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JULIA EXTRA BAND 415

KATE HEWITT

Nur der Wüstenmond schaut zu

Augen, so unergründlich wie die Wüste um sie herum – Elena ist von Scheich Khalil al Bakir fasziniert. Dabei hat er sie entführt! Wie kann es sein, dass sie sich vor Sehnsucht nach ihm verzehrt?

JENNIFER FAYE

Gefühle à la carte

Lizzie darf mit Dante DeFiore arbeiten: Er ist reich, Italiener – und stadtbekannter Playboy! Sein Charme bringt sie fast um den Verstand – dabei weiß sie, dass Dante ein Mann für nur eine Nacht ist ...

MAYA BLAKE

Feurige Verführerin – eiskalter Engel?

Was tue ich nur? Während Jasmine den Prinzen verführt, meldet sich ihr Gewissen: Reyes Vicente Navarre ist ihr Traummann! Und er wird sie hassen, wenn er erfährt, warum sie ihn wirklich küsst …

CARA COLTER

Wie könnte ich dich vergessen?

Er hat sie zutiefst verletzt – Jessica musste Kade verlassen und sich ein eigenes Leben aufbauen! Jetzt zeigt er plötzlich eine ganz andere Seite von sich. Doch kann sie ihm noch einmal vertrauen?

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Nur der Wüstenmond schaut zu

1. KAPITEL

„Irgendetwas stimmt hier nicht …“

Die Worte des Stewards drangen nur am Rande in Elena Karras Bewusstsein. Sie hatte soeben den königlichen Jet verlassen und schritt nun die Gangway herab, an deren Ende sie von einem Mann in dunklem Anzug erwartet wurde. Sein strenges Gesicht verriet keinerlei Gefühlsregung, als er Elena förmlich begrüßte.

„Königin Elena. Willkommen in Kadar.“

„Danke.“

Der Mann verbeugte sich und zeigte auf drei gepanzerte SUVs, die neben der mitten in der Wüste gelegenen Landebahn standen. „Bitte folgen Sie uns“, sagte er höflich, aber bestimmt und trat beiseite, damit Elena, Königin von Thallia, an ihm vorbei auf die Autos zugehen konnte.

Sie straffte die Schultern und hob das Kinn. Bei ihrer Ankunft zu ihrer Hochzeit mit Scheich Aziz al Bakir hatte sie zwar nicht gerade mit Fanfarenklängen gerechnet, aber zumindest mit einem etwas feierlicheren Empfang. Hier war nichts anderes zu sehen als ein paar Wachmänner und Autos mit verdunkelten Fensterscheiben.

Allerdings wusste Elena, dass Scheich Aziz wegen der unsicheren Zustände in seinem Land ihre Ankunft zunächst geheim halten wollte. Seitdem er vor etwas über einem Monat den Thron bestiegen hatte, war Kadar von mehreren kleineren Aufständen erschüttert worden. Bei ihrem letzten Treffen hatte er ihr zwar versichert, alles im Griff zu haben, aber vermutlich wollte er trotzdem gewisse Sicherheitsmaßnahmen treffen.

Elena kannte ihren zukünftigen Mann kaum. Doch für Aziz war diese Ehe ebenso wichtig wie für sie. Sie brauchte einen Ehemann genauso dringend wie er eine Ehefrau.

„Hier entlang, Eure Hoheit.“

Der Mann, der sie empfangen hatte, begleitete sie zu einem der SUVs. Um Elena herum breitete sich die Wüste endlos in der Dunkelheit aus; zu dieser Nachtzeit war es empfindlich kalt. Als ihr Führer die Tür des Fahrzeugs öffnete, legte Elena den Kopf in den Nacken, um die unzähligen funkelnden Sterne am schwarzen Nachthimmel zu betrachten.

„Königin Elena!“

Der Ruf klang so panisch, dass sie sich unwillkürlich versteifte. Er kam vom Steward. Was hatte er vorhin noch gesagt? Irgendetwas stimmt hier nicht.

Als sie sich nach dem Jet umdrehen wollte, wurde sie von einer Hand im Rücken daran gehindert. „Steigen Sie ein, Eure Hoheit.“

Ihr wurde eiskalt. Die tiefe Stimme des Mannes hinter ihr klang eisig und entschlossen – ganz anders als gerade eben, wo er sie noch höflich willkommen geheißen hatte. Es wäre vermutlich ein fataler Fehler, jetzt in diesen Wagen zu steigen.

„Einen Moment“, murmelte sie und bückte sich zu einem ihrer Schuhe, um etwas Zeit zu gewinnen. Panik überwältigte sie. Sie konnte kaum noch klar denken, doch sie zwang sich dazu, ruhig zu bleiben. Sie musste einen klaren Kopf bewahren. Irgendetwas lief hier schief. Dieser Fremde hier gehörte eindeutig nicht zu Aziz’ Leuten. Wer auch immer er war, sie musste weg von ihm. Irgendwie musste sie fliehen – und zwar in den nächsten Sekunden.

Kalte Entschlossenheit erfüllte sie. Diese Situation war surreal, aber eindeutig bedrohlich.

Und wieder ist mein Leben in Gefahr …

Elena hatte dem Tod schon einmal ins Auge gesehen. Sie wusste, was für ein Gefühl es war, damit konfrontiert zu werden – und zu überleben. Genauso wie sie wusste, dass ihr die Flucht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr gelingen würde, sobald sie in diesen Wagen stieg.

An ihrem Schuh herumnestelnd, dachte sie fieberhaft nach. Wenn sie ihre Pumps abstreifte, konnte sie versuchen, zum Jet zurückzusprinten. Der Steward war offensichtlich ein Getreuer von Aziz. Wenn es ihnen gelang, die Tür des Jets zu schließen, bevor dieser Mann ihr folgte …

Ja, das war besser, als in die dunkle Wüste zu flüchten. Es war sogar ihre einzige Option.

„Eure Hoheit?“ Der Mann drängte sie ungeduldig vorwärts. Elena holte tief Luft, streifte ihre Pumps ab und rannte.

Der Wind trieb ihr den Wüstensand ins Gesicht, als sie auf den Jet zulief. Sie hörte ein Geräusch hinter sich und spürte, wie jemand sie um die Taille packte und sie hochhob.

Selbst dann noch setzte sie sich vehement zur Wehr. Sie trat um sich, doch der Körper des Mannes fühlte sich so unnachgiebig an wie eine Steinmauer. Doch Elena würde vor nichts zurückschrecken, um ihre Freiheit wiederzuerlangen.

Endlich gelang es ihr, seine Kniescheibe zu treffen. Sie trat ein zweites Mal kräftig nach, sodass der Mann strauchelte und mit ihr zu Boden fiel. Der Aufprall war heftig, doch binnen Sekunden war Elena auf allen vieren und versuchte, aufzustehen. Mit einem Satz warf der Mann sich auf sie, sodass sie unter ihm gefangen lag.

„Ich bewundere Ihren Mut, Eure Hoheit“, flüsterte er ihr heiser in ein Ohr. „Und Ihre Hartnäckigkeit. Aber ich befürchte, das bringt Sie jetzt nicht weiter.“

Elena blinzelte. Sie hatte Wüstensand in den Augen, und der Jet stand immer noch hundert Meter entfernt. Wie weit war sie gekommen? Drei Meter? Fünf?

Der Mann rollte sie auf den Rücken und stützte die Hände zu beiden Seiten ihres Kopfes auf. Keuchend blickte sie zu ihm auf. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Er war über sie gebeugt wie ein Panther und sah sie aus hellen bernsteinfarbenen Augen an, die ebenfalls etwas verwirrend Raubtierhaftes besaßen. Sein markantes Gesicht war wie gemeißelt. Elena konnte seine Hitze spüren und seine Kraft. Dieser Mann strahlte Macht aus. Autorität. Gefahr.

„Sie hätten es nie zurück zum Flugzeug geschafft“, sagte er mit trügerisch sanfter Stimme. „Und selbst wenn doch, die Crew ist mir gegenüber loyal.“

„Aber meine Wachen …“

„Habe ich bestochen.“

„Der Steward …“

„Ist machtlos.“

Elena starrte ihn entsetzt an, versuchte jedoch, ihre Angst zu verbergen. „Wer sind Sie?“, fragte sie mit erstickter Stimme.

Er entblößte die Zähne zu einem grimmigen Lächeln. „Der künftige Herrscher von Kadar.“

Mit einer fließenden Bewegung rollte er von ihr herunter, packte Elena an einem Handgelenk und zog sie hoch. Sie noch immer am Arm haltend, führte er sie zurück zu dem SUV, vor dem zwei weitere Männer warteten. Ihre Gesichter waren völlig ausdruckslos. Einer von ihnen öffnete die hintere Tür, und ihr arroganter Kidnapper, wer auch immer er war, verbeugte sich mit gespielter Höflichkeit. „Nach Ihnen, Eure Hoheit.“

Elena warf einen Blick in den dunklen Wagen. Sie konnte nicht einsteigen. Sobald sie das tat, würde man die Türen verschließen und sie würde die Gefangene dieses Mannes sein.

Auf der anderen Seite war sie bereits seine Gefangene, und sie hatte ihre einzige Chance zur Flucht vertan. Vielleicht musste sie ihre Strategie ändern. Wenn sie jetzt die Fügsame und Verängstigte mimte, ergab sich vielleicht eine weitere Fluchtmöglichkeit. Außerdem würde sie sich dafür noch nicht mal verstellen müssen. Sie war starr vor Angst.

Sie drehte sich zu dem Mann um, der ihren Blick kalt und belustigt erwiderte, so als könne er ihre Gedanken lesen.

„Sagen Sie mir, wer Sie wirklich sind.“

„Das habe ich bereits, Eure Hoheit. Sie strapazieren meine Geduld. Steigen Sie jetzt bitte ein.“

Er war immer noch höflich, aber der drohende Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. Sein Blick war völlig mitleidlos. Ihr blieb anscheinend keine andere Wahl.

Ängstlich stieg sie in den Wagen.

Der Mann setzte sich sofort neben sie, und jemand schloss von draußen die Tür. Das Geräusch der Zentralverriegelung hallte in der angespannten Stille wider. Der Mann warf ihr ihre Pumps in den Schoß. „Die brauchen Sie vielleicht noch.“ Er sprach akzentfrei Englisch, war jedoch eindeutig Araber. Seine Haut war dunkel wie Bronze und sein Haar tiefschwarz. Seine hohen Wangenknochen verliehen ihm ein aristokratisches Aussehen.

Elena streifte sich die Pumps über. Ihr Haar war völlig zerzaust, eins ihrer Knie zerkratzt und der Rock ihres marineblauen Kostüms zerrissen.

Tief Luft holend strich sie sich das Haar hinter die Ohren und rieb sich den Sand aus dem Gesicht. Sie warf einen Blick aus dem Fenster, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wo sie hinfuhren, konnte jedoch nur ein paar schemenhafte Felsen durch das getönte Glas erkennen.

Verstohlen musterte Elena ihren Kidnapper. Er hatte die Hände locker auf die Oberschenkel gelegt und wirkte einerseits entspannt und seiner Sache völlig sicher, zugleich aber auch wie auf dem Sprung. Wer war er? Warum hatte er sie entführt?

Und wie konnte sie sich von ihm befreien?

Denk nach, schärfte sie sich ein. Rational zu denken, war das beste Gegenmittel gegen Angst. Der Mann musste einer jener aufständischen Rebellen sein, die Aziz erwähnt hatte. Er hatte sich als künftiger Herrscher von Kadar bezeichnet, was bedeutete, dass er Anspruch auf Aziz’ Thron erhob. Vermutlich hatte er sie entführt, um ihre Hochzeit zu verhindern. Kannte ihr Entführer etwa die im Testament von Aziz’ Vater festgelegten Bedingungen?

Elena hatte davon erfahren, als sie Aziz vor ein paar Wochen bei einer diplomatischen Feier kennengelernt hatte. Sein Vater, Scheich Hashem, war damals gerade gestorben, und Aziz hatte gewitzelt, dass er dringend eine Frau brauchte. Elena hatte zuerst nicht gewusst, ob sie ihn ernstnehmen sollte, doch dann hatte sie die gleiche Verzweiflung in seinem Blick gesehen, die sie selbst empfand.

Ihr Problem war, dass ihr Ratsvorsitzender Andreas Markos fest entschlossen war, sie abzusetzen. Er behauptete, dass eine junge und unerfahrene Frau wie sie nicht die nötigen Voraussetzungen zur Herrscherin mitbrachte und drohte, bei der nächsten Zusammenkunft des Rates von Thallia über die Abschaffung der Monarchie abstimmen zu lassen. Aber wenn sie bis dahin verheiratet war – wenn sie einen Ehemann und Prinzgemahl vorweisen konnte – nahm sie Markos den Wind aus den Segeln.

Elena war beliebt bei ihrem Volk. Nur deshalb hatte Markos sie in den vier turbulenten Jahren ihrer Herrschaft noch nicht entthront. Eine Hochzeit würde ihre Position stärken, zumal die Menschen prunkvolle Hochzeiten liebten.

Diese Lösung war zwar eine verzweifelte Maßnahme, aber Elena war verzweifelt. Sie liebte ihr Land und ihr Volk und wollte Königin bleiben – ihren Landsleuten zuliebe und aus Respekt vor dem Angedenken ihres Vaters, der sein Leben gelassen hatte, damit sie Königin werden konnte.

Also hatte sie Scheich Aziz einen Brief geschrieben und ein Treffen vorgeschlagen. Mit einer aus der Verzweiflung geborenen Offenheit hatte sie ihm anvertraut, dass sie einen Ehemann brauchte, um den Rat ihres Landes zufriedenzustellen, während Aziz innerhalb von sechs Wochen nach dem Tod seines Vaters heiraten musste, wenn er seinen Titel nicht verlieren wollte. Sie hatten sich auf eine Vernunftehe geeinigt und sämtliche Rahmenbedingungen vertraglich festgelegt, darunter auch, zwei Kinder zu bekommen – je einen Erben für Kadar und Thallia.

Wäre Elena eine normale Frau oder auch nur eine normale Königin gewesen, hätte sie sich eine andere Art Ehe gewünscht, aber ihre Regentschaft hing am seidenen Faden, und die Hochzeit mit Aziz al Bakir war ihre einzige Chance, den Thron zu behalten.

Doch um heiraten zu können, musste sie fliehen.

Da sie nicht einfach aus dem Wagen steigen konnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als abzuwarten, ihren Feind zu beobachten und auf eine neue Fluchtmöglichkeit zu warten. „Wie heißen Sie?“, fragte sie.

Der Mann würdigte sie keines Blickes. „Khalil.“

„Warum haben Sie mich entführt?“

Er wandte ihr das Gesicht zu und sah sie ausdruckslos an. „Wir sind fast in meinem Lager angekommen, Eure Hoheit. Ich werde Ihre Fragen dort bei einer Erfrischung beantworten.“

Na schön, dann würde sie sich eben gedulden müssen. Sie würde ruhig und gefasst bleiben und auf ihre nächste Gelegenheit zur Flucht warten. Wenn sie nur nicht solche Angst hätte! Elena kannte diese Art Angst bereits, dieses eisige Gefühl der Irrealität angesichts von Ereignissen, deren schreckliche Ausmaße man nicht wahrhaben wollte …

Nein, das hier war anders als damals! Sie würde sich nicht von ihrer Vergangenheit einholen lassen. Sie war Königin, auch wenn ihr Thron in Gefahr war. Sie war intelligent, mutig und stark. Irgendwie würde sie es schaffen. Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass irgendein aufständischer Rebell ihre Hochzeit ruinierte … oder ihre Regentschaft.

Khalil al Bakir warf einen Blick auf die Frau an seiner Seite. Sie saß aufrecht da, das Kinn stolz erhoben, die Augen vor Angst geweitet. Er konnte spüren, dass sie zitterte.

Die junge Königin erfüllte ihn mit widerstrebender Bewunderung. Ihr Fluchtversuch war leichtsinnig und lächerlich gewesen, aber auch sehr tapfer. Zu seiner Überraschung empfand er fast so etwas wie Mitgefühl für sie. Er wusste genau, wie es sich anfühlte, in der Falle zu sitzen. War er als Junge nicht immer wieder vor Abdul-Hafiz geflohen, obwohl er genau gewusst hatte, dass er keine Chance hatte? In der Wüste hatte er sich nirgendwo verstecken können, und dennoch hatte er es unzählige Male versucht, weil er nicht widerstandslos hatte aufgeben wollen.

Zu kämpfen bedeutete, am Leben zu sein und ein Ziel vor Augen zu haben, für das es sich zu leben lohnte. Die Narben auf seinem Rücken legten Zeugnis von seinen zahlreichen gescheiterten Fluchtversuchen ab.

Er würde Königin Elena nicht anrühren. Niemand sollte ihm vorwerfen können, seinen Gast schlecht zu behandeln, ganz egal, was die verängstigte Monarchin befürchten mochte. Er wollte sie nur vier Tage lang gefangen halten – bis nach Ablauf der sechs Wochen, nach denen Aziz dazu gezwungen sein würde, seinen Anspruch auf den Thron von Kadar aufzugeben. Danach würde das Volk über den nächsten Scheich abstimmen.

Und Khalil auf den ihm rechtmäßig zustehenden Thron heben.

Bis dahin würde er keine Sekunde ruhig schlafen können, aber wann schlief er schon ruhig? Nicht mehr seit jenem Tag, an dem sein Vater ihn aus einer Unterrichtsstunde mit seinem Tutor gezerrt hatte. Als er ihn auf die harten Stufen vor dem Palast von Kadar schleuderte und ihm ins Gesicht spuckte. „Du bist nicht mein Sohn.“

Das war das letzte Mal gewesen, dass Khalil ihn, seine Mutter oder sein Zuhause gesehen hatte.

Er schloss die Augen, um die Erinnerungen zu verdrängen. Er wollte nicht an jene schlimmen Tage zurückdenken, nicht an den angeekelten, fast hasserfüllten Blick seines Vaters, den er so geliebt hatte, oder an die verzweifelten Schreie seiner Mutter, als man sie weggezerrt hatte. Nur wenige Monate später war sie an einer einfachen Infektion gestorben, weil man ihr die nötige medizinische Hilfe verweigert hatte.

Khalil wollte auch nicht an die Panik denken, die er empfunden hatte, als man ihn auf einen Lieferwagen verfrachtet und zu einem Vorposten in der Wüste gebracht hatte. Als man ihn wie einen Sack Müll vor die Füße von Abdul-Hafiz geworfen hatte, der ihn mit einer von Grausamkeit erfüllten Genugtuung angesehen hatte.

Nein, Khalil würde sich nicht von der Vergangenheit einholen lassen. Stattdessen würde er an seine Zukunft denken, eine sehr vielversprechende Zukunft, in der er, der Sohn, den sein Vater zugunsten des Bastards seiner Geliebten verstoßen hatte, auf dem ihm rechtmäßig zustehenden Thron saß.

Zwanzig spannungsgeladene Minuten später kam der SUV in dem improvisierten Lager an, in dem Khalil seit einem halben Jahr lebte – seit seiner Rückkehr nach Kadar. Er öffnete die Tür und drehte sich zu Elena um, die ihn trotzig anfunkelte.

„Wohin haben Sie mich gebracht?“

Er lächelte kalt. „Steigen Sie aus, dann sehen Sie es selbst.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, packte er sie an einem Handgelenk und zog sie aus dem Wagen. Ihre Haut fühlte sich glatt und kalt an.

Beim Aussteigen stolperte sie über einen Stein und verlor das Gleichgewicht. Als er sie auffing, spürte er ihre Brüste an seinem Oberkörper. Ihr Haar duftete nach Limonen. Es war schon sehr lange her, seitdem er mit einer Frau zusammen gewesen war, und sein Körper reagierte sofort auf sie.

Abrupt ließ er sie los. Er hatte keine Zeit für Sex, schon gar nicht mit dieser Frau.

Sein Assistent Assad stieg aus einem der anderen Wagen. „Eure Hoheit?“

Dass Elena sich instinktiv umdrehte, erfüllte Khalil mit grimmiger Genugtuung. Assad hatte ihn gemeint, nicht die widerspenstige Königin. Er war zwar noch nicht offiziell König, aber sein ergebener Diener sprach ihn trotzdem so an.

Als er vor einem halben Jahr nach Kadar zurückgekehrt war, war er überrascht und dankbar gewesen, dass so viele seiner Leute ihm ergeben waren, obwohl sie ihn zuletzt als kleinen Jungen gesehen hatten. Seit seinem zehnten Lebensjahr hatte er keinen Fuß mehr in das Land gesetzt, doch die Menschen hatten ihn nicht vergessen.

Die Beduinenstämme, traditionsbewusster als die Menschen in Kadars Hauptstadt Siyad, hatten Scheich Hashems plötzliche Entscheidung, seine Ehefrau und Sohn gegen seine Geliebte und ihren illegitimen Sohn auszutauschen, nicht gutgeheißen. Bei Khalils Rückkehr hatte man ihm daher den Stammesnamen seiner Mutter verliehen und behandelte ihn seitdem als den legitimen Thronanwärter.

Trotzdem traute Khalil niemandem über den Weg. Er wusste aus Erfahrung, dass Ergebenheit von einer Sekunde zur nächsten in Feindschaft umschlagen konnte. Schließlich konnte man sich noch nicht mal auf die Liebe seines Vaters verlassen – eine schmerzhafte Lektion, die er nie vergessen hatte. Der einzige Mensch, auf den Khalil sich verließ, war er selbst.

„Königin Elena und ich hätten gern eine Erfrischung“, sagte er auf Arabisch zu Assad. „Ist mein Zelt dafür vorbereitet?“

„Ja, Eure Hoheit.“

„Sie können mich später über die neuesten politischen Vorgänge auf dem Laufenden halten. Vorerst muss ich mich um die Königin kümmern.“ Er drehte sich zu Elena um, die sich verstohlen umsah.

„Sollten Sie darüber nachdenken zu fliehen“, sagte er auf Englisch zu ihr, „vergessen Sie es. Die Wüste erstreckt sich Hunderte von Meilen in alle Richtungen, und die nächste Oase liegt mehr als einen Tagesritt per Kamel entfernt. Sie würden verdursten oder von einer Schlange oder einem Skorpion gebissen werden.“

Königin Elena funkelte ihn hasserfüllt an, gab jedoch keinen Ton von sich.

Khalil bedeutete ihr mit einer Handbewegung, weiterzugehen. „Kommen Sie, lassen Sie uns etwas trinken, und ich beantworte wie versprochen Ihre Fragen.“

Elena zögerte einen Moment, doch dann nickte sie und folgte ihrem Entführer durch das Lager.

2. KAPITEL

Elena sah sich gründlich um, als sie Khalil folgte. Sie stellte fest, dass die Zelte des Lagers zu einem Halbkreis angeordnet waren und sah ein paar angeleinte Pferde und Kamele. Der Wind war so stark, dass er ihr Sand und ihr Haar ins Gesicht wehte.

Sie schützte ihr Gesicht mit den Händen, bis Khalil den Eingang zu seinem Zelt zurückschlug und sie hineinwinkte. Tief Luft holend trat sie ein. Sie hatte sich vorgenommen, so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen und den nächsten sich bietenden Moment zur Flucht zu nutzen.

Khalil ging zu einem eleganten Teakholztisch und zwei niedrigen Sesseln mit kunstvoll bestickten Polstern. Das Zelt war üppig mit Seide und Teppichen ausgestattet. „Bitte setzen Sie sich.“

„Ich verlange Antworten auf meine Fragen.“

Er lächelte dünn, doch sein Blick blieb kalt. „Ihre Hartnäckigkeit ist bewundernswert, Eure Hoheit, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Setzen Sie sich.“

Elena begriff, dass sie sich vorerst geschlagen geben musste und nahm Platz. „Wo ist Scheich Aziz?“

Khalil sah sie für einen Moment irritiert an. „Vermutlich in Siyad“, sagte er achselzuckend.

„Er rechnet mit meiner Ankunft.“

„Richtig“, fiel Khalil ihr aalglatt ins Wort. „Aber erst morgen.“

„Morgen?“

„Er hat die Nachricht erhalten, dass Sie sich verspäten.“ Khalils Augen funkelten belustigt. „Niemand sucht nach Ihnen, Eure Hoheit. Und wenn es soweit ist, wird es zu spät sein.“

Elena stockte der Atem. Seine Worte lösten eine solche Panik in ihr aus, dass sie sich an der Tischkante festhalten musste. Reiß dich zusammen!

Khalil stieß einen leisen Fluch aus. „Ich glaube, ich habe mich missverständlich ausgedrückt.“

Elena erwiderte seinen Blick. Khalil sah absolut atemberaubend aus, schlank und anmutig. Raubtierhaft. „Dann haben Sie also nicht vor, mich zu töten?“

„Nein. Ich bin weder ein Terrorist noch ein Verbrecher.“

„Und trotzdem entführen Sie eine Königin.“

Er senkte den Kopf. „Ich fürchte, das ist ein notwendiges Übel.“

„Ich bezweifle, dass etwas Übles wirklich notwendig sein kann!“, gab Elena zurück. Sie holte tief Luft. „Und? Was haben Sie mit mir vor?“

„Gar nichts“, erwiderte Khalil gelassen. „Außer Ihnen zumindest ein wenig Komfort zu bieten.“

Einer der Wachen brachte ein Tablett mit Essen. Elena warf einen Blick auf die Datteln und Feigen, das Fladenbrot und die verschiedenen Dips und wandte sich ab. Sie hatte keinen Appetit, außerdem wollte sie keine Mahlzeit mit ihrem Feind teilen.

„Danke, Assad“, sagte Khalil, und der Mann verbeugte sich und ging.

Khalil hockte sich vor den niedrigen Tisch, auf dem Assad das Tablett abgestellt hatte. Als er den Blick zu Elena hob, schienen seine bernsteinfarbenen Augen zu glühen. Sie hatten wirklich eine verblüffende Farbe. Mit seinem dunklen Haar, den goldbraunen Augen und der raubtierhaften Eleganz erinnerte dieser rätselhafte Mann Elena immer wieder an ein schönes, aber gefährliches Tier.

„Sie müssen hungrig sein, Königin.“

„Bin ich nicht.“

„Dann zumindest durstig. Es ist gefährlich, in der Wüste nichts zu trinken.“

„Es ist gefährlich, in Gegenwart seines Feindes zu trinken“, konterte Elena.

Er lächelte. „Wenn das so ist, trinke ich zuerst.“

Sie beobachtete, wie er eine Art Saft aus einem Krug in zwei kleine Gläser goss. Er trank aus dem ersten und sah sie über den Rand des Glases hinweg herausfordernd an. „Zufrieden?“

Elenas Hals war ganz rau vom Sand. Sie wusste, dass sie ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen musste, wenn sie ihre Flucht planen wollte. Nickend streckte sie eine Hand aus.

Khalil reichte ihr das zweite Glas, und sie trank von dem zugleich herben und süßen Saft, der angenehm kühl war.

„Guave“, erklärte er. „Haben Sie schon mal Guavensaft getrunken?“

„Nein.“ Elena stellte ihr Glas zurück auf den Tisch. „Danke, jetzt geht es mir besser.“ Sie holte tief Luft. „So, Sie wollen mich also hier in der Wüste festhalten. Für wie lange?“

„Etwas weniger als eine Woche. Vier Tage genaugenommen.“

Vier Tage. Elenas Magen verkrampfte sich schmerzhaft. In vier Tagen würden die sechs Wochen ablaufen, in denen Aziz heiraten musste. Er würde seinen Anspruch auf den Thron verlieren, wenn sie bis dahin nicht in Siyad auftauchte. Khalil schien das genau zu wissen. Offensichtlich wollte er die Chance nutzten, selbst die Macht an sich zu reißen.

„Und dann?“, fragte sie. „Was werden Sie dann tun?“

„Das geht Sie nichts an.“

„Was haben Sie danach mit mir vor?“, formulierte Elena ihre Frage neu.

Khalil setzte sich auf einen niedrigen, bunt gemusterten Sessel, lehnte sich lässig zurück und legte die Fingerspitzen aneinander. „Sie freizulassen natürlich.“

„Einfach so?“ Misstrauisch schüttelte sie den Kopf. „Man wird Sie strafrechtlich verfolgen.“

„Das bezweifle ich.“

„Sie können nicht einfach so ein Staatsoberhaupt entführen.“

„Und doch habe ich es getan.“ Er trank wieder einen Schluck Saft und sah sie nachdenklich an. „Sie faszinieren mich, Königin Elena. Ich muss gestehen, dass ich mich schon gefragt habe, was für eine Frau Aziz wohl heiratet.“

„Und? Zufrieden?“, fragte sie gereizt. Bleib ruhig. Sie musste sich dringend zusammenreißen. Ihre ganze bisherige Regentschaft war ein einziger Drahtseilakt gewesen. Wollte sie jetzt wirklich abstürzen?

Falls es inzwischen nicht schon passiert war.

Khalil lächelte schwach. „Nicht im Entferntesten.“

Elena sah etwas in seinem Blick aufflackern, etwas Besitzergreifendes, Männliches. Zu ihrer Überraschung und Beschämung lief ihr ein Schauer über den Rücken. Sie erschauerte vor Angst, aber nicht nur deshalb. Sie fühlte fast so etwas wie … Erwartung. Aber weshalb? Sie wollte nichts weiter von diesem Mann als ihre Freiheit.

„Und ich werde nicht eher ruhen“, fuhr Khalil fort, „als bis ich an Aziz’ Stelle auf dem Thron von Kadar sitze.“

„Dann sind Sie also einer jener aufständischen Rebellen, die er erwähnt hat?“

Für einen Moment flackerte so etwas wie Wut in Khalils Blick auf, doch dann nickte er. „Sieht ganz danach aus.“

„Warum sollten Sie Scheich von Kadar werden?“

„Warum Aziz?“

„Weil er der Thronerbe ist.“

Khalils Gesichtsausdruck wurde wieder ganz verschlossen. „Kennen Sie sich mit der Geschichte von Kadar aus, Eure Hoheit?“

„Ich habe einiges darüber gelesen.“ In Wirklichkeit wusste Elena kaum etwas über Kadar. Sie hatte bisher keine Zeit gehabt, sich eingehender mit dem Land ihres künftigen Ehemanns zu beschäftigen.

„Wussten Sie, dass hier lange Frieden und Wohlstand herrschten – Unabhängigkeit sogar, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern?“

„Ja, das wusste ich.“ Aziz hatte das erwähnt, weil Elenas Land eine ähnliche Geschichte vorzuweisen hatte. Thallia, eine kleine Insel in der Ägäis zwischen der Türkei und Griechenland, war tausend Jahre lang unabhängig gewesen.

Und Elena hatte nicht die Absicht, etwas daran zu ändern.

„Dann müssten Sie auch wissen, dass Scheich Hashem Kadars Frieden mit seinem etwas unorthodoxen Testament bedroht.“ Ein Lächeln umspielte Khalils Lippen.

Elena ertappte sich dabei, dass ihr Blick zu seinem Mund wanderte, der überraschend sinnlich war. Nur mühsam riss sie den Blick davon los. Sollte sie sich dumm stellen? Nein, vermutlich würde sie davon keine Vorteile haben. „Ja, ich bin über das Testament des Scheichs informiert. Deshalb bin ich ja hier. Um Scheich Aziz zu heiraten.“

„Also keine Liebesheirat“, stellte Khalil sardonisch fest.

Elena versteifte sich. „Ich glaube nicht, dass Sie das etwas angeht.“

„In Anbetracht der Tatsache, dass Sie auf mein Geheiß hier sind, finde ich schon.“

Elena schürzte die Lippen und schwieg. Das Volk von Kadar hielt die bevorstehende Hochzeit für eine Liebesheirat, obwohl weder sie noch Aziz so etwas behauptet hatten. Doch die Menschen glaubten, was sie glauben wollten, und das Volk liebte Märchenhochzeiten. Warum auch nicht, wenn es dabei half, die politische Situation zu stabilisieren? Es machte ihr nichts aus, sich ein bisschen zu verstellen. Auch wenn sie das Khalil gegenüber nie zugeben würde.

„Sie verweigern also die Aussage“, stellte Khalil fest. „Ich bin mit den Gesetzen des Westens vertraut, da ich in Amerika aufgewachsen bin. Ich bin nicht der Barbar, für den Sie mich zu halten scheinen.“

Elena verschränkte die Arme vor der Brust. „Das müssen Sie mir erst beweisen.“

„Habe ich das nicht schon? Sie sitzen in einem bequemen Sessel und werden mit Essen und Trinken versorgt. Obwohl es mir leidtut, dass Sie sich verletzt haben.“ Er zeigte auf ihr zerkratztes Knie. „Ich hole Ihnen ein Pflaster.“

„Ich brauche keins.“

„Solche Schürfwunden können sich in der Wüste schnell entzünden.“ Er beugte sich vor. „Seien Sie nicht dumm, Eure Hoheit. Ich verstehe ja, dass Sie sich gegen mich behaupten wollen, aber sie verschwenden nur Ihre Energie, wenn Sie mir bei einer solchen Kleinigkeit widersprechen.“

Elena schluckte. Er hatte recht, ob ihr das gefiel oder nicht. Es wäre kindisch, sinnvolle medizinische Hilfe abzulehnen. Sie nickte, und Khalil stand auf. Sie beobachtete, wie er zum Eingang des Zelts ging und mit einem der Wachmänner davor sprach.

Sie blieb sitzen, die Hände im Schoß zu Fäusten geballt.

Kurz darauf kehrte Khalil mit einem Handtuch, einer Schüssel Wasser und einer Tube Salbe zurück. „So, da wären wir.“

Zu ihrem Schreck kniete er sich vor sie hin. Instinktiv wich sie in ihrem Sessel zurück. „Das kann ich auch allein.“

Er hob den Blick und sah sie aus funkelnden Augen an. „Aber wo bleibt dann das Vergnügen für mich?“

Stocksteif blieb sie sitzen, als er ihr sanft den Rock über das verletzte Knie schob. Seine Finger berührten ihr Bein kaum, und doch fühlte es sich an, als würden sie ihr einen Elektroschock versetzen, so heftig zuckte Elena zusammen. Behutsam befeuchtete Khalil das Tuch und betupfte ihre Schürfwunde.

„Außerdem übersehen Sie vielleicht etwas Sand, und dann wirft man mir vor, Sie zu misshandeln.“

Elena gab keine Antwort. Sie konnte nicht sprechen, konnte kaum atmen. Jede Faser ihres Körpers fieberte der sanften Berührung dieses Mannes entgegen, seinen Fingern, die mit einer Präzision über ihr Knie glitten, die noch nicht mal annähernd sinnlich war, aber dennoch …

Langsam atmete sie ein und betrachtete sein tiefschwarzes kurzgeschnittenes Haar. Würde es sich weich anfühlen, wenn sie es berührte? Sie gab sich einen Ruck. Was zum Teufel war nur los mit ihr? Dieser Mann hier war ihr Feind! Das Letzte, das Allerletzte, was sie tun sollte, war, Gefühle für ihn zu entwickeln. Auch wenn es sich nur um etwas so Primitives handelte wie sexuelles Verlangen!

Als er ihr Knie umfasste, erwachte alles in Elena zu Leben. „Ich glaube, das reicht“, sagte sie steif und versuchte, ihr Bein aus Khalils Griff zu befreien.

Er hielt die Tube hoch. „Die antiseptische Salbe fehlt. Ganz wichtig.“

Elena biss die Zähne zusammen und blieb sitzen, als er etwas Salbe auf ihrer Wunde verrieb. Es brannte ein bisschen, aber noch viel unangenehmer war, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte.

Das ist nur eine rein körperliche Reaktion, schärfte sie sich ein, als er mit dem Daumen Kreise auf ihrem Knie zeichnete und ihr Innerstes vor Hitze zu bersten schien. Sie hatte so etwas noch nie erlebt, aber bisher hatte sie auch keinerlei Erfahrungen mit Männern. Sie würde die Reaktion ihres Körpers einfach ignorieren. Zum Beispiel das Kribbeln ihrer Haut und in ihrem Unterleib. Körperliche Anziehung war völlig irrelevant. Nie würde sie danach handeln oder ihren Verstand dadurch trüben lassen.

Diesem Mann zu entkommen und seine Pläne zu vereiteln, ihre Hochzeit zu ruinieren, war ihr einziges Ziel.

Ihr einziges Verlangen.

Als Khalil spürte, wie Elena sich unter seiner Berührung verkrampfte, fragte er sich unwillkürlich, warum er die Wunde eigentlich selbst gesäubert hatte. Natürlich war die Antwort irritierend offensichtlich: Weil er Elena hatte berühren wollen. Weil sein Verlangen nach ihr für einen Moment seinen gesunden Menschenverstand ausgeschaltet hatte.

Ihre Haut war so glatt wie Seide. Wann hatte er zuletzt die nackte Haut einer Frau berührt? Aber nach sieben Jahren in der französischen Fremdenlegion wusste er, was Enthaltsamkeit war.

Natürlich war Königin Elena, Aziz’ Verlobte, die Letzte, die für ihn als Geliebte infrage kam. Khalil hatte nicht die Absicht, seinen ohnehin schon fragwürdigen diplomatischen Schachzug noch mehr zu verkomplizieren.

Ein Staatsoberhaupt zu entführen, war riskant, aber er war bereit, das Risiko einzugehen. Er würde Aziz nur dann zur Anstoßung eines Volksentscheids bewegen können, wenn der sein Recht auf den Thron verspielte, und das wiederum würde nur dann passieren, wenn seine Hochzeit verhindert wurde.

Das Testament ihres Vaters war ein juristisch absolut lächerliches Konstrukt und bewies einmal mehr, was für ein brutaler Diktator Scheich Hashem gewesen war. Hatte er seine beiden Söhne bestrafen wollen? Oder hatte er in seinen letzten Lebenstagen womöglich bereut, seinen Erstgeborenen verbannt zu haben? Khalil würde es nie erfahren. Er würde jedoch die Gelegenheit beim Schopf packen, die das seltsame Testament seines Vaters ihm gab, und die Macht an sich reißen, die ihm von Rechts wegen zustand.

„So, fertig.“ Khalil zog Elena den Rock über das Knie, was sie spürbar zu erleichtern schien. „Wie ich sehe, ist Ihr Rock zerrissen. Das tut mir leid. Man wird Ihnen neue Kleidung bringen.“

Elena sah ihn an wie einen Feind, so als sei sie auf der Suche nach Schwächen. Sie würde keine finden, doch Khalil nutzte die Gelegenheit, ihren Blick zu erwidern. Sie war schön. Ihre Haut schimmerte golden, und die Iris ihrer grauen Augen unter den schweren Lidern war mit goldenen Flecken gesprenkelt. Ihr Haar war voll und dunkel und glänzte im Kerzenlicht, obwohl es noch immer etwas zerzaust war.

Er senkte den Blick zu ihren vollen rosa Lippen. Sie waren perfekt. Küssenswert. Wieder flackerte das Verlangen in ihm auf und verlangte nach Befriedigung.

Abrupt stand Khalil auf. „Sie müssen hungrig sein, Eure Hoheit. Sie sollten jetzt etwas essen.“

„Ich habe keinen Hunger.“

„Wie Sie wollen.“ Er setzte sich wieder und nahm ein Stück Fladenbrot. Neugierig musterte er sie. „Mich würde mal interessieren, warum Sie Aziz heiraten wollen.“ Khalil legte den Kopf schief. „Am Geld kann’s nicht liegen, Thallia ist ein reiches Land. Es kann Ihnen auch nicht um Macht gehen, da Sie bereits Königin sind. Und aus Liebe heiraten Sie ihn auch nicht.“

„Vielleicht ja doch.“ Ihre Stimme war tief und angenehm heiser. Sie erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken, doch an ihren beschleunigten Atemzügen hörte er, dass sie nicht so gelassen war, wie sie sich gab.

Er lächelte. „Ich glaube nicht, Eure Hoheit. Ich glaube, Sie heiraten ihn, weil Sie sich etwas ganz Bestimmtes davon versprechen, und ich frage mich, was das ist. Ihr Volk liebt Sie, und die politische Lage in Ihrem Land ist stabil.“ Er hob die Augenbrauen. „Was kann Sie also dazu bewegen, einen Hochstapler zu heiraten?“

„Ich glaube, Sie sind der Hochstapler, Khalil.“

„Mit dieser Ansicht sind Sie leider nicht die Einzige. Aber Sie irren sich.“

Irritiert sah sie ihn an. „Sie glauben also allen Ernstes, dass Sie einen Anspruch auf den Thron haben?“

„Ich weiß es sogar.“

„Wie ist das möglich? Aziz ist Scheich Hashems einziger Sohn.“

Obwohl Khalil das nicht zum ersten Mal hörte, rissen Elenas Worte alte, kaum vernarbte Wunden in ihm auf. Er spürte die alte Wut in sich aufsteigen, jenen Aufschrei der Empörung, den er jedoch sofort niederzwang. Khalil lächelte kalt. „Vielleicht sollten Sie Ihre Wissenslücken wirklich schließen, was die Geschichte Kadars angeht. Sie werden während Ihres Aufenthalts hier jede Menge Zeit zum Lesen haben.“ Er wusste jedoch, dass sie die Wahrheit nicht in irgendwelchen Büchern finden würde. Sein Vater hatte sein Bestes getan, sämtliche Hinweise auf Khalils Existenz auszulöschen.

Sie erwiderte seinen Blick, ohne zu blinzeln. „Und wenn ich nicht hierbleiben will?“

„Ich fürchte, Ihr Aufenthalt hier ist nicht verhandelbar. Aber ich kann Ihnen versichern, dass man Ihnen jeden Komfort bieten wird.“

Elena fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, eine unschuldige Geste, die seine Begierde jedoch sogleich wieder aufflackern ließ. Aber Khalil unterdrückte die Empfindung sofort. Königin Elena war eine schöne Frau, und er hatte schon lange enthaltsam gelebt. Nur deshalb reagierte sein Körper so heftig auf sie. Das hieß jedoch noch lange nicht, dass er mit ihr schlafen würde.

Dabei war das Anziehendste an ihr nicht ihr Aussehen, sondern ihre Ausstrahlung. Obwohl sie große Angst haben musste, saß sie aufrecht und stolz da und sah ihn herausfordernd an. Er bewunderte ihren starken Willen, ihre Entschlossenheit, sich nicht unterkriegen zu lassen. Irgendwie erkannte Khalil sich in ihr wieder. Auch er war niemand, der sich unterwarf, noch nicht mal, wenn sich die ganze Welt gegen ihn verschworen zu haben schien.

Hatte auch sie mit irgendwelchen Widerständen zu kämpfen gehabt? Er wusste nur, dass sie eine Tragödie durchgemacht hatte – den Tod ihrer Eltern bei einem Bombenattentat. Mit nur neunzehn Jahren hatte sie den Thron bestiegen. Sie war jetzt erst dreiundzwanzig, und obwohl sie sehr jung aussah, wirkte sie in ihrem Gebaren älter.

Sie stand auf, von Kopf bis Fuß anmutig und königlich. „Sie können mich nicht gegen meinen Willen hier festhalten.“

Er musste lächeln. Fast tat sie ihm leid. „Doch, das kann ich.“

„Aziz wird jemanden schicken, der mich holt. Man wird nach mir suchen.“

„Nicht vor morgen. Und bis dahin werden sämtliche Spuren verweht sein.“ Er warf einen Blick zum Eingang des Zeltes, der im Wind flatterte. „Hört sich so an, als würde sich da draußen ein Sturm zusammenbrauen.“

Elena schüttelte fassungslos den Kopf. „Wie haben Sie das geschafft? Wie haben Sie Aziz eine falsche Nachricht zukommen lassen und den Piloten dazu gebracht, woanders zu landen?“

„Nicht alle sind Aziz ergeben. Wissen Sie, dass er seit seiner Kindheit nie länger als nur für ein paar Tage im Land war?“

„Ich weiß, dass er an den europäischen Höfen sehr beliebt ist.“

„Sie meinen in den Country Clubs, auf Partys und beim Polo. Hier ist der Gentleman-Playboy nicht so angesehen.“

Elenas Augen blitzten wütend auf. „Was für ein alberner Spitzname! Den hat ihm doch nur die Klatschpresse verliehen.“

Khalil zuckte die Achseln. „Er hat sich durchgesetzt.“ Khalil wusste zwar, dass sein jüngerer Halbbruder auch Geschäftsmann war, aber vermutlich war das nur ein Vorwand, um in Europa zu bleiben. Aziz macht sich doch gar nichts aus Kadar, dachte Khalil verbittert. Auch wenn er kein Bastard wäre, würde er den Thron nicht verdienen.

„Trotzdem können Sie nicht einfach eine Königin entführen“, widersprach Elena und hob trotzig das Kinn. „Ich würde Ihnen raten, Schadensbegrenzung zu betreiben und mich freizulassen. Ich werde Sie auch nicht anzeigen.“

Khalil unterdrückte ein Lachen. „Wie großzügig von Ihnen.“

„Sie wollen doch bestimmt nicht vor Gericht“, beharrte sie. „Wie wollen Sie Scheich werden, wenn Sie ein Verbrechen begangen haben? Man wird Sie dafür zur Rechenschaft ziehen.“

„In meinem Land läuft das etwas anders.“

„Dann denken Sie eben an mein Land!“, entgegnete sie gereizt. „Glauben Sie, mein Land wird es Ihnen durchgehen lassen, dass Sie mich entführt haben?“

Er zuckte die Achseln. „Ich halte Sie nur für ein Weilchen auf, Eure Hoheit, weil mir keine andere Wahl bleibt. Sie sollten mir dankbar sein, dass ich eine Ehe verhindere, die Sie später zweifellos bereuen würden.“

„Dankbar!“ Ihre Augen blitzten wütend auf. „Und wenn Ihr Plan scheitert?“

Er lächelte kalt. „Scheitern ist für mich keine Option.“

Fassungslos schüttelte sie den Kopf. Ihre goldgesprenkelten grauen Augen erinnerten ihn an einen Teich, auf dem Sonnenlicht glitzerte. „Das können Sie doch nicht machen! Man … Staatsoberhäupter tun so etwas einfach nicht!“

„Hier laufen die Dinge anders.“

„So anders doch bestimmt auch nicht!“ Sie schüttelte wieder den Kopf. „Sie sind verrückt.“

Khalil atmete tief durch. „Nein, Eure Hoheit, ich bin nicht verrückt. Nur entschlossen. So, es ist schon spät, und Sie sollten zu Ihrem Zelt gehen. Sie haben eins ganz für sich allein, und wie gesagt, es bietet jeden Komfort.“ Er entblößte die Zähne zu einem Lächeln. „Genießen Sie Ihren Aufenthalt in Kadar.“

Elena ging unruhig in dem Zelt auf und ab, zu dem Assad sie vor eine Stunde gebracht hatte. Khalil hatte recht, es bot tatsächlich jeden Komfort. Es gab ein breites, mit Seidendecken und – kissen bedecktes Doppelbett, mehrere Teaksessel und sogar einen Schrank für Kleidungsstücke, die sie jedoch nicht hatte.

Ob man ihr Gepäck aus dem Flugzeug mitgebracht hatte? Sie bezweifelte das, aber sie hatte sowieso kaum etwas dabeigehabt. Sie hatte nur drei Tage bleiben wollen, gerade lang genug für eine rechtskräftige Eheschließung ohne pompöse Feierlichkeiten. Danach hatte sie mit Aziz nach Thallia zurückkehren wollen, um sich dort gemeinsam mit ihrem Ehemann dem Volk zu zeigen.

Und jetzt würde nichts davon passieren, es sei denn, jemand rettete sie, oder ihr gelang die Flucht, was jedoch eher unwahrscheinlich war. Die Hochzeit mit Aziz würde nicht stattfinden. Nach Ablauf der sechs Wochen brauchte er sie sowieso nicht mehr! Aber leider würde sie ihn dann noch immer brauchen.

Sie brauchte einen Ehemann, einen Prinzgemahl, und zwar vor der Versammlung des Rats nächsten Monat.

Elena ließ sich auf einen Sessel sinken und schlug die Hände vor das Gesicht. Sie konnte noch immer nicht fassen, dass sie hier war … dass man sie tatsächlich entführt hatte!

Aber es hatte keinen Zweck, sich vor der Realität zu verschließen. Außerdem – war ihr nicht schon viel Schlimmeres zugestoßen? Sie erinnerte sich wieder an die ohrenbetäubende Explosion, an das Gewicht ihres toten Vaters auf ihr. Und seitdem sie den Thron bestiegen hatte, versuchten ihre Ratsmitglieder, angeführt von Andreas Markos, sie in Verruf zu bringen und ihre Autorität zu untergraben. Sie wollten keine alleinstehende junge Frau als Königin. Sie wollten sie nicht.

Sie stellten jede ihrer Handlungen in Frage und zweifelten jedes ihrer Worte an. Sie hielten sie für flatterhaft, unreif und verantwortungslos, und das alles nur wegen eines einzigen dummen Fehlers, den sie zu Beginn ihrer Regentschaft in ihrer Trauer und Einsamkeit begangen hatte. Bisher war es ihr nicht gelungen, sich gegen ihren Rat wirklich durchzusetzen.

Vier Jahre lang hatte sie ihrem Land gedient – war in der Öffentlichkeit aufgetreten, hatte Wohltätigkeitsprojekte unterstützt und Gesetze entworfen –, aber das alles zählte nicht. Zumindest nicht in Markos’ Augen. Thallia war ein konservatives Land, und der Rat wollte nun mal einen Mann als Staatsoberhaupt.

Tränen schossen ihr in die Augen, doch sie blinzelte sie entschlossen zurück. Sie war kein kleines Mädchen mehr, das wegen eines aufgeschlagenen Knies weinte. Sie war eine erwachsene Frau, die vier endlose, anstrengende Jahre lang hatte beweisen müssen, dass sie genauso stark wie ein Mann war. Das durfte nicht alles umsonst gewesen sein, nur weil irgendein durchgeknallter Rebell beschlossen hatte, der rechtmäßige Thronerbe von Kadar zu sein!

Allerdings musste Elena einräumen, dass Khalil nicht durchgeknallt wirkte, sondern kühl, gefasst und seiner Sache sehr sicher. Konnte er tatsächlich recht haben? Glaubte er wirklich, das Recht zu haben, Aziz den Thron vor der Nase wegzuschnappen? Wenn sie morgen nicht in Siyad auftauchte, würde Aziz sie bestimmt suchen lassen. Und er würde sie finden, denn seine Lage war genauso verzweifelt wie ihre.

Obwohl … ihre war vielleicht ein kleines bisschen verzweifelter.

Zu ihrem Schreck wurde ihr bewusst, dass Aziz noch eine andere Option offen hatte: Er konnte sich eine andere Braut suchen, wenn sie nicht auftauchte. Was sollte ihn daran hindern?

Ob Khalil das schon bedacht hatte?

Rastlos ging Elena zum Zeltausgang. Sie musste unbedingt mit Khalil reden und ihn dazu überreden, sie freizulassen. Das war ihre einzige Chance!

Entschlossen schlug sie die Decke zur Seite und trat hinaus in die Wüstennacht, doch sofort stellten sich ihr zwei bewaffnete Wachmänner in den Weg. Sie hob den Blick zu ihren verschlossenen Gesichtern und hob trotzig das Kinn. „Ich muss mit Khalil sprechen.“

„Er ist beschäftigt, Eure Hoheit.“ Der Tonfall des Wachmanns war ausdruckslos und unerbittlich zugleich. Er rührte sich nicht von der Stelle.

„Mit etwas Wichtigerem als der Sicherung seines Throns?“, gab sie zurück. Ungeduldig strich sie sich das Haar aus dem Gesicht, das der Wind ihr in die Augen blies. „Ich habe wichtige Informationen für ihn“, sagte sie bestimmt. „Informationen, die seine … Pläne betreffen.“

Die beiden Wachen sahen sie ungerührt an. „Bitte kehren Sie in Ihr Zelt zurück, Eure Hoheit“, sagte einer von ihnen. „Der Wind frischt auf.“

„Sagen Sie Khalil, dass ich ihn sprechen will.“ Zu ihrer Irritation hörte sie einen flehentlichen Unterton in ihrer Stimme. „Sagen Sie ihm, dass mir etwas eingefallen ist, das er noch nicht bedacht hat.“

Als einer der Wachmänner ihr eine Hand auf eine Schulter legte, versteifte sie sich unwillkürlich. „Fassen Sie mich nicht an!“

„Sie müssen in Ihr Zelt zurückkehren, Eure Hoheit, zu Ihrer eigenen Sicherheit.“ Er drehte sie um und schob sie zurück durch den Eingang, als sei sie ein kleines ungehorsames Kind.

3. KAPITEL

Khalil saß mit der Karte Kadars an seinem Teakholztisch und zeichnete die Route durch die Wüste von seinem Lager bis nach Siyad mit einem Finger nach. Dreihundert Meilen. Noch dreihundert Meilen bis zum Sieg.

Widerstrebend, doch unfähig, sich davon abzuhalten, wanderte sein Blick zu einer Ecke der Karte, einer unwirtlichen Wüstenregion, in der nur ein einziger Nomadenstamm lebte: der seiner Mutter.

Er wusste, dass sein alter Peiniger Abdul-Hafiz tot war und dass der Stamm inzwischen Khalil als rechtmäßigen Herrscher von Kadar ansah. Doch obwohl sie in ihm ihren künftigen Scheich sahen, war er bisher noch nicht dorthin zurückgekehrt. Er hätte es nicht ertragen, an den Ort zurückzukehren, an dem er als Kind drei endlose Jahre lang gelitten hatte.

Ihm wurde immer noch übel, wenn er an das zu einer grausamen Fratze verzerrte Gesicht Abdul-Hafiz’ zurückdachte, an sein höhnisches Grinsen, wenn er Khalil gequält hatte.

„Die Frau fragt nach Ihnen.“

Khalil hob den Blick von der Landkarte zu Assad, der im Eingang seines Zelts stand.

„Königin Elena? Warum?“

„Sie behauptet, Informationen zu haben.“

„Was für Informationen?“

Assad zuckte die Achseln. „Was weiß ich? Sie ist verzweifelt und lügt wahrscheinlich nur.“

Unschlüssig trommelte Khalil mit den Fingern auf die Tischplatte. Elena war in der Tat verzweifelt, was sie vermutlich leichtsinnig machte. Und aufmüpfig. Zweifellos war ihr Wunsch, ihn zu sprechen, nur eine List. Vielleicht hoffte sie, ihn irgendwie zu ihrer Freilassung überreden zu können. Es war vermutlich das Beste, ihre Bitte einfach zu ignorieren und so wenig Zeit wie möglich mit ihr zu verbringen …

„Ich bin neugierig, was sie will“, hörte er sich zu seiner Überraschung sagen. „Ich will sie sehen.“

„Soll ich sie holen?“

„Nein, nicht nötig. Ich gehe zu ihr.“ Khalil stand auf, wobei er sich bemühte, ein Gefühl freudiger Erwartung zu ignorieren.

Der starke Wind blies ihm den Sand ins Gesicht, als er durch das Lager zu Elenas Zelt ging. Überall saßen Männer vor Feuern oder kümmerten sich um ihre Waffen und um ihre Tiere. Sie alle waren ihm gegenüber loyal. Ihr Anblick versetzte Khalil einen bittersüßen Stich. Zum ersten Mal seit neunundzwanzig Jahren hatte er wieder das Gefühl, so etwas wie eine Familie zu haben.

Seine Tante Dimah war natürlich auch Familie, und Khalil war ihr unglaublich dankbar für alles, was sie für ihn getan hatte. Sie hatte ihm das Leben gerettet, hatte für ihn gesorgt, ihn unterstützt und an ihn geglaubt.

Ja, er schuldete Dimah eine Menge. Aber sie hatte ihn nie verstanden, konnte nicht nachvollziehen, was ihn antrieb und warum er sein Erbe antreten musste. Diese Männer hingegen schon.

Diese Gedanken abschüttelnd ging er auf Elenas Zelt zu, winkte die Wachen zur Seite und schlug gerade das Tuch zurück, als er wie angewurzelt stehen blieb.

Elena saß in der Badewanne.

Die Intimität des Augenblicks traf ihn mit der Wucht eines Faustschlags: die endlose Dunkelheit da draußen, die Kerzen, die Elenas Rücken in golden flackerndes Licht tauchten. Das einzige Geräusch war das Plätschern des Wassers in der tiefen Kupferwanne – und sein scharfes Einatmen, als die Begierde ihn mit voller Wucht überwältigte.

Er sah Elena erstarren. Der Schwamm fiel ihr aus der Hand, und sie wandte den Kopf, sodass ihre Blicke sich begegneten. Oder eher aufeinanderprallten. Sie sagte kein Wort, rührte sich nicht, genauso wenig wie Khalil. Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich aus, wurde immer spannungsgeladener, und doch war dieser schlichte Augenblick wunderschön.

Sie war schön. Ihr anmutig geschwungener Rücken erinnerte ihn an die sinnlichen Kurven eines Cellos. Eine Strähne dunklen Haars lag nass in ihrem Nacken, den Rest hatte sie hochgesteckt.

Nur wie durch einen Nebel hörte Khalil sie zittrig einatmen. Als ihm bewusst wurde, dass sie Angst hatte, drehte er sich abrupt um. „Ich bitte um Entschuldigung. Ich wusste nicht, dass Sie baden. Ich warte draußen, bis Sie fertig sind.“ Er schob das Tuch vor dem Eingang zur Seite. Rasch kamen die Wachen auf ihn zu, doch er schüttelte abwehrend den Kopf. Sein ganzer Körper pulsierte vor Verlangen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, seine Erektion niederzuzwingen, doch immer wieder sah er Elenas goldenen Rücken vor sich.

Nach gefühlt endlosen Minuten hörte er ein Rascheln hinter sich, und Elena erschien in einem weißen Bademantel, der sie Gott sei Dank vom Hals bis zu den Füßen bedeckte.

„Sie können jetzt reinkommen.“ Ihre Stimme klang heiser, und ihre Wangen waren gerötet – ob vom Bad oder wegen ihrer unerwarteten Begegnung wusste er nicht.

Khalil betrat das Zelt. Elena war bereits auf die andere Seite der kupfernen Wanne gegangen, so als sei das Gefäß eine Barriere, hinter der sie Schutz suchte.

„Es tut mir leid“, wiederholte er. „Ich wusste nicht, dass Sie baden.“

„Das haben Sie schon gesagt.“

„Glauben Sie mir etwa nicht?“

„Warum sollte ich Ihnen auch nur irgendetwas glauben?“, schoss sie erbittert zurück. „Sie haben sich bisher nicht gerade ehrenwert verhalten.“

Khalil richtete sich auf. Jegliche Erregung verschwand angesichts ihrer offensichtlichen Verachtung. „Wäre es vielleicht ehrenwert, mein Land von einem Blender regieren zu lassen?“

„Einem Blender?“ Sie schüttelte verächtlich den Kopf, wobei ihr ein paar Strähnen in die Wangen fielen. Khalils juckte es plötzlich in den Händen, sie zu berühren und ihr das Haar aus dem Gesicht zu streichen. Schnell ballte er die Hände zu Fäusten. „Aziz ist nicht der rechtmäßige Thronerbe.“

„Das ist mir egal!“, schrie sie.

Khalil vergingen seine zärtlichen Anwandlungen schlagartig. „Das ist mir bewusst, Eure Hoheit“, sagte er schroff. „Aber mir ist immer noch nicht klar, warum Sie Aziz heiraten wollen.“

Sie schloss für einen Moment gequält die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah Khalil zu seiner Überraschung tiefe Verzweiflung in deren goldgrauen Tiefen. „Ich wollte damit nur sagen, dass nichts davon für mich relevant ist, solange ich hier bin. Ich verstehe ja, dass dieser … dieser Konflikt sehr wichtig für Sie ist. Aber mich hierzubehalten, wird Sie Ihrem Ziel nicht näherbringen.“

„Nicht?“

„Nein.“ Sie verzog die Lippen zu einem verkrampften Lächeln. „Aziz wird einfach eine andere heiraten. Ihm bleiben immer noch vier Tage Zeit.“

„Die Dauer ist mir bewusst.“ Khalil musterte sie nachdenklich. Ja, sie wirkte verzweifelt, aber auch entschlossen und mutig. Er spürte so etwas wie Bewunderung in sich aufsteigen … und Neugier. Warum hatte sie sich bereiterklärt, Aziz zu heiraten? Was hatte sie von solch einer Ehe?

„Warum sollten Sie mich noch hier festhalten, wenn Aziz die Bedingungen seines Vaters doch jederzeit mit einer anderen Frau erfüllen kann?“

„Das wird er nicht tun.“

„Wieso nicht? Er und ich kennen einander kaum. Wir sind uns erst zweimal begegnet.“

„Ich weiß.“

„Warum glauben Sie dann, dass er mir treu bleiben wird?“

Khalil konnte gut nachvollziehen, was in ihr vorging. Er hatte sich diese Frage auch immer wieder gestellt. Warum sollte ihm jemand die Treue halten? Warum sollte er jemandem trauen, wo ihn doch der Mensch, den er am meisten geliebt hatte, von sich gestoßen und sich selbst überlassen hatte?

„Offen gesagt geht es hier nicht um Treue, sondern um Politik.“

„Ganz genau. Also wird er eine andere heiraten.“

„Und sein Volk noch mehr gegen sich aufbringen? Es freut sich auf diese Hochzeit, mehr als auf Aziz. Wenn er Sie jetzt einfach gegen eine andere austauscht …“ So wie unser Vater es getan hat … DochKhalil hatte keine Lust, das Elena zu erzählen. „Damit würde er sich ziemlich unbeliebt machen und seine Regentschaft noch weiter gefährden.“

„Aber wenn er den Thron doch sowieso verliert …“

„Das muss nicht zwangsläufig passieren. Hat er es Ihnen nicht erklärt?“ Khalil lächelte grimmig, als er ihren verunsicherten Gesichtsausdruck sah. „Im Testament seines Vaters steht, dass er eine Volksabstimmung veranlassen muss, wenn er nicht innerhalb von sechs Wochen heiratet. Das Volk wird dann einen neuen Scheich wählen.“

Elena starrte ihn aus großen Augen an. „Und Sie glauben, es wählt Sie?“

Er lachte spöttisch. „Warum so skeptisch?“

„Wer sind Sie?“

„Das habe ich Ihnen doch schon gesagt, der nächste Herrscher von Kadar.“

Sie sah ihn forschend an. Was sie sah, schien ihr nicht zu gefallen, denn ihre Verzweiflung kehrte mit voller Wucht zurück. „Aziz könnte trotzdem eine andere heiraten. Was passiert dann?“

„Wenn er das tut, könnte das einen Bürgerkrieg auslösen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass er das will. Zugegeben, Eure Hoheit, ich gehe ein gewisses Risiko ein. Sie haben völlig recht, Aziz könnte eine andere heiraten. Aber ich bezweifle, dass er das tun wird.“

„Warum gehen Sie nicht einfach zu ihm und bitten ihn darum, den Volksentscheid anzustoßen?“

Khalil schüttelte den Kopf. „Weil er genau weiß, dass er die Wahl nicht gewinnen würde.“

„Und falls es zum Krieg kommt? Sind Sie darauf vorbereitet?“

„Ich werde alles tun, um meine Herrschaft zu sichern. Täuschen Sie sich nicht, Königin Elena.“

Ihre offensichtliche Verzweiflung stimmte ihn etwas milder. Nichts hiervon war ihre Schuld. Sie war nur das Opfer eines Konflikts, der nicht ihrer war. Unter anderen Umständen hätte er ihren Mut und ihre Entschlossenheit bewundert. „Es tut mir leid“, sagte er. „Mir ist bewusst, dass ich Ihre Pläne, Aziz zu heiraten, vereitle. Aber ich bin davon überzeugt, dass Sie darüber hinwegkommen werden.“

Den Tränen nahe wandte sie den Blick ab. „Glauben Sie?“

Wieder hörte er die blanke Verzweiflung in ihrer Stimme und fragte sich, was die Ursache war.

„Ich weiß es sogar, Eure Hoheit. Keine Ahnung, warum Sie beschlossen haben, Aziz zu heiraten, aber da Liebe nicht der Grund ist, dürfte es Ihnen wohl kaum das Herz brechen.“

„Was wissen Sie schon über gebrochene Herzen?“, fragte sie wütend. „Sie haben doch gar keins!“

„Vielleicht nicht. Lieben Sie Aziz?“ Khalil war neugierig, auch wenn er sich dagegen wehrte. Elena, ihre Motive oder Wünsche gingen ihn nichts an.

Und doch hatte er gefragt.

„Nein“, antwortete sie nach kurzem Zögern. „Natürlich nicht. Ich kenne ihn schließlich kaum.“ Sie schüttelte den Kopf und seufzte tief. „Ich habe Ihr Wort, dass Sie mich in vier Tagen freilassen?“

„Ja, Sie haben mein Wort.“ Ihr erleichterter Gesichtsausdruck kränkte ihn etwas. „Dachten Sie im Ernst, ich würde Ihnen etwas antun?“

„Warum nicht? Entführer sind auch zu anderen Verbrechen fähig.“

„Wie schon gesagt, das hier ist für mich nur ein notwendiges Übel, mehr nicht.“

„Und was wird das nächste notwendige Übel sein?“, fragte sie ihn sarkastisch. Sie wirkte plötzlich mutlos. Es war, als sei ein Funke in ihr erloschen. Khalil verspürte fast so etwas wie Reue, denn er vermisste das Feuer in ihr.

„Wenn man ein Verbrechen rechtfertigt, Khalil, ist der Schritt zum nächsten Verbrechen nicht weit.“

„Sie klingen, als sprächen Sie aus Erfahrung.“

„Das tue ich.“

„Aus Ihrer eigenen?“

Sie presste die Lippen zusammen. „Irgendwie schon.“

Er öffnete den Mund, um nachzuhaken, klappte ihn jedoch abrupt zu. Er wollte es gar nicht wissen. Khalil musste diese Frau nicht verstehen. Was sollte es ihr schon ausmachen, auf eine Hochzeit mit einem Fremden zu verzichten?

Für ihn hingegen stand unendlich viel mehr auf dem Spiel.

„Ich verspreche Ihnen, Ihnen nichts anzutun. Und in vier Tagen werden Sie frei sein.“ Als sie nichts erwiderte, nickte er schroff und verließ ohne ein weiteres Wort das Zelt.

Elena wurde von hellem Sonnenlicht geweckt, das durch die schmale Lücke im Eingang fiel. Sie fühlte sich wie zerschlagen, da sie bis zum Morgengrauen wachgelegen und gegrübelt hatte.

Sich reckend blickte sie zur im Wind flatternden Zeltdecke hoch. Was würde dieser Tag bringen?

Die ganze Nacht hatte sie sich über ihre Optionen den Kopf zerbrochen. Vielleicht würde es ihr gelingen, ein Handy zu stehlen und jemanden zu kontaktieren, aber wen? Die Vermittlung, um sie mit dem Palast von Kadar zu verbinden? Oder Andreas Markos, der vermutlich froh über die Nachricht von ihrer Entführung sein würde? Vermutlich gab es hier draußen sowieso keinen Empfang.

Dann hatte sie mit dem Gedanken gespielt, sich mit einem der Wachmänner anzufreunden und ihn zu bitten, ihr zu helfen, aber das war noch unrealistischer. Die beiden Wachen vor ihrem Zelt zum Beispiel schien ihre Lage völlig kaltzulassen.

Würde es ihr vielleicht gelingen, ein Feuer zu machen, dessen Rauch man von einem Hubschrauber oder Flugzeug aus sehen konnte?

Eine Idee erschien ihr lächerlicher als die andere, aber sie wollte nicht einfach so die Waffen strecken. Wenn sie jetzt aufgab, würde sie den Thron verlieren. Je länger sie hierblieb, desto wahrscheinlicher wurde es, dass Aziz eine andere heiratete, ganz egal, was Khalil sagte. Und danach würde er sie sowieso nicht mehr brauchen.

Aber sie brauchte ihn, brauchte einen Ehemann, einen Vater für ihre Kinder …

Was sollte sie nur tun?

Als sie seufzend aufstand, hörte sie eine weibliche Stimme vor dem Zelt, und kurz darauf trat eine Frau mit einem Krug Wasser ein. „Guten Morgen, Eure Hoheit“, sagte sie lächelnd und knickste.

Elena murmelte einen Gruß. Vielleicht konnte sie ja diese Frau zu ihrer Verbündeten machen.

Beim Anblick des Wasserkrugs musste sie an ihr Bad von gestern Abend denken – und dass Khalil sie dabei gesehen hatte. Sogar jetzt noch wurde ihr ganz heiß, als sie an seinen intensiven Blick dachte. Begehrt zu werden, war ganz schön beängstigend – aufregend zwar, aber auch furchterregend, besonders bei einem Mann wie Khalil.

Es war vermutlich eine dumme Idee gewesen zu baden, aber als die beiden mürrischen Wachen die große Kupferwanne reingetragen und mit dampfendem Wasser gefüllt hatten, hatte Elena einfach nicht widerstehen können. Sie war müde und sandig gewesen, und die Vorstellung, sich in das nach Rosenöl duftende Wasser gleiten zu lassen, war zu verlockend gewesen.

Außerdem hatte sie nicht mehr damit gerechnet, Khalil noch wiederzusehen.

Schon allein die Erinnerung daran trieb ihr die Schamröte ins Gesicht, obwohl er nicht viel von ihr gesehen haben konnte. Dazu war die Wanne viel zu hoch gewesen, und außerdem hatte sie ihm den Rücken zugewandt.

Und trotzdem hatte er sie angesehen, als wolle er sie verschlingen. Das Schlimmste dabei war jedoch, dass sie sofort auf ihn reagiert hatte. Alles in ihr hatte sich geöffnet, war voller Erwartung gewesen …

„Brauchen Sie noch etwas, Eure Hoheit?“, fragte die Frau.

Ja, dachte Elena. Meine Freiheit. Sie zwang sich zu einem Lächeln, um es sich nicht mit ihr zu verscherzen. „Lieb von Ihnen, mir Wasser zu bringen, danke. Waren Sie diejenige, die gestern Abend das Bad angeordnet hat?“

Die Frau nickte. „Ja. Ich dachte, Sie könnten eins gebrauchen.“

„Das war eine gute Idee, danke.“ Elena dachte fieberhaft nach, was sie noch fragen konnte. „Woher hatten Sie das Wasser? Gibt es hier eine Oase?“

„Ja, gleich hinter den Felsen.“

„Ist man dort blickgeschützt? Ich würde dort gern mal schwimmen, falls das möglich ist.“

Die Frau lächelte. „Wenn Scheich Khalil nichts dagegen hat, geht das bestimmt.“

„Danke.“ Elena hatte keine Ahnung, ob die Oase ihr eine Fluchtmöglichkeit bieten würde, aber einen Versuch war es wert. Jetzt musste sie nur noch Khalil dazu bringen, zuzustimmen.

„Wenn Sie fertig sind, können Sie draußen frühstücken“, sagte die Frau. „Scheich Khalil erwartet Sie bereits.“

Das war schon das zweite Mal, dass die Frau Khalil „Scheich“ nannte. War er einer, oder betrachtete er sich schon jetzt als Herrscher von Kadar? Sie könnte ihn natürlich fragen, aber das wollte sie nicht. Es hatte keinen Sinn, mehr über diesen Mann zu erfahren und wäre sehr kontraproduktiv, womöglich noch Verständnis für ihn zu entwickeln. Es war schon schlimm genug, dass seine Gegenwart sie alles andere als kaltließ.

Ein paar Minuten später trat sie aus ihrem Zelt. Sie trug ein Paar Khakihosen und ein schlichtes Hemd, das die Frau ihr hingelegt hatte. Das Haar hatte sie sich zu einem glatten Zopf geflochten.

Der Anblick der gleißenden Wüstensonne und des knallblauen Himmels verschlugen ihr für einen Moment den Atem. Sie war ganz verzaubert von der herben Schönheit der Wüste, auch wenn sie sich dagegen wehrte. Sie wollte nichts für ihre Umgebung empfinden.

Khalil saß allein unter einem Sonnensegel, das über einer hölzernen Plattform gespannt worden war. Er stand bei ihrer Ankunft auf. „Bitte. Setzen Sie sich.“

„Danke.“ Sie nahm auf einer Stuhlkante Platz.

Khalil hob belustigt eine Augenbraue. „Wir sind heute ja so höflich.“

Elena zuckte die Achseln. „Ich bin gerade nicht zum Streiten aufgelegt.“

„Schade.“ Er goss ihr Kaffee aus einer verzierten Blechkanne ein. Das Getränk sah dunkel und sämig aus und duftete nach Kardamom. „Das ist kadarischer Kaffee“, erklärte er. „Haben Sie ihn schon mal probiert?“

Sie schüttelte den Kopf und trank einen Schluck. Der Kaffee schmeckte stark, aber nicht unangenehm.

Khalil nickte befriedigt. „Hätten Sie als Aziz’ Frau die Traditionen von Kadar übernommen?“

Elena versteifte sich. „Ich kann immer noch seine Frau werden. Vielleicht findet er mich ja hier.“

Khalil musterte sie arrogant. „Da würde ich mir keine allzu großen Hoffnungen machen, Eure Hoheit.“

„Warum nicht? Sie scheinen das ja auch zu machen.“

Er zuckte die Achseln. „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass das Volk von Kadar nicht hinter Aziz steht.“

Das musste stark übertrieben sein. Aziz hatte zwar etwas von Unruhen erwähnt, aber nicht, dass er als Herrscher unbeliebt war. „Nur außerhalb von Siyad, haben Sie gesagt. Aber warum sollte man nicht hinter ihm stehen? Er ist der einzige Sohn des Scheichs!“

Khalil presste die Lippen zusammen. Seine bernsteinfarbenen Augen blitzten für einen Moment wütend auf, doch er überspielte seine Emotionen mit einem weiteren Achselzucken. „Vielleicht sollten Sie meinen Rat befolgen und sich etwas eingehender mit der Geschichte dieses Landes befassen.“

„Ach ja? Haben Sie vielleicht einen Lektürevorschlag?“, fragte sie spitz, bereute ihren Tonfall jedoch sofort. Sie tat sich selbst keinen Gefallen, wenn sie ihn gegen sich aufbrachte.

Khalils Mundwinkel zuckten belustigt. Dadurch wirkte er plötzlich viel zugänglicher als sonst. „Ich habe tatsächlich ein paar Bücher dabei und leihe Ihnen gern eins aus, obwohl Sie Ihre Antworten nicht in Büchern finden werden.“

„Wo denn dann?“

Er zögerte einen Moment. Elena dachte schon, er würde ihr etwas Wichtiges anvertrauen, doch er schüttelte nur abwehrend den Kopf. „Ich glaube kaum, dass die Antworten Sie befriedigen würden, Eure Hoheit, zumindest nicht jetzt. Aber wenn Sie später bereit sind zuzuhören und mir zuzugestehen, dass vielleicht mehr an der Geschichte dran ist, die Aziz Ihnen erzählt hat, werde ich Sie vielleicht einweihen.“

„Na, da kann ich ja von Glück sagen“, erwiderte sie spöttisch, doch zum ersten Mal seit ihrer ersten Begegnung mit Khalil war sie wirklich verunsichert. Er wirkte seiner Sache so sicher, so überzeugt. Was war, wenn sein Anspruch auf den Thron berechtigt war?

Aber nein, er war ein Rebell. Ein Betrüger. Es konnte gar nicht anders sein. Alles andere war undenkbar.

Zu ihrer Überraschung beugte er sich vor und nahm eine ihrer Hände. Elena zuckte zusammen, und es überlief sie heiß. Sie versteifte sich unwillkürlich. „Ich sehe Ihnen doch an, dass Sie neugierig sind“, murmelte er, „auch wenn Sie sich dagegen wehren.“

„Warum sollte ich mich für einen Verbrecher interessieren?“, fragte sie aufsässig.

Lächelnd ließ er ihre Hand los und stand auf. „Wie schon gesagt, es gibt noch eine andere Seite der Geschichte.“

Elena sah ihm frustriert nach, als er ging. Sie hatte die Chance verpasst, ihn nach der Oase zu fragen. „Und was soll ich hier vier Tage lang machen?“, rief sie ihm hinterher. „Wollen Sie mich etwa die ganze Zeit in meinem Zelt einsperren?“

Khalil drehte sich zu ihr um. „Nur wenn Sie dumm genug sind, einen Fluchtversuch zu machen.“ Er wirkte plötzlich wieder kalt und distanziert.

„Und falls doch?“

„Dann werde ich Sie finden, lebendig hoffentlich.“

„Wie charmant.“

„Die Wüste ist ein gefährlicher Ort. Abgesehen von Skorpionen und Schlangen gibt es immer wieder Sandstürme, die alles zuwehen, was ihnen im Weg ist.“

„Das weiß ich.“ Sie presste die Lippen zusammen und senkte den Blick zu ihrem Teller mit frischem Obst. Sie griff nach einer Gabel und spielte mit einem Stück Papaya herum.

„Kann ich mich darauf verlassen, dass Sie nicht zu fliehen versuchen?“, fragte er.

„Wollen Sie ein Versprechen von mir hören?“

Er zögerte einen Moment. „Nein“, sagte er schließlich. „Ich traue Versprechungen nicht. Ich will nur nicht Ihren Tod auf meinem Gewissen haben.“

„Wie aufmerksam von Ihnen“, antwortete Elena sarkastisch. „Ich bin gerührt.“

Zu ihrer Überraschung sah sie ihn wieder lächeln, wobei sich diesmal sogar ein Grübchen in einer Wange zeigte. „Das dachte ich mir schon.“

„Dann darf ich mich also frei bewegen, solange ich nicht zu fliehen versuche?“, hakte sie nach. „Die Frau, die mir Wasser gebracht hat, hat gesagt, dass es hier eine Oase gibt.“ Sie hielt die Luft an und versuchte, so unschuldig wie möglich auszusehen.

„Sie meinen Leila, Assads Frau. Und ja, Sie können zur Oase gehen, wenn Sie wollen. Achten Sie aber auf Schlangen.“

Elena nickte. Ihr Herz klopfte mit einer Mischung aus Triumph und Erleichterung. Sie hatte jetzt einen Plan. Endlich konnte sie etwas tun. „Reiten Sie weg?“, fragte sie, als ihr Blick auf ein gesatteltes Pferd in der Nähe fiel. Umso besser.

„Ja.“

„Wohin?“

„Ich treffe mich mit einigen Beduinenstämmen dieses Teils der Wüste.“

„Um sich Unterstützung zu sichern?“, fragte sie ironisch.

Er hob eine Augenbraue. „Sie sind ganz schön aufsässig.“

„Inwiefern? Soll ich mich mit meiner Situation abfinden, nur weil Sie das wollen? ‚Unschlagbarkeit liegt in der Verteidigung‘“, zitierte sie. „‚Die Möglichkeit des Sieges liegt im Angriff‘.“

Khalil nickte. „‚Die Kunst des Krieges‘ von Sun Tsu“, sagte er. „Beeindruckend. ‚Derjenige, der genau weiß, wann er kämpfen darf und wann nicht, wird sicher siegen‘“, zitierte er zurück.

Trotzig erwiderte sie seinen Blick. „Ganz genau.“

Khalil lachte kopfschüttelnd. „Sie glauben tatsächlich, in dieser Situation noch gewinnen zu können, Eure Hoheit, trotz allem, was ich Ihnen erzählt habe?“

„‚Ohne jeden Kampf einen Feind zu unterwerfen, ist in der Tat wahrer Genius‘.“

Er legte den Kopf schief und musterte sie lässig von Kopf bis Fuß. „Und wie beabsichtigen Sie mich zu unterwerfen?“, fragte er. Seine Augen funkelten.

Ganz bestimmt hatte er nicht anzüglich klingen wollen, aber seine Worte klangen trotzdem sexuell aufgeladen. Elena wurde wieder heiß, und ihre Beine fühlten sich plötzlich an wie aus Watte. Sie war unfähig, etwas zu antworten oder auch nur zu denken. Irgendwann stieß sie hervor: „‚Die ganze Kriegskunst basiert auf List und Tücke‘.“

„Sie haben Ihren Sun Tsu offensichtlich gut studiert. Das macht mich neugierig. In Ihrem Land herrscht doch seit fast tausend Jahren Frieden.“

„Es gibt verschiedene Arten von Krieg.“ Und der Krieg, den sie kämpfte, fand im Verborgenen statt. Eine gemurmelte Anspielung, ein geflüstertes Gerücht – sie musste sich ständig auf Angriffe aus dem Hinterhalt gefasst machen.

„Da haben Sie recht. Ich hoffe, dass mein Krieg um den Thron von Kadar ohne Blutvergießen vonstattengehen wird.“

„Glauben Sie nicht, dass Aziz sich wehren wird?“

„Ich hoffe, er ist klug genug, das zu unterlassen. Aber jetzt Schluss damit, ich muss aufbrechen. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.“

Als er zu seinem Pferd ging, hob Khalils Silhouette sich deutlich vom Hintergrund des klaren blauen Himmels ab. Er ritt davon – und Elena fühlte einen schmerzlichen Stich in ihrem Herz. Es war, als ob sie plötzlich etwas Wichtiges verloren hätte …

4. KAPITEL

Nachdem Khalil mit mehreren seiner Männer in einer Staubwolke davongeritten war, beschloss Elena, ihren Fluchtplan sofort in die Tat umzusetzen und machte sich auf die Suche nach Leila. Die Frau zeigte ihr bereitwillig den Weg zur Oase. Sie brachte Elena sogar einen Badeanzug und Sonnencreme und packte ihr etwas Proviant ein. Sie benahm sich ihr gegenüber so fürsorglich, dass Elena fast Schuldgefühle bekam.

In ihrem Zelt suchte sie alles zusammen, was sie brauchte. Die Tischbeine waren zu dick, aber die Sessellehnen eigneten sich gut für Feuerholz. Sie kniete sich auf den Boden und entfernte ein paar Holzstäbe von einer Lehne, wobei sie das Geräusch mit einem Kissen dämpfte. Sie stopfte die Latten in die Picknicktasche und verließ hoch erhobenen Hauptes das Zelt.

Die Wachen ließen sie passieren, und Leila zeigte ihr einen Pfad, der sich zwischen zwei hohen Felsen entlangschlängelte. „Es ist wunderschön in der Oase“, sagte sie. „Viel Spaß.“

„Machen Sie sich keine Sorgen, dass ich davonlaufe?“, fragte Elena so locker wie möglich.

In Leilas Blick lag so viel Mitgefühl, dass Elena wieder ein schlechtes Gewissen bekam, doch sie verdrängte diesen Anflug. Diese Menschen hier hielten sie gefangen, ganz egal, wie freundlich sie waren. Und sie musste hier irgendwie weg.

„Diese Situation muss sehr schwierig für Sie sein, Eure Hoheit, aber der Scheich ist ein guter Mann. Er bewahrt Sie vor einer unglücklichen Ehe, ob Ihnen das bewusst ist oder nicht.“

Na, wenn das keine Verdrehung der Tatsachen war! „Mir war gar nicht bewusst, dass es Khalil nur um mein Eheglück geht“, sagte sie sarkastisch. „Ich dachte, er will Scheich werden.“

„Er ist bereits Scheich von einem der Wüstenstämme“, antwortete Leila. „Und er ist der rechtmäßige Thronfolger von Kadar. Ihm ist großes Unrecht widerfahren. Es wird Zeit, das wiedergutzumachen.“

Ihre Worte verunsicherten Elena wieder. Auch Leila klang, als sei sie ihrer Sache absolut sicher … genauso wie Khalil. „Was für ein Unrecht?“, platzte sie heraus.

Leila schüttelte den Kopf. „Es kommt mir nicht zu, das zu beantworten. Aber hätten Sie Aziz geheiratet, wären Sie jetzt mit einem Hochstapler liiert. Nur sehr wenige Menschen finden, dass er Scheich sein sollte.“

Das hatte Khalil zwar auch schon gesagt, aber Elena konnte es nicht einfach so akzeptieren. „Aber warum?“

Leila runzelte die Stirn. „Das müssen Sie Scheich Khalil fragen …“

„Er ist kein echter Scheich“, unterbrach Elena sie hitzig. „Zumindest nicht von Kadar.“

„Aber er sollte es sein. Fragen Sie ihn. Er wird Ihnen die Hintergründe erklären.“

Will ich es wirklich wissen? fragte Elena sich auf dem Weg durch die Felsen zur Oase. Welche Auswirkungen hatte es auf sie, falls Khalil tatsächlich ein Anrecht auf den Thron von Kadar hatte? Würde sie Aziz auch dann noch heiraten, wenn er nicht rechtmäßig Scheich war? Würde ihr Rat ihn dann überhaupt akzeptieren?

Aber es war zwecklos, sich solche Gedanken zu machen, solange sie hier feststeckte.

Nach ein paar Minuten kam sie zu einem flachen Fels vor einem von Palmen umgebenen Wasserbecken, dessen Oberfläche in der Sonne glitzerte. Es war heiß, trocken und windstill, perfekt zum Schwimmen.

Elena sah sich nach den Wachmännern um, konnte jedoch niemanden sehen. Trotzdem breitete sie sorgfältig ihr Handtuch auf dem Fels aus, als wollte sie wirklich nur ein Sonnenbad nehmen. Nachdem sie sich bis auf den schlichten schwarzen Badeanzug ausgezogen hatte, rieb Elena sich ausgiebig mit Sonnencreme ein.

Vorsichtig blickte sie sich um. Nein, sie war eindeutig allein. Niemand war ihr aus dem Lager gefolgt. Aber warum auch? Sie war nur fünf Minuten von ihrem Zelt entfernt und befand sich mitten in der Wüste, mitten im Nirgendwo. Um sie herum erstreckte sich endlos die Wüste, nichts als Sand und dunkle Felsen, streng und schön zugleich.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu warten und zu hoffen, dass Aziz sie finden würde.

Oder ein Signal zu geben.

Schnell griff Elena nach ihrer Tasche und zog die Latten heraus. Am Rand der Oase fand sie etwas vertrocknetes Unkraut, das sie zu einem kleinen, ziemlich erbärmlichen Häufchen auftürmte. Ein großes Feuer würde sie damit nicht hinkriegen, aber es musste reichen. Es war ihre einzige Chance. Wenn jemand den Rauch sah, stellte er vielleicht Nachforschungen an.

Entschlossen begann sie, die Holzstäbe aneinander zu reiben.

Eine Viertelstunde später hatte sie das Gefühl, bald Blasen an beiden Händen zu bekommen, doch die Holzstäbe waren nur ein bisschen warm geworden. Frustriert legte sie sie zur Seite und stand auf. Ihr war heiß, und das schimmernde Wasser der Oase sah unglaublich einladend aus.

Kopfüber sprang sie in das kühle erfrischende Nass und schwamm ein paar Meter unter Wasser, bevor sie wieder auftauchte.

Selbst wenn es ihr gelang, ein Feuer zu machen, würde es sich nicht von jedem anderen Lagerfeuer unterscheiden, oder? Sie müsste schon einen richtigen Brand entfachen, um sich bemerkbar zu machen. Sie würde das ganze Lager anzünden müssen.

Die Erkenntnis, wie lächerlich ihr Plan war, war niederschmetternd, aber trotzdem wollte Elena es versuchen. Schließlich hatte sie keine anderen Optionen.

Entschlossen schwamm sie zum Fels zurück und kletterte hinauf. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, kniete sie sich wieder vor die Holzstäbe und begann erneut zu reiben.

Fünf Minuten später sah sie den ersten Funken. Hoffnung keimte in ihr auf, und sie rieb stärker. Einige der vertrockneten Pflanzen und Blätter fingen Feuer, und die erste kleine Flamme flackerte. Sie stieß einen Triumphschrei aus.

„Rühren Sie sich nicht vom Fleck.“

Alles in Elena erstarrte beim Klang der tiefen Stimme hinter sich. Als sie hochblickte und Khalil nur wenige Schritte entfernt stehen sah, machte ihr Herz einen Satz. Reglos sah er sie aus schmalen Augen an, die Lippen fest zusammengepresst.

Ihr stockte das Herz, als Khalil langsam eine Pistole hob und direkt auf sie richtete.

Der Schuss hallte in der Stille wider, echote von den Felsen und kräuselte die Oberfläche des Wassers. Ungerührt beobachtete Khalil, wie die Schlange in der Luft zuckte, bevor sie tot zu Boden fiel.

Als er sich Elena zuwandte und sie schwanken sah, stieß er einen leisen Fluch aus. Instinktiv ging er auf sie zu, um sie aufzufangen und an sich zu ziehen. „Ich habe sie getötet, Elena“, sagte er und strich ihr sanft über das dunkle Haar. „Sie ist tot. Sie brauchen keine Angst mehr zu haben.“

Zitternd schlug sie die Augen auf und sah ihn an. „Was ist tot?“

Khalil erwiderte ihren Blick für ein paar Sekunden ratlos, bis ihm die Bedeutung ihrer Worte bewusst wurde. „Ich habe eine Schlange erschossen! Haben Sie sie nicht gesehen? Sie war direkt neben Ihnen und wollte gerade zubeißen.“

Elena sah ihn nur benommen an, bis er ihr Kinn in eine Hand nahm und ihren Kopf Richtung Schlange bog. Sie keuchte erschrocken auf. „Ich dachte …“

„… dass ich auf Sie ziele?“, ergänzte Khalil ihren Satz. Er spürte einen Anflug von Wut – und Schuldgefühlen. „Wie konnten Sie so etwas denken? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich Ihnen nichts antun werde.“

„Sie haben auch gesagt, dass Sie Versprechungen nicht trauen. Tja, mir geht es genauso, Khalil.“ Sie versuchte, sich von ihm loszumachen, doch sie zitterte noch immer so stark, dass er sie nicht losließ. „Lassen Sie mich …“

„Sie stehen unter Schock.“ Er setzte sich hin und zog Elena auf seinen Schoß. Es versetzte ihm fast einen Schock, ihren warmen Körper zu spüren, doch es fühlte sich irgendwie gut an. Auf eine seltsame und unverständliche Art vertraut und … richtig.

Doch Elena versteifte sich und wandte das Gesicht ab. Wie er war sie zu stolz, um Nähe zuzulassen. Er erkannte sich selbst in ihr wieder, und das machte ihm Angst. Sie berührte etwas in ihm, auf eine Art, die er sich nicht erklären konnte. Elena hatte von Anfang an eine starke Wirkung auf ihn gehabt. Nicht nur auf seinen Körper, sondern auch auf sein Herz.

Sanft strich er ihr das nasse Haar aus dem Gesicht, bis sie zittrig ausatmete und sich gegen ihn sinken ließ, eine Wange an seine Brust geschmiegt. Irgendetwas tief in Khalil, ein Teil von ihm, den er längst verloren geglaubt hatte, erwachte zu Leben. Er schob ihr das Haar hinter ein Ohr.

„Sie hatten die Pistole auf mich gerichtet“, flüsterte sie.

„Ich hatte sie auf die Schlange gerichtet“, widersprach Khalil. Ihm war bewusst, dass sie noch unter Schock stand, fühlte sich jedoch trotzdem schuldig. Er hätte mehr Rücksicht auf sie nehmen müssen. Sie hätte ihm mehr vertrauen sollen.

Warum sollte sie, wo du doch selbst niemandem vertraust?

„Es war eine schwarze Wüstenkobra“, erklärte er. „Ihr Biss kann tödlich sein.“

„Ich hatte sie gar nicht gesehen.“ Aufschluchzend presste Elena das Gesicht an seine Brust.

Unwillkürlich zuckte er zusammen, als sie sich wieder an ihn schmiegte, Trost bei ihm suchte. Wann hatte das je jemand getan? Wann hatte je ein Mensch Trost von ihm gewollt? Und wann hatte er je den Wunsch verspürt, jemanden zu beschützen?

Als ihm nichts darauf einfiel, wurde ihm plötzlich bewusst, wie leer sein Leben bisher gewesen war. All die Jahre hatte er nur einem einzigen Ziel gewidmet und alles andere darüber vergessen.

„Ist schon gut, habibi. Es ist vorbei!“ Khalil war es nicht gewohnt, zärtliche Worte an jemanden zu richten. Und doch tat er es jetzt instinktiv, während er ihr weiter beruhigend über das Haar strich. Als er spürte, dass sie die Tränen gewaltsam unterdrückte, stiegen Gefühle in ihm auf, die er schon seit Jahrzehnten nicht mehr empfunden hatte.

Nach einer Weile machte Elena sich von ihm los. Ihre Augen waren trocken, ihr Gesicht war blass und beherrscht. „Es tut mir leid. Sie müssen mein Verhalten für total lächerlich halten.“ Steif saß sie auf seinem Schoß, den Kopf königlich erhoben.

Schon jetzt vermisste Khalil ihre Nähe. „Ganz und gar nicht.“ Er verdrängte seine Gefühle, drängte sie dorthin zurück, von wo sie gekommen waren „Sie haben seit gestern eine Menge durchgemacht.“ Er zögerte einen Moment, um die richtigen Worte zu finden. Überzeugende Worte. „Es tut mir leid, dass ich Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereitet habe.“

Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie aus, als würde sie ihm glauben. Ihre Gesichtszüge wurden weich, und sie öffnete die Lippen, doch dann schüttelte sie den Kopf und kletterte von seinem Schoß. „Dann hätten Sie darauf verzichten sollen, mich zu entführen!“

Der Zauber, der Augenblick der Nähe war vorbei. Und für einen Moment empfand Khalil zu seinem Schreck fast so etwas wie Trauer.

Elena stand auf und schlüpfte rasch in ihre Kleider. Vergeblich versuchte sie, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen – und ihre aufgewühlten Emotionen wegen Khalils Fürsorglichkeit. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal in den Arm genommen worden war und jemand liebevoll mit ihr gesprochen hatte.

Er ist dein Entführer, rief sie sich ins Gedächtnis. Er hat dich gekidnappt.

Aber er war so unglaublich liebevoll zu ihr gewesen, dass ihr Körper und ihr Herz sich geöffnet hatten wie Blüten in der Sonne.

Wann hatte ihr jemand so viel Verständnis entgegengebracht und sie so liebevoll getröstet? Sie war immer allein gewesen, zunächst als Einzelkind und später als verwaiste Königin. Und der einzige Mensch, den sie an sich herangelassen hatte, hatte sie hintergangen.

Genauso wie Khalil dich hintergehen wird. Auch wenn er wenigstens ehrlich ist, was seine Absichten angeht.

Khalil wirkte wieder so gleichgültig, als habe es den zärtlichen Mann von vorhin nie gegeben. Sein Blick fiel auf den kleinen Haufen vertrockneter Pflanzen und zerbrochener Stuhlrippen; die winzige Flamme war längst erloschen.

„Was zum Teufel ist das?“, fragte er und sah sie belustigt an. „Haben Sie etwa versucht, ein Feuer zu machen?“ Als sie nichts antwortete, schüttelte er grinsend den Kopf. „Sie wollten ein Signalfeuer machen, oder?“, fragte er fast mit Bewunderung.

Trotzig hob Elena das Kinn. „Und wenn schon!“

„Das ist das erbärmlichste Signalfeuer, das ich je gesehen hatte“, neckte er sie. Sein Lächeln war nachsichtig und voller Mitgefühl – ein Mitgefühl, das sie ihm gar nicht zugetraut hätte.

Elena spürte, dass ihre Mundwinkel ebenfalls zu zucken begannen. Der Haufen war wirklich erbärmlich. Und es fühlte sich gut an zu lachen, sogar mit Khalil. Vor allem mit Khalil. „Ich weiß. Ich wusste, dass es nicht funktionieren würde. Das Feuer wäre viel zu klein gewesen, wenn ich es überhaupt in Gang bekommen hätte. Aber irgendetwas musste ich ja tun.“

Khalil nickte, unvermittelt ernst geworden. „Ich verstehe das, Elena“, sagte er. „Wissen Sie, wir sind uns sehr ähnlich. Wir wehren uns beide gegen etwas, das wir nicht ändern können.“

„Sind Sie nicht gerade dabei, etwas zu ändern?“

„Das stimmt. Aber es gab eine Zeit, in der mir die Hände gebunden gewesen waren. Ich war machtlos und wütend, aber fest entschlossen, mich trotzdem durchzusetzen, weil ich mich so wenigstens lebendig gefühlt habe.“

Elena wusste weiß Gott, wovon er sprach. Seit vier Jahren ging es ihr ähnlich. „Wenn Sie wissen, wie sich das anfühlt“, fragte sie heiser, „wie können Sie mich dann gefangen halten?“

Für den Bruchteil einer Sekunde sah Khalil fast schuldbewusst aus, doch dann presste er die Lippen zusammen. „Wir sollten jetzt ins Lager zurückkehren.“

Doch Elena hätte gern mehr über ihn erfahren. Weil er sie auf eine Art verstand, wie sie noch nie verstanden worden war und sie ihn deshalb ebenfalls verstehen wollte. „Warum sind Sie mich eigentlich suchen gegangen?“

„Ich habe mir Sorgen gemacht.“

„Haben Sie befürchtet, dass ich zu fliehen versuche?“

Er lächelte schwach. „Nein, das nicht. Ich hatte Angst, dass Sie von einer Schlange gebissen werden … und hatte fast recht. Sie sonnen sich gern auf diesen Felsen.“

„Sie hatten mich doch gewarnt.“

„Trotzdem.“

Elena schüttelte den Kopf. Sie hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Alles war so merkwürdig. Khalil war ihr Entführer, ihr Feind, und doch war er ihr gegenüber rücksichtsvoller und aufmerksamer als je ein anderer Mensch. Falls er tatsächlich einen berechtigten Anspruch auf den Thron hatte …

Grübelnd nahm sie ihre Tasche an sich und setzte sich in den Schatten der Palmen. Nach kurzem Zögern folgte ihr Khalil und ließ sich bei ihr nieder.

„Was ist, Elena?“, fragte er leise.

„Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll“, gestand sie. „Außerdem zögere ich, Sie etwas zu fragen.“

„Was denn?“

Sie holte tief Luft. „Würden Sie mir Ihre Seite der Geschichte erzählen?“

Etwas flackerte in seinem Blick auf, etwas, das sie nicht deuten konnte, doch ihr Körper schien es zu wissen, denn er reagierte sofort darauf.

„Alle im Lager halten Sie für den wahren Thronfolger. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einer Gehirnwäsche unterzogen wurden oder völlig verblendet sind, also …“ Sie lächelte verkrampft. „Es muss einen Grund geben, warum man Sie für den rechtmäßigen Scheich hält. Sagen Sie ihn mir.“

Sagen Sie ihn mir.

Eine einfache Bitte, aber zugleich eine, vor der Khalil instinktiv zurückschreckte. Er wollte nicht vor Elena seine Seele entblößen und ihr seine Schande gestehen. Auf der anderen Seite hatte er ihr angeboten, ihr seine Seite der Geschichte zu erzählen, sobald sie dafür bereit war – und offensichtlich war sie das jetzt.

Das Problem war nur, dass er noch nicht so weit war.

„Khalil?“, fragte sie sanft.

Sein Name auf ihren Lippen hörte sich so gut an. Khalil fühlte sich wieder unwiderstehlich zu ihr hingezogen.

Er wusste selbst nicht, was los war. Was passierte hier? Khalil hatte keine Ahnung. Er wusste nur, dass es schon begonnen hatte, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Als sie versucht hatte zu fliehen. Als er sich in ihrer Angst und ihrem Stolz wiedererkannt hatte. Als er sie in den Armen gehalten und sie sich an ihn geschmiegt hatte, um Trost zu finden.

Und jetzt wollte Elena mehr von ihm. Sie wollte die Wahrheit erfahren, aber er wollte nicht darüber reden. Er hatte Angst.

Was ist, wenn sie mir nicht glaubt?

Er zögerte einen Moment. „Meine Mutter war Scheich Hashems erste Frau.“

Elena sah ihn aus großen Augen an. Ob aus Ungläubigkeit, Verwirrung oder nur vor Überraschung, konnte er nicht beurteilen. „Und wer … wer war Ihr Vater?“

Er lächelte humorlos. „Scheich Hashem natürlich.“

„Sie meinen, Sie sind Aziz’ Bruder?“, fragte sie erschrocken.

„Halbbruder genaugenommen. Sein älterer Halbbruder.“

„Aber …“ Sie schüttelte den Kopf, als könne sie es nicht glauben.

Khalil spürte, wie etwas in ihm erstarb, das gerade aufgeblüht war. Gut so. Auf eine Art würde es ihn erleichtern, wenn sie ihm nicht glaubte. Das wäre zwar schmerzhaft, aber auch eine Erleichterung.

„Wie ist das möglich?“, fragte sie fassungslos. „Davon habe ich noch nie gehört.“

Er lachte bitter. „Es steht ja auch nirgendwo. Mein Vater hat alles versucht, um meine Existenz zu vertuschen. Aber die Beduinenstämme – die Leute meiner Mutter – haben mich nicht vergessen.“ Hoffentlich klang er nicht zu defensiv. Schließlich spielte es keine Rolle, ob sie ihm glaubte oder nicht. Oder was sie von ihm hielt.

„Warum hat Ihr Vater das getan, Khalil?“

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