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JULIA EXTRA BAND 414

MARIE FERRARELLA

Plötzlich Daddy!

Der attraktive Cop J.T. Walker hilft Maddy nicht nur, ihr Baby zur Welt zu bringen. Er weckt auch verloren geglaubte Gefühle in ihr. Doch was empfindet J.T. für sie – und für den kleinen Johnny?

AMY ANDREWS

Neuanfang für unsere Liebe?

Louise trägt ein Kind unter dem Herzen! Will ist fassungslos: Hat seine Ex ihn gleich durch einen anderen ersetzt, nachdem er sie verlassen musste? Entschlossen kämpft er um eine zweite Chance …

ELIZABETH BEVARLY

Ich heirate deine Familie

Sloan Sullivan glaubt, die Frauen zu kennen. Doch als er Naomi und ihre vier Töchter trifft, merkt er, dass er noch viel zu lernen hat. Besonders wenn er das Herz der sexy Singlemom gewinnen will …

ELLIE DARKINS

Unser größtes Glück bist du

Eine eigene Familie ist Lilys sehnlichster Traum. Allerdings hat sie sich nicht vorgestellt, ein süßes Baby einfach so vor ihrer Haustür zu finden. Stürzt ihr Leben jetzt ins Chaos?

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Plötzlich Daddy!

1. KAPITEL

Nachts war es am schlimmsten.

Nachts drängten all die Erinnerungen, gute wie böse, schmerzhaft zurück in sein Bewusstsein, ohne Pardon, ohne Rücksicht auf Verluste. Die bösen Erinnerungen drehten sich alle darum, dass er Lorna verloren hatte, dass er ohne sie auskommen musste.

Man möchte meinen, dass man sich nach zwei Jahren endlich mit den Tatsachen abgefunden haben sollte, mit der Leere, dem Schmerz, dachte J.T. Walker, während er in seinem Streifenwagen eine lange, einsame Wegstrecke abfuhr.

Na ja, vielleicht hatte er sich abgefunden.

Immerhin war er noch da, er lebte noch. Ein Tag reihte sich an den anderen wie riesige, unregelmäßige Perlen. Und er ging nicht mehr wie zu Anfang, nachdem er die Nachricht erhalten hatte, wie ein Schlafwandler durch sein Leben. Wenn das nichts zu bedeuten hatte!

Ja, dachte er bitter, es bedeutet, dass ich überlebt habe.

Fragte sich nur, wofür er überlebt hatte. In seinen Augen für gar nichts. Lorna war nicht mehr da, seine Hoffnung auf eine Familie war dahin. Ausgelöscht durch den Leichtsinn eines betrunkenen Autofahrers am Silvestermorgen, mit einer einzigen schrecklichen Lenkbewegung, einer einzigen grauenhaften Fehleinschätzung.

Aus, einfach so.

Er blieb zurück mit seinem Schmerz, musste so gut er konnte weitermachen in einer Welt, die es wagte, sich ohne Lorna weiterzudrehen.

Ohne Lachen, ohne Freude.

Hätte er bloß keine Überstunden gemacht, keine zusätzliche Schicht gefahren, um den nächsten Tag freizunehmen und mit seiner Frau zu verbringen. Hätte er bloß nicht gesagt, sie sollte schon vorausfahren zu ihren Eltern und er würde dann zu ihnen stoßen, sobald er Feierabend hatte.

Hätte, hätte …

Verdammt, jetzt wurde er schon wieder schwermütig.

Wütend auf sich selbst schüttelte J.T. den Kopf, um die Gedanken zu verscheuchen, so, wie ein nasser Hund sich das Wasser aus dem Fell schüttelt.

Die Gedanken verschwanden nicht so leicht wie Wassertropfen, doch J.T. war Polizist und musste seine Pflicht erfüllen. Er musste die dunklen Straßen abfahren und dafür sorgen, dass die Einwohner von Bedford in Kalifornien weiterhin friedlich in ihren Betten schlafen konnten. Gedanken an die Vergangenheit nachzuhängen, über Dinge zu grübeln, die sich beim besten Willen nicht mehr ändern ließen, war absolut sinnlos.

Wann würde er das endlich akzeptieren?

Lorna, verdammt noch mal, warum hast du mich alleingelassen? Warum?

Die stumme Frage hallte in der Stille des Streifenwagens durch seinen Kopf und verhöhnte ihn. Ein Knistern ertönte aus dem Radio, doch es folgte keine Meldung. Nur statisches Rauschen. Die Nacht war friedlich. Überall war es friedlich, nur nicht in seinem Kopf.

Müde, wütend auf sich selbst umspannte J.T. das Lenkrad des Streifenwagens, in dem normalerweise Officer Adam Fenelli mitfuhr.

An diesem Abend war J.T. allein.

Fenelli hatte sich bei seinem jüngsten Sohn mit einer Erkältung angesteckt und sich für den Abend krankgemeldet. Die Wache war ohnehin schon unterbelegt, J.T. stand kein Partner zur Verfügung, und niemand bot ihm an, die Schicht mit ihm zusammen im Streifenwagen zu übernehmen.

Was er niemandem verübeln konnte. In seiner Gesellschaft fühlte sich keiner mehr richtig wohl, denn er zog es vor, schweigend seine Streife zu fahren. Ohnehin eher ein stiller Typ, hatte er inzwischen überhaupt keine Lust mehr auf oberflächliche Gespräche, nur, um sich die Zeit zu vertreiben. Die Zeit verging so oder so, ob er sich nun unterhielt oder nicht. Fenelli schien seine Wortkargheit gar nicht aufzufallen, weil er genug für zwei redete.

Ein Lächeln umspielte J.T.s Mundwinkel. Fenelli war ein guter Mensch, der unermüdlich versuchte, an ihn heranzukommen, ihn zum Auftauen zu bringen. Die Mühe hätte der ältere Polizist sich sparen können.

J.T. hatte einfach nichts mehr zu sagen.

In den Straßen von Bedford herrschte Stille, die Schaufensterbeleuchtungen waren gedimmt. Straßenlaternen ragten wie dürre Wachtposten in die Dunkelheit und verströmten ihr Licht vor dem tintenschwarzen Himmel. Es war fast Mitternacht.

Da Wochentag war, waren so ziemlich alle zu Hause und schliefen einem neuen Arbeitstag entgegen. Die konnten schlafen. Er nicht. Deshalb hatte er freiwillig die Nachtschicht übernommen und versuchte auf diese Weise, den hellen Tag zu meiden.

Zu seiner Verwunderung hatte Fenelli mit ihm die Schicht gewechselt und erklärt, dass die Veränderung ihm guttun würde. J.T. wusste jedoch, dass der ältere Officer sich Sorgen um ihn machte, aber helfen konnte Fenelli ihm nicht. Das war vergebliche Mühe.

J.T. trat einfach nur auf der Stelle.

Wieder drohte ein Depressionsschub und hätte ihn wohl überrollt, wenn er nicht im selben Augenblick etwas auf der Straße bemerkt hätte. Weiter vorn, knapp hinter dem Einkaufszentrum und ein paar Meilen vor dem nächsten Wohngebiet, meinte er, zwei rote Heckleuchten auszumachen.

Er kniff die Augen zusammen und versuchte, Genaueres zu erkennen. Die Heizung des Streifenwagens war defekt, und die Frontscheibe beschlug mal wieder und raubte ihm die klare Sicht. Er fuhr im Schritttempo. Mangels eines Lappens wischte J.T. die Scheibe mit der Hand ab und starrte nach vorn.

Wenig später erkannte er die Alarmleuchten eines liegengebliebenen Fahrzeugs. Die roten Lampen pulsierten rhythmisch wie Herzschlag, zwei Leuchtfeuer in der Nacht.

Vermutlich war hier irgendwo ein Autofahrer zu Fuß unterwegs, auch wenn J.T. in der letzten Viertelstunde niemanden überholt hatte. Vielleicht wohnte derjenige in der Siedlung weiter vorn und hatte sich auf den Weg dorthin gemacht.

Er seufzte. Liegen gebliebene Fahrzeuge waren nichts Ungewöhnliches, trotzdem wollte er es für alle Fälle überprüfen. Das Autokennzeichen konnte er aus der Entfernung nicht entziffern, doch bei dem Fahrzeug handelte es sich um eine Limousine neueren Datums in recht gutem Zustand. Der Polizeifunk hatte keinen Autodiebstahl gemeldet, deshalb bezweifelte J.T., dass der Schein trog. Höchstwahrscheinlich war jemandem das Benzin ausgegangen, oder der Wagen hatte einen ärgerlichen Motorschaden.

J.T. hielt ein paar Meter hinter dem Fahrzeug an und stieg, die Hand lässig am Kolben seiner Dienstwaffe, aus dem Streifenwagen. Nur für alle Fälle. Jeder Cop wusste, dass die Sekunden zwischen dem Verlassen des eigenen Wagens und der Annäherung an einen zweiten am Straßenrand die entscheidenden, riskantesten Sekunden seines Lebens sein konnten. Diese Warnung war sogar bis nach Bedford vorgedrungen. Bedford war ein friedlicher Ort, aber Vorsicht konnte nicht schaden.

Der Schrei zerriss die Nacht, weckte J.T. aus seinen Gedanken und seiner Ruhe.

Er rannte das restliche Stück und erreichte mit gezogener Waffe die Fahrertür, alle Sinne auf mögliche Gefahren gerichtet. Auf dem kurzen Weg hatte er niemanden bemerkt, doch der Schrei musste ja irgendwoher gekommen sein, und auf der Straße war kein Mensch zu sehen. Hier gab es keine Läden, keine hinter Mauern verborgenen Wohnhäuser, nichts. Es musste jemand im Auto sein, der geschrien hatte.

Die Waffe schussbereit in der einen Hand, riss J.T. mit der anderen die Wagentür auf. In gewisser Weise begrüßte er die Konfrontation mit Problemen. Alles war ihm recht, was einen Adrenalinstoß bewirkte, der die Leere und Einsamkeit aus seinem Herzen vertrieb.

Dann sah er sie.

Eine blonde Frau lag seitlich auf dem Sitz zusammengesunken da, den hochschwangeren Leib hinterm Steuer eingeklemmt.

„Lady …“, setzte J.T. an, kam jedoch nicht weiter. Sie schrie erneut, dieses Mal nahezu ohrenbetäubend und haarsträubend. Solch einen grauenvollen Schrei hatte er nicht mehr gehört, seit Fay Wray zum ersten Mal King Kong zu Gesicht bekommen hatte.

Ihm fiel auf, dass sie den rechten Arm über den Beifahrersitz ausgestreckt hatte, als wollte sie versuchen, sich aus dem Fahrzeug zu befreien.

Von den Haarwurzeln bis zu den Zehenspitzen von Schmerz geschüttelt, konnte Madeline Reed sich nur mit Mühe auf das Gesicht des Mannes konzentrieren, der in ihren Wagen spähte. Als sie die Waffe in seiner Hand erblickte, war ihr erster Gedanke, dass er sie mit einem gezielten Schuss aus ihren Qualen erlösen könnte.

„Tut mir leid“, keuchte sie. „Ich bin … nicht besonders … tapfer, und diese Schmerzen …“, sie unterbrach sich und rang nach Luft, in der glühenden Hoffnung, dadurch die bevorstehende Schmerzattacke abwehren zu können, „… die sind ziemlich schlimm.“ Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts, dachte sie und biss sich auf die Unterlippe.

J.T. brauchte sie nicht zu fragen, wie weit die Schwangerschaft vorangeschritten war. Wenn die Frau im Auto nicht gerade Fünflinge erwartete, stand die Geburt sehr kurz bevor.

Und sie sah aus, als säße sie fest. Wie zum Teufel hatte sie sich in diese Lage gebracht?

„Fruchtblase geplatzt?“, fragte J.T.

Sie wollte nicken, schaffte es aber nicht. „Schon vor hundert Jahren, als ich … als ich mich … auf den Weg gemacht haBEEEE!“

Das war eine der schlimmsten Wehen, dachte sie, nein, das war die allerschlimmste. Jede Wehe, die sie überrollt hatte, seit sie von dem Laden aus nach Hause aufgebrochen war, hatte sich heftiger als die vorherige erwiesen. Was bedeutete, dass ihr das Schlimmste noch bevorstand. Keine besonders tröstliche Vorstellung.

„Wie sind Sie … Ach, schon gut.“ Sie war ja gar nicht in der Lage, sich großartig zu unterhalten oder gar Erklärungen abzugeben. Vielleicht hatte sie einfach das Gleichgewicht verloren, als sie nach ihrer Handtasche angelte, die er im Fußraum auf dem Boden liegen sah. Wie sie hierhergekommen war, spielte keine Rolle. Wohl aber, dass sie hier war.

J.T. kniete sich hin und fand den Hebel, mit dem die Sitze verstellt werden konnten. Er versuchte, den Sitz weiter zurückzuschieben, musste aber feststellen, dass die hinterste Position bereits eingestellt war. Er hockte sich auf die Fersen und überdachte das Problem. Da registrierte er, wie die Frau vergeblich versuchte, den nächsten Schrei zu ersticken.

„Ich muss Sie aus dem Fahrersitz befreien.“

Madeline wandte ihm das Gesicht zu und staunte selbst darüber, dass es ihr gelang. „Was … du nicht sagst“, keuchte sie.

Verdammt, warum musste das alles jetzt passieren? Warum nicht eine Stunde früher? Eine Stunde früher wäre sie für diese Situation gewappnet gewesen. Sie wäre nach Hause gekommen. Und wenn die Wehen dann eingesetzt hätten und nicht schon, als sie erst knapp fünf Minuten unterwegs war, hätte sie ein paar Anrufe tätigen, ihren Koffer ins Auto laden und stilvoll ins Krankenhaus fahren können, statt sich zu fühlen, als würde etwas sie innerlich zerreißen.

Der Geburtstermin war doch erst in anderthalb Wochen. Das hier war so nicht vorgesehen.

„Du hast … wohl nicht zufällig … eine Rettungsschere … bei dir, … oder?“ Als er den Kopf schüttelte, biss sie die Zähne zusammen, um nicht noch einmal zu schreien. „Dann … kann ich … nur hoffen, dass du … Superman bist.“

J.T. antwortete nicht. Stattdessen drückte er eine Taste, mit der er die Rücklehne ihres Sitzes absenken konnte, bis Madeline beinahe ausgestreckt dalag. Ganz behutsam zog er sie hoch, bis sie wieder saß, dann drehte er sie um und schwang ihre Beine aus dem Auto. Die Frau war klein, doch ihr Körperschwerpunkt lag tief. J.T. nahm alle Kraft zusammen. Was jetzt kam, würde für sie beide nicht einfach sein.

„Legen Sie die Arme um meinen Nacken“, wies er Madeline an.

„Forderst du … mich … etwa zum Tanzen auf?“, witzelte Maddy, bemüht, nicht den Verstand und den Humor zu verlieren. Sonst würde sie in Panik ausbrechen. Der Cop wollte ihr nur helfen. Es wäre ihm gegenüber nicht fair, wenn sie jetzt hysterisch wurde.

Fair.

Hier war überhaupt nichts fair.

Sie schluckte den Kloß herunter, der plötzlich ihren Hals blockierte.

Die flapsige Frage der Schwangeren überrumpelte J.T. Wahrscheinlich hat sie Wahnvorstellungen, sagte er sich. Er benötigte Verstärkung, und zwar schnellstens.

„Später vielleicht.“

So sanft wie möglich stellte er sie auf die Füße. Als sie schwankte, zog er sie fester an sich. Verdammt, er erinnerte sich nur zu gut, wie er Lorna so an sich gedrückt hatte. Ein bittersüßes Gefühl überrollte ihn.

Er wehrte sich gegen den Ansturm von Schmerz.

„Im Moment“, sagte er zu Maddy, „sieht es eher so aus, als würdest du ein Baby zur Welt bringen.“

Ein Satz aus „Vom Winde verweht“ schoss ihr durch den Kopf. „Ich weiß … eigentlich … überhaupt nichts übers … Niederkommen“, improvisierte Maddy atemlos und wehrte sich gegen die Dunkelheit, die sie zu verschlingen drohte.

Nur verschwommen war sie sich des Gefühls bewusst, dass sie hingelegt wurde. Der Polizist hatte sie auf den Rücksitz bugsiert. Er hatte starke Arme. War ein Beschützertyp.

Maddy ließ sich zurücksinken und gab ihr Bestes, nicht zu schreien, ihm nicht ins Ohr zu schreien.

2. KAPITEL

„Niederkommen.“ Das Wort verwirrte ihn. Was zum Teufel faselte die Frau da?

Sie hat den Verstand verloren, entschied er. Schmerzen konnten so etwas bewirken. Er musste es ja wissen.

Immerhin hatte er sie nicht fallen gelassen, als er sie auf die Rückbank ihres Wagens gebettet hatte. Man musste ja dankbar sein für kleine Geschenke. Er richtete sich auf. Als er gehen wollte, wurde sein Handgelenk mit stählernem Griff umklammert.

Verdutzt sah er die Frau an. Derartige Kraft hatte er ihr gar nicht zugetraut. Sie umspannte sein Handgelenk so fest, dass es schmerzte.

„Wo … gehst … du hin?“, ächzte sie. Er wird mich doch nicht einfach hier liegen lassen? fragte Maddy sich verzweifelt. Allein würde sie es nicht schaffen.

„Nur zu meinem Wagen.“ Er wies mit der freien Hand in die entsprechende Richtung, obwohl er wusste, dass sie es nicht sehen konnte. „Ich muss den Notarzt rufen.“

„Zu spät.“

Dieses Baby dachte gar nicht daran zu warten, bis irgendein Notarzt kam. Es drängte auf die Welt. Mit aller Macht.

Maddy hielt immer noch angstvoll mit einer Hand seinen Unterarm umklammert und grub die Fingernägel der anderen Halt suchend ins Sitzpolster. Um den Schmerzen entgegenzuwirken, bog sie den Rücken durch.

Sie tat J.T. leid. Trotz ihres schmerzverzerrten Gesichts war sie eine schöne Frau. Was um Himmels willen trieb sie um diese Nachtzeit allein hier draußen? Wo war der Ehemann?

„Hör mal, du brauchst ärztliche Hilfe.“ Hilfe, zu der er sich nicht in der Lage fühlte. „Ich muss den Notarztwagen rufen. Er ist ganz schnell zur Stelle.“

Sie hatte Angst. Angst vor dem Alleinsein. Bis J.T. sie gefunden hatte, hatte sie sich mit aller Macht gegen die aufsteigende Panik gewehrt. Gerade als die Presswehen einsetzten, hatte ihr Auto den Geist aufgegeben.

Maddy blickte J.T. flehend an. „Nein … Nicht gehen … Bitte nicht.“ Sie biss die Zähne zusammen und versuchte, sich auf die Ellenbogen aufzustützen, was ihr aber nur ansatzweise gelang. „Du bist … doch auch … für Notfälle … zuständig, oder?“

J.T. sah den Zusammenhang nicht. „Ja, aber …“

Ach, verdammt, da kam schon die nächste Wehe. Maddy atmete schneller. „Dann tu, … was du gelernt hast … Hilf mir.

Genau das wollte er ja auch, aber allein mit Reden war es nicht getan. Er spürte, wie ihr Griff sich lockerte, und nutzte die Gelegenheit, ihre Finger von seinem Handgelenk zu lösen. Er spürte ein Pochen unter der Haut, sah ihre Fingerabdrücke. Angeblich sollten die Wehen eine Frau doch schwächen. Aber Maddy verwandelte sich dabei offenbar in eine Art Superfrau.

„Vielleicht schaffen wir es in die Klinik.“ Bis zum Harris-Memorial-Krankenhaus brauchte er knapp eine Viertelstunde. Acht Minuten, wenn er sich nicht an Geschwindigkeitsbegrenzungen hielt. J.T. warf einen Blick auf das Zündschloss und sah, dass kein Schlüssel steckte. „Gib mir deine Autoschlüssel …“

Maddy schüttelte wild den Kopf. „Auto … kaputt.“ Und ich bin’s auch in wenigen Minuten, wenn diese Schmerzen nicht aufhören.

Wie hielten andere Frauen das aus?

J.T. glaubte, sie zu seinem Fahrzeug tragen zu können, wenn sie ein bisschen mitmachte. Es war nicht sehr weit, und abgesehen von ihrem Bauch war sie ein zierliches Persönchen. „Dann bringe ich dich in mein …“

Doch als er die Hände nach ihr ausstreckte, wich Maddy ihm aus und drückte sich in die Polster. Sich wegbringen zu lassen, war unvorstellbar, das hielt sie nicht aus.

„Dieses … Kind … kommt … jetzt gleich.“ Kurze rhythmische Töne begleiteten ihre Worte als Resultat der eingeübten Atemtechnik. Maddy war verzweifelt und wusste nicht weiter. Zu ihrer Überraschung zeigten die Atemübungen Wirkung.

Aber nicht genug. Sie fühlte sich wie ein Hummer, dessen Schale aufgebrochen wird.

J.T. war bewusst, dass er keine Wahl hatte. Er musste dem Baby auf die Welt helfen. Schon einmal hatte er in solch einer Situation gesteckt. Im November vor Lornas Tod hatte es ein mächtiges Unwetter gegeben. Sie befanden sich nach einem Konzert auf dem Heimweg, als der Ehemann der Schwangeren sie angehalten hatte. Er hatte seine Frau ins Krankenhaus bringen wollen, doch die Straßen waren blockiert. Es sei keine Zeit mehr, den Eukalyptusbaum zu umfahren, der vor seinem Wagen quer über die Straße gestürzt war, brachte der Mann aufgelöst hervor.

Innerhalb der wohl unfassbarsten zwanzig Minuten ihres Lebens hatten J.T und Lorna dem Kind des Ehepaars auf die Welt geholfen. Nie hatte er sich Lorna so eng verbunden gefühlt. Und sein Wunsch, selbst eine Familie zu gründen, war nie größer gewesen.

Er erinnerte sich daran, wie er sich gefühlt hatte, als er in jener Nacht das winzige Mädchen auf die Welt holte. Er war der Erste, der es in den Händen hielt. Es war ein so kleines Dingelchen, mit hellen, wachen Augen. Er dachte daran, wie er über den Kopf des Babys hinweg Lorna angesehen hatte.

Die bittersüße Erinnerung übermannte ihn flüchtig und durchdrang Vergangenheit und Gegenwart, bis J.T. nicht mehr recht wusste, was Wirklichkeit war.

Warum steht er einfach da herum? fragte Maddy sich verzweifelt. Warum tut er nichts?

Eine neuerliche Wehe hatte sie fest im Griff und raubte ihr den Atem, sodass sie ihre Übungen nicht mehr ausführen konnte. Verschwommen nahm sie wahr, dass sie J.T.s Hand packte und so fest drückte, wie sie nur konnte.

„Hilf … mir“, flehte sie.

Er sah die Panik in ihren Augen. Jeder Gedanke daran, zum Wagen zu rennen und Verstärkung anzufordern, verflüchtigte sich. Er konnte die Frau nicht allein lassen.

„Gut.“ J.T. stieg zu ihr ins Auto.

„Wie … heißt … du?“ Eine Frau sollte wenigstens den Namen des Mannes wissen, der ihr das Kleid bis über die Hüften hochschob.

J.T. war so sehr darauf konzentriert, zu überlegen, was als Nächstes zu tun war, dass er nicht richtig zugehört hatte. Er blickte sie fragend an. „Was?“

„Wie … heißt … du?“, wiederholte sie mühsam. „Ich … muss doch wissen, wie … der Mann … heißt, der mein Baby … holt.“ Sie versuchte zu lächeln, doch daraus wurde eine Grimasse, als sie mit einer weiteren Wehe zu kämpfen hatte.

Er hob die Stimme, weil sie ihn sonst nicht gehört hätte. „J.T.“

Ihre Wimpern waren feucht von Tränen oder Schweiß, sie wusste nicht genau, was es war. „Das ist … kein … Name, das … sind nur … Buchstaben.“

Alle, Lorna mit eingeschlossen, hatten ihn immer nur J.T. genannt. Einzig seine Mutter hatte ihn mit vollem Namen angesprochen. Er war nach seinen beiden Großvätern getauft.

„John Thomas.“ Als sie ihn mit einer stummen Frage im Blick ansah, vervollständigte er: „John Thomas Walker.“

Maddy nickte. Das war ein guter Name, ein schlichter Name. Ihr Mann hatte John geheißen. Johnny. Ach, Johnny, wenn du doch bei mir sein könntest.

„John Thomas“, wiederholte sie. Ihre Lippen waren trocken, ihre Haut war schweißfeucht. „Hoffentlich … drehst du … nicht durch. Es … reicht schon, wenn ich … hysterisch werde.“ Inzwischen konnte sie ihre Panik kaum noch unterdrücken.

Er versuchte, sie so gut wie möglich zu beruhigen. Offenbar war der Muttermund bereits vollständig geöffnet. Es konnte nicht mehr lange dauern. „Das ist ein Klacks.“

„Genau … Und was … für einer.“ Ein Klacks, der sie mit jedem Atemzug mehr zu zerreißen drohte. „Da … kommt schon … wieder eine!“

J.T. griff nach ihrer Hand, damit Maddy sich nach Herzenslust daran festklammern konnte.

„Es dauert nicht mehr lange“, versprach er und beugte sich über sie, um ihr den Schweiß von der Stirn zu wischen.

Sie spürte die Berührung kaum, die zärtlich war wie ein Hauch. „Du … hast gut … reden.“

Gut war für ihn gar nichts in dieser Situation. Ihm war, als durchlebte er einen der bedeutungsvollsten Abende seines Lebens noch einmal. Und alles erschien ihm so unwirklich.

Ihre Blicke trafen sich, und er hielt ihren fest.

„Nein“, sagte er mit Nachdruck. „Habe ich nicht.“ Er wollte sie ablenken, erinnerte sich verschwommen, dass Ablenkung unter solchen Umständen helfen sollte. Lorna hatte damals der Frau etwas vorgesungen, irgendein uraltes irisches Wiegenlied, das sie ein wenig beruhigt hatte. J.T. hatte nicht einmal den Versuch unternommen mitzusingen. Er hatte eine Stimme wie ein Reibeisen. „Wie heißt du?“

„Mad …“, setzte Maddy an. Doch eine Gebärende hieß einfach nicht Maddy. Der Name gehörte zu der verrückten Person, die sie bis jetzt gewesen war, aber von nun an nicht mehr sein konnte. Von nun an würde sie Mutter eines Kindes sein. Mütter mussten hoheitsvoll sein, nicht kindisch. „Madeline Reed.“

J.T. konnte bereits das Köpfchen des Kindes sehen. Die Quälerei war beinahe ausgestanden. „Tja, Madeline Reed, wie’s aussieht, bist du gleich Mutter.“

Sie hätte sich gern irgendwo festgeklammert, irgendwoher Kraft geschöpft. „Erzähl mir … was Neues.“

„Junge oder Mädchen?“

Sie blinzelte, spürte der Frage nach. „Ich … darf’s mir … aussuchen?“

„Nein. Willst du lieber einen Jungen oder ein Mädchen?“

„Ich will … es nur … hinter mir haben!“ Sie glaubte nicht, dass sie es schaffte. Die Erschöpfung war zu groß.

„Gleich vorbei“, beschwichtigte er sie. „Du musst nur noch pressen, wenn ich es sage.“

„Sag’s jetzt“, bettelte sie. Maddy wusste nicht, wie lange sie noch durchhalten würde. Auf so extreme Schmerzen war sie nicht gefasst gewesen. Allerdings hatte sie die Schwangerschaft ja auch nicht geplant, es war einfach passiert. Aber sie war froh darüber, denn so blieb ihr jetzt wenigstens etwas von Johnny. „Ich … muss … pressen.“

Es musste strukturiert, geregelt vonstattengehen. Sonst drohte womöglich ein Dammriss.

„Noch nicht“, mahnte J.T.

Fieberhaft versuchte er, sich an alles zu erinnern, was er je über Notgeburten gehört hatte.

„Jetzt?“, flehte Maddy. Ganz gleich, ob die Antwort Ja oder Nein lautete, sie würde jetzt pressen. Sie musste einfach.

„Jetzt. Eins – zwei – drei, pressen!“

Er zählte bis drei, doch es war sinnlos. Maddy hatte sofort angefangen zu pressen. Und sie presste mit aller Macht, presste so kraftvoll, dass sie glaubte, ihr Inneres würde sich nach außen stülpen.

Erschöpft ließ Maddy sich wie eine Stoffpuppe ins Polster sinken. Jeden Moment würde eine neue Presswehe sie überrollen, entschlossen, sie platt zu walzen. Sie raffte die letzten spärlichen Reste ihrer Energie zusammen.

„Gut.“

Warum dieser gönnerhafte Ton? Unsicher straffte Maddy sich wieder. „Nein. … Wenn es gut … wäre, dann wäre … das Baby jetzt … da.“

„Es ist fast so weit.“

Wie konnte er das behaupten? Sie fühlte sich dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit zu pressen, und zwar vergebens. „Willst du … die nächste Schicht … übernehmen?“

Das Baby war so gut wie geboren. Ein bisschen noch, dachte er voller Aufregung. Nur noch ein bisschen.

„Unmöglich.“

„Spielverderber.“

Da war er wieder, der Schmerz. Sprang sie an wie ein Panther, der eine flüchtende Gazelle zu Boden reißt. „O Gott …“

J.T. hörte die Panik in ihrer Stimme und drehte ihr Gesicht so, dass sie ihm in die Augen blicken musste. „Pressen“, befahl er. „Fester.“

Sie glaubte nicht, dass es physisch möglich war. Maddy schloss ganz fest die Augen, stellte sich vor, wie ihr Baby aus ihr herausglitt, und presste mit jeder Faser ihres Seins. Und als sie fertig war, fiel sie keuchend in sich zusammen, bekam nicht genug Luft und glaubte, ersticken zu müssen.

Es war noch nicht vorbei.

„Gleich ist es da.“

Seine Stimme drang wie durch dichten Nabel zu ihr durch. Warum war das Baby noch nicht da? Sie presste und presste –, es hätte längst da sein müssen.

„Da stimmt … was nicht.“

„Da ist alles in Ordnung“, widersprach er mit fester Stimme, absichtlich streng, um die Angst, die aus ihrem Tonfall gesprochen hatte, zu vertreiben. „Hier geht’s um ein Baby, nicht um eine Coladose im Automaten, die rauskommt, sobald du die richtigen Münzen eingeworfen hast. Und jetzt musst du noch einmal pressen. Fertig?“

„Nein.“

Er musterte sie prüfend. Es war schwer zu erkennen, aber sie wirkte blass. Verdammt, hätte er doch gleich Verstärkung angefordert, als er das liegen gebliebene Fahrzeug entdeckt hatte. „Komm schon, du schaffst das. Augen zu und pressen, Madeline.“

„Maddy“, berichtigte sie ihn. Jemand musste sie jetzt mit dem vertrauten Namen ansprechen. Sie brauchte eine Konstante in ihrem Leben, das wirkte irgendwie tröstlich. Als sie ihren Mann kennengelernt hatte, hieß sie Maddy. Und auch auf seiner Beerdigung.

„Maddy“, wiederholte J.T. Der Name passte zu ihr. „Komm, bringen wir dieses Baby zur Welt.“

Maddy schloss die Augen, betete und presste, bis sich ihr Inneres nach außen kehrte.

Eine Minute später hörte sie ein Baby schreien.

3. KAPITEL

J.T. wollte nicht, dass es passierte.

Es war nicht seine Entscheidung.

Als er das Neugeborene im Arm hielt, drängte das Gefühl sich ihm einfach auf. Es war ein tiefes Empfinden, das seinen Ursprung in seiner Brust hatte – eigentlich beinahe ein Schmerz, aber nicht ganz. Und dann breitete es sich aus, bis er ganz und gar von einem unglaublich warmen Gefühl durchdrungen war.

Große blaue Augen blickten voller Staunen zu ihm auf und versetzten ihn ins Zentrum eines Universums, das sich immer weiter ausdehnen würde. Doch im Augenblick war er das Einzige. Der Anfang, das Ende und die Mitte.

Diesen Ausdruck hatte er sich in den Augen seines eigenen Kinds vorgestellt. Seines und Lornas Kinds.

Sein Herz, kalt und erstarrt, begann, aufzutauen.

Er wollte nicht, dass es passierte.

Doch es geschah trotzdem.

J.T.s Mundwinkel hoben sich, als er auf das Kind herablächelte.

Es war zu still, zu ruhig. Madeline hörte nichts. War etwas nicht in Ordnung mit ihrem Baby? Eine neue, schmerzhaftere Panik stieg in ihr auf.

„Fehlt … ihm … was?“

Allmählich kam sie mit schnellen, flachen Zügen wieder zu Atem, doch es reichte noch nicht, um einen ganzen Satz, und sei er noch so kurz, ohne Keuchen formulieren zu können. In ihrer Brust war ein Brennen, und ein pochender Schmerz hatte sich in ihrem gesamten Körper ausgebreitet, doch am schlimmsten war der Schmerz in ihrem Herzen. Ihrem Baby durfte nichts fehlen, das kam einfach nicht infrage.

J.T. nahm die Stimme der Frau und die Frage, die sie ihm stellte, nur sehr verschwommen wahr. Seine Augen brannten, und er hielt dem Ansturm der Gefühle, die ihn völlig zu überwältigen drohten, nur mit Mühe stand. Er hatte vergessen, wie es sich anfühlte, ein neues Leben in den Armen zu halten. Das Wunder zu erleben.

„Überhaupt nichts“, antwortete er leise. „Er ist wunderschön.“

Er würde sie nicht belügen. Sie hatte keine Ahnung, woher sie das wusste, aber sie wusste es eben. „Er?“

J.T. hob den Blick zu Maddy und machte sich Vorwürfe, weil er sich so hatte ablenken lassen, dass er die Frau vergaß, die doch immer noch seine Hilfe brauchte. Er nickte und sah sich gleichzeitig nach etwas um, worin er das Kind einwickeln konnte. „Du hast einen Sohn.“

Maddy presste die Lippen aufeinander und kämpfte plötzlich mit den Tränen, die sich einfach in ihre Augen drängten. Johnny wäre so stolz gewesen, wenn er es erfahren hätte. Aber er hatte es nicht erfahren. Er war gestorben, bevor sie ihm hatte sagen können, dass sie schwanger war.

Wir haben einen Sohn, Johnny. Herzlichen Glückwunsch.

Im Auto herrschte Dunkelheit, denn die Straßenlaterne spendete nur bescheidenes Licht. Trotzdem konnte J.T. sehen, dass Maddy Tränen in den Augen standen.

Er rückte unbeholfen ein Stück nach vorne, darauf bedacht, das Baby, das er an die Brust gedrückt hielt, nicht zu sehr durchzuschütteln, beugte sich vor und zeigte Maddy das Neugeborene. J.T. legte ihr den kleinen Körper in den Arm. Ihre Blicke trafen sich für einen Moment und verschmolzen miteinander. Genauso war es damals gewesen, als Lorna und er sich über den Säugling hinweg angesehen hatten, den sie auf die Welt geholt hatten.

J.T. senkte den Blick.

„Vorsichtig, er ist glitschig.“

Maddy nickte nur, legte sich die kleine Gestalt in der Armbeuge zurecht, fürchtete, dass ihre Stimme brechen würde.

Es reichte doch schon, dass ihr Herz so übervoll war.

„Im Kofferraum liegt eine Wolldecke“, brachte sie schließlich mühsam hervor.

J.T. suchte nach der Verriegelung für den Kofferraum und löste sie. Er umrundete das Fahrzeug und entdeckte die Decke im Kofferraum zuoberst in einem Wäschekorb randvoll mit Laken und Handtüchern. Wäsche half ihm jetzt nicht weiter. Er benötigte etwas, womit er die Nabelschnur durchtrennen konnte, aber immerhin konnte er das Baby ein wenig säubern, bevor er es in die Decke hüllte.

Er klemmte sich die Wolldecke unter den Arm, nahm ein paar Handtücher aus dem Korb und ging zurück zur offenen Wagentür.

Dort legte er die Decke im Fußraum vor dem Rücksitz ab, dann breitete er ein Handtuch über den Beifahrersitz. „Hast du immer ein Korb voll sauberer Wäsche bei dir, wenn du unterwegs bist?“

„Am Sonnabend hat meine Waschmaschine den Geist aufgegeben“, sagte Maddy und lächelte ihr Söhnchen an. Behauptete ihre Mutter nicht ständig, dass nichts ohne Grund geschieht? „Ich habe bei meiner Mutter gewaschen.“ Und hätte sie das nicht getan oder hätte sie den Korb zur vereinbarten Zeit abgeholt, dann stünden ihr jetzt weder Wolldecke noch Handtücher fürs Baby zur Verfügung.

Ganz behutsam begann J.T., das Neugeborene zu reinigen. „Bist du von dort gekommen? Von deiner Mutter?“

Trotz ihrer Schmerzen beobachtete Maddy fasziniert, wie behutsam dieser kraftvoll aussehende Mann vorging, als er sich um ihren Sohn kümmerte. Sie hätte gern gewusst, wie viele eigene Kinder er wohl hatte.

Zur Antwort auf seine Frage schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich war auf einer Party. Wir haben gerade ein riesiges Budget für eine Renovierung an Land gezogen und wollten das feiern“, erklärte sie, erkannte aber, noch während sie sprach, dass er wahrscheinlich gar nicht begriff, wovon die Rede war.

Ihr und ihrer Familie gehörte Rossini Decor, ein hundertzehn Jahre altes Unternehmen, das immer noch auf althergebrachte Weise arbeitete, mit Würde, Ehrenhaftigkeit und Ehrlichkeit. Ganz zu schweigen von Geschmack.

Wir. J.T. deutete das Wort auf seine Weise. „Du und dein Mann?“

Ihr Mann … Wieder wollten die Tränen fließen, doch sie weigerte sich zu weinen. Sie sollte glücklich sein. Warum fühlte sie sich dann so schrecklich melancholisch?

Um Fassung kämpfend, blickte Maddy dem Mann in die Augen. „Nein.“

So nachdrücklich, wie sie dieses Nein hervorstieß, erkannte J.T., dass er auf verbotenes Terrain vorgeprescht war.

Geschieden? fragte er sich.

Er warf einen Blick auf ihre Hand, als er ihr den frisch gesäuberten Säugling reichte. Sie trug einen Ehering. Falls sie geschieden war, dann erst seit Kurzem. Und nicht freiwillig, wie er vermutete. Sonst hätte sie den Ring längst abgestreift.

„Ich bringe dich jetzt besser ins Krankenhaus.“ J.T. blickte zu seinem Fahrzeug hinüber und schätzte die Entfernung ab. Er konnte jederzeit näher heranfahren und sein Auto parallel zu Maddys Wagen abstellen, doch er wollte es nicht riskieren, sie hinzutragen. Um diese Nachtzeit konnte er sein Auto jedoch auch nicht unbeaufsichtigt stehen lassen.

Fenelli hat sich einen guten Zeitpunkt für seine Grippe ausgesucht, dachte er. Er wandte sich wieder Maddy zu. „Kann ich jetzt den Notarztwagen rufen?“

Maddy biss sich auf die Unterlippe. Sein vorsichtiger Ton war darauf zurückzuführen, dass sie ihm wegen dieser Frage vorhin beinahe den Kopf abgerissen hatte. „Entschuldige bitte. Ich wollte nicht undankbar sein.“

Er wollte ihre Entschuldigungen nicht, und er wollte auch keine falschen Vorstellungen in ihr wecken. „Lass nur. Wir sind da, um zu helfen und zu beschützen. Ich mache nur meine Arbeit.“

Einen Moment lang hörte er sich an wie Johnny. Sie schloss das Baby, dass Johnny nie sehen würde, fester in die Arme. „Ja, ich weiß. Mein Mann war Polizist.“

Schon im Begriff, aus dem Auto zu steigen, hielt J.T. in der Bewegung inne. „War?“

Solch ein kleines Wort, aber so bedeutungsvoll. Ihr wurde das Herz bleischwer. „Er ist vor acht Monaten in Ausübung seiner Pflicht ums Leben gekommen.“

Vor acht Monaten … Das bedeutete, dass sie höchstens einen Monat schwanger war, als ihr Mann starb. J.T. blickte auf den Säugling in Maddys Armen.

„Hat er es gewusst?“

„Nein.“

Und das würde sie auf immer quälen, dass sie ihrem Mann nichts gesagt hatte und ihn an dem geplanten langen, romantischen Wochenende mit der Nachricht hatte überraschen wollen. Johnny hatte sich so sehr Kinder gewünscht.

Kummer schwang in ihrem Nein mit. Unsäglicher Kummer. Das Herz, von dessen Gefühllosigkeit er so fest überzeugt war, schmerzte ihn um ihretwillen. „Das tut mir leid.“

Maddy stieß langsam die Luft aus, darum bemüht, regelmäßig zu atmen. „Ja, mir auch.“ Als J.T. aus dem Wagen steigen wollte, hielt sie ihn plötzlich zurück. „Ruf bitte keinen Notarzt. Fahr du mich zum Krankenhaus.“

Er blieb an der Beifahrertür stehen, unentschlossen. „Ich glaube, ich sollte dich lieber nicht bewegen …“

„Warum nicht? Du bist doch stark, John Thomas“, sagte sie, dann fügte sie in der Hoffnung hinzu, ihn zu überzeugen: „Und ich bin stärker, als ich aussehe.“

John Thomas. Es war ein merkwürdiges Gefühl, von jemand anderem als seiner Mutter so genannt zu werden. Solange er denken konnte, war er immer nur J.T. gewesen, auch für Lorna.

Er blieb einen Moment stehen, überlegte, kam zu einem Entschluss. „Gut, ich hole den Wagen.“

Maddy lächelte in sich hinein, drückte ihren Sohn an sich und wartete.

Das Umsteigen von ihrem Fahrzeug in seines erwies sich als einfacher als erwartet. Maddy hielt ihren Sohn im Arm, und J.T. trug sie vom Rücksitz ihres Wagens zum Rücksitz seines Autos. Seine Angst, sie fallen zu lassen, erwies sich als unbegründet. Trotz der doppelten Last war Maddy nahezu federleicht. Er hatte schon Kommissionsberichte getragen, die schwerer waren als sie.

Der Wind hatte aufgefrischt, kurz bevor er Maddy auf den Rücksitz verfrachtet hatte, und ein weicher, verlockender Duft wehte ihm in die Nase und umfing ihn wie ein parfümierter Zauber.

J.T. sagte sich, dass er halluzinierte, und verdrängte das wohlige Gefühl, das der Duft in ihm auslöste.

„In ein paar Minuten bist du da“, versprach er und setzte sich hinters Steuer.

Auf dem Rücksitz des Wagens fühlte Maddy sich angenehm geschützt vor allem, was wehtun konnte. „Keine Eile. Alles, was ich will, habe ich hier bei mir“, sagte sie leise und senkte den Blick auf ihr Baby.

J.T. schaute in den Rückspiegel, doch Maddy war mit ihrem Sohn beschäftigt. Sie strahlte geradezu von innen heraus. Etwas regte sich in ihm, Gefühle, die sich steif wie untrainierte Muskeln bemerkbar machten.

J.T. schlug den Weg zum Krankenhaus ein und zwang sich, diese Gefühle zu ignorieren. Hier ging es nicht um ihn, hier ging es um eine hilfebedürftige Frau, die er ins Krankenhaus brachte, mehr nicht.

„Soll ich irgendwen für dich anrufen?“, fragte er, als er eine gelbe Ampel knapp vorm Rotwerden passierte. Die Auffahrt zum Freeway lag direkt vor ihm. Der Verkehr war nicht sehr dicht.

„Nur meine Mutter.“ Das Baby begann zu quengeln, und Maddy wiegte es in ihren Armen. „Sie kümmert sich dann um alle anderen. Ich sollte dich wohl warnen: Sie wird sich persönlich bei dir bedanken wollen.“ So, wie sie ihre Mutter kannte, würde sie darauf bestehen. „Das werden sie alle wollen.“

Er sah in den Rückspiegel, doch Maddy hielt den Blick gesenkt. Sie saß da und betrachtete voller Bewunderung ihren Sohn. „Alle?“

Sie lachte über seinen besorgten Ton. „Ich habe eine große Familie. Eine große, eng verbundene Familie.“

Er hätte gern gewusst, wie so etwas war. J.T. war Einzelkind, und seine Eltern waren beide gestorben, bevor er die Kerzen auf der Torte zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag ausblasen konnte. Lorna war seine Welt gewesen.

„Das muss schön sein“, brummte er, weil ihm nichts anderes einfiel, was er hätte sagen können.

„Ja, es ist schön“, versicherte Maddy. Und jetzt fügte sie ein weiteres Mitglied zur Familie hinzu. Überwältigt hauchte sie einen Kuss auf das kleine, nicht gerade flaumige Köpfchen. „Es ist schön.“

Davon verstehe ich nichts, dachte J.T., und vermutlich würde er es auch nie kennenlernen. Seine Hoffnungen auf eine eigene Familie waren mit Lorna an jenem Silvesterabend gestorben.

4. KAPITEL

Für J.T. sollte nun Schluss mit der Sache sein.

Er hatte getan, was von ihm erwartet wurde. Eigentlich sogar mehr. Er hatte Maddy ins Krankenhaus gebracht und dann ihre Bitte erfüllt und ihre Mutter angerufen. Geduldig hatte er sich angehört, wie Mrs. Rossini vor Freude juchzte, als er sie über die Einzelheiten der Geburt ihres Enkels informierte. All das hatte er erledigt, bevor er das Krankenhaus verließ.

Damit wäre er eigentlich aus der Verantwortlichkeit entlassen gewesen.

Er war nun ganz bestimmt nicht dazu verpflichtet, sich am nächsten Morgen von Ambroise, einem Polizeikollegen vom örtlichen Revier, bei Maddys Wagen absetzen zu lassen. Es wäre nicht nötig gewesen, dass liegen gebliebene Fahrzeug fremdzustarten. Und es wäre auch nicht nötig gewesen, das Auto in die Wohnsiedlung zu fahren, in der Maddy lebte, und es sicher auf ihrer Zufahrt abzustellen. All das war nicht nötig und keine Vorschrift. Er hatte keine Erklärung für sein Handeln, höchstens die, dass es ihm als gut und richtig erschien.

Ambroise war hinter ihm hergefahren und hatte auf ihn gewartet, um ihn zurück nach Hause zu bringen. Evan Ambroise, ein großer, kräftiger Mann von ebenholzschwarzer Hautfarbe, versuchte gar nicht erst zu verbergen, wie sehr er J.T.s Handeln billigte. Er grinste breit, als J.T. wieder in den Wagen stieg.

„Schön zu sehen, dass du endlich wieder vor die Tür gehst, und sei es nur, um fremde Autos zu parken.“ Er lachte über seinen eigenen Witz, während er den Wagen aus der Siedlung steuerte.

J.T. zuckte die Achseln und blickte starr geradeaus. „Ich wollte nur ein paar Kleinigkeiten in Ordnung bringen.“

Ambroise gab ein wissendes Knurren von sich. „Hat diese Kleinigkeit einen Namen?“

J.T. überhörte die Frage geflissentlich. Er wusste, worauf Ambroise, ein verheirateter Mann mit sechs Kindern und bald einem siebten, hinauswollte. Sowohl Ambroise als auch seine Frau Claire hatten ihn schon unzählige Male zu sich eingeladen, seit J.T. seine Frau verloren hatte.

Alle Welt bestand darauf, dass er vor die Tür gehen, unter Leute kommen, sein Leben wieder aufnehmen musste. Kein Mensch schien zu begreifen, dass er es nicht wieder aufnehmen wollte. Dass sein Leben zu leer war, um es weiterzuführen wie gehabt.

„Ich habe gestern Abend einer Frau geholfen, ihr Kind auf die Welt zu bringen, und dann habe ich sie ins Krankenhaus gebracht“, sagte J.T. in monotonem Tonfall.

„Verheiratet?“ Ein Anflug von Besorgnis schwang in Ambroises Stimme mit.

„Verwitwet.“ J.T. legte eine Pause ein, dann ergänzte er: „Das Auto gehört ihr.“ Er warf dem Mann einen Seitenblick zu. Ambroise grinste schon wieder. „Mach bloß keine große Sache daraus“, warnte J.T. ihn.

„Okay.“ Er sah J.T. an, als sie sich dem Wohnkomplex näherten, wo er ihn vorhin abgeholt hatte. „Aber sie tut’s vielleicht, wenn sie feststellt, dass ihr Wagen nicht mehr da steht, wo sie ihn zurückgelassen hat.“ Er presste die Lippen aufeinander, um nicht wieder grinsen zu müssen. „Meinst du nicht, du solltest ihr sagen, dass er sicher vor ihrer Wohnung steht? Kann mir vorstellen, dass eine frischgebackene Mom genug andere Sorgen hat und nicht auch noch fürchten muss, dass jemand ihr den Wagen vor der Nase weggestohlen hat.“

J.T. fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Warum hatte er nicht daran gedacht? Weil er seit dem Vorabend nicht mehr klar denken konnte. Seit er das Baby im Arm gehalten hatte.

Nein, verdammt, seit er Maddy gesehen hatte. Sie erinnerte ihn ein bisschen an Lorna, zierlich und blond – und schwanger, wie er sich Lorna immer gewünscht hatte.

Doch das wollte er Ambroise gegenüber nicht zugeben. Eine Andeutung würde schon ausreichen, dann würde es sich im Revier verbreiten wie ein Lauffeuer. Ambroise war nicht gerade bekannt für seine Verschwiegenheit. Sogar wenn ein Kollege Zahnschmerzen hatte, machte das sofort die Runde.

„Das hatte ich vor.“

Ambroise nickte, froh darüber, dass J.T. einen Vorwand hatte, die Frau wiederzusehen. Wenn er das Claire erzählte! „Gut. Ich möchte schließlich nicht, dass einer von Bedfords Besten irrtümlich des Autodiebstahls bezichtigt wird.“

J.T. ignorierte das Grinsen auf dem Gesicht des Mannes. Das tiefe Lachen, das folgte, war nicht so leicht zu überhören. Es verfolgte ihn noch, nachdem er aus Ambroises Wagen ausgestiegen war und zur Haustür ging.

Aber Ambroise hatte recht. Er, J.T., hatte einen Fehler begangen. Maddy würde nie erfahren, wo ihr Wagen sich befand, wenn er es ihr nicht sagte.

Was bedeutete, dass er sie wiedersehen musste. „Keine gute Tat bleibt ohne Strafe“, brummte er vor sich hin. Dieses Sprichwort hatte seine Mutter gern zitiert.

Mit einem tiefen Seufzer stieg er in sein Auto und fuhr zum Krankenhaus.

J.T. näherte sich bedächtig den Aufzügen im rückwärtigen Teil des Krankenhauses. Für ein Gebäude, das Kranke beherbergte, wirkte es erstaunlich freundlich mit Farben, die hell und fröhlich, aber nicht übertrieben sonnig waren. Und der typische Geruch fehlte. Der abschreckende medizinische Geruch, der einem Mann den Magen umdrehte.

Er war nicht sonderlich gern hier. Schon gar nicht zweimal innerhalb von zwei Tagen.

„Das ist ja keine große Sache“, murmelte J.T. vor sich hin. „Ich schau nur herein, um der Frau zu sagen, wo sie ihr Auto findet.“ Und wenn er schon mal hier war, konnte es auch nicht schaden, mal zu schauen, wie es ihr und dem Baby ging. Schließlich musste jeder Fall nachverfolgt werden. Und das hier war lediglich eine routinemäßige Nachverfolgung, sonst nichts.

J.T. wehrte sich gegen den Gedanken, dass er die Frau womöglich besuchte, weil er sie sehen wollte. Die Tatsache, dass sie am Vorabend etwas Besonderes erlebt hatten, etwas, was Menschen auf Jahre hinaus verbinden konnte, durfte keine Rolle spielen. Er hatte ihren Sohn ans Licht der Welt geholt und war entscheidend an einem der Wunder der Natur beteiligt gewesen, doch das war es dann auch gewesen. Es hatte keinen Sinn, es an sich heranzulassen, überhaupt darüber nachzudenken.

Wenn er das tat, wenn er sich auch nur halbwegs darauf einließ, würde es sich alles in allem als viel zu schmerzhaft erweisen. Und er hatte sein Maß an Schmerzen längst gehabt, genug für ein ganzes Leben.

Für sein ganzes Leben.

Als er im vierten Stock aus dem Aufzug stieg, ging J.T. geradewegs zum Schwesternzimmer und fragte nach dem Weg. Auf den Fluren herumzulaufen war sinnlos, mit der Suche nach Maddys Zimmer hätte er nur Zeit verschwendet. Er wollte einfach nur kurz hereinschneien, seine Meldung machen und wieder gehen. Je schneller er sie fand, desto früher konnte er weg von hier.

Die ältere Krankenschwester, die er gefragt hatte, sah ihn über den Rand ihrer rahmenlosen Brille hinweg an. „Noch einer, wie?“

„Wie bitte?“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Schon gut. Ich hatte einfach keine Ahnung, dass wir hier eine Berühmtheit aufgenommen haben.“ Sie lachte über den Witz, den nur sie selbst verstand. „Das bringt wohl Leben in die Bude.“

J.T. wusste nicht, wovon sie redete. „Liegt Madeline Reed auf dieser Station oder nicht?“

„Aber ja. Zimmer 512. Einfach diesen Flur hinunter.“ Sie zeigte nach links. „Folgen Sie den Stimmen, dann können Sie’s nicht verfehlen.“

Er verzichtete darauf zu fragen, was sie damit meinte.

Als J.T. sich dem Ende des Flurs näherte, hörte er Stimmengesumm. Wie angekündigt. Vor Maddys Zimmer angekommen, öffnete er die Tür und sah sich einer Mauer aus menschlichen Rücken gegenüber. Einige Besucher scharten sich um das Einzelbett, andere lehnten am Fenster. Alle schienen bester Laune zu sein. Auf den ersten Blick sah es aus, als hätte irgendein Unternehmen beschlossen, in Maddys kleinem Zimmer sein jährliches Betriebsfest zu feiern.

J.T. blieb zögernd an der Tür stehen. Er könnte auch ein anderes Mal kommen. Oder noch besser: Er könnte später im Krankenhaus anrufen und sich zu Maddy durchstellen lassen. So hätte er es von vornherein machen sollen. Obwohl sie bei diesem Lärm das Klingeln des Telefons wahrscheinlich überhört hätte.

Als er gerade kehrtmachen und gehen wollte, hielt ihn jemand energisch zurück.

An seinem Arm hing eine strahlende, kleine ältere Frau in einem leuchtend roten Kleid.

„Sind Sie J.T.?“, fragte sie. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen wusste sie die Antwort bereits.

Er kniff die Augen zusammen. „Ja.“

Seine Verwunderung ebbte beinahe augenblicklich ab, als er die flinken blauen Augen, den hellen Teint und das dunkelblonde Haar der Frau registrierte. Abgesehen davon, dass sie einigermaßen stämmig war, hätte sie als ältere Ausgabe von Maddy durchgehen können.

„Das dachte ich mir. Sie sehen genauso aus, wie sie Sie beschrieben hat. Ich wollte den Mann, der mein Schätzchen gerettet hat, unbedingt umarmen.“ Bevor er sich irgendwie wehren konnte, schlang die Frau die Arme um ihn und drückte ihn herzlich an sich.

Aufmerksam geworden durch den Freudenschrei ihrer Mutter, blickte Maddy zur Tür.

Armer John Thomas, dachte sie. Ihre Mutter neigte ein wenig zu Überschwang und Theatralik. Doch das war Maddy schon lange nicht mehr peinlich.

„Mutter, ich habe ein Kind gekriegt, ich hing nicht zehn Meter über dem Erdboden an einem angeknacksten Redwood-Ast.“

„Dasselbe in Grün“, schnaubte Lorraine Reed. „Ich könnte dir grausige Geschichten erzählen.“

Ohne J.T. loszulassen, drängte Lorraine sich zum Bett ihrer Tochter vor. Das Menschenmeer teilte sich bereitwillig und ließ sie durch.

Er kam sich vor wie Moses, auch wenn ihm die Freiheit versagt blieb.

„Das weiß ich“, antwortete Maddy und verkniff sich ein breites Grinsen, welches aber problemlos ihre Augen erreichte, als sie ihren Besucher ansah. „Da bist du ja.“

So, wie sie es sagte, klang es, als hätte er es ihr versprochen. Wie kam sie auf diese Idee? „Ich wollte dir sagen, dass ich dein Fahrzeug abgeholt habe.“

Ein älterer Mann von knapp fünfundsechzig mit silbergrauen Fäden im schwarzen Haar stellte sich J.T. direkt in den Weg. „Sie haben ihr Auto beschlagnahmt?“ Es war eine äußerst barsche Herausforderung.

„Nur die Ruhe, Dad“, meldete sich eine Frau aus dem Menschenpulk mahnend zu Wort. „Lass den Mann ausreden.“

J.T. runzelte die Stirn und richtete seine Erklärung an Maddy statt an den Mann, der womöglich ihr Vater war oder auch nicht. „Nein, ich habe es auf deiner Zufahrt abgestellt.“

Eine ältere Frau musterte ihn ausgiebig und interessiert. Er hatte schon erlebt, dass potenzielle Sonntagsmahlzeiten in einer Suppenküche weniger eingehend in Augenschein genommen wurden. „Woher wissen Sie, wo sie wohnt?“

„Er ist Cop“, hörte er Maddys Mutter erklären. „Die wissen alles.“

Auch jetzt löste er den Blick nicht von Maddy. So war es einfacher für ihn. „Ich habe in deiner Handtasche nachgeschaut“, sagte er. Er hatte die Handtasche aus dem Auto geholt, bevor sie zum Krankenhaus fuhren. „Ich dachte, du würdest keinen großen Wert auf einen Strafzettel legen“, fügte er hinzu und warf sich im selben Moment vor, dass er anscheinend glaubte, eine Erklärung abgeben zu müssen.

Ihm wurde bewusst, dass Maddys Mutter immer noch seinen Arm umklammerte.

„Das war sehr aufmerksam von Ihnen“, sagte Lorraine und strahlte.

J.T. stellte voller Unbehagen fest, dass die Frau ihn anschaute wie das neueste Sportwagenmodell direkt vom Fließband, das sie kaufen wollte – als Geschenk.

Er befreite sich aus ihrem Griff und trat einen Schritt zurück.

„Tja, jetzt hab ich’s dir gesagt“, wandte er sich wieder an Maddy, „da geh ich wohl lieber.“ Mit einer weit ausholenden Handbewegung fügte er hinzu: „Anscheinend hast du ja mehr als genug Gesellschaft zu deiner Unterhaltung.“

Wie auf ein Stichwort wurde das Stimmengewirr plötzlich wieder lauter, als alle beteuerten, gar nicht bemerkt zu haben, wie spät es geworden war, und dass sie gehen müssten, zur Schule, in den Laden oder wohin auch immer. Sie mussten Gott weiß wo sein, nur nicht hier. Einer nach dem anderen defilierten sie an Maddys Bett vorbei, küssten sie auf die Wange und spazierten dann zur Tür hinaus – nicht ohne J.T. vorher noch einen letzten neugierigen Blick zuzuwerfen.

Und dann waren nur noch Maddys Eltern im Zimmer.

„Wir müssen auch gleich gehen, Schätzchen“, verkündete Maddys Mutter. „Hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, John Thomas.“ Sie blieb neben ihm stehen und legte ihre Hand leicht auf seine. „Gestern Abend habe ich für Sie gebetet.“

Er sah sie fassungslos an. „Warum?“

„Na ja, um mich dafür zu bedanken, dass Sie für Maddy da waren.“ Sie wandte sich wieder ihrer Tochter zu. „Sie geht immer viel zu hohe Risiken ein. Wir wollten sie nach der Party nach Hause bringen, aber sie hat darauf bestanden, allein zu fahren. Meinte, wir machen uns zu viele Sorgen, und außerdem wäre ihr Stichtag ja erst in anderthalb Wochen.“ Wieder sah sie ihre Tochter an. „Das Kind hatte anscheinend keinen Kalender zur Hand.“ Lorraine lächelte zu J.T. auf. „Ich bin froh, dass sie sich einen Schutzengel besorgt hat, der auf sie aufpasst.“

Ihr Mann brummte einen Abschiedsgruß, während er Lorraine zur Tür hinausdrängte. J.T. blieb zurück, sprachlos, verwirrt.

Als hinter seinem Rücken die Tür geschlossen wurde, wandte J.T. sich bedächtig Maddy zu.

Die grinste. „Sie haut einen um, nicht wahr?“

Er neigte den Kopf. „So könnte man sagen.“

„Sie meint es gut. Komm doch näher“, drängte Maddy. „Ich möchte dir jemanden vorstellen, nachdem er jetzt wirklich frisch und sauber ist.“

Erst jetzt bemerkte J.T. den verglasten Babywagen neben Maddys Bett.

5. KAPITEL

Gewöhnlich hatte J.T. sich fast immer im Griff, doch jetzt vergaß er sich ausnahmsweise einmal, als er das Baby betrachtete, dem er ans Licht der Welt geholfen hatte.

Maddy registrierte, wie er den Säugling ansah, als würde er gerade Zeuge eines unbeschreiblichen Wunders. Es spiegelte ihre eigenen Gefühle für ihren noch nicht einmal einen Tag alten Sohn wider. Sie lächelte unwillkürlich. Der Mann war nicht annähernd so hartgesotten, wie er die Welt glauben lassen wollte.

„Möchtest du ihn mal halten?“

Spontan trat J.T. einen Schritt vor, aber dann meldete sich sein Selbsterhaltungstrieb, und er blieb stehen. Es wäre entschieden besser für ihn, wenn er Abstand hielt. Er hatte ohnehin schon viel zu viele Gefühle für ein Kind entwickelt, das in seinem Leben keine Bedeutung haben sollte. Es war sinnlos, etwas fortzusetzen, was keine Zukunft hatte.

Er schob die Hände in die Hosentaschen, als fürchtete er, sich durch eine unbedachte Geste zu verraten. „Nein, schon gut. Ich wollte nur hereinschauen und dir sagen, dass ich dein Auto abgeholt habe.“

Sie hörte gar nicht auf das, was er sagte –, sie sah ihm in die Augen.

„Wirklich nicht? Er ist jetzt gar nicht mehr so glitschig wie beim ersten Mal, als du ihn gehalten hast.“ Die Schwestern hatten das Neugeborene gebadet und gepudert, bevor sie es ihr brachten. Mit etwas Glück war auch die Windel noch trocken. „Und er riecht auch besser.“

Trotz aller gegenteiligen Anstrengungen schweiften J.T.s Gedanken zurück zum Vorabend. Zu dem Gefühl, als er dieses ganz neue kleine Leben in den Händen gehalten hatte. Ohne es zu wollen, überwand er den Abstand und stand plötzlich neben dem Babywagen.

„Ach, ich weiß nicht. Ich finde, er hat geduftet wie ein Wunder“, sagte J.T. ganz weich und blickte auf das müde kleine Wesen in Weiß und Blau herab. Nur eine winzige geballte Faust lugte neben dem kleinen Köpfchen unter der Decke hervor.

Er konnte sich nicht erinnern, wie er hierher direkt neben den Babywagen gekommen war. Noch weniger konnte er sich erklären, warum er genau das tat, was er nicht hatte tun wollen.

Jedenfalls hob er das Baby hoch. Er schloss kurz die Augen, als er den winzigen, warmen Säugling an sich drückte. Die Körperwärme des Babys durchdrang sämtliche Schutzschichten, mit denen er sein Herz gepanzert hatte.

Er hatte mit Schmerz gerechnet. Stattdessen erfuhr er unglaubliche, verheerende Süße. Ganz behutsam strich er über das Köpfchen mit dem dichten schwarzen Flaum.

„Ich wüsste nicht, wann ich je ein Baby mit so viel Haar gesehen hätte“, bemerkte er und streifte Maddy mit einem Blick.

„Das ist ein Erbteil der Familie meines Vaters“, erklärte Maddy, die J.T. fasziniert beobachtete. Und versuchte, sich Johnny an seiner statt vorzustellen. „Hast du selbst auch Kinder?“

Die Frage traf ihn wie ein Dolchstoß. „Nein.“ Mit versteinerter Miene sah er Maddy an. „Nein, ich habe keine Kinder.“

In diesem Augenblick erkannte sie den Schmerz, obwohl er ihn sofort übertünchte. Sie machte sich Gedanken über ihn. „Aber du hast Kinder gewollt“, hakte sie nach. Er warf ihr einen abweisenden Blick zu, und sie ruderte zurück. Sie hatte eine Grenze überschritten. „Tut mir leid. Meine Mutter sagt auch immer, dass ich keine Ruhe geben kann. Aber du hast eben gerade so traurig ausgesehen“, versuchte sie, ihre Neugier zu überspielen. „Und wie du Johnny im Arm gehalten hast, wirkte so selbstverständlich.“

Er zog die Brauen zusammen und senkte den Blick auf den ruhig schlafenden Säugling. „Johnny?“

Maddy richtete sich in ihrem Bett leicht auf und zupfte die Decke ihres Sohns zurecht. Dabei streifte sie mit den Fingern J.T.s Unterarm und spürte, wie seine Muskeln sich unwillkürlich spannten.

„Ich habe ihn nach meinem Mann genannt …“ Sie blickte J.T. in die Augen. „Und nach dir. So kann er mit zwei Heldenfiguren aufwachsen.“

Was sollte er dazu sagen? Wie sollte er darauf reagieren? Erwartete sie, dass er weiterhin irgendeine Rolle in ihrem Leben spielte, weil das Schicksal ihn zur rechten Zeit an den richtigen Ort geschickt hatte, damit er ihrem Kind auf die Welt half? Er hatte nicht vor, sich in das Leben eines anderen Menschen zu verstricken. Schlimm genug, dass sein Partner und ein paar andere Kollegen auf dem Revier ihn unbedingt „eingemeinden“ wollten, ganz gleich, wie oft er sie abschmetterte. Er war ein Einzelgänger und ganz zufrieden mit dieser Rolle.

Außerdem gab er nichts auf leere Lobhudelei. „Was deinen verstorbenen Mann betrifft, kann ich nichts sagen, aber ich selbst habe nicht viel von einem Helden an mir. Dein Sohn sollte sich lieber jemand anderen suchen, den er bewundern kann.“

Maddy mochte Bescheidenheit und hielt sie für eine stark unterbewertete Eigenschaft.

„Du bist mir zur Hilfe gekommen, deshalb bist du in meinen Augen ein Held.“ Bevor er Einwände erheben konnte, redete sie hastig weiter. „Außerdem ist zwischen uns eine gewisse Verbundenheit entstanden, ob es dir passt oder nicht.“

Das Baby rührte sich in seinem Arm und strahlte eine Wärme aus, die er unmöglich ignorieren konnte. „Wieso denkst du, es würde mir nicht passen?“

Die Antwort war einfach. Allein schon wegen seiner Art war sie überzeugt davon, dass er Schwarz sagen würde, wenn ein anderer Weiß sagte, nur, um nicht mit dem Strom zu schwimmen.

„Ach, ich weiß nicht. Etwas in deinen Augen lässt mich erraten, was die Lehrer wahrscheinlich oft in deine Zeugnisse geschrieben haben: J.T. sondert sich gern ab.“

Diese Beurteilung hatte er tatsächlich öfter als einmal erhalten. Es lag nicht daran, dass er seinen Willen durchsetzen wollte, er legte bloß überhaupt keinen Wert darauf, sich einem Team anzuschließen, nur, um dabei zu sein. Er blieb gern für sich, was in seinen jungen Jahren nur wenige von seinen Lehrern verstanden hatten.

J.T. quittierte Maddys Erkenntnis mit einem Achselzucken. „Ich bin so was wie ein Einzelgänger, falls du das damit sagen wolltest.“

Sie registrierte, dass er das Baby nicht wieder ins Bettchen legte, und das fand sie gut. „Genau das wollte ich sagen. Ist dir schon aufgefallen, dass in dem Wort ‚Einzelgänger‘ der Hinweis auf ‚einzeln‘ steckt?“

Er hatte keine Lust, sich analysieren zu lassen, ganz gleich, wie gut sie es meinte. Oder wie hübsch sie anzusehen war. „Hab nie darüber nachgedacht.“

O doch, dachte Maddy. Er hatte sehr gründlich darüber nachgedacht und sich dafür entschieden. Und jetzt sitzt er in der Falle, überlegte sie, weil er es nicht anders kennt. „Für sich allein zu sein, ist nicht immer gut.“

„Für mich schon.“ Sein Tonfall bedeutete ihr, es sein zu lassen.

Statt es sein zu lassen, formierte sie sich neu und suchte eine andere Möglichkeit zur Erstürmung der Zitadelle. „Dann gibt es wohl keine Mrs. John Thomas?“

Sein Ton wurde schärfer. „Willst du meine Lebensgeschichte hören?“

J.T. erwartete, dass sie ihn in Ruhe ließ. Sein strenger Gesichtsausdruck hatte schon hartgesottenere Kandidaten als sie mundtot gemacht. Doch Madeline Rossini Reed belehrte ihn eines Besseren.

„Ja“, antwortete sie munter. „Wenn du sie mir erzählen magst.“

Er lachte kurz auf. Halb rechnete er damit, dass sie es als ihr Recht einfordern würde, nachdem sie etwas so Intimes wie die Geburt eines Kindes gemeinsam erlebt hatten. Da sie ihm jedoch einen Ausweg offenließ, griff er zu.

„Nein, ich mag nicht.“

Maddy neigte den Kopf zur Seite. Sie fragte sich, ob ihm bewusst war, dass er das Baby wiegte, das ein klein wenig zu quengeln begonnen hatte. Sie hätte wetten mögen, dass er trotz seines Gepolters einen prima Vater abgeben würde.

„Warum nicht?“

Die unbefangen ausgesprochene Frage überrumpelte ihn. „Ich dachte, du lässt mir die Wahl.“

Ein Lächeln spielte um ihren Mund. Ihn überkam das gleiche Gefühl wie kurz zuvor, als das Baby sich in seinem Arm bewegt hatte. Er wehrte sich dagegen.

„Ich wollte nur höflich sein.“

Immer noch den Säugling im Arm, ging er zum Fenster und blickte hinaus auf den Hafen mit den schaukelnden Booten. Fürs Segeln hatte er sich nie begeistern können, doch die unterschiedlichen Segelboote schaute er gern an. Sie hatten so etwas Friedliches an sich.

„Und jetzt bist du neugierig.“

Falls er sie in Verlegenheit bringen wollte, damit sie ihn in Ruhe ließ, hatte er Pech. „Auch das hat man mir schon vorgeworfen.“

Er blickte sie über die Schulter hinweg an. „Aber es hat dich nicht geheilt?“

„Nein.“

Die Frage war rein rhetorisch gewesen. J.T. wandte sich wieder dem Hafen zu. Wenn er sich konzentrierte, konnte er Maddys Spiegelbild in der Fensterscheibe vor seinen Augen erkennen. Er holte tief Luft.

„Meine Frau ist an einem Silvesterabend bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Wir wollten eine Familie gründen. Das war unser gemeinsamer Vorsatz zum neuen Jahr.“ Er drehte sich zu Maddy um. „Möchtest du sonst noch etwas wissen?“

Sein Schmerz drückte ihr das Herz ab. „Ja. Wie wirst du damit fertig?“

Er zuckte mit der Schulter. In erster Linie versuchte er, nicht daran zu denken. „Ich komme zurecht.“

Sie schätzte die Situation etwas anders ein. „Bist du sicher?“

Es reichte ihm. „Lady, sicher ist für mich nur, dass die Sonne aufgeht, jeden Tag, ob man nun eine Familie hat oder nicht, auch wenn man meint, sie dürfte es nicht.“ Er kam zurück an ihr Bett und legte ihr das Kind in die Arme. Was hatte er sich dabei gedacht, sie zu besuchen?

Unbeeindruckt von seiner verärgerten Miene nahm sie das Baby entgegen. „Ich habe das Gleiche empfunden, als Johnny ums Leben kam.“

„Und jetzt fühlst du es nicht mehr.“ Seine Stimme troff vor Sarkasmus und forderte sie heraus.

Etwas in ihr, das wusste sie, würde nie aufhören wehzutun, würde den Mann, der ein so wichtiger Bestandteil ihres Lebens gewesen war, immer vermissen. Den Mann, der mit ihr zusammen ein Kind gemacht und damit einen Teil von sich bei ihr zurückgelassen hatte.

„Nein“, erwiderte sie ruhig, und zum ersten Mal an diesem Tag war ihre Miene ernst. „Inzwischen weiß ich, er möchte, dass ich nach vorn schaue. Ich weiß, er hat mich zu sehr geliebt, um zu wollen, dass ich in Trauer erstarre und nicht fähig bin, mein Leben weiterzuführen. Das Gleiche hätte ich mir für ihn gewünscht – natürlich erst, nachdem er ein bisschen um mich geweint hätte“, setzte sie lächelnd hinzu.

Und dann verblasste der Schalk in ihren Augen ein wenig. „Aber ich hätte ihm gewünscht, dass er glücklich wäre.“

Lorna war genauso selbstlos gewesen. Aber ob Maddy es war oder nicht, und ganz gleich, was sie ihm wünschte, es war nicht wichtig. Er war, wie er war, empfand, was er nun mal empfand. Wie ein Mann, der Tag für Tag durch die Hölle geht, der auf der Stelle tritt.

„Tja, so funktioniert es aber nicht immer.“

Zu seiner Überraschung griff sie nach seiner Hand. „Kann es aber, wenn du es nur willst.“

„Vielleicht ist gerade das das Problem.“ Er entzog ihr seine Hand. „Vielleicht will ich es gar nicht.“

Wie zum Teufel waren sie auf dieses Thema gekommen? Sie war eine Fremde, eine Frau, der er in Ausübung seiner Dienstpflicht geholfen hatte, mehr nicht. Was sollte das, dass er ihr sein Herz ausschüttete, ihr sagte, was er fühlte? Ihr von Lorna und ihren gemeinsamen Plänen erzählte?

Ärgerlich über sich selbst wich er zurück in Richtung Tür. „Hör mal, ich sollte jetzt lieber gehen.“

Sie wollte nicht, dass er ging, nicht so, nicht, wenn er so offensichtlich traurig war, doch sie konnte nichts dagegen tun.

Maddy wies mit einer Kopfbewegung auf den Säugling in ihrem Arm. „Besuchst du uns noch einmal?“

Jetzt sah er einen Ausweg. „Wirst du nicht morgen entlassen?“ Soweit er sich erinnerte, schickten Krankenhäuser ihre Patienten doch gern nach zwei Tagen heim, besonders, wenn sich keine Komplikationen eingestellt hatten.

„Doch.“ Sie sah ihn selbstzufrieden an. „Du kannst uns nach Hause fahren.“

Wieder traf sie ihn völlig unvorbereitet. „Warum sollte ich?“

Keineswegs entmutigt antwortete sie: „Weil du Johnnys Held bist.“

Ihm riss der Geduldsfaden. Er wollte ihren Dank, ihre Glorifizierung nicht, wollte nichts dergleichen. „Er ist noch nicht mal einen Tag alt. Er hat keine Helden.“

„Damit kann man nicht früh genug anfangen“, konterte sie fröhlich, fest entschlossen, diesen Mann hinaus in die Sonne zu holen, „und dein Gesicht war das erste, was er gesehen hat.“

„Als ich hereinkam, waren hier mehr Menschen als auf dem Rummel. Warum bringt dich nicht einer von denen nach Hause?“

Sie hob das Kinn an und antwortete ruhig: „Weil ich dich darum bitte.“

Er schüttelte den Kopf und gab sich geschlagen. Ihm war alles recht, um diesem Ansturm von Worten ein Ende zu setzen. „Warst du schon immer so hartnäckig?“

Ein Siegerlächeln zauberte ein winziges Netz von Fältchen in ihre Augenwinkel. „Ja. Ich bin die Jüngste. Ohne meine Hartnäckigkeit hätten sie mich untergekriegt.“

Irgendetwas verriet ihm, dass Maddy sich nie unterkriegen ließ. Nie.

J.T. seufzte. Es schadete ja nicht. Er würde nur knapp zwanzig Minuten brauchen, um sie nach Hause zu bringen, und das war’s dann. „Ich habe dich hierher gefahren, dann kann ich dich wohl auch heimbringen.“

Komisch nur, dass er über seine Zwangslage nicht halb so verärgert war, wie er erwartet hatte.

6. KAPITEL

Als Lorraine Rossini es hörte, tauschte sie Blicke mit den zwei Söhnen, die sie ins Krankenzimmer ihrer einzigen Tochter begleitet hatten. Mit einem Seufzer stellte sie die Babyschale, die sie zur Vorbereitung des Heimtransports für ihren Enkel besorgt hatte, auf den hellblauen Polstersessel in der Ecke.

Als sie sprach, gab sie sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Mit jedem Wort wurde ihre Stimme ein bisschen lauter.

„Aber einer von uns könnte dich und das Kind nach Hause bringen, Maddy. Was ist in dich gefahren? Warum fragst du einen Wildfremden?“

Maddy hatte ihre Mutter am Abend zuvor anrufen wollen, um es ihr zu sagen, doch da war die Leitung belegt gewesen. Ihre Mutter musste die wenigen Verwandten informieren, die sich am Vortag nicht in Maddys Zimmer gequetscht hatten. Maddys Eltern gehörten zu den rar gewordenen Menschen auf der Erde, die nicht über ein Telefon mit Anklopffunktion verfügten. Die Nachricht, die Maddy auf dem Anrufbeantworter ihres Bruders Tony hinterlassen hatte, war offenbar nicht angekommen.

Mit der stummen Bitte an ihre Mutter, die Stimme zu senken, wies Maddy auf ihr schlafendes Baby. „Wildfremd ist er gar nicht mehr, Mom. Und ich habe meine Gründe, ihn zu fragen.“

Ihr ältester Bruder unterbrach seine Wanderung durchs Zimmer und sah sie an. „O Gott“, stöhnte Bill. „Das Helfersyndrom schlägt wieder zu.“

Im Gegensatz zu ihrer Kinderzeit, die geprägt war von Konkurrenzkampf, verletztem Stolz und aufgeschürften Knien, arbeiteten Maddy und ihre Brüder inzwischen recht harmonisch zusammen im Familienunternehmen, und das war ein Glück. Trotzdem wusste sie, dass ihre Brüder nach wie vor dazu neigten, auf sie als das Nesthäkchen herabzublicken, das als solches eben Schwächen hatte.

Mit finsterem Blick wollte Maddy reflexartig Einspruch gegen das vereinfachende Schubladendenken ihres Bruders erheben, aber dann ließ sie es sein. Vielleicht war es tatsächlich so einfach. Gewissermaßen. Auf jeden Fall waren solche Wortklaubereien Zeitverschwendung.

„John Thomas hat vor etwas mehr als zwei Jahren seine Frau verloren“, erklärte sie, woraufhin sofort Mitgefühl in den nussbraunen Augen ihrer Mutter aufleuchtete. „Und er hat so ziemlich das Gleiche durchgemacht wie ich, außer, dass er noch nicht wieder nach vorn schauen kann.“

Ihr jüngster Bruder, Joe, der sich über das Baby neigte, warf einen Blick in Maddys Richtung und sah sie bedeutungsvoll an. Er war nur dreizehn Monate älter als sie und wusste besser als jeder andere, wie sie tickte. „Und du hast vor, ihm beizubringen, wie man nach vorn schaut?“

Maddy schnaubte, hatte keine Lust, einen Vortrag über sich ergehen zu lassen. Ihre Familie war entschieden zu vorsichtig. Auch im Hinblick auf Innenausstattung gingen sie auf Nummer sicher. Sie war diejenige, die auf Ausgefallenes, auf leuchtende, fröhliche Farbgebung drängte.

„Nichts dagegen einzuwenden, wenn einer dem anderen hilft.“

Jetzt war es an Bill, den ewig pragmatischen, eine finstere Miene aufzusetzen. „Hauptsache, du fällst dabei nicht auf die Nase.“

Maddy wusste, dass sie alle es nur gut meinten und sich Sorgen um sie machten. Nach Johnnys Tod hatten sich alle um sie geschart und eine Art riesigen Schutzpanzer für sie gebildet. Ohne sie wäre sie verloren gewesen.

„Wie sollte ich wohl?“, fragte Maddy und blickte ihre Mutter vielsagend an. „Ihr seid alle nur einen Anruf weit entfernt.“

„Sogar noch näher, wenn du willst“, bemerkte Joe, der unübersehbar vernarrt in seinen neuen Neffen war. Joe war Junggeselle, hatte in der unmittelbaren Zukunft kein Verlangen nach Frau und Kindern, aber Maddys Kind verwöhnen zu können, das kam ihm gerade recht.

Sie waren wunderbar gewesen, neigten jedoch dazu, sie zu erdrücken, und Maddy brauchte ein wenig Freiraum. „Im Augenblick benötige ich kein Unterstützungssystem.“

Lorraine lachte wissend. „Sag das noch mal, wenn du um zwei Uhr morgens stillen musst.“

„Eher nicht“, bekannte Maddy. Ihre Mutter hatte angeboten, während der ersten zwei Wochen bei ihr zu bleiben. Maddy wollte allein zurechtkommen. Eine Kompromisslösung bestand darin, dass ihre Mutter nachts bei ihr sein würde. Dem musste Maddy entweder zustimmen, oder ihre Mutter würde vor Maddys Tür ihr Lager aufschlagen. „Und wie ich dich kenne, wirst du ja zur Stelle sein, um zu hören, wie ich es nicht sage.“

Ihre Mutter nickte. „Ja, du kennst mich.“ Sie wandte sich ihren Söhnen zu, die sie beide um einiges überragten. „Na gut, verschwinden wir, bevor dein Cop kommt und wir ihn wieder verscheuchen.“ Sie vertrieb Joe vom Babybett und dirigierte beide Männer in Richtung Tür. „Gestern hat er ausgesehen wie ein verschrecktes Kaninchen.“

„Würde es dir anders gehen, wenn du mit einer solchen Menschenmenge konfrontiert wärst? Außerdem wollte er nicht stören“, erklärte Maddy. Sie bemerkte Bills Mienenspiel. „Und die Brauen hochziehen kannst du gern ein andermal.“ Sie verabschiedete sich mit Wangenküsschen von ihren Brüdern und lächelte ihre Mutter an. „Wir sehen uns dann heute Abend.“

„Verlass dich drauf“, sagte Lorraine, bevor sie die Tür hinter sich schloss.

J.T. kam zehn Minuten später und betrat, nachdem er angeklopft hatte, mit skeptischem Gesichtsausdruck das Zimmer. Wie es aussah, war Maddy schon eine Weile startbereit. Der Koffer stand zu ihren Füßen, dass Kind schlummerte in einer blau-weißen Babyschale.

J.T. war hier, weil er zugesagt hatte, trotzdem zögerte er.

„Willst du wirklich nicht, dass einer von deinen Leuten dich nach Hause bringt?“

„Wirklich nicht“, erwiderte sie munter. Nachdem er nun da war, klingelte sie nach der Schwester, die versprochen hatte, mit dem obligatorischen Rollstuhl zu kommen. „Sie würden nur einen unerträglichen Wirbel um mich machen und mich behandeln wie eine Schwerkranke.“ Maddy sah ihn schelmisch an. „Und irgendwie weiß ich, dass du keinen großen Wirbel veranstaltest.“

„Ich sehe keine Veranlassung.“

J.T. schaute sich um. Bunte Blumensträuße zierten jede verfügbare freie Fläche im Zimmer. Ups, er hätte gestern vielleicht auch Blumen mitbringen müssen, doch in diesem Blütenmeer wären sie wahrscheinlich untergegangen. Außerdem war er ja nicht als Freund zu Besuch gekommen, sondern als Cop. Sie war schließlich nur jemand, dem er in Erfüllung seiner Pflicht beigestanden hatte, mehr nicht.

Aber jetzt … als was sollte er sie einordnen? Als Bekannte? Ihm gefiel der Beigeschmack dieses Begriffs nicht.

Statt sich den Kopf zu zerbrechen und in Richtungen zu denken, die auf gefährliches Terrain führten, beschloss J.T., das Thema fallen zu lassen und sich darauf zu konzentrieren, die Sache hinter sich zu bringen.

„Willst du welche mitnehmen?“ Er deutete auf die Blumen. Im selben Augenblick kam die Schwester mit dem Rollstuhl ins Zimmer.

Maddy lächelte sie zur Begrüßung an und ließ sich, Johnny im Arm, in den Rollstuhl sinken. Ihren Koffer zu tragen, blieb J.T. überlassen.

„Nein, ich habe die Schwestern schon gebeten, sie im Krankenhaus an Patienten zu verteilen, die keine Blumen bekommen. Blumen bringen Freude, oder was meinst du?“

Auf Lornas Grab blühten Blumen. Freude gab es dort nicht.

„Nein“, antwortete er barsch.

Der Ausdruck in seinen Augen warnte sie, das Thema weiterzuverfolgen.

„Vergiss die Babyschale nicht“, erinnerte sie ihn, als er der Schwester folgen wollte, die Maddy im Rollstuhl zur Tür hinausschob. Er machte kehrt und holte die Schale.

„Hatte dein Chef etwas dagegen?“, fragte Maddy draußen im Flur. Sie gingen zum Aufzug. Die Schwester hatte zum Glück beschlossen, den Mund zu halten, wie J.T. erleichtert bemerkte.

Er drückte die Abwärtstaste. „Wogegen?“

„Dass du dir freinehmen musstest, um mich nach Hause zu fahren.“

Die Lifttüren öffneten sich, und J.T. hielt die Hand in die Lichtschranke, damit die Schwester Maddy und das Baby ungehindert in die Kabine schieben konnte.

„Ich habe frei.“ J.T. stieg ebenfalls ein und betätigte die Taste zum Erdgeschoss. „Ich arbeite Nachtschicht, schon vergessen?“

„Dann warst du also im Dienst?“ Sie strahlte. „Da hab ich ja Glück gehabt.“ Sie drehte den Oberkörper und blickte zur Schwester hoch. „Er hat mein Baby auf die Welt geholt. Ich hatte schon Wehen, und mein Auto hatte eine Panne und stand mitten auf der Straße.“

Die Schwester sah J.T. mit aufrichtiger Anerkennung an. „Welch ein Glück, dass er vorbeigekommen ist“, bekräftigte sie.

Es war ihm seit jeher unangenehm, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, sei es im positiven oder im negativen Sinne. J.T. zuckte die Achseln. „Wenn ich nicht zufällig gekommen wäre, dann hätte der Polizist, der an meiner Stelle Streife fuhr, sie gefunden.“

Der Aufzug hielt im ersten Stock. Zwei Besucher stiegen ein und blieben links vom Rollstuhl stehen. Maddy hob den Blick zu J.T. „Für dich ist das Glas wohl immer halb leer, wie?“

Er fand, dass es sie nichts anging, und es passte ihm auch nicht sonderlich, dass sie ihm diese Frage vor Zuhörern stellte. Da er wusste, dass sie weiter nachhaken würde, wenn er nicht antwortete, bestätigte er ihre Einschätzung, denn sie hatte damit voll ins Schwarze getroffen.

„Halb leer, schmutzig und gesprungen.“

Statt etwas zu erwidern, nickte Maddy nur nachdenklich vor sich hin. Wie es aussah, stand ihr harte Arbeit bevor. Doch damit hatte sie ohnehin schon gerechnet, und sie fühlte sich diesen Anforderungen auf jeden Fall gewachsen.

Am Tag zuvor, als er ihren Wagen auf der Auffahrt geparkt hatte, hatte er das Haus gar nicht richtig wahrgenommen. Maddy wohnte in einem großen, zweistöckigen Gebäude von der Art, das sämtlichen Kindern einer großen Familie ein eigenes Zimmer bieten konnte. J.T. zog die Handbremse an und betrachtete das Haus, in dem Maddy seit über fünf Jahren lebte. Seit sie geheiratet hatte.

„Hier wohnst du?“

Sie fand die Frage merkwürdig, nachdem er am Vortag doch bereits ihr Auto hier abgestellt hatte. „Ja.“

Er sah sie an. „Allein?“

Ja, allein, dachte sie, bis jetzt. „Warum? Gefällt es dir nicht?“

Sie liebte das Haus, hatte jeden Winkel darin liebevoll eingerichtet. Jedes Zimmer barg besondere Erinnerungen. Da Johnnys Geschmack sich auf Kulinarisches beschränkt hatte, hatte er Maddy bei der Innenausstattung völlig freie Hand gelassen.

J.T. zuckte die Achseln. In solch einem Haus würde er sich verlaufen. Nach dem Verkauf des Hauses, das er und Lorna sich zusammen gekauft hatten, fristete er sein Dasein in einer kahlen Wohnung. Sie enthielt einen Kühlschrank, einen Tisch, ein Bett und einen Schreibtisch, mehr als genug für ihn.

„Das Haus kommt mir nur ziemlich groß vor für eine einzelne Person, sonst nichts.“

„Eineinhalb jetzt“, korrigierte sie ihn mit einem Blick auf den Rücksitz, wo ihr Sohn schlummerte.

Es war Zeit, ihn ins Haus zu bringen. Maddy konnte es nicht erwarten, ihn in dem mit Rüschen verzierten Babybettchen liegen zu sehen, das ihre Mutter ihr unbedingt hatte schenken wollen. Maddy wollte die Beifahrertür öffnen, doch J.T. legte die Hand auf ihre.

„Warte einen Moment“, verlangte er. Sie sah ihn fragend an. „Spring nicht einfach so mir nichts, dir nichts aus dem Wagen. Du bist noch geschwächt.“

Er kam ihr nicht vor wie der Typ, der den Kavalier spielte. „Du kennst mich nicht sonderlich gut, wie?“

Das Lächeln, das sie ihm schenkte, verriet, dass sie das zu ändern beabsichtigte.

Soll sie doch, dachte er, das ändert nichts. Sobald er sie ins Haus begleitet hatte, trug er keine Verantwortung mehr für sie, nicht mal im weitesten Sinn. Er würde seiner Wege gehen und sie ihrer. Basta.

„Nein, aber ich stehe nicht so auf Risiko. Bleib sitzen.“ Es war ein strenger Befehl, keine Bitte. Er stieg aus dem Fahrzeug und kam um den Kühler herum zur Beifahrerseite. „Okay, jetzt kannst du aussteigen.“

Ihr Grinsen wurde breiter. „Jawohl, Sir.“

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