Denn er hatte schon früh gelernt, dass es sinnlos war, sich eine andere Realität zu wünschen, außer man war bereit, etwas zu ändern.

Adem war der Richtige für Sadie gewesen, das hatte Dylan immer gewusst. Er selbst hätte ihr nicht einmal halb so viel bieten können. Deshalb hatte er es gar nicht erst versucht, zumal er seine Freundschaft zu den beiden nicht aufs Spiel hatte setzen wollen. Eine Frau wie Sadie brauchte Liebe und Sicherheit – ein ganzes Leben lang. Das zu geben, war er nicht in der Lage.

Als er Sadie jetzt betrachtete, erwachten seine Fantasien von Neuem. Er stellte sich einen Moment vor, dass sie ihn hier haben wollte, nicht nur wegen seines Geldes.

Als die Ampel rot wurde, blieb sie abrupt stehen, und er kehrte in die Wirklichkeit zurück. Wäre dies ein Date, würde Sadie ihn anlächeln, statt angespannt und nervös zu sein. Und er würde nicht dieses altbekannte Schuldgefühl verspüren, das immer da gewesen war.

Außerdem würde er hinterm Steuer sitzen.

Die Ampel schaltete auf Grün. Sadie fuhr an den wartenden Autos vorbei und schlängelte sich gekonnt in einen plötzlich frei gewordenen Parkplatz bei der Marina, den Dylan nicht einmal bemerkt hatte. Auch wenn er im Ausland oft selbst gefahren war, war er diesmal froh, nur Beifahrer zu sein. Es freute ihn zu sehen, dass Sadie hier so gut zurechtkam.

„Sieh dir nur das Meer an“, meinte sie, nachdem sie ausgestiegen waren. „Es gibt dir ein Gefühl für diesen Ort.“

Sie standen am Geländer und sahen auf die Ägäis hinaus. Dylan spürte, wie ihm innerlich plötzlich ganz warm wurde, was sicher nicht nur an der Sonne lag. Ihm gefiel Sadies Gesellschaft ein wenig zu sehr. Ihre Gegenwart hatte er immer entspannend gefunden, hatte sich vorher allerdings nie erlaubt, sich diesem Gefühl zu sehr hinzugeben. Aber hier und jetzt fühlte es sich viel zu selbstverständlich an.

Dylan schloss die Augen gegen die gleißenden Strahlen der Sonne, die sich im Wasser spiegelten. Er musste sich darauf konzentrieren, dass er nur aus geschäftlichen Gründen hier war, und konnte es sich nicht leisten, sich ablenken zu lassen.

Er öffnete die Augen, verschloss sich dem wunderschönen Anblick und der heißen Sonne und richtete seine Aufmerksamkeit stattdessen auf praktische Aspekte. Eine Marina mit teuren Jachten und weiter vorne Kreuzfahrtschiffe. Plötzlich wusste er genau, warum Sadie ausgerechnet hier geparkt hatte.

„Soll das ein Wink mit dem Zaunpfahl sein, dass Kusadasi ein beliebtes Ziel für Kreuzfahrtschiffe ist?“ Er musterte Sadie forschend.

Sie warf ihm ein unschuldiges Lächeln zu. „Reiner Zufall. Aber es stimmt tatsächlich. Dieser Ort lebt vom Tourismus. Die Schiffe legen hier regelmäßig an, und die Touristen gehen in die Stadt und geben ihr Geld für Souvenirs aus.“

Was zunächst nicht schlecht klang. „Aber wie viele schaffen es den Hügel hinauf zum Azure?“

„Das ist nicht der Punkt.“

„Doch, ist es. Wofür brauchen all die Touristen ein Hotel, wenn sie nur einen Tag hier sind?“, wollte er wissen und bemerkte, wie sie zusammenzuckte.

„Die Kreuzfahrtschiffe stellen nur einen kleinen Teil der Tourismusindustrie hier dar – im Grunde eröffnen sie einen ganz neuen Markt. Denn einige der Leute, die für einen Tag hier sind, haben vielleicht vorher nie daran gedacht, die Türkei zu besuchen. Doch wenn sie ein paar Stunden in Kusadasi verbringen, entscheiden sie möglicherweise, noch einmal zu kommen und dann länger zu bleiben.“

Eine vage Möglichkeit. Menschen, die Kreuzfahrten liebten, so, wie seine Mutter und ihr dritter Ehemann, begaben sich immer wieder auf Kreuzfahrt. Aber wer weiß? Vielleicht hat Sadie recht, dachte Dylan. Er brauchte mehr Fakten, ehe er sein Urteil fällen konnte.

„Na schön.“ Er stieß sich vom Geländer ab. „Und was bietet die Stadt, das ihnen einen Grund gibt, wiederzukommen?“

„Jede Menge Geschichte“, entgegnete Sadie prompt. „Einkaufen, Atmosphäre, Essen. Alles.“

„Dann zeig mir alles.“

„Das könnte eine Weile dauern.“

Dylan zuckte die Schultern. „Wir haben den ganzen Tag Zeit. Also, was liegt als Nächstes an?“

„Lass uns ein Stück gehen.“

Sie schlenderten über die Strandpromenade, die zu einer kleinen Insel führte, die durch eine Mole mit dem Festland verbunden war. Dylan widerstand dem Drang, den Arm um Sadie zu legen oder ihre Hand zu halten. Dass er überhaupt den Wunsch verspürte, machte ihn nervös. Nicht nur, weil es um Sadie ging, sondern weil er sonst nicht der Typ war, der am helllichten Tag Händchen hielt.

Sadie ging voraus zu der Mole, die zur Insel führte. Dylan lenkte sich ab, indem er sich die Verkaufsstände ansah, die Touristen mit kitschig bunten Armreifen und Henna-Tattoos anlockten. Dahinter boten Fischer Ausflugstouren an.

„Wie heißt die Insel?“, fragte er und nickte zu dem Eiland, das mit Bäumen bewachsen war. Es schien, als wäre die Insel von einer Befestigungsmauer umgeben. Touristen und Einheimische spazierten den Pfad entlang, der um die Insel führte.

„Pigeon Island“, antwortete Sadie. „Siehst du das da drüben über den Bäumen? Das ist die Festung von Kusadasi, erbaut im dreizehnten Jahrhundert. Sie sollte das Osmanische Reich vor den Piraten schützen, einschließlich Barbarossa höchstpersönlich.“

„Ich ahnte ja nicht, dass mir auch noch eine Geschichtsstunde geboten wird.“

„Es gibt hier viel Geschichtliches zu besichtigen“, erklärte Sadie. „Und viele Touristen kommen deswegen her. Warte nur ab, bis du erst die Karawanserei gesehen hast.“

„Ich freue mich schon darauf.“ Geschichte interessierte ihn eigentlich nicht besonders, doch Sadie war so begeistert, dass er schwieg. Vielleicht würde es interessanter sein, als er glaubte, einmal zurückzuschauen statt vorwärts.

„Es gibt hier ein Fischrestaurant und ein Café“, sagte Sadie, als sie den Weg um die Insel erreicht hatten. „Aber ich denke, wir kehren in die Stadt zurück und essen dort zu Mittag. Zuerst solltest du dir allerdings das hier ansehen.“

Sie drehte sich um, und Dylan folgte ihrem Blick. Er musste zugeben, dass Kusadasi mit dem geschäftigen Hafen und der Strandpromenade von hier aus sehr sehenswert war. Nun verstand er, warum Adem diesen Ort so geliebt hatte.

„Fühlst du dich in der Türkei jetzt zu Hause?“, fragte Dylan.

Überrascht hob sie die Brauen. „Ich denke doch. Wir sind ja schon ein paar Jahre hier und haben uns ziemlich gut eingelebt. Ich komme mit der Sprache zurecht, obwohl Finn noch besser ist als ich.“

„Das ist nicht das Gleiche, wie sich zu Hause fühlen.“

„Weißt du, ich habe nicht erwartet, mich nach Adems Tod überhaupt noch irgendwo zu Hause fühlen zu können.“

Dylan wandte den Blick ab. Er schaute über das Wasser und versuchte sich vorzustellen, was sie in Kusadasi hielt. Vor allem, wenn man bedachte, wie fremd und einsam sie sich ohne Adem fühlen musste.

Sadie schüttelte die traurige Stimmung ab und fragte lächelnd: „Und was ist mit dir? Wo fühlst du dich zu Hause? Neal hat erzählt, dass du meistens von Sydney aus operierst?“

„Meistens, ja. Meine Mutter ist aus England weggezogen und nach Australien zurückgekehrt, als sie wieder geheiratet hat. Meine Schwester lebt inzwischen auch dort.“ Diesmal vertraute er darauf, dass sie vielleicht auch bleiben würden, jetzt, da beide ein wenig Glück im Leben gefunden hatten. Er fühlte sich leichter bei dem Gedanken, dass die beiden endlich ein richtiges Zuhause hatten.

„Siehst du sie oft?“, wollte Sadie wissen.

„Das Land ist groß. Ab und zu laufen wir uns über den Weg.“

„Zwischen deinen Geschäftsreisen?“

Hatte sie vorwurfsvoll geklungen? Doch er würde sicher kein schlechtes Gewissen haben, nur weil er ein erfolgreiches Unternehmen leitete. Auch wenn das hieß, dass er seine Familie nicht oft sah.

„So ungefähr. Ich verbringe mehr Zeit im Flieger als in meinen Apartments in Sydney und London.“

Es hatte ein Scherz sein sollen, doch kaum waren die Worte heraus, wurde ihm bewusst, dass er noch nie zuvor richtig darüber nachgedacht hatte. All die Jahre hatte er versucht, seiner Familie eine Heimat zu geben, und nicht einmal gemerkt, dass ihm selbst ein richtiges Zuhause fehlte. In Wahrheit fühlte er sich nirgendwo verwurzelt. Jedenfalls nicht so wie Sadie in diesem Land.

Heimat.

Sadie dachte noch einmal über Dylans Frage nach, während sie mit ihm zurück in die Stadt ging. Diesmal nahm sie den längeren Weg, damit er ein richtiges Gefühl für Kusadasi bekam.

Sie schlenderten durch die engen Gassen mit dem Kopfsteinpflaster, in denen sich ein Geschäft an das andere reihte. Die Hälfte des Warenbestands hing draußen – bunte Bauchtanzkleider und Lederschuhe neben teuren Teppichen, Stangen voller Schals oder Körben mit Seife. Der Geruch von gekochtem Essen hing in der Luft.

Sadie merkte, wie Dylan all die verschiedenen Eindrücke in sich aufnahm. War sie bei ihrem ersten Besuch hier genauso fasziniert gewesen? Es schien schon so lange her zu sein, dass sie sich kaum noch erinnern konnte.

Würde sie sich hier je wirklich zu Hause fühlen? Oder würde sie Kusadasi immer nur als den Ort betrachten, an dem sie die Liebe ihres Lebens verloren hatte?

Heimat war für sie stets mit ihrer Familie verknüpft, mit dem hübschen englischen Städtchen außerhalb von Oxford, wo sie aufgewachsen war. Sie erinnerte sich daran, wie sie mit ihrer Schwester Rachel in den Wäldern gespielt hatte oder mit ihren Eltern am Wochenende spazieren gegangen war und sie dann irgendwo auf dem Land zu Mittag gegessen hatten.

Später hatte sie dann Adem und seine Freunde in Oxford kennengelernt, als sie ihren ersten richtigen Job bekommen hatte. Und sie dachte an die erste Wohnung in London, wo sie und Adem nach der Hochzeit gewohnt hatten.

Sadie liebte die Türkei, Kusadasi, das Azure. Aber vielleicht hatte Dylan recht. Wenn sie bleiben wollte, musste sie einen Weg finden, sich hier auch zu Hause zu fühlen.

Sie schlenderten über die Hauptstraße. Hier gab es größere Geschäfte und den üblichen Straßenverkaufsmarkt. Im Gegensatz zur Altstadt wirkte Kusadasi hier modern, und es war ihr wichtig, dass Dylan beide Gesichter der Stadt kennenlernte.

Plötzlich blieb er stehen. „Warte einen Moment.“ Er ging zu einem Stand, an dem sie eben vorübergegangen waren. Neugierig folgte Sadie ihm ein kleines Stück und verdrehte die Augen, als sie sah, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte. „Original nachgemachte Uhren“ wurden auf einem Schild angeboten. In gewisser Hinsicht war Dylan wie Adem. Sie hatten den gleichen verdrehten Sinn für Humor.

Aber Dylan wies den Verkäufer nicht auf seinen Irrtum hin, sondern unterhielt sich freundlich mit ihm, während er mit dem Handy ein Foto machte und die Uhren musterte. Noch etwas, was er mit Adem gemeinsam hatte. Mit seiner lockeren Art gewann er schnell Freunde. Sie beneidete ihn darum, weil sie diese Fähigkeit nicht besaß.

Als Nächstes stand die Karawanserei auf dem Programm. Die kleinen Geschäfte und Stände würden ihm sicher gefallen. Vorher musste sie allerdings etwas essen, ihr knurrte schon der Magen.

„Erst mal Lunch“, schlug sie vor. Sie bemerkte, wie Dylan seine sicher sehr teure Uhr in die Tasche steckte und sie durch die nachgemachte ersetzte, die er eben gekauft hatte.

„Großartig. Dann kann ich allen mein neues Spielzeug zeigen.“ Er wedelte mit der Hand, und Sadie musste lachen. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich tatsächlich zu Hause.

Als Dylan sah, wie überschwänglich Sadie von einer begeisterten Kellnerin umarmt wurde, vermutete er, dass sie hier regelmäßig Gast war. Trotz der langen Menschenschlange vor ihnen wurden sie sofort zu einem Tisch in der Mitte des Restaurants geführt, der unter dem hohen Glasdach stand. Wilder Wein rankte sich unter der Decke entlang und hielt die Hitze ab.

Sadie unterhielt sich mit der Kellnerin halb auf Englisch, halb auf Türkisch und erklärte ihm, dass sie Adems Cousine war. „Die meisten Mitglieder seiner türkischen Familie sind nach England gezogen, nachdem seine Mutter gestorben war. Aber eine Cousine und ein Onkel sind geblieben.“ Sie reichte ihm die Speisekarte. „Und, was würdest du gerne essen?“

„Ich bestelle heute mal selbst“, meinte er grinsend und wurde mit einem Lächeln belohnt. Er entschied sich für die Lamm-Kofta, eine Spezialität des Hauses.

Sadie bestellte einen Salat mit Hühnerbrust. „Und noch ein Fladenbrot extra“, meinte sie zu der Kellnerin.

Dann nahm sie ein Notizbuch aus ihrer Tasche und schlug eine leere Seite auf. Offensichtlich waren sie wieder beim Geschäft.

„Und, welchen Eindruck hast du bis jetzt?“

„Von Kusadasi? Eine reizende Stadt“, entgegnete er.

„Ich meine nicht nur die Stadt. Auch alles andere, meine Pläne für das Hotel und ob man mehr Touristen anlocken könnte.“

„Ich bin noch nicht einmal einen Tag hier“, gab Dylan zu bedenken.

„Ach, wirklich? Ich dachte, schon länger.“ Sie grinste schelmisch, um ihm zu zeigen, dass es ein Scherz sein sollte, aber Dylan vermutete, dass sie es ernst gemeint hatte. Denn auch er hatte das Gefühl, schon ewig hier zu sein. Und dass sie nie getrennt gewesen waren.

Ein sehr gefährliches Gefühl. Vielleicht hatte Sadie recht. Sie sollten sich wieder auf das Geschäftliche konzentrieren.

Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und überlegte, wie er sich ausdrücken sollte, damit sie ihm zuhörte und nicht verärgert reagierte.

„Deine Pläne stimmen mit denen überein, die Adem entworfen hat, als ihr hergezogen seid, stimmt’s? Und das war wann? Vor drei Jahren?“

„So ungefähr, ja. Ich bin so froh, dass er die Entwürfe gemacht hat. Ohne die Pläne wüsste ich nicht, wie ich das alles hätte schaffen können.“

„Meinst du, dass es sinnvoll ist, an Adems Plänen festzuhalten?“, wollte er wissen.

Als sie sich merklich anspannte, unterdrückte Dylan einen Seufzer. Er hatte ja geahnt, dass sie seine Bemerkung als Angriff empfinden würde.

„Du hast Adem genauso gut gekannt wie ich“, hielt Sadie ihm vor. „Also weißt du auch, dass er sich alles genau überlegt hat.“

Dessen war Dylan sich sicher. Trotz seiner Spontaneität war Adem immer sehr gründlich gewesen. „Ich meine nur, dass man flexibel sein muss, auch wenn man noch so gut geplant hat. Adem wusste das. Im Geschäftsleben ändern sich die Dinge ständig, vor allem sehr schnell. Drei Jahre sind eine lange Zeit, in der sich wirtschaftlich viel getan hat, auch hier. Deshalb muss man seine Pläne regelmäßig überdenken und sie, wenn notwendig, den neuen Gegebenheiten anpassen.“

„Ich dachte, du bist hier, um in mein Hotel zu investieren, und nicht, um mir kluge Ratschläge zu geben“, gab sie schnippisch zurück.

Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. „Ich bin hier, Sadie, weil ich dir alles zur Verfügung stellen will, was du brauchst. Damit du überleben, dein Hotel retten kannst und vielleicht sogar glücklich wirst. Aber dafür musst du mir vertrauen.“

5. KAPITEL

Ihm vertrauen?

Seit Adems Tod hatte Sadie gelernt, nur sich selbst zu vertrauen. Wer sonst würde sich denn so sehr wie sie um Finn und die Zukunft des Azure kümmern? Sicher, Neal hatte ihr geholfen, aber er hatte sich immer Adems Plan gebeugt.

Sie hätte wissen müssen, dass es mit Dylan nicht so einfach werden würde.

Ihr Essen wurde gebracht, und Sadie kostete von dem Salat und dem knusprigen Fladenbrot. Dylan erwartete offenbar, dass sie als Erste etwas sagte, denn er hüllte sich in Schweigen. Oder waren die Mails, die er auf seinem Handy erhielt, interessanter als ein Essen mit ihr? Und wenn schon, sie musste seine Aufmerksamkeit wiedergewinnen.

Seufzend legte sie das Stück, das sie gerade von dem Fladen abgerissen hatte, zurück auf den Teller.

„Ich weiß, dass der Markt sich verändert. Aber manchmal muss man sich erst einmal an den einmal gefassten Plan halten, um zu sehen, ob er funktioniert.“

Dylan schien ganz darauf konzentriert, sein Lamm zu verspeisen. Schließlich sagte er: „Und was ist, wenn du diese Zeit nicht hast?“

Das war genau die Frage, die sie nachts wach hielt. Genau deshalb war er ja hier, um ihr die nötige Zeit zu verschaffen, die Dinge ins Rollen zu bringen.

„Nur, weil du immer dem nächsten großen Projekt hinterherjagst, heißt das noch nicht, dass das auch richtig ist.“ Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit. „Wenn man auf jede neue Idee oder jeden neuen Trend anspringt, erweckt man den Eindruck von Unbeständigkeit. Adem hätte diesem Plan eine Chance gegeben.“

Als Dylan bei ihren Worten kaum merklich zusammenzuckte, wurde Sadie bewusst, dass er ihre Bemerkung vielleicht als persönlichen Angriff auffasste. Doch jetzt war es zu spät, ihre Worte zurückzunehmen.

„Na schön, ich gebe zu, dass Adem immer besser darin war als ich, sich auf etwas festzulegen“, gestand Dylan. „Sei es ein Plan oder etwas anderes. Aber er wusste auch, wann Veränderungen nötig waren. Deshalb war er ja auch so ein guter Geschäftsmann.“

Es frustrierte Sadie, dass er vermutlich recht hatte. In diesem Punkt hatte Dylan ihren Mann besser gekannt als sie. Seit dem Universitätsabschluss hatten sie zusammengearbeitet, bis Dylan im Ausland sein eigenes Unternehmen aufgebaut hatte. Bis dahin waren sie das Dreamteam des Unternehmens gewesen. Wenn jemand wusste, was Adem in dieser Situation getan hätte, dann Dylan. Und das verwirrte sie.

„Und wie geht es dann weiter? Du gibst mir eine Liste der Dinge, die im Azure verändert werden müssen, stellst mir das nötige Kleingeld zu Verfügung und verschwindest dann für ein halbes Jahr, damit ich die Veränderungen umsetzen kann?“, fragte sie. „Und danach? Du kommst zurück und forderst weitere Veränderungen, weil der Markt sich wieder verändert hat.“

Sie schüttelte den Kopf. Darauf würde sie sich nicht einlassen. „So funktioniert das nicht, Dylan. Und ich kann auch nicht so leben. Es ist nicht fair, mich darum zu bitten.“

„Das würde ich auch nie tun“, erwiderte Dylan scharf. „Ich meinte nur, dass wir Adems Pläne zusammen durchgehen müssen, um herauszufinden, was verändert oder aktualisiert werden muss. Adems Plan ist sicher gut, doch das heißt nicht, dass man nicht noch etwas verbessern könnte.“

„Na schön. Ich denke darüber nach.“ Mehr würde sie ihm nicht zugestehen.

„Um mehr möchte ich dich auch nicht bitten.“

Schweigend beendeten sie ihre Mahlzeit. Sadie bezahlte, dann gingen sie, und Dylan erkundigte sich, was als Nächstes auf dem Programm stand.

„Die Karawanserei“, meinte Sadie mit einem verhaltenen Lächeln. „Auch sehr beliebt bei den Touristen. Es wird dir bestimmt gefallen.“

„Da bin ich mir sicher.“

Die Karawanserei, ein befestigter Marktplatz aus dem 17. Jahrhundert, ragte vor ihnen auf. Mit ihren Zinnen wirkte sie eher wie eine Burg als wie ein Einkaufszentrum.

„Und was befindet sich heute hier?“, fragte Dylan, während er die hohen Mauern betrachtete.

„Ein Markt und ein Hotel. Außerdem ist es eine Art Veranstaltungszentrum.“ Sadie schlenderte durch den Rundbogen aus Marmor und betrat den Innenhof mit den Springbrunnen und den üppigen Grünpflanzen. „Früher war es ein geschützter Platz für Kaufleute. Hinter den hohen Mauern konnten sie sich sicher fühlen.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Dylan legte eine Hand gegen die Steinwand. „Sehr solide.“

Sie spazierten an den Verkaufsständen entlang, an denen Teppiche und bunte Stoffe angeboten wurden. Als Sadie merkte, dass Dylan allein zurechtkam und sich die wunderschön bemalten Schüsseln und das Keramikgeschirr ansah, verschwand sie wieder in den Innenhof.

Sie brauchte einen Moment für sich allein, um nachzudenken, ohne dass Dylan sie durcheinanderbrachte. Warum das so war, konnte sie nicht sagen. Vielleicht lag es daran, dass er Adem so nahegestanden hatte oder dass es sich gleichzeitig fremd und doch selbstverständlich anfühlte, ihn hier in der Türkei bei sich zu haben. Wenn er sie anlächelte, konnte sie nicht mehr klar denken.

Sie setzte sich auf die Brunnenmauer. Vielleicht ging sie auch deshalb auf Distanz, weil er Adems Pläne kritisiert hatte. Für sie fühlte es sich wie Betrug an ihrem Ehemann an, obwohl sie wusste, dass Adem es nie so gesehen hätte. Aber seine Pläne waren das Einzige, was ihr geblieben war.

Sie hatte sich daran geklammert wie an einen Rettungsanker, nachdem sie alles andere verloren hatte. Doch es hatte nicht funktioniert, und ihr Scheitern hatte eher mit ihr zu tun als mit dem Plan. Adem mit seinem Charme und seiner Begeisterungsfähigkeit hätte es zweifellos geschafft, und sie wären nie in die Verlegenheit gekommen, Dylan Jacobs um Hilfe bitten zu müssen.

Wenn sie einen neuen Plan entwerfen musste, brauchte sie Hilfe. Sie hatte nie vorgehabt, das Hotel allein zu übernehmen. Den Wellnessbereich konnte sie perfekt managen, aber ein ganzes Hotel? Sie war verloren. Und das musste sie Dylan eingestehen.

Plötzlich fiel ein Schatten auf den Steinboden. Sadie sah hoch. Dylan stand vor ihr, mit zerknirschter Miene und einer hübsch eingewickelten Schachtel in den Händen.

„Für dich.“ Er reichte ihr das Paket.

„Oh, warum das denn?“ Sie wickelte es aus. „Ich meine, danke. Aber das ist nicht nötig.“ Ein wunderschöner Seidenschal in hellen bunten Farben lag darin, den er an einem der Stände gekauft hatte.

Der Schal war zu hell, zu gewagt für sie, trotzdem wünschte sie, den Mut zu haben, ihn zu tragen.

„Es soll nur eine Entschuldigung sein“, meinte Dylan.

Sadie schüttelte den Kopf und legte den Schal wieder in die Schachtel. „Du musst dich nicht bei mir entschuldigen.“

„Aber ich wollte es. Ich hatte nicht die Absicht, dich zu beleidigen, beim Lunch meine ich.“ Seufzend setzte er sich neben sie, und sofort war ihre Gelassenheit dahin. „Du weißt, dass ich nie schlecht über Adem gesprochen habe. Er hat mir sehr viel bedeutet, das ist dir doch klar.“

„Ja, sicher.“ Schuldbewusst senkte sie den Kopf. Dylan und Adem waren bis zu dessen Tod die besten Freunde gewesen. Nicht nur sie trauerte also um ihn.

„Dass ich dir helfe, tue ich nicht nur für ihn.“ Dylan drehte sich zu ihr und sah ihr direkt in die Augen. „Und du sollst auch wissen, dass ich eine Sache nicht aufgeben werde, die ihm so wichtig war.“

„Das weiß ich“, meinte Sadie, diesmal jedoch nicht ganz überzeugt.

Das Geld würde sie über Wasser halten und ihr eine neue Chance geben, und seine Pläne für das Hotel waren sicher unbezahlbar. Sie musste einen Weg finden, es allein zu schaffen, wenn Dylans Geld ausgegeben und er verschwunden war.

Seufzend nahm Dylan den Schal, legte ihn um ihre Schultern und verknotete ihn locker. Die weiche Seide fühlte sich wunderbar auf ihrer Haut an, und sie musste lächeln. Dann sah sie auf, begegnete seinem Blick, und zarte Röte überzog ihre Wangen. Sanft strich er den Stoff glatt, berührte dabei ihren Hals, und ihre Haut prickelte.

Seit ihr Mann tot war, hatte sie dieses Prickeln nicht mehr gespürt.

Sadie schluckte schwer und rückte ein Stück von Dylan ab.

„Ich bin nicht Adem, das ist mir klar“, sagte er nun weicher. „Du kennst mich und weißt, dass ich mich privat nie lange festlege. Aber wenn ich sage, dass ich ein Projekt übernehme, bin ich bis zum Ende dabei, ganz egal, was passiert. Darauf kannst du dich verlassen.“

Sadie nickte. „Und deshalb übernimmst du nur kurzfristige Projekte“, gab sie so freundlich wie möglich zurück.

„Ja, vermutlich.“ Dylan sah auf seine Hände.

Plötzlich wirkte er so verloren, dass Sadie sich verpflichtet fühlte, ihn wiederaufzubauen. Schließlich versuchte er wirklich sein Bestes, außerdem brauchte sie ihn.

„Na gut“, sagte sie, „dann arbeiten wir zusammen, falls du deine Aktionäre davon überzeugen kannst, zu investieren.“

Ein verhaltenes Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich werde alles tun, um sie zu überzeugen. Also, was liegt als Nächstes an?“

„Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich brauche jetzt einen Kaffee.“ Sie stand auf und zupfte den Schal zurecht. Die bunten Farben passten perfekt zu ihrem hellen Sommerkleid. „Einen anständigen türkischen Mokka.“ Sie hielt Dylan die Hand hin, um ihm aufzuhelfen.

„Klingt fast wie eine Energiespritze.“ Er schloss seine Finger um ihre Hand.

Sadie wählte ein kleines Café mit Blick über die Marina. „Du meinst also, dass ich meine Pläne ändern muss“, sagte sie, nachdem der Kellner die Bestellung aufgenommen hatte.

Er hätte wissen müssen, dass dieses Thema noch nicht beendet war. Dass er sich mit dem Schal entschuldigt hatte, hatte nichts geändert.

„Ich denke, du solltest auch andere Möglichkeiten in Erwägung ziehen.“ Das klingt doch schon besser, fand Dylan. „Adem war immer bereit gewesen, sich auf etwas Neues einzulassen.“

Sie verzog das Gesicht. Offenbar gefiel ihr sein neuer Ansatz immer noch nicht. „Vermutlich hast du ihm das beigebracht.“

Dylan runzelte die Stirn. Sie hatte recht. Wenn sich ihm eine neue Chance geboten hatte, ob Arbeit, Frauen, neue Orte, hatte er sie ergriffen. Dylan Jacobs klammerte sich an nichts außer an den Erfolg. Und selbst da schaffte er es, sich nur kurzfristig festzulegen.

Seine Schwester Cassie hatte immer behauptet, dass er nur deshalb als Erster davonlief, damit er nicht selbst verlassen oder verletzt werden konnte. Dylan hatte nie den Mut gehabt, ihr zu sagen, dass er mehr Angst davor hatte, anderen wehzutun, als selbst verletzt zu werden. Er mochte in vieler Hinsicht der Sohn seines Vaters sein, doch er konnte besser mit seinen eigenen Schwächen umgehen. Da er sich nicht auf ewig binden konnte, war es besser, auch nicht mehr zu versprechen.

Bis jetzt hatte es funktioniert.

„Vielleicht. Wir haben viel gelernt, als wir zusammengearbeitet haben“, erklärte er ausweichend.

Keine Antwort. Der Kellner kam mit zwei Tassen schwarzem, starkem Kaffee und Zucker, und Dylan überlegte, was er jetzt wieder Falsches gesagt haben mochte.

Da ihm nichts einfiel, fragte er schließlich nach.

Sadie sah von ihrer Tasse auf. „Nichts. Wirklich.“ Sie warf ihm ein Lächeln zu, von dem Dylan wusste, dass es nicht echt war. „Ich finde es nur seltsam, wie die Vergangenheit wieder unsere geschäftlichen Gespräche überlagert, findest du nicht?“

„Das ist wohl nicht zu vermeiden. Schließlich kennen wir uns schon lange.“

„Ich habe dich in den letzten fünf Jahren kaum gesehen“, entgegnete Sadie.

„Also haben wir eine Menge aufzuholen.“ Instinktiv streckte er die Hand aus und legte sie auf ihre. „Nur, weil wir uns nicht gesehen haben, heißt das nicht, dass wir keine Freunde mehr sind, Sadie. Und dass keine Verbindung mehr zwischen uns besteht.“

Sicher musste sie es ebenfalls spüren. Auch wenn er nicht bleiben konnte, hatte er das Gefühl, nie richtig getrennt von ihr gewesen zu sein.

Als Sadie ihm die Hand entzog, war er enttäuscht.

„Wo möchtest du heute Abend essen?“, fragte sie, ohne ihn anzusehen. „Wenn du möchtest, kann ich für dich irgendwo in der Stadt einen Tisch reservieren.“

Für dich. Nicht für uns. Das lief nicht so, wie er gedacht hatte.

Anscheinend hatte sie immer noch mit der Vergangenheit zu kämpfen. Sosehr er sich auch wünschte, dass es hier nur um ein Geschäft ging, wusste er doch, dass er nicht hier wäre, hätten sie keine gemeinsame Vergangenheit. Deshalb sollten sie endlich darüber sprechen.

Er musste nur einen Weg finden, dass sie sich ihm öffnete und ihm von den vergangenen fünf Jahren erzählte. Und vielleicht auch davon, was vorher passiert war.

Leider kannte Dylan nur einen Weg, um sein Ziel zu erreichen. Bei seinen Kunden hatte es immer funktioniert. Und auch bei Adem, als er eines Abends zu ihm gekommen war und nicht den Mut aufbrachte, Sadie einen Heiratsantrag zu machen.

Er musste Sadie betrunken machen.

Dylan trank seinen Kaffee aus. „Du musst mir keinen Tisch reservieren. Ich denke, heute Abend solltest du mir das Nachtleben von Kusadasi zeigen.“

6. KAPITEL

Derselbe Schrank, dieselben Kleider – und immer noch nichts zum Anziehen. Mit einem Seufzer ließ Sadie sich auf ihr Bett fallen. Was trug man abends in der Stadt? Sie wusste nicht, ob sie überhaupt schon einmal in Kusadasi aus gewesen war, denn Adem und sie waren immer viel zu beschäftigt mit dem Hotel gewesen.

Dylan hingegen war Experte, was das Nachtleben rund um den Globus betraf. Wenn sie Glück hatte, würde er vielleicht irgendwann in der Bar eine Blondine ansprechen, und sie selbst könnte unbemerkt nach Hause gehen.

Schließlich entschied sie sich für ihre schickste Jeans, ein schwarzes Top und High Heels. Das Make-up und der Schmuck würden ein Übriges tun, wie sie hoffte.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Eine halbe Stunde blieb ihr noch. Also hatte sie Zeit genug, mit Finn zu skypen.

„Hi, Mum!“ Aufgeregt deutete der Junge auf den Bildschirm. „Du siehst echt toll aus.“

„Danke, kleiner Mann“, sagte sie schuldbewusst. Sie hätte sich nicht für Dylan aufbrezeln sollen. Vielmehr hätte sie bei ihrem Sohn sein und sich Gedanken über ihre gemeinsame Zukunft machen müssen.

Aber das tust du doch, sagte eine Stimme in ihrem Inneren. Sie brauchte Dylan, um das Azure zu retten.

Seit wann war alles so kompliziert geworden?

„Ist es schön bei Grandma und Grandpa?“, wollte sie wissen. „Was hast du denn heute vor?“

„Viel. C. J. und Phoebe sind mit Tante Rachel da. Wir haben im Garten gespielt. Und jetzt bauen wir die größte Legoburg der Welt“, berichtete Finn aufgeregt, sodass Sadie vor Liebe das Herz aufging.

„Klingt sehr gut.“ Sie wollte ihn noch etwas fragen, als zwei Kinderstimmen nach Finn riefen.

„Tut mir leid, Mum. Muss gehen. C. J. braucht mich für die Burg, sonst macht Phoebe wieder ein rosa Prinzesinnenschloss draus. Bye, Mum.“

„Hab dich lieb“, konnte Sadie gerade noch sagen, ehe er vom Bildschirm verschwand. Kurz darauf tauchte ihre Schwester Rachel im Bild auf. „Sie haben viel Spaß miteinander. Und das freut mich sehr.“

Sadie lächelte. „Ich bin froh, dass er mich nicht vermisst.“

„Lügnerin“, antwortete Rachel mit einem Grinsen. „Am liebsten hättest du doch, wenn er an deinem Rockzipfel hängt, gib es zu.“

„Na ja, manchmal schon.“

Rachel beugte sich vor und kniff leicht die Augen zusammen. „Aber er hat recht. Du siehst wirklich toll aus. Was gibt’s, dass du dich so herausputzt?“

Sadie stöhnte im Stillen auf. Sie hätte anrufen sollen, bevor sie sich zurechtgemacht hatte. Rachel konnte sie nicht anlügen, die hatte sie schon immer durchschaut.

„Ein potenzieller Investor ist gerade hier“, meinte sie. „Er will Kusadasis Nachtleben kennenlernen.“

Rachels Grinsen wurde breiter. „Aha, ein potenzieller Investor. Ist er süß?“

Süß? Das war sicher nicht die passende Beschreibung für Dylan. Ungeheuer attraktiv, aber absolut tabu. Das traf es schon eher. Doch das sagte sie Rachel nicht.

„Ich denke schon“, meinte Sadie so neutral wie möglich.

„Und ist da … ein Prickeln“?

Dieses Wort hatten sie als Teenager für dieses unbegreifliche Gefühl benutzt, den anderen berühren, ihm nahe sein zu wollen und sein Lächeln zu spüren. Und bei Dylan hatte es immer geprickelt. Das war das Problem. Als er ihr den Schal um den Hals gelegt hatte und seine Finger ihre Haut berührten …

„Ja, es ist da!“, rief Rachel strahlend. „Versuch nicht, es zu leugnen. Ich sehe es genau.“

Sadie schüttelte den Kopf. „Aber es spielt keine Rolle, ob es da ist oder nicht. Der Investor … es ist Dylan. Adems Trauzeuge. Erinnerst du dich? Er ist nur hier, weil er mir mit dem Azure helfen will, aber vorher muss er seine Aktionäre noch überzeugen. Deshalb versuche ich, ihm genug Pluspunkte an die Hand zu geben.“

„Dylan? Natürlich kann ich mich an ihn erinnern. Wenn ich bei deiner Hochzeit nicht schon verheiratet gewesen wäre …“

„Dann hättest du dich hinter den anderen Brautjungfern anstellen können, um es bei ihm zu versuchen.“

„Er ist mehr als süß, Sadie“, erklärte Rachel.

„Er ist ein alter Freund.“

„Na und? Trotzdem ist dieses Prickeln da.“

„Er ist Adems alter Freund“, betonte Sadie.

„Was bedeutet, dass Adem diesem Typen vertraut hat“, entgegnete Rachel. „Deshalb kannst du ihm auch vertrauen.“

„Vielleicht in Bezug auf mein Hotel. Aber nicht in Bezug auf das, was du meinst.“ Selbst wenn sie wirklich zu einer kurzen Affäre bereit wäre, Dylan Jacobs wäre keine gute Wahl. Und für etwas Längerfristiges wäre er die denkbar schlechteste Wahl. Er hatte selbst gesagt, dass er sich nicht binden wollte. Etwas anderes käme für sie allerdings nicht infrage. Schließlich musste sie an ihren Sohn denken.

Doch Rachel hatte offenbar noch nicht kapiert. „Warum nicht?“

„Rachel …“

Ihre Schwester seufzte. „Es ist schon zwei Jahre her, Sadie. Adem würde nicht wollen, dass du allein herumsitzt, das weißt du. Er würde es verstehen.“

„Vielleicht“, räumte Sadie ein. Ihr Mann war ein liebenswerter, großzügiger und wundervoller Mensch gewesen. Wahrscheinlich hätte er sich gewünscht, dass sie mit einem anderen wieder glücklich wurde. Auf der anderen Seite … „Aber ich bin sicher, dass er mit Dylan Jacobs nicht einverstanden wäre.“ Adem hatte eine sichere Zukunft für sie gewollt.

„Warum denn nicht, um Himmels willen?“

„Er ist nicht der Richtige für mich, Rach. Außerdem …“ Sadie stockte, denn sie wollte nicht sagen, was ihr gerade durch den Kopf gegangen war.

„Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Also, spuck’s aus.“

Sadie atmete tief durch. „Falls ich zugebe, dass ich dieses … Prickeln bei Dylan empfinde, müsste ich doch eingestehen, dass es auch schon da war, als Adem noch lebte, oder nicht?“

„Ach, Sadie.“ Rachel war voller Mitgefühl. „Wir empfinden doch alle so etwas von Zeit zu Zeit, bei den unterschiedlichsten Menschen. Wie wir damit umgehen, das allein zählt. Manchmal ignorieren wir es, manchmal lassen wir es zu und schauen, was daraus wird.“ Sie zögerte. „Du hast diesem Prickeln doch früher nicht nachgegeben, oder?“

„Nein!“ Und trotzdem hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie darüber nachgedacht hatte.

„Dann quäl dich nicht deswegen. Geh heute Abend mit ihm aus. Und vergnüge dich ein bisschen mit ihm …“

„Ich muss jetzt los.“ Sadie warf einen Blick auf ihre Uhr. „Sag Finn, dass ich ihn lieb habe. Und dass ich morgen wieder anrufe.“

Dylan beobachtete Sadie, als sie aus dem Waschraum zurückkam. Ob sie wohl merkte, dass er inzwischen ihre Gläser hatte auffüllen lassen? Ganz wohl war ihm allerdings nicht bei der Sache.

Er fand, dass Sadie jünger aussah in Jeans und High Heels, fast so wie früher in London mit Anfang zwanzig. Sie hatte ein bisschen zugelegt, doch genau an den richtigen Stellen.

„Du bist ja immer noch allein. Ich bin überrascht.“ Sadie setzte sich auf ihren Barhocker und nahm einen Schluck von ihrem Wein.

„Warum überrascht?“

„Fünf Minuten haben dir doch früher immer genügt, um jemanden zum Flirten zu finden.“

Weder Verbitterung noch Kritik lagen in ihrer Stimme. Sadie klang eher amüsiert, trotzdem versetzten ihm ihre Worte einen Stich. Wahrscheinlich, weil sie recht hatte.

„Die Zeiten haben sich geändert.“

„So sehr auch wieder nicht“, meinte Sadie. „Neal hat mich über deine Heldentaten auf dem Laufenden gehalten.“

Er unterdrückte einen Fluch und wechselte das Thema. „Ich habe gerade überlegt, dass du in Jeans viel jünger aussiehst als damals in London. Ich hatte schon fast geglaubt, Adem würde jeden Moment auftauchen und den Arm um dich legen.“

Sadies Lächeln wirkte traurig. „Das würde er, wenn er könnte.“

„Es muss schwer sein, ohne ihn hier zu sein, mit all den Erinnerungen.“

„Hier waren wir eigentlich nie.“ Sadie ließ den Blick durch die überfüllte Bar schweifen. „Du meinst sicher die Türkei. Und das Azure.“

„Ja“, stimmte Dylan zu. Konnte er es wagen, noch ein bisschen weiter nachzubohren? „Niemand hätte es dir verübelt, wenn du verkauft hättest und weggezogen wärst.“ Er musste verstehen, warum sie es nicht getan hatte. Weshalb sie sich diesem Ort so sehr verbunden fühlte. Weshalb Sadie in der Lage war, es im Gegensatz zu ihm an ein und demselben Ort auszuhalten.

„Im Grunde ist es egal, wo wir sind“, entgegnete Sadie. „Ich sehe Adem jeden Tag, wenn ich Finn anschaue. Und ehrlich gesagt gefällt es mir, auf diese Art an ihn erinnert zu werden.“

Was Dylan sehr gut verstand. Denn er hatte noch nie ein Paar erlebt, dass so ineinander verliebt gewesen war wie Sadie und Adem. Dass sie sich an das Azure klammerte, war ihre Art, ihre große Liebe am Leben zu erhalten.

„Ich bin froh, dass es so ist.“ Das stimmte, auch wenn es ein bisschen schmerzte. „Tut mir leid. Ich hätte dich öfter besuchen und mehr Zeit mit Finn verbringen sollen.“

„Stimmt. Warum hast du es nicht getan?“

Wusste sie wirklich nicht, warum? Er war sicher gewesen, nach diesem Abend bei Kim und Logans Hochzeit seine Gründe klargemacht zu haben – und dass sie ihm dankbar dafür war. Es sei denn, sie erinnerte sich nicht mehr daran. Sie war ziemlich betrunken gewesen. So wie er natürlich auch. Denn sonst wäre es nie passiert.

Wieder nagten Bedenken an ihm, wenn er an seinen Plan dachte. Sie beide allein und betrunken, das war in der Vergangenheit schon nicht gut ausgegangen. Aber er wusste nicht, wie er es sonst schaffen sollte, sie ein wenig lockerer zu machen.

„Meistens lag es an der Arbeit“, log er. „Jetzt bin ich bereit, das zu ändern.“ Er hob sein Glas. „Auf die Freunde, die nicht mehr bei uns sind.“

Sadie hob ebenfalls ihr Glas und trank einen großen Schluck, ohne sich bewusst zu sein, dass sie Dylan damit in die Hände spielte.

„Erinnerst du dich noch daran, als Neal aus dem Hotel ausgeschlossen wurde und nur Korsett und Strümpfe trug?“

Sadie lachte laut auf und stellte ihr Glas so hart ab, dass Wein überspritzte. „Natürlich, es war mein Korsett. Aber ich weiß nicht mehr, wie er mich überredet hat, es ihm zu leihen.“

„Neal hatte mit dir schon immer leichtes Spiel“, meinte Dylan. „Außerdem hat er dir eine sehr gute Geschichte präsentiert, die ich erfunden hatte.“

Sie schlug ihm spielerisch auf den Arm. „Du bist wirklich unmöglich. Dann erzähl mir die ganze Geschichte, diesmal aber die Wahrheit.“

Es klappte, das spürte Dylan. Bis zum Morgen hätten sie die Geister der Vergangenheit ausgetrieben und könnten weitermachen. Dann könnten sie Freunde und Geschäftspartner sein, so, wie Sadie es brauchte.

Und nicht mehr.

Er nahm einen Schluck von seinem Bier, dann fing er an zu erzählen.

„Na ja, da war dieses Mädchen …“

Einige Bars später spürte Sadie, dass sie allmählich aufhören sollte zu trinken. Sonst würde der nächste Tag für sie kein Vergnügen werden.

„Ich glaube, ich passe.“ Sie schob ihr halb volles Glas von sich.

„Keine schlechte Idee.“ Dylan leerte sein Glas. „Du warst schon immer die Vernünftige.“

„Einer musste es ja sein.“

Sie grinste ihn an, und sein Lächeln wirkte sehr vertraut und doch irgendwie neu, sodass ihr noch ein bisschen schwindliger wurde.

Sie hatten fast den ganzen Abend geredet, über ihre gemeinsamen Erlebnisse von früher, bis zu dem Tag, an dem sie alle zusammen gewesen waren, bevor Adem gestorben war.

Sie hatten über alles geredet außer über diese eine Nacht – die Hochzeit von Kim und Logan.

Ob er sich überhaupt daran erinnerte? Falls ja, wie viel wusste er noch davon? Sie würde es zu gerne wissen. Denn es war schon so lange her, dass sie allmählich daran zweifelte. Sie waren an diesem Abend beide ziemlich betrunken gewesen …

Aber heute Abend war sie nicht betrunken. Nur beschwipst genug, um ein wenig wagemutig zu sein.

„Was planst du für morgen?“, fragte Dylan. Er stand auf und griff nach seiner Jacke. „Ich muss zuerst einen Anruf erledigen, dann stehe ich dir den ganzen Tag zur Verfügung.“

Sadie hatte sich noch keine Gedanken darüber gemacht. „Ich dachte, vielleicht gehen wir zum Strand?“

„In der Sonne dösen. Das hört sich sehr gut an für meinen Kater, den ich morgen sicher haben werde.“ Auf dem Weg zur Tür stöhnte er. „Ich bin definitiv zu alt für das hier.“

Sadie lächelte. „Ich hätte nicht gedacht, dass du das einmal sagen würdest.“

„Wir müssen alle irgendwann erwachsen werden“, meinte Dylan schulterzuckend.

Hm, irgendwie klang er so, als würde sehr viel mehr hinter seinen Worten stecken.

Draußen wurden sie von einer kühlen Brise empfangen. Sadie zitterte leicht, als sie die Strandpromenade entlangschlenderten und nach einem freien Taxi suchten.

„Kalt?“, fragte Dylan.

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